§. 26. Sechster Kreis. Viehzucht.
Wir haben zwar in §. 23. geſehen, daß die Kultur des Bodens, wenn die Wirthſchaft auf Kornverkauf begruͤndet iſt, bei 31,5 Meilen von der Stadt endet; aber hieraus folgt noch nicht, daß dies die abſolute Graͤnze der Kultur ſey: denn wenn es Produkte gibt, die im Verhaͤltniß ihres Werths mindere Transportkoſten erfordern als das Getreide, ſo koͤnnen dieſe hier noch mit Vortheil erzeugt werden.
Solche Produkte liefert nun die Viehzucht; und wir wenden uns jetzt zu der Berechnung des Ertrags, den eine ſogenannte Hollaͤnderei oder Kuherei hier geben wird. Zuvor muͤſſen wir aber die Koſten, die der Transport der Butter von hier nach der Stadt verurſacht, zu beſtimmen ſuchen.
Die Fracht fuͤr eine Ladung von 2400 ℔ betraͤgt nach §. 4. Thaler. Setzen wir nun x = 31,5 ſo finden wir, daß fuͤr dieſe Entfernung von der Stadt die Transportkoſten 6/10 ß fuͤr ein Pfund betragen.
Der Transport der Butter kann aber aus mehreren Gruͤnden nicht ſo wohlfeil ſeyn als der des Getreides. Erſtens kann das Verfahren der Butter nicht wie das des Korns bis zum Winter, wo die Pferde doch oft unbe- ſchaͤftigt ſind, verſchoben werden, ſondern dieſe muß friſch und alſo in kleinen Quantitaͤten verkauft und verfahren werden. Es werden alſo oft halbe Ladungen zur Stadt geſchickt werden muͤſſen; oder der Transport wird durch Fuhrleute geſchehen, die, weil ſie aus dem Frachtfahren ein Gewerbe machen und davon leben, eine hoͤhere Fracht haben muͤſſen, als was der Transport durch eigene Pferde koſtet. Auch wird im letztern Fall der Verkauf der Butter durch einen andern als den Produzenten geſchehen muͤſſen, und ſo geſellen ſich dann zu der Fracht noch die Koſten des Verkaufs der Butter hinzu. Zweitens muß die Butter bei der Verſendung in Faͤſſer geſchlagen werden, deren Anſchaffung mit Koſten verbunden iſt, und die durch ihr eigenes Gewicht die Fracht fuͤr die Butter vermehren.
Dieſen Gruͤnden zu Folge nehmen wir nun an, daß die Transport- und Verkaufskoſten fuͤr ein Pfund Butter auf 5 Meilen ⅕ ß, auf 25 Meilen 1 ß und auf 30 Meilen 1⅕ ß, alſo ungefaͤhr das Doppelte von dem, was wir fuͤr das Korn berechnet haben, koſten wird. Wir wollen dabei keine Ruͤckſicht darauf nehmen, daß die Transportkoſten pr. Meile mit der groͤßern oder geringern Entfernung von der Stadt ſich aͤndern, ſondern dieſe gleich ſtellen; weil die Verfahrungskoſten der Butter im Verhaͤltniß zu dem Werth derſelben ſo geringe ſind, daß die Gleichſtellung kaum einen bemerkbaren Einfluß auf die Richtigkeit der Rechnung, die dadurch aber ſehr viel klarer und einfacher wird, aͤußern kann.
Wenn nun der Preis der Butter auf dem Marktplatz 9 ß N⅔ pr. Pfund betraͤgt,
Nach §. 4. betraͤgt der Werth eines Schfl. Rockens auf dem 30 Meilen von der Stadt entfernten Gut 0,512 Thlr., alſo nur ungefaͤhr ⅓ des Marktpreiſes. Der Werth der Butter in dieſer Entfernung von der Stadt iſt dagegen noch 7⅘ ß pr. ℔, welches beinahe ⅞ des Marktpreiſes ausmacht.
Das Uebergewicht der naͤhern Gegenden, welches beim Kornbau ſo bedeutend iſt, wird in Hinſicht der Viehproduktionen ſehr geringe; ja dieſem, aus den mindern Transportkoſten entſtehenden Uebergewicht treten die mindern Koſten, welche in den entfernten Gegenden mit der Hervorbringung der Viehprodukte verbunden ſind, direkt entgegen.
Die Koſten des Unterhalts der Leute welche bei der Viehzucht gebraucht werden, die Erbauungs- und Erhaltungskoſten der Gebaͤude welche fuͤr das Vieh nothwendig ſind, ſo wie die mehrſten andern Ausgaben bei der Viehzucht richten ſich zum groͤßern Theil nach dem Kornpreiſe, und muͤſſen da, wo der Schfl. Rocken einen halben Thaler werth iſt, ſehr viel geringer ſeyn als da wo der Rocken 1½ Thlr. gilt.
Ob nun aber die Erſparung an Produktionskoſten in den entfernten Gegenden die Vermehrung der Transportkoſten deckt, oder uͤberwiegt, werden wir aus der folgenden Berechnung erſehen.
Den Rohertrag, oder den Werth ſaͤmmtlicher Produkte die eine Kuh liefert, habe ich in T., wo eine Kuh in den Jahren 1810 bis 15 im Durchſchnitt jaͤhrlich 1185 Pott Milch gegeben hat, zu 87½ ℔ Butter berechnet.
Ich rechne naͤmlich den Butterertrag ſelbſt zu 70 ℔ und den Werth des Kalbes, der Kaͤſe, der Buttermilch u. ſ. w. gleich 17½ ℔ Summe 87½ ℔
Die Koſten der mit der Viehhaltung verbundenen Arbeit, die Werbungskoſten des Heues, die Zinſen vom Werth des Viehes u. ſ. w. betragen in Tellow, wo der Schfl. Rocken 1,205 Thlr. N⅔ oder 1,291 Thlr. Gold werth iſt, fuͤr eine Kuh 10,13 Thlr. N⅔
Der Werth der Butter betrug in den genannten Jahren auf dem Gute ſelbſt 8⅗ ß N⅔ pr. Pfund. Der Ertrag einer Kuh alſo 87½ ℔ × 8⅗ ß = 15,67 Thlr. Die Kuh bezahlt das erhaltene Futter mit 5,54 Thlr.
