Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe — Der Kampf des großen und kleinen Betriebs in einzelnen Gewerbszweigen.

10. Die Schuhmacher, Schneider und verwandten Gewerbe.

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10. Die Schuhmacher, Schneider und verwandten Gewerbe.

Wollen wir nach den Ausführungen über die wichtigſten Arten der Herſtellung von Bekleidungsſtoffen unſern Blick noch auf die weitere Verarbeitung derſelben, überhaupt auf die Gewerbe werfen, welche mit der Vollendung der menſchlichen Bekleidung und Beſchuhung zu thun haben, ſo iſt hier von einer Großinduſtrie, wie bei der Spinnerei und Weberei nicht die Rede. Aber ſehr Vieles hat ſich auch hier geändert oder iſt nahe daran, ſich zu ändern.

Die frühere faſt ausſchließlich lokale Produktion, ſowie die Herſtellung von Kleidern innerhalb der Familie hat einen bedeutenden Stoß erhalten; die Fortſchritte des Verkehrs, die Arbeitstheilung, die Mechanik haben auch hier eingegriffen. Aber die Aenderungen der Technik ſind faſt alle ſo, daß die vollſtändige Durchführung der- ſelben doch nicht zu ganz großen Etabliſſements führt, daß, wo ſolche exiſtiren, dieſelben doch nur dieſelben Apparate zehn- und mehrfach neben einanderſtellen, daß ſie in den perſönlichen Leiſtungen der Arbeiter vielleicht eine noch etwas weiter gehende Theilung und Speziali- ſirung eintreten laſſen, aber doch keine ſolche Ueberlegenheit über die kleinen Geſchäfte beſitzen, wie z. B. die großen Baumwollſpinnereien über die kleinen, der mechaniſche Webſtuhl über den Handſtuhl. Außerdem aber wirkt der Konzentration in dieſem Gebiete, der Produktion für andere Orte, Gegenden und Länder der Umſtand entgegen, daß der perſönliche Geſchmack ſich doch nie vollſtändig mit Schablonenarbeit zufrieden gibt, daß eine große Zahl von Perſonen alle Kleider und Schuhe, Hüte und Handſchuhe nach beſtimmten Vor- ſchriften gearbeitet haben will. Das erhält bis auf einen gewiſſen Grad die lokalen und damit auch kleinere Geſchäfte neben den großen.

Das moderne Magazin hat ſich gerade der hier in Betracht kommenden Gewerbe am meiſten bemächtigt. Das Magazin iſt ein glänzendes Verkaufsgeſchäft, ein Laden mit großer Auswahl, aber ein ſolcher, der in der Regel doch auch auf Beſtellung, auf Maß arbeiten läßt, weil das in dieſen Artikeln vom Publikum gewünſcht wird. Die Produktion des Magazins iſt eine andere, als die des kleinen Handwerkers, aber in der Regel doch auch nicht die einer großen Fabrik; das Magazin bezieht die einzelnen Theile, die halb fertigen Waaren da und dort her, läßt da und dort arbeiten, wendet Maſchinen an, wenn es nothwendig iſt, aber der lokale Abſatz bleibt die Hauptſache. Uebrigens will ich hier nicht wiederholen, was ich oben von dem Magazinſyſtem ſagte; es genügt, daran zu erinnern.

Am weiteſten iſt wohl das Fabrikſyſtem vorgedrungen in der Produktion jener kleinen Theile und Hülfsmittel menſchlicher Bekleidung, welche am leichteſten verſendbar, zu Hunderten und Tauſenden nach gleichen Muſtern angefertigt werden können. Doch iſt auch hier der Umſchwung noch kein vollſtändiger.

Die Nähnadeln werden jetzt durchaus in Fabriken, die Stecknadeln, Haarnadeln, Haken, Oeſen auch noch mannigfach von Handwerkern gemacht. Der alte Hornkamm iſt theilweiſe von den Waaren aus vulkaniſirtem Kautſchuk verdrängt, und dieſe werden von Fabriken geliefert; aber noch exiſtiren viele Kammmacher, Horndreher, Elfenbeinarbeiter; eine Kammſchneidemaſchine iſt nicht ganz billig, aber ſie wird auch von Profeſſioniſten angeſchafft. Die überſponnenen Knöpfe liefert das Poſamentiergewerbe, die Knöpfe aus Horn und Holz, ſowie die Metallknöpfe ſind ſchon mehr auf große Ge- ſchäfte übergegangen, ähnlich wie die Anfertigung von Stöcken, Sonnen- und Regenſchirmen, Fächern und ähnlichen Dingen. Doch iſt in allen dieſen Gewerben der Großbetrieb nicht abſolut nothwendig. Wir ſehen neben den Fabriken lokale Geſchäfte, freilich vielfach mit Läden und Reparaturgeſchäften verbunden, wir ſehen außerdem, daß dieſe Waaren theilweiſe auch durch die Hausinduſtrie, alſo durch die Thätigkeit kleiner Meiſter entſtehen können. Ich erinnere nur an das Tabletteriegewerbe in der Umgegend von Paris,1 an die Thatſache, daß die große Londoner Sonnen- und Regenſchirmfabrikation mit ihrem ungeheuren Export durchaus Hausinduſtrie iſt. „Die Fabrikation der Geſtelle für Regen- und Sonnenſchirme“ — ſagt Profeſſor Hofmann in London2 — „wird hauptſächlich von kleinen Meiſtern betrieben, die gewöhnlich einige Knaben als Gehülfen beſchäftigen; das Ueberziehen der Schirme hingegen wird von Frauen und Mädchen beſorgt, die in ihren Wohnungen arbeiten. England verdankt den Vorrang in dieſer Induſtrie nicht ſowohl der Einführung neuer koſtbarer Maſchinen — denn die Werkzeuge der Sonnen- und Regenſchirmmacher ſind noch faſt eben ſo einfach, als ſie es vor 100 Jahren waren — ſondern vielmehr einer verſtändigen Anwendung des Prinzips der Arbeitstheilung.“

Gehen wir aber nun zu den eigentlichen Handwerken, welche hierher gehören, über. Ich beginne als Einleitung für die Betrachtung der Schuhmacherei mit der Lederbereitung, mit der Gerberei.

Der Bedarf an Leder iſt außerordentlich geſtiegen; der Gebrauch lederner Fußbekleidung iſt ſehr viel allgemeiner geworden als früher; auch für andere Zwecke, für Fuhrwerke, Pferdegeſchirr, Maſchinenriemen wird heute ſehr viel mehr Leder erfordert. Die eigene Produktion von Häuten im Zollverein iſt mit der Viehzahl geſtiegen; 1816 zählte man in Preußen 4,0 Mill. Stück Rindvieh, 1864 - 5,8 Mill. Die Mehreinfuhr von rohen Häuten zur Lederbereitung in Preußen betrug 1822 - 45334 Ztnr., die Mehreinfuhr in den Zollverein 1842 - 183980 Ztnr., 1861—64 - 470000 bis 500000 Ztnr. Fertiges Leder wird wenig eingeführt; die Verarbeitung dieſer eingeführten wie der im Zollverein produzirten Häute erfolgt im Lande ſelbſt; ebenſo aber auch der Verbrauch des fertigen Leders; die Mehrausfuhr von fertigem Leder (hauptſächlich nach Oeſtreich und der Schweiz) iſt nicht bedeutend.3 Die Lederproduktion des Zollvereins wurde ſchon 1844 zu 1 Mill. Zentner im Werthe von 47 Mill. Thalern geſchätzt; ſie ſoll ſich von 1850—62 etwa verdoppelt haben. Die deutſche Lederinduſtrie ſteht mit an erſter Stelle.4

