Schluß und Reſultate.
In ähnlicher Weiſe, wie im Vorſtehenden die Gewebeinduſtrie und Bekleidungsgewerbe, noch die Metall- und Maſchineninduſtrie, die Inſtrumenten-, Geräthe- und Holzwaarengewerbe nach ihrer hiſtoriſchen Umbildung in Deutſchland zu unterſuchen, war meine Abſicht. Aber der dieſem Buche urſprünglich zugemeſſene Raum iſt bereits ziemlich überſchritten und eine ähnliche Bearbeitung, wie die der Gewebeinduſtrie würde das Er- ſcheinen des Buches noch um längere Zeit verzögern. Die numeriſche Bedeutung der Metallgewerbe erreicht auch die der bisher beſprochenen Gewerbe entfernt nicht; berechnet doch auch Viebahn1 nach dem Geſammtinhalte der Handwerker-, Handels- und Fabriktabelle des Zollvereins im Jahre 1861, daß 40 % der Arbeitenden auf die Textilgruppe, 21 % auf die baulichen Arbeiten, 17 % auf die Nährgewerbe, 12 % auf die Dekorations-, artiſtiſchen und literariſchen Gewerbe und nur 10 % auf die Metallurgie kommen. Sachlich freilich iſt die Bedeutung der Metallgewerbe um ſo größer. Es iſt die Induſtriebranche, von welcher die übrigen vielfach in ihren Fortſchritten abhängen, die auch in Deutſchland in den letzten 30 Jahren die glänzendſte Entwickelung hatte, welche die tüchtigſten Unternehmer, die kräftigſten und am beſten bezahlten Arbeiter zählt. So mögen denn wenigſtens einige flüchtige Worte über ſie hier noch als Einleitung der Schlußbetrachtungen ihre Stelle finden.
Die Werke und Hütten, welche die Metalle zu Tage fördern und ausſchmelzen, ſind nicht bloß ſelbſt zu immer größerem Umfang angewachſen, ſie haben vielfach auch die erſte Verarbeitung der Metalle mit übernommen; eiſerne Oefen, ſowie einfachere Eiſengeräthe und Maſchinentheile werden auf den Hütten ſelbſt gegoſſen; Stahl-, Eiſenwalz- und Eiſendrahtwerke ſind mit den Hütten verbunden; häufig ſind die großen Gewerkſchaften ſogar im Beſitz von Maſchinenfabriken. Aber auch wo die weitere Verarbeitung der Metalle, beſonders des Eiſens und Stahls, ſelbſtändigen Geſchäften anheimfällt, können wenigſtens für eine Reihe von Spezialitäten nur noch die größten Etabliſſements konkurriren, da die nothwendigen Ingenieure, Zeichner und Modelleure nur in ſolchen voll ausgenutzt und demgemäß bezahlt werden können, da die Gebäude, die ſonſtigen Anlagen, die großen Summen zum Einkauf der Rohſtoffe und zur monatelang vorher erfolgenden Auszahlung hoher Löhne nur dem großen Kapital die Betheiligung erlauben. So für Lokomotiven, Damfſchiffe, Dampfmaſchinen, mechaniſche Spinnereien, Eiſenbahnwagen, bergmänniſche Maſchinen und Geſchütze. Krupp in Eſſen hat gegen 8000, Borſig in Berlin gegen 3000, Hartmann in Chemnitz 2000, Kramer-Klett in Nürnberg gegen 1000 Arbeiter. Auf eine Wagen- und Bahnenwagenfabrik im Zollverein kommen 1861 - 70, auf eine Maſchinenbauanſtalt 54, in Berlin allein 80 Arbeiter. Um die große Maſchineninduſtrie gruppiren ſich nach und nach wieder eine Reihe mittlerer Geſchäfte, welche maſſenhaft einzelne Theile, Keſſelarmaturen und Aehnliches übernehmen; das iſt in entwickelteren Ländern, wie in England, noch mehr der Fall; eigentlich kleine Geſchäfte ſind das aber auch noch nicht. Neben den Maſchinenfabriken kommen eine Reihe von Anſtalten, deren Ausdehnung ziemlich verſchieden iſt: Dampfkeſſel-, Ketten-, Anker-, Schrauben-, Nägel- und Drahtſtiftfabriken, Senſenhämmer, kleinere Gießereien, Kratzenfabriken, Anſtalten für Hecheln, Kämme, Jacquardmaſchinenkarden, hölzerne Web- und Strumpf- ſtühle und Aehnliches. Die für Webereibedürfniſſe arbeitenden Werkſtätten zählten 1861 noch (entſprechend der noch überwiegenden Handweberei) auf eine Anſtalt nur 3 Perſonen; doch ändern ſich auch hier die Dinge von Tag zu Tag.
Die kleinen Geräthe und Inſtrumente aus Eiſen und andern Metallen, die Produkte der Feinmechanik, die Blechwaaren, Schmiedewaaren, die Waffen und Uhren, die muſikaliſchen, optiſchen, chirurgiſchen Inſtrumente werden theilweiſe auch noch vom Handwerk, vielfach noch von der Hausinduſtrie, aber auch ſchon mannigfach und mit täglich ſteigendem Erfolg von großen Fabriken geliefert. Was früher mit der Hand, aus geſchnittenen Blechen, durch getriebene Arbeit hergeſtellt wurde, wird jetzt mehr gegoſſen oder durch Druck-, durch Fall- und Walzwerke geſtanzt und gewalzt; die einfachen Ackergeräthe, welche der Schmied lieferte, gingen auf Eiſenwerke und landwirthſchaftliche Maſchinenfabriken über. Alle Baubedürfniſſe, Schlöſſer, Thür- und Fenſterbeſchläge macht die Fabrik billiger; die Ausführung von Dach- und andern Eiſenkonſtruktionen beim Häuſerbau, welche ſich nach der Oertlichkeit richten, bleiben eher dem lokalen Handwerker. Die Nagel- ſchmiede ſind theilweiſe ſchon ganz verſchwunden, im Erzgebirge und Oberfranken aber hämmern ſie ſich den Drahtſtiftfabriken zum Trotze noch müde, unter deren Konkurrenz ſie verkümmern, und denken nicht daran, ihrer Arbeit eine andere Richtung zu geben, ihren ſpärlichen Gewinn durch ein geſuchteres Fabrikat zu erſetzen. In ähnlicher, theilweiſe auch noch in beſſerer Lage ſind eine Menge von Metall und Holz verarbeitenden Hausinduſtrien Mitteldeutſchlands, in Sachſen, in Thüringen, im nördlichen Baiern bis nach Naſſau und der Rheinpfalz. Die kleinen Nadler in Pappenheim, die „Heimarbeiter“ der Nähnadel- und ähnlicher Fabriken in Schwabach, die erzgebirgiſchen Blecharbeiter, die fichtelgebirgiſchen Tafelmacher und Schieferarbeiter, die Sonneberger Holzſchnitzer und Spielwaarenverfertiger, die Krugmacher des Weſterwaldes, die pfälzer Bürſtenbinder, alle dieſe Hausinduſtrien haben zu kämpfen mit dem beginnenden Fabrikſyſtem und halten ſich vorerſt durch die ſtaunenswerthe Bedürfnißloſigkeit und Genüg- ſamkeit der Arbeiter. Manche ſind in jammervoller Noth und drückender Abhängigkeit von den Kaufleuten und Faktoren, welche ihnen die Rohſtoffe liefern. Wo durch techniſche Schulen und andere Mittel die Bildung und Leiſtungsfähigkeit ſich gehoben hat, da iſt die Lage beſſer, wie z. B. die der Spielwaarenverfertigung in Sonneberg, die noch kaum Fabrikkonkurrenz hat. Aehnlich ging es ja auch mit der großen Schwarzwälder Uhreninduſtrie, deren Kriſis ſchon in den Anfang der vierziger Jahre fällt. Die Furtwanger Uhrmacherſchule, eine Reihe tüchtiger Werkzeugmacher genügten, die kleinen Leute ſo zu heben, daß ſie jetzt wieder mit jeder Großinduſtrie der Welt konkurriren.
Die rheiniſche Kleineiſen- und Metallinduſtrie in Solingen, Remſcheid, Lindenſcheid, Hagen, Altena, Iſerlohn war bis in die neuere Zeit auch überwiegend Hausinduſtrie und Sache kleiner ſelbſtändiger Meiſter. Die großen kaufmänniſchen Geſchäfte (hier Kommiſſionäre genannt) geben dem Meiſter (hier Fabrikant genannt) die Beſtellungen; den Rohſtoff erhält er theilweiſe, theilweiſe liefert er ihn ſelbſt. Die erſte Arbeit fällt dem Schmiede zu; man unterſcheidet die verſchiedenſten Arten (20—30) von Schmieden; dann gehen die Stücke an den Schleifer, der in der Schleifkotte polirt, endlich an den Reider, der das Heft aufſchlägt. 2 Aehnlich iſt ein großer Theil der Waffeninduſtrie organiſirt. Aber überall zeigen ſich auch hier die Aenderungen, überall dieſelben Klagen: die kleinen Meiſter wohnen zu zer- ſtreut, können größere Maſchinen nicht anwenden, machen die techniſchen Fortſchritte nicht mit. Jacobi ſagt (1855): „Es drängt auch hier der Zug der modernen Induſtrie die Fabrikation unwiderſtehlich mehr und mehr aus den vereinzelten Werkſtätten und dem noch halb handwerksmäßigen Betriebe in die großen gewerblichen Anlagen und den geſchloſſenen Fabrikbetrieb hinüber. Schon ſind die Nadler, die Sporenmacher, die Gelbgießer, die Gürtler und Andere den großen Fabrikanſtalten meiſtens gewichen und gleichartige Entwicklungen bereiten ſich nach allen Seiten vor. Die Walzen treten an die Stelle der Hämmer, die Puddelöfen an die Stelle der Friſchöfen.“ Doch muß Jacobi zugeben, daß die meiſten Uebelſtände auch ohne Uebergang zur großen Fabrik ſich vermeiden laſſen, wenn nur die richtigen Mittel ergriffen werden. Da und dort haben ſich einige tüchtige Meiſter vereinigt; mancher Schloßſchmied arbeitet mit Durchſchnittmaſchinen, Preſſen, Kreisſcheeren zum Ausſchneiden und Formen der Schloßkaſten, mancher Schüppenſchmied mit der Schlagmaſchine zum Stampfen der Schaufeln. Bei richtiger Bildung der kleinen Meiſter, bei richtiger lokaler Vereinigung, bei Benutzung gemeinſamer mechaniſcher Kräfte ließen ſich auch hier die kleinen Geſchäfte halten, ſo gut wie in Birmingham. 3 Die Fabrik ſiegt nicht ſowohl, weil ſie dauernd abſolut beſſere Produkte liefert, ſondern weil die kleinen Meiſter den Uebergang zu manchem Neuen nicht zu machen verſtehen. Die oben beſprochene Nürnberger und Fürther Hausinduſtrie iſt ein Beweis hierfür.
Es handelt ſich hier, ähnlich wie bei vielen Branchen der Textilinduſtrie ſowie vieler anderer Gewerbe, um Arbeiten, um Prozeduren und Vorgänge, die nicht nothwendig ein großes Fabrikſyſtem erfordern, um Thätigkeiten, für welche das große Geſchäft dieſe, das kleine jene Vorzüge hat. Den Ausſchlag nach der einen oder andern Richtung geben die verſchiedenartigſten, häufig gar nicht ſpezifiſch volkswirthſchaftlichen Urſachen. Neben Klaſſen- und Kreditverhältniſſen kommen Volks- ſitten und Charakter, hergebrachte Gewohnheiten und zufällige Anregungen durch einzelne Perſonen, die Einflüſſe der Beamten, die Schulverhältniſſe, die Sorge für techniſche Bildung, die erſte Organiſation des für die Hausinduſtrie immer ſchwierigeren Abſatzes, die zeitweiſe Unterſtützung zur Ueberleitung in neue techniſche und kaufmänniſche Verhältniſſe in Betracht.
