Die Hauptreſultate der Aufnahmen in Baden, Württemberg, Baiern und Sachſen im 19. Jahrhundert.
1. Die badiſche Handwerksſtatiſtik von 1829—1861.
Wer je auch nur flüchtig mit dem Dampfwagen durch das badiſche Land von Heidelberg bis Baſel gefahren iſt, der hat ein anſchauliches Bild von dem langgeſtreckten Lande. Eine fleißige aufgeweckte Bevölkerung bebaut den nicht kärglichen, meiſt in kleine Beſitz- ſtellen zertheilten Boden. Schon im Jahre 1834 lebten 4421, 1845 4845, ſpäter wieder etwas weniger Menſchen auf der Quadratmeile. Das Land war bis zum Anſchluß an den Zollverein ein vorzugsweiſe ackerbauendes. Denn von der alten gewerblichen Blüthe mancher Städte, beſonders Freiburg’s, war längſt nichts mehr übrig; und die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von Markgraf Karl Friederich ins Leben gerufenen Induſtriezweige, die Bijouteriefabrikation Pforzheims, die Baumwolleninduſtrie des Wieſenthals hatten bis da nicht allzuviel zu bedeuten. Eher Bedeu tung hatte die hausmäßige Induſtrie von Uhren, Bürſten und Holzwaaren auf dem Schwarzwalde. 1
Die kleinen Handwerke aller Art waren in den behaglichen Dörfern und kleinen Städten, in den Reſidenzen und Univerſitäten zahlreich verbreitet. Günſtig auf ſie wirkte auch zunächſt der Anſchluß an den Zollverein, die guten Jahre von 1830—1840. Nach den Aufnahmen der Steuerverwaltung exiſtirten2 während die Zahl der Fabrikanten ſich von 161 auf 405, die ihres geſammten Perſonals von 2756 auf 8745 in dieſer Zeit gehoben hatte. Es war zunächſt ein Fort- ſchritt im alten Stile, ein Fortſchritt viel mehr der Kleinals der Großgewerbe. Von der neuen Zeit, von der neuen Technik, von der neuen Konkurrenz wußte man noch wenig. Die beiden folgenden Jahrzehnte aber brachten das um ſo reichlicher. Und die Wirkung auf die Kleingewerbe iſt um ſo ſtärker.
Leider liegen mir3 für die Vergleichung von 1847 und 1861 nur die Meiſterzahlen der Hauptgewerbe vor, die der Geſellen fehlen für 1847; dadurch erſcheint die Kriſis noch ſchlimmer, als ſie iſt; denn wahrſcheinlich würde der Abnahme der Meiſter eine Zunahme der Gehülfen gegenüberſtehen. Wie dem aber auch ſei, jedenfalls zeigt die folgende Tabelle, wie viele kleine Handwerksmeiſter in dieſer Zeit zu Grunde gegangen ſind. Es exiſtirten in Baden 1847 und 61, während die Bevölkerung ſo ziemlich dieſelbe blieb:
Dagegen betrug die Zahl der Fabrikarbeiter mit Einſchluß der Weber im Jahre 1861 50147 Perſonen; noch 1849 waren es 17105 geweſen. Nicht weniger als 15649 Handwerker ſind in den 10 Jahren von 1852—62 aus Baden ausgewandert, meiſt nach Amerika, um dort jenſeit des Ozeans ſich den Heerd zu gründen, für den ſie in der Heimath keinen Platz mehr fanden. Viele frühere Meiſter ſind auch als Arbeiter in Fabriken eingetreten. Dietz verſichert, daß nunmehr durch dieſe Aenderung die Lage der übriggebliebenen Handwerker im Lande ſich weſentlich gebeſſert habe.
