Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe — Der Kampf des großen und kleinen Betriebs in einzelnen Gewerbszweigen.

5. Die Wollſpinnerei, die Zwirn-, Strick-, Stick- und Nähgarnfabriken, die Garnbleiche und -Färberei und die Seilerei.

3.895 Wörter · 14 Fußnoten

5. Die Wollſpinnerei, die Zwirn-, Strick-, Stick- und Nähgarnfabriken, die Garnbleiche und -Färberei und die Seilerei.

Die Handſpinnerei und Kämmerei von Schafwolle beſchäftigte, als die neuen Spinnmaſchinen entdeckt wurden, auch zahlreiche Perſonen; aber ihre Zahl und ihre Stellung war doch eine andere, als die der Leinengarn- ſpinner, und das geht auf Urſachen zurück, die bis in die neueſte Zeit auch die mechaniſchen Wollſpinnereien beeinflußt haben, die ich daher zuerſt erwähnen will.

Die Technik des Wollſpinnens iſt eine andere, weniger Arbeit erfordernde; der Verbrauch an Wollwaaren iſt ein ſehr viel geringerer, als der von Baumwolle und Leinen.

Ueber den Verbrauch an Wollwaaren in früherer Zeit ſagt Dieterici, indem er den Verbrauch pro Kopf der preußiſchen Bevölkerung auf ½ Elle gegen 1800 an- ſchlägt: „es iſt notoriſch, wie arm in Bezug auf tuchne Bekleidung das Landvolk, d. h. die Maſſe der Nation, vor 1806 geweſen. Der Tuchrock des Bauern mußte viele Jahre aushalten und oft erſchienen Knechte und Tagelöhner im ſtrengſten Winter bei dem Gutsherrn und im Gerichtstermin im leinenen Kittel.“

Die Tuche und andere Wollwaaren werden jetzt ja leichter gemacht, aber immer kann man noch rechnen, daß ſie die drei- und mehrfache Zeit von Baumwoll- ſtoffen aushalten, wodurch ſich der jährliche Bedarf natürlich geringer ſtellt. Der Wollverbrauch wird jetzt in Deutſchland auf etwa 2, in England auf 5 Pfund1 pro Kopf berechnet, der Baumwollverbrauch in Deutſchland auf 4, in England auf 30—40 Pfund. Dieterici und Engel rechnen pro Kopf in Preußen einen jährlichen Verbrauch (nach freilich ganz ungefähren Schätzungen):

Was die Technik betrifft, ſo iſt die Urſache der geringern Arbeit die viel geringere Feinheit aller Wollgeſpinnſte. Das gröbſte Baumwollzeug beginnt mit 70 Kettenfäden auf den Zoll, das grobe Tuch beginnt mit 27 Kettenfäden, das mittlere hat 40—50, nur das feinſte Tuch ſteigt bis zu 70.2 Die durchſchnittliche Arbeit bei der Baumwollſpinnerei iſt nach Hoffmann mindeſtens die 24 fache gegenüber der Wollſpinnerei. Der Werth der Wolle wird ſelbſt durch die letzte Verarbeitung zu feinen Geweben durchſchnittlich nur verdoppelt, der Werth des Flachſes verdreifacht, der Werth der Baumwolle ſteigt auf das 10, 30 und mehrfache durch die Verarbeitung bis zu beſſern Geweben. Die Vortheile der Maſchine und des Großbetriebs ſind damit ſelbſtverſtändlich für die Wollinduſtrie kleinere. Spinnereien als ſelbſtändige Ge- ſchäfte waren und ſind auch dadurch für Wolle ſchwieriger zu etabliren, daß die Wolle pro Zentner 40—100 Thlr. koſtet, während die Baumwolle von ähnlichen Preiſen zu Anfang des Jahrhunderts bis auf wenige Thaler herabgeſunken iſt.

Aus dieſen Gründen war auch die Wollſpinnerei früherer Zeit, welche das Garn für die wollenen Gewebe, wie zum Stricken und zu Strumpfwaaren mit der Hand und dem Spinnrad zu liefern hatte, niemals ein ſo bedeutendes Gewerbe, wie die Flachsſpinnerei; ſie war ſelten ein ſelbſtändiges Gewerbe wie jene.