Mit dieſem Ergebniß, das den flüchtigen Ueberblick über die Metallinduſtrie abſchließt, aber zugleich auch ein allgemeines Reſultat unſerer Unterſuchungen ausſpricht, komme ich zurück auf den eigentlichen Zweck dieſes letzten Abſchnittes, auf die Endergebniſſe und Schlußreſultate, die ich hier theilweiſe erſt zu ziehen, theilweiſe in Kürze zu reſumiren habe.
Die Kriſis des Handwerks iſt keine Sache für ſich, ſie iſt nur eine Folge der allgemeinen Aenderungen unſerer geſammten wirthſchaftlichen Verhältniſſe. Ein totaler Umſchwung der Technik und des Verkehrsweſens, eine außerordentlich raſch zunehmende Bevölkerung, eine vollſtändige Verlegung faſt aller Standorte der Induſtrie wie der Landwirthſchaft, eine ganz andere Organiſation der bei der Produktion zuſammenwirkenden Kräfte, total veränderte Klaſſen- und Beſitzverhältniſſe, eine ganz andere volkswirthſchaftliche Geſetzgebung, alle dieſe Momente zuſammen haben die moderne ſoziale Frage geſchaffen. Einzelne dieſer tief eingreifenden Urſachen ſtehen an ſich in engem Zuſammenhang, andere fallen gleichſam nur zufällig in dieſelbe Zeit. Die Geſammtwirkung kann keine einfache ſein. Viele Errungenſchaften der neuen Zeit kommen allen Klaſſen gleichmäßig zu gute, andere nur einzelnen. Die vollſtändige Neugeſtaltung der Vermögens- und Einkommensverhältniſſe, als Folge nicht bloß ſpezifiſch wirthſchaftlicher, ſondern auch anderer Urſachen hat einzelne Stände, einzelne Klaſſen in ebenſo behagliche, wie andere in traurige ärmliche Lage verſetzt. Die Streiflichter, welche unſere Unterſuchungen auf die Konſumtion warfen, deuteten an, welch große Zunahme des Verbrauchs in einzelnen Artikeln, welche Stabilität oder gar Abnahme in anderen ſtattfand, wie ungleich nach den verſchiedenen geſellſchaftlichen Klaſſen ſich die Fortſchritte des Wohlſtandes vertheilen. Da Licht, dort Schatten, da die größten Fortſchritte, dort Stabilität und Mißbehagen — das iſt das Bild unſerer Zeit. Ein optimiſtiſcher „Ziviliſationshochmuth“ ſieht nur, wie herrlich weit wir es gebracht, und es wird ſich gar nicht leugnen laſſen, daß Großes geſchehen und erreicht iſt. Nur wird man bei unbefangener Beachtung zugeben, daß wir noch mitten inne in einem Gährungsprozeſſe ſtehen, in einem Kampfe geſunder und ungeſunder Elemente, in einem Kampfe neuer Tugenden und neuer Laſter; man wird zugeben, daß in dem neuen Wohnhauſe, das die Menſchheit bezogen, gleichſam die Hausordnung noch nicht oder noch nicht definitiv feſtgeſtellt iſt. Das ſchönere größere Wohnhaus wird der Menſchheit zum Heile bleiben, aber vielleicht werden erſt künftige Generationen zu den Regeln des Zuſammenlebens, zu den Sitten und Anſchauungen ſich durcharbeiten, die das Wohnen in dem neuen Gebäude für Alle oder wenigſtens für die Mehrzahl zum Segen machen. Wer freilich daran glaubt, daß die Volkswirthſchaft in ihrer hiſtoriſchen Entwicklung eine automatiſch und immer harmoniſch von ſelbſt ſich drehende Maſchine ſei, der wird, nur die techniſchen und andern Fortſchritte ſehend, nicht zugeben, daß trotz derſelben und theilweiſe durch die- ſelben zunächſt viele und ſchwere Mißſtände ſich ergeben, hauptſächlich die täglich ſteigende Ungleichheit der Vermögens- und Einkommensvertheilung; der wird nicht einſehen, daß zur Ergänzung des totalen Umſchwungs in unſerem äußeren wirthſchaftlichen Leben ein gleicher Umſchwung unſerer Sitten und Gewohnheiten, unſeres Rechts- und Sittlichkeitsbewußtſeins gehörte, daß ein ſolcher, bis er durchgeſetzt und erkämpft iſt, längere Zeit, vielleicht Jahrzehnte und Jahrhunderte braucht, jedenfalls gegenwärtig noch nicht erfolgt iſt. Wer auf dem entgegengeſetzten Standpunkte ſteht, wer den Zuſammenhang zwiſchen dem innern geiſtigen und ſittlichen Leben der Völker und den äußern Geſtaltungen von Recht und Wirthſchaft erkennt, wer weiß, daß das eine wie das andere Element allein in Bewegung kommen kann, daß das Pflichtgefühl der höhern Klaſſen ebenſo ſchwer Neuem zugänglich iſt, wie die techniſche Durch- ſchnittsbildung der untern Klaſſen, der wird es ſehr begreiflich ja nothwendig finden, daß wir uns zunächſt in einem Chaos, in einem Kampfe der ſozialen Klaſſen befinden, der wird nicht erwarten, daß die Folge ſo großer theilweiſe unter ſich gar nicht zuſammenhängender Urſachen eine vollſtändig harmoniſche Entwickelung ſei, daß wir für alle die Aenderungen unſeres äußeren wirth- ſchaftlichen Lebens auch ſchon die abſolut richtigen ſittlichen und rechtlichen Kulturformen gefunden haben. Die reine Wiſſenſchaft wird ſich daher nicht ſcheuen, von dieſem Standpunkte aus alle Grundlagen unſeres ſozialen Lebens in Frage zu ſtellen; denn nur, was vor erneuter Prüfung Stich hält, ſoll bleiben. Aber ſie wird ſich nicht der ſonderbaren Inkonſequenz unſerer radikalen Volkswirthe ſchuldig machen, die ſo leicht und vielfach mit Recht das beſtehende Privat- und Staatsrecht als ein unhaltbares hiſtoriſch überlebtes angreifen, dagegen vor dem zufällig heute ſo feſtgeſtellten Recht des Privateigenthums, vor dem heute zufällig beſtehenden Obligationsrecht der Arbeitsmiethe als einem unantaſtbaren Noli me tangere ſtehen bleiben und in dieſen Punkten nicht bloß konſervativ, ſondern reaktionär und altgläubig bis zum Uebermaß werden. Nicht als wollten wir ohne Weiteres dieſe Rechtsformen an ſich angreifen, aber das geben wir zu: auch ſie ſind in ihrer augenblicklichen Geſtaltung doch nur hiſtoriſch gewordene, durch beſtimmte Zuſtände und Sitten bedingte Inſtitutionen, die nicht immer gerade ſo waren und nicht nothwendig in Zukunft immer ſo ſein werden, die nur dann ihre innere Berechtigung ſich erhalten, wenn ſie unter den beſtimmt gegebenen äußern und innern Verhältniſſen die beſte Rechtsform für die Geſell- ſchaft ſind.
Doch zunächſt nicht dieſe allgemeine Frage haben wir zu beſprechen, ſondern die konkretere, wie nach den vorſtehenden Unterſuchungen ſich die Lage des deutſchen Handwerkerſtandes im 19. Jahrhundert geſtaltet hat.
Wir ſehen, daß die Gewerbefreiheit, nothwendig nach dem heutigen Stande der Technik, mancherlei Hemmungen, mancherlei veraltete Vorſchriften beſeitigt, daß ſie, ſoweit ſie innerhalb ſittlcher Schranken oder, wie der Kaufmann zu ſagen liebt, innerhalb des reellen Ge- ſchäftslebens auftritt, den einzelnen und beſonders den Fähigen, den an ſich ſchon Höherſtehenden zu früher nicht gekannter Anſtrengung und Arbeit treibt, daß ſie aber an ſich dem kleinen HaudwerkHandwerk keine Rettung, dem großen Gewerbe viel eher als den kleinen Meiſtern Förderung bringt, die Kardinalpunkte, um die es ſich handelt, wenn das Handwerk d. h. ein zahlreicher ſtädti- ſcher Mittelſtand erhalten werden ſoll, kaum berührt. In der neuen freieren Stellung der Innungen, in dem Wegfall jedes Zwanges zum Beitritt wird man eher eine direkte Förderung ſehen. Man kann das z. B. in Sachſen erkennen. Die Innungen, welche ſich halten wollen, an deren Spitze tüchtige Leute ſtehen, müſſen, um anzulocken, etwas bieten, irgend wie poſitiv das Gewerbe fördern, und dann werden ſie auch an Mitglieder zahl zunehmen, während ſie bisher daran nicht dachten, nur eiferſüchtig auf ihre Rechte pochten, ohne damit ihrem Ruin irgend wie Einhalt zu gebieten. Zunächſt wird aber auch das nicht zu viel wirken.
Es wird die allgemeine Richtung nicht aufhalten, die, wie wir an den vielen Beiſpielen ſahen, dahin geht, faſt in allen Zweigen der Induſtrie die kleinen Geſchäfte zu verdrängen, eine geringe Zahl von großen Unternehmungen mit Lohnarbeitern an deren Stelle zu ſetzen. Man mag ſich dem gegenüber darauf berufen, daß nach meinen eigenen Berechnungen die Handwerkertabelle faſt überall noch die Fabriktabelle überwiegt, 4 man mag daran erinnern, daß Viebahn für den ganzen Zollverein folgendes Verhältniß im Jahre 1861 berechnet:
Solche Zahlen aber beweiſen als Durchſchnitt eines einzigen Momentes nicht ſehr viel. Nicht auf die Lage in dieſem oder jenem Zeitpunkt kommt es an; die Frage iſt, ob eine große Aenderung ſich vollzieht und dieſe kann ſich nie in den Zahlen eines Jahres allein zeigen, ſie kann ſich vollends nicht in den Zahlen von 1861 klar zeigen, da die Wirkung der dem Handwerk feindlichen Faktoren theilweiſe wohl ſchon ſeit 1838—40, theilweiſe aber auch erſt von 1850—55, ja von 1861 an beginnt. Um einen Ueberblick über die wirkliche äußere und innere Lage der Handwerker zu geben, möchte ich ſie folgerdermaßen klaſſifiziren.
Die tüchtigſten Meiſter, die choleriſchen, geiſtig und körperlich kräftigſten Naturen haben ſich durch den Druck der Verhältniſſe eher gehoben; es ſind die self made men, es ſind die Stützen der Schulze-Delitzſch’ſchen Vereine, es ſind die Parteigänger der Gewerbefreiheit unter den Meiſtern ſelbſt, es ſind politiſch faſt durchaus liberale Leute; es ſind diejenigen, aus denen immer einzelne zum Beſitze großer Fabriken ſich emporarbeiten. Aber ihre Zahl iſt gering, ſehr gering. Man darf ſich durch die Mitgliederzahl der Vorſchußvereine nicht täu- ſchen laſſen; die Mitgliederzahl der Rohſtoff-, Magazin- und Produktivvereine iſt ohnedies klein genug, wie wir da und dort ſahen. In den Vorſchußvereinen gehört die Hälfte bis zwei Drittel Leuten an, die nicht in der Handwerkertabelle gezählt werden; es ſind gar viele kleine Kaufleute, kleinere und größere Fabrikanten, Rentiers und andere Perſonen dabei, und unter den Handwerkern ſelbſt iſt nicht jedem an ſich ſchon geholfen, der Mitglied eines Vorſchußvereins iſt. Viebahn zählt 1861 im ganzen Zollverein 1101714 ſelbſtändige Handwerker und 47575 auch zum großen Theil kleine kunſtinduſtrielle Geſchäfte; Schulze zählt 1868 auf die ihm genauer bekannten 666 Vorſchußvereine 256337 Mitglieder, von denen aber, wie geſagt, ſehr viele keine Handwerker ſind. Immer iſt der Segen der Genoſſenſchaftsbewegung und ſpeziell der Vorſchußvereine ein großer, der Erfolg ein glänzender; es iſt, möchte ich ſagen, faſt die einzige Lichtſeite des heutigen Handwerks; aber es iſt eine Förderung, die nur einer verhältnißmäßig kleinen Elite zu Gute kommt.