Schon früher war das Gewerbe neben einzelnen lokalen Geſchäften mehr in denjenigen Gegenden und Orten zu Hauſe, welche ihm die günſtigſten Vorbedingungen, hauptſächlich gute Eichenrinde zur Lohe boten. Es erfordert von jeher ein gewiſſes Kapital zum Einkaufe der Häute und der Hülfsſtoffe, dann umfaſſende Gebäude, Gruben, Vorrathshäuſer. Die Einrichtungen ſind meiſt ſo, daß, wenn nur das größere Kapital zum Einkauf der Häute da iſt, die Ausdehnung des Geſchäfts keine Schwierigkeiten hat, und dieſes nicht entſprechend mehr Arbeit erfordert. Große Aenderungen in der Technik ſind kaum zu konſtatiren, abgeſehen von den Methoden, welche die Abkürzung der Zeit, die ſogenannten Schnellgerberei anſtreben, und den Manipulationen, welche die mehr mechaniſche Zurichtung des Leders nach dem eigentlichen Gerbeprozeſſe bezwecken.5 Eine vollendete Produktion freilich ſetzt einen ziemlichen Grad chemiſcher Kenntniſſe, eine geſchickte Leitung und eine ſehr exakte Arbeit voraus. Noch mehr iſt das der Fall bei der Bereitung der lackirten und gefärbten Leder, welche daher auch am früheſten auf eigentliche Fabriken übergegangen iſt.

Die Zahl der Geſchäfte hat in Preußen ſeit neuerer Zeit nicht zu- ſondern ſogar etwas abgenommen; man zählte:

Im Jahre 1849 hatte man die großen fabrikmäßigen Gerbereien mit den Fabriken, in welchen lackirtes und gefärbtes Leder bereitet wird, zuſammen gezählt; es ergaben ſich ſolche Lederfabriken 505 mit 3361 Arbeitern,6 von welchen etwa die Hälfte auf Weſtfalen und die Rheinprovinz kamen. In Malmedy, einem der Hauptorte der Gerberei, zählte man ſchon 1849 6 Meiſter mit 9 Gehülfen, 39 Fabrikherrn mit 208 Arbeitern, in Berlin 30 große Gerbereien mit 303 Arbeitern neben 74 Meiſtern mit 252 Gehülfen. Im Jahre 1861 ſind wieder die großen Gerbereien in der Handwerkertabelle mit gezählt; daher das Reſultat: 4907 Meiſter mit 6292 Gehülfen. Manche Fabriken ſind darunter, die große Steigerung der Produktion kommt hauptſächlich auf ihre Rechnung. Aber auch die großen Geſchäfte ſind gegenüber anderen Großinduſtrien noch mäßigen Umfangs und daneben hat ſich eine große Zahl kleiner Geſchäfte erhalten. Die außerpreußiſchen Hauptſitze der Gerberei des Zollvereins ſind Bayern, Württemberg, Sachſen und Thüringen, in welchen die Gehülfenzahl die Meiſter entweder nicht ganz erreicht oder doch kaum überſteigt. Im ganzen Zollverein zählte man 1861 - 11992 Meiſter mit 14309 Gehülfen.

Von 1861 bis zur Gegenwart ſehen wir ähnliche Reſultate; die 1353 Geſchäfte, welche 1861 in der Rheinprovinz waren, ſind bis 1867 auf 1155 geſunken,7 während die Produktion noch zunahm; aber auch 1867 iſt die durchſchnittliche Quantität verarbeiteter Häute, welche dort auf eine Gerberei kommt, nicht über 656 Ztnr. mit einem Durchſchnittswerth des fertigen Produktes von 5939 Thlr. für je eine Gerberei. Das deutet immer noch auf Geſchäfte hin, welche im Durch- ſchnitt zwiſchen großem und kleinem Betrieb in der Mitte ſtehen.

Das wichtigſte Gewerbe in der Verarbeitung des Leders ſind die Schuhmacher; ſie ſind überhaupt faſt überall das zahlreichſte Gewerbe;8 ſelbſt Preußen, Poſen, Pommern haben im Verhältniß zur Bevölkerung nicht ſehr viel weniger Schuhmacher als Weſtfalen und die Rheinprovinz; die größte Zahl Schuhmachermeiſter hat Württemberg (73 auf 10000 Einw., 52 in Altpreußen), während nach Viebahn in Frankreich 52, in Oeſtreich 20 Meiſter auf dieſelbe Einwohnerzahl kommen. Was die hiſtoriſche Entwicklung betrifft, ſo wirken mancherlei Urſachen neben und gegen einander. Ich theile zunächſt das Reſultat der preußiſchen Aufnahmen mit, um daran die weiteren Bemerkungen zu knüpfen. Man zählte:

Im ganzen Zollvereine zählte man 1861 - 189006 Meiſter mit 127875 Gehülfen; auf 100 Meiſter kommen 60 Gehülfen.

Die Zunahme des Gewerbes von 1816—46 (um 10 % ſtärker als die Bevölkerung) darf theilweiſe wenigſtens als Folge des ſteigenden Wohlſtandes betrachtet werden. Es hatte ſich bis dahin in der Technik und in der Organiſation des Gewerbes nichts geändert. Freilich wäre eine Zunahme des Schuhverbrauchs auch denkbar ohne Zunahme der Gewerbetreibenden, da die Schuhmacher von jeher zugleich eins der Gewerbe waren, welches am meiſten über eine zu große Zahl von Meiſtern klagte. Beſonders ſo lange faſt nur auf Beſtellung, faſt gar nicht auf Lager gearbeitet wurde, war es eines der am leichteſten und mit den wenigſten Mitteln zu ergreifenden Gewerbe. Das Bedürfniß an Schuhmachern war von jeher groß, es ſtieg mit jeder allgemeinen Beſſerung der wirthſchaftlichen Verhältniſſe; der Zudrang war daher immer groß; die halbbeſchäftigten Exiſtenzen waren immer zahlreich, der Jahrmarkts- und Wochenmarktsbeſuch war die Folge davon. Dieſe Lage der überwiegenden Zahl der Meiſter erklärt zugleich den koloſſal ſteigenden Lederverbrauch neben der mäßigen Zunahme der Schuhmacher. Bis 1849 (vorübergehend ſogar noch einmal 1855) bleibt auch die Zahl der Gehülfen ſo niedrig als ſie 1816 war: auf 100 Meiſter nur 56 Gehülfen; d. h. jeder Geſelle, der in ein gewiſſes Alter kommt, und dann nicht zu einer andern Beſchäftigung übergeht oder auswandert, verſucht als Meiſter ſein Glück.

Von da bis 1861, noch mehr von 1861 bis zur Gegenwart ändern ſich die Dinge; und es zeigt ſich das auch in den Zahlen. Die Geſammtzahl der Schuhmacher bleibt 1846 — 61 gegenüber der Bevölkerung ſo ziemlich ſtabil, während der Lederkonſum noch viel ſtärker wächſt; die Gehülfenzahl ſteigt wenigſtens etwas und deutet darauf hin, daß neben den zahlreichen kleinen Meiſtern, deren Klagen in dieſer Zeit lauter als je ertönen, einzelne größere Geſchäfte ſich bilden. Es beginnt der Umſchwung in der Technik, wie in der Geſchäftsorganiſation.

