6. Die Weberei überhaupt und die Weberei als häusliche Nebenbeſchäftigung im Speziellen.
In der Spinnerei haben die großen Fabriken mit mechaniſcher Arbeit heute definitiv geſiegt, die Weberei ſteht noch mitten inne in dem Kampfe zwiſchen kleinem und großem Betrieb, zwiſchen Handarbeit und Maſchinenarbeit. Die Aenderungen in der Technik des Webens ſind mehr Verbeſſerungen als totale Veränderungen; die wichtigſten und folgenreichſten waren auch am Hand- ſtuhl anzubringen, ja theilweiſe waren ſie bis in die neueſte Zeit nur von ihm auszunützen; der Maſchinen- ſtuhl hat in der Hauptſache dieſelbe Konſtruktion, wie der Handſtuhl, er wird nur von der mechaniſchen, ſtatt von der menſchlichen Kraft bewegt; die Maſchine arbeitete lange kaum oder gar nicht billiger, als der meiſt genüg- ſame Handweber; für einzelne Branchen iſt die Maſchinenarbeit heute noch nicht anwendbar. Die techniſchen Operationen, denen die Gewebe vor und nach dem Weben zu unterwerfen ſind, waren es früher mehr, als die Maſchinenweberei, welche der Großinduſtrie das Uebergewicht verſchafften. Und aus eben dem Grunde exiſtiren bis heute blühende Branchen der Textilgewerbe als Hausinduſtrie, mit techniſcher Vollendung der Gewebe durch Fabrikanten und Kaufleute.
Der alte einfache Webſtuhl, wie er bis zu Anfang dieſes Jahrhunderts ſo ziemlich überall üblich war, iſt beinahe Jahrtauſende alt. Wir finden ihn in den Gemächern der Penelope, wie in den Frauenhäuſern auf den großen Königshöfen und Domänen Karls des Großen. Es iſt derſelbe Webſtuhl, an dem ſpäter die zahlreichen niederländiſchen Tuchmacher ſitzen, den die Niederländer von da über ganz Norddeutſchland verbreiten; es iſt derſelbe Webſtuhl, der im 15ten Jahrhundert der ſchwäbiſchen Linneninduſtrie zu ihrem Weltrufe verhilft, der ſpäter die große weſtfäliſche oder ravensbergiſche Exportinduſtrie, die ſchleſiſche Linneninduſtrie, die ſächſiſche und preußiſche Tuchmacherei des 18ten Jahrhunderts in Flor bringt. Nur eine etwas andere verbeſſerte Einrichtung durch eine Mehrzahl von Tritten und Schäften brauchte es, um die im 17ten Jahrhundert aus den Niederlanden nach Deutſchland gebrachte Weberei der künſtleriſch gemuſterten Gewebe, der Drelle und Damaſte zu ermöglichen.
Die tägliche Leiſtung eines ſolchen einfachen Hand- ſtuhles iſt natürlich ſehr verſchieden je nach der Breite, je nach dem Stoffe, ſowie je nach der Feinheit des Garnes. Die Durchſchnittsangaben, welche darüber früher und ſpäter gemacht wurden, ziehen zugleich häufig noch in Rechnung, daß ein großer Theil der Webſtühle nur einen Theil des Tages im Gange iſt; es hängt davon ab, ob der Weber noch andere Arbeit verrichtet, ob er die Hülfsoperationen ſelbſt vornehmen muß oder nicht. Man wird bei 12 ſtündiger Arbeit und mittlerem Gewebe zu Anfang des Jahrhunderts nicht über 3—6 Ellen als tägliche Leiſtung annehmen können. Viebahn rechnet noch 1846 bei 14 ſtündiger Arbeit 3—6 preußiſche Ellen Leinwand, Dieterici etwa zur ſelben Zeit 5 Ellen als tägliche Leiſtung.