Auch im Mittelalter bildeten nur in den größten und blühendſten Städten der damaligen Tuchinduſtrie die Wollſchläger, die Wollkämmer und die Wollſpinner eigene Zünfte. Meiſt wurde das Schlagen der Wolle von den Tuchmachern ſelbſt beſorgt; das Kämmen wurde beinahe durchaus von Frauen um Lohn betrieben und ſelbſt das Spinnen war mehr Nebenbeſchäftigung der untern Klaſſen überhaupt; vielfach hielten ſich die Weber eigene Knechte und Mägde zu dieſem Geſchäfte.3 Das vorige Jahrhundert, deſſen Wollinduſtrie die der früheren Zeit ja im Durchſchnitt keinenfalls erreichte, kannte zwar neben der Hausſpinnerei profeſſionsmäßige Spinner, aber nicht in zu großer Zahl; die armen Leute in den Städten der Wollinduſtrie, in nächſter Nähe der Tuchmacher und Raſchmacher gaben ſich damit ab. Sie bildeten nicht wie die Leinenſpinner ganze Kolonien auf dem Lande.4 Sie waren nicht Unternehmer, wie jene; ſie waren zum Einkauf des Rohmaterials viel zu arm. Die Wolle war zu theuer, der Wollhandel war ſchon entwickelt, ſelbſt die Webermeiſter waren theilweiſe ja zu arm, Wolle ſelbſt zu kaufen. Das Bild, das uns aus den zahlreichen Reglements des vorigen Jahr hunderts entgegen tritt, iſt folgendes. Der Weber mit ſeinen Geſellen und Jungen ſortirte, ſchlug und reinigte die Wolle, gab ſie dann dem Spinner und Kämmer, der für ihn um Lohn arbeitete; dann erſt wurde gewebt, gewalkt, appretirt, und wenn der Weber nicht Eigenthümer des Rohſtoffes war, erhielt nun der Verleger das fertige Produkt gegen den Lohn zurück.

Das erklärt es, daß die Stockung des Abſatzes von Wollwaaren zur Zeit der napoleoniſchen Kriege und der Uebergang zu der kleinen Spinnmaſchine, der ſich ſchon zu Anfang des Jahrhunderts vollzog, nirgends als ein allgemeiner Nothſtand, als der Ruin eines blühenden Handwerks empfunden wurde.

Für das ſogenannte Streichgarn, d. h. für das Garn zu gewalkten Waaren, Flanellen und einigen andern Stoffen, bedurfte es damals nur ſehr einfacher Maſchinen. Das Garn darf nicht ſcharf gedreht ſein, muß einen ziemlichen Durchmeſſer haben, um den Einfluß des Walkens nicht zu widerſtehen. Maſchinen hierzu waren leicht zu bauen, leicht zu bezahlen. Wohlhabende Tuchmacher, deren es, wie ich unten noch zeigen werde, beſonders in Preußen und Sachſen damals ziemlich viele gab, erwarben ſchnell und zahlreich ſolche kleine Maſchinen; auch kleine handwerksmäßige Lohnſpinnereien entſtanden. „Schon vor 1800 bauten in Berlin die Mechaniker Hoppe und Tappert Maſchinen zum Schrobbeln, Streichen und Spinnen der Wolle, in welchen letztern dreißig Spindeln gleichzeitig gingen und welche man zur Produktion ordinärer Garne mit Erfolg verwendete.“ Der engliſche Maſchinenbauer Cockerill brachte bald darauf ſeine ſchon viel vollendetere Woll- ſpinnmaſchine nach Verviers, führte ſie dann auch in Aachen ein, und ſeine Söhne errichteten ſchon 1815 aus Veranlaſſung der preußiſchen Regierung eine hierzu eingerichtete Maſchinenfabrik in Berlin.