In den Städten bilden ſich die Magazine; die verarmten Meiſter, welche die Mittel Leder zu kaufen, nicht mehr beſitzen, müſſen für ſie arbeiten. Es beginnt mehr und allgemeiner das Arbeiten auf Lager; die kaufmänniſche Spekulation bemächtigte ſich der Sache. Der Zollverein, der 1842 — 46 erſt eine Mehrausfuhr von jährlich 1559 Ztnr. groben und 1068 Ztnr. feinen Lederwaaren hatte, bringt es 1860 — 61 auf eine Mehrausfuhr von 16781 Ztnr. groben und 10532 Ztnr. feinen Lederwaaren. Damit bekamen die Schuſter als Hausinduſtrie eine andere Stellung. Innerhalb des Zollvereins freilich hatten längſt einzelne Orte Schuhe, Stiefeln und Pantoffeln auch für weiteren Abſatz angefertigt. Schon 1822 iſt der 10 te Kahlauer ein Schuhmacher, ebenſo der 34 ſte Erfurter; 1846 der 8 te Kahlauer und der 30 ſte Erfurter. Aber eine ſolche Produktion war doch mehr vereinzelt. Mit dem heutigen Verkehr konnte dieſe Art des Betriebes einen neuen Aufſchwung nehmen, um ſo mehr als an ſolchen Orten größere Geſchäfte entſtanden und alle Fortſchritte der Technik ſchnell eingeführt wurden. In Erfurt waren ſchon 1849 neben 410 Meiſtern mit 411 Gehülfen 5 Schuhfabriken mit 148 Arbeitern. In Mainz hat jetzt ein Geſchäft allein 160 männliche und weibliche Arbeiter. In Württemberg geht der Schuhexport von Tuttlingen und Balingen aus. In Thüringen kommen beſonders noch Gotha, in der Provinz Sachſen Naumburg und Mühlhauſen in Betracht. Im Königreich Sachſen liefern die Groitz’ſchen Schuhmacher mit 339 Geſellen und Lehrlingen, 1200 anderen Perſonen und 44 Steppmaſchinen jährlich 72000 Dutzend Paar Schuhe. In der Rheinpfalz iſt neben Worms vor Allem das kleine Städtchen Pirmaſenz als Schuhmacherort bekannt. Die Entſtehung des Gewerbes an dieſem Ort iſt komiſch genug. Landgraf Ludwig IX von Heſſen hatte ſeine Reſidenz dahin verlegt und wollte daſelbſt möglichſt viel Soldaten, zugleich aber eine zunehmende Bevölkerung haben; er machte ſeinen Soldaten das Heirathen zur Pflicht, erlaubte ihnen aber nebenher ein Gewerbe zu treiben; ſie warfen ſich hauptſächlich auf die Schuhmacherei, die Pirmaſenzer Schuhmädchen gingen damit hauſiren; jetzt zählt der Ort von 8000 Einwohnern 13 größere und 63 kleinere Geſchäfte mit 17 Buchhaltern, 54 Zuſchneidern, 1154 Arbeitern und 466 Arbeiterinnen mit 60 bis 90 Näh-, Sohlſchneide- und andern Maſchinen. 9 Sie liefern jährlich 130000 Dutzend Paar Stiefeln oder Schuhe im Werthe von etwa 2 Mill. fl.; der Export geht nach Oſt- und Weſtindien, Auſtralien und Südamerika.

Die erſte wichtigere Aenderung der Technik, war die in den vierziger Jahren aus Amerika importirte Methode, die Sohlen mit Holzſtiften aufzunageln ſtatt zu nähen; die Arbeit geht raſcher und iſt beſſer; auch iſt die Arbeitsart freier, der Konſtitution des Körpers angemeſſener. Später kam die Nähmaſchine, welche beſonders mit der zunehmenden Verwendung von Geweben für das Schuhwerk von Damen die Anfertigung der oberen Theile der Schuhe ſehr erleichterte. Be- ſondere größere Geſchäfte bildeten ſich, welche einzelne Theile en gros produziren und liefern — wie Abſätze, Schuhverzierungen, Gummizüge u. ſ. w. Eine Maſchine zum Anſchrauben der Sohlen befand ſich ſchon 1851 auf der Londoner Ausſtellung; in neuerer Zeit kommen ſolche Maſchinen in den preußiſchen Militärſchuhmachereien zur Anwendung; eine Berliner Fabrik liefert ſie das Stück zu 200 Thlr. Der vollſtändige Uebergang zur Maſchinenanwendung aber datirt erſt aus neueſter Zeit. Er hat ſich — ſagt der Ausſtellungsbericht von 1867 — ſeit kaum zwei Jahren und ſo zu ſagen plötzlich vollzogen. Den Anſtoß gab das induſtrielle Amerika. Mehr als drei Jahrtauſende, ſeit der Zeit der Pharaonen, hat man die Schuhe in gleicher Weiſe einfach mit der Hand gearbeitet, jetzt iſt die rein mechaniſche Anfertigung gelungen. Man konnte den Beweis hierfür auf der Ausſtellung ſelbſt ſehen. In einer der ausgeſtellten Werkſtätten konnte man ſich ein Paar Ledergamaſchenſchuhe nach Maaß unter ſeinen Augen binnen 45 Minuten anfertigen laſſen. Die Maſchinen von Silvan Depuis et Comp. waren darauf eingerichtet nur durch Frauenhände bedient zu werden; eine Maſchine lieferte mit einem Arbeiter täglich 23 — 27 Paar Schuhe, eine andere die doppelte Zahl, während jetzt ein Geſelle allein 4 Stunden zum Annageln eines Paares mit Holz- ſtiften braucht. Die Maſchinen, um welche es ſich handelt, ſind abgeſehen von der Schraubenmaſchine, die Leiſtenſchneidemaſchine, die Stanzmaſchine, welche die Sohlen nach beſtimmten Nummern herausſticht, die Walzmaſchine, die Sohlenpreſſe, die Abſatzpreſſe und die Hobel- und Glättmaſchine, beide letztere zur Her- ſtellung der Abſätze. 10

Die meiſten dieſer Maſchinen ſind in Deutſchland noch kaum bekannt. Mit ihrer Verbreitung werden ſie noch mehr das Uebergewicht der großen Geſchäfte ver- ſtärken und dem kleinen Meiſter die Konkurrenz erſchweren; deſto mehr kann aber auch eine ſteigende Produktion mit abnehmender Perſonenzahl ſtattfinden. Den kleinen Meiſtern bleibt auch dem gegenüber nur der Weg der Genoſſenſchaft übrig, den ſie gerade in der Schuhmacherei auch ſchon mit einigem Erfolg betreten haben; zunächſt allerdings nur, um ſich die Rohſtoffe beſſer und billiger zu beſchaffen. 11

Schulze erzählte ſelbſt auf dem volkswirthſchaftlichen Kongreß zu Gotha 1858 darüber Folgendes: „Man macht ſich kaum Vorſtellungen davon, wie ſehr die ärmeren Handwerker von den Zwiſchenhändlern in den Preiſen heraufgeſetzt werden. Ein einziges Paar Stiefel- ſohlen kam in der Aſſoziation 25 % billiger und dazu war das Material beſſer. Als nun gar in den letzten Jahren die hohen Lederpreiſe, welche im Jahre 1857 bis auf 100 % gegen früher geſtiegen waren, eintraten, war für viele Mitglieder jene die einzige Rettung. Der Aufſchwung des Schuhmachergewerkes in Delitzſch, welches ſich zuerſt aſſoziirte, war bald ſo bedeutend, daß die Schuhmacher aus den Nachbarſtädten, welche mit den Delitzſch’en die Märkte bezogen, zu mir kamen und ſagten: wir können mit den Schuhmachern in Delitzſch nicht mehr konkurriren, ſie haben ihren Markt nach Magdeburg hin ausgedehnt, wir wünſchen uns auch zu aſſoziiren.“ Die Bewegung kam in Gang; im Jahre 1863 zählte Schulze bereits 33 preußiſche, 18 ſächſiſche und 30 andere deutſche Schuhmacherrohſtoffgenoſſen- ſchaften; 1866 ſind es 22 preußiſche, 15 ſächſiſche und 25 andere deutſche Rohſtoffvereine, neben einigen Magazin- und Produktivgenoſſenſchaften; die Zahl hat alſo ſeither nicht zugenommen, wohl aber haben einzelne 40, 60 ja bis 140 Mitglieder; der Berliner Verein hat 1868 für 39016 Thaler, der Wolfenbütteler für 31104 Thlr. Leder an die Mitglieder verkauft.

