Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe — Der Kampf des großen und kleinen Betriebs in einzelnen Gewerbszweigen.

4. Die Baumwoll- und Leinenſpinnerei.

5.251 Wörter · 31 Fußnoten

4. Die Baumwoll- und Leinenſpinnerei.

Den Nahrungsgewerben am nächſten an Bedeutung ſtehen die Bekleidungsgewerbe, ja ſie überragen ſie, ſofern man an die gewerbliche Thätigkeit im engern Sinne denkt. Die Ausgaben einer Familie für die Kleidung betragen nach den oben ſchon erwähnten Berechnungen von Ducpetiaux, Le Play und Engel 14 bis 20 % je nach der höhern oder geringern Stellung der Betreffenden, alſo zuſammen mit den Ausgaben für Nahrung 64 — 90 % des Geſammteinkommens. Nur eine Ausgabe kommt der für Kleidung noch nahe, die für Wohnung mit durchſchnittlich 5 — 18 % der Ge- ſammtausgaben, je nach Stand und Einkommen. Die Zahl der Perſonen, welche ſich ausſchließlich mit der Herſtellung von Bekleidungsſtücken irgend welcher Art abgeben, umfaßte (1849) in Sachſen nach Engel 1 30,24 % der ſämmtlichen Selbſtthätigen, während auf die geſammten Nahrungsgewerbe incl. Landwirthſchaft 45,41 % auf die Gewerbe, welche ſich mit Herſtellung der Wohnung im weitern Sinne abgeben 12,22 %, auf alle andern Thätigkeiten zuſammen nur 12,13 % fielen. Sprechender läßt ſich die Bedeutung der Bekleidungsgewerbe nicht hervorheben.

Im Gegenſatz zu den Nahrungsgewerben haben die Bekleidungsgewerbe viel weniger das Bedürfniß, in der Nähe der Konſumenten zu ſein. Eine ganz andere Wirkung mußten die modernen Verkehrserleichterungen und die moderne Technik da haben.

Das Leder an unſeren Schuhen iſt aus der Haut eines ſüdamerikaniſchen Büffels geſchnitten, die Wolle unſeres Tuchrockes kommt aus Auſtralien, der Rohſtoff unſerer ſeidenen Weſte ſtammt aus China oder Indien, aus Italien oder Südfrankreich, die Baumwollfaſer unſeres Hemdes kommt aus Amerika oder Aegypten. Transportabler noch als die Rohſtoffe ſind die werthvollen Halb- und Ganzfabrikate. Garne und Zwirne, Leinwand und Kattun, Tuche und Teppiche gehen durch die ganze Welt. Mehr als in irgend einer andern gewerblichen Branche haben ſich hier die Eigenthümlichkeiten der modernen Produktion ausgebildet: eine weit gehende Anwendung von Kapital, die höchſte Ausbildung des Maſchinenweſens, die möglichſte Erſetzung aller menſchlichen Kräfte durch Dampfkraft, die möglichſte Spezialiſirung der Induſtrie nach Städten und Gegenden, wie nach einzelnen Geſchäften, alles geſteigert durch die lebendigſte Konkurrenz und durch die Ausbildung der weitgehendſten Handelsbeziehungen. Es iſt bekannt, daß gerade in das Gebiet der Gewebeinduſtrie die größten Fortſchritte, die ſchönſten praktiſchen Anwendungen der Naturwiſſenſchaften fallen. Auch das drängte vor Allem auf den Betrieb in großen geſchloſſenen Etabliſſements.

Es iſt eine ungeheure volkswirthſchaftliche und ſoziale Umwälzung, die ich hier, freilich nur in ihren Hauptumriſſen und nur ſoweit ſie Deutſchland und ſpeziell Preußen berührt, zu ſkizziren habe. Ich werde nachzuweiſen haben, in wie weit die häusliche Thätigkeit der Familie, die lokale Thätigkeit des kleinen Meiſters zurückgetreten iſt, in wie weit ſie ſich auch ſpäter, auch heute noch erhalten. Es wird ſich darum handeln zu zeigen, wo der Uebergang mit harten volkswirthſchaftlichen Kriſen, mit dem Ruin ganzer Gegenden und wirthſchaftlichen Klaſſen verbunden war, und wo er — im Gegenſatz hierzu — nicht nur leichter ſich vollzog, ſondern theilweiſe neben dem techniſchen Fortſchritte von Anfang an zugleich eine ſoziale Beſſerung für die arbeitende Klaſſe, eine Beſeitigung ungeſunder Verhältniſſe in ſich ſchloß. —

Wir haben zuerſt von der Herſtellung der Garne, von der Verſpinnung des Flachſes, der Baumwolle und der Wolle zu reden.