Es entſteht nun die Frage, wie groß die allgemeinen Kulturkoſten einer reinen Viehwirthſchaft ſeyn werden.
Da mir in der Wirklichkeit keine reinen Viehwirth- ſchaften, ſondern nur ſolche Wirthſchaften, in welchen die Viehzucht mit Ackerbau verbunden iſt, bekannt ſind, ſo kann ich dieſe Frage aus der Erfahrung nicht loͤſen. Es iſt aber ſehr ſchwierig einen Theilungsgrundſatz aufzuſtellen, nach welchem die allgemeinen Kulturkoſten einer aus Ackerbau und Viehzucht zuſammengeſetzten Wirthſchaft auf jeden dieſer beiden Zweige repartirt werden koͤnnen; oder wie viel von den allgemeinen Kulturkoſten eines ganzen Guts dem Ackerbau allein zur Laſt faͤllt, und wie viel davon auf die Viehzucht gehoͤrt.
So viel iſt klar, daß eine reine Viehwirthſchaft diejenigen Gebaͤude haben muß, welche zum Stall fuͤr das Vieh, zur Aufbewahrung des Heues, und zu Wohnungen fuͤr die mit der Viehzucht beſchaͤftigten Menſchen dienen, und daß deshalb die Zinſen vom Werth dieſer Gebaͤude, ſo wie die Unterhaltungskoſten derſelben auf das Konto dieſer Wirthſchaft kommen.
Die uͤbrigen in §. 5. unter die allgemeinen Kulturkoſten gerechneten Ausgaben, als Adminiſtrationskoſten, Beitraͤge zu den Aſſekuranzkompagnien u. ſ. w., kommen auch in einer reinen Viehwirthſchaft vor; aber ſie find von einer gleichen Flaͤche nicht ſo bedeutend, als beim Ackerbau, weil die Viehzucht weniger Arbeit erfordert und ihr rohes Produkt ſelbſt nicht von ſo großem Werth iſt. Nach dem Werth des rohen Produkts und nach der Quantitaͤt Arbeit richtet ſich aber die Groͤße der allgemeinen Kulturkoſten.
Fuͤr die Verhaͤltniſſe von T. habe ich nach einer ins Einzelne gehenden Schaͤtzung die allgemeinen Kulturkoſten einer Viehwirthſchaft zu 20 prct. vom Werth des rohen Produkts angenommen.
Der rohe Ertrag von einer Kuh iſt in T. 15,67 Thlr. N⅔
- Die allgemeinen Kulturkoſten betragen hievon 20 prct., oder 3,13 Thlr.
- Die Arbeitskoſten betragen 10,13 » Dieſe beiden Ausgaben zuſammen 13,26 » »
- Der voͤllig reine Ueberſchuß welcher eine Landrente begruͤndet, betraͤgt alſo fuͤr eine Kuh 2,41 Thlr. N⅔
Wir wollen nun ſehen, wie ſich die Landrente, die der Boden durch die Betreibung der Viehzucht gewaͤhrt, in verſchiedenen Entfernungen von der Stadt verhaͤlt.
Nach §. 14. wird die Landrente gleich 0, wenn der Preis eines Schfl. Rockens = 0,47 Thlr. Gold, oder Thlr. N⅔ betraͤgt. Da durch die- ſen Preis bloß die Arbeitskoſten und die andern auf den Kornbau zu verwendenden Ausgaben gedeckt werden, ſo kann auch in einer noch groͤßern Entfernung von der Stadt als 31,5 Meilen der Preis des Rockens nicht unter 0,45 Thlr. N⅔ ſinken; und wir nehmen deshalb fuͤr den ganzen Kreis dieſen Preis an.
Das Getreide iſt fuͤr dieſen Kreis kein Gegenſtand des Handels, weil kein Abſatz dafuͤr iſt, und der ganze Getreidebau beſchraͤnkt ſich deshalb bloß auf die Befriedigung des eigenen Beduͤrfniſſes.
Wir haben oben fuͤr ein Verhaͤltniß, wo die Preiſe der Viehprodukte ſich nach den Preiſen des Getreides richten, die Ausgaben zum Theil in Geld, zum Theil in Korn ausgedruͤckt. Fuͤr dieſen Kreis, in welchem Korn und Viehprodukte in einem ganz andern Werthsverhaͤltniß zu einander ſtehen, laͤßt ſich — wenn man einen allgemeinen Maaßſtab haben will — die Wirthſchaftsausgabe nicht mehr durch Korn und Geld allein ausdruͤcken, ſondern man muß den Theil der Ausgabe, der in der Verwendung von Viehprodukten beſteht, auch in Viehprodukten angeben, und nicht auf Korn reduziren.
Eine voͤllig genaue Unterſcheidung und Berechnung iſt hier nicht zu erreichen; aber ich glaube, daß wir uns der Wahrheit ſehr naͤhern, wenn wir die allgemeinen Kulturkoſten in Viehprodukte, die Arbeitskoſten aber wie bisher zu ¾ in Korn und zu ¼ in Geld ausdruͤcken.
Der Ertrag einer Kuh iſt gleich 87½ ℔ Butter. Hievon ⅕ ab fuͤr allgemeine Kulturkoſten 17½ bleiben 70 ℔ Butter Die Arbeitskoſten betragen fuͤr eine Kuh 10,13 Thlr. N⅔ Hievon ¼ in Geld macht 2,53 Thlr. ¾ in Korn 7,60 » 7,60 Thlr. ſind in T., wo der Schfl. 1,205 Thlr. N⅔ werth iſt, gleich 6,3 Schfl. Rocken.