Gegenüber der Geſammtzahl der 189006 zollvereinsländiſchen Meiſter iſt es allerdings immer noch unbedeutend, wenn einige Hundert durch die Rohſtoffvereine in beſſerer Lage ſind. Und dann reichen die Rohſtoffvereine nicht aus, die Lage der Betreffenden von Grund aus zu beſſern; die Produktion bleibt unvollkommen, der Abſatz prekär. Die Geſchäftsführung verleitet leicht die Vorſtände, den Verein für ſich auszunutzen. Viele dieſer Genoſſenſchaften ſind dadurch wieder zu Grunde gegangen, daß die an der Spitze ſtehenden Meiſter immer das beſte Leder für ſich ausſchnitten. Das was nun für die kleineren und ärmeren Mitglieder übrig blieb, war nicht beſſer, als ſie es ſonſt erhalten konnten. Und ſo löſten ſich die Vereine wieder auf. Es fehlt hier, wie in andern Gewerben, an den Leuten, welche die Genoſſenſchaft richtig leiten und zuſammenhalten können. Die Maſſe der Meiſter iſt in ſchlechter, elender Lage. Jedem, der praktiſch in unſern großen Städten ſich um das Armenweſen bekümmert hat, dem iſt der hungernde verarmte Schuhmacher mit zahlreicher Kinderſchaar als typiſche Erſcheinung bekannt. Und ein neuer Stoß bereitet ſich vor, wenn die Maſchinen ſiegreich weiter vordringen und doch zunächſt nur Einzelne, ſeien es einzelne Meiſter oder einzelne Genoſſenſchaften, ſie einführen.

Während wir bei den Schuhmachern mit einem einfachen Gewerbe zu thun hatten, kommen wir bei den Kürſchnern zu einem Handwerke, das in der Regel mit einem Handelsbetriebe werthvoller Waaren, mit dem Pelzhandel, verbunden iſt. Die Anfertigung von Mützen iſt ein einfaches Gewerbe, der Pelzhandel dagegen ſetzt ein bedeutenderes Kapital voraus. Die Inhaber größerer Pelzwaarenmagazine in den Städten gehören in der Regel zu den wohlhabendſten Mitgliedern des Bürger- ſtandes. Es handelt ſich eigentlich um zwei zwar häufig verbundene, aber doch ſehr verſchiedene Gewerbe; in beiden iſt die lokale Produktion zurückgetreten gegenüber der Maſſenanfertigung; aber das eine kann als Handelsgewerbe noch gut exiſtiren, während das andere hierfür zn ärmlich iſt. Danach iſt die folgende Tabelle zu beurtheilen, welche die preußiſchen Kürſchner, Rauchwaarenhändler und Mützenmacher umfaßt. Im ganzen Zollverein zählte man 1861 - 8045 Kürſchner mit 15992 Gehülfen.

Der Verbrauch an Pelzwaaren iſt in kälteren Gegenden nicht bloß ein Luxusbedürfniß, ſondern eine Nothwendigkeit; mit ſteigendem Wohlſtand wird er in den höhern Klaſſen bedeutend zunehmen, wie auch die Mehreinfuhr von Fellen zur Pelzbereitung im Zollverein beweiſt; ſie betrug jährlich 1842 — 46 ‒ 8064 Ztnr., 1860 — 64 - 11564 Ztnr.; 12 die Einfuhr hat ſich faſt auf das Doppelte in dieſer Zeit gehoben, aber auch die Ausfuhr ſtieg. Leipzig mit ſeiner Meſſe iſt ja überhaupt der größte Markt für Pelzwaaren; die jährlich dahin gebrachten Pelze werden auf über 6 Millionen Thaler geſchätzt: etwa der dritte Theil der Geſammtproduktion der Erde.

An dieſes große Geſchäft haben ſich beſonders in Leipzig und Berlin größere Kürſchneretabliſſements angeſchloſſen, welche das Reinigen und Gerben der Felle, das Umarbeiten derſelben zu Röcken, Mänteln, Kragen, Mützen, Handſchuhen, Müffen und Halswärmern im Großen betreiben und ihre Produkte ins Ausland wie an die inländiſchen Lokalgeſchäfte abſetzen. Die größere Leiſtungsfähigkeit ſolcher Geſchäfte erlaubt eine Ausdehnung der Geſchäfte ohne ſtark wachſende Perſonenzahl. Dagegen wachſen neben ihnen auch die lokalen Geſchäfte, mehr als Magazine, vom Handel und Reparaturen lebend, als ſelbſt das Kürſchnergeſchäft noch ausübend. Je mehr dieſe Lokalgeſchäfte aber bloße Handelsgeſchäfte ſind, deſto weniger werden ſie eine ſteigende Gehülfenzahl beſchäftigen.

Aus ähnlichem Grunde hat die Zahl der aus- ſchließlich Mützen verfertigenden Meiſter wahrſcheinlich nur bis in die vierziger Jahre zugenommen. Wenn ſich auch die Technik der Mützenanfertigung ſeither kaum ſehr geändert hat, ſo hat ſich doch die Produktion unter Zuhülfenahme von Nähmaſchinen und Arbeitstheilung konzentrirt, der Geſchmack ſpielt eine größere Rolle als früher. Eine Reihe von Magazinen verkaufen nebenbei Mützen, welche ſie in größeren Quantitäten aus den Hauptſitzen der tonangebenden Mode beziehen. Der kleine bloße Mützenmacher oder Mützenhändler iſt jetzt einer der ärmlichſten Handwerker. Ich glaube, daß dieſe Art von kleinen Geſchäften ſogar eher abgenommen hat; die obigen Geſammtzahlen der hierher gehörenden Gewerbetreibenden zeigen auch gegenüber der Bevölkerung von 1852 an eine Abnahme, was ich auf die abnehmenden Mützenmacher zurückführen möchte, neben welchen der Pelzhandel wahrſcheinlich noch zugenommen hat. Daß der Pelzhandel den Schwerpunkt der Geſchäfte dieſer Rubrik bildet, ſieht man auch klar aus der provinziellen Vertheilung; man zählte:

In den öſtlichen kälteren Provinzen iſt die Mehrzahl der Geſchäfte; am Rhein und in Weſtfalen fehlten ſie früher faſt ganz, daher hier 1837 — 61 eine beträchtliche Zunahme.

