8. Die Leinen- und Baumwollenweberei für den Abſatz im Großen nebſt ihren Hülfsgewerben.
Der lokalen handwerksmäßigen Weberei habe ich in den bisherigen Ausführungen die Weberei für den Abſatz im Großen entgegengeſetzt. Es war unter letzterer dabei ſowohl die Hausinduſtrie, welche für den großen Markt arbeitet, als die fabrikmäßige Weberei verſtanden. Wir haben jetzt noch zu unterſuchen, wie ſich der Konkurrenzkampf zwiſchen dieſen beiden Faktoren geſtaltet hat, wo das Fabrikſyſtem und der Maſchinen- ſtuhl die Hausinduſtrie verdrängt haben. Das Schwierige iſt dabei, daß auch der flüchtigſte Ueberblick über die Geſchichte der betreffenden Induſtrien ſich nicht geben läßt, ohne eine Reihe von mitwirkenden, aber unſerer Unterſuchung ferner liegenden Urſachen hereinzuziehen. Die allgemeine Handelsgeſchichte, die Rückwirkung politiſcher Ereigniſſe, das Zollweſen des eignen und der benachbarten Staaten und ähnliche Dinge ſind theilweiſe bedeutungsvoller für Aenderung oder Erhaltung dieſer und jener Form der Induſtrie geworden, als die direkten Vortheile und Nachtheile dieſer und jener Art des Betriebs ſelbſt.
Zahlreiche handwerksmäßige Geſchäfte an demſelben Orte vereinigt mit theilweiſe gemeinſamen Einrichtungen, mit einem ſehr bedeutenden Abſatz nach fremden Märkten kannte ſchon das Mittelalter — und zwar hauptſächlich in der Gewebeinduſtrie. In Gent ſollen ſeiner Zeit 40000 Webſtühle geſtanden haben, in Brügge ſollen zur Zeit der höchſten Blüthe 50000 Men- ſchen von der Verarbeitung der Wolle gelebt haben. In Köln wurden nach einem Aufſtande der Weber auf einmal 1800 Tuchmacher verbannt. Noch 1610 gab es in Augsburg 6000 Leineweber. Von 1415 bis gegen 1564, bis die engliſche Konkurrenz durch die vertriebenen Niederländer ſo bedeutend zunahm, lebten die märkiſchen Städte faſt ausſchließlich von der Wollweberei.1
Es war eine Maſſeninduſtrie, aber keine Großinduſtrie. Die einzelnen Weber waren theilweiſe reiche Leute und traten als ſolche in die höhern Klaſſen der Geſellſchaft über, aber in der Hauptſache blieben ſie, ſo lange ſie das Geſchäft betrieben, Handwerker, Meiſter, die ſelbſt Hand anlegten. Ob dieſe glückliche ſoziale Organiſation der mittelalterlichen Gewebeinduſtrie mehr Folge der allgemeinen damaligen wirthſchaftlichen Zu- ſtände, der einfachen Technik, der mäßigen Kapitalvorräthe war oder vielmehr Folge einer naiven ſozialiſti- ſchen Geſetzgebung, die im Einklang mit den Sitten und den moraliſchen Anſchauungen jener Zeit abſichtlich eine gewiſſe ſoziale und wirthſchaftliche Gleichheit unter ſämmtlichen Produzenten erhalten wollte,2 will ich hier nicht entſcheiden. Es würde zu weit abführen, wollte ich hier das Entſtehen, die Vorausſetzungen, die Urſachen der Blüthe jener Gewebeinduſtrie ſchildern. Nur das möchte ich betonen, daß auch damals, wie bei einer handwerksmäßigen Maſſeninduſtrie immer, das einzelne kleine Geſchäft nicht auf ſich allein ſtehen konnte. Die große Fabrik der Gegenwart iſt eine Einheit für ſich, geleitet von einem Manne höherer Bildung und weiten Blickes. Bei der Hausinduſtrie handelt es ſich immer um eine Reihe von Geſchäften, die theils in einander greifen, theils ſich parallel entwickeln müſſen, um einen gemeinſamen Effekt zu erreichen, die in der Mehrzahl von Leuten mittlerer und geringer techniſcher und kaufmänniſcher Bildung geleitet werden.
Großes hat in den blühendſten Zeiten des kräftigen Städtelebens das Genoſſenſchaftsweſen für gleichmäßige Produktion, für gemeinſame Einrichtungen und gemeinſam organiſirten Abſatz geleiſtet. Aber angelehnt waren dieſe genoſſenſchaftlichen Inſtitute immer an die Zunft, und die Zunft war in ihrer beſten Zeit keine den ſtädtiſchen oder ſtaatlichen Behörden entgegengeſetzte Genoſſenſchaft, ſie war Genoſſenſchaft und ſtädtiſche Behörde zugleich, vom Rathe kontrolirt, vom Rathe gehindert, egoiſtiſche kurzſichtige Beſchränkungen eintreten zu laſſen, durch ſchlechte Waarenlieferung den Kredit der Stadt zu kompromittiren, vom Rathe unterſtützt und nach Außen vertreten. Die Zünfte „errichteten oder brachten an ſich Wollküchen, in welchen die rohe Wolle gereinigt, Kämmhäuſer, in welchen dieſelbe gekämmt wurde, Walkmühlen, Schleifereien, um die Scheeren der Tuchſcheerer zu ſchleifen, Tuchrollen, Mange- und Färbehäuſer; ſie beſaßen oder mietheten gemeinſam große Räume, wo die Tuchrahmen zum Trocknen aufgeſtellt wurden, Gärten, wo gebleicht, endlich Gewandhäuſer, in welchen die Tuche verkauft wurden.“ Ebenſo oft als die Zunft übernahm die Stadt ſelbſt ſolche Inſtitute. Der Name und das Siegel der Stadt garantirte in weiter Ferne die Güte der Waare. In jeder Weiſe bemühten ſich die ſtädtiſchen Behörden für das Gedeihen ſolcher Gewerbe, auf welchen der Wohlſtand der ganzen Stadt ruhte.
Die territoriale Fürſtenmacht trat im 17. und 18. Jahrhundert, als der Zunft- und Gemeindegeiſt tief geſunken, einer ſelbſtändigen geſunden Aktion nicht mehr fähig war, nur das Erbe des früheren ſtädtiſchen Regiments an, wenn ſie nun dieſe Funktionen übernahm, wenn ſie durch ihre Gewerbereglements, durch Legge- ſtellen und Schauämter für die nothwendige gleichmäßige Produktion der einzelnen kleinen Meiſter, wenn ſie mit ſtaatlichen Mitteln für mancherlei gemeinſame Einrichtungen und Anſtalten ſorgte. Nach dem Stande der Technik, nach der Bildung des damaligen deutſchen Handwerkerſtandes, nach den vorhandenen Kapitalmitteln war in vielen Zweigen eine blühende Induſtrie nur ſo oder gar nicht möglich. Ohne dieſe Vermittlung, ohne dieſe einheitliche Organiſation war es nicht möglich, damals in Deutſchland Tauſende von kleinen Unternehmern zur Wohlhabenheit und zur Thätigkeit für den Welthandel zu erziehen.3 Die Prohibitivmaßregeln, die Aus- und Einfuhrverbote, welche in merkantiliſti- ſchem Sinne in Preußen und anderwärts erlaſſen wurden, mag man verurtheilen; für die wichtigſte Gewebeinduſtrie, für die Leineweberei, waren ſie gleichgültig; ihre Blüthe beruhte auf dem großen Export; in freier Konkurrenz hatte ſie ſich ihre Stellung auf dem Weltmarkt erkämpft, nnd die Wollinduſtrie, die Strumpfwaareninduſtrie, auch Anfänge andrer Gewebeinduſtrien waren gefolgt, hatten ebenfalls begonnen zu exportiren.
