§. 18. Anfuͤhrung einiger andern Ruͤckſichten bei der Wahl eines Wirthſchaftsſyſtems.
In dem Vorhergehenden haben wir unterſucht, wie die beiden Potenzen: Getreidepreis und Reichthum des Bodens das zu waͤhlende Wirthſchaftsſyſtem beſtimmen. Dieſe Potenzen ſind zwar die wichtigſten aber keinesweges die einzigen, die auf die Wahl eines Wirthſchaftsſy- ſtems einwirken. Um den Einfluß der genannten beiden Potenzen zu erforſchen, mußten wir ſie aus dem Konflikt, worin ſie in der Wirklichkeit mit den uͤbrigen Potenzen ſtehen, herausreißen, ſie gleichſam frei machen, damit das, was jede — unter gegebenen Umſtaͤnden — fuͤr ſich allein vermoͤge, ſichtbar werde. Wir haben zu dieſem Zweck alle uͤbrigen Potenzen als gleichbleibende, beſtaͤndige Groͤßen angenommen, und nun waren dieſe beiden Potenzen als die einzigen veraͤnderlichen, auch die einzigen, die bei un- ſerer Unterſuchung in Betracht kamen.
Unter andern Verhaͤltniſſen oder bei andern Geſichtspunkten kann aber eine oder koͤnnen mehrere der von uns als beſtaͤndige Groͤßen betrachteten Potenzen, als veraͤnderliche erſcheinen oder gedacht werden; und dann wird der Einfluß, den das Wachſen oder Abnehmen dieſer Groͤ- ßen auf das Wirthſchaftsſyſtem ausuͤbt, zum Gegenſtand einer neuen Forſchung.
Die aus ſolchen veraͤnderten Suppoſitionen hervorgehenden neuen Unterſuchungen gehoͤren zwar nicht we- ſentlich zum Zweck dieſer Schrift; aber ich glaube doch, um Mißverſtaͤndniſſen moͤglichſt vorzubeugen, einige der wichtigſten Ruͤckſichten dieſer Art anfuͤhren zu muͤſſen.
A. Wirthſchaften mit wachſendem Reichthum des Bodens.
Man pflegt bei der Vergleichung zweier Wirthſchafts- ſyſteme es als einen Vorzug des einen oder des andern anzufuͤhren, daß durch daſſelbe der Acker von Umlauf zu Umlauf an Reichthum und Ertrag zunehme.
Nun iſt es aber kein weſentliches Attribut des einen oder andern Wirthſchaftsſyſtems, daß es den Boden bereichere oder erſchoͤpfe. Man kann den Acker eben ſo wohl durch Koppel- und Fruchtwechſelwirthſchaft, als durch Dreifelderwirthſchaft ausſaugen. Eine 6ſchlaͤgige F. W. W. mit 4 Kornſaten iſt, ſo wie die 7ſchlaͤgige K. W. mit 4 Halmfruͤchten eine ausſaugende Wirthſchaft; dagegen ſind die 7ſchlaͤgige F. W. W. mit 3 und die 6ſchlaͤgige K. W. mit 2 Kornſaaten bereichernde Wirthſchaften. Nicht in der Fruchtfolge, nicht in dem Wirthſchaftsſyſtem liegt es, ob eine Wirthſchaft eine bereichernde oder erſchoͤpfende ſey; ſondern lediglich in dem Verhaͤltniß zwiſchen den dungerzeugenden und den erſchoͤpfenden Fruͤchten — fuͤr welches Verhaͤltniß ich, der Kuͤrze wegen, mich kuͤnftig des Worts «Saatenverhaͤltniß» bedienen werde.
Stellt man nun zwei Guͤter mit zwei verſchiedenen Wirthſchaftsſyſtemen gegen einander, und nimmt fuͤr das eine ein bereicherndes, fuͤr das andere ein erſchoͤpfendes Saatenverhaͤltniß an, und will man nun aus dem endlichen Erfolge — gleichviel ob dieſer aus einer richtigen Berechnung, oder aus der wirklichen Erfahrung hervorgehe — darthun, welches Wirthſchaftsſyſtem den Vorzug verdiene: ſo beantwortet dieſe Unterſuchung nur die Frage, ob der, durch die ſchonende Wirthſchaft bereicherte Boden, am Ende einen hoͤhern Werth habe, als der in ſeinem vorigen Zuſtand gebliebene aͤrmere Boden — eine Frage, uͤber deren Beantwortung an ſich gar kein Zweifel ſtatt finden kann.