Bis zum 15. Oktober 1862 hatte in Baden der Zunftzwang gedauert; ſeither exiſtirt Gewerbefreiheit; war die Ausübung des Zunftzwangs ſowie des obrigkeitlichen Konzeſſionsweſens auch nicht allzuſtrenge geweſen, immer fühlte man ſich beengt; und vor Allem war etwas erſchwert, was in ſolchen Zeiten allgemeiner Umbildung der Technik und der Gliederung der Arbeitskräfte erleichtert werden ſollte, der Uebergang zu andern Geſchäften und Betrieben, die Ueberſiedlung nach andern Orten. Das iſt jetzt leichter, und inſofern war die Gewerbefreiheit auch eine momentane Erleichterung für das Kleingewerbe. 4 Abgeſehen aber hiervon, drückt die Konkurrenz der Großinduſtrie jetzt noch mehr als vorher. 5 Der Zunftzwang war für manchen kleinen unvollkommenen Betrieb noch eine Art Schutzmauer, die jetzt wegfällt. Das iſt natürlich kein Argument gegen die Gewerbefreiheit; denn es handelt ſich da nur um ein Früher oder Später der Beſeitigung doch unhaltbarer Exiſtenzen. Aber das zeigt ſich hier wie überall, daß die Noth der letzten Jahrzehnte nicht Folge des Zunftzwanges war, daß mit der Gewerbefreiheit nicht ſogleich goldene Tage für den Handwerker kommen. Die Haupturſache der Kriſis iſt von Zunft und Gewerbefreiheit unabhängig.
2. Die württembergiſche Handwerkerſtatiſtik von 1835—61 und die Folgen der Gewerbefreiheit von 1862—67.
Weiter ab von der großen Heerſtraße, weniger berührt von fremden Einflüſſen als Baden, liegt das Württemberger Land; zäher, langſamer iſt der Charakter des Stammes. Aber ſonſt ſind Lebensbedingungen, wie wirthſchaftliche Entwicklung ähnliche. Auf engem Raume eine dichte Bevölkerung; zahlreiche kleine Städte und Flecken; ein zertheilter Grundbeſitz; bis in die neuere Zeit eine mehr landwirthſchaftliche als gewerbliche Thätigkeit; wenigſtens die Großinduſtrie hat erſt in den letzten Jahrzehnten ſich entwickelt, in dieſen allerdings große Fortſchritte gemacht.
Die Gewerbegeſetzgebung wurde ſchon 1828 und 1836 in liberalem Sinne reformirt; das Geſetz vom 22. April 1828 hebt für 13 Gewerbe die Zünftigkeit auf, für etwa 50 behält ſie ſie bei, aber ſo, daß mit Beſeitigung aller läſtigen Vorrechte die Zünftigkeit nur zu zweierlei zwingt: zum Erwerb des Gemeindebürgerrechts am Orte der Niederlaſſung und zu einem ziemlich leichten Nachweis der Befähigung. Eine weitere Erleichterung war die 1854 erfolgte Zuſammenlegung von 28 bisher in einzelne Zünfte getheilten Gewerben in 7 Zunftgruppen. Von da war der Uebergang zu der 1862 (1. Mai) eingeführten Gewerbefreiheit kein allzugroßer Schritt.
Die vorzugsweiſe in dem Kleingewerbe konzentrirte gewerbliche Thätigkeit ging in den zwanziger Jahren die alten hergebrachten Bahnen. Der bairiſche Zollverein brachte 1828 keine gefährliche Konkurrenz; erſt mit dem Eintritt in den großen Zollverein entſtand eine ſolche, aber damit auch Leben und Fortſchritt. Es datirt von dieſer Zeit der Uebergang zur Großinduſtrie, die vermehrte Berührung mit dem Ausland, die Verbeſſerung der Technik, — aber zugleich die theils verſchuldete, theils unverſchuldete Kriſis der Kleingewerbe,6 deren ſprechendes Bild in der folgenden Tabelle liegt, welche die Zahlen der Meiſter in den wichtigern Gewerben 1835—36, 1852 und 1861 verzeichnet.
