§. 6. Einfluß der Getreidepreiſe auf das Wirthſchaftsſyſtem.
- Annahme. In dem iſolirten Staat habe der Boden, mit alleiniger Ausnahme des erſten Kreiſes, uͤberall den Grad der Fruchtbarkeit, daß in der 7ſchlaͤgigen Koppelwirthſchaft der Rocken nach der Brache einen Ertrag von 8 Koͤrnern liefere (8 Schfl. von 100 □R., oder 9,44 Schfl. vom Magdburger Morgen). Auch beſitze die noch unkultivirte Wildniß einen Boden von derſelben phyſi- ſchen Beſchaffenheit, von demſelben Reichthum an Pflanzennahrung, und folglich von derſelben Ertragsfaͤhigkeit, wie die ſchon kultivirte Ebene.
Fuͤr einen Boden von dieſem Koͤrnerertrag betraͤgt die Landrente nach §. 5. auf 100000 □R. 1168 Schfl. Rocken ÷ 641 Thaler.
Die Landrente verſchwindet, oder wird = 0, wenn 1168 Schfl. Rocken 641 Thaler gelten, welches fuͤr den Schfl. 0,549 Thaler oder 26,2 ßl. ausmacht.
Nach §. 4. iſt der Werth des Rockens auf dem 28,6 Meilen von der Stadt entlegenen Gute ebenfalls 0,549 Thaler pro Scheffel.
Alſo gibt ein Gut, unter den angenommenen Verhaͤltniſſen in der Entfernung von 28,6 Meilen von der Stadt keine Landrente mehr.
In einer groͤßern Entfernung als 28,6 Meilen wird die Landrente negativ, d. h. der Landbau iſt mit Verluſt verbunden, und das Land kann deshalb hier nicht mehr bebauet werden.
Wenn nun hier die Graͤnze der Kultur fuͤr die Koppelwirthſchaft iſt, ſo folgt daraus noch nicht, daß dies die abſolute Graͤnze der Kultur ſey; denn wenn es irgend ein Wirthſchaftsſyſtem gaͤbe, bei welchem die Beſtellung des Ackers weniger Arbeit und folglich weniger Koſten verur- ſachte, als bei der Koppelwirthſchaft, ſo muß bei dem Preiſe von 0,549 Thalern fuͤr den Scheffel Rocken noch ein Ueberſchuß und eine Landrente bleiben, und alſo der Anbau des Landes in noch groͤßerer Entfernung von der Stadt moͤglich ſeyn.
Wir muͤſſen nun in Betracht ziehen, wie der zu einem Gute gehoͤrende Acker, wenn dieſer auch von durchaus gleicher Beſchaffenheit und gleicher Ertragsfaͤhigkeit iſt, doch einen ſehr verſchiedenen Werth hat, je nachdem er dem Hofe naͤher oder ferner liegt. Die Koſten der Dungfuhren und des Einfahrens der Produkte ſtehen in geradem Verhaͤltniß mit der Entfernung des Ackers vom Hofe. Fuͤr die uͤbrigen Arbeiten, die auf dem Felde ſelbſt geſchehen, geht der Theil der Zeit, den die Menſchen und Pferde zum Hin- und Zuruͤckgehen gebrauchen, verloren; und dieſer Theil waͤchſt ebenfalls mit der groͤßern Entfernung vom Hofe. Die Arbeitskoſten ſind alſo geringer fuͤr den nahe am Hofe liegenden Acker, als fuͤr den entfernteren; bei gleicher Fruchtbarkeit muß jener alſo einen hoͤhern Reinertrag geben als dieſer.
Wenn nun beim Preiſe von 0,549 Thalern fuͤr den Scheffel Rocken der Ertrag eines ganzen Guts in der Koppelwirthſchaft = 0 iſt, die vordere Haͤlfte des Ackers aber einen groͤßern Ertrag gibt, als die entferntere Haͤlfte: ſo folgt daraus, daß der Reinertrag der erſten Haͤlfte po- ſitiv, der Reinertrag der zweiten aber negativ ſeyn muͤſſe, und daß der Gewinn, den die Bebauung des naͤhern Ackers gibt, durch den Verluſt, den der Anbau des entferntern bringt, wieder verſchlungen wird, und ſo der Reinertrag des Ganzen zu 0 herabſinkt.
Die Koppelwirthſchaft, deren Reinertrag im Ganzen = 0 iſt, wird alſo dann wieder zum Reinertrag gelangen, wenn der entferntere Acker unbebauet liegen bleibt, und nur der naͤhere kultivirt wird. Unter dieſer Bedingung endet anchauch die Kultur noch nicht bei der Entfernung von 28,6 Meilen von der Stadt.