Ihnen gegenüber ſteht die Hauptmaſſe der kleinen Meiſter, die über die herkömmlichen Anſchauungen, wie über die Noth des Tages nicht hinauskommen. Es ſind nicht bloß die faulen, phlegmatiſchen, es iſt der Mittel- ſchlag der Menſchen, der überall überwiegt. Es ſind darunter auch manche Wohlhabende mit ererbtem, ſeltener mit erworbenem Beſitz. Sie ſuchen ihr Handwerk zu treiben, wie es der Vater und der Großvater getrieben; die neue Zeit verſtehen ſie nicht, ſie ſehen nur, daß ſie trotz aller Arbeit ärmer und ärmer werden, ſie haben die dumpfe Erinnerung, daß es früher um das Handwerk beſſer geſtanden habe. Das ſittlich Berechtigte ihrer Beſtrebungen liegt in einem gewiſſen ſpießbürgerlichen Feſthalten an althergebrachter Zucht und Sitte, das freilich nicht gepaart iſt mit dem Verſtändniß für die neue techniſche Bildung, die ſie ihren Lehrlingen geben müßten. Ausſchließlich ſehen ſie das Heil der Handwerkerſache in Zunftrechten und Innungen, welche doch nichts für das Handwerk leiſteten. Sie ließen ſich von der Reaktion ins Schlepptau nehmen, welche ihnen mit Wiederherſtellung der Zunft beſſere Zeiten vor- ſpiegelte. Wenn Leute, wie der Geh. Rath Wagener, welche den Bund zwiſchen den alten Handwerksmeiſtern und der konſervativen Partei zu knüpfen ſuchten, nicht ausſchließlich politiſche Parteizwecke verfolgt hätten, wenn ſie mit Energie und den großen Geldmitteln, über welche ſie verfügen konnten, die ſyſtematiſche Organiſation von techniſchen Schulen, von Genoſſenſchaften und hauptſächlich von Produktivaſſoziationen in die Hand genommen, ſie inſtruirt und geleitet hätten, ſtatt mit der Fata Morgana einer neuen Zunftepoche die Leute zu täuſchen, ſo wäre auch mit dieſer Klaſſe der Meiſter Manches zu erreichen geweſen. So aber hat der Bund zwiſchen den ehrbaren Meiſtern und unſern Hochtory’s dieſen mehr geſchadet als genützt, wie das Huber ſeinen ehemaligen konſervativen Freunden immer gepredigt hat.5 Auch der Handwerkerbund und die Handwerkertage, wo der Berliner Schuhmachermeiſter Panſe im Verein mit ultrawelfiſchen Zeitungsredakteuren das große Wort führt, haben ſich nur in Klagen über Gewerbefreiheit und in der Hoffnung einer Wiederherſtellung der Zunftrechte ergangen, als ob mit dieſen Rechten der innere Fort- ſchritt, der allein helfen kann, irgend wie angebahnt würde. Auf dem neueſten Handwerkertage, der eben jetzt hier in Halle berathet, wird zwar die Gewerbefreiheit als fait accompli anerkannt, man beſchließt, nicht mehr dagegen zu petitioniren, es wird im Detail manches Wahre und Gute von einzelnen Meiſtern bemerkt; aber die Wortführer, Panſe und Genoſſen, verweiſen doch in der Hauptſache nur auf eine Konſervirung der Innungen, die einſtens, nachdem allgemeine Unordnung und allgemeines Elend aus der Gewerbefreiheit entſtanden ſein werde, wieder zu Ehren und Rechten kommen müßten. Die Maſſe der Meiſter glaubt das nicht mehr, die Theilnahme für ſolche Verheißungen ſinkt ganz entſchieden; aber eben damit ſteigt die Rathloſigkeit und die Muthloſigkeit.
Eben für dieſe Muthloſigkeit möchte ich einige perſönliche Erfahrungen als Beſtätigung anführen. Ich habe ſeit längerer Zeit, auf Reiſen und zu Hauſe, verſucht, das Alter der Meiſter zu beobachten; ich fand faſt immer mehr alte als junge Meiſter: viele der 1861 noch vorhandenen Meiſter werden nicht mehr durch neue erſetzt werden. Die Aelteren ſiechen vollends hin, weil ſie nichts anderes zu ergreifen wiſſen. Als ich neulich den Vorſtand der hieſigen an ſich blühenden Weberaſſoziation fragte, wie es gehe, meinte er, der Abſatz gehe, ſeine 9 Weber ſeien immer voll beſchäftigt; aber einer ſeiner alten Freunde nach dem andern ſterbe weg, junge treten nicht zu, es ſetzten ſich gar keine jungen Webermeiſter mehr hier. Und ähnlich geht es mit einer Reihe von Gewerbszweigen, die heute noch als kleine Geſchäfte exiſtiren, in die aber kein junger Nachwuchs eintritt. Unter den jüngern Meiſtern, die in anderen Branchen noch verſuchen, ein Geſchäft anzufangen, hat mich bei mannigfachen Geſprächen da und dort ein Symptom um ſo mehr erſchreckt, je öfter ich darauf ſtieß: die Stellenjägerei von Leuten, deren Stolz und Ehre das eigene Geſchäft doch ſein ſollte. Sie wollen ihr Geſchäft aufgeben, wenn man ihnen nur die Stelle eines Hausmanns, eines Schließers mit freier Wohnung oder ein paar Thalern in Ausſicht ſtellt, wenn ſie bei einer Eiſenbahn nur Wagenſchieber mit jährlich 100 Thlr. werden können. Eiſenbahnen und Aktiengeſellſchaften wiſſen davon zu erzählen. Die zahlreichen Auswanderungen von Handwerkern ſind Folge des- ſelben Zuſammenhangs. Nur ein anderes Symptom der Muthloſigkeit iſt es, wenn die leidenſchaftlichen, die ſanguiniſchen, die verbiſſenen Naturen der Sozialdemokratie ſich in die Arme werfen. Kleine Meiſter und ältere Geſellen, die es zu keinem ordentlichen Ge- ſchäft bringen können, ſtellen ein ziemliches Kontingent zu dieſer Partei.
Freilich gibt es auch welche, die den Muth nicht ganz ſinken laſſen; es ſind die pfiffigen, die verſchmitzten, geriebenen; für ſie iſt das Bankerottmachen ein gutes Geſchäft; urſprünglich Handwerker, werden ſie ſpäter ausſchließlich Krämer, Unterhändler, Kommiſ- ſionäre, Winkeladvokaten, Hauſirer; ihnen iſt kein Ge- ſchäft zu ſchlecht; man nennt ſie hier zu Lande die „Macher,“ weil ſie Alles und in Allem machen. Der ſchlimmſte Theil bildet die Rekruten für das Zuchthaus; viele aber waren urſprünglich ehrliche Leute, welche nur die Noth zu „Machern“ gemacht hat.
Unter alle die vorſtehenden Kategorien paßt eine Klaſſe der kleinen Meiſter nicht recht und zwar eine der zahlreichſten; ich meine die Weber, die Schmiede, die Blecharbeiter, die Holzſchnitzer und andere in Hausinduſtrien beſchäſtigte Meiſter und Arbeiter, welche überwiegend auf dem Lande wohnen. Von Schleſien bis an und über den Rhein zieht ſich beſonders durch ganz Mitteldeutſchland zu Tauſenden dieſe Art kleiner Unternehmungen. Meiſt ſchon lokal abgeſchnitten von fördernden Anregungen, bleiben ſie trotz immer ſinkenden Lohnes ihrer Arbeit treu. In einzelnen Branchen, wie in der Spinnerei, ſind ſie vernichtet, in anderen naht der Untergang. Sie haben der deutſchen Induſtrie zu dem traurigen Weltruf verholfen, in erſter Linie durch Billigkeit der Arbeit ſich auszuzeichnen. Sie haben der Bevölkerung ganzer Gegenden jenen Typus der äußerſten Genügſamkeit verliehen, die ſich jede Lohnreduktion gefallen läßt. Wenn man jetzt ſo oft verſichert, die Löhne ſteigen allgemein (was oft nur mit ein paar zufälligen engliſchen Zahlen bewieſen wird), ſo bilden ſie einen lebendigen Proteſt gegen dieſe Behauptung in ihrer Allgemeinheit. Und wenn man dieſe Leute einfach mit der Anweiſung auf den ſteigenden Lohn in der Fabrik tröſtet, ſo gibt man damit wenigſtens zu, daß der ſelbſtändige induſtrielle Mittelſtand in bedeutender Abnahme begriffen iſt.
Gegenüber der Mehrzahl der ſo verarmenden und abnehmenden kleinen Meiſter kann man ohne große Ungerechtigkeit nicht den Satz aufſtellen, ſie ſeien ſelbſt an ihrem Untergange ſchuld. Wohl ſind manche Einzelne perſönlich ſchlechte faule indolente Menſchen, wohl iſt jedem hervorragend Begabten der Weg nach Oben offen, wohl trägt der ganze Stand die Schuld Jahrhunderte langer Lethargie und kleinlicher Spießbürgerei; aber ſchon dieſes letztere Moment iſt keine Schuld, die den Stand allein, ſondern eine Schuld, welche die Nation und ihre Geſchichte trifft. Und vollends allen den neuern Fortſchritten der Technik gegenüber befindet ſich die Maſſe der Meiſter faſt vollſtändig in der Unmöglichkeit, ſie nach ihrer herkömmlichen, ſeit Jahrhunderten ausreichenden Bildung zu verſtehen, in der Unmöglichkeit, ſie nach ihrem Kapitalbeſitz anzuwenden. Das hauptſächlich erzeugt den Mißmuth und die dumpfe Unzufriedenheit der Meiſter, wie der vollends zum Lohn- und Fabrikarbeiter Herabgedrückten. Sie verarmen ohne oder ohne entſprechende Schuld, während ſie auf der andern Seite ſich Vermögen bilden, einen übermüthigen materialiſtiſchen Luxus entſtehen ſehen, ohne oder ſcheinbar ohne perſönliches Verdienſt.
Das Volksbewußtſein wird jede beſtehende Ungleichheit des Vermögens und Einkommens als erträglich anſehen, welche wenigſtens ungefähr den perſönlichen Eigenſchaften, dem ſittlichen und geiſtigen Verdienſt der Betreffenden, der geſellſchaftlichen Klaſſe entſpricht. Ich ſage — ungefähr. Denn ganz wird und kann das nie der Fall ſein. Die beſtehende Vermögensvertheilung geht theilweiſe immer zurück auf Jahrhunderte alte Gewalt, auf Zufälle mancher Art, auf Geſetze und Ereigniſſe, die nicht wirthſchaftlicher Natur ſind. Aber im Ganzen wird doch im gewöhnlichen Laufe der Dinge der Tüchtige erwerben, der Untüchtige verarmen. Auf dieſen nur unklar gefaßten ſittlichen Gedanken gründet ſich ja auch die in ihrer Uebertreibung freilich nicht mehr wahre Behauptung: aller Werth entſpreche der Arbeit. Wenn dem immer ſo wäre, ſo gäbe es keine ſchwierigen ſozialen Probleme. Sie entſtehen eben, wenn übermächtige große Ereigniſſe politiſcher, rechtlicher, volkswirthſchaftlicher und techniſcher Natur die Harmonie zwiſchen Beſitz und Einkommen einerſeits und dem perſönlichen Verdienſt andererſeits entweder völlig aufheben oder wenigſtens mehr oder weniger trüben und verdecken. Unſere Zeit zeigt in dieſer Beziehung mancherlei widerſprechende Thatſachen. Ich wiederhole dabei nicht, was ich eben vom Handwerk und den Hausinduſtrien ſagte.