Während die Bevölkerung wenigſtens 1835—52 zunimmt, ſinkt die Zahl der Meiſter in den meiſten Gewerben, und dabei ſind einzelne, die am meiſten litten, wie das Tuchmachergewerbe, in dieſer Tabelle gar nicht begriffen. Einzelne ſinken nur bis 1852 und erholen ſich von da an wieder; ſie haben die Kriſis ſchon hinter ſich. Die Geſammtzahlen würden viel ſtärker ſinken, wenn nicht doch manche ſteigende Gewerbe dazwiſchen wären, ſolche, die erſt ſich ausbilden, wie Putzmacher, Tapeziere, oder ſolche, bei denen der kleine handwerksmäßige Betrieb wenig oder keine Konkurrenz zu leiden hat, die alſo mit dem ſteigenden Wohlſtand ſich auch der Meiſterzahl nach heben.
Daß der Wohlſtand im Ganzen ſteigt, daß er der Kriſis entgegen wirkt, iſt klar; die kleinen Geſchäfte machen Bankerott; neue in geringerer Zahl, aber umfangreicher betrieben, prosperiren; daher ganz dieſelben Gewerbe meiſt ſteigende Zahlen zeigen, wenn man die Geſammtheit der Beſchäftigten inkl. Geſellen und Lehrlingen vergleicht. Nur die am ſtärkſten leidenden zeigen auch hier einen Rückgang. Die Geſammtzahl der Meiſter, Geſellen und Lehrlinge betrug:
Nach einer Vergleichung, welche Profeſſor Mährlen7 anſtellt, haben in den 26 wichtigſten Handwerken die Meiſter 1852—62 um 4,5 %, die Gehülfen und Lehrlinge um 76 % zugenommen. Faßt man aber diejenigen zuſammen, bei welchen weniger günſtige Verhältniſſe vorhanden ſind, nämlich die Bäcker, Fleiſcher, Maurer, Zimmerleute, Töpfer, Schmiede, Kupfer- ſchmiede, Gerber, Sattler, Küfer, Färber, Poſamentiere, Nadler, Gürtler, Zinngießer, Hutmacher, Fri- ſeure und Barbiere, ſo haben bei ihnen zuſammen von 1852—62 die Meiſter um 8,6 % abgenommen, die Gehülfen um 34,7 % zugenommen.
Nach der größern Tabelle über Meiſter und Gehülfen zuſammen könnte man verſucht ſein, die Kriſis ganz zu leugnen, nach den letztern Prozentverhältniſſen ſieht man ihr Vorhandenſein, aber auch die Beſſerung. Die Kriſis iſt ſo ziemlich überwunden, nachdem die Zahl der Meiſter abgenommen, ihre Geſchicklichkeit und Bildung ſich weſentlich gehoben hat. Freilich darf man dabei nicht vergeſſen, daß dem Jahre 1861 eben ſo glückliche Ernteals Geſchäftsjahre vorausgingen, während 1830 — 40 der erſte Stoß der fremden Konkurrenz, in den vierziger Jahren die Handelskriſen, die Hungersnoth und die Revolution, zu Anfang der funfziger Jahre wieder die Mißjahre die Kriſis ſehr verſtärkt hatten, daß alſo die Beſſerung 1861 ebenſo oder noch mehr accidentellen Urſachen zuzuſchreiben iſt als einer bleibenden Veränderung.
Für die Zeit nach 1861 fehlt es an einer ſtati- ſtiſchen Aufnahme der württembergiſchen Gewerbe, wie in den andern Zollvereinsſtaaten. Wohl aber erſieht man aus den zuverläſſigen württembergiſchen Handelskammerberichten8 wie die am 1. Mai 1862 eingeführte Gewerbefreiheit gewirkt hat.
Im erſten Jahre, heißt es, habe ein ungeheurer Zudrang von Gewerbtreibenden nach den größern Städten, Stuttgart ausgenommen, oder von Gehülfen in ſelb- ſtändige Unternehmungen in dem Umfang, wie er befürchtet wurde, nicht ſtattgefunden, wohl aber ſei der Zudrang zu den Detailgeſchäften und zum Hauſirhandel ein ſehr ſtarker. Die Lage der Kleingewerbe wird als günſtig, aber von der Gewerbefreiheit kaum berührt bezeichnet.