Das einfachſte Werkzeug zum Spinnen, das man bis in die neuere Zeit noch findet, iſt Kunkel und Spindel. Das 1530 erfundene Spinnrad war billig genug, um gleichfalls einzudringen bis in die unterſten Klaſſen. Die Fürſtin wie die Tagelöhnerfrau ſaß in früherer Zeit am Spinnrad oder arbeitete mit der Spindel; auch Männer füllten ihre Zeit damit aus. Und noch heute iſt beſonders auf dem Lande die Sitte noch nicht verſchwunden. Das alte Mütterchen, wie die kränklichen Schweſtern, die halberwachſenen Mädchen können nur ſo ſich nützlich machen; Abend- ſtunden und Wintertage, welche ſonſt ganz verloren wären, werden nur ſo mit emſiger Arbeit ausgefüllt.

Was ſo als Nebenbeſchäftigung geſponnen wurde, konnte da nicht reichen, wo eine blühende Weberei exi- ſtirte, reichte alſo auch in Deutſchland, beſonders in Preußen und Sachſen, nicht mehr hin, als im vorigen Jahrhundert die Weberei zunahm, ſich zu einem blühenden Exportgewerbe emporſchwang. Um einen Weber voll zu beſchäftigen, braucht man das Geſpinnſt von 10 und noch mehr Spinnern. Ich erzählte oben ſchon, wie man in Preußen das Spinnen zu fördern ſuchte.2 Man ließ die Soldaten ſpinnen; man führte in allen Strafanſtalten das Spinnen als Hauptbeſchäftigung ein; es reichte nicht; man gründete ganze Spinnerkolonien; die Bevölkerung mancher ländlichen Diſtrikte wuchs raſch unter dem Sporn der ſteigenden Garnpreiſe. Der Unterhalt, den dieſe Beſchäftigung gab, mochte leidlich ſein, ſo lange die Nachfrage entfernt durch die ſteigende Produktion nicht befriedigt wurde; aber immer war es ſchon damals eine elende Thätigkeit. Sie erforderte weder Kunſt, noch Kraft, noch Kenntniſſe; der ſchwächlichſte Theil des Arbeiterſtandes floß ihr zu. Eine ganze Bevölkerung, die ſich ihr durch Generationen hindurch ergab, mußte geiſtig und körperlich herunterkommen. „Es war immer“ — wie Hoffmann ſagt3 — „eine Vergeudung menſchlicher Kraft, weder hinreichend fruchtbar in wirthſchaftlicher Beziehung, noch würdig genug in ſittlicher.“

Auch in England hatte der Aufſchwung beſonders der Baumwollenweberei eine immer größere Nachfrage nach Garnen, nach Handſpinnern erzeugt. John Wyatt4 hatte ſchon 1730 — 38 Verſuche gemacht, eine Spinnmaſchine mit einer Reihe von Spindeln zu konſtruiren. Im Jahre 1738 hatte John Kay die wichtigſte Verbeſſerung des Webſtuhls, die Schnellſchütze, erfunden. Wo ſie angewandt wurde, war die doppelte und mehr fache Produktion möglich, großer Garnmangel war unausbleiblich. Der weitere Fortſchritt in der Spinnmaſchine ſchließt ſich an den Namen von James Hargreaves, eines armen Webers, der im Jahre 1767 ſeine Spinnmaſchine erfand und nach ſeiner Tochter Jenny nannte. Schon im folgenden Jahre trat Arkwright mit ſeiner Spinnmaſchine hervor, die zum erſtenmale mit Pferde- oder Waſſerkraft in Bewegung geſetzt war. Bis 1785 mit einem ausſchließlichen Patente verſehen, baute er bereits viele Spinnereiapparate. Der Hauptaufſchwung der mechaniſchen Spinnerei datirt aber erſt von dem Erlöſchen ſeines Patents; Samuel Crompton hatte 1775 (oder 79) die Erfindungen Hargreaves’ und Arkwright’s kombinirt, die ſogenannte mulejenny konſtruirt. Die letzte Vollendung erreichte die Spinnmaſchine erſt 1825, in welchem Jahre Roberts zu Mancheſter den ſelbſtthätigen Muleſtuhl erfand. Erinnern wir uns daneben, daß James Watt 1769 — 85 die Dampfmaſchine, Cartwright 1787 den mechaniſchen Kraftwebſtuhl, daß 1793 Eli Whitney in Connecticut den Saw-gine zur Trennung der Baumwolle von der Kapſel, d. h. die Maſchine, welche die nothwendige Bedingung der Ausdehnung der Baumwollkultur war, daß 1785 der Franzoſe Berthollet die Kunſtbleiche mit Chlor erfunden hatte, daß 1798 Mac Intoſh ſie verbeſſert in England einführte, ſo haben wir damit das merkwürdige Zuſammentreffen außerordentlicher Männer und Erfindungen, die alle ineinandergreifend den ungeheuren Aufſchwung der Gewebeinduſtrie bedingten, den Uebergang zur Großinduſtrie von ſelbſt nach ſich zogen.

Der Umſchwung, der ſich zuerſt in England und ſpeziell in der Baumwollinduſtrie vollzogen hatte, mußte ſich nach und nach auch anderwärts geltend machen. England konnte durch ihn billiger und beſſer produziren. Die Konkurrenz mit England wurde zur Exiſtenzfrage für alle kontinentale Gewebeinduſtrie. Es fragte ſich, welche Stellung, welchen Umfang die einzelne Induſtrie, zunächſt hier die einzelne Art der Spinnerei hatte.

