Der isolirte Staat

Zweiter Abſchnitt. Vergleichung des iſolirten Staats mit der Wirklichkeit.

12.046 Wörter

Zweiter Abſchnitt. Vergleichung des iſolirten Staats mit der Wirklichkeit.

§. 27. Ruͤckblick auf den Gang unſerer Unterſuchung.

In der vorhergehenden Darſtellung der Geſtaltung des iſolirten Staats ſind die Verhaͤltniſſe des Guts Tellow zum Grunde gelegt, indem wir entwickelt haben, wie die Wirthſchaft dieſes Guts ſich aͤndern wuͤrde, wenn daſſelbe dem Marktplatz fuͤr die landwirthſchaftlichen Erzeugniſſe naͤher oder ferner gedacht wird.

Wir haben in §. 5. angenommen, daß der Rohertrag eines Guts ſich ganz in Korn angeben laſſe, und daß der Preis der animaliſchen Produkte mit dem Preiſe des Getreides im Verhaͤltniß ſtehe.

Dieſe Annahme iſt allerdings wahr und zutreffend, wenn wir die wirklichen Verhaͤltniſſe eines kultivirten Staats, der von keinen rohen, bloß Viehzucht treibenden Laͤndern umgeben iſt, vor Augen haben. Die durchgefuͤhrte Darſtellung des iſolirten Staats zeigt uns aber ſelbſt, daß das Gut T. in einer Gegend liegt, wo die Einwirkung der rohen, bloß Viehzucht treibenden Laͤnder ſich ſchon ſehr vermindert hat; und daß in dem iſolirten Staat das Verhaͤltniß zwiſchen den Preiſen der Viehprodukte und des Korns, nicht daſſelbe ſeyn kann, was auf dem Gute T. ſtatt findet.

Wir muͤſſen deshalb unterſuchen, in wiefern ſich die Geſtaltung des iſolirten Staats aͤndert, wenn der Preis der animaliſchen Produkte von dem Preiſe des Getreides unabhaͤngig iſt.

Fuͤr T. iſt der Preis der Butter 9 ß, und nach Abzug der Transportkoſten 8 ⅗ ß N ⅔ pr. ℔; in dem iſolirten Staat kann der Marktpreis der Butter nach unſerer Berechnung nur 5 ⅔ ß betragen, aber der Werth der- ſelben auf dem Gute ſelbſt nimmt mit der Entfernung des Guts von der Stadt nicht ſo raſch ab, als der des Getreides. Legen wir nun in unſerer Berechnung dieſen Preis ſtatt jenes zum Grunde, ſo werden wir in der Naͤhe der Stadt die Landrente geringer finden, aber dieſe Landrente nimmt mit der wachſenden Entfernung von der Stadt nicht ſo ſchnell ab, und ſie wird fuͤr das 25 Meilen entfernte Gut ſchon groͤßer ſeyn als wir ſie angegeben haben — weil die Butter ungeachtet des geringern Marktpreiſes hier doch ſchon einen hoͤhern Werth hat, als wenn ihr Preis ſich nach dem Getreidepreis dieſer Gegend richtete.

Wir haben ferner bei unſern Unterſuchungen einen Standpunkt zum Grunde gelegt, wo die mit dem Landbau verbundenen Ausgaben zu ¼ in Geld und zu ¾ in Korn ausgedruͤckt werden muͤſſen — und wir konnten dadurch fuͤr das gegebene Gut bei jedem Wechſel der Getreidepreiſe den Reinertrag und die Bewirthſchaftungsart beſtimmen.

Dann haben wir aber auch die Veraͤnderung in den Getreidepreiſen durch die groͤßere oder geringere Entfernung vom Marktplatz, alſo gleichſam raͤumlich dargeſtellt, und auf dieſe Weiſe den iſolirten Staat konſtruirt.

Nun iſt aber wie wir bereits in §. 5. erwaͤhnt haben, das Verhaͤltniß in welchem die Ausgaben in Geld und in Korn auszudruͤcken ſind, keineswegs gleichbleibend ſondern mit dem Standpunkt ſelbſt veraͤnderlich, und dies laͤßt ſich in dem iſolirten Staat noch weit klarer uͤberſehen als in der Wirklichkeit.

Der Preis aller Waaren und Materialien, die der Landwirth des iſolirten Staats nur aus der Stadt erhalten kann, richtet ſich nicht nach dem Getreidepreis der Gegend wo der Landwirth wohnt, ſondern dieſer muß den Preis, den die Waaren in der Stadt haben und dann noch die Fracht von der Stadt bis zu ſeiner Gegend, dafuͤr zahlen.

In dem Preiſe der Arbeitserzeugniſſe der Handwerker die auf dem Lande wohnen, ſind enthalten:

  • 1) die Auslage fuͤr Lebensmittel und andere Beduͤrfniſſe, die ſie waͤhrend der Arbeit verbrauchen,
  • 2) die Auslage fuͤr das rohe Material.

Wird nun das Material, was der Handwerker verarbeitet, z. B. das Eiſen aus der Stadt bezogen, ſo richtet ſich der Preis ſeines Arbeitserzeugniſſes nur zum geringern Theil nach dem Getreidepreis der Gegend wo der Handwerker wohnt; wird dagegen das rohe Material auf dem Lande ſelbſt erzeugt, z. B. Flachs, ſo ſtehen die Fabrikationskoſten der Leinwand faſt ganz in Verhaͤltniß mit dem Getreidepreiſe, indem nur dasjenige was der Leinweber zu ſeiner Wohnung, ſeinen Geraͤthſchaften und ſeinem Unterhalt aus der Stadt kaufen muß, in Geld ausgedruͤckt werden darf.

Wir finden alſo, daß von den mit dem Landbau verbundenen Ausgaben, alles dasjenige was der Landwirth unmittelbar aus der Stadt bezieht, und alles was die auf dem Lande lebenden, fuͤr den Landwirth arbeitenden Handwerker aus der Stadt erkaufen, in Geld ausgedruͤckt bleiben muß.

Fuͤr Guͤter von gleich großem Betrieb iſt alſo auch die fuͤr Waaren und Materialien in der Stadt ſelbſt zu zahlende Summe gleich groß, dieſe Guͤter moͤgen der Stadt nahe oder ferne liegen. Aber dem Landwirth des iſolirten Staats koſten nur dieſe Waaren außer dem Ankaufspreis auch noch die Fracht fuͤr dieſelben von der Stadt bis zu ſeiner Gegend; oder der Preis dieſer Waaren iſt auf dem Lande um den Betrag der Fracht inclu- ſive der Handelskoſten hoͤher als in der Stadt. Die Fracht — wovon nach §. 4. wieder ein Theil in Geld ausgedruͤckt werden muß — ſteigt aber mit der groͤßern Entfernung von der Stadt, und ſo faͤllt auf die entfernter liegenden Guͤter eine erhoͤhte Ausgabe ſowohl an Geld als an Getreide.

Bei der Uebertragung unſerer von einem Standpunkt ausgegangenen Berechnung auf den iſolirten Staat findet alſo eine zwiefache Abweichung ſtatt:

  • 1) iſt der Ertrag aus der Viehzucht in den entfernten Gegenden groͤßer als unſere Berechnung angibt;
  • 2) kommt fuͤr die entfernten Gegenden noch die Fracht fuͤr die aus der Stadt zu kaufenden Beduͤrfniſſe in Ausgabe.

Beide Abweichungen wirken ſich einander entgegen und bringen dadurch wieder eine Annaͤherung zu dem Reſultat unſerer Berechnung hervor.

Wie nun aber auch die Landrente in Zahlen ausge- ſprochen ſich hiedurch aͤndern mag, ſo bleiben doch folgende Hauptreſultate unſere Unterſuchung ganz unveraͤndert:

Die Koppelwirthſchaft muß bei ſehr niedrigen Kornpreiſen zu der Dreifelderwirthſchaft uͤbergehen, weil dieſe das Getreide mit geringern Arbeitskoſten produziren kann.

Bei noch mehr verringerten Getreidepreiſen hoͤrt auch die Landrente der Dreifelderwirthſchaft auf, und ſie kann kein Korn mehr nach der Stadt liefern.

Hinter dem Kreiſe der Dreifelderwirthſchaft bildet ſich dann der Kreis der Viehzucht.

Dieſe Hauptreſultate und mit ihnen alle daraus gezogene Folgerungen bleiben unveraͤndert, aber die Ausdehnung der Kreiſe in Zahlen ausgeſprochen und die Graͤnze, wo zwei Wirthſchaftsarten ſich trennen, wird der Meilenzahl nach ſich aͤndern. Dieſe Zahlen dienen hier aber nur zur Verſinnlichung der Idee und ſind keineswegs von einem weſentlichen Einfluß auf die entwickelten Hauptgeſetze: denn es iſt in dieſer Beziehung gleichguͤltig, ob z. B. der Kreis der Dreifelderwirthſchaft einige Meilen naͤher oder entfernter von der Stadt anfaͤngt.

§. 28. Verſchiedenheiten zwiſchen dem iſolirten Staat und der Wirklichkeit.

Die wirklichen Staaten und Laͤnder ſind in folgenden Punkten von dem iſolirten Staat weſentlich verſchieden:

  • 1) Es gibt in der Wirklichkeit kein Land, wo der Boden uͤberall gleichen Reichthum enthielte, und durch weg von gleicher phyſiſcher Beſchaffenheit waͤre.
  • 2) Es gibt keine einzige große Stadt, die nicht an einem Fluß oder ſchiffbaren Kanal laͤge.
  • 3) Jeder Staat von bedeutendem Umfange, mit einer großen Hauptſtadt, hat außer dieſer Hauptſtadt noch viele kleinere Staͤdte, die zerſtreut uͤber das ganze Land liegen.

Ad. 1.

Unſere Unterſuchungen in §. 14. haben das Reſultat gegeben, daß niedrige Kornpreiſe in ihrer Wirkung mit einer geringen Dungkraft des Bodens darin uͤbereinſtimmen, daß beide die Koppelwirthſchaft in Dreifelderwirth- ſchaft verwandeln, und daß beide wenn ſie noch mehr ver mindert werden, die Landrente am Ende bis zu 0 herunter bringen.

Man koͤnnte nun eben ſo wie wir hier den Preis des Getreides veraͤnderlich, die Fruchtbarkeit des Bodens gleichbleibend angenommen haben, einen zweiten iſolirten Staat darſtellen, in welchem der Getreidepreis gleichbleibend, die Fruchtbarkeit des Bodens dagegen veraͤnderlich waͤre, und dann dieſe zwiefache Darſtellung auf die Wirklichkeit anwenden.

Dieſe zwiefache Darſtellung iſt aber, wenigſtens in dieſer Beziehung entbehrlich, weil wir ſchon aus dem bisherigen, den Standpunkt, den ein Gut von niedrigerm Grade der Fruchtbarkeit bei dem Getreidepreis von 1 ½ Thlr. fuͤr den Scheffel Rocken, einnehmen wuͤrde, nachweiſen koͤnnen, wie aus der Loͤſung der nachfolgenden Aufgaben hervorgehen wird.

Erſte Aufgabe. Welche Landrente wird ein Gut, deſſen Acker Koͤrner in der Dreifeldexwirthſchaft traͤgt, gewaͤhren, wenn der Scheffel Rocken auf dem Gute ſelbſt 1 ½ Thlr. werth iſt; und in welcher Gegend des iſolirten Staats findet eine gleiche Landrente ſtatt?

Nach der in §. 14. gelieferten Tabelle betraͤgt die Landrente der Dreifelderwirthſchaft von Koͤrnern Ertrag 240 Scheffel Rocken ÷ 246 Thlr. Bei dem Preiſe von 1 ½ Thlr. fuͤr den Scheffel ſind 240 Scheffel Rocken 360 Thlr. werth; die Landrente betraͤgt alſo 360 ÷ 246 = 114 Thlr.

In dem iſolirten Staat iſt bei dem Ertrage von 72 Koͤrnern die Landrente = 696 Scheffel ÷ 327 Thlr.

Die Landrente beider Wirthſchaften wird alſo gleich, wenn 696 Scheffel Rocken ÷ 327 Thlr. = 114 Thlr. ſind + 327 + 327 alſo 696 Scheffel Rocken 441 Thlr. dieß macht fuͤr 1 Scheffel 0,633 Thlr. und dieſen Preis hat der Rocken auf dem ungefaͤhr 26 Meilen von der Stadt entfernten Gute.

Es iſt alſo die Landrente eines Guts von 4, 2 Koͤrnern bei dem Rockenpreiſe von 1 ½ Thlr. pr. Schffl. gleich der Landrente desjenigen Guts, welches in dem iſolirten Staat, 24 Meilen von der Stadt entfernt iſt.

Zweite Aufgabe. Bei welchem Koͤrnerertrag wird die Landrente der Dreifelderwirthſchaft = 0, wenn der Scheffel Rocken auf dem Gute 1 ½ Thlr. werth iſt?

