Erstes Buch. Der Produktionsprozess des Kapitals.

Fünftes Kapitel. Weitere Untersuchungen über die Produktion des absoluten und relativen Mehrwerths.

19.315 Wörter · 75 Fußnoten · ≙ MEW 23, 5.–6. Abschnitt (Kap. 14–20)

Fünftes Kapitel. Weitere Untersuchungen über die Produktion des absoluten und relativen Mehrwerths.

1) Absoluter und relativer Mehrwerth.

Der Arbeitsprozess wurde (sieh drittes Kapitel) zunächst abstrakt betrachtet, unabhängig von seinen geschichtlichen Formen, als Prozess zwischen Mensch und Natur. Soweit der Prozess rein individuell, vereinigt derselbe Arbeiter alle Funktionen, die sich später trennen. In der individuellen Aneignung von Naturgegenständen zu seinen Lebenszwecken kontrolirt er sich selbst. Später wird er kontrolirt. Der einzelne Mensch kann nicht auf die Natur wirken ohne Bethätigung seiner eignen Muskeln unter Kontrole seines eignen Hirns. Wie im Natursystem Kopf und Hand zusammengehören, vereint der Arbeitsprozess Kopfarbeit und Handarbeit. Später scheiden sie sich, bis zum feindlichen Gegensatz. Das Produkt verwandelt sich überhaupt aus dem unmittelbaren Produkt des individuellen Producenten in das gemeinsame Produkt eines kombinirten Arbeitspersonals, dessen Glieder der Handhabung des Arbeitsgegenstandes näher oder ferner stehn. Mit dem cooperativen Charakter des 1 Arbeitsprozesses selbst erweitert sich daher nothwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers, des produktiven Arbeiters. Andrerseits verengt er sich. Die kapitalistische Produktion ist nicht nur Produktion von Waare, sie ist wesentlich Produktion von Mehrwerth. Der Arbeiter producirt nicht für sich, sondern für das Kapital. Es genügt daher nicht länger, dass er überhaupt producirt. Er muss Mehrwerth produciren. Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwerth für den Kapitalisten producirt oder zur Selbstverwerthung des Kapitals dient. Steht es frei ein Beispiel ausserhalb der Sphäre der materiellen Produktion zu wählen, so ist ein Schulmeister produktiver Arbeiter, wenn er nicht nur Kinderköpfe bearbeitet, sondern sich selbst abarbeitet zur Bereicherung des Unternehmers. Dass der sein Kapital in einer Lehrfabrik angelegt hat, statt in einer Wurstfabrik, ändert nichts an dem Verhältniss. Der Begriff des produktiven Arbeiters schliesst daher keineswegs bloss ein Verhältniss zwischen Thätigkeit und Nutzeffekt, zwischen Arbeiter und Arbeitsprodukt ein, sondern auch ein spezifisch gesellschaftliches Produktionsverhältniss, welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwerthungsmittel des Kapitals stempelt. Produktiver Arbeiter zu sein, ist daher kein Glück, sondern ein Pech. Im vierten Buch dieser Schrift, welches die Geschichte der Theorie behandelt, wird man näher sehn, dass die klassische politische Oekonomie von jeher die Produktion von Mehrwerth zum entscheidenden Charakter des produktiven Arbeiters machte. Mit ihrer Auffassung von der Natur des Mehrwerths wechselt daher ihre Definition des produktiven Arbeiters.

Zunächst erschienen uns die Produktion von absolutem Mehrwerth und die Produktion von relativem Mehrwerth als zwei verschiedne, verschiednen Entwicklungsepochen des Kapitals angehörige, Produktionsarten. Die Produktion des absoluten Mehrwerths bedingt, dass die sachlichen Arbeitsbedingungen in Kapital und die Arbeiter in Lohnarbeiter verwandelt sind, dass die Produkte als Waaren, d. h. für den Verkauf producirt werden, dass der Produktionsprozess zugleich Konsumtionsprozess der Arbeitskraft durch das Kapital und daher der direkten Kontrole des Kapitalisten unterworfen ist, endlich, dass der Arbeitsprozess, also der Arbeitstag, über den Punkt hinaus verlängert wird, wo der Arbeiter nur ein Aequivalent für den Werth seiner Arbeits kraft producirt hätte. Die allgemeinen Bedingungen aller Produktion von Waaren vorausgesetzt, besteht die Produktion des absoluten Mehrwerths einfach in der Verlängerung des Arbeitstags über die Grenze der zum Leben des Arbeiters selbst nothwendigen Arbeitszeit, und in der Aneignung der Mehrarbeit durch das Kapital. Dieser Prozess kann vorgehn und geht vor auf Grundlage von Betriebsweisen, die ohne Zuthun des Kapitals historisch überliefert sind. Es findet dann nur eine formelle Metamorphose statt, oder die kapitalistische Ausbeutungsweise unterscheidet sich von den früheren, wie Sklavensystem u. s. w., nur dadurch, dass die Mehrarbeit hier durch direkten Zwang abgerungen, dort durch „freiwilligen“ Verkauf der Arbeitskraft vermittelt wird. Die Produktion des absoluten Mehrwerths unterstellt also nur formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital.

Die Produktion des relativen Mehrwerths setzt die Produktion des absoluten Mehrwerths voraus, also auch die entsprechende allgemeine Form der kapitalistischen Produktion. Ihr Zweck ist Erhöhung des Mehrwerths durch Verkürzung der nothwendigen Arbeitszeit, unabhängig von den Grenzen des Arbeitstags. Das Ziel wird erreicht durch Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit. Diess bedingt jedoch eine Revolution des Arbeitsprozesses selbst. Es genügt nicht mehr ihn zu verlängern, er muss neu gestaltet werden. Die Produktion des relativen Mehrwerths unterstellt also eine specifisch kapitalistische Produktionsweise, die mit ihren Methoden, Mitteln und Bedingungen selbst erst auf Grundlage der formellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital naturwüchsig entsteht und ausgebildet wird. An die Stelle der formellen tritt die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital.

Es genügt blosser Hinweis auf Zwitterformen, worin die Mehrarbeit weder durch direkten Zwang dem Producenten ausgepumpt wird, noch auch dessen formelle Unterordnung unter das Kapital eingetreten ist. Das Kapital hat sich hier noch nicht unmittelbar des Arbeitsprozesses bemächtigt. Neben die selbstständigen Producenten, die in überlieferter, urväterlicher Betriebsweise handwerkern oder ackerbauen, tritt der Wucherer oder der Kaufmann, dasWucherkapital oder das Handelskapital, das sie parasitenmässig aussaugt. Vorherrschaft dieser Exploitationsform in einer Gesellschaft schliesst die kapitalistische Produktionsweise aus, zu der sie andrerseits, wie im späteren Mittelalter, den Uebergang bilden kann. Endlich, wie das Beispiel der modernen Hausarbeit gezeigt, werden gewisse Zwitterformen auf dem Hintergrund der grossen Industrie stellenweis reproducirt, wenn auch mit gänzlich veränderter Physiognomie.

Wenn zur Produktion des absoluten Mehrwerths die bloss formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital genügt, z. B. dass Handwerker, die früher für sich selbst oder auch als Gesellen eines Zunftmeisters arbeiteten, nun als Lohnarbeiter unter die direkte Kontrole des Kapitalisten treten, zeigte sich andrerseits, wie die Methoden zur Produktion des relativen Mehrwerths zugleich Methoden zur Produktion des absoluten Mehrwerths sind. Ja die masslose Verlängerung des Arbeitstags stellte sich als eigenstes Produkt der grossen Industrie dar. Ueberhaupt hört die spezifisch kapitalistische Produktionsweise auf blosses Mittel zur Produktion des relativen Mehrwerths zu sein, sobald sie sich eines ganzen Produktionszweigs und noch mehr, sobald sie sich aller entscheidenden Produktionszweige bemächtigt hat. Sie wird jetzt allgemeine, gesellschaftlich herrschende Form des Produktionsprozesses. Als besondre Methode zur Produktion des relativen Mehrwerths wirkt sie nur noch, erstens soweit sie dem Kapital bisher nur formell untergeordnete Industrieen ergreift, also in ihrer Propaganda. Zweitens, soweit in den ihr bereits anheimgefallenen Industrieen fortwährende Revolution in der Anwendung der Maschinerie, der Naturkräfte und der Produktionsmethode überhaupt stattfindet.

Von gewissem Gesichtspunkt scheint der Unterschied zwischen absolutem und relativem Mehrwerth überhaupt illusorisch. Der relative Mehrwerth ist absolut, denn er bedingt absolute Verlängerung des Arbeitstags über die zur Existenz des Arbeiters selbst nothwendige Arbeitszeit. Der absolute Mehrwerth ist relativ, denn er bedingt eine Entwicklung der Arbeitsproduktivität, welche erlaubt, die nothwendige Arbeitszeit auf einen Theil des Arbeitstags zu beschränken. Fasst man aber die Bewegung des Mehrwerths ins Auge, so verschwindet dieser Schein der Einerleiheit. Die Produktivkraft der Arbeit und ihren Normalgrad von Intensivität gegeben, ist die Rate des Mehrwerths nur erhöhbar durch absolute Verlängerung des Arbeitstags. Andrerseits ist die Rate des Mehrwerths nur erhöhbar, bei gegebner Grenze des Arbeitstags, durch relativen Grössenwechsel seiner Bestandtheile, der nothwendigen Arbeit und der Mehrarbeit, was seinerseits, soll der Lohn nicht unter den Werth der Arbeitskraft sinken, Wechsel in der Produktivität oder Intensivität der Arbeit voraussetzt.

Braucht der Arbeiter alle seine Zeit, um die zur Erhaltung seiner selbst und seiner Race nöthigen Lebensmittel zu produciren, so bleibt ihm keine Zeit, um unentgeldlich für dritte Personen zu arbeiten. Ohne einen gewissen Produktivitätsgrad der Arbeit keine solche disponible Zeit des Arbeiters, ohne solche überschüssige Zeit keine Mehrarbeit und daher keine Kapitalistenklasse. Ein gewisser Höhepunkt der Arbeitsproduktivität ist also überhaupt Existenzbedingung der kapitalistischen Produktion, wie aller früheren Produktionsweisen, worin ein Theil der Gesellschaft nicht nur für sich selbst, sondern auch für den andern arbeitet2.

So kann von einer Naturbasis des Mehrwerths gesprochen werden, aber nur in dem ganz allgemeinen Sinn, dass kein absolutes Naturhinderniss den einen abhält die zu seiner eignen Existenz nöthige Arbeit von sich selbst ab- und einem andern aufzuwälzen. Es sind durchaus nicht, wie es hier und da geschehn, mystische Vorstellungen mit dieser naturwüchsigen Produktivität der Arbeit zu verbinden. Nur sobald die Menschen sich aus ihren ersten Thierzuständen herausgearbeitet, ihre Arbeit selbst also schon in gewissem Grad vergesellschaftet ist, treten Verhältnisse ein, worin die Mehrarbeit des einen zur Existenzbedingung des andern wird. In den Kulturanfängen sind die erworbnen Produktivkräfte der Arbeit gering, aber so sind die Bedürfnisse, die sich mit und an den Mitteln ihrer Befriedigung entwickeln. Ferner ist in jenen Anfängen die Proportion der Gesellschaftstheile, die von fremder Arbeit leben, verschwindend klein gegen die Masse der unmittelbaren Producenten. Mit dem Fortschritt der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit wächst diese Proportion absolut und relativ3. Das Kapitalverhältniss entspringt übrigens auf einem ökonomischen Boden, der das Produkt einer langen Reihe früherer Entwicklungsphasen ist. Die vorhandne Produktivität der Arbeit, wovon es als Grundlage ausgeht, ist nicht Gabe der Natur, sondern der Geschichte.

Von der mehr oder minder entwickelten Gestalt des gesellschaftlichen Produktionsprozesses abgesehn, bleibt die Produktivität der Arbeit an Naturbedingungen gebunden, und wechselt der Grad ihrer Produktivität mit dem Reichthum dieser Naturbedingungen. Sie sind alle rückführbar auf die Natur des Menschen selbst und die ihn umgebende Natur. Der grössere oder geringere Reichthum der menschlichen Natur hängt ab von Race, Boden und Klima. Die äussern Naturbedingungen zerfallen ökonomisch in zwei grosse Klassen, natürlicher Reichthum an Lebensmitteln, also Bodenfruchtbarkeit, fischreiche Gewässer u. s. w., und natürlicher Reichthum an Arbeitsmitteln, wie lebendige Wassergefälle, schiffbare Flüsse, Holz, Metalle, Kohle u. s. w. In den Kulturanfängen giebt die erstere, auf höherer Entwicklungsstufe die zweite Art des natürlichen Reichthums den Ausschlag. Man vergleiche z. B. England mit Indien oder, in der antiken Welt, Athen und Korinth mit den Uferländern des schwarzen Meeres.

Je geringer die Zahl der absolut zu befriedigenden Naturbedürfnisse, und je grösser die natürliche Bodenfruchtbarkeit und Gunst des Klimas, desto geringer die zur Erhaltung und Reproduktion des Producenten nothwendige Arbeitszeit. Desto grösser kann also der Ueberschuss seiner Arbeit für Andere über seine Arbeit für sich selbst sein. So bemerkt schon Diodor über die alten Aegypter: „Es ist ganz unglaublich, wie wenig Mühe und Kosten die Erziehung ihrer Kinder ihnen verursacht. Sie kochen ihnen die nächste beste einfache Speise; auch geben sie ihnen von der Papierstaude den unteren Theil zu essen, soweit man ihn im Feuer rösten kann, und die Wurzel und Stengel der Sumpfgewächse, theils roh, theils gesotten und gebraten. Die meisten Kinder gehn ohne Schuhe und unbekleidet, da die Luft so mild ist. Daher kostet ein Kind seinen Aeltern, bis es erwachsen ist, im Ganzen nicht über zwanzig Drachmen. Hieraus ist es hauptsächlich zu erklären, dass in Aegypten die Bevölkerung so zahlreich ist und 4 darum so viel grosse Werke angelegt werden konnten5. Indess sind die grossen Bauwerke des alten Aegyptens dem Umfang seiner Bevölkerung weniger geschuldet als der grossen Proportion, worin sie disponibel war. Wie der individuelle Arbeiter um so mehr Mehrarbeit liefern kann, je geringer seine nothwendige Arbeitszeit, so, je geringer der zur Produktion der nothwendigen Lebensmittel erheischte Theil der Arbeiterbevölkerung, desto grösser der für andres Werk disponible Theil.

