§. 24. Durch welches Geſetz wird der Preis des Getreides beſtimmt?
Um dieſe Frage beantworten zu koͤnnen, muͤſſen wir fuͤr einen Augenblick annehmen, daß in dem iſolirten Staat, nachdem derſelbe die Geſtalt gewonnen hat, die wir in den vorhergehenden Unterſuchungen entwickelt haben, der Preis des Rockens in der Stadt ſelbſt von 1½ Thaler bis zu 1 Thaler fuͤr den Scheffel heruntergehe.
Dem 31,5 Meilen von der Stadt entfernten Gute koſtet die Produktion des Schfl. Rocken 0,47 Thlr., die Transportkoſten fuͤr Schfl. Rocken bis zur Stadt betragen 1,03 Thlr.
Dieſes Gut wird alſo, ſobald der Schfl. Rocken in der Stadt ſelbſt nur 1 Thlr. gilt, kein Korn mehr nach der Stadt liefern koͤnnen. In einer aͤhnlichen Lage ſind alle Guͤter, denen der Schfl. Rocken an Produktions- und Transportkoſten nach der Stadt mehr als einen Thaler koſtet, und dies iſt der Fall fuͤr alle Guͤter die weiter als 23½ Meilen von der Stadt entfernt liegen.
Indem nun die ganze Gegend, welche weiter als 23½ Meilen von der Stadt entfernt iſt, kein Korn mehr zur Stadt liefert, muß in der Stadt ſelbſt, vorausgeſetzt daß die Bevoͤlkerung und die Konſumtion unveraͤndert geblieben ſind, der groͤßte Mangel entſtehen, wodurch die Preiſe augenblicklich wieder ſteigen. Das heißt mit andern Worten: der Preis von 1 Thlr. iſt hier unmoͤglich.
Die Stadt kann ihren Kornbedarf nur dann geliefert erhalten, wenn ſie einen Preis dafuͤr bezahlt, der hinreichend iſt, dem entfernteſten Produzenten, deſſen Korn ſie noch bedarf, mindeſtens die Produktions- und Transportkoſten des Korns zu verguͤtigen.
Nun iſt aber der Kornbedarf der Stadt ſo groß, daß zur Hervorbringung deſſelben der Kornbau bis 31,5 Meilen von der Stadt ausgedehnt werden muß; und weil in dieſer Entfernung nur dann Korn gebauet werden kann, wenn der Mittelpreis des Rockens 1½ Thlr. betraͤgt, ſo kann auch kein niedrigerer Preis ſtatt finden.
Nicht bloß fuͤr unſern iſolirten Staat, ſondern auch in der Wirklichkeit, wird der Preis des Korns durch folgendes Geſetz beſtimmt:
- Der Preis des Korns muß ſo hoch ſeyn, daß die Landrente desjenigen Guts, welchem die Lieferung des Getreides nach dem Markt — weil es entweder ſo ſchlechten Boden hat, daß die Produktion des Korns ſehr theuer wird, oder weil es ſo weit entfernt liegt, daß die Transportkoſten ſehr hoch zu ſtehen kommen — am koſtſpieligſten wird, deſſen Anbau aber zur Befriedigung des Getreidebedarfs noch nothwendig iſt, nicht unter Null herabſinke.
Der Getreidepreis iſt alſo weder willkuͤhrlich noch zufaͤllig, ſondern an feſte Regeln gebunden.
Faͤnde dagegen eine dauernde Veraͤnderung in dem Bedarf ſtatt, ſo bringt dies auch eine dauernde Aenderung in dem Getreidepreis hervor.
Verminderte ſich z. B. die Konſumtion ſo weit, daß ein Kreis von einem Halbmeſſer von 23½ Meilen den Bedarf der Stadt befriedigen koͤnnte, ſo wuͤrde dadurch auch der Mittelpreis des Getreides bis zu 1 Thlr. fuͤr den Schfl. Rocken herunterſinken.
Vermehrte ſich im Gegentheil die Konſumtion, ſo wuͤrde die bisher kultivirte Ebene den Bedarf der Stadt nicht mehr befriedigen koͤnnen, und die mangelhafte Ver- ſorgung des Markts wuͤrde hoͤhere Preiſe erzeugen. Durch die Erhoͤhung des Preiſes wuͤrden die entlegenſten Guͤter, welche bisher keine Landrente trugen, nun einen Ueber- ſchuß gewaͤhren, der eine Landrente begruͤndete; der hinter dieſen Guͤtern liegende Boden wuͤrde noch mit Vortheil angebauet werden, die kultivirte Ebene wuͤrde ſich ſo weit erweitern, als die Produktion des Korns noch eine Landrente abwuͤrfe.
