Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe

Die Hauptreſultate der preußiſchen Aufnahmen von 1795—1861.

10.322 Wörter · 43 Fußnoten

Die Hauptreſultate der preußiſchen Aufnahmen von 1795—1861.

1. Die preußiſche Handwerksſtatiſtik von 1795/1803.

Ich habe mein Urtheil über die preußiſche Verwaltung wohl ſchon durch die Reſultate der Statiſtik zu ſtützen geſucht; ich habe aber dabei eine wichtige Quelle noch nicht berührt, die preußiſche Handwerksſtatiſtik von Krug in ſeinen Betrachtungen über den Nationalreichthum des preußiſchen Staates. 1 Es wird paſſend ſein, bei ihr, an der Grenzſcheide des Jahrhunderts einen Moment zu verweilen und ſie hauptſächlich mit einer ſpätern Aufnahme zu vergleichen, ſie dadurch zu einem lebensvollen Bilde zu geſtalten.

Waren die gewerblichen Zuſtände gegen 1800 ſchon mannigfach durch die alte Geſetzgebung gehemmt, im Ganzen war der Wohlſtand ein ſteigender bis gegen 1805 und 1806. Die außerordentliche Steigerung der Getreide- und Bodenpreiſe in ganz Norddeutſchland von 1770 ab hatte die Kaufkraft der ländlichen Kreiſe ſehr gehoben. 2 Die erſten franzöſiſchen Kriege erſtreckten ihre ungünſtigen Wirkungen kaum auf Preußen. Erſt ſeit 1799 machte ſich die Stockung in den norddeutſchen Handelsſtädten geltend. Erſt nach 1806 trat im ganzen Lande die Lähmung des Verkehrs, die wirthſchaftliche Erſchöpfung durch die Kriege, traten die Einquartierungen, Verwüſtungen, Kontributionen ein.

In dieſe Zeit fällt die Einführung der Gewerbefreiheit. Sie war für Preußen und Littauen ſchon 1806 und 1808, für den ganzen damaligen preußiſchen Staat durch das Edikt vom 2. November 1810 eingeführt worden. Am linken Rheinufer verſtand ſie ſich mit der franzöſiſchen Herrſchaft von ſelbſt; für Weſtfalen wurde ſie durch die Dekrete vom 5. Auguſt 1808 und 12. Februar 1810, für das Großherzogthum Berg durch das Dekret vom 31. März 1809 eingeführt.

Sicher iſt die in Preußen eingeführte Gewerbefreiheit eine jener unſchätzbaren liberalen Konzeſſionen geweſen, die zuſammen ſo ſegensreich gewirkt, den Nationalgeiſt gehoben, die unwiderſtehliche Kraft der Bevölkerung im Jahre 1813 erzeugt haben. Aber es wird ſchwer ſein, nachzuweiſen, welche direkte, unmittelbare Wirkung die geſetzliche Aenderung auf die wirthſchaftliche Lage der Kleingewerbe gehabt habe. Manches wird ſich ſogleich mit der Publikation des Ediktes geändert haben; mancher Geſelle wird ein eigenes Geſchäft angefangen haben, mancher ſich an einem paſſendern Orte, in dem benachbarten Dorfe ſtatt in der Stadt niedergelaſſen haben; — aber die gewerblichen Geſammtverhältniſſe werden ſich zunächſt nicht viel geändert haben, weil ſie unter dem Drucke vieler anderer, mächtiger wirkender Urſachen ſtanden.

Mit dem Frieden erfolgte die Vergrößerung Preußens; in den neuerworbenen Landestheilen ließ man die hergebrachte Gewerbeverfaſſung unverändert, die Gewerbefreiheit am Rhein und in Weſtfalen, die Zunftverfaſſung in Sachſen. Immer war es der überwiegend größere Theil der Monarchie, in dem von da ab bis 1845 volle Gewerbefreiheit herrſchte.

Die erſten Jahre nach dem Frieden waren nicht eben günſtige für die wirthſchaftliche Entwickelung. Die Nachwehen der großen Verluſte und Zerſtörungen, die Hungersnoth 1816—17, die Ackerbaukriſis 1820—25 waren harte Schläge. Die Grenzveränderung brachte für die Induſtrie der rheiniſchen Städte manchen Verluſt; das Aufhören der Kontinentalſperre, die engliſche Konkurrenz, die ſich um ſo heftiger jetzt auf Deutſchland warf, der Mangel einer gemeinſamen Ordnung des Zollweſens, — das Alles waren zunächſt ungünſtige Um- ſtände. Dem gegenüber war für Preußen die neue Ordnung des Zollweſens im Jahre 1818 ein großer Fortſchritt. Die öſtlichen Provinzen ſtanden nun der rheiniſchen Induſtrie offen; Aachen, Elberfeld, Barmen, Berlin, zeigen einen raſchen Aufſchwung, 3 wie überhaupt alle preußiſchen Lande, während allerdings die vom preußiſchen Zollſyſtem ausgeſchloſſenen nächſtliegenden Nachbarlande litten. Ein anderes wichtiges Moment für die allgemeine Beſſerung der Lage waren die Ende der zwanziger Jahre wieder ſteigenden Produktenpreiſe. Die Getreideausfuhr nach England nahm wieder zu, das Wollgeſchäft des norddeutſchen Landwirths war in der höchſten Blüthe, die Ackerbaukriſis ſo ziemlich zu Ende. Somit werden wir nicht irren, wenn wir die Jahre gegen 1830 als ſolche bezeichnen, in denen die beſonderen Mißſtände, die ſich an die Kriegsjahre und an die erſten Friedensjahre anſchloſſen, weſentlich zurückgetreten ſind, in denen alſo die Gewerbefreiheit in ihren reinen Folgen ſich erſichtlich zeigen muß; daneben ſind es Jahre, in denen die Konkurrenz der Großinduſtrie noch kaum begonnen hat, jedenfalls noch nicht in dem Maße vorhanden iſt, wie heutzutage.

Deshalb glaube ich, richtig zu verfahren, wenn ich, wie früher ſchon Dieterici, die preußiſche Gewerbe- ſtatiſtik von 1795/1803 gerade mit der von 1831 vergleiche. Die erſte ein Bild der Zuſtände vor dem Krieg, ein Bild relativ blühender Kleininduſtrie, wie ſie unter der Herrſchaft des Zunftweſens und der ſtaatlichen Maßregelung möglich war; die zweite ein Bild der Zuſtände, wie ſie nach ſo ziemlicher Beſeitigung der Kriegswehen unter der beinahe vollſtändigen Herrſchaft der Gewerbefreiheit ſich geſtalten.

Krug’s ſtatiſtiſche Aufnahmen ſind in den Jahren 1795—1803 nach den einzelnen preußiſchen Provinzen gemacht; ſie erſtrecken ſich nicht auf ſämmtliche Provinzen oder Departements. Die in Betracht kommenden ſind das Poſener, Kaliſcher, Warſchauer Departement, Pommern, Neumark, Schleſien, Kurmark, Magdeburg, Paderborn, Minden und Ravensburg, Grafſchaft Mark, Kleve, Lingen und Tecklenburg, Oſtfriesland, Neuchatel. Da dieſe Departements ſich gleichmäßig auf die Monarchie vertheilen, ſo kann die Methode nicht angefochten werden, nach der Bevölkerung und der Meiſterzahl dieſer Aufnahmen, die muthmaßliche Meiſterzahl für die ganze Monarchie zu berechnen. Die Handwerksgeſellen bleiben außer Betracht, da Krug ihre Zahl gar nicht nach den einzelnen Gewerben, ſondern nur nach Provinzen mittheilt.

Folgen wir nun für 1831 den Zahlen Dieterici’s, 4 ſo ergiebt zunächſt eine allgemeine Vergleichung von 26 der wichtigſten Handwerke, daß 1795—1803 auf 10.023900 Einwohner 194183 Meiſter in denſelben, 1831 auf 13.038960 Einwohner 300752 Meiſter, damals alſo einer auf 51,6 Menſchen, jetzt auf 43,4 Men- ſchen kamen. Damals ſind 1,93 %, jetzt 2,3 % der Bevölkerung Handwerksmeiſter in den betreffenden 26 Hauptgewerben. Die Zahl der Meiſter iſt alſo ſtärker geſtiegen als die Bevölkerung; aber wir werden dieſer Steigerung ein geringeres Gewicht beilegen, wenn wir uns erinnern, daß in den Zahlen von 1795/1803 die armen unbevölkerten Landſtriche (Südpreußen und Neuoſtpreußen) ſtecken, die an Rußland abgetreten wurden, in denen von 1831 eine Reihe ſehr entwickelter Gegenden, die erſt 1815 zu Preußen kamen, wie Theile der Rheinprovinz und der Provinz Sachſen.

Eine genauere Einſicht gewährt die folgende ſpezielle Vergleichung einiger der wichtigern Gewerbe, wobei je in der erſten Spalte die Zahl der Meiſter, in der zweiten die der Einwohner, welche auf einen Meiſter kommen, verzeichnet iſt.

Hiernach iſt die Meiſterzahl geringer geſtiegen als die Bevölkerung bei den Schmieden, den Hutmachern, den Goldſchmieden; das ſind Gewerbe, in denen die Bildung der größeren Geſchäfte die wahrſcheinlichſte Urſache des Rückganges iſt. In den wichtigſten der angeführten Gewerbe hat ſich die Proportion zwiſchen Bevölkerung und Meiſterzahl ſehr wenig verändert, ſo bei den Schuhmachern, Schneidern, Bäckern, Fleiſchern, Rade- und Stellmachern, kaum etwas mehr bei den Böttchern, Riemern, Sattlern, Seilern. Eine weſentlich ſtärkere Zunahme als die Bevölkerung zeigen nur die Tiſchler und Drechsler, die Maurer, die Buchbinder und Zinngießer.