Neben dieſen kleinen raſch ſich verbreitenden Streichgarnſpinnmaſchinen erhielt ſich bis in die neueſte Zeit in abgelegenen Gegenden als Nebenbeſchäftigung die Handſpinnerei. Wo der Bauer ſein eigenes Tuch ſich noch webt, da ſpinnt er auch die Wolle dazu. Mehr noch wird zu Strick- und Strumpfwaaren das Garn mit der Hand geſponnen. In Thüringen, Weſtfalen und Württemberg gibt es bis in die neuere Zeit noch Spinnerfamilien, doch dringen auch auf dem Lande die Maſchinenſtrickgarne täglich weiter vor. Die preußiſche Statiſtik verzeichnet die Wollſpinner zuſammen mit den gewerbsmäßigen Wollſtrickern; das erſchwert eine ſichere Beurtheilung der Verhältniſſe nach den Zahlen; auch die Grenze zwiſchen gewerblicher und Hausarbeit iſt natürlich ſchwankend. Man zählte in Preußen:

So viel ſieht man aus den Zahlen, daß es ſich um kein bedeutendes Gewerbe mehr handelt, auch nicht um ein plötzliches Zurückgehen.

Wohl galt es noch einen Kampf zwiſchen dem kleinen und dem großen Betrieb; aber die Loſung war hier nicht mehr: Handarbeit oder Maſchine, ſondern: kleine oder große Maſchine! Es hatte ſich der Kampf zu vollziehen zwiſchen den handwerksmäßigen Spinn- ſtühlen von 30 — 40 Spindeln und den großen Etabliſſements. Es iſt der Kampf zwiſchen den profeſſionsmäßigen Tuchmachern und den Tuchfabriken, auf den ich weiter unten nochmals komme.

Es iſt bekannt, wie raſch und kräftig ſich die große deutſche Tuchinduſtrie ſchon in den dreißiger und vierziger Jahren entwickelte; es iſt bekannt, daß bei ihr eine Konzentration ſich vollzog, weiter gehend ſogar als in England. Damit war aber zugleich die Unhaltbarkeit der kleinen Streichgarnſpinnereien von 30 — 40 Spindeln gegeben.

Es ſpricht ſich das deutlich und klar in der folgenden Ueberſicht der preußiſchen Streichgarnſpinnereien, welche erſt von 1837 an aufgenommen wurden, aus:

Bis Anfang der vierziger Jahre deuten die Zahlen noch überwiegend auf kleine Geſchäfte; es ſind Spinnereien in der Hand der Tuchmacher; dieſelben hatten ein oder zwei Stühle mit je 40 Spindeln in ihrer eigenen Wohnung und beſorgten das Spinnen darauf ſelbſt mit Hülfe der Familienmitglieder und Hausgenoſſen. Noch 1843 hatten von den 3300 Maſchinen 2894 zuſammen 163211 Spindeln, alſo eine 56; in Preußen, Poſen, und Pommern kamen 1843 auf ein Geſchäft nur 45 Spindeln; es ſcheint, ſagt Hoffmann, daß es in dieſen Provinzen keines gab mit über 80 Spindeln. In der Mark hatten die Tuchmacher noch faſt ausſchließlich eigene kleine Spinnereien; im Regierungsbezirk Frankfurt kamen 150 Spindeln auf eine Spinnerei. Nur in Schleſien und am Rhein war es damals ſchon weſentlich anders. In Schleſien hatten ſich ſchon damals größere Lohnſpinnereien gebildet, welche für die Tuchmacher wie für die Tuchfabrikanten arbeiteten. In der Gegend von Aachen hatten die Tuchfabrikanten meiſt ſchon ihre eigenen größern Spinnereien; im Regierungsbezirk Aachen kamen damals ſchon auf ein Geſchäft etwa 1000 Spindeln.