Im Jahre 1863 wird beſonders die immer ſtärker wachſende Zunahme des Hauſirhandels erwähnt. Sehr viele kleine Gewerbetreibende, welche ſich früher ohne Hauſiren durchzubringen ſuchten, heißt es, laſſen ſich Hauſirſcheine geben. Hauptſächlich kommt es auch vor, daß Hauſirer an einzelnen Orten wochenlang ein Lokal miethen, ihre Waaren zum Verkauf bieten und dann weiter ziehen. Ueber die neue Gewerbeordnung überhaupt ſchreibt die Heilbronner Handelskammer: „Vielfache Erkundigungen, welche wir von Gemeindebehörden, Gewerbevereinen und Einzelnen über die Wirkungen der neuen Gewerbeordnung eingezogen haben, ſprechen ſich ziemlich übereinſtimmend dahin aus, daß ſie bis jetzt, abgeſehen vom Hauſirhandel, ſich weder als merklich wohlthätig noch als merklich nachtheilig erwieſen habe. Wie vorauszuſehen war, ſo hatte ſie namentlich durch die Beſeitigung des Erforderniſſes des Ortsbürgerrechts zur Folge, daß eine Menge Leute ſich zur ſelbſtändigen Ausübung von Gewerben meldete, namentlich in den Städten, und daß der Wegfall der Konzeſſionen bei Krämereien und des Beweiſes der Vorbildung beim Detailhandel gleichfalls ſehr viele Leute veranlaßte, den Handel als Haupt- oder Neben-Erwerbszweig zu ergreifen. Uebergänge von einem Handwerk auf ein anderes ſind ſelten, von einem Handwerk oder von einer ſonſtigen Beſchäftigung auf den Handel aber ſehr häufig, häufiger als wünſchenswerth. Klagen über Ueberſetzung ſind uns nur bezüglich von Schneidern, Schuhmachern und Händlern von einigen Orten aus bekannt geworden.“
Ganz ähnlich ſpricht ſich die Ulmer Handelskammer aus. Von 87 in der Stadt Ulm 1863 neu angemeldeten Handelsgeſchäften ſind 10, von 173 neu angemeldeten Kleingewerben 14 ſchon im gleichen Jahre wieder eingegangen. Die zahlloſen kleinen Handelsgeſchäfte, heißt es, können unmöglich prosperiren. Der Zudrang der Handwerker beſteht nur für Gewerbe, die kein Kapital erfordern; es ſind Schuſter und Schneider, Tiſchler und Maler, die daneben fortfahren, für andere Meiſter zu arbeiten. Dann kommt es vor im Maurer- und Zimmergewerbe; alte Geſellen, Polire verſuchen ein eigenes kleines Geſchäft zu beginnen, Reparaturen zu übernehmen. Auch von ihnen iſt bereits eine ziemliche Zahl wieder zu ihren Meiſtern zurückgekehrt. „Bei den übrigen Gewerben hat dagegen die Freigebung beinahe gar keine Aenderung hervorgebracht.“
Der Bericht für 1865 berichtet eher ungünſtig als günſtig über die Folgen; er betont, daß nicht ſowohl durch das Syſtem der Gewerbefreiheit als durch die heutigen Verkehrsverhältniſſe die Ueberlegenheit der großen Geſchäfte immer ſteigt. „Der Einfluß der Gewerbefreiheit“ — ſchreibt er — „zeigte ſich theils in der vermehrten Zahl der Ehen, theils in der Vermehrung der Gewerbsſtellen. Arbeiter, welche bisher in größern fabrikmäßig betriebenen Geſchäften arbeiteten, errichten im Vertrauen auf ihre Geſchicklichkeit, aber leider häufig ohne die gehörigen Mittel und die für den Unternehmer erforderliche Geſchäfts- und Marktkenntniß, eigene