Der Lohn der ländlichen Tagelöhner und Fabrikarbeiter iſt bis in die fünfziger Jahre in Deutſchland überhaupt kaum geſtiegen, von da an wohl nicht mehr, als die Lebensbedürfniſſe theurer wurden, keinenfalls aber in dem Maße, als das Einkommen anderer Klaſſen ſtieg. Selbſt in neuerer Zeit iſt er nicht überall geſtiegen. Das Steigen hängt ab von der Bevölkerungsbewegung, dieſe von der ganzen ſittlichen und wirthſchaftlichen Lebenshaltung der untern Klaſſen. So wie die Dinge — mit rühmenswerthen Ausnahmen — liegen, iſt aber eben die Stellung, die äußere Lage der Lohn- und Fabrikarbeiter dem geiſtigen und wirthſchaftlichen Fort- ſchritt der Betreffenden ſo wenig, ſo ſehr viel weniger günſtig, als ein eigenes Geſchäft; jenes leichtſinnige Leben in den Tag hinein, wodurch ſelbſt bei hohem Lohn die ganze Klaſſe der Arbeiter ſinkt, iſt leicht Folge der Verhältniſſe, nicht Folge der Perſonen, und kann alſo den Betreffenden nicht rein als ihre Schuld angerechnet werden.
Unſer kleiner Bauernſtand iſt vorwärts gekommen, vielfach wohlhabend ja reich geworden, — aber mehr durch andere Verhältniſſe und Einwirkungen als durch ſich ſelbſt. Die Separationen, die Gemeinheitstheilungen und die Ablöſungen, alſo vor Allem ſtaatliche Thätigkeit und ſtaatliche Eingriffe haben ihn wohlhabend und landwirthſchaftlichen Fortſchritten zugänglich gemacht.
In Bezug auf den höhern Gewerbeſtand läßt ſich nicht leugnen, daß ſehr viele unſerer heutigen wohl habenden Fabrikanten vom einfachen Arbeiter oder Handwerksmeiſter emporgeſtiegen ſind zum größten Beſitz, zu den höchſten Ehren in Staat und Geſellſchaft. Die Standesunterſchiede, welche früher dem Talente oft ſich in den Weg ſtellten, ſind gefallen. Aber dieſes Empor- ſteigen wird von Tag zu Tag ſchwerer. In den Jahren 1830—40 gab es noch kaum große Tuch- oder Ma- ſchinenfabriken; gerade weil es damals faſt noch keine Konkurrenz, faſt noch keine großen Geſchäfte gab, kamen die Tüchtigſten unter den Tuchmachern und Keſſel- ſchmieden empor. Das iſt heute total anders geworden. Jedenfalls iſt ein ſolches Emporſteigen immer nur Einzelnen, beſonders Talentvollen und von glücklichen Zufällen Begünſtigten möglich. Daneben iſt unbeſtreitbar, daß die große Induſtrie in ihrer Geſammtheit lange Zeit das Schoßkind der Regierungen war. Die früher gegründeten polytechniſchen Schulen haben unſere Ingenieure und Fabrikanten großgezogen, Schutzzölle haben unſere Baumwollſpinner, unſere Zuckerfabrikanten und andere Fabriken reich gemacht; zahlreiche direkte Staatsunterſtützungen in Preußen, die Thätigkeit von Bank- und Seehandlung kamen in erſter Linie den großen Ge- ſchäften, wenn auch in weiterer Linie dem Ganzen ebenfalls zu Gute.
In Bezug auf das große Kapital hat Laſalle von einem blinden Werthwechſel geſprochen, der die Beſitzenden noch reicher, die Nichtbeſitzenden täglich ärmer mache. Dieſe Anſchauung gehört in das Land der Träume. Aber Ein großer Werthwechſel hat allerdings ſtattgefunden, an dem nur die Beſitzenden und zwar die Einzelnen ohne jede entſprechende Arbeit theilgenommen haben, an dem die Nichtbeſitzenden nur negativ durch die höheren Mieths- und Lebensmittelpreiſe partizipiren. Die Werthſteigerung des Haus- und Grundbeſitzes iſt im letzten Jahrhundert, ſpeziell in den letzten 30 Jahren, ſtärker geweſen als je, weil nicht leicht jemals die Bevölkerung in ſo kurzer Zeit und beſonders in den großen Städten ſo gewachſen iſt. Sie gleicht einer Neuvertheilung des Vermögens, von der man nie der Maſſe oder der Wiſſenſchaft weiß machen kann, ſie gehe irgend welcher entſprechenden Arbeit der Gewinnenden parallel. Welche Vermögen ſind entſtanden durch die zufällige Thatſache, daß eine Parzelle in den Bereich einer Bahnlinie oder gar eines Bahnhofes fiel. Wie ſind die Häuſer der großen Städte, welche immer daneben bewohnt waren, alſo ihre Rente abwarfen, im Preiſe geſtiegen. Das Haus, in welchem Alex. v. Humbold geboren wurde, koſtete 1746 - 4350 Thlr., 1761 8000, 1796-21000, 1803-35200, 1824-40000, 1863-92000, 1865 - 140000 Thlr.; damals erſt wurde es weſentlich umgebaut. Und ähnlich gewann ein großer Theil des ländlichen Beſitzes. Wenn heute der ſtädtiſche und ländliche Grundbeſitz ſo vielfach über Verſchuldung klagt, ſo kommt es hauptſächlich daher, daß die reich Gewordenen verkauft, ſich als reiche Rentiers zurückgezogen haben, und der Spekulant, der mit Schulden gekauft hat, der in kürzeſter Zeit wieder auf ein weiteres Steigen der Preiſe rechnet, dies nicht abwarten kann. In vielen Familien unſeres Adels freilich hat die Verſchuldung die Urſache, daß Luxus und Verſchwendung, theilweiſe auch die Zahl der Familienmitglieder, welche ohne Arbeit leben wollen, noch bedeutender ſtieg, als der Güterwerth.
Am ungerechteſten vielleicht ſind die Anſchauungen des Laien gewöhnlich über das unberechtigte Reichwerden an der Börſe. Die Spekulation an ſich iſt ein nothwendiges und heilſames Glied unſeres Verkehrs; wer hier oder als Bankier dauernd gewinnt, den zeichnen meiſt außerordentliche Eigenſchaften aus. Aber ein richtiger Keim liegt doch in der oft ausgeſprochenen Mißachtung des Börſengewinnes. An der Börſe und in den Börſengeſchäften iſt die kaufmänniſche Moral am laxeſten geworden; Geſchäfte werden hier vertheidigt, die ein Reſt von Anſtandsgefühl verurtheilt. Täuſchungen, Fälſchungen von Nachrichten, Beſtechungen von Zeitungen und Beamten und Aehnliches gelten beinahe als erlaubt; die Grenze der reellen und unreellen Ge- ſchäfte hat ſich bis auf vollſtändige Unkenntlichkeit verwiſcht. Und dieſe Entſittlichung des Geſchäftslebens hat ſich von der Börſe vielfach auf das ganze Aktienweſen verbreitet. Betrügeriſche Ausnutzung des Publikums zu Gunſten von Gründern und Verwaltungsräthen hat den Schein erweckt, als ob alles hier gewonnene Geld unrecht erworben wäre. In Bezug auf das ganze Staats- ſchuldenweſen will ich wenigſtens daran erinnern, daß die Unterſuchungen von Soetbeer6 das unwiderleglich bewieſen haben, daß unſer modernes Staatsſchuldenweſen die Beſitzvertheilung weſentlich zu Gunſten der Beſitzenden und zu Ungunſten der Nichtbeſitzenden beeinflußt.
Ueber jeden einzelnen der angeführten Punkte wird ſich ſtreiten laſſen, aber über den Geſammterfolg, über die ſteigende Ungleichheit der Beſitz- und Einkommensverhältniſſe nicht. Und mag der faktiſche Zuſammenhang zwiſchen wirthſchaftlichen Tugenden und perſönlichen Fähigkeiten einerſeits und der Vermögensvertheilung andererſeits heutzutage ſein, welcher er will, der weitere Erfolg iſt jedenfalls ein ſchlimmer: das Verſchwinden des Mittelſtandes untergräbt unſere politiſche wie unſere ſoziale Zukunft. Vollends in einem Lande, das den Beſitzenden bis jetzt noch kaum die Pflicht freiwilligen Ehrendienſtes für den Staat und die Gemeinde auferlegt, wird eine ſteigende Vermögensungleichheit die Folgen haben, die ſie immer gehabt hat, und es wäre thörichte Selbſttäuſchung, wenn wir leugnen wollten, daß wir Anfänge hierzu bei uns nur allzu zahlreich finden: auf der einen Seite den Untergang der Beſitzenden in Genuß- ſucht und Materialismus, Maitreſſenwirthſchaft und Geldheirathen, kinderloſe Ehen, welche die großen Vermögen noch mehr zuſammenhäufen, Mißbrauch des Regiments für die Zwecke der Beſitzenden, hartherzige Frivolität gegenüber den nothleidenden Klaſſen; — auf der anderen Seite die Maſſe der Beſitzloſen ohne anderes Vorbild als dieſe Vermögensariſtokratie, ohne Bildungselemente und geiſtige Anregung in ſich, verzehrt von dumpfem gehäſſigem Neid, die Arbeit verfluchend, ergeben einem leichtſinnigen Leben in den Tag, angeſteckt von den Laſtern der Beſitzenden, ſich proletariſch vermehrend, bis in Folge der Laſter auch dieß aufhört; — als letztes Ergebniß ſoziale und kommuniſtiſche Revolutionen von oben oder unten, allgemeinen Umſturz oder eine Tyrannys, welche die Beſitzenden beraubt, um den Beſitzloſen panem et circenses ohne Arbeit zu reichen.
Noch ſind wir weit hiervon entfernt, noch ſind die guten Elemente zahlreich, noch iſt die Ungleichheit des Beſitzes nicht ſo groß, noch haben wir einen nicht unbedeutenden Mittelſtand; aber kurzſichtig wäre es, zu verneinen, daß unſere gegenwärtige induſtrielle Entwicklung dahin neigt. Mit allen Mitteln iſt deßhalb der ſteigenden Vermögensungleichheit entgegenzuarbeiten, und eine der wichtigſten praktiſchen Fragen iſt eben die möglichſte Erhaltung des noch vorhandenen Handwerker- ſtandes.
Manche Anfänge dazu ſind auch vorhanden, ich habe ſie da und dort erwähnt. Am wichtigſten iſt die genoſſenſchaftliche Bewegung. Aber viel bleibt daneben zu thun. Der ganze Standpunkt, von dem aus dieſe Frage meiſt beurtheilt worden, iſt ein ungenügender. Ich meine damit die Uebertragung des ſchönen Wortes wirthſchaftlicher Freiheit von der Beſeitigung veralteter mittelalterlicher Geſetze, die vom Liberalismus mit Recht gefordert und durchgeführt wurde, — auf die Negation poſitiver Aufgaben, die, wo es an freiwilligen Organen der Geſellſchaft fehlt, der Staat wenigſtens theilweiſe in die Hand nehmen muß, die theilweiſe ohne ein neues Recht, ohne poſitive Geſetze gegenüber dem Schlendrian und dem ſtets kurzſichtigen, immer nur an den nächſtliegenden Erwerb denkenden Egoismus der Maſſe nicht durchzuſetzen ſind. Je mehr der Radikalismus das Alles nur negirt, die ſtarre Reaktion ſich feſtklammert an den Trümmern und Privilegien einer untergegangenen Zeit, deſto mehr iſt es Sache der Mittelparteien, ſollte es gerade auch Sache eines weitſehenden hochſinnigen Liberalismus ſein, dieſe poſitiven Aufgaben durchzuführen, wenn er dadurch auch ſeinen eigenen Parteimitgliedern wirthſchaftliche Opfer auferlegt.
