Erstes Buch. Der Produktionsprozess des Kapitals.

Viertes Kapitel. Die Produktion des relativen Mehrwerths.

71.769 Wörter · 371 Fußnoten · ≙ MEW 23, 4. Abschnitt (Kap. 10–13)

Viertes Kapitel. Die Produktion des relativen Mehrwerths.

1) Begriff des relativen Mehrwerths.

Der Theil des Arbeitstags, der bloss ein Aequivalent für den vom Kapital gezahlten Werth der Arbeitskraft produzirt, galt uns bisher als constante Grösse, was er in der That ist unter gegebnen Produktionsbedingungen, auf einer vorhandnen ökonomischen Entwicklungsstufe der Gesellschaft. Ueber diese seine nothwendige Arbeitszeit hinaus konnte der Arbeiter 2, 3, 4, 6 u. s. w. Stunden arbeiten. Von der Grösse dieser Verlängerung hingen Rate des Mehrwerths und Grösse des Arbeitstags ab. War die nothwendige Arbeitszeit constant, so dagegen der Gesammtarbeitstag variabel. Unterstelle jetzt einen Arbeitstag, dessen Grösse und dessen Theilung in nothwendige Arbeit und Mehrarbeit gegeben sind. Die Linie a c a-------------b---c stelle z. B. einen zwölfstündigen Arbeitstag vor, das Stück a b 10 Stunden nothwendige Arbeit, das Stück b c 2 Stunden Mehrarbeit. Wie kann nun die Produktion von Mehrwerth vergrössert, d. h. die Mehrarbeit verlängert werden, ohne jede weitere Verlängerung oder unabhängig von jeder weiteren Verlängerung von a c?

Trotz gegebner Grenzen des Arbeitstags a c scheint b c verlängerbar, wenn nicht durch Ausdehnung über seinen Endpunkt c, der zugleich der Endpunkt des Arbeitstags a c ist, so durch Verschiebung seines Anfangspunkts b in entgegengesetzter Richtung nach a hin. Nimm an, b' b a-------------b'--b----c sei gleich der Hälfte von b c oder gleich einer Arbeitsstunde. Wird nun in dem zwölfstündigen Arbeitstag a c der Punkt b nach b' verrückt, so dehnt sich b c aus zu b' c, die Mehrarbeit wächst um die Hälfte, von 2 auf 3 Stunden, obgleich der Arbeitstag nach wie vor nur 12 Stunden zählt. Diese Ausdehnung der Mehrarbeit von b c auf b' c, von 2 auf 3 Stunden, ist aber offenbar unmöglich ohne gleichzeitige Zusammenziehung der nothwendigen Arbeit von a b auf a b', von 10 auf 9 Stunden. Der Verlängerung der Mehrarbeit entspräche die Verkürzung der nothwendigen Arbeit, oder ein Theil der Arbeitszeit, die der Arbeiter bisher in der That für sich selbst verbraucht, verwandelt sich in Arbeitszeit für den Kapitalisten. Was verändert, wäre nicht die Länge des Arbeitstags, sondern seine Theilung in nothwendige Arbeit und Mehrarbeit.

Andrerseits ist die Grösse der Mehrarbeit offenbar selbst gegeben mit gegebner Grösse des Arbeitstags und gegebnem Werth der Arbeitskraft. Der Werth der Arbeitskraft, d. h. die zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit, bestimmt die zur Reproduktion ihres Werths nothwendige Arbeitszeit. Stellt sich eine Arbeitsstunde in einem Goldquantum von einem halben Shilling oder 6 d. dar, und beträgt der Tageswerth der Arbeitskraft 5 sh., so muss der Arbeiter täglich 10 Stunden arbeiten, um den ihm vom Kapital gezahlten Tageswerth seiner Arbeitskraft zu ersetzen oder ein Aequivalent für den Werth seiner nothwendigen täglichen Lebensmittel zu produziren. Mit dem Werth dieser Lebensmittel ist der Werth seiner Arbeitskraft1, mit dem Werth seiner Arbeitskraft ist die Grösse seiner nothwendigen Arbeitszeit gegeben. Die Grösse der Mehrarbeit aber wird erhalten durch Subtraktion der nothwendigen Arbeitszeit vom Gesammtarbeitstag. Zehn Stunden subtrahirt von zwölf lassen zwei, und es ist nicht abzusehn, wie die Mehrarbeit unter den gegebnen Bedingungen über zwei Stunden hinaus verlängert werden kann. Allerdings mag der Kapitalist statt 5 sh. dem Arbeiter nur 4 sh. 6 d. oder noch weniger zahlen. Zur Reproduktion dieses Werths von 4 sh. 6 d. würden 9 Arbeitsstunden genügen, von dem zwölfstündigen Arbeitstag daher 3 statt 2 Stunden der Mehrarbeit anheimfallen und der Mehrwerth selbst von 1 sh. auf 1 sh. 6 d. steigen. Diess Resultat wäre jedoch nur erzielt durch Herabdrückung des Lohns des Arbeiters unter den Werth seiner Arbeitskraft. Mit den 4 sh. 6 d., die er in 9 Stunden producirt, verfügt er über ⅒ weniger Lebensmittel als vorher und so findet nur eine verkümmerte Reproduktion seiner Arbeitskraft statt. Die Mehrarbeit würde hier nur verlängert durch Ueberschreitung ihrer normalen Grenzen, ihre Domäne nur ausgedehnt durch usurpatorischen Abbruch von der Domäne der nothwendigen Arbeitszeit. Trotz der wichtigen Rolle, welche diese Methode in der wirklichen Bewegung des Arbeitslohnes spielt, ist sie hier ausgeschlossen durch die Voraussetzung, dass die Waaren, also auch die Arbeitskraft, zu ihrem vollen Werth gekauft und verkauft werden. Diess einmal unterstellt, kann die zur Produktion der Arbeitskraft oder zur Reproduktion ihres Werths nothwendige Arbeitszeit nicht abnehmen, weil der Lohn des Arbeiters unter den Werth seiner Arbeitskraft, sondern nur weil dieser Werth selbst sinkt. Bei gegebner Länge des Arbeitstags muss die Verlängerung der Mehrarbeit aus der Verkürzung der nothwendigen Arbeitszeit entspringen, nicht umgekehrt die Verkürzung der nothwendigen Arbeitszeit aus der Verlängerung der Mehrarbeit. In unsrem Beispiel muss der Werth der Arbeitskraft wirklich um ⅒ sinken, damit die nothwendige 2 Arbeitszeit um ⅒ abnehme, von 10 auf 9 Stunden, und daher die Mehrarbeit sich von 2 auf 3 Stunden verlängere.

Eine solche Senkung des Werths der Arbeitskraft um ⅒ bedingt aber ihrerseits, dass dieselbe Masse Lebensmittel, die früher in 10, jetzt in 9 Stunden producirt wird. Diess ist jedoch unmöglich ohne eine Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit. Mit gegebnen Mitteln kann ein Schuster z. B. ein Paar Stiefel in einem Arbeitstag von 12 Stunden machen. Soll er in derselben Zeit zwei Paar Stiefel machen, so muss sich die Produktivkraft seiner Arbeit verdoppeln, und sie kann sich nicht verdoppeln ohne eine Aenderung in seinen Arbeitsmitteln oder seiner Arbeitsmethode oder beiden zugleich. Es muss daher eine Revolution in den Produktionsbedingungen seiner Arbeit, d. h. in seiner Produktionsweise und daher im Arbeitsprozess selbst eintreten. Unter Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit verstehn wir hier überhaupt eine Veränderung im Arbeitsprozess, wodurch die zur Produktion einer Waare gesellschaftlich erheischte Arbeitszeit verkürzt wird, ein kleineres Quantum Arbeit also die Kraft erwirbt ein grösseres Quantum Gebrauchswerth zu produciren3. Während also bei der Produktion des Mehrwerths in der bisher betrachteten Form die Produktionsweise als gegeben unterstellt war, genügt es für die Produktion von Mehrwerth durch Verwandlung nothwendiger Arbeit in Mehrarbeit keineswegs, dass das Kapital sich des Arbeitsprozesses in seiner historisch überlieferten oder vorhandenen Gestalt bemächtigt und nur seine Dauer verlängert. Es muss die technologischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses, also die Produktionsweise selbst umwälzen, um die Produktivkraft der Arbeit zu erhöhn, durch die Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit den Werth der Arbeitskraft zu senken und so den zur Reproduktion dieses Werths nothwendigen Theil des Arbeitstages zu verkürzen.

Durch Verlängerung des Arbeitstags producirten Mehrwerth nenne ich absoluten Mehrwerth; den Mehrwerth dagegen, der aus Verkürzung der nothwendigen Arbeitszeit und entsprechender Veränderung im Grössenverhältniss der beiden Bestandtheile des Arbeitstags entspringt, — relativen Mehrwerth.

Um den Werth der Arbeitskraft zu senken, muss die Steigerung der Produktivkraft Industriezweige ergreifen, deren Produkte den Werth der Arbeitskraft bestimmen, also entweder dem Umkreis der gewohnheitsmässigen Lebensmittel angehören oder sie ersetzen können. Der Werth einer Waare ist aber nicht nur bestimmt durch das Quantum der Arbeit, welche ihr die letzte Form giebt, sondern ebensowohl durch die in ihren Produktionsmitteln enthaltene Arbeitsmasse. Z. B. der Werth eines Stiefels nicht nur durch die Schusterarbeit, sondern auch durch den Werth von Leder, Pech, Draht u. s. w. Steigerung der Produktivkraft und entsprechende Verwohlfeilerung der Waaren in den Industrien, welche die stofflichen Elemente des constanten Kapitals, die Arbeitsmittel und das Arbeitsmaterial, zur Erzeugung der nothwendigen Lebensmittel liefern, senken also ebenfalls den Werth der Arbeitskraft. In Produktionszweigen dagegen, die weder nothwendige Lebensmittel liefern, noch Produktionsmittel zu ihrer Herstellung, lässt die erhöhte Produktivkraft den Werth der Arbeitskraft unberührt.

Die verwohlfeilerte Waare senkt natürlich den Werth der Arbeitskraft nur pro tanto, d. h. nur im Verhältniss, worin sie in die Reproduktion der Arbeitskraft eingeht. Hemden z. B. sind ein nothwendiges Lebensmittel, aber nur eins von vielen. Ihre Verwohlfeilerung vermindert nur die Ausgabe des Arbeiters für Hemden. Die Gesammtsumme der nothwendigen Lebensmittel besteht zwar nur aus einzelnen Waaren, lauter Produkten besondrer Industrien, und der Werth jeder besondern Waare bildet immer nur einen aliquoten Theil vom Werth der Arbeitskraft. Die Gesammtabnahme dieses Werths, und daher der zu seiner Reproduktion nothwendigen Arbeitszeit, ist jedoch gleich der Summe der Verkürzungen der nothwendigen Arbeitszeit in allen jenen besondren Produktionszweigen. Wir behandeln diess allgemeine Resultat hier so, als wäre es unmittelbares Resultat und unmittelbarer Zweck in jedem einzelnen Fall, obgleich die Sache anders erscheint. Wenn ein einzel ner Kapitalist durch Steigerung der Produktivkraft der Arbeit z. B. Hemden verwohlfeilert, schwebt ihm keineswegs nothwendig der Zweck vor, den Werth der Arbeitskraft und daher die nothwendige Arbeitszeit pro tanto zu senken, aber nur soweit er schliesslich zu diesem Resultat beiträgt, trägt er bei zur Erhöhung der allgemeinen Rate des Mehrwerths4. Die allgemeinen und nothwendigen Tendenzen des Kapitals sind zu unterscheiden von ihren Erscheinungsformen.

Die Darstellung der Art und Weise, wie die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion in der äussern Bewegung der Kapitale erscheinen, sich als Zwangsgesetze der Konkurrenz geltend machen, und daher als treibende Motive dem individuellen Kapitalisten zum Bewusstsein kommen, fällt ausserhalb der Schranken dieser Schrift. Wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz ist überhaupt nur möglich, sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist. Ganz wie die scheinbare Bewegung der Himmelskörper nur dem verständlich, der ihre wirkliche, aber sinnlich nicht wahrnehmbare Bewegung kennt. Dennoch ist zum Verständniss der Produktion des relativen Mehrwerths, und bloss auf Grundlage der bereits gewonnenen Resultate, Folgendes zu bemerken.

Stellt sich eine Arbeitsstunde in einem Goldquantum von 6 d. oder ½sh. dar, so wird in zwölfstündigem Arbeitstag ein Werth von 6 sh. producirt. Gesetzt mit der gegebnen Produktivkraft der Arbeit würden 12 Stück Waaren in diesen 12 Arbeitsstunden verfertigt. Der Werth der in jedem Stück vernutzten Produktionsmittel, Rohmaterial u. s. w., sei 6 d. Unter diesen Umständen kostet die einzelne Waare 1 sh., nämlich 6 d. für den Werth der Produktionsmittel, 6 d. für den in ihrer Verarbeitung neu zugesetzten Werth. Es gelinge nun einem Kapitalisten die Produktivkraft der Arbeit zu verdoppeln und daher 24 Stück dieser Waarenart statt 12 in dem zwölfstündigen Arbeitstag zu produciren. Bei unverändertem Werth der Produktionsmittel sinkt der Werth der einzelnen Waare jetzt auf 9 d., nämlich 6 d. für den Werth der Produktionsmittel, 3 d. für den durch die letzte Arbeit neu zugesetzten Werth. Trotz der verdoppelten Produktivkraft schafft der Arbeitstag nach wie vor nur einen Neuwerth von 6 sh. Aber dieser Werth vertheilt sich auf doppelt so viel Produkte. Auf jedes einzelne Produkt fällt daher nur noch 124 dieses Gesammtwerths statt früher 112, 3 d. statt 6 d., oder, was dasselbe ist, den Produktionsmitteln wird bei ihrer Verwandlung in Produkt, jedes Stück berechnet, jetzt nur noch eine halbe statt wie früher eine ganze Arbeitsstunde zugesetzt. Der individuelle Werth dieser Waare steht nun unter ihrem gesellschaftlichen Werth, d. h. sie kostet weniger Arbeitszeit als der grosse Haufen derselben Artikel, producirt unter den gesellschaftlichen Durchschnittsbedingungen. Das Stück kostet im Durchschnitt 1 sh. oder stellt 2 Stunden gesellschaftlicher Arbeit dar; mit der veränderten Produktionsweise kostet es nur 9 d. oder enthält nur 1½ Arbeitsstunden. Der wirkliche Werth einer Waare ist aber nicht durch ihren individuellen, sondern durch ihren gesellschaftlichen Werth bestimmt, d. h. nicht durch die Arbeitszeit, die sie im einzelnen Fall dem Produzenten thatsächlich kostet, sondern durch die gesellschaftlich zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit. Verkauft also der Kapitalist, der die neue Methode anwendet, seine Waare zu ihrem gesellschaftlichen Werth von 1 sh., so verkauft er sie 3 d. über ihrem individuellen Werth und realisirt so einen Extra-Mehrwerth von 3 d. Andrerseits stellt sich aber der zwölfstündige Arbeitstag jetzt für ihn in 24 Stück Waare dar statt früher in 12. Um also das Produkt eines Arbeitstags zu verkaufen, bedarf er doppelten Absatzes oder eines zweifach grösseren Markts. Unter sonst gleichbleibenden Umständen erobern seine Waaren nur grösseren Marktraum durch Kontraktion ihrer Preise. Er wird sie daher über ihrem individuellen, aber unter ihrem gesellschaftlichen Werth verkaufen, sage zu 10 d. das Stück. So schlägt er an jedem einzelnen Stück immer noch einen Extra-Mehrwerth von 1 d. heraus. Diese Steigerung des Mehrwerths findet für ihn statt, ob oder ob nicht seine Waare dem Umkreis der nothwendigen Lebensmittel angehört und daher bestimmend in den allgemeinen Werth der Arbeitskraft eingeht. Vom letztren Umstand abgesehn, existirt also für jeden einzelnen Kapitalisten das Motiv die Waare durch erhöhte Produktivkraft der Arbeit zu verwohlfeilern.

Indess entspringt selbst in diesem Fall die gesteigerte Produktion von Mehrwerth aus der Verkürzung der nothwendigen Arbeitszeit und entsprechender Verlängerung der Mehrarbeit5. Die nothwendige Arbeitszeit betrug 10 Stunden oder der Tageswerth der Arbeitskraft 5 sh., die Mehrarbeit 2 Stunden, der täglich producirte Mehrwerth daher 1 sh. Unser Kapitalist producirt aber jetzt 24 Stück, die er zu 10 d. per Stück oder zusammen zu 20 sh. verkauft. Da der Werth der Produktionsmittel gleich 12 sh., ersetzen 14⅖ Stück Waare nur das vorgeschossene constante Kapital. Der zwölfstündige Arbeitstag stellt sich in den übrigbleibenden 9⅗ Stück dar. Da der Preis der Arbeitskraft = 5 sh., stellt sich im Produkt von 6 Stück die nothwendige Arbeitszeit dar und in 3⅗ Stück die Mehrarbeit. Die nothwendige Arbeitszeit beträgt jetzt weniger als ⅔, die Mehrarbeit mehr als ⅓ des Arbeitstags, während unter den gesellschaftlichen Durchschnittsbedingungen die nothwendige Arbeit ⅚ und die Mehrarbeit nur ⅙ des Arbeitstags einnimmt. Dasselbe Resultat erhält man so: Der Produktenwerth des zwölfstündigen Arbeitstags ist 20 sh. Davon gehören 12 sh. dem nur wieder erscheinenden Werth der Produktionsmittel. Bleiben also 8 sh. als Geldausdruck des Werths, worin sich der Arbeitstag darstellt. Dieser Geldausdruck ist höher als der Geldausdruck der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit von derselben Sorte, wovon sich 12 Stunden nur in 6 sh. ausdrücken. Die Arbeit von ausnahmsweiser Produktivkraft wirkt als potenzirte Arbeit oder schafft in gleichen Zeiträumen höhere Werthe als die gesellschaftliche Durchschnittsarbeit derselben Art. Aber unser Kapitalist zahlt nach wie vor nur 5 sh. für den Tageswerth der Arbeitskraft. Der Arbeiter bedarf daher statt früher 10, jetzt weniger als 8 Stunden zur Reproduktion dieses Werths. Seine Mehrarbeit wächst daher von 2 Stunden auf mehr als 4, der von ihm producirte Mehrwerth von 1 sh. auf 3 sh. 6 d. Der Kapitalist, der die verbesserte Produktionsweise anwendet, eignet sich daher einen grösseren Theil des Arbeitstags für Mehrarbeit an, als die übrigen Kapita listen in demselben Geschäft. Er thut im Einzelnen, was das Kapital bei der Produktion des relativen Mehrwerths im Grossen und Ganzen thut. Andrerseits aber verschwindet jener Extra-Mehrwerth, sobald die neue Produktionsweise sich verallgemeinert und damit die Differenz zwischen dem individuellen Werth der wohlfeiler producirten Waaren und ihrem gesellschaftlichen Werth verschwindet. Dasselbe Gesetz der Werthbestimmung durch die Arbeitszeit, das dem Kapitalisten mit der neuen Methode in der Form fühlbar wird, dass er seine Waare unter ihrem gesellschaftlichen Werth verkaufen muss, treibt seine Mitbewerber als Zwangsgesetz der Konkurrenz zur Einführung der neuen Produktionsweise6. Die allgemeine Rate des Mehrwerths wird also durch den ganzen Prozess schliesslich nur berührt, wenn die Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit Produktionszweige ergriffen, also Waaren verwohlfeilert hat, die in den Kreis der nothwendigen Lebensmittel eingehn, daher Elemente des Werths der Arbeitskraft bilden.

Der Werth der Waaren steht in umgekehrtem Verhältniss zur Produktivkraft der Arbeit. Ebenso, weil durch Waarenwerthe bestimmt, der Werth der Arbeitskraft. Dagegen steht der relative Mehrwerth in direktem Verhältniss zur Produktivkraft der Arbeit. Er steigt mit steigender und fällt mit fallender Produktivkraft. Ein gesellschaftlicher Durchschnittsarbeitstag von 12 Stunden, Geldwerth als gleichbleibend vorausgesetzt, producirt stets dasselbe Werthprodukt von 6 sh., wie diese Werthsumme sich immer vertheile zwischen Aequivalent für den Werth der Arbeitskraft und Mehrwerth. Fällt aber in Folge gesteigerter Produktivkraft der Werth der täglichen Lebensmittel und daher der Tageswerth der Arbeitskraft von 5 sh. auf 3 sh., so wächst der Mehrwerth von 1 sh. auf 3 sh. Um den Werth der Arbeitskraft zu reproduciren, waren 10 und sind jetzt nur noch 6 Ar beitsstunden nöthig. Vier Arbeitsstunden sind frei geworden und können der Domäne der Mehrarbeit annexirt werden. Es ist daher der immanente Trieb und die beständige Tendenz des Kapitals die Produktivkraft der Arbeit zu steigern, um die Waare und durch die Verwohlfeilerung der Waare den Arbeiter selbst zu verwohlfeilern7.

Der absolute Werth der Waare ist dem Kapitalisten, der sie producirt, an und für sich gleichgültig. Ihn interessirt nur der in ihr steckende und im Verkauf realisirbare Mehrwerth. Realisirung von Mehrwerth schliesst von selbst Ersatz des vorgeschossenen Werths ein. Da nun der relative Mehrwerth in direktem Verhältniss zur Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit wächst, während der Werth der Waaren in umgekehrtem Verhältniss zur selben Entwicklung fällt, da also derselbe identische Prozess die Waaren verwohlfeilert und den in ihnen enthaltenen Mehrwerth steigert, löst sich das Räthsel, dass der Kapitalist, dem es nur um die Produktion von Tauschwerth zu thun ist, den Tauschwerth der Waaren beständig zu senken strebt, ein Widerspruch, womit einer der Gründer der politischen Oekonomie, Dr. Quesnay, seine Gegner quälte und worauf sie ihm die Antwort schuldig blieben. „Ihr gebt zu“, sagt Quesnay, „dass je mehr man, ohne Nachtheil für die Produktion, Kosten oder kostspielige Arbeiten in der Fabrikation industrieller Produkte ersparen kann, desto vortheilhafter diese Ersparung, weil sie den Preis des Machwerks vermindert. Und trotzdem glaubt ihr, dass die Produktion des Reich thums, der aus den Arbeiten der Industriellen resultirt, in der Vermehrung des Tauschwerths ihres Machwerks besteht“8.

Oekonomie der Arbeit durch Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit9 bezweckt in der kapitalistischen Produktion also durchaus nicht Verkürzung des Arbeitstags. Sie bezweckt nur Verkürzung der für Produktion eines bestimmten Waarenquantums nothwendigen Arbeitszeit. Dass der Arbeiter bei gesteigerter Produktivkraft seiner Arbeit in einer Stunde z. B. 10 mal mehr Waare als früher producirt, also für jedes Stück Waare 10 mal weniger Arbeitszeit braucht, verhindert durchaus nicht, ihn nach wie vor 12 Stunden arbeiten und in den 12 Stunden 1200 statt früher 120 Stück produciren zu lassen. Ja sein Arbeitstag mag gleichzeitig verlängert werden, so dass er jetzt in 14 Stunden 1400 Stück producirt u. s. w. Man kann daher bei Oekonomen vom Schlag eines Mac Culloch, Ure, Senior und tutti quanti auf einer Seite lesen, dass der Arbeiter dem Kapital für die Entwicklung der Produktivkräfte Dank schuldet, weil sie die nothwendige Arbeitszeit verkürzt, und auf der nächsten Seite, dass er diesen Dank beweisen muss, indem er statt 10 künftig 15 Stunden arbeitet. Die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, innerhalb der kapitalistischen Produktion, bezweckt den Theil des Arbeitstags, den der Arbeiter für sich selbst arbeiten muss, zu verkürzen, um grade dadurch den andern Theil des Arbeitstags, den er für den Kapitalisten umsonst arbeiten kann, zu verlängern. Wie weit diess Resultat auch ohne Verwohlfeilerung der Waaren erreichbar, wird sich zeigen in den besondern Produktionsmethoden des relativen Mehrwerths, zu deren Betrachtung wir jetzt übergehn.

2) Cooperation.

Die kapitalistische Produktion, wie wir sahen, beginnt in der That erst, wo dasselbe individuelle Kapital eine grössere Anzahl Arbeiter gleichzeitig beschäftigt, der Arbeitsprozess also seinen Umfang erweitert und Produkt auf grösserer quantitativer Stufenleiter liefert. Nur wo die Arbeiteranzahl hinreicht, damit die von ihr producirte Masse von Mehrwerth den Arbeitsanwender selbst von der Arbeit entbinde, wird der letztere vollbürtiger Kapitalist. Das Wirken einer grössern Arbeiteranzahl zur selben Zeit, in demselben Raum (oder, wenn man will, auf demselben Arbeitsfeld), zur Produktion derselben Waarensorte, unter dem Kommando desselben Kapitalisten, bildet daher historisch und begrifflich den Ausgangspunkt der kapitalistischen Produktion. Mit Bezug auf die Produktionsweise selbst unterscheidet sich z. B. die Manufaktur in ihren Anfängen kaum anders von der zünftigen Handwerksindustrie als durch die grössere Zahl der gleichzeitig von demselben Kapital beschäftigten Arbeiter. Die Werkstatt des Zunftmeisters ist nur erweitert.

Der Unterschied ist also zunächst bloss quantitativ. Man sah, dass die Masse des Mehrwerths, welche ein gegebnes Kapital producirt, gleich dem Mehrwerth, den der einzelne Arbeiter liefert, multiplicirt mit der Anzahl der gleichzeitig beschäftigten Arbeiter. Diese Anzahl ändert an und für sich nichts an der Rate des Mehrwerths oder dem Exploitationsgrad der Arbeitskraft. Was aber die Produktion von Waarenwerth überhaupt betrifft, so scheint für sie selbst jede qualitative Veränderung des Arbeitsprozesses gleichgültig. Es folgt diess aus der Natur des Tauschwerths, der nichts ist als ein bestimmtes Quantum vergegenständlichter Arbeit. Vergegenständlicht sich ein zwölfstündiger Arbeitstag in 6 sh., so 1200 solcher Arbeitstage in 6 sh. × 1200. In dem einen Fall haben sich 12 × 1200, in dem andern 12 Arbeitsstunden den Produkten einverleibt. In der Werthproduktion zählen Viele immer nur als viele Einzelne. Für die Werthproduktion macht es also keinen qualitativen Unterschied, ob 1200 Arbeiter vereinzelt oder ob sie unter dem Kommando desselben Kapitals vereint produciren.

Indess findet doch innerhalb gewisser Grenzen eine Modifikation statt. Die im Werth vergegenständlichte Arbeit ist Arbeit von gesellschaftlicher Durchschnittsqualität und so ist der Werth der Arbeitskraft der Werth durchschnittlicher Arbeitskraft. Eine Durchschnittsgrösse existirt aber immer nur als Durchschnitt vieler verschiedner Grössenindividuen derselben Art. In jedem Industriezweig weicht der individuelle Arbeiter, Peter oder Paul, mehr oder minder vom Durchschnittsarbeiter ab. Diese individuellen Abweichungen oder was man mathematisch „Irrthümer“ nennt, kompensiren sich und verschwinden, sobald man eine grössere Anzahl Arbeiter zusammennimmt. Der berühmte Sophist und Sykophant Edmund Burke will aus seinen praktischen Erfahrungen als Pächter sogar wissen, dass schon „für ein so geringes Peloton“ wie 5 Ackerknechte aller individuelle Unterschied der Arbeit verschwindet, also die ersten besten im Mannesalter befindlichen fünf englischen Ackerknechte zusammengenommen in derselben Zeit grad so viel Arbeit verrichten als beliebige andre fünf englische Ackerknechte10. Die von ihm angegebne Zahl ist hier gleichgültig, aber es ist klar, dass der Gesammtarbeitstag einer grössern Anzahl gleichzeitig beschäftigter Arbeiter an und für sich ein Tag gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit ist. Der Arbeitstag des Einzelnen sei z. B. zwölfstündig. So bildet der Arbeitstag von 12 gleichzeitig beschäftigten Arbeitern einen Gesammtarbeitstag von 144 Stunden, und obgleich die Arbeit eines Jeden des Dutzend mehr oder minder von der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit abweichen, der Einzelne daher etwas mehr oder weniger Zeit zu derselben Verrichtung brauchen mag, besitzt der Arbeitstag jedes Einzelnen als ein Zwölftel des Ge sammtarbeitstags von 144 Stunden die gesellschaftliche Durchschnittsqualität. Für den Kapitalisten aber, der ein Dutzend beschäftigt, existirt der Arbeitstag als Gesammtarbeitstag des Dutzend. Der Arbeitstag jedes Einzelnen existirt als aliquoter Theil des Gesammtarbeitstags, ganz unabhängig davon, ob die Zwölf einander in die Hand arbeiten oder ob der ganze Zusammenhang ihrer Arbeiten nur darin besteht, dass sie für denselben Kapitalisten arbeiten. Werden dagegen von den 12 Arbeitern je zwei von einem kleinen Meister beschäftigt, so wird es zufällig, ob jeder einzelne Meister dieselbe Werthmasse producirt und daher die allgemeine Rate des Mehrwerths realisirt. Es fänden individuelle Abweichungen statt. Verbrauchte ein Arbeiter bedeutend mehr Zeit in der Produktion einer Waare als gesellschaftlich erheischt ist, wiche die für ihn individuell nothwendige Arbeitszeit bedeutend ab von der gesellschaftlich nothwendigen oder der Durchschnitts-Arbeitszeit, so gälte seine Arbeit nicht als Durchschnittsarbeit, seine Arbeitskraft nicht als durchschnittliche Arbeitskraft. Sie verkaufte sich gar nicht oder nur unter dem Durchschnittswerth der Arbeitskraft. Ein bestimmtes Minimum der Arbeitsfertigkeit ist also vorausgesetzt, und wir werden später sehn, dass die kapitalistische Produktion Mittel findet, diess Minimum zu messen. Nichts desto weniger weicht das Minimum vom Durchschnitt ab, obgleich auf der andern Seite der Durchschnittswerth der Arbeitskraft gezahlt werden muss. Von den sechs Kleinmeistern würde der eine daher mehr, der andre weniger als die allgemeine Rate des Mehrwerths herausschlagen. Die Ungleichheiten würden sich für die Gesellschaft kompensiren, aber nicht für den einzelnen Meister. Das Gesetz der Verwerthung überhaupt realisirt sich also für den einzelnen Produzenten erst vollständig, sobald er als Kapitalist producirt, viele Arbeiter gleichzeitig anwendet, also von vorn herein gesellschaftliche Durchschnittsarbeit in Bewegung setzt11.

Auch bei gleichbleibender Arbeitsweise bewirkt die gleich zeitige Anwendung einer grösseren Arbeiteranzahl eine Revolution in den gegenständlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses. Die Baulichkeiten, worin die Vielen arbeiten, die Lager für Rohmaterial, halbfertige Waaren u. s. w., die Gefässe, Instrumente, Apparate u. s. w., die von vielen gleichzeitig oder abwechselnd gebraucht werden können, kurz ein Theil der Produktionsmittel wird jetzt gemeinsam im Arbeitsprozess konsumirt. Einerseits wird der Tauschwerth von Waaren, also auch von Produktionsmitteln, durchaus nicht erhöht durch irgend welche erhöhte Ausbeutung ihres Gebrauchswerths. Andrerseits wächst zwar der Massstab der gemeinsam gebrauchten Produktionsmittel. Ein Zimmer, worin 20 Weber mit ihren 20 Webstühlen arbeiten, muss weiter gestreckt sein als das Zimmer eines unabhängigen Webers mit zwei Gesellen. Aber die Produktion einer Werkstatt für 20 Personen kostet weniger Arbeit als die von 10 Werkstätten für je zwei Personen, und so wächst überhaupt der Werth massenweise koncentrirter und gemeinsamer Produktionsmittel nicht verhältnissmässig mit ihrem Umfang und ihrem Nutzeffekt. Gemeinsam vernutzte Produktionsmittel geben geringeren Werthbestandtheil an das einzelne Produkt ab, theils weil der Gesammtwerth, den sie abgeben, sich gleichzeitig auf eine grössere Produktenmasse vertheilt, theils weil sie in Folge ihres vergrösserten Umfangs zwar mit absolut grösserem, aber, im Verhältniss zu ihrem Wirkungskreis, mit relativ kleinerem Werth als vereinzelte Produktionsmittel in den Produktionsprozess eintreten. Damit sinkt ein Werthbestandtheil, welcher constantes Kapital ersetzt, also, proportionell zur Grösse dieses Bestandtheils, auch der Gesammtwerth der Waare. Die Wirkung ist dieselbe, als hätte sich die Produktivkraft der Arbeit vermehrt in solchen Industriezweigen, die Produktionsmittel liefern. Diese Oekonomie in der Anwendung der Produktionsmittel entspringt nur aus ihrem gemeinsamen Konsum im Arbeitsprozess Vieler. Und sie erhalten diesen Charakter als Bedingungen gesellschaftlicher Arbeit oder gesellschaftliche Bedingungen der Arbeit im Unterschied von den zersplitterten und relativ theureren Produktionsbedingungen vereinzelter selbstständiger Arbeiter oder Kleinmeister, selbst wenn die Vielen nur räumlich zusammen, nicht mit einander arbeiten. Ein Theil der Arbeitsmittel erwirbt diesen gesellschaftlichen Charakter, bevor ihn der Arbeitsprozess selbst erwirbt.

Die Oekonomie der Produktionsmittel ist überhaupt von doppeltem Gesichtspunkt zu betrachten. Das einemal, so weit sie Waaren verwohlfeilert und dadurch den Werth der Arbeitskraft senkt. Das andremal, so weit sie das Verhältniss des Mehrwerths zum vorgeschossnen Gesammtkapital, d. h. zur Werthsumme seiner constanten und variablen Bestandtheile, verändert. Der letztere Punkt wird erst im dritten Buch dieses Werks erörtert, wohin wir des Zusammenhangs wegen auch manches schon hierher gehörige verweisen. Einerseits gebietet der Gang der Analyse diese Zerreissung des Gegenstands. Andrerseits entspricht sie dem Geist der kapitalistischen Produktion. Da nämlich die Arbeitsbedingungen hier dem Arbeiter selbststäudig gegenübertreten, erscheint auch ihre Oekonomie als eine besondere Operation, die ihn nichts angeht und daher getrennt ist von den Methoden, wodurch die Produktivität der vom Kapital konsumirten Arbeitskraft erhöht wird.

Die Form der Arbeit Vieler, die in demselben Produktionsprozess oder in verschiedenen, aber zusammenhängenden Produktionsprozessen, planmässig neben und mit einander arbeiten, heisst Cooperation12.

Wie die Angriffskraft einer Kavalerieschwadron oder die Widerstandskraft eines Infanterieregiments wesentlich verschieden ist von der Summe der vereinzelten Angriffs- und Widerstandskräfte, welche jeder Kavalerist und Infanterist für sich entwickeln könnte, so die mechanische Kraftsumme vereinzelter Arbeiter von der mechanischen Kraftpotenz, die sich entwickelt, wenn viele Hände gleichzeitig in derselben ungetheilten Operation zusammenwirken, z. B. wenn es gilt eine Last zu heben, eine Kurbel zu drehn oder einen Widerstand aus dem Weg zu räumen13. Die Wirkung der kombinirten Arbeit könnte hier von der vereinzelten gar nicht oder nur in viel längeren Zeiträumen oder nur auf einem Zwergmassstab hervorgebracht werden. Es handelt sich hier nicht nur um Erhöhung der individuellen Produktivkraft durch die Cooperation, sondern um die Schöpfung einer Produktivkraft, die an und für sich Massenkraft ist14.

Abgesehn von der neuen mechanischen Kraftpotenz, die aus der Verschmelzung vieler Kräfte in eine Gesammtkraft entspringt, erzeugt bei den meisten produktiven Arbeiten der blosse gesellschaftliche Kontakt einen Wetteifer und eine eigne Erregung der Lebensgeister (animal spirit), welche die individuelle Leistungsfähigkeit der Einzelnen erhöhen, so dass ein Dutzend Personen zusammen in einem gleichzeitigen Arbeitstag von 144 Stunden ein viel grösseres Gesammtprodukt liefern als zwölf vereinzelte Arbeiter, von denen jeder 12 Stunden, oder als ein Arbeiter, der 12 Tage nach einander arbeitet15. Diess rührt daher, dass der Mensch von Natur, wenn nicht, wie Aristoteles meint, ein politisches16, jedenfalls ein gesellschaftliches Thier ist.

Obgleich Viele Dasselbe oder Gleichartiges gleichzeitig mit einander verrichten, kann die individuelle Arbeit eines Jeden dennoch als Theil der Gesammtarbeit verschiedne Phasen des Arbeitsprozesses selbst darstellen, die der Arbeitsgegenstand, in Folge der Coo peration, rascher durchläuft. Z. B., wenn Maurer eine Reihe von Händen bilden, um Bausteine vom Fuss eines Gestells bis zu seiner Spitze zu befördern, thut jeder von ihnen dasselbe, aber dennoch bilden die einzelnen Verrichtungen continuirliche Theile einer Gesammtverrichtung, besondre Phasen, die jeder Baustein im Arbeitsprozess durchlaufen muss, und wodurch ihn etwa die 24 Hände des Gesammtarbeiters rascher befördern, als die zwei Hände jedes einzelnen Arbeiters, der das Gerüst auf- und abstiege17. Der Arbeitsgegenstand durchläuft denselben Raum in kürzerer Zeit. Andrerseits findet Kombination der Arbeit statt, wenn ein Bau z. B. von verschiednen Seiten gleichzeitig angegriffen wird, obgleich die Cooperirenden Dasselbe oder Gleichartiges thun. Der kombinirte Arbeitstag von 144 Stunden, der den Arbeitsgegenstand vielseitig im Raum angreift, weil der kombinirte Arbeiter oder Gesammtarbeiter vorn und hinten Augen und Hände hat und in gewissem Grad Allgegenwart besitzt, fördert das Gesammtprodukt rascher als 12 zwölfstündige Arbeitstage mehr oder minder vereinzelter Arbeiter, die ihr Werk einseitiger angreifen müssen. In derselben Zeit reifen verschiedne Raumtheile des Produkts.

Wir betonten hier, dass die Vielen, die einander ergänzen, Dasselbe oder Gleichartiges thun, weil diese einfache Form der Cooperation, wie man später sehn wird, auch in ihrer ausgebildetsten Gestalt eine grosse Rolle spielt. Ist der Arbeitsprozess komplicirt, so erlaubt die blosse Masse der Zusammenarbeitenden die verschiedenen Operationen unter verschiedne Hände zu vertheilen, daher gleichzeitig zu verrichten, und dadurch die zur Herstellung des Gesammtprodukts nöthige Arbeitszeit zu verkürzen18.

In vielen Produktionssphären giebt es kritische Momente, d. h. durch die Natur des Arbeitsprozesses selbst bestimmte Zeitepochen, während deren bestimmte Arbeitsresultate erzielt werden müssen. Soll z. B. eine Heerde Schafe geschoren oder eine Morgenanzahl Kornland gemäht und geherbstet werden, so hängt Quantität und Qualität des Produkts davon ab, dass die Operation zu einer gewissen Zeit begonnen und zu einer gewissen Zeit beendet wird. Der Zeitraum, den der Arbeitsprozess einnehmen darf, ist hier vorgeschrieben, wie etwa beim Häringsfang. Der Einzelne kann aus einem Tag nur einen Arbeitstag herausschneiden, sage von 12 Stunden, aber die Cooperation von 100 z. B. erweitert einen zwölfstündigen Tag zu einem Arbeitstag von 1200 Stunden. Die Kürze der Arbeitsfrist wird kompensirt durch die Grösse der Arbeitsmasse, die im entscheidenden Augenblick auf das Produktionsfeld geworfen wird. Die rechtzeitige Wirkung hängt hier ab von der gleichzeitigen Anwendung vieler kombinirten Arbeitstage, der Umfang des Nutzeffekts von der Arbeiteranzahl, die jedoch stets kleiner bleibt als die Anzahl der Arbeiter, die vereinzelt in demselben Zeitraum denselben Wirkungsraum ausfüllen würden19. Es ist der Mangel dieser Cooperation, wodurch im Westen der Vereinigten Staaten eine Masse Korn, und in den Theilen Ostindiens, wo englische Herrschaft das alte Gemeinwesen zerstört hat, eine Masse Baumwolle jährlich verwüstet wird20.

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Auf der einen Seite erweitert die Cooperation die Raumsphäre der Arbeit und wird daher für gewisse Arbeitsprozesse schon durch die räumliche Continuität des Arbeitsgegenstandes erheischt, wie bei Trockenlegung von Land, Eindämmung, Bewässerung, Kanal-, Strassen-, Eisenbahnbauten u. s. w. Andrerseits erlaubt sie, verhältnissmässig zur Stufenleiter der Produktion, räumliche Kontraktion des Produktionsgebiets. Diese Beschränkung der Raumsphäre der Arbeit bei gleichzeitiger Ausdehnung ihrer Wirkungssphäre, wodurch eine Masse falscher Kosten (faux frais) erspart werden, entspringt aus der Konglomeration der Arbeiter, dem Zusammenrücken verschiedner Arbeitsprozesse, und der Koncentration der Produktionsmittel22.

Verglichen mit einer gleich grossen Summe vereinzelter individueller Arbeitstage, producirt der kombinirte Arbeitstag grössere Massen von Gebrauchswerth und vermindert daher die zur Produktion eines bestimmten Nutzeffekts nöthige Arbeitszeit. Ob er im gegebenen Fall diese gesteigerte Produktivkraft erhält, weil er die mechanische Kraftpotenz der Arbeit erhöht, oder ihre räumliche Wirkungssphäre ausdehnt, oder das räumliche Produktionsfeld im Verhältniss zur Stufenleiter der Produktion kontrahirt, oder im kritischen Moment viel Arbeit in wenig Zeit flüssig macht, oder den Wetteifer der Einzelnen erregt und ihre Lebensgeister spannt, oder den gleichartigen Verrichtungen Vieler den Stempel der Kontinuität und Vielseitigkeit aufdrückt, oder verschiedene Operationen gleichzeitig verrichtet, oder die Produktionsmittel durch ihren gemeinschaftlichen Gebrauch ökonomisirt, oder der individuellen Arbeit den Cha- 23 rakter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit verleiht, unter allen Umständen ist die spezifische Produktivkraft des kombinirten Arbeitstags gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit oder Produktivkraft gesellschaftlicher Arbeit. Sie entspringt aus der Cooperation selbst. Im planmässigen Zusammenwirken mit Andern streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen24.

Wenn Arbeiter überhaupt nicht unmittelbar zusammenwirken können, ohne zusammen zu sein, ihre Konglomeration auf bestimmtem Raum daher Bedingung ihrer Cooperation ist, können Lohnarbeiter nicht cooperiren, ohne dass dasselbe Kapital, derselbe Kapitalist sie gleichzeitig anwendet, also ihre Arbeitskräfte gleichzeitig kauft. Der Gesammtwerth dieser Arbeitskräfte, oder die Lohnsumme der Arbeiter für den Tag, die Woche u. s. w., muss daher in der Tasche des Kapitalisten vereint sein, bevor die Arbeitskräfte selbst im Produktionsprozess vereint werden. Zahlung von 300 Arbeitern auf einmal, auch nur für einen Tag, bedingt mehr Kapitalauslage als Zahlung weniger Arbeiter Woche für Woche während des ganzen Jahrs. Die Anzahl der cooperirenden Arbeiter, oder die Stufenleiter der Cooperation, hängt also zunächst ab von der Grösse des Kapitals, das der einzelne Kapitalist im Ankauf von Arbeitskraft auslegen kann, d. h. von dem Umfang, worin je ein Kapitalist über die Lebensmittel vieler Arbeiter verfügt.

Und wie mit dem variablen, verhält es sich mit dem constanten Kapital. Die Auslage für Rohmaterial z. B. ist 30 mal grösser für den einen Kapitalisten, der 300, als für jeden der 30 Kapitalisten, der je 10 Arbeiter beschäftigt. Werthumfang und Stoffmasse der gemeinsam benutzten Arbeitsmittel wachsen zwar nicht in demselben Mass wie die beschäftigte Arbeiteranzahl, aber sie wachsen beträchtlich. Koncentration grösserer Massen von Produktionsmitteln in der Hand einzelner Kapitalisten ist also materielle Bedingung für die Cooperation von Lohnarbeitern, und der Umfang der Cooperation, oder die Stufenleiter der Produktion, hängt ab vom Umfang dieser Koncentration.

Ursprünglich erschien eine gewisse Minimalgrösse des Kapitals in der Hand des einzelnen Arbeitsanwenders nothwendig, damit die Anzahl der gleichzeitig ausgebeuteten Arbeiter, daher die Masse des producirten Mehrwerths hinreiche, ihn selbst von der Handarbeit zu entbinden, aus einem Kleinmeister in einen Kapitalisten zu verwandeln und so das Kapitalverhältniss formell herzustellen. Sie erscheint jetzt als materielle Bedingung für die Verwandlung vieler zersplitterter und von einander unabhängiger individueller Arbeitsprozesse in einen kombinirten gesellschaftlichen Arbeitsprozess.

Ebenso erschien ursprünglich das Kommando des Kapitals über die Arbeit nur als formelle Folge davon, dass der Arbeiter, statt für sich, für den Kapitalisten und daher unter dem Kapitalisten arbeitet. Mit der Cooperation vieler Lohnarbeiter entwickelt sich das Kommando des Kapitals zum Erheischniss für die Ausführung des Arbeitsprozesses selbst, zu einer wirklichen Produktionsbedingung. Der Befehl des Kapitalisten auf dem Produktionsfeld wird jetzt so unentbehrlich wie der Befehl des Generals auf dem Schlachtfeld.

Alle unmittelbar gesellschaftliche oder gemeinschaftliche Arbeit auf grösserem Massstab braucht mehr oder minder eine Direktion, welche die Harmonie der individuellen Thätigkeiten vermittelt und die allgemeinen Funktionen vollzieht, die aus der Bewegung des produktiven Gesammtkörpers im Unterschied von der Bewegung seiner selbstständigen Organe entspringen. Ein einzelner Violinspieler dirigirt sich selbst, ein Orchester bedarf des Musikdirektors. Diese Funktion der Leitung, Ueberwachung und Vermittlung wird zur Funktion des Kapitals, sobald die ihm untergeordnete Arbeit cooperativ wird. Als spezifische Funktion des Kapitals erhält die Funktion der Leitung spezifische Charaktermale.

Zunächst ist das treibende Motiv und der bestimmende Zweck des kapitalistischen Produktionsprozesses möglichst grosse Selbstverwerthung des Kapitals25, d. h. möglichst grosse Produktion von Mehrwerth, also möglichst grosse Ausbeutung der Arbeitskraft durch den Kapi talisten. Mit der Masse der gleichzeitig beschäftigten Arbeiter wächst ihr Widerstand und damit nothwendig der Druck des Kapitals zur Bewältigung dieses Widerstands. Die Leitung des Kapitalisten ist nicht nur eine aus der Natur des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses entspringende und ihm angehörige besondere Funktion, sie ist zugleich Funktion der Ausbeutung eines gesellschaftlichen Arbeitsprozesses und daher bedingt durch den unvermeidlichen Antagonismus zwischen dem Ausbeuter und dem Rohmaterial seiner Ausbeutung. Ebenso wächst mit dem Umfang der Produktionsmittel, die dem Lohnarbeiter als fremdes Eigenthum gegenüberstehn, die Nothwendigkeit der Kontrole über deren sachgemässe Verwendung26. Die Cooperation der Lohnarbeiter ist ferner blosse Wirkung des Kapitals, das sie gleichzeitig anwendet. Der Zusammenhang ihrer Funktionen und ihre Einheit als produktiver Gesammtkörper liegen ausser ihnen, im Kapital, das sie zusammenbringt und zusammenhält. Der Zusammenhang ihrer Arbeiten tritt ihnen daher ideell als Plan des Kapitalisten, ihre eigne Einheit praktisch als seine Autorität gegenüber, die Macht des fremden Willens, der ihr Thun seinem Zweck unterwirft. Wenn daher die kapitalistische Leitung dem Inhalt nach zwieschlächtig, wegen der Zwieschlächtigkeit des zu leitenden Produktionsprozesses selbst, da er einerseits gesellschaftlicher Arbeitsprozess zur Herstellung eines Produkts, andrerseits Verwerthungsprozess des Kapitals ist, so ist sie der Form nach despotisch. Mit der Entwicklung der Cooperation auf grösserem Massstab entwickelt dieser Despotismus seine eigenthümlichen Formen. Wie der Kapitalist zunächst entbunden wird von der Handarbeit, sobald sein Kapital jene Minimalgrösse erreicht hat, womit die eigentlich kapitalistische Produktion erst beginnt, so tritt er jetzt die Funktion unmittelbarer und fortwährender Beaufsichtigung der einzelnen Arbeiter und Arbeitergruppen selbst wieder ab an eine besondre Sorte von Lohnarbeitern. Wie eine Armee militärischer, bedarf eine unter dem Kommando desselben Kapitals zusammenwirkende Arbeitermasse industrieller Oberofficiere (Dirigenten, managers) und Unterofficiere (Arbeitsaufseher, foremen, overlookers, contre-maîtres), die während des Arbeitsprozesses selbst im Namen des Kapitals kommandiren. Die Arbeit der Oberaufsicht befestigt sich zu ihrer ausschliesslichen Funktion. Bei Vergleichung der Produktionsweise unabhängiger Bauern oder selbstständiger Handwerker mit der auf Sklaverei beruhenden Plantagenwirthschaft, zählt der politische Oekonom diese Arbeit der Oberaufsicht zu den faux frais de production27. Bei Betrachtung der kapitalistischen Produktionsweise identificirt er dagegen die Funktion der Leitung, soweit sie aus der Natur des gemeinschaftlichen Arbeitsprozesses entspringt, mit derselben Funktion, soweit sie durch den kapitalistischen und daher antagonistischen Charakter dieses Prozesses bedingt wird28. Der Kapitalist ist nicht Kapitalist, weil er industrieller Leiter ist, sondern er wird industrieller Befehlshaber, weil er Kapitalist ist. Der Oberbefehl in der Industrie wird Attribut des Kapitals, wie zur Feudalzeit der Oberbefehl in Krieg und Gericht Attribut des Grundeigenthums war29.