Dieſe Zahlen ſind beredt. Sie zeigen uns das Leben und die Entwickelung der wichtigſten Handwerke für die Zeit von 1800—1831 gleichſam als etwas Elementares, das von den Stürmen der Zeit, von der Aenderung der äußern Gewerbeverfaſſung weniger berührt wird, als man gewöhnlich erwartet. Die Gemeindeverfaſſung, die ſtändiſchen Rechte, das ganze Agrarrecht war ein anderes geworden; die Gewerbefreiheit, die unbedingte Zulaſſung der Handwerker auf dem Lande war eingetreten. Das ſtädtiſche Acciſeweſen war ein anderes geworden, die Gewerbeſteuer war eingeführt worden. Und es erſcheint beinahe, als ob All das ſpurlos an den Kleingewerben vorbeigegangen wäre. In vielen Gewerben dieſelbe Meiſterzahl trotz der außerordentlichen Veränderungen, die zwiſchen 1800 und 1831 liegen. Auch die großen Aenderungen in der Technik mancher Gewerbe, die Dampfmaſchinen und die anderen neuen Maſchinen und Entdeckungen zeigen keinen weſentlichen Einfluß bis dahin auf die Handwerke. Selbſt der geſtiegene Wohlſtand, wenn man für 1831 überhaupt einen ſolchen gegenüber 1800 annehmen will, zeigt ſich nicht in einer größern Zahl von Bäcker-, Fleiſcher-, Schuhmacher- und Schneidermeiſtern; dieſe Hauptgewerbe dienen ja auch ziemlich elementaren, ſich nicht ſo leicht ändernden Bedürfniſſen; — ſondern nux in der größern Zahl Maurer, Tiſchler, Drechsler; d. h. man baut 1831 wieder mehr, man richtet die Wohnungen beſſer ein, aber man ißt, man kleidet und beſchuht ſich auf alte Weiſe.

Man mag allerdings daran erinnern, daß dieſelbe Meiſterzahl nicht nothwendig dieſelbe Technik, denſelben Wohlſtand, dieſelbe Geſellen- und Lehrlingszahl andeutet. Aber ſehr viel hat ſich darin gerade bis 1831 nicht geändert; was die Gehülfenzahl betrifft, ſo führe ich als Beweis dafür an, daß die Meiſter- und Gehülfenzahl von 1819 bis 1828 ſich in ziemlich gleicher Proportion ändert; 5 gerade die Gewerbefreiheit mußte dahin wirken, daß zunächſt die Tendenz zur Bildung größerer Geſchäfte mit mehr Gehülfen eher etwas aufgehalten wurde.

Freilich iſt bei dieſer Vergleichung nur auf den Anfang und das Ende der Periode geſehen, auf die Zeit von 1795/1803 und auf die von 1831. Dazwiſchen hat der Handwerkerſtand wohl ſtärker geſchwankt. Im Jahre 1811 waren in Preußen noch 286000 Gewerbepatente ertheilt worden; dieſe Zahl ſinkt bis 1814 auf 242700, iſt alſo in dieſem Jahre um 15½ % niedriger; dann ſteigt die jährliche Zahl wieder; im Jahre 1820 iſt ſie 20 % höher als 1814—15.6 Durch ſolche Schwankungen in Folge der Kriege wird aber unſere Behauptung nur noch in helleres Licht geſtellt. Trotzdem, daß Alles erſchüttert, geändert, umgeſtürzt wurde, — kann man ſagen — bringen es gleichmäßig ſich erhaltende volkswirthſchaftliche Bedingungen dahin, daß nach wenigen Jahren Alles ſo ziemlich im alten Geleiſe iſt, daß ähnliche Zahlenproportionen ſich bei den ſtatiſtiſchen Aufnahmen wieder ergeben.

Dabei will ich allerdings Eins im Voraus als Einſchränkung meiner Behauptung hinzufügen. Die elementare, vom Wechſel der Jahre, wie der ſtaatlichen Verfaſſung und Verwaltung wenig berührte Natur der wichtigſten Handwerke, die vor Allem gegenüber dem viel wechſelvollern Leben der Großinduſtrie zu betonen iſt, wird ſich immer geltend machen; immer werden die Aenderungen ſchwer ſich vollziehen, ſchon weil ſie zuſammenhängen mit den ſchwer ſich ändernden Lebensgewohnheiten, häuslichen Sitten und Bräuchen des ganzen Volkes. Aber zunächſt beweiſen die vorſtehenden Zahlen nur, daß die großen Ereigniſſe von 1795—1831 daran wenig geändert haben. Wir werden ſehen, daß ſpäter vielleicht unbedeutendere Ereigniſſe, aber Ereigniſſe anderer Art, tiefer eingreifen. Nur ſolange die Technik, die häusliche Wirthſchaft und die Verkehrsverhältniſſe dieſelben bleiben — und die haben ſich bis 1831 wenig geändert —, wird die Thatſache, daß die vorzüglichſten Handwerke in erſter Linie für lokale, nothwendige, ſtets ziemlich konſtante Bedürfniſſe arbeiten, dem Handwerk den ſichern, unveränderten Boden erhalten.

Zugleich iſt nicht zu vergeſſen, daß hier nur von 26 Arten der wichtigern lokalen Handwerke die Rede war. Die ganze Weberei und andere handwerksmäßige Hausinduſtriezweige ſind nicht mit einbegriffen. Auch in den folgenden Unterſuchungen müſſen die Weber zunächſt außer Betracht bleiben, da unſere Betrachtung ſich von jetzt an ſtreng an die Art der ſtatiſtiſchen Aufnahmen halten muß.

2. Die preußiſchen Handwerkertabellen von 1816—43.

Nach dieſen einleitenden Bemerkungen über die Zuſtände vor und nach den Kriegsjahren wenden wir uns ausſchließlich der Zeit nach 1815 zu. Und das Erſte wird ſein, uns einen Geſammteindruck der Ge- ſchichte des Handwerks zu verſchaffen durch Betrachtung der Geſammtſummen, welche die preußiſchen Gewerbetabellen in den einzelnen Aufnahmejahren ergeben.

Ueber die Aufnahme und den Umfang der Tabellen iſt Folgendes zu bemerken.

Nachdem J. G. Hoffmann, als Leiter des ſtati- ſtiſchen Bureaus, im Jahre 1816 die wichtigſten Handwerker in der Populationsliſte hatte mitzählen laſſen, richtete er 1819 zum erſten Male eine beſondere Gewerbetabelle ein, die nun von drei zu drei Jahren bei den Regierungen ausgefüllt werden ſollte. Dieſe Tabelle blieb trotz mancher Aenderungen in den Grundzügen unver ändert bis 1843. Erſt die Aufnahme von 1846 erfolgte auf weſentlich anderer, breiterer Grundlage.

Die ältere Tabelle war von Hoffmann ſo einfach als möglich entworfen.7 Ihr Hauptinhalt waren die wichtigſten mechaniſchen Künſtler und Handwerker. Nicht bei allen, wohl aber bei der Mehrzahl wurden die Gehülfen (Geſellen und Lehrlinge zuſammen) gezählt. Nicht inbegriffen ſind z. B. Fiſcher, Gärtner, Barbiere, Friſeure, ebenſo wenig Spinner und Weber. Nach den Künſtlern und Handwerkern enthält die Tabelle noch die gehenden Webſtühle, die Mühlen, die Handelsgewerbe, die Transportgewerbe, das Geſinde. Für die Zuſtände des preußiſchen Staates vor 50 Jahren gaben dieſe Rubriken immerhin ein genügendes Bild, wenn ſie auch für einzelne Gegenden und ihr entwickelteres Gewerbeleben, hauptſächlich für die Rheinprovinz nicht ganz ausreichten. Ihr Vortheil war, daß ſie in ihrer Einfachheit leicht auszufüllen waren.

Das Bedürfniß nach Erweiterung zeigte ſich aber bald. Neue Rubriken wurden hinzugefügt; beſonders 1837 erweiterte Hoffmann die Tabelle weſentlich durch Aufnahme einer Anzahl Fabriken, der Dampfmaſchinen u. ſ. w. Auch 1837 aber wurde an der eigentlichen Handwerkertabelle wenig geändert; für die Kürſchner, Mechaniker, Buchbinder wurde die Gehülfenzahl hinzu gefügt; die Zimmermeiſter wurden in Zimmermeiſter und Zimmerflickarbeiter, die Maurer in Maurermeiſter, Flicker, Ziegeldecker und Steinmetzen zerlegt; 1840 wurden die Färber in Färber und Kattundrucker geſchieden. Es läßt ſich ſomit eine vergleichbare Tabelle bis 1843 inkl. leicht herſtellen.

Die Aufnahmen, ſowie offizielle Summirungen der- ſelben ſind nicht gleichmäßig publizirt. Man iſt genöthigt, die Zahlen für die verſchiedenen Jahre aus ſehr ver- ſchiedenen offiziellen, halboffiziellen oder ganz privaten Arbeiten der jeweiligen Direktoren des ſtatiſtiſchen Bureaus zuſammen zu ſuchen. Daher ſind auch darüber einige kritiſche Bemerkungen nöthig.

Die Summe der Meiſter und Gehülfen für 1816 iſt der Publikation Dieterici’s in ſeinem „Volkswohl- ſtande“ entnommen.8 Die Summe, wie ſie von da aus in alle ſpäteren, amtliche und nichtamtliche Schriften überging, iſt aber inſofern etwas zu niedrig, als in ihr die Kuchenbäcker, Korbmacher, Buchdrucker und Tuchſcheerer fehlen. Doch würden dieſe nach Analogie der ſpätern Zahlen nicht mehr als circa 7000 Meiſter und 4000 Gehülfen betragen.9

Die Summen für 1819, 1822, 1825 und 1828 ſind Ferber’s Beiträgen,10 alſo einer halbamtlichen Publikation entnommen. Ferber giebt nicht näher an, was ſeine Zahlen umfaſſen; deswegen glaube ich annehmen zu müſſen, daß ſie ſich auf die ſämmtlichen damals aufgenommenen Handwerker erſtrecken.

Für das Jahr 1831 iſt mir keine amtliche Summirung der Handwerker bekannt, außer der bei Dieterici,11 die aber unvollſtändig iſt, indem ſie ebenfalls die Kuchenbäcker, Korbmacher, Buchdrucker und Tuchſcheerer wegläßt. Durch Hinzufügung dieſer iſt meine Zahl höher als die von Dieterici, wie ſie ebenfalls in alle ſpätere Werke übergegangen iſt.

Für 1834 iſt mir keine amtliche Summirung bekannt. Ich habe daher die Zahlen nach der amtlichen Spezialpublikation berechnet, die in Dieterici’s ſtatiſtiſcher Ueberſicht12 enthalten iſt.

