Erstes Buch. Der Produktionsprozess des Kapitals.

Zweites Kapitel. Die Verwandlung von Geld in Kapital.

12.478 Wörter · 57 Fußnoten · ≙ MEW 23, 2. Abschnitt (Kap. 4)

Zweites Kapitel. Die Verwandlung von Geld in Kapital.

1) Die allgemeine Formel des Kapitals.

Die Waarencirculation ist der Ausgangspunkt des Kapitals. Waarenproduktion, Waarencirculation und entwickelte Waarencirculation, Handel, bilden daher stets die historischen Voraussetzungen, unter denen das Kapital entsteht. Von der Schöpfung des modernen Welthandels und Weltmarkts im 16. Jahrhundert datirt die moderne Lebensgeschichte des Kapitals.

Sehn wir ab vom stofflichen Inhalt der Waarencirculation, vom Austausch der verschiednen Gebrauchswerthe, und betrachten wir nur die ökonomischen Formen, die dieser Prozess erzeugt, so finden wir als sein letztes Produkt das Geld. Diess letzte Produkt der Waarencirculation ist die erste Erscheinungsform des Kapitals.

Historisch tritt das Kapital dem Grundeigenthum überall zunächst in der Form von Geld gegenüber, von Geldvermögen, Kaufmannskapital und Wucherkapital1. Jedoch bedarf es nicht des Rückblicks auf die Entstehungsgeschichte des Kapitals, um das Geld als seine erste Erscheinungsform zu erkennen. Dieselbe Geschichte spielt täglich vor unsern Augen. Jedes neue Kapital betritt in erster Instanz die Bühne, d. h. den Markt, Waarenmarkt, Arbeitsmarkt, oder Geldmarkt, immer noch als Geld, Geld, das sich durch bestimmte Prozesse in Kapital verwandeln soll.

Geld als Geld und Geld als Kapital unterscheiden sich zunächst nur durch ihre verschiedene Circulationsform.

Die unmittelbare Form der Waarencirculation ist W — G — W, Verwandlung von Waare in Geld und Rückverwandlung von Geld in Waare, verkaufen um zu kaufen. Neben dieser Form finden wir aber eine zweite, spezifisch unterschiedene vor, die Form G — W — G, Verwandlung von Geld in Waare und Rückverwandlung von Waare in Geld, kaufen um zu verkaufen. Geld, das in seiner Bewegung diese letztre Circulationsform beschreibt, verwandelt sich in Kapital, wird Kapital und ist schon an sich, d. h. seiner Bestimmung nach, Kapital.

Sehn wir uns die Circulation G — W — G näher an. Es ist ein Prozess, der gleich dem der einfachen Waarencirculation, zwei entgegengesetzte Phasen durchläuft und ihre Einheit bildet. In der ersten Phase, G — W, Kauf, wird das Geld in Waare verwandelt. In der zweiten Phase, W — G, Verkauf, wird die Waare in Geld rückverwandelt. Die Einheit beider Phasen aber, die Gesammtbewegung, stellt sich dar als Austausch von Geld gegen Waare und Wiederaustausch derselben Waare gegen Geld, Waare kaufen um sie zu verkaufen, oder, wenn man die formellen Unterschiede von Kauf und Verkauf übersieht, mit dem Geld Waare und mit der Waare Geld kaufen2. Was aber das Resultat des Prozesses angeht, so erlischt er im Austausch von Geld gegen Geld, G — G. Wenn ich für 100 Pfd. St. 2000 Pfund Baumwolle kaufe und die 2000 Pfund Baumwolle wieder für 110 Pfd. St. verkaufe, so habe ich schliesslich 100 Pfd. St. gegen 110 Pfd. St. ausgetauscht, Geld gegen Geld.

Es ist nun zwar augenscheinlich, dass der Circulationsprozess G — W — G abgeschmackt und inhaltslos wäre, wollte man vermittelst seines Umwegs denselben Geldwerth gegen denselben Geldwerth, also z. B. 100 Pfd. St. gegen 100 Pfd. St. austauschen. Ungleich einfacher und sichrer wäre die Methode des Schatzbildners, der die 100 Pfd. St. festhält, statt sie der Circulationsgefahr preiszugeben. Andrerseits, ob der Kaufmann die mit 100 Pfd. St. gekaufte Baumwolle wieder verkauft zu 110 Pfd. St., oder ob er sie zu 100 Pfd. St. und selbst zu 50 Pfd. St. losschlagen muss, unter allen Umständen hat sein Geld eine eigenthümliche und originelle Bewegung beschrieben, durchaus verschieden von der, die es in der einfachen Waarencirculation beschreibt, z. B. in der Hand des Bauern, der Korn verkauft und mit dem so gelösten Geld Kleider kauft. Es gilt also zunächst die Charakteristik der Formunterschiede zwischen den Kreisläufen G — W — G und W — G — W. Damit wird sich zugleich der inhaltliche Unterschied ergeben, der hinter diesen Formunterschieden lauert.

Sehn wir zunächst, was beiden Formen gemeinsam.

Beide Kreisläufe zerfallen in dieselben zwei entgegengesetzten Phasen, W — G, Verkauf, und G — W, Kauf.. Jede dieser Phasen für sich betrachtet, ist kein Unterschied zu erkennen. Die den Prozess eingehenden Elemente sind in beiden Formen dieselben, Waare und Geld. In jedem Abschnitt der beiden Kreisläufe stehn sich dieselben ökonomischen Charaktermasken gegenüber, Käufer und Verkäufer. In beiden Prozessen treten drei Contrahenten auf, so dass aber stets nur ein Contrahent abwechselnd als Käufer und Verkäufer figurirt, während von den beiden andern Contrahenten der eine nur verkauft und der andre nur kauft. Beide Kreisläufe endlich sind Einheiten derselben entgegengesetzten Phasen.

Der Formunterschied zwischen den Prozessen W — G — W und G — W — G springt erst in’s Auge, sobald man, statt der zwei Phasen, worin beide zerfallen, ihre Gesammtverläufe vergleicht. Was sie von vorn herein scheidet, ist die umgekehrte Reihenfolge derselben entgegengesetzten Circulationsphasen. Die einfache Waarencirculation beginnt mit dem Verkauf und endet mit dem Kauf, die Circulation des Geldes als Kapital beginnt mit dem Kauf und endet mit dem Verkauf. Dort bildet die Waare, hier das Geld den Ausgangspunkt und Schlusspunkt der Bewegung. In der ersten Form funktionirt das Geld, in der andern umgekehrt die Waare als Mittler des Gesammtverlaufs.

In der Circulation W — G — W wird das Geld schliesslich in Waare verwandelt, die als Gebrauchswerth dient. Das Geld ist also definitiv ausgegeben. In der umgekehrten Form G — W — G giebt der Käufer dagegen Geld aus, um als Verkäufer Geld einzunehmen. Er wirft Geld beim Kauf der Waare in die Circulation, um es ihr durch den Verkauf derselben Waare wieder zu entziehn. Er entlässt das Geld nur mit der hinterlistigen Absicht seiner wieder habhaft zu werden. Es wird daher nur vorgeschossen3.

In der Form W — G — W wechselt dasselbe Geldstück zweimal die Stelle. Der Verkäufer erhält es vom Käufer und zahlt es weg an einen andern Verkäufer. Mit der Weggabe von Geld für Waare schliesst der Gesammtprozess ab, wie er mit der Einnahme von Geld für Waare begann. Umgekehrt in der Form G — W — G. Nicht dasselbe Geldstück, sondern dieselbe Waare wechselt hier zweimal die Stelle. Der Käufer erhält sie aus der Hand des Verkäufers und giebt sie weg in die Hand eines andern Käufers. Wie in der einfachen Waarencirculation durch den zweimaligen Stellenwechsel dessel ben Geldstücks sein definitives Uebergehn aus einer Hand in die andre bedingt ist, so hier durch den zweimaligen Stellenwechsel derselben Waare der Rückfluss des Geldes zu seinem ersten Ausgangspunkt.

Der Rückfluss des Geldes zu seinem Ausgangspunkt hängt nicht davon ab, ob oder ob nicht die Waare theurer verkauft wird als sie gekauft war. Dieser Umstand beeinflusst nur die Grösse der rückfliessenden Geldsumme. Das Phänomen des Rückflusses selbst findet statt, sobald die gekaufte Waare wieder verkauft, also der Kreislauf G — W — G vollständig beschrieben wird. Es ist diess also ein sinnlich wahrnehmbarer Unterschied zwischen der Circulation des Geldes als Kapital und seiner Circulation als blossem Geld.