Die Hauptverbeſſerung des gewöhnlichen Webſtuhls iſt die ſchon 1738 von John Kay erfundene Schnell- ſchütze, die mechaniſche Bewegung des Weberſchiffchens; ſie erlaubt viel breitere Zeuge zu weben und ſteigert die tägliche Ellenzahl wenigſtens auf das Doppelte. In Deutſchland fand die Schnellſchütze erſt in den zwanziger Jahren dieſes Jahrhunderts allgemeinere Verbreitung. Noch neuer iſt die Verbeſſerung des gewöhnlichen Web- ſtuhls durch einen Mechanismus, welcher das fertige Zeug von ſelbſt aufwickelt und die Kette von ſelbſt weiter abwickelt.
Schon 1750 hatte Vaucanſon einen Webſtuhl gebaut, deſſen einzelne Thätigkeiten mittelſt Kurbeldrehung bewirkt wurden; aber die Einrichtung war nicht praktiſch. Im Jahre 1785 ließ der Theologe Dr. Kartwright ſeinen mechaniſchen Webſtuhl patentiren; aber die Anwendung ſcheiterte immer noch daran, daß die baumwollenen Fäden nicht feſt genug waren, den kräftigen mechaniſchen Gang des Geſchirres auszuhalten. Man half durch Beſtreichen der Kette mit der ſogenannten Schlichte; das koſtete zu viel Zeit, bis 1802 die Schlichtmaſchine erfunden wurde. Aber ſelbſt 1813 waren noch kaum 4000 ſolcher Webſtühle in England, als ſie in dieſem Jahre durch den Aufſtand der Weber beinahe alle zer- ſtört wurden. Von da an aber fanden ſie weitere Verbreitung. Horrock in Stockport hatte die Stühle bedeutend verbeſſert, noch mehr gelang das Roberts in Mancheſter, deſſen Stühle von 1822 an auch nach Deutſchland kamen. Lange blieb ihre Anwendung auf Baumwolle beſchränkt, dehnte ſich dann auf Kammgarn und Leinengarn, nur langſam und ſehr beſchränkt auf Streichgarn und Seide aus. Die neueren Erfindungen beziehen ſich auf die Hülfsmaſchinen: Schuß-, Spulen- und Aufwindmaſchinen, Zettel- und Schlichtmaſchinen, Meß- und Faltmaſchinen, Maſchinen zur Reinigung der Gewebe vollenden in den großen Fabriken die Präziſion, Schnelligkeit und Billigkeit der Arbeit.
Die Jacquardmaſchine, welche die Hebung der Kettenfäden in beliebiger Weiſe nach beſtimmten Muſtern regulirt und dadurch gemuſterte Gewebe leichter herzu- ſtellen erlaubt, ſtammt aus dem Jahre 1808; ſie verbreitete ſich ziemlich ſchnell auch in Deutſchland. Der Jacquardſtuhl, wie alle die andern komplizirteren Stühle, der Korſettſtuhl, die Stühle mit einer Mehrzahl von Schäften und Tritten, die Stühle mit Wechſellade ſind bis in die neuere Zeit überwiegend Handſtühle.
Die Leiſtungen der verſchiedenen Stühle nun können durchſchnittlich in neuerer Zeit ſo angenommen werden: 1 der verbeſſerte Handſtuhl mit Schnellſchütze ꝛc. liefert etwa 8 Ellen feine, 20 Ellen ſtarke Leinwand, 25—30, unter Umſtänden noch mehr Ellen Calico, der Jacquard- ſtuhl 5—6 Ellen, der Korſettſtuhl 3 Ellen; der Kraft- ſtuhl dagegen 40 und mehr Ellen; er hat daneben den Vorzug des immer gleichen Schlages, des gleichmäßigeren Gewebes. Bei Wollgeweben liefert der Handſtuhl 5—10 Ellen, der Maſchinenſtuhl durchſchnittlich auch nicht viel mehr als 10 Ellen.