13

Auch für die folgenden Aufnahmen habe ich die Summen nach den Spezialtabellen neu berechnet, für 1837 und 40 nach den Fortſetzungen der ſtatiſtiſchen Ueberſichten,14 für 1843 nach dem beſondern für dieſes Jahr veröffentlichten Tabellenwerk.15 Ich habe dabei die ſämmtlich bisher gezählten Gewerbe mitgezählt, die Gehülfen da weggelaſſen, wo ſie früher auch fehlten, um ſo die Summen direkt vergleichbar mit den frühern Aufnahmen zu machen. Dadurch ſtimmen die Zahlen aber nicht ganz überein mit den gelegentlich von Dieterici erwähnten oder ſpeziell von ihm berechneten.16

In der nun folgenden Tabelle, in welche ich die Bevölkerung Preußens nach Dieterici’s Handbuch der Statiſtik des preußiſchen Staates17 einſetze, vergleiche ich das Verhältniß des Handwerkerſtandes zur Totalbevölkerung. Die erſte Prozentberechnung giebt Antwort auf die Frage, wie viel Prozente der Bevölkerung machen Meiſter und Gehülfen zuſammen aus? Die zweite auf die Frage, wie viel Prozente der Bevölkerung machen die Meiſter mit ihren Familien und Gehülfen aus? Die Familie eines Meiſters iſt dabei nach dem Vorgang Dieterici’s18 zu 4,1 Perſonen gerechnet. Da die Gehülfen alle als unverheiratet angenommen ſind, während die zahlreichen Maurer- und Zimmergeſellen wenigſtens zu einem großen Theil verheiratet ſind, ſo bleiben jedenfalls die Summen der ſo gewonnenen ganzen vom Handwerk lebenden Bevölkerung weit eher unter, als über der Wirklichkeit.

Daß überhaupt gefragt werden muß, nicht ob die Zahl der Handwerker an ſich, ſondern ob ſie im Verhältniß der Bevölkerung zugenommen hat, darüber brauche ich wohl kein Wort hinzu zu fügen. Nur daran möchte ich noch erinnern, daß allerdings bei einer ſo ſtark fortſchreitenden Bevölkerung, wie bei der preußiſchen von 1816—43, eine Zunahme im Verhältniß der Bevöl- 19 kerung ſchon einen kleinen Fortſchritt andeutet. Da die Zunahme der Bevölkerung in erſter Linie Folge zahlreicher Geburten iſt, ſo ſind es zunächſt die niedrigſten Altersklaſſen, die reichlicher ausgefüllt ſind, während die höhern, die ſchon einem beſtimmten Beruf angehören, ſich gleich bleiben, ja vielleicht, wie in dieſem Fall, durch die Kriege dezimirt ſind. Der Handwerkerſtand behauptet ſich nun auf ſeinem Niveau, wenn er nur im Verhältniß zu den geſammten Erwachſenen die gleiche Prozentzahl beſchäftigt. Behauptet er im Verhältniß zur ganzen, hauptſächlich an Kindern reichen Bevölkerung die gleiche Prozentzahl, ſo nimmt er offenbar von den Erwachſenen relativ etwas mehr in Anſpruch als vorher.

Doch hier endlich nach langen Vorbemerkungen die Tabelle ſelbſt:

Man unterſcheidet bei Betrachtung dieſer Tabelle leicht zwei Perioden. Von 1816—31 beinahe Stabilität, die nur 1825 durch ein vorübergehendes Anwachſen unterbrochen iſt; von 1834 an eine ſucceſſive Zunahme des Handwerkerſtandes gegenüber der Bevölkerung. Die Urſachen liegen überwiegend in den allgemeinen, früher ungünſtigen, ſpäter günſtigen Vorbedingungen der wirthſchaftlichen Entwickelung, an die ich, ſoweit ſie die Zeit von 1816—31 betreffen, ſchon oben20 erinnerte. Man erholte ſich erſt wieder von Krieg und Ackerbaukriſis. Der Einfluß der vorangeſchrittenen Induſtrieländer war noch gering, der deutſche Handel noch gelähmt durch die Zollſchranken.

Weſentlich beſſer geſtalten ſich die Zuſtände in den dreißiger Jahren. Der Zollverein beginnt ſeine Segnungen fühlbar zu machen; der deutſche Exporthandel nimmt zu, neue Gewerbszweige entſtehen; Zuckerfabriken, Baumwollſpinnereien werden gebaut. Daneben freilich iſt der Einfluß des Auslandes noch gering; die erſten Eiſenbahnen ſind in England eben erſt vollendet; noch haben die großen internationalen Ausſtellungen nicht gewirkt, noch haben wir kaum einen heimiſchen Maſchinenbau, noch exiſtiren unſere großen polytechniſchen Schulen nicht oder ſind eben erſt gegründet. Der Fortſchritt mußte ſich alſo in den hergebrachten Formen halten, d. h. hauptſächlich in einer Zunahme der Kleingewerbe zeigen.

Auch für wichtige Induſtriezweige, welche auf den Abſatz im Großen angewieſen ſind, bleibt die Form der Hausinduſtrie vorerſt unangetaſtet — ſo für wichtige Theile der Metallinduſtrie; ſo für die Weberei, die nicht in dieſen Zahlen begriffen iſt. Die Tuchmacher und Tuch- ſcheerer ſind zwar theilweiſe ſchon in übler Lage; aber ſonſt iſt der Handwebſtuhl noch unangefochten. Die Zahl der Webſtühle nimmt ſogar in den meiſten Branchen einen raſchen Aufſchwung bis 1840; erſt in den rückgehenden Zahlen von 1843 zeigt ſich der Eintritt der Weberkriſis, die ſiegende Konkurrenz der neuen vollendeteren Technik.

Die vorſtehenden Folgerungen aus der Tabelle für 1816—43 galten dem Hauptreſultat, das dahin ging: Stabilität in den zwanziger, Fortſchritt in den dreißiger Jahren. Ein ſolches Geſammtreſultat kann nun aber auf ſehr verſchiedene Weiſe erreicht ſein; es kann ausſchließlich durch die Meiſter- oder durch die Gehülfenzahl oder gleichmäßig durch beide, es kann erzielt ſein dadurch, daß einzelne Gewerbe ganz zu Grunde gingen, während andere um ſo kräftiger erblühten. Obwohl hier noch nicht näher in dieſes Detail eingegangen werden ſoll, muß ich wenigſtens einige Worte nach beiden Richtungen hin beifügen.

Die Bewegung der einzelnen Gewerbe iſt natürlich keine ganz gleichmäßige; aber doch handelt es ſich um keine allzugroßen Differenzen, nicht um den Untergang einzelner Gewerbe, für die andere an die Stelle träten. Es gehen einzelne etwas zurück, andere und zwar ſehr viele bleiben der Bevölkerung parallel, wieder andere nehmen etwas ſtärker zu. Beſonders in einzelnen Perioden iſt die Differenz etwas größer. Die ſtärkſte Zunahme erfolgt 1831—34; nach der Depreſſion von Revolution und Cholera, nach der Bildung des Zoll vereins nimmt Alles einen freudigern Aufſchwung; während die Bevölkerung von 100 auf 103 ſteigt, ſteigen beinahe alle Gewerbe von 100 auf 106 — 8, manche noch mehr; und es nehmen daran gerade die wichtigſten Gewerbe, wie Bäcker und Fleiſcher, die ſonſt gerne der Bevölkerung parallel bleiben, Theil. In den Jahren 1834 — 37 erhebt ſich die Bevölkerung von 100 auf 104; eine weſentlich ſtärkere Zunahme zeigen in dieſem Zeitraum nur die Gewerbe für Bauten und Hauseinrichtung, ſowie einzelne, die einem ſich entwickelnden Luxusbedürfniß dienen, wie die Putzmacherinnen. Aehnlich iſt es in den Perioden von 1837 — 40 und 1840 — 43; es geſellen ſich als ſtärker fortſchreitende Gewerbe zu ihnen hauptſächlich noch ſolche, welche die Großinduſtrie beſchäftigt, wie Mechaniker, Schloſſer, Steinmetzen, während die Hauptgewerbe Bäcker, Fleiſcher, Schuhmacher ihr Verhältniß zur Bevölkerung nicht viel ändern; ſelbſt das entwickelungsfähige Schneidergewerbe zeigt 1837, 40 und 43 jedesmal eine die Bevölkerung nur kaum überholende Zunahme. Die bereits rückgehenden Gewerbe ſind ſolche, bei denen die Konkurrenz der großen Geſchäfte anfängt zu wirken: Seifenſieder, Gerber, Handſchuhmacher, Hutmacher, Töpfer und Ofenfabrikanten.

Die Verſchiedenheit der Bewegung zwiſchen den einzelnen Gewerben iſt nicht ſo groß als die zwiſchen Meiſter und Gehülfen. Von 1816 — 19 nehmen nur die Meiſter zu, die Gehülfen ab; von 1819 — 25 iſt die Bewegung ſo ziemlich gleich; von 25 — 28 nehmen nochmals die Meiſter zu und die Gehülfen ab; von 28 — 31 überwiegt wenigſtens die Zunahme der Meiſter; erſt von 1831 ab tritt dauernd und zwar in ganz überwiegender Weiſe eine ſtärkere Zunahme der Gehülfen ein, ſo daß als Geſammtergebniß von 1816 bis 43 die Meiſter von 100 auf circa 180, die Gehülfen von 100 auf circa 220 ſteigen.

Dieſe Verſchiedenheit der zwanziger und dreißiger Jahre entſpricht dem Ergebniß der obigen Unterſuchung. In dem erſten Zeitabſchnitt fehlt die Möglichkeit, die Geſchäfte auszudehnen, mehr Gehülfen zu halten; die Gewerbefreiheit ermöglicht Jedem, leicht ſelbſt ein Ge- ſchäft anzufangen, leer gebliebene Lücken füllen ſich; der Handel, das Einkaufen in Magazinen, das Ladenhalten iſt noch weniger entwickelt; das ladet zur Niederlaſſung überall ein, dem lokalen Bedürfniß zu dienen, wenn auch das zu machende Geſchäft vorerſt klein iſt. Im zweiten Abſchnitt liegen die Dinge ſchon weſentlich anders: die Lücken ſind beſetzt; trotz der Gewerbefreiheit wird das Anfangen eines eigenen Betriebes in den größeren Städten, wo die Nachfrage wächſt, ſchwieriger, und ſo nehmen hier eher die vorhandenen Geſchäfte zu, als daß neue gegründet würden. Dieſe Richtung zeigt ſich ſpäter noch viel mehr. Es iſt aber wichtig, daran zu erinnern, daß ſie ſchon vor 1845 und 1849 eintrat, weil man ſpäter oft glaubte, die veränderte Gewerbegeſetzgebung ſei daran ſchuld, was jedenfalls nur zum Theil der Fall war.