Eigenthümer seiner Arbeitskraft ist der Arbeiter, so lange er als Verkäufer derselben mit dem Kapitalisten marktet, und er kann nur verkaufen, was er besitzt, seine individuelle, vereinzelte Arbeitskraft. Diess Verhältniss wird in keiner Weise dadurch verändert, dass der Kapitalist 100 Arbeitskräfte statt einer kauft oder mit 100 von einander unabhängigen Arbeitern Kontrakte schliesst statt mit einem einzelnen. Er kann die 100 Arbeiter anwenden ohne sie cooperiren zu lassen. Der Kapitalist zahlt daher den Werth der 100 selbstständigen Arbeitskräfte, aber er zahlt nicht die kombinirte Arbeitskraft der Hundert. Als unabhängige Personen sind die Arbeiter Vereinzelte, die in ein Verhältniss zu demselben Kapital, aber nicht zu einander treten. Ihre Cooperation beginnt erst im Arbeitsprozess, aber im Arbeitsprozess haben sie bereits aufgehört sich selbst zu gehören. Mit dem Eintritt in denselben sind sie dem Kapital einverleibt. Als Cooperirende, als Glieder eines werkthätigen Organismus, sind sie selbst nur eine besondre Existenzweise des Kapitals. Die Produktivkraft, die der Arbeiter als gesellschaftlicher Arbeiter entwickelt, ist daher Produktivkraft des Kapitals. Die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit entwickelt sich unentgeldlich, sobald die Arbeiter unter bestimmte Bedingungen gestellt sind, und das Kapital stellt sie unter diese Bedingungen. Weil die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit dem Kapital nichts kostet, weil sie andrerseits nicht von dem Arbeiter entwickelt wird, bevor seine Arbeit selbst dem Kapital gehört, erscheint sie als Produktivkraft, die das Kapital von Natur besitzt, als seine immanente Produktivkraft.

Kolossal zeigt sich die Wirkung der einfachen Cooperation in den Riesenwerken der alten Asiaten, Aegypter, Etrusker u. s. w. „Es geschah in vergangnen Zeiten, dass diese asiatischen Staaten nach Bestreitung ihrer Civil- und Militairausgaben, sich im Besitz eines Ueberschusses von Lebensmitteln befanden, die sie für Werke der Pracht und des Nutzens verausgaben konnten. Ihr Kommando über die Hände und Arme fast der 30 ganzen nicht ackerbauenden Bevölkerung und die ausschliessliche Verfügung des Monarchen und der Priesterschaft über jenen Ueberschuss boten ihnen die Mittel zur Errichtung jener mächtigen Monumente, womit sie das Land erfüllten … In der Bewegung der kolossalen Statuen und der enormen Massen, deren Transport Staunen erregt, wurde fast nur menschliche Arbeit verschwenderisch angewandt. Die Zahl der Arbeiter und die Koncentration ihrer Mühen genügte. So sehn wir mächtige Korallenriffe aus den Tiefen des Oceaus zu Inseln anschwellen und festes Land bilden, obgleich jeder individuelle Ablagerer (depositary) winzig, schwach und verächtlich ist. Die nicht ackerbauenden Arbeiter einer asiatischen Monarchie haben ausser ihren individuellen körperlichen Bemühungen wenig zum Werk zu bringen, aber ihre Zahl ist ihre Kraft, und die Macht der Direktion über diese Massen gab jenen Riesenwerken den Ursprung. Es war die Koncentration der Revenüen, wovon die Arbeiter leben, in eine Hand oder wenige Hände, welche solche Unternehmungen möglich machte“31. Diese Macht asiatischer und ägyptischer Könige oder etruskischer Theokraten u. s. w. ist in der modernen Gesellschaft auf den Kapitalisten übergegangen, ob er nun als vereinzelter Kapitalist auftritt, oder, wie bei Aktiengesellschaften, als kombinirter Kapitalist.

Die Cooperation im Arbeitsprozess, wie wir sie in den Kulturanfängen der Menschheit, bei Jägervölkern32 oder etwa in der Agrikultur indischer Gemeinwesen vorherrschend finden, beruht einerseits auf dem Gemeineigenthum an den Produktionsbedingungen, andrerseits darauf, dass das einzelne Individuum sich von der Nabelschnur des Stammes oder des Gemeinwesens noch ebensowenig losgerissen hat, wie das Bienenindividuum vom Bienenstock. Beides unterscheidet sie von der kapitalistischen Cooperation. Die sporadische Anwendung der Cooperation auf grossem Massstab in der antiken Welt, dem Mittelalter und den modernen Kolonien, beruht auf unmittelbaren Herrschafts- und Knechtschafts-Verhältnissen, zumeist auf der Sklaverei. Die kapita listische Form setzt dagegen von vornherein den freien Lohnarbeiter voraus, der seine Arbeitskraft dem Kapital verkauft. Historisch jedoch entwickelt sie sich im Gegensatz zur Bauernwirthschaft und zum unabhängigen Handwerksbetrieb, ob dieser zünftige Form besitze oder nicht33. Ihnen gegenüber erscheint die kapitalistische Cooperation nicht als eine besondre historische Form der Cooperation, sondern die Cooperation selbst als eine dem kapitalistischen Produktionsprozess eigenthümliche und ihn spezifisch unterscheidende historische Form.

Wie die durch die Cooperation entwickelte gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit als Produktivkraft des Kapitals erscheint, so die Cooperation selbst als eine spezifische Form des kapitalistischen Produktionsprozesses im Gegensatz zum Produktionsprozess vereinzelter unabhängiger Arbeiter oder auch Kleinmeister. Es ist die erste Aenderung, welche der wirkliche Arbeitsprozess durch seine Subsumtion unter das Kapital erfährt. Diese Aenderung geht naturwüchsig vor sich. Ihre Voraussetzung, gleichzeitige Beschäftigung einer grösseren Anzahl von Lohnarbeitern in demselben Arbeitsprozess, bildet den Ausgangspunkt der kapitalistischen Produktion. Dieser fällt mit dem Dasein des Kapitals selbst zusammen. Wenn sich die kapitalistische Produktionsweise daher einerseits als historische Nothwendigkeit für die Verwandlung des Arbeitsprozesses in einen gesellschaftlichen Prozess darstellt, so andrerseits diese gesellschaftliche Form des Arbeitsprozesses als eine vom Kapital angewandte Methode, um ihn durch Steigerung seiner Produktivkraft profitlicher auszubeuten.

In ihrer bisher betrachteten einfachen Gestalt fällt die Cooperation zusammen mit der Produktion auf grösserer Stufenleiter, bildet aber keine feste, charakteristische Form einer besondern Entwicklungs epoche der kapitalistischen Produktionsweise. Höchstens er scheint sie annähernd so in den noch handwerksmässigen Anfängen der Manufaktur34 und in jener Art grosser Agrikultur, welche der Manufakturperiode entspricht, und sich wesentlich nur durch die Masse der gleichzeitig angewandten Arbeiter und den Umfang der koncentrirten Produktionsmittel von der Bauernwirthschaft unterscheidet. Die einfache Cooperation ist stets noch vorherrschende Form solcher Produktionszweige, worin das Kapital auf grosser Stufenleiter operirt, ohne dass Theilung der Arbeit oder Maschinerie eine bedeutende Rolle spielte.

Die Cooperation bleibt die Grundform der kapitalistischen Produktionsweise, obgleich ihre einfache Gestalt selbst als besondere Form neben ihren weiter entwickelten Formen erscheint.

3) Theilung der Arbeit und Manufaktur.

Die auf Theilung der Arbeit beruhende Cooperation schafft sich ihre klassische Gestalt in der Manufaktur. Als charakteristische Form des kapitalistischen Produktionsprozesses herrscht sie vor während der eigentlichen Manufakturperiode, die, rauh angeschlagen, von Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum letzten Dritttheil des achtzehnten währt.

Die Manufaktur entspringt auf doppelte Weise.

Entweder werden Arbeiter von verschiedenartigen, selbstständigen Handwerken, durch deren Hände ein Produkt bis zu seiner letzten Reife laufen muss, in eine Werkstatt unter dem Kommando desselben Kapitalisten vereinigt. Z. B. eine Kutsche war das Gesammtprodukt der Arbeiten einer grossen Anzahl unabhängiger Handwerker, wie Stellmacher, Sattler, Schneider, Schlosser, Gürtler, Drechsler, Posamentirer, Glaser, Maler, Lackirer, Vergolder u. s. w. In der Kutschenmanufaktur wurden alle diese verschiednen Handwerker in einem Arbeitshaus vereinigt, um einander gleichzeitig in die Hand zu arbeiten. Man kann eine Kutsche zwar nicht vergolden, bevor sie gemacht ist. Werden aber viele Kutschen gleichzeitig gemacht, so kann ein Theil beständig vergoldet werden, während ein andrer Theil eine frühere Phase des Produktionsprozesses durchläuft. Soweit stehn wir noch auf dem Boden der einfachen Cooperation, die ihr Material an Menschen und Dingen vorfindet. Indess tritt sehr bald eine wesentliche Veränderung ein. Der Schneider, Schlosser, Gürtler u. s. w., der nur im Kutschenmachen beschäftigt ist, verliert nach und nach mit der Gewohnheit auch die Fähigkeit, sein altes Handwerk in seiner ganzen Ausdehnung zu betreiben. Andrerseits erhält sein vereinseitigtes Thun jetzt die zweckmässigste Form für die verengte Wirkungssphäre. Ursprünglich erschien die Kutschenmanufaktur als eine Kombination selbstständiger Handwerke. Sie wird allmälig Theilung der Kutschenproduktion in ihre verschiednen Sonderoperationen, wovon jede einzelne zur ausschliesslichen Funktion eines Arbeiters krystallisirt und deren Gesammtheit vom Verein dieser Theilarbeiter verrichtet wird. Ebenso entstand die Tuchmanufaktur, und eine ganze Reihe andrer Manufakturen, aus der Kombination verschiedner Handwerke unter dem Kommando desselben Kapitals35.

Die Manufaktur entspringt aber auch auf entgegengesetztem Wege. Es werden viele Handwerker, die Dasselbe oder Gleichartiges thun, z. B. Papier oder Typen oder Nadeln machen, von demselben Kapital gleichzeitig in derselben Werkstatt beschäftigt. Es ist diess Cooperation in der einfachsten Form. Jeder dieser Handwerker (vielleicht mit einem oder zwei Gesellen) macht die ganze Waare und vollbringt also die verschiednen zu ihrer Herstellung erheischten Operationen der Reihe nach. Er arbeitet in seiner alten handwerksmässigen Weise fort. Indess veranlassen bald äussere Umstände die Kon centration der Arbeiter in demselben Raum und die Gleichzeitigkeit ihrer Arbeiten anders zu vernutzen. Es soll z. B. ein grösseres Quantum fertiger Waare in einer bestimmten Zeitfrist geliefert werden. Die Arbeit wird daher vertheilt. Statt die verschiedenen Operationen von demselben Handwerker in einer zeitlichen Reihefolge verrichten zu lassen, werden sie von einander losgelöst, isolirt, räumlich neben einander gestellt, jede derselben einem andern Handwerker zugewiesen und alle zusammen von den Cooperirenden gleichzeitig ausgeführt. Diese zufällige Vertheilung wiederholt sich, zeigt ihre eigenthümlichen Vortheile, und verknöchert nach und nach zur systematischen Theilung der Arbeit. Aus dem individuellen Produkt eines selbstständigen Handwerkers, der vielerlei thut, verwandelt sich die Waare in das gesellschaftliche Produkt eines Vereins von Handwerkern, von denen jeder fortwährend nur eine und dieselbe Theiloperation verrichtet. Dieselben Operationen, die in einander flossen als successive Verrichtungen des deutschen zünftigen Papiermachers, verselbstständigten sich in der holländischen Papiermanufaktur zu nebeneinander laufenden Theiloperationen vieler cooperirenden Arbeiter. Der zünftige Nadler von Nürnberg bildet das Grundelement der englischen Nadelmanufaktur. Während aber jener eine Nadler eine Reihe von vielleicht 20 Operationen nach einander durchlief, verrichteten hier bald 20 Nadler neben einander, jeder nur eine der 20 Operationen, die in Folge von Erfahrungen noch viel weiter gespaltet, isolirt, und zu ausschliesslichen Funktionen einzelner Arbeiter verselbstständigt wurden.

Die Ursprungsweise der Manufaktur, ihre Herausbildung aus dem Handwerk, ist also zwieschlächtig. Einerseits geht sie von der Kombination verschiedenartiger, selbstständiger Handwerke aus, die bis zu dem Punkt verunselbstständigt und vereinseitigt werden, wo sie nur noch einander ergänzende Theiloperationen im Produktionsprozess einer und derselben Waare bilden. Andrerseits geht sie von der Cooperation gleichartiger Handwerker aus, zersetzt dasselbe individuelle Handwerk in seine verschiednen besondern Operationen, und isolirt und verselbstständigt diese bis zu dem Punkt, wo jede derselben zur ausschliesslichen Funktion eines besondern Arbeiters wird. Einerseits führt daher die Manufaktur Theilung der Arbeit in einen Produktionsprozess ein oder entwickelt sie weiter, andrerseits kombinirt sie früher geschiedene Handwerke. Welches aber immer ihr besondrer Ausgangs punkt, ihre Schlussgestalt ist dieselbe — ein Produktionsmechanismus, dessen Organe Menschen sind.

Zum richtigen Verständniss der Theilung der Arbeit in der Manufaktur ist es wesentlich folgende Punkte festzuhalten: Zunächst fällt die Analyse des Produktionsprozesses in seine besondern Phasen hier ganz und gar zusammen mit der Zersetzung einer handwerksmässigen Thätigkeit in ihre verschiedenen Theiloperationen. Zusammengesetzt oder einfach, die Verrichtung bleibt handwerksmässig und daher abhängig von Kraft, Geschick, Schnelle, Sicherheit des Einzelarbeiters in Handhabung seines Instruments. Das Handwerk bleibt die Basis. Diese enge technologische Basis schliesst wirklich wissenschaftliche Analyse des Produktionsprozesses aus, da jeder Theilprozess, den das Produkt untergeht, als handwerksmässige Theilarbeit ausführbar sein muss. Eben weil das handwerksmässige Geschick so die Grundlage des Produktionsprozesses bleibt, wird jeder Arbeiter ausschliesslich einer Theilfunktion angeeignet und seine Arbeitskraft in das lebenslängliche Organ dieser Theilfunktion verwandelt. Endlich ist diese Theilung der Arbeit eine besondere Art der Cooperation, und manche ihrer Vortheile entspringen aus dem allgemeinen Wesen, nicht aus dieser besonderen Form der Cooperation.

Gehn wir nun näher auf das Einzelne ein, so ist zunächst klar, dass ein Arbeiter, der lebenslang eine und dieselbe einfache Operation verrichtet, seinen ganzen Körper in ihr automatisch einseitiges Organ verwandelt und daher weniger Zeit dazu verbraucht als der Handwerker, der eine ganze Reihe von Operationen abwechselnd ausführt. Der kombinirte Gesammtarbeiter, der den lebendigen Mechanismus der Manufaktur bildet, besteht aber aus lauter solchen einseitigen Theilarbeitern. Im Vergleich zum selbstständigen Handwerk wird daher mehr in weniger Zeit producirt oder die Produktivkraft der Arbeit gesteigert36. Auch vervollkommnet sich die Methode der Theilarbeit, nachdem sie zur ausschliesslichen Funktion einer Person verselbstständigt ist. Die stete Wieder holung desselben beschränkten Thuns und die Koncentration der Aufmerksamkeit auf diess Beschränkte lehren erfahrungsmässig den bezweckten Nutzeffekt mit geringstem Kraftaufwand erreichen. Da aber immer verschiedne Arbeitergenerationen gleichzeitig zusammenleben und in denselben Manufakturen zusammenwirken, befestigen, häufen und übertragen sich bald die so gewonnenen technischen Kunstgriffe37. Die Manufaktur producirt in der That die Virtuosität des Detailarbeiters, indem sie die naturwüchsige Sonderung der Gewerbe, die sie in der Gesellschaft vorfand, im Innern der Werkstatt reproducirt und systematisch zum Extrem treibt. Andrerseits entspricht ihre Verwandlung der Theilarbeit in den Lebensberuf eines Menschen dem Trieb früherer Gesellschaften, die Gewerbe erblich zu machen, sie in Kasten zu versteinern, oder, wo bestimmte historische Bedingungen dem Kastenwesen widersprechende Variabilität des Individuums erzeugen, die Arbeitssonderung wenigstens in Zünfte zu verknöchern. Die Entstehung dieser Kasten und Zünfte folgt demselben Naturgesetz, das die Sonderung von Pflanzen und Thieren in Arten und Unterarten regelt, nur dass auf einem gewissen Entwicklungsgrad die Erblichkeit der Kasten oder die Ausschliesslichkeit der Zünfte als gesellschaftliches Gesetz dekretirt wird38. „Die Musline von Dakka sind an Feinheit, die Kattune und andre Zeuge von Koromandel an Pracht und Dauerhaftigkeit der Farben, niemals übertroffen worden. Und dennoch werden sie producirt ohne Kapital, Maschinerie, Theilung der Arbeit, oder irgend eins der andern Mittel, die der Fabrikation in Europa so viele Vortheile bieten. Der Weber ist ein vereinzeltes Individuum, der das Gewebe auf Bestellung eines Kunden verfertigt und mit einem Webstuhl von der einfachsten Konstruktion, manchmal nur bestehend aus hölzernen Stangen, die roh zusammengefügt sind. Er besitzt selbst keinen Apparat zum Aufziehn der Kette, der Webstuhl muss daher in seiner ganzen Länge ausgestreckt bleiben und wird so unförmlich und weit, dass er keinen Raum findet in der Hütte des Producenten, der seine Arbeit daher in freier Luft verrichten muss, wo sie durch jede Wetteränderung unterbrochen wird“39. Es ist nur das von Generation auf Generation gehäufte und von Vater auf Sohn vererbte Sondergeschick, das dem Hindu wie der Spinne diese Virtuosität verleiht. Und dennoch verrichtet ein solcher indischer Weber sehr komplicirte Arbeit, verglichen mit der Mehrzahl der Manufakturarbeiter.

Ein Handwerker, der die verschiedenen Theilprozesse in der Produktion eines Machwerks nach einander ausführt, muss bald den Platz, bald die Instrumente wechseln. Der Uebergang von einer Operation zur andern unterbricht den Fluss seiner Arbeit und bildet gewissermassen Poren in seinem Arbeitstag. Diese Poren verdichten, sobald er den ganzen Tag ein und dieselbe Operation kontinuirlich verrichtet oder sie verschwinden in dem Masse, wie der Wechsel seiner Operationen abnimmt. Die gesteigerte Produktivität ist hier entweder der zunehmenden Ausgabe von Arbeitskraft in einem gegebnen Zeitraum geschuldet, also wachsender Intensivität der Arbeit, oder einer Abnahme des unproduktiven Verzehrs von Arbeitskraft. Der Ueberschuss von Kraftaufwand nämlich, den jeder Uebergang aus der Ruhe in die Bewegung erheischt, kompensirt sich bei längerer Fortdauer der einmal erreichten Normalgeschwindigkeit. Andrerseits zerstört die Kontinuität gleichförmiger Arbeit die Spann- und Schwungkraft der Lebensgeister, die im Wechsel der Thätigkeit selbst ihre Erholung und ihren Reiz finden.

Die Produktivität der Arbeit hängt nicht nur von der Virtuosität des Arbeiters ab, sondern auch von der Vollkommenheit seiner Werk- zeuge. Werkzeuge derselben Art, wie Schneide-, Bohr-, Stoss-, Schlaginstrumente u. s. w. werden in verschiedenen Arbeitsprozessen gebraucht, und in demselben Arbeitsprozess dient dasselbe Instrument zu verschiednen Verrichtungen. Sobald jedoch die verschiednen Operationen eines Arbeitsprozesses von einander losgelöst sind und jede Theiloperation in der Hand des Theilarbeiters eine möglichst entsprechende und daher ausschliessliche Form erhält, werden Veränderungen der vorher zu verschiednen Zwecken dienenden Werkzeuge nothwendig. Die Richtung ihres Formwechsels ergiebt sich aus der Erfahrung der besondern Schwierigkeiten, welche die unveränderte Form in den Weg legt. Die Differenzirung der Arbeitsinstrumente, wodurch Instrumente derselben Art besondre feste Formen für jede besondre Nutzanwendung erhalten, und ihre Spezialisirung, wodurch jedes solches Sonderinstrument nur in der Hand spezifischer Theilarbeiter in seinem ganzen Umfang wirkt, charakterisiren die Manufaktur. Zu Birmingham allein producirt man etwa 500 Varietäten von Hämmern, wovon jeder nicht nur für einen besondern Produktionsprozess, sondern eine Anzahl Varietäten oft nur für verschiedne Operationen in demselben Prozess dient. Die Manufakturperiode vereinfacht, verbessert und vermannigfacht die Arbeitswerkzeuge durch deren Anpassung an die ausschliesslichen Sonderfunktionen der Theilarbeiter40. Sie schafft damit zugleich eine der materiellen Bedingungen der Maschinerie, die aus einer Kombination einfacher Instrumente besteht.

Der Detailarbeiter und sein Instrument bilden die einfachen Elemente der Manufaktur. Wenden wir uns jetzt zu ihrem Gesammtmechanismus.

Die Gliederung der Manufaktur besitzt zwei Grundformen, die trotz gelegentlicher Verschlingung zwei wesentlich verschiedne Arten bilden und namentlich auch bei der späteren Verwandlung der Manufaktur in die maschinenartig betriebene, grosse Industrie eine ganz verschiedne Rolle spielen. Dieser Doppelcharakter entspringt aus der Natur des Machwerks selbst. Es wird entweder gebildet durch bloss mechanische Zusammensetzung selbstständiger Theilprodukte oder verdankt seine fertige Gestalt einer Reihenfolge zusammenhängender Prozesse und Manipulationen.

Eine Lokomotive z. B. besteht aus mehr als 5000 selbstständigen Theilen. Sie kann jedoch nicht als Beispiel der ersten Art der eigentlichen Manufaktur gelten, weil sie ein Gebilde der grossen Industrie ist. Wohl aber die Uhr, an welcher auch William Petty die manufakturmässige Theilung der Arbeit veranschaulicht. Aus dem individuellen Werk eines Nürnberger Handwerkers verwandelte sich die Uhr in das gesellschaftliche Produkt einer Unzahl von Theilarbeitern, wie Rohwerkmacher, Uhrfedermacher, Zifferblattmacher, Spiralfedermacher, Steinloch- und Rubinhebelmacher, Zeigermacher, Gehäusemacher, Schraubenmacher, Vergolder, mit vielen Unterabtheilungen, wie z. B. Räderfabrikant (Messing- und Stahlräder wieder geschieden), Triebmacher, Zeigerwerkmacher, acheveur de pignon (befestigt die Räder auf den Trieben, polirt die facettes u. s. w.), Zapfenmacher, planteur de finissage (setzt verschiedne Räder und Triebe in das Werk), finisseur de barillet (lässt Zähne einschneiden, macht die Löcher zur richtigen Weite, härtet Stellung und Gesperr), Hemmungmacher, bei der Cylinderhemmung wieder Cylindermacher, Steigradmacher, Unruhemacher, Raquettemacher (das Rückwerk, woran die Uhr regulirt wird), planteur d’échappement (eigentliche Hemmungmacher); dann der repasseur de barillet (macht das Federhaus und Stellung ganz fertig), Stahlpolirer, Räderpolirer, Schraubenpolirer, Zahlenmaler, Blattmacher (schmelzen das Email auf das Kupfer), fabricant de pendants (macht bloss die Bügel des Gehäuses), finisseur de charnière (steckt das Messingstift in die Mitte des Gehäuses u. s. w.), faiseur de secret (macht die Federn im Gehäuse, die den Deckel aufspringen machen), graveur, ciliceur, polisseur de boite u. s. w., u. s. w., endlich der repasseur, der die ganze Uhr zusammensetzt und sie gehend abliefert. Nur wenige Theile der Uhr laufen durch verschiedne Hände und alle diese membra disjecta sammeln sich erst in der Hand, die sie schliesslich in ein mechanisches Ganze verbindet. Diess äusserliche Verhältniss des fertigen Produkts zu seinen verschiedenartigen Elementen lässt hier, wie bei ähnlichem Machwerk, die Kombination der Theilarbeiter in derselben Werkstatt zufällig. Die Theilarbeiten können selbst wieder als von einander unabhängige Handwerke betrieben werden, wie im Kanton Waadt und Neufchatel, während in Genf z. B. grosse Uhrenmanufakturen bestehn, d. h. unmittelbare Cooperation der Theilarbeiter unter dem Kommando eines Kapitals stattfindet. Auch im letztren Fall werden Zifferblatt, Feder und Gehäuse selten in der Manufaktur selbst verfertigt. Der kombinirte manufakturmässige Betrieb ist hier nur unter ausnahmsweisen Verhältnissen profitlich, weil die Konkurrenz unter den Arbeitern, die zu Hause arbeiten wollen, am grössten ist, die Zersplitterung der Produktion in eine Masse heterogener Prozesse wenig Verwendung gemeinschaftlicher Arbeitsmittel erlaubt, und der Kapitalist bei der zerstreuten Fabrikation die Auslage für Arbeitsgebäude u. s. w. erspart41. Indess ist auch das Verhältniss dieser Detailarbeiter, die zu Hause, aber für einen Kapitalisten (Fabrikant, établisseur) arbeiten, ganz und gar verschieden von dem des selbstständigen Handwerkers, der für seine eignen Kunden arbeitet42.

Die zweite Art der Manufaktur, ihre vollendete Form, producirt Machwerke, die zusammenhängende Entwicklungsphasen, eine Reihenfolge von Stufenprozessen durchlaufen, wie z. B. der Draht in der Nähnadelmanufaktur die Hände von 72 und selbst 92 spezifischen Theilarbeitern durchläuft.

Soweit solche Manufaktur ursprünglich zerstreute Handwerke kombinirt, vermindert sie die räumliche Trennung zwischen den besondern Produktionsphasen des Machwerks. Die Zeit seines Uebergangs aus einem Stadium in das andre wird verkürzt, ebenso die Arbeit, welche diese Uebergänge vermittelt43. Im Vergleich zum Handwerk wird so Produktivkraft gewonnen, und zwar entspringt dieser Gewinn aus dem allgemeinen cooperativen Charakter der Manufaktur. Andrerseits bedingt ihr eigenthümliches Prinzip der Theilung der Arbeit eine Isolirung der verschiednen Produktionsphasen, die als eben so viele handwerksmässige Theilarbeiten gegen einander verselbstständigt sind. Die Herstellung und Erhaltung des Zusammenhangs zwischen den isolirten Funktionen ernöthigt beständigen Transport des Machwerks aus einer Hand in die andre und aus einem Prozess in den andern. Vom Standpunkt der grossen Industrie tritt diess als eine charakteristische, kostspielige und dem Prinzip der Manufaktur immanente Beschränktheit hervor44.

Betrachtet man ein bestimmtes Quantum Rohmaterial, z. B. von Lumpen in der Papiermanufaktur oder von Draht in der Nadelmanufaktur, so durchläuft es in den Händen der verschiednen Theilarbeiter eine zeitliche Stufenfolge von Produktionsphasen bis zu seiner Schlussgestalt. Betrachtet man dagegen die Werkstatt als einen Gesammtmechanismus, so befindet sich das Rohmaterial gleichzeitig in allen seinen Produktionsphasen auf einmal. Mit einem Theil seiner vielen instrumentbewaffneten Hände zieht der aus den Detailarbeitern kombinirte Gesammtarbeiter den Draht, während er gleichzeitig mit andern Händen und Werkzeugen ihn streckt, mit andern schneidet, spitzt u. s. w. Aus einem zeitlichen Nacheinander sind die verschiednen Stufenprozesse in ein räumliches Nebeneinander verwandelt. Daher Lieferung von mehr fertiger Waare in demselben Zeitraum45. Jene Gleichzeitigkeit entspringt zwar aus der allgemeinen cooperativen Form des Gesammtprozesses, aber die Manufaktur findet nicht nur die Bedingungen der Cooperation vor, sondern schafft sie theilweise erst durch die Zerlegung der handwerksmässigen Thätigkeit. Andrerseits erreicht sie diese gesellschaftliche Organisation des Arbeitsprozesses nur durch Festschmieden desselben Arbeiters an dasselbe Detail.

Da das Theilprodukt jedes Theilarbeiters zugleich nur eine besondre Entwicklungsstufe desselben Machwerks ist, liefert jeder Arbeiter oder jede Arbeitergruppe der andern ihr Rohmaterial. Das Arbeitsresultat des einen bildet den Ausgangspunkt für die Arbeit des andern. Der eine Arbeiter beschäftigt daher hier unmittelbar den andern. Die nothwendige Arbeitszeit zur Erreichung des bezweckten Nutzeffekts in jedem Theilprozess wird erfahrungsmässig festgestellt und der Gesammtmechanismus der Manufaktur beruht auf der Voraussetzung, dass in gegebner Arbeitszeit ein gegebnes Resultat erzielt wird. Nur unter dieser Voraussetzung können die verschiednen, einander ergänzenden Arbeitsprozesse ununterbrochen, gleichzeitig und räumlich neben einander fortgehn. Es ist klar, dass diese unmittelbare Abhängigkeit der Arbeiten und daher der Arbeiter von einander jeden Einzelnen zwingt, nur die nothwendige Zeit zu seiner Funktion zu verwenden, und so eine ganz andere Kontinuität, Gleichförmigkeit, Regelmässigkeit, Ordnung46 und namentlich auch Intensivität der Arbeit erzeugt wird als im unabhängigen Handwerk oder selbst der einfachen Cooperation. Dass auf eine Waare nur die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit verwandt wird, erscheint bei der Waarenproduktion überhaupt als äusserer Zwang der Konkurrenz, weil, oberflächlich ausgedrückt, jeder einzelne Producent die Waare zu ihrem Marktpreis verkaufen muss. Lieferung von gegebnem Produktenquantum in gegebner Arbeitszeit wird dagegen hier in der Manufaktur technologisches Gesetz des Produktionsprozesses selbst47.

Verschiedne Operationen bedürfen jedoch ungleicher Zeitlängen und liefern daher in gleichen Zeiträumen ungleiche Quanta von Theilprodukten. Soll also derselbe Arbeiter Tag aus Tag ein stets nur dieselbe Operation verrichten, so müssen für verschiedne Operationen verschiedne Verhältnisszahlen von Arbeitern verwandt werden, z. B. 4 Giesser und 2 Abbrecher auf einen Frottirer in einer Typenmanufaktur, wo der Giesser stündlich 2000 Typen giesst, der Abbrecher 4000 abbricht und der Frottirer 8000 blank reibt. Hier kehrt das Prinzip der Cooperation in seiner einfachsten Form zurück, gleichzeitige Beschäftigung Vieler, die Gleichartiges thun, aber jetzt als Ausdruck eines organischen Verhältnisses. Die manufakturmässige Theilung der Arbeit vereinfacht und vermannigfacht also nicht nur die qualitativ unterschiednen Organe des gesellschaftlichen Gesammtarbeiters, sondern schafft auch ein mathematisch festes Verhältniss für den quantitativen Umfang dieser Organe, d. h. für die relative Arbeiteranzahl oder relative Grösse der Arbeitergruppen in jeder Sonderfunktion. Sie entwickelt mit der qualitativen Gliederung die quantitative Regel und Proportionalität des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses.

Ist die passendste Verhältnisszahl der verschiednen Gruppen von Theilarbeitern erfahrungsmässig festgesetzt für eine bestimmte Stufenleiter der Produktion, so kann man diese Stufenleiter nur ausdehnen, indem man ein Multipel jeder besondern Arbeitergruppe verwendet48. Es kommt hinzu, dass dasselbe Individuum gewisse Arbeiten eben so gut auf grösserer als kleinerer Staffel ausführt, z. B. die Arbeit der Oberaufsicht, den Transport der Theilprodukte aus einer Produktionsphase in die andre u. s. w. Die Verselbstständigung dieser Funktionen, oder ihre Zuweisung an besondere Arbeiter, wird also erst vortheilhaft mit Vergrösserung der beschäftigten Arbeiterzahl, aber diese Vergrösserung muss sofort alle Gruppen proportionell ergreifen.

Die einzelne Gruppe, als eine Anzahl von Arbeitern, die dieselbe Theilfunktion verrichten, besteht aus homogenen Elementen und bildet ein einfaches Organ des Gesammtmechanismus. In verschiednen Manufakturen jedoch ist die Gruppe selbst ein gegliederter Arbeitskörper, während der Gesammtmechanismus durch die Wiederholung oder Vervielfältigung dieser produktiven Elementarorganismen gebildet wird. Nehmen wir z. B. die Manufaktur von Glasflaschen. Sie zerfällt in drei wesentlich unterschiedne Phasen. Erstens die vorbereitende Phase, wie Bereitung der Glaskomposition, Mengung von Sand, Kalk u. s. w. und Schmelzung dieser Komposition zu einer flüssigen Glasmasse49. In dieser ersten Phase sind verschiedne Theilarbeiter beschäftigt, ebenso in der Schlussphase, der Entfernung der Flaschen aus den Trockenöfen, ihrer Sortirung, Verpackung u. s. w. Zwischen beiden Phasen steht in der Mitte die eigentliche Glasmacherei oder Verarbeitung der flüssigen Glasmasse. An demselben Munde eines Glasofens arbeitet eine Gruppe, die in England das „hole“ (Loch) heisst, und aus einem bottle maker oder finisher, einem blower, einem gatherer, einem putter up oder whetter off und einem taker in zusammengesetzt ist. Diese fünf Theilarbeiter bilden eben so viele Sonderorgane eines einzigen Arbeitskörpers, der nur als Einheit, also nur durch unmittelbare Cooperation der Fünf wirken kann. Fehlt ein Glied des fünftheiligen Körpers, so ist er paralysirt. Derselbe Glasofen hat aber verschiedne Oeffnungen, in Eng- 50 land z. B. 4—6, deren jede einen irdenen Schmelztiegel mit flüssigem Glas birgt, und wovon jede eine eigne Arbeitergruppe von derselben fünfgliedrigen Form beschäftigt. Die Gliederung jeder einzelnen Gruppe beruht hier unmittelbar auf der Theilung der Arbeit, während das Band zwischen den verschiednen gleichartigen Gruppen einfache Cooperation ist, die eins der Produktionsmittel, hier den Glasofen, durch gemeinsamen Konsum ökonomischer verbraucht. Ein solcher Glasofen mit seinen 4—6 Gruppen bildet eine Glashütte, und eine Glasmanufaktur umfasst eine Mehrzahl solcher Hütten, zugleich mit den Vorrichtungen und Arbeitern für die einleitenden und abschliessenden Produktionsphasen.

Endlich kann die Manufaktur, wie sie theilweis aus der Kombination verschiedner Handwerke entspringt, sich zu einer Kombination verschiedner Manufakturen entwickeln. Die grösseren englischen Glashütten z. B. fabriciren ihre irdenen Schmelztiegel selbst, weil von deren Güte das Gelingen oder Misslingen des Produkts wesentlich abhängt. Die Manufaktur eines Produktionsmittels wird hier mit der Manufaktur des Produkts verbunden. Umgekehrt kann die Manufaktur des Produkts verbunden werden mit Manufakturen, worin es selbst wieder als Rohmaterial dient, oder mit deren Produkten es später zusammengesetzt wird. So findet man z. B. die Manufaktur von Flintglas kombinirt mit der Glasschleiferei und der Gelbgiesserei, letztere für die metallische Einfassung mannigfacher Glasartikel. Die verschiednen kombinirten Manufakturen bilden dann mehr oder minder räumlich getrennte Departemente einer Gesammtmanufaktur, zugleich von einander unabhängige Produktionsprozesse, jeder mit eigner Theilung der Arbeit. Trotz mancher technischer und ökonomischer Vortheile, welche die kombinirte Manufaktur bietet, gewinnt sie, auf eigner Grundlage, keine wirklich technologische Einheit. Diese entsteht erst bei ihrer Verwandlung in den maschinenmässigen Betrieb.

Die Manufakturperiode, welche Verminderung der zur Waarenproduktion nothwendigen Arbeitszeit bald als bewusstes Prinzip ausspricht51, entwickelt sporadisch auch den Gebrauch von Maschinen, namentlich für gewisse einfache erste Prozesse, die massenhaft und mit grossem Kraftaufwand auszuführen sind. So wird z. B. bald in der Papiermanufaktur das Zermalmen der Lumpen durch Papiermühlen und in der Metallfabrik das Zerstossen der Erze durch sogenannte Pochmühlen verrichtet52. Die elementarische Form aller Maschinerie hatte das römische Kaiserreich überliefert in der Wassermühle53. Die Handwerksperiode vermachte die grossen Erfindungen des Kompasses, des Pulvers, der Buchdruckerei und der automatischen Uhr. Im Grossen und Ganzen jedoch spielt die Maschinerie jene Nebenrolle, die Adam Smith ihr neben der Theilung der Arbeit anweist54. Sehr wichtig wurde die sporadische Anwendung der Maschinerie im 17. Jahrhundert, weil sie den grossen Mathematikern jener Zeit praktische Anhaltspunkte und Reizmittel zur Schöpfung der modernen Mechanik darbot.

Die spezifische Maschinerie der Manufakturperiode bleibt der aus vielen Theilarbeitern kombinirte Gesammtarbeiter selbst. Die verschiednen Operationen, die der Producent einer Waare abwechselnd verrichtet und die sich im Ganzen seines Arbeitsprozesses verschlingen, nehmen ihn verschiedenartig in Anspruch. In der einen muss er mehr Kraft entwickeln, in der andern mehr Gewandtheit, in der dritten mehr geistige Aufmerksamkeit u. s. w., und dasselbe Individuum besitzt diese Eigenschaften nicht in gleichem Grad. Nach der Trennung, Verselbstständigung und Isolirung der verschiednen Operationen werden die Arbeiter ihren vorwiegenden Eigenschaften gemäss getheilt, klassificirt und gruppirt. Bilden ihre Naturbesonderheiten die Grundlage, worauf sich die Theilung der Arbeit pfropft, so entwickelt die Manufaktur, einmal eingeführt, Arbeitskräfte, die von Natur nur zu einseitiger Sonderfunktion taugen. Der Gesammtarbeiter besitzt jetzt alle produktiven Eigenschaften in gleich hohem Grad der Virtuosität und verausgabt sie zugleich auf’s ökonomischste, indem er alle seine Organe, individualisirt in besondern Arbeitern oder Arbeitergruppen, ausschliesslich zu ihren spezifischen Funktionen verwendet55. Die Einseitigkeit und selbst die Unvollkommenheit des Theilarbeiters werden zu seiner Vollkommenheit als Glied des Gesammtarbeiters56. Die Gewohnheit einer einseitigen Funktion verwandelt ihn in ihr naturgemäss sicher wirkendes Organ, während der Zusammenhang des Gesammtmechanismus ihn zwingt, mit der Regelmässigkeit eines Maschinentheils zu wirken57. Da die verschiednen Funktionen des Gesammtarbeiters einfacher oder zusammengesetzter, niedriger oder höher, erheischen seine Organe, die individuellen Arbeitskräfte, sehr verschiedne Grade der Ausbildung und besitzen daher sehr verschiedne Werthe. Die Manufaktur entwickelt also eine Hierarchie der Arbeitskräfte, der eine Stufenleiter der Arbeitslöhne entspricht. Wird einerseits der individuelle Arbeiter einer einseitigen Funktion angeeignet und lebens lang annexirt, so werden eben so sehr die verschiednen Arbeitsverrichtungen jener Hierarchie der natürlichen und erworbnen Geschicklichkeiten angepasst58. Jeder Produktionsprozess bedingt indess gewisse einfache Hanthierungen, deren jeder Mensch, wie er geht und steht, fähig ist. Auch sie werden jetzt von ihrem flüssigen Zusammenhang mit den inhaltvolleren Momenten der Thätigkeit losgelöst und zu ausschliesslichen Funktionen verknöchert. Die Manufaktur erzeugt daher in jedem Handwerk, das sie ergreift, eine Klasse sogenannter ungeschickter Arbeiter, die der Handwerksbetrieb streng ausschloss. Wenn sie die durchaus vereinseitigte Spezialität auf Kosten des ganzen Arbeitsvermögens zur Virtuosität entwickelt, beginnt sie auch schon den Mangel aller Entwicklung zu einer Spezialität zu machen. Neben die hierarchische Abstufung tritt die einfache Scheidung der Arbeiter in geschickte und ungeschickte. Für letztere fallen die Erlernungskosten ganz weg, für erstere sinken sie, im Vergleich zum Handwerker, in Folge vereinfachter Funktion. In beiden Fällen sinkt der Werth der Arbeitskraft59. Ausnahme findet statt, soweit die Zersetzung des Arbeitsprozesses neue zusammenfassende Funktionen erzeugt, die im Handwerksbetrieb gar nicht oder nicht in demselben Umfang vorkamen. Die relative Entwerthung der Arbeitskraft, die aus dem Wegfall oder der Verminderung der Erlernungskosten entspringt, schliesst unmittelbar höhere Verwerthung des Kapitals ein, denn alles, was die zur Reproduktion der Arbeitskraft nothwendige Zeit verkürzt, verlängert die Domaine der Mehrarbeit.

Wir betrachteten erst den Ursprung der Manufaktur aus der Cooperation, dann ihre einfachen Elemente, den Theilarbeiter und sein Werkzeug, endlich ihren Gesammtmechanismus. Wir berühren jetzt kurz das Verhältniss zwischen der manufakturmässigen Theilung der Arbeit und der gesellschaftlichen Theilung der Arbeit, welche die allgemeine Grundlage aller Waarenproduktion bildet.

Hält man nur die Arbeit selbst im Auge, so kann man die Trennung der gesellschaftlichen Produktion in ihre grossen Gattungen, wie Agrikultur, Industrie u. s. w., als Theilung der Arbeit im Allgemeinen, die Sonderung dieser Produktionsgattungen in Arten und Unterarten als Theilung der Arbeit im Besondern, und die Theilung der Arbeit innerhalb einer Werkstatt als Theilung der Arbeit im Einzelnen bezeichnen60.

Die Theilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft, und die entsprechende Beschränkung der Individuen auf besondre Berufssphären, entwickelt sich, wie die Theilung der Arbeit innerhalb der Manufaktur, von entgegengesetzten Ausgangspunkten. Innerhalb einer Familie, weiter entwickelt eines Stammes, entspringt eine naturwüchsige Theilung der Arbeit aus den Geschlechts- und Altersverschiedenheiten, also auf rein physiologischer Grundlage, die mit der Ausdehnung des Gemeinwesens, der Zunahme der Bevölkerung, und namentlich dem Konflikt zwischen verschiednen Stämmen und der Unterjochung eines Stamms durch den andern ihr Material ausweitet. Andrerseits, wie ich früher bemerkt, entspringt der Produktenaustausch an den Punkten, wo verschiedne Familien, Stämme, Gemeinwesen in Kontakt kommen, denn nicht Privatpersonen, sondern Familien, Stämme u. s. w. treten sich in den Anfängen der Kultur selbstständig gegenüber. Verschiedne Gemeinwesen finden verschiedne Produktionsmittel und verschiedne Lebensmittel in ihrer Naturumgebung vor. Ihre Produktionsweise, Lebensweise und Produkte sind daher verschieden. Es ist diese naturwüchsige Verschiedenheit, die bei dem Kontakt der Gemeinwesen den Austausch der wechselseitigen Produkte und daher die allmälige Verwandlung dieser Produkte in Waaren hervorruft. Der Austausch schafft nicht den Unterschied der Produktionssphären, sondern bezieht die unterschiednen auf einander und verwandelt sie so in mehr oder minder von einander abhängige Zweige einer gesellschaftlichen Gesammtproduktion. Hier entsteht die gesellschaftliche Theilung der Arbeit durch den Austausch ursprünglich verschiedner, aber gegen einander selbstständiger Produktionssphären. Dort, wo die physiologische Theilung der Arbeit den Ausgangspunkt bildet, lösen sich die besondern Organe eines unmittelbar zusammengehörigen Ganzen von einander ab, zersetzen sich, zu welchem Zersetzungsprozess der Waarenaustausch mit fremden Gemeinwesen den Hauptanstoss giebt, und verselbstständigen sich bis zu dem Punkt, wo der Zusammenhang der verschiednen Arbeiten durch den Austausch der Produkte als Waaren vermittelt wird. Es ist in dem einen Fall Verunselbstständigung der früher Selbstständigen, in dem andern Verselbstständigung der früher Unselbstständigen.

Die Grundlage aller entwickelten und durch Waarenaustausch vermittelten Theilung der Arbeit ist die Scheidung von Stadt und Land61. Man kann sagen, dass die ganze ökonomische Geschichte der Gesellschaft sich in der Bewegung dieses Gegensatzes resümirt, auf den wir jedoch hier nicht weiter eingehn.

Wie für die Theilung der Arbeit innerhalb der Manufaktur eine gewisse Anzahl gleichzeitig angewandter Arbeiter die materielle Voraussetzung bildet, so für die Theilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft die Grösse der Bevölkerung und ihre Dichtigkeit, die hier an die Stelle der Agglomeration in derselben Werkstatt tritt62. Indess ist diese Dichtigkeit etwas relatives. Ein relativ spärlich bevölkertes Land mit entwickelten Kommunikationsmitteln besitzt eine dichtere Bevölkerung als ein mehr bevölkertes Land mit unentwickelten Kommunikationsmitteln, und in dieser Art sind z. B. die nördlichen Staaten der amerikanischen Union dichter bevölkert als Indien63.

Da Waarenproduktion und Waarencirkulation die allgemeine Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsweise, erheischt manufakturmässige Theilung der Arbeit eine schon bis zu gewissem Entwicklungsgrad gereifte Theilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft. Umgekehrt entwickelt und vervielfältigt die manufakturmässige Theilung der Arbeit rückwirkend jene gesellschaftliche Theilung der Arbeit. Mit der Differenzirung der Arbeitsinstrumente differenziren sich mehr und mehr die Gewerbe, welche diese Instrumente produciren64. Ergreift der manufakturmässige Betrieb ein Gewerb, das bisher als Haupt- oder Nebengewerb mit andern zusammenhing und von demselben Producenten ausgeführt wurde, so findet sofort Scheidung und gegenseitige Verselbstständigung statt. Ergreift er eine besondre Produktionsstufe einer Waare, so verwandeln sich ihre verschiednen Produktionsstufen in verschiedne unabhängige Ge werbe. Es ward bereits angedeutet, dass wo das Machwerk ein bloss mechanisch zusammengesetztes Ganze von Theilprodukten, die Theilarbeiten sich selbst wieder zu eignen Handwerken verselbstständigen können. Um die Theilung der Arbeit vollkommner innerhalb einer Manufaktur auszuführen, wird derselbe Produktionszweig, je nach der Verschiedenheit seiner Rohstoffe oder den verschiednen Formen, die derselbe Rohstoff erhalten kann, in verschiedne zum Theil ganz neue Manufakturen gespaltet. So wurden bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Frankreich allein über 100 verschiedenartige Seidenzeuge gewebt, und in Avignon z. B. war es Gesetz, dass „jeder Lehrling sich immer nur einer Fabrikationsart widmen und nicht die Verfertigung mehrerer Zeugarten zugleich lernen durfte.“ Die territoriale Theilung der Arbeit, welche besondre Produktionszweige an besondre Distrikte eines Landes bannt, erhält neuen Anstoss durch den manufakturmässigen Betrieb, der alle Besonderheiten ausbeutet65. Reiches Material zur Theilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft liefert der Manufakturperiode die Erweiterung des Weltmarkts und das Kolonialsystem, die zum Umkreis ihrer allgemeinen Existenzbedingungen gehören. Es ist hier nicht der Ort weiter nachzuweisen, wie sie neben der ökonomischen jede andre Sphäre der Gesellschaft inficirt und überall die Grundlage zu jener Ausbildung des Fachwesens, der Specialitäten, und zu einer Parcellirung des Menschen legt, die schon A. Ferguson, den Lehrer A. Smiths, in den Ausruf ausbrechen liess: „Wir sind ganze Nationen von Heloten, und es giebt keine Freien unter uns“66.