Allerdings kann auch in W — G — W Rückfluss des Geldes zu seinem Ausgangspunkt stattfinden, aber nur durch die Erneuerung oder Wiederholung des Gesammtprozesses, nicht durch den Verlauf seiner eignen Momente. Wenn ich ein Quarter Korn verkaufe für 3 Pfd. St. und mit diesen 3 Pfd. St. Kleider kaufe, sind die 3 Pfd. St. für mich definitiv verausgabt. Ich habe nichts mehr mit ihnen zu schaffen. Sie sind des Kleiderhändlers. Verkaufe ich nun ein zweites Quarter Korn, so fliesst Geld zu mir zurück, aber nicht in Folge der ersten Transaktion, sondern nur in Folge ihrer Wiederholung. Es entfernt sich wieder von mir, sobald ich die zweite Transaktion zu Ende führe und von neuem kaufe. In der Circulation W — G — W hat also die Verausgabung des Geldes nichts mit seinem Rückfluss zu schaffen. In G — W — G dagegen ist der Rückfluss des Geldes durch die Art seiner Verausgabung selbst bedingt. Ohne diesen Rückfluss ist die Operation missglückt oder der Prozess unterbrochen und noch nicht fertig, weil seine zweite Phase, der den Kauf ergänzende und abschliessende Verkauf fehlt.

Der Kreislauf W — G — W geht aus von dem Extrem einer Waare und schliesst ab mit dem Extrem einer andern Waare, die aus der Circulation heraus und der Consumtion anheim fällt. Consumtion, Befriedigung von Bedürfnissen, mit einem Wort, Gebrauchswerth ist daher sein Endzweck. Der Kreislauf G — W — G geht dagegen aus von dem Extrem des Geldes und bewegt sich fort zu demselben Extrem als seinem Schluss. Sein treibendes Motiv und bestimmender Zweck ist daher der Tauschwerth selbst.

In der einfachen Waarencirculation haben beide Extreme dieselbe ökonomische Formbestimmtheit. Sie sind beide Waaren. Sie sind auch Waaren von derselben Werthgrösse. Aber sie sind zugleich qualitativ verschiedne Gebrauchswerthe, z. B. Korn und Kleider. Der Produktenaustausch, der Wechsel der verschiednen Stoffe, worin sich die gesellschaftliche Arbeit darstellt, bildet hier den Inhalt der Bewegung. Anders in der Circulation G — W — G. Sie scheint auf den ersten Blick inhaltlos, weil tautologisch. Beide Extreme haben dieselbe ökonomische Formbestimmtheit. Sie sind beide Geld. Sie unterscheiden sich auch nicht qualitativ als Gebrauchswerthe, denn Geld ist eben die verwandelte Gestalt der Waaren, worin ihre besondern Gebrauchswerthe ausgelöscht sind. Erst 100 Pfd. St. gegen Baumwolle und dann wieder dieselbe Baumwolle gegen 100 Pfd. St. austauschen, also auf einem Umweg Geld gegen Geld, dasselbe gegen dasselbe, scheint eine ebenso zwecklose als abgeschmackte Operation4. Eine Geldsumme kann sich von der andern Geldsumme überhaupt nur durch ihre Grösse unterscheiden. Der Prozess G — W — G schuldet seinen Inhalt daher keinem qualitativen Unterschied seiner Extreme, denn sie sind beide Geld, sondern nur ihrer quantitativen Verschiedenheit. Schliesslich wird der Circulation mehr Geld entzogen als Anfangs hineingeworfen ward. Die zu 100 Pfd. St. gekaufte Baumwolle wird z. B. wieder verkauft zu 100 + 10 Pfd. St. oder 110 Pfd. St. Die vollständige Form dieses Prozesses ist daher G — W — G', wo G' = G + ∆ G, d. h. gleich der ursprünglich vorgeschossenen Geldsumme plus einem Increment. Diess Increment oder den Ueberschuss über den ursprünglichen Werth nenne ich Mehrwerth (surplus value). Der ursprünglich vorgeschossene Werth erhält sich daher nicht nur in der Circulation, sondern in ihr verändert er seine Werthgrösse, setzt einen Mehrwerth zu, oder verwerthet sich. Und diese Bewegung verwandelt ihn in Kapital.

Es ist zwar auch möglich, dass in W — G — W die beiden Extreme W, W, z. B. Korn und Kleider, quantitativ verschiedne Werthgrössen sind. Der Bauer kann sein Korn über dem Werth verkauft oder die Kleider unter ihrem Werth gekauft haben. Er kann seinerseits vom Kleiderhändler geprellt werden. Solche Werthverschiedenheit bleibt jedoch für diese Circulationsform selbst rein zufällig. Sinn und Verstand verliert sie nicht schier, wie der Prozess G — W — G, wenn die beiden Extreme, Korn und Kleider z. B., Aequivalente sind. Ihr Gleichwerth ist hier vielmehr Bedingung des normalen Verlaufs.

Die Wiederholung oder Erneurung des Verkaufs um zu kaufen findet, wie dieser Prozess selbst, Mass und Ziel an einem ausser ihm liegenden Endzwecke, der Consumtion, der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse. Im Kauf für den Verkauf dagegen sind Anfang und Ende dasselbe, Geld, Tauschwerth, und schon dadurch ist die Bewegung endlos. Allerdings ist aus G, G + ∆ G geworden, aus den 100 Pfd. St., 100 + 10. Aber blos die Form betrachtet, sind 110 Pfd. St. dasselbe wie 100 Pfd. St., nämlich Geld. Und die Werthgrösse betrachtet, sind 110 Pfd. eine beschränkte Werthsumme wie 100 Pfd. St. Würden die 110 Pfd. St. als Geld verausgabt, so fielen sie aus ihrer Rolle. Sie hörten auf Kapital zu sein. Der Circulation entzogen, versteinern sie zum Schatz und kein Farthing wächst ihnen an, ob sie bis zum jüngsten Tag fortlagern. Handelt es sich also einmal um die Werthgrösse als solche, um Verwerthung des Werths, so besteht dasselbe Bedürfniss für die Verwerthung von 110 Pfd. St. wie für die von 100 Pfd. St., da beide beschränkte Ausdrücke des Tauschwerths sind, beide also denselben Beruf haben sich dem Reichthum schlechthin durch Grössenausdehnung anzunähern. Allerdings unterscheidet sich für einen Augenblick der ursprünglich vorgeschossene Werth 100 Pfd. St. von dem in der Circulation ihm zuwachsenden Mehrwerth von 10 Pfd. St., aber dieser Unterschied zerfliesst sofort wieder. Es kommt am Ende des Prozesses nicht auf der einen Seite der Originalwerth von 100 Pfd. St. und auf der andern Seite der Mehrwerth von 10 Pfd. St. heraus. Was herauskommt ist Ein Werth von 110 Pfd. St., der sich ganz in derselben entsprechenden Form befindet, um den Verwerthungsprozess zu beginnen, wie die ursprünglichen 100 Pfd. St. Geld kommt am Ende der Bewegung wieder als ihr Anfang heraus5. Wenn die einfache Waarencirculation daher im Gebrauchswerth eine ihr von aussen gesetzte Schranke hat, ist die Bewegung des Kapitals dagegen masslos, indem sie in ihrem Abschluss das Prinzip und den Trieb ihrer Wiedererneuerung findet, und ihr Ziel, die Verwerthung des Werths, am Ende des Prozesses eben so wenig erreicht ist als am Anfang6.

Als bewusster Träger dieses Prozesses wird der Geldbesitzer Kapitalist. Seine Person, oder vielmehr seine Tasche, ist der Ausgangspunkt und der Rückkehrpunkt des Geldes. Der objektive Inhalt jenes Prozesses — Verwerthung des Werths — ist sein subjektiver Zweck, und nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichthums das allein treibende Motiv seiner Operationen, funktionirt er als Kapitalist oder personificirtes, mit Willen und Bewusstsein begabtes Kapital. Der Gebrauchswerth ist also nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln7. Auch nicht der einzelne Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens8. Dieser absolute Bereicherungstrieb, diese 9 leidenschaftliche Jagd auf den Tauschwerth10 ist dem Kapitalisten mit dem Schatzbildner gemein, aber während der Schatzbildner nur der verrückte Kapitalist, ist der Kapitalist der rationelle Schatzbildner. Die Unvergänglichkeit des Tauschwerths, die der Schatzbildner anstrebt, indem er das Geld vor der Circulation zu retten sucht11, erreicht der klügere Kapitalist, indem er es stets von neuem der Circulation preisgiebt12.

