Zweites Buch. Der Cirkulationsprocess des Kapitals. › Zweiter Abschnitt. Der Umschlag des Kapitals.

Neuntes Kapitel. Der Gesammt-Umschlag des vorgeschossnen Kapitals. Umschlagscyklen.

2.132 Wörter · 1 Fußnoten · ≙ MEW 24, Kap. 9

Neuntes Kapitel. Der Gesammt-Umschlag des vorgeschossnen Kapitals. Umschlagscyklen.

Wir haben gesehn, dass die fixen und flüssigen Bestandtheile des produktiven Kapitals verschiedenartig und zu verschiednen Perioden umschlagen, ebenso dass die verschiednen Bestandtheile des fixen Kapitals in demselben Geschäft je nach ihrer verschiednen Lebens-, daher Reproduktionszeit, wieder verschiedne Umschlagsperioden haben. (Ueber die wirkliche oder scheinbare Verschiedenheit im Umschlag verschiedner Be standtheile des flüssigen Kapitals in demselben Geschäft, siehe am Schluss dieses Kapitels sub 6.)

1) Der Gesammtumschlag des vorgeschossnen Kapitals ist der Durchschnittsumschlag seiner verschiednen Bestandtheile; Berechnungsmodus weiter unten. Soweit es sich nur um verschiedne Zeitperioden handelt ist natürlich nichts einfacher als ihren Durchschnitt zu ziehn; aber:

2) es findet hier nicht nur quantitativer sondern qualitativer Unterschied statt.

Das in den Produktionsprocess eingehende flüssige Kapital überträgt seinen ganzen Werth auf das Produkt und muss daher beständig, durch den Verkauf des Produkts, in natura ersetzt werden, soll der Produktionsprocess ohne Unterbrechung vor sich gehn. Das in den Produktionsprocess eingehende fixe Kapital überträgt nur Theil seines Werths (den Verschleiss) auf das Produkt und fährt trotz des Verschleisses fort im Produktionsprocess zu fungiren; es braucht daher nur in kürzern oder längern Intervallen, jedenfalls nicht so oft wie das flüssige Kapital, in natura ersetzt zu werden. Diese Ersatznothwendigkeit, der Reproduktionstermin, ist nicht nur quantitativ verschieden für die verschiednen Bestandtheile des fixen Kapitals, sondern wie wir gesehn haben, ein Theil des länger dauernden, vieljährigen fixen Kapitals kann jährlich oder in kürzern Intervallen ersetzt und dem alten fixen Kapital in natura hinzufügt werden; bei fixem Kapital andrer Beschaffenheit kann der Ersatz nur nach Ende seiner Lebenszeit auf einmal stattfinden.

Es ist daher nöthig, die Sonderumschläge der verschiednen Theile des fixen Kapitals auf gleichartige Form des Umschlags zu reduciren, sodass sie nur noch quantitativ, der Umschlagsdauer nach, verschieden sind.

Diese qualitative Dieselbigkeit findet nicht statt wenn wir P … P — die Form des kontinuirlichen Produktionsprocesses — zum Ausgangspunkt nehmen. Denn bestimmte Elemente von P müssen beständig in natura ersetzt werden, andre nicht. Wohl aber gibt die Form G … G' diese Dieselbigkeit des Umschlags. Nehmen wir z. B. eine Maschine zum Werth von 10,000 £, die zehn Jahre dauert, wovon sich also jährlich ⅒ = 1000 £ in Geld rückverwandelt. Diese 1000 £ haben sich im Lauf eines Jahres aus Geldkapital in produktives Kapital und Waarenkapital, und aus diesem in Geldkapital rückverwandelt. Sie sind zu ihrer ursprünglichen Geldform zurückgekehrt, wie das flüssige Kapital, wenn wir es unter dieser Form betrachten, und es ist dabei gleichgültig, ob das Geldkapital von 1000 £ wieder am Ende des Jahres in die Naturalform einer Maschine rückverwandelt wird oder nicht. Bei der Berechnung des Gesammtumschlags des vorgeschossnen produktiven Kapitals fixiren wir daher alle seine Elemente in der Geldform, sodass die Rückkehr zur Geldform den Umschlag schliesst. Wir betrachten den Werth immer als in Geld vorgeschossen, selbst beim kontinuirlichen Produktionsprocess, wo diese Geldform des Werths nur die des Rechengelds ist. So können wir dann den Durchschnitt ziehn.

