Der Apparat · 15 belegte Vorgänge
Der Zensor liest mit.
Die Behördengeschichte dieses Buchs — von der Petersburger Freigabe von 1872 (»es liest ohnehin niemand«) bis zu den Scheiterhaufen von 1933. Nur belegte Vorgänge, jede Angabe mit Quelle.

- 1872St. Petersburg · Zensurkomitee · Zensor D. P. Skuratow
Freigabe der russischen Übersetzung (Lopatin/Danielson, Verlag Poljakow) — der ersten Übersetzung des Kapitals überhaupt. Skuratow stufte das Buch ausdrücklich als „offen sozialistisch“ ein, hielt es aber wegen Umfang und Schwierigkeit für ungefährlich. Auflage: 3.000 Exemplare, dreimal so viel wie die deutsche Erstauflage — binnen eines Jahres nahezu vergriffen.
„Wenige werden es in Russland lesen, und noch weniger werden es verstehen.“ (немногие прочтут её в России, а ещё менее поймут)
Quelle: A. Resis: Das Kapital Comes to Russia, Slavic Review 29 (1970), S. 219 ff.; Russische Nationalbibliothek (Haus Plechanow)
- 1872St. Petersburg · Hauptverwaltung für PresseangelegenheitenQuellenlage unsicher
Begründung der Nicht-Verfolgung, referiert in Danielsons Brief an Marx vom 23. Mai (4. Juni) 1872: Der Verfasser sei zwar „seiner Überzeugung nach ganz Sozialist“, doch sei die Darstellung „keineswegs allgemein zugänglich“ und die Beweisführung „durchweg in streng mathematisch-wissenschaftliche Form gekleidet“. Wortlaut nur sekundär überliefert.
…изложение отнюдь не может быть названо общедоступным… способ доказательства облечён всюду в строго математическую научную форму…
Quelle: Danielson an Marx, 23.5./4.6.1872 (sekundär); S. Saraljewa, ‚Kapital‘ K. Marxa i rabotscheje dwischenije Rossii
- 1872St. Petersburg · Zensur
Wenige Wochen nach der Kapital-Freigabe: Verbot des Kommunistischen Manifests, dazu eine Verwarnung der Zeitschrift „Otetschestwennyje sapiski“ wegen einer zustimmenden Besprechung. Die Freigabe war kein Kurswechsel — sie war eine Fehleinschätzung genau dieses einen Buchs.
Quelle: A. Resis: Das Kapital Comes to Russia, Slavic Review 29 (1970)
- 1873London · — (Marx selbst)
Marx quittiert den Vorgang trocken im Nachwort zur zweiten deutschen Auflage: „Die vortreffliche russische Übersetzung des ‚Kapital‘ erschien im Frühjahr 1872 in Petersburg. Die Auflage von 3000 Exemplaren ist bereits jetzt nahezu vergriffen.“ 1880 an Sorge: Nirgends werde das Kapital „mehr gelesen und geschätzt“ als in Russland.
Quelle: Nachwort zur 2. Aufl., 24.1.1873 (textlog.de); Marx an F. A. Sorge 1880, zit. n. Resis
- 1878Deutsches Reich · Sozialistengesetz
Verboten wird die Popularisierung, nicht das Original: Johann Mosts Volksauszug „Kapital und Arbeit“ fällt am 3.12.1878 unter das Sozialistengesetz — wie rund 1.300 Druckschriften bis 1890. Für ein Verbot des Originalwerks selbst fand sich kein Beleg; ob das Kalkül oder Lücke war, geben die Quellen nicht her.
Quelle: marx200.org (Popularisierungsgeschichte); Literatur zum Sozialistengesetz 1878–1890
- 1894Russisches Reich · Index librorum für öffentliche Bibliotheken (Beschluss vom 1.1.1894)
Die Kehrtwende nach 22 Jahren: Band 1 (1872) und Band 2 (1885) werden aus öffentlichen Bibliotheken und Lesehallen entfernt — die erste systematische Marx-Zensur des Zarenreichs, gedruckt nur für den Dienstgebrauch. Man hatte bemerkt, dass es eben doch gelesen wurde.
Quelle: Index librorum 1894 (Exemplarnachweis Peter Harrington, London)
- 1896/97St. Petersburg · ZensurQuellenlage unsicher
Band 3 der russischen Ausgabe (Übersetzung Danielson) wird nach dem Druck 1896 zunächst zurückgehalten; Freigabe erst 1897.