3. Die preußiſchen Handwerkertabellen von 1846 — 61.

Die Zeit nach 1843, reſp. von 1846 an, ſcheidet ſich von der früheren in Preußen materiell durch die 1845 und noch mehr durch die 1849 erlaſſene Gewerbegeſetzgebung; formell müßte ſie ſchon unſere Betrachtung trennen, da die ſtatiſtiſchen Aufnahmen von 1846 an weſentlich andere ſind. Ehe ich aber auf die Verſchiedenheit der Aufnahme eingehe, will ich die Zahlen ſelbſt vorausſchicken, wie ſie hergebrachtermaßen in der offiziellen Statiſtik für 1846 — 58 mitgetheilt werden.21 Ich wiederhole dabei die Zahlen für 1843 und ſetze für 1861 die Hauptſummen der Handwerkertabelle bei, wie ſie in der amtlichen Publikation lauten.22 Die geſammte Handwerkerbevölkerung iſt wieder ſo berechnet, daß die Gehülfen als unverheiratet, die Familien der Meiſter jede zu 4,1 Perſonen angenommen ſind.

Sollen dieſe Zahlen einer vergleichenden hiſtoriſchen Betrachtung zur Grundlage dienen, ſo muß man ihren Werth und ihre Entſtehung kritiſch prüfen, ehe man Schlüſſe daraus zieht.

Was die Richtigkeit der Zahlen an ſich betrifft, ſo will ich nur wenige Worte in Bezug auf andere Summen, welche man da und dort trifft, vorausſchicken. Für 1846 und 49 giebt Dieterici23 in den Mitthei- 24 lungen andere Zahlen, als die obigen und zwar niedrigere. Dies iſt für 1849 ſehr erklärlich; er will die Aufnahmen mit 1846 vergleichbar machen und läßt ſo alle erſt 1849 hinzugekommenen Spalten weg. Warum aber 1846 circa 4000 Meiſter und 2000 Gehülfen weniger gerechnet ſind, als in der ſpätern offiziellen Statiſtik, vermag ich nicht anzugeben; eine eigene Nachrechnung iſt mir gar nicht möglich, da die Tabellen pro 1846 nicht vollſtändig publizirt ſind.25 Immerhin aber iſt dieſe Abweichung ſo mäßig, daß ſie überſehen werden kann.

Für das Jahr 1852 giebt Dieterici die Zahlen in den amtlichen Tabellen, wie in einer ſpäteren Bearbeitung26 etwas niedriger an, als ſie Engel in den ſpätern offiziellen Angaben anführt. Da ſpätere Angaben derart als die rektifizirten gelten müſſen, habe ich ſie beibehalten. Der Grund der Differenz iſt mir nicht erſichtlich; doch iſt die Abweichung ebenfalls ſo unbedeutend, daß ſie keine weitere Beachtung verdient.

Für 1858 habe ich nach der amtlichen Publikation eine kalkulatoriſch genau geprüfte Nachrechnung angeſtellt; ich mußte die Hauptſummen getrennt haben nach Stadt und Land für die Unterſuchung dieſes Gegenſatzes. Das genaue Ergebniß der Geſammtſumme iſt 1.042513, alſo etwa 10000 Perſonen weniger, als in der ſpätern Publikation Engels. Die Differenz vermag ich ebenſowenig zu erklären. Für dieſe Unter- ſuchung muß ich Engel’s Zahl ſtehen laſſen; für die ſpätere Unterſuchung über den Gegenſatz von Stadt und Land kann ich nur die von mir berechneten Zahlen benutzen, da andere fehlen.

Für 1861 kenne ich noch zwei Summirungen, allerdings nicht amtlicher Natur, die mit den vorſtehenden Zahlen nicht übereinſtimmen. Ad. Frantz27 giebt in ſeinen gewerbeſtatiſtiſchen Tabellen allerdings beinahe die- ſelbe Hauptſumme von 1.092368 Perſonen, aber die- ſelbe entſteht bei ihm aus circa 16100 mehr Meiſter und weniger Gehülfen. Das kann nur den Grund haben, daß er die Flickarbeiter bei den Maurern und Zimmerleuten, die gerade ſo viel ausmachen, zu den Meiſtern rechnet, während ſie die offizielle Statiſtik offenbar zu den Gehülfen zählt. Mag Letzteres auch unrichtiger ſein, ſofern die Flickarbeiter immerhin ſelbſt Unternehmer ſind, eigene Geſchäfte haben, ich mußte bei den offiziellen Zahlen bleiben, ſchon weil ſie die Vermuthung für ſich haben, daß dieſe Frage bei ihnen gleichmäßig wie bei den frühern Aufnahmen entſchieden iſt. Es iſt aber von Intereſſe, ſich deſſen eben bei dieſen Zahlen bewußt zu bleiben. Die Abnahme der Meiſter im Ganzen kommt theilweiſe davon her, daß Leute, die früher als kleine Zimmer- und Maurermeiſter gezählt worden wären, jetzt als Flickarbeiter unter den Gehülfen ſtecken.

Viebahn zählt in ſeiner Statiſtik des Zollvereins28 für 1861 nur 523481 Meiſter und 519412 Gehülfen, zuſammen 1.042893 Perſonen; auch ſeine Zahlen für die andern Staaten ſind etwas geringer als die mir ſonſt bekannten Summirungen. Die Urſache der Differenz iſt nicht erſichtlich. Viebahn muß wohl verſchiedene Kategorien der offiziellen Tabelle weggelaſſen haben.

Gehen wir von der kalkulatoriſchen zur ſachlichen Prüfung, ſo bleibt die Hauptſache zu wiſſen erſtens, wie verſchieden die Aufnahmen von 1846 ab gegenüber den frühern ſind, und zweitens, ob ſie wenigſtens unter ſich vergleichbar ſind, wie ſich aus ihrer Zuſammenſtellung in der amtlichen Statiſtik zu ergeben ſcheint.

Die Gewerbetabellen bis 1843 waren J. G. Hoffmann’s Werk; noch die letzten Aenderungen, die im Jahre 1837 eingeführt wurden, hatte er angeordnet. Sein ſpäterer Nachfolger Dieterici war zwar ſeit 1835 Hülfsarbeiter des ſtatiſtiſchen Bureau’s; die Direktion übernahm er aber erſt 1844, als das ſtatiſtiſche Bureau dem Handelsamt unterſtellt wurde. Eine ſeiner erſten Aufgaben war die veränderte Einrichtung der Gewerbe tabelle, die durch die Entwickelung der gewerblichen Verhältniſſe, durch die Spezialiſirung ſo vieler Geſchäfte, durch die Ausdehnung der Großinduſtrie geboten ſchien. Ueberdies hatte die Zollvereinskonferenz ſchon am 11. November 1843 die Aufnahme einer Gewerbeſtatiſtik des Zollvereins beſchloſſen,29 wobei die Abſicht zunächſt nur auf eine Statiſtik der Großgewerbe gerichtet war. Eine neue Grundlage war zu ſchaffen. Langwierige Unterhandlungen fanden 1844 und 45 darüber mit dem Finanzminiſterium und den Oberpräſidenten ſtatt. Dieterici bemühte ſich, gegenüber den ganz neuen Vorſchlägen die Tabelle der Handwerker wenigſtens ſo zu erhalten, daß nicht alle Vergleichung mit früher ausgeſchloſſen war. Das endliche Reſultat war das, daß zunächſt die Aufnahme in zwei Haupttabellen geſchah; die eine war die ſog. Fabriktabelle; die andere erhielt folgende Abtheilungen: 1) die mechaniſchen Künſtler und Handwerker (110 ſtatt bisher 72 Kolonnen, es waren mehrere Arten hinzugeſetzt und durchgehend die Zahlen für die ſelbſtändigen Gewerbtreibenden und für die Gehülfen und Lehrlinge getrennt worden), 2) die Anſtalten für den literariſchen Verkehr, 3) die Handelsgewerbe, 4) die Schifffahrt, das Fracht- und Lohnfuhrwerk, 5) die Gaſt- und Schenkwirthſchaft, 6) das Geſinde, 7) die Handarbeiter. Die Regierungen wurden angewieſen, in allen bedeutenden Orten eine Prüfung der Tabellen durch Gewerbtreibende eintreten zu laſſen. So fand die Aufnahme 1846 ſtatt.

Wie viel die Aufnahme der Gehülfen zu allen Handwerken ausmacht, läßt ſich etwa darnach bemeſſen, daß die Tabelle von 1843 etwa 40000 Meiſter ohne Gehülfen angab, und daß Dieterici, wo er für 1843 die Gehülfenzahl voll rechnen will, ſtatt 311458 — 358660 annimmt.30 Wie viel die bisher nicht gerechneten Arten von Handwerkern ausmachen, kann ich nicht ſagen, da mir für 1846 keine vollſtändige Spezialaufnahme vorliegt und die von 1849 wieder weſentlich umfaſſender iſt.31 Es wurden 1849 abermals 16 neue Arten hinzugefügt. Die Geſammtzahl der Perſonen, welche in der Tabelle von 1849 der Art der Gewerbe nach neu ſind gegenüber der von 1843, wird circa 130 — 150000 Perſonen ausmachen. Es ſind darunter die Leinenſpinner (57981 mit 26305 Gehülfen), die Gärtner (6598 mit 2853 Gehülfen), die Fiſcher (6430 mit 2633 Gehülfen), die Barbiere (6033 mit 2431 Gehülfen), die Auktionatoren (4204 mit 270 Gehülfen) und noch manche Andere.

Darnach iſt, wenn die Zahlen von 1846 und 49 mit den früheren verglichen werden ſollen, für 1849 ein Abzug von gegen 200000 zu machen (150000 für andere bisher nicht gezählte Arten von Gewerbtreibenden, 50000 für bisher nicht gezählte Gehülfen), für 1846 wenigſtens einer von 100000.