Sobald dies geſchehen waͤre, wuͤrden Produktion und Konſumtion wieder im Gleichgewicht ſeyn; aber der Getreidepreis bliebe fuͤr immer erhoͤhet.
Die Erhoͤhung der Produktion bringt aͤhnliche Wir kungen auf den Getreidepreis hervor, als die verminderte Konſumtion.
Wuͤrde z. B. der Ertrag des Bodens in dem iſolirten Staat von 8 auf 10 Koͤrner erhoͤht, und der Bedarf der Stadt bliebe derſelbe: ſo wuͤrde ein viel geringerer Theil der Ebene zur Verſorgung der Stadt mit Lebensmitteln hinreichend ſeyn; der uͤbrige Theil der Ebene waͤre dann fuͤr die Stadt entbehrlich, und im Fall bei dieſer Fruchtbarkeit des Bodens ein Kreis, deſſen Halbmeſſer 23½ Meilen betraͤgt, den Bedarf der Stadt befriedigen koͤnnte, wuͤrde der Preis des Rockens bis zu 1 Thlr. fuͤr den Schfl. heruntergehen.
Waͤre dagegen die Erhoͤhung des Koͤrnerertrags von einer ſolchen Steigerung der Konſumtion begleitet, daß der Getreidepreis fortwaͤhrend derſelbe bliebe: ſo wuͤrde dies zu einer ungemein großen Zunahme der Bevoͤlkerung und des Nationalreichthums fuͤhren.
Wenn das Gut, deſſen Boden 8 Koͤrner traͤgt, ungefaͤhr 4 Koͤrner zur Verſorgung der Staͤdte abgeben kann, ſo wird dagegen das Gut mit einem Bodenertrage von 10 Koͤrnern mindeſtens 5½ Koͤrner abgeben koͤnnen. Zugleich erweitert ſich nach §. 14. mit dem ſteigenden Koͤrnerertrag des Bodens der Anbau der Ebene von 31,5 bis zu 34,7 Meilen von der Stadt. Durch dieſe gleichzeitige Steigerung der intenſiven und der extenſiven Kultur, wuͤrde nun die Bevoͤlkerung des ganzen Staats um etwa 50 prct. vermehrt werden koͤnnen; und dieſe groͤßere Volksmenge wuͤrde eben ſo reichlich ernaͤhrt werden als fruͤher die kleinere.
Die Groͤße der Konſumtion in der Stadt muß, wenn man nicht einzelne Jahre ſondern laͤngere Zeitraͤume uͤberblickt, mit der Groͤße des Einkommens dieſer Stadt im Verhaͤltniß ſtehen. Bei einem gleichbleibenden Ertrage des Bodens wird alſo das Steigen oder Fallen der Ge treidepreiſe von dem Zunehmen oder Abnehmen des Einkommens, welches die konſumirende Klaſſe der Staatsbuͤrger genießt, abhaͤngen.
Die Marktpreiſe des Getreides ſtimmen ſelten oder faſt nie mit dem Mittelpreiſe deſſelben uͤberein: ſie ſind vielmehr im ſteten Schwanken begriffen, ſtehen bald hoͤher bald niedriger als der Mittelpreis, und haͤngen von dem momentanen Ueberfluß oder Mangel ab.
So wie nun der Landbau Kapitalauslagen zur Errichtung von Gebaͤuden u. ſ. w. erfordert, die erſt nach einer langen Reihe von Jahren wieder erſtattet werden: ſo entſcheidet auch der Marktpreis eines Jahrs und die daraus hervorgehende Gutseinnahme, nicht uͤber die richtige oder unrichtige Verwendung dieſes Kapitals.
Bei unſern Unterſuchungen, die bisher ſtets auf den letzten Erfolg, aber niemals auf die Erſcheinungen, die ſich bei dem Uebergange aus einem Zuſtande in den andern zeigen, gerichtet geweſen ſind, haben wir deshalb immer auch nur den Mittelpreis des Getreides, der ſich aus dem Durchſchnitt der Marktpreiſe einer großen Reihe von Jahren ergibt, zum Grunde legen koͤnnen.