Die deutſche Linnenweberei des vorigen Jahrhunderts hatte in Schleſien, in der Lauſitz, in Weſtfalen, in Osnabrück, im Ravensbergiſchen ihre Hauptſitze. In Bielefeld hatte ſich ſchon ſeit Anfang des Jahrhunderts die Damaſtweberei entwickelt. Mehr und mehr bezahlte Deutſchland ſeine Colonialwaaren mit Leinwand; in den holländiſchen und ſpaniſchen Colonien war deutſche Leinwand zu Hauſe; vor Allem der Abſatz über Spanien und nach Spanien war ſehr bedeutend; nach der Schweiz, nach Italien und Frankreich kam ebenfalls viel deutſche Leinwand, nach dieſen Ländern mehr aus Süddeutſchland; die vereinigten Staaten eröffneten nach ihrem Abfall vom Mutterlande einen neuen großen Markt. Beſonders ſeit 1776 ſteigerte ſich die deutſche Linnenausfuhr von Jahr zu Jahr. Die Bevölkerung nahm in den Webergegenden raſch zu, die Bodenpreiſe ſtanden dort noch einmal ſo hoch als anderwärts.4 Die Konjunkturen waren immer ſteigende, der Begehr regelmäßig größer als die Produktion. Allein aus Schleſien wurden 1777 für 3 — 4 Mill. Thaler Leinwand direkt nach Spanien geſandt.5 Gegen 1800 hatte die jährliche Ausfuhr aus Schleſien an Leinwand einen Werth von gegen 13 Mill. Thaler. Der Werth der jährlich aus der ſächſiſchen Oberlauſitz ausgeführten Leinewand erreichte im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts durchſchnittlich mehr als zwei Mill. Thaler.6
Die große märkiſche Tuchinduſtrie war durch den dreißigjährigen Krieg und ſchon vorher verfallen; viele Tuchmacher hatten ſich nach Sachſen gezogen, wo die Tuchmacherei fortdauernd blühte, gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch die Wolle der 1765 und 1778 vom Churfürſten eingeführten Merinoheerden, durch den Glanz des ſächſiſchen Hofes und durch die Lepziger Meſſe einen neuen Aufſchwung nahm. Aber auch in den preußiſchen Staaten erblühte die Wollweberei, durch alle möglichen Regierungsmaßregeln befördert, wieder;7 die franzöſiſchen Refugiés, ſpeziell hiefür herbeigeholte Tuchmacher aus Jülich und Holand, die Gewerbereglements hoben die Technik; die ſtehenden Heere ſteigerten hier wie anderwärts bedeutend die Nachfrage. Aber auch nach dem Auslande nahm der Abſatz zu. Brandenburgiſche und ſchleſiſche Tücher wurden nach Nieder- ſachſen und Weſtfalen gebracht; der Hauptexport aber ging über Hamburg und dann direkt nach Polen und Rußland. Während für die letzten Jahre Friedrich’s des Großen Mirabeau eine Geſammtproduktion in dem preußiſchen Staate von 5,8 Mill. Thlr. Wollwaaren und einen Export von 1 Mill. Thlr. annimmt, wird die Geſammtproduktion von Krug für 1802 auf 13 Mill. berechnet, wovon über 7 Mill. ausgeführt wurden (neben einer Einfuhr von etwa 2 Mill.).8
Die Seiden- und Baumwollenweberei arbeitete mehr für den innern Bedarf, war aber in einzelnen Gegenden auch ſchon ziemlich bedeutend. Erſtere am Rhein und in Berlin, letztere beſonders im ſächſiſchen Voigtlande, wohin ſchweizer Spinner und Weber dieſe Induſtrie ſchon im 17. Jahrhundert gebracht hatten. Auch die Erzgebirgiſche Spitzen- und Strumpffabrikation exiſtirte ſchon als blühende Hausinduſtrie mit einem nicht unbeträchtlichen Abſatz nach außen.
Die Organiſation der Weberei war faſt überall dieſelbe, wie die ſtaatliche Beaufſichtigung durch Reglements und Schauämter. Die Weber waren beſonders in der Linnen- und Strumpfwaareninduſtrie faſt durchaus ſelbſtändige Unternehmer, häufig zugleich kleine Haus- und Grundbeſitzer, Eigenthümer der Webſtühle; die wohlhabendern beſchäftigten ein oder ein paar Gehülfen. Sie verkauften meiſt direkt, d. h. ohne die Zwiſchenhand eines Factors, eines Kommiſſionärs, in der Regel auf beſondern Märkten an die Kaufleute, welche die Waare bleichen, färben und zurichten ließen, dieſelbe in den Welthandel brachten. Die Kaufleute waren ſelbſt zu einem großen Theil wohlhabend gewordene Weber. Sie erhielten die Aufträge auf die beſtimmt hergebrachten Arten von Geweben aus Hamburg, Bremen, aus den Abſatzländern ſelbſt.
Der Vortheil der Organiſation lag eben darin, daß die großen Gewinne ſich auf ſo viele kleine Unternehmer vertheilten, daß die große Induſtrie auf die Weiſe herabſtieg in die Hütte des kleinen Handwerkers, ſich auf dem Lande anſiedelte, jene glückliche Verbindung mit der Bewirthſchaftung eines kleinen Grundſtücks erlaubte, welche z. B. Bowring noch im Jahre 1839 zu den begeiſterten Lobreden auf die deutſche Gewebeinduſtrie im Gegenſatz zur engliſchen veranlaßte.9
Dagegen ließen Nachtheile auch ſchon damals ſich nicht verkennen. Die überwiegende Mehrzahl der Produzenten waren weder techniſch noch kaufmänniſch gebildete Handwerker; ſchwerfällig hielten ſie am Hergebrachten feſt. Wollte je Einer Etwas Neues einführen, ſo hing er z. B. in der Wollinduſtrie vom Spinner und Kämmer oder Streicher, von der Ortswalke, vom Tuchſcheerer ab.10 Der Kaufmann, der einen neuen Artikel verlangte, hatte die verſchiedenſten Leute und Geſchäfte dazu anzulernen, mußte ihnen die neuen Muſter, den neuen Rohſtoff liefern. Von einem Anſchmiegen an den wechſelnden Geſchmack des Publikums, von raſcher Einführung neuer Methoden konnte nicht die Rede ſein. Nur langſam, mit Verluſten, durch veränderte Regle ments war dies möglich. Ganz beſtimmte Arten von Geweben mit feſtem Namen, beſtimmter Breite und Stücklänge konnten in der Regel nur gefertigt werden. Bei ihnen mußte man ſchon bleiben, weil nur über ſolche feſtſtehende ſtereotype Produkte eine Kontrole durch Schauämter, eine Stempelung möglich war; und dieſe Kontrole wieder war unentbehrlich, weil ohne ſie die Waaren, welche der einzelne Kaufmann lieferte, welche aber Dutzende von Webern gefertigt hatten, zu ungleichmäßig ausgefallen wären, weil unter den kleinen Webern immer viele waren, die nicht ſo weitſichtig ſein konnten, wie heute jede große Fabrik es iſt oder ſein ſollte, einzuſehen, daß kleine Fälſchungen und Nachläſſigkeiten den ganzen Abſatz gefährden.
Große politiſche Stürme, große anhaltende Stockungen des Abſatzes, bedeutende Fortſchritte in der Technik, veränderte Anſchauungen über Recht und Pflicht des Staates, ſich der Induſtrie des Landes anzunehmen, das waren Schläge, welche eine derartig organiſirte Hausinduſtrie doppelt treffen mußten, zumal wenn ſie ſich faſt alle zu gleicher Zeit vereinigten.