In der einfachen Circulation entwickeln die Waaren ihren Werth zu verschiednen ihrem Gebrauchswerth gegenübertretenden selbstständigen Formen, d. h. zu Geldformen, die den Austausch vermitteln und in seinem Endresultat verschwinden. In der Circulation G — W — G funktioniren beide, Waare und Geld, nur als verschiedne Existenzweisen des Werths selbst, das Geld seine allgemeine, die Waare seine besondre, so zu sagen nur verkleidete Existenzweise13. Er geht beständig aus der einen Form in die andre über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren und verwandelt sich so in ein automatisches, in sich selbst prozessirendes Subjekt. Fixirt man eine der besondern Erscheinungsformen, worin er sich abwechselnd darstellt, so erhält man die Erklärungen: Kapitalist Geld, Kapitalist Waare14. In der That aber wird der Werth hier das Subjekt eines Prozesses, worin er unter dem beständigen Wechsel der Formen von Geld und Waare, seine Grösse selbst verändert, sich als Mehrwerth von sich selbst als ursprünglichem Werth abstösst, sich selbst verwerthet. Denn die Bewegung, worin er Mehrwerth zusetzt, ist seine eigne Bewegung, seine Verwerthung ist also Selbstverwerthung. Er hat die occulte Qualität erhalten, Werth zu setzen, weil er Werth ist. Er wirft lebendige Junge oder legt wenigstens goldne Eier.

Als das übergreifende Subjekt eines solchen Prozesses, worin er Geldform und Waarenform bald annimmt, bald abstösst, sich aber in diesem Wechsel erhält und ausreckt, bedarf der Werth natürlich vor allem einer selbsstständigen Form, wodurch seine Identität mit sich selbst konstatirt werden kann. Und diese Form besitzt er nur im Gelde. Diess bildet daher Ausgangspunkt und Schlusspunkt jeden Verwerthungsprozesses. Er war 100 Pfd. St., er ist jetzt 110 Pfd. St. u. s. w. Aber das Geld selbst gilt hier nur als eine Form des Werths, denn er hat deren zwei. Und die Annahme der Waarenform bildet grade das vermittelnde Moment seiner Bewegung. Das Geld tritt hier also nicht polemisch gegen die Waare auf, wie in der Schatzbildung. Der Kapitalist weiss, dass alle Waaren, wie lumpig sie immer aussehn oder wie schlecht sie immer riechen mögen, im Glauben und in der Wahrheit Geld, innerlich verschnittene Juden sind. G — G', geldheckendes Geld — (money which begets money lautet die Beschreibung des Kapitals im Munde seiner ersten Dolmetscher, der Mercantilisten), — ist in der That nur die unmittelbare Erscheinungsform des Werth setzenden Werths, des sich selbst verwerthenden Werths.

Wenn der Tauschwerth in der Waarencirculation höchstens zur selbstständigen Form gegenüber dem Gebrauchswerth der Waare heranreift, so stellt er sich hier plötzlich dar als eine prozessirende, sich selbst bewegende Substanz, für welche Waare und Geld beide blosse Formen. Aber noch mehr. Statt Waarenverhältnisse darzustellen, tritt er jetzt so zu sagen in ein Privatverhältniss zu sich selbst. Er unterscheidet sich als ursprünglicher Werth von sich selbst als Mehrwerth, als Gott Vater von sich selbst als Gottsohn, und beide sind vom selben Alter, und bilden in der That nur eine Person, denn nur durch den Mehrwerth von 10 Pfd. St. werden die vorgeschossenen 100 Pfd. St. Kapital, und sobald sie diess geworden, sobald der Sohn, und durch den Sohn der Vater erzeugt, verschwindet ihr Unterschied wieder und sind beide Eins, 110 Pfd. St.

Der Werth wird also prozessirender Werth, prozessirendes Geld und als solches Kapital. Er kommt aus der Circulation her, geht wieder in sie ein, erhält und vervielfältigt sich in ihr, kehrt vergrössert aus ihr zurück und beginnt denselben Kreislauf stets wieder von neuem15.

Kaufen um zu verkaufen, oder vollständiger, kaufen um theurer zu verkaufen, G — W — G', scheint zwar nur einer Art des Kapitals, dem Kaufmannskapital, eigenthümliche Form. Aber auch das industrielle Kapital ist Geld, das sich in Waare verwandelt und durch den Verkauf der Waare in mehr Geld rückverwandelt. Akte, die etwa zwischen dem Kauf und dem Verkaufe, ausserhalb der Circulationssphäre, vorgehn, ändern nichts an dieser Form der Bewegung. In dem zinstragenden Kapital endlich stellt sich die Form G — W — G' abgekürzt dar, im Resultat ohne die Vermittlung, so zu sagen im Lapidarstyl, als G — G', Geld, das gleich mehr Geld, Werth, der grösser als er selbst ist.

In der That also ist G — W — G' die allgemeine Formel des Kapitals, wie es unmittelbar in der Circulationssphäre erscheint.

b) Widersprüche der allgemeinen Formel.

Die Circulationsform, worin sich das Geld zum Kapital entpuppt, widerspricht allen früher entwickelten Gesetzen über die Natur der Waare, des Werths, des Geldes und der Circulation selbst. Was sie von der einfachen Waarencirculation unterscheidet, ist die umgekehrte Reihenfolge derselben zwei entgegengesetzten Prozesse, Verkauf und Kauf. Und wie sollte dieser rein formelle Unterschied die Natur dieser Prozesse umzaubern?

Noch mehr. Diese Umkehrung existirt nur für einen der drei Geschäftsfreunde, die mit einander handeln. Als Kapitalist kaufe ich Waare von A und verkaufe sie wieder an B, während ich als einfacher Waarenbesitzer Waare an B verkaufe und dann Waare von A kaufe. Für die Geschäftsfreunde A und B existirt dieser Unterschied nicht. Sie treten nur als Käufer oder Verkäufer von Waaren auf. Ich selbst stehe ihnen jedesmal als einfacher Geldbesitzer oder Waarenbesitzer, Käufer oder Verkäufer, gegenüber, und zwar trete ich in beiden Reihenfolgen der einen Person nur als Käufer und der andern nur als Verkäufer gegenüber, der einen als nur Geld, der andern als nur Waare, keiner von beiden als Kapital oder Kapitalist oder Repräsentant von irgend etwas, das mehr als Geld oder Waare wäre oder eine andere Wirkung ausser der des Geldes oder der Waare ausüben könnte. Für mich bilden Kauf von A und Verkauf an B eine Reihenfolge. Aber der Zusammenhang zwischen diesen beiden Akten existirt nur für mich. A scheert sich nicht um meine Transaktion mit B, und B nicht um meine Transaktion mit A. Wollte ich ihnen etwa das besondere Verdienst klar machen, das ich mir durch die Umkehrung der Reihenfolge erworben, so würden sie mir beweisen, dass ich mich in der Reihenfolge selbst irre und dass die Gesammttransaktion nicht mit einem Kauf begann und einem Verkauf endete, sondern umgekehrt mit einem Verkauf begann und mit einem Kauf abschloss. In der That, mein erster Akt, der Kauf, war von A’s Standpunkt ein Verkauf, und mein zweiter Akt, der Verkauf, war von B’s Standpunkt ein Kauf. Nicht zufrieden damit, werden A und B erklären, dass die ganze Reihenfolge überflüssig und Hokus Pokus war. A wird die Waare direkt an B verkaufen und B sie direkt von A kaufen. Damit verschrumpft die ganze Transaktion in einen einseitigen Akt der gewöhnlichen Waarencirculation, vom Standpunkt A’s blosser Verkauf und vom Standpunkt B’s blosser Kauf. Wir sind also durch die Umkehrung der Reihenfolge nicht über die Sphäre der einfachen Waarencirculation hinausgekommen und müssen vielmehr zusehn, ob sie ihrer Natur nach Verwerthung der in sie hineingehenden Werthe und daher Bildung von Mehrwerth gestattet.