Gehen wir von der Mützenmacherei zu der Hand- ſchuhmacherei über, ſo ſind die gewebten Handſchuhe zu unterſcheiden von den zugeſchnittenen und genähten. Jene werden von den Strumpfwirkern geliefert, dieſe von den Handſchuhmachern. Die frühere deutſche Handſchuhmacherei lieferte hauptſächlich ſchwere lederne, leinene und wollene Handſchuhe. Die moderne Glaçé- handſchuhfabrikation kam durch vertriebene Hugenotten im 17. Jahrhundert nach einigen großen Städten, nach Erlangen, Dresden, Prag und Berlin; die deutſche Gerberei hatte früher das Leder nicht ſo weich, zart und elaſtiſch herzuſtellen vermocht. Später entwickelte ſich dieſe Glacéhandſchuhmacherei in allen halbwegs bedeutenden Städten, daneben wurden aber noch ziemlich viel franzöſiſche Waaren eingeführt. Bis Mitte der funfziger Jahre hatte der Zollverein eine Mehreinfuhr von ledernen Handſchuhen, erſt von da hat ſich die Fabrikation ſo gehoben, daß ſich eine Mehrausfuhr heraus- ſtellte. Zollvereinsländiſche Handſchuhe konkurriren jetzt mit engliſcheu, franzöſiſchen, öſterreichiſchen im Auslande.

Die Zunahme der Produktion hat aber wieder zwei verſchiedene Epochen, wie die folgende Tabelle der preußiſchen Handſchuhmacher zeigt:

Die Zahl der Meiſter, d. h. der kleinen mehr lokalen Geſchäfte, nimmt zu bis 1843; von da geht ſie zurück, während nun von 1840 — 61 die Gehülfenzahl ſich verdoppelt und die Geſammtzahl der Gewerbetreibenden gegenüber der Bevölkerung ſo ziemlich ſtabil bleibt. Letzteres wäre ohne Zweifel nicht der Fall, wenn die ſämmtlichen Frauen und Mädchen, welche für größere Geſchäfte zu Hauſe Handſchuhe nähen, mit verzeichnet wären.

In dieſer Weiſe hat ſich nämlich die große Induſtrie geſtaltet, daß der Fabrikant nur das Leder einkauft, die Handſchuhe — theilweiſe mit der von Jouvin erfundenen Maſchine — zuſchneidet, das Nähen aber als Hausinduſtrie und meiſt noch mit der Hand beſorgen läßt. Die Berliner Geſchäfte haben ſich vielfach — der Theurung in Berlin wegen — nach Potsdam gezogen und laſſen dort in der Umgegend auf dem Lande nähen. Außerdem ſind die größten Handſchuhfabriken des Zollvereins in Luxemburg, wo jährlich etwa eine Million Zickel- und Lammfelle von 5 Fabriken mit 1576 Arbeitern verarbeitet werden, in den Städten Aachen, Kaſſel, Magdeburg, Halberſtadt, Erlangen, im Königreich Sachſen und in Schleſien. 13 Auch in Oeſtreich blüht die Handſchuhmacherei und hat ſich dort faſt noch mehr als im Zollverein konzentrirt. „In Wien allein“ berichtet Rehlen 14 „ſind mehr als 250 Geſchäfte etablirt, welche einſchließlich der Nätherinnen über 4000 Arbeiter beſchäftigen und an 18000 Dutzend Glaçéhandſchuhe verfertigen, im Werth von mehr als einer Million Gulden. Prag beſitzt etwa 50 Etabliſſements, welche über 25000 Dutzend im Werthe von 200000 Gulden produziren.“ Der ganze Zollverein zählte 1861 - 1854 Meiſter mit 6520 Gehülfen, an welcher Zahl ſich deutlich erkennen läßt, daß der Uebergang zu größern Geſchäften meiſt ſich vollzogen hat. In Sachſen kommen auf 85 Meiſter 792 Gehülfen, in Thüringen auf 33 Meiſter 815 Gehülfen.

Der lokale Vertrieb iſt zu einem großen Theile auf Modewaarenhandlungen und Magazine verſchiedener Art übergegangen. Doch proſperiren auch immer noch lokale Geſchafte in allen größern Städten. Manche Leute wünſchen doch Handſchuhe nach Maß und die Produktion iſt techniſch immer noch einfach; ſelbſt die Zuſchneidemaſchine iſt nicht allzutheuer und ihre Vortheile ſind mäßig. Ich kenne Geſchäfte, wo ſie vorhanden iſt, aber nicht regelmäßig benutzt wird.

Die Anfertigung von Halsbinden, Halstüchern, Kravatten, Schlipſen und ähnlichen Artikeln, welche früher dem lokalen Handſchuh- oder Mützenmacher zufiel, iſt in neuerer Zeit auch auf wenige große Geſchäfte übergegangen, welche durch Direktricen die einzelnen Beſtandtheile zuſchneiden und ſie von Arbeiterinnen in ihren Wohnungen nähen laſſen.15

Unter den Gewerben, welche ſich mit der Bedeckung des Kopfes beſchäftigen, war die Strohhutmanufaktur niemals eigentlich ein lokales Gewerbe; urſprünglich in Toskana zu Hauſe, kam ſie als Hausinduſtrie nach der Schweiz, nach dem Schwarzwalde, dann auch nach Sachſen, Schleſien, in’s Eichsfeld und ſo iſt die Strohhutfabrikation und Strohflechterei heute noch mehr eine Nebenbeſchäftigung in ländlichen Kreiſen, hat durch beſondere Schulen eingeführt theilweiſe das Spinnen und Weben erſetzt. Die aufgenommenen Zahlen von Arbeitern ſind daher auch wenig zuverläſſig; man zählte in Preußen 1861 auf 99 Fabriken 964 männliche und 1245 weibliche Arbeiter, im Zollverein auf 496 Fabriken (Baden allein 239, wobei wohl die Faktore mitgerechnet ſind) mit 2068 männlichen und 3850 weiblichen Arbeitern.

Dagegen war die Anfertigung von Filzhüten, ſowie von Seidenhüten, früher Sache lokaler Handwerker; hierin iſt ein großer Umſchwung eingetreten; der leichte Verkehr und die Herrſchaft der Mode nicht bloß, ſondern auch eine ganz veränderte Technik begünſtigte den Uebergang zu einigen wenigen großen Fabriken. Die Enthaarung der Felle und Zurichtung der Haare für die Hutmacherei iſt anderwärts ſchon ein eigenes Gewerbe geworden; ſie iſt in Deutſchland meiſt noch mit der Hutmacherei verbunden, doch exiſtiren auch ſchon einige größere Etabliſſements in Hanau, Darmſtadt, Offenbach und Berlin. Auch die früher mit der Hutmacherei verbundene Anfertigung von Filzſchuhen und anderen Filzwaaren hat ſich zu beſondern größern Geſchäften abge- ſchieden. 16 Einzelne der großen Hutfabriken haben jetzt mehrere hundert Arbeiter. Auf der Pariſer Ausſtellung von 1867 befand ſich eine vollſtändige Dampfhutfabrik, 17 in welcher ſo ziemlich alle Stadien der Fabrikation, vom Abwiegen der zu einem Hut erforderlichen Quantität Kaninchenhaare bis zur letzten Garnirung, dem mechaniſchen Betriebe anheimgegeben waren. Darnach kann die folgende Tabelle der preußiſchen Hutmacher uns nicht in Erſtaunen ſetzen; man zählte:

Noch nicht ganz die halbe Zahl der 1816 beſchäftigten Perſonen reicht 1861 aus, einem gewiß größern Bedürfniß zu genügen. Im Zollverein kommen 1861 auf 3117 Meiſter 5362 Gehülfen oder Arbeiter. An kleinen Orten halten ſich wohl noch die kleinen Meiſter, aber mehr als Händler; in den großen Städten eröffnen die Fabriken ſelbſt große Magazine und verkaufen daneben an die Handlungen, welche die ſämmtlichen Herrengarderobeartikel führen.