Nach §. 14. iſt fuͤr (10 — x) Koͤrner die Landrente 1000 Schffl. ÷ 152 x Schffl. ÷ 381 Thlr. + 27 x Thlr. den Scheffel zu 1 ½ Thlr. gerechnet, gibt dieß 1500 Thlr. ÷ 228 x Thlr. — 381 Thlr. + 27 x Thlr. oder 1119 Thlr. ÷ 201 x Thlr.

Wenn nun die Landrente = 0 ſeyn ſoll, ſo ſind 201 x = 1119 alſo x = 5,57

Der geſuchte Koͤrnerertrag, fuͤr welche die Landrente = 0 wird, iſt alſo .

Dritte Aufgabe. Bei welchem Koͤrnerertrag iſt die Nutzung des Bodens durch Koppelwirthſchaft eben ſo hoch als die durch Dreifelderwirthſchaft, wenn fuͤr beide Wirth- ſchaftsarten der Werth des Schffl. Rocken auf dem Gute 1 ½ Thlr. betraͤgt?

Die Landrente beider Wirthſchaftsarten wird gleich, wenn nach §. 14.

Fuͤr einen Reichthum des Ackers, bei welchem die Koppelwirthſchaft 10 — 4, 58 = 5, 42 Koͤrner, die Dreifelderwirthſchaft aber (10 — 4, 58) = 4, 55 Koͤrner gibt, iſt alſo bei dem Preiſe von 1 ½ Thlr. fuͤr den Scheffel Rocken die Landrente der Koppelwirthſchaft der der Dreifelderwirthſchaft gleich.

Ad. 2.

Wenn es ausgemittelt iſt, wie viel wohlfeiler der Transport des Korns zu Waſſer, als der zu Lande zu ſtehen koͤmmt, ſo hat es keine Schwierigkeit, den Standpunkt eines Guts, welches ſein Korn zu Waſſer nach dem Markt ſchicken kann, zu beſtimmen.

Geſetzt, die Schiffsfracht betruͤge 1/10 der Landfracht, ſo iſt ein Gut, welches an einem Fluße liegend, 100 Meilen vom Marktplatz entfernt iſt, in Hinſicht des Werths des Getreides auf dem Gute, und der daraus entſpringenden Verhaͤltniße, dem Gute gleich, welches in dem iſolirten Staat 10 Meilen von der Stadt entfernt iſt.

Ein Gut, welches 5 Meilen vom Fluße entfernt liegt, traͤgt dann die Koſten von 5 Meilen Landfracht und 100 Meilen Schiffsfracht, und waͤre dem Gute des iſolirten Staats gleich, welches 15 Meilen von der Stadt entfernt iſt.

Ad. 3.

Die kleinen Staͤdte, welche zerſtreuet uͤber dem ganzen Lande liegen, muͤſſen eben ſowohl als die Haupt- ſtadt mit Lebensmitteln verſorgt werden, und diejenigen Guͤter, die in der Naͤhe einer ſolchen kleinen Stadt liegen, werden ihr Korn nach dieſer Stadt, ſo lange ſie noch etwas bedarf, und nicht nach der Hauptſtadt liefern. Die Zahl der Guͤter, oder die Flaͤche Landes, welche erforderlich iſt, um dieſe Stadt mit den noͤthigen Lebensmitteln zu verſorgen, koͤnnte man das Gebiet der Stadt nennen. Der Hauptſtadt geht nun aber dieſes Gebiet verloren, indem ſie von dort keine Produkte mehr erhaͤlt, und die kleine Stadt wirkt auf die Hauptſtadt, in Hin- ſicht der Verſorgung mit Lebensmitteln eben ſo, als wenn jenes Gebiet in eine Sandwuͤſte verwandelt waͤre, die nichts hervorbringt. Denkt man ſich nun die große Ebene des iſolirten Staats mit vielen ſolchen Sandflaͤchen untermiſcht, ſo muß offenbar der Bedarf der Hauptſtadt aus weiterer Ferne herbeigeſchafft werden, und die Kreiſe muͤſſen um den Bedarf zu liefern, ausgedehnt werden. Mit dieſer groͤßern Ausdehnung wachſen aber die Transportkoſten des Getreides, welches von dem aͤußern Rand der Ackerbau treibenden Ebene nach der Stadt geliefert wird, und eine ſolche Vermehrung der Transportkoſten hat, wie wir geſehen haben, eine Steigerung des Getreidepreiſes in der Hauptſtadt zur Folge.

In den kleinen Staͤdten wird nun aber der Preis des Getreides nach ganz andern Geſetzen beſtimmt, als wenn dieſe Staͤdte mit ihrem Gebiet iſolirt laͤgen. Die Guͤter, welche in dieſem Gebiet liegen, haben die Wahl ihr Korn entweder nach dieſer kleinen Stadt zu liefern, oder es nach der Hauptſtadt zu fahren. Was nun der Marktpreis des Getreides in der Hauptſtadt, nach Abzug der Verfahrungskoſten ausmacht, d. h. was der Werth des Korns auf dem Gute iſt, das muß ihnen die kleine Stadt bezahlen, wenn ſie bewogen werden ſollen, ihr Korn die- ſer Stadt zu uͤberlaſſen.

Die Getreidepreiſe in den kleinen Staͤdten werden alſo durch den Marktpreis in der Hauptſtadt beſtimmt; ja ſie ſind ganz und gar davon abhaͤngig.

Wir koͤnnen uns ſtatt der kleinen Staͤdte eigene Staaten von betraͤchtlichem Umfange denken, und auch dieſe koͤnnen beim freien Handel ſich der Allgewalt, welche die große Stadt in der Beſtimmung der Getreidepreiſe ausuͤbt, nicht entziehen.

Das Princip, welches dem iſolirten Staat ſeine Ge- ſtaltung gab, iſt auch in der Wirklichkeit vorhanden, aber die Erſcheinungen die daſſelbe hier hervorbringt, zeigen ſich in veraͤnderten Formen, weil zugleich eine unendliche Menge anderer Verhaͤltniße und Umſtaͤnde mitwirket.

So wie der Geometer mit Punkten ohne Ausdehnung, mit Flaͤchen ohne Dicke rechnet, die doch beide in der Wirklichkeit nicht zu finden ſind; ſo duͤrfen auch wir eine wirkende Kraft von allen Nebenumſtaͤnden und allem Zufaͤlligen entkleiden, und nur ſo koͤnnen wir erkennen, welchen Antheil ſie an den Erſcheinungen hat, die uns vorliegen.

Da es fuͤr ein einzelnes Gut moͤglich iſt, einen Standpunkt in dem iſolirten Staat aufzufinden, der mit den Verhaͤltniſſen deſſelben uͤbereinſtimmt; ſo laͤßt ſich, abgeſehn von der Schwierigkeit der Ausfuͤhrung, die Moͤglichkeit nicht leugnen, fuͤr ein ganzes Land eine Charte zu entwerfen, auf welcher der Kreis, wozu eine Gegend gehoͤrt, durch die Illumination angedeutet waͤre. Eine ſolche Charte wuͤrde eine hoͤchſt intereſſante und inſtruktive Ueberſicht gewaͤhren. Die Kreiſe wuͤrden aber nicht, wie in unſerm iſolirten Staat regelmaͤßig auf einander folgen, ſondern bunt durch einander gemiſcht ſeyn: es koͤnnte z. B. das 100 Meilen von der Hauptſtadt entfernte, aber an einem Fluſſe liegende und mit einem ſehr fruchtbaren Boden verſehene Gut zum dritten Kreiſe gehoͤren, waͤhrend das 10 Meilen von der Stadt liegende Gut mit Sandboden zum ſechsten Kreiſe gehoͤrte.

Wir wenden uns jetzt zu der Betrachtung eines mit der Landwirthſchaft natuͤrlich verbundenen Gewerbes und einiger Kulturzweige, deren im erſten Abſchnitt, um den Zuſammenhang nicht zu unterbrechen, keine Erwaͤhnung geſchehen iſt, und die wir jetzt mit Beziehung auf die Wirklichkeit durchgehen koͤnnen.

§. 29. Branntweinbrennerei.

Das Getreide kann, aus dem Kreiſe der Viehzucht nicht mehr nach der Stadt geliefert werden, weil die Transportkoſten deſſelben zu hoch zu ſtehen kommen; verwandelt man aber das Getreide in ein Fabrikat, welches im Verhaͤltniß zu ſeinem Werth geringere Transportkoſten erfordert: ſo kann der Ackerbau in dem naͤhern Theil dieſes Kreiſes noch mit Vortheil betrieben werden. Ein ſolches Fabrikat iſt nun der Branntwein, indem der Spiritus der aus 100 Schfl. Rocken gewonnen wird, kaum das Gewicht von 25 Schfl. Rocken hat.

Der Abfall der Brennerei, oder die Branntweins- ſchlempe, wird am zweckmaͤßigſten zur Viehmaſtung benutzt. Da nun der Kreis der Viehzucht ohnehin ſchon auf Viehmaſtung angewieſen iſt, und da hier das Getreide und das Brennholz den moͤglichſt niedrigſten Preis haben: ſo vereinigt ſich hier alles was Branntweinbrennerei vortheilhaft machen kann.

Der Branntwein kann deshalb von hier aus auch ſo wohlfeil geliefert werden, daß keine andre Gegend des iſolirten Staats, viel weniger die Stadt ſelbſt, die Konkurrenz damit aushalten kann — wenn vollkommne Gewerbfreiheit ſtatt findet: denn es iſt leicht einzuſehen, daß die Hervorbringung des Branntweins in der Stadt, wo Korn und Holz den dreifachen Preis haben und wo der Arbeitslohn viel hoͤher iſt, auch mindeſtens 2 bis 3 mal ſo viel koſten muß, als wofuͤr dieſe Gegend den Branntwein liefern kann.

Wenn durch den Gewerbszwang die Branntweinbrennerei nur in den Staͤdten betrieben werden darf, ſo bewirkt dies eine Verminderung des Nationaleinkommens, indem eine große Menge Kraͤfte zum Transport des Korns und des Brennmaterials ohne allen Nutzen verſchwendet werden. Da nun aber die groͤßte Wohlfeilheit des Branntweins aus andern Ruͤckſichten nicht wuͤnſchenswerth iſt, ſo kann der Staat die Fabrikation deſſelben mit einer ſtarken Abgabe belegen, wodurch derſelbe den Preis wieder erhaͤlt, wofuͤr der Staͤdter ihn ſonſt geliefert hat; und dieſe Vertheurung des Branntweins wird fuͤr den Staat wohlthaͤtiger wirken, als jene durch unnuͤtze Verwendung von Kraͤften — die nun auf andre nuͤtzliche Beſchaͤftigungen gerichtet, produktiv verwandt werden koͤnnen — hervorgebrachte Theurung.

Die Abtheilung des Kreiſes der Viehzucht, in welcher die Branntweinfabrikation ſtatt findet, wird Dreifelderwirthſchaft treiben, weil durch dieſe das zum Branntweinbrennen erforderliche Korn am wohlfeilſten erzeugt wird.

Die Wirthſchaft, in welcher Branntweinbrennerei mit Viehmaſtung verbunden iſt, gibt einen viel groͤßern Dunggewinn, als die auf Kornverkauf gerichtete Dreifelderwirthſchaft; erſtere kann alſo auch einen groͤßern Theil des Ackers mit Getreide beſtellen, ohne denſelben zu erſchoͤpfen.

Sehen wir nun bloß auf die Feldeintheilung der Wirthſchaften, ſo werden wir die die Branntweinbrennerei betreibende Abtheilung und im Grunde auch den ganzen Viehzucht treibenden Kreis — wo aber der Ackerbau nur einen kleinen Theil des Feldes einnimmt — zum Kreiſe der Dreifelderwirthſchaft rechnen muͤſſen. Sehen wir dagegen auf die Hauptprodukte, die die Wirthſchaft liefert — und ich ziehe dieſen Theilungsgrund aus meh reren Urſachen hier vor — ſo muͤſſen wir die Gegend, welche Getreide nach der Stadt bringt, von der welche bloß Branntwein und Viehprodukte dahin liefert, trennen und ich nenne nun jene Gegend vorzugsweiſe, den Kreis der Dreifelderwirthſchaft.

Die Landrente der auf Kornverkauf gerichteten Dreifelderwirthſchaft wird bei 31,5 Meilen von der Stadt = 0. Branntweinbrennerei und Viehzucht geben an die- ſer Stelle aber noch eine Landrente. Die Kreiſe der Dreifelderwirthſchaft und der Viehzucht muͤſſen ſich da ſcheiden, wo die Landrente beider Wirthſchaftsarten gleich hoch iſt; der Kreis der Dreifelderwirthſchaft kann alſo nicht bis 31,5 Meilen von der Stadt reichen, ſondern muß ſchon in etwas geringerer Entfernung von der Stadt aufhoͤren. Wir ſind aber, da wir die Groͤße der Landrente, die der Boden durch Branntweinbrennerei und Viehzucht gibt, nicht kennen, auch nicht im Stande dieſe Entfernung in Zahlen anzugeben.