Nehmen wir den Circulationsprozess in einer Form, worin er sich als blosser Waarenaustausch darstellt. Diess ist stets der Fall, wenn beide Waarenbesitzer Waaren von einander kaufen und die Bilanz ihrer wechselseitigen Geldforderungen sich am Zahlungstag ausgleicht. Das Geld dient hier als Rechengeld, um die Werthe der Waaren in ihren Preisen auszudrücken, tritt aber nicht den Waaren selbst dinglich gegenüber. Soweit es sich um den Gebrauchswerth handelt, ist es klar, dass beide Austauscher hier gewinnen können. Beide veräussern Waaren, die ihnen als Gebrauchswerth nutzlos, und erhalten Waaren, deren sie zum Ge brauch bedürfen. Und dieser Nutzen mag nicht der einzige sein. A, der Wein verkauft und Getreide kauft, producirt vielleicht mehr Wein als Getreidebauer B in derselben Arbeitszeit produciren könnte und Getreidebauer B in derselben Arbeitszeit mehr Getreide als Weinbauer A produciren könnte. A erhält also für denselben Tauschwerth mehr Getreide und B mehr Wein als wenn jeder von den beiden, ohne Austausch, Wein und Getreide für sich selbst produciren müsste. Mit Bezug auf den Gebrauchswerth also kann gesagt werden, dass „der Austausch eine Transaktion ist, worin beide Seiten gewinnen16.“ Anders mit dem Tauschwerth. „Ein Mann, der viel Wein und kein Getreide besitzt, handelt mit einem Mann, der viel Getreide und keinen Wein besitzt und zwischen ihnen wird ausgetauscht Weizen zum Werth von 50 gegen einen Werth von 50 in Wein. Dieser Austausch ist keine Vermehrung des Tauschwerths weder für den einen, noch für den andern; denn bereits vor dem Austausch besass jeder von ihnen einen Werth gleich dem, den er sich vermittelst dieser Operation verschafft hat17.“ Es ändert nichts an der Sache, wenn das Geld als Circulationsmittel zwischen die Waaren tritt und die Akte des Kaufs und Verkaufs sinnlich auseinanderfallen18. Der Werth der Waaren ist in ihren Preisen dargestellt, bevor sie in die Circulation treten, also Voraussetzung und nicht Resultat derselben19.

Abstrakt betrachtet, d. h. abgesehn von Umständen, die nicht aus den immanenten Gesetzen der einfachen Waarencirculation hervorfliessen, geht ausser dem Ersatz eines Gebrauchswerths durch einen andern nichts in ihr vor als eine Metamorphose, ein blosser Formwechsel der Waare. Derselbe Tauschwerth, d. h. dasselbe Quantum vergegen ständlichter gesellschaftlicher Arbeit, bleibt in der Hand desselben Waarenbesitzers abwechselnd in Gestalt seiner Waare, des Geldes, worin sie sich verwandelt, der Waare, worin sich diess Geld rückverwandelt. Dieser Formwechsel schliesst keine Aenderung der Werthgrösse ein. Der Wechsel aber, den der Tauschwerth der Waare selbst in diesem Prozess erfährt, beschränkt sich auf einen Wechsel seiner Geldform. Er existirt erst als Preis der zum Verkauf angebotenen Waare, dann als dieselbe Geldsumme, die in diesem Preise ausgedrückt ist, endlich als der Preis einer äquivalenten Waare. Dieser Formwechsel schliesst an und für sich eben so wenig eine Aenderung der Werthgrösse ein, wie das Auswechseln einer Fünfpfundnote gegen Sovereigns, halbe Sovereigns und Schillinge. Sofern also die Cirkulation der Waare nur einen Formwechsel ihres Tauschwerths bedingt, bedingt sie, wenn das Phänomen rein vorgeht, Austausch von Aequivalenten. Die Vulgärökonomie selbst, so wenig sie ahnt, was der Werth ist, unterstellt daher, so oft sie in ihrer Art das Phänomen rein betrachten will, dass Nachfrage und Zufuhr sich decken, d. h. dass ihre Wirkung überhaupt fortfällt. Wenn also mit Bezug auf den Gebrauchswerth beide Austauscher gewinnen können, können sie nicht beide gewinnen an Tauschwerth. Hier heisst es vielmehr: „Wo Gleichheit ist, ist kein Gewinn20.“ Waaren können zwar zu Preisen verkauft werden, die von ihren Werthen abweichen, aber diese Abweichung erscheint als Verletzung des Gesetzes des Waarenaustausches21. In seiner reinen Gestalt ist er ein Austausch von Aequivalenten, also kein Mittel sich an Werth zu bereichern22.

Hinter den Versuchen, die Waarencirkulation als Quelle von Mehrwerth darzustellen, lauert daher meist ein quid pro quo, eine Verwechslung von Gebrauchswerth und Tauschwerth. So z. B. bei Con dillac: „Es ist falsch, dass man im Waarenaustausch gleichen Werth gegen gleichen Werth austauscht. Umgekehrt. Jeder der beiden Contrahenten giebt immer einen kleineren für einen grösseren Werth … Tauschte man in der That immer gleiche Werthe aus, so wäre kein Gewinn zu machen für irgend einen Contrahenten. Aber alle beide gewinnen oder sollten doch gewinnen. Warum? Der Werth der Dinge besteht bloss in ihrer Beziehung auf unsere Bedürfnisse. Was für den einen mehr, ist für den andern weniger, und umgekehrt. … Man setzt nicht voraus, dass wir unsrer Consumtion unentbehrliche Dinge zum Verkauf ausbieten. . . . Wir wollen eine uns nutzlose Sache weggeben, um eine uns nothwendige zu erhalten; wir wollen weniger für mehr geben … Es war natürlich zu urtheilen, dass man im Austausch gleichen Werth für gleichen Werth gebe, so oft jedes der ausgetauschten Dinge an Werth demselben Quantum Geld gleich war … Aber eine andre Betrachtung muss noch in die Rechnung eingehn; es fragt sich, ob wir beide einen Ueberfluss gegen etwas Nothwendiges austauschen23.“ Man sieht, wie Condillac nicht nur Gebrauchswerth und Tauschwerth durcheinander wirft, sondern wahrhaft kindlich einer Gesellschaft mit entwickelter Waarenproduktion einen Zustand unterschiebt, worin der Producent seine Subsistenzmittel selbst producirt und nur den Ueberschuss über den eignen Bedarf, den Ueberfluss, in die Cirkulation wirft24. Dennoch wird Condillac’s Argument häufig bei modernen Oekonomen wiederholt, namentlich wenn es gilt, die entwickelte Gestalt des Waarenaustausches, den Handel, als produktiv von Mehrwerth darzustellen. „Der Handel“, heisst es z. B., „fügt den Produkten Werth zu, denn dieselben Produkte haben mehr Werth in den Händen des Consumenten als in den Händen des Producenten und er muss daher wörtlich (strictly) als Produktionsakt betrachtet werden25.“ Aber man zahlt die Waaren nicht doppelt, das einemal ihren Gebrauchswerth und das andremal ihren Tausch werth. Und wenn der Gebrauchswerth der Waare dem Käufer nützlicher als dem Verkäufer, ist ihre Geldform dem Verkäufer nützlicher als dem Käufer. Würde er sie sonst verkaufen? Und so könnte ebensowohl gesagt werden, dass der Käufer wörtlich (strictly) einen „Produktionsakt“ vollbringt, indem er z. B. die Strümpfe des Kaufmanns in Geld verwandelt.

Werden Waaren oder Waaren und Geld von gleichem Tauschwerth, also Aequivalente ausgetauscht, so zieht offenbar keiner mehr Werth aus der Cirkulation heraus als er in sie hineinwirft. Es findet dann keine Bildung von Mehrwerth Statt. In seiner reinen Form aber bedingt der Cirkulationsprozess der Waaren Austausch von Aequivalenten. Jedoch gehn die Dinge in der Wirklichkeit nicht rein zu. Unterstellen wir daher Austausch von Nicht-Aequivalenten.

Jedenfalls steht auf dem Waarenmarkt nur Waarenbesitzer dem Waarenbesitzer gegenüber, und die Macht, die diese Personen über einander ausüben, ist nur die Macht ihrer Waaren. Die stoffliche Verschiedenheit der Waaren ist das stoffliche Motiv des Austauschs und macht die Waarenbesitzer wechselseitig von einander abhängig, indem keiner von ihnen den Gegenstand seines eignen Bedürfnisses und jeder von ihnen den Gegenstand des Bedürfnisses der Andern in seiner Hand hält. Ausser dieser stofflichen Verschiedenheit ihrer Gebrauchswerthe besteht nur noch ein Unterschied unter den Waaren, der Unterschied zwischen ihrer Naturalform und ihrer verwandelten Form, zwischen Waare und Geld. Und so unterscheiden sich die Waarenbesitzer nur als Verkäufer, Besitzer von Waare, und als Käufer, Besitzer von Geld.