Die napoleoniſchen Kriege, die Kontinentalſperre, die Vernichtung des auswärtigen deutſchen Handels, die großen Veränderungen innerer und äußerer Zollinien und Zollſätze haben je nach den einzelnen Induſtrien auf Deutſchland ſehr verſchieden gewirkt; einzelne, wenig entwickelt und jetzt von der engliſchen Konkurrenz befreit, haben große Fortſchritte in dieſer Zeit gemacht; andere, deren Abſatz bisher über England, überhaupt nach Staaten und Ländern gegangen war, mit denen der Handel damals unmöglich war, mußten um ſo empfindlicher leiden; da die Stockung eine Jahrelang audauernde war, mußten die bisher von Deutſchland aus verſorgten Länder entweder ihre Induſtrie ſelbſt entwickeln oder mit andern Bezugsquellen ſich in Verbindung ſetzen.
Das war zunächſt der Hauptſchlag, der die deutſche Linneninduſtrie traf11 und zugleich die engliſche hob, wie ich oben ſchon bei Beſprechung der Flachsſpinnerei zu zeigen ſuchte. Englands Marine, ſein auswärtiger Handel nahm zu, ihm allein ſtanden die Märkte der Kolonien noch offen, die Linnenpreiſe ſtanden dort hoch; es warf ſich mit Macht auf dieſe Induſtrie, in der Spinnerei die Maſchine, in der Bleiche und Appretur die neuen Methoden, in der Weberei aber auch noch faſt durchaus den Handſtuhl benutzend.
In Deutſchland war die Noth in den Weberdiſtrikten in jener Zeit groß, freilich verſchieden je nachdem die Weberei ausſchließliche Erwerbsquelle der Leute war oder nicht. Der Abſatz ſtockte, die Preiſe waren gedrückt und doch ſchränkte ſich die Produktion nicht ein. Die kleinen Meiſter fuhren fort zu arbeiten, ja die eben erlaſſene Gewerbefreiheit in Preußen und die Noth auch in andern Gewerbszweigen veranlaßte da und dort ſogar noch einen weitern Zudrang, beſonders in Schleſien. Während die Leinwandkaufleute und die wohlhabenden Weber ſich eher aus dem Geſchäft zurückzogen, um nicht auch, wie ſo manche ihrer Kollegen, Bankerott zu machen, vermehrte ſich das Angebot der kleinen unvoll kommenen Weber. Hätte das Geſchäft geblüht, ſo wären jene, die ſich jetzt mit ihrem Vermögen zurückzogen, die berufenen Leute geweſen, die Fortſchritte des engliſchen Maſchinenweſens nachzuahmen. Bei der Ueberproduktion aber war keine Veranlaſſung hiezu. Und die, welche bei der Weberei blieben und neu ſich zudrängten, waren die mittelloſen und ungeſchicktern Weber. Sie fingen im Gegentheil mehr und mehr, freilich durch die Noth getrieben, an, zu verſuchen, ob ſie durch ſchnelle, ſchlechte und gefälſchte Produktion nicht erſetzen könnten, was ſie an den gedrückten Preiſen verloren.
Es kann in dieſer Beziehung nach den übereinſtimmenden Ausſagen der Sachverſtändigen12 nicht zweifelhaft ſein, daß die Gewerbefreiheit und die in Folge hievon eingetretene laxere Handhabung oder vollſtändige Nichtachtung der Reglements verhängnißvoll beſonders für die ſchleſiſche Linnenweberei geworden iſt. Stände, Regierung und Kaufleute ſahen das nach Jahren ja auch ein. Man verſuchte in Schleſien 1827 die Kontrolen theilweiſe wieder herzuſtellen, wie ich ſchon bei Betrachtung der Spinnerei erzählte. Aber es war ſchwierig; man fand Widerſtand aller Art; für einzelne größere ſolide Geſchäfte war jede derartige Kontrole überflüſſig, daneben läſtig und hemmend. Eine ſehr große Zahl anderer Kaufleute und Weber, die ſeit Jahren ſchlechte und gefälſchte Waaren lieferten, hatten alle Urſache, aus dieſem Grunde Oppoſition zu machen. So wagte man nicht die Schau und Stempelung obligatoriſch zu machen; es wurde nur angeordnet, daß die Weber geſtempelte Weberblätter benutzen ſollten, worin, wenn ſie ſie anwendeten, allerdings eine Kontrole der Breite des Gewebes und der Fädenzahl der Kette gelegen hätte.
Ich habe übrigens damit der Erzählung weit vorgegriffen. Zunächſt hatten ſich die Verhältniſſe nach 1815 wieder etwas gebeſſert, wenigſtens ein Theil des Abſatzes nach Außen war, wenn man billig genug verkaufte, wieder zu gewinnen.13 Der Abſatz in Deutſchland ſelbſt hob ſich mit rückkehrendem Frieden; das preußiſche Zollſyſtem, ſpäter der Abſchluß des Zollvereins wirkten günſtig. Wo man ſtreng an der Naturbleiche feſthielt, hauptſächlich feines Garn, das die Maſchine noch nicht liefern konnte, verwebte, wie in Bielefeld,14 wo ſtrengere Kontrolen die Solidität des Geſchäfts aufrecht erhalten hatten, wie in Hannover, da nahm der Abſatz ſogar theilweiſe einen neuen Aufſchwung. In Hannover hatte ſich die Linnenproduktion noch von 1826 bis 38 verdoppelt.15
Aber im Ganzen wurde die Lage nicht beſſer, ſondern immer ſchlimmer. Die Konkurrenz der Baumwolle und der billigern engliſchen und iriſchen Linnenprodukte drückte ſchwerer und immer ſchwerer. Das Sinken der Leinwandpreiſe hatte beſonders in den zwanziger Jahren begonnen. In Schleſien — ſagt Gülich — ſanken vom Jahre 1823—1828 die Preiſe der meiſten Leinengattungen in dem Verhältniſſe von 7 zu 5, im Osnabrück’ſchen wenigſtens in einem eben ſo großen; eine Elle des hier viel gefertigten Löwentlinnens, welche man im Jahre 1815 mit etwa 100 Pfennigen bezahlt hatte, koſtete im Jahre 1828 nicht die Hälfte; in Münden kaufte man im letztern Jahre ein Stück der in der Umgegend gemachten groben Leinwand, deren Preis im Jahre 1825 etwa 4 Thlr. war, für 2½ Thlr.
Beſonders in Schleſien beantwortete man das Sinken der Preiſe — mit Ausnahme weniger großer ſolider Häuſer, wie Kramſta — durch eine immer ſchlechtere Produktion und ſchädigte dadurch den Ruf der deutſchen Leinwand immer mehr. Die neue Schnellbleiche wurde theilweiſe eingeführt, ohne daß man ſie recht verſtand. Verbrannte Waare, die beinahe im Stück nicht mehr zuſammenhielt, wurde nochmals geſtärkt und appretirt zum Export verpackt. Die betrügeriſche Vermiſchung mit Baumwolle nahm von Jahr zu Jahr zu,16 weil viele Häuſer nur ſo die tief geſunkenen Preiſe glaubten aushalten zu können. Der einzige techniſche Fortſchritt war der, die beigemengte Baumwolle ſo zu verſtecken, daß kaum das geübteſte Auge dieſe Stoffe von unvermengtem Linnen zu unterſcheiden vermochte.
Ueber die engliſche resp. iriſche Konkurrenz will ich nur einige Worte bemerken. Durch was ſie bis 1840 wirkte, war weder der Maſchinenſtuhl noch ein Herabdrücken des Handlohns, ſondern das billige Ma- ſchinengarn und die Lieferung ſolider gleichmäßiger reeller Waare. Im Jahre 1835 exiſtirten in ganz Großbritannien erſt 309 Maſchinenſtühle für Leinwand, während für Baumwollwaare 109626, für Wollwaare 5127, für Seidenwaare 1714 gingen.17 Und die Ausfuhr war von 1800 bis zu dieſer Zeit bedeutend geſtiegen, wenn auch die Hauptzunahme erſt ſpäter fällt.18 Der Preis deſſelben Stückes Kanvas war nach Porter von 1813—33 von 30 auf 16—18 sh. gefallen, der Weblohn eines ſolchen Stückes nur von 2 sh. 8 p. auf 2 sh. 6 p.