Bei einer ſolchen Gegeneinanderſtellung muß ſtets dasjenige Wirthſchaftsſyſtem, dem man das am mehrſten bereichernde Saatenverhaͤltniß zutheilt, den Sieg davon tragen.
Soll nun die Vergleichung zweier Wirthſchaftsſyſteme nicht zur Begriffsverwirrung ſondern zur klaren Einſicht fuͤhren, ſo muͤſſen folgende Geſichtspunkte ſcharf geſchieden werden:
- 1) Wenn der Zweck der Wirthſchaft iſt, den Boden in Hinſicht ſeines Reichthums in einem beharrenden Zu- ſtand zu erhalten, welches Wirthſchaftsſyſtem liefert dann den hoͤchſten Geldertrag?
- 2) Unter welchen Verhaͤltniſſen iſt es vortheilhaft, den Reichthum des Bodens auf Koſten des Geldertrags zu erhoͤhen, und bis zu welchem Grad kann der Reichthum des Bodens mit Vortheil vermehrt werden?
- 3) Wenn der Zweck der Wirthſchaft nicht auf den hoͤch- ſten Geldertrag ſondern auf die Bereicherung des Bodens gerichtet iſt, durch welches Wirthſchaftsſyſtem wird dann die Vermehrung des Reichthums mit den mindeſten Koſten erreicht?
Die Loͤſung der erſten, aber nicht die der zweiten und dritten Aufgabe iſt Gegenſtand dieſer Schrift: wir haben zwar Acker von verſchiedenen Stuffen des Reichthums neben einander geſtellt und mit einander verglichen; aber immer haben wir den Acker als im beharrenden Zuſtande befindlich betrachtet und betrachten muͤſſen. Die zweite und dritte Aufgabe, faſt noch wichtiger als die erſte, erwarten ihre Loͤſung vielmehr von den derein- ſtigen Fortſchritten der Statik des Landbaues.
B. Verhaͤltniß des Heuertrags aus den Wieſen zur Groͤße des Ackerlandes.
Wenn mit einem Gute, welches in Koppel- oder Dreifelderwirthſchaft liegt, keine Wieſen verbunden ſind, und das Nutzvieh nun im Winter mit bloßem Stroh unterhalten wird: ſo magert das Vieh im Winter ſo weit ab, daß es den groͤßten Theil des auf der Weide verzehrten Graſes zu ſeiner Erholung und zur Herſtellung der Beleibtheit anwenden muß, und nur einen geringen Theil deſſelben auf die Erzeugung von Milch oder Wolle verwenden kann. Unter dieſen Umſtaͤnden iſt aber der Rohertrag des Viehes ſo geringe, daß dadurch die Koſten der Viehhaltung kaum gedeckt werden, daß folglich nicht bloß das verfutterte Stroh, ſondern auch die Weide ſelbſt gar keine Nutzung abwirft.
In einem ſolchen Verhaͤltniß wird es nothwendig dem Vieh im Winter durch Koͤrnerfutter zu Huͤlfe zu kommen — ſey es nun, daß man das Korn rein gibt, oder daß man das Stroh nicht rein ausdreſchen laͤßt — um daſſelbe in einem ſolchen Zuſtand zu erhalten, daß wenigſtens die Nutzung der Weide nicht ganz verloren gehe.
Das Zugvieh muß, wie es jedem einleuchtet, immer in dem Stande erhalten werden, daß es die geforderte Arbeit vollbringen kann. Fehlt nun das Heu, ſo muß dies augenſcheinlich durch Koͤrnerfuͤtterung erſetzt werden.
Vergleichen wir aber die Produktionskoſten des Kleeheues und der Kartoffeln mit denen des Getreides, ſo finden wir daß dieſes ein weit theureres Futter iſt als Kleeheu und Kartoffeln.
Bei den Berechnungen uͤber die belgiſche Wirthſchaft fanden wir, daß die Hervorbringung
- von 1 Schfl. Hafer an Arbeitskoſten erforderte 13,4 ß.
- 1 » Kartoffeln 3,3 ß.
- 1 Ctnr. Kleeheu 4,3 ß.
Nach andern Beobachtungen und Berechnungen — die hier aber nicht mitgetheilt werden koͤnnen — nehme ich ferner an, daß ein Schfl. Hafer incluſive des mit demſelben geernteten Strohes fuͤr das Nutzvieh, und zum Theil auch fuͤr das Zugvieh — bei welchem aber nicht das ganze Quantum der Koͤrner durch Heu erſetzt werden kann — einen gleichen Futterwerth habe mit 117 ℔ Kleeheu, oder mit 2⅓ Schfl. Kartoffeln.