Gesetzt nun, es sei durch irgend ein unerklärliches Privilegium dem Verkäufer gegeben, die Waare über ihrem Werthe zu verkaufen, zu 110, wenn sie 100 werth ist, also mit einem nominellen Preisaufschlage von 10 %. Der Verkäufer kassirt also einen Mehrwerth von 10 ein. Aber nachdem er Verkäufer war, wird er Käufer. Ein dritter Waarenbesitzer begegnet ihm jetzt als Verkäufer und geniesst seinerseits das Privilegium, die Waare 10 % zu theuer zu verkaufen. Unser Mann hat als Verkäufer 10 gewonnen, um als Käufer 10 zu verlieren26. Das ganze kömmt in der That darauf hinaus, dass alle Waarenbesitzer ihre Waaren einander 10 % über dem Werth verkaufen, was ganz dasselbe ist, als ob sie die Waaren zu ihren Werthen verkauften. Ein solcher allgemeiner nomineller Preisaufschlag der Waaren bringt dieselbe Wirkung hervor, als ob die Waarenwerthe z. B. in Silber statt in Gold geschätzt würden. Die Geldnamen, d. h. die Preise der Waaren würden anschwellen, aber ihre Werthverhältnisse unverändert bleiben.

Unterstellen wir umgekehrt, es sei das Privilegium des Käufers, die Waaren unter ihrem Werth zu kaufen. Hier ist es nicht einmal nöthig zu erinnern, dass der Käufer wieder Verkäufer wird. Er war Verkäufer, bevor er Käufer ward. Er hat bereits 10 % als Verkäufer verloren, bevor er 10 % als Käufer gewinnt27. Alles bleibt wieder beim Alten.

Die Bildung von Mehrwerth, und daher die Verwandlung von Geld in Kapital, kann also weder dadurch erklärt werden, dass die Verkäufer die Waaren über ihrem Werthe verkaufen, noch dadurch, dass die Käufer sie unter ihrem Werthe kaufen28.

Das Problem wird in keiner Weise dadurch vereinfacht, dass man fremde Beziehungen einschmuggelt, also etwa mit Oberst Torrens sagt: „Die effektive Nachfrage besteht in dem Vermögen und der Neigung (!) der Konsumenten, sei es durch unmittelbaren oder vermittelten Austausch, für Waaren eine gewisse grössere Portion von allen Ingredienzien des Kapitals zu geben, als ihre Produktion kostet29.“ In der Cirkulation stehn sich Produzenten und Konsumenten nur als Verkäufer und Käufer gegenüber. Behaupten, der Mehrwerth für den Produzenten entspringe daraus, dass die Konsumenten die Waare über dem Werth zahlen, heisst nur den einfachen Satz maskiren: Der Waarenbesitzer besitzt als Verkäufer das Privilegium zu theuer zu verkaufen. Der Verkäufer hat die Waare selbst producirt oder vertritt ihren Produzenten, aber der Käufer hat nicht minder die in seinem Gelde dargestellte Waare selbst produzirt oder vertritt ihren Produzenten. Es steht also Produzent dem Produzenten gegenüber. Was sie unterscheidet, ist dass der eine kauft und der andre verkauft. Es bringt uns keinen Schritt weiter, dass der Waarenbesitzer unter dem Namen Produzent die Waare über ihrem Werthe verkauft und unter dem Namen Consument sie zu theuer zahlt30.

Die consequenten Vertreter der Illusion, dass der Mehrwerth aus einem nominellen Preiszuschlag entspringt, oder aus dem Privilegium des Verkäufers die Waare zu theuer zu verkaufen, unterstellen daher eine Klasse, die nur kauft ohne zu verkaufen, also auch nur consumirt ohne zu produziren. Die Existenz einer solchen Klasse ist von unsrem bisher erreichten Standpunkt, dem der einfachen Cirkulation nach, unerklärlich. Aber greifen wir vor. Das Geld, womit eine solche Klasse beständig kauft, muss ihr beständig, ohne Austausch, umsonst, auf beliebige Rechts- und Gewaltstitel hin, von den Waarenbesitzern selbst zufliessen. Dieser Klasse die Waaren über dem Werth verkaufen, heisst nur, umsonst weggegebenes Geld sich zum Theil wieder zurückschwindeln31. So zahlten die kleinasiatischen Städte jährlichen Geldtribut an das alte Rom. Mit diesem Geld kaufte Rom Waaren von ihnen und kaufte sie zu theuer. Die Kleinasiaten prellten die Römer, indem sie den Eroberern einen Theil des Tributs wieder abluchsten auf dem Wege des Handels. Aber dennoch blieben die Kleinasiaten die Geprellten. Ihre Waaren wurden ihnen nach wie vor mit ihrem eignen Gelde gezahlt. Es ist diess keine Methode der Bereicherung oder der Bildung von Mehrwerth.

Halten wir uns also innerhalb der Schranken des Waarenaustauschs, wo Verkäufer Käufer und Käufer Verkäufer sind. Unsere Verlegenheit stammt vielleicht daher, dass wir die Personen nur als personificirte Categorien, nicht individuell, gefasst haben.

Waarenbesitzer A mag so pfiffig sein seine Collegen B oder C über’s Ohr zu hauen, während sie trotz des besten Willens die Revanche schuldig bleiben. A verkauft Wein zum Werth von 40 Pfd. St. an B und erwirbt im Austausch Getreide zum Werth von 50 Pfd. St. A hat seine 40 Pfd. St. in 50 Pfd. St. verwandelt, mehr Geld aus weniger Geld gemacht und seine Waare in Kapital verwandelt. Sehn wir näher zu. Vor dem Austausch hatten wir für 40 Pfd. St. Wein in der Hand von A und für 50 Pfd. St. Getreide in der Hand von B, Gesammtwerth von 90 Pfd. St. Nach dem Austausch haben wir denselben Gesammtwerth von 90 Pfd. St. Der circulirende Werth hat sich um kein Atom vergrössert, seine Vertheilung zwischen A und B hat sich verändert. Auf der einen Seite erscheint als Mehrwerth, was auf der anderen Minderwerth ist, auf der einen Seite als Plus, was auf der andern als Minus. Derselbe Wechsel hätte sich ereignet, wenn A, ohne die verhüllende Form des Austauschs, dem B 10 Pfd. St. direkt gestohlen hätte. Die Summe der circulirenden Werthe kann offenbar durch keinen Wechsel in ihrer Vertheilung vermehrt werden, so wenig wie ein Jude die Masse der edlen Metalle in einem Lande dadurch vermehrt, dass er einen Farthing aus der Zeit der Königin Anna 32 für eine Guinea verkauft. Die Gesammtheit der Kapitalistenklasse eines Landes kann sich nicht selbst übervortheilen33.

Man mag sich also drehen und wenden wie man will, das Facit bleibt dasselbe. Werden Aequivalente ausgetauscht, so entsteht kein Mehrwerth, und werden Nicht-Aequivalente ausgetauscht, so entsteht auch kein Mehrwerth34. Die Circulation oder der Waarenaustausch schafft keinen Werth35.

Man versteht daher, warum in unserer Analyse der Grundform des Kapitals, der Form, worin es die ökonomische Organisation der modernen Gesellschaft bestimmt, seine populärsten und so zu sagen antediluvianischen Gestalten, Handelskapital und Wucherkapital, zunächst gänzlich unberücksichtigt bleiben.

Im eigentlichen Handelskapital erscheint die Form G — W — G', kaufen um theuer zu verkaufen, am reinsten. Andrerseits geht seine ganze Bewegung innerhalb der Circulationssphäre vor. Da es aber unmöglich ist aus der Circulation selbst die Verwandlung von Geld in Kapital, die Bildung von Mehrwerth zu erklären, erscheint das Handelskapital unmöglich, sobald Aequivalente ausgetauscht werden36, daher nur ableitbar aus der doppelseitigen Uebervortheilung der kaufenden und verkaufenden Waarenproducenten durch den sich parasitisch zwischen sie schiebenden Kaufmann. In diesem Sinn sagt Franklin: „Krieg ist Raub, Handel ist Prellerei37:“ Soll die Verwerthung des Handelskapitals nicht aus blosser Prellerei der Waarenproducenten erklärt werden, so gehört dazu eine lange Reihe von Mittelgliedern, die hier, wo die Waarencirculation und ihre einfachen Momente unsere einzige Voraussetzung bilden, noch gänzlich fehlt.

Was vom Handelskapital, gilt noch mehr vom Wucherkapital. Im Handelskapital sind die Extreme, das Geld, das auf den Markt geworfen und das vermehrte Geld, das dem Markt entzogen wird, wenigstens vermittelt durch Kauf und Verkauf, durch die Bewegung der Circulation. Im Wucherkapital ist die Form G — W — G' abgekürzt auf die unvermittelten Extreme G — G', Geld, das sich gegen mehr Geld austauscht, eine der Natur des Geldes widersprechende und daher vom Standpunkt des Waarenaustauschs unerklärliche Form. Daher Aristoteles: „da die Chrematistik eine doppelte ist, die eine zum Handel, die andre zur Oekonomik gehörig, die letztere nothwendig und lobenswerth, die erstere auf die Circulation gegründet und mit Recht getadelt, (denn sie beruht nicht auf der Natur, sondern auf wechselseitiger Prellerei), so ist der Wucher mit vollstem Rechte verhasst, weil das Geld selbst hier die Quelle des Erwerbs und nicht dazu gebraucht wird, wozu es erfunden ward. Denn für den Waarenaustausch entstand es, der Zins aber macht aus Geld mehr Geld. Daher auch sein Name (τόϰος Zins und Geborenes). Denn die Geborenen sind den Erzeugern ähnlich. Der Zins aber ist Geld von Geld, so dass von allen Erwerbszweigen dieser der naturwidrigste38.“

Wie das Handelskapital werden wir das zinstragende Kapital im Verlauf unserer Untersuchung als abgeleitete Formen 39 vorfinden und zugleich sehn, warum sie historisch vor dem Kapital in seiner modernen Grundform erscheinen.