3) Es folgt, dass selbst wenn der bei weitem grössre Theil des vorgeschossnen produktiven Kapitals aus fixem Kapital besteht, dessen Reproduktions-, also auch Umschlagszeit, einen vieljährigen Cyklus umfasst, dennoch der während des Jahres umgeschlagene Kapitalwerth in Folge der wiederholten Umschläge des flüssigen Kapitals während des Jahres, grösser sein kann als der Gesammtwerth des vorgeschossnen Kapitals.

Das fixe Kapital sei = 80,000 £, seine Reproduktionszeit = 10 Jahre, sodass 8000 £ davon jährlich zu ihrer Geldform zurückkehren oder es ⅒ seines Umschlags vollzieht. Das flüssige Kapital sei = 20,000 £ und schlage fünfmal im Jahre um. Das Gesammtkapital ist dann = 100,000 £. Das umgeschlagne fixe Kapital ist = 8000 £; das umgeschlagne flüssige Kapital = 5 × 20,000 = 100,000 £. Also ist das während des Jahres umgeschlagne Kapital = 108,000 £, grösser um 8000 £ als das vorgeschossne Kapital. 1 + 225 des Kapitals hat umgeschlagen.

4) Der Werthumschlag des vorgeschossnen Kapitals trennt sich also von seiner wirklichen Reproduktionszeit oder der realen Umschlagszeit seiner Bestandtheile. Ein Kapital von 4000 £ schlage z. B. fünfmal im Jahre um. Das umgeschlagne Kapital ist dann 5 × 4000 = 20,000 £. Was aber am Ende jedes Umschlags zurückkehrt, um wieder von neuem vorgeschossen zu werden, ist das ursprünglich vorgeschossne Kapital von 4000 £. Seine Grösse wird nicht verändert durch die Anzahl der Umschlagsperioden, während deren es von neuem als Kapital fungirt. (Abgesehn vom Mehrwerth.)

In dem Beispiel sub 3 also ist nach der Voraussetzung am Ende des Jahres in die Hand des Kapitalisten zurückgekehrt a) eine Werth summe von 20,000 £, die er von neuem in den flüssigen Bestandtheil des Kapitals auslegt, und b) eine Summe von 8000 £, die sich durch den Verschleiss vom Werth des vorgeschossnen fixen Kapitals losgelöst hat; daneben existirt nach wie vor dasselbe fixe Kapital im Produktionsprocess fort, aber mit dem verminderten Werth von 72,000 £ statt 80,000 £. Es bedürfte also noch neunjähriger Fortsetzung des Produktionsprocesses, bis das vorgeschossne fixe Kapital sich ausgelebt und sowohl als Produktbildner wie Werthbildner ausfungirt hat und ersetzt werden muss. Der vorgeschossne Kapitalwerth hat also einen Cyklus von Umschlägen zu beschreiben, im gegebnen Fall z. B. einen Cyklus von zehn jährlichen Umschlägen — und zwar ist dieser Cyklus bestimmt durch die Lebenszeit, daher die Reproduktionszeit oder Umschlagszeit des angewandten fixen Kapitals.

In demselben Maße also, worin sich mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise der Werthumfang und die Lebensdauer des angewandten fixen Kapitals entwickelt, entwickelt sich das Leben der Industrie und des industriellen Kapitals in jeder besondren Anlage zu einem vieljährigen, sage im Durchschnitt zehnjährigen. Wenn einerseits die Entwicklung des fixen Kapitals dieses Leben ausdehnt, so wird es andrerseits abgekürzt durch die beständige Umwälzung der Produktionsmittel, die ebenfalls mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise beständig zunimmt. Mit ihr daher auch der Wechsel der Produktionsmittel und die Nothwendigkeit ihres beständigen Ersatzes in Folge des moralischen Verschleisses, lange bevor sie physisch ausgelebt sind. Man kann annehmen, dass für die entscheidendsten Zweige der grossen Industrie dieser Lebenscyklus jetzt im Durchschnitt ein zehnjähriger ist. Doch kommt es hier nicht auf die bestimmte Zahl an. Soviel ergibt sich: Durch diesen eine Reihe von Jahren umfassenden Cyklus von zusammenhängenden Umschlägen, in welchen das Kapital durch seinen fixen Bestandtheil gebannt ist, ergibt sich eine materielle Grundlage der periodischen Krisen, worin das Geschäft aufeinanderfolgende Perioden der Abspannung, mittleren Lebendigkeit, Ueberstürzung, Krise durchmacht. Es sind zwar die Perioden, worin Kapital angelegt wird, sehr verschiedne und auseinanderfallende. Indessen bildet die Krise immer den Ausgangspunkt einer grossen Neuanlage. Also auch — die ganze Gesellschaft be trachtet — mehr oder minder eine neue materielle Grundlage für den nächsten Umschlagscyklus.1