Baumwolle wurde im vorigen Jahrhundert in Deutſchland noch wenig getragen. Der Stoff war ſchon viel zu theuer; koſtete doch der Centner hundert und mehr Thaler. Die am meiſten getragenen Gewebearten, die Zitze und Nankings, wurden eingeführt. Gegen Ende des Jahrhunderts hatte die Baumwollweberei zwar weſentlich zugenommen; immer hatte man zu Lichtern und Lampendocht Baumwollgarn gebraucht; zu den Stoffen, welche die Zunft der Züchner webte, war es ebenfalls nothwendig. Aber in der Hauptſache hatte es doch gereicht, die Baumwolle von Frauen und Kindern um Lohn verſpinnen zu laſſen. Eine profeſſionsmäßige Spinnerbevölkerung gab es wenigſtens nicht in allzugroßem Umfange. Als ſich daher 1738 — 79 die mechaniſche Baumwollſpinnerei in England entwickelte, als von 1783 an auch in Deutſchland die Maſchinen- ſpinnerei begann, verdrängte ſie langſam die Beſchäftigung einiger alten Frauen, aber ſie traf nicht eine ganze Bevölkerungsklaſſe in ihrem Haupterwerbszweig. Und als vollends das Sinken der Baumwollpreiſe und der Twiſte im 19. Jahrhundert eintrat, als der Centner rohe Baumwolle, der 1817 noch 70 Thaler in Berlin gekoſtet hatte, bis auf 19 und 20 Thaler gegen 1829 bis 1832 ſank, als damit die ungeheure Zunahme des Baumwollverbrauchs erfolgte, da dachte man längſt nicht mehr an die Möglichkeit einer Handſpinnerei der Baumwolle. Die Twiſtpreiſe ſtanden ſo, daß damals ſchon eine Spinnerin ſelbſt beim höchſten Fleiße noch 1 Sgr. mit den gröbſten Garnnummern, höchſtens einige Pfennige bei höhern Nummern hätte verdienen können.5 Und das Minimum des Verdienſtes, mit dem ſich damals eine Perſon begnügte, wäre doch etwa 2 Sgr. geweſen. Man verarbeitete daher ſchon damals nur Maſchinengarn.

Innerhalb der Maſchinenſpinnerei ſelbſt aber trat der große Konkurrenzkampf zwiſchen England und Deutſchland, zwiſchen den großen Etabliſſements und jenen kleinen Spinnereien ein, welche dem Handwerke noch nahe ſtanden. Den Hauptanſtoß erhielten die deutſchen Spinnereien durch die Kontinentalſperre. Am Rhein, an der Wupper, Ruhr, Erft und Sieg, in Sachſen, Schleſien und Baiern entſtanden zahlreiche, meiſt kleine, aber bei den damaligen Preiſen ſehr gewinnbringende Geſchäfte.6 Nach 1815 trat unter dem Druck der engliſchen Konkurrenz ein Stillſtand ein, manche der kleinen Spinnereien gingen wieder ein. Das Schlimmſte waren von da an die Rückſchläge des ſchwankenden engliſchen Marktes; nach Jahren ſteigender Nachfrage und ſteigen der Preiſe, welche wieder zahlreiche Anfangsgeſchäfte hervorgerufen hatten, trat mit den Handelskriſen (ſo von 1825 — 26) wieder eine längere Zeit des gedrückteſten Abſatzes ein, welche in England wie bei uns den kleinen Geſchäften ein Ende machte. Die Zeit von 1826 — 32 war keine glänzende. Von 1833 — 36 waren wieder ſteigende Konjunkturen; Berichte aus dieſer Zeit ſagen: wenn ein Bauer oder Müller ſich zu wohl fühlte, baute er eine Spinnerei. Nach den Handelskriſen von 1836 und 39 traten wieder die Rückſchläge und mit ihnen wieder die zahlreichen Bankerotte der kleinen Spinner ein. So zog ſich unter wechſelnden Verhältniſſen die deutſche Baumwollſpinnerei hin, mehr und mehr auch auf ganz große Etabliſſements ſich beſchränkend, was ja in dieſer Geſchäftsbranche mehr als irgendwo angezeigt iſt, da nicht leicht in einem Zweige ſo ſehr wie hier das größere Geſchäft immer billiger zu arbeiten erlaubt. Wenn die deutſche Baumwollſpinnerei in den letzten 20 Jahren endlich in Folge der ſteigenden Kapitalanſammlung und der Ausbildung unſerer Maſchinenfabriken zu vollſtändiger Ebenbürtigkeit mit den engliſchen Spinnereien herangewachſen iſt, ſo hat darunter nicht das eigentliche Handwerk, ſondern nur ein Theil der kleinen Fabrikanten gelitten; 7 der Haupterfolg aber war die wenigſtens theilweiſe Verdrängung der engliſchen Twiſte vom deutſchen Markte.