Trotz der zahlreichen Analogien jedoch und der Zusammenhänge zwischen der Theilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und der Theilung innerhalb einer Werkstatt, sind beide nicht nur graduell, sondern wesentlich unterschieden. Am schlagendsten scheint die Analogie unstreitig, wo ein inneres Band verschiedne Geschäftszweige ver schlingt. Der Viehzüchter z. B. producirt Häute, der Gerber verwandelt die Häute in Leder, der Schuster das Leder in Stiefel. Jeder producirt hier ein Stufenprodukt und die letzte fertige Gestalt ist das kombinirte Produkt ihrer Sonderarbeiten. Es kommen hinzu die mannigfachen Arbeitszweige, die dem Viehzüchter, Gerber, Schuster Produktionsmittel liefern. Man kann sich nun mit A. Smith einbilden, diese gesellschaftliche Theilung der Arbeit unterscheide sich von der manufakturmässigen nur subjektiv, nämlich für den Beobachter, der hier die mannigfachen Theilarbeiten auf einen Blick räumlich zusammensieht, während dort ihre Zerstreuung über grosse Flächen und die grosse Zahl der in jedem Sonderzweig Beschäftigten den Zusammenhang verdunklen67. Was aber stellt den Zusammenhang her zwischen den unabhängigen Arbeiten von Viehzüchter, Gerber, Schuster? Das Dasein ihrer respektiven Produkte als Waaren. Was charakterisirt dagegen die manufakturmässige Theilung der Arbeit? Dass der Theilarbeiter keine Waare producirt68. Erst das gemeinsame Produkt der Theilarbeiter verwandelt sich in Waare. Die Theilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft ist vermittelt durch den Kauf und Verkauf der Produkte verschiedner Arbeitszweige, der Zusammenhang der Theilarbeiten in der Manufaktur durch den Verkauf verschiedner Arbeitskräfte an denselben Kapitalisten, der sie als kombinirte Arbeitskraft verwendet. Die manufakturmässige Theilung der Arbeit unterstellt Koncentration der Produktionsmittel in der Hand eines Kapitalisten, die gesellschaftliche Theilung der Arbeit Zersplitterung der Produktionsmittel unter viele von einander unabhängige Waarenproducenten. Statt dass in der Manufaktur das eherne Gesetz der Verhältnisszahl oder Proportionalität bestimmte Arbeitermassen unter bestimmte Funktionen subsumirt, treiben Zufall und Willkühr ihr buntes Spiel in der Vertheilung der Waarenproducenten und ihrer Produktionsmittel unter die verschiednen gesellschaftlichen Arbeitszweige. Zwar suchen sich die verschiednen Produktionssphären beständig ins Gleichgewicht zu setzen, indem einerseits jeder Waarenproducent einen Gebrauchswerth produciren, also ein besondres gesellschaftliches Bedürfniss befriedigen muss, der Umfang dieser Bedürfnisse aber quantitativ verschieden ist und ein innres Band die verschiedenen Bedürfnissmassen zu einem naturwüchsigen System verkettet; indem andrerseits das Werthgesetz der Waaren bestimmt, wie viel die Gesellschaft von ihrer ganzen disponiblen Arbeitszeit auf die Produktion jeder besondern Waarenart verausgaben kann. Aber diese beständige Tendenz der verschiednen Produktionssphären sich ins Gleichgewicht zu setzen, bethätigt sich nur als Reaktion gegen die beständige Aufhebung dieses Gleichgewichts. Bei der Theilung der Arbeit im Innern der Werkstatt beherrscht die Verhältnisszahl die jeder Sonderfunktion zugewiesne Arbeitermasse a priori als bewusste und planmässig befolgte Regel; bei der Theilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft wirkt sie nur a posteriori als innere, stumme, im Barometerwechsel der Marktpreise wahrnehmbare, die regellose Willkühr der Waarenproducenten überwältigende Naturnothwendigkeit. Die manufakturmässige Theilung der Arbeit unterstellt die unbedingte Autorität des Kapitalisten über Menschen, die blosse Glieder eines ihm gehörigen Gesammtmechanismus bilden; die gesellschaftliche Theilung der Arbeit stellt unabhängige Waarenproducenten einander gegenüber, die keine andere Autorität anerkennen als die der Konkurrenz, den Zwang, den der Druck ihrer wechselseitigen Interessen auf sie ausübt, wie auch im Thierreich das bellum omnium contra omnes die Existenzbedingungen aller Arten mehr oder minder erhält. Dasselbe bürgerliche Bewusstsein, das die manufakturmässige Theilung der Arbeit, die lebenslängliche Annexation des Arbeiters an eine Detailverrichtung und die unbedingte Unterordnung der Theilarbeiter unter das Kapital, als eine Organisation der Arbeit feiert, welche ihre Produktivkraft steigere, denuncirt daher eben so laut jede bewusste gesellschaftliche Kontrole und Reglung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses als einen Eingriff in die unverletzlichen Eigenthumsrechte, Freiheit und sich selbst bestimmende „Genialität“ des individuellen Kapitalisten. Es ist sehr charakteristisch, dass die begeisterten Apologeten des Fabriksystems nichts ärgeres gegen jede allgemeine Organisation der gesellschaftlichen Arbeit zu sagen wissen, als dass sie die ganze Gesellschaft in eine Fabrik verwandeln würde.

Wenn die Anarchie der gesellschaftlichen und die Despotie der manufakturmässigen Arbeitstheilung einander in der Gesellschaft der kapitalistischen Produktionsweise bedingen, bieten dagegen frühere Gesellschaftsformen, worin die Besonderung der Gewerbe sich naturwüchsig entwickelt, dann krystallisirt und endlich gesetzlich befestigt, einerseits das Bild einer plan- und autoritätsmässigen Organisation der gesellschaftlichen Arbeit, während sie anderseits die Theilung der Arbeit innerhalb der Werkstatt ganz ausschliessen, oder nur auf einem Zwergmassstab, oder nur sporadisch und zufällig entwickeln69.

Jene uralterthümlichen, kleinen indischen Gemeinwesen z. B., die zum Theil noch fortexistiren, beruhn auf gemeinschaftlichem Besitz des Grund und Bodens, auf unmittelbarer Verbindung von Agrikultur und Handwerk, und auf einer festen Theilung der Arbeit, die bei Anlage neuer Gemeinwesen als gegebner Plan und Grundriss dient. Sie bilden sich selbst genügende Produktionsganze, deren Produktionsgebiet von 100 bis auf einige 1000 Acres wechselt. Die Hauptmasse der Produkte wird für den unmittelbaren Selbstbedarf der Gemeinde producirt, nicht als Waare, und die Produktion selbst ist daher unabhängig von der durch Waaren austausch vermittelten Theilung der Arbeit im Grossen und Ganzen der indischen Gesellschaft. Nur der Ueberschuss der Produkte verwandelt sich in Waare, zum Theil selbst wieder erst in der Hand des Staats, dem ein bestimmtes Quantum seit undenklichen Zeiten als Naturalrente zufliesst. In verschiedenen Theilen Indiens besitzt diess Gemeinwesen verschiedne herrschende Formen. In der einfachsten Form bebaut die Gemeinde das Land gemeinschaftlich und vertheilt seine Produkte unter ihre Glieder, während jede Familie Spinnen, Weben u. s. w. als häusliches Nebengewerb treibt. Neben dieser gleichartig beschäftigten Masse finden wir den „Haupteinwohner“, Richter, Polizei und Steuereinnehmer in einer Person; den Buchhalter, der die Rechnung über den Ackerbau führt und alles darauf Bezügliche katastrirt und registrirt; einen dritten Beamten, der Verbrecher verfolgt und fremde Reisende beschützt und von einem Dorf zum andern geleitet; den Grenzmann, der die Grenzen der Gemeinde gegen die Nachbargemeinden bewacht; den Wasseraufseher, der das Wasser aus den gemeinschaftlichen Wasserbehältern zu Ackerbauzwecken vertheilt; den Braminen, der die Funktionen des religiösen Kultus verrichtet; den Schulmeister, der die Gemeindekinder im Sand schreiben und lesen lehrt; den Kalenderbraminen, der als Astrolog die Zeiten für Saat, Ernte und die guten oder bösen Stunden für alle besondern Ackerbauarbeiten angiebt; einen Schmidt und einen Zimmermann, welche alle Ackerbauwerkzeuge verfertigen und ausbessern; den Töpfer, der alle Gefässe für das Dorf macht; den Barbier, den Wäscher für die Reinigung der Kleider, den Silberschmidt, hier und da den Poeten, der in einigen Gemeinden den Silberschmidt, in andern den Schulmeister ersetzt. Diess Dutzend Personen wird auf Kosten der ganzen Gemeinde erhalten. Wächst die Bevölkerung, so wird eine neue Gemeinde nach dem Muster der alten auf unbebautem Boden angesiedelt. Den Gesammtmechanismus der Gemeinde betrachtet, findet sich hier planmässige Theilung der Arbeit, aber ihre manufakturmässige Theilung ist unmöglich, indem der Markt für Schmidt, Zimmermann u. s. w. unverändert bleibt und höchstens, je nach dem Grössenunterschied der Dörfer, statt eines Schmidts, Töpfers u. s. w. ihrer zwei oder drei vorkommen70. Das Gesetz, das die Theilung der Gemeinde arbeit regelt, wirkt hier mit der unverbrüchlichen Autorität eines Naturgesetzes, während jeder besondre Handwerker, wie Schmidt u. s. w., nach überlieferter Art, aber selbstständig, und ohne Anerkennung irgend einer Autorität in seiner Werkstatt, alle zu seinem Fach gehörigen Operationen verrichtet. Der einfache produktive Organismus dieser selbstgenügenden Gemeinwesen, die sich beständig in derselben Form reproduciren, und, wenn zufällig zerstört, an demselben Ort, mit demselben Namen, wieder aufbauen71, liefert den Schlüssel zum Geheimniss der Unveränderlichkeit asiatischer Gesellschaften, so auffallend kontrastirt durch die beständige Auflösung und Neubildung asiatischer Staaten und rastlosen Dynastenwechsel. Die Struktur der ökonomischen Grundelemente der Gesellschaft bleibt von den Stürmen der politischen Wolkenregion unberührt.

Die Zunftgesetze, wie schon früher bemerkt, verhinderten planmässig, durch äusserste Beschränkung des Maximums der Gesellenzahl, die ein einzelner Zunftmeister beschäftigen durfte, seine Verwandlung in einen Kapitalisten. Ebenso konnte er Gesellen nur beschäftigen in dem ausschliesslichen Handwerk, worin er selbst Meister war. Die Zunft wehrte eifersüchtig jeden Uebergriff des Kaufmannskapitals ab, der einzig freien Form des Kapitals, die ihr gegenüberstand. Der Kaufmann konnte alle Waaren kaufen, nur nicht die Arbeit als Waare. Er war nur geduldet als Verleger der Handwerksprodukte. Riefen äussere Umstände eine fortschreitende Theilung der Arbeit hervor, so zerspalteten sich bestehende Zünfte in Unterarten oder lagerten sich neue Zünfte neben die alten hin, 72 jedoch ohne Zusammenfassung verschiedner Handwerke in eine Werkstatt. Die Zunftorganisation, so sehr ihre Besonderung, Isolirung und Ausbildung der Gewerbe zu den materiellen Existenzbedingungen der Manufakturperiode gehören, schloss daher die manufakturmässige Theilung der Arbeit aus. Im Grossen und Ganzen blieben der Arbeiter und seine Produktionsmittel mit einander verbunden, wie die Schnecke mit dem Schneckenhaus, und so fehlte die erste Grundlage der Manufaktur, die Verselbstständigung der Produktionsmittel als Kapital gegenüber dem Arbeiter.

Während die Theilung der Arbeit im Ganzen einer Gesellschaft, ob vermittelt oder unvermittelt durch den Waarenaustausch, den verschiedenartigsten ökonomischen Gesellschaftsformationen angehört, ist die manufakturmässige Theilung der Arbeit eine ganz spezifische Schöpfung der kapitalistischen Produktionsweise.

Eine grössere Arbeiteranzahl unter dem Kommando desselben Kapitals bildet den naturwüchsigen Ausgangspunkt, wie der Cooperation überhaupt, so der Manufaktur. Umgekehrt entwickelt die manufakturmässige Theilung der Arbeit das Wachsthum der angewandten Arbeiterzahl zur technologischen Nothwendigkeit. Das Arbeiterminimum, das ein einzelner Kapitalist anwenden muss, ist ihm jetzt durch die vorhandene Theilung der Arbeit vorgeschrieben. Andrerseits sind die Vortheile weiterer Theilung bedingt durch weitere Vermehrung der Arbeiteranzahl, die nur noch in Multiplen ausführbar. Mit dem variablen muss aber auch der constante Bestandtheil des Kapitals wachsen, neben dem Umfang der gemeinsamen Produktionsbedingungen, wie Baulichkeiten, Oefen u. s. w., namentlich auch und viel rascher als die Arbeiteranzahl, das Rohmaterial. Seine Masse, verzehrt in gegebner Zeit durch gegebnes Arbeitsquantum, nimmt in demselben Verhältniss zu wie die Produktivkraft der Arbeit in Folge ihrer Theilung. Wachsender Minimalumfang von Kapital in der Hand der einzelnen Kapitalisten, oder wachsende Verwandlung der gesellschaftlichen Lebensmittel und Produktionsmittel in Kapital ist also ein aus dem technologischen Charakter der Manufaktur entspringendes Gesetz73.

Wie in der einfachen Cooperation ist in der Manufaktur der funktionirende Arbeitskörper eine Existenzform des Kapitals. Der aus vielen individuellen Theilarbeitern zusammengesetzte gesellschaftliche Produktionsmechanismus gehört dem Kapitalisten. Die aus der Kombination der Arbeiten entspringende Produktivkraft erscheint daher als Produktivkraft des Kapitals. Die eigentliche Manufaktur unterwirft nicht nur den früher selbstständigen Arbeiter dem Kommando und der Disciplin des Kapitals, sondern schafft überdem eine hierarchische Gliederung unter den Arbeitern selbst. Während die einfache Cooperation die Arbeitsweise der Einzelnen im Grossen und Ganzen unverändert lässt, revolutionirt die Manufaktur sie von Grund aus und ergreift die individuelle Arbeitskraft an ihrer Wurzel. Sie verkrüppelt den Arbeiter in eine Abnormität, indem sie sein Detailgeschick treibhausmässig fördert durch Unterdrückung einer Welt von produktiven Trieben und Anlagen, wie man in den La Plata Staaten ein ganzes Thier abschlachtet, um sein Fell oder seinen Talg zu erbeuten. Die besondren Theilarbeiten werden nicht nur unter verschiedne Individuen vertheilt, sondern das Individuum selbst wird getheilt, in das automatische Triebwerk einer Theilarbeit verwandelt74 und die abgeschmackte Fabel des Menenius Agrippa verwirklicht, die einen Menschen als blosses Fragment seines eignen Körpers darstellt75. Wenn der Arbeiter ursprünglich seine Arbeitskraft an das Kapital verkauft, weil ihm die materiellen Produktionsbedin- 76 gungen einer Waare fehlen, existirt seine individuelle Arbeitskraft jetzt überhaupt nur noch, wann und sofern sie an das Kapital verkauft wird. Sie funktionirt nur noch in einem Zusammenhang, der erst nach ihrem Verkauf, in der Werkstatt des Kapitalisten, existirt. Seiner natürlichen Beschaffenheit nach verunfähigt, etwas Selbstständiges zu machen, entwickelt der Manufakturarbeiter produktive Thätigkeit nur noch als Zubehör zur Werkstatt des Kapitalisten77. Wie dem auserwählten Volk auf der Stirn geschrieben stand, dass es das Eigenthum Jehovas, so drückt die Theilung der Arbeit dem Manufakturarbeiter einen Stempel auf, der ihn zum Eigenthum des Kapitals brandmarkt.

Die Kenntnisse, die Einsicht und der Wille, die der selbstständige Bauer oder Handwerker, wenn auch auf kleinem Massstab entwickelt, wie der Wilde alle Kunst des Kriegs als persönliche List ausübt, sind jetzt nur noch für das Ganze der Werkstatt erheischt. Die geistigen Potenzen der Produktion erweitern ihren Massstab auf der einen Seite, weil sie auf vielen Seiten verschwinden. Was die Theilarbeiter verlieren, koncentrirt sich ihnen gegenüber im Kapital78. Es ist ein Produkt der manufakturmässigen Theilung der Arbeit ihnen die geistigen Potenzen des materiellen Produktionsprozesses als fremdes Eigenthum und sie beherrschende Macht gegenüberzustellen. Dieser Scheidungsprozess beginnt in der einfachen Cooperation, wo der Kapitalist den einzelnen Arbeitern gegenüber die Einheit und den Willen des gesellschaftlichen Arbeitskörpers vertritt. Er entwickelt sich in der Manufaktur, die den Arbeiter zum Theilarbeiter verstümmelt. Er vollendet sich in der grossen Industrie, welche die Wissenschaft als selbstständige Produktionspotenz von der Arbeit trennt und in den Dienst des Kapitals presst79.

In der Manufaktur ist die Bereicherung des Gesammtarbeiters, und daher des Kapitals, an gesellschaftlicher Produktivkraft bedingt durch die Verarmung des Arbeiters an individuellen Produktivkräften. „Die Unwissenheit ist die Mutter der Industrie wie des Aberglaubens. Nachdenken und Einbildungskraft sind dem Irrthum unterworfen; aber die Gewohnheit den Fuss oder die Hand zu bewegen hängt weder von dem einen, noch von der andern ab. So könnte man sagen, dass mit Bezug auf Manufakturen ihre Vollkommenheit darin besteht, sich des Geistes entschlagen zu können, in der Art, dass die Werkstatt als eine Maschine betrachtet werden kann, deren Theile Menschen sind80. In der That wandten einige Manufakturen in der Mitte des 18. Jahrhunderts für gewisse einfache Operationen, welche aber Fabrikgeheimnisse bildeten, mit Vorliebe halbe Idioten an81.

„Der Geist der grossen Mehrzahl der Menschen“, sagt A. Smith, „entwickelt sich nothwendig aus und an ihren Alltagsverrichtungen. Ein Mensch, der sein ganzes Leben in der Verrichtung weniger einfacher Operationen verausgabt … hat keine Gelegenheit seinen Verstand zu üben … Er wird im Allgemeinen so stupid und unwissend, wie es für eine menschliche Kreatur möglich ist.“ Nachdem Smith den Stumpfsinn des Theilarbeiters geschildert, fährt er fort: „Die Einförmigkeit seines stationären Lebens verdirbt natürlich auch den Muth seines Geistes … Sie zerstört selbst die Energie seines Körpers und verunfähigt ihn, seine Kraft schwunghaft und ausdauernd anzuwenden ausser in der Detailbeschäftigung, wozu er herangezogen ist. Sein Geschick in seinem besondern Gewerke scheint so erworben auf Kosten seiner intellektuellen, socialen und kriegerischen Tugenden. Aber in jeder industriellen und civilisirten Gesellschaft ist diess der Zustand, worin der arbeitende Arme (the labouring poor), d. h. die grosse Masse des Volks nothwendig verfallen muss“82. Um 83 die aus der Theilung der Arbeit entspringende völlige Verkümmerung der Volksmasse zu verhindern, empfiehlt A. Smith Volksunterricht von Staatswegen, wenn auch in vorsichtig homöopathischen Dosen. Konsequent polemisirt dagegen sein französischer Uebersetzer und Kommentator, G. Garnier, der sich unter dem ersten französischen Kaiserthum naturgemäss zum Senator entpuppte. Volksunterricht verstosse wider die ersten Gesetze der Theilung der Arbeit und mit demselben „proscribire man unser ganzes Gesellschaftssystem“. „Wie alle andern Theilungen der Arbeit“, sagt er, „wird die zwischen Handarbeit und Verstandesarbeit84 ausgesprochner und entschiedner im Masse wie die Gesellschaft (er wendet richtig diesen Ausdruck an für das Kapital, das Grundeigenthum und ihren Staat) reicher wird. Gleich jeder andern ist diese Theilung der Arbeit eine Wirkung vergangner und eine Ursache künftiger Fortschritte … Darf die Regierung denn dieser Theilung der Arbeit entgegenwirken und sie in ihrem naturgemässen Gang aufhalten? Darf sie einen Theil der Staatseinnahme zum Versuch verwenden, zwei Klassen von Arbeit, die ihre Theilung und Trennung erstreben, zu verwirren und zu vermischen“?85

Eine gewisse geistige und körperliche Verkrüppelung ist unzertrennlich selbst von der Theilung der Arbeit im Ganzen und Grossen der Gesellschaft. Da aber die Manufakturperiode diese gesellschaftliche Zerspaltung der Arbeitszweige viel weiter führt, andrerseits erst mit der ihr eigenthümlichen Theilung das Individuum an seiner Lebenswurzel ergreift, 86 liefert sie auch zuerst das Material und den Anstoss zur industriellen Pathologie87.

„Einen Menschen unterabtheilen, heisst ihn hinrichten, wenn er das Todesurtheil verdient, ihn meuchelmorden, wenn er es nicht verdient. Die Unterabtheilung der Arbeit ist der Meuchelmord eines Volks“88.

Die auf Theilung der Arbeit beruhende Cooperation oder die Manufaktur ist in ihren Anfängen ein naturwüchsiges Gebild der kapitalistischen Produktion. Sobald sie einige Konsistenz und Breite des Daseins gewonnen, wird sie zur bewussten, planmässigen und systematischen Form der kapitalistischen Produktionsweise. Die Geschichte der eigentlichen Manufaktur zeigt, wie die ihr eigenthümliche Theilung der Arbeit zunächst erfahrungsmässig, gleichsam hinter dem Rücken der handelnden Personen, die sachgemässen Formen gewinnt, dann aber, gleich dem zünftigen Handwerke, die einmal gefundene Form traditionell festzuhalten strebt und in einzelnen Fällen Jahrhundertlang festhält. Aendert sich diese Form, so, ausser in Nebendingen, immer nur in Folge einer Revolution der Arbeitsinstrumente. Die moderne Manufaktur — ich spreche hier nicht von der auf Maschinerie beruhenden grossen Industrie — findet entweder, wie z. B. die Kleidermanufaktur, in den grossen Städten, wo sie entsteht, die disjecta membra poetae bereits fertig vor und hat sie nur aus ihrer Zerstreuung zu sammeln, oder das Prinzip der Theilung liegt auf flacher Hand, indem einfach die verschiednen Verrichtungen der handwerksmässigen Produktion (z. B. beim Buchbinden) besondern Arbeitern ausschliesslich angeeignet werden. Es kostet noch keine Woche Erfahrung in solchen Fällen die Verhältnisszahl zwischen den für jede Funktion nöthigen Händen zu finden89.

Die manufakturmässige Theilung der Arbeit schafft durch Analyse der handwerksmässigen Thätigkeit, Spezificirung der Arbeitsinstrumente, Bildung der Theilarbeiter, ihre Gruppirung und Kombination in einem Gesammtmechanismus, die qualitative Gliederung und die quantitative Proportionalität gesellschaftlicher Produktionsprozesse, also eine bestimmte Organisation gesellschaftlicher Arbeit und entwickelt damit zugleich neue, gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit. Als spezifisch kapitalistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses — und auf den vorgefundnen Grundlagen konnte sie sich nicht anders als in der kapitalistischen Form entwickeln — ist sie nur eine besondre Methode relativen Mehrwerth zu erzeugen oder die Selbstverwerthung des Kapitals — was man gesellschaftlichen Reichthum, „Wealth of Nations“ u. s. w. nennt — auf Kosten der Arbeiter zu erhöhn. Sie entwickelt die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit nicht nur für den Kapitalisten, statt für den Arbeiter, sondern durch die Verkrüpplung des individuellen Arbeiters. Sie producirt neue Bedingungen der Herrschaft des Kapitals über die Arbeit. Wenn sie daher einerseits als historischer Fortschritt und nothwendiges Entwicklungsmoment im ökonomischen Bildungsprozess der Gesellschaft erscheint, so andrerseits als ein Mittel civilisirter und raffinirter Exploitation.

Die politische Oekonomie, die als eigne Wissenschaft erst in der Manufakturperiode aufkommt, betrachtet die gesellschaftliche Theilung der Arbeit überhaupt nur vom Standpunkt der manufakturmässigen Theilung der Arbeit90, als Mittel mit demselben Quantum Arbeit mehr Waare zu produciren, daher die Waaren zu verwohlfeilern und die Accumulation des Kapitals zu beschleunigen. Im strengsten Gegensatz zu dieser Accentuirung der Quantität und des Tauschwerths halten sich die Schriftsteller des klassischen Alterthums ausschliesslich an Qualität und Gebrauchswerth91. In Folge der Scheidung der gesellschaftlichen Produktionszweige werden die Waaren besser gemacht, die verschiedenen Triebe und Talente der Menschen wählen sich entsprechende Wirkungssphären92 und ohne Beschränkung ist nirgendwo Bedeutendes zu leisten93. Also Produkt und Producent werden verbessert durch die Theilung der Arbeit. Wird gelegentlich auch das Wachsthum der Produktenmasse erwähnt, so nur mit Bezug auf die grössere Fülle des Gebrauchswerths. Es wird mit keiner Silbe des Tauschwerths, der Verwohlfeilerung der Waaren gedacht. Dieser Standpunkt des Gebrauchswerths herrscht sowohl bei Plato94, der die Theilung der Arbeit als Grundlage der gesellschaftlichen Scheidung der Stände behandelt, als bei Xenophon95, der mit seinem charakteristisch bürgerlichen In- 96 stinkt schon der Theilung der Arbeit innerhalb einer Werkstatt näher rückt. Plato’s Republik, soweit in ihr die Theilung der Arbeit als das gestaltende Prinzip des Staats entwickelt wird, ist nur atheniensische Idealisirung des ägyptischen Kastenwesens, wie Aegypten als industrielles Musterland auch andern seiner Zeitgenossen gilt, z. B. dem Isokrates97, und diese Bedeutung selbst noch für die Griechen der römischen Kaiserzeit behielt98.

Während der eigentlichen Manufakturperiode, d. h. der Periode, worin die Manufaktur die herrschende Form der kapitalistischen Produktionsweise, stösst die volle Ausführung ihrer eigenen Tendenzen auf vielseitige Hindernisse. Obgleich sie, wie wir sahen, neben der hierarchischen Gliederung der Arbeiter eine einfache Scheidung zwischen geschickten und ungeschickten Arbeitern schafft, bleibt die Zahl der letztern durch den überwiegenden Einfluss der erstern sehr beschränkt. Obgleich sie die Sonderoperationen dem verschiednen Grad von Reife, Kraft und Entwick- 99 lung ihrer lehendigen Arbeitsorgane anpasst und daher zu produktiver Ausbeutung von Weibern und Kindern drängt, scheitert diese Tendenz im Grossen und Ganzen an den Gewohnheiten und dem Widerstand der männlichen Arbeiter. Obgleich die Zersetzung der handwerksmässigen Thätigkeit die Bildungskosten und daher den Werth der Arbeiter senkt, bleibt für schwierigere Detailarbeit eine längere Erlernungszeit nöthig und wird auch da, wo sie vom Ueberfluss, eifersüchtig von den Arbeitern aufrecht erhalten. Wir finden z. B. in England die laws of apprenticeship mit ihrer siebenjährigen Lernzeit bis zum Ende der Manufakturperiode in Vollkraft und erst von der grossen Industrie über Haufen geworfen. Da das Handwerksgeschick die Grundlage der Manufaktur bleibt, und der in ihr funktionirende Gesammtmechanismus kein von den Arbeitern selbst unabhängiges objektives Skelett besitzt, ringt das Kapital beständig mit der Insubordination der Arbeiter. „Die Schwäche der menschlichen Natur,“ ruft Freund Ure aus, „ist so gross, dass der Arbeiter; je geschickter, desto eigenwilliger und schwieriger zu behandeln wird, und folglich dem Gesammtmechanismus durch seine rappelköpfigen Capricen schweren Schaden zufügt“100. Durch die ganze Manufakturperiode läuft daher die Klage über den Disciplinmangel der Arbeiter101. Und hätten wir nicht die Zeugnisse gleichzeitiger Schriftsteller, die einfachen Thatsachen, dass es vom 16. Jahrhundert bis zur Epoche der grossen Industrie dem Kapital misslingt, sich der ganzen disponiblen Arbeitszeit der Manufakturarbeiter zu bemächtigen, dass die Manufakturen kurzlebig sind und mit der Ein- oder Auswanderung der Arbeiter ihren Sitz in dem einen Land verlassen und in dem andern aufschlagen, würden Bibliotheken sprechen. „Ordnung muss auf die eine oder die andre Weise gestiftet werden“, ruft 1770 der wiederholt citirte Verfasser des „Essay on Trade and Commerce“. Ordnung, hallt es 66 Jahre später zurück aus dem Mund des Dr. Andrew Ure, „Ordnung“ fehlte in der auf „dem scholastischen Dogma der Theilung der Arbeit“ beruhenden Manufaktur, und „Arkwright schuf die Ordnung.“

Zugleich konnte die Manufaktur die gesellschaftliche Produktion weder in ihrem ganzen Umfang ergreifen, noch in ihrer Tiefe umwälzen. Sie gipfelte als ökonomisches Kunstwerk auf der breiten Grundlage des städtischen Handwerks und der ländlich häuslichen Nebenindustrie. Ihre eigne enge technologische Basis trat auf einem gewissen Entwicklungsgrad mit den von ihr selbst geschaffenen Produktionsbedürfnissen in Widerspruch.

Eins ihrer vollendetsten Gebilde war die Werkstatt zur Produktion der Arbeitsinstrumente selbst, und namentlich auch der bereits angewandten komplicirteren mechanischen Apparate. „Ein solches Atelier“, sagt Ure, „bot dem Auge die Theilung der Arbeit in ihren mannigfachen Abstufungen. Bohrer, Meisel, Drechselbank hatten jede ihre eignen Arbeiter, hierarchisch gegliedert nach dem Grad ihrer Geschicklichkeit.“ Diess Produkt der manufakturmässigen Theilung der Arbeit producirte seinerseits — Maschinen. Sie heben die handwerksmässige Thätigkeit als das regelnde Princip der gesellschaftlichen Produktion auf. So wird einerseits der technologische Grund der lebenslangen Annexation des Arbeiters an eine Theilfunktion weggeräumt. Andrerseits fallen die Schranken, welche dasselbe Princip der Herrschaft des Kapitals noch auferlegte.

4) Maschinerie und grosse Industrie.

John Stuart Mill sagt in seinen „Principien der politischen Oekonomie“: „Es ist fraglich, ob alle bisher gemachten mechanischen Erfindungen die Tagesmühe irgend eines menschlichen Wesens erleichtert haben“102. Solches ist jedoch auch keineswegs der Zweck der kapitalistisch verwandten Maschinerie. Gleich jeder andern Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit soll sie Waaren verwohlfeilern und den Theil des Arbeitstags, den der Arbeiter für sich selbst braucht, verkürzen, um den andern Theil seines Arbeitstags, den er dem Kapitalisten umsonst giebt, zu verlängern. Sie ist Mittel zur Produktion von Mehrwerth.

Die Umwälzung der Produktionsweise geht in der Manufaktur von der Arbeitskraft aus, in der grossen Industrie vom Arbeitsmittel. Es ist also zunächst zu untersuchen, wodurch sich das Arbeitsmittel aus einem Werkzeug in eine Maschine verwandelt, oder wodurch sich die Maschine vom Handwerksinstrument unterscheidet. Es handelt sich hier nur um grosse, allgemeine Charakterzüge, denn abstrakt strenge Grenzlinien scheiden ebensowenig die Epochen der Gesellschaftswie die der Erdgeschichte.

Mathematiker und Mechaniker — und man findet diess hier und da von englischen Oekonomen wiederholt — erklären das Werkzeug für eine einfache Maschine und die Maschine für ein zusammengesetztes Werkzeug. Nach ihnen findet hier also kein wesentlicher Unterschied statt. In diesem Sinn heissen sogar die einfachen mechanischen Potenzen, wie Hebel, schiefe Ebne, Schraube, Keil u. s. w. Maschinen103. Diess ist richtig vom mathematischen Standpunkt, denn jede Maschine besteht aus jenen einfachen Potenzen, wie immer verkleidet und kombinirt. Vom ökonomischen Standpunkt taugt die Erklärung nichts, denn ihr fehlt das Entscheidende, das historische Element. Andrerseits sucht man den Unterschied zwischen Werkzeug und Maschine darin, dass beim Werkzeug der Mensch die Bewegungskraft, bei der Maschine eine von der menschlichen verschiedne Naturkraft, wie Thier, Wasser, Wind u. s. w.104 Danach wäre ein mit Ochsen bespannter Pflug, der den verschiedensten Produktionsepochen angehört, eine Maschine, Claussen’s Circular Loom, der, von der Hand eines einzigen Arbeiters bewegt, 96,000 Maschen in einer Minute verfertigt, ein blosses Werkzeug. Ja, derselbe loom wäre Werkzeug, wenn mit der Hand, und Maschine, wenn mit Dampf bewegt. Da die Anwendung von Thierkraft eine der ältesten Erfindungen der Menschheit, ginge in der That die Maschinenproduktion der Handwerksproduktion voraus. Als John Wyalt 1735 seine Spinnmaschine und mit ihr die industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts ankündigte, erwähnte er mit keinem Wort, dass statt eines Menschen ein Esel die Maschine treibe, und dennoch fiel diese Rolle dem Esel zu. Eine Maschine, „um ohne Finger zu spinnen,“ lautete sein Programm105.

Alle entwickelte Maschinerie besteht aus drei wesentlich verschiedenen Theilen, der Bewegungsmaschine, dem Transmissionsmechanismus, endlich der Werkzeugmaschine oder Arbeitsmaschine. Die Bewegungsmaschine wirkt als Triebkraft des ganzen Mechanismus. Sie erzeugt ihre eigne Bewegungskraft, wie die Dampfmaschine, kalorische Maschine, elektro-magnetische Maschine u. s. w., oder sie empfängt den Anstoss von einer Naturkraft ausser ihr, wie das Wasserrad vom Wassergefäll, der Windflügel vom Wind u. s. w. Der Transmissionsmechanismus, zusammengesetzt aus Schwungrädern, Treibwellen, Zahnrädern, Kreiselrädern, Schäften, Schnüren, Riemen, Zwischengeschirr und Vorgelege der verschiedensten Art, regelt die Bewegung, verwandelt, wo es nöthig, ihre Form, z. B. aus einer perpendikulären in eine kreisförmige, vertheilt und überträgt sie auf die Werkzeugmaschinerie. Beide Theile des Mechanismus sind nur vorhanden, um der Werkzeugmaschine die Bewegung mitzutheilen, wodurch sie den Arbeitsgegenstand anpackt und zweckgemäss verändert. Dieser Theil der Maschinerie, die Werkzeugmaschine ist es, wovon die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert ausgeht. Sie bildet noch jeden Tag von neuem den Ausgangspunkt, so oft Handwerksbetrieb oder Manufakturbetrieb in Maschinenbetrieb übergeht.

Sehn wir uns nun die Werkzeugmaschine oder eigentliche Arbeitsmaschine näher an, so erscheinen im Grossen und Ganzen, wenn auch oft in sehr modificirter Form, die Apparate und Werkzeuge wieder, womit der Handwerker oder Manufakturarbeiter arbeitet, aber statt als Werkzeuge des Menschen jetzt als Werkzeuge eines Mechanismus oder als mechanische Werkzeuge. Entweder ist die ganze Maschine nur eine mehr oder minder veränderte mechanische Ausgabe des alten Handwerksinstruments, wie bei dem mechanischen Webstuhl106, oder die am Gerüst der Arbeitsmaschine angebrachten thätigen Organe sind alte Bekannte, wie Spindeln bei der Spinnmaschine, Nadeln beim Strumpfwirkerstuhl, Sägeblätter bei der Sägemaschine, Messer bei der Zerhackmaschine u. s. w. Der Unterschied dieser Werkzeuge von dem eigentlichen Körper der Arbeitsmaschine erstreckt sich bis auf ihre Geburt. Sie werden nämlich immer noch grossentheils handwerksmässig oder manufakturmässig producirt und später erst an den maschinenmässig producirten Körper der Arbeitsmaschine befestigt107. Die Werkzeugmaschine ist also ein Mechanismus, der, nach Mittheilung der entsprechenden Bewegung, mit seinen Werkzeugen dieselben Operationen verrichtet, welche früher der Arbeiter mit ähnlichen Werkzeugen verrichtete. Ob die Triebkraft nun vom Menschen ausgeht oder selbst wieder von einer Maschine, ändert am Wesen der Sache nichts. Nach Uebertragung des eigentlichen Werk zeugs vom Menschen auf einen Mechanismus, tritt eine Maschine an die Stelle eines blossen Werkzeugs. Der Unterschied springt sofort ins Auge, auch wenn der Mensch selbst noch der erste Motor bleibt. Die Anzahl von Arbeitsinstrumenten, womit er gleichzeitig wirken kann, ist durch die Anzahl seiner natürlichen Produktionsinstrumente, seiner eignen körperlichen Organe, beschränkt. Man versuchte in Deutschland erst einen Spinner zwei Spinnräder treten, ihn also gleichzeitig mit zwei Händen und zwei Füssen arbeiten zu lassen. Diess war zu anstrengend. Später erfand man ein Tret-Spinnrad mit zwei Spindeln, aber die Spinnvirtuosen, die zwei Fäden gleichzeitig spinnen konnten, waren fast so selten als zweiköpfige Menschen. Die Jenny spinnt dagegen von vorn herein mit 12—18 Spindeln, der Strumpfwirkerstuhl strickt mit viel 1000 Nadeln auf einmal u. s. w. Die Anzahl der Werkzeuge, womit dieselbe Werkzeugmaschine gleichzeitig spielt, ist von vorn herein emancipirt von der organischen Schranke, wodurch das Handwerkszeug eines Arbeiters beengt wird.

An vielem Handwerkszeug besitzt der Unterschied zwischen dem Menschen als blosser Triebkraft und als Arbeiter mit dem eigentlichen Operateur eine sinnlich besonderte Existenz. Z. B. beim Spinnrad wirkt der Fuss nur als Triebkraft, während die Hand, die an der Spindel arbeitet, zupft und dreht, die eigentliche Spinnoperation verrichtet. Grade diesen letzten Theil des Handwerksinstruments ergreift die industrielle Revolution zuerst und überlässt dem Menschen, neben der neuen Arbeit die Maschine mit seinem Auge zu überwachen und ihre Irrthümer mit seiner Hand zu verbessern, zunächst noch die rein mechanische Rolle der Triebkraft. Werkzeuge dagegen, auf die der Mensch von vorn herein nur als einfache Triebkraft wirkt, wie z. B. beim Drehn der Kurbel einer Mühle108, bei Pumpen, beim Auf- und Abbewegen der Arme eines Blasbalgs, beim Stossen eines Mörsers u. s. w., rufen zwar zuerst die Anwendung von Thieren, Wasser, Wind109 als Bewegungskräften hervor. Sie recken sich, theilweise innerhalb, sporadisch schon lange vor der Manufakturperiode, zu Maschinen, aber sie revolutioniren die Produktionsweise nicht. Dass sie selbst in ihrer handwerksmässigen Form bereits Maschinen sind, zeigt sich in der Periode der grossen Industrie. Die Pumpen z. B., womit die Holländer 1836—37 den See von Harlem auspumpten, waren nach dem Princip gewöhnlicher Pumpen konstruirt, nur dass cyklopische Dampfmaschinen statt der Menschenhände ihre Kolben trieben. Der gewöhnliche und sehr unvollkommene Blasbalg des Grobschmidts wird noch zuweilen in England durch blosse Verbindung seines Arms mit einer Dampfmaschine in eine mechanische Luftpumpe verwandelt. Die Dampfmaschine selbst, wie sie Ende des 17. Jahrhunderts, während der Manufakturperiode, erfunden ward und bis zum Anfang der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts fortexistirte110, rief keine industrielle Revolution hervor. Es war vielmehr umgekehrt die Schöpfung der Werkzeugmaschinen, welche die revolutionirte Dampfmaschine nothwendig und darum möglich machte. Sobald der Mensch, statt mit dem Werkzeug auf den Arbeitsgegenstand, nur noch als Triebkraft auf eine Werkzeugmaschine wirkt, wird die Verkleidung der Triebkraft in menschliche Muskel zufällig und kann Wind, Wasser, Dampf u. s. w. an die Stelle treten. Diess schliesst natürlich nicht aus, dass solcher Wechsel oft grosse technische Aenderungen des ursprünglich für menschliche Triebkraft allein konstruirten Mechanismus bedingt. Heutzutage werden alle Maschinen, die sich erst Bahn brechen müssen, wie Nähmaschinen, Brodbereitungsmaschinen u. s. w., wenn sie den kleinen Massstab nicht von vorn herein durch ihre Bestimmung ausschliessen, für menschliche und rein mechanische Triebkraft zugleich konstruirt.

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Die Maschine, wovon die industrielle Revolution ausgeht, ersetzt den Arbeiter, der ein einzelnes Werkzeug handhabt, durch einen Mechanismus, der mit einer Masse derselben oder gleichartiger Werkzeuge auf einmal operirt, und von einer einzigen Triebkraft, welches immer ihre Form, bewegt wird112. Hier haben wir die Maschine, aber erst als einfaches Element der maschinenmässigen Produktion.

Die Erweiterung des Umfangs der Arbeitsmaschine und der Zahl ihrer gleichzeitig operirenden Werkzeuge bedingt einen massenhafteren Bewegungsmechanismus, und dieser Mechanismus, zur Ueberwältigung seines eignen Widerstands, eine mächtigere Triebkraft als die menschliche, abgesehn davon, dass der Mensch ein sehr unvollkommenes Produktionsinstrument gleichförmiger und kontinuirlicher Bewegung ist. Vorausgesetzt, dass er nur noch als einfache Triebkraft wirkt, also an die Stelle seines Werkzeugs eine Werkzeugmaschine getreten ist, können Naturkräfte ihn jetzt auch als Triebkraft ersetzen. Von allen aus der Manufakturperiode überlieferten grossen Bewegungskräften war die Pferdekraft die schlechteste, theils weil ein Pferd seinen eignen Kopf hat, theils wegen seiner Kostspieligkeit und des beschränkten Umfangs, worin es in Fabriken allein anwendbar ist113. Dennoch wurde das Pferd häufig während der Kinder zeit der grossen Industrie angewandt, wie, ausser dem Jammer gleichzeitiger Agronomen, schon der bis heute überlieferte Ausdruck der mechanischen Kraft in Pferdekraft bezeugt. Der Wind war zu unstät und unkontrolirbar, und die Anwendung der Wasserkraft überwog ausserdem in England, dem Geburtsland der grossen Industrie, schon während der Manufakturperiode. Man hatte bereits im 17. Jahrhundert versucht, zwei Läufer und also auch zwei Mahlgänge mit einem Wasserrad in Bewegung zu setzen. Der geschwollne Umfang des Transmissionsmechanismus gerieth aber jetzt in Konflikt mit der nun unzureichenden Wasserkraft und diess ist einer der Umstände, der zur genaueren Untersuchung der Friktionsgesetze trieb. Ebenso führte das ungleichförmige Wirken der Bewegungskraft bei Mühlen, die durch Stossen und Ziehen mit Schwengeln in Bewegung gesetzt wurden, auf die Theorie und Anwendung des Schwungrads114, das später eine so wichtige Rolle in der grossen Industrie spielt. In dieser Art entwickelte die Manufakturperiode die ersten wissenschaftlichen und technologischen Elemente der grossen Industrie. Arkwright’s Throstlespinnerei wurde von vorn herein mit Wasser getrieben. Indess war auch der Gebrauch der Wasserkraft als herrschender Triebkraft mit erschwerenden Umständen verbunden. Sie konnte nicht beliebig erhöht und ihrem Mangel nicht abgeholfen werden, sie versagte zuweilen und war vor allem rein lokaler Natur115. Erst mit Watt’s zweiter, s. g. doppelt wirkender Dampfmaschine war ein erster Motor gefunden, der seine Bewegungskraft selbst aus der Verspeisung von Kohlen und Wasser erzeugt, dessen Kraftpotenz ganz unter menschlicher Kontrole steht, der mobil und ein Mittel der Lokomotion, städtisch, und nicht gleich dem Wasserrad ländlich, die Koncentration der Produktion in Städten erlaubt, statt sie wie das Wasserrad über das Land zu zer- 116 streuen117, universell in seiner technologischen Anwendung, in seiner Residenz verhältnissmässig wenig durch lokale Umstände bedingt. Das grosse Genie Watt’s zeigte sich in der Specifikation des Patents, das er April 1784 nahm, und worin seine Dampfmaschine nicht als eine Erfindung zu besondern Zwecken, sondern als allgemeiner Agent der grossen Industrie geschildert wird. Er deutet hier Anwendungen an, wovon manche, wie z. B. der Dampfhammer, mehr als ein halbes Jahrhundert später erst eingeführt wurden. Jedoch bezweifelte er die Anwendbarkeit der Dampfmaschine auf Seeschifffahrt. Seine Nachfolger, Boulton und Watt, stellten 1851 die kolossalste Dampfmaschine für Ocean steamers auf der Londoner Industrieausstellung aus.

Nachdem erst die Werkzeuge aus Werkzeugen des menschlichen Organismus in Werkzeuge eines mechanischen Apparats, der Werkzeugmaschine, verwandelt, erhielt nun auch die Bewegungsmaschine eine selbstständige, von den Schranken menschlicher Kraft völlig emancipirte Form. Damit sinkt die einzelne Werkzeugmaschine, die wir bisher betrachtet, zu einem blossen Element der maschinenmässigen Produktion herab. Eine Bewegungsmaschine konnte jetzt viele Arbeitsmaschinen gleichzeitig treiben. Mit der Anzahl der gleichzeitig bewegten Arbeitsmaschinen wächst die Bewegungsmaschine und dehnt sich der Transmissionsmechanismus zu einem weitläufigen Apparat aus.

Es ist nun zweierlei zu unterscheiden, Cooperation vieler gleichartiger Maschinen und Maschinensystem.

In dem einen Fall wird das ganze Machwerk von derselben Arbeitsmaschine verrichtet. Sie führt alle die verschiedenen Operationen aus, welche ein Handwerker mit seinem Werkzeng, z. B. der Weber mit seinem Webstuhl verrichtete, oder welche Handwerker mit verschiednen Werkzeugen, sei es selbstständig oder als Glieder einer Manufaktur, der Reihe nach ausführten118. Z. B. in der modernen Manufaktur von Enveloppes faltete ein Arbeiter das Papier mit dem Falzbein, ein andrer legte den Gummi auf, ein dritter schlug die Klappe um, auf welche die Devise aufgedrückt wird, ein vierter bossirte die Devise u. s. w. und bei jeder dieser Theiloperationen musste jede einzelne Enveloppe die Hände wechseln. Eine einzige Enveloppemaschine verrichtet alle diese Operationen auf einen Schlag und macht 3000 und mehr Enveloppen in einer Stunde. Eine auf der Londoner Industrieausstellung von 1862 ausgestellte amerikanische Maschine zur Bereitung von Papiertuten schneidet das Papier, kleistert, faltet und vollendet 300 Stück per Minute. Der innerhalb der Manufaktur getheilte und in einer Reihenfolge ausgeführte Gesammtprozess wird hier von einer Arbeitsmaschine vollbracht, die durch Kombination verschiedner Werkzeuge wirkt. Ob nun eine solche Arbeitsmaschine nur mechanische Wiedergeburt eines komplicirteren Handwerkszeugs sei, oder Kombination verschiedenartiger manufakturmässig partikularisirter einfacher Instrumente, in der Fabrik, der neuen Form der auf Maschinenbetrieb gegründeten Werkstatt, erscheint jedesmal die einfache Cooperation wieder, zunächst, wir sehn hier vom Arbeiter ab, als räumliche Konglomeration gleichartiger und gleichzeitig zusammenwirkender Arbeitsmaschinen. So wird eine Webfabrik durch das Nebeneinander vieler mechanischen Webstühle und eine Nähfabrik durch das Nebeneinander vieler Nähmaschinen in demselben Arbeitsgebäude gebildet. Aber es existirt hier eine technologische Einheit, indem die vielen gleichartigen Arbeitsmaschinen gleichzeitig und gleichmässig ihren Impuls empfangen vom Herzschlag des gemeinsamen ersten Motors, auf sie übertragen durch den Transmissionsmechanismus, der ihnen auch theilweis gemeinsam ist, indem sich nur besondere Ausläufe davon für jede einzelne Werkzeugmaschine verästeln. Ganz wie viele Werkzenge die Organe einer Arbeitsmaschine, bilden viele Arbeitsmaschinen jetzt nur noch viele gleichartige Organe desselben Bewegungsmechanismus.

Ein eigentliches Maschinensystem tritt aber erst an die Stelle der einzelnen selbstständigen Maschine, wo der Arbeitsgegenstand eine zusammenhängende Reihe verschiedner Stufenprozesse, ausgeführt von einer Kette verschiedenartiger, aber mit einander kombinirter Werkzeugsmaschinen, durchläuft. Hier erscheint die der Manufaktur eigenthümliche Cooperation durch Theilung der Arbeit wieder, aber jetzt als Kombination von Theilarbeitsmaschinen. Die specifischen Werkzeuge der verschiednen Theilarbeiter, in der Wollmanufaktur z. B. von Wollschläger, Wollkämmer, Wollscheerer, Wollspinner u. s. w., verwandeln sich jetzt in die Werkzeuge spezificirter Arbeitsmaschinen, von denen jede ein besondres Organ für eine besondre Funktion im System des kombinirten Werkzeugsmechanismus bildet. Die Manufaktur selbst liefert dem Maschinensystem in den Zweigen, worin es zuerst eingeführt wird, im Grossen und Ganzen die naturwüchsige Grundlage der Theilung und daher der Organisation des Produktionsprozesses119. Indess tritt sofort ein wesentlicher Unterschied ein. Bei der Manufaktur muss jeder besondre Theilprozess von Arbeitern, einzeln oder in Gruppen, mit ihrem Handwerkszeug ausführbar sein. Wird der Arbeiter dem Prozess angeeignet, so ist aber auch vorher der Prozess dem Arbeiter angepasst. Diess subjektive Princip der Theilung fällt weg für die maschinenartige Produktion. Der Gesammtprozess wird hier objektiv, an und für sich betrachtet, in seine konstituirenden Phasen analysirt, und das Problem jeden Theilprozess auszuführen und die verschiednen Theilprozesse zu verbinden, durch technische Anwendung der Mechanik, Chemie u. s. w. gelöst120, wobei natürlich nach wie vor die theoretische Konception durch gehäufte praktische Erfahrung auf grosser Stufenleiter vervollkommnet werden muss. Jede Theilmaschine liefert der zunächst folgenden ihr Rohmaterial, und da sie alle gleichzeitig wirken, befindet sich das Produkt eben so fortwährend auf den verschiednen Stufen seines Bildungsprozesses, wie im Uebergang aus einer Produktionsphase in die andre. Wie in der Manufaktur die unmittelbare Cooperation der Theilarbeiter bestimmte Verhältnisszahlen zwischen den besondern Arbeitergruppen schafft, so in dem gegliederten Maschinensystem die beständige Beschäftigung der Theilmaschinen durch einander ein bestimmtes Verhältniss zwischen ihrer Anzahl, ihrem Umfang und ihrer Geschwindigkeit. Die kombinirte Arbeitsmaschine, jetzt ein gegliedertes System von verschiedenartigen einzelnen Arbeitsmaschinen und von Gruppen derselben, ist um so vollkommner, je kontinuirlicher ihr Gesammtprozess, d. h. mit je weniger Unterbrechung das Rohmaterial von seiner ersten Phase zu seiner letzten übergeht, je mehr also der Mechanismus selbst, statt der Menschenhand, es von einer Produktionsphase in die andre fördert. Wenn daher in der Manufaktur die Isolirung der Sonderprozesse ein durch die Theilung der Arbeit selbst gegebnes Princip ist, so in der entwickelten Fabrik die Kontinuität der Sonderprozesse.