5) Ueber die Berechnungsweise des Umschlags lassen wir einen amerikanischen Oekonomen sprechen.

„In einigen Geschäftszweigen wird das ganze vorgeschossne Kapital mehrere Mal innerhalb eines Jahres umgeschlagen oder cirkulirt; in einigen andren schlägt ein Theil mehr als einmal im Jahr um, ein andrer Theil nicht so häufig. Es ist die Durchschnittsperiode, die sein ganzes Kapital gebraucht, um durch seine Hand zu passiren oder um einmal umzuschlagen, wonach ein Kapitalist seinen Profit berechnen muss. Angenommen, Jemand habe in einem bestimmten Geschäft die Hälfte seines Kapitals in Gebäuden und Maschinerie angelegt, welche einmal in zehn Jahren erneuert werden; ein Viertel in Werkzeugen etc., die in zwei Jahren erneuert werden; das letzte Viertel, ausgelegt in Arbeitslöhnen und Rohstoffen, wäre zweimal im Jahre umgeschlagen. Sein ganzes Kapital sei 50,000 Dollars. Dann wird seine Jahresauslage sein:

  • 50,0002 = 25,000 Doll. in 10 Jahren = 2500 Doll. in 1 Jahr.
  • 50,0004 = 12,500 „ „ 2 „ = 6250 „ „ „ „
  • 50,0004 = 12,500 „ „ ½ „ = 25,000 „ „ „ „
  • in 1 Jahr = 33,750 Doll.

Die Durchschnittszeit also, in der sein ganzes Kapital einmal umgeschlagen wird, ist 16 Monate . . . . Nehmen wir einen andern Fall: Ein Viertel des Gesammtkapitals von 50,000 Doll. cirkulirt in 10 Jahren; ein Viertel in 1 Jahr; die übrige Hälfte zweimal in 1 Jahr. Dann wird die jährliche Auslage sein:

  • 12,50010 = 1250 Doll.
  • 12,500 = 12,500 „
  • 25,000 × 2 = 50,000 „
  • In 1 Jahr umgeschlagen = 63,750 Doll.“

(Scrope: Pol. Econ., edit. Alonzo Potter. New York 1841. p. 141, 142.)

6) Wirkliche und scheinbare Verschiedenheiten im Umschlag der verschiednen Theile des Kapitals. — Derselbe Scrope sagt an derselben Stelle: „Das Kapital, das ein Fabrikant, Landwirth oder Kaufmann in der Zahlung von Arbeitslöhnen auslegt, cirkulirt am schnellsten, da es vielleicht einmal in der Woche, wenn seine Leute wöchentlich bezahlt werden, durch die wöchentlichen Einkünfte aus seinen Verkäufen oder bezahlten Fakturen umgeschlagen wird. Das in Rohstoffen oder fertigen Vorräthen ausgelegte cirkulirt weniger rasch; es mag zweimal oder viermal im Jahr umschlagen, je nach der Zeit die zwischen dem Einkauf der einen und dem Verkauf der audern verbraucht wird, vorausgesetzt, dass er auf gleiche Kreditfrist kauft und verkauft. Das in Werkzeugen und Maschinen steckende Kapital cirkulirt noch langsamer, da es im Durchschnitt vielleicht nur einmal in fünf oder zehn Jahren umgeschlagen, d. h. konsumirt und erneuert wird; obwohl manche Werkzeuge schon in einer einzigen Reihe von Operationen aufgebraucht werden. Das in Gebäuden, z. B. Fabriken, Läden, Lagerhäusern, Scheunen, in Strassen, Bewässerungsanlagen etc. ausgelegte Kapital scheint überhaupt kaum zu cirkuliren. In der That aber werden auch diese Anlagen vollständig ebensosehr wie die früher erwähnten aufgebraucht während sie zur Produktion beitragen, und müssen reproducirt werden, damit der Producent seine Operationen fortführen kann. Nur mit dem Unterschied, dass sie langsamer konsumirt und reproducirt werden als die übrigen . . . . Das in ihnen angelegte Kapital schlägt vielleicht erst in 20 oder 50 Jahren um.“