Ganz anders lagen die Dinge in der Flachs- ſpinnerei. Leinwand war ſeit Jahrhunderten der Hauptſtoff für Ober- und Unterkleider, für Bett- und Tiſchzeug aller Stände. Dieterici rechnet, 8 daß 1806 im Durch- ſchnitt der ganzen preußiſchen Bevölkerung jede einzelne Perſon jährlich ½ Elle Wollgewebe, ¾ Ellen Baumwoll- ſtoffe, — aber 4 Ellen Leinwand verbraucht habe. Und zu dieſem Bedarf für den eigenen Verbrauch kam der Export. Seit alter Zeit hatte man aus Deutſchland viel Leinen exportirt; im 18 ten Jahrhundert hatte die Ausfuhr beſonders ſchleſiſcher und weſtfäliſcher Leinwand ſich wieder außerordentlich geſteigert. Und mit der Ausfuhr der Leinwand hatte ſich auch die Ausfuhr von Leinengarn gehoben. Allein aus den preußiſchen Staaten erreichte der Werth der jährlichen Ausfuhr gegen Ende des Jahrhunderts einen Betrag von etwa 3 Millionen Thaler. 9

In ganz Norddeutſchland, beſonders aber in Schleſien, in Osnabrück, in Ravensberg, im Hannöver- ſchen und Braunſchweigiſchen hatte ſich das Spinnen verbreitet. 10 Man ſpann in allen Familien des Mittel- ſtandes, man ſpann in den Bauern- und Tagelöhnerhütten; man baute den Flachs ſelbſt, bereitete ihn ſelbſt; der Verdienſt einer ſpinnenden Perſon von etwa 2½ Groſchen täglich war ein hübſcher Zuſatz zu dem Einkommen aus der bäuerlichen Stelle. Daneben waren aber auch zahlreiche Spinnerkolonien, wie ich vorhin ſchon erwähnte, entſtanden, welche faſt ausſchließlich vom Spinnen lebten; man hatte ihre Zunahme in jeder Weiſe begünſtigt. Ihre Exiſtenz war immer prekär geweſen; doch konnte eine Familie, zu 3 — 4 Köpfen gerechnet, deren jeder täglich 2 — 2½ Groſchen verdiente, noch behaglich auskommen, ſo lange die Lebensmittelpreiſe niedrig waren, ſo lange in theuren Jahren die Friedericianiſchen großen Getreidemagazine ſich ihrer angenommen hatten. Mit dem außerordentlichen Steigen aller Lebensmittelpreiſe gegen Ende des Jahrhunderts freilich wurde ihre Lage, trotz der noch immer dauernden Zunahme der Spinnerei, ſchon viel weniger günſtiger, kamen Nothzuſtände ſchon da und dort vor.11

Die Spinner, welche den Flachs nicht ſelbſt bereiteten, kauften denſelben von den Detailhändlern, wie ſie in den Spinnerdörfern vorhanden waren. Das fertige Garn wurde auf dem Garnmarkt oder an den hauſirenden Garnſammler verkauft. Die bloße Lohnſpinnerei war ſelten. Der Spinner war ſelbſtändiger Unternehmer, Eigenthümer des von ihm verarbeiteten Rohſtoffs. Strenge gehandhabte Vorſchriften über den Flachshandel, über die Garnmaße und Benennungen, über die Zahl der Fäden, welche eine Strähne, ein Gebinde enthalten mußte, über getrennten Verkauf von Kette und Schußgarn erhielten die Geſchäfte reell, ſchafften den Produkten Vertrauen im Ausland.

Während ſo in Deutſchland die Spinnerei neben der Weberei ſich entwickelt hatte, mußten andere Länder ihr Leinengarn für die Weberei aus dem Ausland beziehen. So beſonders Irland, das ſchon damals eine nicht unbedeutende Leinenweberei hatte. Irland allein bezog jährlich etwa 16 Millionen Pfund deutſches und holländiſches Leinengarn. 12 Da mußte, nach der Erfindung der Baumwollſpinnmaſchine, der Gedanke nahe liegen, dieſe Maſchine auch für die Flachsſpinnerei zu verwenden. Aber es ſtellten ſich dieſem Verſuche die größten Schwierigkeiten entgegen. Der Flachs erträgt das gleichmäßige Ziehen der Maſchine viel weniger als die Baumwolle, die Anfeuchtung des ausgezogenen Flachſes durch die Spinner wußte man lange nicht zu erſetzen. Die Herſtellung der Maſchinen war ſehr koſt- ſpielig; die erſten mechaniſchen Flachsſpinnereien arbeiteten unvollkommen und theuer. Weder die feinen, noch die ganz groben Nummern konnte man vorerſt auf der Maſchine ſpinnen.

So wäre auch die Entwickelung der engliſchen Maſchinenſpinnerei zunächſt eine ſehr langſame geblieben, wenn nicht durch die napoleoniſchen Kriege, ſpäter haupt- ſächlich durch die Kontinentalſperre der Bezug der deutſchen Garne wie der deutſchen Leinwand erſchwert worden wäre. Die Preiſe ſtiegen; auch in den ſpani- ſchen Kolonien blieb die deutſche Leinwand aus; da warf ſich das engliſche Kapital mit Macht auf die Flachs- ſpinnerei. Prämien für Flachsbau, halbjährig ſteigende Importzölle 13 auf fremdes Leinengarn, Rückzölle für ausgeführte Leinwand kamen hinzu, ſchnell und ſicher die Blüthe der engliſchen Maſchinenſpinnerei herbeizuführen.