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Ein System der Maschinerie, beruhe es nun auf blosser Cooperation gleichartiger Arbeitsmaschinen, wie in der Weberei, oder auf einer Kombination verschiedenartiger, wie in der Spinnerei, bildet an und für sich einen grossen Automaten, sobald es von einem sich selbst bewegenden ersten Motor getrieben wird. Indess kann das ganze System z. B. von der Dampfmaschine getrieben werden, obgleich einzelne Werkzeugmaschinen entweder für gewisse Bewegungen noch den Arbeiter brauchen, wie die zum Einfahren der Mule nöthige Bewegung vor der Einführung der selfacting mule und immer noch bei Feinspinnerei, oder indem bestimmte Theile der Maschine zur Verrichtung ihres Werks gleich einem Werkzeug vom Arbeiter gelenkt werden müssen, wie beim Maschinenbau vor der Verwandlung des slide rest (ein Drehapparat) in einen selfactor. Sobald die Arbeitsmaschine alle zur Bearbeitung des Rohstoffs nöthigen Bewegungen ohne menschliche Beihilfe verrichtet und nur noch menschlicher Nachhilfe bedarf, haben wir ein automatisches System der Maschinerie, das indess beständiger Ausarbeitung im Detail fähig ist, wie z. B. ein Apparat, der die Spinnmaschine von selbst still setzt, sobald ein einzelner Faden reisst, und der selfacting stop, der den verbesserten Dampfwebstuhl still setzt, sobald der Spule des Weberschiffs der Einschlagsfaden ausgeht, ganz moderne Erfindungen sind. Als ein Beispiel sowohl der Kontinuität der Produktion als der Durchführung des automatischen Princips kann die moderne Papierfabrik gelten. An der Papierproduktion kann überhaupt der Unterschied verschiedner Produktionsweisen, auf Basis verschiedner Produktionsmittel, wie der Zusammenhang der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse mit dieser Produktionsweise, im Einzelnen vortheilhaft studirt werden, da uns die ältere deutsche Papiermacherei Muster der handwerksmässigen Produktion, Holland im 17. und Frankreich im 18. Jahrhundert Muster der eigentlichen Manufaktur, und das moderne England Muster der automatischen Fabrikation in diesem Zweig liefern, ausserdem in China und Indien noch zwei verschiedne uraltasiatische Formen derselben Industrie existiren.

Als gegliedertes System automatischer Arbeitsmaschinen, die ihre Bewegung durch Transmissionsmaschinerie von einem centralen Automaten empfangen, besitzt der Maschinenbetrieb seine entwickeltste Gestalt. An die Stelle der einzelnen Maschine tritt hier ein mechanisches Ungeheuer, dessen Leib ganze Fabrikgebäude füllt, und dessen dämonische Kraft, erst versteckt durch die fast feierlich gemessne Bewegung seiner Riesenglieder, im fieberhaft tollen Wirbeltanz seiner zahllosen eigentlichen Arbeitsorgane ausbricht.

Es gab Mules, Dampfmaschinen u. s. w., bevor es Arbeiter gab, deren ausschliessliches Geschäft es war, Dampfmaschinen, Mules u. s. w. zu machen, ganz wie der Mensch Kleider trug, bevor es Schneider gab. Die Erfindungen von Vauconson, Arkwright, Watt u. s. w. waren jedoch nur ausführbar, weil jene Erfinder ein von der Manufakturperiode fertig geliefertes und beträchtliches Quantum geschickter mechanischer Arbeiter vorfanden. Ein Theil dieser Arbeiter bestand aus selbstständigen Handwerkern verschiedner Profession, ein andrer Theil war in Manufakturen vereinigt, worin, wie früher erwähnt, die Theilung der Arbeit mit besondrer Strenge durchgeführt. Mit der Zunahme der Erfindungen und der wachsenden Nachfrage nach den neu erfundnen Maschinen entwickelte sich mehr und mehr einerseits die Sonderung der Maschinenfabrikation in mannichfaltige selbstständige Zweige, andrerseits die Theilung der Arbeit im Innern der maschinenbauenden Manufakturen. Wir erblicken hier also die Manufaktur als unmittelbare technologische Grundlage der grossen Industrie. Jene producirte die Maschinerie, womit diese, in den Produktionssphären, die sie zunächst ergriff, den handwerks- und manufakturmässigen Betrieb aufhob. Der Maschinenbetrieb erhob sich also naturwüchsig auf einer ihm unangemessnen materiellen Grundlage. Auf einem gewissen Entwicklungsgrad musste er diese erst fertig vorgefundne und dann in ihrer alten Form weiter ausgearbeitete Grundlage selbst revolutioniren und sich eine seiner eignen Produktionsweise entsprechende neue Basis schaffen. Wie die einzelne Maschine zwergmässig bleibt, so lange sie nur durch Menschen bewegt wird, wie das Maschinensystem sich nicht frei entwickeln konnte, bevor an die Stelle der vorgefundnen Triebkräfte, Thier, Wind und selbst Wasser, die Dampfmaschine trat, ebenso war die grosse Industrie in ihrer ganzen Entwicklung gelähmt, so lange ihr charakteristisches Produktionsmittel, die Maschine selbst, seine Existenz persönlicher Kraft und persönlichem Geschick verdankte, also abhing von der Muskelentwicklung, der Schärfe des Blicks, und der Virtuosität der Hand, womit der Theilarbeiter in der Manufaktur und der Handwerker ausserhalb derselben ihr Zwerginstrument führten. Abgesehn von der Vertheurung der Maschinen in Folge ihrer Ursprungsweise — und dieser Umstand beherrscht das Kapital als bewusstes Motiv — blieb so die Ausdehnung der bereits maschinenmässig betriebenen Industrie und das Eindringen der Maschinerie in neue Produktionszweige rein bedingt durch das Wachsthum einer Arbeiterkategorie, die wegen der halbkünstlerischen Natur ihres Geschäfts nur allmälig und nicht sprungweis vermehrt werden konnte. Aber auf einer gewissen Entwicklungsstufe gerieth die grosse Industrie auch technologisch in Widerstreit mit ihrer handwerks- und manufakturmässigen Unterlage. Die Ausreckung des Umfangs der Bewegungsmaschinen, des Transmissionsmechanismus und der Werkzeugmaschinen, die grössere Komplikation, Mannichfaltigkeit und erforderte Regelmässigkeit ihrer Bestandtheile, im Masse wie die Werkzeugmaschine sich von dem handwerksmässigen Model, das ihren Bau ursprünglich beherrscht, losriss, und eine freie, nur durch ihre mechanische Aufgabe bestimmte Gestalt erhielt122, die Ausbildung des automatischen Systems und die stets unvermeidlichere Anwendung von schwer zu bewältigendem Material, z. B. Eisen statt Holz — die Lösung aller dieser naturwüchsig entspringenden Aufgaben stiess überall auf die persönlichen Schranken, die auch das in der Manufaktur kombinirte Arbeiterpersonal nur dem Grad, nicht dem Wesen nach durchbricht. Maschinen z. B. wie die moderne Druckerpresse, der moderne Dampfwebstuhl und die moderne Kardirmaschine konnten nicht von der Manufaktur geliefert werden.

Die Umwälzung der Produktionsweise in einer Sphäre der Industrie bedingt ihre Umwälzung in der andern. Es gilt diess zunächst für solche Industriezweige, welche, trotz der Isolation durch die gesellschaftliche Theilung der Arbeit, so dass jeder derselben eine selbstständige Waare producirt, sich dennoch als Phasen eines Gesammtprozesses verschlingen. So machte die Maschinenspinnerei Maschinenweberei nöthig und beide zusammen die mechanisch-chemische Revolution der Bleicherei, Druckerei und Färberei, wie andrerseits die Revolution in der Baumwollspinnerei die Erfindung des gin zur Trennung der Baumwollfaser vom Samen hervorrief, womit erst die Baumwollproduktion auf dem nun erheischten grossen Massstab möglich ward123. Die Revolution in der Produktionsweise der Industrie und Agrikultur ernöthigte namentlich aber auch eine Revolution in den allgemeinen Bedingungen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, d. h. den Kommunikations- und Transportmitteln. Wie die Kommunikations- und Transportmittel einer Gesellschaft, deren Pivôt, um mich eines Ausdrucks Fourier’s zu bedienen, die kleine Agrikultur mit ihrer häuslichen Nebenindustrie und das städtische Handwerk waren, den Produktionsbedürfnissen der Manufakturperiode mit ihrer erweiterten Theilung der gesellschaftlichen Arbeit, ihrer Koncentration von Arbeitsmitteln und Arbeitern, und ihren Kolonialmärkten durchaus nicht genügen konnten, daher auch in der That umgewälzt wurden, so verwandelten sich die von der Manufakturperiode überlieferten Transport- und Kommunikationsmittel bald in unerträgliche Hemmschuhe für die grosse Industrie mit ihrer fieberhaften Geschwindigkeit der Produktion, ihrer massenhaften Stufenleiter, ihrem beständigen Werfen von Kapital- und Arbeitermassen aus einer Produktionssphäre in die andre, und ihren neugeschaffenen weltmarktlichen Zusammenhängen. Neben einem ganz umgewälzten Segelschiffbau, wurde das Kommunikations- und Transportwesen daher allmälig durch ein System von Flussdampfschiffen, Eisenbahnen, oceanischen Dampfschiffen und Telegraphen der Produktionsweise der grossen Industrie angeeignet. Die furchtbaren Eisenmassen aber, die jetzt zu schmieden, zu schweissen, zu schneiden, zu bohren und zu formen waren, erforderten ihrerseits cyklopische Maschinen, deren Schöpfung der manufakturmässige Maschinenbau versagte.

Die grosse Industrie musste sich also ihres charakteristischen Produktionsmittels, der Maschine selbst bemächtigen, um Maschinen durch Maschinen zu produciren. So erst schuf sie sich eine adäquate technologische Unterlage und stellte sich auf ihre eignen Füsse. Mit dem wachsenden Maschinenbetrieb in den ersten Decennien des 19. Jahrhunderts bemächtigte sich die Maschinerie in der That allmälig der Fabrikation der Werkzeugmaschinen, während erst in den letztverflossenen Decennien ungeheurer Eisenbahnbau und oceanische Dampfschifffahrt die in der Konstruktion von ersten Motoren angewandten cyklopischen Maschinen ins Leben riefen.

Die wesentlichste Produktionsbedingung für die Fabrikation von Maschinen durch Maschinen war eine jeder Kraftpotenz fähige und doch zugleich ganz kontrolirbare Bewegungsmaschine. Sie existirte bereits in der Dampfmaschine. Aber es galt zugleich die für die einzelnen Maschinentheile nöthigen streng geometrischen Formen wie Linie, Ebene, Kreis, Cylinder, Kegel und Kugel maschinenmässig zu produciren. Diess Problem löste Henry Maudsley im ersten Decennium des 19. Jahrhunderts durch die Erfindung des slide-rest, der bald automatisch gemacht und in modificirter Form von der Drechselbank, wofür er zuerst bestimmt war, auf andre Konstruktionsmaschinen übertragen wurde. Diese mechanische Vorrichtung ersetzt nicht irgend ein besondres Werkzeug, sondern die menschliche Hand selbst, die eine bestimmte Form hervorbringt durch Vorhalten, Anpassen und Richtung der Schärfe von Schneideinstrumenten u. s. w. gegen oder über das Arbeitsmaterial, z. B. Eisen. So gelang es die geometrischen Formen der einzelnen Maschinentheile „mit einem Grad von Leichtigkeit, Genauigkeit und Raschheit zu produciren, den keine gehäufte Erfahrung der Hand des geschicktesten Arbeiters verleihen konnte“124.

Betrachten wir nun in der zum Maschinenbau angewandten Maschinerie den Theil derselben, der die eigentliche Werkzeugmaschine bildet, so erscheint das handwerksmässige Instrument wieder, aber in cyklopischem Umfang. Der Operateur der Bohrmaschine z. B. ist ein ungeheurer Bohrer, der durch eine Dampfmaschine getrieben wird und ohne den umgekehrt die Cylinder grosser Dampfmaschinen und hydraulischer Pressen nicht producirt werden könnten. Die mechanische Drechselbank ist die cyklopische Wiedergeburt der gewöhnlichen Fussdrechselbank, die Hobelmaschine ein eiserner Zimmermann, der mit denselben Werkzeugen in Eisen arbeitet, womit der Zimmermann in Holz; das Werkzeug, welches in den Londoner Schiffswerften das Furnirwerk schneidet, ist ein riesenartiges Rasirmesser, das Werkzeug der Scheermaschine, welche Eisen schneidet, wie die Schneiderscheere Tuch, eine Monsterscheere, und der Dampfhammer operirt mit einem gewöhnlichen Hammerkopf, aber von solchem Gewicht, dass Thor selbst ihn nicht schwingen könnte125. Einer dieser Dampfhämmer z. B., die eine Erfindung von Nasmyth sind, wiegt über 6 Tonnen und stürzt mit einem perpendikulären Fall von 7 Fuss auf einen Amboss von 36 Tonnen Gewicht. Er pulverisirt spielend einen Granitblock, und ist nicht minder fähig einen Nagel in weiches Holz mit einer Aufeinanderfolge leiser Schläge einzutreiben126.

Das Arbeitsmittel erhält in der Maschinerie eine materielle Existenzweise, welche Ersetzung der Menschenkraft durch Naturkräfte und erfahrungsmässiger Routine durch bewusste Anwendung der Naturwissenschaft bedingt. In der Manufaktur ist die Gliederung des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses rein subjektiv, Kombination von Theilarbeitern; im Maschinensystem schafft die grosse Industrie einen ganz objektiven Produktionsorganismus, den der Arbeiter als fertige materielle Produktionsbedingung vorfindet. In der einfachen Cooperation und selbst in der durch Theilung der Arbeit spezificirten erscheint die Verdrängung des vereinzelten Arbeiters durch den vergesellschafteten immer noch mehr oder minder zufällig. Die Maschinerie, mit einigen später zu er- 127 wähnenden Ausnahmen, funktionirt nur in der Hand unmittelbar vergesellschafteter oder gemeinsamer Arbeit. Der cooperative Charakter des Arbeitsprozesses wird jetzt also durch die Natur des Arbeitsmittels selbst diktirte technologische Nothwendigkeit.

Man sah, dass die aus der Cooperation und der Theilung der Arbeit entspringenden Produktivkräfte dem Kapital nichts kosten. Sie sind Naturkräfte der gesellschaftlichen Arbeit. Naturkräfte, wie Dampf, Wasser u. s. w., die zu produktiven Prozessen angeeignet werden, kosten ebenfalls nichts. Wie aber der Mensch eine Lunge zum Athmen braucht, braucht er ein „Gebild von Menschenhand,“ um Naturkräfte produktiv zu konsumiren. Ein Wasserrad ist nöthig, um die Bewegungskraft des Wassers, eine Dampfmaschine, um die Elasticität des Dampfs auszubeuten. Wie mit den Naturkräften, verhält es sich mit der Wissenschaft. Einmal entdeckt, kostet das Gesetz über die Abweichung der Magnetnadel im Wirkungskreise eines elektrischen Stroms oder über Erzeugung von Magnetismus im Eisen, um das ein elektrischer Strom kreist, keinen Deut128. Aber zur Ausbeutung dieser Gesetze für Telegraphie u. s. w. bedarf es eines sehr kostspieligen und weitläufigen Apparats. Durch die Maschine wird, wie wir sahen, das Werkzeug nicht verdrängt. Aus einem Zwerg-Werkzeug des menschlichen Organismus reckt es sich in Umfang und Zahl zum Werkzeug eines vom Menschen geschaffenen Mechanismus. Statt mit dem Handwerkszeug, lässt das Kapital den Arbeiter jetzt mit einer Maschine arbeiten, die ihre Werkzeuge selbst führt. Wenn es daher auf den ersten Blick klar ist, dass die grosse Industrie durch Einverleibung ungeheurer Naturkräfte und der Naturwissenschaft in den Produktionsprozess die Produktivität der Arbeit ausserordentlich steigern muss, ist es keineswegs eben so klar, dass diese gesteigerte Produktivkraft nicht durch vermehrte Arbeitsausgabe auf der andern Seite erkauft wird. Gleich jedem andern Bestandtheil des constanten Kapitals, schafft die Maschinerie keinen Werth, giebt aber ihren eignen Werth an das Produkt ab, zu dessen Erzeugung sie dient. Soweit sie Werth hat und daher Werth auf das Produkt überträgt, bildet sie einen Werthbestandtheil desselben. Statt es zu verwohlfeilern, vertheuert sie es im Verhältniss zu ihrem eignen Werth. Und es ist handgreiflich, dass Maschine und systematisch entwickelte Maschinerie, das charakteristische Arbeitsmittel der grossen Industrie, unverhältnissmässig an Werth schwillt, verglichen mit den Arbeitsmitteln des Handwerks- und Manufakturbetriebs.

Es ist nun zunächst zu bemerken, dass die Maschinerie stets ganz in den Arbeitsprozess und immer nur theilweis in den Verwerthungsprozess eingeht. Sie setzt dem Produkt nie mehr Werth zu als sie im Durchschnitt durch ihre tägliche Abnutzung verliert. Es findet also grosse Differenz statt zwischen dem Maschinenwerth und dem Werththeil der Maschine, der im täglichen Produkt derselben wiedererscheint. Es findet eine grosse Differenz statt zwischen der Maschine als werthbildendem und als produktbildendem Element. Je grösser die Periode, während welcher dieselbe Maschinerie wiederholt in demselben Arbeitsprozess dient, desto grösser jene Differenz. Allerdings haben wir gesehn, dass jedes eigentliche Arbeitsmittel oder Produktionsinstrument immer ganz in den Arbeitsprozess und stets nur stückweis, im Verhältniss zu seinem täglichen Durchschnittsverschleiss, in den Verwerthungsprozess eingeht. Diese Differenz jedoch zwischen der Benutzung und der Abnutzung des Arbeitsmittels, zwischen dem Dienst, den es in der Waarenproduktion leistet, und der Vertheurung der Waare, die es durch Uebertragen seines Werths auf dieselbe hervorbringt, ist viel grösser bei der Maschinerie als bei dem Werkzeug, weil sie, aus dauerhafterem Material gebaut, eine längere Lebensperiode besitzt, weil ihre Anwendung im Arbeitsprozess, durch streng wissenschaftliche Gesetze geregelt, grössere Oekonomie in der Verausgabung ihrer Bestandtheile und ihrer Konsumtionsmittel ermöglicht, und endlich, weil ihr Produktionsfeld unverhältnissmässig grösser ist als das des Werkzeugs. Ziehn wir von beiden, von Maschinerie und Werkzeug, ihre tägliche Durchschnittskost ab, oder den Werthbestandtheil, den sie durch täglichen Durchschnittsverschleiss und den Konsum von Hilfsstoffen, wie Oel, Kohlen u. s. w. dem Produkt zusetzen, so wirken sie umsonst, ganz wie ohne Zuthun menschlicher Arbeit vorhandne Naturkräfte. Um so grösser der produktive Wirkungsumfang der Maschinerie als der des Werkzeugs, um so grösser ist der Umfang ihres unentgeldlichen Dienstes verglichen mit dem des Werkzeugs. Erst in der grossen Industrie lernt der Mensch das Produkt seiner vergangnen, bereits vergegenständlichten Arbeit auf grossem Massstab gleich einer Naturkraft umsonst wirken zu lassen129.

Es ergab sich bei Betrachtung der Cooperation und Manufaktur, dass gewisse allgemeine Produktionsbedingungen, wie Baulichkeiten u. s. w., im Vergleich mit den zersplitterten Produktionsbedingungen vereinzelter Arbeiter durch den gemeinsamen Konsum ökonomisirt werden, daher das Produkt weniger vertheuern. Bei der Maschinerie wird nicht nur der Körper einer Arbeitsmaschine von ihren vielen Werkzeugen, sondern dieselbe Bewegungsmaschine nebst einem Theil des Transmissionsmechanismus von vielen Arbeitsmaschinen gemeinsam verbraucht.

Gegeben die Differenz zwischen dem Werth der Maschinerie und dem von ihr auf das Tagesprodukt übertragenen Werththeil, hängt der Grad, worin dieser Werththeil das Produkt vertheuert, zunächst vom Umfang des Produkts ab, gleichsam von seiner Oberfläche. Herr Baynes aus Blackburn schätzt in einer 1858 veröffentlichten Vorlesung, dass „jede reale mechanische Pferdekraft 450 selfacting Mulespindeln nebst Vorgeschirr treibt oder 200 Throstlespindeln oder 15 Webstühle für 40 inch cloth nebst den Vorrichtungen zum Aufziehn der Kette, Schlichten u. s. w.“ Es ist im ersten Fall das Tagesprodukt von 450 Mulespindeln, im zweiten von 200 Throstlespindeln, im dritten von 15 mechanischen Webstühlen, worüber sich die täglichen Kosten einer Dampf pferdekraft und der Verschleiss der von ihr in Bewegung gesetzten Maschinerie vertheilen, so dass hierdurch auf eine Unze Garn oder eine Elle Geweb nur ein winziger Werththeil übertragen wird. Ebenso im obigen Beispiel mit dem Dampfhammer. Da sich sein täglicher Verschleiss, Kohlenkonsum u. s. w. vertheilen auf die furchtbaren Eisenmassen, die er täglich hämmert, hängt sich jedem Centner Eisen nur ein geringer Werththeil an, der sehr gross wäre, sollte das cyklopische Instrument kleine Nägel eintreiben.

Den Wirkungskreis der Arbeitsmaschine, also die Anzahl ihrer Werkzeuge, oder, wo es sich um Kraft handelt, deren Umfang gegeben, wird die Produktenmasse von der Geschwindigkeit abhängen, womit sie operirt, also z. B. von der Geschwindigkeit, womit sich die Spindel dreht, oder der Anzahl Schläge, die der Hammer in einer Minute austheilt. Manche jener kolossalen Hämmer geben 70 Schläge, Ryder’s Schmiedepatentmaschine, die Dampfhämmer in kleineren Dimensionen zum Schmieden von Spindeln anwendet, 700 Schläge in einer Minute.

Die Proportion gegeben, worin die Maschinerie Werth auf das Produkt überträgt, hängt die Grösse dieses Werththeils von ihrer eignen Werthgrösse ab130. Je weniger Arbeit sie selbst enthält, desto weniger Werth setzt sie dem Produkt zu. Je weniger Werth bildend, desto produktiver ist sie und desto mehr nähert sich ihr Dienst dem der Naturkräfte. Die Produktion der Maschinerie durch Maschinerie verringert aber ihren Werth, verhältnissmässig zu ihrer Ausdehnung und Wirkung.

Eine vergleichende Analyse der Preise handwerks- oder manufakturmässig producirter Waaren und der Preise derselben Waaren als Maschi nenprodukt ergiebt im Allgemeinen das Resultat, dass beim Maschinenprodukt der dem Arbeitsmittel geschuldete Werthbestandtheil relativ wächst, aber absolut abnimmt. Das heisst, seine absolute Grösse nimmt ab, aber seine Grösse im Verhältniss zum Gesammtwerth des Produkts, z. B. eines Pfundes Garn, nimmt zu131.

Es ist klar, dass blosses Deplacement der Arbeit stattfindet, also die Gesammtsumme der zur Produktion einer Waare erheischten Arbeit nicht vermindert oder die Produktivkraft der Arbeit nicht vermehrt wird, wenn die Produktion einer Maschine so viel Arbeit kostet als ihre Anwendung erspart. Die Differenz jedoch zwischen der Arbeit, die sie kostet, und der Arbeit, die sie erspart, oder der Grad ihrer Produktivität hängt offenbar nicht ab von der Differenz zwischen ihrem eigenen Werth und dem Werth des von ihr ersetzten Werkzeugs. Die Differenz dauert so lange als die Arbeitskost der Maschine und daher der von ihr dem Produkt zugesetzte Werththeil kleiner bleiben als der Werth, den der Arbeiter mit seinem Werkzeug dem Arbeitsgegenstand zusetzen würde. Die Produktivität der Maschine misst sich daher an dem Grad, worin sie menschliche Arbeitskraft ersetzt. Nach Herrn Baynes kommen auf 450 Mulespindeln nebst Vormaschinerie, die von einer Dampfpferdekraft getrieben werden, 2½ Arbeiter132 und werden mit jeder selfacting mule spindle bei zehnstündigem Arbeitstag 13 Unzen Garn (Durchschnittsnumer), also wöchentlich 365⅝ lbs. Garn von 2½ Arbeitern gesponnen. Bei ihrer Verwandlung in Garn absorbiren ungefähr 366 Pfund Baumwolle (wir sehn der Vereinfachung halber vom Abfall ab) also nur 150 Arbeitsstunden oder 15 zehnstündige Arbeitstage, während mit dem Spinnrad, wenn der Handspinner 13 Unzen Garn in 60 Stunden liefert, dasselbe Quantum Baumwolle 2700 Arbeitstage von 10 Stunden oder 27,000 Arbeitsstunden absorbiren würde133. Wo die alte Methode des blockprinting oder der Handkattundruckerei durch Maschinendruck verdrängt ist, druckt eine einzige Maschine mit dem Beistand eines Mannes oder Jungen so viel vierfarbigen Kattun in einer Stunde als früher 200 Männer134. Bevor Eli Whitney 1793 den cottongin erfand, kostete die Trennung eines Pfundes Baumwolle vom Samen einen Durchschnittsarbeitstag. In Folge seiner Erfindung konnten täglich 100 lbs. Baumwolle von einer Negerin gewonnen werden und die Wirksamkeit des gin ward seit seiner ersten Einführung noch bedeutend erhöht. Die Baumwollfaser, früher zu 50 cents per Pfund producirt, wird später mit grösserem Profit, d. h. mit Einschluss von mehr unbezahlter Arbeit, zu 10 cents verkauft. In Indien wird zur Trennung der Faser vom Samen ein halbmaschinenartiges Instrument, die Churka, angewandt, womit ein Mann und eine Frau 28 lbs. täglich reinigen können. Mit der von Dr. Forbes vor einigen Jahren erfundenen Churka produciren 1 Mann und 1 Junge täglich 250 lbs.; wo Ochsen, Dampf oder Wasser als Triebkräfte gebraucht werden, sind nur wenige Jungen und Mädchen als feeders (Handlanger des Materials für die Maschine) erheischt. Sechszehn dieser Maschinen, mit Ochsen getrieben, verrichten täglich das frühere Durchschnitts-Tagewerk von 750 Leuten135.

Wie bereits erwähnt, verrichtet die Dampfmaschine, beim Dampfpflug z. B., in einer Stunde zu 3 d. oder ¼ sh. so viel Werk als 66 Menschen zu 15 sh. per Stunde. Ich komme auf diess Beispiel zurück gegen eine falsche Vorstellung. Die 15 sh. sind nämlich keineswegs der Ausdruck der während einer Stunde von den 66 Menschen zugefügten Arbeit. War das Verhältniss von Mehrarbeit zu nothwendiger Arbeit 100 %, so producirten diese 66 Arbeiter per Stunde einen Werth von 30 sh., obgleich sich nur 33 Stunden in einem Aequivalent für sie selbst, d. h. im Arbeitslohn von 15 sh. darstellen. Gesetzt also, eine Maschine koste eben so viel als z. B. der Jahreslohn von 150 durch sie verdrängten Arbeitern, sage 3000 Pfd. St., so sind 3000 Pfd. St. keineswegs der Geldausdruck der Gesammtarbeit, welche die 150 Arbeiter lieferten und dem Arbeitsgegenstand zusetzten, sondern nur des Theils ihrer Jahresarbeit, der sich in einem Aequivalent für sie selbst, vulgo Arbeitslohn, darstellte. Ist dagegen der Werth der Maschine 3000 Pfd. St., so sind diese 3000 Pfd. St. der Geldausdruck aller zu ihrer Produktion verausgabten Arbeit, in welchem Verhältniss immer diese Arbeit Arbeitslohn für den Arbeiter und Mehrwerth furfür den Kapitalisten bilde. Kostet die Maschine also ebensoviel als die von ihr ersetzte Arbeitskraft, so ist die in ihr selbst vergegenständlichte Arbeit stets viel kleiner als die von ihr ersetzte lebendige Arbeit136.

Ausschliesslich als Mittel zur Verwohlfeilerung des Produkts betrachtet, ist die Grenze für den Gebrauch der Maschinerie darin gegeben, dass ihre eigne Produktion weniger Arbeit kostet als ihre Anwendung Arbeit ersetzt. Für das Kapital jedoch drückt sich diese Grenze enger aus. Da es nicht die angewandte Arbeit zahlt, sondern den Werth der angewandten Arbeitskraft, wird ihm der Maschinengebrauch begrenzt durch die Differenz zwischen dem Maschinenwerth und dem Werth der von ihr ersetzten Arbeitskraft. Da die Theilung des Arbeitstags in nothwendige Arbeit und Mehrarbeit, oder, populär ausgedrückt, in bezahlte Arbeit und unbezahlte Arbeit, sowohl in verschiedenen Ländern als in demselben Lande zu verschiedenen Perioden oder in verschiedenen Geschäftszweigen während derselben Periode sehr verschieden sein kann, da ferner der wirkliche Lohn des Arbeiters bald unter den Werth seiner Arbeitskraft sinkt, bald über ihn steigt, kann die Differenz zwischen dem Preise der Maschinerie und dem Preise der von ihr zu ersetzenden Arbeitskraft sehr variiren, wenn auch die Differenz zwischen dem zur Produktion der Maschine nöthigen Arbeitsquantum und dem Gesammtquantum der von ihr ersetzten Arbeit dieselbe bleibt. Es ist aber nur die erste Differenz, welche die Kost der Waare für den Kapitalisten selbst bestimmt und ihn durch die Zwangsgesetze der Konkurrenz beeinflusst. Es werden daher heute Maschinen in England erfunden, die nur in Nordamerika angewandt werden, wie Deutschland im 16. und 17. Jahrhundert Maschinen erfand, die nur Holland anwandte, und wie manche französische Erfindung des 18. Jahrhunderts nur in England ausgebeutet ward. Die Maschine selbst producirt in älter entwickelten Ländern durch ihre Anwendung auf einige Geschäftszweige in anderen Zweigen solchen Arbeitsüberfluss (redundancy of labour, sagt Ricardo), dass hier der Fall des Arbeitslohns unter den Werth der Arbeitskraft den Gebrauch der Maschinerie verhindert und ihn vom Standpunkt des Kapitals, dessen Gewinn ohnehin aus der Ver minderung nicht der angewandten, sondern der bezahlten Arbeit entspringt, überflüssig, oft unmöglich macht. In einigen Zweigen der englischen Wollmanufaktur ist während der letzten Jahre die Kinderarbeit sehr vermindert, hier und da fast verdrängt worden. Warum? Der Fabrikakt ernöthigte eine doppelte Kinderreihe, von denen je eine 6, die andere 4 Stunden, oder jede nur 5 Stunden arbeitet. Die Aeltern wollten aber die half-times (Halbzeitler) nicht wohlfeiler verkaufen als früher die full-times (Vollzeitler). Daher Ersetzung der half-times durch Maschinerie137. Vor dem Verbot der Arbeit von Weibern und Kindern (unter 10 Jahren) in Minen, fand das Kapital die Methode, nackte Weiber und Mädchen, oft mit Männern zusammengebunden, in Kohlen- und andern Minen zu vernutzen, so übereinstimmend mit seinem Moralkodex und namentlich auch seinem Hauptbuch, dass erst nach dem Verbot Maschinerie sie für einige Funktionen ersetzte. Die Yankees haben Maschinen zum Steinklopfen erfunden. Die Engländer wenden sie nicht an, weil der „Elende“ („wretch“ ist Kunstausdruck der englischen politischen Oekonomie für den Agrikulturarbeiter), der diese Arbeit verrichtet, einen so geringen Theil seiner Arbeit bezahlt erhält, dass Maschinerie die Produktion für den Kapitalisten vertheuern würde138. In England werden gelegentlich statt der Pferde immer noch Weiber zum Ziehn u. s. w. bei den Kanalbauten verwandt139, weil die zur Produktion von Pferden und Maschinen erheischte Arbeit ein mathematisch ge gebnes Quantum, die zur Erhaltung von Weibern der Surpluspopulation dagegen unter aller Berechnung steht. Man findet daher nirgendwo schamlosere Verschwendung von Menschenkraft für Lumpereien als grade in England, dem Land der Maschinen.

Den Ausgangspunkt der grossen Industrie bildet, wie gezeigt, die Revolution des Arbeitsmittels, und das umgewälzte Arbeitsmittel erhält seine meist entwickelte Gestalt im gegliederten Maschinensystem der Fabrik. Bevor wir zusehn, wie diesem objektiven Organismus Menschenmaterial einverleibt wird, betrachten wir einige allgemeine Rückwirkungen jener Revolution auf den Arbeiter selbst.

Sofern die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich macht, wird sie zum Mittel Arbeiter ohne Muskelkraft oder von unreifer Körperentwicklung, aber grösserer Geschmeidigkeit der Glieder anzuwenden. Weiber- und Kinderarbeit war daher das erste Wort der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie! Diess gewaltige Ersatzmittel von Arbeit und Arbeitern verwandelte sich damit sofort in ein Mittel die Zahl der Lohnarbeiter zu vermehren durch Einrollirung aller Mitglieder der Arbeiterfamilie, ohne Unterschied von Geschlecht und Alter, unter die unmittelbare Botmässigkeit des Kapitals. Die Zwangsarbeit für den Kapitalisten usurpirte nicht nur die Stelle des Kinderspiels, sondern auch der freien Arbeit im häuslichen Kreis, innerhalb sittlicher Schranke, für die Familie selbst140.

Der Werth der Arbeitskraft war bestimmt nicht nur durch die zur Erhaltung des individuellen erwachsnen Arbeiters, sondern durch die zur Erhaltung der Arbeitsfamilie nöthige Arbeitszeit. Indem die Maschinerie alle Glieder der Arbeiterfamilie auf den Arbeitsmarkt wirft, vertheilt sie den Werth der Arbeitskraft des Mannes über seine ganze Familie. Sie entwerthet daher seine Arbeitskraft. Der Ankauf der in 4 Arbeitskräfte z. B. parcellirten Familie kostet vielleicht mehr als früher der Ankauf der Arbeitskraft des Familienhaupts, aber dafür treten 4 Arbeitstage an die Stelle von Einem, und ihr Preis fällt im Verhältniss zum Ueberschuss der Mehrarbeit der Vier über die Mehrarbeit des Einen. Vier müssen nun nicht nur Arbeit, sondern Mehrarbeit für das Kapital liefern, damit eine Familie lebe. So erweitert die Maschinerie von vorn herein mit dem menschlichen Exploitationsmaterial, dem eigensten Ausbeutungsfeld des Kapitals141, zugleich den Exploitationsgrad.

Sie revolutionirt eben so von Grund aus die formelle Vermittlung des Kapitalverhältnisses, den Kontrakt zwischen Arbeiter und Kapitalist. Auf Grundlage des Waarenaustausches war es erste Voraussetzung, dass sich Kapitalist und Arbeiter als freie Personen, als unabhängige Waarenbesitzer, der eine Besitzer von Geld und Produktionsmitteln, der andre Besitzer von Arbeitskraft, gegenübertraten. Aber jetzt kauft das Kapital Unmündige oder Halbmündige. Der Arbeiter verkaufte früher seine eigne Arbeitskraft, worüber er als formell freie Person verfügte. Er verkauft jetzt Weib und Kind. Er wird Sklavenhändler142. Die Nachfrage nach Kinderarbeit gleicht oft auch in der Form der Nachfrage nach Negersklaven, wie man sie in amerikanischen Zeitungsinseraten zu lesen gewohnt war. „Meine Aufmerksamkeit“, sagt z. B. ein englischer Fabrikinspektor, „wurde gelenkt auf eine Annonce in dem Lokalblatt einer der bedeutendsten Manufakturstädte meines Distrikts, wovon Folgendes die Kopie: Gebraucht 12 bis 20 Jungen, nicht jünger als was für 13 Jahre passiren kann. Lohn 4 sh. per Woche. Anzufragen etc.“143 Der unterstrichne Passus bezieht sich darauf, dass nach dem Factory Act Kinder unter 13 Jahren nur 6 Stunden arbeiten dürfen. Ein amtlich qualificirter Arzt (certifying surgeon) muss das Alter bescheinigen. Der Fabrikant verlangt also Jungen, die so aussehn, als ob sie schon dreizehnjährig. Die manchmal sprungweise Abnahme in der Anzahl der von Fabrikanten beschäftigten Kinder unter 13 Jahren, überraschend in der englischen Statistik der letzten 20 Jahre, war, nach Aussage der Fabrikinspektoren selbst, grossentheils das Werk von certifying surgeons, welche das Kindesalter der Exploitationslust der Kapitalisten und dem Schacherbedürfniss der Eltern gemäss verschoben. In dem berüchtigten Londoner Distrikt von Bethnal Green wird jeden Montag und Dien stag Morgen offner Markt gehalten, worin Kinder beiderlei Geschlechts vom 9. Jahre an sich selbst an die Londoner Seidenmanufakturen vermiethen. „Die gewöhnlichen Bedingungen sind 1 sh. 8 d. die Woche (die den Eltern gehören) und 2 d. für mich selbst nebst Thee.“ Die Kontrakte gelten nur für die Woche. Die Scenen und die Sprache während der Dauer dieses Markts sind wahrhaft empörend144. Es kömmt immer noch in England vor, dass Weiber „Jungen vom Workhouse nehmen und sie jedem beliebigen Käufer für 2 sh. 6 d. wöchentlich vermiethen“145. Trotz der Gesetzgebung werden immer noch mindestens 2000 Jungen in Grossbritannien als lebendige Schornsteinfegmaschinen (obgleich Maschinen zu ihrem Ersatz existiren) von ihren eigenen Eltern verkauft146. Die von der Maschinerie bewirkte Revolution im Rechtsverhältniss zwischen Käufer und Verkäufer der Arbeitskraft, so dass die ganze Transaktion selbst den Schein eines Kontrakts zwischen freien Personen verliert, bot dem englischen Parlament später den juristischen Entschuldigungsgrund für Staatseinmischung in das Fabrikwesen. So oft das Fabrikgesetz die Kinderarbeit in bisher unangefochtnen Industriezweigen auf 6 Stunden beschränkt, ertönt stets neu der Fabrikantenjammer: ein Theil der Eltern entziehe die Kinder nun der gemassregelten Industrie, um sie in solche zu verkaufen, wo noch „Freiheit der Arbeit“ herrscht, d. h. wo Kinder unter 13 Jahren gezwungen werden wie Erwachsene zu arbeiten, also auch theurer loszuschlagen sind. Da aber das Kapital von Natur ein leveller ist, d. h. in allen Produktionssphären Gleichheit der Exploitationsbedingungen der Arbeit als sein angebornes Menschenrecht verlangt, wird die legale Beschränkung der Kinderarbeit in einem Industriezweig Ursache ihrer Beschränkung in dem andern.

Bereits früher wurde der physische Verderb der Kinder und jungen Personen angedeutet, wie der Arbeiterweiber, welche die Maschinerie erst direkt, in den auf ihrer Grundlage aufschiessenden Fabriken, und dann indirekt in allen übrigen Industriezweigen der Exploitation des Kapitals unterwirft. Hier verweilen wir daher nur bei einem Punkt, der ungeheuren Sterblichkeit von Arbeiterkindern in ihren ersten Lebensjahren. In England giebt es 16 Registrations-Distrikte, wo im jährlichen Durchschnitt auf 100,000 lebende Kinder unter einem Jahr nur 9000 Todesfälle (in einem Distrikt nur 7,047) kommen, in 24 Distrikten über 10,000, aber unter 11,000, in 39 Distrikten über 11,000, aber unter 12,000, in 48 Distrikten über 12,000, aber unter 13,000, in 22 Distrikten über 20,000, in 25 Distrikten über 21,000, in 17 über 22,000, in 11 über 23,000, in Hoo, Wolverhampton, Ashton-under-Lyne und Preston über 24,000, in Nottingham, Stockport und Bradford über 25,000, in Wisbeach 26,000, und in Manchester 26,125147. Wie eine officielle ärztliche Untersuchung im Jahre 1861 nachwies, sind, von Lokalumständen abgesehn, die hohen Sterblichkeitsraten vorzugsweise der ausserhäuslichen Beschäftigung der Mütter geschuldet und der daher entspringenden Vernachlässigung und Misshandlung der Kinder, u. a. unpassender Nahrung, Mangel an Nahrung, Fütterung mit Opiaten u. s. w., dazu die unnatürliche Entfremdung der Mütter gegen ihre Kinder, im Gefolge davon absichtliche Aushungerung und Vergiftung148. In solchen Agrikulturdistrikten, „wo ein Minimum weiblicher Beschäftigung existirt, ist dagegen die Sterblichkeitsrate am niedrigsten“149. Die Untersuchungskommission von 1861 ergab jedoch das unerwartete Resultat, dass in einigen an der Nordsee gelegnen rein ackerbauenden Distrikten die Sterblichkeitsrate von Kindern unter einem Jahr fast die der verrufensten Fabrikdistrikte erreicht. Dr. Julian Hunter wurde daher vom „Board of Health“ beauftragt, diess Phänomen an Ort und Stelle zu erforschen. Sein Bericht ist dem „VI. Report of the Board of Health“ einverleibt150. Man hatte bisher vermuthet, Malaria und andre niedrig gelegnen und sumpfigen Landstrichen eigenthümliche Krankheiten decimirten die Kinder. Die Untersuchung ergab das grade Gegentheil, nämlich, „dass dieselbe Ursache, welche die Malaria vertrieb, nämlich die Verwandlung des Bodens aus Morast im Winter und dürftiger Weide im Sommer in fruchtbares Kornland, die ausserordentliche Todesrate der Säuglinge schuf“151. Die 70 ärztlichen Praktiker, die Dr. Hunter in jenen Distrikten verhörte, waren „wunderbar einstimmig“ über diesen Punkt. Mit der Revolution der Bodenkultur wurde nämlich das industrielle System eingeführt. „Verheirathete Weiber, die in Banden mit Mädchen und Jungen zusammenarbeiten, werden dem Pächter von einem Manne, welcher der „Gangmeister“ heisst und die Banden im Ganzen miethet, für eine bestimmte Summe zur Verfügung gestellt. Diese Banden wandern oft viele Meilen von ihren Dörfern weg, man trifft sie Morgens und Abends auf den Landstrassen, die Weiber bekleidet mit kurzen Unterröcken und entsprechenden Röcken und Stiefeln und manchmal Hosen, sehr kräftig und gesund von Aussehn, aber verdorben durch gewohnheitsmässige Liederlichkeit und rücksichtslos gegen die unheilvollen Folgen, welche ihre Vorliebe für diese thätige und unabhängige Lebensart auf ihre Sprösslinge wälzt, die zu Haus verkümmern“152. Alle Phänomene der Fabrikdistrikte reproduciren sich hier, in noch höherem Grad versteckter Kindermord und Behandlung der Kinder mit Opiaten153. „Meine Kenntniss der von ihr erzeugten Uebel“, sagt Dr. Simon, der ärztliche Beamte des englischen Privy Council und Redacteur en chef der Berichte des „Board of Health“, „muss den tiefen Abscheu entschuldigen, womit ich jede umfassende industrielle Beschäftigung erwachsner Weiber betrachte“154. „Es wird“, ruft Fabrikinspektor R. Baker in einem officiellen Bericht aus, „es wird in der That ein Glück für die Manufakturdistrikte Englands sein, wenn jeder verheiratheten Frau, die Familie hat, verboten wird in irgend einer Fabrik zu arbeiten“155.

Die aus der kapitalistischen Exploitation der Weiber- und Kinderarbeit entspringende moralische Verkümmerung ist von F. Engels in seiner „Lage der arbeitenden Klassen Englands“ und von andern Schriftstellern so erschöpfend dargestellt worden, dass ich hier nur daran erinnere. Die intellektuelle Verödung aber, künstlich producirt durch die Verwandlung unreifer Menschen in blosse Maschinen zum Fabrikat von Mehrwerth, und sehr zu unterscheiden von jener naturwüchsigen Unwissenheit, welche den Geist in Brache legt ohne Verderb seiner Entwicklungsfähigkeit, seiner natürlichen Fruchtbarkeit selbst, zwang endlich sogar das englische Parlament in allen dem Fabrikgesetz unterworfenen Industrien den Elementarunterricht zur gesetzlichen Bedingung für den „produktiven“ Verbrauch von Kindern unter 14 Jahren zu machen. Der Geist der kapitalistischen Produktion leuchtet hell aus der liederlichen Redaktion der s. g. Erziehungsklauseln der Fabrikakte, aus dem Mangel administrativer Maschinerie, wodurch dieser Zwangsunterricht grossentheils wieder illusorisch wird, aus der Fabrikantenopposition selbst gegen diess Unterrichtsgesetz und ihren praktischen Kniffen und Schlichen zu seiner Umgehung. „Die Gesetzgebung allein ist zu tadeln, weil sie ein Truggesetz (delusive law) erlassen hat, das unter dem Schein für die Erziehung der Kinder zu sorgen, keine einzige Bestimmung enthält, wodurch dieser vorgeschützte Zweck gesichert werden kann. Es bestimmt nichts, ausser dass die Kinder für eine bestimmte Stundenzahl (3 Stunden) per Tag innerhalb der vier Wände eines Platzes, Schule benamst, eingeschlossen werden sollen, und dass der Anwender des Kindes hierüber wöchentlich ein Certifikat von einer Person erhalten muss, die sich als Schullehrer oder Schullehrerin mit ihrem Namen unterzeichnet“156. Vor dem Erlass des amendirten Fabrikakts von 1844 waren Schulbesuchscertifikate nicht selten, die von Schulmeister oder Schulmeisterin mit einem Kreuz unterzeichnet wurden, da letztre selbst nicht schreiben konnten. „Beim Besuch, den ich einer solchen Certifikate ausstellenden Schule abstattete, war ich so betroffen von der Unwissenheit des Schulmeisters, dass ich zu ihm sagte: ‘Bitte, mein Herr, können Sie lesen?‘ Seine Antwort war: ‘Ih jeh, Ebbes (summat)‘. Zu seiner Rechtfertigung fügte er hinzu: ‘Jedenfalls stehe ich vor meinen Schülern‘. Während der Vorbereitung des Akts von 1844 denuncirten die Fabrikinspektoren den schmählichen Zustand der Plätze, Schulen benamst, deren Certifikate sie als zu Gesetz vollgültig zulassen mussten. Alles was sie durchsetzten, war, dass seit 1844 die Zahlen im Schulcertifikat in der Handschrift des Schulmeisters ausgefüllt, ditto sein Vor- und Zuname von ihm selbst unterschrieben sein müssen“157. Sir John Kincaid, Fabrikinspektor für Schottland, erzählt von ähnlichen amtlichen Erfahrungen. „Die erste Schule, die wir besuchten, wurde von einer Mrs. Ann Killin gehalten. Auf meine Aufforderung, ihren Namen zu buchstabiren, machte sie gleich einen Schnitzer, indem sie mit dem Buchstaben C begann, aber sich sofort korrigirend sagte, ihr Name fange mit K an. Bei Ansicht ihrer Unterschrift in den Schulcertifikatbüchern bemerkte ich jedoch, dass sie ihn verschiedenartig buchstabirte, während die Handschrift keinen Zweifel über ihre Lehrunfähigkeit liess. Auch gab sie selbst zu, sie könne das Register nicht führen … In einer zweiten Schule fand ich das Schulzimmer 15 Fuss lang und 10 Fuss breit und zählte in diesem Raum 75 Kinder, die etwas unverständliches herquiekten“158. „Es sind jedoch nicht nur solche Jammerhöhlen, worin die Kinder Schulcertifikate, aber keinen Unterricht erhalten, denn in vielen Schulen, wo der Lehrer kompetent ist, scheitern seine Bemühungen fast ganz an dem sinnverwirrenden Knäuel von Kindern aller Alter, aufwärts von Dreijährigen. Sein Auskommen, elend im besten Fall, hängt ganz von der Zahl der Pence ab, empfangen von der grössten Anzahl Kinder, die es möglich ist in ein Zimmer zu stopfen. Dazu kommt spärliche Schulmöblirung, Mangel an Büchern und andrem Lehrmaterial, und die niederschlagende Wirkung einer benauten und ekelhaften Luft auf die armen Kinder selbst. Ich war in vielen solchen Schulen, wo ich ganze Reihen Kinder sah, die absolut nichts thaten; und diess wird als Schulbesuch bescheinigt, und solche Kinder figuriren in der officiellen Statistik als erzogen (educated)“159. In Schottland suchen die Fabrikanten dem Schulbesuch unterworfne Kinder möglichst auszuschliessen. „Diess genügt, um die grosse Missgunst der Fabrikanten gegen die Erziehungsklauseln zu beweisen“160. Grotesk-entsetzlich erscheint diess in den Kattun- u. s. w. Druckereien, die durch ein eignes Fabrikgesetz geregelt sind. Nach den Bestimmungen des Gesetzes „muss jedes Kind, bevor es in einer solchen Druckerei beschäftigt wird, Schule besucht haben für mindestens 30 Tage und nicht weniger als 150 Stunden während der 6 Monate, die dem ersten Tag seiner Beschäftigung unmittelbar vorhergehn. Während der Fortdauer seiner Beschäftigung in der Druckerei muss es Schule besuchen ebenfalls für eine Periode von 30 Tagen und 150 Stunden während jeder Wechselperiode von 6 Monaten … Der Schulbesuch muss zwischen 8 Uhr Morgens und 6 Uhr Nachmittags stattfinden. Kein Besuch von weniger als 2½ oder mehr als 5 Stunden an demselben Tag soll als Theil der 150 Stunden gezählt werden. Unter gewöhnlichen Umständen besuchen die Kinder die Schule Vormittags und Nachmittags für 30 Tage, 5 Stunden per Tag, und nach Ablauf der 30 Tage, wenn die statutenmässige Gesammtsumme von 150 Stunden erreicht ist, wenn sie, in ihrer eignen Sprache zu reden, ihr Buch abgemacht haben, kehren sie zur Druckerei zurück, wo sie wieder 6 Monate bleiben, bis ein andrer Abschlagstermin des Schulbesuchs fällig wird, und dann bleiben sie wieder in der Schule, bis das Buch wieder abgemacht ist . . . . Sehr viele Jungen, welche die Schule während der vorschriftsmässigen 150 Stunden besucht, sind bei ihrer Rückkehr aus dem sechsmonatlichen Aufenthalt in der Druckerei grade so weit wie im Anfang … Sie haben natürlich alles wieder verloren, was sie durch den früheren Schulbesuch gewonnen hatten. In andern Kattundruckereien wird der Schulbesuch ganz und gar abhängig gemacht von den Geschäftsbedürfnissen der Fabrik. Die erforderliche Stundenzahl wird vollgemacht während jeder sechsmonatlichen Periode durch Abschlagszahlungen von 3 bis 5 Stunden auf einmal, die vielleicht über 6 Monate zerstreut sind. Z. B. an einem Tage wird die Schule besucht von 8 bis 11 Uhr Morgens, an einem andern Tag von 1 bis 4 Uhr Nachmittags, und nachdem das Kind dann wieder für eine Reihe Tage weggeblieben, kömmt es plötzlich wieder von 3 bis 6 Uhr Nachmittags; dann erscheint es vielleicht für 3 oder 4 Tage hinter einander, oder für eine Woche, verschwindet dann wieder für 3 Wochen oder einen ganzen Monat und kehrt zurück an einigen Abfallstagen für einige Sparstunden, wenn seine Anwender seiner zufällig nicht bedürfen; und so wird das Kind so zu sagen hin und her gepufft (buffeted) von der Schule in die Fabrik, von der Fabrik in die Schule, bis die Summe der 150 Stunden abgezählt ist“161.