Die kapitalistische Produktion einmal vorausgesetzt, wird, unter sonst gleichbleibenden Umständen und bei gegebner Länge des Arbeitstags, die Grösse der Mehrarbeit mit den Naturbedingungen der Arbeit, namentlich auch der Bodenfruchtbarkeit, variiren. Es folgt aber keineswegs umgekehrt, dass der fruchtbarste Boden der geeignetste zum Wachsthum der kapitalistischen Produktionsweise. Sie unterstellt Herrschaft des Menschen über die Natur. Eine zu verschwenderische Natur „hält ihn an ihrer Hand wie ein Kind am Gängelband“. Sie macht seine eigne Entwicklung nicht zu einer Naturnothwendigkeit6. Nicht das tropische Klima mit seiner überwuchernden Vegetation, sondern die gemässigte Zone ist das Mutterland des Kapitals. Es ist nicht die absolute Fruchtbarkeit des Bodens, sondern seine Differenzirung, die Mannigfaltigkeit seiner natürlichen Produkte, welche die Naturgrundlage der gesellschaftlichen Theilung der Arbeit bildet, und den Menschen durch den Wechsel der Naturumstände, innerhalb deren er haust, zur Vermannigfachung seiner eignen Be dürfnisse, Fähigkeiten, Arbeitsmittel und Arbeitsweisen spornt. Die Nothwendigkeit eine Naturkraft gesellschaftlich zu kontroliren, damit Haus zu halten, sie durch Werke von Menschenhand auf grossem Massstab erst anzueignen oder zu zähmen, spielt die entscheidendste Rolle in der Geschichte der Industrie. So z. B. die Wasserreglung in Aegypten7, Lombardei, Holland u. s. w. Oder in Indien, Persien u. s. w., wo die Ueberrieselung durch künstliche Kanäle dem Boden nicht nur das unentbehrliche Wasser, sondern mit dessen Geschlämme zugleich den Mineraldünger von den Bergen zuführt. Das Geheimniss der Industrieblüthe von Spanien und Sicilien unter arabischer Herrschaft war die Kanalisation8.

Die Gunst der Naturbedingungen liefert immer nur die Möglichkeit, niemals die Wirklichkeit der Mehrarbeit, also des Mehrwerths oder des Surplusprodukts. Die verschiednen Naturbedingungen der Arbeit bewirken, dass dieselbe Quantität Arbeit in verschiednen Ländern verschiedne Bedürfnissmassen befriedigt9, dass also, unter sonst analogen Umständen, die nothwendige Arbeitszeit verschieden ist. Auf die Mehrarbeit wirken sie nur als Naturschranke, d. h. durch die Bestimmung des Punkts, wo die Arbeit für Andre beginnen kann. In demselben Mass, worin die Industrie vortritt, weicht diese Naturschranke zurück. Mitten in der westeuropäischen Gesellschaft, wo der Arbeiter die Erlaubniss für seine eigne Existenz zu arbeiten nur durch Mehrarbeit erkauft, wird sich leicht eingebildet, es sei eine der menschlichen Arbeit eingeborne Qualität, ein Surplusprodukt zu liefern10. Man nehme aber z. B. den Einwohner der östlichen Inseln des asiatischen Archipelagus, wo der Sago wild im Walde wächst. „Wenn die Bewohner, indem sie ein Loch in den Baum bohren, sich davon überzeugt haben, dass das Mark reif ist, so wird der Stamm umgeschlagen und in mehrere Stücke getheilt, das Mark wird herausgekratzt, mit Wasser gemischt und geseiht, es ist dann vollkommen brauchbares Sagomehl. Ein Baum giebt gemeiniglich 300 Pfund und kann 5 bis 600 Pfund geben. Man geht dort also in den Wald und schneidet sich sein Brod, wie man bei uns sein Brennholz schlägt“11. Gesetzt ein solcher ostasiatischer Brodschneider brauche 12 Arbeitsstunden in der Woche zur Befriedigung aller seiner Bedürfnisse. Was ihm die Gunst der Natur unmittelbar giebt, ist viel Mussezeit. Damit er diese produktiv für sich selbst verwende, ist eine ganze Reihe geschichtlicher Umstände, damit er sie in Mehrarbeit für fremde Personen verausgabe, ist äusserer Zwang erheischt. Würde kapitalistische Produktion eingeführt, so müsste der Brave vielleicht 6 Tage in der Woche arbeiten, um sich selbst das Produkt eines Arbeitstags anzueignen. Die Gunst der Natur erklärt nicht, warum er jetzt 6 Tage in der Woche arbeitet oder warum er 5 Tage Mehrarbeit liefert. Sie erklärt nur, warum seine nothwendige Arbeitszeit auf einen Tag in der Woche beschränkt ist. In keinem Fall 12 aber entspränge sein Mehrprodukt aus einer der menschlichen Arbeit eingebornen, occulten Qualität.

Wie die geschichtlich entwickelten, gesellschaftlichen, so erscheinen die naturbedingten Produktivkräfte der Arbeit als Produktivkräfte des Kapitals, dem sie einverleibt wird.

2) Grössenwechsel von Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth.

In Kapitel III, 3. Abschnitt, analysirten wir die Rate des Mehrwerths, aber nur vom Standpunkt der Produktion des absoluten Mehrwerths. In Kapitel IV fanden wir zusätzliche Bestimmungen. Das Wesentliche ist hier zu späterem Gebrauch kurz zusammenzufassen.

Der Werth der Arbeitskraft ist bestimmt durch den Werth der gewohnheitsmässig nothwendigen Lebensmittel des Durchschnittsarbeiters. Die Masse dieser Lebensmittel, obgleich ihre Form wechseln mag, ist in einer bestimmten Epoche einer bestimmten Gesellschaft gegeben, und daher als constante Grösse zu behandeln. Was wechselt, ist der Werth dieser Masse. Zwei andre Faktoren gehn in die Werthbestimmung der Arbeitskraft ein. Einerseits ihre Entwicklungskosten, die sich mit der Produktionsweise ändern, andrerseits ihre Naturdifferenz, ob sie männlich oder weiblich, reif oder unreif. Der Verbrauch dieser differenten Arbeitskräfte, wieder bedingt durch die Produktionsweise, macht grossen Unterschied in den Reproduktionskosten der Arbeiterfamilie und dem Werth des erwachsnen männlichen Arbeiters. Beide Faktoren bleiben jedoch bei der folgenden Untersuchung ausgeschlossen.

Wir unterstellen, 1) dass die Waaren zu ihrem Werth verkauft werden, 2) dass der Preis der Arbeitskraft wohl gelegentlich über ihren Werth steigt, aber nie unter ihn sinkt.

Diess einmal unterstellt, fand sich, dass die relativen Grössen von Preis der Arbeitskraft und von Mehrwerth durch drei Umstände bedingt sind, die Länge des Arbeitstags oder die extensive Grösse der Arbeit, die normale Intensivität der Arbeit, oder ihre intensive Grösse, so dass bestimmtes Arbeitsquantum in bestimmter Zeit verausgabt wird, endlich die Produktivkraft der Arbeit, so dass je nach dem Entwicklungsgrad der Produktionsbedingungen dasselbe Quantum Arbeit in derselben Zeit ein grösseres oder kleineres Quantum Produkt liefert. Sehr verschiedne Kombinationen sind offenbar möglich, je nachdem einer der drei Faktoren constant und zwei variabel, oder zwei Faktoren constant und einer variabel, oder endlich alle drei gleichzeitig variabel sind. Diese Kombinationen werden noch dadurch vermannigfacht, dass bei gleichzeitiger Variation verschiedner Faktoren die Grösse und Richtung der Variation verschieden sein können. Im Folgenden sind nur die Hauptkombinationen dargestellt.

A) Grösse des Arbeitstags und Intensivität der Arbeit constant (gegeben), Produktivkraft der Arbeit variabel.

Unter dieser Voraussetzung sind Werth der Arbeitskraft und Mehrwerth durch drei Gesetze bestimmt:

Erstens: Der Arbeitstag von gegebner Grösse stellt sich stets in demselben Werthprodukt dar, wie auch die Produktivität der Arbeit, mit ihr die Produktenmasse und daher der Preis der einzelnen Waare wechsle.

Das Werthprodukt eines zwölfstündigen Arbeitstags ist 6 sh. z. B., obgleich die Masse des producirten Gebrauchswerths mit der Produktivkraft der Arbeit wechselt, der Werth von 6 sh. sich also über mehr oder weniger Waaren vertheilt.

Zweitens: Werth der Arbeitskraft und Mehrwerth wechseln in umgekehrter Richtung zu einander und zum Wechsel in der Produktivkraft der Arbeit.

Das Werthprodukt des zwölfstündigen Arbeitstags ist eine constante Grösse, z. B. 6 sh. Diese constante Grösse ist gleich der Summe des Mehrwerths plus dem Werth der Arbeitskraft, den der Arbeiter durch ein Aequivalent ersetzt. Es ist selbstverständlich, dass von zwei Theilen einer constanten Grösse keiner zunehmen kann, ohne dass der andre abnimmt und keiner abnehmen, ohne dass der andre zunimmt. Der Werth der Arbeitskraft kann nicht von 3 sh. auf 4 steigen, ohne dass der Mehrwerth von 3 sh. auf 2 fällt und der Mehrwerth kann nicht von 3 auf 4 sh. steigen, ohne dass der Werth der Arbeitskraft von 3 sh. auf 2 fällt. Unter diesen Umständen also ist kein Wechsel in der absoluten Grösse, sei es des Werths der Arbeitskraft, sei es des Mehrwerths, möglich ohne einen Wechsel ihrer relativen oder verhältnissmässigen Grössen. Es ist unmöglich, dass sie gleichzeitig fallen oder steigen.

Der Werth der Arbeitskraft kann ferner nicht fallen, also der Mehrwerth nicht steigen, ohne dass die Produktivkraft der Arbeit steigt, z. B. im obigen Fall kann der Werth der Arbeitskraft nicht von 3 auf 2 sh. sinken, ohne dass erhöhte Produktivkraft der Arbeit erlaubt in 4 Stunden dieselbe Masse Lebensmittel zu produciren, die vorher 6 Stunden zu ihrer Produktion erheischten. Umgekehrt kann der Werth der Arbeitskraft nicht von 3 auf 4 sh. steigen, ohne dass die Produktivkraft der Arbeit fällt, also 8 Stunden zur Produktion derselben Masse von Lebensmitteln erheischt sind, wozu früher 6 Stunden genügten. Dieselbe Richtung im Wechsel der Produktivkraft der Arbeit, ihre Zunahme oder Abnahme, wirkt in entgegengesetzter Richtung auf den gleichzeitigen Grössenwechsel von Werth der Arbeitskraft und Mehrwerth.

Bei Formulirung dieses Gesetzes übersah Ricardo einen Umstand: Obgleich der Wechsel in der Grösse des Mehrwerths oder der Mehrarbeit einen umgekehrten Wechsel in der Grösse des Werths der Arbeitskraft oder der nothwendigen Arbeit bedingt, folgt keineswegs, dass sie in demselben Verhältniss wechseln. Sie nehmen zu oder ab um dieselbe Grösse. Das Verhältniss aber, worin jeder Theil des Werthprodukts oder des Arbeitstags zu- oder abnimmt, hängt von der ursprünglichen Theilung ab, die vor dem Wechsel in der Produktivkraft der Arbeit stattfand. War der Weith der Arbeitskraft z. B. 4 sh. oder die nothwendige Arbeitszeit gleich 8 Stunden, also der Mehrwerth 2 sh. oder die Mehrarbeit gleich 4 Stunden, und fällt, in Folge erhöhter Produktivkraft der Arbeit, der Werth der Arbeitskraft auf 3 sh. oder die nothwendige Arbeit auf 6 Stunden, so steigt der Mehrwerth auf 3 sh. oder die Mehrarbeit auf 6 Stunden. Es ist dieselbe Grösse von zwei Stunden oder 1 sh., die dort zugefügt, hier weggenommen wird. Aber das Verhältniss des Grössenwechsels ist auf beiden Seiten verschieden. Während der Werth der Arbeitskraft von 4 sh. auf 3, also um ¼ oder 25 % sinkt, steigt der Mehrwerth von 2 sh. auf 3, also um ½ oder 50 %. Es folgt daher, dass die proportionelle Zu- oder Abnahme des Mehrwerths, in Folge eines gegebnen Wechsels in der Produktivkraft der Arbeit, um so grösser, je kleiner, und um so kleiner, je grösser ursprünglich der Theil des Arbeitstags war, der sich in Mehrwerth darstellt.

Drittens: Zu- oder Abnahme des Mehrwerths ist stets Folge und nie Grund der entsprechenden Ab- oder Zunahme des Werths der Arbeitskraft13.