Allgemein ausgedruͤckt iſt demnach der Reinertrag einer Kuh = 70 ℔ Butter ÷ 2,53 Thlr. N⅔ ÷ 6,3 Schfl. Rocken.
Fuͤr eine Entfernung von 5 Meilen von der Stadt iſt der Werth von 70 ℔ Butter à 8⅘ ß 12,83 Thlr. N⅔
Die Ausgabe:
- 6,3 Schfl. Rocken à 1,313 Thlr. Gold
- oder 1,225 Thlr. N⅔ = 7,72
- an Geld 2,53
- bleibt Reinertrag 2,58 Thlr. N⅔
Fuͤr 10 Meilen Entfernung.
Die Einnahme:
- 70 ℔ Butter à 8⅗ ß 12,54 Thlr. N⅔
Die Ausgabe:
- 6,3 Schfl. Rocken à 1,136 Thlr. Gold
- oder 1,06 Thlr. N⅔ = 6,78
- an Geld 2,53
- der Reinertrag 3,23 Thlr. N⅔
Fuͤr 20 Meilen Entfernung.
Die Einnahme:
- 70 ℔ Butter à 8⅕ ß 11,96 Thlr. N⅔
Die Ausgabe:
- 6,3 Schfl. Rocken à 0,809 Thlr. Gold
- oder 0,755 Thlr. N⅔ = 4,76
- an Geld 2,53
- der Reinertrag 4,67 Thlr. N⅔
Fuͤr 30 Meilen Entfernung.
Die Einnahme:
- 70 ℔ Butter à 7⅘ ß 11,38 Thlr. N⅔
Die Ausgabe:
- 6,3 Schfl. Rocken à 0,512 Thlr. Gold
- oder 0,478 Thlr. N⅔ = 3,01
- an Geld 2,53
- der Reinertrag 5,84 Thlr. N⅔
Fuͤr 40 Meilen Entfernung.
Die Einnahme:
- 70 ℔ Butter à 7⅖ ß = 10,80 Thlr. N⅔
Die Ausgabe:
- 6,3 Schfl. Rocken à 0,47 Thlr. Gold
- oder 0,45 Thlr. N⅔ = 2,83
- an Geld 2,53
- der Reinertrag 5,44 Thlr. N⅔
Fuͤr 50 Meilen Entfernung.
Die Einnahme:
- 70 ℔ Butter à 7 ß 10,21 Thlr. N⅔
Die Ausgabe:
- 6,3 Schfl. Rocken à 0,47 Thlr. Gold
- oder 0,45 Thlr. N⅔ = 2,83
- an Geld 2,53
- der Reinertrag 4,85 Thlr. N⅔
Die Landrente, die der durch Viehzucht benutzte Boden gewaͤhrt, iſt alſo am niedrigſten in der Naͤhe der Stadt, ſteigt allmaͤlig mit der groͤßern Entfernung, und iſt am hoͤchſten bei 30 Meilen Entfernung (eigentlich bei 31,5 Meilen). Von dieſem Punkt an ſinkt die Landrente wieder, aber nur ſo wenig, daß ſie bei 50 Meilen Entfernung noch 4,85 Thlr., alſo noch faſt doppelt ſo hoch, als in der Naͤhe der Stadt iſt.
Da die Viehzucht bei 50 Meilen Entfernung noch mit ſo großem Vortheil betrieben werden kann, ſo wird auch hier noch nicht die Graͤnze dieſer Wirthſchaft ſeyn; ſondern ſie muß ſich ſo weit ausdehnen bis die Transportkoſten am Ende den Ertrag verſchlingen, und die Landrente = 0 wird.
Dieſer Kreis erhaͤlt dann aber eine ungemein große Ausdehnung, und es werden ſo viele animaliſche Produkte nach der Stadt gebracht werden, daß dieſe außer allem Verhaͤltniß mit dem zum Verkauf gebrachten Korn kommen, und nicht mehr konſumirt werden koͤnnen.
Die Produktion kann wohl momentan, aber nie dauernd den Bedarf uͤberſteigen; denn das, was uͤber den Bedarf zu Markt gebracht wird, findet entweder gar keinen Kaͤufer, oder muß doch zu einem ſo niedrigen Preiſe verkauft werden, daß dadurch die Produktions- und Transportkoſten nicht verguͤtigt werden. Iſt nun die Preisverminderung dauernd, und iſt die Hervorbringung eines Produkts oder einer Waare fortwaͤhrend mit Verluſt verbunden: ſo muͤſſen diejenigen Produzenten, denen die Hervorbringung am koſtſpieligſten wird, zuerſt damit aufhoͤ- ren, und dieſe Einſchraͤnkung der Produktion muß ſo lange fortgehen, bis am Ende die Produktion mit dem Bedarf wieder im Gleichgewicht iſt. Von den Produzenten werden alsdann nur diejenigen uͤbrig bleiben, die durch ihre Lage, oder andre Umſtaͤnde am mehrſten beguͤnſtigt ſind, ſo daß ſie auch bei dem verminderten Preiſe noch beſtehen koͤnnen.
Geſetzt nun, daß durch den großen Ueberfluß der zu Markt gebrachten Butter, der Preis derſelben von 9 ß bis zu 5⅔ ß fuͤr das Pfund herunter ginge; in welcher Gegend des iſolirten Staats wird dann die Produktion der Butter aufhoͤren muͤſſen?
Faͤllt der Mittelpreis der Butter um 3⅓ ß pr. ℔, ſo vermindert dies die Einnahme von einer Kuh um 70 × 3⅓ = 233 ß = 4,88 Thlr., und dieſe Verminderung iſt fuͤr jede Gegend, ſie ſey 5 oder 50 Meilen von der Stadt entfernt, ganz gleich.
