Drittes Buch. Der Gesammtprocess der kapitalistischen Produktion. › Zweiter Abschnitt. Verwandlung des Profits in Durchschnittsprofit.

Zwölftes Kapitel. Nachträge.

2.146 Wörter · ≙ MEW 25, Kap. 12

Zwölftes Kapitel. Nachträge.

I. Ursachen, welche eine Aenderung im Produktionspreis bedingen.

Der Produktionspreis einer Waare kann nur variiren aus zwei Ursachen:

Erstens. Die allgemeine Profitrate ändert sich. Dies ist nur dadurch möglich, dass sich die Durchschnittsrate des Mehrwerths selbst ändert, oder, bei gleichbleibender durchschnittlicher Mehrwerthsrate, das Verhältniss der Summe der angeeigneten Mehrwerthe zur Summe des vorgeschossnen gesellschaftlichen Gesammtkapitals.

Soweit die Aenderung der Rate des Mehrwerths nicht auf Herunterdrücken des Arbeitslohns unter, oder dessen Steigen über, seinen normalen Stand beruht — und derartige Bewegungen sind nur als oscillatorische zu betrachten — kann sie nur stattfinden entweder dadurch, dass der Werth der Arbeitskraft sank oder stieg; das eine so unmöglich wie das andre ohne Veränderung in der Produktivität der Arbeit, die Lebensmittel producirt, also ohne Wechsel im Werth der Waaren, die in den Konsum des Arbeiters eingehn.

Oder das Verhältniss der Summe des angeeigneten Mehrwerths zum vorgeschossnen Gesammtkapital der Gesellschaft ändert sich. Da der Wechsel hier nicht von der Rate des Mehrwerths ausgeht, so muss er ausgehn vom Gesammtkapital, und zwar von seinem konstanten Theil. Dessen Masse, technisch betrachtet, vermehrt oder vermindert sich im Verhältniss zu der vom variablen Kapital gekauften Arbeitskraft, und die Masse seines Werths wächst oder fällt so mit dem Wachsthum oder der Abnahme seiner Masse selbst; sie wächst oder fällt also ebenfalls im Verhältniss zur Werthmasse des variablen Kapitals. Setzt dieselbe Arbeit mehr konstantes Kapital in Bewegung, so ist die Arbeit produktiver geworden. Wenn umgekehrt, umgekehrt. Also hat Wechsel in der Produktivität der Arbeit stattgefunden, und ein Wechsel muss vorgegangen sein im Werth gewisser Waaren.

Für beide Fälle also gilt dies Gesetz: Wechselt der Produktionspreis einer Waare in Folge eines Wechsels in der allgemeinen Profitrate, so kann zwar ihr eigner Werth unverändert geblieben sein. Es muss aber ein Werthwechsel mit andren Waaren vorgegangen sein.

Zweitens. Die allgemeine Profitrate bleibt unverändert. Dann kann der Produktionspreis einer Waare nur wechseln, weil ihr eigner Werth sich verändert hat; weil mehr oder weniger Arbeit erheischt ist, um sie selbst zu reproduciren, sei es dass die Produktivität der Arbeit wechselt, die die Waare selbst in ihrer letzten Form producirt, oder die, welche die Waaren producirt, die in ihre Produktion eingehn. Baumwollengarn kann im Produktionspreis fallen, entweder weil Rohbaumwolle wohlfeiler hergestellt wird, oder weil die Arbeit des Spinnens in Folge bessrer Maschinerie produktiver geworden ist.

Der Produktionspreis ist, wie früher gezeigt, = k + p, gleich Kostpreis und Profit. Dies aber ist = k + kp', wo k, der Kostpreis, eine unbestimmte Grösse, die für verschiedne Produktionssphären wechselt, und überall gleich ist dem Werth des in der Produktion der Waare verbrauchten konstanten und variablen Kapitals und p' die procentig berechnete Durchschnittsprofitrate. Ist k = 200, und p' = 20 %, so ist der Produktionspreis k + kp' = 200 + 20020100 = 200 + 40 = 240. Es ist klar, dass dieser Produktionspreis derselbe bleiben kann, obgleich der Werth der Waaren sich verändert.