Durch den überwiegenden Zusatz von Kindern und Weibern zum kombinirten Arbeitspersonal bricht die Maschinerie endlich den Widerstand, den der männliche Arbeiter in der Manufaktur der Despotie des Kapitals noch entgegensetzte162.

Wenn die Maschinerie das gewaltigste Mittel ist, die Produktivität der Arbeit zu steigern, d. h. die zur Produktion einer Waare nöthige Arbeitszeit zu verkürzen, wird sie als Träger des Kapitals, zunächst in den unmittelbar von ihr ergriffenen Industrien, zum gewaltigsten Mittel den Arbeitstag über jede naturgemässe Schranke hinaus zu verlängern. Sie schafft einerseits neue Bedingungen, welche das Kapital befähigen, dieser seiner beständigen Tendenz die Zügel frei schiessen zu lassen, andrerseits neue Motive zur Wetzung seines Heisshungers nach fremder Arbeit.

Zunächst verselbstständigt sich in der Maschinerie die Bewegung und Werkthätigkeit des Arbeitsmittels gegenüber dem Arbeiter. Es wird an und für sich ein industrielles Perpetuum mobile, das ununterbrochen fortproduciren würde, stiesse es nicht auf gewisse Naturschranken in seinen menschlichen Gehilfen, ihre Körperschwäche und ihren Eigenwillen. Als Kapital, und als solches besitzt der Automat im Kapitalisten Bewusstsein und Willen, ist es daher mit dem Trieb begeistet, die widerstrebende, aber elastische menschliche Naturschranke auf den Minimalwiderstand einzuzwängen163. Dieser ist ohnehin vermindert durch die scheinbare Leichtigkeit der Arbeit an der Maschine und das füg- und biegsamere Weiber- und Kinderelement164.

Die Produktivität der Maschinerie steht, wie wir sahen, in umgekehr- 165 tem Verhältniss zur Grösse des von ihr auf das Machwerk übertragenen Werthbestandtheils. Je länger die Periode, worin sie funktionirt, desto grösser die Produktenmasse, worüber sich der von ihr zugesetzte Werth vertheilt, und desto kleiner der Werththeil, den sie der einzelnen Waare zufügt. Die aktive Lebensperiode der Maschinerie ist aber offenbar bestimmt durch die Länge des Arbeitstags oder die Dauer des täglichen Arbeitsprozesses, multiplicirt mit der Anzahl Tage, worin er sich wiederholt.

Der Maschinenverschleiss entspricht keineswegs exakt mathematisch ihrer Benutzungszeit. Und selbst diess vorausgesetzt, umfasst eine Maschine, die während 7½ Jahren täglich 16 Stunden dient, eine ebenso grosse Produktionsperiode und setzt dem Gesammtprodukt nicht mehr Werth zu als dieselbe Maschine, die während 15 Jahren nur 8 Stunden täglich dient. Im erstern Fall aber wäre der Maschinenwerth doppelt so rasch reproducirt als im letztern und der Kapitalist hätte vermittelst derselben in 7½ Jahren so viel Mehrarbeit eingeschluckt als sonst in 15.

Der materielle Verschleiss der Maschine ist doppelt. Der eine entspringt aus ihrem Gebrauch, wie Geldstücke durch Cirkulation verschleissen, der andre aus ihrem Nichtgebrauch, wie ein unthätig Schwert in der Scheide verrostet. Es ist diess ihr Verzehr durch die Elemente. Der Verschleiss erster Art steht mehr oder minder in direktem Verhältniss, der letztere, zu gewissem Grad, in umgekehrtem Verhältniss zu ihrem Gebrauch166.

Neben dem materiellen unterliegt die Maschine aber auch einem so zu sagen moralischen Verschleiss. Sie verliert Tauschwerth im 167 Masse, worin entweder Maschinen derselben Konstruktion wohlfeiler reproducirt werden können oder bessere Maschinen konkurrirend neben sie treten168. In beiden Fällen ist ihr Werth, so jung und lebenskräftig sie sonst noch sein mag, nicht mehr bestimmt durch die thatsächlich in ihr selbst vergegenständlichte, sondern durch die zu ihrer eignen Reproduktion oder zur Reproduktion der besseren Maschine nothwendige Arbeitszeit. Sie ist daher mehr oder minder entwerthet. Je kürzer die Periode, worin ihr Gesammtwerth reproducirt wird, desto geringer die Gefahr des moralischen Verschleisses, und je länger der Arbeitstag, um so kürzer jene Periode. Bei der ersten Einführung der Maschinerie in irgend einen Produktionszweig folgen Schlag auf Schlag neue Methoden zu ihrer wohlfeileren Reproduktion169, und Verbesserungen, die nicht nur einzelne Theile oder Apparate, sondern ihre ganze Konstruktion ergreifen. In ihrer ersten Lebensperiode wirkt daher diess besondre Motiv zur Verlängerung des Arbeitstags am akutesten170.

Unter sonst gleichbleibenden Umständen und bei gegebnem Arbeitstag erheischt Exploitation verdoppelter Arbeiteranzahl ebensowohl Verdopplung des in Maschinerie und Baulichkeiten ausgelegten Theils des constanten Kapitals als des in Rohmaterial, Hilfsstoffen u. s. w. ausgelegten. Mit verlängertem Arbeitstag dehnt sich die Stufenleiter der Produktion, während der in Maschinerie und Baulichkeiten ausgelegte Kapi taltheil unverändert bleibt171. Nicht nur der Mehrwerth wächst daher, sondern die zur Erbeutung desselben nothwendigen Auslagen nehmen ab. Zwar findet diess auch sonst mehr oder minder bei aller Verlängerung des Arbeitstags statt, fällt aber hier entscheidender ins Gewicht, weil der in Arbeitsmittel verwandelte Kapitaltheil überhaupt mehr ins Gewicht fällt172. Die Entwicklung des Maschinenbetriebs bindet nämlich einen stets wachsenden Bestandtheil des Kapitals in eine Form, worin es einerseits fortwährend verwerthbar ist, andrerseits Gebrauchswerth und Tauschwerth verliert, sobald sein Kontakt mit der lebendigen Arbeit unterbrochen wird. „Wenn“, belehrte Herr Ashworth, ein englischer Baumwollmagnat, den Professor Nassau W. Senior, „wenn ein Ackersmann seinen Spaten niederlegt, macht er für diese Periode ein Kapital von 18 d. nutzlos. Wenn einer von unsern Leuten (d. h. den Fabrikarbeitern) die Fabrik verlässt, macht er ein Kapital nutzlos, das 100000 Pfd. St. gekostet hat“173. Man denke nur! Ein Kapital, das 100000 Pfd. St. gekostet hat, auch nur für einen Augenblick „nutzlos“ zu machen! Es ist in der That himmelschreiend, dass einer unsrer Leute überhaupt jemals die Fabrik verlässt! Der wachsende Umfang der Maschinerie macht, wie der von Ashworth belehrte Senior einsieht, eine stets wachsende Verlängerung des Arbeitstags „wünschenswerth“174.

Die Maschine producirt relativen Mehrwerth, nicht nur indem sie die Arbeitskraft direkt entwerthet und dieselbe indirekt durch Verwohlfeilerung der in ihre Reproduktion eingehenden Waaren verwohlfeilert, sondern auch, indem sie bei ihrer ersten sporadischen Einführung die vom Maschinenbesitzer verwandte Arbeit in potenzirte Arbeit verwandelt, den gesellschaftlichen Werth des Maschinenprodukts über seinen individuellen Werth erhöht und den Kapitalisten so befähigt mit geringerem Werththeil des Tagesprodukts den Tageswerth der Arbeitskraft zu ersetzen. Während dieser Uebergangsperiode, worin der Maschinenbetrieb eine Art Monopol bleibt, sind daher die Gewinne ausserordentlich und der Kapitalist sucht „diese erste Zeit der jungen Liebe“ gründlichst auszubeuten durch möglichste Verlängerung des Arbeitstags. Die Grösse des Gewinns wetzt den Heisshunger nach mehr Gewinn.

Mit der Verallgemeinerung der Maschinerie im selben Produktionszweig sinkt der gesellschaftliche Werth des Maschinenprodukts auf seinen individuellen Werth und macht sich das Gesetz geltend, dass der Mehrwerth nicht aus den Arbeitskräften entspringt, welche der Kapitalist durch die Maschine ersetzt hat, sondern umgekehrt aus den Arbeitskräften, welche er an ihr beschäftigt. Der Mehrwerth entspringt nur aus dem variablen Theil des Kapitals, und wir sahen, dass die Masse des Mehrwerths durch zwei Faktoren bestimmt ist, die Rate des Mehrwerths und die Anzahl der gleichzeitig beschäftigten Arbeiter. Bei gegebner Länge des Arbeitstags wird die Rate des Mehrwerths bestimmt durch das Verhältniss, worin der Arbeitstag in nothwendige Arbeit und Mehrarbeit zerfällt. Die Anzahl der gleichzeitig beschäftigten Arbeiter hängt ihrerseits ab von dem Verhältniss des variablen Kapitaltheils zum constanten. Es ist nun klar, dass wie er immer durch Steigerung der Produktivkraft der Arbeit die Mehrarbeit auf Kosten der 175 nothwendigen Arbeit ausdehne, der Maschinenbetrieb diess Resultat nur hervorbringt, indem er die Anzahl der von einem gegebnen Kapital beschäftigten Arbeiter vermindert. Er verwandelt einen Theil des Kapitals, der früher variabel war, d. h. sich in lebendige Arbeitskraft umsetzte, in Maschinerie, also in constantes Kapital, das keinen Mehrwerth producirt. Es ist unmöglich z. B. aus zwei Arbeitern so viel Mehrwerth auszupressen als aus 24. Wenn jeder der 24 Arbeiter auf 12 Stunden nur eine Stunde Mehrarbeit liefert, liefern sie zusammen 24 Stunden Mehrarbeit, während die Gesammtarbeit der zwei Arbeiter nur 24 Stunden beträgt. Es liegt also in der Anwendung der Maschinerie zur Produktion von Mehrwerth ein immanenter Widerspruch, indem sie von den beiden Faktoren des Mehrwerths, den ein Kapital von gegebner Grösse liefert, den einen Faktor, die Rate des Mehrwerths, nur dadurch vergrössert, dass sie den andern Faktor, die Arbeiterzahl, verkleinert. Dieser immanente Widerspruch tritt hervor, sobald mit der Verallgemeinerung der Maschinerie in einem Industriezweig der Werth der maschinenmässig producirten Waare zum regelnden gesellschaftlichen Werth aller Waaren derselben Art wird, und es ist dieser Widerspruch, der wiederum das Kapital, ohne dass es sich dessen bewusst wäre176, zur gewaltsamsten Verlängerung des Arbeitstags treibt, um die Abnahme in der verhältnissmässigen Anzahl der exploitirten Arbeiter durch Zunahme nicht nur der relativen, sondern auch der absoluten Mehrarbeit zu kompensiren.

Wenn also die kapitalistische Anwendung der Maschinerie einerseits neue mächtige Motive zur masslosen Verlängerung des Arbeitstags schafft und die Arbeitsweise selbst wie den Charakter des gesellschaftlichen Arbeitskörpers in einer Art umwälzt, die den Widerstand gegen diese Tendenz bricht, producirt sie andrerseits, theils durch Einrollirung dem Kapital früher unzugänglicher Schichten der Arbeiterklasse, theils durch Freisetzung der von der Maschine verdrängten Arbeiter, eine überflüssige Arbeiterpopulation177, die sich das Gesetz vom Kapital diktiren lassen muss. Daher das merkwürdige Phänomen in der Geschichte der modernen Industrie, dass die Maschine alle sittlichen und natürlichen Schranken des Arbeitstags über den Haufen wirft. Daher das ökonomische Paradoxon, dass das gewaltigste Mittel zur Verkürzung der Arbeitszeit in das unfehlbarste Mittel umschlägt alle Lebenszeit des Arbeiters und seiner Familie in disponible Arbeitszeit für die Verwerthung des Kapitals zu verwandeln. „Wenn“, träumte Aristoteles, der grösste Denker des Alterthums, „wenn jedes Werkzeug auf Geheiss, oder auch vorausahnend, das ihm zukommende Werk verrichten könnte, wie des Dädalus Kunstwerke sich von selbst bewegten, oder die Dreifüsse des Hephästos aus eignem Antrieb an die heilige Arbeit gingen, wenn so die Weberschiffe von selbst webten, so bedürfte es weder für den Werkmeister der Gehilfen, noch für die Herrn der Sklaven“178. Und Antiparos, ein griechischer Dichter aus der Zeit des Cicero, begrüsste die Erfindung der Wassermühle zum Mahlen des Getreides, diese Elementarform aller produktiven Maschinerie, als Befreierin der Sklavinnen und Herstellerin des goldnen Zeitalters!179 „Die Heiden, ja die Heiden!“ Sie begriffen, wie der gescheidte Bastiat entdeckt hat, und schon vor ihm der noch klügere Mac Culloch, nichts von politischer Oekonomie und Christent um. Sie begriffen u. a. nicht, dass die Maschine das probateste Mittel zur Verlängerung des Arbeitstags ist. Sie entschuldigten etwa die Sklaverei des Einen als Mittel zur vollen menschlichen Entwicklung des Andern. Aber Sklaverei der Massen predigen, um einige rohe oder halbgebildete Parvenüs zu „eminent spinners“, „extensive sausage makers“ und „influential shoe black dealers“ zu machen, dazu fehlte ihnen das specifisch christliche Organ.

Die masslose Verlängerung des Arbeitstags, welche die Maschinerie in der Hand des Kapitals producirt, führt, wie wir sahen, später eine Reaktion der in ihrer Lebenswurzel bedrohten Gesellschaft herbei, und damit einen gesetzlich beschränkten Normal-Arbeitstag. Auf Grundlage des letztern entwickelt sich ein Phänomen, das uns schon früher begegnete, zu entscheidender Wichtigkeit — nämlich die Intensifikation der Arbeit. Bei der Analyse des absoluten Mehrwerths handelte es sich zunächst um die extensive Grösse der Arbeit, während der Grad ihrer Intensivität als gegeben vorausgesetzt war. Wir haben jetzt den Umschlag dieser extensiven in eine intensive oder Gradgrösse zu betrachten.

Es ist selbstverständlich, dass mit dem Fortschritt des Maschinenwesens und der gehäuften Erfahrung einer eignen Klasse von Maschinenarbeitern die Geschwindigkeit und damit die Intensivität der Arbeit naturwüchsig zunehmen. So geht in England während eines halben Jahrhunderts die Verlängerung des Arbeitstags Hand in Hand mit der wachsenden Intensivität der Fabrikarbeit. Indess begreift man, dass bei einer Arbeit, wo es sich nicht um vorübergehende Paroxysmen handelt, sondern um Tag aus, Tag ein wiederholte, regelmässige Gleichförmigkeit, ein Knotenpunkt eintreten muss, wo Ausdehnung des Arbeitstags und Intensivität der Arbeit einander ausschliessen, so dass die Verlängerung des Arbeitstags nur mit schwächerem Intensivitätsgrad der Arbeit und umgekehrt ein erhöhter Intensivitätsgrad nur mit Verkürzung des Arbeitstags verträglich bleibt. Sobald die allmälig anschwellende Empörung der Arbeiterklasse den Staat zwang, die Arbeitszeit gewaltsam zu verkürzen und zunächst der eigentlichen Fabrik einen Normal-Arbeitstag zu diktiren, von diesem Augenblick also, wo gesteigerte Produktion von Mehrwerth durch Verlängerung des Arbeitstags ein für allemal abgeschnitten war, warf sich das Kapital mit aller Macht und vollem Bewusst sein auf die Produktion von relativem Mehrwerth durch beschleunigte Entwicklung des Maschinensystems. Gleichzeitig tritt eine Aenderung in dem Charakter des relativen Mehrwerths ein. Im Allgemeinen besteht die Produktionsmethode des relativen Mehrwerths darin, durch gesteigerte Produktivkraft der Arbeit den Arbeiter zu befähigen mit derselben Arbeitsausgabe in derselben Zeit mehr zu produciren. Dieselbe Arbeitszeit setzt nach wie vor dem Gesammtprodukt denselben Werth zu, obgleich dieser unveränderte Tauschwerth sich jetzt in mehr Gebrauchswerthen darstellt und daher der Werth der einzelnen Waare sinkt. Anders jedoch, sobald die gewaltsame Verkürzung des Arbeitstags mit dem ungeheuren Anstoss, den sie der Entwicklung der Produktivkraft und der Oekonomisirung der Produktionsbedingungen giebt, zugleich vergrösserte Arbeitsausgabe in derselben Zeit, erhöhte Anspannung der Arbeitskraft, dichtere Ausfüllung der Poren der Arbeitszeit, d. h. Kondensation der Arbeit dem Arbeiter zu einem Grad aufzwingt, der nur innerhalb des verkürzten Arbeitstags erreichbar ist. Diese Zusammenpressung einer grösseren Masse Arbeit in eine gegebene Zeitperiode zählt jetzt als was sie ist, als grösseres Arbeitsquantum. Neben das Mass der Arbeitszeit als „ausgedehnter Grösse“ tritt jetzt das Mass ihres Verdichtungsgrads180. Die intensivere Stunde des zehnstündigen Arbeitstags enthält jetzt so viel oder mehr Arbeit, d. h. verausgabte Arbeitskraft als die porösere Stunde des zwölfstündigen Arbeitstags. Ihr Produkt hat daher so viel oder mehr Werth als das der poröseren 1⅕ Stunden. Abgesehn von der Erhöhung des relativen Mehrwerths durch die gesteigerte Produktivkraft der Arbeit, liefern jetzt z. B. 3⅓ Stunden Mehrarbeit auf 6⅔ Stunden nothwendiger Arbeit dem Kapitalisten dieselbe Werthmasse wie vorher 4 Stunden Mehrarbeit auf 8 Stunden nothwendiger Arbeit.

Es fragt sich nun, wie wird die Arbeit intensificirt?

Die erste Wirkung des verkürzten Arbeitstags beruht auf dem selbstverständlichen Gesetz, dass die Wirkungsfähigkeit der Arbeitskraft im umgekehrten Verhältniss zu ihrer Wirkungszeit steht. Es wird daher, innerhalb gewisser Grenzen, am Grad der Kraftäusserung gewonnen, was an ihrer Dauer verloren geht. Dass der Arbeiter aber auch wirklich mehr Arbeitskraft flüssig macht, dafür sorgt das Kapital durch die Methode der Zahlung181. In Manufakturen, der Töpferei z. B., wo die Maschinerie keine oder unbedeutende Rolle spielt, hat die Einführung des Fabrikgesetzes schlagend bewiesen, dass blosse Verkürzung des Arbeitstags die Regelmässigkeit, Gleichförmigkeit, Ordnung, Kontinuität und Energie der Arbeit wundervoll erhöht182. Diese Wirkung schien jedoch zweifelhaft in der eigentlichen Fabrik, weil die Abhängigkeit des Arbeiters von der kontinuirlichen und gleichförmigen Bewegung der Maschine hier längst die strengste Disciplin geschaffen hatte. Als daher 1844 die Herabsetzung des Arbeitstags unter 12 Stunden verhandelt ward, erklärten die Fabrikanten fast einstimmig, „ihre Aufseher passten in den verschiednen Arbeitsräumen auf, dass die Hände keine Zeit verlören“, „der Grad der Wachsamkeit und Aufmerksamkeit auf Seiten der Arbeiter („the extent of vigilance and attention on the part of the workmen“) sei kaum steigerungsfähig“, und alle anderen Umstände, wie Gang der Maschinerie u. s. w. als gleichbleibend vorausgesetzt, „sei es daher Unsinn in wohlgeführten Fabriken von der gesteigerten Aufmerksamkeit u. s. w. der Arbeiter irgend ein erkleckliches Resultat zu erwarten“183. Diese Behauptung ward durch Experimente widerlegt. Herr R. Gardner liess in seinen zwei grossen Fabriken zu Preston vom 20. April 1844 an statt 12 nur noch 11 Stunden per Tag arbeiten. Nach ungefähr Jahresfrist ergab sich das Resultat, dass „dasselbe Quantum Produkt zur selben Kost erhalten ward, und sämmtliche Arbeiter in 11 Stunden eben so viel Arbeitslohn verdienten, wie früher in 12“184. Ich übergehe hier die Experimente in den Spinn- und Kardirräumen, weil sie mit Zunahme in der Geschwindigkeit der Maschinerie (um 2 %) verbunden waren. In dem Webedepartement dagegen, wo zudem sehr verschiedene Sorten leichter, figurenhaltiger Phantasieartikel gewebt wurden, fand durchaus keine Aenderung in den objektiven Produktionsbedingungen statt. Das Resultat war: „Vom 6. Januar bis 20. April 1844, mit zwölfstündigem Arbeitstag, wöchentlicher Durchschnittslohn jedes Arbeiters 10 sh. 1½ d., vom 20. April bis 29. Juni 1844, mit elfstündigem Arbeitstag, wöchentlicher Durchschnittslohn 10 sh. 3½ d.“185. Es wurde hier in 11 Stunden mehr producirt als früher in 12, ausschliesslich in Folge grösserer gleichmässiger Ausdauer der Arbeiter und Oekonomie ihrer Zeit. Während sie denselben Lohn empfingen und 1 Stunde freie Zeit gewannen, erhielt der Kapitalist dieselbe Produktenmasse und sparte Verausgabung von Kohle, Gas u. s. w. für eine Stunde. Aehnliche Experimente wurden mit gleichem Erfolg in den Fabriken der Herren Horrocks und Jacson ausgeführt186.

Sobald die Verkürzung des Arbeitstags, welche zunächst die subjektive Bedingung der Kondensation der Arbeit schafft, nämlich die Fähigkeit des Arbeiters mehr Kraft in gegebner Zeit flüssig zu machen, zwangsgesetzlich wird, wandelt sich die Maschine in der Hand des Kapitals zum objektiven und systematisch angewandten Mittel mehr Arbeit in derselben Zeit zu erpressen. Es geschieht diess in doppelter Weise, durch die erhöhte Geschwindigkeit der Maschinen und den erweiterten Umfang der von demselben Arbeiter zu überwachenden Maschinerie oder seines Arbeitsfeldes. Verbesserte Konstruktion der Maschinerie ist theils nothwendig zur Ausübung des grösseren Drucks auf den Arbeiter, theils begleitet sie von selbst die Inten sifikation der Arbeit, weil die Schranke des Arbeitstags den Kapitalisten zu strengstem Haushalt der Produktionskosten zwingt. Die Verbesserung der Dampfmaschine erhöht die Anzahl ihrer Kolbenschläge in einer Minute und erlaubt zugleich, durch grössere Oekonomie der Kraft, einen umfangreicheren Mechanismus mit demselben Motor zu treiben, bei gleichbleibendem oder selbst fallendem Kohlenverzehr. Die Verbesserung des Transmissionsmechanismus vermindert die Friktion und, was die moderne Maschinerie so augenfällig vor der älteren auszeichnet, reducirt Durchmesser und Gewicht der grossen und kleinen Wellenbäume auf ein stets fallendes Minimum. Die Verbesserungen der Arbeitsmaschinerie endlich vermindern bei erhöhter Geschwindigkeit und ausgedehnterer Wirkung ihren Umfang, wie beim modernen Dampfwebstuhl, oder vergrössern mit dem Rumpf Umfang und Zahl der von ihr geführten Werkzeuge, wie bei der Spinnmaschine, oder vermehren die Beweglichkeit dieser Werkzeuge durch unscheinbare Detailveränderung, wie durch solche bei der selfacting mule vor etwa 10 Jahren die Geschwindigkeit der Spindeln um ⅕ gesteigert wurde.

Die Verkürzung des Arbeitstags auf 12 Stunden datirt in England von 1832. Schon 1836 erklärte ein englischer Fabrikant: „Verglichen mit früher ist die Arbeit, die in den Fabriken zu verrichten, sehr gewachsen, in Folge der grösseren Aufmerksamkeit und Thätigkeit, welche die bedeutend vermehrte Geschwindigkeit der Maschinerie vom Arbeiter erheischt“187. Im Jahr 1844 machte Lord Ashley, jetzt Graf Shaftesbury, folgende dokumentarisch belegte Aufstellungen im Hause der Gemeinen:

„Die Arbeit der in den Fabrikprozessen Beschäftigten ist jetzt dreimal so gross, als bei der Einführung solcher Operationen. Die Maschinerie hat zweifelsohne ein Werk verrichtet, welches die Sehnen und Muskeln von Millionen Menschen ersetzt, aber sie hat auch erstaunlich (prodigiously) die Arbeit der durch ihre furchtbare Bewegung beherrschten Menschen vermehrt. . . . Die Arbeit einem Paar Mules während 12 Stunden auf- und abzufolgen, zum Spinnen von Garn No. 40, bedang im Jahre 1815 die Nothwendigkeit einer Reise von 8 Meilen. Im Jahre 1812 betrug die im Gefolge eines Mulepaars, zum Spinnen derselben Nummer, während 12 Stunden zu durchreisende Distanz 20 Meilen und oft mehr. Im Jahre 1825 hatte der Spinner während 12 Stunden 820 Auszüge an jeder Mule zu machen, was eine Gesammtsumme von 1640 für 12 Stunden ergab. Im Jahre 1832 hatte der Spinner während seines zwölfstündigen Arbeitstags an jeder Mule 2,200 Auszüge zu machen, zusammen 4,400, im Jahre 1844 an jeder Mule 2,400, zusammen 4,800; und in einigen Fällen ist die erheischte Arbeitsmasse (amount of labour) noch grösser....Ich habe hier ein andres Dokument von 1842 in der Hand, worin nachgewiesen wird, dass die Arbeit progressiv zunimmt, nicht nur, weil eine grössere Entfernung zu durchreisen ist, sondern weil die Quantität der producirten Waaren sich vermehrt, während die Hände proportionell abnehmen; und ferner, weil nun oft eine schlechtere Baumwolle gesponnen wird, die mehr Arbeit erfordert. . . . Im Kardirraum hat auch grosse Zunahme der Arbeit stattgefunden. Eine Person thut jetzt die Arbeit, die früher zwischen zwei vertheilt war. . . . In der Weberei, worin eine grosse Anzahl Personen, meist weiblichen Geschlechts beschäftigt ist, ist die Arbeit während der letzten Jahre um volle 10 % gewachsen, in Folge der vermehrten Geschwindigkeit der Maschinerie. Im Jahre 1838 war die Zahl der hanks, die wöchentlich gesponnen wurde, 18,000, im Jahre 1843 belief sie sich auf 21,000. Im Jahr 1819 war die Zahl der picks beim Dampfwebestuhl 60 per Minute, im Jahre 1842 betrug sie 140, was einen grossen Zuwachs von Arbeit anzeigt“188.

Angesichts dieser merkwürdigen Intensivität, welche die Arbeit unter der Herrschaft des Zwölfstundengesetzes bereits 1844 erreicht hatte, schien damals die Erklärung der englischen Fabrikanten berechtigt: jeder weitere Fortschritt in dieser Richtung sei unmöglich, daher jede weitere Abnahme der Arbeitszeit identisch mit Abnahme der Produktion. Die scheinbare Richtigkeit ihres Raisonnements wird am besten bewiesen durch folgende gleichzeitige Aeusserung ihres rastlosen Censors, des Fabrikinspektors Leonhard Horner:

„Da die producirte Quantität hauptsächlich geregelt wird durch die Geschwindigkeit der Maschinerie, muss es das Interesse des Fabrikanten sein, sie mit dem äussersten Geschwindigkeitsgrad zu treiben, der mit folgenden Bedingungen vereinbar ist: Bewahrung der Maschinerie vor zu raschem Verderb, Erhaltung der Qualität des fabricirten Artikels, und Fähigkeit des Arbeiters der Bewegung zu folgen ohne grössere Anstren gung als er kontinuirlich leisten kann. Es ereignet sich oft, dass der Fabrikant in seiner Hast die Bewegung zu sehr beschleunigt. Brüche und schlechtes Machwerk wiegen dann die Geschwindigkeit mehr als auf und er ist gezwungen den Gang der Maschinerie zu mässigen. Ich schloss daher, da ein aktiver und einsichtsvoller Fabrikant das sichre Maximum ausfindet, dass es unmöglich ist in 11 Stunden so viel zu produciren als in 12. Ich nahm ausserdem an, dass der per Stücklohn bezahlte Arbeiter sich auf’s äusserste anstrengt, soweit er denselben Arbeitsgrad kontinuirlich aushalten kann“189. Horner schloss daher, trotz der Experimente von Gardner u. s. w., dass eine weitere Herabsetzung des Arbeitstags unter 12 Stunden die Quantität des Produkts vermindern müsse190. Er selbst citirt 10 Jahre später sein Bedenken von 1845 zum Beweis, wie wenig er damals noch die Elasticität der Maschinerie und der menschlichen Arbeitskraft, die beide gleichmässig durch die zwangsweise Verkürzung des Arbeitstags aufs Höchste gespannt werden, begriffen habe.

Kommen wir nun zur Periode nach 1847, seit Einführung des Zehnstundengesetzes in die englischen Baumwoll-, Woll-, Seiden- und Flachsfabriken.

„Die Geschwindigkeit der Spindeln ist auf Throstles um 500, auf Mules um 1000 Drehungen in einer Minute gewachsen, d. h. die Geschwindigkeit der Throstlespindel, die 1839 4500 Drehungen in einer Minute zählte, beträgt nun (1862) 5000, und die der Mulespindel, die 5000 zählte, beträgt jetzt 6000 in der Minute; diess beläuft sich im ersten Fall auf ⅒ und im zweiten auf ⅕ zusätzlicher Geschwindigkeit“191. Jos. Nasmyth, der berühmte Civilingenieur von Paticroft, bei Manchester, setzte 1852 in einem Brief an Leonhard Horner die von 1848—1852 gemachten Verbesserungen in der Dampfmaschine auseinander. Nachdem er bemerkt, dass die Dampfpferdekraft, in der officiellen Fabrikstatistik fortwährend geschätzt nach ihrer Wirkung im Jahr 1828192, nur noch nominell ist und nur als Index der wirklichen Kraft dienen kann, sagt er u. a.: „Es unterliegt keinem Zweifel, dass Dampfmaschinerie von demselben Gewicht, oft dieselben identischen Maschinen, an denen nur die modernen Verbesserungen angebracht sind, im Durchschnitt 50 % mehr Werk als früher verrichten, und dass in vielen Fällen dieselben identischen Dampfmaschinen, die in den Tagen der beschränkten Geschwindigkeit von 220 Fuss per Minute 50 Pferdekraft lieferten, heute, mit vermindertem Kohlenkonsum über 100 liefern. . . . Die moderne Dampfmaschine von derselben nominellen Pferdekraft wird mit viel grösserer Gewalt als früher getrieben, in Folge der Verbesserungen in ihrer Konstruktion, vermindertem Umfang und Bau der Dampfkessel u. s. w. … Obgleich daher dieselbe Händezahl wie früher im Verhältniss zur nominellen Pferdekraft beschäftigt wird, werden weniger Hände verwandt im Verhältniss zur Arbeitsmaschinerie193. Im Jahr 1850 verwandten die Fabriken des Vereinigten Königreichs 134, 217 nominelle Pferdekraft zur Bewegung von 25,638,716 Spindeln und 301,495 Webstühlen. Im Jahr 1856 betrug die Zahl der Spindeln und Webstühle respective 33,503,580 und 369,205. Wäre die erheischte Pferdekraft dieselbe geblieben wie 1850, so waren 1856: 175,000 Pferdekraft nöthig. Sie betrug aber nach dem officiellen Ausweis nur 161,435, also über 10,000 Pferdekraft weniger, als wenn man nach der Basis von 1850 rechnet194. „Die durch den letzten Return von 1856 (officielle Statistik) festgestellten Thatsachen sind, dass das Fabriksystem reissend rasch um sich greift, die Zahl der Hände im Verhältniss zur Maschinerie abgenommen hat, die Dampfmaschine durch Oekonomie der Kraft und andre Methoden ein grösseres Maschinengewicht treibt, und ein vermehrtes Quantum Machwerk erzielt wird in Folge verbesserter Arbeitsmaschinen, veränderter Methoden der Fabrikation, erhöhter Geschwindigkeit der Ma- 195 schinerie und vieler andrer Ursachen“196. „Die grossen in Maschinen jeder Art eingeführten Verbesserungen haben deren Produktivkraft sehr gesteigert. Ohne allen Zweifel gab die Verkürzung des Arbeitstags … den Stachel zu diesen Verbesserungen. Letztere und die intensivere Anstrengung des Arbeiters bewirkten, dass wenigstens eben so viel Machwerk in dem (um zwei Stunden oder ⅙) verkürzten Arbeitstag als früher während des längeren geliefert wird197.

Wie die Bereicherung der Fabrikanten mit der intensiveren Ausbeutung der Arbeitskraft zunahm, beweist schon der eine Umstand, dass das durchschnittliche proportionelle Wachsthum der englischen Baumwollenu. s. w.-Fabriken von 1838 bis 1850 32 %, von 1850 bis 1856 dagegen 86 % jährlich betrug.

So gross in den 8 Jahren 1848 bis 1856, unter der Herrschaft des zehnstündigen Arbeitstags, der Fortschritt der englischen Industrie, wurde er wieder weit überflügelt in der folgenden sechsjährigen Periode von 1856 bis 1862. In der Seidenfabrik z. B. 1856: Spindeln 1,093,799, 1862: 1,388,544; 1856: Webstühle 9,260 und 1862: 10,709. Dagegen 1856: Arbeiteranzahl 56,131 und 1862: 52,429. Diess ergiebt Zunahme der Spindelzahl 26.9 % und der Webstühle 15.6 % mit gleichzeitiger Abnahme der Arbeiteranzahl um 7 %. Im Jahre 1850 wurden in der Worsted-Fabrik angewandt 875,830 Spindeln, 1856: 1,324,549 (Zunahme von 51.2 %) und 1862: 1,289,172 (Abnahme von 2.7 %). Zählt man aber die Dublirspindeln ab, die in der Aufzählung für das Jahr 1856 figuriren, aber nicht für 1862, so blieb die Anzahl der Spindeln seit 1856 ziemlich stationär. Dagegen ward seit 1850 in vielen Fällen die Geschwindigkeit der Spindeln und Webstühle verdoppelt. Die Zahl der Dampfwebstühle in der Worsted-Fabrik 1850: 32,617, 1856: 38,956 und 1862: 43,048. Es waren dabei beschäftigt 1850: 79,737 Personen, 1856: 87,794 und 1862: 86,063, aber davon Kinder unter 14 Jahren 1850: 9,956, 1856: 11,228 und 1862: 13,178. Trotz sehr vermehrter Anzahl der Webstühle, 1862 verglichen mit 1856, nahm also die Gesammtzahl der beschäftigten Arbeiter ab, die der exploitirten Kinder zu198.

Am 27. April 1863 erklärte das Parlamentsglied Ferrand im Unterhause: „Arbeiterdelegirte von 16 Distrikten von Lancashire und Cheshire, in deren Auftrag ich spreche, haben mir mitgetheilt, dass die Arbeit in den Fabriken in Folge der Verbesserung in der Maschinerie beständig wachse. Statt dass früher eine Person mit Gehilfen zwei Webstühle bediente, bedient sie jetzt drei ohne Gehilfen und es ist gar nichts ungewöhnliches, dass eine Person ihrer vier bedient u. s. w. Zwölf Stunden Arbeit, wie aus den mitgetheilten Thatsachen hervorgeht, werden jetzt in weniger als 10 Arbeitsstunden gepresst. Es ist daher selbstverständlich, in welchem ungeheuren Umfang die Mühen der Fabrikarbeiter sich seit den letzten Jahren vermehrt haben“199.

Obgleich daher die Fabrikinspektoren die günstigen Resultate der Fabrikgesetze von 1844 und 1850 unermüdlich und mit vollem Recht lobpreisen, gestehen sie doch, dass die Verkürzung des Arbeitstags bereits eine die Gesundheit der Arbeiter, also die Arbeitskraft selbst zerstörende Kondensation der Arbeit hervorgerufen habe. „In den meisten Baumwoll-, Worsted- und Seidenfabriken scheint der erschöpfende Zustand von Aufregung, nöthig für die Arbeit an der Maschinerie, deren Bewegung in den letzten Jahren so ausserordentlich beschleunigt worden ist, eine der Ursachen des Ueberschusses der Sterblichkeit an Lungenkrankheiten, den Dr. Greenhow in seinem jüngsten bewundernswerthen Bericht nachgewiesen hat“200. Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, dass die Tendenz des Kapitals, sobald ihm Verlängerung des Arbeitstags ein für allemal durch das Gesetz abgeschnitten ist, sich durch systematische Steigerung des Intensivitätsgrads der Arbeit gütlich zu thun und jede Verbesserung der Maschinerie in ein Mittel zu grösserer Aussaugung der Arbeitskraft zu verkehren, bald wieder zu einem Wendepunkt treiben muss, wo abermalige Abnahme der Arbeitsstunden unvermeidlich wird201. Andrerseits überflügelt der Sturmmarsch der englischen Industrie von 1848 bis zur Gegenwart, d. h. während der Periode des zehnstündigen Arbeitstags, noch weit mehr die Zeit von 1833 bis 1847, d. h. die Periode des zwölfstündigen Arbeitstags, als letztre das halbe Jahrhundert seit Einführung des Fabriksystems, d. h. die Periode des unbeschränkten Arbeitstags202.

Wir betrachteten im Beginn dieses Kapitels den Leib der Fabrik, die Gliederung des Maschinensystems. Wir sahen dann, wie die Maschinerie das menschliche Exploitationsmaterial des Kapitals vermehrt durch Aneignung der Weiber- und Kinderarbeit, wie sie die ganze Lebenszeit des Arbeiters confiscirt durch masslose Ausdehnung des Arbeitstags, und wie ihr Fortschritt, der ein ungeheuer wachsendes Produkt in stets kürzerer Zeit zu liefern erlaubt, endlich zum Mittel umschlägt in jedem Zeitmoment mehr Arbeit flüssig zu machen oder die Arbeitskraft stets intensiver auszubeuten. Wir wenden uns nun zum Fabrikganzen, und zwar in seiner ausgebildetsten Gestalt.

Dr. Ure, der Pindar der automatischen Fabrik, beschreibt sie einerseits als „Cooperation verschiedener Klassen von Arbeitern, erwachsnen und nicht erwachsnen, die mit Gewandtheit und Fleiss ein System produktiver Maschinerie überwachen, das ununterbrochen durch eine Centralkraft (den ersten Motor) in Thätigkeit gesetzt wird“, andrerseits als „einen ungeheuren Automaten, zusammengesetzt aus zahllosen mechanischen und selbstbewussten Organen, die im Einverständniss und ohne Unterbrechung wirken, um einen und denselben Gegenstand zu produciren, so dass alle diese Organe einer Bewegungskraft untergeordnet sind, die sich von selbst bewegt.“ Diese beiden Ausdrücke sind keineswegs identisch. In dem einen erscheint der kombinirte Gesammtarbeiter oder gesellschaftliche Arbeitskörper als übergreifendes Subjekt und der mechanische Automat als Objekt; in dem andern ist der Automat selbst das Subjekt und die Arbeiter sind seinen bewusstlosen Organen nur 203 als bewusste Organe beigeordnet und mit den mechanischen Organen der centralen Bewegungskraft untergeordnet. Der erstere Ausdruck gilt von jeder möglichen Anwendung der Maschinerie im Grossen, der andre charakterisirt ihre kapitalistische Anwendung und daher das moderne Fabriksystem. Ure liebt es daher auch die Centralmaschine, von der die Bewegung ausgeht, nicht nur als Automat, sondern als Autokrat darzustellen. „In diesen grossen Werkstätten versammelt die wohlthätige Macht des Dampfes ihre Myriaden von Unterthanen um sich“204.

Mit dem Arbeitswerkzeug geht auch die Virtuosität in seiner Führung vom Arbeiter auf die Maschine über. Die Leistungsfähigkeit des Werkzeugs ist emancipirt von den persönlichen Schranken menschlicher Arbeitskraft. Damit ist die technologische Grundlage aufgehoben, worauf die Theilung der Arbeit in der Manufaktur beruht. An die Stelle der sie charakterisirenden Hierarchie der spezialisirten Arbeiter tritt daher in der automatischen Fabrik die Tendenz der Gleichmachung oder Nivellirung der Arbeiten, welche die Gehilfen der Maschinerie zu verrichten haben205, an die Stelle der künstlich erzeugten Unterschiede der Theilarbeiter treten vorwiegend die natürlichen Unterschiede des Alters und Geschlechts.

Soweit in der automatischen Fabrik die Theilung der Arbeit wiedererscheint, ist sie zunächst Vertheilung von Arbeitern unter die spezialisirten Maschinen, und von Arbeitermassen, die jedoch keine kombinirten Gruppen bilden, unter die verschiedenen Departements der Fabrik, wo sie an neben einander gereihten gleichartigen Werkzeugmaschinen arbeiten, also nur einfache Cooperation unter ihnen stattfindet. Die kombinirte Gruppe der Manufaktur ist ersetzt durch den Zusammenhang des Hauptarbeiters mit wenigen Gehilfen. Die wesentliche Scheidung ist die von Arbeitern, die wirklich an den Werkzeugmaschinen beschäftigt sind (es kommen hiezu einige Arbeiter zur Bewachung, resp. Fütterung der Bewegungsmaschine) und von blossen Handlangern (fast ausschliesslich Kinder) dieser Maschinenarbeiter. Zu den Handlangern zählen mehr oder minder alle „feeders“ (die den Ma schinen bloss Arbeitsstoff darreichen). Neben diese Hauptklassen tritt ein numerisch unbedeutendes Personal, das mit der Kontrole der gesammten Maschinerie und ihrer beständigen Reparatur beschäftigt ist, wie Ingenieure, Mechaniker, Schreiner u. s. w. Es ist eine höhere, theils wissenschaftlich gebildete, theils handwerksmässige Arbeiterklasse, ausserhalb des Kreises der Fabrikarbeiter und ihnen nur aggregirt206. Diese Theilung der Arbeit ist rein technologisch.

Alle Arbeit an der Maschine erfordert frühzeitigen Einbruch des Arbeiters, damit er seine eigne Bewegung der gleichförmig kontinuirlichen Bewegung eines Automaten anpassen lerne. Soweit die Gesammtmaschinerie selbst ein System verschiedenartiger, gleichzeitig wirkender und kombinirter Maschinen bildet, erfordert die auf ihr beruhende Cooperation nicht minder Vertheilung besondrer Arbeiter unter die besonderten Maschinen. Aber der Maschinenbetrieb hebt die Nothwendigkeit auf diese Vertheilung manufakturmässig zu befestigen durch fortwährende Aneignung derselben Arbeiter an dieselbe Funktion207. Da die Gesammtbewegung der Fabrik nicht vom Arbeiter ausgeht, sondern von der Maschine, kann fortwährender Personenwechsel stattfinden ohne Unterbrechung des Arbeitsprozesses. Den schlagendsten Beweis hierzu liefert das während der englischen Fabrikantenrevolte von 1848—50 ins Werk gesetzte Relaissystem. Die Geschwindigkeit endlich, womit die Arbeit an der Maschine im jugendlichen Alter erlernt wird, beseitigt ebenso die Nothwendigkeit, eine besondre Klasse Arbeiter ausschliesslich zu Maschinenarbeitern zu machen208. Die Dienste der blossen Handlanger aber sind in der Fabrik grossentheils durch Maschinen ersetzbar209, theils erlauben sie andrerseits wegen ihrer völligen Einfachheit raschen und beständigen Wechsel der mit dieser Plackerei belasteten Personen.

Obgleich nun die Maschinerie das alte System der Theilung der Arbeit technologisch über den Haufen wirft, schleppt es sich zunächst als Tradition der Manufaktur gewohnheitsmässig in der Fabrik fort, um dann systematisch vom Kapital als Exploitationsmittel der Arbeitskraft in noch ekelhafterer Form reproducirt und befestigt zu werden. Aus der lebenslangen Specialität ein Theilwerkzeug zu führen, wird die lebenslange Specialität einer Theilmaschine zu dienen. Die Maschinerie wird missbraucht, um den Arbeiter selbst von Kindesbeinen in den Theil einer Theilmaschine zu verwandeln210. Nicht nur werden so die zu seiner eignen Reproduktion nöthigen Kosten bedeutend vermindert, sondern zugleich seine hilflose Abhängigkeit vom Fabrikganzen, also vom Kapitalisten, vollendet. Hier wie überall muss man unterscheiden zwischen der grössern Produktivität, die der Entwicklung des gesellschaftlichen Produktions prozesses, und der grössern Produktivität, die seiner kapitalistischen Ausbeutung geschuldet ist.

In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existirt ein todter Mechanismus unabhängig von ihnen und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt. „Der trübselige Schlendrian einer endlosen Arbeitsqual, worin derselbe mechanische Prozess immer wieder durchgemacht wird, gleicht der Arbeit des Sisyphus; die Last der Arbeit, gleich dem Felsen, fällt immer wieder auf den abgematteten Arbeiter zurück“211. Während die Maschinenarbeit das Nervensystem aufs äusserste angreift, unterdrückt sie das vielseitige Spiel der Muskeln und konfiscirt alle freie körperliche und geistige Thätigkeit212. Selbst die Erleichterung der Arbeit wird zum Mittel der Tortur, indem die Maschine nicht den Arbeiter von der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit vom Inhalt. Aller kapitalistischen Produktion, soweit sie nicht nur Arbeitsprozess, sondern zugleich Verwerthungsprozess des Kapitals, ist es gemeinsam, dass nicht der Arbeiter die Arbeitsbedingung, sondern umgekehrt die Arbeitsbedingung den Arbeiter anwendet, aber erst mit der Maschinerie erhält diese Verkehrung technologisch handgreifliche Wirklichkeit. Durch seine Verwandlung in einen Automaten tritt das Arbeitsmittel während des Arbeitsprozesses selbst dem Arbeiter als Kapital gegenüber, als todte Arbeit, welche die lebendige Arbeitskraft beherrscht und aussaugt. Die Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der Handarbeit und die Verwandlung derselben in Mächte des Kapitals über die Arbeit vollendet sich, wie bereits früher angedeutet, in der auf Grundlage der Maschinerie aufgebauten grossen Industrie. Das Detailgeschick des individuellen, entleerten Maschinenarbeiters verschwindet als ein winzig Nebending vor der Wissenschaft, den ungeheuren Naturkräften und der gesellschaftlichen Massenarbeit, die im Maschinensystem verkörpert sind und mit ihm die Macht „des Meisters“ bilden. Dieser Meister, in dessen Hirn die Maschinerie und sein Monopol an derselben unzertrennlich verwachsen sind, ruft daher in Kollisionsfällen den „Händen“ verächtlich zu: „Die Fabrikarbeiter sollten in heilsamer Erinnerung halten, dass ihre Arbeit in der That eine sehr niedrige Sorte geschickter Arbeit ist; dass keine leichter aneigenbar und in Anbetracht ihrer Qualität besser belohnt ist, dass keine durch kurze Unterweisung des mindest Erfahrnen in so kurzer Zeit und in solchem Ueberfluss zugeführt werden kann. Des Meisters Maschinerie spielt in der That eine viel wichtigere Rolle in dem Geschäft der Produktion als die Arbeit und das Geschick des Arbeiters, die eine Erziehung von 6 Monaten lehren und jeder Bauernknecht lernen kann“213.