§. 30. Schaͤferei.

Seit der Einfuͤhrung der Merinos in Deutſchland haͤngt die Nutzung einer Schaͤferei faſt ganz von der Guͤte der Heerde ab, und iſt ſo wenig an Gegend und Boden gebunden, daß ſich ſchlechterdings nicht allgemein angeben laͤßt, welche Landrente der Boden, durch Schaͤferei benutzt, abwirft.

Sind einſt die feinen Heerden ſo allgemein geworden, und iſt einſt die Kenntniß der hoͤhern Schafzucht ſo verbreitet, daß Jeder, fuͤr die Bezahlung des Preiſes den die Aufzucht der Schafe koſtet, ſich in den Beſitz einer feinen Heerde ſetzen kann, und dieſe auch zu behandeln verſteht: ſo wird auch der Ertrag der Schaͤfereien, Ertrag des Grund und Bodens oder Landrente werden. Von dieſem Zuſtand ſind wir jetzt aber noch weit entfernt, und ſo lange dieſer nicht erreicht iſt, ſo lange iſt auch die hoͤhere Nutzung der feinen Schafzucht im Verhaͤltniß zur Rindviehzucht nicht als Landrente, ſondern als Zins des in der feinen Heerde ſteckenden Kapitals, und als Belohnung der Induſtrie des Schafzuͤchters zu betrachten.

Die Einfuͤhrung der feinen Schafe in Deutſchland und die almaͤlige Verdraͤngung der Schafe mit grober Wolle iſt von manchen intereſſanten Erſcheinungen begleitet geweſen.

Die groͤbern Schafe gaben noch vor 30 Jahren ſo geringen Ertrag, daß der Boden durch ſolche Schaͤfereien benutzt gar keine Landrente abwarf. Die feinſten Heerden geben dagegen einen ſo hohen Reinertrag, daß ſelbſt der Kornbau oft minder eintraͤglich iſt als die Schafzucht, und dieſe iſt dadurch fuͤr den gegenwaͤrtigen Moment die Angel um welche ſich die ganze Wirthſchaftseinrichtung dreht. Um uͤber die Zweckmaͤßigkeit einer Wirthſchaft ein Urtheil faͤllen zu koͤnnen, muß man jetzt zuerſt die Schaͤ- ferei beſehen: denn die Guͤte der Heerde entſcheidet daruͤber welchen Aufwand man zur Gewinnung des Futters machen darf. Iſt die Heerde von der erſten Qualitaͤt, ſo bezahlt ſich ſelbſt die Koͤrnerfuͤtterung reichlich, viel mehr alſo noch die Kartoffeln- und Kleefuͤtterung; und ein Gut welches ſonſt durch ſeinen Bodenreichthum und durch ſeine Lage bei einer konſequenten Bewirthſchaftung auf Koppelwirthſchaft verwieſen waͤre, kann dann mit Vortheil zur Fruchtwechſelwirthſchaft uͤbergehen.

Die große Eintraͤglichkeit der feinen Schafzucht hat im oͤſtlichen Deutſchland faſt bei allen Landwirthen das Streben ſich feine Heerden zu verſchaffen, hervorgebracht. Da nun die Schafe ſich ziemlich ſchnell vermehren, und da außerdem noch betraͤchtliche Heerden von Merinos aus Spanien und Frankreich eingefuͤhrt ſind, die aͤchten Schafe ſelbſt ſich alſo betraͤchtlich vermehrt haben; und andern- ſeits faſt alle Schaͤfereien durch Zulaſſung von Merino boͤcken veredelt worden ſind: ſo hat die Produktion der feinen Wolle im oͤſtlichen Deutſchland ſeit 30 Jahren in einem ganz außerordentlichen Grade zugenommen.

Man glaubte anfaͤnglich, daß mit dieſer exceſſiven Vermehrung der feinen Wolle der Preis derſelben ſehr bald fallen, und durch Ueberfuͤllung des Markts bald unter den Preis, der zur Deckung der Produktionskoſten erforderlich iſt, ſinken wuͤrde.

Dieſe Furcht hat ſich bis jetzt aber ſo wenig beſtaͤtigt, daß vielmehr bei dem Sinken der Preiſe aller andern landwirthſchaftlichen Erzeugniſſe der Preis der feinen Wolle faſt die vorige Hoͤhe behalten hat, und alſo relativ, d. i. im Verhaͤltniß zum Getreide, gar ſehr geſtiegen iſt. Die vermehrte Produktion iſt ſtets von einer gleichen Schritt haltenden vermehrten Nachfrage begleitet geweſen; und der Preis der feinen Wolle uͤberſteigt den Preis, wofuͤr ſie zu Markt gebracht werden kann, oder den natuͤrlichen Preis noch bei weitem.

Wie kann nun aber der Preis einer Waare oder eines Erzeugniſſes ſo lange uͤber den natuͤrlichen Preis ſtehen, und wie kann eine ſo außerordentlich vermehrte Produktion noch immer Abnehmer finden und verbraucht werden?

Ich erklaͤre mir dies hauptſaͤchlich aus folgenden beiden Urſachen:

  • 1) aus den Entdeckungen und Verbeſſerungen in den Tuchfabriken; und
  • 2) aus der Bildung eines neuen Schafſtammes in Sachſen, der die ſpaniſchen Staͤmme an Feinheit der Wolle weit uͤbertrifft.

In dem Preiſe des Tuchs und andrer Wollenwaaren machen die Fabrikationskoſten den groͤßern, die Koſten des rohen Materials, oder der Wolle, nur den kleinern Be- ſtandtheil aus. Wenn nun durch große und ausgezeich nete Verbeſſerungen in den Fabriken die Fabrikationsko- ſten des Tuchs und andrer Wollenwaaren bedeutend vermindert werden, ſo hat dies die dreifache Wirkung:

  • 1) daß der Preis der Wollenwaaren abnimmt;
  • 2) daß der Verbrauch dieſer Waaren zunimmt; und
  • 3) daß das rohe Material, die Wolle, in groͤßerer Menge begehrt wird, und der Preis derſelben ſteigt.

Wenn der Kaͤufer zwiſchen Waaren, die eine durch die andere erſetzt werden koͤnnen, die Auswahl hat, ſo waͤhlt er diejenige, die bei gleicher Brauchbarkeit fuͤr ihn die wohlfeilſte iſt. Sinkt nun der Preis des Tuchs, waͤhrend der Preis der andern Bekleidungsmittel derſelbe bleibt, ſo vermehrt ſich der Verbrauch des Tuchs, und der der andern Bekleidungsmittel wird eingeſchraͤnkt. Um den vermehrten Bedarf an Tuch zu liefern wird eine groͤßere Quantitaͤt Wolle als fruͤher erfordert, zu deren Hervorbringung der Produzent nur durch erhoͤhte Preiſe bewogen werden kann. Bei der ſteigenden Nachfrage nach Tuch wird auch der Fabrikant einen hoͤhern als den gewoͤhnlichen Gewinn ziehen und dadurch zur Erweiterung ſeiner Fabrik aufgefordert werden. Die Vortheile der neuen Entdeckungen theilen ſich alſo anfangs zwiſchen dem Kaͤufer, dem Fabrikanten und dem Produzenten des rohes Materials. Die Fabriken koͤnnen aber in kurzer Zeit ſo weit vermehrt und erweitert werden, daß ſie das Begehr an Fabrikaten befriedigen koͤnnen, und dann hoͤrt der hoͤhere Gewinn in Unternehmungen dieſer Art auf; langſamer geht die Vermehrung des rohen Materials von ſtatten, und ſo wird auch der Gewinn des Produzenten bei der Erzeugung dieſes Materials laͤngere Zeit dauern; aber endlich muß auch hier die Hervorbringung mit dem Begehr ins Gleichgewicht treten, und dann koͤmmt zuletzt der ganze Vortheil der Entdeckung dem Kaͤufer oder Verbraucher der Waare zu Nutze.

In Sachſen iſt durch ſorgfaͤltige Auswahl der Zuchtthiere, und vielleicht auch durch klimatiſche und oͤrtliche Einwirkungen, eine Schafrace von hoher Feinheit der Wolle entſtanden, wovon in Spanien ſelbſt nur Individuen aber keine ganzen Staͤmme vorhanden find.

Die hochfeine, ſehr ſanfte und geſchmeidige Wolle der ſaͤchſiſchen Schafe — Elektoralſchafe genannt — iſt nun im hohen Grade zur Verfertigung der feinen Zeuge, die zur Bekleidung der Damen dienen, geeignet; waͤhrend die minder feine, kraͤftige aber barſche Wolle der ſpani- ſchen Schafe — der Infantadorace — hiezu nicht tauglich iſt. Dieſe feinen Zeuge, welche fruͤher gar nicht aus Wolle verfertigt wurden, vertreten und verdraͤngen jetzt zum Theil die ſeidnen und baumwollnen Zeuge; und ſo ſchafft ſich die Elektoralwolle ſelbſt einen Markt der vielleicht noch einer großen Ausdehnung faͤhig iſt.

Indem nun die Elektoralwolle zu Waaren verwandt wird, die fruͤher gar nicht exiſtirten, kann durch die Hervorbringung dieſer Wolle der Bedarf an anderen Wollgattungen nicht abnehmen, und es kann deshalb die Produktion der Wolle im Ganzen betraͤchtlich zunehmen, ohne daß dadurch ſogleich ein Ueberfluß entſteht.

Vor wenigen Jahren noch war in einem großen Theil des oͤſtlichen Deutſchlands das reichwollige Infantadoſchaf das Ziel des Strebens, und ein Schaf von die- ſer Race, was neben einer maͤßigen Feinheit der Wolle und dem Wollreichthum noch andre wuͤnſchenswerthe Qualitaͤten zeigte, wurde als ein Muſter, als das Ideal eines Schafs betrachtet; und es ſind ſehr große Summen von den Landwirthen des noͤrdlichen Deutſchlands zur Anſchaffung ſolcher Heerden verwandt.

Jetzt bereuen Manche ihren Irrthum, indem man nun das Elektoralſchaf mit hochfeiner Wolle, als das Ideal eines Schafs, als dasjenige wodurch man Grund und Boden am hoͤchſten nutzen kann, anſieht.

Aber war denn dies wirklich ein Irrthum, giebt es hierin etwas abſolut Vollkommenes, gibt es eine Wolle die fuͤr alle Zeiten die geſuchteſte ſeyn wird, und von der man ſagen kann, daß die Schafe, die dieſe Wolle tragen, ſtets die eintraͤglichſten ſeyn werden; oder iſt ein ſolches Ideal mit dem Fortſchreiten der Schafzucht dem Wechſel unterworfen?

Das reichwollige Infantadoſchaf traͤgt eben ſo viele Wolle, als das Landſchaf mit grober Wolle. Der Uebergang von dieſem zu jenem, oder die Veredlung des Land- ſchafs bis zum Grade der Feinheit des Infantadoſchafs iſt alſo mit keiner Verminderung der Wollſchur verbunden, und bezahlt ſich hoch durch den ſteigenden Werth der Wolle.

Nun iſt es aber wohl ſchon allgemein anerkannt, daß die hoͤchſte Feinheit der Wolle nicht mit dem hoͤchſten Wollreichthum vertraͤglich iſt, daß von einem gewiſſen Punkt an, die hoͤhere Feinheit nur auf Koſten des Wollertrags erreicht werden kann.

War nun vor einigen Jahren der Preis der feinen Wolle, wie das Infantadoſchaf ſie traͤgt, 1 Thlr. pr. Pfund und trug dieſes Schaf 3 ℔ Wolle, ſo brachte jedes Schaf durch ſeine Wolle 3 Thlr. ein; gab dagegen das Elektoralſchaf 1¾ ℔ Wolle à 1½ Thlr., ſo war der Werth des Vließes 2⅝ Thlr., alſo ⅜ Thlr. weniger als beim Infantadoſchaf; und man hatte alſo recht, das Infantado- ſchaf dem Elektoralſchaf vorzuziehen.

Nun iſt aber grade aus der Urſache, daß es vortheilhafter war, feine Wolle als hochfeine Wolle zu erzeugen, und dann auch weil durch die bloße Veredlung der Land- ſchafe ſchon jene aber nicht dieſe Wolle in betraͤchtlicher Menge hervorgebracht iſt, die Produktion der feinen Wolle ſo ſtark geworden, daß der Markt reichlich damit verſehen und der Preis derſelben geſunken iſt, waͤhrend der Preis der hochfeinen Wolle faſt unveraͤndert geblieben iſt. Gilt jetzt z. B. das Pfund feine Wolle noch 36 ß, ſo traͤgt das Infantadoſchaf fuͤr 2¼ Thlr., das Elektoralſchaf aber noch immer fuͤr 2⅝ Thlr. Wolle.

