Der Apparat · 9 Leben

Die Personen.

Wer dieses Buch schrieb, finanzierte, abschrieb, übersetzte — und wer dagegenhielt. Kurzporträts, quellengeprüft.

Karl Marx, Fotografie von John Mayall

Karl Marx

1818–1883

Ein promovierter Philosoph, der nie einen Lehrstuhl bekam, ein Journalist, dem man reihenweise die Zeitungen verbot, ein Staatenloser, der drei Länder hinter sich hatte, bevor er dreißig war: So kam Marx im August 1849 in London an — für ein paar Monate, dachte er. Er blieb 34 Jahre. Die ersten davon waren die härtesten: In zwei Zimmern über einem Delikatessenladen in der Dean Street lebte die siebenköpfige Familie; drei Kinder starben dort. Der preußische Spitzel, der 1852 die Wohnung besichtigte, notierte Staub, kaputte Stühle — und einen Hausherrn, der mitten im Chaos vollkommen unbeirrt arbeitete. Vormittags Schreibtisch, nachmittags der Lesesaal des British Museum, dessen Kuppel er über Jahre mit Auszügen aus Blaubüchern und Fabrikinspektorenberichten füllte — der empirische Unterbau, der das Kapital von reiner Theorie unterscheidet. Bezahlt wurde das nicht: Zeitungshonorare, Pfandleihe — und Engels, der jahrzehntelang Fünf-Pfund-Noten aus Manchester schickte, oft zerschnitten auf zwei Briefe verteilt, damit die Post sie nicht stahl. Dazu ein Körper, der streikte. „Ich hoffe, die Bourgeoisie wird sich zeitlebens meiner Karbunkel erinnern“, schrieb er 1867, als Band 1 endlich fertig war. Die letzten Jahre nahmen ihm alles: 1881 starb Jenny, Anfang 1883 die älteste Tochter. Zwei Monate später fand Helene Demuth ihn tot im Sessel.

  • ·1818: geboren am 5. Mai in Trier
  • ·1849: Ankunft im Londoner Exil (Dean Street, Soho)
  • ·1852: Dauerplatz im Lesesaal des British Museum
  • ·1864: Mitbegründer der Internationalen Arbeiterassoziation
  • ·1867: Das Kapital, Band 1, erscheint bei Meissner in Hamburg
  • ·1883: gestorben am 14. März in London (Highgate Cemetery)

Ohne den Lesesaal des British Museum und Engels' Schecks gäbe es das Buch nicht — das Kapital ist die Frucht von zwei Jahrzehnten Exil, Armut und Aktenstudium.

Quellen: MEW-Briefwechsel; marxists.org; Britannica

Friedrich Engels, Fotografie

Friedrich Engels

1820–1895

Der Mann, der den Kapitalismus sezierte, verdiente sein Geld damit. Engels, Sohn eines Barmer Textilfabrikanten, ging 1842 in die väterliche Firma nach Manchester — offiziell zur Ausbildung, tatsächlich, um sich von der Arbeiterin Mary Burns die Elendsquartiere zeigen zu lassen; das Ergebnis war „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, geschrieben mit 24. Ab 1850 kehrte er für zwanzig Jahre an denselben Kontorstuhl zurück, diesmal mit Absicht: Die Firma sollte Marx finanzieren. Ein Doppelleben mit zwei Adressen — die repräsentative Wohnung für Geschäftsfreunde und Börse, die andere für Mary Burns und die Genossen; dazwischen ritt er mit der Cheshire Hunt zur Fuchsjagd. Als er 1869 ausgekauft wurde, sah Eleanor Marx ihn den Stock in die Luft werfen und über das Feld tanzen: „Zum letzten Mal!“ Sein eigentliches Lebenswerk kam danach: Marx hinterließ 1883 einen Wust schwer lesbarer Manuskripte. Engels entzifferte, ordnete, ergänzte — und veröffentlichte daraus 1885 Band 2 und 1894, schon halb erblindet, Band 3. Das war Editionsleistung und Interpretationsentscheidung zugleich; die Forschung streitet bis heute, wie viel Engels darin steckt. Er starb 1895; die Asche wurde bei Beachy Head ins Meer gestreut.

  • ·1820: geboren am 28. November in Barmen
  • ·1842: erster Manchester-Aufenthalt bei Ermen & Engels
  • ·1845: Die Lage der arbeitenden Klasse in England
  • ·1869: Ausstieg aus der Firma, ab 1870 in London
  • ·1885/1894: Herausgabe von Band 2 und Band 3
  • ·1895: gestorben am 5. August in London

Er finanzierte Band 1 und schuf Band 2 und 3 — ohne ihn wäre das Kapital ein Torso in Marx' Handschrift geblieben.