Da der Arbeitstag von constanter Grösse ist, sich in einer constanten Werthgrösse darstellt, jedem Grössenwechsel des Mehrwerths ein umgekehrter Grössenwechsel im Werth der Arbeitskraft entspricht und der Werth der Arbeitskraft nur wechseln kann mit einem Wechsel in der Produktivkraft der Arbeit, folgt unter diesen Bedingungen offenbar, dass jeder Grössenwechsel des Mehrwerths aus einem Grössenwechsel im Werth der Arbeitskraft entspringt. Wenn man daher gesehn, dass kein absoluter Grössenwechsel im Werth der Arbeitskraft und des Mehrwerths möglich ist ohne einen Wechsel ihrer relativen Grössen, so folgt jetzt, dass kein Wechsel ihrer relativen Werthgrössen möglich ist ohne einen Wechsel der absoluten Werthgrösse der Arbeitskraft.

Ricardo hat die eben aufgestellten drei Gesetze zuerst streng formulirt. Die Mängel seiner Darstellung sind, 1) dass er die besondern Bedingungen, innerhalb deren jene Gesetze gelten, als sich von selbst verstehende allgemeine und ausschliessliche Bedingungen der kapitalistischen Produktion voraussetzt; 2), und diess verfälscht seine Analyse in viel höherem Grad, dass er überhaupt den Mehrwerth nicht rein darstellt, d. h. nicht unabhängig von seinen besondern Formen, wie Profit, Grundrente u. s. w. Er wirft daher die Gesetze über die Rate des Mehrwerths unmittelbar zusammen mit den Gesetzen der Profitrate. Ich werde später, im 3. Buch dieser Schrift beweisen, dass dieselbe Rate des Mehrwerths sich in den verschiedensten Profitraten und verschiedne Raten des Mehrwerths, unter bestimmten Umständen, sich in derselben Profitrate ausdrücken können.

Nach dem dritten Gesetz unterstellt der Grössenwechsel des Mehrwerths eine durch Wechsel in der Produktivkraft der Arbeit verursachte Werthbewegung der Arbeitskraft. Die Grenze jenes Wechsels ist durch die neue Werthgrenze der Arbeitskraft gegeben. Es können aber, auch wenn die Umstände dem Gesetz zu wirken erlauben, Zwischenbewegungen stattfinden. Fällt z. B. in Folge erhöhter Produktivkraft der Arbeit der Werth der Arbeitskraft von 4 sh. auf 3, oder die nothwendige Arbeitszeit von 8 Stunden auf 6, so könnte der Preis der Arbeitskraft nur auf 3 sh. 8 d., 3 sh. 6 d., 3 sh. 2 d. u. s. w. fallen, der Mehrwerth daher nur auf 3 sh. 4 d., 3 sh. 6 d., 3 sh. 10 d. u. s. w. steigen. Der Grad des Falls, dessen Minimalgrenze 3 sh., hängt von dem relativen Gewicht ab, das der Druck des Kapitals von der einen Seite, der Widerstand der Arbeiter von der andern Seite in die Wagschale wirft.

Der Werth der Arbeitskraft ist bestimmt durch den Werth eines bestimmten Quantums von Lebensmitteln. Was mit der Produktivkraft der Arbeit wechselt, ist der Werth dieser Lebensmittel, nicht ihre Masse. Die Masse selbst kann, bei steigender Produktivkraft der Arbeit, für Arbeiter und Kapitalist gleichzeitig und in demselben Verhältniss wachsen, ohne irgend einen Grössenwechsel zwischen Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth. Ist z. B. der ursprüngliche Werth der Arbeitskraft gleich 3 sh. und beträgt die nothwendige Arbeitszeit 6 Stunden, ist der Mehrwerth ebenfalls gleich 3 sh. oder beträgt die Mehrarbeit auch 6 Stunden, so würde eine Verdopplung in der Produktivkraft der Arbeit, bei gleichbleibender Theilung des Arbeitstags, Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth unverändert lassen. Nur stellte sich jeder derselben in doppelt so vielen, aber verhältnissmässig verwohlfeilerten Gebrauchswerthen dar. Obgleich der Preis der Arbeitskraft unverändert, wäre er über ihren Werth gestiegen. Fiele der Preis der Arbeitskraft, aber nicht zur Minimalgrenze ihres neuen Werths von 1½ sh., sondern nur auf 2 sh. 10 d., 2 sh. 6 d. u. s. w., so repräsentirte dieser fallende Preis immer noch eine wachsende Masse von Lebensmitteln. Der Preis der Arbeitskraft könnte so bei steigender Produktivkraft der Arbeit beständig fallen mit gleichzeitigem, fortwährendem Wachsthum der Lebensmittelmasse des Arbeiters. Relativ aber, d. h. verglichen mit dem Mehrwerth, sänke der Werth der Arbeitskraft beständig, und erweiterte sich also die Kluft zwischen den Lebenslagen von Arbeiter und Kapitalist14.

B) Constanter Arbeitstag, constante Produktivkraft der Arbeit, Intensivität der Arbeit variabel.

Wachsende Intensivität der Arbeit unterstellt vermehrte Ausgabe von Arbeit in demselben Zeitraum. Der intensivere Arbeitstag verkörpert sich daher in mehr Produkten als der minder intensive von gleicher Stundenzahl. Mit erhöhter Produktivkraft liefert zwar auch derselbe Arbeitstag mehr Produkte. Aber im letztern Fall sinkt der Werth des einzelnen Produkts, weil es weniger Arbeit als vorher kostet, im erstern Fall bleibt er unverändert, weil das Produkt nach wie vor gleich viel Arbeit kostet. Die Zahl der Produkte steigt hier ohne Fall ihres Preises. Mit ihrer Anzahl wächst ihre Preissumme, während dort dieselbe Werthsumme sich nur in vergrösserter Produktenmasse darstellt. Bei gleichbleibender Stundenzahl verkörpert sich also der intensivere Arbeitstag in höherem Werthprodukt, also, bei gleichbleibendem Werth des Geldes, in mehr Geld. Sein Werthprodukt variirt mit den Abweichungen seiner Intensivität von dem gesellschaftlichen Normalgrad. Derselbe Arbeitstag stellt sich also nicht wie vorher in einem constanten, sondern in einem variablen Werthprodukt dar, der intensivere, zwölfstündige Arbeitstag z. B. in 7 sh., 8 sh u. s. w. statt in 6 sh. wie der zwölfstündige Arbeitstag von gewöhnlicher Intensivität. Es ist klar: Variirt das Werthprodukt des Arbeitstags, etwa von 6 auf 8 sh., so können beide Theile dieses Werthprodukts, Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth, gleichzeitig wachsen, sei es in gleichem oder ungleichem Grad. Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth können beide zur selben Zeit von 3 sh. auf 4 wachsen, wenn das Werthprodukt von 6 auf 8 sh. steigt. Preis- erhöhung der Arbeitskraft schliesst hier nicht nothwendig Steigerung ihres Preises über ihren Werth ein. Sie kann umgekehrt von einem Fall ihres Werths begleitet scin. Diess findet stets statt, wenn die Preiser höhung der Arbeitskraft ihren beschleunigten Versch’eiss nicht kompensirt.

Man weiss, dass mit vorübergehenden, im vorigen Kapitel erklärten Ausnahmen, veränderte Produktivität der Arbeit nur dann einen Grössenwechsel im Werth der Arbeitskraft und daher in der Grösse des Mehrwerths bewirkt, wenn die Produkte der betroffenen Industriezweige in den gewohnheitsmässigen Konsum des Arbeiters eingehen. Diese Schranke fällt hier fort. Ob die Grösse der Arbeit extensiv oder intensiv wechsle, ihrem Grössenwechsel entspricht ein Wechsel in der Grösse ihres Werthprodukts, unabhängig von der Natur des Artikels, worin sich dieser Werth darstellt.

Steigerte sich die Intensivität der Arbeit in allen Industriezweigen, so würde der neue höhere Intensivitätsgrad nun seinerseits zum gewöhnlichen gesellschaftlichen Normalgrad der Arbeit und hörte damit auf als extensive Grösse zu zählen. Indess blieben selbst dann die durchschnittlichen Intensivitätsgrade der Arbeit bei verschiednen Nationen verschieden und modificirten daher die Anwendung des Werthgesetzes auf unterschiedne Nationalarbeitstage. Der intensivere Arbeitstag der einen Nation stellt sich in höherem Geldausdruck dar als der minder intensive der andern15.

C) Produktivkraft und Intensivität der Arbeit constant, Arbeitstag variabel.

Der Arbeitstag kann nach zwei Richtungen variiren. Er kann verkürzt oder verlängert werden.

Verkürzung des Arbeitstags unter den gegebnen Bedingungen, d. h. gleichbleibender Produktivkraft und Intensivität der Arbeit, lässt den Werth der Arbeitskraft und daher die nothwendige Arbeitszeit unverändert. Sie verkürzt die Mehrarbeit und den Mehrwerth. Mit der absoluten Grösse des letztern fällt auch seine relative Grösse, d. h. seine Grösse im Verhältniss zur gleichbleibenden Werthgrösse der Arbeits kraft. Nur durch Herabdrückung ihres Preises unter ihren Werth könnte der Kapitalist sich schadlos halten.

Alle hergebrachten Redensarten wider die Verkürzung des Arbeitstags unterstellen, dass das Phänomen sich unter den hier vorausgesetzten Umständen ereignet, während in der Wirklichkeit umgekehrt Wechsel in der Produktivität und Intensivität der Arbeit entweder der Verkürzung des Arbeitstags vorhergehn oder ihr unmittelbar nachfolgen16.

Verlängerung des Arbeitstags. Die nothwendige Arbeitszeit sei gleich 6 Stunden oder der Werth der Arbeitskraft gleich 3 sh., ebenso Mehrarbeit gleich 6 Stunden und Mehrwerth gleich 3 sh. Der Gesammtarbeitstag beträgt dann 12 Stunden und stellt sich in einem Werthprodukt von 6 sh. dar. Wird der Arbeitstag um 2 Stunden verlängert und bleibt der Preis der Arbeitskraft unverändert, so wächst mit der absoluten die relative Grösse des Mehrwerths. Obgleich die Werthgrösse der Arbeitskraft absolut unverändert bleibt, fällt sie relativ. Unter den Bedingungen von A) konnte die relative Werthgrösse der Arbeitskraft nicht wechseln ohne einen Wechsel ihrer absoluten Grösse. Hier, im Gegentheil, ist der relative Grössenwechsel im Werth der Arbeitskraft das Resultat eines absoluten Grössenwechsels des Mehrwerths.

Da das Werthprodukt, worin sich der Arbeitstag darstellt, mit seiner eignen Verlängerung wächst, können Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth gleichzeitig wachsen, sei es um gleiches oder ungleiches Increment. Diess gleichzeitige Wachsthum ist also in zwei Fällen möglich, bei absoluter Verlängerung des Arbeitstags, und bei wachsender Intensivität der Arbeit ohne solche Verlängerung.

Mit verlängertem Arbeitstag kann der Preis der Arbeitskraft unter ihren Werth fallen, obgleich er nominell unverändert bleibt oder selbst steigt. Der Tageswerth der Arbeitskraft ist nämlich, wie man sich erinnern wird, geschätzt auf ihre normale Durchschnittsdauer oder die normale Lebensperiode des Arbeiters, und auf entsprechenden, normalen, der Menschennatur angemessenen Umsatz von Lebenssubstanz in Bewe gung17. Bis zu einem gewissen Punkt kann der von Verlängerung des Arbeitstags untrennbare grössere Verschleiss der Arbeitskraft durch grösseren Ersatz kompensirt werden. Ueber diesen Punkt hinaus wächst der Verschleiss in geometrischer Progression und werden zugleich alle normalen Reproduktions- und Bethätigungsbedingungen der Arbeitskraft zerstört. Der Preis der Arbeitskraft und ihr Exploitationsgrad hören auf mit einander kommensurable Grössen zu sein.

D) Gleichzeitige Variationen in Länge des Arbeitstags, Produktivkraft und Intensivität der Arbeit.

Es ist hier offenbar eine grosse Anzahl Kombinationen möglich. Je zwei Faktoren können variiren und einer constant bleiben, oder alle drei können gleichzeitig variiren. Sie können in gleichem oder ungleichem Grad variiren, in derselben oder entgegengesetzter Richtung, ihre Variationen sich daher theilweis oder ganz aufheben. Indess ist die Analyse aller möglichen Fälle nach den unter A) B) und C) gegebnen Aufschlüssen leicht. Man findet das Resultat jeder möglichen Kombination, indem man der Reihe nach je einen Faktor als variabel und die andern zunächst als constant behandelt. Wir nehmen hier daher nur noch kurze Notiz von zwei wichtigen Fällen.

Abnehmende Produktivkraft der Arbeit mit gleichzeitiger Verlängerung des Arbeitstags.