Wie geſtalten ſich dem gegenüber die deutſchen Verhältniſſe bis zum Höhepunkt der Kriſis zu Anfang und Mitte der vierziger Jahre, bis zu jener Zeit, in welcher das Sinken der Preiſe und der Rückgang der deutſchen Ausfuhr am ſtärkſten war?19 Die Zahl der gewerbsmäßig in Preußen gehenden Webſtühle war nach der Aufnahme folgende: 20
Von 1816—31 eine bedeutende Abnahme; ſie iſt aber in Wirklichkeit nicht von großem Einfluß, da in dieſer Zeit die als Nebenbeſchäftigung gehenden Stühle um ſo mehr zunahmen. Von 1831—49 trotz der furchtbaren Kriſis im ganzen Staate eine Zunahme, in Schleſien erſt gegen 1849 eine Abnahme. Sehr viele Weber zwar gingen in dieſer Zeit ſchon zur Baumwollweberei über, dafür aber rekrutirte ſich die Zahl der Leineweber immer wieder aus den Reihen der Spinner, die in noch ſchlimmerer Lage ſich durch den Uebergang zum Webſtuhl zu helfen ſuchten.21
Dieſe Stabilität der Zahl hängt zuſammen mit dem ſchlimmſten Uebelſtand der Leineweberei: alle Ungunſt einer langſam durch Jahrzehnte hindurch ſinkenden Preiskonjunktur wurde ertragen durch den langſam aber ſicher immer tiefer ſinkenden Lohn, durch die ſukzeſſive Einſchränkung der Bedürfniſſe, welche eine genügſame Arbeiterbevölkerung ſich gefallen ließ. „Die Löhne“ — ruft Schneer — „wurden immer mehr herabgeſetzt, die Indolenz, der Eigenſinn und das Kleben am Alten, welche die eigenthümlichen Charakterzüge des ſchleſiſchen Arbeiters bilden, ließ die Weber und Spinner bei der großen Zahl der Bewerber um Arbeit, mit dem Nothdürftigen und endlich mit dem Nothdürftigſten des Lebensunterhaltes ſich begnügen.“22 Und ſelbſt wenn die Weber andere Erwerbszweige hätten ergreifen können und wollen, es gab deren vor 1846 kaum welche. Der tägliche Lohn für die mühevolle 14—16 ſtündige Arbeit eines Webers, zugleich für Abnutzung der Geräthſchaften, Benutzung der Wohnräume, Heitzung und Beleuchtung, für Beihülfe von Frau und Kindern wird im Durchſchnitt nicht über 2—3 Sgr. damals betragen haben.23
Mit den Bedürfniſſen und den Anſprüchen an’s Leben ſank die geiſtige und moraliſche Spannkraft der Bevölkerung noch mehr; eine dumpfe, apathiſche Re- ſignation lagerte ſich über ganze Gegenden; von Generation zu Generation wuchs ein ſchwächlicheres Geſchlecht. Die Leute waren rührend fleißig, auch Trunkenheit und andere hervorſtechende Laſter waren in den Webergegenden nicht zu Hauſe; aber es mangelte an jeder höhern techniſchen und ſonſtigen Bildung und an allen Bildungselementen in den abgelegenen Gebirgskreiſen. Ueberfrühe Ehen und ein großer Kinderreichthum bildeten wie gewöhnlich die Folge eines ſozialen Zuſtandes, von dem es ſchien, daß er ſich nicht mehr verſchlechtern könne. 24 Noch weniger als früher waren die Leute fähig zu irgend welchem Fortſchritt, zu neuen Methoden, Muſtern und Verbeſſerungen. Die Verſchuldung ſtieg. Manche griffen wieder zum Spinnen und Stricken, weil ſie in der Noth den Webſtuhl verkauft hatten. Viele zahlten eine jährliche Miethe bis zu 4 Thaler für einen Stuhl, welcher höchſtens 6 Thaler werth war.25
Wer alles gewerbliche Leben immer nur ſich ſelbſt überlaſſen will, wird über dieſe Zuſtände Niemand einen Vorwurf machen dürfen. Wer aber auf dem humanen Standpunkt ſteht, die Beſitzenden und Gebildeten einer Gegend einerſeits, die Lehrer, Geiſtlichen und Beamten andererſeits ſtets mit für verantwortlich zu halten für die Bildung, für die Lage ihrer Nachbarn, ihrer Gemeindegenoſſen, ihrer Arbeiter, der wird allerdings die Regierung26 und die größern Induſtriellen, die Kauf leute der dortigen Gegenden großer Unterlaſſungs- ſünden zeihen.
Abgeſehen aber hiervon ſind die maßloſen Vorwürfe, mit welchen man die Kaufleute überhäufte, ſie nutzten die Noth der Weber aus, meiſtentheils übertrieben; es geſchah lokal und individuell; aber im Ganzen handelten ſie nicht anders, als die heutigen Unternehmer in der Regel handeln; die einzelnen als ſolche waren nicht ſchlimmer, als andere Geſchäftsleute. Sie drückten möglichſt die Preiſe, weil ſie ſelbſt kaum beſtehen konnten. Sie ſuchten, ohne aus dem alten Geleiſe des bisherigen Geſchäftsganges herauszukommen, ohne die Mühe und die Gefahr auf ſich zu laden, neue Methoden und Maſchinen einzuführen, noch möglichſt zu beſtehen, noch möglichſt Gewinne zu machen, und das ging nicht anders, als durch möglichſte Herabdrückung des Lohnes; es gelang immer, weil das Angebot von Arbeitern zu groß war.
Härter als über die Kaufleute, wird ſich auch die gerechteſte Beurtheilung über die Faktoren, Mäkler, Kommiſſionäre ausſprechen müſſen, welche ſich mit der ſteigenden Noth mehr und mehr zwiſchen Weber und Kaufmann einſchoben, obwohl auch dieſes Verhältniß nicht nothwendig, nicht an ſich ſchlimm iſt, unter Um- ſtänden heilſam und unentbehrlich ſein kann und einzelne achtbare Perſönlichkeiten in ſich bergen mag. Speziell hier aber gaben und konnten ſich nur harte ungebildete Menſchen mit dieſem Geſchäft abgeben; die Verhältniſſe waren wie zu Mißbrauch und Betrug einladend; es wurde ein ähnliches Verhältniß, wie das des Middleman, der zwiſchen dem iriſchen Zwergpächter und dem Grundbeſitzer ſteht.27
Der Faktor ſteht zum Weber in verſchiedenem Verhältniß; bald iſt er nur Käufer ſeines Gewebes, bald iſt er Gläubiger oder Eigenthümer des Stuhls, der bei ihm für Lohn arbeiten läßt. Der Weber iſt ſo wie ſo vom Faktor abhängig. Der Geſchäftsgang iſt meiſt ſo. Der Faktor läßt ſich vom Kaufmann das Garn zu einem beſtimmten Auftrag gegen beſtimmten Preis zumeſſen. Wo er arbeiten läßt, was er dem Weber zahlt, darum kümmert ſich der Kaufmann nicht. Der Weber erhält mit der Zeugprobe den ſogenannten Scheerzettel, auf dem vom Kaufmann nach Gutdünken die Strafen feſtgeſetzt ſind, welche für zu kurzes Maß, zu wenig Schuß, unreines Ableſen und Aehnliches vom Lohne abgezogen werden. Die Abzüge werden mit Recht oder Unrecht vom Kaufmann dann dem Faktor gemacht, der ſich an den Weber hält. Remonſtrirt der Weber beim Faktor, ſo zeigt dieſer ihm das Lieferbuch, in dem der Abzug verzeichnet iſt, remonſtrirt er beim Kaufmann, ſo erhält er die Antwort, er ſolle ſich an den Faktor halten, der Kaufmann wiſſe ja nicht, wer dieſes oder jenes Stück gemacht habe. Zur Klage kommt es nicht, das riskirt der arme Weber nicht. Sehr oft kann er es auch nicht riskiren; oftmals liegen wirkliche Defekte vor. Die Noth, das Unrecht, das der Weber glaubt erdulden zu müſſen, hat es dahin gebracht, daß ſelbſt früher ordentliche Leute faſt immer etwas Garn auf die Seite bringen. In faſt jedem Weberdorfe gibt es Leute, von welchen jeder weiß, daß ſie mit geſtohlenem Garn handeln. Alle Parteien befinden ſich in einer Art Kriegszuſtand und jeder ſucht den andern zu übervortheilen, zu täuſchen, zu betrügen.