Die Preiſe auch der einfachen Stühle ſind je nach der Stärke verſchieden; für Baumwolle und Leinen hat man leichtere, für Wolle ſchwerere. In den 40er Jahren rechnete man als Preis des einfachen Leinwand- ſtuhls 6 Thlr. 2 Jetzt werden in Schleſien die geſammten Koſten für Webſtuhl, Geſchirr u. ſ. w. zwiſchen 11 und 30 Thlr. gerechnet; ein guter Webſtuhl für 8/4 breite Waare allein koſtet 15 Thlr. 3 Ein guter Handtuch webſtuhl, der kräftiger gebaut ſein muß, als der Leinwandſtuhl, aber in der Hauptſache von Holz iſt, wird hier zu Lande zu 20—30 Thlr. angeſchlagen. Mährlen 4 rechnet einen guten Baumwollſtuhl zu 20 Fl. ſüdd., einen ſchmalen Jacquardſtuhl zu 75 Fl., einen breiten zu 200 Fl., einen Korſettſtuhl zu 50, einen Kraftſtuhl zu 230 Fl. Der Maſchinenſtuhl wird nicht bloß dadurch ſoviel theurer, daß die Haupttheile von Eiſen ſind, er iſt auch komplizirter und muß viel exakter gearbeitet ſein. Freilich entſcheidet der Preis des Stuhls noch nicht allein die Rentabilität des einen oder andern Betriebs; die Koſten der bewegenden Kraft, die Anwendung anderer Arbeiter an der Maſchine, die Generalkoſten der Fabrik, die verſchiedenen Preiſe für Hand- und Maſchinenprodukte kommen mit in Betracht.
Dieſe techniſchen Vorbemerkungen enthalten ſchon einen ungefähren Ueberblick über den Gang der Veränderungen, aber eine halbwegs befriedigende Kenntniß können wir doch erſt erhalten, wenn wir konkreter auf die Verhältniſſe eingehen. Wir müſſen uns dabei ſchon nach dem Zwecke dieſer ganzen Unterſuchungen vor Allem an die Ergebniſſe der zollvereinsländiſchen, hauptſächlich der preußiſchen Gewerbeſtatiſtik halten. Die erſte aufzuwerfende Frage iſt demnach, welche Arten der Weberei müſſen wir unterſcheiden und wie iſt dieſer Unterſcheidung in der offiziellen Statiſtik Rechnung getragen?
Die Geſchäftsarten, welche wir für unſere Unter- ſuchungen zu trennen haben, ſind folgende: 1) die Pro duktion als Nebenbeſchäftigung für den häuslichen Bedarf; 2) die Lohnweberei für einzelne Kunden, welche dem Weber das Garn liefern und für ihren eigenen Bedarf verweben laſſen; dieſes Geſchäft verbindet ſich meiſt mit der handwerksmäßigen Weberei auf eigene Gefahr für den lokalen Abſatz, für den Vertrieb auf Wochen- und Jahrmärkten; 3) die Weberei für den Abſatz im Großen; ſie kann ſelbſt wieder Weberei in geſchloſſenen Etabliſſements vorzüglich auf mechaniſchen Stühlen oder wenig- ſtens künſtlicheren Handſtühlen ſein, oder es übernimmt der Fabrikant nur die kaufmänniſche Vermittelung und gewiſſe ſchwierigere techniſche Prozeſſe, läßt dagegen die Weberei durch kleine Meiſter im Hauſe ausführen; letzteres kann wieder Kauf- oder Lohnweberei ſein.
Was zuerſt die Nebenbeſchäftigung für den häuslichen Bedarf betrifft, ſo haben die preußiſchen Tabellen ſeit 1816 eine beſondere Rubrik hierfür, und die andern Zollvereinsſtaaten ſind dem gefolgt; es bleibt nur die Frage, welche Stühle dahin gerechnet werden, welchen Werth die Zahlen haben.