Aber auch dieſe Koppelwirthſchaft, bloß auf den naͤ- hern Boden beſchraͤnkt, muß bei noch groͤßerer Entfernung vom Marktplatze, oder was daſſelbe iſt, bei noch niedri gern Kornpreiſen endlich einen Punkt finden, wo ihr Reinertrag verſchwindet, und es wird eine zweite Arbeitserſparung nothwendig, wenn der Anbau des Bodens daſelbſt nicht enden ſoll.
In der Koppelwirthſchaft iſt der Aufbruch des Dree- ſches und die Zubereitung deſſelben zur Winterſaat beſonders koſtbar. Bei einer Muͤrbebrache wird das Hoken der Dreeſchfurche und mindeſtens die Haͤlfte des Eggens, welches eine Dreeſchbrache erfordert, erſpart. Eine Wirth- ſchaft mit einer Muͤrbebrache kann alſo da noch rentiren, wo eine Koppelwirthſchaft keinen Reinertrag mehr gibt, vorausgeſetzt, daß der Koͤrnerertrag ſich gleich bleibe, welches durch das Verhaͤltniß zwiſchen Ackerland und Weide immer zu erreichen iſt.
Eine Wirthſchaft mit einer Muͤrbebrache iſt aber nur dann moͤglich, wenn man den Acker nicht mehr abwech- ſelnd zur Weide niederlegt, ſondern ihn jedes Jahr beackert, wogegen dann der entferntere Theil des Feldes zur beſtaͤndigen Weide fuͤr das Vieh liegen bleibt. Dies bringt wieder eine neue Erſparung, indem nun die Ausſaat von Kleeſaamen wegfaͤllt.
Nach dieſen aus der Natur der Sache hervorgegangenen nothwendigen Veraͤnderungen, ſtimmt nun unſere Wirthſchaft in den weſentlichſten Punkten mit der Dreifelderwirthſchaft uͤberein; und wir wenden uns jetzt zu der naͤhern Betrachtung dieſes ſo weit verbreiteten Wirth- ſchaftſyſtems.
Bei der Darſtellung des Verhaͤltniſſes zwiſchen der Koppelwirthſchaft und der Dreifelderwirthſchaft muͤſſen folgende 4 Fragen beantwortet werden:
1) Um wie viel wohlfeiler wird die Beſtellung der Muͤrbebrache, als die der Dreeſchbrache?
2) In welchem Verhaͤltniß ſtehen die Arbeitskoſten beim Landbau mit der Entfernung des Ackers vom Hofe?
3) In welchem Verhaͤltniß muͤſſen bei der Dreifelderwirthſchaft Acker und Weide gegen einander ſtehen, wenn dieſe Wirthſchaft, eben ſo wie die Koppelwirthſchaft ſich in gleicher Dungkraft erhalten ſoll, ohne einen Dungzuſchuß von Außen zu erhalten?
4) Wenn zwei Ackerflaͤchen im Ganzen gleichen Reichthum an Pflanzennahrung enthalten, die eine aber in Koppelwirthſchaft, die andere in Dreifelderwirthſchaft liegt — wie verhaͤlt ſich dann der Koͤrnerertrag des Rockens in der erſten Wirthſchaft zu dem der zweiten Wirthſchaft?
Die Beantwortung der 3ten und 4ten Frage ſetzt die Kenntniß der Statik des Landbaues voraus, und kann ohne dieſe eben ſo wenig verſtanden, als dargeſtellt werden.
Ich ſehe mich deshalb genoͤthigt, einige Hauptſaͤtze der Statik des Landbaues vorangehen zu laſſen. Da aber eine ausfuͤhrliche Darſtellung dieſer Lehre hier einen unverhaͤltnißmaͤßigen Raum einnehmen wuͤrde: ſo kann ich dieſe Saͤtze nur hinſtellen, ohne auf Entwickelung der Gruͤnde und auf Erlaͤuterungen einzugehen. Ich muß deshalb diejenigen meiner Leſer, denen dieſer neue Zweig unſers Wiſ- ſens noch unbekannt ſeyn ſollte, und die ſich eine genauere Kenntniß davon zu verſchaffen wuͤnſchen, auf die, dieſen Gegenſtand betreffenden Schriften des Herrn Staatsraths Thaer und des Herrn von Wulffen, und auf meine im 8ten Jahrgang der Mecklenburgiſchen Annalen befindliche Abhandlung verweiſen 1.