Immer wird man unter dem Paniere politiſcher und wirthſchaftlicher Freiheit alle edel und idealiſtiſch Denkenden ſich vereinigen ſehen. Aber die konkrete Durchführung der einzelnen Freiheiten darf den praktiſchen Boden der Wirklichkeit nicht verlaſſen, muß immer darauf ſehen, mit welchen Menſchen und Verhältniſſen man es zu thun hat. Die wirthſchaftliche Freiheit, welche die Gegenwart fordert, iſt kein Unrecht in abstracto, iſt keine Schablone, die immer und überall paßt; ſie iſt nur ſoweit berechtigt, als ſie die wirthſchaftlichen Tugenden des Fleißes, der Anſtrengung, der Selbſtverantwortlichkeit fördert; ſie wird um ſo ſegensvoller wirken, wenn es ſich um Erleichterungen handelt, welche Allen oder den Meiſten zu Gute kommen. Aber vielfach wird auch ganz anderes im Namen der wirthſchaftlichen Freiheit verlangt. Einige verlangen von dem egoiſtiſchen Standpunkte ihres ſpeziellen Erwerbes und Geſchäftes die Beſeitigung ſittlicher und rechtlicher Schranken und Kontrolen, die der Geſammtheit zum Segen, nur der ungezügelten Gewinnſucht der Einzelnen zum Schaden gereichen. Sie wollen die Maſſe rückſichtslos ausbeuten und ſuchen, oft unterſtützt durch eine feile bezahlte kaufmänniſche Preſſe, der öffentlichen Meinung weißzumachen, es geſchehe das im allgemeinen Intereſſe. Nirgends freilich bin ich auch über ſolche Mißſtände ängſtlich, wo es eine wahrhafte Oeffentlichkeit giebt. Sie wendet alle wirthſchaftliche, wie alle politiſche Freiheit bei geſundem Volksgeiſte zum Segen. Aber die Oeffentlichkeit exiſtirt und beſteht nicht von ſelbſt, nicht überall; ſie braucht Organe; ſie wirkt nur günſtig und kräftig, wenn ſie geſunde und ſachverſtändige Organe hat; die gewöhnliche Preſſe reicht nicht überall, iſt nicht überall ſachverſtändig, nicht immer unbeſtechlich genug.
Nach unten, in den Kreiſen des Kleinverkehrs, des Trödels, Hauſirhandels, der Schankwirthſchaft, der kleinen Zwiſchenhändler ſind andere Verhältniſſe, als im großen kaufmänniſchen Verkehr. Der Einkaufende iſt ſelten Sachverſtändiger; der Verkaufende weiß, daß keine öffentliche Meinung ihn ausfindig macht und brandmarkt, wie der große Kaufmann oder Fabrikant fürchten muß, der ſeine Käufer täuſcht und betrügt. Die wirth- ſchaftliche Freiheit kann hier die Untugenden und Miß- ſtände mehr ſteigern, als ſie den Fleiß fördert. Eine proletariſche Konkurrenz kann hier zugleich Kontrolen nothwendig machen, nicht in erſter Linie der Käufer wegen, die geprellt werden könnten, ſondern der Leute ſelbſt wegen, die ohne das moraliſch und wirthſchaftlich noch tiefer ſinken.7 In dieſen Kreiſen iſt auch entfernt nicht jedes neue Zwiſchenglied, das der Verkehr einſchiebt, berechtigt, wie man ſo oft ſagt. Das iſt nur im höheren kaufmänniſchen Verkehr der Fall.8
Auch in höheren Kreiſen kann nur die ſittliche Kontrole der Oeffentlichkeit verhindern, daß die unbedingt freie Konkurrenz nicht die unreellen Geſchäfte ſteigert. Wenn auf dem diesjährigen Genoſſenſchaftstage der Antrag, „den verbundenen Vereinen die gegenſeitige Informationsertheilung über Kreditverhältniſſe nach beſtem Gewiſſen zur Pflicht zu machen und nach Befinden die Organiſation förmlicher Schutzgenoſſenſchaften entweder ganz allgemein oder in einzelnen Verbänden und Bezirken vorzubereiten,“ trotz Schulze’s Bemühungen vollſtändig durchfiel, wenn die gern im Dunkeln und Trüben Wirthſchaftenden alles Derartige für einen neuen Polizeiſtaat erklärten, ſo iſt das ein ſehr trauriges Zeichen. Sie wollen die Freiheit ohne die ſittliche Kontrole der Oeffentlichkeit, — ſie wollen unreelle Ge- ſchäfte machen, unreellen Kredit haben, und wer das ans Licht zieht, den erklären ſie für „eine neue Art von ſchlimmem Polizeiagenten.“ Das iſt die abſchüſſige Bahn, die von der Gewerbefreiheit zur Spielfreiheit, zur Freiheit, betrügeriſchen Bankerott zu machen, endlich zur Verbrechensfreiheit führt, von der man dann auch ver- ſichern kann, ſie werde am vollſtändigſten die Verbrechen beſeitigen.
Eine Reihe von Verhältniſſen entziehen ſich der Oeffentlichkeit in ihrer wahren Geſtalt immer, wenn es nicht amtliche Behörden gibt, die ohne jeden ſonſtigen Eingriff einen ſichern Befund aufnehmen und ihn publiziren. So im Verſicherungsweſen, theilweiſe im Bank-, Berg- und Fabrikweſen. Welche günſtigen Folgen haben die Publikationen der ſchweizer Fabrikinſpektoren für die Behandlung der Arbeiter gehabt!
Ein Punkt aber iſt es vor Allem, der bisher ſtets überſehen wurde. Freie Konkurrenz zwiſchen deutſchen und engliſchen Spinnern, deutſchem und engliſchem Eiſen, freie Konkurrenz zwiſchen dem Rübenzuckerſabrikanten und dem Hamburger Importeur, freie Konkurrenz zwiſchen den Gewerben von Stadt und Land, freie Konkurrenz zwiſchen Fabrik- und Hausinduſtrie, zwiſchen den verſchiedenen Geſchäften derſelben Geſchäftsbranche, — das Alles iſt ein total anderes Ding, als freie Konkurrenz zwiſchen Herrn und Knecht, zwiſchen dem iriſchen Lord und ſeinem Pachter, zwiſchen dem Fabrikanten und ſeinem Arbeiter. Wo die wirthſchaftlichen Kontrahenten als zwei ſoziale Klaſſen einander gegenüber ſtehen, die eine ausgerüſtet mit der ganzen Uebermacht, welche Reichthum und Bildung gibt, die andere ohne alle dieſe Hülfsmittel, — da kann bei ſehr guten ſittlichen und wirth- ſchaftlichen Verhältniſſen auch die abſolute Freiheit das beſte ſein; aber ſehr oft wird die wirthſchaftliche Freiheit hier auch nur ſo viel bedeuten, als vollſtändige Unterdrückung und blutige Ausnutzung. Da hilft auch die Oeffentlichkeit ſelten allein, weil die Organe der- ſelben im Beſitze der höhern Klaſſen ſind, weil die etwaigen Organe der untern Klaſſen durch einzelne Rohheiten und Pöbelhaftigkeiten unehrlicher und ehrgeiziger Führer entſtellt werden, übers Ziel hinausſchießen, eine ſonſt gute Sache zu oft diskreditiren. Deßwegen können die Zuſtände leicht ſo liegen, daß der Staat im Intereſſe der Allgemeinheit, als Träger der ſittlichen Zukunft der ganzen Nation irgendwie eingreifen muß.
Die Gegner jeder ſolchen Maßregel ſuchen ſie dadurch lächerlich zu machen, daß ſie es darſtellen, als ob ein ſolcher Eingriff nur ſtattfinden könne in der Form plumber Lohnregulirung, die in Widerſpruch mit Angebot und Nachfrage ſtehe, oder in der Form roher ſozialiſtiſcher Eigenthumsverletzungen, daß ſie jede derartige Thätigkeit zuſammenwerfen mit jenem „furor bureaukraticus,“ der ohne Verſtändniß für bürgerliche Freiheit und Selbſtändigkeit alles durch Beamte regeln läßt.
Gewiß haben wir in Deutſchland bisher an einem Uebermaß von Beamtenmaßregelung gelitten; gewiß gilt es vor Allem, die Bureaukratie zu beſchränken, ihr durch entſprechende Reformen Gegengewichte zu ſchaffen; aber einer komplizirten Geſetzgebung können wir damit für unſere komplizirten Kulturverhältniſſe nicht entbehren. Wir haben nur dafür zu ſorgen, daß ein möglichſt großer Theil dieſer Geſetze durch die Organe der Selbſtverwaltung, durch Ehrenämter, durch Bürger ſelbſt und nicht durch Beamte ausgeführt werden. Für andere Dinge, beſonders für ſolche, in welchen die Klaſſenintereſſen der Beſitzenden engagirt ſind, können wir dagegen der ſtaatlichen Organe nicht entbehren. Haben wir aber erſt eine richtige Selbſtverwaltung in der Gemeinde und im Kreiſe, ſo iſt ſehr gut Platz für ein nothwendiges ſtaatliches Fabrik- und Gewerbeinſpektorat. Ich habe viel über Gensdarmen, über Landräthe und Regierungen klagen hören; aber nie habe ich von vernünftigen Leuten gehört, unſere Spezialkommiſſare und Generalkommiſſionen ſeien ein überflüſſiges ſchädliches Reis am Baume der Bureaukratie; und ihnen wären etwaige neue Behörden derart gleichzuſtellen.
Man mag zweifeln, ob unſere gegenwärtige preußiſche Bureaukratie zu ſolchen Aemtern, zu ſolcher Thätigkeit fähig ſei. Huber ſelbſt ſpricht es aus, nur weil er die gegenwärtige Generation gewöhnlicher preußiſcher Beamten hierfür nicht für qualifizirt halte, ſei er nicht dafür, daß die Regierung ſich irgendwie in das Genoſſenſchaftsweſen miſche. Aber das iſt zu ändern; wenn es die rechten Leute nicht gibt, ſind ſie zu ziehen.
Ein großer Theil unſerer Liberalen widerſtrebt allen ſolchen Maßregeln nur, weil ſie die im Augenblick an der Regierung befindliche Partei nicht ſtärken wollen; ſie würden, wie es jeder liberalen Partei, die zur Regierung kommt, gegangen iſt, — ſpäter ſelbſt Maßregeln durchführen müſſen, die ſie heute bekämpfen.
Aber ſozialiſtiſch iſt jeder ſolche Eingriff in die freie Volkswirthſchaft, das iſt jetzt das beliebte Schlagwort, mit dem eine abſtrakte Theorie, wie der behagliche Beſitz der Mittelklaſſen zugleich die unſinnigſten Umſturzideen, wie die heilſamſten ſozialen Reformpläne, welche den beſitzenden Mittelklaſſen einige Opfer oder Unbequemlichkeiten, einige Kontrole ihrer Geſchäftsbetriebe auferlegen, bekämpft und brandmarkt. Ich billige nicht die übertriebene Verachtung, die täglich von gewiſſer Seite über den Egoismus dieſer bürgerlichen Mittelklaſſen, über dieſe „geldſüchtige Bourgeoiſie,“ über dieſe „Mancheſterſchule,“ über dieſe Doktrin der Geldſäcke, welche nur deßwegen Freiheit verlange, um ohne jede Schranke durch ihr Geld allein zu herrſchen, ausgegoſſen wird. Aber wer möchte unſere Fabrikanten und Bankiers, unſere Ingenieure und Unternehmer, wenn er gerecht iſt, ganz freiſprechen? Sie ſind allerdings andere Leute als die engliſchen Mancheſterleute und als die franzöſiſche Bourgeoiſie von 1830 — 48. Aber hat ſie nicht auch Mohl die Non Donnants genannt? haben ſie nicht ihr ſpezifiſches Klaſſenintereſſe, und tritt das nicht nur allzu oft und grell in ihren politiſchen Maßnahmen und Doktrinen hervor? Maskiren ſie nicht oft mit dem ſchönen Worte der wirthſchaftlichen Freiheit nur, was ihrem Geldbeutel und ihren Spekulationen ausſchließlich Gewinn bringt? Unſere Konſervativen dürfen nichts ſagen. Der Großgrundbeſitz trägt in allen Steuerfragen, in der ländlichen Arbeiterfrage ſeinen wirthſchaftlichen Egoismus noch nackter und naiver zur Schau. Unſere bürgerlichen Mittelklaſſen erheben ſich durch den Einfluß von Gelehrten, Beamten, Juriſten immer noch eher zu höheren idealen Geſichtspunkten. Aber geſündigt wird auf beiden Seiten, und die Rückwirkung davon trifft beidesmal die arbeitenden, die unteren Klaſſen.