Die Hervorbringung
- von 117 ℔ Heu koſtet an Arbeit × 4,3 = 5⅓ ß,
- von 2⅓ Schfl. Kartoffeln 2⅓ × 3,3 = 7,7 ß,
- von 1 Schfl. Hafer 13,4 ß.
Die Koſten der Haferfuͤtterung verhalten ſich hiernach zu denen der Kartoffelnfuͤtterung wie 100: 58, und zu denen der Kleeheufuͤtterung wie 100: 40.
Oder, wenn man bisher fuͤr 100 Thlr. Hafer mit dem Nutzvieh verfuͤtterte, ſo erſpart man durch die Sub- ſtitution der Kartoffeln 42 Thlr., und durch die des Kleeheues 60 Thlr.
Es folgt hieraus, daß man in ſolchen Dreifelder- und Koppelwirthſchaften, wo das Heu entweder ganz fehlt, oder doch nicht in hinreichender Menge vorhanden iſt, ſeine Zuflucht nicht zur Koͤrnerfuͤtterung, ſondern zum Anbau der Futtergewaͤchſe nehmen muß. Da nun dieſe Futtergewaͤchſe in keinem andern Wirthſchaftsſyſtem ſo wohlfeil erzeugt werden koͤnnen, als in der Fruchtwechſelwirth- ſchaft; ſo folgt hieraus ferner, daß dieſe Guͤter einen ſolchen Theil ihrer Ackerflaͤche, der hinreichend iſt, das noͤthige Winterfutter an Heu, Kartoffeln u. ſ. w. zu liefern, in F. W. W. legen muͤſſen, wenn auch der Getreidepreis nicht die Hoͤhe und der Acker nicht den Grad von Fruchtbarkeit erlangt hat, wo dieſe Wirthſchaftsart fuͤr die ganze Ackerflaͤche zweckmaͤßig waͤre.
Aber nur auf reichem Boden wird die Produktion der Futtergewaͤchſe wohlfeil; auf armen Boden verſagt der Klee ganz, und die Kartoffeln geben einen ſo geringen Ertrag, daß ihre Produktion leicht das Doppelte von dem koſtet, was wir hier dafuͤr berechnet haben.
Wir werden dadurch zu einer neuen intereſſanten Frage gefuͤhrt.
Wird naͤmlich bei mangelnden Wieſen auf Acker von mittlerm oder geringem Reichthum es zweckmaͤßig ſeyn, einen Theil des Ackers in hohe Dungkraft zu ſetzen und F. W. W. darauf einzufuͤhren, wenn die Bereicherung die- ſes Theils der Ackerflaͤche nur auf Koſten des andern groͤ- ßern Theils geſchehen kann?
Ich wage hieruͤber kein beſtimmtes Urtheil zu faͤllen; aber ich glaube, daß die genauere Unterſuchung dieſe Frage bejahend beantworten wuͤrde.
Je aͤrmer indeſſen der Acker im Ganzen iſt, je ſchlechter die phyſiſche Beſchaffenheit des Bodens iſt, um deſto groͤßer ſind die Schwierigkeiten beim Anbau der Futtergewaͤchſe — und es erklaͤrt ſich hieraus, warum in Gegenden, wo ſolcher Boden vorherrſcht, die Wieſen einen ſo hohen Werth haben, daß ihr Beſitz faſt die Bedingung iſt, unter welcher man nur Ackerbau treiben kann.
Fuͤr unſern iſolirten Staat haben wir angenommen, daß mit dem Acker eine ſolche Wieſenflaͤche verbunden iſt, die das fuͤr die K. W. und fuͤr die D. W. noͤthige Heu liefert, und daß der aus dem Wieſenheu erfolgende Dung nicht der ganzen Ackerflaͤche, ſondern nur einem in einer beſondern Rotation liegenden Theil des Ackers zu Gute komme. Wir haben dieſen Theil dann nicht weiter beachtet, ſondern unſere Unterſuchung allein auf die groͤßere Abtheilung der Ackerflaͤche — die ſich in und durch ſich ſelbſt erhalten muß, und der das noͤthige Wieſenheu, gegen Bezahlung des Futterwerths und gegen Zuruͤckgabe des daraus erfolgenden Dungs geliefert wird — gerichtet.