Die Arbeitskoſten und die allgemeinen Kulturkoſten werden durch die Preisverminderung der Butter nicht veraͤndert, ſondern bleiben ſo wie wir ſie fuͤr den Preis von 9 ß berechnet haben, und die Mindereinnahme geht alſo von dem Reinertrage ſelbſt ab.
Der Reinertrag von einer Kuh
- war bei dem Preiſe von 9 ß
- iſt bei dem Preiſe von 5⅔ ß
- Bei 5 Meilen Entfernung 2,58 Thlr. ÷ 2,30 Thlr.
- 10 » 3,23 » ÷ 1,65 »
- 20 » 4,67 » ÷ 0,21 »
- 30 » 5,84 » + 0,96 »
- 40 » 5,44 » + 0,56 »
- 50 » 4,85 » ÷ 0,03 »
Es ergibt ſich hieraus, daß bei dem Preiſe der Butter von 5⅔ ß fuͤr das Pfund, in der Naͤhe der Stadt die Viehhaltung zum Zweck der Butterproduktion nicht bloß keinen Reinertrag gibt, ſondern mit einem wirklichen Verluſt verbunden iſt. Mit der groͤßern Entfernung von der Stadt wird dieſer Verluſt allmaͤlig geringer und verſchwindet endlich bei einer Entfernung von 21½ Meilen. Von hier an geben die Kuͤhe einen Reinertrag der anfaͤnglich mit der zunehmenden Entfernung waͤchſ’t, bei 31,5 Meilen aber ſeinen hoͤchſten Punkt erreicht, dann wieder abnimmt und endlich bei 50 Meilen Entfernung ganz verſchwindet.
Das Reſultat, daß die Butterproduktion nur in den entfernten Gegenden mit Vortheil betrieben werden kann, haͤtten wir auch ſchon aus der in §. 19. mitgetheilten allgemeinen Formel — vermoͤge welcher ſich fuͤr jedes Gewaͤchs, deſſen Produktionskoſten und deſſen Ertrag von einer gegebenen Flaͤche bekannt ſind, die Stelle nachweiſen laͤßt, wo daſſelbe erzeugt werden muß — entwickeln koͤnnen. Nach dieſer Formel iſt in §. 19. fuͤr ein Produkt, welches in Hinſicht der Produktionskoſten ſich wie 14: 1 und in Hinſicht der Transportkoſten wie 2 : 1 gegen Rocken verhaͤlt — und ungefaͤhr in dieſem Verhaͤltniß werden Butter- und Getreideproduktion gegen einander ſtehen — berechnet worden, daß daſſelbe aus der Naͤhe der Stadt nur zu 9,2 ß, aus der 30 Meilen entfernten Gegend aber zu 5,3 ß das Pfund nach der Stadt geliefert werden koͤnne. Kann nun — wie es hier der Fall iſt — der ganze Bedarf durch die entlegene Gegend befriedigt werden, ſo beſtimmt der Preis, zu welchem dieſe Gegend ein ſolches Produkt nach der Stadt liefern kann, auch den Mittelpreis dieſes Produkts in der Stadt ſelbſt, und es geht hieraus hervor, daß die Erzeugung dieſes Produkts in der Naͤhe der Stadt mit Verluſt verbunden ſeyn muß.
Es ſcheint demnach, daß die der Stadt naͤher gelegenen Kreiſe die Viehzucht ganz aufgeben und ſich bloß dem weit eintraͤglichern Kornbau widmen muͤßten.
Dies wuͤrde auch unſtreitig der Fall ſeyn, wenn es nicht durch ein merkwuͤrdiges Geſetz der Natur verhindert und unmoͤglich gemacht wuͤrde.
Die Pflanzennahrung, die dem Boden durch die Hervorbringung des Getreides entzogen wird, kann dem Acker nicht durch das Auffahren von Heu, Stroh oder Gras in dem natuͤrlichen Zuſtande erſetzt werden, ſondern dieſe Subſtanzen muͤſſen durch die Verfuͤtterung mit dem Vieh in Dung verwandelt werden, wenn ſie den Pflanzen wieder zur Nahrung dienen ſollen.
Das Vieh iſt alſo als eine unentbehrliche Maſchine anzuſehen, wodurch Heu und Stroh in Dung verwandelt werden; und die Viehzucht muß mit dem Ackerbau verbunden bleiben, wenn ſie auch gar keine Einnahme gewaͤhren ſollte.
Durch dieſen Umſtand erhaͤlt nun aber die Frage: «ob bei ſinkenden Preiſen der Viehprodukte die naͤhern oder entferntern Gegenden die Viehzucht aufgeben muͤſſen», eine andere Entſcheidung.
Die naͤhern Gegenden koͤnnen den Verluſt, der aus der Viehzucht entſteht, tragen, weil der Kornbau eine Landrente abwirft; die entferntern Gegenden, die keine andre Einnahme als aus dem Vieh haben, muͤſſen die Viehzucht aufgeben, ſobald ſie nicht mehr rentirt.
Um nun endlich den Preis, den die Butter in der Stadt haben wird, angeben zu koͤnnen, muͤßte die Quantitaͤt die gebraucht wird, und die Groͤße der Flaͤche, die zu der Erzeugung dieſer Quantitaͤt erforderlich iſt, bekannt ſeyn.
Der Preis muß naͤmlich ſo hoch ſeyn, daß das entlegenſte Gut, deſſen Anbau aber zur Befriedigung des Bedarfs der Stadt noch nothwendig iſt, die ſaͤmmtlichen auf die Produktion und den Transport verwandten Ko- ſten erſetzt erhaͤlt.