Die technologische Unterordnung des Arbeiters unter den gleichförmigen Gang des Arbeitsmittels und die eigenthümliche Zusammensetzung des Arbeitskörpers aus Individuen beider Geschlechter und aller Altersstufen schafft eine kasernenmässige Disciplin, die sich zum vollständigen Fabrikregime ausbildet und die schon früher erwähnte Arbeit der Oberaufsicht, damit zugleich die Theilung der Arbeiter in Handarbeiter und Arbeitsaufseher, gemeine Industriesoldaten und Industrieunterofficiere, völlig entwickelt. „Die Hauptschwierigkeit in der automatischen Fabrik bestand in der nothwendigen Disciplin, um die Menschen auf ihre unregelmässigen Gewohnheiten in der Arbeit verzichten zu machen, und sie zu identificiren mit der unveränderlichen Regelmässigkeit des grossen Automaten. Aber einen den Bedürfnissen und der Geschwindigkeit des automatischen Systems entsprechenden Disciplinarcodex zu erfinden und mit Erfolg auszuführen, war ein Unternehmen des Herkules würdig, das ist das edle Werk Arkwright’s! Selbst heut zu Tage, wo das System in seiner ganzen Vollendung organisirt ist, ist es fast unmöglich unter den Arbeitern, die das Alter der Mannbarkeit zurückgelegt haben, nützliche Gehilfen für das automatische System zu finden“214. Der Fabrikcodex, worin das Kapital seine Autokratie über seine Arbeiter, ohne die sonst vom Bürgerthum so beliebte Theilung der Gewalten und das noch beliebtere Repräsentativsystem, privatgesetzlich und eigenherrlich formulirt, ist nur die kapitalistische Karrikatur der gesellschaftlichen Reglung des Arbeitsprozesses, welche mit der Cooperation auf grosser Stufenleiter und der Anwendung gemeinsamer Arbeitsmittel, wie namentlich der Maschinerie, nöthig wird. An die Stelle der Peitsche des Sklaventreibers tritt das Strafbuch des Aufsehers. Alle Strafen lösen sich natürlich auf in Geldstrafen und Lohnabzüge und der gesetzgeberische Scharfsinn der Fabrik-Lykurge macht ihnen die Verletzung ihrer Gesetze wo möglich noch einbringlicher als deren Befolgung215.

Wir deuten nur hin auf die materiellen Bedingungen, unter denen die Fabrikarbeit verrichtet wird. Alle Sinnesorgane werden gleichmässig 216 verletzt durch die künstlich gesteigerte Temperatur, die mit Abfällen des Rohmaterials geschwängerte Atmosphäre, den betäubenden Lärm u. s. w., abgesehn von der Lebensgefahr unter dicht gehäufter Maschinerie, die mit der Regelmässigkeit der Jahreszeiten ihre industriellen Schlachtbülletins producirt. Die Oekonomisirung der gesellschaftlichen Produktionsmittel, erst im Fabriksystem treibhausmässig gereift, wird in der Hand des Kapitals zugleich zum systematischen Raub an den Lebensbedingungen des Arbeiters während der Arbeit, wie an Raum, Luft, Licht und persönlichen Schutzmitteln wider die lebensgefährlichen oder gesundheitswidrigen Umstände des Produktionsprozesses, von Vorrichtungen zur Bequemlichkeit des Arbeiters gar nicht zu sprechen217. Nennt Fourier mit Unrecht die Fabriken „gemäs- 218 sigte Bagnos“219? — Der Kampf zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter beginnt mit dem Kapitalverhältniss selbst. Er tobt fort während der ganzen Manufakturperiode220. Erst seit der Einführung der Maschinerie bekämpft der Arbeiter das Arbeitsmittel selbst, die materielle Existenzweise des Kapitals. Er revoltirt gegen diese bestimmte Form des Produktionsmittels als die materielle Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise.

Ziemlich ganz Europa erlebte während des 17. Jahrhunderts Arbeiterrevolten gegen die s. g. Bandmühle (auch Schnurmühle oder Mühlenstuhl genannt), eine Maschine zum Weben von Bändern und Borten221. Ende des ersten Dritttheils des 17. Jahrhunderts erlag eine 222 Windsägemühle, von einem Holländer in der Nähe Londons angelegt, vor Pöbelexcessen. Noch Anfang des 18. Jahrhunderts überwanden durch Wasser getriebne Sägemaschinen in England nur mühsam den parlamentarisch unterstützten Volkswiderstand. Als Everet 1758 die erste vom Wasser getriebene Maschine zum Wollscheeren erbaut hatte, wurde sie von 100,000 ausser Arbeit gesetzten Menschen in Brand gesteckt. Gegen die scribbling mills und Kardirmaschinen Arkwright’s petitionirten 50,000 Arbeiter, die bisher vom Wollkratzen gelebt, beim Parlament. Die massenhafte Zerstörung von Maschinen in den englischen Manufakturdistrikten während der ersten 15 Jahre des 19. Jahrhunderts, namentlich in Folge der Ausbeutung des Dampfwebstuhls, bot, unter dem Namen der Ludditenbewegung, der Antijakobiner-Regierung eines Sidmouth, Castlereagh u. s. w. den Vorwand zu reaktionärsten Gewaltschritten. Es bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Arbeiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden und 223 daher seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform übertragen lernt224.

Die Kämpfe um den Arbeitslohn innerhalb der Manufaktur setzen die Manufaktur voraus und sind keineswegs gegen ihre Existenz gerichtet. So weit die Bildung der Manufakturen bekämpft wird, geschieht es von den Zunftmeistern und privilegirten Städten, nicht von den Lohnarbeitern. Bei Schriftstellern der Manufakturperiode wird die Theilung der Arbeit daher vorherrschend als Mittel aufgefasst virtuell Arbeiter zu ersetzen, aber nicht wirklich Arbeiter zu verdrängen. Dieser Unterschied ist selbstverständlich. Sagt man z. B., es würden 100 Millionen Menschen in England erheischt sein um mit dem alten Spinnrad die Baumwolle zu verspinnen, die jetzt von 500,000 mit der Maschine versponnen wird, so heisst das natürlich nicht, dass die Maschine den Platz dieser Millionen, die nie existirt haben, einnahm. Es heisst nur, dass viele Millionen Arbeiter erheischt wären, um die Spinnmaschinerie zu ersetzen. Sagt man dagegen, dass der Dampfwebstuhl in England 800,000 Weber auf das Pflaster warf, so spricht man nicht von existirender Maschinerie, die durch eine bestimmte Arbeiterzahl ersetzt werden müsste, sondern von einer existirenden Arbeiterzahl, die faktisch durch Maschinerie ersetzt oder verdrängt worden ist. Während der Manufakturperiode blieb der handwerksmässige Betrieb, wenn auch zerlegt, die Grundlage. Die neuen Kolonialmärkte konnten durch die relativ schwache Anzahl der vom Mittelalter überlieferten städtischen Arbeiter nicht befriedigt werden und die eigentlichen Manufakturen öffneten zugleich dem mit Auflösung der Feudalität von Grund und Boden verjagten Landvolke neue Produktionsgebiete. Damals trat also an der Theilung der Arbeit und der Cooperation in den Werkstätten mehr die positive Seite hervor, dass sie beschäftigte Arbeiter produktiver machen225. Cooperation und Kombination der Arbeitsmittel in den Hän den Weniger rufen, auf die Agrikultur angewandt, zwar grosse, plötzliche und gewaltsame Revolutionen der Produktionsweise und daher der Lebensbedingungen und Beschäftigungsmittel der Landbevölkerung hervor, die zum Theil der Periode der grossen Industrie lang vorhergehn. Aber dieser Kampf spielt ursprünglich mehr zwischen grossen und kleinen Landeigenthümern als zwischen Kapital und Lohnarbeit; andrerseits, soweit Arbeiter durch Arbeitsmittel, Schafe, Pferde u. s. w. verdrängt werden, bilden unmittelbare Gewaltakte hier in erster Instanz die Voraussetzung der industriellen Revolution. Erst werden die Arbeiter vom Grund und Boden verjagt, und dann kommen die Schafe. Der Landdiebstahl auf grosser Stufenleiter, wie in England, schafft der grossen Agrikultur erst ihr Anwendungsfeld. In ihren Anfängen hat diese Umwälzung der Agrikultur daher mehr den Schein einer politischen Revolution.

Als Maschine wird das Arbeitsmittel sofort zum Konkurrenten des Arbeiters selbst226. Die Selbstverwerthung des Kapitals durch die Maschine steht im direkten Verhältniss zur Arbeiterzahl, deren Existenzbedingungen sie vernichtet. Das ganze System der kapitalistischen Produktion beruht darauf, dass der Arbeiter seine Arbeitskraft als Waare verkauft. Die Theilung der Arbeit vereinseitigt diese Arbeitskraft zum ganz partikularisirten Geschick ein Theilwerkzeug zu führen. Sobald die Führung des Werkzeugs der Maschine anheimfällt, erlischt mit dem Gebrauchswerth der Tauschwerth der Arbeitskraft. Der Arbeiter wird unverkäuflich, wie ausser Kurs gesetztes Papiergeld. Der Theil der Arbeiterklasse, den 227 die Maschinerie so in überflüssige, d. h. nicht länger zur Selbstverwerthung des Kapitals unmittelbar nothwendige Bevölkerung verwandelt, geht einerseits unter in dem ungleichen Kampf des alten handwerksmässigen und manufakturmässigen Betriebs wider den maschinenmässigen, überfluthet andrerseits alle leichter zugänglichen Industriezweige, überfüllt den Arbeitsmarkt und senkt daher den Preis der Arbeitskraft unter ihren Werth. Ein grosser Trost für die pauperisirten Arbeiter soll sein, dass ihre Leiden theils nur „zeitlich“ („a temporary inconvenience“), theils dass die Maschinerie sich nur allmälig eines ganzen Produktionsfelds bemächtigt, wodurch Umfang und Intensivität ihrer vernichtenden Wirkung gebrochen werde. Der eine Trost schlägt den andern. Wo die Maschine allmälig ein Produktionsfeld ergreift, producirt sie chronisches Elend in der mit ihr konkurrirenden Arbeiterschichte. Wo der Uebergang rasch, wirkt sie massenhaft und akut. Die Weltgeschichte bietet kein entsetzlicheres Schauspiel als den allmäligen, über Decennien verschleppten, endlich 1838 besiegelten Untergang der englischen Handbaumwollweber. Viele von ihnen starben am Hungertod, viele vegetirten lange mit ihren Familien auf 2½ d. taglich228. Akut dagegen wirkte die englische Baumwollmaschinerie auf Ostindien, dessen Generalgouverneur 1834—35 konstatirte: „Das Elend findet kaum eine Parallele in der Geschichte des Handels. Die Knochen der Baumwollweber bleichen die Ebenen von Indien.“ Allerdings, sofern diese Weber das Zeitliche segneten, bereitete ihnen die Maschine nur „zeitliche Missstände“. Uebrigens ist die „zeitliche“ Wirkung der Maschinerie permanent, indem sie beständig neue Produktionsgebiete ergreift. Die verselbstständigte und entfremdete Gestalt, welche die kapitalistische Produktionsweise überhaupt den Arbeitsbedingungen und dem Arbeitsprodukt gegenüber dem Arbeiter giebt, entwickelt sich also mit der Maschinerie zum vollständigen Gegensatz229. Daher mit ihr zum erstenmal die brutale Revolte des Arbeiters gegen das Arbeitsmittel.

Das Arbeitsmittel erschlägt den Arbeiter. Dieser direkte Gegensatz erscheint allerdings am handgreiflichsten, so oft neu eingeführte Maschinerie konkurrirt mit überliefertem Handwerks- oder Manufakturbetrieb. Aber innerhalb der grossen Industrie selbst wirkt fortwährende Verbesserung der Maschinerie und Entwicklung des automatischen Systems analog „Der beständige Zweck verbesserter Maschinerie ist die Handarbeit zu vermindern oder einen Ring in der Produktionskette der Fabrik durch Substitution eiserner für menschliche Apparate zu vollenden“230. „Die Anwendung von Dampf- und Wasserkraft auf Maschinerie, die bisher mit der Hand bewegt wurde, ist das Ereigniss jeden Tages … Die kleineren Verbesserungen in der Maschinerie, welche Oekonomie der Bewegungskraft, Verbesserung des Machwerks, vermehrte Produktion in derselben Zeit oder Verdrängung eines Kindes, eines Frauenzimmers oder eines Mannes bezwecken, sind constant, und obgleich scheinbar nicht von grossem Gewicht, haben sie dennoch wichtige Resultate“231. „Ueberall, wo eine Operation viel Geschick und eine sichre Hand verlangt, entzieht man sie so schnell als möglich den Armen des zu geschickten und oft zu Unregelmässigkeiten aller Art geneigten Arbeiters, um einen besondern Mechanismus damit zu betrauen, der so gut geregelt ist, dass ein Kind ihn überwachen kann“232. „Im automatischen System wird das Talent des Arbeiters progressiv verdrängt233. „Die Verbesserung der Maschinerie erfordert nicht nur Verminderung in der Anzahl der beschäftigten erwachsnen Arbeiter zur Erzielung eines bestimmten Resultats, sondern sie substituirt eine Klasse von Individuen einer andern Klasse, eine minder geschickte einer geschickteren, Kinder den Erwachsnen, Frauen den Männern. Alle diese Wechsel verursachen beständige Fluktuationen in der Rate des Arbeitslohns234. „Die Maschinerie wirft unaufhörlich Erwachsne aus der Fabrik heraus235. Die ausserordentliche Elasticität des Maschinenwesens in Folge gehäufter praktischer Erfahrung, des schon vorhandnen Umfangs mechanischer Mittel, und des beständigen Fortschritts der Technologie, zeigte uns sein Sturmmarsch unter dem Druck eines verkürzten Arbeitstags. Aber wer hätte 1860, im Zenithjahr der englischen Baumwollindustrie, die galoppirenden Verbesserungen der Maschinerie und die entsprechende Deplacirung von Handarbeit geahnt, welche die drei folgenden Jahre unter dem Stachel des amerikanischen Bürgerkriegs hervorriefen? Von den offiziellen Anführungen der englischen Fabrikinspektoren über diesen Punkt genügen hier ein paar Beispiele. Ein Manchester Fabrikant erklärt: „Statt 75 Kardirmaschinen brauchen wir jetzt nur 12, welche dieselbe Quantität von ebenso guter, wenn nicht besserer Qualität liefern … Die Ersparung an Arbeitslohn beträgt 10 Pfd. St. wöchentlich, die an Baumwollabfall 10 %.“ In einer Manchester Feinspinnerei wurde „vermittelst beschleunigter Bewegung und Einführung verschiedner self-acting Prozesse in einem Departement ¼, in einem über ½ des Arbeiterpersonals beseitigt, während die Kämmmaschine an der Stelle der zweiten Kardirmaschine die Zahl der früher im Kardirraum beschäftigten Hände sehr vermindert hat.“ Eine andre Spinnfabrik schätzt ihre allgemeine Ersparung von „Händen“ auf 10 %. Die Herren Gilmore, Spinner zu Manchester, erklären: „In unsrem blowing Departement schätzen wir die in Folge neuer Maschinerie gemachte Ersparung an Händen und Arbeitslohn auf ein volles Drittel … in dem jack frame und drawing frame room ungefähr ⅓ weniger in Auslage und Händen; im Spinnraum ungefähr ⅓ weniger in Auslage. Aber das ist nicht alles; wenn unser Garn jetzt zum Weber geht, ist es so sehr verbessert durch die Anwendung der neuen Maschinerie, dass sie mehr und besseres Gewebe als mit dem alten Maschinengarn produciren“236. Fabrikinspektor A. Redgrave bemerkt hierzu: „Die Verminderung der Arbeiter bei gesteigerter Produktion schreitet rasch vorwärts; in den Wollfabriken begann kürzlich eine neue Reduktion der Hände, und sie dauert fort; vor wenigen Tagen sagte mir ein Schulmeister, der bei Rochdale wohnt, die grosse Abnahme in den Mädchenschulen sei nicht nur dem Druck der Krise geschuldet, sondern auch den Aenderungen in der Maschinerie der Wollfabrik, in Folge deren eine Durchschnittsreduktion von 70 Halbzeitlern stattgefunden“237.

Die Maschinerie wirkt jedoch nicht nur als übermächtiger Konkurrent, stets auf dem Sprung den Lohnarbeiter „überflüssig“ zu machen. Als ihm feindliche Potenz wird sie laut und tendenziell vom Kapital proklamirt und gehandhabt. Sie wird das machtvollste Kriegsmittel zur Niederschlagung der periodischen Arbeiteraufstände, strikes u. s. w. wider die Autokratie des Kapitals238. Nach Gaskell war gleich die Dampfmaschine ein Antagonist der „Menschenkraft“, der den Kapitalisten befähigte die steigenden Ansprüche der Arbeiter niederzuschmettern, die das beginnende Fabriksystem zur Krise zu treiben drohten239. Man könnte eine ganze Geschichte der Erfindungen seit 1830 schreiben, die bloss als Kriegsmittel des Kapitals wider Arbeiteremeuten ins Leben traten. Wir erinnern vor allem an die selfacting mule, weil sie eine neue Epoche des automatischen Systems eröffnet240. Ure sagt von einer Maschine zum Farbendruck in den Kattundruckereien: „Endlich suchten sich die Kapitalisten von dieser unerträglichen Sklaverei (nämlich den ihnen lästigen Kontraktsbedingungen der Arbeiter) zu befreien, indem sie die Hilfsquellen der Wissenschaft anriefen, und bald waren sie reintegrirt in ihre legitimen Rechte, die des Kopfes über die andern Körpertheile.“ Er sagt von einer Erfindung zum Kettenschlichten, deren unmittelbarer Anlass ein strike: „Die Horde der Unzufriednen, die sich hinter den alten Linien der Theilung der Arbeit unbesiegbar verschanzt wähnte, sah sich so in die Flanke genommen und ihre Vertheidigungsmittel vernichtet durch die moderne Taktik der Maschinisten. Sie mussten sich auf Gnade und Ungnade ergeben.“ Er sagt von der Erfindung der selfácting mule: „Sie war berufen die Ordnung unter den industriellen Klassen wieder herzustellen … Diese Erfindung bestätigt die von uns bereits entwickelte Doktrin, dass das Kapital, indem es die Wissenschaft in seinen Dienst presst, stets die rebellische Hand der Industrie zum Gehorsam zwingt241. Obgleich Ure’s Schrift vor 30 Jahren erschien, also zur Zeit eines relativ noch schwach entwickelten Fabriksystems, bleibt sie der klassische Ausdruck des Fabrikgeists, nicht nur wegen ihres offenherzigen Cynismus, sondern auch wegen der Naivetät, womit er die gedankenlosen Widersprüche des Kapitalhirns ausplaudert. Nachdem er z. B. die „Doktrin“ entwickelt, dass das Kapital mit Hilfe der von ihm in Sold genommenen Wissenschaft „stets die rebellische Hand der Industrie zum Gehorsam zwingt“, entrüstet er sich darüber, „dass man von gewisser Seite die mechanisch-physische Wissenschaft anklagt, sich dem Despotismus reicher Kapitalisten zu leihen und zum Unterdrückungsmittel der armen Klassen herzugeben.“ Nachdem er weit und breit gepredigt, wie vortheilhaft rasche Entwicklung der Maschinerie den Arbeitern, warnt er sie, dass sie durch ihre Widersetzlichkeit, Strikes u. s. w., die Entwicklung der Maschinerie beschleunigen. „Derartige Revolten“, sagt er, „zeigen die menschliche Verblendung in ihrem verächtlichsten Charakter, dem Charakter eines Menschen, der sich zu seinem eignen Henker macht.“ Wenige Seiten vorher heisst es umgekehrt: „Ohne die Kollisionen und heftigen Unterbrechungen, verursacht durch die irrigen Ansichten der Arbeiter, hätte sich das Fabriksystem noch viel rascher entwickelt und viel nützlicher für alle interessirten Parteien.“ Dann ruft er wieder aus: „Zum Glück für die Bevölkerung der Fabrikstädte Grossbritaniens finden die Verbesserungen in der Mechanik nur allmälig statt.“ „Mit Unrecht“, sagt er, „klagt man die Maschinen an, dass sie den Arbeitslohn der Erwachsnen vermindern, indem sie einen Theil derselben deplaciren, wodurch ihre Anzahl das Bedürfniss nach Arbeit übersteigt. Aber es findet vermehrte Anwendung der Kinderarbeit statt und der Gewinn der Erwachsnen ist dadurch um so beträchtlicher.“ Derselbe Trostspender vertheidigt andrerseits die Niedrigkeit der Kinderlöhne damit, dass „sie die Aeltern abhalten ihre Kinder zu früh in die Fabriken zu schicken.“ Sein ganzes Buch ist eine Apologie des unbeschränkten Arbeitstags und es erinnert seine liberale Seele an die dunkelsten Zeiten des Mittelalters, wenn die Gesetzgebung verbietet Kinder von 13 Jahren mehr als 12 Stunden per Tag abzurackern. Diess hält ihn nicht ab die Fabrikarbeiter zu einem Dankgebet an die Vorsehung aufzufordern, die ihnen durch die Maschinerie „die Musse verschafft habe über ihre unsterblichen Interessen nachzudenken“242.

Eine ganze Reihe bürgerlicher Oekonomen, wie James Mill, Mac Culloch, Torrens, Senior, J. St. Mill u. s. w., behauptet, dass alle Maschinerie, die Arbeiter verdrängt, stets gleichzeitig und nothwendig ein adäquates Kapital zur Beschäftigung derselben identischen Arbeiter freisetzt243.

Man unterstelle, ein Kapitalist wende 100 Arbeiter an z. B. in einer Tapetenmanufaktur, den Mann zu 30 Pfd. St. jährlich. Das von ihm jährlich ausgelegte variable Kapital beträgt also 3000 Pfd. St. Er entlasse 50 Arbeiter und beschäftige die übrigbleibenden 50 mit einer Maschinerie, die ihm 1500 Pfd. St. kostet. Der Vereinfachung halber wird von Baulichkeiten, Kohlen u. s. w. abgesehn. Man nimmt ferner an, das jährlich verzehrte Rohmaterial koste nach wie vor 3000 Pfd. St.244. Ist durch diese Metamorphose irgend ein Kapital „freigesetzt“? In der alten Betriebsweise bestand die ausgelegte Gesammtsumme von 6000 Pfd. St. halb aus constantem und halb aus variablem Kapital. Sie besteht jetzt aus 4500 Pfd. St. (3000 Pfd. St. für Rohmaterial und 1500 Pfd. St. für Maschinerie) constantem und 1500 Pfd. St. variablem Kapital. Statt der Hälfte bildet der variable oder in lebendige Arbeitskraft umgesetzte Kapitaltheil nur noch ¼ des Gesammtkapitals. Statt der Freisetzung findet hier Bindung von Kapital in einer Form statt, worin es aufhört sich gegen Arbeitskraft auszutauschen, d. h. Verwandlung von variablem in constantes Kapital. Das Kapital von 6000 Pfd. St. kann, unter sonst gleichbleibenden Umständen, jetzt niemals mehr als 50 Arbeiter beschäftigen. Mit jeder Verbesserung der Maschinerie beschäftigt es weniger. Kostete die neu eingeführte Maschinerie weniger als die Summe der von ihr verdrängten Arbeitskraft und Arbeitswerkzeuge, also z. B. statt 1500 nur 1000 Pfd. St., so würde ein variables Kapital von 1000 Pfd. St. in constantes verwandelt oder gebunden, während ein Kapital von 500 Pfd. St. freigesetzt würde. Letzteres, denselben Jahreslohn unter stellt, bildet einen Beschäftigungsfonds für ungefähr 16 Arbeiter, während 50 entlassen sind, ja für viel weniger als 16 Arbeiter, da die 500 Pfd. St. zu ihrer Verwandlung in Kapital wieder zum Theil in constantes Kapital verwandelt werden müssen, also auch nur zum Theil in Arbeitskraft umgesetzt werden können.

In der That meinen jene Apologeten auch nicht diese Art Freisetzung von Kapital. Sie meinen die Lebensmittel der freigesetzten Arbeiter. Es kann nicht geläugnet werden, dass im obigen Fall z. B. die Maschinerie nicht nur 50 Arbeiter freisetzt und dadurch „disponibel“ macht, sondern zugleich ihren Zusammenhang mit Lebensmitteln zum Werth von 1500 Pfd. St. aufhebt und so diese Lebensmittel „freisetzt“. Die einfache und keineswegs neue Thatsache, dass die Maschinerie den Arbeiter von Lebensmitteln freisetzt, lautet also ökonomisch, dass die Maschinerie Lebensmittel für den Arbeiter freisetzt oder in Kapital zu seiner Anwendung verwandelt. Man sieht, es kommt alles auf die Ausdrucksweise an. Nominibus mollire licet mala.

Die Lebensmittel zum Betrag von 1500 Pfd. St. standen den entlassnen Arbeitern niemals als Kapital gegenüber. Was ihnen als Kapital gegenüberstand, waren die jetzt in Maschinerie verwandelten 1500 Pfd. St. Näher betrachtet repräsentirten diese 1500 Pfd. St. nur einen Theil der vermittelst der entlassnen 50 Arbeiter jährlich producirten Tapeten, die sie in Geldform statt in natura von ihrem Anwender zum Lohn erhielten. Mit den in 1500 Pfd. St. verwandelten Tapeten kauften sie Lebensmittel zu demselben Betrag. Diese existirten für sie daher nicht als Kapital, sondern als Waaren, und sie selbst existirten für diese Waaren nicht als Lohnarbeiter, sondern als Käufer. Der Umstand, dass die Maschinerie sie von Kaufmitteln „freigesetzt“ hat, verwandelt sie aus Käufern in Nicht-Käufer. Daher verminderte Nachfrage für jene Waaren. Voilà tout. Wird diese verminderte Nachfrage nicht durch vermehrte Nachfrage von anderer Seite kompensirt, so sinkt der Marktpreis der Waaren. Dauert diess länger und in grössrem Umfange, so erfolgt ein Deplacement der in der Produktion jener Waaren beschäftigten Arbeiter. Ein Theil des Kapitals, das früher nothwendige Lebensmittel producirte, wird in anderer Form reproducirt. Während des Falls der Marktpreise und des Deplacements von Kapital, werden auch die in der Produktion der nothwendigen Lebensmittel beschäftigten Arbeiter von einem Theil ihres Lohns „freigesetzt“. Statt also zu beweisen, dass die Maschinerie durch die Freisetzung der Arbeiter von Lebensmitteln letztre gleichzeitig in Kapital zur Anwendung der erstern verwandelt, beweist der Herr Apologet mit dem probaten Gesetz von Nachfrage und Zufuhr umgekehrt, dass die Maschinerie nicht nur in dem Produktionszweig, worin sie eingeführt, sondern auch in den Produktionszweigen, worin sie nicht eingeführt wird, Arbeiter aufs Pflaster wirft.

Ausser der guten Absicht der Vertuschung liegt jener abgeschmackten Kompensationstheorie zu Grunde, erstens, dass die Maschinerie früher gebundne Arbeitskraft freisetzt, und falls zuschüssiges Kapital nach Anlage drängt, ihm mit der disponiblen Arbeitskraft gleichzeitig disponibel gemachte Lebensmittel zur Verfügung stellt. Aber die Maschinerie deplacirt nicht nur die zunächst „überzählig“ gemachten, sondern zugleich den neuen Menschenstrom, der jedem Industriezweig sein Kontingent zum regelmässigen Ersatz und Wachsthum liefert. Diese Ersatzmannschaft wird neu vertheilt und in andern Arbeitszweigen absorbirt, während die ursprünglichen Opfer grossentheils in der Uebergangsperiode verkommen und verkümmern. Zudem ist ihre Arbeitskraft durch die Theilung der Arbeit so vereinseitigt, dass sie nur in wenigen und daher beständig überfüllten niedrigen Arbeitszweigen Zugang finden245. Zweitens aber wird die unzweifelhafte Thatsache ausgesprochen, dass die Maschinerie an sich nicht verantwortlich ist für die „Freisetzung“ der Arbeiter von Lebensmitteln. Sie verwohlfeilert und vermehrt das Produkt in dem Zweig, den sie ergreift, und lässt die in andern Industriezweigen producirte Lebensmittel-Masse zunächst unverändert. Nach wie vor ihrer Einführung besitzt die Gesellschaft also gleichviel oder mehr Lebensmittel für die deplacirten Arbeiter, ganz abgesehen von dem enormen Theil des jährlichen Produkts, der von Nichtarbeitern vergeudet wird. Und diess ist die Pointe der ökonomistischen Apologetik! Die von der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie untrennbaren Widersprüche und Antagonismen existiren nicht, weil sie nicht aus der Maschinerie selbst erwachsen, sondern aus ihrer kapitalistischen Anwendung! Da also die Maschinerie an sich betrachtet die Arbeitszeit verkürzt, während sie kapitalistisch angewandt den Arbeitstag verlängert, an sich die Arbeit erleichtert, kapitalistisch angewandt ihre Intensivität steigert, an sich ein Sieg des Menschen über die Naturkraft ist, kapitalistisch angewandt den Menschen durch die Naturkraft unterjocht, an sich den Reichthum des Producenten vermehrt, kapitalistisch angewandt ihn verpaupert u. s. w., erklärt der bürgerliche Oekonom einfach, das Ansichbetrachten der Maschinerie beweise haarscharf, dass alle jene handgreiflichen Widersprüche blosser Schein der gemeinen Wirklichkeit, aber an sich, also auch in der Theorie, gar nicht vorhanden sind. Er spart sich so alles weitere Kopfbrechen und bürdet seinem Gegner obendrein die Dummheit auf, nicht die kapitalistische Anwendung der Maschinerie zu bekämpfen, sondern die Maschinerie selbst246.

Da jedes Maschinenprodukt, z. B. eine Elle Maschinengeweb, wohlfeiler ist als das von ihm verdrängte gleichartige Handprodukt, folgt als absolutes Gesetz: Bleibt das Gesammtquantum des maschinenmässig producirten Artikels gleich dem Gesammtquantum des von ihm ersetzten handwerks- oder manufakturmässig producirten Artikels, so vermindert sich die Gesammtsumme der angewandten Arbeit. Die etwa zur Produktion der Arbeitsmittel selbst, der Maschinerie, Kohle u. s. w., erheischte Arbeitszunahme muss kleiner sein als die durch Anwendung der Maschinerie bewirkte Arbeitsabnahme. Das Maschinenprodukt wäre sonst eben so theuer oder theurer als das Handprodukt. Statt aber gleich zu bleiben, wächst thatsächlich die Gesammtmasse des von einer verminderten Arbeiteranzahl producirten Maschinenartikels weit über die Gesammtmasse des verdrängten Handwerksartikels. Gesetzt 400,000 Ellen Maschinengeweb würden von weniger Arbeitern producirt als 100,000 Ellen Handgeweb. In dem vervierfachten Produkt steckt viermal mehr Rohmaterial. Die Produktion des Rohmaterials muss also vervierfacht werden. Was aber die verzehrten Arbeitsmittel, wie Baulichkeiten, Kohlen, Maschinen u. s. w. betrifft, so ändert sich die Grenze, innerhalb deren die zu ihrer Produktion erheischte zusätzliche Arbeit wachsen kann, mit der Differenz zwischen der Masse des Maschinenprodukts und der Masse des von derselben Arbeiterzahl herstellbaren Handprodukts.

Mit der Ausdehnung des Maschinenbetriebs in einem Industriezweig steigert sich also zunächst die Produktion in den andern Zweigen, die ihm seine Produktionsmittel liefern. Wie weit dadurch die beschäftigte Arbeitermasse wächst, hängt, Länge des Arbeitstags und Intensivität der Arbeit gegeben, von der Zusammensetzung der verwandten Kapitale ab, d. h. vom Verhältniss ihrer constanten und variablen Bestandtheile. Diess Verhältniss seinerseits variirt sehr mit dem Umfang, worin die Maschinerie jene Gewerbe selbst schon ergriffen hat oder ergreift. Die Anzahl zu Kohlen- und Metallbergwerken verurtheilter Menschen schwoll ungeheuer mit dem Fortschritt des englischen Maschinenwesens, obgleich ihr Anwachs in den letzten Decennien durch Gebrauch neuer Maschinerie für den Bergbau verlangsamt wird247. Eine neue Arbeiterart springt mit der Maschine ins Leben, ihr Producent. Wir wissen bereits, dass der Maschinenbetrieb sich dieses Produktionszweigs selbst auf stets massenhafterer Stufenleiter be mächtigt248. Was ferner das Rohmaterial betrifft249, so unterliegt es z. B. keinem Zweifel, dass der Sturmmarsch der Baumwollspinnerei den Baumwollbau der Vereinigten Staaten und mit ihm nicht nur den afrikanischen Sklavenhandel treibhausmässig förderte, sondern zugleich die Negerzucht zum Hauptgeschäft der sogenannten Border slaves states machte. Als 1790 der erste Sklavencensus in den Vereinigten Staaten aufgenommen ward, betrug ihre Zahl 697,000, dagegen 1861 ungefähr vier Millionen. Andrerseits ist es nicht minder gewiss, dass das Aufblühen der mechanischen Wollfabrik mit der progressiven Verwandlung von Ackerland in Schafweide die massenhafte Verjagung und „Ueberzähligmachung“ der Landarbeiter hervorrief. Irland untergeht noch in diesem Augenblick den Prozess, seine seit 20 Jahren beinahe um die Hälfte verkürzte Bevölkerung noch weiter auf das dem Bedürfniss seiner Landlords und der englischen Herrn Wollfabrikanten exakt entsprechende Mass zu reduciren.

Ergreift die Maschinerie eine Vor- oder Zwischenstufe des Gesammtcursus, den ein Arbeitsgegenstand bis zu seiner letzten Form zu durchlaufen hat, so vermehrt sich mit dem Arbeitsmaterial die Arbeitsnachfrage in den noch handwerks- oder manufakturmässig betriebnen Gewerken, welche das Maschinenfabrikat weiter formen. Die Maschinenspinnerei z. B. lieferte das Garn so wohlfeil und so reichlich, dass die Handweber zunächst, ohne vermehrte Auslage, volle Zeit arbeiten konnten. So stieg ihr Einkommen250. Daher Menschenzufluss in die Baumwollweberei, bis schliesslich die von Jenny, Throstle und Mule in England z. B. ins Leben gerufenen 800,000 Baumwollweber wieder vom Dampfwebstuhl erschlagen wurden. So wächst mit dem Ueberfluss der maschinenmässig producirten Kleidungsstoffe die Zahl der Schneider, Kleidermacherinnen, Nähterinnen u. s. w., bis die Nähmaschine erscheint.

Entsprechend der steigenden Masse von Rohstoffen, Halbfabrikaten, Arbeitsinstrumenten u. s. w., die der Maschinenbetrieb mit relativ geringer Arbeiterzahl liefert, differenzirt sich die Bearbeitung dieser Rohstoffe und Halbfabrikate in zahllose Unterarten, also die Mannigfaltigkeit der gesellschaftlichen Produktionszweige. Der Maschinenbetrieb vermehrt die gesellschaftliche Theilung der Arbeit weit mehr als die Manufaktur, weil er die Produktivkraft der von ihm ergriffenen Gewerbe ungleich höher spannt.

Das nächste Resultat der Maschinerie ist den Mehrwerth und zugleich die Produktenmasse, worin er sich darstellt, also mit der Substanz, wovon die Kapitalistenklasse sammt Anhang zehrt, diese Gesellschaftsschichten selbst zu vergrössern. Ihr wachsender Reichthum und die relativ beständig fallende Anzahl der zur Produktion der ersten Lebensmittel erheischten Arbeiter, erzeugen mit neuem Luxusbedürfniss zugleich neue Mittel seiner Befriedigung. Ein grösserer Theil des gesellschaftlichen Produkts verwandelt sich in Surplusprodukt und ein grösserer Theil des Surplusprodukts wird in verfeinerten und vermannigfachten Formen reproducirt und verzehrt. In andern Worten: Die Luxusproduktion wächst251. Die Verfeinerung und Vermannigfachung der Produkte entspringt ebenso aus den neuen weltmarktlichen Beziehungen, welche die grosse Industrie schafft. Es werden nicht nur mehr ausländische Genussmittel gegen das heimische Produkt ausgetauscht, sondern es geht auch eine grössere Masse fremder Rohstoffe, Ingredienzen, Halbfabrikate u. s. w. als Produktionsmittel in die heimische Industrie ein. Mit denselben weltmarktlichen Beziehungen steigt die Arbeitsnachfrage in der Transportindustrie und spaltet sich letztere in zahlreiche neue Unterarten252.

Die Vermehrung von Produktions- und Lebensmitteln durch relativ abnehmende Arbeiterzahl treibt zur Ausdehnung der Arbeit in Industriezweigen, deren Produkte, wie Kanäle, Waarendocks, Tunnels, Brücken u. s. w. nur in fernerer Zukunft Früchte tragen. Es bilden sich, entweder direkt auf der Grundlage der Maschinerie, oder doch der ihr entsprechenden allgemeinen industriellen Umwälzung, ganz neue Produktionszweige und daher neue Arbeitsfelder. Ihr Raumantheil an der Gesammtproduktion ist jedoch selbst in den meist entwickelten Ländern keineswegs bedeutend. Die Anzahl der von ihnen beschäftigten Arbeiter steigt im direkten Verhältniss, worin die Nothwendigkeit rohster Handarbeit reproducirt wird. Als Hauptindustrieen dieser Art kann man gegenwärtig Gaswerke, Telegraphie, Photographie, Dampfschifffahrt und Eisenbahnwesen betrachten. Der Census von 1861 (für England und Wales) ergiebt in der Gasindustrie (Gaswerke, Produktion der mechanischen Apparate, Agenten der Gascompagnien u. s. w.) 15,211 Personen, Telegraphie 2399, Photographie 2366, Dampfschiffdienst 3570 und Eisenbahnen 70,599, worunter ungefähr 28,000 mehr oder minder permanent beschäftigte „ungeschickte“ Erdarbeiter nebst dem ganzen administrativen und kommerciellen Personal. Also Gesammtzahl der Individuen in diesen fünf neuen Industrieen 94,145.

Endlich erlaubt die ausserordentlich erhöhte Produktivkraft in den Sphären der grossen Industrie, begleitet, wie sie ist, von intensiv und extensiv gesteigerter Ausbeutung der Arbeitskraft in allen übrigen Produktionssphären, einen stets grösseren Theil der Arbeiterklasse unproduktiv zu verwenden und so namentlich die alten Haussklaven unter dem Namen der „dienenden Klasse“, wie Bediente, Mägde, Lakaien u. s. w., stets massenhafter zu reproduciren. Nach dem Census von 1861 zählte die Gesammtbevölkerung von England und Wales 20,066,244 Personen, wovon 9,776,259 männlich und 10,289,965 weiblich. Zieht man hiervon ab, was zu alt oder zu jung zur Arbeit, alle „unproduktiven“ Weiber, jungen Personen und Kinder, dann die „ideologischen“ Stände, wie Regierung, Pfaffen, Juristen, Militär u. s. w., ferner alle, deren ausschliessliches Geschäft der Verzehr fremder Arbeit in der Form von Grundrente, Zins u. s. w., endlich Paupers, Vagabunden, Verbrecher u. s. w., so bleiben in rauher Zahl 8 Millionen beiderlei Geschlechts und der verschiedensten Altersstufen, mit Einschluss sämmtlicher irgendwie in der Produktion, dem Handel, der Finanz u. s. w. funktionirenden Kapitalisten. Von diesen 8 Millionen kommen auf:

  • Ackerbauarbeiter (mit Einschluss der Hirten und bei Pächtern wohnenden Ackersknechte und Mägde) . . . . . . . . . . . 1,098,261 Personen.
  • Alle in Baumwoll-, Woll-, Worsted-, Flachs-, Hanf-, Seide-, Jutefabriken und in der mechanischen Strumpfwirkerei und Spitzenfabrikation Beschäftigten . . . . . . . . . 642,607253
  • Alle in Kohlen- und Metallbergwerken Beschäftigten . . . . . . . . . . . . . 565,835 „
  • In sämmtlichen Metallwerken (Hochöfen, Walzwerke u. s. w.) und Metallmanufakturen aller Art Beschäftigte . . . . . . . . . 396,998254
  • Dienende Klasse . . . . . . . . . . . 1,208,648255

Rechnen wir die in allen textilen Fabriken Beschäftigten zusammen mit dem Personal der Kohlen- und Metallbergwerke, so erhalten wir 1,208,442; rechnen wir sie zusammen mit dem Personal aller Metall-Werke und Manufakturen, so die Gesammtzahl 1,039,605, beidemal kleiner als die Zahl der modernen Haussklaven. Welch erhebendes Resultat der kapitalistisch exploitirten Maschinerie!

Alle zurechnungsfähigen Repräsentanten der politischen Oekonomie geben zu, dass neue Einführung der Maschinerie pestartig wirkt auf die Arbeiter in den überlieferten Handwerken und Manufakturen, womit sie zunächst konkurrirt. Fast alle beächzen die Sklaverei des Fabrikarbeiters. Und was ist der grosse Trumpf, den alle ausspielen? Dass die Maschinerie, nach der Tortur, wovon ihre Einführung und ihre Entwicklung begleitet sind, die Arbeitssklaven in letzter Instanz vermehrt, statt sie schliesslich zu vermindern! Ja, die politische Oekonomie jubelt sich aus in dem abscheulichen Theorem, abscheulich für jeden „Philanthrop“, der an die ewige Naturnothwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise glaubt, dass selbst die bereits auf Maschinenbetrieb begründete Fabrik, nach bestimmter Periode des Wachsthums, nach kürzerer oder längerer „Uebergangszeit“, mehr Arbeiter abplackt als sie ursprünglich aufs Pflaster warf256!

Zwar zeigte sich schon an einigen Beispielen, z. B. den englischen Worsted- und Seidenfabriken, dass auf einem gewissen Entwicklungsgrad ausserordentliche Ausdehnung von Fabrikzweigen mit nicht nur relativer, sondern absoluter Abnahme der angewandten Arbeiteranzahl verbunden sein kann. Im Jahr 1860, als ein Specialcensus aller Fabriken des Vereinigten Königreichs auf Befehl des Parlaments aufgenommen ward, zählte die dem Fabrikinspektor R. Baker zugewiesne Abtheilung der Fabrikdistrikte von Lancashire, Cheshire und Yorkshire 652 Fabriken; von diesen enthielten 570: Dampfwebstühle 85,622, Spindeln (mit Ausschluss der Dublirspindeln) 6,819,146, Pferdekraft in Dampfmaschinen 27,439, in Wasserrädern 1390, beschäftigte Personen 94,119. Im Jahr 1865 dagegen enthielten dieselben Fabriken: Webstühle 95,163, Spindeln 7,025,031, Pferdekraft in Dampfmaschinen 28,925, in Wasserrädern 1445, beschäftigte Personen 88,913. Von 1860 bis 1865 betrug also die Zu nahme dieser Fabriken an Dampfwebstühlen 11 %, an Spindeln 3 %, an Dampfpferdekraft 5 %, während gleichzeitig die Zahl der beschäftigten Personen um 5,5 % abnahm257. Zwischen 1852 und 1862 fand beträchtliches Wachsthum der englischen Wollfabrikation statt, während die Zahl der angewandten Arbeiter beinahe stationär blieb. „Diess zeigt, in wie grossem Masse neu eingeführte Maschinerie die Arbeit vorhergehender Perioden verdrängt hatte“258. In empirisch gegebnen Fällen ist die Zunahme der beschäftigten Fabrikarbeiter oft nur scheinbar, d. h. nicht der Ausdehnung der bereits auf Maschinenbetrieb beruhenden Fabrik geschuldet, sondern der allmäligen Annexation von Nebenzweigen. Z. B. „die Zunahme der mechanischen Webstühle und der durch sie beschäftigten Fabrikarbeiter von 1838—1858 war in der (britischen) Baumwollfabrik einfach der Ausdehnung dieses Geschäftszweigs geschuldet; in den andern Fabriken dagegen der Neuanwendung von Dampfkraft auf den Teppich-, Band-, Leinenwebstuhl u. s. w., die vorher durch menschliche Muskelkraft getrieben wurden“259. Die Zunahme dieser Fabrikarbeiter war also nur der Ausdruck einer Abnahme in der Gesammtzahl der beschäftigten Arbeiter. Es wird hier endlich ganz davon abgesehen, dass überall, mit Ausnahme der Metallfabriken, jugendliche Arbeiter (unter 18 Jahren), Weiber und Kinder das weit vorwiegende Element des Fabrikpersonals bilden.

Man begreift jedoch, trotz der vom Maschinenbetrieb faktisch verdrängten und virtuell ersetzten Arbeitermasse, wie mit seinem eignen Wachsthum, ausgedrückt in vermehrter Anzahl von Fabriken derselben Art oder den erweiterten Dimensionen vorhandner Fabriken, die Fabrikarbeiter schliesslich zahlreicher sein können als die von ihnen verdrängten Manufakturarbeiter oder Handwerker. Das wöchentlich angewandte Kapital von 500 Pfd. St. bestehe z. B. in der alten Betriebsweise aus ⅖ constantem und ⅗ variablem Bestandtheil, d. h. 200 Pfd. St. seien in Produktionsmitteln ausgelegt, 300 Pfd. St. in Arbeitskraft, sage 1 Pfd. St. per Arbeiter. Mit dem Maschinenbetrieb verwandelt sich die Zusammensetzung des Gesammtkapitals. Es zerfällt jetzt z. B. in ⅘ constanten und ⅕ variablen Bestandtheil, oder es werden nur noch 100 Pfd. St. in Arbeitskraft ausgelegt. Zwei Drittel der früher beschäftigten Arbeiter werden also entlassen. Dehnt sich dieser Fabrikbetrieb aus und wächst, bei sonst gleichbleibenden Produktionsbedingungen, das angewandte Gesammtkapital von 500 auf 1500, so werden jetzt 300 Arbeiter beschäftigt, so viele wie vor der industriellen Revolution. Wächst das angewandte Kapital weiter auf 2000, so werden 400 Arbeiter beschäftigt, also ⅓ mehr als mit der alten Betriebsweise. Absolut ist die angewandte Arbeiterzahl um 100 gestiegen, relativ, d. h. im Verhältniss zum vorgeschossnen Gesammtkapital, ist sie um 800 gefallen, denn das Kapital von 2000 Pfd. St. hätte in der alten Betriebsweise 1200 statt 400 Arbeiter beschäftigt. Relative Abnahme der beschäftigten Arbeiterzahl verträgt sich also mit ihrer absoluten Zunahme. Es wurde oben angenommen, dass mit dem Wachsthum des Gesammtkapitals seine Zusammensetzung constant bleibt, weil die Produktionsbedingungen. Man weiss aber bereits, dass mit jedem Fortschritt des Maschinenwesens der constante, aus Maschinerie, Rohmaterial u. s. w. bestehende Kapitaltheil wächst, während der variable, in Arbeitskraft ausgelegte fällt, und man weiss zugleich, dass in keiner Betriebsweise die Verbesserung so constant, daher die Zusammensetzung des Gesammtkapitals so variabel ist. Dieser beständige Wechsel ist aber ebenso beständig unterbrochen durch Ruhepunkte und bloss quantitative Ausdehnung auf gegebner technologischer Grundlage. Damit wächst die Anzahl der beschäftigten Arbeiter. So betrug die Anzahl aller Arbeiter in den Baumwoll-, Woll-, Worsted-, Flachs- und Seidenfabriken des Vereinigten Königreichs 1835 nur 354,684, während 1861 allein die Zahl der Dampfweber (beiderlei Geschlechts und der verschiedensten Altersstufen vom 8. Jahr an) 230,654 betrug. Allerdings erscheint diess Wachsthum minder gross, wenn man erwägt, dass die britischen Handbaumwollweber mit den von ihnen selbst beschäftigten Familien 1838 noch 800,000 zählten260, ganz abgesehn von den in Asien und auf dem europäischen Kontinent Deplacirten.

In den wenigen Bemerkungen, die über diesen Punkt noch zu machen, berühren wir zum Theil rein thatsächlich, so zu sagen exoterisch, Verhältnisse, wozu unsre theoretische Darstellung selbst noch nicht geführt hat.