Wir haͤtten eben ſo gut annehmen koͤnnen — und vielleicht waͤre die Sache dadurch noch klarer geworden — daß gar keine Wieſen vorhanden waͤren, daß die Ackerflaͤche jedes Guts in zwei Abtheilungen laͤge, wovon die kleinere der Gewinnung des noͤthigen Winterfutters gewidmet, durch F. W. W. genutzt wuͤrde, waͤhrend die groͤßere Abtheilung in der Bewirthſchaftungsart den Geſetzen folgte, die aus der Aenderung der Getreidepreiſe und des Bodenreichthums hervorgehen.
C. Stallfuͤtterung.
Die Erfahrung lehrt, daß eine reichlich und mit kraͤftigem Futter genaͤhrte Kuh das verzehrte Futter weit hoͤher bezahlt, als eine kaͤrglich unterhaltene Kuh.
Bei der Stallfuͤtterung erhalten die Kuͤhe in der Regel nicht bloß eine reichliche Sommerfuͤtterung, ſondern auch eine kraͤftige Winterfuͤtterung.
Stellt man nun den Ertrag einer im Sommer und Winter gleichmaͤßig reichlich gefuͤtterten Kuh, neben den Ertrag einer Weidekuh, die im Sommer gut, im Winter aber kaͤrglich genaͤhrt wird: ſo zeigt ſich nicht bloß im Rohertrag, ſondern auch im Reinertrag ein ſehr großer Unterſchied zu Gunſten der Stallfuͤtterung.
Nun iſt aber die kaͤrgliche Winterfuͤtterung keineswegs nothwendig mit der Weidewirthſchaft verbunden; es iſt vielmehr gar kein Grund vorhanden, warum dieſe nicht eben ſo reichlich gegeben werden koͤnnte, als bei der Stallfuͤtterung.
Bei der Vergleichung der Stallfuͤtterung mit der Weidewirthſchaft muͤſſen deshalb folgende zwei Geſichtspunkte genau unterſchieden werden.
- 1) Welchen Antheil an dem hoͤhern Ertrag der Stallkuh hat die ſtaͤrkere und gleichmaͤßigere Fuͤtterung waͤhrend des ganzen Jahrs?
- 2) Wenn die Weidekuh eben ſo reichlich und gleichmaͤ- ßig ernaͤhrt wird als die Stallkuh, welche Vorzuͤge bleiben dann noch der Stallfuͤtterung?
Die gleichmaͤßig reichliche Unterhaltung des Viehes waͤhrend des ganzen Jahres iſt von der groͤßten Wichtigkeit. Bei der Sommerſtallfuͤtterung iſt dieſe Gleichmaͤ- ßigkeit, wenn nur Gruͤnfutter in hinreichender Menge vorhanden iſt, leicht zu erreichen. Bei der Weidewirthſchaft iſt dies aber mit groͤßern Schwierigkeiten verbunden: denn in den Monaten Mai und Juni iſt der Wachsthum des Graſes ſo lebhaft, daß das Vieh nicht alles verzehren kann, ſondern einen Theil deſſelben in Halme ſchießen laͤßt, waͤhrend in den Monaten Juli und Auguſt der Graswuchs nachlaͤßt, und das Vieh nun in der Regel Mangel leidet, wenn es auf die Dreeſchweiden allein angewieſen iſt.
Um dieſem Uebel abzuhelfen, muͤßte man in den Monaten Juli und Auguſt von Zeit zu Zeit friſche Weide auf einmal gemaͤhten Wieſen und auf der Kleeſtoppel einraͤumen koͤnnen; oder man muͤßte zur Aushuͤlfe einiges Gruͤnfutter nach der Weide fahren.
Iſt nun auf dieſe Weiſe die Gleichmaͤßigkeit in der Ernaͤhrung des Viehes geſichert, und erhalten die Weidekuͤhe daſſelbe Winterfutter was die Stallkuͤhe bekommen: ſo iſt nun weiter kein Grund abzuſehen, warum die Weidekuͤhe von einer gleichen Quantitaͤt Futter nicht auch eben ſo viele Milch und Butter produziren ſollten, als die Stallkuͤhe.
Ich habe deshalb auch in §. 16., wo von der Stallfuͤtterung die Rede iſt, keine hoͤhere Nutzung des Futters durch Stallkuͤhe als durch Weidekuͤhe angenommen, ſondern der Stallfuͤtterung nur die weſentlichen, von ihr unzertrennlichen Vorzuͤge und Nachtheile zu Gut und zur Laſt geſchrieben.