Unterdeſſen begann in Deutſchland die Noth der Spinner, übertäubt vom Lärm des Krieges, erſt recht klar ſich zeigend, als 1815 der Frieden wiederkehrte.

Theilweiſe zwar hob ſich der Garnbedarf und die Garnausfuhr wieder etwas, aber nicht genügend; die Baumwolle verdrängte die Leinwand mehr und mehr; der Abſatz erhielt ſich nur, wenn man das Handgarn immer billiger lieferte. Die Vorurtheile gegen das Maſchinengarn ſchwanden überall nach und nach, nur in Deutſchland nicht. Jedenfalls zeigte das Maſchinengarn einen Vortheil, den das Handgarn nie in dem Maße gehabt, jetzt vollends durch ſchlechte Produktion verlor, eine reelle Gleichmäßigkeit des Geſpinnſtes.

Dieſer letztere Umſtand der abnehmenden Güte des deutſchen Handgarns wurde verhängnißvoll. Noch war der Export und der innere Bedarf ein ſolcher, noch war innerhalb Deutſchlands der Uebergang zur Maſchinen- ſpinnerei ſo ſchwierig, theuer und unbeliebt, 14 daß der Handſpinnerei immer noch ein großes Feld geblieben wäre, wenn ſie ſich nicht ſelbſt durch die Verſchlechterung des Produktes diskreditirt hätte.

Gerade als die Garnpreiſe zu ſinken begannen, fing man in Schleſien an, das ſächſiſche Spinnrad einzuführen, das mehr und ſchneller, aber auch viel ſchlechter zu ſpinnen erlaubte. 15 Bei dem täglich ſinkenden Lohn ſuchten ſich die Leute durch eine immer ſchnellere und ſchlechtere Produktion zu helfen. Eine ſtrenge polizeiliche Beaufſichtigung der Produkte wäre doppelt am Platze geweſen und gerade jetzt fiel ſie faſt ganz weg. Man hatte in Preußen mit der freiheitlichen Gewerbegeſetzgebung die Spinner- und Weberreglements nicht vollſtändig aufgehoben, man hatte aber aufgehört, ſie ſtreng durchzuführen. Mehr und mehr ſchlichen ſich betrügeriſche Verſchlechterungen ein, die deutſche Waare kam im Ausland in Verruf. Das Maſchinengarn gewann damals an Beliebtheit nur, weil man ſicher war, ein gleichmäßiges beſtimmtes Produkt vor ſich zu haben, während das Handgarn die Publica fides, deren es früher genoß, verloren hatte. Im Jahre 1828 erklärten die britiſchen Kaufleute das deutſche Garn, das früher ſo beliebt war, ſei aus dieſem Grunde faſt unverkäuflich. 16

Mit der unreellen Behandlung des ganzen Geſchäfts und der ſich ſteigernden Noth geſtaltete ſich auch die ganze bisherige Organiſation des Geſchäfts zur Geißel für die Spinner. Sie hatten früher durch den Selbſtbau oder Baarkauf des Flachſes und den Verkauf des Garnes eine gewiſſe Selbſtändigkeit behauptet. Mit der Noth wurde das anders. Für den Selbſtbau des Flachſes fehlten die Mittel; es wurde den Leuten immer ſchwerer ein Stückchen Land zu pachten; ſie mußten den Flachs vom Flachshändler nehmen. Dieſer machte ohnedieß ſchlechte Geſchäfte durch die ſinkenden Konjunkturen, ſuchte ſich dadurch zu helfen, daß er immer ſchlechtern und billigern Flachs kaufte, den die von ihm abhängigen, an ihn ſchon verſchuldeten Spinner doch zu den alten Preiſen nehmen mußten. Der Verfall der Flachsbereitung hängt hiermit zuſammen.

Gegenüber dem Garnhändler war der Spinner nicht in beſſerer Lage; konnte er gar keinen Flachs mehr kaufen, ſo mußte er froh ſein, dem Garnhändler welchen um Lohn zu verſpinnen; hatte er noch eigenes Garn zu verkaufen, ſo war er doch beim Handel immer der, den die Noth drängte zu verkaufen, der ſich jeden Preis gefallen laſſen mußte. Vom Händler und Faktor oftmals gewiſſenlos gedrückt, hielt er ſich nun ſeinerſeits zu jedem Betrug berechtigt. Es entſtand ein Syſtem der Geſchäftsorganiſation, das nach allen Seiten vergiftet und verdorben, die wirthſchaftliche Noth nur noch ſteigerte, die Bevölkerung ganzer Dörfer und Gegenden moraliſch ſo tief herabdrückte, daß von da an das Syſtem einer in den Hütten der kleinen Leute zerſtreuten Hausinduſtrie in manchen Kreiſen für identiſch galt mit der Zulaſſung von Betrug und Diebſtahl aller Art.