In die Zeit von 1843 — 55 fällt die Hauptkriſis; es iſt die kritiſche Zeit für die kleinen Tuchmacher; ihr eigenes Garn, wie ihre eigene Walkerei, Färberei und Appretur können nicht Schritt halten mit den Verbeſſerungen, und damit verſchwinden auch die kleinen Spinnereien nach einander. Von 1855 — 61 ſetzt ſich dieſe Richtung fort, etwas weniger akut, weil diejenigen, welche am wenigſten konkurriren konnten, ſchon gefallen ſind. Die Zahl der Geſchäfte ſinkt von 1843 — 61 auf den dritten Theil herab, der Umfang der einzelnen Spinnereien ſteigt auf das dreifache bis ſechsfache. Doch iſt der Verlauf der Kriſis ſehr verſchieden nach den Provinzen. In Preußen, Poſen, Pommern gibt es 1861 noch 84 Spinnereien mit durchſchnittlich 102 — 186 Spindeln; in der Provinz Sachſen hat ein Geſchäft 1861 durchſchnittlich 288, in Brandenburg und Schle- ſien 524, am Rhein 1246 Spindeln. In den übrigen Theilen des Zollvereins ſind die Verhältniſſe ähnlich; die Kriſis fällt auch meiſt in die vierziger Jahre. Die Umbildung zu größeren Geſchäften geſchieht in den beiden letzten Jahrzehnten. Im Jahre 1861 zählte man im ganzen Zollverein 1797 Streichgarnſpinnereien mit 1.117870 Feinſpindeln, auf eine Spinnerei durch- ſchnittlich 15 Perſonen und 629 Spindeln.

In der Zeit nach 1861 hat ſich noch Manches geändert; die Arbeitstheilung, die Spezialiſirung, die Anwendung von weitern Maſchinen hat zugenommen, aber mehr in andern Ländern, beſonders in England und Frankreich,5 ohne daß ſich ſagen ließe, daß die zollvereinsländiſche Induſtrie zurückgeblieben wäre. Es kommt weſentlich auf die einzelnen Spezialitäten an. Auch in England gab es noch 1850 neben den großen Streichgarnſpinnereien viele mit nicht mehr als 100 Spindeln.6 Theilweiſe iſt das dort jetzt noch ſo. Es können ſich auch kleinere Geſchäfte noch halten für einzelne Artikel, für gröbere Waaren, für den Lokalbedarf der mittleren und untern Klaſſen. Die ganze Tuchinduſtrie, beſonders die Produktion gröberer Tuche, wie ſie der Zollverein hauptſächlich liefert, ſtellt beſchei denere Anforderungen an die Spinnerei, hat etwas Stabileres, Einfacheres, als die Produktion der Mode-, der Phantaſieartikel, der nouveautés und hautes nouveautés, wie ſie vor allem die Franzoſen erzeugen, oder die Produktion der ganz feinen Modetücher, wie ſie von Aachen aus Abſatz auf allen Weltmärkten finden.

Je feiner die Artikel ſind, für welche das Garn beſtimmt iſt, deſto mehr werden alle die neuen komplizirten Maſchinen nothwendig, deſto mehr wächſt der Umfang der Spinnereien. Die Krämpel- oder Krazmaſchinen, die Vorſpinn- und die Feinſpinnmaſchinen fehlen in keiner großen Fabrik mehr. Dagegen ſind Selfactors noch ſelten. Erſt ſeit Anfang der ſechsziger Jahre wurden dieſelben auf die Streichgarnſpinnerei angewandt. Erſt in neuerer Zeit gewinnen die Wollwaſch- und Trocknungsmaſchinen an Ausdehnung. Auf der pariſer Ausſtellung von 1867 machte eine Wollwaſchmaſchine aus Rouen großes Aufſehen, welche mit einer Frau und einem Arbeiter leiſtet, was früher 28 Leute thaten, wodurch ſich der dortige Fabrikant eine tägliche Erſparniß von 60 Francs berechnet.7

Das läßt ſich nicht leugnen, daß die neugegründeten Geſchäfte meiſt auf breiteſter Grundlage beginnen; beſonders in ganz neuen Branchen iſt das erſichtlich, z. B. in der Kunſtwollfabrikation, d. h. der Herſtellung von neuem Garn aus alten Tuchreſten. Eine Reihe großer Aktiengeſellſchaften hat ſich auch in der Streichgarnſpinnerei gebildet.