Iſt z. B. zur Befriedigung des Beduͤrfniſſes der Stadt die Betreibung der Viehzucht bis auf 50 Meilen von der Stadt nothwendig: ſo muß der Preis der Butter ſo hoch ſeyn, daß dem 50 Meilen entfernten Gut die Koſten der Viehzucht erſetzt werden; es muͤſſen alſo 70 ℔ an Ort und Stelle ſelbſt 5,36 Thlr. N⅔ werth ſeyn, das Pfund alſo 37/10 ß, und da die Transportkoſten 2 ß pr. Pfund betragen, ſo muß der Mittelpreis der Butter in der Stadt = 57/10 ß N⅔ ſeyn.
In der Entfernung von 40 Meilen von der Stadt koſtet das Pfund zu produziren ebenfalls 3,7 ß N⅔ die Transportkoſten bis zur Stadt betragen 1,6 zuſammen 5,3 ß N⅔
Kann nun der Kreis von 40 Meilen um die Stadt herum den Bedarf der Stadt liefern, ſo wird der Mittelpreis der Butter 5,3 ß N⅔ pr. Pfund ſeyn. In die- ſem Fall verſchwindet aber die Landrente bei 40 Meilen Entfernung, anſtatt daß dieſe Gegend noch eine Landrente abwirft, wenn die Kultur des Bodens ſich bis auf 50 Meilen von der Stadt ausdehnt.
In der Entfernung von 30 Meilen koſtet die Pro duktion von 70 ℔ Butter 5,54 Thlr. N⅔, dies macht fuͤr ein Pfund 3,8 ß. Die Butter aus dieſer Gegend nach der Stadt zu fahren koſtet 1,2 ß. Reicht nun die- ſer Kreis fuͤr das Beduͤrfniß der Stadt hin, ſo kann das Pfund Butter zu 3,8 + 1,2 = 5 ß N⅔ gekauft werden.
Zwiſchen dem Fleiſch und dem Getreide findet ein gemeinſchaftliches Maaß, naͤmlich das der Ernaͤhrungsfaͤ- higkeit ſtatt, und wir muͤſſen uns die Frage vorlegen, ob denn der Preis des Fleiſches, der Butter u. ſ. w. allein durch die Koſten, die es verurſacht dieſe Erzeugniſſe zu Markt zu bringen, und nicht auch durch das Verhaͤltniß der Ernaͤhrungsfaͤhigkeit beſtimmt werde.
Nun finden wir in der Wirklichkeit bei allen zivili- ſirten Nationen — alſo mit Ausſchluß der bloß Viehzucht treibenden Nomadenvoͤlker — daß eine gleiche Nahrungsmaſſe im Fleiſch viel hoͤher bezahlt werde als im Brodte.
Dieſer hoͤhere Preis des Fleiſches entſpringt aus zwei Quellen,
- 1) Es findet eine allgemeine Vorliebe fuͤr Fleiſchſpeiſen ſtatt, und jeder der nicht in der aͤußerſten Duͤrftigkeit lebt, verwendet einen Theil ſeiner Einnahme auf die Erlangung dieſes wohlſchmeckenden und kraͤftigen Nahrungsmittels.
- 2) Die Gemuͤſe und die Kartoffeln ſind — mit alleiniger Ausnahme der ſehr großen Staͤdte — uͤberall ein weit wohlfeileres Nahrungsmittel, als das Brodt und die aus dem Getreide bereiteten Mehlſpeiſen; aber die Nahrungsmaſſe iſt in ihnen zu wenig konzentrirt, als daß ſie das einzige Nahrungsmittel der arbeitenden Klaſſe ausmachen koͤnnten. Werden aber bei der Speiſung die Gemuͤſe mit Fleiſch, in welchem die Nahrungsmaſſe noch viel konzentrirter als im Getreide iſt, verbunden: ſo erſetzt dieſe Verbin dung das Brodt und die Mehlſpeiſen vollkommen, und der Arbeiter kann nun das, was er bei dem Ankauf der Gemuͤſe, ſtatt des Getreides erſpart hat, zur Bezahlung eines hoͤhern Preiſes fuͤr das Fleiſch verwenden.
Dies fuͤhrt uns noch einmal auf die Kartoffeln zuruͤck.
Geſetzt ein Pfund Fleiſch enthalte gleiche Nahrungsmaſſe mit dem Brodt, was aus zwei Pfund Rocken erfolgt: ſo ſind 14 ℔ Fleiſch + 2 Schfl. Kartoffeln gleich 1 Schfl. Rocken.
Gilt nun der Schfl. Rocken 1 Thlr. 24 ß der Schfl. Kartoffeln 12 ß; 2 Schfl. alſo 24 ß ſo erſpart der Arbeiter 1 Thlr., welchen er zum Ankauf von 14 ℔ Fleiſch verwendet; er kann alſo, ohne daß hieraus ein Verluſt fuͤr ihn entſpraͤnge, das Pfund Fleiſch mit 3,4 ß bezahlen, obgleich er dieſelbe Nahrungsmaſſe im Brodt zu 1,7 ß erkaufen koͤnnte.
Nach Campbell (Siehe Thaers Grundſaͤtze der rationellen Landwirthſchaft, Band 4 Seite 221) bewirkt bei der Ochſenmaſtung die Verfuͤtterung von 1 Schfl. Kartoffeln einen Fleiſchanſatz von 3 ℔. Nach Thaer (Seite 369 des angefuͤhrten Werks) nimmt ein Maſtochſe, der taͤglich 40 ℔ gutes Heu bekoͤmmt, taͤglich 2 ℔ zu.
Nach Campbell’s Angabe wuͤrden zur Hervorbringung von 42 ℔ Fleiſch, die nach unſerer Annahme gleiche Nahrungsmaſſe mit 1 Schfl. Rocken enthalten, die Verfuͤtterung von 14 Schfl. Kartoffeln erforderlich ſeyn, waͤhrend vor der Verfuͤtterung ſchon in 3 Schfl. Kartoffeln ſo viel Nahrungsſtoff enthalten war als in 1 Schfl. Rocken.
