Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe — Der Kampf des großen und kleinen Betriebs in einzelnen Gewerbszweigen.

7. Die handwerksmäßige lokale Weberei.

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7. Die handwerksmäßige lokale Weberei.

Schon eine Stufe weiterer Arbeitstheilung zeigt es an, wenn das Weben nicht mehr in der Familie, ſondern im Hauſe des lokalen handwerksmäßigen Webers geſchieht. Das in der Familie geſponnene Garn wurde dem Weber ausgehändigt, er hatte das rohe Gewebe zurückzuliefern, das die Hausfrau dann vollends bleichen, färben, fertig machen ließ. Die armen Leute, die keinen eigenen Webſtuhl erſchwingen konnten, wie der wohlhabendere Mittelſtand, die Bürger- und Beamtenfrauen, welche zum Selbſtweben ſchon zu vornehm ſich fühlten, verfuhren ſo. In den Gegenden einer ſchwunghaften Weberei arbeiteten die Weber faſt immer neben ihrer Thätigkeit für die Kaufleute und Verleger nebenbei für Kunden. In anderen Gegenden ſuchte der Lohnweber, wenn er etwas erſpart hatte, womöglich auch auf eigne Rechnung zu arbeiten, um entweder ſelbſt einen Laden zu eröffnen, oder an einen der Meiſter des Orts zu verkaufen, welche ſchon in der etwas glücklicheren Lage waren. Solche hießen Kaufweber; ſie bezogen die Wochen- und Jahrmärkte; aus ihnen gingen ſpäter vielfach die größern Fabrikanten und Kaufleute hervor.

Dieſe lokale Produktion lieferte die landesüblichen althergebrachten Stoffe; vor allem einfache Leinwand, höchſtens etwas Drell, ſpäter auch Jacquardgewebe, aber nicht viel (im Jahre 1820 kommen in Württemberg auf 28 ſog. Bildweber 17492 einfache Leineweber); dann, aber in viel geringerem Umfange, die einfachen Kattune, die halbbaumwollenen Gewebe, das alte Parchend, das die Züchner fertigten, jene farbigen Kotonette, in Süddeutſchland „Zeugle“ genannt, buntſtreifige Gewebe, die theilweiſe zu Bettzeug, theilweiſe zur weiblichen und Kinderkleidung in den untern und mittleren Klaſſen dienen; endlich die ungewalkten Raſche und die einfachſten gröberen Tucharten.

Eine größere an einzelnen Orten als Hausinduſtrie konzentrirte Weberei exiſtirte wohl ſchon in verſchiedenen Gegenden Deutſchlands im vorigen Jahrhundert; aber ihre Konkurrenz übte keinen Druck auf die faſt allerwärts vorhandene lokale Produktion. Jene lieferte die feinern beſſern Stoffe für die höhern Klaſſen, für die großen Städte, für die Höfe; theilweiſe lieferte ſie auch dieſelben Produkte wie die lokale Weberei, war in ihrer Technik gleich einfach wie ſie; aber ſie arbeitete dann hauptſächlich für den Export; es waren Weberdiſtrikte, welche durch den wachſenden Export groß geworden waren. Nach dem damaligen Zuſtande des Verkehrs, der Handelsorganiſation war es faſt leichter, daß die ſchleſiſche Leinwand über Hamburg nach Amerika und Indien ging, als daß ſie den Weg in alle abgelegenen Landſtädtchen Deutſchlands gefunden hätte. Doch war natürlich zwiſchen den verſchiedenen Arten der Weberei in dieſer Beziehung ein ziemlicher Unterſchied. Die Tuchmacherei war ſchon nicht ſo allgemein verbreitet wie die Leineweberei; und beiden gegenüber traten die jüngern Induſtrien, die Baumwoll- und Seidenweberei, von Anfang an weniger als Lokalgewerbe auf.

Nach dem Charakter der amtlichen ſtatiſtiſchen Erhebungen, wie ich ihn oben ſchilderte, läßt ſich aus ihnen kein direkter Schluß ziehen, wie früher die lokale handwerksmäßige Weberei ſich zur großen Hausinduſtrie, ſpäter zur fabrikmäßigen Weberei ſtellte. Die einzige Methode, welche uns offen bleibt, indirekt das Verhältniß der lokalen zur großen Weberei zu unterſuchen, liegt darin, nach den Spezialtabellen zu prüfen, ob die eine oder andere Art der Weberei eine allgemeine lokale Verbreitung hat oder ausſchließlich an einzelnen Orten konzentrirt vorkommt.