Allerdings erfolgt damit wieder eine theilweiſe Trennung bisher in einheitlichen Etabliſſements verbundener Geſchäfte. Das Waſchen und Reinigen der Wolle fängt an, ein ſelbſtändiger Induſtriezweig zu werden.8 Die neuen großen Spinnereien ſind nicht mehr ſo häufig wie früher mit Tuchfabriken verbunden, ſondern beſchränken ſich auf das Spinnen und Färben der Wolle um Lohn oder auf eigene Rechnung, was freilich nur beweiſt, daß in den bisher beſtehenden Etabliſſements zu Verſchiedenartiges zuſammengehäuft war, nicht daß wieder kleine Geſchäfte entſtehen.

Im Ganzen aber iſt die Streichgarnſpinnerei doch entfernt nicht ſo konzentrirt, wie die Baumwollſpinnerei; ſelbſt die größten Geſchäfte haben nicht über einige tauſend Feinſpindeln. Die lokale Verbreitung iſt eine gleichmäßigere.

Weniger läßt ſich das von der andern Art der Wollſpinnerei, der Kammgarnſpinnerei ſagen.

Man bezeichnet die Kammgarne (worsted yarn) gewöhnlich dadurch, daß man hervorhebt, ſie ſeien für die ungewalkten Gewebe beſtimmt; das iſt inſofern nicht ganz richtig, als es auch eine Reihe ungewalkter Gewebe aus Streichgarn gibt. Das Kammgarn iſt dasjenige, welches für Thibets, Orleans, für Hoſen-, Weſten-, Möbelſtoffe, für gemiſchte Gewebe beſtimmt iſt; es wird meiſt aus der langhaarigen Wolle des engliſchen Landſchafes, oder aus Alpaka- und Mohairwolle gefertigt; nur ein kleiner Theil des Lüſtre garns iſt aus Merinowolle. Die Wolle wird nach der Wäſche zuerſt gekämmt, dann durchſchnittlich viel feiner geſponnen als das Streichgarn und ſtärker gedreht. Die ganze Technik iſt komplizirter und ſchwieriger, und doch hat die Handarbeit hier lange ſich behauptet. Die Maſchinen waren ſchwieriger zu konſtruiren.

Beſonders das Kämmen geſchah bis in die neuere Zeit mit der Hand, aber viel weniger in ſelbſtändigen Geſchäften, ſondern um Lohn von einzelnen Arbeitern, von Weibern, von Züchtlingen für die betreffenden Weber und Fabriken. Es war kein ſelbſtändiges, geſundes Gewerbe, wenn auch der Lohn zeitweiſe, wie in England bei dem großen Aufſchwung der Worſtedfabriken, hoch ſtand (17—20 Sh. die Woche).9 „Die Handkämmerei“, ſchreibt Wiek 1840,10 „iſt der große Hemm- ſchuh der Spinnerei; gekämmte Wolle iſt nicht immer zu haben; die verſchiedenen Hände kämmen ungleich; die Veruntreuung, ja die Umtauſchung der Wolle iſt nicht zu vermeiden; die gekämmte Wolle (der Zug) wird durch Oel verunreinigt.“ Doch wollte es lange nicht gelingen, brauchbare und billiger arbeitende Kämmmaſchinen zu konſtruiren. Erſt in den fünfziger Jahren, mehr noch ſeit 1861 trat der Umſchwung ein. Ein Handſpinner hatte täglich etwa 1½ Pfund Zug und etwa eben ſo viel Abfall (die Kämmlinge) liefern können; die Collier’ſche Kammmaſchine lieferte nun mit wenigen Händen 50—60 Pfund Zug per Tag; weitere Verbeſſerungen brachte das Heilmann’ſche Syſtem, das Nobelſyſtem, die Morel-Kammmaſchine, welche auch gröbere Wolle und ohne viel Abfall kämmen.11 Eine Morel’ſche Maſchine koſtet 8000 Francs und fordert ½ Pferdekraft, liefert mit einem Arbeiter in 12 Stunden 350 Kilo, d. h. 700 Pfund.12

Für Deutſchland war der Uebergang von der Handkämmerei zur Maſchine, wie von der Handſpinnerei zur Maſchine, nicht von ſehr großem Einfluß, da der Umfang dieſer Induſtrie früher nicht bedeutend war.