Während die männliche Kopfbedeckung im Laufe der Zeit immer einfacher, ſtereotyper wird, läßt ſich das von der weiblichen nicht ſagen. Phantaſie und Mode ſind beſtrebt, in mannigfaltigſter, immer wechſelnder Weiſe den weiblichen Kopf mit allen möglichen Arten von Kopfbedeckungen zu zieren, dabei in der raffinirteſten Weiſe den Stroh- oder Filzhut, die Spitzen- oder Tüllhaube mit Bändern, Schleifen, Blumen und Federn zu dekoriren. Die Band- und Poſamentiergewerbe liefern, abgeſehen von den Hüten und breiten Geweben, dazu die Rohſtoffe; auch hierfür ſind beſondere große Geſchäfte in Berlin, Leipzig und Frankfurt thätig, ſoweit dieſe Waaren nicht vom Ausland bezogen werden. Daneben kommen die Gewerbe der Buntſticker, Blumen-, Feder- und Federbuſchmacher und Strohhutnäher in Betracht, welche in den Tabellen als eigene Kategorie zuſammengefaßt, in Preußen 1861 - 437 Meiſter mit 1148 Gehülfen, im Zollverein 1936 Meiſter mit 7811 Gehülfen zählen. Schon die Zahlen zeigen, daß es vielfach größere Geſchäfte ſind. Die wichtigſte Abtheilung iſt die künſtliche Blumenfabrikation, die auch im Zollverein raſche Fortſchritte macht, ihr Vorbild aber immer noch in Frankreich und ſpeziell in Paris hat, woher noch ein großer Theil der im Zollverein verbrauchten Blumen bezogen wird. Die dortige Induſtrie hat eine ſeltene Vollendung und einen ſeltenen Umfang erreicht; der Werth der produzirten Waaren war 1847 - 11, 1858 16, 1867 - 25 Mill. Frcs., wovon etwa die Hälfte der Handarbeit, zu dem größten Theil Frauen und Mädchen, welche zu Hauſe arbeiten, zu Gute kommt. Beſondere Graveure und Werkzeugfabrikanten liefern die Matrizen, Preſſen und Modelle für die künſtlichen Blumen; darunter ſind wirkliche Künſtler; je treuer und ſchöner ſie die Natur nachzuahmen verſtehen, deſto vollendeter ſind die Produkte. Dann kommen die Fabrikanten, welche mit ſtrenger Sonderung der einzelnen Beſtandtheile, Kelche, Samenkapſeln, Knoſpen, Gräſer, Körner liefern. Eine dritte Gruppe färbt und preßt die Stoffe und ſtellt Zweige her. Dann erſt kommen die eigentlichen Blumenmacher, welche die meiſten Frauen beſchäftigen, wobei auch wieder ſtrenge Arbeitstheilung zwiſchen Trauerblumen, Roſenfabrikanten ꝛc. ſtattfindet. Endlich kommen die Blumenmodiſten, welche die verſchiedenen Blumen zuſammenſetzen, Bouquets und Kränze fertigen, hauptſächlich aber in den Magazinen die Waaren verkaufen, die Mode beherr- ſchen, die Verwendung für die einzelne Toilette beſtimmen.

In annähernder Weiſe hat ſich auch das Geſchäft in Deutſchland geſtaltet. Die Herſtellung der Materialien 18 iſt Sache beſonderer größerer Geſchäfte; im Putzmacherladen findet nur die Zuſammenſtellung und Anpaſſung, das Zuſammennähen ſtatt. Der perſönliche Geſchmack der Dirigentin iſt die Hauptſache; das lokale Bedürfniß macht überall Geſchäfte nothwendig; bis auf die Land- ſtädte und Dörfer dringen die neuen Moden jetzt, und ſo ſehen wir, daß bei den Putzmachergeſchäften mehr die Zahl der Geſchäfte als ihr Umfang zunimmt. Man zählte in Preußen (im Zollverein 1861 - 12832 Ge- ſchäfte mit 13348 Gehülfen):

Die bedeutende Zunahme hat übrigens neben der ſteigenden Wohlhabenheit und dem größern Luxus noch eine weitere Urſache. Es findet ein großer Zudrang zu dieſem Gewerbe ſtatt. Die Mehrzahl der Geſchäfte iſt in weiblichen Händen, wie die Mehrzahl der Gehülfinnen junge Mädchen ſind, welche theilweiſe nur das Gewerbe erlernen wollen, jedenfalls ſich ihm gerne zuwenden, da es immer noch etwas beſſern Verdienſt giebt, als die bloße Nätherei. Von den preußiſchen 6424 Geſchäften haben 6177 weibliche Vorſteher, von den 5989 Gehülfen gehören 5819 dem ſchönern Ge- ſchlechte an. Die Geſchäftsinhaberinnen ſind meiſt Wittwen, ältere unverheirathete Fräuleins, vor Allem Frauen von kleinen Geſchäftsleuten, von Angeſtellten, deren Einkommen nicht ausreicht. Die Frau verſucht durch ein Putzgeſchäft das Fehlende zu erſetzen; ſie iſt mit mäßigem Verdienſt zufrieden, die Konkurrenz iſt groß; zahlreiche Bankerotte zeigen die Schwierigkeit und den großen Andrang. Daneben gibt es in den größern Städten freilich immer auch eine Anzahl ſehr großer wohlrenommirter Geſchäfte, welche entſprechend theurer arbeiten und das können, weil ſie die wohlhabendſten Klaſſen zu ihren Kunden haben.

Umfaſſender und bedeutender als alle dieſe kleinern Gewerbe iſt das Schneidergewerbe; es ſteht an Zahl faſt dem Schuhmachergewerbe nahe. Ich theile zuerſt die Ueberſicht der preußiſchen Schneider von 1816 — 61 mit. Daneben will ich gleich als Ausgangspunkt unſerer Betrachtung vorausſchicken, daß 1861 von den 76823 Geſchäftsinhabern 13741, von den 49291 Gehülfen 8677 weibliche Perſonen ſind. Im ganzen Zollverein zählte man 1861 - 169824 Geſchäfte, davon 34191 in weiblichen Händen, und 98772 Gehülfen, davon 16102 weibliche. Uebrigens ſcheint die Aufnahme in der Heranziehung der Frauen zu derſelben ſehr verſchiedene Grundſätze befolgt zu haben; in Baiern und Hannover ſind über ein Drittel der Geſchäfte in Frauenhänden, in andern Staaten ſind auf mehrere tau- ſend männliche Schneider nur wenige weibliche Geſchäfte notirt, ohne daß doch eine ſolche reale Verſchiedenheit wahrſcheinlich wäre. Dieſer Umſtand zeigt aber überhaupt, welchen Bedenken die ganze Aufnahme des Schneidergewerbes unterliegt. Der Uebergang von der bloßen Nätherin zum Schneidergeſchäft iſt ein unmerklicher. Früher wurden in Preußen die Nätherinnen und Wäſcherinnen mit den weiblichen Tagelöhnern zuſammen aufgenommen (z. B. 1849: 679719, wovon 149610 in den Städten), wobei aber nicht feſtzuſtellen iſt, wie viele von den hier gezählten Frauen Nätherinnen ſind. Die häusliche Weißnäherei iſt ja wohl jedenfalls nicht unter der Kategorie der „Schneider“ mitbegriffen; aber fraglich erſcheint mir, ob die theilweiſe mit Kleidergeſchäften verbundenen Konfektionsgeſchäfte, die Magazine für Weißwaaren und Damenartikel hier mitgerechnet ſind oder nicht; dadurch erſcheint mir der Zweifel nicht gehoben, daß der ganze Zollverein 1861 - 4 preußiſche Weißzeugfabriken mit einigen hundert Arbeitern beſonders in der Fabriktabelle aufführt.