Ob nun aber der im Stall gewonnene Miſt einen hoͤhern oder geringern Werth hat, als der auf die Weide gefallene, dem auch die Wohlthat des Viehlagers beige- ſellt iſt, iſt ſo zweifelhaft und bis jetzt ſo wenig entſchieden, daß wir darauf gar nicht eingehen koͤnnen.
Die Grundbedingung, unter der die Stallfuͤtterung uͤberhaupt nur moͤglich iſt, iſt die, daß der Boden reich genug ſey, um Maͤheklee ſtatt des Weideklee’s und der Graͤſer tragen zu koͤnnen.
Iſt nun dieſe Grundbedingung erfuͤllt, ſo beſteht der weſentliche Vortheil der Stallfuͤtterung darin, daß nun der Klee gemaͤhet, ſtatt abgeweidet wird, wodurch ein betraͤchtlich groͤßeres, faſt doppeltes Quantum an Futter, und eine groͤßere Dungerzeugung, d. i. ein groͤßerer Ueber- ſchuß des Erſatzes uͤber die Ausſaugung, von derſelben Flaͤche und demſelben Reichthum des Bodens gewonnen wird.
Andererſeits ſind nun aber mit der Stallfuͤtterung weſentlich und unzertrennlich Arbeiten und Koſten verbunden, die bei der Weidewirthſchaft nicht ſtatt finden, als Einholen des Gruͤnfutters, Abfahren des im Sommer auf dem Stall gemachten Dungs u. m. a.
Ob nun Stallfuͤtterung oder Weidewirthſchaft vortheilhafter ſey, haͤngt ganz davon ab, ob der Werth des durch die Stallfuͤtterung mehr gewonnenen Futters und Dungs groͤßer oder geringer ſey, als der Betrag der Ko- ſten, die durch die Stallfuͤtterung verurſacht werden.
Dies iſt aber wieder abhaͤngig von dem groͤßern oder geringern Preis den das Futter und der Dung haben, und ſo ſehen wir auch hier, daß der Preis der landwirth- ſchaftlichen Produkte, neben dem Reichthum des Bodens am Ende daruͤber entſcheidet, ob, wann und wo die Stallfuͤtterung den Vorzug vor der Weidewirthſchaft habe.
D. Modificationen der verſchiedenen Wirthſchaftsſyſteme.
Unſere Unterſuchungen haben ergeben, daß ſowohl durch den Uebergang von niedrigen zu hohen Getreide preiſen, als auch durch die ſtuffenweiſe Erhoͤhung des Reichthums im Boden, drei verſchiedene Wirthſchaftsſy- ſteme, naͤmlich Dreifelder-Koppel- und Fruchtwechſelwirthſchaft nothwendig werden.
Die charakteriſtiſchen Merkmale dieſer Wirthſchaftsſy- ſteme in der Beziehung, worin wir ſie hier betrachten, ſind:
a. Fuͤr die Dreifelderwirthſchaft,
- 1) ein Theil des Feldes liegt beſtaͤndig zur Weide,
- 2) der dritte Theil des Ackers iſt jaͤhrlich reine Brache,
- 3) aller Dung wird nach der reinen Brache gebracht.
b. Fuͤr die Koppelwirthſchaft,
- 1) die geſammte Ackerflaͤche wird wechſelsweiſe zum Getreidebau und zur Weide benutzt,
- 2) in jedem Umlauf kommt eine reine Dreeſchbrache vor,
- 3) aller Dung wird nach der Brache gebracht,
- 4) die Kornſaaten werden ohne Unterbrechung nach einander genommen, und die Weide kommt nach den Kornſaaten in die Schlaͤge, die den geringſten Reichthum enthalten.
c. Fuͤr die Fruchtwechſelwirthſchaft,
- 1) aller Acker traͤgt Fruͤchte und es findet keine reine Brache ſtatt,
- 2) die Duͤngung wird zu Futtergewaͤchſen verwandt, und dieſe kommen in diejenigen Schlaͤge die den hoͤchſten Reichthum enthalten,
- 3) Kornſaaten und Futtergewaͤchſe wechſeln mit einander ab.
Dieſe Wirthſchaftsſyſteme ſind nun aber ſehr vieler Modificationen faͤhig, indem eine der charakteriſtiſchen Eigenſchaften des einen Syſtems aufgeopfert und dafuͤr eine Eigenſchaft des andern Syſtems aufgenommen werden kann. Es entſtehen dadurch gemiſchte Wirthſchaften, die in der Mitte zwiſchen den reinen Formen ſtehen, und den Uebergang von der einen zur andern Form bilden.