Ge- ſchäfte, mit denen ſie ſich in einen Wettkampf mit Gegnern einlaſſen, deren Ueberlegenheit ſie zu ſpät fühlen, wenn das kleine Kapital aufgezehrt iſt und noch obendrein Schulden gemacht ſind. Man ſieht ſich genöthigt, um Spottpreiſe für Groſſiſten zu arbeiten und ſchließlich doch wieder zum Fabrikanten zurückzukehren. Je ſchwieriger es für den bloßen Arbeiter in ſeiner Stellung iſt, eine genaue Kenntniß der ſtatiſtiſchen Verhältniſſe ſeines Fabrikationszweigs ſich zu verſchaffen, deſto mehr thut Vorſicht bei Gründung neuer Unternehmungen Noth, wo bei dem Fortſchritt der Handelsfreiheit die Beurtheilung des Umfangs der Konſumtion eines Artikels und ſeiner Produktion immer ſchwieriger wird.“
Die Geſchäftsſtockung im Jahre 1866 und 67 drückte nach den Berichten weſentlich auch auf die Lokal- und Kleingewerbe; das hat mit der Gewerbefreiheit nichts zu ſchaffen. Nicht unintereſſant aber iſt, daß die in den Kleingewerben herrſchende Geſchäftsſtockung hauptſächlich den Hauſirhandel, theilweiſe mehr den Bettel in der Form des Hauſirhandels angeſchwellt hat. In einzelnen Gegenden des Landes wird die Zunahme als eine wahre Landeskalamität betrachtet. Beſonders das Ausgebot ganzer Waarenlager im Umherziehen von Stadt zu Stadt unter dem Titel und der Form von Waarenausverkäufen wird inſofern beklagt, als ſolche Leute ſich den Steuern vollſtändig oder ganz zu entziehen wiſſen. „Allen Berichten gemeinſchaftlich iſt die Klage, daß dieſe Leute den Abſatz der ortsanſäſſigen und hochbeſteuerten Handel- und Gewerbetreibenden beeinträchtigen, und daß ihr herumziehendes Leben meiſtens ihren ſittlichen und ökonomiſchen Ruin herbeiführe.“
Das mag übertrieben ſein, wie jederzeit die Klagen der ſtehenden Gewerbe über den Hauſirhandel; aber es zeigt, wenn es auch nur theilweiſe wahr iſt, — eine Wahrheit, welche von den Schwärmern für volkswirth- ſchaftliche Freiheit ſo oft überſehen wird. Je tiefer man in den geſellſchaftlichen Klaſſen herabſteigt, deſto häufiger regulirt nicht mehr die Einſicht in das wirth- ſchaftlich für das Individuum Beſte ſeine Handlungen, ſondern kurzſichtige Genußſucht, augenblickliche Neigung zur Unthätigkeit; unſittliche Nebenmotive verſchiedener Art bilden die pſychologiſchen Faktoren, mit denen der Nationalökonom hier rechnen muß.
3. Die bairiſche Handwerkerſtatiſtik von 1810—61.
Manche Theile Baierns ſtehen in ihrer induſtriellen Entwickelung dem übrigen Süddeutſchland gleich, vor allen die Pfalz, die Gegend von Nürnberg und Fürth, Augsburg; aber in der Hauptſache iſt Baiern doch gewerblich weniger entwickelt. Es iſt vom großen Verkehr weniger berührt, theilweiſe geſtattet die Boden- und Gebirgsformation nur eine ſparſamere Bevölkerung, Religion und Geſchichte haben den eigentlichen Baiern ſpröde gemacht gegen die Einflüſſe der entwickelteren Nachbarſtämme. Es iſt vor Allem ein tüchtiger, geſunder, wohlhabender Bauernſtand, der zähe feſthält am Alten in Sitte und Tracht, in Lebensanſchauung und wirth- ſchaftlichem Betriebe.