Quellen: T. Hunt: The Frock-Coated Communist; Engels' Vorworte zu Bd. II/III

Jenny Marx, geb. von Westphalen

1814–1881

Eine preußische Adelstochter, vier Jahre älter als er, in Trier die begehrteste Partie — und sie wartete sieben Jahre auf die Verlobung mit dem Nachbarssohn. Was folgte, war das Gegenteil des Erwarteten: Ausweisungen aus Paris und Brüssel, Pfandleihe, der Tod von vier Kindern. Sie war nicht bloß Zeugin: Marx' Handschrift war für Setzer unlesbar; Jenny fertigte die Reinschriften an, korrespondierte mit Verlegern, verhandelte Honorare — und schrieb selbst Theaterkritiken. Sie starb im Dezember 1881; Marx war zu krank, um am Grab zu stehen, und überlebte sie um fünfzehn Monate.

  • ·1814: geboren am 12. Februar in Salzwedel
  • ·1843: Heirat mit Karl Marx in Kreuznach
  • ·1850–1856: Elendsjahre in der Dean Street, Soho
  • ·1881: gestorben am 2. Dezember in London

Große Teile der Manuskripte auf dem Weg zum Kapital existieren nur, weil sie Marx' Schrift in setzbare Reinschrift übertrug.

Quellen: marxists.org (Familie); Wikipedia

Nikolai Danielson

1844–1918

Der erste Übersetzer des Kapitals war ein Petersburger Bankangestellter. Danielson begann die Arbeit mit German Lopatin; als der abreiste, um Tschernyschewski aus Sibirien zu befreien, führte er sie allein zu Ende. Im April 1872 erschien die russische Ausgabe — die erste Übersetzung überhaupt, ausgerechnet unter der Zensur des Zarenreichs, die das Buch für harmlose Gelehrsamkeit hielt. Danielson blieb Marx' wichtigster russischer Korrespondent und übersetzte später auch Band 2 und 3. Als Narodnik hoffte er, Russland könne den Kapitalismus über die Dorfgemeinde überspringen.

  • ·1844: geboren am 7. Februar in St. Petersburg
  • ·1872: erste russische Ausgabe von Band 1
  • ·1885/1896: Übersetzung der Bände 2 und 3
  • ·1918: gestorben am 13. Juli in Petrograd

Seine Übersetzung machte Russland zum ersten Massenpublikum des Kapitals; Marx' Interesse an der Dorfgemeinde — siehe der Sassulitsch-Weg im Torso — geht auf diese Korrespondenz zurück.

Quellen: Slavic Review: Das Kapital Comes to Russia; Wikipedia

Johann Heinrich von Thünen, Porträt

Johann Heinrich von Thünen

1783–1850

Ein mecklenburgischer Gutsherr, der vierzig Jahre lang jeden Fuhrlohn, jeden Scheffel und jeden Arbeitstag seines Guts Tellow in Bücher eintrug — und aus diesen Zahlen die erste räumliche Wirtschaftstheorie destillierte. „Der isolirte Staat“ legt eine Stadt in eine gleichförmige Ebene und zeigt, wie allein Transportkosten konzentrische Ringe der Bodennutzung erzwingen. Sein eigentliches Anliegen war der „naturgemäße Lohn“ — die Formel ließ er auf seinen Grabstein meißeln. Seinen Arbeitern zahlte er tatsächlich Gewinnbeteiligung.

  • ·1783: geboren am 24. Juni im Wangerland
  • ·1810: Übernahme des Guts Tellow, Beginn der Aufzeichnungen
  • ·1826: Der isolirte Staat, Band 1
  • ·1850: gestorben am 22. September in Tellow

Marx spottet über Thünens Lohnformel, nennt ihn aber einen ehrlichen Forscher — einer der wenigen deutschen Ökonomen, die er ernst nahm. Sein Werk steht nebenan in der Bibliothek.

Quellen: Britannica; Gabler Wirtschaftslexikon

Friedrich List, Lithographie

Friedrich List

1789–1846

Der schärfste bürgerliche Gegenspieler der Freihandelslehre in Deutschland — und ein Mann, den sein Land systematisch zerrieb. List verlor den Tübinger Lehrstuhl, saß wegen seiner Reformschriften auf dem Hohenasperg, wanderte in die USA aus und kam als Eisenbahn-Pionier zurück. 1841 erschien „Das nationale System der politischen Ökonomie“: Erziehungszoll statt Freihandel, Produktivkräfte statt Tauschwerte. Anerkennung brachte ihm das kaum: Verschuldet, krank und an seinen gescheiterten Plänen verzweifelnd, erschoss er sich 1846 in Kufstein.