In dieſer Beziehung geben ſchon die Krug’ſchen Tabellen1 (1795—1803) ein ziemlich klares Bild. Seiden- und Baumwollweber verzeichnet Krug nur an wenigen Orten, aber dann in größern Poſten. In der Wollweberei zählt Krug 305 einzelne Orte auf, eine Anzahl hiervon mit über 100 Stühlen, die überwiegende Mehrzahl aber mit je nur ein paar Arbeitern und Stühlen. Die an gleicher Stelle von Krug gegebene Ueberſicht über die Leineweberei reſp. die Leinewebſtühle iſt weniger klar, ſofern ſie theilweiſe nach ganzen Provinzen, theilweiſe nach Städten die Stühle und Arbeiter aufführt. Dagegen gibt die Tabelle der Leineweber unter den Handwerkern2 eine Anſchauung davon, wie neben der konzentrirten Produktion Schleſiens und einiger anderer Theile der Monarchie doch überall die lokale Weberei blühte. Die Zahl der Leineweber betrug hiernach in den folgenden einzelnen Landestheilen: 3

Auch für die ſpätere Zeit iſt ſtatiſtiſch kein anderer Beweis für das Vorkommen dieſer lokalen handwerksmäßigen Weberei zu führen, als durch eine Prüfung der Spezialtabellen nach der erwähnten Richtung. Am beſten taugen hierzu Tabellen nach Regierungsbezirken; da mir ſolche aber für die frühere Zeit fehlen, muß ich mich für 1816—31 darauf beſchränken, eine Tabelle nach Provinzen mitzutheilen;4 man zählte Webſtühle:

Die Zahlen der Seidenweberei zeigen klar, daß ſie nicht hierher gehören; es iſt ein konzentrirter Maſſenbetrieb an einzelnen Orten. Aehnlich auch die Baumwollweberei, ſowie die damalige Bandweberei. Eine relativ gleichmäßigere Verbreitung dagegen ergibt ſich bei der Strumpfweberei; und die Leinen- und Wollenweberei zeigen neben der größern Induſtrie ein ziemlich allgemeines Vorkommen. Die Leineweberei in Schleſien, Sachſen und Weſtfalen geht ſchon bedeutend zurück; in dieſen Provinzen iſt der Sitz der großen Weberei, der Abſatz nach dem Ausland ſtockte, wie wir weiter unten noch näher ſehen werden. In den Provinzen mit mehr lokaler Weberei iſt der Rückgang entweder ſehr viel kleiner, oder ſogar eine Zunahme zu konſtatiren, wie in Weſtpreußen, Brandenburg, Pommern. Die Wollweberei zeigt 1816—31 theilweiſe bedeutende Rückſchritte, am ſtärkſten in Schleſien und Poſen; dieſe Provinzen verlieren ihren großen Ab- ſatz nach Rußland; die lokale Tuchmacherei aber nimmt da und dort etwas zu, wie wir z. B. an den pommer- ſchen Zahlen ſehen.

Für die ſpätere Zeit ſtelle ich die Webſtühle nach Regierungsbezirken zuſammen, laſſe dabei aber die Seidenweberei, die Band- und Strumpfweberei zunächſt außer Betracht. Ich komme auf ſie weiter unten zurück.

Die auf der folgenden Seite abgedruckte Tabelle der Baumwollweberei zeigt in Bezug auf die lokale Vertheilung ein wechſelndes Ergebniß: 1834 gibt es in den öſtlichen Provinzen — außer den Weberdiſtrikten — faſt noch gar keine „Züchner,“ wohl aber in den mittleren und weſtlichen Provinzen; ſie nehmen bis 1840 und von 1840 bis 1849 in den Regierungsbezirken, wo ſie vorher fehlten, meiſt zu. Dagegen zeigt ſich von 1849—61 ſchon wieder eine theilweiſe Abnahme — aber auch nur theilweiſe —, in einzelnen Bezirken, Gumbinnen, Danzig, Poſen, Köslin, Trier, nehmen ſie noch zu. Dabei iſt nicht zu vergeſſen, daß die Zunahme der kleinen, wie der großen Baumwollweberei weiſt mit dem Uebergang von der Linnenzur Baumwollweberei zuſammenhängt, und daß die Konjunkturen von 1849—61 für die Baumwollweberei ſelten günſtige, die Handweberei durch ganz exzeptionelle Preiſe wieder friſtende waren. Ohne das würde die lokale Weberei nicht einmal ſo ſtark zugenommen haben. Im ſchroffen Gegenſatz aber zu der immerhin kleinen Zunahme der Stühle und Geſchäfte in den beſprochenen Bezirken ſteht die ſtarke Zunahme beſonders von 1840 an in den Hauptgegenden der großen Induſtrie, in den Regierungsbezirken Breslau, Liegnitz, Erfurt, Münſter. Der Schwerpunkt der jetzt erſt glänzend ſich entwickelnden Induſtrie mußte naturgemäß nicht in die lokalen Geſchäfte, ſondern in den konzentrirten maſſenhaften Betrieb an einzelnen Orten fallen.