Trotz dieſer Unklarheit des Inhalts der Tabelle müſſen wir verſuchen, die Reſultate aus derſelben zu folgern. Das erſte wäre, daß die Geſammtzahl der preußi- ſchen Schneider um 15,1 % ſtärker zunahm, als die Bevölkerung. Nimmt man dazu, daß die Leiſtungsfähigkeit des einzelnen Arbeiters in größern Geſchäften ſchon lange, auch in allen kleinern ſeit Einführung der Nähmaſchinen, ſehr gewachſen iſt, nehmen wir ferner dazu, daß die Mehrausfuhr an fertigen Kleidern aus dem Zollverein ſeit 20 Jahren ſich verzehnfacht hat (1860 — 64 jährlich 11365 Ztur. im Werth von 3 — 4 Mill. Thlr.), ſo wird man einen Fortſchritt des Gewerbes nicht leugnen können, wie man wohl auch mit Recht annehmen kann, daß gerade die Bekleidung faſt in allen Klaſſen der Bevölkerung eine beſſere gewor den iſt. Freilich bleiben daneben manche Zweifel: Die Zunahme des Perſonalbeſtandes ließe ſich auch darauf zurückführen, daß jetzt gekaufte oder beſtellte Kleider in vielen Kreiſen getragen werden, welche früher Kleider trugen, die von der Familie ſelbſt gemacht waren. Die Poeſie der Nationaltracht, der beſonderen ländlichen Bekleidung verſchwindet; ſelbſt der deutſche Bauer fängt an, fertige ſtädtiſche Kleider zu kaufen. Auch Frauenkleider werden gegenwärtig vielfach fertig in den Magazinen gekauft, wenn gleich noch entfernt nicht ſo ſehr wie die Männerkleider. Doch glaube ich kaum, daß die Zahl der Nätherinnen, welche im Hauſe der Kunden Frauenkleider fertigen, gegen früher abgenommen hat.

In der Organiſation des Geſchäfts ſind große Aenderungen eingetreten, welche aber nicht aus der obigen Tabelle zu erſehen ſind. Ob unſere großen Städte ſchon Geſchäfte haben, wie die Pariſer, welche nur Modelle anfertigen, iſt mir zweifelhaft, 19 wohl aber hat ſich in den größern Städten die Arbeitstheilung vollzogen,20 welche in Paris mit den Namen „Tailleurs fabricants“ und „Tailleurs apiéceurs“ bezeichnet wird. In beiden Arten von Geſchäften ſehen wir große Etabliſſements, welche 50 — 60, ja bis 300 Geſellen in ihren Räumen beſchäftigen, daneben auch außer dem Hauſe nähen laſſen. Beide beziehen die Tuche und anderen Stoffe mehr und mehr direkt vom Fabrikanten, um dadurch die vertheuernde Zwiſchenhand des Tuchhändlers zu ſparen. Häufig ſind frühere Tuchmagazine durch Annahme eines Zuſchneiders und einer Anzahl Schneidergeſellen zu Kleidermagazinen geworden. Der Umfang der Geſchäfte, welche nach Maß und Beſtellung arbeiten, bleibt ſelbſt in den größten Städten in der Regel ein etwas geringerer. Dagegen wächſt der Umfang der eigentlichen Kleiderfabriken theilweiſe in’s Unglaubliche. Von dem Gerſon’ſchen Geſchäft in Berlin, das hauptſächlich Damenmäntel, Mantillen, Modewaaren aller Art führt und nach allen Staaten und Himmelsgegenden exportirt, ſchreibt Viebahn ſchon 1852: „das Geſchäft hat im vergangenen Jahre etwa 16000 bis 20000 fertige Mäntel, Mantillen ꝛc. geliefert. In zwei Geſchäftshäuſern werden unter Leitung von 5 Handwerksmeiſtern und 3 Direktrizen 120—140 Arbeiterinnen, außerdem aber in den Wohnungen etwa 150 Meiſter mit durchſchnittlich 10 Geſellen, welche nur für dies Haus arbeiten, und im Ganzen in ſolchen fertigen Artikeln, das Weißwaarenfach mitgerechnet, 1600 — 2000 Perſonen, je nachdem es ſtille oder lebhafte Zeit iſt, beſchäftigt; in dem Verkaufslokal ſelbſt arbeiten gegen 100 Kommis, Aufſeher, Ladenjungfern und Diener.“

Wenn in dieſer Weiſe die Kleiderfabrikation ſich konzentrirt, ſo muß es Wunder nehmen, daß im Ganzen in Preußen auf 100 Meiſter erſt 64 Gehülfen, auch in Berlin nur 138 kommen. Selbſt wenn man berück- ſichtigt, daß manche als Meiſter gezählte für Magazine und größere Meiſter arbeiten, ſo bleibt das Reſultat überraſchend. Es hat ähnliche Urſachen, wie die große Zahl kleiner Schuhmacher. Dem Glanz und der Entwicklung der großen Geſchäfte und Magazine ſteht die um ſo größere Noth der kleinen Meiſter gegenüber. Der Verſuch, ein eigenes Geſchäft zu beginnen, kann faſt ohne Kapital gemacht werden, der Zudrang iſt bedeutend. Selbſt auf dem Lande iſt die Zahl der Meiſter ſehr groß; 1858 kamen in Preußen auf 30 229 ſtädtiſche, 40 849 ländliche Meiſter; ſchon 184921 kam auf dem platten Lande im Regierungsbezirk Arnsberg auf 131, im Regierungsbezirk Münſter auf 133, im Regierungsbezirk Magdeburg auf 144, im Regierungsbezirk Köslin auf 220 Einwohner ein Schneider (Meiſter und Gehülfen zuſammen). Die meiſten dieſer kleinen Schneider leben in den ärmlichſten Verhältniſſen, viele nur als Flickſchneider und als Hausarbeiter in den Häuſern der Kunden. Auch Viebahn22 nimmt an, daß zwar das Durchſchnittseinkommen, das ein großſtädtiſches Schneidergeſchäft gewähre, etwa 400 Thaler betrage, daß daſſelbe aber in kleinen Städten von 400 auf 200 Thaler ſinke, auf dem Lande wohl noch tiefer herabgehe, wofür dann freilich einige Naturaleinnahmen hinzukämen.

Die Genoſſenſchaften haben hierin wohl Einiges gebeſſert; ſchon 1863 exiſtirten 20 preußiſche und 16 andere deutſche Rohſtoffvereine von Schneidern; 1868 zählt Schulze 23 Rohſtoffvereine, 11 Magazingenoſſen- ſchaften und 10 wirkliche Produktivvereine (einige hiervon ſind in Böhmen) auf; die Stuttgarter Produktivgenoſſenſchaft, durch Dr. Pfeifer beſonders in Gang gebracht, erfreut ſich eines blühenden Geſchäfts, wie denn nicht zu bezweifeln, daß die Schneider ſich auf kooperativem Wege helfen können. Aber was bedeuten bis jetzt dieſe paar Vereine gegenüber den 169924 zollvereinsländiſchen Geſchäften!