Man hat alſo ganz recht das Elektoralſchaf jetzt dem Infantadoſchaf vorzuziehen; aber das allgemeine Streben, Elektoralwolle zu erzeugen, wird binnen wenigen Jahren eine ſo große Quantitaͤt davon hervorbringen, daß auch hiemit der Markt reichlich verſehn wird und der Preis derſelben faͤllt — und man wird ſich dann wieder ein andres Ziel zum Gegenſtand des Strebens ſtecken muͤſſen.

Mit dem Fallen des Preiſes der hochfeinen Wolle werden auch die daraus verfertigten Waaren im Preiſe fallen, und dadurch aufhoͤren ein Gegenſtand des Luxus zu ſeyn. Bei der Vorliebe der Reichen, nur ſolche Waaren zur Bekleidung zu nehmen, die ſo theuer ſind, daß die Minderwohlhabenden von dem Gebrauch derſelben ausgeſchloſſen bleiben, koͤnnten die feinen wollenen Zeuge, grade durch ihre Wohlfeilheit wieder aus der Mode kommen, und die ſeidnen und baumwollenen Zeuge ihre Stelle wieder einnehmen.

Zum Gluͤck fuͤr den Produzenten iſt aber noch eine weitere Steigerung der Wollfeinheit moͤglich: man findet naͤmlich in den hochfeinen Schaͤfereien einzelne Thiere von einer noch weit hervorragenden Wollfeinheit, die man aber nicht zu vermehren ſucht, weil ſie wegen des aͤußerſt geringen Wollertrags bis jetzt nicht eintraͤglich ſind.

Wahrſcheinlich wird nun aber einſt, wenn die hochfeine Wolle erſt in hinreichender Menge vorhanden iſt, der Preis dieſer hoͤchſt feinen Wolle ſo ſehr ſteigen, daß es vortheilhaft wird, dieſe bis jetzt nicht beachteten Individuen hervorzuſuchen und aus ihnen ganze Staͤmme zu bilden. Die Schafe die dieſe hoͤchſt feine Wolle tragen, liefern nur einen Wollertrag von 1 bis 1½ ℔. Die Produktionskoſten derſelben kommen alſo ſehr hoch zu ſtehen, und da die Verfertigung der Zeuge aus ſo feiner Wolle ebenfalls ſehr koſtſpielig iſt: ſo werden dieſe Waaren ſo theuer ſeyn, daß ſie ſtets ein Gegenſtand des Luxus der Reichen bleiben.

Vielleicht werden einſt aus der Wolle Fabrikate von eben ſo ungleichem Werth wie jetzt aus dem Flachs — welches zum Material fuͤr die grobe Leinwand und auch fuͤr die feinſten Bruͤſſeler Spitzen dient — verfertigt werden.

Wenn nun aber zuletzt auch die hoͤchſt feine Wolle in hinreichender Menge produzirt wird, wenn Angebot und Begehr gleich geworden, und der beharrende Zuſtand, wo weder eine Einſchraͤnkung der Produktion noch eine Erweiterung derſelben vortheilhaft iſt, eingetreten iſt — nach welchen Geſetzen wird dann der Preis der Wolle und der Preis der verſchiedenen Wollſorten unter ſich be- ſtimmt werden?

Mit dieſer Frage muͤſſen wir eine andre, naͤmlich die: «in welcher Gegend des iſolirten Staats wird die Wollproduktion ſtatt finden?» verbinden.

Wenn der beharrende Zuſtand eingetreten iſt, ſo finden die Geſetze welche wir fuͤr die Preisbeſtimmung anderer Produkte entwickelt haben, auch auf die Wolle ihre volle Anwendung.

Aus den in §. 19. dargeſtellten Formeln hat ſich bei weiterer Entwickelung ergeben,

  • 1) daß von zwei Produkten, die dem Gewicht nach gleichen Ertrag von einer gegebenen Flaͤche liefern, dasjenige welches die mehrſten Produktionskoſten erfordert, am fernſten von der Stadt gebauet werden muß;
  • 2) daß bei gleichen Produktionskoſten die Erzeugung desjenigen Produkts, welches dem Gewicht nach von derſelben Flaͤche den mindeſten Ertrag bringt, hinter dem andern, d. h. ferner von der der Stadt, geſchehen muß.

Nun ſind die Produktionskoſten der Butter bei gleichem Gewicht z. B. einer Ladung, geringer als die der Wolle, und von derſelben Flaͤche kann ungleich mehr Butter als Wolle erzeugt werden: die Produktion der Wolle muß alſo hinter der der Butter ſtatt finden: oder in dem iſolirten Staat wird die Kuherei die naͤhere Gegend, die Schaͤferei die der Stadt fernere Gegend einnehmen.

Die feinen Schafe tragen weniger Wolle als die groͤbern, erfordern aber mindeſtens eben ſo viel Futter und Wartung. Da nun eine gegebene der Schafzucht gewidmete Flaͤche weniger feine als grobe Wolle liefert, und da zugleich die naͤmliche Quantitaͤt feiner Wolle mehr Produktionskoſten erfordert als die grobe: ſo muͤſſen auch, wenn keine andere Umſtaͤnde entgegenwirken, die feinern Schaͤfereien hinter den groͤbern, oder in groͤ- ßerer Entfernung von der Stadt betrieben werden.

Da nun ferner die entlegene Gegend eine geringere Landrente gibt als die naͤhere: ſo folgt hieraus, daß die minder feinen Schaͤfereien eine hoͤhere Landrente geben, alſo eintraͤglicher ſeyn werden als die feinen Schaͤfereien, obgleich der Preis der feinen Wolle, wegen der groͤßern Produktionskoſten, ſtets hoͤher bleiben wird als der der groͤbern Wolle.

Ich muß hier wiederholen, daß dieſer Satz auf den Vorausſetzungen:

  • 1) daß alle Schafzuͤchter gleiche Intelligenz und Kenntniſſe beſitzen;
  • 2) daß die feinen Schafe in ſolcher Menge vorhanden ſind, daß man ſie eben ſowohl als die groben Schafe fuͤr die Aufzuchtkoſten erkaufen kann,

beruhet, und daß derſelbe alſo da, wo dieſe Vorausſe tzungen nicht ſtatt finden, auch keine Anwendung finden kann.

Wenn wir in der Wirklichkeit von dieſem vorausgeſetzten Zuſtand auch noch ſehr weit entfernt ſind: ſo laͤßt ſich doch nicht leugnen, daß das Reſultat der fort- ſchreitenden Kultur eine ſtete Annaͤherung zu dieſem Zu- ſtande iſt, und daß ſchon in dem allgemeinen Streben nach hoͤherer Kultur die Tendenz liegt im Lauf der Zeit dieſen Zuſtand mehr und mehr herbeizufuͤhren.

In der Wirklichkeit ſind wir in Hinſicht der Schaͤ- ferei noch in der Periode des Uebergangs begriffen, in dem iſolirten Staat ſehen wir dieſen Uebergang als vollendet an, und betrachten nur den letzten an das Zeitmaß nicht gebundenen Erfolg.

Ich habe oben geſagt: «wenn keine andern Umſtaͤnde entgegenwirken»; denn es koͤnnte z. B. ſeyn, daß das feine Schaf in den nie umgebrochenen, ſteppenaͤhnlichen Weiden des Kreiſes der Viehzucht ausartete und wieder grobe Wolle erzeugte. In dieſem Fall muͤßte die Erzielung der feinen Wolle in dem entlegenern Theil des Kreiſes der Koppelwirthſchaft geſchehen, und der Butterproduktion muͤßte ſo viel Land entzogen werden, als zur Hervorbringung des Bedarfs an feiner Wolle nothwendig waͤre. Die Betreibung der feinen Schaͤfereien wuͤrde dann eine hoͤhere Landrente gewaͤhren, alſo eintraͤglicher ſeyn als die groben Schaͤfereien; aber immer wuͤrde in dem der Stadt zunaͤchſt gelegenen Theil des Kreiſes der Koppelwirthſchaft die Kuherei vortheilhafter ſeyn, und einen hoͤhern Ertrag gewaͤhren als die feinſte Schaͤferei.

Die Frage, ob Quantitaͤt und Qualitaͤt des dem Schaf gereichten Futters und der Weide auf die Guͤte und Feinheit der Wolle einwirke, iſt alſo, wenn wir auf den endlichen Erfolg den unſere Bemuͤhungen bei der Schafzucht haben werden, ſehen, von der aͤußerſten Wich tigkeit. Faͤnde es ſich z. B. daß die Produktion der Wolle von der hoͤchſten Qualitaͤt an gewiſſe Gegenden oder gar an einzelne Guͤter gebunden waͤre: ſo wuͤrden dieſe Gegenden oder dieſe Guͤter, eben ſo wie die Weinberge, die einen ausgezeichnet ſchoͤnen Wein liefern, ſtets eine hohe Rente abwerfen, weil die Hervorbringung dieſer Wollgattung dann nicht willkuͤrlich vermehrt werden koͤnnte.

Obgleich unſere bisherigen Unterſuchungen das Re- ſultat gegeben haben, daß, wenn einſt die Seltenheit der feinen Heerden aufgehoͤrt hat, und die Wollproduktion mit dem Bedarf in Gleichgewicht getreten iſt, die feinen Schaͤfereien dann einen mindern Ertrag als die Kuͤhe und vielleicht gar einen geringern Ertrag als die groben Schaͤfereien geben werden: ſo darf uns dies, aus mehreren Gruͤnden, doch nicht von den fernern Beſtrebungen zur Veredlung und Verbeſſerung unſerer Heerden abhalten.

a. Wenn auch die jetzige hohe Nutzung der feinen Schaͤfereien nur waͤhrend der Uebergangsperiode ſtatt findet, und aufhoͤrt, ſo bald der beharrende Zuſtand eingetreten iſt: ſo erfordert doch, wie die Erfahrung bereits gelehrt hat, dieſer Uebergang einen ſehr langen Zeitraum. Sachſen hat nun ſchon ſeit 60 Jahren, das uͤbrige oͤſtliche Deutſchland ſeit ungefaͤhr 30 Jahren die Fruͤchte dieſes Uebergangs genoſſen, und leicht moͤglich koͤnnen noch 30 Jahre verfließen, ehe dieſer Uebergang ganz vollendet iſt. Denn eines Theils wird mit dem Sinken der Wollpreiſe der Verbrauch der wollenen Waaren noch immer zunehmen, die Nachfrage nach feiner Wolle wird alſo noch wachſen, und wird ſelbſt durch die ſteigende Produktion noch nicht ſobald befriedigt werden; andern Theils wird durch die vielen Fehler, die bisher bei den Kreuzungen der Heerden gemacht ſind, und die auch ferner wohl nicht ausbleiben werden, die Vermehrung der hochfeinen Schafe gar ſehr verzoͤgert.

b. Das oͤſtliche Deutſchland allein kann ſchwerlich ſo viele feine Wolle horvorbringen, daß der Preis derſelben bis zu dem natuͤrlichen Preiſe herabſinkt. Dies wird vielmehr erſt dann geſchehen, wenn Polen und Rußland die feine Schafzucht im Großen und mit Erfolg betreiben. Polen und Rußland ſind in dieſer Beziehung fuͤr den europaͤiſchen Markt das, was der Kreis der Viehzucht fuͤr den iſolirten Staat iſt. Waͤre nun die Vermuthung, daß das feine Schaf auf den Steppenweiden und auf den beſtaͤndigen Weiden der Dreifelderwirthſchaften ansartet, begruͤndet; ſo wuͤrde auch das oͤſtliche Deutſchland noch lange Zeit vorzugsweiſe in dem Beſitz der feinen Schaͤfereien bleiben: denn die wirkſame Verpflanzung der feinen Heerden nach Polen und Rußland waͤre dann an die Erhoͤhung der Kultur des Bodens, an die Einfuͤhrung der Koppelwirthſchaft ſtatt der Dreifelderwirthſchaft gebunden, und koͤnnte nur langſamen Schritts vorwaͤrts gehen. Einſt, nach einem laͤngern Zeitraum, werden aber unſtreitig auch dieſe Laͤnder hoͤher kultivirt ſeyn, und dann wird dort, wo der Boden eine noch geringere Landrente gibt als bei uns im oͤſtlichen Deutſchland, auch die feine Schafzucht eintraͤglicher ſeyn, als hier.

Aber ehe noch, durch den allmaͤligen Uebergang zu dieſem Zuſtand, die feine Wolle bis auf ihren natuͤrlichen Preis herabgeſunken iſt, wird die feine Schafzucht in den reichern und hoͤher kultivirten Laͤndern des weſtlichen Europas, namentlich in Frankreich, ſchon laͤngſt unvortheilhaft geworden ſeyn. Die Vermehrung der feinen Schafe in den oͤſtlichen Staaten iſt alſo mit einer Verminderung derſelben in den weſtlichen Laͤndern verbunden, wodurch die Periode des Uebergangs nothwendig ſehr verlaͤngert werden muß.

c. Wenn aber dies alles auch nicht waͤre, wenn die Wolle auch ſchon jetzt zu dem Preiſe, den man beim voͤllig freien Handel durch ganz Europa den natuͤrlichen Preis nennen koͤnnte, herabgeſunken waͤre: ſo ſind wir doch bei den gegenwaͤrtig vorherrſchenden Sperrſyſtemen ſchlechthin auf die Erzeugung feiner Wolle verwieſen.