Die Linneninduſtrie gibt folgende Zahlen:

Im Gegenſatze zur Tabelle der Baumwollweberei ſehen wir hier 1834 eine ziemlich gleichmäßige Verbreitung der gewerbsmäßig betriebenen Stühle; aller Orten ſind kleine handwerksmäßige Meiſter. Von 1834 bis 1840 nehmen die kleinen Zahlen mehr zu als die großen. Das heißt: die lokale Kundenweberei, die handwerksmäßige Kaufweberei, das Verkaufen der Hausleinwand auf Jahr- und Wochenmärkten nimmt noch zu, während die Weberei für den Abſatz im Großen nur theilweiſe noch etwas zunimmt, theilweiſe ſtabil bleibt oder ſchon abnimmt. Von 1840—49 nehmen die kleinen Zahlen noch etwas zu, die großen verhalten ſich ähnlich wie 1834—40. Von 1849—61 erſt gehen weſentlich auch die kleinen Zahlen zurück. Erſt alſo von 1849—61 ſchränkt ſich die Art des Geſchäftsbetriebs, von welchem wir hier zunächſt ſprechen, weſentlich ein; denn jetzt erſt nimmt Verkehr und Handel ſo zu, daß die lokale Produktion mehr und mehr überflüſſig wird. Doch iſt ſie 1861 von allen Arten der lokalen Weberei noch am ausgedehnteſten.

Während bei der Linneninduſtrie die Hausweberei für den Abſatz im Großen eine größere Kriſis durchzumachen hatte, als die lokalen profeſſionsmäßigen Unternehmer, gilt das Gegentheil von der Wollweberei. Einem faſt vollſtändigen Untergang der kleinen Geſchäfte in neueſter Zeit ſteht der glänzendſte Aufſchwung der großen gegenüber. Deßwegen iſt die Kriſis in der folgenden Tabelle auch nicht ſo klar erſichtlich. Voraus- ſchicken will ich noch, daß hier die Tuchmacher und Raſchmacher (in Süddeutſchland Zeugmacher) zuſammen verzeichnet ſind, daß aber die erſteren weitaus überwiegen. Die Zahlen ſind folgende:

Das Tuchmachergewerbe war in Deutſchland ſeit Ende des vorigen Jahrhunderts wieder vielfach aufgeblüht; der raſche Uebergang zu kleinen Streichgarn- ſpinnereien war auch von den kleinen Geſchäften vollzogen worden; mit ſteigendem Wohlſtand hob ſich die innere Nachfrage; große Tuchfabriken hatten ſich daneben ſchon bis 1831 zahlreich entwickelt; ſie hatten ſich ſtark auf den Export geworfen und drückten ſo zunächſt nicht ſo ſehr auf die kleinen Geſchäfte; im Gegentheil, die ſteigende Ausfuhr kam auch dieſen zu Gute; ſie machten, wie die obigen Zahlen lehren, jedenfalls noch von 1834—40 Fortſchritte. Die kleinen Zahlen nehmen in der Tabelle ſo ſtark zu wie die großen.