Von 1849 an iſt an den Tabellen relativ weniger geändert; beſonders die Aufnahmen für 1852 und 1855 haben ganz denſelben Umfang, höchſtens eine Unterſcheidung dieſes oder jenes unbedeutenden Gewerbes in zwei Unterarten kommt vor, was für unſern Zweck gleichgültig iſt.

Die Hauptänderung bei der Aufnahme von 1858 iſt die Trennung der Gehülfen in Geſellen und Lehrlinge bei jedem Gewerbe; doch iſt das wieder für unſere Zwecke ohne Bedeutung. Andere Aenderungen ſind nicht allzu weſentlich. Die letzten Rubriken ſind 1858 nicht ganz gleich gefaßt, doch handelt es ſich da höchſtens um einige hundert Perſonen; nur eine große Rubrik blieb 1858 ganz weg, nämlich die der Auktionatoren, welche 1855 6188 Perſonen mit 310 Gehülfen umfaßte. Dagegen umfaßt die Rubrik „Kahnführer“ 1855 nur 93 Perſonen und 10 Gehülfen; 1858 iſt ſie zu „Kahnführer, Pferdeverleiher, Vermiether möblirter Zimmer“ erweitert und hat nun 5551 Perſonen. Die ganze Differenz der Aufnahme überſchreitet ſomit einige Tauſende nicht.

Nicht ganz daſſelbe läßt ſich von der letzten Aufnahme, von der für 1861 ſagen; ſie iſt nach ziemlich verändertem Schema gemacht. Man wollte endlich mit einer gleichmäßigen Aufnahme im Zollverein Ernſt machen; denn 1846 war es nur dahin gekommen, daß einige Staaten ſich in der Hauptſache der preußiſchen Tabellen bedient hatten.32 Weitere Unterhandlungen mit den Zollvereinsſtaaten wurden ſeit 1852 geführt. Be- ſonders in München fanden 1854 Berathungen auf Grund eines Entwurfes von Viebahn ſtatt, deren Re- ſultate aber 1859 nochmal modifizirt wurden.33 Hiernach geſchah 1861 die Aufnahme in den ſämmtlichen Zollvereinsſtaaten.34

Die Hauptänderung der Tabelle betrifft aber die äußerliche Anordnung. Dem Inhalt nach ſind die wichtigern Abtheilungen dieſelben wie 1858; daß einige Gewerbe in Unterabtheilungen zerlegt, einige unbedeutende Gewerbe hinzu kamen (Inhaber von Badeanſtalten, Waſchanſtalten, Verfertiger von Streichriemen ꝛc.), daß einige andere unbedeutende Gewerbe wegblieben (Blattgeſchirrmacher, Verfertiger von Wachslichtern, Zündwaaren ꝛc.) wird nicht viel ausmachen, wird höchſtens eine Differenz von einigen hundert Perſonen bedingen. Dagegen habe ich in Bezug auf die Leinenſpinner, welche 1849 noch 84286, 1858 noch 54054 Meiſter und Gehülfen umfaſſen, einigen Zweifel, ob die Zahl von 14557 im Jahre 1861 der wirklichen Abnahme entſpricht oder nicht vielmehr auf einer veränderten Aufnahme beruht; das ergäbe eine Differenz von circa 40000 Perſonen, davon 36000 Meiſter. Auch wenn die Abnahme von 1858 — 61 wirklich ſo groß iſt, ſo muß man dieſe Zahl bei der Vergleichung im Auge behalten; denn es iſt ein großer Unterſchied, ob die Spinner um 40000 Perſonen oder ob die eigentlichen Handwerker zuſammen um 40000 Perſonen abnahmen.

Nach dieſer Kritik der Zahlen können wir erſt zur Frage zurückkehren, welches die Lage des Handwerker- ſtandes von Anfang der vierziger Jahre bis zur Gegenwart nach dieſen Zahlen war.

Erinnern wir uns dabei der allgemeinen volkswirth- ſchaftlichen Lage. Die Fortſchritte der techniſchen Bildung in Deutſchland gehen Hand in Hand mit dem Bau der Eiſenbahnen; die internationalen Beziehungen vervielfältigen ſich; der Export nach Amerika, nach den Kolonien nimmt nie dageweſene Dimenſionen an; die großen Unternehmungen, vor Allem die, welche die Vortheile einer vollendeten Technik, eines großen Kapitals, einer weitſichtigen kaufmänniſchen Leitung in ſich vereinigen, erlangen jetzt erſt eine Stellung, wie ſie ſie in England ſchon früher inne hatten. Die Folgen für das Handwerk mußten ſehr verſchieden ſein, hier Förderung, Abſatz, Arbeit in Fülle, dort Hemmung, Rückgang, erdrückende Konkurrenz. Im Ganzen überwog entſchieden das Letztere.

Seit der Handelskriſis von 1839 hatte die Kriſis der Kleingewerbe begonnen. Schon 1840 hatten ja die Stadtverordneten in Berlin dem König eine Denkſchrift überreicht mit der Bitte um Aenderung der Gewerbegeſetzgebung. Schon da hatten ſie geklagt, daß alles Handwerk überſetzt ſei, während die Steuerfähigkeit der- ſelben ab-, die Zahl der Bankerotte unter ihnen erſchreckend zunehme; da hatten ſie geklagt über um ſich greifende Entſittlichung, unzuverläſſigere, ſchlechtere Arbeit der Handwerker, über die Thatſache, daß das Bedürfniß der Berliner Armenkaſſe von 104137 Thlr. im Jahre 1821 auf 373530 Thlr. im Jahre 1838 geſtiegen ſei.35 Und ſolche Klagen waren nicht alleinſtehend. Köln hatte eine ähnliche Bittſchrift dem Könige überreicht.

Statiſtiſch zeigt ſich die Kriſis ſprechend genug in dem Stillſtand der Zahlen. Ziehen wir für 1846 circa 100000, für 1849 circa 200000 Perſonen von der preußiſchen Handwerkertabelle ab, ſo bleiben die Haupt- ſummen ſo ziemlich auf dem Niveau von 1843, während die Bevölkerung zunimmt.

Vergleicht man die einzelnen Handwerke in ihren Zahlen von 1843 und 46, ſo nehmen wohl noch manche der wichtigern unbedeutend zu; eine weſentliche Zunahme zeigt nur die Zahl der Maurergehülfen, was Folge der Eiſenbahnbauten und Fabrikanlagen iſt. Viele bleiben ſtabil; manche zeigen ſchon eine Abnahme — theilweiſe von nicht geringer Bedeutung; es ſind ſolche, die unter der Konkurrenz der Fabrikwaaren leiden; einzelne von ihnen haben ſpäter wieder zugenommen als Reparaturgewerbe oder durch andere Urſachen. Was ſie zunächſt niederdrückt, iſt der erſte Gewaltſtoß der neuen Zeit, der neuen Technik, dem ſie nicht gewachſen ſind, vor allem damals noch nicht gewachſen waren, da der alte Schlendrian, die Unfähigkeit, der neuen Entwickelung ſich anzubequemen, damals noch in hohem Maße vorhanden war. So nehmen z. B. die Schloſſermeiſter von 20769 auf 17933, ihre Gehülfen von 19788 auf 18400 ab. Aehnlich die Drechsler und Glaſermeiſter.

Nicht beſſer wurde es 1847 — 49; die Fehlernte kam hinzu, die Revolution, die allgemeine Geſchäfts- ſtockung und Unſicherheit. Bei den Zählungen im Dezember 1849 war es ſchon wieder etwas beſſer; die gute Ernte von 1849 hatte günſtig gewirkt, aber immer lebte Handel und Wandel noch nicht wieder auf.

Da uns die obigen Zahlen für die genauere Vergleichung von 1846 und 1849 im Stiche laſſen, ſo muß ich auf die von Dieterici ſpeziell für dieſe Vergleichung modifizirten zurückgehen.36 Es betrug nach ihm in vergleichbaren Ziffern:

Während die Bevölkerung ſtieg im Verhältniß von 100:101,35, ſtieg die Geſammtzahl der handwerksmäßigen Bevölkerung im Verhältniß von 100:101,50, die der Meiſter in dem von 100:103,65, die der Gehülfen nahm ab in dem von 100:98,85.

Daß die Geſammtzahl überhaupt noch etwas wuchs, kann auf den erſten Blick überraſchen. Wenn man aber näher zuſieht, ſo findet dieſe immer ſehr mäßige Zunahme der Geſammtzahl, die etwas ſtärkere der Meiſter ihre einfache Erklärung. Die Spezialtabellen zeigen beinahe durchgehend eine geringere Anzahl Gehülfen. Von wichtigern Gewerben haben nur die Bäcker, Flei- ſcher und Schuhmacher etwa dieſelbe Gehülfenzahl; die Riemer, Sattler, Schneider, Zimmerleute, Tiſchler, Böttcher, die Schmiede und Schloſſer, ſowie noch viele unbedeutendere beſchäftigen nicht mehr die alte Gehülfenzahl. Die Tiſchler zählen 4000, die Schneider 2000 Gehülfen weniger als 1846.

Der Abſatz ſtockte, Jeder ſchränkte ſich ein; einzelne Geſchäfte nun, die längſt nur noch nothdürftig exiſtirt hatten, brachen zuſammen. Das war aber die Minderzahl; in der Hauptſache bleiben die alten Ge- ſchäfte zunächſt, ſie hatten nur nicht genug zu thun; ſie entlaſſen alſo Hunderte früher beſchäftigter Geſellen. Von dieſen wiſſen viele keinen andern Ausweg, als ſich ſelbſt zu etabliren und ſo die Konkurrenz zu vermehren. So erklären ſich ſehr klar die obigen Zahlen; ſo erklären ſich die großen Klagen des ganzen Handwerkerſtandes in jener Zeit. Es waren allerdings die vorhandenen Geſchäfte nicht genügend beſchäftigt, es waren zu viel Meiſter, — aber nicht in erſter Linie in Folge der Gewerbefreiheit, nicht wegen mangelnder Prüfung, ſondern wegen vorübergehender Geſchäftsſtockung; es nahm aus dieſem Grunde die Meiſterzahl noch etwas zu, während die ſchon vorhandenen Meiſter täglich weitere Geſellen entlaſſen mußten.