Der Hauptübelſtand der Faktorenwirthſchaft iſt der, daß dadurch jeder ſittliche Zuſammenhang zwiſchen Arbeitgeber und Arbeiter aufgehoben iſt. Der Fabrikant kennt ſeine Arbeiter nicht, er weiß nicht, wen und wie viele Leute er beſchäftigt, er hat nicht das Gefühl der Verantwortlichkeit, dieſe beſtimmte Zahl Leute zu dieſem Gewerbe veranlaßt zu haben, ſie daher möglichſt in gleicher Zahl dauernd beſchäftigen zu ſollen. Haupt- ſächlich aus dieſem Grunde laſten auf dem Gewerbe die drückenden Wechſel der Konjunktur läſtiger, als auf irgend einem andern.
Nachdem in den vierziger Jahren die Zuſtände hauptſächlich in Schleſien, bis auf einen gewiſſen Grad auch anderwärts, ſich bis zu dieſer Entſetzlichkeit entwickelt hatten, nachdem ſelbſt die Zeit der höchſten Noth wohl hunderte dem langſamen Hungertode überliefert, aber die Maſſe der Weber, wie die ganze Ge- ſchäftsorganiſation doch in alter Weiſe erhalten hatte, nachdem der wichtigſte Theil des auswärtigen Abſatzes einmal verloren war, mußte es in den folgenden Jahren eher wieder etwas beſſer werden. Die Produktion hatte ſich doch jedenfalls etwas eingeſchränkt, es handelt ſich jetzt hauptſächlich nur noch um den innern, von Zöllen geſchützten Bedarf. Daraus erklären ſich die preußiſchen Zahlen von 1846—61, die ich hier einſchiebe:
Der ganze Zollverein zählte nach dem Zollvereinsbureau 1861 - 12027828 Webſtühle mit 87812 Mei- ſtern und 39833 Gehülfen, neben 301 ſogenanten Fabriken mit nur 350 Maſchinenſtühlen.
Dieſe Zahlen ſind keine erfreulichen, nicht ſowohl weil ſie von 1852—61 eine kleine Abnahme der Stühle, der Weber, auch der Fabrikgeſchäfte, deren Zählung übrigens wenig zuverläſſig erſcheint, zeigen, ſondern weil aus ihnen erſichtlich iſt, daß bis 1861 ſo ziemlich die alten ungeſunden Verhältniſſe ſich erhalten haben.
Mancherlei Verbeſſerungen waren zwar da und dort eingetreten. Die Bleiche und Appretur einzelner größerer Geſchäfte hatte ſich vervollkommnet, die Muſterweberei war da und dort mit beſſern Stühlen eingeführt worden. Wo ſolche Fortſchritte gemacht wurden, ſtieg auch der Lohn; aber die Mehrzahl blieb unberührt hiervon und begnügte ſich mit einem Lohn, der etwas beſſer als in den vierziger Jahren, aber immer noch ſchlecht genug war. Zu Anfang der ſechsziger Jahre war der tägliche Verdienſt eines Hirſchberger Damaſtwebers wohl 10—12 Gr., eines Bolkenhainer Webers ganz feiner Leinwand ſogar 10—15 Gr., aber der gewöhnliche Weber kam täglich noch nicht über 3—4, wöchentlich über 20—25 Groſchen.29
Jetzt erſt hatte die Maſchinenkonkurrenz begonnen und drückte den Lohn für einfache Gewebe, nachdem er kaum etwas zu ſteigen begonnen, wieder herab. Man hatte gelernt, das Maſchinengarn ſo zu ſpinnen, daß es auch den Maſchinenwebſtuhl aushielt; die große Rein heit, die vollkommene Gleichheit, das gefällige Ausſehen des engliſchen Maſchinengewebes gewannen mehr und mehr Beifall. Für den Weltmarkt werden hauptſächlich ſolche Gewebe gewünſcht. Man erkannte den Vortheil der engliſchen mechaniſchen Webereien, welcher darin liegt, je nach den Konjunkturen die Produktion zu ſteigern oder zu mindern, ohne eine ganze große Weberbevölkerung zeitweiſe heranzuziehen und wieder in Unthätigkeit zu verſetzen.
Dennoch war es lange fraglich, ob der deutſche Fabrikant nicht noch immer billiger produzire, wenn er die Noth des armen Handwebers ausnutze, ſtatt ſich theure Maſchinen anzuſchaffen. Die Zahl der Maſchinen- ſtühle war 1858 noch verſchwindend, 1861 iſt ſie etwas gewachſen, dann erſt ſtieg ſie raſch; 1867 wurde ſie auf 1800 im Zollverein geſchätzt; in Frankreich dagegen ſollen ſchon 4000, in Belgien 3000 Maſchinenſtühle gehen, in England zählte man 20000.30
Man ging in Weſtfalen, in Schleſien und andern deutſchen Gegenden zur Maſchinenweberei über, als endlich mit der großen Nachfrage nach Arbeitern von 1862 an die Handweber anfingen, maſſenweis zu einfacher Tagelohnarbeit überzugehen.31 Es kann ſich jetzt die Hand weberei für einfache Sorten nur unter beſondern Verhältniſſen noch erhalten; z. B. da, wo die Männer an Tritt- und Jacquardſtühlen arbeiten, Frau und Kinder daneben an ein oder zwei gewöhnlichen Stühlen, die ſo viel weniger Kraft erfordern, oder wo die Weberei zur bloßen Nebenbeſchäftigung geworden iſt. „Viele, in einigen Gegenden die meiſten Weber“ — ſagt Jakobi32 von Niederſchleſien — „haben vom Frühjahr bis Herbſt mancherlei in eigener Garten- und Feldwirthſchaft zu thun, oder ſind ſelbſt als Maurer, Zimmerleute, Eiſenbahnarbeiter, Feldarbeiter, Holzhauer außer dem Hauſe beſchäftigt und betreiben daher in Sommerszeiten die Weberei nur bei ungünſtiger Witterung, oder beim Fehlen von ſonſtiger Arbeit.“
Abgeſehen von ſolchen Verhältniſſen, kann ſich die Handarbeit und damit die Hausinduſtrie auf die Dauer nur für ganz feine und gemuſterte Artikel halten. Ein raſcher entſchloſſener Uebergang zum Fabrikſyſtem kann nur erwünſcht ſein. Zeitweiſe und lokal nimmt die Noth der Handweber dadurch nochmals zu.33 Aber im Ganzen trifft die Maſchinenkonkurrenz den Handweber jetzt nicht ſo ſchwer, weil die Löhne faſt überall ſteigen. Das Verſchwinden der Hausinduſtrie, welche beſeitigt wird, iſt nicht zu beklagen; es verſchwindet eine ärmliche, ſchlecht bezahlte Art der Beſchäftigung, es ver- ſchwinden korrupte, betrügeriſche Geſchäftsverhältniſſe. Es ſind meiſt Leute, welche wegen mangelnder morali- ſcher, geiſtiger und techniſcher Bildung auch für das Aſſoziationsweſen, welches ihnen ihre frühere Selbſtändigkeit erhalten könnte, wenig oder gar nicht brauchbar und empfänglich ſind. Ich komme auf dieſen Punkt zurück und gehe zunächſt zur Baumwollweberei über.