Es hat sich gezeigt, dass der Mehrwerth nicht aus der Circulation entspringen kann, bei seiner Bildung also etwas hinter ihrem Rücken vorgehn muss, das in ihr selbst unsichtbar ist40. Kann aber der Mehrwerth anders woher entspringen als aus der Circulation? Die Circulation ist die Summe aller Wechselbeziehungen der Waarenbesitzer. Ausserhalb derselben steht der Waarenbesitzer nur noch in Beziehung zu seiner eignen Waare. Was ihren Werth41 angeht, beschränkt sich das Verhältniss darauf, dass sie ein nach bestimmten gesellschaftlichen Gesetzen gemessenes Quantum seiner eignen Arbeit enthält. Diess Quantum Arbeit drückt sich aus in der Werthgrösse seiner Waare und da sich Werthgrösse in Rechengeld darstellt, in einem Preise von z. B. 10 Pfd. St. Aber seine Arbeit stellt sich nicht dar im Werthe der Waare und einem Ueberschuss über ihren eignen Werth, nicht in einem Preise von 10, der zugleich ein Preis von 11 ist, nicht in einem Werth, der grösser als er selbst ist. Der Waarenbesitzer kann durch seine Arbeit Werthe bilden, aber keine sich verwerthenden Werthe. Er kann den Werth einer Waare erhöhen, indem er vorhandnem Werth neuen Werth durch neue Arbeit zusetzt, z. B. aus Leder Stiefel macht. Derselbe Stoff hat jetzt mehr Werth, weil er ein grösseres Arbeitsquantum enthält. Der Stiefel hat daher mehr Werth als das Leder, aber der Werth des Leders ist geblieben, was er war. Er hat sich nicht verwerthet, nicht während der Stiefelfabrikation seinen ursprünglichen Werth um einen Mehrwerth bereichert. Es ist also unmöglich, dass der Waarenproducent ausserhalb der Circulationssphäre, ohne mit andern Waarenbesitzern in Berührung zu treten, Werth verwerthe und daher Geld oder Waare in Kapital verwandle.

Kapital kann also nicht aus der Circulation entspringen und es kann eben so wenig aus der Circulation nicht entspringen. Es muss zugleich in ihr und nicht in ihr entspringen.

Ein doppeltes Resultat hat sich also ergeben.

Die Verwandlung des Geldes in Kapital ist auf Grundlage dem Waarenaustausch immanenter Gesetze zu entwickeln, so dass der Austausch von Aequivalenten als Ausgangspunkt gilt42. Unser nur noch als Kapitalistenraupe vorhandner Geldbesitzer muss die Waaren zu ihrem Werth kaufen, zu ihrem Werth verkaufen, und dennoch am Ende des Prozesses mehr Werth herausziehn als er hineinwarf. Seine Schmetterlingsentfaltung muss in der Cirkulationssphäre und muss nicht in der Cirkulationssphäre vorgehn. Diess sind die Bedingungen des Problems. Hie Rhodus, hic salta!

3) Kauf und Verkauf der Arbeitskraft.

Die Werthveränderung des Geldes, das sich in Kapital verwandeln soll, kann nicht an diesem Geld selbst vorgehn, denn als Kaufmittel und als Zahlungsmittel realisirt es nur den Preis der Waare, die es kauft oder zahlt, während es, in seiner eignen Form verharrend, zum Petrefakt von gleichbleibender Werthgrösse erstarrt43. Eben so wenig kann die Veränderung aus dem zweiten Akt, dem Wiederverkauf der Waare, entspringen, denn dieser Akt verwandelt die Waare blos aus der Naturalform zurück in die Geldform. Die Veränderung muss sich also zutragen mit der Waare, die im ersten Akt G — W gekauft wird, aber nicht mit ihrem Tauschwerth, denn es werden Aequivalente ausgetauscht, die Waare wird zu ihrem Werthe bezahlt. Die Veränderung kann also erst entspringen aus ihrem Gebrauchswerth als solchem, d. h. aus ihrem Verbrauch. Um aus dem Verbrauch einer Waare Tauschwerth herauszuziehn, müsste unser Geldbesitzer so glücklich sein innerhalb der Cirkulationssphäre, auf dem Markt, eine Waare zu entdecken, deren Gebrauchswerth selbst die eigenthümliche Beschaffenheit besässe, Quelle von Tauschwerth zu sein, deren wirklicher Verbrauch also selbst Vergegenständlichung von Arbeit wäre, daher Werthschöpfung. Und der Geldbesitzer findet auf dem Markt eine solche spezifische Waare vor — das Arbeitsvermögen oder die Arbeitskraft.

Unter Arbeitskraft oder Arbeitsvermögen verstehn wir den Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existiren und die er in Bewegung setzt, so oft er Gebrauchswerthe irgend einer Art producirt.

Damit jedoch der Geldbesitzer die Arbeitskraft als Waare auf dem Markt vorfinde, müssen verschiedne Bedingungen erfüllt sein. Der Waarenaustausch schliesst an und für sich keine andern Abhängigkeitsverhältnisse ein als die aus seiner eignen Natur entspringenden. Unter dieser Voraussetzung kann die Arbeitskraft als Waare nur auf dem Markt erscheinen, sofern und weil sie von ihrem eignen Besitzer, der Person, deren Arbeitskraft sie ist, als Waare feilgeboten oder verkauft wird. Damit ihr Besitzer sie als Waare verkaufe, muss er über sie verfügen können, also freier Eigenthümer seines Arbeitsvermögens, seiner Person sein44. Er und der Geldbesitzer begegnen sich auf dem Markt und treten in Verhältniss zu einander als ebenbürtige Waaren besitzer, nur dadurch unterschieden, dass der eine Käufer, der andere Verkäufer, beide also juristisch gleiche Personen sind. Die Fortdauer dieses Verhältnisses erheischt, dass der Eigenthümer der Arbeitskraft sie stets nur für bestimmte Zeit verkaufe, denn verkauft er sie in Bausch und Bogen, ein für allemal, so verkauft er sich selbst, verwandelt sich aus einem Freien in einen Sklaven, aus einem Waarenbesitzer in eine Waare. Er als Person muss sich beständig zu seiner Arbeitskraft als seinem Eigenthum und daher seiner eignen Waare verhalten und das kann er nur, so weit er sie dem Käufer stets nur vorübergehend, für einen bestimmten Zeittermin, zur Verfügung stellt, zum Verbrauch überlässt, also durch ihre Veräusserung nicht auf sein Eigenthum an ihr verzichtet45.

Die zweite wesentliche Bedingung, damit der Geldbesitzer die Arbeitskraft auf dem Markt als Waare vorfinde, ist die, dass ihr Besitzer, statt Waaren verkaufen zu können, worin sich seine Arbeit vergegenständlicht hat, vielmehr seine Arbeitskraft selbst, die nur in seiner lebendigen Leiblichkeit existirt, als Waare feilbieten muss.

Damit Jemand von seiner Arbeitskraft unterschiedne Waaren verkaufe, muss er natürlich Produktionsmittel besitzen, z. B. Rohstoffe, Arbeitsinstrumente u. s. w. Er kann keine Stiefel machen ohne Leder. Er bedarf ausserdem Lebensmittel. Niemand kann von Produkten der Zukunft zehren, also auch nicht von Gebrauchswerthen, mit deren Produktion er noch nicht fertig, und wie am ersten Tag seiner Erscheinung auf der Weltbühne muss der Mensch noch jeden Tag konsumiren, bevor und während er produzirt. Werden die Produkte als Waaren produzirt, so müssen sie verkauft werden, nachdem sie produzirt sind und können die Bedürfnisse des Produzenten erst nach dem Verkauf befriedigen. Zur Produktionszeit kömmt die für den Verkauf nöthige Zeit hinzu.

Zur Verwandlung von Geld in Kapital muss der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Waarenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, dass er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Waare verfügt, dass er andrerseits andre Waaren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nöthigen Sachen.