Was iſt denn nun aber eigentlich der von den radikalen Volkswirthen ſo ſehr gebrandmarkte Sozialismus? Die vollſtändige Negation des Eigenthums- und Erbrechts wird ſo genannt, aber auch jede Thätigkeit der Regierung für die unteren Klaſſen, die ganze Armenpflege, die ſtaatlichen Unterſtützungs- und Sparkaſſen, die geſetzmäßige Organiſation des Knappſchaftsweſens, die Fabrikgeſetzgebung, vollends das Inſtitut der Fabrikinſpektoren, der Staatskredit für Wohnungen der arbeitenden Klaſſen, wie er in England lange gegeben wird; das alles wird ohne Weiteres in einen Topf geworfen. Wer noch auf ſolch’ überwundenem Standpunkte ſteht, der wird als Sozialiſt oder als pſeudoreaktionärer Schleicher verurtheilt. Er kann den Eid auf die alleinſeligmachende Lehre von der wirthſchaftlichen Freiheit ja nicht leiſten; er wird ausgeſtoßen.
Auch ich verurtheile jede Maßregel, die aus unehrlichen oder Nebenabſichten willkürlich in das beſtehende Eigenthum eingreift, die von materialiſtiſcher Gleichmacherei diktirt, von brutaler Leidenſchaft und neidiſchem Haß geſchürt, frivol die Kontinuität unſerer Rechtsinſtitutionen entzwei reißen, eine neue willkürliche Ordnung des Beſitzes vornehmen will, ohne die Garantie zu bieten, daß die, welche nun mehr erhalten, dadurch beſſere und glückliche Bürger werden. Aber ich habe nicht jene kleinliche Furcht vor jeder Maßregel, die irgendwie das beſtehende Eigenthum und ſeinen Werth berührt. Das Eigenthum iſt kein abſolutes; der Werth des Eigenthums iſt immer mehr Folge der Geſellſchaft als Verdienſt des Einzelnen; jeder Einzelne iſt der Ge- ſellſchaft und dem Staate ſo tauſendfach verpflichtet, daß ſein Eigenthum nur denkbar iſt mit weitgehenden Pflichten und Laſten gegen das Ganze. Für gewöhnlich werden dieſe in mäßigen Grenzen ſich halten. In großen außerordentlichen Zeiten können auch große Opfer gefordert werden. In einem Staate der allgemeinen Wehrpflicht, in einem Staate, welcher das Recht hat, das Leben ſeiner Bürger jeden Augenblick fürs Ganze zu fordern, wie lächerlich iſt da eine Eigenthumstheorie, welche das kleinſte Opfer für das Ganze als unſinnigen Sozialismus bezeichnet. Sind irgendwo die Klaſſen- und Beſitzverhältniſſe durch wirthſchaftliche oder andere Ur- ſachen ſo abnorm geworden, daß dadurch die ganze Zukunft des Staates und der Geſellſchaft bedroht iſt, und greift dann eine hochherzige Regierung auf geſetzlichem Wege ein, ſtellt die Maßregeln nach genauen Prüfungen feſt, läßt ſie geordnet ausführen, ſo werden immer Privatintereſſen verletzt werden, ſo werden die Verletzten über Vergewaltigung immer klagen, ſo werden einzelne darüber zu Grunde gehen, aber der unbefangene Hiſtoriker einer ſpäteren Zeit wird die Maßregel nicht als unheilvoll ſozialiſtiſch verdammen. Iſt nicht heute noch das Herz jedes Edeldenkenden auf Seite Solon’s, wenn er die Schuldverhältniſſe der untern Klaſſen Athens ordnet, ihre Schulden reduzirt; ſind wir nicht heute noch alle auf Seite der landfordernden Plebejer in Rom, auf Seite jener ſpäteren kaiſerlichen Geſetze, welche verboten, dem Kolonen den Pachtzins weiter zu erhöhen? Billigen wir nicht die mittelalterlichen und ſpäteren Säkulariſationen, die eben auch nichts waren als Eigenthumsverletzungen, um eine ungeſunde Anhäufung des Beſitzes aufzuheben, wieder eine geſundere Grundbeſitzvertheilung herbeizuführen. Was iſt unſere ganze moderne Agrargeſetzgebung, Separation und Ablöſung, durch welche die Berechtigten oft mehr als die Hälfte ihres Vermögens verloren, anders als eine jener gewaltſamen, aber unendlich ſegensvollen Neuvertheilungen des Eigenthums? Gerade als man in Preußen überall, wo es ging, wirthſchaftliche Freiheit und freien Verkehr proklamirte, ſetzte man Staatsbehörden ein, um da zu interveniren. Warum überließ man das nicht auch dem Voluntarismus, wenn er Alles leiſten kann? Warum verbot man die alten Zuſtände durch Privatverträge neu zu gründen, wenn der freie Privatvertrag das fürs Ganze Zuträglichſte immer von ſelbſt findet? Warum ſchuf man durch gewaltthätig ins Eigenthum eingreifende Geſetze unſern deutſchen Bauernſtand, den Stolz und die Zierde unſerer Volkswirthſchaft, wenn durch den freien Verkehr die richtige Vermögens-, Boden- und Einkommensvertheilung ſtets von ſelbſt erfolgt? Halt — wird man ſagen — da galt es verrottete, veraltete, durch Gewalt ent- ſtandene Zuſtände zu beſeitigen. Ja, iſt denn heute jede Gewalt abweſend? Iſt die Lage, iſt die Bildung unſerer unteren Klaſſen nicht auch eine Nachwirkung Jahrhunderte alter Mißbräuche? Werden die heutigen Zuſtände unſeres Proletariats ſpäteren Zeiten nicht ebenſo erſcheinen, wie uns die Lage der Bauern im vorigen Jahrhundert? Wird das Privat- und Polizeirecht unſerer Zeit ſpäter nicht vielleicht für ebenſo hart und gewaltſam gehalten werden, als es der Gegenwart geläufig und natürlich vorkommt?
Doch will ich keine direkten Folgerungen aus der Agrargeſetzgebung von 1808 — 50 auf unſere heutige Gewerbegeſetzgebung ziehen. Wären die Zuſtände ſo ſchlimm, daß eine ſolch’ radikale Reform nothwendig wäre, die Ausſicht, ſie durchzuſetzen, würde gering ſein. Nur einer großen tiefbewegten Zeit, nur politiſchen Zuſtänden, welche zu einer kürzern oder längern Diktatur führen, ſind ſolche koloſſale Reformen eigen. Freie parlamentariſche Verfaſſungen ſind, wie das Gneiſt immer betont, nicht für den Austrag ſolcher tiefen ſozialen Kämpfe geſchaffen, da der Parteikampf in dieſem Falle zum erbitterten Klaſſenkampf ausarten würde.
Es handelt ſich aber auch, wie geſagt, um ſo tief greifende Reformen noch nicht. Mildere Mittel reichen, an Beſtehendes kann angeknüpft werden. Immer iſt es beſſer, wenn ein äußerer Eingriff in die beſtehende Beſitzvertheilung vermieden werden kann, da ſeine pſychologiſche Wirkung ſtets problematiſch bleibt. Für das gewerbliche Leben, von deſſen Reform wir hier ſprechen, iſt auch der Beſitz nie ſo wichtig, wie die per- ſönlichen Eigenſchaften. Gelingt die geiſtige und techniſche Hebung des Handwerkerſtandes, wie des Arbeiter- ſtandes, ſo iſt damit das Wichtigſte erreicht. Es handelt ſich in erſter Linie um eine Erziehung der Leute zu andern geſellſchaftlichen Gewohnheiten, zu andern häuslichen Sitten, zu einem weitern Blick, zu einer höhern techniſchen Bildung. Wenn wir das voranſtellen, können wir auch eher hoffen, die verſchiedenen politiſchen Parteien für unſere Vorſchläge zu gewinnen. Aber das iſt zu betonen, daß die bloßen Privatkräfte nicht ausreichen. Man darf ſich nicht einbilden, Alles Nothwendige ſei geſchehen, wenn Gewerbe- und Bankfreiheit, Ehe- und Niederlaſſungsfreiheit errungen iſt. Man darf nicht glauben, alles Uebrige finde ſich von ſelbſt. Ueberall muß dieſer negativen Thätigkeit eine poſitive zur Seite gehen, wobei Private und Vereine, Schule und Kirche, Gemeinden und Staatsregierung mitzuwirken, zu fördern haben, wobei theilweiſe auch neue Beamtenorgane und neue Geſetze unentbehrlich ſind.
Die wichtigſte Grundlage der Arbeiter- und Handwerkerfrage iſt die Bevölkerungsbewegung. Ich will nur andeuten, wie auch hier die bloß negative Beſeitigung bisher beſchränkender Geſetze allein die Uebelſtände unſerer Zeit nicht heilt.
Der außerordentliche ſtarke Bevölkerungszuwachs kann immer leicht zu einem übermäßigen Angebot von Arbeit und damit zum Druck und zur Noth der arbeitenden Klaſſen führen. Die optimiſtiſche Freihandels- ſchule glaubt das nicht. Sie hält die ſtärkſte Bevölkerungszunahme für das Beſte. Das Kapital wachſe immer von ſelbſt noch ſchneller. Iſt das aber ſo ſicher und kommt es nicht auf die Vertheilung des Beſitzes, des Kapitals an? Ich habe oben ſchon auszuführen ver- ſucht, daß allerdings eine immer dichtere Bevölkerung die Vorausſetzung jeder höhern Kulturſtufe ſei, daß unſere gegenwärtigen deutſchen Verhältniſſe noch lange einen großen Zuwachs brauchen können, daß aber die Bedingungen, den Zuwachs zum Segen zu wenden, nicht ſo einfach ſeien. Sie liegen in einer totalen Aenderung der volkswirthſchaftlichen Organiſation, wo möglich in einer andern gleichmäßigern Vertheilung des Grundbeſitzes, in dem Aufblühen neuer Induſtrien, in einer andern lokalen und berufsmäßigen Vertheilung der Bevölkerung. Alle dieſe Aenderungen haben wieder ſo mannigfache Vorbedingungen, vollziehen ſich nur nach ſo ſchweren Kämpfen, Irrungen, Geſetzesänderungen, daß man ſich nicht wundern darf, wenn ſie häufig zunächſt hinter dem Zuwachs der Bevölkerung zurückbleiben. Und das iſt, nicht allgemein, aber doch jedenfalls in einzelnen Gegenden und Verhältniſſen bei uns der Fall. Die neueſten Reſultate der Bevölkerungs- ſtatiſtik ſind keine durchaus erfreulichen. Ich will nur einige Punkte nach Engel, Wappäus und Horn anführen. Obwohl die Zahl der überhaupt Verheiratheten, wie die jährliche Trauungsziffer in Preußen ziemlich abgenommen, hat die verhältnißmäßige Zahl der Geburten kaum etwas ſich vermindert. Ein übermäßig großer Theil der Neugebornen ſtirbt wieder in den erſten Jahren. Preußen und einige andere deutſche Staaten haben überhaupt die größte Kinderſterblichkeit; beſonders trifft dieſer Vorwurf die induſtrielle Bevölkerung. Der Ackerbau erzeugt weniger, aber lebensfähigere Geburten. Die Urſache iſt naheliegend; ein übergroßer Theil der Eltern iſt nicht in der Lage, die große Zahl Kinder ſo zu nähren und zu pflegen, daß ſie das höhere Alter erreichen, der Nation das wieder erſetzen, was ſie in ihrer Jugend gekoſtet. Es iſt eine der ſchwerſten wirthſchaftlichen Laſten für eine Nation, wenn ſie einen beſtimmten Bevölkerungszuwachs, den ſie mit viel weniger Geburten und Todesfällen haben könnte, ſo d. h. mit einer Ueberzahl Geburten und einer übergroßen Kinderſterblichkeit ſich erwirbt. Es deutet das immer mehr oder weniger auf proletariſche Zuſtände.