Alle Wechsel im Produktionspreis der Waaren lösen sich auf in letzter Instanz in einen Werthwechsel; aber nicht alle Wechsel im Werth der Waaren brauchen sich in einem Wechsel des Produktionspreises auszudrücken, da dieser bestimmt ist nicht allein durch den Werth der besondren Waare, sondern durch den Gesammtwerth aller Waaren. Der Wechsel in Waare A kann also ausgeglichen sein durch einen entgegengesetzten der Waare B, sodass das allgemeine Verhältniss dasselbe bleibt.

II. Produktionspreis der Waaren mittlerer Zusammensetzung.

Man hat gesehn, wie die Abweichung der Produktionspreise von den Werthen dadurch entspringt:

1) dass zum Kostpreis einer Waare nicht der in ihr enthaltne Mehrwerth, sondern der Durchschnittsprofit hinzugeschlagen wird;

2) dass der so vom Werth abweichende Produktionspreis einer Waare als Element in den Kostpreis andrer Waaren eingeht, wodurch also schon im Kostpreis einer Waare eine Abweichung vom Werth der in ihr konsumirten Produktionsmittel enthalten sein kann, abgesehn von der Abweichung, die für sie selbst durch die Differenz zwischen Durchschnittsprofit und Mehrwerth hineinkommen kann.

Es ist hiernach also möglich, dass auch bei Waaren, die durch Kapitale mittlerer Zusammensetzung producirt werden, der Kostpreis abweichen kann von der Werthsumme der Elemente, aus denen dieser Bestandtheil ihres Produktionspreises sich zusammensetzt. Angenommen, die mittlere Zusammensetzung sei 80c + 20v. Es ist nun möglich, dass in den wirklichen Kapitalen, die so zusammengesetzt sind, 80c grösser oder kleiner ist als der Werth von c, dem konstanten Kapital, weil dies c durch Waaren gebildet ist, deren Produktionspreis abweicht von ihrem Werth. Ebenso könnte 20v von seinem Werth abweichen, wenn in den Verzehr des Arbeitslohns Waaren eingehn, deren Produktionspreis von ihrem Werth verschieden ist; der Arbeiter also zum Rückkauf dieser Waaren (ihrem Ersatz) mehr oder minder Arbeitszeit arbeiten, also mehr oder minder viel nothwendige Arbeit verrichten muss, als nöthig wäre, wenn die Produktionspreise der nothwendigen Lebensmittel mit ihren Werthen zusammenfielen.

Indess ändert diese Möglichkeit durchaus nichts an der Richtigkeit der für Waaren mittlerer Zusammensetzung aufgestellten Sätze. Das Quantum Profit, das auf diese Waaren fällt, ist gleich dem in ihnen selbst enthaltnen Quantum Mehrwerth. Z. B. bei obigem Kapital von der Zusammensetzung 80c + 20v ist das Wichtige für die Bestimmung des Mehrwerths, nicht ob diese Zahlen Ausdrücke der wirklichen Werthe, sondern wie sie sich zu einander verhalten; nämlich dass v = ⅕ des Gesammtkapitals, und c = ⅘ ist. Sobald dies der Fall, ist, wie oben angenommen, der von v erzeugte Mehrwerth gleich dem Durchschnittsprofit. Andrerseits: Weil er gleich dem Durchschnittsprofit ist, ist der Produktionspreis = Kostpreis + Profit = k + p = k + m, praktisch dem Werth der Waare gleichgesetzt. D. h. eine Erhöhung oder Erniedrigung des Arbeitslohns lässt k + p in diesem Fall ebenso unverändert, wie sie den Werth der Waare unverändert lassen würde, und bewirkt bloss eine entsprechende umgekehrte Bewegung, Erniedrigung oder Er höhung, auf Seite der Profitrate. Würde nämlich in Folge einer Erhöhung oder Erniedrigung des Arbeitslohns der Preis der Waaren hier verändert, so käme die Profitrate in diesen Sphären mittlerer Zusammensetzung über oder unter ihr Niveau in den andern Sphären zu stehn. Nur soweit der Preis unverändert bleibt, bewahrt die Sphäre mittlerer Zusammensetzung ihr Profitniveau mit den andern Sphären. Es findet also bei ihr praktisch dasselbe statt, als ob die Produkte dieser Sphäre zu ihrem wirklichen Werth verkauft würden. Werden Waaren nämlich zu ihren wirklichen Werthen verkauft, so ist es klar, dass bei sonst gleichen Umständen Steigen oder Sinken des Arbeitslohns entsprechendes Sinken oder Steigen des Profits, aber keinen Werthwechsel der Waaren hervorruft, und dass unter allen Umständen Steigen oder Sinken des Arbeitslohnes nie den Werth der Waaren, sondern stets nur die Grösse des Mehrwerths afficiren kann.