Die Frage, warum dieser freie Arbeiter ihm in der Cirkulationssphäre gegenübertritt, interessirt den Geldbesitzer nicht, der den Arbeitsmarkt als eine besondre Abtheilung des Waarenmarkts vorfindet. Und einstweilen interessirt sie uns eben so wenig. Wir halten uns theoretisch an die Thatsache, wie der Geldbesitzer praktisch. Eins jedoch ist klar. Die Natur produzirt nicht auf der einen Seite Geld- oder Waarenbesitzer und auf der andern blosse Besitzer der eignen Arbeitskräfte. Diess Verhältniss ist kein naturgeschichtliches und eben so wenig ein gesellschaftliches, das allen Geschichtsperioden gemein wäre. Es ist offenbar selbst das Resultat einer vorhergegangnen historischen Entwicklung, das Produkt vieler ökonomischer Umwälzungen, des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion.

Auch die ökonomischen Kategorieen, die wir früher betrachtet, tragen ihre geschichtliche Spur. Im Dasein des Produkts als Waare sind bestimmte historische Bedingungen eingehüllt. Um Waare zu werden, darf das Produkt nicht als unmittelbares Subsistenzmittel für den Produzenten selbst produzirt werden. Hätten wir weiter geforscht: Unter welchen Umständen nehmen alle oder nimmt auch nur die Mehrzahl der Produkte die Form der Waare an, so hätte sich gefunden, dass diess nur auf Grundlage einer ganz spezifischen, der kapitalistischen Produktionsweise, geschieht. Eine solche Untersuchung lag jedoch der Analyse der Waare fern. Waarenproduktion und Waarencirkulation können stattfinden, obgleich die weit überwiegende Produktenmasse, unmittelbar auf den Selbstbedarf gerichtet, sich nicht in Waare verwandelt, der gesellschaftliche Produktionsprozess also noch lange nicht in seiner ganzen Breite und Tiefe vom Tauschwerth beherrscht ist. Die Darstellung des Produkts als Waare bedingt eine so weit entwickelte Theilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft, dass die Scheidung zwischen Gebrauchswerth und Tauschwerth, die im unmittelbaren Tauschhandel erst beginnt, bereits vollzogen ist. Eine solche Entwicklungsstufe ist aber den geschichtlich verschiedensten ökonomischen Gesellschaftsformationen gemein.

Oder betrachten wir das Geld, so setzt es eine gewisse Höhe der Waarencirkulation voraus. Die besondern Geldformen, blosses Waarenäquivalent, oder Cirkulationsmittel, oder Zahlungsmittel, Schatz und Weltgeld, deuten, je nach dem verschiednen Umfang und dem relativen Vorwiegen einer oder der andern Funktion, auf sehr verschiedne Stufen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses. Dennoch genügt erfahrungsmässig eine relativ schwach entwickelte Waarencirkulation zur Bildung aller dieser Formen. Anders mit dem Kapital. Seine historischen Existenzbedingungen sind durchaus nicht da mit der Waaren- und Geldcirkulation. Es entsteht nur, wo der Besitzer von Produktions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet, und diese eine historische Bedingung umschliesst eine Weltgeschichte. Das Kapital kündigt sich daher von vorn herein als eine Epoche des gesellschaftlichen Produktionsprozesses an.

Diese eigenthümliche Waare, die Arbeitskraft, ist nun näher zu betrachten. Gleich allen andern Waaren besitzt sie einen Tauschwerth46. Wie wird er bestimmt?

Der Werth der Arbeitskraft, gleich dem jeder andern Waare, ist bestimmt durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifischen Artikels nothwendige Arbeitszeit. Soweit sie Tauschwerth, repräsentirt die Arbeitskraft selbst nur ein bestimmtes Quantum in ihr vergegenständlichter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit. Die Arbeitskraft existirt nur als Anlage des lebendigen Individuums. Ihre Produktion setzt also seine Existenz voraus. Diese gegeben, besteht ihre Produktion in seiner Reproduktion oder Erhaltung. Zu seiner Erhaltung bedarf das lebendige Individuum einer gewissen Summe von Lebensmitteln. Die zur Produktion der Arbeitskraft nothwendige Arbeitszeit löst sich also auf in die zur Produktion dieser Lebensmittel nothwendige Arbeitszeit, oder der Werth der Arbeitskraft ist der Werth der zur Erhaltung ihres Besitzers nothwendigen Lebensmittel. Die Arbeitskraft verwirklicht sich jedoch nur durch ihre Aeusserung, bethätigt sich nur in der Arbeit. Durch ihre Bethätigung, die Arbeit, wird aber ein bestimmtes Quantum von menschlichem Muskel, Nerv, Hirn u. s. w. verausgabt, das wieder ersetzt werden muss. Diese vermehrte Ausgabe bedingt eine vermehrte Einnahme47. Wenn der Eigenthümer der Arbeitskraft heute gearbeitet hat, muss er denselben Prozess morgen unter denselben Bedingungen von Kraft und Gesundheit wiederholen können. Die Summe der Lebensmittel muss also hinreichen, das arbeitende Individuum als arbeitendes Individuum in seinem normalen Lebenszustand zu erhalten. Die natürlichen Bedürfnisse selbst, wie Nahrung, Kleidung, Heizung, Wohnung u. s. w. sind verschieden je nach den klimatischen und andern natürlichen Eigenthümlichkeiten eines Landes. Andrerseits ist der Umfang s. g. nothwendiger Lebensmittel, wie die Art ihrer Befriedigung, selbst ein historisches Produkt und hängt daher grossentheils von der Kulturstufe eines Landes, unter anderm auch wesentlich davon ab, unter welchen Bedingungen, und daher mit welchen Gewohnheiten und Lebensansprüchen die Klasse der freien Arbeiter sich gebildet hat48. Im Gegensatz zu den andern Waaren enthält also die Werth bestimmung der Arbeitskraft ein historisches und moralisches Element. Für ein bestimmtes Land, zu einer bestimmten Periode jedoch, ist der Durchschnitts-Umkreis der nothwendigen Lebensmittel gegeben.

Der Eigenthümer der Arbeitskraft ist sterblich. Soll also seine Erscheinung auf dem Markt eine kontinuirliche sein, wie die kontinuirliche Verwandlung von Geld in Kapital voraussetzt, so muss der Verkäufer der Arbeitskraft sich verewigen, „wie jedes lebendige Individuum sich verewigt, durch Fortpflanzung49.“ Die durch Abnutzung und Tod dem Markt entzogenen Arbeitskräfte müssen zum allermindesten durch eine gleiche Zahl neuer Arbeitskräfte beständig ersetzt werden. Die Summe der zur Produktion der Arbeitskraft nothwendigen Lebensmittel schliesst also die Lebensmittel der Ersatzmänner ein, d. h. der Kinder der Arbeiter, so dass sich diese Race eigenthümlicher Waarenbesitzer auf dem Waarenmarkt verewigt50.

Um die allgemein menschliche Natur so zu modificiren, dass sie Geschick und Fertigkeit in einem bestimmten Arbeitszweig erlangt, entwickelte und spezifische Arbeitskraft wird, bedarf es einer bestimmten Bildung oder Erziehung, welche ihrerseits eine grössere oder geringere Summe von Waarenäquivalenten kostet. Je nach dem mehr oder minder vermittelten Charakter der Arbeitskraft, sind ihre Bildungskosten verschieden. Diese Erlernungskosten, verschwindend klein für die gewöhnliche Arbeitskraft, gehn also ein in den Umkreis der zu ihrer Produktion nothwendigen Waaren.

Der Werth der Arbeitskraft löst sich auf in den Werth einer bestimmten Summe von Lebensmitteln. Er wechselt daher auch mit dem Werth dieser Lebensmittel, d. h. der Grösse der zu ihrer Produktion erheischten Arbeitszeit.