Man könnte glauben, die billigen Lebensmittel der zwanziger Jahre hätten die Exiſtenz der Spinner erleichtert; aber in Wahrheit war dieſe Billigkeit für ſie eher verhängnißvoll. Sie ließen ſich leichter die ſinkenden Löhne gefallen, und als von 1828 an die Preiſe wieder ſtiegen, da war die Lage um ſo ſchlimmer. Der Verdienſt eines weſtfäliſchen Spinners betrug 1828 ſelten mehr als 2 Groſchen täglich. 17 Und daneben trieb die Landbaukriſis viele kleine Bauern, welche früher nicht geſponnen hatten, zu dieſem Nebenerwerb. Es war ein zunehmendes Angebot bei ſinkender Nachfrage und überdieß lieferten die Bauern oft noch ſchlechteres Garn, als die profeſſionsmäßigen Spinner.

Da die Garne der deutſchen Länder, wo die ſtrengſte Leggeordnung ſtets aufrecht erhalten worden war, wie z. B. die Hannover’ſchen, entſchieden beſſer blieben, ihren Ruf im Ausland behaupteten, ſo ſuchte auch die preußiſche Regierung den täglich ſinkenden Ruf des preußiſchen beſonders ſchleſiſchen Handgarns durch theilweiſe Wiederherſtellung der Reglements noch zu retten, dem unreellen Geſchäftsbetrieb entgegen zu arbei ten. Beſonders für Schleſien und die Grafſchaft Glatz wurde die Verordnung vom 2. Juni 1827, 18 betreffend die polizeilichen Verhältniſſe des Leinengewerbes, erlaſſen, welche wieder einigermaßen Ordnung ſchaffen ſollte. Aber ſie genügte nicht. Daß ſie nicht wagte mit der nothwendigen Schärfe und Strenge gegen die armen Leute durchzugreifen, war begreiflich, aber es wäre noch das einzige Hülfsmittel damals geweſen. Der Provinziallandtag hatte ſchon 1825 es ausgeſprochen und bewieſen, daß nur eine ſchärfere polizeiliche Regelung des Flachshandels die Geſchäfte wieder auf reelle Baſis zurückführen könne. 19

Wenn man übrigens die Preiſe betrachtet, ſieht man, daß alles auf die Dauer nicht helfen konnte, der Handarbeit ihr immer ſchon kärgliches Verdienſt zu erhalten. Hoffmann berechnet, daß der Flachs für das Schock Garn von 60 Stücken rein gehechelt, das Verdienſt des Händlers eingerechnet, auf durchſchnittlich etwa 18 Thaler zu ſtehen kam. Der Preis des Garnes 20 war nun:

Darnach blieb dem Spinner früher an dem Schock ein Verdienſt von 28—32 Thlr., 1833 noch von 5 Thlr. bei dem beſſern Garn, während das ſchlechtere, das Einſchußgarn, bei dem auch viel früher die Ma- ſchine konkurrirte, kaum mehr einen Verdienſt gab. So kam es, „daß zu Anfang der vierziger Jahre eine ganze Spinnerfamilie, Mann, Frau und Kinder, bei allem Fleiße, wenn ſie faſt Tag und Nacht am Spinnrade ſaßen, nicht über 2 Groſchen täglichen Verdienſtes hatte.“

Schon waren damals die Bemühungen für Verbeſſerung der Flachsbereitung im Gang. Gut eingerichtete Staatsflachsanſtalten, wie in Belgien, wurden vorgeſchlagen und eingerichtet, um den Spinner aus der Hand des Flachshändlers zu befreien; in ähnlicher Weiſe ſorgte man für direkten Abſatz des Garns, um den wucheriſchen Druck des Garnſammlers von ihm zu nehmen. Durch zahlreiche Spinnſchulen ſuchte man auf eine beſſere Produktion hinzuarbeiten. In Weſtfalen exiſtirten 1845 - 75 derartige Schulen, 21 in Schleſien wurden ebenfalls zahlreiche errichtet. Das waren Linderungsmittel der Noth; in der Hauptſache konnten ſie nicht helfen, um ſo weniger, als die mechaniſche Flachsſpinnerei ſich nunmehr in England großartig entwickelt hatte, im Stande war, größere Mengen guten Maſchinengarns auch nach dem Zollverein zu liefern. Die Flachsſpindel in der Fabrik hatte ſchon 1818 etwa 120 mal ſo viel geliefert, als ein Handſpinnrad; in den vierziger Jahren nahm man an, daß ein Arbeiter mit Hilfe der Spinnmaſchine 500 mal ſo viel liefern könne, als ein Handſpinner. Auch das konnte nicht ohne Wirkung bleiben, daß ſich heraus ſtellte, der Weber könne mit Maſchinengarn täglich ⅓ mehr zu Stande bringen. 22