III. Kompensationsgründe des Kapitalisten.

Es ist gesagt worden, dass die Konkurrenz die Profitraten der verschiednen Produktionssphären zur Durchschnittsprofitrate ausgleicht und ebendadurch die Werthe der Produkte dieser verschiednen Sphären in Produktionspreise verwandelt. Und zwar geschieht dies durch fortwährende Uebertragung von Kapital aus einer Sphäre in die andre, wo augenblicklich der Profit über dem Durchschnitt steht; wobei jedoch in Betracht kommen die mit dem Wechsel der magern und fetten Jahre, wie sie in einem gegebnen Industriezweig innerhalb einer gegebnen Epoche einander folgen, verbundnen Profitschwankungen. Diese ununterbrochne Aus- und Einwanderung des Kapitals, die zwischen verschiednen Sphären der Produktion stattfindet, erzeugt steigende und fallende Bewegungen der Profitrate, die sich gegenseitig mehr oder weniger ausgleichen und dadurch die Tendenz haben, die Profitrate überall auf dasselbe gemeinsame und allgemeine Niveau zu reduciren.

Diese Bewegung der Kapitale wird in erster Linie stets verursacht durch den Stand der Marktpreise, die die Profite hier über das allgemeine Niveau des Durchschnitts erhöhen, dort sie darunter hinabdrücken. Wir sehn einstweilen noch ab vom Kaufmannskapital, womit wir hier noch nichts zu thun haben, und das, wie die plötzlich emporschiessenden Paroxysmen der Spekulation in gewissen Lieblingsartikeln zeigen, mit ausserordentlicher Schnelligkeit Kapitalmassen aus einer Geschäftsbranche ziehn und sie ebenso plötzlich in eine andre werfen kann. Aber in jeder Sphäre der eigentlichen Produktion — Industrie, Ackerbau, Bergwerke etc. — bietet die Uebertragung von Kapital aus einer Sphäre in die andre bedeutende Schwierigkeit, besonders wegen des vorhandnen fixen Kapitals. Zudem zeigt die Erfahrung, dass wenn ein Industriezweig, z. B. die Baumwollindustrie, zu einer Zeit ausserordentlich hohe Profite abwirft, er dann auch zu einer andern Zeit sehr geringen Profit oder gar Verlust bringt, sodass in einem gewissen Cyklus von Jahren der Durchschnittsprofit ziemlich derselbe ist wie in andern Zweigen. Und mit dieser Erfahrung lernt das Kapital bald rechnen.

Was aber die Konkurrenz nicht zeigt, das ist die Werthbestimmung, die die Bewegung der Produktion beherrscht; das sind die Werthe, die hinter den Produktionspreisen stehn und sie in letzter Instanz bestimmen. Die Konkurrenz zeigt dagegen: 1) die Durchschnittsprofite, die unabhängig sind von der organischen Zusammensetzung des Kapitals in den verschiednen Produktionssphären, also auch von der Masse der. von einem gegebnen Kapital in einer gegebnen Exploitationssphäre angeeigneten lebendigen Arbeit; 2) Steigen und Fallen der Produktionspreise in Folge von Wechsel in der Höhe des Arbeitslohns — eine Erscheinung, die dem Werthverhältniss der Waaren auf den ersten Blick durchaus widerspricht; 3) Schwankungen der Marktpreise, die den Durchschnitts-Marktpreis der Waaren in einer gegebnen Zeitperiode reduciren, nicht auf den Marktwerth, sondern auf einen von diesem Marktwerth abweichenden, sehr verschiednen Markt-Produktionspreis. Alle diese Erscheinungen scheinen ebensosehr der Bestimmung des Werths durch die Arbeitszeit, wie der aus unbezahlter Mehrarbeit bestehenden Natur des Mehrwerths zu widersprechen. Es erscheint also in der Konkurrenz alles verkehrt. Die fertige Gestalt der ökonomischen Verhältnisse, wie sie sich auf der Oberfläche zeigt, in ihrer realen Existenz, und daher auch in den Vorstellungen, worin die Träger und Agenten dieser Verhältnisse sich über dieselben klar zu werden suchen, sind sehr verschieden von, und in der That verkehrt, gegensätzlich zu, ihrer innern, wesentlichen, aber verhüllten Kerngestalt und dem ihr entsprechenden Begriff.