So lange sich der Maschinenbetrieb in einem Industriezweig auf Kosten des überlieferten Handwerks oder der Manufaktur ausdehnt, sind seine Erfolge so sicher, wie etwa der Erfolg einer mit dem Zündnadelgewehr bewaffneten Armee gegen eine Armee von Bogenschützen wäre. Diese erste Periode, worin die Maschine erst ihren Wirkungskreis erobert, ist entscheidend wichtig wegen der ausserordentlichen Profite, die sie produciren hilft. Diese bilden nicht nur an und für sich eine Quelle beschleunigter Akkumulation, sondern ziehn grossen Theil des beständig neugebildeten und nach neuer Anlage drängenden gesellschaftlichen Zusatzkapitals in die begünstigte Produktionssphäre. Die besondern Vortheile der ersten Sturm- und Drangperiode wiederholen sich beständig in den Produktionszweigen, worin die Maschinerie neu eingeführt wird. Sobald aber das Fabrikwesen eine gewisse Breite des Daseins und bestimmten Reifegrad gewonnen hat, sobald namentlich seine eigne technologische Grundlage, die Maschinerie, selbst wieder durch Maschinen producirt wird, sobald Kohlen- und Eisengewinnung, wie die Verarbeitung der Metalle und das Transportwesen revolutionirt, überhaupt die der grossen Industrie entsprechenden allgemeinen Produktionsbedingungen hergestellt sind, erwirbt diese Betriebsweise eine Elasticität, eine plötzliche sprungweise Ausdehnungsfähigkeit, die nur an dem Rohmaterial und dem Absatzmarkt Schranken findet. Die Maschinerie bewirkt einerseits direkte Vermehrung des Rohmaterials, wie z. B. der cotton gin die Baumwollproduktion vermehrte261. Andrerseits sind Wohlfeilheit des Maschinenprodukts und das umgewälzte Transport- und Kommunikationswesen Waffen zur Eroberung fremder Märkte. Durch den Ruin ihres handwerks- 262 mässigen Produkts verwandelt der Maschinenbetrieb sie zwangsweise in Produktionsfelder seines Rohmaterials. So wurde Ostindien zur Produktion von Baumwolle, Wolle, Hanf, Jute, Indigo u. s. w. für Grossbritanien gezwungen263. Die beständige „Ueberzähligmachung“ der Arbeiter in den Ländern der grossen Industrie befördert treibhausmässige Auswanderung und Kolonisation fremder Länder, die sich in Pflanzstätten für das Rohmaterial des Mutterlands verwandeln, wie Australien z. B. in eine Pflanzstätte von Wolle264. Es wird eine neue, den Hauptsitzen des Maschinenbetriebs entsprechende internationale Theilung der Arbeit geschaffen, die einen Theil des Erdballs in vorzugsweis agrikoles Produktionsfeld für den andern als vorzugsweis industrielles Produktionsfeld umwandelt. Diese Revolution hängt zusammen mit Umwälzungen in der Agrikultur, die hier noch nicht weiter zu erörtern sind265.

Die ungeheure, stossweise Ausdehnbarkeit des Fabrikwesens und seine Abhängigkeit vom Weltmarkt erzeugen nothwendig fieberhafte Produktion und darauf folgende Ueberfüllung der Märkte, mit deren Kontraktion Lähmung eintritt. Das Leben der Industrie verwandelt sich in eine Reihenfolge von Perioden mittlerer Lebendigkeit, Prosperität, Ueberproduktion, Krise und Stagnation. Die Unsicherheit und Unstätigkeit, denen der Maschinenbetrieb die Beschäftigung und damit die Lebenslage des Arbeiters unterwirft, werden normal mit diesem Periodenwechsel des industriellen Cyklus. Die Zeiten der Prosperität abgerechnet, rast zwischen den Kapitalisten heftigster Kampf um ihren individuellen Raumantheil am Markt. Dieser Antheil steht in direktem Verhältniss zur Wohlfeilheit des Produkts. Ausser der hierdurch erzeugten Rivalität im Gebrauch verbesserter, Arbeiter ersetzender Maschinerie und neuer Produktionsmethoden, tritt jedesmal ein Punkt ein, wo Verwohlfeilerung der Waare durch ge- 266 waltsamen Druck des Arbeitslohnes unter den Werth der Arbeitskraft erstrebt wird267.

Wachsthum in der Anzahl der Fabrikarbeiter ist also bedingt durch proportionell viel rascheres Wachsthum des in den Fabriken angelegten Gesammtkapitals. Dieser Prozess vollzieht sich aber nur innerhalb der Ebb- und Fluthperioden des industriellen Cyklus. Er wird zudem stets unterbrochen durch den technologischen Fortschritt, der Arbeiter bald virtuell ersetzt, bald faktisch verdrängt. Dieser qualitative Wechsel im Maschinenbetrieb entfernt beständig Arbeiter aus der Fabrik oder verschliesst ihr Thor dem neuen Rekrutenstrom, während die bloss quantitative Ausdehnung der Fabriken neben den Herausgeworfenen frische Kontingente verschlingt. Die Arbeiter werden so fortwährend repellirt und attrahirt, hin- und hergeschleudert, und diess bei beständigem Wechsel in Geschlecht, Alter und Geschick der Angeworbenen.

Die Schicksale des Fabrikarbeiters werden am besten veranschaulicht durch raschen Ueberblick der Schicksale der englischen Baumwollindustrie.

Von 1770 bis 1815 Baumwollindustrie gedrückt oder stagnant 5 Jahre. Während dieser ersten 45jährigen Periode besassen die englischen Fabrikanten das Monopol der Maschinerie und des Weltmarkts. 1815 bis 1821 gedrückt, 1822 und 1823 prosperirend, 1824 Aufhebung der Kombinationsgesetze, allgemeine grosse Ausdehnung der Fabriken, 1825 Krise, 1826 grosses Elend und Aufstände unter den Baumwollarbeitern, 1827 leise Besserung, 1828 grosser Anwachs von Dampfwebstühlen und Ausfuhr, 1829 die Ausfuhr, besonders nach Indien, übergipfelt alle früheren Jahre, 1830 überfüllte Märkte, grosser Nothstand, 1831 bis 1833 fortdauernder Druck; der Handel nach Ostasien (Indien und China) wird dem Monopol der ostindischen Kompagnie entzogen. 1834 grosses Wachsthum von Fabriken und Maschinerie, Mangel an Händen. Das neue Armengesetz befördert die Wanderung der Landarbeiter in die Fabrikdistrikte. Fegung der ländlichen Grafschaften von Kindern. Weisser Sklavenhandel. 1835 grosse Prosperität. Gleichzeitige Todhungerung der Baumwollhandweber. 1836 grosse Prosperität. 1837 und 1838 gedrückter Zustand und Krise. 1839 Wiederaufleben. 1840 grosse Depression, Aufstände, Einschreiten des Militärs. 1841 und 1842 furchtbares Leiden der Fabrikarbeiter. 1842 schliessen die Fabrikanten die Hände von den Fabriken aus, um den Widerruf der Korngesetze zu erzwingen. Die Arbeiter strömen zu vielen Tausenden nach Yorkshire, vom Militär zurückgetrieben, ihre Führer vor’s Gericht zu Lancaster gestellt. 1843 grosses Elend. 1844 Wiederaufleben. 1845 grosse Prosperität. 1846 erst fortdauernder Aufschwung, dann Symptome der Reaktion. Widerruf der Korngesetze. 1847 Krise. Allgemeine Herabsetzung der Löhne um 10 und mehr Procent zur Feier des „big loaf“. 1848 fortdauernder Druck. Manchester unter militärischem Schutz. 1849 Wiederaufleben. 1850 Prosperität. 1851 fallende Waarenpreise, niedrige Löhne, häufige Strikes. 1852 beginnende Verbesserung, Fortdauer der Strikes, Fabri kanten drohn mit Import fremder Arbeiter. 1853 steigende Ausfuhr. Achtmonatlicher Strike und grosses Elend zu Preston. 1854 Prosperität, Ueberfüllung der Märkte. 1855 Berichte von Bankerotten strömen ein aus den Vereinigten Staaten, Kanada, ostasiatischen Märkten. 1856 grosse Prosperität. 1857 Krise. 1858 Verbesserung. 1859 grosse Prosperität, Zunahme der Fabriken. 1860 Zenith der englischen Baumwollindustrie. Indische, australische und andere Märkte so überführt, dass sie noch 1863 kaum den ganzen Quark absorbirt haben. Französischer Handelsvertrag. Enormes Wachsthum von Fabriken und Maschinerie. 1861 Aufschwung dauert Zeitlang fort, Reaktion, amerikanischer Bürgerkrieg, Baumwollnoth. 1862 bis 63 vollständiger Zusammenbruch.

Die Geschichte des cotton famine ist zu charakteristisch, um nicht einen Augenblick dabei zu verweilen. Aus den Andeutungen über die Zustände des Weltmarkts 1860 bis 61 ersieht man, dass die Baumwollnoth den Fabrikanten gelegen kam und zum Theil vortheilhaft war, eine Thatsache anerkannt in Berichten der Manchester Handelskammer, im Parlament von Palmerston und Derby proklamirt, durch die Ereignisse bestätigt268. Allerdings gab es 1861 unter den 2887 Baumwollfabriken des Vereinigten Königreichs viel kleine. Nach dem Bericht des Fabrikinspektors A. Redgrave, dessen Verwaltungsbezirk von jenen 2887 Fabriken 2109 einschliesst, wendeten von letztern 392 oder 19 % nur unter 10 Dampf-Pferdekraft an, 345 oder 16 % 10 und unter 20, und 1372 20 und mehr Pferdekraft269. Die Mehrzahl der kleinen Fabriken waren Webereien, während der Prosperitätsperiode seit 1858 errichtet, meist durch Spekulanten, wovon der eine das Garn, der andre die Maschinerie, der dritte die Baulichkeit lieferte, unter dem Betrieb ehemaliger overlookers oder andrer unbemittelter Leute. Diese kleinen Fabrikanten gingen meist unter. Dasselbe Schicksal hätte ihnen die durch das Baumwollpech verhinderte Handelskrise bereitet. Obgleich sie ⅓ der Fabrikantenzahl bildeten, absorbirten ihre Fabriken einen ungleich geringeren Theil des in der Baumwollindustrie angelegten Kapitals. Was den Umfang der Lähmung betrifft, so standen nach den authentischen Schätzungen im Oktober 1862 60.3 % der Spindeln und 58 % der Webstühle still. Diess bezieht sich auf den ganzen Industriezweig und war natürlich sehr modificirt in den einzelnen Distrikten. Nur sehr wenige Fabriken arbeiteten volle Zeit (60 Stunden per Woche), die übrigen mit Unterbrechungen. Selbst für die wenigen Arbeiter, die volle Zeit und zu dem gewohnten Stücklohn beschäftigt, schmälerte sich nothwendig der Wochenlohn in Folge der Ersetzung besserer Baumwolle durch schlechtere, der South Sea Island durch ägyptische (in Feinspinnereien), amerikanischer und ägyptischer durch Surat (ostindisch), und reiner Baumwolle durch Mischungen von Baumwollabfall mit Surat. Die kürzere Fiber der Suratbaumwolle, ihre schmutzige Beschaffenheit, die grössere Brüchigkeit der Fäden, der Ersatz des Mehls durch alle Art schwerer Ingredienzen beim Schlichten des Kettengarns u. s. w. verminderten die Geschwindigkeit der Maschinerie oder die Zahl der Webstühle, die ein Weber überwachen konnte, vermehrten die Arbeit mit den Irrthümern der Maschine und beschränkten mit der Produktenmasse den Stücklohn. Beim Gebrauch von Surat und mit voller Beschäftigung belief sich der Verlust des Arbeiters auf 20, 30 und mehr Procent. Die Mehrzahl der Fabrikanten setzte aber auch die Rate des Stücklohns um 5, 7½ und 10 Procent herab. Man begreift daher die Lage der nur 3, 3½, 4 Tage wöchentlich oder nur 6 Stunden per Tag Beschäftigten. Nachdem schon eine relative Verbesserung eingetreten war, 1863, für Weber, Spinner u. s. w. Wochenlöhne von 3 sh. 4 d., 3 sh. 10 d., 4 sh. 6 d., 5 sh. 1 d. u. s. w.270. Selbst unter diesen qualvollen Zuständen stand der Erfindungsgeist des Fabrikanten in Lohnabzügen nicht still. Diese wurden zum Theil verhängt als Strafe für die seiner schlechten Baumwolle, unpassenden Maschinerie u. s. w. geschuldeten Fehler des Machwerks. Wo der Fabrikant aber Eigenthümer der cottages der Arbeiter, vergütete er sich selbst für Hausrente durch Abzüge vom nominellen Arbeitslohn. Fabrikinspektor Redgrave erzählt von self-acting minders (sie überwachen ein paar self-acting mules), die „am Ende vierzehntägiger voller Arbeit 8 sh. 11 d. verdienten und von dieser Summe wurde die Hausrente abgezogen, wovon der Fabrikant jedoch die Hälfte als Geschenk zurückgab, so dass die minders volle 6 sh. 11 d. nach Hause trugen. Der Wochenlohn der Weber rangirte von 2 sh. 6 d. auf wärts während der Schlusszeit von 1862“271. „Selbst dann wurde die Hausmiethe von den Löhnen häufig abgezogen, wenn die Hände nur kurze Zeit arbeiteten“272. Kein Wunder, dass in einigen Theilen Lancashire’s eine Art Hungerpest ausbrach! Charakteristischer als alles diess aber war es, wie die Revolutionirung des Produktionsprozesses auf Kosten des Arbeiters vor sich ging. Es waren förmliche experimenta in corpore vili, wie die der Anatomen an Fröschen. „Obgleich ich,“ sagt Fabrikinspektor Redgrave, „die wirklichen Einnahmen der Arbeiter in vielen Fabriken gegeben habe, muss man nicht schliessen, dass sie denselben Betrag Woche für Woche beziehn. Die Arbeiter erliegen den grössten Fluktuationen wegen des beständigen Experimentalisirens („experimentalizing“) der Fabrikanten … ihre Löhne steigen und fallen mit der Qualität des Baumwollgemischs; bald nähern sie sich um 15 % ihren früheren Einnahmen, und die nächste oder zweitfolgende Woche fallen sie um 50 bis 60 %“273. Diese Experimente wurden nicht nur auf Kosten der Lebensmittel der Arbeiter gemacht. Mit allen ihren fünf Sinnen hatten sie zu büssen. „Die im Oeffnen der Baumwollballen Beschäftigten unterrichten mich, dass der unerträgliche Gestank sie übel macht … Den in den Misch-, Scribbling- und Kardirräumen Angewandten irritirt der freigesetzte Staub und Schmutz alle Kopföffnungen, erregt Husten und Schwierigkeit des Athmens … Wegen der Kürze der Fiber wird dem Garn beim Schlichten eine grosse Menge Stoff zugesetzt und zwar allerlei Substitute statt des früher gebrauchten Mehls. Daher Uebelkeit und Dispepsie der Weber. Bronchitis herrscht vor wegen des Staubs, ebenso Halsentzündung, ferner eine Hautkrankheit in Folge der Irritation der Haut durch den im Surat enthaltenen Schmutz.“ Andrerseits waren die Substitute für Mehl ein Fortunatussäckel für die Herrn Fabrikanten durch Vermehrung des Garngewichts. Sie machten „15 Pfund Rohmaterial, wenn verwebt, 20 Pfund wiegen“274. In dem Bericht der Fabrikinspektoren vom 30. April 1864 liest man: „Die Industrie verwerthet diese Hilfsquelle jetzt in wahrhaft unanständigem Mass. Ich weiss von guter Autorität, dass achtpfündiges Geweb von 5¼ Pfund Baumwolle und 2¾ Pfund Schlichte gemacht wird. Ein andres 5¼pfündiges Geweb enthielt zwei Pfund Schlichte. Diess waren ordinäre Shirtings für den Export. In andern Arten wurden manchmal 50 % Schlichte zugesetzt, so dass Fabrikanten sich rühmen können und sich auch wirklich rühmen, dass sie reich werden durch den Verkauf von Geweben für weniger Geld als das nominell in ihnen enthaltene Garn kostet“275. Die Arbeiter aber hatten nicht nur unter den Experimenten der Fabrikanten in den Fabriken, und der Municipalitäten ausserhalb der Fabriken, nicht nur von Lohnherabsetzung und Arbeitslosigkeit, von Mangel und Almosen, von den Elogen der Lords und Unterhäusler zu leiden. „Unglückliche Frauenzimmer, beschäftigungslos in Folge der Baumwollnoth, wurden Auswürflinge der Gesellschaft und blieben es ‥ Die Zahl junger Prostituirten hat mehr zugenommen als seit den letzten 25 Jahren“276.

Man findet also in den ersten 45 Jahren der britischen Baumwollindustrie, von 1770—1815, nur 5 Jahre der Krise und Stagnation, aber diess war die Periode ihres Weltmonopols. Die zweite 48jährige Periode von 1815—1863 zählt nur 20 Jahre des Wiederauflebens und der Prosperität auf 28 Jahre des Drucks und der Stagnation. Von 1815—1830 beginnt die Konkurrenz mit dem kontinentalen Europa und den Vereinigten Staaten. Seit 1833 wird Ausdehnung der asiatischen Märkte erzwungen durch „Zerstörung der Menschenrace“. Seit Widerruf der Korngesetze, von 1846—1863, auf 8 Jahre mittlerer Lebendigkeit und Prosperität 9 Jahre Druck und Stagnation. Die Lage der erwachsnen männlichen Baumwoll-Arbeiter, selbst während der Prosperitätszeit, zu beurtheilen aus der beigefügten Note277.

Man hat gesehn, wie die Maschinerie die auf dem Handwerk beruhende Cooperation und die auf Theilung der handwerksmässigen Arbeit beruhende Manufaktur aufhebt. Ein Beispiel der ersten Art ist die Mähmaschine, sie ersetzt die Cooperation von Mähern. Ein schlagendes Beispiel der zweiten Art ist die Maschine zur Fabrikation von Nähnadeln. Nach Adam Smith verfertigten zu seiner Zeit 10 Männer durch Theilung der Arbeit täglich über 48,000 Nähnadeln. Eine einzige Maschine liefert dagegen 145,000 in einem Arbeitstag von 11 Stunden. Eine Frau oder ein Mädchen überwacht im Durchschnitt 4 solche Maschinen und producirt daher mit der Maschinerie täglich an 600,000, in der Woche über 3,000,000 Nähnadeln278. Sofern eine einzelne Arbeitsmaschine an die Stelle der Cooperation oder der Manufaktur tritt, kann sie selbst wieder zur Grundlage handwerksmässigen Betriebs werden. Indess bildet diese auf Maschinerie beruhende Reproduktion des Handwerksbetriebs nur den Uebergang zum Fabrikbetrieb, der in der Regel jedesmal eintritt, sobald mechanische Triebkraft, Dampf oder Wasser, die menschlichen Muskeln in der Bewegung der Maschine ersetzt. Sporadisch und eben- 279 falls nur vorübergehend kann kleiner Betrieb sich verbinden mit mechanischer Triebkraft durch Miethe des Dampfs, wie in einigen Manufakturen Birmingham’s, durch Gebrauch kleiner kalorischer Maschinen, wie in gewissen Zweigen der Weberei u. s. w.280. In der Seidenweberei zu Coventry entwickelte sich naturwüchsig das Experiment der „Cottage-Fabriken“. In der Mitte von Cottage-Reihen, quadratmässig gebaut, wurde ein s. g. Engine House errichtet für die Dampfmaschine und diese durch Schäfte mit den Webstühlen in den cottages verbunden. In allen Fällen war der Dampf gemiethet, z. B. zu 2½ sh. per Webstuhl. Diese Dampfrente war wöchentlich zahlbar, die Webstühle mochten laufen oder nicht. Jede cottage enthielt 2—6 Webstühle, den Arbeitern gehörig, oder auf Kredit gekauft, oder gemiethet. Der Kampf zwischen der Cottage-Fabrik und der Fabrik per se währte über 12 Jahre. Er hat geendet mit dem gänzlichen Ruin der 300 cottage factories281. Wo die Natur des Prozesses nicht von vorn herein Produktion auf grosser Stufenleiter bedang, durchliefen in der Regel die in den letzten Decennien neu aufkommenden Industrieen, wie z. B. Enveloppe-, Stahlfedermachen u. s. w., erst den Handwerksbetrieb und dann den Manufakturbetrieb als kurzlebige Uebergangsphasen zum Fabrikbetrieb. Diese Metamorphose bleibt dort am schwierigsten, wo die manufakturmässige Produktion des Machwerks keine Stufenfolge von Entwicklungsprozessen, sondern eine Vielheit disparater Prozesse einschliesst. Diess bildete z. B. ein grosses Hinderniss der Stahlfederfabrik. Jedoch wurde schon vor ungefähr anderthalb Decennien ein Automat erfunden, der 6 disparate Prozesse auf einen Schlag verrichtet. Das Handwerk lieferte die ersten 12 Dutzend Stahlfedern 1820 zu 7 Pfd. St. 4 sh., die Manufaktur lieferte sie 1830 zu 8 sh., und die Fabrik liefert sie heute dem Grosshandel zu 2 bis 6 d.282

Mit der Entwicklung des Fabrikwesens und der sie begleitenden Umwälzung der Agrikultur dehnt sich nicht nur die Produktionsleiter in allen andern Industriezweigen aus, sondern verändert sich auch ihr Charakter. Das Princip des Maschinenbetriebs, den Produktionsprozess in seine konstituirenden Phasen zu analysiren und die so gegebnen Probleme durch Anwendung der Mechanik, Chemie u. s. w., kurz der Naturwissenschaften zu lösen, wird überall bestimmend. Maschinerie drängt sich daher bald für diesen, bald für jenen Theilprozess in die Manufakturen. Die feste Krystallisation ihrer Gliederung, der alten Theilung der Arbeit entstammend, löst sich damit auf und macht fortwährendem Wechsel Platz. Abgesehn hiervon wird die Zusammensetzung des Gesammtarbeiters oder des kombinirten Arbeitspersonals von Grund aus umgewälzt. Im Gegensatz zur Manufakturperiode gründet sich der Plan der Arbeitstheilung jetzt auf Anwendung der Weiberarbeit, der Arbeit von Kindern aller Altersstufen, ungeschickter Arbeiter, wo es immer thubar, kurz der „cheap labour“, wohlfeilen Arbeit, wie der Engländer sie charakteristisch nennt. Diess gilt nicht nur für alle auf grosser Stufenleiter kombinirte Produktion, ob sie Maschinerie anwende oder nicht, sondern auch für die s. g. Hausindustrie, ob ausgeübt in den Privatwohnungen der Arbeiter oder in kleinen Werkstätten. Diese s. g. moderne Hausindustrie hat mit der altmodischen, die unabhängiges städtisches Handwerk, selbstständige Bauernwirthschaft und vor allem ein Haus der Arbeiterfamilie voraussetzt, nichts gemein als den Namen. Sie ist jetzt verwandelt in das auswärtige Departement der Fabrik, der Manufaktur oder des Waarenmagazins. Neben den Fabrikarbeitern, Manufakturarbeitern und Handwerkern, die es in grossen Massen räumlich koncentrirt und direkt kommandirt, bewegt das Kapital durch unsichtbare Fäden eine andre Armee in den grossen Städten und über das flache Land zerstreuter Hausarbeiter. Beispiel: die Hemdenfabrik der Herrn Tillie zu Londonderry, Irland, die 1000 Fabrikarbeiter und 9000 auf dem Land zerstreute Hausarbeiter beschäftigt283.

Die Exploitation wohlfeiler und unreifer Arbeitskräfte wird in der 284 modernen Manufaktur schamloser als in der eigentlichen Fabrik, weil die hier existirende, technologische Grundlage, Ersatz der Muskelkraft durch Maschinen und Leichtigkeit der Arbeit, dort grossentheils wegfällt, zugleich der weibliche oder noch unreife Körper den Einflüssen giftiger Substanzen u. s. w. aufs gewissenloseste preisgegeben wird. Sie wird in der s. g. Hausarbeit schamloser als in der Manufaktur, weil die Widerstandsfähigkeit der Arbeiter mit ihrer Zersplitterung abnimmt, eine ganze Reihe räuberischer Parasiten sich zwischen den eigentlichen Arbeitgeber und den Arbeiter drängt, die Hausarbeit überall mit Maschinen- oder wenigstens Manufakturbetrieb in demselben Produktionszweig kämpft, die Armuth den Arbeiter der nöthigsten Arbeitsbedingungen, Raum, Licht, Ventilation u. s. w. beraubt, die Unregelmässigkeit der Beschäftigung wächst, und endlich in diesen letzten Zufluchtsstätten der durch die grosse Industrie und Agrikultur „überzählig“ Gemachten die Arbeiterkonkurrenz nothwendig ihr Maximum erreicht. Die durch den Maschinenbetrieb erst systematisch ausgebildete Oekonomisirung der Produktionsmittel, von vorn herein zugleich rücksichtsloseste Verschwendung der Arbeitskraft und Raub an den normalen Voraussetzungen der Arbeitsfunktion, kehrt jetzt diese ihre antagonistische und menschenmörderische Seite um so mehr heraus, je weniger in einem Industriezweig die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit und die technologische Grundlage kombinirter Arbeitsprozesse entwickelt sind.

Ich will nun an einigen Beispielen die oben aufgestellten Sätze erläutern. Der Leser kennt in der That schon massenhafte Belege aus dem Abschnitt über den Arbeitstag. Die Metallmanufakturen in Birmingham und Umgegend wenden grossentheils für sehr schwere Arbeit 30,000 Kinder und junge Personen nebst 10,000 Weibern an. Man findet sie hier in den gesundheitswidrigen Gelbgiessereien, Knopffabriken, Glasur-, Galvanisirungs- und Lackirarbeiten285. Die Arbeitsexcesse für Erwachsne und Unerwachsne haben verschiedenen Londoner Zeitungs- und Buchdruckereien den rühmlichen Namen: „Das Schlachthaus“ gesichert286. Dieselben Excesse, deren Schlachtopfer hier namentlich Weiber, Mädchen und Kinder, in der Buchbinderei. Schwere Arbeit für Unerwachsne in den Seilereien, Nachtarbeit in Salzwerken, Lichter- und andren chemischen Fabriken; mörderischer Verbrauch von Jungen in Seidenwebereien, die nicht mechanisch betrieben werden, zum Drehen der Webstühle287. Eine der infamsten, schmutzigsten und schlecht bezahltesten Arbeiten, wozu mit Vorliebe junge Mädchen und Weiber verwandt werden, ist das Sortiren der Lumpen. Man weiss, dass Grossbritanien, abgesehn von seinen eignen unzähligen Lumpen, das Emporium für den Lumpenhandel der ganzen Welt bildet. Sie strömen dahin von Japan, den entferntesten Staaten Südamerikas und den kanarischen Inseln. Ihre Hauptzufuhrquellen aber sind Deutschland, Frankreich, Russland, Italien, Aegypten, Türkei, Belgien und Holland. Sie dienen zur Düngung, Fabrikation von Flocken (für Bettzeug), Shoddy, und als Rohmaterial des Papiers. Die weiblichen Lumpensortirer dienen als Mediums, um Pocken und andre ansteckende Seuchen, deren erste Opfer sie selbst sind, zu colportiren288. Als klassisches Beispiel für Ueberarbeit, schwere und unpassende Arbeit, und daher folgende Brutalisirung der von Kindesbeinen an konsumirten Arbeiter kann, neben der Minen- und Kohlenproduktion, die Ziegel- oder Backsteinmacherei gelten, wozu in England nur noch sporadisch die neuerfundne Maschinerie angewandt wird. Zwischen Mai und September dauert die Arbeit von 5 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends, und, wo Trocknung in freier Luft stattfindet, oft von 4 Uhr Morgens bis 9 Uhr Abends. Der Arbeitstag von 5 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends gilt für „reducirt“, „mässig“. Kinder beiderlei Geschlechts werden vom 6. und selbst vom 4. Jahr an verwandt. Sie arbeiten dieselbe Stundenzahl, oft mehr als die Erwachsnen. Die Arbeit ist hart und die Sommerhitze steigert noch die Erschöpfung. In einer Ziegelei zu Mosley z. B. machte ein 24jähriges Mädchen 2000 Ziegel täglich, unterstützt von zwei unerwachsnen Mädchen als Gehilfen, welche den Lehm trugen und die Ziegelsteine aufhäuften. Diese Mädchen schleppten täglich 10 Tonnen die schlüpfrigen Seiten der Ziegelgrube von einer Tiefe von 30 Fuss herauf und über eine Entfernung von 210 Fuss. „Es ist unmöglich für ein Kind durch das Fegfeuer einer Ziegelei zu passiren ohne grosse moralische Degradation. . . . Die nichtswürdige Sprache, die sie vom zartesten Alter an zu hören bekommen, die unfläthigen, unanständigen und schamlosen Gewohnheiten, unter denen sie unwissend und verwildert aufwachsen, machen sie für die spätere Lebenszeit gesetzlos, verworfen, liederlich. . . . Eine furchtbare Quelle der Demoralisation ist die Art der Wohnlichkeit. Jeder moulder (der eigentlich geschickte Arbeiter und Chef einer Arbeiterg ruppe) liefert seiner Bande von 7 Personen Logis und Tisch in seiner Hütte oder cottage. Ob zu seiner Familie gehörig oder nicht, Männer, Jungen, Mädchen schlafen in der Hütte. Diese besteht gewöhnlich aus 2, nur ausnahmsweis aus 3 Zimmern, alle auf dem Erdgeschoss, mit wenig Ventilation. Die Körper sind so erschöpft durch die grosse Transpiration während des Tags, dass weder Gesundheitsregeln, Reinlichkeit noch Anstand irgendwie beobachtet werden. Viele dieser Hütten sind wahre Modelle von Unordnung, Schmutz und Staub. . . . Das grösste Uebel des Systems, welches junge Mädchen zu dieser Art Arbeit verwendet, besteht darin, dass es sie in der Regel von Kindheit an für ihr ganzes späteres Leben an das verworfenste Gesindel festkettet. Sie werden rohe, bösmäulige Buben („rough, foul-mouthed boys“), bevor die Natur sie gelehrt hat, dass sie Weiber sind. Gekleidet in wenige schmutzige Lumpen, die Beine weit über das Knie entblösst, Haar und Gesicht mit Dreck beschmiert, lernen sie alle Gefühle der Bescheidenheit und der Scham mit Verachtung behandeln. Während der Essenszeit liegen sie auf den Feldern ausgestreckt oder gucken den Jungen zu, die in einem benachbarten Kanal baden. Ist ihr schweres Tagwerk endlich vollbracht, so ziehn sie bessere Kleider an und begleiten die Männer in Bierkneipen.“ Dass die grösste Versoffenheit von Kindesbeinen an in dieser ganzen Klasse herrscht, ist nur naturgemäss. „Das Schlimmste ist, dass die Ziegelmacher an sich selbst verzweifeln. Sie könnten, sagte einer der Besseren zum Kaplan von Southallfields, ebensowohl versuchen den Teufel zu erheben und zu bessern als einen Ziegler, mein Herr!“ („You might as well try to raise and improve the devil as a brickie, Sir!“)289

Ueber die kapitalistische Oekonomisirung der Arbeitsbedingungen in der modernen Manufaktur (worunter hier alle Werkstätten auf grosser Stufenleiter, ausser eigentlichen Fabriken, zu verstehn) findet man officielles und reichlichstes Material in dem IV. (1861) und VI. (1864) „Public Health Report“. Die Beschreibung der workshops (Arbeitslokale) namentlich der Londoner Drucker und Schneider überbietet die ekelhaftesten Phantasieen unsrer Romanschreiber. Die Wirkung auf den Gesundheitszustand der Arbeiter ist selbstverständlich. Dr. Simon, der oberste ärztliche Beamte des Privy Council und officielle Herausgeber der „Public Health Reports“, sagt u. a.: „In meinem vierten Bericht (1863) zeigte ich, wie es für die Arbeiter praktisch unmöglich ist darauf zu bestehen, was ihr erstes Gesundheitsrecht ist, das Recht, dass zu welchem Werk immer ihr Anwender sie versammelt, die Arbeit, so weit es von ihm abhängt, von allen vermeidbaren gesundheitswidrigen Umständen befreit sein soll. Ich wies nach, dass während die Arbeiter praktisch unfähig sind, sich selbst diese Gesundheitsjustiz zu verschaffen, sie keinen wirksamen Beistand von den bestallten Administratoren der Gesundheitspolizei erlangen können. . . . Das Leben von Myriaden von Arbeitern und Arbeiterinnen wird jetzt nutzlos torturirt und verkürzt durch das endlose physische Leiden, welches ihre blosse Beschäftigung erzeugt“290. Zur Illustration des Einflusses der Arbeitslokale auf den Gesundheitszustand giebt Dr. Simon folgende Sterblichkeitsliste:

Ich wende mich jetzt zur s. g. Hausarbeit. Um sich eine Vorstellung von dieser auf dem Hintergrund der grossen Industrie aufgebauten Exploitationssphäre des Kapitals und ihren Ungeheuerlichkeiten zu machen, betrachte man z. B. die scheinbar ganz idyllische, in einigen abgelegnen Dörfern Englands betriebne Nägelmacherei291. Hier genügen einige Beispiele aus den noch gar nicht maschinenmässig betriebnen oder mit Maschinen- und Manufakturtrieb konkurrirenden Zweigen der Spitzenfabrik und Strohflechterei.

Von den 150,000 Personen, die in der englischen Spitzenproduktion beschäftigt, fallen ungefähr 10,000 unter die Botmässigkeit des Fabrikakts von 1861. Die ungeheure Mehrzahl der übrig bleibenden 140,000 sind Weiber, junge Personen und Kinder beiderlei Geschlechts, obgleich das männliche Geschlecht nur schwach vertreten ist. Der Gesundheitszustand dieses „wohlfeilen“ Exploitationsmaterials ergiebt sich aus folgender Aufstellung des Dr. Trueman, Arzt beim General Dispensary von Nottingham. Von je 686 Patienten, Spitzenmacherinnen, meist zwischen dem 17. und 24. Jahr, waren schwindsüchtig:

  • 1852 1 auf 45,
  • 1853 1 auf 28,
  • 1854 1 auf 17,
  • 1855 1 auf 18,
  • 1856 1 auf 15,
  • 1857 1 auf 13,
  • 1861 1 auf 8292.
  • 1858 1 auf 15,
  • 1859 1 auf 9,
  • 1860 1 auf 8,

Dieser Fortschritt in der Rate der Schwindsucht muss dem optimistischsten Fortschrittler und lügenfauchendsten deutschen Freihandelshausirburschen genügen.

Der Fabrikakt von 1861 regelt das eigentliche Machen der Spitzen, soweit es durch Maschinerie geschieht, und diess ist die Regel in England. Die Zweige, die wir hier kurz berücksichtigen, und zwar nicht, soweit die Arbeiter in Manufakturen, Waarenhäusern u. s. w. koncentrirt, sondern nur sofern sie s. g. Hausarbeiter sind, zerfallen 1) in das finishing (letztes Zurechtmachen der maschinenmässig fabricirten Spitzen, eine Kategorie, die wieder zahlreiche Unterabtheilungen einschliesst), 2) Spitzenklöppeln.

Das Lace finishing wird als Hausarbeit betrieben entweder in s. g. „Mistresses Houses“ oder von Weibern, einzeln oder mit ihren Kindern, in ihren Privatwohnungen. Die Weiber, welche die „Mistresses Houses“ halten, sind selbst arm. Das Arbeitslokal bildet Theil ihrer Privatwohnung. Sie erhalten Aufträge von Fabrikanten, Besitzern von Waarenmagazinen u. s. w. und wenden Weiber, Mädchen und junge Kinder an, je nach dem Umfang ihrer Zimmer und der fluktuirenden Nachfrage des Geschäfts. Die Zahl der beschäftigten Arbeiterinnen wechselt von 20 zu 40 in einigen, von 10 zu 20 in andern dieser Lokale. Das durchschnittliche Minimalalter, worin Kinder beginnen, ist 6 Jahre, manche jedoch unter 5 Jahren. Die gewöhnliche Arbeitszeit währt von 8 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends, mit 1½ Stunden für Mahlzeiten, die unregelmässig und oft iu den stinkigen Arbeitslöchern selbst genommen werden. Bei gutem Geschäft währt die Arbeit oft von 8 Uhr (manchmal 6 Uhr) Morgens bis 10, 11 oder 12 Uhr Nachts. In englischen Kasernen beträgt der vorschriftsmässige Raum für jeden Soldaten 500—600 Kubikfuss, in den Militärlazarethen 1200. In jenen Arbeitslöchern kommen 67—100 Kubikfuss auf jede Person. Gleichzeitig verzehrt Gaslicht den Sauerstoff der Luft. Um die Spitzen rein zu halten, müssen die Kinder oft die Schuhe ausziehn, auch im Winter, obgleich das Estrich aus Pflaster oder Ziegeln besteht. „Es ist nichts ungewöhnliches in Nottingham 14 bis 20 Kinder in einem kleinen Zimmer von vielleicht nicht mehr als 12 Quadratfuss zusammengepökelt zu finden, während 15 Stunden aus 24 beschäftigt an einer Arbeit, an sich selbst erschöpfend durch Ueberdruss und Monotonie, zudem unter allen nur möglichen gesundheitszerstörenden Umständen ausgeübt … Selbst die jüngsten Kinder arbeiten mit einer gespannten Aufmerksamkeit und Geschwindigkeit, die erstaunlich sind, fast niemals ihren Fingern Ruhe oder langsamere Bewegung gönnend. Richtet man Fragen an sie, so erheben sie das Auge nicht von der Arbeit, aus Furcht einen Moment zu verlieren.“ Der „lange Stock“ dient den „mistresses“ als Anregungsmittel im Verhältniss, worin die Arbeitszeit ver längert wird. „Die Kinder ermüden allmälig und werden so rastlos wie Vögel gegen das Ende ihrer langen Gebundenheit an eine Beschäftigung, eintönig, für die Augen angreifend, erschöpfend durch die Uniformität der Körperhaltung. Es ist wahres Sklavenwerk.“ („Their work like slavery“293.) Wo Frauen mit ihren eigenen Kindern zu Hause, d. h. im modernen Sinn, in einem gemietheten Zimmer, häufig in einer Dachstube arbeiten, sind die Zustände wo möglich noch schlimmer. Diese Art Arbeit wird 80 Meilen im Umkreis von Nottingham ausgegeben. Wenn das in den Waarenhäusern beschäftigte Kind sie 9 oder 10 Uhr Abends verlässt, giebt man ihm oft noch ein Bündel mit auf den Weg, um es zu Haus fertig zu machen. Der kapitalistische Pharisäer, vertreten durch einen seiner Lohnknechte, thut das natürlich mit der salbungsvollen Phrase: ‚das sei für Mutter‘, weiss aber sehr wohl, dass das arme Kind aufsitzen und helfen muss294.

Die Industrie des Spitzenklöppelns wird hauptsächlich in zwei englischen Agrikulturdistrikten betrieben, dem Honiton Spitzendistrikt, 20 bis 30 Meilen längs der Südküste von Devonshire, mit Einschluss weniger Plätze von Nord-Devon, und einem andern Distrikt, der grossen Theil der Grafschaften von Buckingham, Bedford, Northampton und die benachbarten Theile von Oxfordshire und Huntingdonshire umfasst. Die cottages der Ackerbautaglöhner bilden durchschnittlich die Arbeitslokale. Manche Manufakturherrn wenden über 3000 dieser Hausarbeiter an, hauptsächlich Kinder und junge Personen, ausschliesslich weiblichen Geschlechts. Die beim Lace finishing beschriebenen Zustände wiederholen sich. Nur treten an die Stelle der „mistresses houses“ die s. g. „lace schools“ (Spitzenschulen), gehalten von armen Weibern in ihren Hütten. Vom 5. Jahr an, manchmal jünger, bis zum 12. oder 15. arbeiten die Kinder in diesen Schulen, während des ersten Jahres die Jüngsten von 4 bis 8 Stunden, später von 6 Uhr Morgens bis 8 und 10 Uhr Abends. „Die Zimmer sind im allgemeinen gewöhnliche Wohnstuben kleiner cottages, der Kamin zugestopft zur Abwehr von Luftzug, die Insassen manchmal auch im Winter nur von ihrer eignen animalischen Wärme geheizt. In andern Fällen sind diese s. g. Schulzimmer kleinen Vorraths kammern ähnliche Räume, ohne Feuerplatz … Die Ueberfüllung dieser Löcher und die dadurch producirte Luftverpestung sind oft extrem. Dazu kömmt die schädliche Wirkung von Gerinnen, Kloaken, verwesenden Stoffen und anderem Unrath, gewöhnlich in den Zugängen zu kleineren cottages.“ Mit Bezug auf den Raum: „In einer Spitzenschule 18 Mädchen und Meisterin, 35 Kubikfuss für jede Person; in einer andern, wo unerträglicher Gestank, 18 Personen, per Kopf 24½ Kubikfuss. Man findet in dieser Industrie Kinder von 2 und 2½ Jahren verwandt“295.

Wo das Spitzenklöppeln in den ländlichen Grafschaften von Buckingham und Bedford aufhört, beginnt die Strohflechterei. Sie erstreckt sich über grossen Theil von Hertfordshire und die westlichen und nördlichen Theile von Essex. Es waren 1861 beschäftigt im Strohflechten und Strohhutmachen 40,043 Personen, 3815 davon männlichen Geschlechts aller Altersstufen, die andern weiblichen Geschlechts, und zwar 14,913 unter 20 Jahren, davon an 7000 Kinder. An die Stelle der Spitzenschulen treten hier die „straw plait schools“ (Strohflechtschulen). Die Kinder beginnen hier den Unterricht im Strohflechten gewöhnlich vom 4., manchmal zwischen dem 3. und 4. Jahr Erziehung erhalten sie natürlich keine. Die Kinder selbst nennen die Elementarschulennatural schools“ (natürliche Schulen) im Unterschied zu diesen Blutaussaugungsanstalten, worin sie einfach an der Arbeit gehalten werden, um das von ihren halbverhungerten Müttern vorgeschriebne Machwerk, meist 30 Yards per Tag, zu verfertigen. Diese Mütter lassen sie dann oft noch zu Haus bis 10, 11, 12 Uhr Nachts arbeiten. Das Stroh schneidet ihnen Finger und Mund, durch den sie es beständig anfeuchten. Nach der von Dr. Ballard resumirten Gesammtansicht der medizinischen Beamten Londons bilden 300 Kubikfuss den Minimalraum für jede Person in einem Schlaf- oder Arbeitszimmer. In den Strohflechtschulen ist der Raum aber noch spärlicher zugemessen als in den Spitzenschulen, „12⅔, 17, 18½ und unter 22 Kubikfuss für jede Person.“ Die kleineren dieser Zahlen, sagt Kommissair White, „repräsentiren weniger Raum als die Hälfte von dem, den ein Kind einnehmen würde, wenn verpackt in eine Schachtel von 3 Fuss nach allen Dimensionen.“ Diess der Lebensgenuss der Kinder bis zum 12. oder 14. Jahr. Die elenden, verkommenen Eltern sinnen nur darauf aus den Kindern so viel als möglich herauszuschlagen. Aufgewachsen fragen die Kinder natürlich keinen Deut nach den Eltern und verlassen sie. „Es ist kein Wunder, dass Unwissenheit und Laster überströmen in einer so aufgezüchteten Bevölkerung … Ihre Moral steht auf der niedrigsten Stufe . . . . Eine grosse Anzahl der Weiber hat illegitime Kinder und manche in so unreifem Alter, dass selbst die Vertrauten der Kriminalstatistik darüber erstarren“296. Und das Heimathsland dieser Musterfamilien ist, so sagt der sicher im Christenthum kompetente Graf Montalembert, Europa’s christliches Musterland!

Der Arbeitslohn, in den eben behandelten Industriezweigen überhaupt jämmerlich (der ausnahmsweise Maximallohn der Kinder in den Strohflechtschulen 3 sh.), wird noch tief unter seinen Nominalbetrag herabgedrückt durch das namentlich in den Spitzendistrikten allgemein vorherrschende Trucksystem297.

Die Verwohlfeilerung der Arbeitskraft durch blossen Missbrauch weiblicher und unreifer Arbeitskräfte, blossen Raub aller normalen Arbeits- und Lebensbedingungen, und blosse Brutalität der Ueber- und Nachtarbeit, stösst zuletzt auf gewisse nicht weiter überschreitbare Naturschranken, also auch die auf diesen Grundlagen beruhende Verwohlfeilerung der Waaren und kapitalistische Exploitation überhaupt. Sobald dieser Punkt endlich erreicht ist, und es dauert lange, schlägt die Stunde für Einführung der Maschinerie und die nun rasche Verwandlung der zersplitterten Hausarbeit (oder auch Manufaktur) in Fabrikbetrieb.

Das kolossalste Beispiel dieser Bewegung liefert die Produktion von „Wearing Apparel“ (zum Anzug gehörige Artikel). Nach der Klassifikation der „Child. Empl. Comm.“ umfasst diese Industrie Strohhut- und Damenhutmacher, Kappenmacher, Schneider, milliners und dressmakers298, Hemdenmacher und Nätherinnen, Korsetten-, Handschuh-, Schuhmacher, nebst vielen kleineren Zweigen, wie Fabrikation von Kravatten, Hals bändern u. s. w. Das in England und Wales in diesen Industrieen beschäftigte weibliche Personal betrug 1861: 586,298, wovon mindestens 115,242 unter 20, 16,650 unter 15 Jahren. Zahl dieser Arbeiterinnen im Vereinigten Königreich (1861): 750,334. Die Zahl der gleichzeitig in Hut-, Schuh-, Handschuhmacherei und Schneiderei beschäftigten männlichen Arbeiter in England und Wales: 437,969, wovon 14,964 unter 15 Jahren, 89,285 fünfzehnbis zwanzigjährig, 333,117 über 20 Jahren. Es fehlen in dieser Angabe viele hierher gehörige kleinere Zweige. Nehmen wir aber die Zahlen, wie sie stehn, so ergiebt sich für England und Wales allein, nach dem Census von 1861, eine Summe von 1,024,277 Personen, also ungefähr so viel wie Ackerbau und Viehzucht absorbiren. Man fängt an zu verstehn, wozu die Maschinerie so ungeheure Produktenmassen hervorzaubern und so ungeheure Arbeitermassen „freisetzen“ hilft.

Die Produktion des „Wearing Apparel“ wird betrieben durch Manufakturen, welche in ihrem Innern nur die Theilung der Arbeit reproducirten, deren membra disjecta sie fertig vorfanden, durch kleinere Handwerksmeister, die aber nicht wie früher für individuelle Konsumenten, sondern für Manufakturen und Waarenmagazine arbeiten, so dass oft ganze Städte und Landstriche solche Zweige wie Schusterei u. s. w. als Specialität ausüben, endlich im grössten Umfang durch s. g. Hausarbeiter, welche das auswärtige Departement der. Manufakturen, Waarenmagazine und selbst der kleineren Meister bilden299. Die Masse des Arbeitsstoffs, Rohstoffe, Halbfabrikate u. s. w. liefert die grosse Industrie, die Masse des wohlfeilen Menschenmaterials (taillable à merci et misericorde) die durch grosse Industrie und Agrikultur „Freigesetzten“. Die Manufakturen dieser Sphäre verdankten ihren Ursprung hauptsächlich dem Bedürfniss des Kapitalisten eine jeder Bewegung der Nachfrage entsprechende schlagfertige Armee unter der Hand zu haben300. Diese Manufakturen liessen jedoch neben sich den zerstreuten handwerksmässigen und Hausbetrieb als breite Grundlage fortbestehn. Die grosse Produktion von Mehrwerth in diesen Arbeitszweigen, zugleich mit der progressiven Verwohlfeilerung ihrer Artikel, war und ist hauptsächlich geschuldet dem Minimum des zu kümmerlicher Vegetation nöthigen Arbeitslohns, verbunden mit dem Maximum menschenmöglicher Arbeitszeit. Es war eben die Wohlfeilheit des in Waare verwandelten Menschenschweisses und Menschenbluts, welche den Absatzmarkt beständig erweiterte und täglich erweitert, für England namentlich auch den Kolonialmarkt, wo überdem englische Gewohnheit und Geschmack vorherrschen. Endlich trat ein Knotenpunkt ein. Die Grundlage der alten Methode, bloss brutale Ausbeutung des Arbeitermaterials, mehr oder minder begleitet von systematisch entwickelter Arbeitstheilung, genügte dem wachsenden Markt und der noch rascher wachsenden Konkurrenz der Kapitalisten nicht länger. Die Stunde der Maschinerie schlug. Die entscheidend revolutionäre Maschine, welche die sämmtlichen zahllosen Zweige dieser Produktionssphäre, wie Putzmacherei, Schneiderei, Schusterei, Nätherei, Hutmacherei u. s. w. gleichmässig ergreift, ist die — Nähmaschine.

Ihre unmittelbare Wirkung auf die Arbeiter ist ungefähr die aller Maschinerie, welche in der Periode der grossen Industrie neue Geschäftszweige erobert. Kinder im unreifsten Alter werden entfernt. Der Lohn der Maschinenarbeiter steigt verhältnissmässig zu dem der Hausarbeiter, wovon viele zu „den Aermsten der Armen“ („the poorest of the poor“) gehören. Der Lohn der besser gestellten Handwerker, mit denen die Maschine konkurrirt, sinkt. Die neuen Maschinenarbeiter sind ausschliesslich Mädchen und junge Frauen. Mit Hilfe der mechanischen Kraft vernichten sie das Monopol der männlichen Arbeit in schwererem Werk und verjagen aus leichterem Massen alter Weiber und unreifer Kinder. Die übermächtige Konkurrenz erschlägt die schwächsten Handarbeiter. Das gräuliche Wachsthum des Hungertods (death from starvation) in London während des letzten Decenniums läuft parallel mit der Ausdehnung der Maschinennäherei301. Die neuen Arbeiterinnen an der Nähmaschine, welche von ihnen mit Hand und Fuss oder mit der Hand allein, sitzend und stehend, je nach Schwere, Grösse und Specialität der Maschine, bewegt wird, verausgaben grosse Arbeitskraft. Ihre Beschäftigung wird gesundheitswidrig durch die Dauer des Prozesses, obgleich er meist kürzer als im alten System. Ueberall, wo die Nähmaschine, wie beim Schuh-, Korsett-, Hutmachen u. s. w., ohnehin enge und überfüllte Werkstätten heimsucht, vermehrt sie die gesundheitswidrigen Einflüsse. „Die Wirkung,“ sagt Kommissär Lord, „beim Eintritt in niedrig gestochne Arbeitslokale, wo 30 bis 40 Maschinenarbeiter zusammenwirken, ist unerträglich . . . . Die Hitze, theilweis den Gasöfen zur Wärmung der Bügeleisen geschuldet, ist schrecklich . . . . Wenn selbst in solchen Lokalen s. g. mässige Arbeitsstunden, d. h. von 8 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends, vorherrschen, fallen dennoch jeden Tag 3 oder 4 Personen regelmässig in Ohnmacht“302.