Wenn wir hier von abnehmender Produktivkraft der Arbeit sprechen, so handelt es sich von Arbeitszweigen, deren Produkte den Werth der Arbeitskraft bestimmen, also z. B. von abnehmender Produktivkraft der Arbeit in Folge zunehmender Unfruchtbarkeit des Bodens und entsprechender Vertheurung der Bodenprodukte. Der Arbeitstag sei zwölfstündig, sein Werthprodukt 6 sh., wovon die Hälfte den Werth der Arbeitskraft ersetzt, die andre Hälfte Mehrwerth bildet. Der Arbeitstag zerfällt also in 6 Stunden nothwendiger Arbeit und 6 Stunden Mehrarbeit. In Folge der Vertheurung der Bodenprodukte steige der Werth der Arbeitskraft von 3 auf 4 sh., also die nothwendige Arbeitszeit von 6 auf 8 Stunden. Bleibt der Arbeitstag unverändert, so fällt die Mehrarbeit von 6 auf 4 Stunden, der Mehrwerth von 3 auf 2 sh. Wird der Arbeitstag um 2 Stunden verlängert, also von 12 auf 14 Stunden, so bleibt die Mehrarbeit 6 Stunden, der Mehrwerth 3 sh., aber seine Grösse im Vergleich zum Werth der Arbeitskraft, gemessen durch die nothwendige Arbeit, fällt. Wird der Arbeitstag um 4 Stunden verlängert, von 12 auf 16 Stunden, so bleiben die proportionellen Grössen von Mehrwerth und Werth der Arbeitskraft, Mehrarbeit und nothwendiger Arbeit unverändert, aber die absolute Grösse des Mehrwerths wächst von 3 auf 4 sh., die der Mehrarbeit von 6 auf 8 Arbeitsstunden, also um ⅓ oder 33⅓ %. Bei abnehmender Produktivkraft der Arbeit und gleichzeitiger Verlängerung des Arbeitstags kann also die absolute Grösse des Mehrwerths unverändert bleiben, während seine proportionelle Grösse fällt; seine proportionelle Grösse kann unverändert bleiben, während seine absolute Grösse wächst, und, je nach dem Grad der Verlängerung, können beide wachsen. Diess ist eine der Ursachen, warum in England von 1799—1815, grade als West, Ricardo u. s. w. den nur in ihrer Phantasie durch Vertheurung der Bodenprodukte bewirkten Fall der Rate des Mehrwerths zum Ausgangspunkt wichtiger Analysen machten, der Mehrwerth absolut und relativ stieg, und daher zugleich beschleunigtes Wachsthum des Kapitals und Verpauperung der Arbeiter stattfanden18. Es war diess die Periode, worin die masslose Verlängerung des Arbeitstags sich Bürgerrecht erwarb19.

Zunehmende Intensivität und Produktivkraft der Arbeit mit gleichzeitiger Verkürzung des Arbeitstags.

Gesteigerte Produktivkraft der Arbeit und ihre wachsende Intensivität wirken nach einer Seite hin gleichförmig. Beide vermehren die Produktenmasse in gegebnem Zeitraum. Beide verkürzen also den Theil des Arbeitstags, den der Arbeiter zur Produktion seiner Lebensmittel oder ihres Aequivalents braucht. Die absolute Grenze des Arbeitstags wird überhaupt gebildet durch diesen seinen nothwendigen, aber kontraktilen Bestandtheil. Schrumpfte darauf der ganze Arbeitstag zusammen, so verschwände die Mehrarbeit, was unter dem Regime des Kapitals unmöglich. Die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsform erlaubt den Arbeitstag durch die nothwendige Arbeit zu beschränken. Jedoch würde die letztere mit ihrem Begriff, unter sonst gleichbleibenden Umständen, auch ihren Raum ausdehnen. Einerseits weil die Lebensbedingungen des Arbeiters reicher und seine Lebensansprüche grösser. Andrerseits würde ein Theil der jetzigen Mehrarbeit zur noth- 20 wendigen Arbeit zählen, nämlich die zur Erzielung eines gesellschaftlichen Reservefonds und Accumulationsfonds nöthige Arbeit.

Je mehr die Produktivkraft der Arbeit wächst, um so mehr kann der Arbeitstag verkürzt werden, und je mehr der Arbeitstag verkürzt wird, desto mehr kann die Intensivität der Arbeit wachsen. Die Produktivkraft der Arbeit wächst, gesellschaftlich betrachtet, auch mit der Oekonomie derselben. Diese schliesst nicht nur die Oekonomisirung der Produktionsmittel ein, sondern die Vermeidung aller nutzlosen Arbeit. Während die kapitalistische Produktionsweise in jedem individuellen Geschäft Oekonomie erzwingt, erzeugt ihr anarchisches System der Konkurrenz die massloseste Verschwendung der gesellschaftlichen Produktionsmittel und Arbeitskräfte, neben einer Unzahljetzt unentbehrlicher, aber an und für sich überflüssiger Funktionen.

Intensivität und Produktivkraft der Arbeit gegeben, ist der zur materiellen Produktion nothwendige Theil des gesellschaftlichen Arbeitstags um so kürzer, der für freie, geistige und gesellschaftliche Bethätigung der Individuen eroberte Zeittheil also um so grösser, je gleichmässiger die Arbeit unter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft vertheilt ist, je weniger eine Gesellschaftsschichte die Naturnothwendigkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer andern Schichte zuwälzen kann. Die absolute Grenze für die Verkürzung des Arbeitstags ist nach dieser Seite hin die Allgemeinheit der Arbeit. In der kapitalistischen Gesellschaft wird freie Zeit für eine Klasse producirt durch Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit.

3) Verschiedne Formeln für die Rate des Mehrwerths.

Man hat gesehn, dass die Rate des Mehrwerths sich darstellt in den Formeln:

I) . Die zwei ersten Formeln stellen als Verhältniss von Werthen dar, was die dritte als Verhältniss der Zeiten, worin diese Werthe producirt werden. Diese einander ersetzenden Formeln sind begrifflich streng. Man findet sie daher wohl der Sache nach, aber nicht bewusst ausgearbeitet in der klassischen politischen Oekonomie. Hier begegnen wir dagegen den folgenden abgeleiteten Formeln.

II) . Eine und dieselbe Proportion ist hier abwechselnd ausgedrückt in der Form der Arbeitszeiten, der Werthe, worin sie sich verkörpern, der Produkte, worin diese Werthe existiren. Es wird natürlich unterstellt, dass unter Werth des Produkts nur das Werthprodukt des Arbeitstags zu verstehn, der constante Theil des Produktenwerths aber ausgeschlossen ist.

In allen diesen Formeln ist der wirkliche Exploitationsgrad der Arbeit oder die Rate des Mehrwerths falsch ausgedrückt. Der Arbeitstag sei 12 Stunden. Mit den andern Annahmen unsres früheren Beispiels stellt sich in diesem Fall der wirkliche Exploitationsgrad der Arbeit dar in den Proportionen: . Nach den Formeln II) erhalten wir dagegen: = 50 %.

Diese abgeleiteten Formeln drücken in der That die Proportion aus, worin der Arbeitstag oder sein Werthprodukt sich zwischen Kapitalist und Arbeiter theilt. Gelten sie daher als unmittelbare Ausdrücke des Selbstverwerthungsgrades des Kapitals, so gilt das falsche Gesetz: die Mehrarbeit oder der Mehrwerth kann nie 100 % erreichen21. Da die Mehrarbeit stets nur einen aliquoten Theil des Arbeitstags oder der Mehrwerth stets nur einen aliquoten Theil des Werthprodukts bilden kann, ist die Mehrarbeit nothwendiger Weise stets kleiner als der Arbeitstag oder der Mehrwerth stets kleiner als das Werthprodukt. Um sich zu verhalten wie 100100, müssten sie aber gleich sein. Damit die Mehrarbeit den ganzen Arbeitstag absorbire (es handelt sich hier um den Durchschnittstag der Arbeitswoche, des Arbeitsjahrs u. s. w.), müsste die nothwendige Arbeit auf Null sinken. Verschwindet aber die nothwendige Arbeit, so verschwindet auch die Mehrarbeit, da letztre nur eine Funktion der erstern. Die Proportion MehrarbeitArbeitstag = MehrwerthWerthprodukt kann also niemals die Grenze 100100 erreichen und noch weniger auf 100 + x100 steigen. Wohl aber die Rate des Mehrwerths oder der wirkliche Exploitationsgrad der Arbeit. Nimm z. B. die Schätzung des Herrn L. de Lavergne, wonach der englische Ackerbauarbeiter nur ¼, der Kapitalist (Pächter) dagegen ¾ des Produkts22 oder seines Werths erhält, wie die Beute sich immer zwischen Kapitalist und Grundeigenthümer u. s. w. nachträglich weiter vertheile. Die Mehrarbeit des englischen Landarbeiters verhält sich danach zu seiner nothwendigen Arbeit = 3 : 1, ein Prozentsatz der Exploitation von 300 %.

Die Schulmethode, den Arbeitstag als constante Grösse zu behandeln, wurde durch Anwendung der Formeln II) befestigt, weil man hier die Mehrarbeit stets mit einem Arbeitstag von gegebner Grösse vergleicht. Ebenso, wenn die Theilung des Werthprodukts ausschliesslich in’s Auge gefasst wird. Der Arbeitstag, der sich bereits in einem Werthprodukt vergegenständlicht hat, ist stets ein Arbeitstag von gegebnen Grenzen.

Die Darstellung von Mehrwerth und Werth der Arbeitskraft als Bruchtheilen des Werthprodukts — eine Darstellungsweise, die übrigens aus der kapitalistischen Produktionsweise selbst erwächst und deren Bedeutung sich später erschliessen wird — versteckt den spezifischen Charakter des Kapitalverhältnisses, nämlich den Austausch des variablen Kapitals mit der lebendigen Arbeitskraft, und den entsprechenden Ausschluss des Arbeiters vom Produkt. An die Stelle tritt der falsche Schein eines Associationsverhältnisses, worin Arbeiter und Kapitalist das Produkt nach dem Verhältniss seiner verschiednen Bildungsfaktoren theilen23.

Uebrigens sind die Formeln II stets in die Formeln I rückverwandelbar. Haben wir z. B. Mehrarbeit von 6 StundenArbeitstag von 12 Stunden, so ist die nothwendige Arbeitszeit = Arbeitstag von zwölf Stunden — Mehrarbeit von sechs Stunden, und so ergiebt sich: Mehrarbeit von 6 StundenNothwendige Arbeit von 6 Stunden = 100100.

Eine dritte Formel, die ich gelegentlich schon anticipirt habe, ist:

III) MehrwerthWerth der Arbeitskraft = MehrarbeitNothwendige Arbeit = Unbezahlte ArbeitBezahlte Arbeit.

Das Missverständniss, wozu die Formel Unbezahlte ArbeitBezahlte Arbeit verleiten könnte, als zahle der Kapitalist die Arbeit und nicht die Arbeitskraft, fällt nach der früher gegebnen Entwicklung fort. Unbezahlte ArbeitBezahlte Arbeit ist nur populärer Ausdruck für MehrarbeitNothwendige Arbeit. Der Kapitalist zahlt den Werth, resp. davon abweichenden Preis der Arbeitskraft, und erhält im Austausch die Verfügung über die lebendige Arbeitskraft selbst. Seine Nutzniessung dieser Arbeitskraft zerfällt in zwei Perioden. Während der einen Periode producirt der Arbeiter nur einen Werth = Werth seiner Arbeitskraft, also nur ein Aequivalent. Für den vorgeschossnen Preis der Arbeitskraft erhält der Kapitalist so ein Produkt vom selben Preis. Es ist als ob er das Produkt fertig auf dem Markt gekauft hätte. In der Periode der Mehrarbeit dagegen bildet die Nutzniessung der Arbeitskraft Werth für den Kapitalisten, ohne ihm einen Werthersatz zu kosten24. Er hat diese Flüssigmachung der Arbeitskraft umsonst. In diesem Sinn kann diese Mehrarbeit unbezahlte Arbeit heissen.

Das Kapital ist also nicht nur Kommando über Arbeit, wie A. Smith sagt. Es ist wesentlich Kommando über unbezahlte Arbeit. Aller Mehrwerth, in welcher besondern Gestalt von Profit, Zins, Rente u. s. w. er sich später krystallisire, ist seiner Substanz nach Materiatur unbezahlter Arbeitszeit. Das Geheimniss von der Selbstverwerthung des Kapitals löst sich auf in seine Verfügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter fremder Arbeit.

4) Werth, resp. Preis der Arbeitskraft in der verwandelten Form des Arbeitslohns.

a) Die Formverwandlung.

Auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft erscheint der Lohn des Arbeiters als Lohn der Arbeit, ein bestimmtes Quantum Geld, das für ein bestimmtes Quantum Arbeit gezahlt wird. Man spricht hier von einem Werth der Arbeit und nennt den Geldausdruck dieses Werths den nothwendigen oder natürlichen Preis der Arbeit. Man spricht andrerseits von Marktpreisen der Arbeit, d. h. über oder unter ihrem nothwendigen Preis oscillirenden Preisen.

Aber was ist der Werth einer Waare? Die Vergegenständlichung der zu ihrer Produktion gesellschaftlich nothwendigen Arbeit. Und wodurch messen wir die Grösse ihres Werths? Durch die Grösse der in ihr enthaltenen Arbeitszeit. Wodurch wäre also der Werth z. B. eines zwölfstündigen Arbeitstags bestimmt? Durch die in einem Arbeitstag von 12 Stunden enthaltenen 12 Arbeitsstunden, was eine abgeschmackte Tautologie ist25.

Um als Waare auf dem Markt verkauft zu werden, müsste die Arbeit jedenfalls existiren, bevor sie verkauft wird. Könnte der Arbeiter ihr aber eine selbstständige Existenz geben, so würde er Waare verkaufen und nicht Arbeit26.

Von diesen Widersprüchen abgesehn, würde ein direkter Austausch von Geld, d. h. vergegenständlichter Arbeit, mit lebendiger Arbeit entweder das Werthgesetz aufheben, welches sich grade erst auf Grundlage der kapitalistischen Produktion frei entwickelt, oder die kapitalistische Produktion selbst aufheben, welche grade auf der Lohnarbeit beruht. Der Arbeitstag von 12 Stunden stellt sich z. B. in einem Geldwerth von 6 sh. dar. Werden Aequivalente ausgetauscht, so erhält der Arbeiter für zwölfstündige Arbeit 6 sh. Der Preis seiner Arbeit wäre gleich dem Preis seines Produkts. In diesem Fall producirte er keinen Mehrwerth für den Käufer seiner Arbeit, die 6 sh. verwandelten sich nicht in Kapital, die Grundlage der kapitalistischen Produktion verschwände, aber grade auf dieser Grundlage verkauft er seine Arbeit und ist seine Arbeit wesentlich Lohnarbeit. Oder er erhält für 12 Stunden Arbeit weniger als 6 sh., d. h. weniger als 12 Stunden Arbeit. Zwölf Stunden Arbeit tauschen sich aus gegen 10, 6 u. s. w. Stunden Arbeit. Diese Gleichsetzung ungleicher Grössen hebt nicht nur die Werthbestimmung auf. Ein 27 solcher sich selbst aufhebender Widerspruch kann überhaupt nicht als Gesetz auch nur ausgesprochen oder formulirt werden28.