Die größte Noth der Spinner fällt in die vierziger Jahre. Tauſende ſind dem Hungertyphus erlegen. Die Uebelſtände waren da am größten, wo das Spinnen ausſchließliche Beſchäftigung der Leute, ja ausſchließlicher Erwerb ganzer Dörfer war, welche, erſt im 18. Jahrhundert gegründet, oft kaum einigen Grundbeſitz hatten. Am meiſten war dieß in Schleſien und der Lauſitz der Fall, weniger in Weſtfalen. Schwer entſchloß ſich die ſchwächliche, durch Generationen herabgekommene Spinnerbevölkerung zu anderer Thätigkeit überzugehen. Es gab auch damals noch nicht ſo viele Aushülfswege, noch nicht ſo viele neu aufblühende Induſtrien, die Arbeiter ſuchten. Der Lohn war allerwärts noch gedrückt, erſt gegen 1850 fangen die Eiſenbahnbauten an, ihn zu heben.

Die preußiſchen Gewerbetabellen verzeichnen erſt von 1849 an die noch mit Handſpinnerei von Leinengarn beſchäftigten Perſonen. Ihre Zahl betrug:

Die lapidare Sprache dieſer Zahlen iſt deutlich und entſetzlich, wenn man das Elend bedenkt, das zwiſchen den Zeilen liegt. Der Sprung von 1858 — 61 iſt der größte. Selbſt wenn man annehmen wollte, daß er in Folge von Fehlern der Aufnahme größer ſei, als die Veränderung in Wirklichkeit war, das letzte Reſultat bleibt daſſelbe. Die Handſpinnerei als ſelbſtändige Be- ſchäftigung hat beinahe überall ſeit den letzten Jahren aufgehört. Ueber 6 Pfennige täglich läßt ſich kaum mehr damit verdienen. 23 Soweit die Spinner nicht, körperlich und geiſtig zu tief geſunken, dem Elend nach und nach erlegen ſind, haben ſie in Feld- und Waldarbeit, bei Straßen- und Eiſenbahnbauten eine geſündere und beſſer bezahlte Beſchäftigung gefunden.

Die Maſchinenſpinnereien, welche das profeſſionsmäßige Handſpinnen zur Unmöglichkeit gemacht, waren in der Hauptſache keine zollvereinsländiſchen, ſondern fremde, beſonders engliſche. Für die Handſpinner aber lag darin keine Erleichterung, daß die deutſche Maſchinen- ſpinnerei ſich ſo langſam entwickelte. 24 Und daneben hatte dieſe langſame Entwickelung große Nachtheile für die Weberei; der verſpätete Uebergang zum Maſchinengarn war die Haupturſache, welche ihren alten Abſatz vernichtete.

Freilich war der Uebergang in Deutſchland ſchwierig; es fehlte das große Kapital, es fehlten die Ma- ſchinenfabriken; vor Allem mußte es in einem Lande, welches das Handgeſpinnſt ſo billig und ſo über den Bedarf lieferte, ſchwer halten, zur Maſchinenſpinnerei überzugehen. Die ſchutzzöllneriſche Partei verlangte längſt einen Schutzzoll zu Gunſten der Maſchinenſpinnerei, ſie erinnerte an England und die engliſchen Schutzzölle für dieſe Branche, ſie pochte darauf, daß Belgien, in ähnlicher Lage wie der Zollverein, ſich durch Einführung von Schutzzöllen ſeit 1838 außerordentlich raſch eine bedeutende Maſchinenſpinnerei geſchaffen 25 und dadurch ſeiner ganzen Leinenmanufaktur wieder aufgeholfen habe.

Man zögerte aus Rückſicht auf die Spinner, man wollte den Webern das Garn nicht vertheuern, man entſchloß ſich mit Recht nicht ſo leicht zu Erhöhung und Einführung von Schutzzöllen, obwohl ein Schutzzoll hier vielleicht eher am Platze war, als für manche andere Gewerbe.

Der Export des deutſchen Garnes hörte mehr und mehr auf; das fremde Maſchinengarn wurde immer nothwendiger. Noch 1833 hatte die Mehrausfuhr an rohem Leinengarn 35267 Zentner betragen; ſchon 1840 belief ſich die Mehreinfuhr auf 10939, 26 1842 — 46 jährlich auf 29990 Zentner. Da entſchloß man ſich 1847 doch zur Erhöhung des Zolls von 5 Sgr. auf 2 Thlr. pro Zentner. Doch blieb auch jetzt die Entwickelung der zollvereinsländiſchen Maſchinenſpinnerei eine ſehr lang- ſame. Im Jahre 1843 hatten 20 Spinnereien exiſtirt, im Jahre 1861 betrug ihre Zahl erſt 38, von welchen 21 auf die ältern preußiſchen Provinzen kamen. Die Zahl der Feinſpindeln iſt in dieſer Zeit im Zollverein von 36000 auf 136492 geſtiegen; auch 1865 zählte man erſt 219000 Spindeln. 27 Die Mehreinfuhr an rohem Leinengarn war durchſchnittlich 1860 — 64 noch 90667 Zentner. Oeſtreich zählte 1865 — 340000, Frankreich 600000, Großbritannien 1.781000 Spindeln, ſie ſind alſo dem Zollverein weit voraus.