  • ·1789: geboren am 6. August in Reutlingen
  • ·1822: Festungshaft auf dem Hohenasperg, dann Emigration
  • ·1841: Das nationale System der politischen Ökonomie
  • ·1846: Suizid am 30. November in Kufstein

Marx schrieb 1845 eine wütende Kritik an Lists Buch — Lists „Produktivkräfte“ sind einer der wenigen Begriffe, die er von einem Gegner übernahm.

Quellen: Britannica; Wikipedia

Ferdinand Lassalle, Fotografie

Ferdinand Lassalle

1825–1864

Der Gegenspieler, den Marx nicht loswurde. Lassalle, Breslauer Kaufmannssohn, Anwalt und geborener Bühnenmensch, wurde 1863 Gründungspräsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins — der ersten deutschen Arbeiterpartei. Sein Weg war der entgegengesetzte zu Marx': Staatshilfe für Genossenschaften, allgemeines Wahlrecht, Geheimgespräche mit Bismarck. Das Ende passte zum Leben: Um die 18-jährige Helene von Dönniges forderte er deren Verlobten zum Pistolenduell, wurde bei Genf in den Unterleib getroffen und starb drei Tage später — mit 39.

  • ·1825: geboren am 11. April in Breslau
  • ·1863: Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
  • ·1864: Duell am 28. August bei Carouge, gestorben am 31. August

Lassalles „ehernes Lohngesetz“ ist die Position, gegen die Marx seine Lohntheorie abgrenzt. Seine Steuer-Streitschrift steht in der Bibliothek.

Quellen: Wikipedia; vorwaerts.de

Gustav Schmoller, Porträtfotografie

Gustav Schmoller

1838–1917

Der Mann, der die deutsche Nationalökonomie eine Generation lang beherrschte — und abstrakte Theorie ablehnte, egal ob sie aus Manchester oder von Marx kam. Wirtschaft wollte er historisch, statistisch, im Einzelfall erforschen: Zunftordnungen und Gewerbestatistiken statt Deduktion. 1873 Mitgründer des Vereins für Socialpolitik — Sozialreform von oben, um der Sozialdemokratie den Boden zu entziehen; die Gegner nannten das „Kathedersozialismus“. Gegen Carl Menger führte er ab 1883 den Methodenstreit. Von seinem Berliner Lehrstuhl aus entschied er drei Jahrzehnte über akademische Karrieren.

  • ·1838: geboren am 24. Juni in Heilbronn
  • ·1873: Mitbegründer des Vereins für Socialpolitik
  • ·1883: Beginn des Methodenstreits mit Menger
  • ·1917: gestorben am 27. Juni in Bad Harzburg

Die Historische Schule war die akademische Antwort auf das Kapital: Sozialreform statt Revolution, Empirie statt Werttheorie. Drei seiner Werke stehen in der Bibliothek.

Quellen: Wikipedia; Gabler Wirtschaftslexikon

Max Weber, Porträtfotografie

Max Weber

1864–1920

Ein Ausnahmetalent, das mit 33 zusammenbrach: Nach einem heftigen Streit mit dem Vater, der Wochen später starb, verfiel Weber in eine jahrelange Erschöpfungskrankheit und legte 1903 die Professur nieder. Aus dieser Stille kam sein bekanntestes Werk: „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ — die These, dass die innerweltliche Askese des Calvinismus jene rastlose Erwerbsdisziplin hervorbrachte, die der Kapitalismus als „stahlhartes Gehäuse“ fortführte. Das war Ergänzung wie Gegenrede zu Marx: Ideen als eigenständige Kraft neben den ökonomischen Verhältnissen. 1919 nahm er die Lehre wieder auf; ein Jahr später starb er an einer Lungenentzündung.

  • ·1864: geboren am 21. April in Erfurt
  • ·1897: Zusammenbruch, jahrelange Arbeitsunfähigkeit
  • ·1904/05: Die protestantische Ethik
  • ·1920: gestorben am 14. Juni in München

Weber dachte lebenslang mit und gegen Marx — die Redlichkeit eines Gelehrten, soll er gesagt haben, messe sich daran, wie er sich zu Marx und Nietzsche stelle (Überlieferung nach Baumgarten). Drei seiner Reden stehen in der Bibliothek.

Quellen: Wikipedia; Britannica; Baumgarten (Überlieferung)

Kuratiert aus quellengeprüfter Opus-Agentenrecherche (08/2026). Lebensdaten gegen Britannica/Wikipedia/marxists.org verifiziert.