Wohl dringt auch das Neue da und dort ein, aber eher ſchafft es ſich ganz neue Formen, als daß es zunächſt beſtehende Verhältniſſe umwandelt. Der Bauer iſt reicher geworden mit den ſteigenden Getreidepreiſen; aber wenn er mehr kauft, ſo ſind es mehr Induſtrieals Handwerksprodukte. Die Großinduſtrie fängt an die Naturſchätze, die Waſſerkräfte, den billigen Arbeitslohn in Baiern zu benutzen, ſie dehnt ſich ſogar in rein landwirthſchaftlichen Diſtrikten aus. Daran iſt theilweiſe die den Fabriken günſtigere Geſetzgebung ſchuld; aber ebenſo ſehr wirken die allgemeinen Verhältniſſe. Wo vorher jede lebendige, induſtrielle Thätigkeit fehlt, wo heute erſt die Geſchäfte neu eingerichtet werden, da werden ſie viel mehr nach modernſter Art mit umfaſſenderem Betriebe angelegt, als wo ſich der neue Aufſchwung an altes, gewerbliches Leben anſchließt. Auch in der preußiſchen Rheinprovinz iſt heute noch Manches in der Hand kleiner Geſchäfte, wofür die ſpäter entwickelten altpreußiſchen Provinzen nur große Geſchäfte kennen.
Die landläufige Auffaſſung ſchiebt die Schuld der langſamen Entwickelung Baierns vornehmlich auf die bisherige Geſetzgebung. Und es iſt wahr, die Niederlaſſungs-, Gemeinde- und Verehelichungsgeſetzgebung war engherzig; ſie hat weſentlich dazu beigetragen, eine wenig dichte Bevölkerung zu erhalten (Oberbaiern 2452 Menſchen auf die □ Meile, ganz Barien 3327 im Jahre 1858). Aber ebenſo wenig läßt ſich leugnen, daß Sitte und Charakter des Volks ebenſo daran Theil haben. Die Handhabung der Geſetze liegt in der Hand der Gemeinden. Wo moderner Sinn, Regſamkeit und Betriebſamkeit iſt, da machen die Gemeinden keinen ſo engherzigen Gebrauch von ihrem Vetorecht bei neu zu gründenden Heimweſen. Oberfranken hatte bei derſelben Geſetzgebung 1858 ſchon über 4000 Menſchen auf der Quadratmeile. Mit der größten Leichtigkeit erfolgte da aber auch die Niederlaſſung, beſonders in einzelnen Induſtriedörfern, wie in den Korbflechtergemeinden.9
Mehr jedenfalls als durch die Niederlaſſungs- und Ehegeſetzgebung war das gewerbliche Leben durch die Realgewerberechte und die beſtehende Zunftgeſetzgebung gehemmt. Schon zu Anfang des Jahrhunderts hatte man die Einſicht, daß dieſe Monopole, dieſe Ausſchließungsrechte der Zünfte durchbrochen werden müßten. Eine Verordnung vom 1. Dezember 1804 und das Geſetz vom 11. September 1825, welches prinzipiell auf dem Boden der Gewerbefreiheit ſteht, ſuchte dieſen Zweck dadurch zu erreichen, daß den Behörden die Befugniß zu Konzeſſionsertheilungen eingeräumt wurde. Das Konzeſſionsſyſtem hat ja ſeine großen Nachtheile; aber wo die Gewerbefreiheit noch nicht möglich iſt, ſchafft es doch einige Konkurrenz. Es war auch den ehrbaren bairiſchen Meiſtern ſo unbequem, daß ſie ſich ſehr Mühe gaben, es zu beſeitigen. Schon 1834 wurde das Recht der Behörden weſentlich zu Gunſten der Meiſter und Realberechtigten beſchränkt. Die allgemeinen Klagen, die ſeit 1840 durch ganz Deutſchland wiederklingen, daß das Handwerk überſetzt ſei, trugen nicht dazu bei, die Geſetze milder zu handhaben. Die Inſtruktion von 1853 ſteht unter dem Hochdruck der Reaktion. Die Praxis war eine weſentlich härtere, als in Würtemberg, Sachſen, Baden, die ja damals auch noch Zunftverfaſ- ſung hatten.
Erſt 1862 trat infolge der um ſich greifenden Agitation für Gewerbefreiheit eine liberalere Behandlung durch die veränderte Gewerbeinſtruktion dieſes Jahres ein. Die volle Gewerbefreiheit erreichte ihre geſetzliche Einführung endlich den 30. Januar 1868.10 In der Pfalz war die durch die franzöſiſche Herrſchaft eingeführte Gewerbefreiheit nie angetaſtet worden.