Die Angaben über die Stühle ſind durchſchnittlich immer zu niedrig, da ſie ſehr ſchwer zu ermitteln ſind, in abgelegenen Dörfern ſich der Beobachtung entziehen. 5 Das Kriterium für die Aufnahme in dieſe Rubrik kann nicht der Umſtand ſein, ob neben der Produktion für den eigenen Bedarf auch ab und zu einige Stücke Leinwand verkauft werden, ſondern ob der Beſitzer des Stuhls in der Hauptſache Bauer, Handwerker oder ſonſt etwas iſt und nebenher ſeine freie Zeit zum Weben benutzt. Stühle dagegen, welche einem Weber gehören, der auch nicht das ganze Jahr am Webſtuhl ſitzt, der vielleicht jetzt den ganzen Sommer auf Tagelohn geht, gehören nicht in dieſe Kategorie. Die preußiſchen Tabellen ſind in der Hauptſache ſo aufgefaßt und behandelt worden, obwohl die Grenze zwiſchen Hausarbeit und gewerblicher Arbeit natürlich immer etwas ſchwankend bleibt. Der Beweis hierfür liegt darin, daß die Web- ſtühle, welche unter dieſer Kategorie verzeichnet ſind, zum kleinſten Theil auf die Weberdiſtrikte, faſt aus- ſchließlich auf die rein agrariſchen Gegenden fallen. Weniger iſt das der Fall in Süddeutſchland. Das Weben iſt dort als häusliche Nebenbeſchäftigung überhaupt ſehr viel weniger verbreitet als im Norden. Man hat es ſchon allgemein ausgeſprochen, in den Gegenden des Weinbaues fehle dieſe Nebenbeſchäftigung ganz. Die Zeit der kleinen Leute iſt mehr durch andere Arbeiten ausgefüllt. Die dort unter dieſer Rubrik verzeichneten Stühle gehören mehr jedenfalls als im Norden kleinen Lohnwebern, welche nur einen Theil des Jahres ſich mit Weben abgeben. 6
Neben dieſen Stühlen wurden in Preußen 1816— 1843 die ſämmtlichen gewerbsweiſe gehenden Webſtühle für jede Art der Textilinduſtrie in einer Summe erhoben. Die lokale Weberei um Lohn und für eigene Rechnung, wie die Weberei für Verleger und Fabriken ſtecken gleichmäßig in dieſen Zahlen. Eine Unterſcheidung war auch früher kaum nothwendig, da es Fabriken nur wenige gab, der profeſſionsmäßige Weber eine ähnliche Stellung hatte, ob er für Kunden, für eigene Rechnung oder für Verleger arbeitete.
Von 1846 an ſollte mit der Aenderung der Gewerbeaufnahmen überhaupt auch eine genauere Erhebung der Gewebeinduſtrie eintreten. Zuerſt ſollten wie bisher die ſämmtlichen überhaupt vorhandenen Webſtühle gezählt werden. Dann die Webermeiſter jeder Branche mit ihren Gehülfen und Lehrlingen. In dieſer ſollten aber alle nicht techniſchen Hülfskräfte, Kinder, Frauen, die häufig beim Spulen, Kettenſcheeren, Aufbäumen, Muſtermachen helfen, ausdrücklich weggelaſſen werden. Dadurch ſind dieſe Zahlen ſtets etwas zu niedrig. Ferner iſt aber auch nicht vollſtändig klar, ob unter den Webern und ihren Gehülfen außer denen, welche in ſelbſtändigen Handwerksgeſchäften und in der Hausinduſtrie beſchäftigt 7 ſind, auch die ſämmtlichen in geſchloſſenen Etabliſſements arbeitenden Weber mitgerechnet ſind oder nicht. Neben dieſer Geſammtaufnahme der Weberei wurden nun die Fabriken noch beſonders gezählt. Nur die Zahlen der unter den Fabriken gezählten Maſchinenſtühle können als zuverläſſige betrachtet werden. Die Zahlen der Fabriken ſelbſt und des Direktionsperſonals ſind unzuverläſſig, ſofern nicht klar iſt, ob bei den verſchiedenen Aufnahmen und ſelbſt bei derſelben Aufnahme in den verſchiedenen Gegenden nur die eigentlichen Fabriken, oder auch die Kaufleute, welche fertige Gewebe kaufen und etwa noch bleichen und appretiren laſſen, als ſolche gerechnet, ob auch die Faktoren als Inhaber ſelbſtändiger Geſchäfte mitgezählt ſind. Noch viel werthloſer aber ſind die Zahlen der Arbeiter und der Handſtühle, welche mit den Fabriken aufgenommen ſind. Bei den Arbeitern ſoll auch all das untergeordnete Hülfsperſonal, das bei der Geſammtzählung weggelaſſen wird, mitgerechnet werden. Die Hauptfrage iſt aber die, ob nur die in den Fabriken ſelbſt arbeitenden Leute und aufgeſtellten Handſtühle oder ſämmtliche für die Fabriken arbeitenden gerechnet werden. Als 1846 zum erſten Male die Fabriken beſonders gezählt wurden, geſchah mehr das letztere. Dieterici ſpricht damals von „in und für Fabriken arbeitenden Web- ſtühlen.“ Später geſchah mehr und mehr das erſtere — aber nicht durchaus. Durch dieſe Unſicherheiten von Anfang an, durch die vollends ſich ändernde Praxis iſt jeder Schluß aus dieſen Zahlen vollſtändig werthlos; wir müſſen daher leider faſt ganz von ihnen abſehen.