Der Weltmarkt von London iſt fuͤr alle unſere andern landwirthſchaftlichen Erzeugniſſe verſchloſſen, und bloß fuͤr die Wolle offen. Durch dieſe Sperrungen ſind nun alle Bande, die die Nationen fruͤher an einander knuͤpften, zerriſſen; keins der Geſetze, wodurch beim freien Handel der Preis des Getreides beſtimmt wird, kann wirkſam werden; jeder Staat will fuͤr ſich ein iſolirter Staat ſeyn.

Die weſtlichen Staaten haben durch die Sperrung einen unnatuͤrlich hohen Getreidepreis erzwungen, waͤhrend dieſer in den oͤſtlichen, ſonſt kornausfuͤhrenden Laͤndern unnatuͤrlich niedrig geworden iſt. Der Weltmarkt von London, der fruͤher den Preis aller unſerer landwirthſchaftlichen Erzeugniſſe regulirte, beſtimmt jetzt nicht mehr den Preis unſers Getreides aber noch den der Wolle. Der Weizen gilt jetzt in London das dreifache von dem, was er in den Haͤfen der Oſtſee gilt, der Preis der Wolle iſt in London nur um den Betrag der Transportkoſten hoͤher als bei uns, und waͤhrend der Preis des Getreides, des Fleiſches, der Butter u. ſ. w. bei uns bis zum Unwerth geſunken iſt, iſt der Preis der Wolle geblieben, wie ihn der freie Welthandel regulirt.

Dies iſt nun der eigentliche Grund, warum die Schafzucht ſo außer allem Verhaͤltniß bei uns eintraͤglicher iſt, als die Rindviehzucht und Pferdezucht. Wir werden dadurch nicht bloß aufgefordert, ſondern gezwungen, unſere ganze Kraft und Aufmerkſamkeit auf die Schafzucht zu richten.

Auch beim voͤllig freien Handel gilt, wegen der bedeutenden Transportkoſten, der Weizen in den Haͤfen der Oſtſee nur ⅔ hoͤchſtens ¾ des Londoner Marktpreiſes. Fuͤr den engliſchen Landwirth iſt dadurch der Kornbau, auch ohne alle weitere Beguͤnſtigung, gar viel vortheilhafter als fuͤr uns, und der Kornbau muß in England eine hohe Landrente gewaͤhren. Dieſes Uebergewicht des engliſchen Landbaues wird dagegen bei der Wollproduktion hoͤchſt unbedeutend: denn die rohe Einnahme von der Schaͤferei — in ſo fern dieſe aus der Wolle erfolgt — iſt in England nur ſo viel hoͤher als hier, als der Transport der Wolle nach dem Londoner Markt weniger koſtet. Wir koͤnnen alſo hier eine Weideflaͤche oder eine gegebene Quantitaͤt Futter durch Schaͤferei faſt eben ſo hoch nutzen, als die Englaͤnder. Der Reinertrag iſt aber bei uns aus eben den Gruͤnden, warum in dem iſolirten Staat die Landrente aus der Viehzucht in der Naͤhe der Stadt negativ, in der groͤßern Entfernung aber poſitiv iſt, bei uns ſehr viel hoͤher, und die Englaͤnder werden alſo beim freien Handel nie die Konkurrenz mit uns aushalten koͤnnen. Je groͤßer nun die Differenz in den Kornpreiſen wird, um ſo groͤßer wird der Verluſt, den die Schaͤferei in England bringt, um ſo hoͤher der Gewinn, den ſie hier gibt, und ſo muß unfehlbar das Sperr- ſyſtem und die dadurch bewirkte, kuͤnſtliche Theurung des Getreides, das Sinken der Schafzucht in England, und das Emporbluͤhen derſelben bei uns zur Folge haben.

d) Die hoͤhere Schafzucht erhaͤlt dadurch noch einen beſondern Reiz, daß die Regeln, wornach hier verfahren werden muß, nicht ſo klar vorliegen, wie bei andern Kulturzweigen der Landwirthſchaft, und zum Theil ſelbſt noch unerforſcht ſind. So wie der Ertrag, den die Schaͤferei liefert, von der Guͤte der Heerde abhaͤngt, ſo haͤngt wiederum die Erhaltung und weitere Veredlung der Heerde von der Perſoͤnlichkeit des Landwirths, von ſeiner Aufmerkſamkeit und ſeiner mehr oder minder richtigen An- ſicht ab. Nun iſt es aber ſehr zu bezweifeln, ob die Kenntniſſe, welche zur hoͤhern Veredlung einer Heerde gehoͤren, jemals ein Gemeingut werden koͤnnen, und ob die mechaniſche Erlernung von Regeln und die Nachahmung eines Vorbildes hier jemals ausreichen wird. Reicht dieß aber nicht zu, ſo wird auch der Ertrag der vorzuͤglichſten Schaͤfereien niemals ganz zur Landrente uͤbergehen, ſondern ein Theil deſſelben wird Lohn der richtigern und tiefern Einſicht bleiben.

§. 31. Anbau der Handelsgewaͤchſe.

Wir haben, wie ſchon fruͤher angefuͤhrt iſt, angenommen, daß der Acker jedes Guts in zwei Abtheilungen getheilt ſei, wovon die erſtere, groͤßere Abtheilung ſich in und durch ſich ſelbſt in gleicher Kraft erhaͤlt, die zweite Abtheilung aber den Dung aus den Wieſen bekoͤmmt, und in der Bewirthſchaftungsart andern Regeln folgt, als die erſte.

In dem erſten Abſchnitt dieſer Schrift, wo von der Geſtaltung des iſolirten Staats die Rede war, und wo wir die verſchiedenen Wirthſchaftsſyſteme in ihrer reinen, einfachen Form betrachteten, durften wir nur die erſte Abtheilung des Ackers in Betracht ziehen, und konnten des Anbaues der Handelsgewaͤchſe gar nicht erwaͤhnen.

Nun iſt es aber mit unſern uͤbrigen Annahmen vollkommen vertraͤglich, wenn wir uns denken, daß der Anbau der Handelsgewaͤchſe in der zweiten Abtheilung Statt findet, und wir muͤſſen jetzt unterſuchen, in welcher Gegend des iſolirten Staats die Kultur der verſchiedenen Arten von Handelsgewaͤchſen, deren die Stadt bedarf, betrieben werden wird.

In §. 19. iſt der Satz, daß bei gleichen Produktionskoſten, dasjenige Gewaͤchs, auf welches eine groͤßere Landrente faͤllt, ferner von der Stadt gebauet werden muß, ausgeſprochen. Bei der Anwendung dieſes Satzes auf beſtimmte Gewaͤchſe muß aber nun die Frage: wie fuͤr ein gegebenes Gewaͤchs die auf daſſelbe fallende Landrente ausgemittelt werden koͤnne? zur Sprache kommen.

In der 7ſchlaͤgigen Koppelwirthſchaft muß jeder Getreideſchlag mit einem Weideſchlag verbunden ſeyn, um die durch den Getreidebau bewirkte Ausſaugung zu erſetzen. Nehmen wir nun — um die Frage zu vereinfachen — vorlaͤufig an, daß hier von derjenigen Gegend, wo die Viehhaltung, alſo auch der Weideſchlag gar keine Landrente, aber auch keinen Verluſt bringt, die Rede ſei; ſo muß der Getreideſchlag die Landrente von 2 Schlaͤgen tragen; oder auf den Getreideſchlag faͤllt die doppelte Landrente von dem, was dieſer der Flaͤche nach tragen wuͤrde.

Vergleicht man nun mit dem Getreide ein Gewaͤchs, das den Boden noch ſtaͤrker erſchoͤpft, z. B. zwei Weideſchlaͤge ſtatt einen zum Erſatz der bewirkten Ausſaugung bedarf; ſo wird dieſem Gewaͤchs die dreifache Landrente von derjenigen Flaͤche, wo daſſelbe gebauet iſt, zur Laſt fallen. Bei gleichem Ertrage, dem Gewicht nach, wird alſo ſtets dasjenige Gewaͤchs, welches die groͤßte Ausſaugung bewirkt, auch die groͤßte Landrente zu tragen haben, und dem oben erwaͤhnten Geſetz zu Folge wird alſo das den Boden am mehrſten erſchoͤpfende Gewaͤchs am fernſten von der Stadt erzeugt werden muͤſſen.

Findet dieß nun aber ſchon dann Statt, wenn die Landrente der Weideſchlaͤge = 0 iſt; ſo muß dieß noch um ſo mehr der Fall ſeyn, wenn die Weideſchlaͤge in der Naͤhe der Stadt eine negative, in groͤßerer Entfernung aber eine poſitive Landrente geben: denn das ſtaͤrker er- ſchoͤpfende Gewaͤchs, in der Naͤhe der Stadt gebauet, muß dann nicht bloß die dreifache Landrente von der Flaͤche, auf welcher es erzeugt wird, tragen, ſondern auch noch den Verluſt, den die zwei mit demſelben verbundenen Weideſchlaͤge bringen, mit uͤbernehmen; waͤhrend fuͤr daſ- ſelbe Gewaͤchs, in groͤßerer Entfernung von der Stadt gebauet, von der dreifachen Landrente der Ertrag, den die beiden Weideſchlaͤge geben, wieder in Abzug koͤmmt.

In Verbindung mit den in §. 19. aufgeſtellten Ge- ſetzen gehen nun hieraus, fuͤr die Beſtimmung der Reihenfolge, in welcher die verſchiedenen Handelsgewaͤchſe nach einander gebauet werden muͤſſen, folgende Saͤtze hervor:

  • 1) bei gleichen Produktionskoſten, und demſelben Ertrag, dem Gewicht nach, muß dasjenige Gewaͤchs, welches den Boden am ſtaͤrkſten erſchoͤpft, am fern- ſten von der Stadt gebauet werden;
  • 2) bei gleichem Ertrage und gleicher Ausſaugung wird dasjenige Gewaͤchs, welches die mehrſten Produktionskoſten erfordert, in der entlegenern Gegend erzeugt;
  • 3) bei gleicher Ausſaugung und gleichen Produktionskoſten muß das Gewaͤchs, was von einer gegebenen Flaͤche den kleinſten Ertrag an Gewicht liefert, in der groͤßern Entfernung von der Stadt erzielt werden.

Wir kommen jetzt zu der Anwendung dieſer Saͤtze auf einzelne Handelsgewaͤchſe. Ueber den Grad der Aus- ſaugung, den dieſe Gewaͤchſe bewirken, herrſcht aber unter den Landwirthen eine ſolche Meinungsverſchiedenheit, daß es faſt ſcheint, als ſei die Erfahrung von Jahrtauſenden, waͤhrend welcher die Landwirthſchaft ſchon betrieben iſt, rein verloren gegangen. Unter dieſen Umſtaͤnden darf man auch die Zahlen, wodurch ich in dem Folgenden den Grad der Ausſaugung der Handelsgewaͤchſe bezeichne, nur wie Zahlen, womit man eine Buchſtabenformel zu erlaͤutern pflegt, anſehen; jedoch muß ich hinzufuͤgen, daß ich ſie durch keine richtigern zu erſetzen weiß.

1) Raps.

Bei gleichem Reichthum des Bodens mag der Ertrag des Winterrapſes, auf einem fuͤr denſelben geeigneten Boden, dem des Rockens ziemlich gleich kommen.

Koſtet nun die Produktion von 1 Schfl. Raps dem Acker ⅓° Reichthum, und werden mit jedem Berliner Schfl. Raps 120 ℔ Stroh geerntet; ſo gehoͤren, nach meiner Berechnung, zum Erſatz fuͤr die durch einen Schlag mit Raps bewirkte Ausſaugung 2½ (genauer 2, 46) Weide- ſchlaͤge, wenn der Raps auf einen Boden kommt, deſſen Reichthum dem mittlern Reichthum der drei Kornſchlaͤge in der 7ſchlaͤgigen Koppelwirthſchaft, gleich iſt.

Auf Boden, deſſen Reichthum um 50 prct. hoͤher iſt — und nur auf ſo reichem Acker iſt der Rapsbau eintraͤglich — iſt der Ertrag und die Ausſaugung des Rap- ſes auch um 50 prct. hoͤher. Um fuͤr die Ausſaugung einer ſolchen Rapsernte den Erſatz zu liefern, muß der Reichthum der Weide, wenn 2½ Schlaͤge genuͤgen ſollen, ebenfalls um 50 prct. erhoͤhet werden; behaͤlt aber die Weide ihren fruͤhern Reichthum, ſo muͤſſen dem Rapsſchlage ſtatt 2½ jetzt 3¾ Weideſchlaͤge beigeſellt ſeyn.