Als Beweis, daß nur die einſchränkende Geſetzgebung an der gewerblichen Stagnation Baierns Schuld ſei, liebt man anzuführen, daß die Pfalz in beſſerer Lage ſei, daß ſeit 1862 ein großer Aufſchwung eingetreten ſei, daß Fürth die Grundlage ſeiner gewerblichen Blüthe der Zeit verdanke, in der es als anſpach’ſcher Flecken volle Gewerbefreiheit beſaß. Sicher iſt daran viel Wahres. Ebenſo ſicher aber haben jederzeit andere Umſtände weſentlich mitgewirkt, und ebenſo ſicher wird die Vergleichung der Pfalz mit Altbaiern ſehr häufig unter falſchen Geſichtspunkten vorgenommen, wie ich unten zeigen werde.
Hauptſächlich eine wichtige Thatſache, auf welche ich in einem der folgenden Abſchnitte über vergleichende deut- ſche Gewerbeſtatiſtik noch näher kommen werde, möchte ich der Unterſuchung der Zahlen voraus ſchicken, um durch ſie einen richtigern Standpunkt zu gewinnen; es iſt die, daß Baiern trotz ſeines vorwiegend ackerbauenden Charakters, trotz der Stabilität der Meiſterzahl von 1810—61 noch 1861 unter den deutſchen Ländern ſteht, welche die größte Zahl Handwerker haben. Das wirft jedenfalls auf die gewöhnliche Anſicht, die Zahl der Meiſter ſei nur der beſchränkenden Geſetzgebung wegen nicht gewach- ſen, ein ſonderbares Licht.
Für die Zeit vor 1847 iſt mir nur die Unterſuchung Dr. Mahr’s über die Entwickelung des Handwerkes in den Städten des Königreichs Bayern diesſeit des Rhein’s bekannt.11
In den Jahren 1809—12 wurde eine umfaſſende bairiſche „Reichsſtatiſtik“ erhoben. Im Jahre 1847 wurde die Gewerbeſtatiſtik in Baiern nach dem Zollvereinsſchema ausgeführt. Mayr ſtellt nun die vergleichbaren Zahlen der Gewerbsmeiſter in den unmittelbaren 28 Städten diesſeit des Rhein’s zuſammen; die Gehülfen waren 1810 gar nicht gezählt. Das Verhältniß iſt folgendes:
So weit bleibt das Anwachſen der Meiſter hinter dem der Bevölkerung zurück. Aber dürfen wir darin, wie Mayr, nur eine Folge der Erſchwerung des Mei- ſterwerdens ſehen? Die Erſchwerung tritt erſt ſeit 1834 ein; von 1810—34 herrſchen liberale Grundſätze; von dem ganzen Zuwachs der Bevölkerung um 118642 Seelen kommen 90494 auf die vier großen Städte, München, Nürnberg, Augsburg und Würzburg; die andern Städte bleiben ſtabil, nehmen vielfach ſogar ab; hier in den kleinen Städten iſt man am engherzigſten mit neuen Niederlaſſungen. In den vier großen Städten, die allein bedeutend zunehmen, iſt man es wohl auch, aber zugleich wirken hier alle die neuen Faktoren ſchon, welche dem kleinen Meiſter Konkurrenz machen. Da entſtehen ſchon die größer und beſſer eingerichteten Unternehmungen, welche mit kleinerer Perſonenzahl die gleichen, ja die vielfach geſteigerten Bedürfniſſe befriedigen. Zieht man alles das mit in Erwägung, ſo wird man die Haupturſache der Stabilität in allgemeineren Zuſtänden finden müſſen, hauptſächlich darin, daß die Mehrzahl der Mittel- und Kleinſtädte nicht vorwärts ſchreitet, daß beſonders für die Langſamkeit der allgemeinen wirthſchaftlichen Entwickelung die Zahl der vorhandenen Meiſter ſchon zu Anfang der Periode eher zu groß iſt. Verſchlimmernd mußten allerdings darauf die engherzigen Grundſätze von 1834 an wirken. Statt durch freie Konkurrenz haltloſe Geſchäfte zu beſeitigen und ſie da, wo ſie am Platze ſind, neu entſtehen zu laſſen, ſucht man überall nur das Meiſterwerden zu erſchweren, hindert leichte Ueberſiedelungen und ſteigert dadurch die Klagen, das Mißbehagen, beſonders da in der Mehrzahl der Städte die Bureaukratie und die Zünfte doch nicht ſo durchgreifen, daß die beſtehenden Geſchäfte ent- ſprechend abnehmen. Gerade in Baiern wird gegen 1850 mit am meiſten von Ueberſetzung der Handwerker geſprochen. Und das iſt nicht bloße Phraſe, ſondern geht zu einem Theile auf einen wahren Uebelſtand, auf eine lokal und zeitlich zu große Zahl von Meiſtern zurück.