Ferner: Sobald die kapitalistische Produktion einen gewissen Entwicklungsgrad erreicht hat, geht die Ausgleichung zwischen den verschiednen Profitraten der einzelnen Sphären zu einer allgemeinen Profitrate keineswegs bloss noch vor sich durch das Spiel der Attraktion und Repulsion, worin die Marktpreise Kapital anziehn oder abstossen. Nachdem sich die Durchschnittspreise und, ihnen entsprechende, Marktpreise für eine Zeitlang befestigt haben, tritt es in das Bewusstsein der einzelnen Kapitalisten, dass in dieser Ausgleichung bestimmte Unterschiede ausgeglichen werden, sodass sie dieselben gleich in ihrer wechselseitigen Berechnung einschliessen. In der Vorstellung der Kapitalisten leben sie und werden von ihnen in Rechnung gebracht als Kompensationsgründe.

Die Grundvorstellung dabei ist der Durchschnittsprofit selbst, die Vorstellung, dass Kapitale von gleicher Grösse in denselben Zeitfristen gleich grosse Profite abwerfen müssen. Ihr liegt wieder die Vorstellung zu Grunde, dass das Kapital jeder Produktionssphäre pro rata seiner Grösse Theil zu nehmen hat an dem, von dem gesellschaftlichen Gesammtkapital den Arbeitern ausgepressten Gesammtmehrwerth; oder dass jedes besondre Kapital nur als Stück des Gesammtkapitals, jeder Kapitalist in der That als Aktionär in dem Gesammtunternehmen zu betrachten ist, der pro rata der Grösse seines Kapitalantheils am Gesammtprofit sich betheiligt.

Auf diese Vorstellung stützt sich dann die Berechnung des Kapitalisten, z. B. dass ein Kapital, welches langsamer umschlägt, weil entweder die Waare länger im Produktionsprocess verharrt, oder weil sie auf entfernten Märkten verkauft werden muss, den Profit, der ihm dadurch entgeht, dennoch anrechnet, sich also durch Aufschlag auf den Preis entschädigt. Oder aber, dass Kapitalanlagen, die grössern Gefahren ausgesetzt sind, wie z. B. in der Rhederei, eine Entschädigung durch Preisaufschlag erhalten. Sobald die kapitalistische Produktion, und mit ihr das Assekuranzwesen entwickelt ist, ist die Gefahr in der That für alle Produktionssphären gleich gross (s. Corbett); die gefährdeteren zahlen aber die höhere Assekuranzprämie und erhalten sie im Preis ihrer Waaren vergütet. In der Praxis kommt dies alles darauf hinaus, dass jeder Umstand, der eine Kapitalanlage — und alle gelten für gleich nothwendig, innerhalb gewisser Schranken — weniger, und eine andre mehr profitlich macht, als ein für allemal gültiger Kompensationsgrund in Rechnung gebracht wird, ohne dass es immer von neuem wieder der Thätigkeit der Konkurrenz bedürfte, um die Berechtigung solches Motivs oder Berechnungsfaktors darzuthun. Nur vergisst der Kapitalist — oder sieht vielmehr nicht, da die Konkurrenz ihm das nicht zeigt — dass alle diese, in der wechselseitigen Berechnung der Waarenpreise verschiedner Produktionszweige von den Kapitalisten gegen einander geltend gemachten Kompensations gründe sich bloss darauf beziehn, dass sie alle, pro rata ihres Kapitals, gleich grossen Anspruch haben auf die gemeinschaftliche Beute, den Total-Mehrwerth. Ihnen scheint vielmehr, da der von ihnen einkassirte Profit verschieden von dem von ihnen ausgepressten Mehrwerth, dass seine Kompensationsgründe nicht die Betheiligung am Gesammtmehrwerth ausgleichen, sondern den Profit selbst schaffen, indem dieser einfach aus dem so oder so motivirten Aufschlag auf den Kostpreis der Waaren herstamme.

Im Uebrigen gilt auch für den Durchschnittsprofit, was in Kap. VII, S 116 gesagt wurde über die Vorstellungen des Kapitalisten von der Quelle des Mehrwerths. Hier stellt sich die Sache nur in soweit anders dar, dass bei gegebnem Marktpreis der Waaren und gegebner Exploitation der Arbeit, die Ersparung in den Kostpreisen von individuellem Geschick, Aufmerksamkeit etc. abhängt.