Wenn nun in einer, bisher im beharrenden Zuſtande befindlichen Wirthſchaft ſtatt eines Getreideſchlages, ein Schlag mit Raps genommen, die Zahl der Weideſchlaͤge aber nicht vermehrt wird; ſo iſt es nicht zu verwundern, wenn ſich nach einigen Umlaͤufen zeigt, daß der Acker erſchoͤpft und verarmt iſt.

Die Produktionskoſten des Rapſes verhalten ſich zu denen des Rockens, nach meiner Erfahrung, wie 731: 638 oder wie 115: 100.

Da nun der Raps, im Verhaͤltniß zum Rocken 1) von gleicher Flaͤche gleichen Ertrag gibt; 2) etwas hoͤhere Produktionskoſten erfordert, und 3) den Boden bedeutend ſtaͤrker erſchoͤpft; ſo muß, den obigen Geſetzen zu Folge, der Anbau des Rapſes, hinter dem des Getreides, alſo in dem Kreiſe der Viehzucht ſtatt finden.

2) Taback.

Der Taback mag in Hinſicht der Ausſaugung dem Rocken ungefaͤhr gleich kommen, wenn von dem Taback die Struͤnke, von dem Rocken das Stroh dem Acker zuruͤckgegeben wird. Auch in Hinſicht des Ertrags dem Gewichte nach, wird zwiſchen beiden Gewaͤchſen kein bedeutender Unterſchied ſtatt finden. Die Produktionskoſten des Tabacks ſind aber ohne Vergleich hoͤher, und aus dieſem Grunde muß die Erzeugung des Tabacks hinter der des Getreides, oder in dem Kreiſe der Viehzucht geſchehen.

3) Zichorien.

Die Produktionskoſten und die Ausſaugung dieſes Gewaͤchſes ſind mir nicht bekannt; der Ertrag an Wurzeln iſt aber dem Gewicht nach ſo groß, daß auf jede Ladung nur eine geringe Landrente faͤllt, und wahrſcheinlich auch nur geringe Produktionskoſten kommen; die Erzeugung dieſes Gewaͤchſes geſchieht deshalb in der Naͤhe der Stadt.

4) Kleeſamen.

Die Produktionskoſten des Kleeſamens ſind, da das Abdreſchen und Enthuͤlſen des Samens viele Arbeit ko- ſtet, nicht unbedeutend. Die Ausſaugung, die der Samenklee bewirkt, ſcheint mir nicht betraͤchtlich zu ſeyn, und wird durch den Erſatz, den die mitgeernteten Klee- ſtengel geben, wahrſcheinlich reichlich gedeckt. Dagegen iſt der Ertrag von einer gegebenen Flaͤche ſo geringe, daß auf eine Ladung Kleeſamen dennoch eine ſehr bedeutende Landrente faͤllt. Aus dieſem Grunde wird die Erzielung des Samenklees in der entlegenern Gegend des Kreiſes der Koppelwirthſchaft geſchehen und der der Stadt naͤ- here Theil dieſes Kreiſes wird es vortheilhafter finden, den Kleeſamen zu kaufen, als ihn ſelbſt zu erzeugen.

5) Flachs.

Die Flachsernte von einer gegebenen Flaͤche, betraͤgt ungefaͤhr ¼ von dem, was der Rocken hier dem Gewicht nach gegeben haͤtte; oder der Ertrag des Flachſes verhaͤlt ſich zu dem des Rockens wie 1: 4.

Wenn eine Flachsernte den Boden eben ſo ſtark er- ſchoͤpft, als eine Gerſtenernte; ſo gehoͤren zum Erſatz der Ausſaugung eines Schlags mit Flachs 2 (genauer 2,07) Weideſchlaͤge, wenn der Flachs in der Koppelwirthſchaft auf Boden von dem Reichthum des Gerſtenſchlages gebauet wird.

Wenn von den Koſten, die mit dem Flachsbau verbunden ſind, der Werth der Ernte an Leinſamen abgezogen wird; ſo finde ich nach meinen Berechnungen das Verhaͤltniß zwiſchen den Produktionskoſten des Flachſes und denen des Rockens wie 1352: 182, oder wie 7½: 1.

Die Bedingungen, die jede einzeln ſchon im Stande ſind, den Anbau eines Gewaͤchſes hinter den des Getreides zu verweiſen, ſind alſo beim Flachs alle vereinigt, und der Flachsbau wird deshalb nicht bloß hinter dem Getreidebau, ſondern erſt hinter dem Tabacks- und Rapsbau ſeine Stelle finden.

Ich enthalte mich der Anfuͤhrung mehrerer Handelsgewaͤchſe, weil ich den Anbau derſelben zum Theil gar nicht, zum Theil nicht genuͤgend aus eigener Erfahrung kenne.

Wir finden alſo, daß die Mehrzahl der Handelsgewaͤchſe nicht in der Naͤhe der Stadt, ſondern in dem Kreiſe der Viehzucht gebauet wird. Dieſer Kreis, der, wenn er bloß auf Viehzucht beſchraͤnkt bliebe, aͤußerſt duͤnn bevoͤlkert ſeyn wuͤrde, erhaͤlt durch die Branntweinbrennerei und durch den Anbau der Handelsgewaͤchſe, einen großen Zuwachs an Erwerbsquellen und an Bevoͤlkerung. Beſonders kann der Flachsbau einer großen Menſchenzahl Beſchaͤftigung und Unterhalt geben. Nach einer hieruͤber angeſtellten Berechnung finde ich, daß eine Tageloͤhnerfamilie, die im Sommer den Flachs erzielt, im Winter verſpinnt und zu Leinwand verwebt, von 300 □R. guten Acker mit Flachs ihren Unterhalt beziehen kann, wenn ſie auch fuͤr den Acker 25 Thlr. Pacht bezahlt. Durch den ausgedehnten Flachsbau iſt es auch allein erklaͤrlich, wie in der Provinz Oſtflandern, in welcher außer Gent doch keine bedeutende Stadt liegt, 12000 Menſchen auf der Quadratmeile ihren Unterhalt finden koͤnnen.

Der vordere Theil des Kreiſes der Viehzucht bietet das intereſſante Schauſpiel einer ziemlich gut kultivirten Gegend, die wenig oder faſt gar keine Landrente gibt, dar. Denn der Preis der hier erzeugten Gewaͤchſe kann nicht ſo hoch ſteigen, daß daraus eine irgend betraͤchtliche Landrente hervorginge, weil ſonſt der ruͤckwaͤrts liegende Theil dieſes ſehr ausgedehnten Kreiſes ebenfalls die Kultur dieſer Gewaͤchſe, die ſaͤmmtlich nur geringe Transportkoſten erfordern, betreiben und den Preis derſelben tiefer niederdruͤcken wuͤrde. Faſt die ſaͤmmtlichen Einkuͤnfte dieſes Landſtrichs beſtehen alſo aus Kapitalgewinn und Arbeitslohn.

Wir haben in §. 5. geſehen, daß auf Boden von 10 Koͤrnern Ertrag, die Produktionskoſten fuͤr einen Scheffel Rocken 0,437 Thlr., und auf Boden von 5 Koͤrnern Ertrag 1,358 Thlr. betragen, daß alſo die Produktion des Getreides auf reichem Boden um ſehr vieles wohlfeiler iſt als auf aͤrmern Boden. Dieſes iſt nun mit den Handelsgewaͤchſen ebenfalls, aber in noch weit ſtaͤrkerm Maaß der Fall. Die mehrſten Handelsgewaͤchſe erfordern naͤmlich durch eine ſorgfaͤltige Bearbeitung des Bodens, durch Behacken, Anhaͤufen, Jaͤten u. ſ. w. ſo viele Arbeiter, die mit der Groͤße des beſtellten Feldes und nicht mit der Groͤße der Ernte im Verhaͤltniß ſtehen, daß die groͤßere Ernte des reichen Bodens wenig mehr koſtet, als die geringe des aͤrmern Bodens, und daß der Anbau dieſer Gewaͤchſe faſt nur auf ſolchem Boden, der fuͤr das Getreide — weil dieſes ſich lagern wuͤrde — zu reich iſt, mit Vortheil betrieben werden kann.

Wenn wir uns nun in Beziehung auf die Kultur der Handelsgewaͤchſe zu der Wirklichkeit wenden: ſo finden wir hier nicht den gleichen Reichthum des Bodens, wie in dem iſolirten Staat, ſondern wir finden in der Regel, daß in den hochkultivirten Laͤndern mit den hoͤhern Getreidepreiſen zugleich ein großer Reichthum des Bodens verbunden iſt, und daß umgekehrt in den minder kultivirten Laͤndern niedrigere Kornpreiſe und geringer Reichthum des Bodens gewoͤhnlich zuſammen treffen.

Legen wir uns nun die Frage vor: in welchem Lande die Kultur der Handelsgewaͤchſe beim freien Handel am vortheilhafteſten iſt? ſo tritt hier dem Vortheil, den das aͤrmere Land durch geringes Arbeitslohn und niedrige Landrente beſitzt, der Vorzug, den das reiche Land durch ſeinen reichen Boden hat, direkt entgegen. Der Vorzug des reichen Bodens beim Anbau der Handelsgewaͤchſe iſt aber ſo bedeutend, daß dadurch gar haͤufig die Erſparung an Arbeitslohn und Landrente in dem aͤrmern Lande, nicht bloß kompenſirt, ſondern auch uͤberwogen wird.

Dies iſt nun — neben der hoͤhern Induͤſtrie des Volks und der beſſern Kenntniß der Behandlung dieſer Gewaͤchſe — der eigentliche Grund, warum wir in den reichen Laͤndern noch einen ausgedehnten Anbau der Handelsgewaͤchſe nicht bloß zum eigenen Bedarf, ſondern ſelbſt zur Ausfuhr nach andern Laͤndern erblicken. So finden wir noch jetzt, daß der Flachsbau, der in die minder kultivirten Gegenden des oͤſtlichen Europas gehoͤrt, den Hauptkulturzweig in Oſtflandern, dem Garten Europas, ausmacht. Sobald aber in den Laͤndern am baltiſchen Meer der Boden einen hoͤhern Grad von Reichthum erlangt hat — und dies zu erreichen ſteht in der Macht des Landwirths — wird dieſer Kulturzweig in Flandern unvermeidlich ſinken, und dieſes Sinken wird um ſo raſcher herbeigefuͤhrt und um ſo mehr beſchleunigt werden, wenn die Niederlaͤndiſche Regierung fortfaͤhrt, durch hohe Einfuhrzoͤlle auf das Getreide die Differenz in den Kornpreiſen beider Gegenden zu ſteigern.

Auch in England wird trotz des hohen Arbeitslohns und der hohen Landrente der Anbau der Handelsgewaͤchſe betrieben, und durch Zoͤlle auf die Einfuhr derſelben beguͤnſtigt. Durch die engliſche Kornbill iſt aber die Differenz in den Kornpreiſen ſo hoch geſtiegen, daß die Englaͤnder es jetzt ſchon vortheilhaft finden, Dungmaterial (Knochen, Rapskuchen u. ſ. w.) ſtatt Korn von uns zu kaufen. Wenn nun England bei ſeiner Kornbill beharrt, ſo werden die dortigen Landwirthe gar bald gewahr werden, daß der Dung bei ihnen zu theuer iſt, um denſelben an die meiſtens ſehr ausſaugenden Handelsgewaͤchſe, namentlich an den Raps zu verwenden, und ſie werden gar bald den fernen Laͤndern mit niedrigen Kornpreiſen den Anbau dieſer Gewaͤchſe uͤberlaſſen und die Einfuhr derſelben geſtatten muͤſſen.

§. 32.

Zu welchem Preiſe kann Flachs und Leinwand aus den verſchiedenen Gegenden des iſolirten Staats nach der Stadt geliefert werden?

Nach den oben mitgetheilten Daten uͤber den Flachsbau iſt die Ausſaugung eines Schlages mit Flachs gleich dem Erſatz, den zwei Weideſchlaͤge geben. Von 3000 □ R. Acker koͤnnen alſo nur 1000 □R. Flachs tragen, wenn der Reichthum des Bodens erhalten werden ſoll, waͤhrend von dieſer Flaͤche 1500 □R. mit Getreide beſtellt werden koͤnnen, ohne den Boden zu erſchoͤpfen.

In den Gegenden, wo die Landrente der Weide- ſchlaͤge = 0 iſt, faͤllt aus dieſem Grunde auf einen Schlag mit Flachs eine 1½ mal ſo hohe Landrente als auf das Getreide, und da auf derſelben Flaͤche dem Gewicht nach, nur ¼ ſo viel Flachs als Rocken waͤchſt; ſo koͤmmt auf eine Ladung Flachs von 2400 ℔ ſechsmal ſo viel Landrente als auf eine Ladung Rocken.