Die Zollvereinskonferenz, welche in München 1854 über die Tabellen berieth, ging nicht von einer derartigen Doppelzählung 1) der geſammten und 2) der fabrikmäßigen Weberei aus; ſie ſtellte als Kriterium feſt, daß alle Unternehmer, welche mechaniſche Stühle oder über 10 Stühle beſchäftigen, unter die Fabriken, alle andern zu der handwerksmäßigen Weberei gehören. Darnach ſind die württembergiſchen 8 — ohne Zweifel auch die meiſten andern zollvereinsländiſchen Aufnahmen 1861 gemacht. In Sachſen z. B. ſind ausdrücklich unter den II A (Rubrik 50) verzeichneten Webſtühlen nicht alle Stühle, ſondern nur diejenigen begriffen, „welche nicht unmittelbar zu den unter B angegebenen geſchloſſenen Etabliſſements und Geſchäften gehören.“ 9 Viebahn ſelbſt hebt hervor, daß die vierzehnte Generalkonferenz keine Doppelzählung, wie ſie früher in Preußen üblich war, anordnen wollte. 10 Und bei einzelnen Poſten der preußi- ſchen Tabelle iſt man verſucht zu glauben, es ſei auch in Preußen 1861 ſo gezählt worden, die Rubrik II A 50 umfaſſe nicht mehr die Geſammtheit der Stühle. 11
Selbſt wenn aber theilweiſe ſo gezählt worden iſt bei den Regierungen, das preußiſche ſtatiſtiſche Bureau geht davon aus, es habe wie früher eine Doppelzählung ſtattgefunden, 12 die Rubrik II A 50 umfaſſe alſo ſtets die Geſammtheit aller Webſtühle. Das Zollvereinsbureau hat es nicht für der Mühe werth gehalten, irgend welche Aufklärungen über die Art der Aufnahme in den verſchiedenen Staaten zu publiziren, es ſtellt einfach die preußiſchen und die andern Zahlen, die demnach unvergleichbar ſind, untereinander, und Viebahn benutzt in ſeiner Gewerbeſtatiſtik dieſe Webſtuhlzahlen faſt unbean- ſtandet, 13 obwohl ſie nach unſern Auseinanderſetzungen ſtets um den Betrag der Stühle, welche die Zollvereinsſtaaten außer Preußen bei den Fabriken zählen, zu niedrig ſind.
Wenn ſich aus den vorſtehenden Bemerkungen ergibt, daß die preußiſche und Zollvereinsſtatiſtik für 1861 nicht einmal ganz ſichere Summen über die Ge- ſammtzahl der Webſtühle einer Gattung liefert, daß die preußiſche Statiſtik auch in ihren frühern Aufnahmen weder ein ganz zutreffendes Bild von der lokalen handwerksmäßigen Weberei, noch von der Hausweberei für den großen Abſatz, noch von der Weberei in geſchloſſenen Etabliſſements gibt, — ganz werthlos iſt darum ein Theil der Zahlen doch nicht, wenn man ſie nur wiſſen- ſchaftlich gebraucht und gruppirt, andere ſichere Nachrichten heranzieht, um die Schlüſſe und Konjekturen zu ſtützen.
Gehen wir nun aber zur Sache ſelbſt über und zunächſt zur Frage, in wie weit ſich die häusliche Weberei als Nebenbeſchäftigung bis jetzt erhalten hat.