Es nützt nichts den Austausch von mehr Arbeit gegen weniger Arbeit aus dem Formunterschied der Arbeit herzuleiten, dass sie nämlich das einemal vergegenständlicht, das andremal lebendig ist29. Diess ist um so abgeschmackter als der Werth einer Waare nicht durch das Quantum wirklich in ihr vergegenständlichter, sondern durch das Quantum der zu ihrer Reproduktion nothwendigen lebendigen Arbeit bestimmt wird. Eine Waare stelle z. B. 6 Arbeitsstunden dar. Werden Erfindungen gemacht, wodurch sie in 3 Stunden producirt werden kann, so sinkt der Werth auch der bereits producirten Waare um die Hälfte. Sie stellt jetzt 3 statt früher 6 Stunden nothwendige gesellschaftliche Arbeit dar. Es ist also das zu ihrer Produktion erheischte Quantum Arbeit, nicht deren gegenständliche Form, wodurch ihre Werthgrösse bestimmt wird.

Was dem Geldbesitzer auf dem Waarenmarkt direkt gegenübertritt, ist in der That nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letztrer verkauft, ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört ihm zu gehören, kann also nicht mehr von ihm verkauft werden. Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Mass der Werthe, aber sie selbst hat keinen Werth30.

Im Ausdruck: Werth der Arbeit ist der Werthbegriff nicht nur völlig ausgelöscht, sondern in sein Gegentheil verkehrt. Es ist ein imaginärer Ausdruck wie etwa Werth der Erde. Diese imaginären Ausdrücke entspringen jedoch aus den Produktionsverhältnissen selbst. Sie sind Kategorieen für Erscheinungsformen wesentlicher Werthverhältnisse. Dass in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, ausser in der politischen Oekonomie31.

Die klassische politische Oekonomie entlehnte dem Alltagsleben ohne weitere Kritik die Kategorie Preis der Arbeit, um sich dann hinterher zu fragen, wie wird dieser Preis bestimmt? Sie erkannte bald, dass der Wechsel im Verhältniss von Nachfrage und Zufuhr für den Preis der Arbeit, gleich dem jeder andern Waare, nichts erklärt ausser dem Wechsel des Preises, die Oscillationen der Marktpreise unter oder über eine gewisse Grösse. Decken sich Nachfrage und Zufuhr, so hört, unter sonst gleichbleibenden Umständen, die Preisoscillation auf. Aber dann hören auch Nachfrage und Zufuhr auf irgend etwas zu erklären. Der Preis der Arbeit, wenn Nachfrage und Zufuhr sich decken, ist der vom Verhältniss der Nachfrage und Zufuhr unabhängig bestimmte Preis der Arbeit, ihr natürlicher Preis, der so als der eigentliche Gegenstand der Analyse gefunden ward. Oder man nahm eine längere Periode der Oscillationen des Marktpreises, z. B. ein Jahr, und fand dann, dass sich ihr Auf und Ab ausgleicht zu einer mittlern Durchschnittsgrösse, einer constanten Grösse. Sie musste natürlich anders bestimmt werden als die sich kompensirenden Abweichungen von ihr selbst. Dieser über die zufälligen Marktpreise der Arbeit übergreifende und sie regulirende Preis, nothwendige Preis (Physiokraten) oder „natürliche Preis der Arbeit“ (Adam Smith) kann, wie bei andern Waaren, nur ihr in Geld ausgedrückter Werth sein. In dieser Art glaubte die politische Oekonomie durch die zufälligen Preise der Arbeit zu ihrem Werth vorzudringen. Wie bei den andern Waaren wurde dieser Werth dann weiter durch die Produktionskosten bestimmt. Aber was sind die Produktionskosten — des Arbeiters, d. h. die Kosten, um den Arbeiter selbst zu produciren oder zu reproduciren? Diese Frage schob sich der politischen Oekonomie bewusstlos für die ursprüngliche unter, da sie mit den Produktionskosten der Arbeit als solcher sich im Kreise drehte und nicht vom Flecke kam. Was sie also Werth der Arbeit (value of labour) nennt, ist in der That der Werth der Arbeitskraft, die in der Persönlichkeit des Arbeiters existirt, und von ihrer Funktion, der Arbeit, ebenso verschieden ist, wie eine Maschine von ihren Operationen. Beschäftigt mit dem Unterschied zwischen den Marktpreisen der Arbeit und ihrem s. g. Werth, mit dem Verhältniss dieses Werths zur Profitrate, zu den vermittelst der Arbeit producirten Waarenwerthen u. s. w., entdeckte man niemals, dass der Gang der Analyse nicht nur von den Marktpreisen der Arbeit zu ihrem Werth, sondern dahin geführt hatte, diesen Werth der Arbeit selbst wieder aufzulösen in den Werth der Arbeitskraft. Die Bewusstlosigkeit über diess Resultat ihrer eignen Analyse, die kritiklose Annahme der Kategorieen Werth der Arbeit, natürlicher Preis der Arbeit u. s. w. als letzter adäquater Ausdrücke des behandelten Werthverhältnisses, verwickelte, wie man später sehn wird, die klassische politische Oekonomie in unauflösbare Wirren und Widersprüche, während sie der Vulgärökonomie eine sichre Operationsbasis für ihre principiell nur dem Schein huldigende Flachheit bot.

Sehn wir nun zunächst, wie Werth und Preise der Arbeitskraft in ihrer verwandelten Form als Arbeitslohn sich darstellen.

Man weiss, dass der Tageswerth der Arbeitskraft berechnet ist auf eine gewisse Lebensdauer des Arbeiters, welcher eine gewisse Länge des Arbeitstags entspricht. Nimm an, der gewohnheitsmässige Arbeitstag betrage 12 Stunden und der Tageswerth der Arbeitskraft 3 sh., der Geldausdruck eines Werths, worin sich 6 Arbeitsstunden darstellen. Erhält der Arbeiter 3 sh., so erhält er den Werth seiner während 12 Stunden funktionirenden Arbeitskraft. Wird nun dieser Tageswerth der Arbeitskraft als Werth der Tagesarbeit ausgedrückt, so ergiebt sich die Formel: Die zwölfstündige Arbeit hat einen Werth von 3 sh. Der Werth der Arbeitskraft bestimmt so den Werth der Arbeit oder, in Geld ausgedrückt, ihren nothwendigen Preis. Weicht dagegen der Preis der Arbeitskraft von ihrem Werth ab, so ebenfalls der Preis der Arbeit von ihrem s. g. Werth.

Da der Werth der Arbeit nur ein irrationeller Ausdruck für den Werth der Arbeitskraft, ergiebt sich von selbst, dass der Werth der Arbeit stets kleiner sein muss als ihr Werthprodukt, denn der Kapitalist lässt die Arbeitskraft stets länger funktioniren als zur Reproduktion ihres eignen Werths nöthig ist. Im obigen Beispiel ist der Werth der während 12 Stunden funktionirenden Arbeitskraft 3 sh., ein Werth, zu dessen Reproduktion sie 6 Stunden braucht. Ihr Werthprodukt ist dagegen 6 sh., weil sie in der That während 12 Stunden funktionirt, und ihr Werthprodukt nicht von ihrem eignen Werthe, sondern von der Zeitdauer ihrer Funktion abhängt. Man erhält so das auf den ersten Blick abgeschmackte Resultat, dass Arbeit, die einen Werth von 6 sh. schafft, einen Werth von 3 sh. besitzt32.

Man sieht ferner, dass der Werth von 3 sh., worin sich der bezahlte Theil des Arbeitstags, d. h. sechsstündige Arbeit darstellt, als Werth oder Preis des Gesammtarbeitstags von 12 Stunden, darunter 6 unbezahlte Stunden, er scheint. Die Form des Arbeitslohnes löscht also jede Spur der Theilung des Arbeitstags in nothwendige Arbeit und Mehrarbeit, in bezahlte und unbezahlte Arbeit völlig aus. Alle Arbeit erscheint als bezahlte Arbeit. Bei der Frohnarbeit unterscheiden sich räumlich und zeitlich, handgreiflich sinnlich, die Arbeit des Fröhners für sich selbst und die Zwangsarbeit für seinen Grundherrn. Bei der Sklavenarbeit erscheint selbst der Theil des Arbeitstags, worin der Sklave nur den Werth seiner eignen Lebensmittel ersetzt, den er in der That also für sich selbst arbeitet, als Arbeit für seinen Meister. Alle seine Arbeit erscheint als unbezahlte Arbeit33. Bei der Lohnarbeit erscheint umgekehrt selbst die Mehrarbeit oder unbezahlte Arbeit als bezahlt. Dort verbirgt das Eigenthumsverhältniss das Fürsichselbst arbeiten des Sklaven, hier das Geldverhältniss das Umsonstarbeiten des Lohnarbeiters.

Man begreift also, von welcher entscheidenden Wichtigkeit die Formverwandlung von Werth und Preis der Arbeitskraft in Arbeitslohn oder in Werth und Preis der Arbeit selbst. Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältniss unsichtbar macht und grade sein Gegentheil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie.

Braucht die Weltgeschichte viele Zeit, um hinter das Geheimniss des Arbeitslohns zu kommen, so ist dagegen nichts leichter zu verstehn als die Nothwendigkeit, die raisons d’être dieser Erscheinungsform.

Der Austausch zwischen Kapital und Arbeit stellt sich der Wahrnehmung zunächst ganz in derselben Art dar wie der Kauf und Verkauf aller andern Waaren. Der Käufer giebt eine gewisse Geldsumme, der Verkäu fer einen von Geld verschiedenen Artikel. Das Rechtsbewusstsein erkennt hier höchstens einen stofflichen Unterschied, der sich in den rechtlich äquivalenten Formeln: Do ut des, do ut facias, facio ut des und facio ut facias, ausdrückt.

Aller Kauf und Verkauf von Waaren ist ferner von der Illusion begleitet, dass das, was gezahlt wird, der Gebrauchswerth der Waare ist, obgleich diese Illusion schon über die einfache Thatsache stolpert, dass die verschiedensten Artikel denselben Preis und derselbe Artikel, ohne dass sich sein Gebrauchswerth oder das Bedürfniss dafür ändert, wechselnde Preise hat. Da aber Tauschwerth und Gebrauchswerth an und für sich inkommensurable Grössen sind, so existirt von diesem Standpunkt keine grössere Irrationalität in dem Ausdruck „Werth der Arbeit“, „Preis der Arbeit“ als in dem Ausdruck „Werth der Baumwolle“, „Preis der Baumwolle“. Das Missverständniss ist bei Kauf und Verkauf der Arbeit noch unvermeidlicher als bei andern Waaren. Erstens, weil das Geld im Kauf der Arbeit als Zahlungsmittel funktionirt. Der Arbeiter wird gezahlt, nachdem er seine Arbeit geliefert hat. Begrifflich aber enthält die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel, dass es den Werth oder Preis des gelieferten Artikels nachträglich realisirt, also im gegebnen Fall den Werth oder Preis der gelieferten Arbeit. Zweitens: Der Gebrauchswerth, den der Arbeiter dem Kapitalisten liefert, ist in der That nicht seine Arbeitskraft, sondern ihre besondre Funktion, Arbeit von besondrem Inhalt, Schneiderarbeit, Schusterarbeit, Spinnarbeit u. s. w. Dass dieselbe Arbeit nach einer andern Seite hin allgemeines werthbildendes Element ist, eine Eigenschaft, wodurch sie sich von allen andern Waaren unterscheidet, fällt ausserhalb des Bereichs des gewöhnlichen Bewusstseins.

Stellen wir uns auf den Standpunkt des Arbeiters, der für zwölfstündige Arbeit z. B. das Werthprodukt sechsstündiger Arbeit erhält, sage 3 sh., so ist für ihn in der That seine zwölfstündige Arbeit das Kaufmittel der 3 sh. Der Werth seiner Arbeitskraft mag variiren mit dem Werth seiner gewohnheitsmässigen Lebensmittel von 3 auf 4 sh. oder von 3 auf 2 sh., oder bei gleichbleibendem Werth seiner Arbeitskraft mag ihr Preis, in Folge wechselnden Verhältnisses von Nachfrage und Zufuhr, auf 4 sh. steigen oder auf 2 sh. fallen, er giebt stets 12 Arbeitsstunden. Jeder Wechsel in der Grösse des Aequivalents, das er erhält, erscheint ihm daher nothwendig als Wechsel im Werth oder Preis dieser 12 Arbeitsstunden. Dieser Umstand verleitete umgekehrt Adam Smith, der den Arbeitstag als eine constante Grösse behandelt34, zur Behauptung, der Werth der Arbeit sei constant, obgleich der Werth der Lebensmittel wechsle und derselbe Arbeitstag sich daher in mehr oder weniger Geld für den Arbeiter darstelle.

Nehmen wir andrerseits den Kapitalisten, so will er zwar möglichst viel Arbeit für möglichst wenig Geld erhalten. Praktisch interessirt ihn daher nur die Differenz zwischen dem Preis der Arbeitskraft und dem Werth, den ihre Funktion schafft. Aber er sucht alle Waare möglichst wohlfeil zu kaufen und erklärt sich überall seinen Profit aus der einfachen Prellerei, dem Verkauf über dem Werth. Er kommt daher nicht zur Einsicht, dass wenn so ein Ding wie Werth der Arbeit wirklich existirte, und er diesen Werth wirklich zahlte, kein Kapital existiren, sein Geld sich nicht in Kapital verwandeln würde.