Quelle: Auktionsnachweis litfund.ru (Ausgabenbeschreibung)
- 1933Deutschland · Deutsche Studentenschaft · Aktion „Wider den undeutschen Geist“
10. Mai 1933: Marx steht namentlich im ersten Feuerspruch der Bücherverbrennungen — „Gegen Klassenkampf und Materialismus … Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.“ Grundlage waren die „Schwarzen Listen“ Wolfgang Herrmanns, auf denen Marx zu den 15 Autoren zählte, deren Verbrennung für verbindlich erklärt wurde.
„Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.“
Quelle: buecherverbrennung.de (Feuersprüche); Bundesarchiv, Geschichtsgalerie 10. Mai 1933

Bücherverbrennung in Berlin, 10. Mai 1933 — Fotograf unbekannt, 1933 (US Holocaust Memorial Museum / Wikimedia Commons, gemeinfrei) - 1935Deutsches Reich · Reichsschrifttumskammer
„Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ (Auftrag vom 25.4.1935): Marx und Engels werden mit dem Gesamtwerk erfasst — eine von 149 Komplett-Verbannungen unter über 4.500 Einträgen; Grundlage der bibliotheksweiten „Säuberungen“.
Quelle: berlin.de/verbannte-buecher; Chronik NS-Zeit Univ. Greifswald
- 1936Athen · Metaxas-Diktatur
8. und 16. August 1936, vier Tage nach dem Putsch beginnend: öffentliche Bücherverbrennungen nach NS-Vorbild, ausdrücklich einschließlich „des gesamten Werks von Karl Marx“ — Generalprobe an den Propyläen der Universität Athen.
Quelle: metaxas-project.com (Book burnings under Metaxas rule)
- 1938–1965Türkei · Einparteienregime / Art. 141–142 tStGB
Explizites Verbot des Kapitals 1938; die aus dem faschistischen Italien übernommenen Strafartikel trugen Übersetzerverfolgungen und Beschlagnahmen. Aufhebung 1965 auf Antrag der Arbeiterpartei TİP — die erste vollständige türkische Übersetzung erscheint 1965–67, fast hundert Jahre nach dem Original.
Quelle: Işıklar Koçak / Tahir Gürçağlar: The Turkish Retranslations of Marx's Das Kapital (Springer 2019)
- 1939Spanien · Falange-Studentenverband SEU / Pressegesetz 1938Quellenlage unsicher
Bücherverbrennung zur „Fiesta del Libro“ 1939, unter anderem mit Marx-Schriften; bis 1966 unterlag in Franco-Spanien jedes Buch der staatlichen Vorzensur. Ein spezifischer Nachweis für „El Capital“ als verbrannten Einzeltitel fehlt.
Quelle: The Conversation: Franco's invisible legacy (2019); Pressegesetz 1938
- 1953USA / weltweit · State Department · USIS-Bibliotheken (McCarthy-Ära)Quellenlage unsicher
Cohn und Schine erwirken die Entfernung von rund 30.000 „prokommunistischen“ Büchern aus 196 Auslandsbibliotheken; einzelne Bibliotheken verbrennen Bestände. Die Weisung nannte pauschal „any communists, fellow travelers, etc.“ — mangels Kriterien traf es auch Steinbeck und Thoreau. Ob das Kapital selbst darunter war, ist nicht belegt; belegt ist die Willkür der Direktive. Eisenhower, 14.6.1953: „Don't join the book burners.“
Quelle: FRUS 1952–54, Bd. II; Eisenhower-Rede Dartmouth College
- 1966Indonesien · MPRS-Beschluss XXV/1966Quellenlage unsicher
Generalverbot der Verbreitung von „Kommunismus/Marxismus-Leninismus“ nach den Massakern von 1965/66 — Bücher, Filme und Kunst mit PKI-Bezug werden eingezogen. Das Kapital fällt unter das Ideologieverbot, ein namentlicher Einzelnachweis fehlt. Der Beschluss gilt bis heute fort.
Quelle: MPRS-Beschluss XXV/1966 (Volltext, jdih.surabaya.go.id)
- 1987/88Südkorea · Nationales Sicherheitsgesetz
Verleger Kim Tae-gyung (Iron gwa Silcheon) wird inhaftiert, weil er Band 1 des Kapitals auf Koreanisch herausbringt; die Übersetzung erscheint unter Kollektiv-Pseudonym. Schon der Besitz des Buchs war eigenständiger Haftgrund. Freilassung 1988 nach öffentlichem Druck; die Bände 2 und 3 folgen bis 1990.
Quelle: redflag.org.au (Soohaeng Kim); marx200.org (South Korean opposition movement)
Kuratiert aus einer quellengestützten Recherche; Einträge mit unsicherer Quellenlage sind markiert. Die Pointe der Sammlung: Am gründlichsten hat dieses Buch nie eine Leserschaft geprüft — sondern seine Zensoren.