Die häusliche Weberei ſteht eigentlich bis in die neueſte Zeit nicht in direkter Konkurrenz mit der gewerbsmäßigen. Wo der Bauer, der ländliche Handwerker und Tagelöhner die paar Thaler für einen Stuhl erſchwingen kann, wo die Beſchäftigung traditionell ſeit Jahrhunderten beſteht, ſich naturgemäß anſchließt an die eigene Produktion von Wolle und Flachs, da macht man keine Anſprüche an eine techniſch vollendete Waare. Da wird das Bedürfniß der Kleidung am billigſten und paſſendſten auf dieſe Weiſe befriedigt, ſo lange die Zeit und die Arbeitskräfte dazu vorhanden ſind, im Winter unbenutzt blieben ohne dieſe Nebenbeſchäftigung. Der mangelnde Verkehr und Handel in früherer Zeit machte die Thätigkeit nothwendiger; aber ſie dauert auch noch fort, lange nachdem der Bauer in den Läden der näch- ſten Stadt, auf Wochen- und Jahrmärkten einkaufen könnte.
In Preußen, Poſen, Pommern werden auch heute noch die Wollgewebe, welche das Landvolk trägt, theilweiſe ſo gefertigt. 14 Wollſtühle als Nebenbeſchäftigung gehend gab es im ganzen Staate 1831 ‒ 2693, 1840 6072, 1846 ‒ 4519, 1861 ‒ 4447. Alſo bis 1840 ſogar eine große Zunahme, von da Abnahme bis 1846; ſeither aber kaum eine Aenderung. Dieſe Stühle machen 1846 12,6 %, 1861 12,2 % aller Wollwebſtühle aus.
Viel zahlreicher ſind die Leinwandſtühle, welche als Nebenbeſchäftigung gehen. Die Leinenweberei iſt ſeit Jahrhunderten Sache des deutſchen Landmannes; in gleicher einfacher Weiſe hat ſie ſich erhalten bis in die neuere Zeit; ihre jüngere Schweſter, die Baumwollweberei, hat ſie in dieſem Jahrhundert zwar aus der Kleidung der untern Volksklaſſen theilweiſe verdrängt, aber mehr in der Stadt als auf dem Lande; die Her- ſtellung baumwollener Gewebe iſt — ſo viel ſpäter ent- ſtanden und ſchnell zur Großinduſtrie entwickelt — niemals in ähnlicher Weiſe eine trauliche Nebenbeſchäftigung des kleinen Mannes geworden.
Die Zahlen der als Nebenbeſchäftigung gehenden Leinwandſtühle in Preußen kann ich theilweiſe nicht direkt angeben; ich muß theilweiſe dafür die ſämmtlichen als Nebenbeſchäftigung gehenden Stühle ſetzen; doch machen erſtere immer den weitaus größten Theil der letztern, z. B. 1861 ‒ 96 % derſelben, aus. Man zählte in Preußen als Nebenbeſchäftigung betriebene Stühle:
Es iſt eine ſtarke Zunahme von 1816 bis 1843. Während die Bevölkerung etwa auf das 1½fache ſtieg, nahm die Zahl dieſer Stühle beinahe um’s Doppelte zu. Und nicht etwa nur ſcheinbar, indem früher gewerbsmäßig betriebene Stühle in dieſe Kategorie übertreten. Die Zahl dieſer iſt ſchon viel zu klein, um die Zunahme ſo zu erklären. Die vorhin angegebenen Urſachen wirken auf eine wirkliche Zunahme bis 1843, d. h. bis zu dem kritiſchen Zeitpunkt, der ja auch nach anderer Richtung die Grenzſcheide einer andern volkswirthſchaftlichen Zeit bezeichnet.