Da die gemiſchten Wirthſchaften in unzaͤhligen Ab- ſtuffungen ſich bald mehr bald minder dem Charakter der reinen Wirthſchaftsſyſteme naͤhern koͤnnen, ſo iſt es unmoͤglich ſie alle aufzufuͤhren, viel weniger noch moͤglich ſie alle in der Theorie zu beruͤckſichtigen. Es wird hier genuͤgend ſeyn, in die Stuffenleiter der reinen Formen einige der Hauptmodificationen, die ſie erleiden koͤnnen, mit aufzunehmen.
- 1) Reine Dreifelderwirthſchaft.
- 2) Dreifelderwirthſchaft, die ihre Weide von Zeit zu Zeit, etwa alle 9 Jahre einmal aufbricht, ohne Duͤngung ein paar Kornſaaten davon nimmt, und dann wieder zur Weide niederlegt.
Dieſe Wirthſchaft verwendet die Koſten der Dreeſchbearbeitung — die durch die Kornernten vielleicht nicht bezahlt werden — um durch das geerntete Stroh einen Dungzuſchuß fuͤr das eigentliche Ackerland zu erhalten, und um die Weide zu verjuͤngen.
- 3) Koppelwirthſchaften, die in einer Rotation neben der Dreeſchbrache noch eine Muͤrbebrache haben, und dann das Land laͤnger als drei Jahre zur Weide liegen laſſen. Eine ſolche Wirthſchaft iſt die 12 ſchlaͤgige K. W. mit folgender Fruchtfolge: 1) Dreeſchbrache, 2) Winterkorn, 3) Sommerkorn, 4) Muͤrbebrache, 5) Winterkorn, 6) Sommerkorn, 7) Sommerkorn, 8) bis 12) Weide. Dieſe Wirthſchaft traͤgt noch die Spuren des Uebergangs aus der D. W. an ſich, indem ſie die Muͤrbebrache beibehaͤlt und das Land ſo viele Jahre hintereinander zur Weide liegen laͤßt. Sie vermindert die Koſten der Dreeſchbearbeitung, indem ſie dieſe auf den 12ten Theil des Feldes beſchraͤnkt, und traͤgt dafuͤr den Nachtheil, daß ihre 4 und 5 jaͤhrige Weide wenig Gras und Dung erzeugt.
- 4) Reine Koppelwirthſchaft, die keine Muͤrbebrache, ſondern nur Dreeſchbrache haͤlt.
- 5) Koppelwirthſchaft, die neben der Brache noch einen Theil des Nachſchlags oder des Vorſchlags duͤngt. Dieſe Wirthſchaft bleibt in der aͤußern Geſtalt der reinen Koppelwirthſchaft voͤllig aͤhnlich; aber ſie hat ſchon die weſentliche Eigenſchaft, daß die Weide nicht mehr in magern, ſondern — wenigſtens zum Theil — in reichen Acker kommt, mit der F. W. W. gemein, und iſt deshalb als ein Uebergang zu derſelben zu betrachten.
- 6) Reine Fruchtwechſelwirthſchaft.
Die angefuͤhrten Modificationen ergeben ſich ſchon dann, wenn auch die geſammte Ackerflaͤche vom Hofe bis zur Scheide in gleichmaͤßiger Dungkraft iſt. Wenn nun aber der entfernte Acker, wie dies in der Wirklichkeit gewoͤhnlich der Fall iſt, magerer iſt als der uͤbrige Theil des Ackers: ſo werden dadurch neue Modificationen begruͤndet.
Die groͤßern Koſten, die der Anbau des entfernten Ackers verurſacht, bringen allein ſchon die Tendenz hervor, den entlegenen Acker in der Bewirthſchaftungsart von dem uͤbrigen Acker zu trennen. Vereinigt ſich hiemit nun noch Ungleichheit des Reichthums, fo iſt dieſe Trennung entſchieden zweckmaͤßig. Bei der Koppelwirthſchaft ent- ſteht dadurch ein ſogenanntes Binnenfeld, und ein Außenfeld. Beide unterſcheiden ſich dann in der Bewirthſchaftungsart dadurch, daß in dem Binnenfelde das Verhaͤltniß zwiſchen den korntragenden Schlaͤgen und den Weide- ſchlaͤgen groͤßer, in dem Außenfelde aber geringer iſt, als dies ſeyn wuͤrde, wenn die ganze Flaͤche in einer Rotation laͤge; daß alſo erſteres im groͤßern Verhaͤltniß dem Kornbau, letzteres im uͤberwiegenden Verhaͤltniß der Weide gewidmet iſt.