Daneben hat die Mortalität zugenommen. Die Behauptung einer Verlängerung der mittleren Lebensdauer iſt von der Wiſſenſchaft längſt in’s Reich der Mährchen verwieſen. Die einzige wiſſenſchaftliche Berechnung für Preußen, welche ſich auf das Durchſchnittsalter der jährlich Geſtorbenen bezieht, zeigt, daß dieſes ſukzeſſiv von Anfang des Jahrhunderts bis zur Gegenwart abgenommen hat. Das Leben iſt eine durch- ſchnittlich kürzere Erſcheinung geworden. Arbeit und Genuß reiben es auf. Wechſelvollere Kämpfe und Schick- ſale treffen das Leben der Meiſten und laſſen dieſes Reſultat natürlich erſcheinen.
Und dem gegenüber ſollte es ausreichen, wenn man nur unbedingt die Feſſeln abſtreift, die da und dort der Eheſchließung entgegenſtehen? Erzählen uns die Berichte beſonders aus den Gegenden der Hausinduſtrien, der Weber- und Fabrikdiſtrikte nicht, daß übermäßig junge und leichtſinnige Ehen im Alter von 20 und 21 Jahren, übermäßige Kinderzahlen nicht die erſte Quelle des Elends ſind, aber nachdem es vorhanden, die wichtigſte Urſache der Steigerung bilden? Ich gebe zu, daß jede polizeiliche Eheerſchwerung ungerecht und ſchablonenhaft iſt, daß ſie, wo in der proletariſchen Geſinnung jedes Verantwortlichkeitsgefühl aufgehört hat, wo der Arme, im Gefühl, ſchlimmer könne es nicht mehr werden, ſich dem einzigen Genuſſe, der ihm geblieben, ohne jeden Rückhalt ergibt, leicht nur zu einer Mehrzahl von unehelichen Geburten führt. Aber das beweiſt nicht, daß nicht andere poſitive Bemühungen der verſchiedenſten Art der Ehefreiheit zur Seite zu treten haben, um das leichtſinnige überfrühe Heirathen zu erſchweren, das Verantwortlichkeitsgefühl nach dieſer Richtung wieder zu ſteigern.
In Bezug auf das gewerbliche Leben ſelbſt nun iſt zu ſcheiden zwiſchen den Geſchäften, die einmal nothwendig dem großen Fabrikbetrieb anheimfallen, und denen, welche dem Handwerk und der Hausinduſtrie bleiben.
Den erſteren Kreis der Gewerbsthätigkeit etwa künſtlich auch den kleinen Geſchäften erhalten zu wollen, wäre durchaus verwerflich. Da iſt das Fabrikſyſtem zu akzeptiren, aber ſo auszubilden, daß der Arbeiterſtand ſeiner jetzigen meiſt elenden Lage entriſſen wird. Die äußern Verhältniſſe, in denen er hier lebt, ſind ſo zu geſtalten, daß ſie nicht mehr nothwendig an ſich zu pſychologiſchen Urſachen von Inmoralität, von unglücklichen Ehen und leichtſinniger Lebenshaltung werden. Die Mittel dazu ſind mannigfach, ich habe ſie hier nicht näher zu beſprechen; es handelt ſich um die Schul- und die techniſche Bildung, um Spar- und Krankenkaſſen, um die richtige Organiſation von Arbeitseinſtellungen, um die Wohnungsfrage, um die Bezahlung nach dem Stück, um die Hinzufügung von Prämien, um die Haftung der Unternehmer für Unglücksfälle, um die Betheiligung am Gewinn, um das Syſtem der Industrialpartnership, um das Genoſſenſchaftsweſen, die Konſumvereine, die Produktivaſſoziation. Nur eines möchte ich hier noch betonen: die Ausbildung einer klaren konſequenten ſpezialiſirten Fabrikgeſetzgebung und die Schaffung ſelbſtän diger Organe, welche dieſelbe handhaben. Die neue Gewerbeordnung hat nur die ſchüchternſten Anfänge hierzu; ihre Beſtimmungen über Inſpektionen, geſundheitliche Vorrichtungen u. ſ. w. ſind meiſt ſo vag, daß ſie entweder gar nichts oder Alles ſagen. In den Händen unſerer gewöhnlichen lokalen Polizeibehörden ſind ſie nicht viel mehr als ein todtes Stück Papier. Allerdings kann eine ſolche Geſetzgebung nur auf Grundlage umfaſſender Enquêten richtig ſich aufbauen und in ſofern mußten die weitergehenden Anträge der Sozialiſten und Konſervativen zunächſt abgelehnt werden. Aber die meiſten gegneriſchen Reden im Reichstag zeigten den vollſtändigſten Mangel an Ver- ſtändniß für die ideale und weitgreifende Bedeutung einer derartigen Fabrikgeſetzgebung, brachten nur einen kurzſichtigen Doktrinarismus und die egoiſtiſchen nächſtliegenden Intereſſen der Unternehmerklaſſe zum Ausdruck.
Die Bedeutung einer eingehenden ſpezialiſirten Fabrikgeſetzgebung, wie der engliſchen, liegt nicht ſowohl in den zunächſt ergehenden Geboten und Verboten (dieſe müſſen oft plumb eingreifen, auch berechtigte Intereſſen verletzen, können allein nie helfen, wenn ſie nicht dauernd auf die innern Urſachen der Schäden wirken); ſie liegt in dem erziehenden, die ſittlichen Anſchauungen von Fabrikanten und Arbeiter ſukzeſſiv ändernden Einfluß, wie er für die engliſche Geſetzgebung neuerdings von Ludlow und Jones ſo ſchön nachgewieſen wurde.
Nachdruck hat eine ſolche Geſetzgebung aber nur in der Hand eigener reiſender Beamten, wie es die engliſchen Fabrikinſpektoren ſind. Selbſt die freie Schweiz hat ſich dieſer Inſtitution bemächtigt; bei uns wird man als Sozialiſt und Pſeudoreaktionär bezeichnet, wenn man ſie verlangt. Eine geringe Zahl ſolcher Beamter mit je großen Bezirken würde genügen. Ihnen wäre auch das großentheils in die Hand zu geben, was für das eigentliche Handwerk und die Hausinduſtrie von Regierungsſeite geſchehen könnte.
Was kann aber geſchehen? Es konzentrirt ſich in zwei Punkten: 1) Erziehung der arbeitenden Klaſſen, d. h. Schulbildung und eine möglichſt überall zugänglich zu machende techniſche Erziehung und 2) Ueberleitung in neue Zuſtände und Verhältniſſe, ſoweit eine zurückgebliebene Bildung der Handwerker das nicht ſelbſt vermag.
Aber ſollen wir dabei den ſegensvollen Weg der Selbſthülfe verlaſſen? Was heißt Selbſthülfe? Kein Gegenſatz iſt falſcher und unklarer, als die hergebrachte Gegenüberſtellung von Staatshülfe und Selbſthülfe. Ob Schulze-Delitzſch, ob ein Fabrikinſpektor Genoſſen- ſchaften organiſirt, ſie ordentlich Buch führen, ſparen und ſammeln lehrt; in beiden Fällen wirkt die höhere Bildung, getrieben von ſittlichen Motiven, auf die untern Klaſſen, erzieht ſie und hebt ſie. Die nationalökonomiſche Schule, welche nur den platten Egoismus anerkennt, muß jede Genoſſenſchaft, in der immer die Tüchtigſten und Beſten für die Geſammtheit arbeiten, verdammen. Auch Schulze’s und aller ſeiner tüchtigen Anhänger Einfluß iſt, wie ich ſchon oben bemerkte, in erſter Linie ein erziehender. Es iſt eine Thätigkeit, die ſtets in einzelnen Fällen eben ſo ſchlimm, oder vielmehr eben ſo erfolglos wirken kann, wie etwaige Staatsthätigkeit, nämlich dann, wenn die Aufopferung, die Thätigkeit der Leiter und Stifter die Mitgenoſſen nicht erzieht und emporzieht, wenn dieſe nur den Vortheil der Genoſſen- ſchaft ausnutzen, ohne ſelbſt dadurch andere Menſchen zu werden. Jede Staatshülfe iſt dann verwerflich, wenn ſie bloß äußerlich eingreift, wenn ſie Leuten, die es nicht verdienen, die dadurch innerlich nicht anders werden, Geld und Kapital bietet. Sie iſt dann berechtigt und ſteht mit der ganzen Schulze’ſchen Bewegung vollſtändig auf einer Linie, wenn ſie die erziehende Thätigkeit, die geiſtige Hebung voranſtellt und erreicht. Sie iſt dann nothwendig, wenn der Voluntarismus nicht ausreicht wie hier; wenn er, um recht zu wirken, einer über den ganzen Staat ſich erſtreckenden feſtgegliederten Organi- ſation bedarf. Und das iſt der Fall. In kleinern Städten, in den abgelegenen Gegenden der Hausinduſtrie fehlen die freiwilligen Kräfte, welche die großen Städte bieten; eine feſtgegliederte allgemeine Organiſation ſtrebt ja Schulze ſelbſt an; wo eine ſolche aber einmal nothwendig iſt, da wird für die Regel der Staat, d. h. die organiſirte Geſammtperſönlichkeit aller berufen ſein, ſie in die Hand zu nehmen. So lange Schulze lebt und ſeine Anwaltſchaft ſo tüchtig wirkt, iſt ſie gewiß beſſer, als jede Staatsthätigkeit. Später werden die Dinge anders liegen. Jedenfalls iſt für jetzt die lokale Thätigkeit von unten herauf das wichtigere. Da gilt es nicht Schulze zu verdrängen, ſondern ihm nachzueifern und, wo es an Organen dazu fehlt, ſie zu ſchaffen.
Der erſte Punkt iſt die Schulfrage. Bei unſerer heutigen ſonſtigen Rechts- und Staatsverfaſſung ſind alle ſozialen Gegenſätze in erſter Linie Bildungsgegenſätze. Längſt hat man in Preußen — im ſchroffen Gegenſatz gegen die Theorie, Alles müſſe ſich in Leiſtung und Gegenleiſtung auflöſen — ſich auf den erhabenen „ſoziali- ſtiſchen“ Standpunkt geſtellt, die Schulbildung für eine nationale Angelegenheit zu erklären. Der Schulzwang exiſtirte ſchon vor dem Landrecht; das Landrecht fügt ihm den Satz bei, daß die Schulen auf Steuern zu baſiren ſeien, ſtatt auf die direkte Gegenleiſtung, auf das Schulgeld. Bis in die neueſte Zeit hat ſich der Streit über die letztere Frage hingezogen. Es war Lorenz Stein und Gneiſt vorbehalten, die eminent ſoziale Bedeutung der Frage ins Licht zu ſtellen: Die Geſellſchaft iſt verpflichtet, die aufwachſende unmündige Generation auszurüſten mit dem Maße der Bildung, welche die arbeitende Kraft über die bloß mechaniſche Leiſtung und damit über das Maß des Maſchinenlohns, über das Niveau des Proletariats erhebt. Dieſer Pflicht kommt die Geſellſchaft nur nach, wenn ſie den unbedingten Schulzwang ausſpricht, die wirthſchaftliche Laſt der Schule auf Steuern, d. h. in erſter Linie auf die Schultern der Beſitzenden überträgt, die Forderungen an den Elementarunterricht ſteigert, die ganze Schulorgani- ſation beſonders auf dem Lande ändert und dadurch das ganze geiſtige Niveau der untern Klaſſen emporhebt.