Ein Theil der Lebensmittel, z. B. Nahrungsmittel, Heizungsmittel u. s. w., werden täglich neu verzehrt, und müssen täglich neu ersetzt werden. Andere Lebensmittel, wie Kleider, Möbel u. s. w., verbrauchen sich in längeren Zeiträumen, und sind daher nur in längeren Zeiträumen zu ersetzen. Waaren einer Art müssen täglich, andere wöchentlich, vierteljährlich u. s. f. gekauft oder gezahlt werden. Wie sich die Summe dieser Ausgaben aber immer während eines Jahres z. B. vertheilen möge, sie muss gedeckt sein durch die Durchschnittseinnahme, Tag ein, Tag aus. Wäre die Masse der täglich zur Produktion der Arbeitskraft erheischten Waaren = A, die der wöchentlich erheischten = B, die der vierteljährlich erheischten = C u. s. w., so wäre der tägliche Durchschnitt dieser Waaren = 365 A + 52 B + 4 C +365 u. s. w. Gesetzt in dieser für den Durchschnitts-Tag nöthigen Waarenmasse steckten 6 Stunden gesellschaftlicher Arbeit, so vergegenständlicht sich in der Arbeitskraft täglich ein halber Tag gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit, oder ein halber Arbeitstag ist zur täglichen Produktion der Arbeitskraft erheischt. Diess zu ihrer täglichen Produktion erheischte Arbeitsquantum bildet den Tageswerth der Arbeitskraft, oder den Werth der täglich reproduzirten Arbeitskraft. Wenn sich ein halber Tag gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit ebenfalls in einer Goldmasse von 3 sh. oder einem Thaler darstellt, so ist Ein Thaler der dem Tageswerth der Arbeitskraft entsprechende Preis. Bietet der Besitzer der Arbeitskraft sie feil für Einen Thaler täglich, so ist ihr Verkaufspreis gleich ihrem Werth, und, nach unsrer Voraussetzung, zahlt der auf Verwandlung seiner Thaler in Kapital erpichte Geldbesitzer diesen Werth.

Die letzte Grenze oder Minimalgrenze des Werths der Arbeitskraft wird gebildet durch den Werth einer Waarenmasse, ohne deren tägliche Zufuhr der Träger der Arbeitskraft, der Mensch, seinen Lebensprozess nicht erneuern kann, also durch den Werth der physisch unentbehrlichen Lebensmittel. Sinkt der Preis der Arbeitskraft auf diess Minimum, so sinkt er unter ihren Werth, denn sie kann so nur in verkümmerter Form erhalten werden und sich entwickeln. Der Tauschwerth jeder Waare ist aber bestimmt durch die Arbeitszeit, erfordert um sie in normaler Güte zu liefern.

Es ist eine ausserordentlich wohlfeile Sentimentalität, diese aus der Natur der Sache fliessende Werthbestimmung der Arbeitskraft grob zu finden und etwa mit Rossi zu jammern: „Das Arbeitsvermögen (puissance de travail) begreifen, während man von den Subsistenzmitteln der Arbeit während des Produktionsprozesses abstrahirt, heisst ein Hirngespinnst (être de raison) begreifen. Wer Arbeit sagt, wer Arbeitsvermögen sagt, sagt zugleich Arbeiter und Subsistenzmittel, Arbeiter und Arbeitslohn51.“ Wer Arbeitsvermögen sagt, sagt nicht Arbeit, so wenig als wer Verdauungsvermögen sagt, Verdauen sagt. Zum letztern Prozess ist bekanntlich mehr als ein guter Magen erfordert. Wer Arbeitsvermögen sagt, abstrahirt nicht von den zu seiner Subsistenz nothwendigen Lebensmitteln. Ihr Werth ist vielmehr ausgedrückt in seinem Werth. Wird es nicht verkauft, so nützt es dem Arbeiter nichts, so empfindet er es vielmehr als eine grausame Naturnothwendigkeit, dass sein Arbeitsvermögen ein bestimmtes Quantum Subsistenzmittel zu seiner Produktion erheischt hat und stets wieder von neuem zu seiner Reproduktion erheischt. Er entdeckt dann mit Sismondi: „das Arbeitsvermögen . . . . ist Nichts, wenn es nicht verkauft wird52.“

Die eigenthümliche Natur dieser spezifischen Waare, der Arbeitskraft, bringt es mit sich, dass mit der Abschliessung des Kontrakts zwischen Käufer und Verkäufer ihr Gebrauchswerth noch nicht wirklich in die Hand des Käufers übergegangen ist. Ihr Tauschwerth, gleich dem jeder andern Waare, war bestimmt, bevor sie in die Cirkulation trat, denn ein bestimmtes Quantum gesellschaftlicher Arbeit ward zur Produktion der Arbeitskraft verausgabt, aber ihr Gebrauchswerth besteht erst in der nachträglichen Kraftäusserung. Die Veräusserung der Kraft und ihre wirkliche Aeusserung, d. h. ihr Dasein als Gebrauchswerth, fallen daher der Zeit nach aus einander. Bei solchen Waaren aber, wo die formelle Veräusserung des Gebrauchswerths durch den Verkauf und seine wirkliche Ueberlassung an den Käufer der Zeit nach auseinander fallen, funktionirt das Geld des Käufers meist als Zahlungsmittel. In allen Ländern kapitalistischer Produktionsweise wird die Arbeitskraft erst gezahlt, nachdem sie bereits während des im Kaufkontrakt festgesetzten Termins funktionirt hat, z. B. am Ende jeder Woche53. Ueberall schiesst daher der Arbeiter dem Kapitalisten den Gebrauchswerth der Arbeitskraft vor; er lässt sie vom Käufer konsumiren, bevor er ihren Preis bezahlt erhält, überall kreditirt daher der Arbeiter dem Kapitalisten. Dass diess Kreditiren kein leerer Wahn ist, zeigt nicht nur der gelegentliche Verlust des kreditirten Salairs beim Bankerott des Kapitalisten54, sondern auch eine Reihe mehr nachhaltiger Wirkungen55. Indess ändert es an der Natur des 56 Waarenaustauschs selbst nichts, ob das Geld als Kaufmittel oder als Zahlungsmittel funktionirt. Der Preis der Arbeitskraft ist kontraktlich festgesetzt, obgleich er erst hinterher realisirt wird, wie der Miethpreis eines Hauses. Die Arbeitskraft ist verkauft, obgleich sie erst hinterher bezahlt wird. Für die reine Auffassung des Verhältnisses wird es daher nützlich sein, einstweilen stets vorauszusetzen, dass der Besitzer der Arbeitskraft mit ihrem Verkauf jedesmal auch sogleich den kontraktlich stipulirten Preis erhält.

Wir kennen nun die Art und Weise der Bestimmung des Tauschwerths, der dem Besitzer dieser eigenthümlichen Waare, der Arbeitskraft, vom Geldbesitzer gezahlt wird. Der Gebrauchswerth, den letzterer seinerseits im Austausch erhält, zeigt sich erst im wirklichen Verbrauch, im Konsumtionsprozess der Arbeitskraft. Alle zu diesem Prozess nöthigen Dinge, wie Rohmaterial u. s. w., kauft der Geldbesitzer auf dem Waarenmarkt und zahlt sie zum vollen Preis. Der Konsumtionsprozess der Arbeitskraft ist zugleich der Produktionsprozess von Waare und von Mehrwerth. Die Kon- 57 sumtion der Arbeitskraft, gleich der Konsumtion jeder andern Waare, vollzieht sich ausserhalb des Markts oder der Cirkulationssphäre. Diese geräuschvolle, auf der Oberfläche hausende und Aller Augen zugängliche Sphäre verlassen wir daher, zusammen mit Geldbesitzer und Besitzer der Arbeitskraft, um beiden nachzufolgen in die verborgne Stätte der Produktion, an deren Schwelle zu lesen steht: No admittance except on business. Hier wird sich zeigen, nicht nur wie das Kapital producirt, sondern auch wie das Kapital selbst producirt wird. Das Geheimniss der Plusmacherei muss sich endlich enthüllen.

Die Sphäre der Cirkulation oder des Waarenaustauschs, innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, war in der That ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigenthum, und Bentham. Freiheit! denn Käufer und Verkäufer einer Waare, z. B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie kontrahiren als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt ist das freie Produkt, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechtsausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Waarenbesitzer auf einander und tauschen Aequivalent für Aequivalent. Eigenthum! Denn jeder verfügt nur über das Seine. Bentham! Denn jedem von den beiden ist es nur um sich zu thun. Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältniss bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervortheils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil so jeder nur für sich und keiner für den andern kehrt, vollbringen alle, in Folge einer prästabilirten Harmonie der Dinge, oder unter den Auspicien einer allpfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vortheils, des Gemeinnutzens, des Gesammtinteresses.

Beim Scheiden von dieser Sphäre der einfachen Cirkulation oder des Waarenaustauschs, woraus der Freihändler vulgaris Anschauungen, Begriffe und Massstab für sein Urtheil über die Gesellschaft des Kapitals und der Lohnarbeit entlehnt, verwandelt sich, so scheint es, schon in etwas die Physiognomie unserer dramatis personae. Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als Kapitalist, der Arbeitskraft-Besitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der Eine bedeutungsvoll schmunzelnd und ge schäftseifrig, der Andre scheu, widerstrebsam, wie Jemand, der seine eigne Haut zu Markt getragen und nun nichts andres zu erwarten hat als die — Gerberei.