Wir haben in §. 14. geſehen, daß in unſerm iſolir ten Staat, die D. W. ſchon bei dem Preiſe von 0,470 Thlr. fuͤr den Schfl. Rocken betrieben werden kann, und daß erſt bei einem Preiſe, der hoͤher als 0,665 Thlr. fuͤr den Schfl. iſt, die K. W. einen groͤßern Reinertrag gibt, als die D. W. Gaͤbe es nun keine andern als die reinen Wirthſchaftsformen, ſo wuͤrde der Acker bei den Preiſen, die zwiſchen 0,470 Thlr. und 0,665 Thlr. liegen, nur durch D. W. genutzt werden koͤnnen, waͤhrend hier doch ſchon eine ſtaͤrkere Dungerzeugung, als die reine D. W. liefert, vortheilhaft wird, wenn dieſe nur mit mindern Koſten als bei der reinen K. W. ſtatt finden, bewirkt werden kann — welches beides durch die gemiſchten Wirth- ſchaften geſchieht.
Wir haben ferner in §. 16. geſehen, daß in der reinen Koppelwirthſchaft nur ein mittlerer Reichthum von 373° in 1000 □R. genutzt werden kann, waͤhrend die F. W. W. einen mittlern Reichthum von 510° nuͤtzlich verwendet. Sollte nun beim ſteigenden Reichthum die K. W. ploͤtzlich und auf einmal zur F. W. W. uͤbergehen: ſo wuͤrde hier eine Wirthſchaft eingefuͤhrt werden, fuͤr die der Boden noch nicht reich genug iſt, und durch die deshalb der reine Geldertrag vermindert wuͤrde. Die K. W. mit geduͤngtem Nachſchlag kann einen hoͤhern mittlern Reichthum als 373° ſehr gut nutzen, ohne in ihrer Organiſation koſtbarer zu werden, als die reine K. W. — und ſie wird dadurch zu einer nuͤtzlichen Stuffenleiter zwiſchen der reinen K. W. und der F. W. W.
Denken wir uns nun, ſtatt des beharrenden Zuſtandes ein leiſes und allmaͤliges aber dauerndes Steigen des Getreidepreiſes und des Bodenreichthums — wie dies auch in der Wirklichkeit in der Regel der Fall iſt — ſo wuͤrden wir in einer einzelnen Wirthſchaft im Laufe der Zeit alle Formen erblicken, die wir hier als vereinzelt und neben einanderſtehend betrachtet haben.
Sind naͤmlich die beiden Potenzen — Getreidepreis und Bodenreichthum — ſo weit geſtiegen, daß eine etwas mehr Koſten erfordernde Wirthſchaft als die D. W. ſich bezahlen wuͤrde, aber noch nicht hoch genug um die reine K. W. vortheilhaft zu machen, ſo wird eine gemiſchte, aus beiden Formen zuſammengeſetzte Wirthſchaft eingefuͤhrt werden. Da nun dieſe gemiſchte Wirthſchaft ſich in unzaͤhligen Modificationen bald mehr der einen, bald mehr der andern Form anſchließen kann: ſo wird auch fuͤr jede Stuffe des Getreidepreiſes und des Bodenreichthums eine dieſer Stuffe genau entſprechende Wirthſchaftsform gefunden werden koͤnnen. Es wird — die Konſequenz der Bewirthſchaftung vorausgeſetzt — das leiſe Steigen beider Potenzen ſtets von einer leiſen Veraͤnderung in der Wirth- ſchaftsform begleitet ſeyn, bis dieſe endlich zur reinen K. W. uͤbergeht.
Aber auch hier wird, wenn die beiden genannten Potenzen fortwaͤhrend wachſen, nur ein augenblickliches Verweilen, kein Ruhen und Beharren ſtatt finden.
Die Wirthſchaft zu der Dungkraft gelangt, daß die Brache keine ſtaͤrkere Duͤngung ertraͤgt, wird bei noch mehr ſteigendem Reichthum den entbehrlichen Dung zur Bedindung des Nachſchlags, d. i. des dritten Kornſchlages in welchen der Klee geſaͤet wird, verwenden. Der Klee, welcher ſonſt in den magerſten Acker kam, erhaͤlt nun einen reichen Boden, welcher nach vollendeten Weidejahren in der Brache entweder gar nicht oder doch nur ſchwach geduͤngt werden darf. Dadurch wird nun der Theil des Nachſchlags, der geduͤngt werden kann, in einem von Umlauf zu Umlauf verſtaͤrkten Maaße vergroͤßert, bis auch dieſe Verwendung des Dungs ihr Ziel erreicht hat. Die fernere Steigerung des Reichthums fuͤhrt dann die Ab- ſchaffung der Brache herbei, und mit derſelben verſchwin det zugleich die Koppelwirthſchaft, und die Fruchtwechſelwirthſchaft tritt an ihre Stelle.