Von da an nimmt die Geſammtzahl nicht ab, ſie bleibt nur ſtabil; die häuslichen Stühle machen 1846 86,1 %, 1861 ‒ 86,0 % aller auf Leinwand gehenden Stühle aus. Schuld hieran iſt nicht ſowohl die direkte Konkurrenz, das Angebot billiger Fabrikwaaren, das überall hin dringt, der etwa zunehmende Luxus, der mit dem einfachen eigenen Produkt nicht mehr ſo zufrieden wäre. Etwas wirken dieſe Faktoren ja mit, aber nicht allzuviel. Dem Bauer kommt ſein Handgewebe immer noch billiger als das billigſte Maſchinenprodukt, das er in dieſer Form nicht einmal liebt, ſo lange er Zeit und Arbeitskräfte zur eigenen Weberei hat. Aber gerade das hört auf. Man hat mit der intenſiven Kultur, mit andern Nebenarbeiten ſo viel mehr zu thun. Und während die Arbeit in Haus und Hof, in Flur und Feld gewachſen iſt, hat man weniger Leute. Die jüngern Söhne und Töchter haben nicht mehr Luſt, unverheirathet auf dem Hofe zu bleiben, man hat beſonders in Weſt- und Mitteldeutſchland ſehr viel weniger Geſinde als früher. 15 Das eben ſo ſehr, als die geſtiegenen Flachspreiſe veranlaſſen den weſtfäliſchen Bauern, heute mehr und mehr ſeinen Flachs zu Markte zu tragen und die fertige Leinwand zu kaufen.
Während aber im Weſten die Stühle abnehmen, nehmen ſie im Oſten bis 1861 noch zu. Die Stabilität der preußiſchen Zahlen wird 1843 — 61 durch dieſe entgegengeſetzte Bewegung erreicht. Um die provinziellen Zahlen auch noch mit dem Stande von 1816 zu vergleichen, führe ich zuerſt die ſämmtlichen als Nebenbeſchäftigung gehenden Stühle an. 16 — Man zählte:
Die ausſchließlich für Leinwand gehenden Stühle ſind kaum etwas geringer; ſie machen aus:
Aehnliche Ergebniſſe, wie die öſtlichen preußiſchen Provinzen, zeigen einige andere norddeutſche Staaten, ähnliche Ergebniſſe wie Sachſen, Schleſien, Weſtfalen und die Rheinprovinz zeigen die ſüddeutſchen Staaten.
Viebahn 17 giebt in der Geſammtüberſicht der Weberei des Zollvereins, die allerdings nach meinen obigen Ausführungen zu niedrige Zahlen enthält, das folgende allgemeine Reſultat. Auf 39554 Maſchinenſtühle und 394865 gewerbsmäßige Handſtühle aller Art zählt er noch 387969 als Nebenbeſchäftigung gehende Hand- ſtühle. In der Linneninduſtrie allein zählt er 350 Maſchinenſtühle, 119928 18 gewerbsmäßig gehende Hand- ſtühle, 370970 als Nebenbeſchäftigung gehende Hand- ſtühle. Wollen wir die Produktion vergleichen, ſo dürfen wir für die letztern Stühle als tägliche Leiſtung nicht über 3 Ellen annehmen, auch keine Thätigkeit, die über 1 — 2 Monate, alſo etwa auf 45 Tage ſich erſtreckte. Die Leiſtung wäre etwas über 50 Millionen Ellen. Bei der gewerblichen Produktion kämen 350 Maſchinenſtühle mit täglich etwa 40 Ellen und 300 jährlichen Arbeitstagen in Betracht; das gäbe etwas über 4 Millionen Ellen. Die 119928 Handſtühle ſollen hoch gerechnet täglich je 10 Ellen liefern; über 250 Arbeitstage ſind auf ſie nicht zu rechnen. Das ergäbe zuſammen etwa 300 Millionen Ellen. 19
So wenig ſicher dieſe Zahlen ſind, ſo geben ſie doch eine klare Anſchauung davon, von welcher Bedeutung die häusliche Weberei auch heute noch iſt. Denjenigen aber, der hieran noch zweifelte, den möchte ich daran erinnern, daß nach den Berechnungen von Moreau de Jonnès 20 in Frankreich die gewerbliche Leinenproduktion allerdings nach Abzug des Werthes des Rohſtoffes einen Werth von jährlich 62 Millionen Frcs., die häusliche ländliche Linnenproduktion, unter Hinzufügung des Werthes des geſammten Rohſtoffes, einen jährlichen Werth von 288 Millionen Frcs. erzeugt; auf jene kommen 18, auf dieſe 82 % des Geſammtwerthes.