Dieſelbe hat im Allgemeinen total andere Schickſale aufzuweiſen; wie die Leineweberei im Ganzen zurückging, ging ſie vorwärts; ſie verdrängte jene ja vielfach; eine rapid wachſende Ausfuhr gab ihr von Jahr zu Jahr größern Spielraum; — und doch iſt die Geſchichte der deutſchen Baumwollweber, d. h. der Arbeiter, eine faſt eben ſo traurige, als die der Leineweber.
Zu Ende des vorigen Jahrhunderts war die Weberei von Baumwollſtoffen noch nicht ſehr bedeutend. Sie hatte ſich von den Niederlanden her am Niederrhein, in Kurſachſen, in Oberfranken, auch in Brandenburg und Schleſien verbreitet. In Augsburg blühte neben der Weberei ſchon die Kattundruckerei. Es wurden auch ſchon deutſche Waaren exportirt, aber der Import überwog. Und daraus iſt erklärlich, daß die Kontinentalſperre dem Geſchäfte einen großen Impuls gab; der täglich ſteigende Bedarf des innern Marktes war zu decken, Frankreich, Italien und Oeſtreich boten einen großen jetzt den Engländern verſperrten Markt. Die Entwicklung war beſonders im Königreich Sachſen, aber auch anderwärts, außerordentlich. Es handelte ſich damals überwiegend um kleine Geſchäfte, es waren ja meiſt junge Anfänger.
Nach 1815 trat ein heftiger Rückſchlag durch die engliſche Konkurrenz ein; aber als ſich Preußen 1818 abſchloß, als Preußen wie ſpäter der Zollverein die ſämmtlichen Baumwollgewebe mit einem hohen, für gröbere Waaren faſt prohibirenden Schutzzoll verſah, nahm die Weberei nicht bloß für den innern Bedarf, ſondern bald auch zum Export wieder einen glänzenden Aufſchwung. Bienengräber34 berechnet die inländiſche jährliche Produktion an Baumwollwaaren und die Mehrausfuhr an ſolchen (über die Einfuhr) im Zollverein folgendermaßen:
Dieſen Zahlen entſprechend ſind die Zahlen der gewerbsmäßig in Preußen gehenden Webſtühle (ohne Band-, Poſamentier- ꝛc. Stühle), der Webermeiſter und Gehülfen; man zählte in Preußen Webſtühle: 35
Im ganzen Zollverein zählte das Zollvereinsbureau 1861 ‒ 151451 Handſtühle,36 77915 Webermeiſter mit 80387 Gehülfen, 940 Fabriken und 23491 Maſchinenſtühle. Baiern, Sachſen, Württemberg, Baden und Thüringen ſind außer Preußen haupt- ſächlich betheiligt.
Die Geſchäftsorganiſation war von Anfang an eine andere, als bei der Linneninduſtrie. Es war kein althergebrachtes überall verbreitetes Gewerbe; es handelte ſich um Schaffung einer ganz neuen Induſtrie, einer Induſtrie, deren Produkte ſich einer ſteigenden Beliebtheit erfreuten, da ſie durch ihre Billigkeit den ärmern Klaſſen erlaubten, ſich beſſer und reichlicher zu kleiden und daneben durch die Mannigfaltigkeit der Verarbeitung dem Luxus der höhern Klaſſen dienten. Die Baumwolle war der Stoff, auf den ſich alle die neuen Maſchinen und Verfahrungsweiſen am leichteſten anwenden ließen; die Ausbeutung aller der Möglichkeiten, welche dieſer Stoff — ſchon lange der Proteus der modernen Induſtrie genannt — bot, mußte den Scharfſinn der Ingenieure, der Fabrikanten, der Kaufleute in beſonderer Weiſe reizen.
Der bloße Kaufmann, der das fertige Produkt vom Weber kaufte, wie in der Linneninduſtrie, reichte nicht aus. Auch wo zunächſt die Weberei dem Handweber blieb, mußte der Kaufmann für das Garn ſorgen, es aus dem Auslande beziehen oder ſelbſt ſpinnen laſſen, die Vollendung der Waare, die Bleiche, die Appretur, die Färberei und Druckerei übernehmen. Selbſt die einfachen Hemdenkattune, die Shirtings, ſind nur verkäuflich mit fabrikmäßiger ſchöner Appretur. Ein großer Theil der Stoffe wird bedruckt verkauft. Die bunten Baumwollgewebe, die geköperten und kroiſirten Stoffe, die Piqués, Trikots, Jakonets, die locker gewebten Mouſſeline, die Vorhangſtoffe, vielfach durch Stickerei verziert, die faconnirten Hoſen- und Weſtenſtoffe, die gemiſchten halbbaumwollenen und halbwollenen Stoffe, die Jacquardgewebe, Möbelſtoffe, Tiſchdecken, Bettdecken und Aehnliches, die Baumwollſammte und Plüſche — All das ſind mehr oder weniger Modeartikel, erfordern einen gebildeten Unternehmerſtand.
Während ſo die Natur des Gewerbes, freilich unter manchen harten Rückſchlägen, einen tüchtigen, dem Fortſchritt geneigten Fabrikantenſtand heranzog, blieb derſelbe in einer Beziehung doch überwiegend im althergebrachten Geleiſe; die Weberei wurde nicht mit den übrigen Prozeduren in großen Etabliſſements vereinigt, ſondern blieb Hausweberei; faſt nirgends ſo, daß die Weber als ſelbſtändige Unternehmer Garn gekauft und das Gewebe an die Fabrikanten verkauft hätten, ſondern ſo, daß ſie die Garne nebſt Muſter und Anweiſung erhielten, um beſtimmten Lohn webten. Die Vermittlung des Faktors wurde dadurch in der Baumwollweberei noch viel häufiger, als in der Leineweberei; alle Mißſtände dieſer Geſchäftsorganiſation zeigten ſich hier in faſt noch grellerem Lichte, als bei der Linneninduſtrie.
In England hatte ſich für alle einfachern Gewebe der Uebergang zum Maſchinenſtuhl ſchon in den zwanziger und dreißiger Jahren vollzogen, in Verbindung freilich mit entſetzlicher Noth unter den Handwebern. In Deutſchland hatte man kaum Kapital genug, für die ſonſtigen Einrichtungen; die direkte Konkurrenz der engliſchen Maſchinenſtühle war durch die Schutzzölle abgehalten. Der Ueberfluß der ſich anbietenden Handweber war ſo groß, der Preis zu dem ſie ſich anboten ſo niedrig, daß von einem Uebergang zu Maſchinen- ſtühlen nicht die Rede ſein konnte. Die zahlloſen verarmten Leineweber in Schleſien, in Sachſen, am Rhein waren froh, hier wenigſtens wieder Beſchäftigung zu finden. Die raſche Bevölkerungszunahme in den Weberdiſtrikten hielt das Angebot Arbeitſuchender auf einer ſtets bedenklichen Höhe.
Der Lohn eines Baumwollwebers war in den zwanziger Jahren im Voigtlande und im ſächſiſchen Erzgebirge nicht über 2 Gr. täglich.37 In Schleſien konnte der Lohn nicht höher ſein, als in der Leineweberei; auch alle die übrigen traurigen Folgen, die betrügeriſchen Geſchäftsgewohnheiten, das niedrige geiſtige Niveau, der Volkscharakter dieſer Bevölkerung, wenn ich ſo ſagen darf, übertrug ſich von der Leineauf die Baumwollweberei.