Ganz hat die Handſpinnerei noch nicht aufgehört und wird nicht ſo leicht aufhören, da einzelne Garn- ſorten nur mit der Hand zu ſpinnen ſind. Aber es wird nur noch als Nebenbeſchäftigung auf dem Lande geſponnen, und auch das ſchränkt ſich von Jahr zu Jahr ein. Immer weniger findet dieſes Garn Anwendung für die gewöhnlichen Gewebe, welche in den Welthandel kommen; aus Bielefeld, aus dem Ravensberg’ſchen, aus Schleſien erzählen die Handelskammerberichte Jahr für Jahr, daß die Produktion aus Handgeſpinnſt abnehme. Der Herforder Verein für Leinen aus reinem Handgeſpinnſt iſt der Auflöſung nahe, ſchreibt der Bericht für 1864. 28 Einzelne Theile unſeres Bezirks, ſchreibt derſelbe Bielefelder Berichterſtatter 1865, 29 halten vorerſt noch am Handgeſpinnſt feſt, aber ohne dabei zu proſperiren. In abgelegenern Gegenden hält ſie ſich eher noch. So kamen z. B. 1867 in den hannöverſchen Leggebezirken von den geleggten Linnen

Aber auf den Leggen, auf welchen die Handgarne noch bedeutend überwiegen, ſind die abſoluten Summen des jährlich produzirten Leinens ſehr geringe und nehmen immer mehr ab. Der Bericht für die Stadt Hannover ſchreibt in demſelben Jahre: „Die Darſtellung von Handgeſpinnſt findet zwar immer noch ſtatt, läßt jedoch bedeutend nach. Mit der Spinnerei genau 30 bekannte Perſonen halten es im Intereſſe des Handgeſpinnſt liefernden Publikums, wie des Handels für wünſchenswerth, daß die Handſpinnerei ganz aufhöre. Die Anſicht, daß Leinen von Handgeſpinnſt beſſer ſei, als das aus Maſchinengarn, hat mehr dazu beigetragen, die deutſchen Leinen zu verdrängen, als Englands merkantiliſche Lage. Das Rohmaterial wird ebenſo theuer bezahlt, wie das Handgeſpinnſt. So erzielten z. B. im letzten Winter Handgeſpinnſte von etwa 7 Pfund 1 Thlr. 15 Gr. für das Bund, und ſind zu derſelben Zeit 7 Pfund Flachs mit 1 Thlr. 12 Gr. bis 1 Thlr. 15 Gr. bezahlt.“

Daß ſelbſt der Bauer und Tagelöhner in Gegenden, wo das Spinnen bisher üblich war, es nunmehr aufgibt und ſeinen Flachs verkauft, hängt mit der Umbildung der Flachsbereitung zu eigenen ſelbſtändigen Geſchäften zuſammen. Das alte Röſten, Brechen und Schwingen des Flachſes durch den Bauern ſelbſt lieferte ein zu ſchlechtes Produkt. „Seit den 40 er Jahren haben die Schenk’ſche Warmwaſſerröſte, die Watt’ſche Dampfröſte, die Brech- und Schwingemaſchinen von Lee, Durand, Lowder, Chriſtian, Kuthe, Bücklers, Kaſelowsky, Friedländer die weitere fabrikmäßige Zubereitung des Flachſes angebahnt, welche zu ihrer Ausführung mechaniſche Kraft und Fabrikationsräume erfordert.“ Die Regierungen, wie patriotiſchen Vereine ſuchten ſolche An- ſtalten ins Leben zu rufen, um dem Flachsbau in Deutſchland ſeine alte Bedeutung wieder zu geben, die große Mehreinfuhr von Flachs überflüſſig zu machen. Theilweiſe verbanden ſich ſolche Anſtalten mit den großen Maſchinenſpinnereien, theilweiſe traten ſie ſelbſtändig auf; zuerſt mehr in kleinern Umfang und mehr um Lohn den Flachs für die Eigenthümer zubereitend, die ihn dann ſelbſt verſpannen oder verkauften; ſpäter mehr als große Fabrikgeſchäfte, die nicht um Lohn arbeiten, ſondern den rohen Flachs einkaufen, den geſchwungenen fertigen Flachs verkaufen. Die Gewerbetabellen für 1861 zählen zum erſtenmale ſolche Anſtalten und zwar in Schleſien ſolche mit über 30 Arbeitern auf eine An- ſtalt, ähnlich große in Poſen, im Königreich Sachſen, in Braunſchweig; dagegen ſind es in Weſtfalen und Süddeutſchland mehr handwerksmäßige Geſchäfte; denn die Zahl der Geſchäfte ſteht der Zahl der Arbeiter ſo ziemlich gleich. Es handelt ſich theilweiſe um Maſchinen, welche durch einen Pferdegöpel in Betrieb geſetzt werden, um Maſchinen, deren Preis einige hundert Thaler nicht überſchreitet, ſo daß die kleinen Geſchäfte auch wohl beſtehen und proſperiren können.31