Es wird paſſend ſein, hier einige Worte über die veränderte Geſetzgebung einzufügen, welche ja weſentlich hervorgerufen wurde durch die unklaren Klagen des Handwerkerſtandes. Die Gewerbeordnung von 1845 hatte den beſtehenden Zuſtand nach jahrelangen Vorberathungen im Weſentlichen nur kodifizirt, die Gewerbefreiheit auf die Provinzen ausgedehnt, wo ſie noch nicht beſtand. Die Innungen ſollten, wo ſie beſtehen, erhalten bleiben, auch neue gebildet werden dürfen; doch wurde ihnen jeder Beitritts- und Prüfungszwang unterſagt. Nur bei einigen wichtigeren Handwerken wurde die Befugniß, Lehrlinge zu halten, von der Mitgliedſchaft einer Innung oder dem Nachweis der Befähigung durch Prüfung abhängig gemacht. Von einer Rückwirkung dieſes Geſetzes auf Gedeihen oder Nichtgedeihen des Handwerkerſtandes wird nicht die Rede ſein können. Das Geſetz wurde nirgends als etwas Neues, Einſchneidendes betrachtet. Da kamen die ſchlimmen Jahre, die Gährung und Unklarheit der Revolution. Nach der Theorie des Radikalismus ſollte jeder Einzelne, wie jeder Stand ſelbſt die beſte Einſicht haben, was ihm frommte, alſo hielten auch die ehrbaren Handwerke Verſammlungen und Tage, und wie jederzeit jede ökonomiſche Klaſſe ihr nächſtliegendes egoiſtiſches Intereſſe als das Intereſſe des Staats und der Geſellſchaft anſieht, ſo thaten es jetzt die Handwerker.

Den Anfang der Zunftbewegung machte am 22. April 1848 das offene Sendſchreiben der zweiundzwanzig Leipziger Innungen an ihre Handwerksgenoſſen mit einem Proteſt gegen das ganze „Weſen, wie es ſich jetzt in Frankreich breit macht, den letzten Reſt von Tüchtigkeit und Wohlſtand untergräbt und gleichſam mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiele über Preußen ſeinen Einzug in Deutſchland hält.“ Damit war die Gewerbefreiheit gemeint. Kurz darauf tagte der Vorkongreß der deutſchen Handwerker in Hamburg (2 — 6. Juni). Es wurden Anträge auf Beibehaltung der Bannmeile, auf ausſchließliche Befugniß der Städte zum Gewerbebetrieb, Aufhebung des Hauſirhandels und der kaufmänniſchen Reiſenden, „dieſer modernen Hauſirer,“ geſtellt. Endlich am 15. Juli trat das Handwerkerparlament in Frankfurt zuſammen. Es tagte bis zum 18. Auguſt in ſtürmiſchen Sitzungen. Man ging aus von einem „feierlichen, von Millionen Unglücklicher beſiegelten Proteſt gegen die Gewerbefreiheit.“ Man verlangte neben dem politiſchen ein beſonderes aus den Innungen hervorgehendes Handwerkerparlament als ſtehendes Organ; dieſes ſelbſt ſollte jährlich das Handwerksminiſterium ernennen. In Bezug auf die Gewerbegeſetzgebung verlangen die von der „Freiheitsluft des Völkerfrühlings“ zuſammengeführten Meiſter Folgendes: eventuelle Beſchränkung der Meiſterzahl an Einem Orte, Verbot des Hauſirhandels, Verbot der Aſſoziation mit Nichtinnungsgenoſſen, Zugehörigkeit aller Handwerksarbeit der Fabriken an die zünftigen Meiſter des Ortes, Beſchränkung auf Ein Gewerbe, Zuſcheidung des Kleinhandels mit Handwerkswaaren an die Innungsmeiſter, für die Regel ausſchließliche Berechtigung der Städte zum Gewerbebetrieb, Unzuläſſigkeit von Gemeinde-, Staats-, Aktienwerkſtätten, Verbot des Zuſchlags der öffentlichen Arbeiten an den Mindeſtfordernden und Vertheilung derſelben an die Meiſter durch den von dieſen beſetzten Gewerberath, Verbot öffentlicher Verſteigerung noch neuer Waaren, Verbot der Haltung von mehr als zwei Lehrlingen, Beſteuerung der Fabriken zu Gunſten des Handwerks, eine Geſchäftsgrenze für die Fabriken und den Handel mit Fabrikaten, endlich gleichmäßigen Lehrzwang, Wanderzwang, Zwang zur Erſtehung einer theoretiſchen und einer praktiſchen Prüfung. Ueberboten wurden dieſe Forderungen nur noch von dem beſondern Frankfurter Schneiderkongreß, der vor Allem Aufhebung der Magazine, Beſchränkung der Arbeit der Frauenzimmer, Verbot auswärtiger Kleidereinfuhr verlangte.37

Wunderliche Produkte der Kurzſichtigkeit — wie der damals allerdings herrſchenden Noth! Nur hätten die ehrbaren Meiſter nicht vergeſſen ſollen, daß die Noth des Handwerkerſtandes da am größten war, wo man dem Ideal eines ſolchen Gewerberechts noch am nächſten ſtand.

Uebrigens hätte die ganze Sturmflut von Petitionen, alle Agitation auch in Preußen nichts erreicht, wenn nicht zwei Parteien in einer gänzlich unklaren Verkennung des Zuſammenhangs die Bewegung unterſtützt hätten. Die konſervative, wie die ſchutzzöllneriſche Partei38 glaubten ihre Sache zu fördern, wenn die Zünfte hergeſtellt würden. Ueberdies war die preußiſche Regierung, wie leicht jede Regierung, geneigt zu glauben, man könne der augenblicklichen Noth im Gewerbeſtande durch irgend welche Akte der Geſetzgebung abhelfen. Eine Kommiſſion von betheiligten Sachverſtändigen wurde berufen und berieth den 17. bis 30. Januar 1849. Die Klagen konzentrirten ſich darin, man könne ſich zu leicht niederlaſſen und ein Geſchäft eröffnen. Die Verordnung vom 9. Februar 1849 gibt dieſem kurz- ſichtig egoiſtiſchen Klaſſenintereſſe nach, ſchafft wieder feſte Arbeitsabgrenzung für die wichtigern Gewerbe und verlangt für die Ausübung derſelben Beitritt zur Innung nach vorangängigem Nachweiſe der Befähigung bei der Zunft oder Nachweis der Befähigung vor einer beſondern Prüfungskommiſſion. Ein feſter Bildungsgang als Lehrling und Geſelle wird wieder vorgeſchrieben; Handwerksmeiſter dürfen zu techniſchen Arbeiten ſich nur der Geſellen und Lehrlinge des Handwerks bedienen; dieſe dürfen nur bei Meiſtern ihres Handwerks oder bei Fabrikinhabern eintreten. Wo das Halten von Magazinen zum Detailverkauf von Handwerkswaaren erhebliche Nach- 39 theile für die gewerklichen Verhältniſſe des Ortes zur Folge hat, kann durch Ortsſtatuten die Haltung von Magazinen durch Solche, die nicht Meiſter ſind, beſchränkt werden.

Der Handwerkerſtand war zunächſt durch dieſe neue Gewerbeordnung befriedigt; die vorhandenen Meiſter gewannen zunächſt etwas durch die Erſchwerung des Meiſterwerdens, und die durch ganz andere Urſachen bewirkte Beſſerung des Abſatzes, der Geſchäfte im folgenden und nächſtfolgenden Jahre ſchob man ohne Weiteres der neuen Geſetzgebung, beſonders den Prüfungen zu.

Daß man damals ſo dachte, iſt natürlich. Mehr zu verwundern iſt und hat mich bei vielen perſönlichen Rückſprachen mit liberalen aufgeklärten Meiſtern oft überraſcht, daß die Mehrzahl auch heute noch für die Prüfungen eingenommen iſt. Waltet dabei mancherlei Mißverſtand, mancherlei egoiſtiſches Motiv vor, ein richtiger Kern iſt mir in den Ausſagen von vielen Meiſtern entgegengetreten. Das Leben der Geſellen und Lehrlinge außer dem Hauſe des Meiſters, in der heutigen Groß- ſtadt, birgt in ſeiner Unabhängigkeit manche große Gefahr. Bei dem einen wächst damit der Charakter und der ſelbſtvertrauende redliche Fleiß, bei ſehr vielen nur die Genußſucht, die Unzufriedenheit, die Faulheit und Unzuverläſſigkeit; leichtſinnige, zu frühe Ehen kommen zahlreicher vor. Mit dieſen Uebelſtänden hat der Meiſter zu kämpfen; er wird ſie, weil er darunter leidet, leicht überſchätzen; aber vorhanden ſind ſie, und berechtigt iſt es, auf moraliſche Mittel der Gegenwirkung zu denken. Und weil ihm die andern Mittel ferner liegen, ſo iſt der Meiſter für die Prüfungen eingenommen, die allerdings für Viele als Sporn, als zu erreichendes Ziel von guter moraliſcher Wirkung ſein können. Wenn die Prüfungen nicht zu leicht in egoiſtiſchen Mißbrauch ausarteten, wenn ſie nicht nothwendig ſich verknüpften mit der heute ganz unleidlichen Abgrenzung der Arbeitszweige, ſo könnte man allerdings die Frage als eine offene behandeln.

Was die allgemeine Wirkung der Geſetzgebung von 1849 betrifft, ſo möchte ich dabei die mehr pſychologiſche Wirkung von der realen, direkten Wirkung unter- ſcheiden.