Gegen 1840 freilich beginnt ſchon der Umſchwung. In den andern Ländern des Zollvereins hatte ſich ſchon mit dem Anſchluß an den preußiſchen Zollverein die Schwierigkeit für die kleinen Tuchmacher gezeigt mit den vorzüglichen Produkten der rheiniſchen, ſächſiſchen oder brandenburgiſchen Fabriken zu konkurriren. Die in Württemberg ſo zahlreich 1825—33 entſtandenen kleinen Tuchmachergeſchäfte5 zeigten jetzt, daß ſie zu vielerlei produzirten, daß ihren Waaren die Ausrüſtung, die Legart, die Appretur fehlte; der Detailverſchluß am Wohnort, der Verkauf auf Jahrmärkten wollte, je mehr der Handel ſich ausbildete, nicht mehr gehen. Auch der Uebergang zu Mode- und Sommerſtoffen allein konnte den kleinen Meiſter nicht retten. Vom Königreich Sachſen meldet Wiek6 ſchon 1840 ähnliches: die kleinen Tuchmacher verdienen trotz großer Anſtrengung kaum mehr ſo viel, daß ſie ſich halten können; ſelbſt wenn ſie ſich anſtrengen, können ſie das Tuch der Fabriken nicht liefern, ihre Waare iſt eine total andere; ſie iſt durch den Druck der Konkurrenz billiger geworden, aber damit auch um ſo viel undichter, leichter gewalkt und nicht mehr gut gerauht. Es iſt mit ziemlicher Gewißheit vorauszuſehen, ſagt er, daß nach und nach wie in England und den Niederlanden, ſo auch hier der Meiſterbetrieb aufgehen muß in den Fabrikbetrieb.

Wo eine Mehrzahl von Tuchmachern beſtand, da hätten ſich dieſelben durch Aſſoziation helfen können, wenn nicht bei den meiſten der Hang an Vorurtheilen, an Zunft- und Innungsſatzungen, die Bedenklichkeit des Uebergangs vom Alten zum Neuen den Schritt erſchwert hätte. Der einzelne kleine Meiſter aber war unrettbar verloren. Die eigentlich kritiſche Zeit fällt in die Jahre 1840—55.

Nicht aber der Maſchinenwebſtuhl war es, was den Tuchmacher ruinirte; es gab in Preußen, deſſen Fabriken im Zollverein an der Spitze ſtanden, 1846 erſt 4,7, ſelbſt 1861 erſt 11,1 % Maſchinenſtühle unter den ſämmtlichen Wollwebſtühlen. Die Hauptſache war die Vereinigung aller bisher getrennten Zweige des Ge- ſchäfts in einheitliche konſequent geleitete Etabliſſements;7 es war die Vervollkommnung der Spinnerei einerſeits, der Walke, des Rauhens und Scheerens andererſeits. Beſonders die in den vierziger Jahren ſich verbreitenden Zylinderwalken wirkten epochemachend, ſie erlaubten die Filzung der Zeuge genauer zu überwachen; es kamen ferner die Wäſch-, Rauh-, Borſt- und Scheermaſchinen, die Transverſal-, Longitudinal- und Diagonalzylinder- ſcheermaſchinen, die Dampflüſtrirapparate, die hydrauliſchen Preſſen. Alles zugleich theure Maſchinen, welche dem kleinen Manne nicht erreichbar ſind.

Wir ſprachen ſchon in anderem Zuſammenhang von dem Rückgang der baieriſchen Tuchmacherei.8 Von Württemberg will ich noch erwähnen, daß 1840—47 jeder 6 te Tuchmacher bankerott machte.9 Und doch ſagt Mährlen: die meiſten Fallimente unter den kleinen Tuchmachern fallen in die Jahre 1847 bis 1853. Der Rückgang in Preußen iſt erſichtlich aus der früher ſchon angeführten Tabelle der Streichgarnſpinnereien und aus der Thatſache, daß von 1840 an die Wollwebſtühle in den Regierungsbezirken mit großer Induſtrie, wie Aachen, Düſſeldorf, Erfurt, Liegnitz und Frankfurt außerordentlich zunehmen, während die Stühle in den Regierungsbezirken mit kleiner lokaler Produktion, beſonders in den öſtlichen, meiſt bedeutend abnehmen.10 Außerdem zeigt ſich der Verfall der kleinen Tuchmacher noch recht klar in dem Rückgang der Hülfsgewerbe. Man zählte in Preußen:

Nach dieſen Zahlen beginnt die Kriſis bei den Tuchſcheerern ſchon zwiſchen 1834 — 37, bei den Walkmühlen nicht viel ſpäter. Beide Gewerbe hören als ſelbſtändig nach und nach ganz auf, da die große Tuchinduſtrie eigene Walken, eigene Scheermaſchinen beſitzt.

Blicken wir ſo im Ganzen zurück auf die kleine handwerksmäßige Produktion, ſo läßt ſich nicht leugnen, daß ſie allerwärts im Rückgang begriffen, theilweiſe ſchon vollſtändig verſchwunden iſt.