Die Umwälzung der gesellschaftlichen Betriebsweise, diess nothwendige Produkt der Umwandlung des Produktionsmittels, vollzieht sich in einem bunten Wirrwarr von Uebergangsformen. Sie wechseln mit dem Umfang, worin, und der Zeitlänge, während welcher die Nähmaschine den einen oder andern Industriezweig bereits ergriffen hat, mit der vorgefundnen Lage der Arbeiter, dem Uebergewicht des Manufaktur-, Handwerks- oder Hausbetriebs, dem Miethpreis der Arbeitslokale303 u. s. w. In der Putzmacherei z. B., wo die Arbeit meist schon organisirt war, hauptsächlich durch einfache Cooperation, bildet die Nähmaschine zunächst nur einen neuen Faktor des Manufakturbetriebs. In der Schneiderei, Hemdenmacherei, Schusterei u. s. w. durchkreuzen sich alle Formen. Hier eigentlicher Fabrikbetrieb. Dort erhalten Zwischenanwender das Rohmaterial vom Kapitalisten en chef und gruppiren in „Kammern“ oder „Dachstuben“ 10 bis 50 und mehr Lohnarbeiter um Nähmaschinen. Endlich, wie bei aller Maschinerie, die kein gegliedertes System bildet, und im Zwergformat anwendbar ist, benutzen Handwerker oder Hausarbeiter, mit eigner Familie oder Zuziehung weniger fremder Arbeiter, auch ihnen selbst gehörige Nähmaschinen304. Thatsächlich überwiegt jetzt in England das System, dass der Kapitalist eine grössere Maschinenanzahl in seinen Baulichkeiten koncentrirt und dann das Maschinenprodukt zur weiteren Verarbeitung unter die Armee der Hausarbeiter vertheilt305. Die Buntheit der Uebergangsformen versteckt jedoch nicht die Tendenz zur Verwandlung in eigentlichen Fabrikbetrieb. Diese Tendenz wird genährt durch den Charakter der Nähmaschine selbst, deren mannigfaltige Anwendbarkeit zur Vereinigung früher getrennter Geschäftszweige in derselben Baulichkeit und unter dem Kommando desselben Kapitals drängt; durch den Umstand, dass vorläufiges Nadelwerk und einige andere Operationen am geeignetsten am Sitz der Maschine verrichtet werden; endlich durch die unvermeidliche Expropriation der Handwerker und Hausarbeiter, die mit eignen Maschinen produciren. Diess Fatum hat sie zum Theil schon jetzt erreicht. Die stets wachsende Masse des in Nähmaschinen angelegten Kapitals306 spornt die Produktion und erzeugt Marktstockungen, welche das Signal zum Verkauf der Nähmaschinen durch die Hausarbeiter läuten. Die Ueberproduktion von solchen Maschinen selbst zwingt ihre absatzbedürftigen Producenten sie auf wöchentliche Miethe zu verleihn und schafft damit eine für die kleinen Maschineneigner tödtliche Konkurrenz307. Stets noch fortdauernde Konstruktionswechsel und Verwohlfeilerung der Maschinen depreciiren eben so beständig ihre alten Exemplare und lassen sie nur noch massenhaft, zu Spottpreisen gekauft, in der Hand grosser Kapitalisten, profitlich anwenden. Endlich giebt die Substitution der Dampfmaschine für den Menschen, hier wie in allen ähnlichen Umwälzungsprozessen, den Ausschlag. Die Anwendung der Dampfkraft stösst im Anfang auf rein technische Hindernisse, wie Schütteln der Maschinen, Schwierigkeit in der Beherrschung ihrer Geschwindigkeit, raschen Verderb der leichteren Maschinen u. s. w., lauter Hindernisse, welche die Erfahrung bald überwinden lehrt308. Wenn einerseits die Koncentration vieler Arbeitsmaschinen in grösseren Manufakturen zur Anwendung der Dampfkraft treibt, beschleunigt andrerseits die Konkurrenz des Dampfes mit Menschenmuskeln Koncentration von Arbeitern und Arbeitsmaschinen in grossen Fabriken. So erlebt England gegenwärtig in der kolossalen Produktionssphäre des „Wearing Apparel“, wie den meisten übrigen Gewerken, die Umwälzung der Manufaktur, des Handwerks und der Hausarbeit in Fabrikbetrieb, nachdem alle jene Formen, unter dem Einfluss der grossen Industrie gänzlich verändert, zersetzt, entstellt, bereits längst alle Ungeheuerlichkeiten des Fabriksystems ohne seine positiven Entwicklungsmomente reproducirt und selbst übertrieben hatten309.

Diese naturwüchsig vorgehende industrielle Revolution wird künstlich beschleunigt durch die Ausdehnung der Fabrikgesetze auf alle Industriezweige, worin Weiber, junge Personen und Kinder arbeiten. Die zwangsmässige Regulation des Arbeitstags nach Länge, Pausen, Anfangs- und Endpunkt, das System der Ablösung für Kinder, der Ausschluss aller Kinder unter einem gewissen Alter u. s. w. ernöthigen einerseits vermehrte Maschinerie310 und Ersatz von Muskeln durch Dampf als Trieb kraft311. Andrerseits, um im Raum zu gewinnen, was in der Zeit verloren geht, findet Streckung der gemeinschaftlich vernutzten Produktionsmittel statt, der Oefen, Baulichkeiten u. s. w., also in einem Wort grössere Koncentration der Produktionsmittel und entsprechende grössere Konglomeration von Arbeitern. Der leidenschaftlich wiederholte Haupteinwand jeder mit dem Fabrikgesetz bedrohten Manufaktur ist in der That die Nothwendigkeit grösserer Kapitalauslage, um das Geschäft in seinem alten Umfang fortzuführen. Was aber die Zwischenformen zwischen Manufaktur und Hausarbeit und letztre selbst betrifft, so versinkt ihr Boden mit der Schranke des Arbeitstags und der Kinderarbeit. Schrankenlose Ausbeutung wohlfeiler Arbeitskräfte bildet die einzige Grundlage ihrer Konkurrenzfähigkeit.

Wesentliche Bedingung des Fabrikbetriebs, namentlich sobald er der Regulation des Arbeitstags unterliegt, ist normale Sicherheit des Resultats, d. h. Produktion eines bestimmten Quantums Waare oder eines bezweckten Nutzeffekts in gegebnem Zeitraum. Die gesetzlichen Pausen des regulirten Arbeitstags unterstellen ferner plötzlichen und periodischen Stillstand der Arbeit ohne Schaden für das im Produktionsprozess befindliche Machwerk. Diese Sicherheit des Resultats und Unterbrechungsfähigkeit der Arbeit sind natürlich in rein mechanischen Gewerken leichter erzielbar als dort wo chemische und andere physische Prozesse eine Rolle spielen, wie z. B. in Töpferei, Bleicherei, Färberei, Bäckerei, den meisten Metallmanufakturen. Mit dem Schlendrian des unbeschränkten Arbeitstags, der Nachtarbeit, und freier Menschenverwüstung, gilt jedes naturwüchsige Hinderniss bald für eine ewigeNaturschranke“ der Produktion. Kein Gift vertilgt Ungeziefer sichrer als das Fabrikgesetz solche „Naturschranken“. Niemand schrie lauter über „Unmöglichkeiten“ als die Herren von der Töpferei. 1864 wurde ihnen das Fabrikgesetz oktroyirt und alle Unmöglichkeiten waren schon 16 Monate später verschwunden. „Die“ durch das Fabrikgesetz hervorgerufene „verbesserte Methode Schliff durch Druck statt durch Ausdünstung zu machen, die neue Konstruktion der Oefen zum Trocknen der frischen Waare u. s. w. sind Ereignisse von grosser Wichtigkeit in der Kunst der Töpferei und bezeich- 312 nen einen Fortschritt derselben, wie ihn das letzte Jahrhundert nicht aufweisen kann … Die Temperatur der Oefen ist beträchtlich vermindert, bei beträchtlicher Abnahme im Kohlenkonsum und rascherer Wirkung auf die Waare“313. Trotz aller Prophezeiung stieg nicht der Kostpreis des Erdenguts, wohl aber die Produktenmasse, so dass die Ausfuhr der 12 Monate von December 1864 bis December 1865 einen Werthüberschuss von 138,628 Pfd. St. über den Durchschnitt der drei vorigen Jahre ergab. In der Fabrikation von Schwefelhölzern galt es als Naturgesetz, dass Jungen, selbst während der Herunterwürgung ihres Mittagsmahls, die Hölzer in eine warme Phosphorkomposition tunkten, deren giftiger Dampf ihnen in das Gesicht stieg. Mit der Nothwendigkeit Zeit zu ökonomisiren, erzwang der Fabrikakt (1864) eine „dipping machine“ (Eintauchungsmaschine), deren Dämpfe den Arbeiter nicht erreichen können314. So wird jetzt in den noch nicht dem Fabrikgesetz unterworfenen Zweigen der Spitzenmanufaktur behauptet, die Mahlzeiten könnten nicht regelmässig sein „wegen der verschiednen Zeitlängen, die verschiedne Spitzenmaterialien zur Trocknung brauchen, und die von 3 Minuten auf eine Stunde und mehr variiren.“ Hierauf antworten die Kommissäre der „Children’s Employment Comm.“: „Die Umstände sind genau dieselben wie in der Tapetendruckerei. Einige der Hauptfabrikanten in diesem Zweig machten lebhaft geltend, die Natur der verwandten Materialien und die Verschiedenartigkeit der Prozesse, die sie durchlaufen, erlaubten ohne grossen Verlust keine plötzliche Stillsetzung der Arbeit für Mahlzeiten. . . . Durch die 6. Klausel der 6. Sektion des Factory Act’s Extension Act (1864) ward ihnen eine achtzehnmonatliche Frist vom Erlassungsdatum des Akts an eingeräumt, nach deren Ablauf sie sich den durch den Fabrikakt specificirten Erfrischungspausen fügen müssten315. Kaum hatte das Gesetz parlamentarische Sanktion erhalten, als die Herren Fabrikanten auch entdeckten: „Die Missstände, die wir von der Einführung des Fabrikgesetzes erwarteten, sind nicht eingetreten. Wir finden nicht, dass die Produktion irgendwie gelähmt ist. In der That, wir produciren mehr in derselben Zeit“316. Man sieht, das englische Parlament, dem sicher Niemand Genialität vorwerfen wird, ist durch Erfahrung zur Einsicht gelangt, dass ein Zwangsgesetz alle s. g. Naturhindernisse der Produktion gegen Beschränkung und Reglung des Arbeitstags einfach wegdiktiren kann. Bei Einführung des Fabrikakts in einen Industriezweig wird daher ein Termin von 6 bis 18 Monaten gestellt, innerhalb dessen es Sache der Fabrikanten ist die technischen Hindernisse wegzuräumen. Mirabeau’s: „Impossible! Ne me nommez jamais cet imbécil de mot!“ gilt namentlich für die moderne Technologie. Wenn aber das Fabrikgesetz so die zur Verwandlung des Manufakturbetriebs in Fabrikbetrieb nothwendigen materiellen Elemente treibhausmässig reift, beschleunigt es zugleich durch die Nothwendigkeit vergrösserter Kapitalauslage den Untergang der kleineren Meister und die Koncentration des Kapitals317.

Abgesehn von den rein technischen und technisch beseitbaren Hindernissen stösst die Regulation des Arbeitstags auf unregelmässige Gewohnheiten der Arbeiter selbst, namentlich wo Stücklohn vorherrscht und Verbummlung der Zeit in einem Tages- oder Wochenabschnitt durch nachträgliche Ueberarbeit oder Nachtarbeit aufgemacht werden kann, eine Methode, die den erwachsnen Arbeiter brutalisirt, seine unreifen und weiblichen Genossen ruinirt318. Obgleich diese Regellosigkeit in Verausgabung der Ar beitskraft eine naturwüchsig rohe Reaktion gegen die Langweile monotoner Arbeitsplackerei ist, entspringt sie jedoch in ungleich höherem Grad aus der Anarchie der Produktion selbst, die ihrerseits wieder ungezügelte Exploitation der Arbeitskraft durch das Kapital voraussetzt. Neben die allgemeinen periodischen Wechselfälle des industriellen Cyklus und die besondern Marktschwankungen in jedem Produktionszweig, treten namentlich die s. g. Saison, beruhe sie nun auf Periodicität der Schifffahrt günstiger Jahreszeiten oder auf der Mode, und die Plötzlichkeit grosser und in kürzester Frist auszuführender Ordres. Die Gewohnheit der letztern dehnte sich mit Eisenbahnen und Telegraphie aus. „Die Ausdehnung des Eisenbahnsystems“, sagt z. B. ein Londoner Fabrikant, „durch das ganze Land hat die Gewohnheit kurzer Ordres sehr gefördert. Käufer kommen jetzt von Glasgow, Manchester und Edinburg einmal in 14 Tagen oder so zu den City-Waarenhäusern für den Grossverkauf, denen wir die Waaren liefern. Sie geben Ordres, die unmittelbar ausgeführt werden müssen, statt vom Lager zu kaufen, wie es Gewohnheit war. In früheren Jahren waren wir stets fähig während der schlaffen Zeit für die Nachfrage der nächsten Saison vorauszuarbeiten, aber jetzt kann Niemand vorhersagen, was dann in Nachfrage sein wird“319.

In den noch nicht dem Fabrikgesetz unterworfenen Fabriken und Manufakturen herrscht periodisch die furchtbarste Ueberarbeit während der s. g. Saison, stossweis in Folge plötzlicher Ordres. Im auswärtigen Departement der Fabrik, der Manufaktur und des Waarenmagazins, in der Sphäre der Hausarbeit, ohnehin durchaus unregelmässig, für ihr Rohmaterial und ihre Ordres ganz abhängig von den Launen des Kapitalisten, den hier keine Rücksicht auf Verwerthung von Baulichkeiten, Maschinen u. s. w. bindet und der hier nichts riskirt als die Haut der Arbeiter selbst, wird so systematisch eine stets disponible, industrielle Reservearmee grossgezüchtet, decimirt während eines Theils des Jahrs durch unmenschlichsten Arbeitszwang, während des andern Theils verlumpt durch Arbeitsmangel. „Die Anwender“, sagt die „Child. Empl. Comm.“, „exploitiren die gewohnheitsmässige Unregelmässigkeit der Hausarbeit, um sie in Zeiten, wo Extrawerk nöthig, bis 11, 12, 2 Uhr Nachts, in der That, wie die stehende Phrase lautet, auf alle Stunden hinaufzuforciren, und diess in Lokalen, „wo der Gestank hinreicht, euch niederzuschmettern („the stench is enough to knock you down“). Ihr geht vielleicht bis an die Thüre und öffnet sie, aber schaudert zurück vor weiterem Vorgehn“320. „Es sind komische Käuze, unsre Anwender“, sagt einer der verhörten Zeugen, ein Schuster, „sie glauben, es thue einem Jungen keinen Harm, wenn er während eines halben Jahrs todtgerackert und während der andern Hälfte fast gezwungen wird herumzuludern“321.

Wie die technischen Hindernisse, so wurden und werden diese s. g. „Geschäftsgewohnheiten“ („usages which have grown with the growth of trade“) von interessirten Kapitalisten als „Naturschranken“ der Produktion behauptet, ein Lieblingsschrei diess der Baumwolllords zur Zeit als das Fabrikgesetz sie zuerst bedrohte. Obgleich ihre Industrie mehr als jede andre auf dem Weltmarkt und daher der Schifffahrt beruht, strafte die Erfahrung sie Lügen. Seitdem wird jedes angebliche „Geschäftshinderniss“ von den englischen Fabrikinspektoren als hohle Flause behandelt322. Die gründlich gewissenhaften Untersuchungen der „Child. Empl. Comm.“ beweisen in der That, dass in einigen Industrieen die bereits angewandte Arbeitsmasse nur gleichmässiger über das ganze Jahr vertheilt würde durch die Regulation des Arbeitstags323, dass letztere der erste rationelle Zügel für die menschenmörderischen, inhaltslosen und an sich dem System der grossen Industrie unangemessnen Flatterlaunen der Mode324, dass die Entwicklung der oceanischen Schifffahrt und der Kommunikationsmittel überhaupt den eigentlich technischen Grund der Saison-Arbeit aufgehoben hat325, dass alle andern angeblich unkontrolirbaren Umstände weggeräumt werden durch weitere Baulichkeiten, zusätzliche Maschinerie, vermehrte Anzahl der gleichzeitig beschäftigten Arbeiter326 und von selbst folgenden Rückschlag auf das System des Grosshandels327. Jedoch versteht sich das Kapital, wie es wiederholt durch den Mund seiner Repräsentanten erklärt, zu solcher Umwälzung „nur unter dem Druck eines allgemeinen Parlamentsakts328, der den Arbeitstag zwangsgesetzlich regulirt.

Die Fabrikgesetzgebung, diese erste bewusste und plan- 329 mässige Rückwirkung der Gesellschaft auf die naturwüchsige Gestalt ihres Produktionsprozesses, ist, wie man gesehn, ebenso sehr ein nothwendiges Produkt der grossen Industrie, als Baumwollgarn, Selfactors und der elektrische Telegraph. Bevor wir zu ihrer bevorstehenden Verallgemeinerung in England übergehn, sind noch einige nicht auf die Stundenzahl des Arbeitstags bezügliche Klauseln des englischen Fabrikakts kurz zu erwähnen.

Abgesehn von ihrer Redaktion, welche dem Kapitalisten ihre Umgehung erleichtert, sind die Gesundheitsklauseln äusserst mager, in der That beschränkt auf Vorschriften für Weisswaschung und einige sonstige Reinlichkeitsmassregeln, Ventilation, und Schutz gegen gefährliche Maschinerie. Wir kommen im dritten Buch auf den fanatischen Kampf der Fabrikanten gegen die Klausel zurück, die ihnen eine geringe Ausgabe zum Schutz der Gliedmassen ihrer „Hände“ aufoktroyirt. Hier bewährt sich wieder glänzend das Freihandelsdogma, dass in einer Gesellschaft antagonistischer Interessen Jeder das Gemeinwohl durch Verfolgung seines Eigennutzes fördert. Ein Beispiel genügt. Man weiss, dass sich während der letztverflossenen zwanzigjährigen Periode die Flachsindustrie und mit ihr die scutching mills (Fabriken zum Schlagen und Brechen des Flachses) in Irland sehr vermehrt haben. Es gab dort 1864 an 1800 dieser mills. Periodisch im Herbst und Winter werden hauptsächlich junge Personen und Weiber, die Söhne, Töchter und Frauen der benachbarten kleinen Pächter, lauter mit Maschinerie ganz unbekannte Personen, von der Feldarbeit weggeholt, um die Walzwerke der scutching mills mit Flachs zu füttern. Die Unfälle sind nach Umfang und Intensivität gänzlich beispiellos in der Geschichte der Maschinerie. Eine einzige scutching mill zu Kildinan (bei Cork) zählte von 1852 bis 1856 sechs Todesfälle und 60 schwere Verstümmelungen, welchen allen durch die einfachsten Anstalten, zur Kost von wenigen Schillingen, vorgebeugt werden konnte. Dr. W. White, der certifying surgeon der Fabriken zu Downpatrick, erklärt in einem officiellen Bericht vom 15. December 1865: „Die Unfälle in scutching mills sind furchtbarster Art. In vielen Fällen wird ein Viertheil des Körpers vom Rumpfe gerissen. Tod oder eine Zukunft elenden Unvermögens und Leidens sind gewöhnliche Folgen der Wunden. Die Zunahme der Fabriken in diesem Lande wird natürlich diese schauderhaften Resultate ausdehnen. Ich bin überzeugt, dass durch geeignete Staatsüberwachung der scutching mills grosse Opfer von Leib und Leben zu vermeiden sind“330. Was könnte die kapitalistische Produktionsweise besser charakterisiren als die Nothwendigkeit, ihr durch Zwangsgesetz von Staatswegen die einfachsten Reinlichkeits- und Gesundheitsvorrichtungen aufzuherrschen? „Der Fabrikakt von 1864 hat in den Töpfereien über 200 Werkstätten geweisst und gereinigt, nach zwanzigjähriger oder gänzlicher Enthaltung von jeder solchen Operation (diess ist die „Abstinenz“ des Kapitals!), in Plätzen, wo 27,800 Arbeiter beschäftigt sind, und bisher, während übermässiger Tages-, oft Nacht-Arbeit, eine mephitische Atmosphäre einathmeten, welche eine sonst vergleichungsweis harmlose Beschäftigung mit Krankheit und Tod schwängerte. Der Akt hat die Ventilationsmittel sehr vermehrt“331. Zugleich zeigt dieser Zweig des Fabrikakts schlagend, wie die kapitalistische Produktionsweise ihrem Wesen nach über einen gewissen Punkt hinaus jede rationelle Verbesserung ausschliesst. Es ward wiederholt bemerkt, dass die englischen Aerzte aus einem Munde 500 Kubikfuss Luftraum per Person für kaum genügen des Minimum bei fortgesetzter Arbeit erklären. Nun wohl! Wenn der Fabrikakt indirekt durch alle seine Zwangsmassregeln die Verwandlung kleinerer Werkstätten in Fabriken beschleunigt, daher indirekt in das Eigenthumsrecht der kleineren Kapitalisten eingreift und den grossen das Monopol sichert, so würde die gesetzliche Aufherrschung des nöthigen Luftraums für jeden Arbeiter in der Werkstätte Tausende von kleinen Kapitalisten mit einem Schlag direkt expropriiren! Sie würde die Wurzel der kapitalistischen Produktionsweise angreifen, d. h. die Selbstverwerthung des Kapitals, ob gross oder klein, durch „freien“ Ankauf und Konsum der Arbeitskraft. Vor diesen 500 Kubikfuss Luft geht daher der Fabrikgesetzgebung der Athem aus. Der „Board of Health“, die industriellen Untersuchungskommissionen, die Fabrikinspektoren wiederholen wieder und wieder die Nothwendigkeit der 500 Kubikfüsse und die Unmöglichkeit, sie dem Kapital aufzuoktroyiren. Sie erklären so in der That Schwindsucht und andre Lungenkrankheiten der Arbeit für eine Lebensbedingung des Kapitals332.

Armselig wie die Erziehungsklauseln des Fabrikakts im Ganzen erscheinen, proklamirten sie den Elementarunterricht als Zwangsbedingung der Arbeit333. Ihr Erfolg bewies zuerst die Möglichkeit der Verbindung von Unterricht und Gymnastik334 mit Handarbeit, also auch von Handarbeit mit Unterricht und Gymnastik. Die Fabrikinspektoren entdeckten bald aus den Zeugenverhören der Schulmeister, dass die Fabrikkinder, obgleich sie nur halb so viel Unterricht geniessen als die regelmässigen Tagesschüler, eben so viel und oft mehr lernen. „Die Sache ist einfach. Diejenigen, die sich nur einen halben Tag in der Schule aufhalten, sind stets frisch und fast immer fähig und willig Unterricht zu empfangen. Das System halber Arbeit und halber Schule macht jede der beiden Beschäftigungen zur Ausruhung und Erholung von der andern und folglich viel angemessner für das Kind als die ununterbrochne Fortdauer einer von beiden. Ein Junge, der von Morgens früh in der Schule sitzt, und nun gar bei heissem Wetter, kann unmöglich mit einem andern wetteifern, der munter und aufgeweckt von seiner Arbeit kommt“335. Weitere Belege findet man in Senior’s 336 Rede auf dem sociologischen Kongress zu Edinburg, 1863. Er zeigt hier auch u. a. nach, wie der einseitige, unproduktive und verlängerte Schultag der Kinder der höheren und mittleren Klassen die Arbeit der Lehrer nutzlos vermehrt, „während er Zeit, Gesundheit und Energie der Kinder nicht nur fruchtlos, sondern absolut schädlich verwüstet“337. Aus dem Fabriksystem, wie man im Detail bei Robert Owen verfolgen kann, entspross der Keim der Erziehung der Zukunft, welche für alle Kinder über einem gewissen Alter produktive Arbeit mit Unterricht und Gymnastik verbinden wird, nicht nur als eine Methode zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktion, sondern als die einzige Methode zur Produktion vollseitig entwickelter Menschen.

Man hat gesehn, dass die grosse Industrie die manufakturmässige Theilung der Arbeit mit ihrer lebenslänglichen Annexation eines ganzen Menschen an eine Detailoperation technologisch aufhebt, während zugleich die kapitalistische Form der grossen Industrie jene Arbeitstheilung noch monströser reproducirt, in der eigentlichen Fabrik durch Verwandlung des Arbeiters in den selbstbewussten Zubehör einer Theilmaschine, überall sonst theils durch sporadischen Gebrauch der Maschinen und Ma- 338 schinenarbeit339, theils durch Einführung von Weiber-, Kinder- und ungeschickter Arbeit als neuer Grundlage der Arbeitstheilung. Der Widerspruch zwischen der manufakturmässigen Theilung der Arbeit und dem Wesen der grossen Industrie macht sich gewaltsam geltend. Er erscheint u. a. in der furchtbaren Thatsache, dass ein grosser Theil der in den modernen Fabriken und Manufakturen beschäftigten Kinder, vom zartesten Alter festgeschmiedet an die einfachsten Manipulationen, Jahrelang exploitirt wird, ohne Erlernung irgend einer Arbeit, die sie später auch nur in derselben Manufaktur oder Fabrik brauchbar machte. In den englischen Buchdruckereien z. B. fand früher ein dem System der alten Manufaktur und des Handwerks entsprechender Uebergang der Lehrlinge von leichteren zu inhaltsvolleren Arbeiten statt. Sie machten einen Lerngang durch, bis sie fertige Drucker waren. Lesen und schreiben zu können war für alle ein Handwerkserforderniss. Alles das änderte sich mit der Druckmaschine. Sie verwendet zwei Sorten von Arbeitern, einen erwachsnen Arbeiter, den Maschinenaufseher, und Maschinenjungen, meist von 11 bis 17 Jahren, deren Geschäft ausschliesslich darin besteht, einen Bogen Papier der Maschine zu unterbreiten oder ihr den gedruckten Bogen zu entziehen. Sie verrichten, in London namentlich, diese Plackerei 14, 15, 16 Stunden ununterbrochen während einiger Tage in der Woche und oft 36 Stunden nach einander mit nur zwei Stunden Rast für Mahlzeit und Schlaf340! Ein grosser Theil von ihnen kann nicht lesen und sie sind in der Regel ganz verwilderte, abnorme Geschöpfe. „Um sie zu ihrem Werk zu befähigen, ist keine intellektuelle Ziehung irgend einer Art nöthig; sie haben wenig Gelegenheit für Geschick und noch weniger für Urtheil; ihr Lohn, obgleich gewissermassen hoch für Jungen, wächst nicht verhältmässig, wie sie selbst heranwachsen und die grosse Mehrzahl hat keine Aussicht auf den einträglicheren und verantwortlicheren Posten des Maschinenaufsehers, weil auf jede Maschine nur ein Aufseher und oft 4 Jungen kommen“341. Sobald sie zu alt für ihre kindische Arbeit werden, also wenigstens im 17. Jahr, entlässt man sie aus der Druckerei. Sie werden zu Rekruten des Verbrechens. Einige Versuche ihnen anderswo Beschäftigung zu verschaffen, scheiterten an ihrer Unwissenheit, Rohheit, körperlichen und geistigen Verkommenheit.

Was von der manufakturmässigen Theilung der Arbeit im Innern der Werkstatt, gilt von der Theilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft. So lange Handwerk und Manufaktur die allgemeine Grundlage der gesellschaftlichen Produktion bilden, ist die Subsumtion des Producenten unter einen ausschliesslichen Produktionszweig, die Zerreissung der ursprünglichen Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigungen342, ein nothwendiges Entwicklungsmoment. Auf jener Grundlage findet jeder besondre Produktionszweig empirisch die ihm entsprechende technologische Gestalt, vervollkommnet sie langsam und krystallisirt sie rasch, sobald ein gewisser Reifegrad erlangt ist. Was hier und da Wechsel hervorruft, ist ausser neuem Arbeitsstoff, den der Handel liefert, die allmälige Aenderung des Arbeitsinstruments. Die erfahrungsmässig entsprechende Form einmal gewonnen, verknöchert auch es, wie sein oft jahrtausendlanger Uebergang aus der Hand einer Generation in die der andern beweist. Es ist charakteristisch, dass bis ins 18. Jahrhundert hinein die besondern Gewerke mysteries (mystères)343 hiessen, in deren Dunkel nur der empirisch und professionell Eingeweihte eindringen konnte. Die grosse Industrie zerriss den Schleier, der den Menschen ihren eignen gesellschaftlichen Produktionsprocess versteckte und die verschiednen naturwüchsig besonderten Produktionszweige gegen einander und sogar dem in jedem Zweig Eingeweihten zu Räthseln machte. Ihr Princip, jeden Produktionsprozess an und für sich, und zunächst ohne alle Rücksicht auf die menschliche Hand, in seine constituirenden Elemente aufzulösen, schuf die ganz moderne Wissenschaft der Technologie. Die buntscheckigen, scheinbar zusammenhangslosen und verknöcherten Gestalten des gesellschaftlichen Produktionsprozesses lösten sich auf in bewusst planmässige und je nach dem bezweckten Nutzeffekt systematisch besonderte Anwendungen der Naturwissenschaft. Die Technologie entdeckte ebenso die wenigen grossen Grundformen der Bewegung, worin alles produktive Thun des menschlichen Körpers, trotz aller Mannigfaltigkeit der angewandten Instrumente, nothwendig vorgeht, ganz so wie die Mechanik durch die grösste Komplikation der Maschinerie sich über die beständige Wiederholung der einfachen mechanischen Potenzen nicht täuschen lässt. Die moderne Industrie betrachtet und behandelt die vorhandne Form eines Produktionsprozesses nie als definitiv. Ihre technologische Basis ist daher revolutionär, während die aller früheren Produktionsweisen wesentlich konservativ war344. Durch Maschinen, chemische Prozesse und andre Me thoden wälzt sie beständig mit der technischen Grundlage der materiellen Produktion die Funktionen der Arbeiter und die gesellschaftlichen Kombinationen des Arbeitsprozesses um. Sie revolutionirt damit ebenso beständig die Theilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleudert unaufhörlich Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Produktionszweig in den andern. Die Natur der grossen Industrie bedingt daher Wechsel der Arbeit, Fluss der Funktion, allseitige Beweglichkeit des Arbeiters. Andrerseits reproducirt sie in ihrer kapitalistischen Form die alte Theilung der Arbeit mit ihren knöchernen Partikularitäten. Man hat gesehn, wie dieser absolute Widerspruch alle Ruhe, Festigkeit, Sicherheit der Lebenslage des Arbeiters aufhebt, ihm mit dem Arbeitsmittel beständig das Lebensmittel aus der Hand zu schlagen345 und mit seiner Theilfunktion ihn selbst überflüssig zu machen droht, wie dieser Widerspruch im ununterbrochnen Opferfest der Arbeiterklasse, masslosester Vergeudung der Arbeitskräfte und den Verheerungen gesellschaftlicher Anarchie sich austobt. Diess ist die negative Seite. Wenn aber der Wechsel der Arbeit sich jetzt nur als überwältigendes Naturgesetz und mit der blind zerstörenden Wirkung eines Naturgesetzes durchsetzt, das überall auf Hindernisse stösst346, macht die grosse Industrie durch ihre Katastrophen selbst 347 es zur Frage von Leben oder Tod, den Wechsel der Arbeiten und daher möglichste Vielseitigkeit des Arbeiters als allgemeines gesellschaftliches Gesetz der Produktion anzuerkennen, und die Verhältnisse seiner normalen Verwirklichung gemäss umzugestalten. Sie macht es zu einer Frage von Leben oder Tod, die Ungeheuerlichkeit einer elenden, für die wechselnden Exploitationsbedürfnisse des Kapitals in Reserve gehaltenen, disponiblen Arbeiterbevölkerung zu ersetzen durch die absolute Disponibilität des Menschen für wechselnde Arbeitserfordernisse; das Theilindividuum, welches blosser Träger einer gesellschaftlichen Detailfunktion ist, durch das total entwickelte Individuum, für welches die gesellschaftlichen Funktionen eben so viele verschiedne Bethätigungsweisen sind. Ein auf Grundlage der grossen Industrie naturwüchsig entwickeltes Moment dieses Umwälzungsprozesses sind polytechnische und agronomische Schulen, ein anderes sind die „écoles d’enseignement professionnel“, worin die Kinder der Arbeiter einigen Unterricht in der Technologie und praktischen Handhabe der verschiednen Produktionsinstrumente erhalten. Wenn die Fabrikgesetzgebung als erste, dem Kapital nothdürftig abgerungene Koncession nur Elementarunterricht mit fabrikmässiger Arbeit verbindet, unterliegt es keinem Zweifel, dass die unvermeidliche Eroberung der politischen Gewalt durch die Arbeiterklasse auch dem technologischen Unterricht, theoretisch und praktisch, seinen Platz in den Arbeiterschulen erobern wird. Es unterliegt ebenso wenig einem Zweifel, dass die kapitalistische Form der Produktion und die ihr entsprechenden ökonomischen Arbeiterverhältnisse im diametralsten Widerspruch stehn mit solchen Umwälzungsfermenten und ihrem Ziel, der Aufhebung der alten Theilung der Arbeit. Die Entwicklung der Widersprüche einer geschichtlichen Produktionsform ist jedoch der einzig geschichtliche Weg ihrer Auflösung und Neugestaltung. „Ne sutor ultra crepidam“!, diess nec plus ultra hand werksmässiger Weisheit, wurde zur furchtbaren Narrheit von dem Moment, wo der Uhrmacher Watt die Dampfmaschine, der Barbier Arkwright den Kettenstuhl, der Juwelierarbeiter Fulton das Dampfschiff erfunden hatte348.

Soweit die Fabrikgesetzgebung die Arbeit in Fabriken, Manufakturen u. s. w. regulirt, erscheint diess zunächst nur als Einmischung in die Exploitationsrechte des Kapitals. Jede Regulation der s. g. Hausarbeit349 stellt sich dagegen sofort als direkter Eingriff in die patria Potestas dar, d. h. modern interpretirt, in die elterliche Autorität, ein Schritt, wovor das zartfühlende englische Parlament lang zurückzubeben affektirte. Die Gewalt der Thatsachen zwang jedoch endlich anzuerkennen, dass die grosse Industrie mit der ökonomischen Grundlage des alten Familienwesens und der ihr entsprechenden Familienarbeit auch die alten Familienverhältnisse selbst auflöst. Das Recht der Kinder musste proklamirt werden. „Unglücklicher Weise“, heisst es im Schlussbericht der „Child. Empl. Comm.“ von 1866, „leuchtet aus der Gesammtheit der Zeugenaussagen hervor, dass die Kinder beiderlei Geschlechts gegen Niemand so sehr des Schutzes bedürfen als gegen ihre Eltern.“ Das System der masslosen Exploitation der Kinderarbeit überhaupt und der Hausarbeit im Besondern wird dadurch „erhalten, dass die Eltern über ihre jungen und zarten Sprösslinge eine willkührliche und heillose Gewalt ohne Zügel oder Kontrole ausüben … Eltern dürfen nicht die absolute Macht besitzen, ihre Kinder zu reinen Maschinen zu machen, um so und so viel wöchentlichen Lohn herauszuschlagen … Kinder und junge Personen haben ein Recht auf den Schutz der Legislatur wider den Missbrauch der elterlichen Gewalt, der ihre physische Kraft vorzeitig bricht und sie degradirt auf der Staffel moralischer und intellektueller Wesen“350. Es ist 351 jedoch nicht der Missbrauch der elterlichen Gewalt, der die direkte oder indirekte Exploitation unreifer Arbeitskräfte durch das Kapital schuf, sondern es ist umgekehrt die kapitalistische Exploitationsweise, welche die elterliche Gewalt, durch Aufhebung der ihr entsprechenden ökonomischen Grundlage, zu einem Missbrauch gemacht hat. So furchtbar und ekelhaft nun die Auflösung des alten Familienwesens innerhalb des kapitalistischen Systems erscheint, so schafft nichtsdestoweniger die grosse Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern, jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisirten Produktionsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue ökonomische Grundlage für eine höhere Form der Familie und des Verhältnisses beider Geschlechter. Es ist natürlich ebenso albern die christlich germanische Form der Familie für absolut zu halten als die altrömische Form, oder die altgriechische, oder die orientalische, die übrigens untereinander eine geschichtliche Entwicklungsreihe bilden. Ebenso leuchtet ein, dass die Zusammensetzung des kombinirten Arbeitspersonals aus Individuen beiderlei Geschlechts und der verschiedensten Altersstufen, obgleich in ihrer naturwüchsig brutalen, kapitalistischen Form, wo der Arbeiter für den Produktionsprozess, nicht der Produktionsprozess für den Arbeiter da ist, Pestquelle des Verderbs und der Sklaverei, unter entsprechenden Verhältnissen umgekehrt zur Quelle humaner Entwicklung umschlagen muss352.

Die Nothwendigkeit, das Fabrikgesetz aus einem Ausnahmsgesetz für Spinnereien und Webereien, diese ersten Gebilde des Maschinenbetriebs, in ein Gesetz aller gesellschaftlichen Produktion zu verallgemeinern, entspringt, wie man sah, aus dem geschichtlichen Entwicklungsgang der grossen Industrie, auf deren Hintergrund die überlieferte Gestalt von Manufaktur, Handwerk und Hausarbeit gänzlich umgewälzt wird, die Manufaktur beständig in die Fabrik, das Handwerk beständig in die Manufaktur umschlägt, und endlich die Sphären des Handwerks und der Hausarbeit sich in relativ wunderbar kurzer Zeit zu Jammerhöhlen gestalten, wo die tollsten Ungeheuerlichkeiten der kapitalistischen Exploitation ihr freies Spiel treiben. Es sind zwei Umstände, welche zuletzt den Ausschlag geben, erstens die stets neu wiederholte Erfahrung, dass das Kapital, sobald es der Staatskontrole nur auf einzelnen Punkten der gesellschaftlichen Peripherie anheimfällt, sich um so massloser auf den andern Punkten entschädigt353, zweitens der Schrei der Kapitalisten selbst nach Gleichheit der Konkurrenzbedingungen, d. h. gleichen Schranken der Arbeitsexploitation354. Hören wir hierüber zwei Herzensstösse. Die Herrn W. Cooksley (Nagel-, Kettenu. s. w. Fabrikanten zu Bristol) führten die Fabrikregulation freiwillig in ihrem Geschäft ein. „Da das alte, unregelmässige System in den benachbarten Werken fortdauert, sind sie der Unbill ausgesetzt ihre Arbeitsjungen zur Fortsetzung der Arbeit anderswo nach 6 Uhr Abends verlockt (enticed) zu sehn. ‚Diess‘, sagen sie natürlich, ‚ist eine Ungerechtigkeit gegen uns und ein Verlust, da es einen Theil der Kraft der Jungen erschöpft, deren voller Vortheil uns gebührt355. Herr J. Simpson (Paper-Box Bag maker, London) erklärt den Kommissären der „Child. Empl. Comm.“: „Er wolle jede Petition für Einführung der Fabrikakte unterzeichnen. Wie es sei, fühle er sich stets rastlos des Nachts („he always felt restless at night“), nach Schluss seiner Werkstatt, bei dem Gedanken, dass andre länger arbeiten liessen und ihm Aufträge vor der Nase wegschnappten“356. „Es wäre ein Unrecht,“ sagt die Child. Empl. Comm. zusammenfassend, „gegen die grösseren Arbeitsanwender ihre Fabriken der Regulation zu unterwerfen, während in ihrem eignen Geschäftszweig der Kleinbetrieb keiner gesetzlichen Beschränkung der Arbeitszeit unterliegt. Zur Ungerechtigkeit ungleicher Konkurrenzbedingungen in Bezug auf die Arbeitsstunden bei Ausnahme kleinerer Werkstätten, käme noch der andere Nachtheil für die grösseren Fabrikanten hinzu, dass ihre Zufuhr von jugendlicher und weiblicher Arbeit abgelenkt würde nach den vom Gesetz verschonten Werkstätten. Endlich gäbe diess Anstoss zur Vermehrung der kleineren Werkstätten, die fast ausnahmslos die mindest günstigen für Gesundheit, Komfort, Erziehung und allgemeine Verbesserung des Volks sind“357.

In ihrem Schlussbericht schlägt die „Children’s Employment“ Kommission vor, über 1,400,000 Kinder, junge Personen und Weiber, wovon ungefähr die Hälfte vom Kleinbetrieb und der Hausarbeit exploitirt wird, dem Fabrikakt zu unterwerfen358. „Sollte,“ sagt sie, „das Parlament unsern Vorschlag in seinem ganzen Umfang annehmen, so ist es zweifellos, dass solche Gesetzgebung den wohlthätigsten Einfluss ausüben würde, nicht nur auf die Jungen und Schwachen, mit denen sie sich zunächst beschäftigt, sondern auf die noch grössere Masse von erwachsnen Arbeitern, die direkt (die Weiber) und indirekt (die Männer) unter ihren Wirkungskreis fallen. Sie würde ihnen regelmässige und ermässigte Arbeitsstunden aufzwingen; sie würde einen gesunderen und reinlicheren Zustand der Arbeitslokale herbeiführen; sie würde den Vorrath physischer Kraft, wovon ihr eignes Wohlergehen und das des Landes so sehr abhängt, haushalten und häufen; sie würde die aufsprossende Generation vor der Ueberanstrengung in frühem Alter schützen, welche ihre Konstitution untergräbt und zu vorzeitigem Verfall führt; sie würde schliesslich, wenigstens bis zum 13. Jahr die Gelegenheit des Elementarunterrichts bieten und damit der unglaublichen Unwissenheit ein Ende machen, die so treu in den Kommissionsberichten geschildert ist und nur mit qualvollster Empfindung und dem tiefen Gefühl nationaler Erniedrigung betrachtet werden kann“359. Das Toryministerium kündigte in der Thronrede vom 5. Februar 1867 an, dass es die Vorschläge der industriellen Untersuchungskommission in „Bills“ formulirt habe. Dazu bedurfte es eines neuen zwanzigjährigen Experimentum in corpore vili. Bereits im Jahr 1840 war eine parlamentarische Kommission zur Untersuchung über Kinderarbeit ernannt worden. Ihr Bericht von 1842 entrollte in den Worten N. W. Senior’s „das furchtbarste Gemälde von Habsucht, Selbstsucht und Grausamkeit der Kapitalisten und Eltern, von Elend, Degradation und Zerstörung der Kinder und jungen Personen, das jemals das Auge der Welt schlug … Man wähnt vielleicht, der Bericht beschreibe die Greuel eines vergangenen Zeitalters … Diese Greuel dauern fort, intensiver als jemals … Die 1842 denuncirten Missbräuche stehn heut zu Tage (Oktober 1863) in voller Blüthe … Der Bericht von 1842 wurde ohne weitere Notiznahme zu den Akten gelegt und da lag er zwanzig volle Jahre, während deren man den physisch, geistig und moralisch niedergetretenen Kindern erlaubte, die Eltern der jetzigen Generation zu werden“360. Die jetzige Untersuchungskommission schlägt ebenfalls neue Reglung der Minenindustrie vor361. Endlich brachte Professor Fawcett im Unterhaus (1867) ähnliche Resolutionen für die Agrikulturarbeiter ein, das Kabinet übernahm jedoch die Initiative.

362

Wenn die Verallgemeinerung der Fabrikgesetzgebung als physisches und geistiges Schutzmittel der Arbeiterklasse unvermeidlich geworden ist, 363 verallgemeinert und beschleunigt sie andrerseits, wie bereits angedeutet, die Verwandlung zerstreuter Arbeitsprozesse auf Zwergmassstab in kom- 364 binirte Arbeitsprozesse auf grosser, gesellschaftlicher Stufenleiter, die Koncentration des Kapitals und das Fabrikregime selbst. Sie zerstört alle 365 alterthümlichen und Uebergangsformen, wohinter sich die Herrschaft des Kapitals noch theilweis versteckt, und ersetzt sie durch seine direkte, un- 366 verhüllte Herrschaft. Sie verallgemeinert damit auch den direkten Kampf gegen diese Herrschaft. Während sie in den individuellen Werkstätten Gleichförmigkeit, Regelmässigkeit, Ordnung und Oekonomie erzwingt, vermehrt sie durch den ungeheuren Sporn, den Schranke und Regel des Arbeitstags der Technik aufdrücken, die Anarchie und Katastrophen der kapitalistischen Produktion im Grossen und Ganzen, die Intensivität der Arbeit und die Konkurrenz der Maschinerie mit dem Arbeiter. Mit den Sphären des Kleinbetriebs und der Hausarbeit vernichtet sie die letzten Zufluchtsstätten der unaufhörlich „überzählig“ gemachten und damit das bisherige Sicherheitsventil des ganzen Gesellschaftsmechanismus. Mit den materiellen Bedingungen und der gesellschaftlichen Kombination des Produktionsprozesses reift sie die Widersprüche und Antagonismen seiner kapitalistischen Form, daher gleichzeitig die Bildungselemente 367 einer neuen und die Umwälzungsmomente der alten Gesellschaft368.

Die Revolution, welche die grosse Industrie im Ackerbau und den socialen Verhältnissen seiner Produktionsagenten hervorruft, kann erst später dargestellt werden. Hier genügt kurze Andeutung einiger vorweggenommener Resultate. Wenn der Gebrauch der Maschinerie im Ackerbau grossentheils frei ist von den physischen Nachtheilen, die sie dem Fabrikarbeiter zufügt369, wirkt sie hier noch intensiver und ohne Gegenstoss auf die „Ueberzähligmachung“ der Arbeiter, wie man später im Detail sehn wird. In den Grafschaften von Cambridge und Suffolk z. B. hat sich das Areal des bebauten Landes seit den letzten zwanzig Jahren sehr ausgedehnt, während die Landbevölkerung in derselben Periode nicht nur relativ, sondern absolut abnahm. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika ersetzen Agrikultur - Maschinen einstweilen nur virtuell Arbeiter, d. h. sie erlauben dem Producenten Bebauung einer grösseren Fläche, verjagen aber nicht wirklich beschäftigte Arbeiter. In England und Wales betrug 1861 die Zahl der in der Fabrikation von Ackerbau-Maschinen betheiligten Personen 1034, während die Zahl der an Dampf- und Arbeitsmaschinen beschäftigten Agrikulturarbeiter nur 1205 betrug.

In der Sphäre der Agrikultur wirkt die grosse Industrie in sofern am revolutionärsten, als sie das Bollwerk der alten Gesellschaft vernichtet, denBauer“, und ihm den Lohnarbeiter unterschiebt. Die socialen Umwälzungsbedürfnisse und Gegensätze des Landes werden so mit denen der Stadt ausgeglichen. An die Stelle des gewohnheitsfaulsten und irrationellsten Betriebs tritt bewusste, technologische Anwendung der Wissenschaft. Die Zerreissung des ursprünglichen Familienbandes von Agrikultur und Manufaktur, welches die kindlich unentwickelte Gestalt beider umschlang, wird durch die kapitalistische Produktionsweise vollendet. Sie schafft aber zugleich die materiellen Voraussetzungen einer neuen, höheren Synthese, des Vereins von Agrikultur und Industrie, auf Grundlage ihrer gegensätzlich ausgearbeiteten Gestalten. Mit dem stets wachsenden Uebergewicht der städtischen Bevölkerung, die sie in grossen Centren zusammenhäuft, häuft die kapitalistische Produktion einerseits die geschichtliche Bewegungskraft der Gesellschaft, stört sie andrerseits den Stoffwechsel zwischen Mensch und Erde, d. h. die Rückkehr der vom Menschen in der Form von Nahrungs- und Kleidungsmitteln vernutzten Bodenbestandtheile zum Boden, also die ewige Naturbedingung dauernder Bodenfruchtbarkeit. Sie zerstört damit zugleich die physische Gesundheit der Stadtarbeiter und das geistige Leben der Landarbeiter370. Aber sie zwingt zugleich durch die Zerstörung der bloss naturwüchsig entstandenen Umstände jenes Stoffwechsels ihn systematisch als regelndes Gesetz der gesellschaftlichen Produktion und in einer der vollen menschlichen Entwicklung adäquaten Form herzustellen. In der Agrikultur wie in der Manufaktur erscheint die kapitalistische Umwandlung des Produktionsprozesses zugleich als Martyrologie der Producenten, das Arbeitsmittel als Unterjochungsmittel, Exploitationsmittel und Verarmungsmittel des Arbeiters, die gesellschaftliche Kombination der Arbeitsprozesse als organisirte Unterdrückung seiner individuellen Lebendigkeit, Freiheit und Selbstständigkeit. Die Zerstreuung der Landarbeiter über grössere Flächen bricht zugleich ihre Widerstandskraft, während Koncentration die der städtischen Arbeiter steigert. Wie in der städtischen Industrie wird in der modernen Agrikultur die gesteigerte Produktivkraft und grössere Flüssigmachung der Arbeit erkauft durch Verwüstung und Versiechung der Arbeitskraft selbst. Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. Je mehr ein Land, wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika z. B., von der grossen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerstörungsprozess371. Die kapitalistische Produk tion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichthums untergräbt: Die Erde und den Arbeiter.