Es folgte hieraus alſo, daß durch die Verwandlung der Kartoffeln in Fleiſch die abſolute Nahrungsmaſſe faſt bis auf ⅙ vermindert wuͤrde.
Kann nun 1 Schfl. Rocken durch 14 ℔ Fleiſch + 2 Schfl. Kartoffeln erſetzt werden, und ſind zur Hervorbringung von 14 ℔ Fleiſch 4 ⅔ Schfl. Kartoffeln erforderlich: ſo wuͤrden 4 ⅔ + 2 = 6 ⅔ Schfl. Kartoffeln einen Schfl. Rocken erſetzen.
Da nun von derſelben Flaͤche, wo 1 Schfl. Rocken waͤchſt, mehr als 6 ⅔ Schfl. Kartoffeln geerntet werden, ſo kann auch nach dieſer Berechnung — die aber keineswegs Anſpruch auf Vollſtaͤndigkeit und Genauigkeit machen ſoll — durch die Verbreitung des Kartoffelnbaues eine groͤßere Zahl Menſchen, als fruͤher durch den Getreidebau, ernaͤhrt werden; aber bei weitem keine ſo viel groͤßere Zahl als Manche behauptet haben.
Denken wir uns nun, daß in dem iſolirten Staate der bisher bloß Viehzucht treibende Kreis allmaͤlig, und zwar bis zur Graͤnze des kulturfaͤhigen Bodens, angebauet und dem Getreidebau gewidmet werde: ſo nimmt dadurch einerſeits die Menge der Viehprodukte, die nach der Stadt geliefert wird, betraͤchtlich ab, und andererſeits vermehrt ſich die Zahl der Konſumenten mit dem erweiterten Anbau der Ebene. Die geringere Quantitaͤt von Viehprodukten muß dann unter eine groͤßere Zahl von Konſumenten vertheilt werden, und die auf jeden Einzelnen fallende Portion muß alſo viel kleiner als fruͤher ſeyn.
Es entſteht nun die Frage, welchen Einfluß dieſe Veraͤnderung auf den Preis der animaliſchen Produkte haben wird, und wie nun die geringere Produktenmenge unter die verſchiedenen Klaſſen der Staatsbuͤrger vertheilt werden wird.
Bei der mangelhaften Verſorgung des Markts mit Fleiſch wird durch die Konkurrenz der Kaͤufer eine Steigerung des Preiſes hervorgebracht. Der Aermere kann fuͤr das Fleiſch nur den Preis zahlen, den es ihm in Verhaͤltniß zu andern Nahrungsmitteln werth iſt. Steigt der Preis hoͤher, ſo muß er den Verbrauch deſſelben aufgeben oder wenigſtens einſchraͤnken. Der Reiche dagegen kann und wird fuͤr die wohlſchmeckendere Fleiſchſpeiſe einen hoͤhern Preis zahlen, als das Werthsverhaͤltniß zum Getreide angibt. Indem nun der Reiche grade durch die- ſen hoͤhern Preis den Armen von dem Ankauf des Flei- ſches abhaͤlt, kann ſein Tiſch noch eben ſo reichlich als fruͤher mit Fleiſch beſetzt ſeyn; waͤhrend die arbeitende Klaſſe ſich nun mit den wohlfeilern, aber minder kraͤftigen vegetabiliſchen Speiſen begnuͤgen muß.
So fuͤhrt alſo dieſer Uebergang zur hoͤhern Kultur zu einer fuͤr die Arbeiter ſehr unerfreulichen Beſchraͤnkung der gewohnten Beduͤrfniſſe.
Steigen nun aber bei weiterm Fortſchreiten des Reichthums der Nation die Preiſe der animaliſchen Produkte ſo hoch, daß Kartoffeln zum Viehfutter mit Vortheil gebauet werden koͤnnen: ſo findet nun auf einmal eine große Vermehrung der Viehprodukte ſtatt, und die Portion die auf jeden Einzelnen faͤllt, kann nun wieder betraͤchtlich vergroͤßert werden.
Nach meinen Berechnungen ernaͤhrt ein Morgen mit Kartoffeln 2 ⅔ mal ſo viel Vieh, als ein Morgen Dreeſchweide auf Boden von gleichem Reichthum.
Iſt nun der Arbeitslohn ſo hoch, daß der Arbeiter den hoͤhern Preis fuͤr die animaliſchen Produkte bezahlen kann — und dies muß man vorausſetzen, weil ohne die Konkurrenz der arbeitenden Klaſſe der Preis ſchwerlich ſo hoch haͤtte ſteigen koͤnnen — ſo wird der Arbeiter nun den Verbrauch der Fleiſchſpeiſen vermehren und zu einer behaglichen Lebensweiſe uͤbergehen koͤnnen.
Ein ſolcher Zuſtand der buͤrgerlichen Geſellſchaft bietet aber noch eine andre ſehr erfreuliche Seite dar.
Wenn naͤmlich in einem Mißwachsjahr die Ernte fuͤr den Bedarf nicht ausreicht, ſo koͤnnen nun die zur Vieh maſtung beſtimmten Kartoffeln direkt zur menſchlichen Nahrung verwandt, das Vieh aber mager geſchlachtet werden, und da hiedurch die ſonſt in Fleiſch verwandelte Nahrungsmaſſe faſt verfuͤnffacht wird: ſo iſt es faſt unmoͤglich, daß eine Nation die dieſe Stuffe des Wohlſtandes einmal erſtiegen hat, jemals von einer Hungersnoth heimge- ſucht werden koͤnne.