Scrope verwechselt hier den durch Zahlungstermine und Kreditverhältnisse für den individuellen Kapitalisten bewirkten Unterschied im Fluss bestimmter Theile des flüssigen Kapitals mit den aus der Natur des Kapitals hervorgehenden Umschlägen. Er sagt, der Arbeitslohn muss wöchentlich gezahlt werden, durch die wöchentlichen Einkünfte aus den bezahlten Verkäufen oder Fakturen. Erstens ist hier zu bemerken, dass mit Bezug auf den Arbeitslohn selbst Unterschiede eintreten, je nach der Länge des Zahlungstermins, d. h. der Länge der Zeit, wofür der Arbeiter dem Kapitalisten Kredit zu geben hat; also jenachdem der Zahlungstermin des Lohns wöchentlich, monatlich, dreimonatlich, halbjährlich u. s. w. Es gilt hier das früher entwickelte Gesetz: „Die nothwendige Masse des Zahlungsmittels (also des auf einen Schlag vorzuschiessenden Geldkapitals) steht im umgekehrten Verhältniss zur Länge der Zahlungsperioden.“ (Buch I, Kap. III, 3, b) Seite 124.)

Zweitens: In das wöchentliche Produkt geht die Gesammtheit nicht nur des in seiner Produktion durch die Wochenarbeit zugesetzten Neuwerths ein, sondern ebenso der Werth der im Wochenprodukt aufgezehrten Roh- und Hülfsstoffe. Mit dem Produkt cirkulirt dieser in ihm enthaltne Werth. Durch den Verkauf dieses Produkts erhält er die Geldform und muss von neuem in dieselben Produktionselemente umgesetzt werden. Es gilt dies ebensowohl von der Arbeitskraft wie von Roh- und Hülfsstoffen. Aber man hat bereits gesehn (Kap. VI, 2, A), dass die Kontinuität der Produktion einen Vorrath von Produktionsmitteln erheischt, verschieden für verschiedne Geschäftszweige, und im selben Geschäftszweig wieder verschieden für verschiedne Bestandtheile dieses Elements des flüssigen Kapitals, z. B. für Kohle und Baumwolle. Obgleich daher diese Stoffe beständig in natura ersetzt werden müssen, brauchen sie nicht beständig neu gekauft zu werden. Wie oft sich der Kauf erneuert, hängt von der Grösse des angelegten Vorraths ab, wie lange er vorhält bis er erschöpft ist. Bei der Arbeitskraft findet solches Einlegen von Vorrath nicht statt. Die Rückverwandlung in Geld geht für den in Arbeit ausgelegten Kapitaltheil Hand in Hand mit der des in Hülfs- und Rohstoff ausgelegten. Aber die Rückverwandlung des Geldes, einerseits in Arbeitskraft, andrerseits in Rohstoffe, geht getrennt vor sich wegen der besondren Kauf- und Zahlungstermine dieser beiden Bestandtheile, von denen der eine als produktiver Vorrath in längeren Terminen gekauft wird, der andre, die Arbeitskraft, in kürzren, z. B. wöchentlich. Andrerseits muss der Kapitalist neben dem Produktionsvorrath einen Vorrath fertiger Waaren halten. Abgesehn von Verkaufsschwierigkeiten etc. ist z. B. eine bestimmte Masse auf Bestellung zu produciren. Während der letzte Theil derselben producirt wird, wartet der schon fertige auf dem Speicher bis zur Zeit, wo die Bestellung ganz ausgeführt werden kann. Andre Unterschiede im Umschlag des flüssigen Kapitals entstehn, sobald einzelne Elemente desselben länger als andre in einem vorläufigen Stadium des Produktionsprocesses (Austrocknung von Holz u. s. w.) verharren müssen.

Das Kreditwesen, auf das Scrope hier Bezug nimmt, wie das Handelskapital, modificirt den Umschlag für den einzelnen Kapitalisten. Auf gesellschaftlicher Stufenleiter modificirt es ihn nur, soweit es nicht nur die Produktion, sondern auch die Konsumtion beschleunigt.