Von Anfang der dreißiger Jahre bis 1836 und 37 erfolgte die große Zunahme der Baumwollinduſtrie, die Löhne beſſerten ſich etwas. Dann folgte der Rückſchlag von 1837—41; in Mancheſter ſtanden damals ja 1000 Häuſer leer, über 10000 Familien waren brotlos, in ganz Lancaſhire etwa 400000 Menſchen ohne Beſchäftigung.38 Der ſächſiſche und ſchleſiſche Kattunweber war 1840 zufrieden, wenn ſich ſein Wochenverdienſt einem Thaler näherte, und Wiek, der dies mittheilt, meint damals, die Maſchinenweberei werde wohl nie in Deutſchland ſich ausbreiten, denn die Dinge lägen in England, wo die Maſchinen jetzt zunähmen, total anders, der einfache Handweber erhalte dort mindeſtens wöchentlich 4 Thaler.39
In Chemnitz,40 einem der Hauptſitze der deutſchen Baumwollweberei, hatte man bisher faſt nur einfache Kattune gefertigt. Als der Lohn hierfür immer ſpärlicher wurde, ging man zu den Ginghams, den Buntwaaren über. Die Ginghams — ſagt der Bericht erſtatter der Chemnitzer Handelskammer — gaben in Chemnitz und der Umgegend lange Zeit vielen Händen Beſchäftigung, bis in Folge drückender Konkurrenz die Löhne auf ein Minimum herabſanken, kaum ausreichend, zur Beſtreitung der dringlichſten Lebensbedürfniſſe. Dann ging man zu den gemiſchten Stoffen, Meubles- ſtoffen, Jacquardgeweben über, in welchen Gebieten man wieder etwas höhere Löhne zahlen konnte; in neueſter Zeit (von 1860 an) hat aber auch das mehr und mehr (als Handarbeit und Hausinduſtrie) aufgehört; „der Grund der Abnahme iſt darin zu ſuchen, daß bei den verhältnißmäßig niedrigen Löhnen (von 1½ Thlr. wöchentlich bis 4 Thlr.) und bei der bedeutenden Vertheuerung aller Lebensbedürfniſſe die jungen Arbeitskräfte ſich denjenigen Induſtriezweigen zugewendet haben, bei welchen höhere Löhne zu erreichen ſind.“
Ein Hauptübelſtand für die moraliſchen Verhältniſſe, für die ganze Lebenshaltung der Handweber liegt in den oben ſchon erwähnten wechſelnden Konjunkturen: eine Zeit lang glänzender Verdienſt, dann Monate und Jahre lang wieder eine Noth, welche zwingt, mit dem erbärmlichſten zufrieden zu ſein. Solcher Wechſel führt dahin, daß auch in den beſſern Zeiten nicht geſpart, ſondern nur geſchlemmt wird, er depravirt die Weberbevölkerung. Solcher Wechſel trägt außerdem vor allem dazu bei, die Handarbeit zeitweilig wieder unnatürlich zu halten und auszudehnen.
Nach der Noth der vierziger Jahre mußte man die Handweberei für alle einfachen Gewebe ſchon für ganz verloren halten, zumal in der Baumwollweberei. Da gab die außerordentliche Nachfrage, die glänzende Steigerung des Exports nach Amerika von 1851—57 und wieder von 1858—61 den Preiſen und Löhnen eine ſolche Wendung, daß der Handweber wieder exiſtiren zu können glaubte; ſtatt ausſchließlicher Ausdehnung der Maſchinenweberei, die theilweiſe ja auch erfolgte, beſchäftigte man wieder zahlreich die mit dem geringſten Lohn zufriedenen Handweber und veranlaßte die Eltern, ihre Kinder wieder dem Gewerbe zu widmen; viele Leineweber gingen auch jetzt wieder zur Baumwollweberei über. Man ließ Artikel auf’s Neue bei Handwebern fertigen, die längſt der Maſchine verfallen waren. Selbſt der einfachſte Kattunweber kam damals in Württemberg wieder auf etwa 34 Kr. täglich (d. h. beinahe 10 Gr.), der Jacquardweber auf 50, der Korſettweber auf 60 Kr.41 Auch in Sachſen nahmen in Folge hiervon die Hand- ſtühle (theilweiſe freilich waren es Tritt- und Jacquard- ſtühle) von 1846—61 ſo ſehr zu: von 17739 auf 31508, die Maſchinenſtühle von 150 auf 1418. Schon damals warnte der Einſichtige, es könne das nicht auf die Dauer ſo bleiben. „Beſondere Konjunkturen des Marktes,“ ruft Mährlen 1858, „exempte Betriebs- und ökonomiſche Verhältniſſe der Unternehmer und Lohnweber mögen es eine Zeit lang der Handarbeit möglich machen, mit der Maſchinenarbeit auf dem gleichen Produktionsgebiet zu konkurriren — von Dauer iſt ein ſolcher Zuſtand nie, da er gegen die Natur der Dinge ſtreitet. Ueber kurz oder lang macht die Maſchine ihr Uebergewicht geltend und reißt ihr natürliches Recht an ſich.“
Und ſo war es natürlich; der Rückſchlag begann ſchon etwas 1858, vollends 1862 mit der Baumwollkriſis und dem geſtörten Export nach Amerika. Die Anfang der ſechsziger Jahre in den amtlichen Kreisbeſchreibungen erhobenen Löhne,42 waren täglich 4—5 Gr. in Hirſchberg, 3—4 Gr. in Glatz (Regierungsbezirk Breslau), 5½—6 Gr. in Kösfeld (Weſtfalen). Zahlreich gingen nun auch die Kattun- und Neſſelweber zu andern Gewerben, zur gemeinen Tagelohnarbeit über.43 Die Konkurrenz der Maſchinenarbeit zeigte ſich jetzt natürlich mehr als je, ſowohl in andern Ländern, als im Zollverein ſelbſt. Berechnete Mährlen doch ſchon 1858, daß durchſchnittlich der Maſchinenſtuhl von den in Württemberg fabrizirten Geweben die Elle zu 9 Kr., der Handſtuhl aber die Elle zu 14 Kr. liefert.44
In Großbritannien hatte man ſchon 1835‒109626 Powerlooms für Baumwollartikel gezählt, 1856 betrug ihre Zahl gegen 300000. Die Weberei hat ſich konzentrirt wie die Spinnerei; meiſt iſt dort Spinnerei und Weberei nicht ohne Vortheil in denſelben Etabliſſements verbunden. In Frankreich exiſtirten 1855 etwa 50000 mechaniſche Webſtühle, 1867 aber ſchon 80000. 45
Selbſt die große Schweizer Baumwollweberei, deren Uebergang zur Maſchine lange auch durch die billigen Löhne aufgehalten war, iſt jetzt in rapidem Uebergang hierzu begriffen. Man zählte 1867 gegen 13000 Maſchinenſtühle. Die daneben noch zahlreichen Handweber (hauptſächlich in St. Gallen noch vorherrſchend) arbeiten vor Allem die bunten Stoffe, die Ginghams. Aber ſelbſt dieſer Artikel fängt wie in Sachſen an, auf den Maſchinenſtuhl überzugehen.
In Preußen hatten die Maſchinenſtühle 1846 erſt 3,17 % betragen. Von 1855—61 fand, wie die obige Tabelle ausweiſt, eine nicht unbedeutende Zunahme ſtatt; die Powerlooms machen 1861 - 9,2 % der Geſammtzahl aus. Die Zunahme iſt aber ſehr verſchieden je nach den Provinzen; ſie war auch in andern Ländern ſtärker als in Preußen, wie die folgende Tabelle zeigt, welche je die Geſammtzahl 46 der Stühle mit den Maſchinen- ſtühlen vergleicht. Von den andern deutſchen Ländern führe ich nur die an, in welchen die Baumwollweberei von größerer Bedeutung iſt.
Es ergiebt ſich aus dieſer Tabelle unzweifelhaft und auch Viebahn beſtätigt das, daß die mechaniſche Weberei hauptſächlich da ſich ausdehnt, wo ſie ſich an die große Spinnerei anſchließt, wie in Baden, Baiern und am Rhein. Es ſind zugleich die Länder, wo nicht ein maſſenhaftes Weberproletariat den Fabrikanten veranlaßt, vorerſt lieber bei der billigen Handarbeit zu bleiben, als zum Maſchinenſtuhl überzugehen. Schleſien und das Königreich Sachſen ſtehen in letzterer Beziehung oben an; ſie haben 1861 die größte Baumwollweberei, aber faſt die wenigſten Maſchinenſtühle. Von 1861 bis zur Gegenwart hat ſich nun noch viel verändert; beſonders im Königreich Sachſen hat ſich die Maſchinenweberei ausgedehnt, die Hausinduſtrie eingeſchränkt. 47 Ein genauer Nachweis darüber iſt mir nicht möglich.