Vermehrt ſich dagegen in einem Staat durch die Einfuͤhrung des Kartoffelnbaues die Volksmenge ſo ſehr, und ſinkt in Folge dieſer Vermehrung der Arbeitslohn ſo tief, daß der Arbeiter fuͤr ſeinen Lohn nur Kartoffeln erkaufen kann, und ohne Beihuͤlfe animaliſcher Speiſen ganz oder groͤßtentheils von Kartoffeln leben muß: ſo iſt dieſer Zuſtand des Staats einer der bejammernswuͤrdigſten.
Die Kartoffeln koͤnnen nicht wie das Getreide von einem Jahr zum andern aufgehoben werden: es kann der Ueberfluß des einen Jahrs nicht den Mangel des andern erſetzen.
Mißrathen nun aber die Kartoffeln, ſo iſt keine Rettung durch den Uebergang von einem theuern zu einem wohlfeilen Nahrungsmittel — wie der vom Fleiſch zu Kartoffeln — moͤglich, und es tritt der Zuſtand ein, wovon Malthus ſagt: «wenn aber das Volk in der Regel «vom allerniedrigſten Nahrungsmittel lebt, dann bleibt «gar keine Zuflucht uͤbrig, als vielleicht etwas Baum- «rinde, viele aber muͤſſen nothwendig des eigentlichen «Hungertodes ſterben.»
In dieſem Fall wird alſo, ſo paradox dies auch ſcheinen mag, grade durch die Kartoffel die Geißel einer oͤfters wiederkehrenden Hungersnoth herbeigefuͤhrt. Irland bietet vielleicht ſchon jetzt das Beiſpiel eines ſolchen Zu- ſtandes dar.
So hat alſo auch hier die Natur es der Willkuͤhr des Menſchen uͤberlaſſen, ob er das herrliche Geſchenk, was ſie ihm gab, zu ſeinem Verderben oder zu ſeinem Heil benutzen will.
Viehmaſtung.
Das gemaͤſtete Vieh kann ohne bedeutende Koſten nach entfernten Marktplaͤtzen getrieben werden, und die Maſtung kann hier wohlfeiler als in den der Stadt naͤher gelegenen Gegenden, wo der Boden eine betraͤchtliche Landrente abwirft, geſchehen. Da jedoch das Treiben des ſehr fetten Viehes auf weite Strecken mit vieler Beſchwerde und mit bedeutender Abmagerung des Viehes verbunden iſt: ſo kann es ſeyn, daß die Maſtung hier nur begonnen, aber erſt in einer der Stadt naͤhern Gegend vollendet wird.
Aufzucht von jungem Vieh.
Das Jungvieh kann mit geringer Muͤhe und unbedeutenden Koſten von einem Orte zum andern getrieben werden. Da nun in dieſem Kreiſe die Landrente des Bodens und der Werth des Futters ſehr niedrig ſind: ſo kann auch von hieraus das Jungvieh ſo wohlfeil geliefert werden, daß keine andre Gegend des iſolirten Staats die Konkurrenz damit aushalten kann.
Der Kreis der Koppelwirthſchaft kann ſeinen Boden durch Kuherei zum Zweck der Butterproduktion viel hoͤher nutzen als durch Aufzucht; und dieſer Kreis wird ſeinen ganzen Bedarf an Jungvieh aus dem Kreiſe der Viehzucht kaufen.
In der Wirklichkeit kann in ſolchen Gegenden, wo der Lage und den uͤbrigen Verhaͤltniſſen nach die Aufzucht unvortheilhaft iſt, es doch zuweilen fuͤr einzelne Landwirthe zweckmaͤßig ſeyn, ihren Bedarf an Jungvieh ſelbſt aufzuziehen — wenn ſie naͤmlich den Zweck haben, eine beſſere Race als die gewoͤhnliche zu erzielen. In dem iſolirten Staat aber, wo wir fuͤr alle Landwirthe gleiche Intelligenz und alſo auch gleiche Kenntniß der guten Viehracen annehmen, entſcheidet die Lage des Guts allein uͤber die Zweckmaͤßigkeit oder Unzweckmaͤßigkeit der Aufzucht.
Wenn der Bedarf der Stadt an animaliſchen Produkten eine Ausdehnung der Viehzucht bis 50 Meilen um die Stadt herum erfordert, ſo iſt, wie wir oben geſehen haben, der Mittelpreis der Butter in der Stadt = 5 ⅔ ß N ⅔ fuͤr das Pfund, und mit dieſem Preiſe der Butter wird der Preis der andern thieriſchen Erzeugniſſe, als Wolle, fettes Fleiſch u. ſ. w. im Verhaͤltniß ſtehen.
Der Reinertrag einer Kuh betraͤgt nach unſern obigen Unterſuchungen fuͤr die Gegend, welche von der Stadt entfernt iſt: 30 Meilen 0,96 Thlr. N ⅔ 40 » 0,56 » 50 » 0 » Die Landrente iſt alſo in dieſem ganzen Kreiſe aͤußerſt geringe, und der Ertrag der Guͤter beſteht faſt nur aus den Zinſen des Kapitals, welches auf die Errichtung der Gebaͤude, auf die Anſchaffung des Inventarii u. ſ. w. verwandt iſt.
In dieſem Kreiſe wird nicht mehr Korn gebauet, als zur Ernaͤhrung der mit der Viehzucht beſchaͤftigten Men- ſchen erforderlich iſt. Der Gewinn an Stroh iſt alſo aͤußerſt gering, und es darf nicht mehr Vieh gehalten werden, als mit dieſem wenigen Stroh und mit dem Heu von den natuͤrlichen Wieſen im Winter durchgefuͤttert werden kann.
Die Sommerweide fuͤr das Vieh iſt hingegen, da faſt der ſaͤmmtliche Acker der Guͤter zur Weide liegt, ſo reichlich, daß das Vieh nicht alles Gras verzehren kann, und daß ein Theil des Graſes ungenutzt verfault.