Nun iſt aber in der Naͤhe der Stadt die Landrente der Weide negativ, in groͤßerer Entfernung poſitiv, und aus dieſem Grunde faͤllt auf den, in der Naͤhe der Stadt gebaueten Flachs mehr, auf den in der Ferne erzeugten Flachs weniger als die 6fache Landrente. Wir ſind aber durch die bisherigen Unterſuchungen nicht in den Stand geſetzt, den hieraus entſpringenden Unterſchied in Zahlen anzugeben, und wir muͤſſen uns deshalb damit begnuͤgen, fuͤr den ganzen iſolirten Staat dem Flachs die 6fache Landrente, von dem was das Getreide traͤgt, anzurechnen. Unſere Rechnung muß dann aber den Preis, des in der Naͤhe der Stadt gebaueten Flachſes etwas zu niedrig, und den des in der Ferne erzeugten, etwas zu hoch angeben.

Nehmen wir nun die Produktionskoſten des Flachſes zu 7½, die Landrente zu 6 im Verhaͤltniß zum Getreide an, ſo betragen fuͤr eine Ladung Flachs von 2400 ℔.

  • die Produktionskoſten
  • die Transportkoſten
  • die Landrente
  • Summe
  • Fuͤr
  • iſt der Preis einer Ladung
  • eines Pfundes
  • x = 0 Meilen 307 Thlr. 6, 1 ß
  • x = 10 — 245 — 4, 9 ß
  • x = 28 — 148 — 3 ß

Das Pfund Flachs kann alſo aus der 28 Meilen entfernten Gegend um 3, 1 ß, oder um ungefaͤhr 52 prct. wohlfeiler geliefert werden, als aus der Naͤhe der Stadt.

Es iſt noch zu bemerken, daß bei allen dieſen Berechnungen die Landrente, die die Koppelwirthſchaft gibt, normirt. Wollte man die Landrente, die die freie Wirth- ſchaft gewaͤhrt zum Grunde legen; ſo wuͤrde der in der Naͤhe der Stadt erzeugte Flachs noch ungleich hoͤher zu ſtehen kommen.

Wenn aus dem Flachs grobe Leinwand gemacht wird, ſo betragen — nach den Notizen die ich hieruͤber habe erhalten koͤnnen — die Koſten des Spinnens von 2400 ℔ Flachs und die Koſten des Webens und des Bleichens der aus dieſem Flachs gemachten Leinwand zuſammen 413 Thlr. Vergleicht man dieſe mit den Produktionskoſten einer Ladung Rocken, welche hier 18, 2 Thlr. betragen; ſo ergibt ſich, daß die Koſten eine Ladung Flachs in Leinwand zu verwandeln, oder die Fabrikationskoſten der Leinwand, ſich zu den Produktionskoſten des Rockens wie 22, 7 zu 1 verhalten.

Nun koͤnnen aber die Fabrikationskoſten der Leinwand, in Geld ausgedruͤckt, nicht allenthalben gleich hoch ſeyn, ſondern dieſe aͤndern ſich mit dem Geldpreis der Arbeit und des Getreides. Um alſo die Fabrikationsko- ſten der Leinwand fuͤr jede Gegend des iſolirten Staats angeben zu koͤnnen, muͤſſen wir ſie durch eine allgemeine Formel ausdruͤcken, und hiezu ſind wir durch das obige Verhaͤltniß in den Stand geſetzt.

Multiplizirt man naͤmlich dieſem Verhaͤltniß zu Folge die in §. 19. angegebenen Produktionskoſten fuͤr eine Ladung Rocken mit 22, 7, ſo ergibt ſich, daß die Fabrikationskoſten der Leinwand, die aus 2400 ℔ Flachs gemacht wird, betragen Thlr.

Hiernach fallen an Fabrikationskoſten

  • auf eine Ladung auf ein Pfund
  • fuͤr x = 0 Meilen 745 Thlr. 14, 9 ß
  • x = 10 — 596 — 11, 9 ß
  • x = 28 — 363 — 7, 3 ß

Aus dem ganzen Gang unſerer Unterſuchung erhellt, daß wir den reellen Arbeitslohn oder die Summe der Lebensbeduͤrfniſſe, die ſich der Arbeiter fuͤr ſeinen Lohn erkaufen kann, fuͤr alle Gegenden des iſolirten Staats gleich hoch annehmen; der Geldpreis der Arbeit iſt dagegen nach der Verſchiedenheit des Preiſes des Getreides und der uͤbrigen Lebensbeduͤrfniſſe gar ſehr verſchieden, und dieſe Verſchiedenheit im Geldlohn bringt eine ſolche Verſchiedenheit in den Fabrikationskoſten der Leinwand hervor daß die Verwandlung von 2400 ℔ Flachs in Leinwand in der Naͤhe der Stadt 745, in der 28 Meilen entfernten Gegend aber nur 363 Thlr., alſo noch etwas weniger als die Haͤlfte koſtet.

Bei der Verwandlung des Flachſes in gebleichte Leinwand geht ungefaͤhr 25 prct. von dem Gewicht des Flach- ſes verloren; oder die Leinwand wiegt 25 prct. weniger als das Flachs wog, aus welchem es verfertigt iſt.

Die Transportkoſten einer Ladung Flachs betragen Thaler. Die Transportkoſten der aus dieſem Flachs verfertigten Leinwand, betragen ¼ weniger, alſo nur Thlr.

Wollen wir nun den Preis, zu welchem die Leinwand aus den verſchiedenen Gegenden des iſolirten Staats geliefert werden kann, beſtimmen; ſo muͤſſen wir ſowohl die Koſten, die der Flachsbau verurſacht, als auch die Fabrikationskoſten der Leinwand zuſammenſtellen.

Fuͤr 2400 ℔ Flachs betragen

  • die Produktionskoſten
  • die Landrente
  • die Fabrikationsk. der Leinwand
  • die Transportkoſten der Leinwand
  • Summe
  • Fuͤr iſt der Preis der Leinwand die gemacht iſt aus 2400 ℔ Flachs aus 1 ℔ Flachs
  • x = 0 Meilen 1052 Thlr. 21 ß
  • x = 10 » 838 » 16,8 »
  • x = 28 » 505 » 10,1 »

Die Bewohner der Stadt wuͤrden alſo die Leinwand um mehr als doppelt ſo hoch bezahlen muͤſſen, wenn der Bau des Flachſes und die Fabrikation der Leinwand in der Naͤhe der Stadt geſchehen muͤßte, als wenn ſie dieſelbe aus der 28 Meilen entfernten Gegend beziehen koͤnnen.

Die Anwendung, die wir von der zur Preisbeſtimmung der landwirthſchaftlichen Erzeugniſſe entworfenen Formel auf die Ausmittelung der Fabrikationskoſten der Leinwand und auf die Preisbeſtimmung derſelben gemacht haben, muß auf den Gedanken leiten, ob es nicht moͤglich ſey, fuͤr die verſchiedenen Fabriken und Gewerbe die Gegend zu beſtimmen, wo ſie am vortheilhafteſten betrieben werden, und von wo aus die Fabrikate am wohlfeil- ſten geliefert werden koͤnnen.

Wer die Fabrikgeheimniſſe durchdringen koͤnnte, und eine ſo vollkommne Kenntniß aller Gewerbe beſaͤße, daß er von jedem einzelnen die auf eine gegebene Quantitaͤt fabrizirter Waare fallende Quote von Kapitalanlage, Arbeitslohn und Gewerbsprofit angeben koͤnnte, wuͤrde allerdings ein ſolches Tableau entwerfen koͤnnen.

Es wuͤrde ſich daraus ergeben, daß nicht alle Fabriken und Manufakturen in die Hauptſtadt zuſammengedraͤngt wuͤrden, ſondern daß ein großer Theil derſelben ihren Sitz in der Gegend, wo das rohe Material am wohlfeilſten erzeugt wird, nehmen wuͤrde, daß alſo der iſolirte Staat nicht bloß die eine große Stadt, ſondern noch ſehr viele kleinere Staͤdte enthalten muͤſſe.

Dies ſtreitet wider unſre erſte Annahme; aber wir bedurften dieſer Annahme auch nur zuerſt um die Unter- ſuchung zu vereinfachen. Denn wir haben ſpaͤterhin in §. 28. geſehen, daß die kleinen Staͤdte auf die Preisbe- ſtimmung der landwirthſchaftlichen Erzeugniſſe keinen Einfluß haben, ſondern hierin von der Hauptſtadt ganz und gar abhaͤngig ſind. Nur muß die Zentralſtadt der Hauptmarktplatz bleiben, und in ihr muͤſſen alle laͤndlichen Erzeugniſſe den hoͤchſten Preis haben; daß dies aber ſtatt finde, iſt ſchon dadurch hinlaͤnglich motivirt, daß dieſe Stadt 1) in der Mitte der Ebene liegt, 2) der Sitz der Regierung iſt und 3) die ſaͤmmtlichen Bergwerke in ihrer Naͤhe hat.

Eine ſolche auf die Stellung der Fabriken gerichtete Unterſuchung wuͤrde aber, wenn ſie praktiſche Brauchbarkeit erlangen ſoll, zwei Geſichtspunkte, die bei der Preisbeſtimmung der landwirthſchaftlichen Produkte nicht zur Sprache gekommen ſind, mit aufnehmen muͤſſen.

  • 1) Wir finden in der Wirklichkeit, daß in allen reichen Laͤndern der Zinsfuß ſehr viel niedriger iſt als in den aͤrmern Laͤndern — ob dies nun in der Natur und dem Weſen der Sache ſelbſt begruͤndet iſt, oder von der Spaltung in verſchiedene Staaten herruͤhrt, muß hier dahin geſtellt bleiben. — Nun gibt es mehrere Fabriken und Manufakturen, in denen die Zinſen der Kapitalanlage einen Hauptbeſtandtheil, der Arbeitslohn und die Auslage fuͤr das rohe Material einen verhaͤltnißmaͤßig minder bedeutenden Theil der jaͤhrlichen Ausgabe ausmachen, und alle dieſe Fabriken werden in dem reichern Staat betrieben werden muͤſ- ſen, wenn auch das rohe Material und der Arbeitslohn daſelbſt viel hoͤher zu ſtehen kommen. Bei dieſer Unterſuchung wird alſo die Zerlegung des Preiſes der Waaren in die drei Beſtandtheile: Arbeitslohn, Kapitalgewinn und Landrente, nothwendig.
  • 2) Von der Groͤße des Markts oder des Abſatzes haͤngt der Umfang und die Ausdehnung die eine Fabrik an einem Orte erlangen kann ab, und von der Groͤße der Unternehmung iſt wiederum der Grad, bis zu welchem die Vertheilung der Arbeit und die Erſetzung der menſchlichen Kraͤfte durch Maſchinen getrieben werden kann, abhaͤngig. Dieſes hat aber, wie Adam Smith uͤberzeugend dargethan hat, auf den Preis zu welchem eine Waare geliefert werden kann, den entſcheidendſten Einfluß.

Aus dieſen beiden Urſachen werden manche Fabriken, die dem aͤrmern Lande anzugehoͤren ſcheinen, weil das rohe Material daſelbſt erzeugt wird, doch mit groͤßerm Vortheil in dem reichern Lande betrieben werden koͤnnen, und das aͤrmere Land wird dieſe Waaren von dort zu einem niedrigern Preis, als was ſie demſelben bei der eigenen Fabrikation koſten wuͤrde, beziehen koͤnnen.

§. 33. Ueber die Beſchraͤnkung der Handelsfreiheit.

Wie wird es auf den Reichthum des iſolirten Staats wirken, wenn durch gewaltſame Verfuͤgungen der Regierung der Flachsbau und die Leinwandfabrikation nach einer der Stadt naͤhern Gegend verpflanzt werden?

Um uns einen ſolchen Fall nur als moͤglich zu denken, muͤſſen wir annehmen, daß der iſolirte Staat in zwei verſchiedene Staaten geſpalten werde.

Wir wollen nun, um die Folgen einer ſolchen Spaltung unterſuchen zu koͤnnen, folgende Vorausſetzungen machen:

  • 1) die Zentralſtadt mit einem Kreis um die Stadt herum, der 15 Meilen im Halbmeſſer hat, bilde einen eigenen Staat A;
  • 2) der uͤbrige Theil der Ebene, und zwar in der Ausdehnung wie wir dieſe bisher betrachtet haben, bilde einen zweiten Staat B, den wir im Gegenſatz mit dem erſten den aͤrmern Staat nennen wollen;
  • 3) jeder Staat ſorge nur fuͤr ſein eigenes Intereſſe, ſelbſt dann, wenn der eigene Vortheil nur auf Ko- ſten des andern Staats zu erreichen iſt.

Geſetzt nun der reiche Staat A verbiete die Einfuhr des Flachſes und der Leinwand, um das Geld was ſonſt dafuͤr aus dem Lande ging zu erſparen, und um die eigenen Unterthanen zur Erzeugung des Flachſes und zur Fabrikation der Leinwand zu bewegen; wie wird dies auf den Reichthum 1) des reichen die Einfuhr beſchraͤnkenden Staats A, und 2) des aͤrmern Staats B wirken?