Die Raſchmacher hatten das ſogenannte Raſch, ein ziemlich grobes Gewebe, welches meiſt zum Futter beſſerer Kleider verwendet wurde, geliefert. Was an feinern Stoffen derart, beſonders für die Frauenkleider der höhern Stände verwendet wurde, kam aus Belgien, Frankreich und England. Aber der Verbrauch auch dieſer Stoffe nahm eher noch ab, als zu Anfang dieſes Jahrhunderts die feinern, mannigfaltigen Baumwollſtoffe ſich mehr und mehr verbreiteten.

Die Produktion ſolcher Stoffe war gegen 1840 beinahe verſchwunden. Erſt von da brachte die ſteigende Wohlhabenheit, die Unzufriedenheit mit den vielfach ſchlechten Baumwollwaaren wieder eine größere Neigung für derartige Gewebe hervor. Es entſtanden zunächſt eine Anzahl faſt durchaus kleiner Spinnereien; aber ihre Bedeutung war nicht groß; 1840 kamen in Preußen auf 380839 Streichgarnſpindeln nur 56258 Kammgarnſpindeln. Und ihre Zahl nahm ſogar mit dem größern Bedarf noch mehr ab, weil die kleinen Spinnereien in dieſer Branche viel weniger die Konkurrenz des Auslandes aushalten konnten. Im Jahre 1846 war die Zahl der Spindeln in Preußen auf 32470 geſunken; 1861 ſind es 47153, die ſich aber jetzt auf einige wenige große Geſchäfte (auf 49 in ganz Preußen, 1846 noch 253) vertheilen. Im ganzen Zollverein zählte man 1861 - 146 Kammgarnſpinnereien mit 251897 Spindeln. Noch jetzt beſteht der überwiegende Theil der großen Einfuhr von einfachem Wollgarn des Zollvereins (213071 Ztr. im Jahre 1864) aus Kammgarnen. Immerhin aber exiſtiren jetzt eine Anzahl großer Kammgarnſpinnereien in Schleſien, Brandenburg, am Rhein, vor allem im Königreich Sachſen und in Baiern. Aber ſie ſind meiſt ziemlich jungen Urſprungs und haben dann gleich von Anfang an einen den engliſchen Geſchäften ähnlichen Charakter angenommen, jenen Charakter der Großartigkeit, wie er hier aus der Natur der Sache folgt. Die Mode ſtellt an dieſe Garne gegenwärtig ſo hohe Forderungen in Bezug auf Anſehen, Weichheit, Farbe, Elaſtizität, Leichtigkeit und Geſchmeidigkeit, daß nur die raffinirteſte Anſpannung und Anwendung aller techniſchen Mittel auf dem Markte beſtehen kann. Was durch dieſe Anſtalten jetzt bei uns verdrängt wird, iſt die fremde Einfuhr, keine einheimiſchen kleinen Geſchäfte.

Ebenſowenig kann man das Aufhören der Handkämmerei, das ſich in den letzten zwanzig Jahren vollzogen hat, beklagen. Theilweiſe verſchwinden damit, wie ſchon erwähnt, gar keine ſelbſtändigen Geſchäfte, ſondern nur Lohnarbeiter der Weber und Fabriken; theilweiſe wurde das Kämmen allerdings auch als ſelb- ſtändige Unternehmung auf eigene Rechnung betrieben. Es gab ſolche Geſchäfte in Sachſen, in Thüringen, in Württemberg, in Brandenburg, in Schleſien, am Rhein. Die preußiſche Statiſtik gibt inſofern keine klare Auskunft über ſie, als ſie ſie mit der Leiſten- (Kuhhaar-) ſpinnerei, Haarſpinnerei und früher mit der Hand- ſpinnerei zuſammen aufführte, auch wahrſcheinlich Arbeiter mit aufzählt, die nicht für dieſe Geſchäfte, ſondern direkt für Fabriken arbeiteten. Die Zahlen ſind folgende:

Eine Zunahme der Anſtalten bis 1855, der Per- ſonen bis 1849; von da an raſche Abnahme. Es wird jetzt bald nur noch in den großen Kammgarnſpinnereien ſelbſt mit den peigneuses gekämmt werden.