Die letzte Frage, welche ſich hieran anſchließt, iſt die, ob mit dieſer Bewegung die Handarbeit und Hausinduſtrie ganz verſchwinden wird oder nicht. Es kommt darauf an, was ihr je nach den konkreten Verhältniſſen bisher geblieben war, auf welcher Stufe moraliſcher und techniſcher Bildung die Weber der einzelnen Gegend ſtehen. Dr. Peez berichtet z. B. 48 von Frankreich, daß 1867 neben 80000 mechaniſchen noch 200000 Hand- ſtühle gehen, und ſetzt hinzu: „Um die hohe Zahl der letzteren zu begreifen, muß man ſich erinnern, daß es ſich in Frankreich nicht mehr um den hoffnungsloſen Wettlauf der Handweberei mit der Maſchine bei groben gewöhnlichen Geweben handelt, daß vielmehr die hochentwickelte franzöſiſche Feinwaareninduſtrie eine Menge von Geweben fordert, die wegen häufiger, von der Mode geforderter Variationen nur mit gut bezahlter Handarbeit erzeugt werden können. Hierher gehören vor Allem die feinen Artikel von St. Quentin und Tarare, aber auch die Piqués für Weſten und Anderes.“
Das iſt der Punkt, um den es ſich auch in Deutſchland handelt. Wo der niedrige Lohn und die Noth die Weberbevölkerung nicht allzuweit herabgedrückt haben, wo die Geſchäftsvermittlung der Faktoren nicht zu dem traurigen Syſteme gegenſeitiger Betrügerei und Uebervortheilung ausgeartet iſt, wo man den Leuten theure Garne und werthvolle Muſter anvertrauen kann, wo die techniſchen Kenntniſſe der Weber, ſei es in Folge der beſſern Lage, ſei es in Folge von Webſchulen Fort- ſchritte gemacht haben, wo ſie den Sinn dafür und Geld oder Kredit hatten, ſich beſſere Stühle, Tritt-, Jacquard- und Korſettſtühle anzuſchaffen, wo ſich weitere Arbeiten, wie die Vorhangſtickerei, mit der Weberei verbunden haben, wo Alles das durch einen noch vorhandenen kleinen Haus- und Landbeſitz der Weber begünſtigt wurde, da hat ſich die Hausweberei bis jetzt erhalten und wird ſich auch in Zukunft in ziemlicher Ausdehnung noch halten.
Leider iſt das nicht überall, in den meiſten deutſchen Weberdiſtrikten ſogar nicht der Fall. Leider trat in Schleſien, in der Lauſitz, im bairiſchen Voigtlande zu einem großen Theile der umgekehrte Fall ein. Man fing an, 49 — weil man den Webern das koſtbare Material nicht anvertrauen wollte, von ihnen nicht die gehörige Sorgfalt der Ausführung erwartete, ſie die Stühle nicht beſaßen, — alle feinern und beſſern Gewebe in der Fabrik, nur die gemeinern Sorten noch außer dem Hauſe weben zu laſſen. Wo das geſchah, war es auch natürlich, daß man die tüchtigern Leute mit höherem Lohne in die Fabrik nahm. Die ungeſchickten, unfähigen blieben Hausweber — aber Hausweber für Artikel, die nur allzubald der Maſchinenweberei anheimfielen. Eine ſolche Hausinduſtrie mußte bald einer noch größern Lohnherabſetzung und endlich ihrem völligen Ruin entgegen gehen.
In einzelnen Zweigen der Baumwollwie anderer Gewebeinduſtrien mag die ſpezielle Technik dieſen Weg vorgezeichnet haben, in der Hauptſache aber wurde der eine oder der andere Weg der Entwicklung vorgezeichnet durch die techniſche und ſittliche Bildung der Weber, durch die rechtzeitige Anbahnung von techniſchen Fort- ſchritten, durch eine Erziehung der Weber zu einer Zeit, da die Noth ſie noch nicht auf die tiefſte Stufe des Proletariats herabgedrückt hatte. Ganz die gleichen Momente kommen bei der Möglichkeit einer Ausdehnung des Aſſoziationsweſens in Betracht, vor der ich lieber erſt unten im Zuſammenhang ſpreche.
Zunächſt will ich nur wenige Worte noch über die Bleichereien, Appreturanſtalten, Färbereien und Kattundruckereien anhängen.
Eine genaue Statiſtik über dieſe Hülfsgewerbe der Weberei gibt es freilich nicht. Ein Blick auf die amtlichen Tabellen zeigt, wie werthlos ſie im Ganzen ſind; die Abgrenzung von Handwerk und Fabrik, die Verbindung mit andern Geſchäften macht die Zählung hier ſo ſchwierig, führt bei jeder Aufnahme wieder zu anderer Behandlung, ſo daß die Zahlen kaum irgend brauchbar zu einer Vergleichung ſind. Ich hebe auch nur die allgemeinſten Reſultate hervor.
Die handwerksmäßigen Bleicher, Kalanderer ꝛc. haben in Preußen von 1849—61 von 979 Meiſtern auf 732, von 1051 Gehülfen auf 873 abgenommen. Die Kunſtbleichen und Appreturen haben techniſch große Fortſchritte gemacht, die großen Geſchäfte haben alle die neuen chemiſchen Hülfsmittel, die Kalander- und Walzenmaſchinen eingeführt; ihre Zahl, wie die beſchäftigten Perſonen haben aber abgenommen; man zählte in Preußen 1849 - 385 mit 1990, 1861 - 251 mit 1792 Arbeitern.
Von den handwerksmäßigen Färbern und ihrer Abnahme habe ich ſchon oben geſprochen. Die fabrikmäßigen Stückfärbereien wurden in Preußen bis 1858 mit den Garnfärbereien zuſammen erhoben; erſt 1861 ſind ſie beſonders gezählt und umfaſſen 1077 Anſtalten mit 9429 Arbeitern.
Die Kattundruckereien, ſowie die Druckereien aller Art, waren mehr noch als handwerksmäßiges Gewerbe beſonders während der Kontinentalſperre aufgeblüht, waren dann aber der engliſchen Konkurrenz wieder faſt erlegen. 50 Die Handdrucktiſche und die hölzernen Druckmodel herrſchten noch durchaus vor. In den Jahren bis 1839 fand mit dem Aufſchwung der Baumwollinduſtrie nochmal eine Zunahme hauptſächlich von kleinen Geſchäften ſtatt. Unterdeſſen hatten ſich in England und Frankreich die Walzendruckmaſchinen, die Perrotinen, die Maſchinen zur Herſtellung der Druckwalzen verbreitet. Die ſtarke engliſche Konkurrenz erdrückte in den vierziger Jahren die kleinen unvollkommenen Geſchäfte; die größern Geſchäfte, die ſich hielten, machten die Fortſchritte mit, und gegenwärtig ſteht die zollvereinländiſche Druckerei mit dem Auslande auf ziemlich gleicher Höhe, nachdem ſie ſich weſentlich konzentrirt hat, wie man aus den folgenden Zahlen ſieht; man zählte in Preußen:
Der ganze Zollverein zählte 1861 - 640 Anſtalten mit 362 Druckmaſchinen, einſchließlich der Perrotinen, mit 3309 Drucktiſchen, welche hauptſächlich noch in Sachſen und Thüringen zahlreich ſind, und mit 9264 Arbeitern. Auch hier haben ſich wenige große Fabriken an Stelle der zahlreichen früheren kleinen Geſchäfte geſetzt.