Es kommt hinzu, dass die wirkliche Bewegung des Arbeitslohns Phänomene zeigt, die zu beweisen scheinen, dass nicht der Werth der Arbeitskraft, sondern der Werth ihrer Funktion, der Arbeitselbst, bezahlt wird. Diese Phänomene können wir auf zwei grosse Klassen zurückführen. Erstens: Wechsel des Arbeitslohns mit wechselnder Länge des Arbeitstags. Man könnte eben so wohl schliessen, dass nicht der Werth der Maschine, sondern der ihrer Operation bezahlt wird, weil es mehr kostet eine Maschine für eine Woche als für einen Tag zu dingen. Zweitens: Der individuelle Unterschied in den Arbeitslöhnen verschiedner Arbeiter, welche dieselbe Funktion verrichten. Diesen individuellen Unterschied findet man, aber ohne Anlass zu Illusionen, wieder im System der Sklaverei, wo frank und frei, ohne Schnörkel, die Arbeitskraft selbst verkauft wird. Nur fällt der Vortheil einer Arbeitskraft, die über dem Durchschnitt, oder der Nachtheil einer Arbeitskraft, die unter dem Durchschnitt steht, im Sklavensystem dem Sklaveneigner zu, im System der Lohnarbeit dem Arbeiter selbst, weil seine Arbeitskraft in dem einen Fall von ihm selbst, in dem andern von einer dritten Person verkauft wird.

Uebrigens gilt von der Erscheinungsform, „Werth und Preis der Arbeit“ oder „Arbeitslohn“, im Unterschied zum wesentlichen Verhältniss, welches erscheint, dem Werth und Preis der Arbeitskraft, dasselbe, was von allen Erscheinungsformen und ihrem verborgnen Hintergrund. Die ersteren reproduciren sich unmittelbar, spontan, als gang und gäbe Denkformen, der andere muss durch die Wissenschaft erst entdeckt werden. Die klassische politische Oekonomie stösst annähernd auf den wahren Sachverhalt, ohne ihn jemals bewusst zu formuliren. Sie kann das nicht, so lange sie in ihrer bürgerlichen Haut steckt.

b) Die beiden Grundformen des Arbeitslohns: Zeitlohn und Stücklohn.

Der Arbeitslohn nimmt selbst wieder sehr mannigfaltige Formen an, ein Umstand, nicht erkennbar aus den ökonomischen Kompendien, die in ihrer brutalen Interessirtheit für den Stoff jeden Formunterschied vernachlässigen. Eine Darstellung aller dieser Formen gehört jedoch in die specielle Lehre von der Lohnarbeit, also nicht in diess Werk. Dagegen sind die zwei herrschenden Grundformen hier kurz zu entwickeln.

Der Verkauf der Arbeitskraft findet, wie man sich erinnert, stets für bestimmte Zeitperiode statt. Die verwandelte Form, worin der Tageswerth, Wochenwerth u. s. w. der Arbeitskraft unmittelbar erscheint, ist daher die des Zeitlohns, also Tageslohn, Wochenlohn u. s. w.

Es ist nun zunächst zu bemerken, dass die im 2. Abschnitt dieses Kapitels dargestellten Gesetze über den Grössenwechsel von Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth sich durch einfache Formveränderung in Gesetze des Arbeitslohns verwandeln. Ebenso erscheint der Unterschied zwischen dem Tauschwerth der Arbeitskraft und der Masse der Lebensmittel, worin sich dieser Werth umsetzt, jetzt als Unterschied von nominellem und reellem Arbeitslohn. Es wäre nutzlos in der Erscheinungsform zu wiederholen, was in der wesentlichen Form bereits entwickelt. Wir beschränken uns daher auf wenige, den Zeitlohn charakterisirende Punkte.

Die Geldsumme35, die der Arbeiter für seine Tagesarbeit, Wochenarbeit u. s. w. erhält, bildet den wirklichen Betrag seines nominellen oder dem Werth nach geschätzten Arbeitslohns. Es ist aber klar, dass je nach der Länge des Arbeitstags, also je nach der täglich von ihm gelieferten Quantität Arbeit, derselbe Tageslohn, Wochenlohn u. s. w. einen sehr verschiednen Preis der Arbeit d. h. sehr verschiedne Geldsummen für dasselbe Quantum Arbeit darstellen kann36. Man muss also bei dem Zeitlohn wieder unterscheiden zwischen dem Gesammtbetrag des Arbeitslohns, Taglohns, Wochenlohns u. s. w. und dem Preis der Arbeit. Wie nun den Preis der Arbeit finden, d. h. den Geldwerth eines gegebnen Quantums Arbeit? Der durchschnittliche Preis der Arbeit ergiebt sich, indem man den durchschnittlichen Tageswerth der Arbeitskraft durch die Stundenzahl des durchschnittlichen Arbeitstags dividirt. Ist z. B. der Tageswerth der Arbeitskraft 3 sh., das Werthprodukt von 6 Arbeitsstunden, und ist der Arbeitstag zwölfstündig, so ist der Preis einer Arbeitsstunde = 3 sh.12 = 3 d. Der so gefundne Preis der Arbeitsstunde dient als Einheitsmass für den Preis der Arbeit.

Es folgt daher, dass der Taglohn, Wochenlohn u. s. w. derselbe bleiben kann, obgleich der Preis der Arbeit fortwährend sinkt. War z. B. der gewohnheitsmässige Arbeitstag 10 Stunden und der Tageswerth der Arbeitskraft 3 sh., so betrug der Preis der Arbeitsstunde 3⅗d.; er sinkt auf 3 d., sobald der Arbeitstag zu 12 Stunden, und auf 2⅖ d., sobald er zu 15 Stunden steigt. Tages- oder Wochenlohn bleiben trotzdem unverändert. Umgekehrt kann der Taglohn oder Wochenlohn steigen, obgleich der Preis der Arbeit constant bleibt oder selbst sinkt. War z. B. der Arbeitstag zehnstündig und ist der Tageswerth der Arbeitskraft 3 sh., so der Preis einer Arbeitsstunde 3⅗ d. Arbeitet der Arbeiter in Folge zunehmender Beschäftigung und bei gleichbleibendem Preise der Arbeit 12 Stunden, so steigt sein Tageslohn nun auf 3 sh. 7⅕d. ohne Variation im Preise der Arbeit. Dasselbe Resultat könnte herauskommen, wenn statt der extensiven Grösse der Arbeit ihre intensive Grösse zunähme37. Steigen des nominellen Tages- oder Wochenlohns mag daher begleitet sein von gleichbleibendem oder sinkendem Preis der Arbeit. Dasselbe gilt von der Einnahme der Arbeiterfamilie, sobald das vom Familienhaupt gelieferte Arbeitsquantum durch die Arbeit der Familienglieder vermehrt wird. Es giebt also von der Schmälerung des nominellen Tages- oder Wochenlohns unabhängige Methoden zur Herabsetzung des Preises der Arbeit38. Als allgemeines Gesetz aber folgt: Ist die Quantität der Tages-, Wochenarbeit u. s. w. gegeben, so hängt der Tages- oder Wochenlohn vom Preise der Arbeit ab, der selbst variirt, entweder mit dem Werth der Arbeitskraft oder den Abweichungen ihres Preises von ihrem Werthe. Ist dagegen der Preis der Arbeit gegeben, so hängt der Tages- oder Wochenlohn von der Quantität der Tages- oder Wochenarbeit ab.

Die Masseinheit des Zeitlohns, der Preis der Arbeitsstunde, ist der Quotient des Tageswerths der Arbeitskraft, dividirt durch die Stundenzahl des gewohnheitsmässigen Arbeitstags. Gesetzt letztrer betrage 12 Stunden, der Tageswerth der Arbeitskraft 3 sh., das Werthprodukt von 6 Arbeitsstunden. Der Preis der Arbeitsstunde ist unter diesen Umständen 3 d., ihr Werthprodukt 6 d. Wird der Arbeiter nun weniger als 12 Stunden täglich (oder weniger als 6 Tage in der Woche) beschäftigt, z. B. nur 6 oder 8 Stunden, so erhält er, bei diesem Preise der Arbeit, nur 2 oder 1½ sh. Taglohn39. Da er nach der Voraussetzung im Durchschnitt 6 Stunden täglich arbeiten muss, um nur einen dem Werth seiner Arbeitskraft entsprechenden Taglohn zu produciren, da er nach derselben Voraussetzung von jeder Stunde nur ½ für sich selbst, ½ aber für den Kapitalisten arbeitet, so ist es klar, dass er das Werthprodukt von 6 Stunden nicht herausschlagen kann, wenn er weniger als 12 Stunden beschäftigt wird. Sah man früher die zerstörenden Folgen der Ueberarbeit, so entdeckt man hier die Quellen der Leiden, die für den Arbeiter aus seiner Unterbeschäftigung entspringen.

Wird der Stundenlohn in der Weise fixirt, dass der Kapitalist sich nicht zur Zahlung eines Tages- oder Wochenlohns verpflichtet, sondern nur zur Zahlung der Arbeitsstunden, während deren es ihm beliebt, den Arbeiter zu beschäftigen, so kann er ihn unter der Zeit beschäftigen, die der Schätzung des Stundenlohns oder der Masseinheit für den Preis der Arbeit ursprünglich zu Grunde liegt. Da diese Masseinheit bestimmt ist durch die Proportion , verliert sie natürlich allen Sinn, sobald der Arbeitstag aufhört, eine bestimmte Stundenzahl zu zählen. Der Zusammenhang zwischen der bezahlten und unbezahlten Arbeitszeit ist aufgehoben. Der Kapitalist kann jetzt ein bestimmtes Quantum Mehrarbeit aus dem Arbeiter herausschlagen, ohne ihm die zu seiner Selbsterhaltung nothwendige Arbeitszeit einzuräumen. Er kann jede Regelmässigkeit der Beschäftigung vernichten und ganz nach Bequemlichkeit, Willkühr und augenblicklichem Interesse die ungeheuerste Ueberarbeit mit relativer oder gänzlicher Arbeitslosigkeit abwechseln lassen. Er kann, unter dem Vorwand, den „normalen Preis der Arbeit“ zu zahlen, den Arbeitstag, ohne irgend entsprechende Kompensation für den Arbeiter, anormal verlängern. Daher der durchaus rationelle Aufstand (1860) der im Baufach beschäftigten Londoner Arbeiter gegen den Versuch der Kapitalisten diesen Stundenlohn aufzuherrschen. Die gesetzliche Beschränkung des Arbeitstags macht solchem Unfug ein Ende, obgleich natürlich nicht der aus Konkurrenz der Maschinerie, Wechsel in der Qualität der angewandten Arbeiter, partiellen und allgemeinen Krisen entspringenden Unterbeschäftigung.

Bei wachsendem Tages- oder Wochenlohn kann der Preis der Arbeit nominell constant bleiben und dennoch unter sein normales Niveau sinken. Diess findet jedesmal statt, sobald mit constantem Preis der Arbeit, resp. der Arbeitsstunde, der Arbeitstag über seine gewohnheitsmässige Dauer verlängert wird. Wenn in dem Bruch der Nenner wächst, wächst der Zähler noch rascher. Der Werth der Arbeitskraft, weil ihr Verschleiss, wächst mit der Dauer ihrer Funktion, und in rascherer Proportion als das Increment ihrer Funktionsdauer. In vielen Industriezweigen, wo Zeitlohn vorherrscht, ohne gesetzliche Schranken der Arbeitszeit, hat sich daher naturwüchsig die Gewohnheit herausgebildet, dass der Arbeitstag nur bis zu einem gewissen Punkt, z. B. bis zum Ablauf der zehnten Stunde, als normal gilt („normal working day“, „the day’s work“, „the regular hours of work“). Jenseits dieser Grenze bildet die Arbeitszeit Ueberzeit (overtime) und wird, die Stunde als Masseinheit genommen, besser bezahlt (extra pay), obgleich oft in lächerlich kleiner Proportion40. Der normale Arbeitstag existirt hier als Bruchtheil des wirklichen Arbeitstags und der letztere währt oft während des ganzen Jahres länger als der erstere41. Das Wachsthum im Preis der Arbeit mit der Verlängerung des Arbeitstags über eine gewisse Normalgrenze gestaltet sich in verschiedenen britischen Industriezweigen so, dass der niedrige Preis der Arbeit während der s. g. Normalzeit dem Arbeiter die besser bezahlte Ueberzeit aufzwingt, will er überhaupt einen genügenden Arbeitslohn herausschlagen42. Gesetzliche Beschränkung des Arbeitstags macht diesem Vergnügen ein Ende43.

Es ist allgemein bekannte Thatsache, dass je länger der Arbeitstag in einem Industriezweig, um so niedriger der Arbeitslohn44. Fabrikinspektor A. Redgrave illustrirt diess durch eine vergleichende Uebersicht der zwanzigjährigen Periode von 1839—1859, wonach der Arbeitslohn in den dem Zehnstundengesetz unterworfenen Fabriken stieg, während er in den Fabriken, wo 14 bis 15 Stunden täglich gearbeitet wird, fiel45.

Zunächst folgt aus dem Gesetz: „bei gegebnem Preis der Arbeit hängt der Tages- oder Wochenlohn von der Quantität der gelieferten Arbeit ab“, dass je niedriger der Preis der Arbeit, desto grösser das Arbeitsquantum sein muss oder desto länger der Arbeitstag, damit der Arbeiter auch nur einen kümmerlichen Durchschnittslohn sichre. Die Niedrigkeit des Arbeitspreises wirkt hier als Sporn zur Verlängerung der Arbeitszeit46.

Umgekehrt aber producirt ihrerseits die Verlängerung der Arbeitszeit einen Fall im Arbeitspreise und damit im Tages- oder Wochenlohn.