Im Anſchluß an die Spinnerei noch einige Worte über die Herſtellung von Zwirn, Strick-, Stick- und Nähgarn, einſchließlich der Garnbleiche und Färberei, und über die Seilerei.

Was die Zwirne und mehrfachen Garne betrifft, ſo iſt klar, daß mit der Maſchinenſpinnerei auch ſie der maſchinenmäßigen Anfertigung im Großen anheim fielen, daß die kleinen handwerksmäßigen Geſchäfte in den Hintergrund traten. In Preußen ſind ſie 1846 zum erſten Male aufgenommen. Man zählte:

Die Umbildung fällt in die Zeit von 1855—61. In andern deutſchen Staaten ſehen wir auch 1861 noch viel kleinere Geſchäfte, die immerhin auch nicht bloß für den lokalen Bedarf arbeiten; z. B. werden in Württemberg 24 Geſchäfte mit 395 Perſonen, in Sachſen 118 Geſchäfte mit 472 Perſonen gezählt. Das ſind entſchieden noch mehr handwerksmäßige kleine Unternehmungen. Aber es iſt fraglich, ob ſie ſich auf die Dauer halten werden. Wenn es ſich darum handelt, in dieſer Branche die engliſche Konkurrenz zu beſeitigen, beſonders die immer noch ſehr ſtarke Einfuhr von Leinenzwirn überflüſſig zu machen, ſo werden dazu nur größere Geſchäfte im Stande ſein.

Aehnlich verhält es ſich mit den Garnbleichen und Garnfärbereien aller Art, die nur theilweiſe als ſelb- ſtändige Geſchäfte, theilweiſe verbunden mit andern Betrieben, Stückbleichen, Appreturanſtalten, Stickgarnfabriken, vorkommen.

In Schleſien exiſtiren viele Garnbleichen für Leinen und Baumwolle; ſeit alter Zeit iſt Elberfeld und Barmen dafür bekannt; ſie hatten ſchon 1790 - 150 Garnbleichen. Der Verbrauch gebleichter Garne für die Weberei iſt im Zunehmen. Im Jahre 1846 wurden in Preußen 206 Garnbleichen mit 989 Arbeitern, 1861 230 mit 1124 männlichen und 226 weiblichen Arbeitern, im ganzen Zollverein 403 Anſtalten mit 1623 männlichen und 420 weiblichen Arbeitern gezählt.

Die Garnfärberei lag früher mit in der Hand der profeſſionsmäßigen Färber, welche in der Regel alle Zweige der Garn- und Stückfärberei, des Wiederauffärbens, häufig auch noch die Druckerei zugleich betrieben. Derartige Geſchäfte exiſtiren immer noch für den Lokalbedarf, ſie arbeiten für kleine Spinnereien und Webereien. Aber ſie haben doch ſchon bedeutend abgenommen; die fabrikmäßigen Garnfärbereien, welche ſich auf einzelne Spezialitäten legen, die Kattundruckereien, die Färbereien, welche mit den Wollſpinnereien und Tuchfabriken vereinigt ſind, erſetzen ſie. Bis 1837 wurden ſie in Preußen mit den Kattundruckern zuſammengezählt, daher die Abnahme von 1837—40 viel zu groß erſcheint; aber auch von 1840—61 bleibt ſie bedeutend. Man zählte in Preußen:

Der Rückgang des Gewerbes wurde von den Meiſtern wohl als Kalamität empfunden, aber die Ge- ſellen kamen leicht in den Fabrikgeſchäften unter.