Aber immerhin iſt der Uebergang noch nicht überall vollzogen; in einzelnen Branchen wird er noch Jahre und Jahrzehnte ſich hinziehen. Mancherlei Urſachen tragen dazu bei. Althergebrachte Gewohnheiten wirken den Fabrikprodukten entgegen; in abgelegenen Gegenden iſt der Handel mit ihnen nicht entwickelt. Die untern Klaſſen, die Hausfrauen in dieſen Kreiſen wünſchen nach wie vor bei dem ihnen perſönlich bekannten Weber auf dem Jahrmarkte zu kaufen. Auch jetzt noch haben manche Weber ausſchließlich damit zu thun, altes Garn, das von aufgezogenen Strümpfen, alten Stoffen und Reſten ſtammt, für ärmere Leute zu verweben. Theilweiſe liefert die Großinduſtrie gar nicht das herkömmlich von den untern Klaſſen Gewünſchte und Getragene. Am meiſten wohl noch in Tuchen; gerade die große deutſche Tuchinduſtrie der öſtlichen Provinzen liefert einfache, billige Stoffe. Daneben freilich werden auch noch rohe Tuche ohne Appretur gekauft; die ungewalkten Gewebe, wie ſie vor 100 Jahren ſchon die Zeug- und Raſchmacher lieferten, die einfachen Flanelle, welche jeder Weber leicht liefern kann, ſind heute noch auf jedem Jahrmarkt zu ſehen neben den modernern Hoſen-, Weſten- und Damenkleiderſtoffen, die auch der kleine Kaufweber, der kleine Händler vom Fabrikanten erkauft hat. Das Fabrikprodukt wird theilweiſe durch zweibis dreifache Speſen vertheuert und ſo, wenn auch urſprünglich billiger, doch zuletzt dem Produkte des lokalen Webers im Preiſe gleich. Eine plötzliche Aenderung iſt ſchon dadurch ausgeſchloſſen, daß die Fabriken nicht auf einmal ihre Produktion ſo ausdehnen können, um den ganzen Lokalbedarf mit zu befriedigen.

Was das Linnenzeug betrifft, ſo haben auch manche der lokalen Weber ſich die beſſern Trittſtühle, ſogar Jacquardſtühle angeſchafft, und liefern Tiſchzeug, Servietten für einfachen Bedarf. Die gewöhnliche Leinwand, welche in den Großhandel kommt, ſoll vor Allem durch ſchöne Bleiche, durch gute Appretur, durch ſchönes Ausſehen ſich auszeichnen. Für den lokalen Kleinhandel iſt das nicht nöthig. Schwere, dauerhafte, theilweiſe un gebleichte Leinwand ohne Appretur wird auf den Jahrmärkten verlangt; die mißtrauiſche Hausfrau des kleinen Mannes traut den künſtlichen Bleichmitteln nicht. Sie zieht die alte Art des Ausſehens vor. Gebleichte Leinwand liefert der kleine Weber, indem er gebleichtes Garn kauft.

Theilweiſe allerdings erhält ſich die lokale Produktion nur dadurch, daß ſie ſich die niedrigeren Preiſe, den geringern Gewinn gefallen läßt. Der kleine Mann, der ein eigenes Haus, einen eigenen Garten hat, kann immer noch beſtehen, wenn auch ſchlechter als früher; man rechnet in dieſen Kreiſen nicht ſo, wie bei der großen Induſtrie und dem großen Handel. Die Aenderungen vollziehen ſich erſt nach Generationen.

Ein großer Unterſchied findet auch in dieſer Beziehung noch zwiſchen den verſchiedenen Theilen des Zollvereins ſtatt. Die allgemeinen Urſachen, welche den Kleinbetrieb erhalten, eine gleichmäßige Vermögens- und Einkommensvertheilung, ein zahlreicher, aber in ſeinen Sitten einfacher Mittelſtand werden auch in der Weberei die kleine lokale Produktion eher erhalten. Dem kleinen Weber ſind die Verhältniſſe in der Provinz Sachſen, in Thüringen, am Rhein, in Süddeutſchland günſtiger, als die im Nordoſten. Ueberraſchend iſt in dieſer Beziehung die genaue öfter erwähnte Aufnahme von Mährlen in Bezug auf Württemberg. Sie bezieht ſich zwar auf das Jahr 1858; ſeitdem wird dort auch Vieles ſchon wieder anders geworden ſein. Aber für den damaligen Zeitpunkt gibt ſie genauen Anhalt dafür, daß damals noch die lokale Kundenweberei und die hand werksmäßige Lokalproduktion ziemlich bedeutend war. Ich will nur Einiges anführen.