In den gebirgigen Gegenden dienen nur die Thaͤler zum Ackerbau und die Berge werden bloß zur Weide genutzt. Hier iſt nun, wenn die Berge die Beackerung durchaus nicht geſtatten, eine Verbreitung der Koppelwirthſchaft uͤber die ganze Feldmark unmoͤglich. Es kann alſo bei ſteigenden Getreidepreiſen und ſteigendem Reichthum des Bodens der Uebergang von der D. W. zur F. W. W. nicht wie auf ebenem Boden, vermittelſt der K. W. geſchehen.
Wenn nun die Ebene im Verhaͤltniß zu den Gebirgsweiden und den Wieſen ſo klein iſt, daß der Reichthum des Ackers, trotz der ausſaugenden D. W. anwaͤchſ’t, ſo entſteht die Frage: wie und bei welchem Grade des Reichthums dieſe Wirthſchaft zur F. W. W. uͤbergehen muß.
Meine Berechnungen erſtrecken ſich nicht auf dieſen beſondern Fall, und ich kann deshalb theoretiſch hieruͤber nichts entſcheiden. Die Praxis hat dieſe Frage aber ſchon laͤngſt dahin geloͤſ’t, daß unter ſolchen Verhaͤltniſſen ein Theil der Brache, oder auch die ganze Brache mit Kartoffeln, Klee, Erbſen, Flachs u. ſ. w. beſtellt wird. Eine beſtellte Brache hoͤrt aber auf Brache zu ſeyn, und die D. W. verliert unter dieſen Umſtaͤnden ihre weſentlichſten charakteriſtiſchen Merkmale. Sie kommt vielmehr in dem Hauptpunkt, der Abſchaffung der Brache und der Nutzung des ganzen Ackerlandes, mit der F. W. W. uͤberein; entbehrt dagegen aber alle Vortheile, die aus einem richtigen Fruchtwechſel entſpringen. Es leidet daher wohl keinen Zweifel, daß unter ſolchen Umſtaͤnden die F. W. W. vortheilhafter als die D. W. mit beſtellter Brache ſey; und in der That ſind, ſeitdem durch unſern Lehrer der wiſſen- ſchaftlichen Landwirthſchaft, durch Thaer die Fruchtwechſelwirthſchaft unter uns bekannt, und ein Gegenſtand des Nachdenkens aller gebildeten Landwirthe geworden iſt, eine Menge ſolcher D. W. in den gebirgigen Theil von Schle- ſien, Maͤhren und Sachſen zur F. W. W. uͤbergegangen.
Wir haben bei unſern Unterſuchungen zwar Boden von verſchiedenen Stuffen des Reichthums, aber immer nur Boden von einer und derſelben phyſiſchen Beſchaffenheit vor Augen gehabt. In der Wirklichkeit finden wir dagegen faſt auf jedem Gute Boden von verſchiedener Qualitaͤt vor. Der Zweck dieſer Schrift erlaubt es keineswegs hierauf weiter einzugehen; aber einleuchtend muß es ſeyn, wie komplizirt die Aufgabe der Wahl des Wirth- ſchaftsſyſtems wird, wenn Verſchiedenheit im Reichthum des Ackers, Verſchiedenheit in der Qualitaͤt des Bodens, neben der ungleichen Entfernung des Ackers vom Hofe auf einem und demſelben Gute zuſammentreffen; einleuchtend muß es ſeyn, daß wie vollendet auch einſt die Theorie der Landwirthſchaft da ſtehen moͤge, dennoch das Ge- ſchaͤft des Landwirths, wenn er nicht blinder Nachahmer ſeyn, ſondern ſich der Gruͤnde, wornach er handelt, ſtets bewußt ſeyn will, niemals mechaniſch werden kann, ſondern immer ein ernſtes und tiefes Studium ſeines Standpunktes und der Verhaͤltniſſe der buͤrgerlichen Geſellſchaft erfordern wird.
Nachdem nun die Unterſuchungen bis zu dieſem Punkt fortgefuͤhrt ſind, koͤnnen wir jetzt zu dem iſolirten Staat, und zwar zur Beſtimmung der ſich um die Stadt bildenden Kreiſe zuruͤckkehren.