Die pſychologiſchen Wirkungen waren theils gün- ſtige, theils ungünſtige. Viebahn betont die erſteren beſonders, wenn er ſagt: „Nach dem Erſcheinen dieſer Novelle, welche der Innung wieder beſtimmtere Rechte und mehr Inhalt verlieh, entſtand im Handwerkerſtand wieder ein lebhaftes Intereſſe an dieſen Korporationen: die Statuten der alten wurden revidirt, zahlreiche neue errichtet. Die Zuſammenkünfte, die Prüfungen und Freiſprechungen beförderten das korporative Zuſammenhalten und die Bildung unter den Gewerbsgenoſſen. Die Handwerker-Fortbildungsſchulen ſind großentheils aus der Anregung oder unter Mitwirkung der Innungen hervorgegangen, und wenn ſich der gewerbliche Standpunkt und die Leiſtungen der preußiſchen Handwerker gehoben haben, ſo kann auch den Innungen ein gewiſſes Verdienſt dabei nicht abgeſprochen werden.“ Das iſt bis auf einen gewiſſen Grad wohl wahr. Das eigentlich Treibende aber, das Leben Gebende war die Noth. Die Einſicht ſchlug durch, daß endlich auch der Handwerker vorwärts ſchreiten müſſe. Deswegen rührte man ſich, ſtrebte nach Bildung, war für die Pläne von Schulze-Delitzſch empfänglich, gründete man Schulen und Gewerbevereine, deswegen hatte man auch lebendigeres Intereſſe für die Innungen und für die Prüfungen. Aber nicht umgekehrt waren die Innungen das Erſte, das Anregende. Im Gegentheile vielfach wurden ſie bald das Hemmende, einmal weil man ſich durch die Exiſtenz der Innungen an ſich nun geholfen glaubte, noch mehr aber, weil die perſönlichen Elemente, die in ihnen an die Spitze kamen, keine ſolche waren, die Verſtändniß für gewerblichen Fortſchritt hatten. Das iſt ja der Fluch jeder alten, einmal auf Abwege gerathenen Inſtitution, daß bei Wiederbelebungsverſuchen nicht die tüchtigen, die jungen, die aufopfernden Kräfte zuſtrömen, ſondern die alten, egoiſtiſchen. Den Kreditvereinen, den Gewerbevereinen, den Arbeiterbildungsvereinen widmeten ſich die friſchen, aufſtrebenden Kräfte; den Innungen mehr ſolche, die darin eine behagliche Exiſtenz ohne Anſtrengung erhofften. Für Viele und nicht die untüchtigſten wurde die Sache durch die unpaſſende reaktionäre Verquickung verdächtigt. Die perſönlichen Eigenſchaften Derer, welche in den Innungen obenan kamen, waren der Krebs- ſchaden der neuen Inſtitution, waren ſchlimmer als der Inhalt der Novelle ſelbſt. Dieſe Wahrnehmung iſt mir überall, wo ich mich näher nach Perſonen und Dingen erkundigte, entgegen getreten, und Regierungsrath Mülmann beſtätigt das vollſtändig, wenn er in Bezug auf die Rheinprovinz und die dortige Innungsbildung ſagt:40 „Nicht das Intereſſe des Handwerkerſtandes, ſeine techniſche und ſoziale Fortbildung und Vereinigung zu gegenſeitiger Unterſtützung war die Triebfeder des Zuſammentrittes, ſondern wieder das Anſtreben von Exkluſivrechten, der Egoismus, wenn nichts Schlimmeres. Mit dem Durchdringen der Ueberzeugung, daß auch die Innungen zur Erfüllung dieſer ſelbſtſüchtigen Wünſche nicht geeignet ſeien, erlahmte auch mehr und mehr die Theilnahme an dieſen Inſtituten. Ihre Verſammlungen wurden nicht mehr beſucht, die Beiträge nicht mehr geleiſtet, und ſie ſchrumpften zuerſt bis auf die Schattengerippe der Innungs-Prüfungskommiſſionen ein und vegetirten, ſeitdem auch dieſe durch Neuwahlen nicht mehr zu ergänzen ſind, als leere Organiſationen fort.“

So viel von den pſychologiſchen Wirkungen. Was die direkten, realen Wirkungen betrifft, ſo laſſen ſie ſich aus den gewerbeſtatiſtiſchen Zahlen nicht ganz ſicher nachweiſen, da hier der Streit immer offen bleibt, ob die Zahlen ſo ſind wegen oder trotz der Einrichtung. Immerhin aber lehren die Zahlen, wie ich gleich zeigen werde, daß jedenfalls eine auffallende Wirkung nicht vorhanden iſt. Eine ſolche iſt aber auch nicht wahrſcheinlich. Daß die Novelle weſentlich genutzt habe, glaubt Niemand heute mehr; daß ſie geſchadet habe, wird eher noch behauptet werden können. Sie legte dem Handwerk einige Feſſeln auf, beſchränkte die verſchiedenen Kleingewerbe unter ſich, ohne es aber zu wagen, die Großinduſtrie, die Magazine, den Handel irgendwie zu Gunſten der Kleingewerbe zu beſchränken. Selbſt ſoweit die Novelle dazu etwa die Hand bot, wie durch die Beſtimmung über die Magazine, wurde ſie nicht ausgeführt. Ueberhaupt iſt in ſolchen Dingen ja nicht der Wortlaut ent- ſcheidend, ſondern die Art der Ausführung. Und dieſe war keine ſchroffe, ſelbſt in Bezug auf die Prüfungen. Wohl haben dieſe manche Niederlaſſung erſchwert, am meiſten noch in den Baugewerken; das Anwachſen der bloßen Flickarbeiter gegenüber den Meiſtern hängt damit zuſammen. Aber abgeſehen hiervon wurde die größte Milde beobachtet; ſchon durch das Geſetz vom 15. Mai 1854 wurden, was dem Geſellen die Hauptſache war, die Prüfungsgebühren reduzirt. Kontraventionen, abſichtliche Täuſchungen, Namensleihungen wurden ſelten verfolgt. Die Strafen waren praktiſch ſo nieder, daß ſelbſt eine gerichtliche Verurtheilung keine Aenderung zur Folge hatte. 41 Somit ſind in der Hauptſache die ſtatiſtiſchen Zahlen von 1852—61 nicht aus der veränderten Geſetzgebung, ſondern aus andern Urſachen zu erklären.

Dies zeigt ſich gleich bei denen für 1852. Die Hauptnoth iſt vorbei; wenn ſie in einigen Gewerben noch fortdauert, ſo haben die übrigen um ſo mehr ſich erholt. Es waren 42

Die Zunahme von Meiſtern und Gehülfen zuſammen beträgt 5,99 %, die der Bevölkerung nur 3,3 %; die Zunahme mußte natürlich ſtärker ſein als die der Bevölkerung, wenn man nur halbwegs wieder auf leidliche Zuſtände kommen wollte, da die Zahlen für 1849 einen Nothſtand repräſentiren.

Die Zahl der Meiſter allein nahm um 3,28 % zu, alſo nicht ganz ſo ſtark wie die Bevölkerung; in den meiſten einzelnen Gewerben zeigen aber die abſoluten Zahlen einige hundert Meiſter mehr als 1849. Abge- ſehen von denen, welche dauernd wegen Konkurrenz der Großinduſtrie zurückgehen, hat die Meiſterzahl von wichtigen Gewerben nur bei den Zimmerleuten auch abſolut etwas abgenommen; das wird den Prüfungen zuzu- ſchreiben ſein. Bei den Maurern iſt die abſolute Meiſterzahl trotz der Prüfungen geſtiegen.

Die Meiſter zeigen nur eine abſolute, keine relative Zunahme, die weſentliche relative Zunahme der Geſammtzahl liegt in den Gehülfen. Sie nahmen um 9,44 % zu; in den bedeutenden Gewerbszweigen handelt es ſich in jedem um einige tauſend Gehülfen mehr, gegenüber von 1849. Der Abſatz iſt wieder ein beſſerer, die 1849 entlaſſenen Geſellen ſind meiſt wieder eingeſtellt.

Die Beſſerung der Zuſtände war aber noch keine nachhaltige; war die politiſche Lage eine ruhigere, ja warfen ſich viele Kräfte, enttäuſcht im politiſchen Leben, um ſo mehr auf das Gebiet materieller Thätigkeit, ſo wirkte das doch mehr nur belebend in den höheren Regionen des gewerblichen Lebens. Mehrere ſchlechte Ernten folgten ſich, ſie wirkten durch die Theurung der Lebensmittel lähmend auf den Abſatz der ohnedies gedrückten Kleingewerbe.

Die Geſammtzahl von Meiſtern und Gehülfen iſt 1855 zwar um circa 1700 Perſonen höher als 1852 (1.002384 gegen 1.000609), verglichen mit der Bevölkerung hat aber eine Abnahme ſtattgefunden; die ſämmtlichen Gewerbetreibenden machen 1852 = 5,93 %, 1855 = 5,85 % aus. In vielen wichtigen Gewerben haben ſogar die abſoluten Zahlen der Meiſter, wie der Gehülfen, abgenommen. Es gibt 1855 abſolut weniger Meiſter bei den Fleiſchern, Seifenſiedern, Gerbern Schuhmachern, Handſchuhmachern, Seilern, Spritzenmachern, Schneidern (um 2000), Poſamentieren, Hutmachern, Tuchſcheerern, Färbern, Zimmerleuten, Zimmerflickern, Brunnenmachern, Wagenbauern, Böttchern, Drechslern, Haarkammmachern, Bürſtenbindern, Maurern, Mauerflickern, Steinſetzern und noch manchen unbedeutendern. Viel wirkt dabei der Prüfungszwang nicht. Die allgemeinen Urſachen und die Theurung ſind wichtiger; denn wäre jener die Haupturſache, ſo müßten die Gehülfen ſtärker zugenommen haben. Aber auch ſie zeigen vielfach nicht nur relativ, ſondern abſolut niedrigere Zahlen als 1852. So bei folgenden Gewerben: bei den Fleiſchern, Seifenſiedern, Gerbern, Schuhmachern (2000 weniger), Handſchuhmachern, Seilern, Schneidern, Poſamentieren, Tuchſcheerern, Färbern, Brunnenmachern, Tiſchlern, Wagenbauern, Böttchern, Drechslern, Töpfern, Glaſern.

Wieder etwas beſſer geſtaltet ſich die Lage in der zweiten Hälfte des Jahrzehntes. Die allgemeinen Vorbe dingungen der gewerblichen Entwickelung waren wieder andere geworden; die Ernten ſind beſſere, die Großinduſtrie und der Welthandel nehmen ſtärker zu, als je. Die größeren Städte wachſen in ihrer Bevölkerung mehr und mehr, die Eiſenbahnbauten vollenden ſich in den meiſten Provinzen. Das wirkt auch auf die Kleingewerbe, wenigſtens auf einen Theil derſelben zurück. Auch die Kreditvereine von Schulze - Delitzſch beginnen ihren ſegensvollen Einfluß zu üben. Beſonders einzelne Geſchäfte dehnen ſich aus, beſchäftigen mehr Gehülfen. Die Geſammtzahl iſt 1858 um circa 50000 Perſonen höher als 1855, 1861 iſt ſie abermals um 40000 Perſonen geſtiegen, und ſie würde ſich noch weſentlich höher darſtellen, wenn die Zahl der Leinen- ſpinner von 1858—61 nicht um circa 40000 abgenommen hätte. Will man hiervon abſehen und ſetzt deshalb für 1861 noch 40000 Perſonen zu, ſo iſt auch die relative Zunahme 1858—61 größer als die von 1855—58. Die Handwerker würden danach 1855 = 5,85 %, 1858 = 5,95 % und 1861 = 6,11 % der ganzen Bevölkerung ausmachen.