Von Kalw heißt es: Die Lein- und Baumwollweberei wird nur von etwa 5 Meiſtern für eigene Rechnung betrieben, alle übrigen Weber ſind Lohnarbeiter, welche für Kunden weben. Von Gmünd: es werden jährlich 277750 Ellen Leinwand erzeugt, darunter 55 — 60000 Ellen Handelswaare, die jedoch nur im Bezirke und deſſen Nachbarſchaft auf Wochen- und Jahrmärkten vertrieben wird. Beſonders die Leineweberei wird faſt überall als ausſchließlich für den Haus- und Lokalbedarf beſtimmt bezeichnet. Auch von den ſelbſtändigen Unternehmern, die um Lohn weben laſſen oder Leinwand kaufen, — ſagt Mährlen — gehört ein großer Theil noch den profeſſionsmäßigen Webern ſelbſt an. Er berechnet, daß von der geſammten württembergiſchen Linnenproduktion der Ellenzahl nach 78,1 % auf gemeine Hausleinwand, 4,4 % auf feinere Handelsleinwand, 0,9 % auf Jacquardgewebe, 16,6 % auf Pack- und Sackleinewand fallen.

Allerdings hebt Mährlen daneben hervor, daß die lokale handwerksmäßige Produktion allerwärts in Abnahme, die große Produktion und der Handel mit Fabrikwaaren aber im Zunehmen begriffen ſeien.

Anderwärts hat ſich das ſchon vollzogen, am meiſten in den größern Städten. Als ſchlagenden Beweis dafür möchte ich nur noch einige Zahlen anführen.

Halle iſt gegenwärtig eine Stadt von etwa 50000 Einwohnern, die aber in Allem, was großſtädtiſche Entwickelung betrifft, noch weſentlich zurück iſt, mehr noch den Charakter einer kleinen Stadt an ſich trägt, einen zahlreichen Handwerkerſtand, erſt neuerdings etwas glänzendere Magazine hat. In dem Adreßbuch für 1869 zählt man noch 12 Webermeiſter, 9 Strumpfwirkermeiſter, auch 3 Tuchſcheerer und 4 Tuchfabriken, ſowie 4 Schnürleibfabriken und 1 Wattenfabrik; dagegen folgende Handlungen: 13 Garn- und Bandhandlungen, 9 Leinwandhandlungen, 17 Weißwaarenhandlungen, 6 Tapiſſeriehandlungen, 17 Modewaarenhandlungen, 19 Putz- und Modewaarenhandlungen, 15 Poſamentierwaarenhandlungen, 21 Schnittwaarenhandlungen, 6 Tuchhandlungen, 24 Wollwaarenhandlungen.

Die Statiſtik, welche Engel11 nach den Berliner Adreßbüchern von 1811 — 68 zuſammenſtellen ließ, zeigt ebenfalls, wie der lokale Handel zu-, die kleine lokale Produktion abnimmt. Die Kategorien der Adreßbücher faſſen freilich theilweiſe gerade das, was wir trennen wollen, die Produktionsgeſchäfte, die Fabriken und die Handlungen einer Art zuſammen. Ich laſſe daher noch die Zahl der Fabriken und der Webermeiſter nach den offiziellen Aufnahmen von 1849 und 1861 folgen, wodurch ein ſichereres Urtheil möglich wird. Zieht man nunmehr z. B. die Zahl der Tuchfabriken von der Geſammtzahl der Tuchfabriken und Tuchhandlungen ab, ſo ergiebt ſich genau das Verhältniß der Produktionsgeſchäfte zu den Handlungen. Die angeführten Weber haben natürlich nur zum wenigſten Theil eigene Geſchäfte, ſondern arbeiten für Fabriken.

