Der Apparat · Rezeptionsgeschichte

Der Realitäts-Kommentar.

Dieselbe Stelle, zwei Schulungssysteme: Was das DDR-Parteilehrjahr aus einem Absatz machte — und was Gewerkschaftsschulung, bpb und die Frankfurter Neue Marx-Lektüre im Westen daraus lasen. Acht Fälle, jeder mit Quelle.

Zur QuellenlageDie DDR-Lehrbücher sind online kaum im Volltext greifbar; das Georg-Eckert-Institut digitalisiert seit 2025 rund 1.000 DDR-Schulbücher (GEI-Digital). Dieser Kommentar stützt sich deshalb auf verifizierte Sekundär- und Primärquellen (bpb, FES-Digitalisate, De Gruyter) und verzichtet auf jede nicht belegbare Lehrbuchformel. Wo nur der Lehrsatz-Typ rekonstruierbar ist, steht das dabei.

1 · Der Mehrwert

Bd. I · Die Produktion des absoluten Mehrwerts

Osten · Parteilehrjahr

Kern des Pflichtfachs Staatsbürgerkunde (Klassen 9/10): „politische Ökonomie des Kapitalismus und des Sozialismus“ als Schulstoff, der Marxismus-Leninismus als „einzige Bezugswissenschaft“. Der Mehrwert wurde als bewiesenes Fundament gelehrt, nicht als These.

Westen · Schulung & Kritik

Die bpb-Würdigung zum 150. Jubiläum (Ulrike Herrmann, APuZ 2017) referiert den Mehrwert mit eingebauter Sollbruchstelle: Marx habe nicht erklären können, wie Mehrwert in Marktpreise übergeht — das Transformationsproblem wird gleich mitgeliefert.

2 · Die Arbeitswertlehre

Bd. I · Ware und Geld

Osten · Parteilehrjahr

Gesetzt als bewiesene Grundlage: Wert ist gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit — Ausgangspunkt jeder ML-Schulung, nicht Diskussionsgegenstand.

Westen · Schulung & Kritik

Herrmann (bpb 2017) entzaubert per Ideengeschichte: Die Arbeitswertlehre stamme gar nicht von Marx, sondern von den liberalen Ökonomen Smith und Ricardo — aus der Entdeckung wird eine Übernahme.

3 · Die „Verelendung“

Bd. I · Das allgemeine Gesetz der Akkumulation

Osten · Parteilehrjahr

Bester belegter Fall: Der ML-Kanon lehrte absolute und relative Verelendung (nach Lenin). Den empirischen Unterbau lieferte Jürgen Kuczynskis 40-bändige „Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus“ (Akademie-Verlag, ab 1960) — Kuczynski bestritt ausdrücklich, die absolute Verelendung sei bloß eine neutralisierbare Tendenz.

Westen · Schulung & Kritik

Die DGB-Zeitschrift Gewerkschaftliche Monatshefte druckte schon 1958 Ernst Böses Abrechnung „Das Elend der Verelendungstheorie“: Die Theorie sei ein „Ladenhüter der Marx-Epigonen“ — und Marx habe mit seiner Akkumulationstheorie eher Keynes vorweggenommen als ein Elendsgesetz aufgestellt.

4 · Das „historische und moralische Element“ des Lohns

Bd. I · Wert der Arbeitskraft

Osten · Parteilehrjahr

In der Kanon-Lesart nachrangig — der Lehrsatz von der sinkenden Lage der Arbeiter vertrug keine Stelle, an der Marx den Reallohn für steigerungsfähig erklärt.

Westen · Schulung & Kritik

Genau diese Stelle war Böses Hauptbeweis (GMH 1958): Die Wertbestimmung der Arbeitskraft enthält ein historisches und moralisches Element, der Reallohn kann wachsen — und die Gewerkschaften sollen die Beschäftigten und Unbeschäftigten planmäßig zusammenwirken lassen. Marx als Kronzeuge für Tarifpolitik, gegen den ML.

5 · Die industrielle Reservearmee

Bd. I · Akkumulation und Reservearmee

Osten · Parteilehrjahr

Gelesen als Etappe auf dem gesetzmäßigen Zusammenbruchspfad des Kapitalismus.

Westen · Schulung & Kritik

Böse destilliert daraus eine nüchterne Beschäftigungstheorie: Marx zeige, dass die kapitalistische Wirtschaft akkumuliert, aber auf Dauer nicht vollbeschäftigt ist — Marx als Theoretiker der Arbeitslosigkeit, nicht als Prophet des Elends.

6 · Der Fetischcharakter der Ware

Bd. I · Der Fetischcharakter

Osten · Parteilehrjahr

Im ML-Kanon weitgehend marginalisiert — die Wertform-Analyse galt als hegelianischer Ballast, der vom Klassenkampf ablenkt.

Westen · Schulung & Kritik

In Frankfurt wurde genau dieser Abschnitt zum Zentrum: Die Adorno-Schüler Backhaus und Reichelt (Neue Marx-Lektüre, ab 1968) stellten Fetisch, Verkehrung und Verdinglichung ins Zentrum — ausdrücklich gegen den Parteimarxismus und dessen Verflachung zu Klassenkampfparolen. Backhaus arbeitete dafür mit der Erstauflage von 1867.

7 · Das „ökonomische Grundgesetz des Kapitalismus“

Keine Fundstelle im Werk

Osten · Parteilehrjahr

Steht gar nicht im Kapital: Stalin formulierte 1952 („Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“) das Grundgesetz vom Maximalprofit; es ging in das „Lehrbuch Politische Ökonomie“ ein (deutsch: Dietz, Berlin 1955, besorgt vom Marx-Engels-Lenin-Stalin-Institut beim ZK der SED). Nach 1956 verlor Stalin den Klassikerstatus — das Theorem blieb länger als sein Autor.

Westen · Schulung & Kritik

Kein westliches Pendant — das Grundgesetz-Theorem galt umgekehrt als Beleg, dass in der DDR-Schulung nicht Marx gelehrt wurde, sondern Stalin.

8 · Die Kanonisierung selbst

Keine Fundstelle im Werk

Osten · Parteilehrjahr

Die Werke von Marx, Engels und Lenin „wurden kanonisiert“ (Stefan Wolle, bpb): ML-Pflichtprüfungen für alle Studenten, Schulungen auf allen Ausbildungsebenen, Wahrheitsmonopol der Partei.

Westen · Schulung & Kritik

Der DGB gründete 1972 sein Bildungswerk; die Bildungsarbeit wurde unter dem Einfluss der Studentenbewegung auf sozialwissenschaftliche Grundlage gestellt — Marx als Gegenstand, nicht als Katechismus. Und die schärfste Marx-Lektüre gegen den Kanon kam aus der DDR selbst: Havemann und Bahro maßen mit den Originalwerken „die Realität an dem Anspruch“.