Je mehr das Magazinſyſtem ſiegt, deſto mehr findet die Beſchäftigung weiblicher Hände in der Schneiderei ſtatt; in allen Geſchäften, welche fertige Kleider liefern, ſeien es Herren- oder Frauenkleider, wendet man mehr und mehr Mädchen an, was ſchon aus den täglichen Annoncen der Zeitungen zu ſehen iſt, welche Mädchen ſuchen, „die auf Herrenarbeit geübt ſind.“ Und nicht bloß aus den untern Ständen rekrutirt ſich die Zahl dieſer weiblichen Hände; der ganze Ueberſchuß von Töchtern aus dem Krämer-, Handwerker- und Beamten- ſtand, die nicht ſo glücklich ſind in den Hafen einer auskömmlichen Ehe einzulaufen, ſehr viele Wittwen ſind froh, ſolche Beſchäftigung zu finden; hat ja doch erſt in neuerer Zeit die Bewegung begonnen, ihnen auch andere und lohnendere Stellungen zu eröffnen. An manchen Orten klagen die Schneider, ſie könnten mit den Berliner Geheimrathstöchtern nicht mehr konkurriren, ſo billig, wie jene, können ſie nicht arbeiten. Das alles drückt auf die kleinen Geſchäfte, während die großen den Vortheil billiger und guter Arbeit dadurch haben.

Daß es nicht ganz klar ſei, ob unter den obigen Zahlen auch die Weißwaarengeſchäfte begriffen ſind, erwähnte ich ſchon. Ich will über ſie nur noch ein paar Worte hinzufügen. Die Anfertigung der Leib- und Bettwäſche war früher ausſchließlich Sache der Hausfrau; doch entſtanden ſchon in den vierziger Jahren große Geſchäfte, welche auf Lager arbeiten ließen, die eigentliche Ausbildung des Geſchäfts, vor Allem die Ausdehnung des Exports, fand erſt in letzter Zeit ſtatt. Den lokalen Markt verſorgen überall die lokalen Leinwandhandlungen, die faſt durchaus jetzt auch fertige Wäſche verkaufen; das Hauptgeſchäft aber konzentrirt ſich in den Gegenden der Gewebeinduſtrie, ſowie in den Hauptſtädten, in Berlin, Dresden, Wien ꝛc. Von Sachſen erzählte ich ſchon oben, daß mit der Nähmaſchine die Geſchäfte dieſer Art einen neuen Impuls bekommen, daß dadurch die Hausinduſtrie wieder eine Kräftigung erhalten habe. Anderwärts freilich ſiegt der Fabrikbetrieb. Von Bielefeld wird 1867 in Bezug auf die Fabrikation fertiger Wäſche geſchrieben:23 „Eine weitere Zunahme des Umſatzes und der Zahl der beſchäftigten Nähmaſchinen iſt zu konſtatiren; ihre Zahl beläuft ſich jetzt hier auf 504, wobei 1500 Arbeiterinnen faſt unausgeſetzte Beſchäftigung finden. Dieſer Geſchäftszweig hat immer mehr an Boden gewonnen; doch haben ſich die Hoffnungen auf den durch den Handelsvertrag mit Frankreich ermöglichten größern Abſatz in dieſem Lande bis jetzt nur noch in geringem Maße verwirklicht, da man unter Anderem auch noch der Handarbeit zu ſehr den Vorzug gibt, die zu billigeren Preiſen in den Klöſtern des Elſaſſes angefertigt wird. Als eigenthümlich hervorgehoben wird es, daß hierbei in Folge der Beſtrebungen der hieſigen Fabrikanten die Einzelarbeit immer mehr abnimmt, um durch Vereinigung der dabei beſchäftigten Kräfte unter den größern Fabrikanten, den handwerksmäßigen Betrieb immer mehr zu verlaſſen. Die Ausdehnung der Dampfnähereien iſt nur durch techniſche Schwierigkeiten verzögert, aber in Ausſicht genommen.“

Mit der Weißnäherei ſteht die Stickerei und Spitzeninduſtrie auf einer Linie. Neben der Thätigkeit aller Frauen der gebildeten Stände arbeiten überall arme Frauen um Lohn; zu einem eigentlichen Induſtriezweige wurde die Stickerei innerhalb des Zollvereins eigentlich nur in Schleſien, Weſtfalen und Württemberg, dann im ſächſiſchen Erzgebirge und im Voigtlande. In Sachſen ſollen 15000 Perſonen 1861 in der Haus- 24 induſtrie der Spitzenklöppelei und Stickerei beſchäftigt geweſen ſein; der Vorzug der deutſchen Induſtrie liegt wieder — ſozial betrachtet — in einem traurigen Grunde, in der außerordentlichen Billigkeit der Löhne.

Die eigentlichen Spitzen werden entweder geklöppelt, oder mit der Nadel gefertigt; beides blieb bis in die neuere Zeit Handarbeit für Frauen und Kinder, während die ihnen nahe ſtehenden Tüllgewebe, die Gaze, die Pettinets und Bobbinets auf künſtlichen Maſchinen gewebt werden.

Erſt 1840 wurde eine mechaniſche Stickmaſchine von Heilmann im Elſaß erfunden; aber erſt 1850 gelangte ſie in St. Gallen und Appenzell zur praktiſchen Anwendung. Erſt 1857 führte ein Haus in Plauen die erſten Stickmaſchinen aus der Schweiz ein. Bald darauf bemächtigte ſich ein ſächſiſcher Maſchinenbauer der Herſtellung und verbeſſerte ſie ſogar weſentlich, indem er an dem 14 — 15 Fuß langen Stuhl ſtatt einer Reihe zwei bis drei Reihen Nadeln aubrachte. Ende 1861 zählte man in Sachſen 7 Etabliſſements mit 52 Maſchinen, März 1863 ſchon 16 mit 97 Ma- ſchinen. Sie werden übrigens mit der Hand getrieben. Die ſogenannten doppelten Maſchinen koſten 800 Thlr., die dreifachen 1100 Thlr. mit allem Zubehör.

Auch für die Stickerei alſo hat der Kampf mit der Maſchine begonnen; vorerſt freilich nur mit der Folge, den Lohn der armen Frauen und Kinder herabzudrücken. Im Jahre 1863 zählte man im Chemnitzer Handelskammerbezirk noch 14695 Klöppelkiſſen für Erwachſene, von denen 12773 im Betrieb waren, 7296 für Kinder, wovon 6851 in Thätigkeit waren. Der öſtreichiſche Ausſtellungsbericht beginnt zwar ſeine Betrachtungen über die Spitzenmanufaktur mit den Worten: „die Pariſer Univerſalausſtellung vom Jahre 1867 fällt in die Zeit, wo die Handſpitze über die Maſchinenſpitze nach einem längern Kampfe den Sieg davon trug und die Ausſtellung ſelbſt brachte dieſen Sieg erſt zur allgemeinen Anſchauung; ſie wird daher in der Geſchichte der Spitzenarbeit fortan als ein wichtiger Wendepunkt merkwürdig bleiben. Die durch Nadel und Klöppel erzeugten Handſpitzen erlangten dieſen Sieg über die Maſchinenſpitzen zumeiſt durch die ſchöne und geſchmackvolle Herſtellung der Zeichnung oder der Muſterung, alſo durch die ſorgſame Pflege des künſtleriſchen Antheiles.“ Das iſt aber gerade für die deutſchen Bezirke, welche bisher mehr einfache und billige Produkte lieferten, kein Troſt. Die belgiſche und franzöſiſche Spitzenmanufaktur erſter Qualität wird bei der Handarbeit bleiben, die deutſche wird der Maſchine in dem Maße erliegen, als man verſäumt, auf beſſere Qualitäten überzugehen; die Handarbeit wird ſich nur da behaupten, wo bei höherem Lohn und beſſeren ſozialen Verhältniſſen die Stickerinnen nicht nach Bildung und Herkommen auf die traurige Konkurrenz mit den einfachern Maſchinenprodukten angewieſen ſind.