Die Zunahme von 1855—61 liegt in der Gehülfenzahl und konzentrirt ſich auch hier auf einige Haupthandwerke, auf ſolche, die einen fabrikartigen Betrieb einzuführen anfangen, und ſolche, die jederzeit mit wachſendem Wohlſtand ſich ausdehnen; dahin gehören die Schuhmacher, Seiler, Schneider, Putzmacher, Riemer, Tiſchler, Rade- und Stellmacher, Schmiede, Schloſſer, Zimmerleute und Maurer. Sie ſind es hauptſächlich, deren Gehülfenzahl von 1855—61 weſentlich wuchs.

Immer iſt die Zunahme aber nicht allzubedeutend, und die Zunahme der Gehülfen hat die Kehrſeite einer abnehmenden Meiſterzahl. Daraus erklärt ſich auch, daß wir von 1849 ab den Prozentantheil der handwerksmäßigen Bevölkerung mit ihren Familien an der Geſammtbevölkerung als einen abnehmenden berechneten. Dieſer Prozentantheil war: 1849 . . . . . 16,52 %. 1852 . . . . . 16,03 %. 1853 . . . . . 15,70 %. 1858 . . . . . 15,45 %. 1861 . . . . . 14,87 %.

Natürlich, wenn man die abnehmende Meiſterzahl mit 4,1 Perſonen multiplizirt, dazu auch die etwas zunehmenden Gehülfen addirt, ſo müſſen die ganzen Summen gegenüber einer raſch wachſenden Bevölkerung ſinkende ſein.

Die Lage der meiſten kleinen Geſchäfte iſt übrigens auch gegen 1861, auch 1861—65, in welchen Jahren beſonders die Löhne ſtiegen, die Lebensmittel billig waren, in welchen der Abſatz allerwärts flott ging, keine ſonderlich günſtige. Ein mehr oder weniger trauriges Bild gibt die Zuſammenſtellung des einſchlägigen Materials aus den landräthlichen Kreisbeſchreibungen (1858—66) im Jahrbuch für die amtliche Statiſtik des preußiſchen Staates. 43 Sieht man manchem der Berichte die landräthlich konſervative Tendenz an, die Vergangenheit auf Koſten der Gegenwart, das Zunftweſen auf Koſten der heutigen Geſetze zu erheben; in den meiſten leuchtet doch eine wahrheitsgetreue Berichterſtattung durch, und ſie lautet mehr oder weniger dahin, daß der Abſatz der Handwerker abnimmt, ſich immer mehr auf die untern Klaſſen beſchränkt, daß ihre Zahl dagegen vielfach noch wächſt, daß nur, wo Haus- oder Grundbeſitz vorhanden, ihre Lage behaglich iſt, daß ohne denſelben die Lage des kleinen Meiſters ſich nicht über die des einfachen Tagelöhners erhebt, daß die kleinen Meiſter auf Jahrmärkten herumziehen oder auf Tagelohn neben der Gewerbsarbeit gehen müſſen. Ich will nur einige im Jahrbuch nicht wörtlich, aber dem Sinne nach treu wiedergegebene Mittheilungen der Landräthe anführen.

Aus Frauſtadt (Reg.-Bez. Poſen) wird 1860 geſchrieben: „Nur die größte Betriebſamkeit und Ein- ſchränkung vermag den ſtädtiſchen Handwerkern eine ſorgenfreie Exiſtenz zu ſichern.“ Aus Schroda (Poſen) 1863: „Weil die Handwerker vielfach ihren Betrieb mit Schulden beginnen und mit den Induſtriellen der großen Städte nicht konkurriren können, ſo müſſen ſie nicht ſelten tagelöhnern oder Erwerb durch Transport von Vagabunden oder durch Pachtung von Obſtgärten ſuchen.“ Aus Kröben (Poſen) 1863: „Die kleinen Städte werden meiſtens von dürftigen, ſchlecht ausgebildeten und ungeſchickten, mit mangelhaftem Arbeitszeug verſehenen Handwerkern bewohnt, deren Zahl das Bedürfniß über- ſteigt.“ Aus Habelſchwerdt (Schleſien) 1860: „Die Mehrzahl der Handwerker arbeitet ohne Geſellen und Lehrling bei wenig ſchwunghaftem Betrieb; ebenſo über- ſchreitet die große Anzahl der Viktualienhändler, welche ihre Exiſtenz auf möglichſt bequeme Weiſe friſten wollen, weitaus das Bedürfniß.“ Aus Weißenfels und Weißenſee (Sachſen) 1860: „Je ſchlechter die Lage des kleinen Handwerks in den Städten durch theure Wohnungen, hohe Gemeindeſteuern, Konkurrenz des Kapitals wird, deſto mehr überſiedelt das Handwerk auf das platte Land, und zwar ohne dabei zu gewinnen; denn ſelten bringen es die Handwerker, wenigſtens Schuhmacher und Schneider, zu eigenem ſchuldenfreien Beſitz. Vielen ſonſt fleißigen Handwerkern wird es durch die zu zahlreichen Konkurrenten unmöglich gemacht, ſich zu behaupten.“ Aus Oſchersleben (Sachſen) 1863: „Das Handwerk iſt von geringem Umfang und geht, abgeſehen von den Bauhandwerkern, eher rückals vorwärts.“ Aus Münſter (Weſtfalen) 1863: „Das Handwerk hat geringe Bedeutung; die meiſten Handwerker treiben nebenher Ackerbau. Viele Schneider, Schreiner, Wagenmacher und ſelbſt Schuhmacher arbeiten bei ihren Kunden gegen Koſt und Tagelohn. Geſellen verdienen oft kaum ſo viel wie Knechte.“ Aus Bonn (Rheinprovinz) 1859: „Die Auswanderung hat abgenommen; jetzt wandern faſt nur noch junge und allein ſtehende Handwerker aus, welche in Amerika oder Auſtralien eine Exiſtenz zu gründen beabſichtigen.“ Aus Bergheim (Rheinprovinz) 1863: „Die kleinern Handwerker, Weber und dergl. ſtehen mit den Tagelöhnern, denen Wege- und andere öffentliche Bauten eine lohnende Beſchäftigung gewähren, auf einer Erwerbsſtufe.“ Aus Warendorf (Weſtfalen) 1865: „Mit den hauptſächlichſten Handwerkern iſt jede Gemeinde faſt mehr als genügend verſehen; dem ver mögensloſen jungen Manne bleibt alſo, will er nicht Zeitlebens Tagelöhner ſein, nur übrig, in induſtriereichen Gegenden einen Hausſtand zu gründen.“

Man könnte dieſen traurigen Ausſprüchen gegenüber die Frage aufwerfen, ob es jemals früher in dieſen Kreiſen beſſer beſtellt war? Man könnte daran erinnern, daß jede ſtarke Bevölkerungszunahme, man mag ſie im Allgemeinen als noch ſo günſtig betrachten, in einzelnen Kreiſen, für Stellungen, die leicht zugänglich ſind, einen ſtärkeren Andrang und damit ein gewiſſes Unbehagen erzeugen muß, daß aus dieſem Unbehagen heraus ja aller Fortſchritt ſtattfindet. Beide Einwendungen ſchwächen die Klagen über die gegenwärtige Lage der Handwerker ab; aber ſie machen ſie nicht ver- ſtummen. Die Haupturſachen des Druckes liegen in der volkswirthſchaftlichen Umbildung aller unſerer Verhältniſſe ſeit 20 Jahren.

Wenn man das bei den eigentlichen Handwerkern leugnen wollte, jedenfalls müßte man es zugeben in Bezug auf die Hausinduſtrie der Weber, die von unſerer bisherigen Unterſuchung ausgeſchloſſen war. War ihre Lage 1850—60 vielfach wieder eine beſſere als 1840—50, im Ganzen war ſie doch jammervoll genug, wie die Mittheilungen aus den landräthlichen Kreisbe- ſchreibungen ebenfalls zeigen. Es gilt wenigſtens für den größern Theil der Handweberei, was der Landrath des Kreiſes Landeshut in Schleſien (1860) ſagt: „Die Beſchäftigung ſo vieler Menſchen mit einem untergehenden Gewerbe läßt kaum einer Hoffnung des Beſſerwerdens Raum.“

Ich werde hierauf in den folgenden Unterſuchungen zurückkommen. Es handelte ſich hier nur um die Kon- ſtatirung der Lage der Handwerker überhaupt. Und um das Bild zu vervollſtändigen, gehe ich nunmehr auf die Handwerksſtatiſtik einiger der wichtigern Kleinſtaaten über. Es iſt das zur Beſtätigung der bisherigen Reſultate um ſo paſſender, als die preußiſchen Zahlen eigentlich geographiſch zu groß ſind, d. h. Länder mit zu ver- ſchiedenen Zuſtänden umfaſſen. Eine zunehmende und abnehmende Geſammtzahl kann hier aus zu verſchiedenen Faktoren zuſammengeſetzt ſein; es kann in einer Provinz ein Gewerbe von der Großinduſtrie ſchon voll- ſtändig verdrängt ſein, während es in einer andern noch ſo zunimmt, daß die Zahlen der ganzen Monarchie als ſteigende erſcheinen. Aus dieſem Grunde ſind die Reſultate kleinerer Länder, die weſentlich nur eine gleiche Kultur umfaſſen, belehrender.

Es wird ſich bei der Betrachtung der Handwerkszuſtände in den Kleinſtaaten nicht vermeiden laſſen, einige Worte über die allgemeinen Kultur- und Wirth- ſchaftsverhältniſſe einzuflechten, obwohl ich zunächſt nur die Veränderung der Zahlen in jedem einzelnen Lande für ſich unterſuchen und nicht die verſchiedenen Staaten vergleichen will. Auf die lokalen Verſchiedenheiten der einzelnen Staaten und der einzelnen preußiſchen Provinzen unter einander werde ich erſt in einem ſpätern Abſchnitte eingehen.