Der zweite Punkt iſt die techniſche Bildung. Die beſitzenden Klaſſen haben längſt dafür geſorgt, daß ſie auf Staatskoſten (denn die Schul-, Kolleggelder ꝛc. ſind faſt verſchwindend) Univerſitäten, landwirthſchaftliche und andere Fachſchulen, Polytechniken haben, ſich eine überlegene Bildung auf ihnen ſchaffen. Dieſen höhern Schulen folgten die Mittelſchulen, Provinzialgewerbe- ſchulen, Baugewerkſchulen und ähnliche Inſtitute, die aber, wie ich ſchon oben hervorhob, auch mehr der höhern beſitzenden Klaſſe, den größern Werkmeiſtern, als den kleinen Handwerkern zu gute kommen. 9 Einzelne Fachſchulen für die Meiſter und Arbeiter der Hausinduſtrie hat die Noth da und dort hervorgerufen: Spinnſchulen, Webſchulen, Poſamentier- ſchulen, Uhrmacherſchulen, Strohflechtſchulen, Klöppel- ſchulen, Näh- und Strickſchulen. Anderwärts fehlt es noch ſehr an ſolchen. Manches haben dann in ſpäterer, meiſt erſt in allerneueſter Zeit, freiwillige Sonntagsſchulen, der Unterricht in Arbeiter- und Gewerbevereinen geleiſtet. Dennoch muß ich die oben ausgeſprochene Behauptung aufrecht erhalten, daß dieſe Bemühungen nicht reichen, dem kleinen Meiſter, dem Geſellen und Lehrling in Dörfern und kleinen Städten unzugänglich ſind. Nur eine ſyſtematiſche Ordnung des Zeichen- und gewerblichen Fortbildungsunterrichts, wie ſie in Württemberg erfolgt iſt und dieſe Wohlthaten bis in die kleinſten Städte und größern Dörfer hinausträgt, genügt. Ob nicht den Unternehmern ein Zwang zur Freilaſſung gewiſſer Stunden für den Beſuch der Schulen, den Arbeitern ein gewiſſer Zwang des Beſuchs aufzuerlegen ſei, wird neuerdings ſogar in vielen Handelskammerberichten als eine offene Frage behandelt. Ich ſehe in dieſem Unterricht faſt das einzige Gegengewicht gegen die durchaus einſeitige, keine techniſche und menſchliche Erziehung gewährende Beſchäftigung unſerer 14— 18 jährigen jungen Leute in den großen Geſchäften. Die Prüfungsatteſte ſolcher Schulen haben die Lehrlings-, Geſellen- und Meiſterprüfungen zu erſetzen.
Außerdem handelt es ſich darum, an ſolchen Stellen, wo der Uebergang zu neuen Verhältniſſen dem Handwerkerſtande allein nicht möglich, wo die entſtehende große Konkurrenz zu plötzlich gleichſam ihn überfällt, auch poſitiv einzugreifen. Und dazu bedarf es der Organe. Die Berliner Innungen haben vorgeſchlagen im Gegenſatz zu den Handelskammern Gewerbekammern, in welchen das kleine Handwerk zu Worte komme und ſeine Intereſſen vertrete, zu gründen. Damit wäre aber nichts erreicht. Was beſſern ſolche Kammern? Selbſt die Thätigkeit der beſtehenden Handelskammern konzentrirt ſich in ihren Jahresberichten. Daß dieſe, verfaßt meiſt von beſoldeten Literaten, welche der großen Induſtrie immer näher ſtehen, als dem kleinen Handwerk, alle Dinge mehr nur vom Standpunkt der großen Indu- ſtrie und des Handels betrachten, iſt wahr. Man hat die Berichte ſpöttiſch oft ſchon die Wunſchzettel unſerer großen Unternehmer genannt. Ob das zu ändern wäre, durch andere Zuſammenſetzung, will ich hier nicht erörtern, ſo viel aber iſt unzweifelhaft, daß Gewerbekammern, in welchen nur kleine Meiſter ihre Intereſſen berathen, die Handwerkerſache wieder mit dem ſogenannten Handwerkerrecht zuſammenwerfen und nicht viel Erſprießliches leiſten würden.
Auf der andern Seite ſind die beſtehenden Staatsorgane für die in Frage kommenden Aufgaben durchaus unfähig. Der Landrath verſteht nichts davon, iſt mit andern Geſchäften und Schreibereien überhäuft, von den mannigfach noch vorhandenen Herren gar nicht zu ſprechen, welche jeden gewerblichen Fortſchritt in ihrem Kreiſe überhaupt als ein Unglück, als eine Neuerung, als eine Gefahr für den alten befeſtigten Grundbeſitz beklagen. In den Regierungen und ſtädtiſchen Magi- ſtraten hat irgend ein älterer wohlwollender Rath nebenher auch ein Dezernat in Gewerbeſachen, gewerblichen Unterſtützungskaſſen und Aehnlichem. Aber was außer dem hergebrachten Abarbeiten der Nummern liegt, wäre in der Regel zu viel von ihm verlangt, wenn auch rühmenswerthe Ausnahmen vorkommen.
Es bedarf einzelner nur hiermit beſchäftigter hochgebildeter und gutbezahlter Beamter, gewählt nicht nothwendig aus dem Kreiſe der Bureaukraten, ſondern und vielleicht noch eher aus dem Kreiſe tüchtiger Techniker oder Kaufleute, die an der Spitze eines großen Bezirks gleichſam die Anwälte der arbeitenden Klaſſen würden. Ich meine damit etwa eine Kombination der württembergiſchen Zentralſtelle und des engliſchen Fabrikinſpektorats. Die Inſpektoren hätten neben der Aufſicht über die Fabriken, neben der Aufgabe, die Berichte hierüber zu publiziren, die Verpflichtung, den kleinern Leuten mit Rath und Anweiſung, unter Umſtänden auch mit poſitiver Hülfe beizuſtehen. Ein gewiſſer Fonds, angewieſen auf ſtaatliche oder kommunale Mittel, müßte ihnen zur Seite ſtehen. Ihre Hauptſorge hätte ſich zu beziehen auf die techniſchen Fortſchritte der kleinen Geſchäfte; lokale Ausſtellungen von Geräthen, Werkzeugen und Ma- ſchinen aus dem Kreiſe der kleinen Gewerbe, Prämien für Anſchaffung ſolcher, einzelne Reiſeunterſtützungen, unter Umſtänden Ueberlaſſung von Werkzeugen auf Probe könnten hinzukommen. Hauptſächlich aber hätten ſie Genoſſenſchaften anzuregen, wo es an der Initiative fehlte, die Leute zur Theilnahme zu bewegen, die Buchführung einzurichten. Es fehlt ſo vielfach nur an einer derartigen gebildeten und ſachverſtändigen Initiative. Dabei hätten ſie ſich jedes Eingriffs gegenüber beſtehenden Genoſſenſchaften, die nichts von ihnen wiſſen wollen, zu enthalten.
Vor Allem in Bezug auf die noch beſtehenden Hausinduſtrien wäre es Pflicht, nicht unthätig ihrem Untergange zuzuſehen. Die ſchwerſten Vorwürfe treffen in dieſer Richtung die Regierungen und die beſitzenden Klaſſen, wie ich oben bei der eingehenden Schilderung der Spinnerei und Weberei zeigte. Manches geſchah ja auch in Folge entſetzlicher Nothzuſtände, aber meiſt geſchah es zu ſpät und häufig am unrechten Platze.
Um nicht künſtlich eine Hausinduſtrie da zu erhalten, wo nothwendig zuletzt doch das Fabrikſyſtem ſiegt, wäre als Grundlage ſolcher Maßregeln eine umfaſſende Enquête dieſer Verhältniſſe zu empfehlen. Erſt auf Grundlage einer derartigen Detailinformation könen auch die Detailvorſchläge gemacht werden. Manches aber läßt ſich auch vom allgemeinen Standpunkt aus ſagen. Alle die erwähnten Maßregeln, die für das Handwerk überhaupt nothwendig ſind, müſſen für dieſe meiſt auf dem Land zerſtreuten und damit der Bildungselemente ohnedieß mehr entbehrenden Induſtrien doppelt am Platze ſein. Die wichtigſte Maßregel, die Gründung von Etabliſſements, in welchen Dampf- oder Waſſerkraft an die einzelnen kleinen Meiſter vermiethet wird, könnte ohne irgend welchen Verluſt, wenn es an andern Mitteln fehlt, vom Staat oder von Gemeinden (wie in Nürnberg) in die Hand genommen werden. 10 Wo nur ſtaatliche Aufſichtsbehörden in die zerſtreute Produktion Einheit bringen, wo nur ſie der Waare Ruf und Abſatz verſchaffen, hätte man ſie einzurichten und zu erhalten. Die Solinger Schußwaffenfabrikation durch kleine Meiſter hat ſich erſt jetzt recht entwickelt, nachdem man dem Drängen der Leute nachgegeben, eine königliche Probiranſtalt unter Leitung eines Offiziers eingerichtet hat, welche jedem Stücke, das ſich tüchtig erweiſt, den preußiſchen heraldiſchen Adler und die Buchſtaben S. P. einprägt. 11 Unter Umſtänden ſind auch heute noch Reglements aufzuſtellen, andere ſind aufzuheben oder zu verbeſ- ſern. Auch Staatskredit kann hier unter Umſtänden nothwendig ſein, einzelnen Genoſſenſchaften gegeben werden, heilſam da und dort wirken, er darf aber nie als das weſentliche erſcheinen. Eher wären ſtaatliche Geſchäfte zu empfehlen, wenn es ſich darum handelt, einen betrügeriſchen die Noth der armen Meiſter ausbeutenden Zwi- ſchenhandel dadurch zu verdrängen, daß man ihm durch Geſchäfte auf reeller anſtändiger Baſis Konkurrenz macht. Man hat ja auch in Preußen aus dieſem Grunde Staatsflachsauſtalten errichtet, gewiſſe Beſtimmungen über den Garnhandel getroffen.
Durch ſolche Mittel laſſen ſich hunderte und tau- ſende von kleinen Geſchäften noch halten und nicht bloß vorübergehend noch halten, ſondern auf die Dauer. Geſchieht nichts, ſo gehen ſie Kriſen entgegen, wie die Weber und Spinner Schleſiens ſeiner Zeit. Greift man bei Zeiten ein, ſo werden wohl die Intereſſen der Faktore, der Kaufleute und Fabrikanten ab und zu verletzt, aber man erhält einen geſunden Mittelſtand und vermeidet Nothſtände, die zuletzt den Beſitzenden mehr koſten, auch ihre Intereſſen tiefer ſchädigen, ganz anders die Staatshülfe nothwendig machen, als wir es hier empfehlen.
Damit bin ich zum Ende meiner Schlußbetrachtungen gelangt. —
Wenn es wahr iſt, daß ein Staat nur durch die Grundſätze ſich erhalten kann, durch die er groß geworden, ſo hat der preußiſche Staat vor allen die Pflicht, einerſeits an der Spitze zu bleiben jedes geiſtigen und ſittlichen Fortſchritts, jeder geſunden politiſchen Freiheit, aber andererſeits die ſchönſte Pflicht jeder Regierung, die Initiative für das Wohl der untern Klaſſen nicht aus ſeiner Hand zu geben. Er hat die beſitzenden Klaſſen durch Heranziehung zu einer wahrhaften Selbſtregierung, zu den ſittlichen Pflichten des Staats- und Gemeindeamts zu erheben über die kurzſichtig egoiſtiſche Sphäre nächſtliegender Intereſſen bis zu der ſittlichen Höhe geſellſchaftlicher Pflichterfüllung; er hat daneben ſelbſt ſeinen Einfluß und ſeine Macht zu brauchen, die Nothleidenden zu ſchützen, die Ungebildeten zu heben und zu erziehen, die Nichtbeſitzenden gegen den Egoismus und die Kurzſichtigkeit der Beſitzenden, gegen dieſe Laſter, welche immer und immer wieder hervorbrechen, zu ſchützen. Immer haben die großen preußiſchen Regenten das gethan. Immer haben ſie darum vor Allem für große Fürſten gegolten. Le roi des Prusses était toujours un roi des gueux!
Eine ſolche maßvolle Staatsthätigkeit, die auf Hebung der untern Klaſſen nicht durch gewaltthätige Experimente, ſondern vor Allem durch Schule und Erziehung, durch Beeinfluſſung der Sitten und Anſchauungen zu wirken ſucht, wird immer und immer wieder erlaubt wie nothwendig ſein, eine ſolche Staatsthätigkeit hat zu allen Zeiten für die Zierde einer weiſen, freien und gerechten Regierung gegolten!