Um die Beantwortung dieſer Frage moͤglichſt zu vereinfachen, wollen wir annehmen, daß in allen uͤbrigen Punkten noch eine vollkommne Handelsfreiheit zwiſchen beiden Staaten ſtatt finde.

Nach dem Verbot der Einfuhr wird nun die Erzeugung des Flachſes und die Fabrikation der Leinwand an der Graͤnze des Staats A, alſo in der Entfernung von 15 Meilen von der Stadt geſchehen muͤſſen. Hier gibt der Boden aber ſchon eine betraͤchtliche Landrente, und der Arbeitslohn iſt wegen der hoͤhern Getreidepreiſe bedeutend hoͤher als in der 30 Meilen von der Stadt entfernten Gegend. Die Leinwand kann alſo von hier aus nur zu einem viel hoͤhern als dem fruͤhern Preis nach der Stadt geliefert werden. Da aber die Leinwand ein unentbehrliches Beduͤrfniß iſt, ſo werden die Bewohner der Stadt dieſen hoͤhern Preis zahlen muͤſſen.

Dem Landwirth des Staats A der fruͤher Getreide, jetzt Flachs erzeugt, erwaͤchſt aber aus der Einfuͤhrung des Flachsbaues trotz dieſer Steigerung des Flachspreiſes kein Vortheil. Denn da 1) der Getreidepreis durch dieſe Veraͤnderung nicht ſteigt, ſondern — wie wir weiterhin ſehen werden — eher etwas faͤllt, ſo iſt auch die aus dem Getreidebau hervorgehende Landrente mindeſtens nicht geſtiegen: und da 2) innerhalb der den Kornbau betreibenden Kreiſe die Groͤße der Landrente durch den Getreidebau beſtimmt wird — welches aus allen fruͤhern Unterſuchungen, wie ich hoffe, uͤberzeugend hervorgeht — ſo kann auch der Flachsbau auf der Stelle, wo er jetzt betrieben wird, keine hoͤhere Landrente geben, als der Getreidebau. Es wird alſo durch die Einfuͤhrung des Flachsbaues nur die Pflanze, wodurch der Boden genutzt wird, aber nicht die Nutzung des Bodens ſelbſt geaͤndert.

Der Bezirk, in welchem jetzt der Flachsbau betrieben wird, kann nun von dem Boden, der Flachs ſtatt Korn traͤgt, kein Getreide mehr nach der Stadt liefern; und da alles Korn, was dieſer Diſtrikt ſonſt erzeugte, zur Ver- ſorgung der Stadt nothwendig war: ſo entſteht jetzt in der Stadt Mangel an Getreide.

Woher ſoll nun das fehlende Getreide genommen werden?

Der ſonſt den Flachs erzeugende Diſtrikt in dem aͤrmern Staat B kann wegen der großen Transportkoſten bei dem Preiſe von 1½ Thlr. fuͤr den Schfl. Rocken kein Getreide nach der Stadt liefern. Soll nun der Mangel erſetzt werden, ſo muß der Preis des Getreides ſteigen und zwar ſo hoch ſteigen, daß der ſonſt Flachsbau betreibende Diſtrikt — oder eigentlich die Gegend, die Branntweinbrennerei und Rapsbau betreibt — zum Kornbau uͤbergehen und daſſelbe nach der Stadt liefern kann.

Aber gibt es denn in der Stadt einen unerſchoͤpflichen Fond, aus dem hoͤhere und immer hoͤhere Getreidepreiſe bezahlt werden koͤnnen, und aus welcher Quelle fließt denn das Geld zur Bezahlung des theuern Getreides?

Es gibt in der Stadt eine große Menge Menſchen, deren ganzer Erwerb nur grade hinreicht, ſich bei den bisherigen Mittelpreiſen die nothduͤrftigſten Lebensmittel zu verſchaffen. So wie der entfernteſte Produzent den Schfl. Rocken nicht unter 1½ Thlr. nach der Stadt liefern kann, ſo kann wiederum die arbeitende Klaſſe keinen hoͤhern Preis bezahlen. So wie das Fallen des Getreides unter den bisherigen Mittelpreis die Kultur des aͤußern Randes der kornbauenden Ebene unmoͤglich macht, den Acker wieder der Wildniß uͤberliefert, und die Menſchen zur Auswanderung zwingt: ſo bringt das Steigen des Mittelpreiſes des Getreides Verarmung und Auswanderung unter der arbeitenden Klaſſe in der Stadt hervor — wenn keine neuen Erwerbsquellen eroͤffnet werden.

Aber das Sperrſyſtem ſelbſt hat nirgends neue Erwerbsquellen geſchaffen, wodurch der Lohn des Arbeiters erhoͤht und dieſer zur Bezahlung eines hoͤhern Getreidepreiſes in den Stand geſetzt werden koͤnnte. Im Gegentheil leidet durch die Vertheurung eines nothwendigen Beduͤrfniſſes — der Leinwand — der Wohlſtand Aller, und der Arbeiter insbeſondre behaͤlt, nachdem er einen groͤßern Theil ſeines Lohns fuͤr den Ankauf der Leinwand hat hingeben muͤſſen, einen geringern Theil zum Ankauf des Getreides; der Preis des Getreides wird alſo anſtatt zu ſteigen, fallen muͤſſen, wenn der Arbeiter noch ferner beſtehen ſoll.

Alſo keine Erhoͤhung des Getreidepreiſes und folglich keine Moͤglichkeit den kornbautreibenden Kreis zu erweitern. Der Diſtrikt, welcher fruͤher den Flachs erzeugte, kann ſich nicht zum Kornbau, nicht zur Kultur andrer Gewaͤchſe wenden, weil der Preis des Getreides und der Handelsgewaͤchſe den Anbau derſelben in dieſer Entfernung von der Stadt nicht lohnt. Der bisher kultivirte Boden muß unangebauet liegen bleiben und den Viehheerden eingeraͤumt werden, und alle Menſchen, die bisher vom Flachsbau lebten, verlieren ihren Erwerb und muͤſſen auswandern.

Mit der Verwuͤſtung des Diſtrikts, der bisher den Flachsbau betrieb, und mit dem Verſchwinden aller Men- ſchen, die bisher ihren Unterhalt davon zogen, hoͤren nun aber auch alle Beduͤrfniſſe, die dieſe Menſchen an Eiſenwaaren, Tuch, Geraͤthſchaften u. ſ. w. hatten, und die ſie bisher aus der Stadt bezogen, auf. Die Bergbearbeiter, die Fabrikanten, Handwerker u. ſ. w., welche die Waaren fuͤr dieſen Diſtrikt bisher lieferten, verlieren dadurch ihren ganzen Erwerb, und muͤſſen eben ſowohl als die Bewohner des Diſtrikts ſelbſt auswandern oder umkommen.

Die endliche Folge dieſer Beſchraͤnkung der Handelsfreiheit iſt alſo die:

  • 1) daß in dem aͤrmern Staat B der die Flachskultur betreibende Diſtrikt mit allen vom Flachsbau lebenden Menſchen gaͤnzlich verſchwindet;
  • 2) daß die Stadt des reichen Staats A alle Fabrikanten, Handwerker u. ſ. w., die bisher fuͤr dieſen Di- ſtrikt arbeiteten, verliert, und alſo an Groͤße, Reichthum und Bevoͤlkerung abnimmt.

Indem alſo der reiche Staat durch die Beſchraͤnkung der Handelsfreiheit dem Wohlſtand des aͤrmern Staats unvermeidlich eine tiefe Wunde ſchlaͤgt, verwundet er ſich ſelbſt zugleich nicht minder tief.

Es verdient bemerkt zu werden, daß auch ohne alle Repreſſalien von Seiten des aͤrmern Staats, die Sperrung dennoch nicht minder verderblich auf den reichen Staat zuruͤckwirkt.

Waͤhrend es in der Theorie der Nationaloͤkonomie ſchwierig iſt, eine richtige und vollſtaͤndige Definition von dem Nationalreichthum zu geben, und die Kennzei chen von dem Wachsthum oder Sinken deſſelben mit Be- ſtimmtheit anzugeben, haben wir in dem iſolirten Staat an der Ausdehnung oder Verengung der kultivirten Ebene ein ſinnlich wahrnehmbares, untruͤgliches Kennzeichen von dem zu- oder abnehmenden Reichthum des Staats.

Wir haben hier die Wirkung der Beſchraͤnkung des freien Verkehrs zwar nur an einem einzigen landwirth- ſchaftlichen Erzeugniß, dem Flachs, gezeigt; wir werden aber, wenn wir jeden andern Kulturzweig der Landwirth- ſchaft zum Gegenſtand der Betrachtung nehmen, dieſelben Schluͤſſe wiederholen muͤſſen und dann auch daſſelbe Re- ſultat erhalten. So wird z. B. die gewaltſame Verpflanzung der Schafzucht, oder des Rapsbaues nach einer der Stadt naͤhern Gegend ſtets ein und daſſelbe Reſultat: «Verengung der kultivirten Ebene und Abnahme der Groͤße der Stadt» hervorbringen.

Werfen wir nun einen Blick auf die europaͤiſchen Staaten, ſo finden wir zwiſchen den verſchiedenen Laͤndern Europas, in Hinſicht auf Kulturzuſtand, Bevoͤlkerung, Getreidepreis und Landrente einen nicht minder großen Unterſchied als zwiſchen, den verſchiedenen Gegenden des iſolirten Staats.

Zwiſchen der Umgebung von London und zwiſchen den Provinzen des oͤſtlichen Rußlands an den Ufern der Wolga und des Uralfluſſes findet in dieſer Beziehung vielleicht noch ein groͤßerer Unterſchied ſtatt, als in dem iſolirten Staat zwiſchen der Umgebung der Zentralſtadt und dem aͤußerſten Rand des Kreiſes der Viehzucht.

So wie nun in dem iſolirten Staat die Beſchraͤnkung des Handels nicht bloß dem aͤrmern Staat einen Theil ſeiner Bewohner und ſeines Reichthums koſtet, ſondern auch auf den reichern Staat verderblich zuruͤckwirkt: ſo muß auch die Handelsbeſchraͤnkung zwiſchen den europaͤiſchen Staaten, die auf verſchiedenen Stuffen der Kultur ſtehen, nicht bloß den Ackerbau des aͤrmern Landes niederdruͤcken, ſondern auch dem reichen Staat einen Theil ſeiner Macht und ſeiner Groͤße entziehen.

Und dennoch ſehen wir jetzt in den europaͤiſchen Staaten Sperrungen und Handelsbeſchraͤnkungen uͤberall angewandt!

Man hat es aufgegeben, die Kultur der Gewaͤchſe, die dem Suͤden angehoͤren, im Norden erzwingen zu wollen; man verſtattet den Austauſch der Produkte verſchiedener Klimate, und glaubt daß dies dem Nationalwohl vortheilhaft ſey; man hat es aber leider in unſern Tagen verkannt, daß der Austauſch von Produkten zwiſchen Voͤlkern, die unter einem Himmelsſtrich wohnen, aber auf verſchiedenen Stuffen der Kultur ſtehen, eben ſo wohl von der Natur geboten und eben ſo vortheilhaft fuͤr die Nationen ſey, als wenn die Verſchiedenheit der Erzeugniſſe durch die Verſchiedenheit des Klimas herbeigefuͤhrt wird.

Es verdient noch der Erwaͤhnung, daß der Landwirth des iſolirten Staats, der ſeinen Standpunkt richtig erkennt, damit auch zugleich die Erkenntniß deſſen, was er zu thun hat, beſitzt.

Wir haben um die Bildung und Geſtaltung des iſolirten Staats zu entwickeln, keines andern Prinzips als der Annahme, daß Jeder ſein eigenes Intereſſe richtig erkennen und darnach handle, bedurft. So wie nun aus dem Zuſammenwirken Aller, Jeder ſeinen eigenen richtig verſtandenen Vortheil erſtrebend, die Geſetze, wornach die Geſammtheit handelt, hervorgehen, ſo muß wiederum in der Befolgung dieſer Geſetze der Vortheil des Einzelnen enthalten ſeyn.

Waͤhrend der Menſch nur ſeinen eigenen Vortheil zu verfolgen waͤhnt, iſt er das Werkzeug in der Hand einer hoͤhern Macht, und arbeitet, ihm ſelbſt oft unbewußt, an dem großen und kuͤnſtlichen Bau des Staats und der buͤrgerlichen Geſellſchaft — und die Werke die die Menſchen, als Geſammtheit betrachtet, hervorbringen und ſchaffen, ſo wie die Geſetze wornach ſie dabei verfahren, ſind gewiß nicht weniger der Aufmerkſamkeit und Bewunderung wuͤrdig, als die Erſcheinungen und Geſetze der phyſiſchen Welt.