Die Bestimmung des Arbeitspreises durch ergiebt, dass blosse Verlängerung des Arbeitstags den Arbeitspreis senkt, wenn keine Kompensation eintritt. Aber dieselben Umstände, welche den Kapitalisten befähigen, den Arbeitstag auf die Dauer zu verlängern, befähigen ihn erst und zwingen ihn schliesslich, den Arbeitspreis auch nominell zu senken, bis der Gesammtpreis der vermehrten Stundenzahl sinkt, also der Tages- oder Wochenlohn. Hinweis auf zwei Umstände genügt hier. Verrichtet ein Mann das Werk von 1½ oder 2 Männern, so wächst die Zufuhr der Arbeit, wenn auch die Zufuhr der auf dem Markt befindlichen Arbeitskräfte constant bleibt. Die so unter den Arbeitern erzeugte Konkurrenz befähigt den Kapitalisten den Preis der Arbeit herabzudrücken, während der fallende Preis der Arbeit ihn umgekehrt befähigt, die Arbeitszeit noch weiter heraufzuschrauben47. Bald jedoch wird diese Verfügung über anormale, d. h. das gesellschaftliche Durchschnittsniveau überfliessende Quanta unbezahlter Arbeit zum Konkurrenzmittel unter den Kapitalisten selbst. Ein Theil des Waarenpreises besteht aus dem Preis der Arbeit. Der nicht gezahlte Theil des Arbeitspreises braucht nicht im Waarenpreis zu rechnen. Er kann dem Waarenkäufer geschenkt werden. Diess ist der erste Schritt, wozu die Konkurrenz treibt. Der zweite Schritt, wozu sie zwingt, ist wenigstens einen Theil des durch die Verlängerung des Arbeitstags erzeugten anormalen Mehrwerths ebenfalls aus dem Verkaufspreis der Waare zu eliminiren. In dieser Weise bildet sich erst sporadisch und fixirt sich nach und nach ein anormal niedriger Verkaufspreis der Waare, der von nun an zur constanten Grundlage kümmerlichen Arbeitslohns bei übermässiger Arbeitszeit wird, wie er ursprünglich das Produkt dieser Umstände war. Wir deuten diese Bewegung bloss an, da die Analyse der Konkurrenz nicht hierhin gehört. Doch mag für einen Augenblick der Kapitalist selbst sprechen. „In Birmingham ist so grosse Konkurrenz unter den Meistern, dass mancher von uns gezwungen ist als Arbeitsanwender zu thun, was er sich schämen würde sonst zu thun; und dennoch wird nicht mehr Geld gemacht (and yet no more money is made), sondern das Publikum allein hat den Vortheil davon“48. Man erinnert sich der zwei Sorten Londoner Bäcker, wovon die eine Brod zum vollen Preise (the „fullpriced“ bakers), die andre es unter seinem normalen Preise verkauft („the underpriced“, „the undersellers“). Die „fullpriced“ denunciren ihre Konkurrenten vor der parlamentarischen Untersuchungskommission: „Sie existiren nur, indem sie erstens das Publikum betrügen (durch Fälschung der Waare) und zweitens 18 Arbeitsstunden aus ihren Leuten für den Lohn zwölfstündiger Arbeit herausschinden. … Die unbezahlte Arbeit (the unpaid labour) der Arbeiter ist das Mittel, wodurch der Konkurrenzkampf geführt wird. … Die Konkurrenz unter den Bäckermeistern ist die Ursache der Schwierigkeit in Beseitigung der Nachtarbeit. Ein Unterverkäufer, der sein Brod unter dem mit dem Mehlpreis wechselnden Kostpreis verkauft, hält sich schadlos, indem er mehr Arbeit aus seinen Leuten herausschlägt. Wenn ich nur 12 Stunden Arbeit aus meinen Leuten herausschlage, mein Nachbar dagegen 18 oder 20, muss er mich im Verkaufspreis schlagen. Könnten die Arbeiter auf Zahlung für Ueberzeit bestehn, so wäre es mit diesem Manöver bald zu Ende. … Eine grosse Anzahl der von den Unterverkäufern Beschäftigten sind Fremde, Jungen und Andre, die fast mit jedem Arbeitslohn, den sie kriegen können, vorlieb zu nehmen gezwungen sind“49.

Diese Jeremiade ist auch desswegen interessant, weil sie zeigt, wie nur der Schein der Produktionsverhältnisse sich im Kapitalistenhirn widerspiegelt. Der Kapitalist weiss nicht, dass auch der normale Preis der Arbeit ein bestimmtes Quantum unbezahlter Arbeit einschliesst und eben diese unbezahlte Arbeit die normale Quelle seines Gewinns ist. Die Kategorie der Mehrarbeitszeit existirt überhaupt nicht für ihn, denn sie ist eingeschlossen im normalen Arbeitstag, den er im Taglohn zu zahlen glaubt. Wohl aber existirt für ihn die Ueberzeit, die Verlängerung des Arbeitstags über die dem gewohnten Preis der Arbeit entsprechende Schranke. Seinem unterverkaufenden Konkurrenten gegenüber besteht er sogar auf Extrazahlung (extra pay) für diese Ueberzeit. Er weiss wieder nicht, dass diese Extrazahlung ebensowohl unbezahlte Arbeit einschliesst, wie der Preis der gewöhnlichen Arbeitsstunde. Z. B. der Preis einer Stunde des zwölfstündigen Arbeitstags ist 3 d., das Werthprodukt von ½ Arbeitsstunde, während der Preis der überzeitigen Arbeitsstunde 4 d., das Werthprodukt von ⅔ Arbeitsstunde. Im ersten Fall eignet sich der Kapitalist von einer Arbeitsstunde die Hälfte, im andern ⅓ ohne Zahlung an.

Der Stücklohn ist nichts als eine verwandelte Form des Zeitlohns, wie der Zeitlohn die verwandelte Form des Werthes oder Preises der Arbeitskraft.

Beim Stücklohn sieht es auf den ersten Blick aus, als ob der vom Arbeiter verkaufte Gebrauchswerth nicht die Funktion seiner Arbeitskraft sei, lebendige Arbeit, sondern bereits im Produkt vergegenständlichte Arbeit, und als ob der Preis dieser Arbeit nicht wie beim Zeitlohn durch die Bruchzahl , sondern durch die Leistungsfähigkeit des Producenten bestimmt werde50.

Zunächst müsste die Zuversicht, die an diesen Schein glaubt, bereits stark erschüttert werden durch die Thatsache, dass beide Formen des Arbeitslohns zur selben Zeit in denselben Geschäftszweigen neben einander bestehen. Z. B. „Die Setzer von London arbeiten in der Regel nach Stücklohn, während Zeitlohn bei ihnen die Ausnahme bildet. Umgekehrt bei den Setzern in den Provinzen, wo der Zeitlohn die Regel und der Stücklohn die Ausnahme. Die Schiffszimmerleute im Hafen von London werden nach Stücklohn bezahlt, in allen andern englischen Häfen nach Zeitlohn“51. In denselben Londoner Sattlerwerkstätten wird oft für dieselbe Arbeit den Franzosen Stücklohn und den Engländern Zeitlohn gezahlt. In den eigentlichen Fabriken, wo Stücklohn allgemein vorherrscht, entziehn sich einzelne Arbeitsfunktionen aus technischen Gründen dieser Messung und werden daher nach Zeitlohn gezahlt52. An und für sich ist es jedoch klar, dass die Formverschieden heit in der Auszahlung des Arbeitslohns an seinem Wesen nichts ändert, obgleich die eine Form der Entwicklung der kapitalistischen Produktion günstiger sein mag als die andre.

Der gewöhnliche Arbeitstag betrage 12 Stunden, wovon 6 bezahlt, 6 unbezahlt. Sein Werthprodukt sei 6 sh., das einer Arbeitsstunde daher 6 d. Es stelle sich erfahrungsmässig heraus, dass ein Arbeiter, der mit dem Durchschnittsgrad von Intensivität und Geschick arbeitet, in der That also nur die gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit zur Produktion eines Artikels verwendet, 24 Stücke, ob diskret, oder messbare Theile eines kontinuirlichen Machwerks, in 12 Stunden liefert. So ist der Werth dieser 24 Stücke, nach Abzug des in ihnen enthaltenen constanten Kapitaltheils, 6 sh. und der Werth des einzelnen Stücks 3 d. Der Arbeiter erhält per Stück 1½ d. und verdient so in 12 Stunden 3 sh. Wie es beim Zeitlohn gleichgültig ist, ob man annimmt, dass der Arbeiter 6 Stunden für sich und 6 für den Kapitalisten, oder von jeder Stunde die eine Hälfte für sich und die andre für den Kapitalisten arbeitet, so auch hier, ob man sagt, jedes einzelne Stück sei halb bezahlt und halb unbezahlt, oder der Preis von 12 Stücken ersetze nur den Werth der Arbeitskraft, während in den 12 andern sich der Mehrwerth verkörpere.

Die Form des Stücklohns ist ebenso irrationell als die des Zeitlohns. Während z. B. zwei Stück Waare, nach Abzug des Werths der in ihnen aufgezehrten Produktionsmittel, als Produkt einer Arbeitsstunde 6 d. werth sind, erhält der Arbeiter für sie einen Preis von 3 d. Der Stücklohn drückt unmittelbar in der That kein Werthverhältniss aus. Es handelt sich nicht darum den Werth des Stücks durch die in ihm verkörperte Arbeitszeit zu messen, sondern umgekehrt die vom Arbeiter verausgabte Arbeit durch die Zahl der von ihm producirten Stücke. Beim Zeitlohn misst sich die Arbeit an ihrer unmittelbaren Zeitdauer, beim Stücklohn am Produktenquantum, worin Arbeit während bestimmter Zeitdauer verdichtet53. Der Preis der Arbeitszeit selbst ist schliesslich bestimmt durch die Gleichung: Werth der Tagesarbeit = Tageswerth der Arbeitskraft. Der Stücklohn ist also nur eine modificirte Form des Zeitlohns.

Betrachten wir nun etwas näher die charakteristischen Eigenthümlichkeiten des Stücklohns.

Die Qualität der Arbeit ist hier durch das Werk selbst kontrolirt, das die durchschnittliche Güte besitzen muss, soll der Stückpreis voll bezahlt werden. Der Stücklohn wird nach dieser Seite hin zu fruchtbarster Quelle von Lohnabzügen und kapitalistischer Prellerei.

Er bietet dem Kapitalisten ein ganz bestimmtes Mass für die Intensivität der Arbeit. Nur Arbeitszeit, die sich in einem vorher bestimmten und erfahrungsmässig festgesetzten Waarenquantum verkörpert, gilt als gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit und wird als solche bezahlt. In den grösseren Schneiderwerkstätten Londons heisst daher ein gewisses Stück Arbeit, z. B. eine Weste u. s. w., Stunde, halbe Stunde u. s. w., die Stunde zu 6 d. Aus der Praxis ist bekannt, wie viel das Durchschnittsprodukt einer Stunde. Bei neuen Moden, Reparaturen u. s. w. entsteht Streit zwischen Anwender und Arbeiter, ob ein bestimmtes Arbeitsstück = einer Stunde u. s. w., bis auch hier die Erfahrung entscheidet. Aehnlich in den Londoner Möbelschreinereien u. s. w. Besitzt der Arbeiter nicht die durchschnittliche Leistungsfähigkeit, kann er daher ein bestimmtes Minimum von Tagwerk nicht liefern, so entlässt man ihn54.

Da Qualität und Intensivität der Arbeit hier durch die Form des Arbeitslohns selbst kontrolirt werden, macht sie grossen Theil der Arbeitsaufsicht überflüssig. Sie bildet daher sowohl die Grundlage der früher geschilderten modernen Hausarbeit als eines hierarchisch gegliederten Systems der Exploitation und Unterdrückung. Das letztere besitzt zwei Grundformen. Der Stücklohn erleichtert einerseits das Zwischenschieben von Parasiten zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter, Unterverpachtung der Arbeit (subletting of labour). Der Gewinn der Zwischenpersonen fliesst ausschliesslich aus der Differenz zwischen dem Arbeitspreis, den der Kapitalist zahlt, und dem Theil dieses Preises, den sie dem Arbeiter wirklich zukommen lassen55. Diess System heisst in England charakteristisch das „Sweating System“ (Ausschweissungssystem). Andrerseits erlaubt der Stücklohn dem Kapitalisten mit dem Hauptarbeiter — in der Manufaktur mit dem Chef einer Gruppe, in den Minen mit dem Ausbrecher der Kohle u. s. w., in der Fabrik mit dem eigentlichen Maschinenarbeiter — einen Kontrakt für so viel per Stück zu schliessen, ein Preis, wofür der Hauptarbeiter selbst die Anwerbung und Zahlung seiner Hilfsarbeiter übernimmt. Die Exploitation der Arbeiter durch das Kapital verwirklicht sich hier vermittelst der Exploitation des Arbeiters durch den Arbeiter56.

Den Stücklohn gegeben, ist es natürlich das persönliche Interesse des Arbeiters, seine Arbeitskraft möglichst intensiv anzuspannen, was dem Kapitalisten eine Erhöhung des Normalgrads der Intensivität erleichtert57. Es ist ebenso das persönliche Interesse des Arbeiters, den Arbeitstag zu verlängern, weil damit sein Tages- oder Wochenlohn steigt58. Es tritt damit die beim Zeitlohn bereits geschilderte Re aktion ein, abgesehn davon, dass die Verlängerung des Arbeitstags, selbst bei constant bleibendem Stücklohn, an und für sich eine Senkung im Preise der Arbeit einschliesst.