Das Reſultat der Adreßbücher iſt folgendes:

Dagegen zählen die offiziellen Aufnahmen:

Man muß die beiden Tabellen genau ſtudiren und unter ſich vergleichen, um nach ſo verſchiedenen Aufnahmen ein klares Bild des Inhalts zu bekommen. Und doch iſt das eine Reſultat ſchon für einen oberflächlichen Blick klar. Es hört die lokale Produktion auf; einzelne immer größer werdende Fabriken, die nicht ſowohl für Berlin, als für den Abſatz im Großen arbeiten, bilden ſich, daneben vollzieht ſich die ſelbſtändige Entwickelung des Detailverkaufs und -Handels. Auf 3 Teppichfabriken der offiziellen Tabelle kommen (1860 bis 1861) 27 Teppichhändler und Fabrikanten des Adreßbuchs; auf 18 Zwirnereien der offiziellen Aufnahme kommen 182 Garnhändler und Garnfabrikanten des Adreßbuchs. Das darf man daneben nicht über- ſehen, daß faſt alle dieſe zahlreichen Handlungen, die durch das lokale Bedürfniß jeder Straße, jedes Stadttheils hervorgerufen werden, ſich in irgend welcher Weiſe an der Produktion betheiligen, dies und jenes vollenden, nähen, zuſammenſtellen, ausſchmücken laſſen.

Einzelne dieſer Verkaufsgeſchäfte haben wohl auch einen großen Umfang, die Mehrzahl aber iſt klein, baſirt auf dem allernächſten lokalen Bedürfniß. Es kommt das in ſozialer Beziehung in Betracht. Viele kleine Leute, welche hier wie allerwärts früher als Produzenten, als Handwerksmeiſter ihr Geſchäft trieben, leben jetzt als Händler; und häufig ſind es dieſelben Perſonen, wie z. B. ein Bericht aus Bunzlau ſchreibt:12 „Tuchmacher und Weber kaufen von größern Fabriken die Waare und leben faſt nur noch vom Handel.“ Von den ſächſiſchen kleinen Tuchmachern ſagt ein kompetenter Berichterſtatter: 13 „Das Handwerk hat auch hier im reinen Handelsgewerbe geendet. Gleiches haben wir bei den Poſamentieren geſehen, es findet auch bei den Strumpfwirkern ſtatt und wird für die Weber bald nachgewieſen werden.“

Es iſt das, wie geſagt, für den Sozialpolitiker, den nur die Erhaltung eines geſunden Mittelſtandes intereſſirt, von Bedeutung. Er wird auf der einen Seite ſich freuen, wenn wenigſtens ein Theil der kleinen Geſchäfte ſich ſo hält, aber er wird auf der andern Seite zugleich betonen, daß der ſich ſo erhaltende Mittel- ſtand jedenfalls ein anderer iſt, andere Menſchen, andere ſoziale Kräfte, andere Anſchauungen und Sitten in ſich ſchließt. Der kleine Händler iſt etwas Anderes, als der kleine Meiſter. Dieſer lebt von ſeiner Arbeit, jener von ſeiner Klugheit, ſeinem Rechentalent; dieſer hat ſich von früh bis ſpät anzuſtrengen, thätig zu ſein, jener ſucht Gewinn, nicht ohne zu arbeiten, aber doch ent- ſpricht der Gewinn nicht ſowohl der Arbeit, als der richtigen Reklame, der Mode, den Zufällen der Konjunktur.

Aehnliche Mißbildungen aus ähnlichen Urſachen, wie der oben beſprochene Kleinhandel mit Lebensmitteln, birgt auch der Kleinhandel mit Geweben, Garnen, Bändern und derartigen Artikeln. Flagrante Beiſpiele haben ſich neueſtens in den größern Städten gehäuft. Eine proletariſche Konkurrenz, die ſich nicht genirt mit geſtohlenen Waaren zu handeln, iſt nichts Unerhörtes. Zeigte ſich doch neulich in Berlin, bei Aufhebung der großen ſeit Jahren thätigen Diebesbande, welch’ erſchreckend große Zahl für achtbar gehaltener Firmen mit geſtohlenen Waaren gehandelt hatte. Man darf aus ſolchen einzelnen Beiſpielen freilich nicht zu viel folgern; aber eben ſo wenig darf man ſie in einem Geſammtbild unſerer gegenwärtigen Zuſtände überſehen. Es kommt darauf an, ob die vorhandenen moraliſchen Kräfte, eine ſteigende Oeffentlichkeit, eine geſunde kaufmänniſche Preſſe, im Stande ſind, dem unreellen Treiben die Waage zu halten und es in die Grenzen zurückzudrängen, wie es immer als Folge einzelner Per- ſönlichkeiten vorkommen muß.