Durch den Anbau von Futterkraͤutern und Wurzelgewaͤchſen laͤßt ſich aber die Winterfuͤtterung nicht vermehren, weil die dadurch verurſachten Koſten, durch den ſehr geringen Ertrag des Viehes gar nicht erſetzt werden koͤnnen.
Die Wieſen ſind alſo der einzige Maaßſtab fuͤr die Zahl des Viehes welches gehalten werden kann, und man wird die geringe Landrente, welche aus der Wirthſchaft hervorgeht, einzig und allein den Wieſen zuſchreiben, weil die Weide im Ueberfluß vorhanden iſt und nur durch die Wieſen genutzt werden kann.
Dieſer Kreis kann alſo im Verhaͤltniß zu ſeiner großen Ausdehnung nur eine geringe Quantitaͤt Viehprodukte zu Markte bringen.
Auch iſt die Bevoͤlkerung dieſes Kreiſes aͤußerſt gering, und ein Gut von gleichem Umfange, welches in der Naͤhe der Stadt 30 Familien ernaͤhrt, wird hier kaum 3 Familien Beſchaͤftigung und Nahrung geben.
Mit 50 Meilen Entfernung von der Stadt hoͤrt endlich die Landrente von der Viehzucht ganz auf, und weil in einer groͤßern Entfernung die Zinſen des auf die Wirth- ſchaft verwandten Kapitals nicht mehr bezahlt werden, muß auch dieſer letzte Kulturzweig hier enden.
Hinter dem Kreiſe der Viehzucht koͤnnen nun noch einige Jaͤger zerſtreut in den Waͤldern leben, welche mit der Beſchaͤftigung und der Lebensart der Wilden auch die Sitten derſelben annehmen werden. Die einzige Kommunikation welche dieſe Jaͤger mit der Stadt haben, be- ſteht darin, daß ſie ihre wenigen Beduͤrfniſſe fuͤr die Felle wilder Thiere eintauſchen.
Dies iſt nun die letzte Einwirkung, welche die Stadt auf dieſe Ebene, die weiterhin zur Menſchenleeren Wildniß wird, ausuͤbt.
Ein Reiſender, der den iſolirten Staat durchreiſ’te, wuͤrde in wenig Tagen alle jetzt bekannten Wirthſchafts- ſyſteme praktiſch angewandt erblicken. Die regelmaͤßige Folge, worin er die verſchiedenen Wirthſchaftsſyſteme nach einander wahrnaͤhme, wuͤrde ihn vor dem Irrthum bewahren, als laͤge es nur an der Unkenntniß der Landwirthe, daß die Kultur der entfernten Gegenden nicht ſo gut iſt, als die in der Naͤhe der Stadt.
Die hoͤheren Wirthſchaftsſyſteme haben dadurch daß ſie kuͤnſtlicher, komplizirter ſind, und zugleich hoͤhere Einſichten und Kenntniſſe erfordern, fuͤr das Auge etwas Blendendes und Verfuͤhreriſches.
Da nun dieſe hoͤhern Wirthſchaftsarten an den Orten, wo ſie landuͤblich ſind, unleugbar einen groͤßern Ertrag geben und den Boden hoͤher benutzen, ſo iſt der Irrthum «daß man nur die noͤthigen Kenntniſſe zu beſitzen brauche, um ein hoͤheres Wirthſchaftsſyſtem in eine weniger kultivirte Gegend einzufuͤhren» leicht zu entſchuldigen, aber auch um ſo gefaͤhrlicher.
Unſere Unterſuchungen haben ergeben, daß eine Koppel- oder Fruchtwechſelwirthſchaft auf einem Gut in dem Kreiſe der Dreifelderwirthſchaft eingefuͤhrt, von der Zeit wieder hinweggeſpielt werden und ſpurlos verſchwinden muß.
Umgekehrt wird eine Dreifelderwirthſchaft in den Kreis der Koppel- oder Fruchtwechſelwirthſchaft verpflanzt, nicht beſtehen koͤnnen; aber ein ſolcher Verſuch iſt zu wenig einladend, der Nachtheil zu ſehr in die Augen fallend, als daß er oft gemacht werden koͤnnte.
Der iſolirte Staat ſtellt in Hinſicht des Ackerbaues zugleich das Bild eines und deſſelben Staats in verſchiedenen Jahrhunderten dar.
Vor einem Jahrhundert wurde in Mecklenburg bloß Dreifelderwirthſchaft getrieben, und dieſe war den damaligen Verhaͤltniſſen allein angemeſſen. In den fruͤheſten Zeiten waren Jagd und Viehzucht wahrſcheinlich die einzigen Quellen der Ernaͤhrung. Dagegen wird im naͤch- ſten Jahrhundert die Fruchtwechſelwirthſchaft hier vielleicht eben ſo allgemein ſeyn, als jetzt die Koppelwirthſchaft.
So wie der Reichthum und die Bevoͤlkerung eines Staats ſteigen, ſo wird auch ein mehr intenſiver Landbau vortheilhaft. Sind die Verhaͤltniſſe nun bis zu dem Punkt gereift, daß die Anwendung eines hoͤhern Wirth- ſchaftsſyſtems nuͤtzlich wird, ſo iſt auch das Werk des Landwirths, der dieſe neue Wirthſchaft zuerſt einfuͤhrt, der Vergaͤnglichkeit nicht unterworfen. Dieſe Wirthſchaft wird ſich nicht bloß auf ſeinem Gute erhalten, ſondern ſich, zwar langſam aber unwiderſtehlich, uͤber das ganze Land verbreiten und ſo die landuͤbliche Wirthſchaft werden.
Dies war in Mecklenburg der Fall, als die Koppelwirthſchaft zuerſt eingefuͤhrt wurde; dies war in England der Fall, als die Koppel- und Dreifelderwirthſchaften der Fruchtwechſelwirthſchaft weichen mußten.