Beim Zeitlohn herrscht mit wenigen Ausnahmen gleicher Arbeitslohn für dieselben Funktionen, während beim Stücklohn der Preis der Arbeitszeit zwar durch ein bestimmtes Produktquantum gemessen ist, der Tages- oder Wochenlohn dagegen wechselt mit der individuellen Verschiedenheit der Arbeiter, wovon der Eine nur das Minimum des Produkts in einer gegebnen Zeit liefert, der Andre den Durchschnitt, der Dritte mehr als den Durchschnitt. In Bezug auf die wirkliche Einnahme treten hier also grosse Differenzen ein je nach dem verschiednen Geschick, Kraft, Energie, Ausdauer u. s. w. der individuellen Arbeiter59. Diess ändert natürlich nichts an dem allgemeinen Verhältniss zwischen Kapital und Lohnarbeit. Erstens gleichen sich diese individuellen Unterschiede für das Gesammtatelier aus, so dass es in einer bestimmten Arbeitszeit das Durchschnittsprodukt liefert und der gezahlte Gesammtlohn der Durchschnittslohn des Geschäftszweigs sein wird. Zweitens bleibt die Proportion zwischen Arbeitslohn und Mehrwerth unverändert, da dem individuellen Lohn des einzelnen Arbeiters die von ihm individuell gelieferte Masse von Mehrwerth entspricht. Aber der grössere Spielraum, den der Stücklohn der Individualität bietet, strebt einerseits dahin die Individualität und damit Freiheitsgefühl, Selbstständigkeit und Selbstkontrole der Arbeiter zu entwickeln, andrerseits ihre Konkurrenz unter und gegen einander. Er hat daher eine Tendenz mit der Erhebung individueller Arbeitslöhne über das Durchschnittsniveau diess Niveau selbst zu senken. Wo aber bestimmter Stücklohn sich seit lange traditionell befestigt hatte und seine Herabsetzung daher besondre Schwierigkeiten bot, flüchteten die Meister ausnahmsweis auch zu seiner gewaltsamen Verwandlung in Zeitlohn. Hiergegen z. B. 1860 grosser Strike unter den Bandwebern von Coventry60. Der Stücklohn ist endlich eine Hauptstütze des früher geschilderten Stundensystems61.

Aus der bisherigen Darstellung ergiebt sich, dass der Stücklohn die der kapitalistischen Produktionsweise entsprechendste Form des Arbeitslohns ist. Obgleich keineswegs neu, — er figurirt neben dem Zeitlohn officiell u. a. in den französischen und englischen Arbeiterstatuten des vierzehnten Jahrhunderts — gewinnt er doch erst grösseren Spielraum während der eigentlichen Manufakturperiode. In der Sturm- und Drangperiode der grossen Industrie, namentlich von 1797 bis 1815, dient er als Hebel zur Verlängerung der Arbeitszeit und Herabsetzung des Arbeitslohns. Sehr wichtiges Material für die Bewegung des Arbeitslohns während jener Periode findet man in den Blaubüchern: „Report and Evidence from the select Committee on Petitions respecting the Corn Laws“ (Parlamentssession 1813—14) und: „Reports from the Lords’ Committee, on the state of Growth, Commerce, and Consumption of Grain, and all Laws relating thereto“. (Session 1814—15.) Man findet hier den dokumentarischen Nachweis für die fortwährende Senkung des Arbeitspreises seit dem Beginn des Antijakobinerkriegs. In der Weberei z. B. war der Stücklohn so gefallen, dass trotz des sehr verlängerten Arbeitstags der Taglohn jetzt niedriger stand als vorher. „Die reale Einnahme des Webers ist sehr viel weniger als früher: seine Superiorität über den gewöhnlichen Arbeiter, die erst sehr gross war, ist fast ganz verschwunden. In der That, der Unterschied in den Löhnen geschickter und gewöhnlicher Arbeit ist jetzt viel unbedeutender als während irgend einer früheren Periode“62. Wie wenig die mit dem Stücklohn gesteigerte Intensivität und Ausdehnung der Arbeit dem ländlichen Proletariat fruchteten, zeige folgende einer Parteischrift für Landlords und Pächter entlehnte Stelle: „Bei weitem der grössere Theil der Agrikulturoperationen ist durch Leute verrichtet, die für den Tag oder auf Stückwerk gedungen werden. Ihr Wochenlohn beträgt ungefähr 12 sh.; und obgleich man voraussetzen mag, dass ein Mann bei Stücklohn, unter dem grösseren Arbeitssporn, 1 sh. oder vielleicht 2 sh. mehr verdient als beim Wochenlohn, so findet man dennoch, bei Schätzung seiner Gesammteinnahme, dass sein Verlust an Beschäftigung im Lauf des Jahrs diesen Zuschuss aufwiegt. … Man wird ferner im Allgemeinen finden, dass die Löhne dieser Männer ein gewisses Verhältniss zum Preis der nothwendigen Lebensmittel haben; so dass ein Mann mit zwei Kindern fähig ist seine Familie ohne Zuflucht zur Pfarreiunterstützung zu erhalten63. Malthus bemerkte damals mit Bezug auf die vom Parlament veröffentlichten Thatsachen: „Ich gestehe, ich sehe mit Missvergnügen die grosse Ausdehnung der Praxis des Stücklohns. Wirklich harte Arbeit während 12 oder 14 Stunden des Tags, für irgend längere Zeitperioden, ist zu viel für ein menschliches Wesen“64.

In den dem Fabrikgesetz unterworfenen Werkstätten wird Stücklohn allgemeine Regel, weil das Kapital dort den Arbeitstag nur noch intensiv ausweiten kann65.

Mit der wechselnden Produktivität der Arbeit stellt dasselbe Produktenquantum wechselnde Arbeitszeit dar. Also wechselt auch der Stücklohn, da er Preisausdruck einer bestimmten Arbeitszeit. In unsrem obigen Beispiel wurden in 12 Stunden 24 Stück producirt, während das Werthprodukt der 12 Stunden 6 sh. war, der Tageswerth der Arbeitskraft 3 sh., der Preis der Arbeitsstunde 3 d. und der Lohn für ein Stück 1½ d. In einem Stück war ½ Arbeitsstunde eingesaugt. Liefert derselbe Arbeitstag nun etwa in Folge verdoppelter Produktivität der Arbeit 48 Stück statt 24, und bleiben alle andern Umstände unverändert, so sinkt der Stücklohn von 1½ d. auf ¾ d. oder 3 Farthing, da jedes Stück jetzt nur noch ¼ statt ½ Arbeitsstunde darstellt. 24 × 1½ d. = 3 sh. und ebenso 48 × ¾ d. = 3 sh. In andern Worten: Der Stücklohn wird in demselben Verhältniss heruntergesetzt, worin die Zahl der während derselben Zeit producirten Stücke wächst66, also die auf dasselbe Stück verwandte Arbeitszeit abnimmt. Dieser Wechsel des Stücklohns, soweit rein nominell, ruft beständige Kämpfe zwischen Kapitalist und Arbeiter hervor. Entweder, weil der Kapitalist den Vorwand benutzt, um wirklich den Preis der Arbeit herabzusetzen. Oder weil die gesteigerte Produktivkraft der Arbeit von gesteigerter Intensivität derselben begleitet ist. Oder, weil der Arbeiter den Schein des Stücklohns, als ob ihm sein Produkt gezahlt werde und nicht seine Arbeitskraft, ernst nimmt und sich daher gegen eine Lohnherabsetzung sträubt, welcher die Herabsetzung im Verkaufspreis der Waare nicht entspricht. „Die Arbeiter überwachen sorgfältig den Preis des Rohmaterials und den Preis der fabricirten Güter und sind so fähig die Profite ihrer Meister genau zu veranschlagen“67. Solchen Anspruch fertigt das Kapital mit Recht als groben Irrthum über die Natur der Lohnarbeit ab68. Es zetert über diese Anmassung Steuern auf den Fortschritt der Industrie zu legen und erklärt rundweg, dass die Produktivität der Arbeit den Arbeiter überhaupt nichts angeht69.

Im zweiten Abschnitt dieses Kapitels beschäftigten uns die mannigfachen Kombinationen, welche ein Wechsel in der absoluten oder relativen (d. h. mit dem Mehrwerth verglichenen) Werthgrösse der Arbeitskraft hervorbringen kann, während andrerseits wieder das Quantum von Lebensmitteln, worin der Preis der Arbeitskraft realisirt wird, von dem Wechsel dieses Preises unabhängige70 oder verschiedne Bewegungen durchlaufen konnte. Wie bereits bemerkt, verwandeln sich durch einfache Uebersetzung des Werths, resp. Preises der Arbeitskraft in die exoterische Form des Arbeitslohns alle jene Gesetze in Gesetze der Bewegung des Arbeitslohns. Was innerhalb dieser Bewegung als wechselnde Kombination, kann für verschiedne Länder als gleichzeitige Verschiedenheit nationaler Arbeitslöhne erscheinen. Beim Vergleich nationaler Arbeitslöhne sind also alle den Grössenwechsel des Werths der Arbeitskraft bestimmende Momente zu erwägen, Preis und Umfang der natürlichen und historisch entwickelten ersten Lebensbedürfnisse, Erziehungskosten des Arbeiters, Rolle der Weiber- und Kinderarbeit, Produktivität der Arbeit, ihre extensive und intensive Grösse. Selbst die oberflächlichste Vergleichung erheischt, zunächst den Durchschnitts-Taglohn für dieselben Gewerbe in verschiednen Ländern auf gleich grosse Arbeitstage zu reduciren. Nach solcher Ausgleichung der Taglöhne, muss der Zeitlohn wieder in Stücklohn übersetzt werden, da nur der letztere ein Gradmesser sowohl für die Produktivität als die intensive Grösse der Arbeit. Es wird sich dann meist finden, dass der niedrigere Taglohn bei einer Nation einen höheren Arbeitspreis und der höhere Taglohn bei einer andern Nation einen niedrigeren Arbeitspreis ausdrückt, ganz wie die Bewegung des Taglohns überhaupt die Möglichkeit dieser Kombination zeigte71.

Auf dem Weltmarkt zählt nicht nur der intensivere nationale Arbeitstag als Arbeitstag von grösserer Stundenzahl, als extensiv grösserer Arbeitstag, sondern der produktivere nationale Arbeitstag zählt als intensiver, so oft die produktivere Nation nicht durch die Konkurrenz gezwungen wird den Verkaufspreis der Waare auf ihren Werth zu senken. Der intensivere und produktivere nationale Arbeitstag stellt sich also im Ganzen auf dem Weltmarkt in höherem Geldausdruck dar als der minder intensive oder produktive nationale Arbeitstag. Was von dem Arbeitstag, gilt von jedem seiner aliquoten Theile. Der absolute Geldpreis der Arbeit kann also bei einer Nation höher stehn als bei der andern, obgleich der relative Arbeitslohn, d. h. der Arbeitslohn verglichen mit dem vom Arbeiter producirten Mehrwerth, oder seinem ganzen Werthprodukt, oder dem Preis der Nahrungsmittel, niedriger steht72.

In „Versuch über die Rate des Arbeitslohns“73, einer seiner frühsten ökonomischen Schriften, sucht H. Carey nachzuweisen, dass die verschiednen nationalen Arbeitslöhne sich direkt verhalten wie die Produktivitätsgrade der nationalen Arbeitstage, um aus diesem internationalen Verhältniss den Schluss zu ziehn, dass der Arbeitslohn überhaupt steigt und fällt wie die Produktivität der Arbeit. Unsre ganze Analyse der Produktion des Mehrwerths beweist die Abgeschmacktheit dieser Schlussfolgerung, hätte Carey selbst seine Prämisse bewiesen, statt seiner Gewohnheit gemäss unkritisch und oberflächlich zusammengerafftes statistisches Material kunterbunt durch einander zu würfeln. Das Beste ist, dass er nicht behauptet, die Sache verhalte sich wirklich so, wie sie sich der Theorie nach verhalten sollte. Die Staatseinmischung hat nämlich das naturgemässe ökonomische Verhältniss verfälscht. Man muss 74 daher die nationalen Arbeitslöhne so berechnen, als ob der Theil derselben, der dem Staat in der Form von Steuern zufällt, dem Arbeiter selbst zufiele. Sollte Herr Carey nicht weiter darüber nachdenken, ob diese „Staatskosten“ nicht auch „naturgemässe“ Früchte der kapitalistischen Entwicklung sind? Das Raisonnement ist ganz des Mannes würdig, der die kapitalistischen Produktionsverhältnisse erst für ewige Natur- und Vernunftgesetze erklärte, deren frei harmonisches Spiel nur durch die Staatseinmischung gestört werde, um hinterher zu entdecken, dass Englands diabolischer Einfluss auf den Weltmarkt, ein Einfluss, der, wie es scheint, nicht den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringt, die Staatseinmischung nöthig macht, nämlich den Schutz jener Natur- und Vernunftgesetze durch den Staat, alias das Protektionssystem. Er entdeckte ferner, dass die Theoreme Ricardo’s u. s. w., worin existirende gesellschaftliche Gegensätze und Widersprüche formulirt sind, nicht das ideale Produkt der wirklichen ökonomischen Bewegung, sondern dass umgekehrt die wirklichen Gegensätze der kapitalistischen Produktion in England und anderswo das Resultat der Ricardo’schen u. s. w. Theorie sind! Er entdeckte schliesslich, dass es in letzter Instanz der Handel ist, der die eingebornen Schönheiten und Harmonieen der kapitalistischen Produktionsweise vernichtet. Noch einen Schritt weiter, und er entdeckt vielleicht, dass der einzige Missstand an der kapitalistischen Produktion das Kapital selbst ist. Nur ein Mann von so entsetzlicher Kritiklosigkeit und solcher Gelehrsamkeit de faux aloi verdiente, trotz seiner protektionistischen Ketzerei, die Geheimquelle der harmonischen Weisheit eines Bastiat und aller andern freihändlerischen Optimisten der Gegenwart zu werden75.