Von den fabrikmäßigen Garnfärbereien haben beſonders die Türkiſchrothfärbereien Fortſchritte gemacht. Von Elberfeld und Barmen, wo ſie ſeit 1780 blühten, haben ſie ſich auch nach Sachſen und Süddeutſchland verbreitet; man zählte in Preußen 1849 erſt 22 mit 831, 1861 36 mit 1388 Arbeitern. Die andern Garnfärbereien in Wolle und Baumwolle wurden früher in Preußen mit den Färbereien überhaupt zuſammen gezählt; 1861 erſt wurden ſie beſonders aufgenommen; man zählte in Preußen 561 Anſtalten mit 2526 Arbeitern. Sie kommen auch ſonſt zahlreich vor; im ganzen Zollverein betrug ihre Zahl 834 mit 3826 Arbeitern. Doch ſind alle dieſe Zahlen wenig zuverläſſig, da ſo viele dieſer Geſchäfte nicht ſelbſtändig, ſondern mit andern großen Etabliſſements verbunden vorkommen. Von beſonderer Bedeutung ſind die Färbereien von wollenen Stickgarnen, den ſogenannten Zephyrgarnen, deren Hauptſitz Berlin iſt.

In der Seilerei handelt es ſich um zwei große Aenderungen. Der Hanf wird nicht mehr mit der Hand verſponnen, auch hier hat die Maſchinenſpinnerei Platz gegriffen. Das iſt aber nicht das Schlimmſte für den kleinen Seilermeiſter; theilweiſe hat er dadurch ſogar Förderung erhalten, indem er ſelbſt hanfenes Maſchinengarn verwendet.13 Der weitere Schritt aber war, daß auch für die Herſtellung der Seilerwaaren ſelbſt neue Apparate und Maſchinen erfunden wurden. Der deutſche Ausſtellungsbericht von 1851 ſchreibt ſchon: „Die mechaniſche Arbeit iſt bereits in alle Zweige dieſes Gewerbes eingedrungen, von der Herſtellung des Bindfadens und der Taue an, bis zu den Spritzenſchläuchen, Maſchinenband, ja ſelbſt bis zur Anfertigung von Fiſchnetzen. Allerdings findet bei vielen Waaren dieſer Gattung keine nennenswerthe internationale Konkurrenz ſtatt; allein trotzdem iſt vorauszuſehen, daß das Gewerbe überall in die drückendſte Lage gerathen wird, wo man es verſäumt, rechtzeitig die Handarbeit zu verlaſſen und auf den Maſchinenbetrieb überzugehen.“ Schon 1849 zählte die preußiſche Fabriktabelle 7 Seilerwaarenfabriken mit 222 Arbeitern, alſo Geſchäfte mit durchſchnittlich 31 — 32 Arbeitern. Beſonders wo der Abſatz ein großer iſt, in Fabrik- und Seeſtädten, oder in den Gegenden eines ausgezeichneten Rohproduktes, einer blühenden Hanfkultur haben die großen Geſchäfte zugenommen.

Immer aber handelt es ſich in der Hauptſache nicht um einen vollſtändigen Uebergang zu ganz großen Etabliſſements, ſondern nur zu etwas größern, mit Maſchinen arbeitenden Handwerksgeſchäften. Die Ma- ſchinen, welche zur Anwendung kommen, ſind ſehr ver- ſchieden; von einer Art der mechaniſchen Seilerei heißt es in dem Berichte über ſie: die Maſchine iſt ſo klein, daß jeder ſie anwenden kann; ſie iſt im Innern jeder Wohnung, im kleinſten Raume, wenn man will hinter dem Ofen aufzuſtellen. Andere ſind allerdings ſchon viel komplizirter und theurer.14

Die preußiſchen Zahlen über das Seilergewerbe zeigen jedenfalls, daß der Uebergang zum Maſchinenbetrieb und zu den großen Geſchäften 1861 noch nicht allgemein ſich vollzogen haben konnte; man zählte:

Freilich darf man dabei nicht außer Acht laſſen, daß ſehr viele der ſogenannten Seilermeiſter heute nur noch Detailhändler ſind; ſie verkaufen Seilerwaaren in der Regel zuſammen mit Schnaps, mit Salzgurken, theilweiſe auch mit Kolonialwaaren.