Für den Vergleich von 1847 und 1861 iſt die offizielle Bearbeitung der beiden Aufnahmen von Staatsrath Hermann12 zu Grunde zu legen. Ich ſchicke die Betrachtung der Geſammtſummen voraus, um erſt nachher auf einzelne Gewerbe, auf die Handwerke in den Städten, ſowie auf die beſondern Zuſtände in der Pfalz zurückkommen. Die Vergleichung umfaßt nicht die ſämmtlichen 1847 und 1861 aufgenommenen Gewerbe, ſondern nur die in beiden Jahren gleichartig gezählten.
Die Meiſter und Gehülfen mit Einſchluß der Handweber betrugen alſo um 9364 oder 2,6 % mehr, während die Bevölkerung um 4,7 %, die Zahl der Fabrikarbeiter um 9 % geſtiegen war. In Altbaiern fiel die Zahl von 333466 auf 330640, alſo um 2826 Perſonen oder 0,85 %. Laſſen wir die Weber bei Seite, ſo kommen, Meiſter und Gehülfen zuſammen gerechnet, je auf einen Gewerbtreibenden Einwohner:
Gegenüber der Bevölkerung alſo hauptſächlich ein Rückgang in Niederbaiern, dagegen in der Oberpfalz, in Oberbaiern, Oberfranken und Mittelfranken Stabilität, eine kleine Zunahme in Unterfranken und Schwaben, eine weſentliche Zunahme nur in der Pfalz.
Läßt man die Gehülfen bei Seite und rechnet nur die Meiſter, ſo betrugen ſie in ganz Baiern (ohne die Weber): 1847 . . . 151006 1861 . . . 152976 alſo 1,3 % mehr bei einem Zuwachs der Bevölkerung um 4,7 %; bleibt die Pfalz weg, ſo nimmt die Zahl der Meiſter um 1 % ab; mit den Webern ſinkt die Geſammtzahl der Meiſter in ganz Baiern um 3 %, in Altbaiern um 5,2 %.
Ueberall macht es einen weſentlichen Unterſchied, ob die Pfalz in den Durchſchnitt einbezogen oder ausgelaſſen wird. Aber nicht die Pfalz allein trägt dazu bei, den relativen Geſammtrückgang kleiner erſcheinen zu laſſen. Auch die Gegend von Nürnberg und Fürth wirkt in ähnlichem Sinne. In den genannten Städten haben, abgeſehen von der Blüthe beſonders der Großinduſtrie, gerade auch eine Anzahl Handwerker, die ſonſt überall zurückgehen, z. B. die Gold- und Silberſchläger, die Roth- und Gelbgießer, die Gürtler und Nadler bedeutend zugenommen; geſchickt als Hausinduſtrie organiſirt, vereinigen ſie die Vortheile des kleinen Betriebs mit einem Abſatz im Großen.13 Auch in andern Gegenden haben einzelne Gewerbzweige, die für weitern Abſatz thätig ſind, zugenommen, wie z. B. die Holzſchnitzerei und die Korbflechterei. In um ſo grellerem Lichte erſcheint der Rückgang im Uebrigen.
Auf die wichtigern einzelnen Lokalgewerbe übergehend, theile ich die abſoluten Zahlen derſelben 1847 und 1861 mit; die Bevölkerung hat ſich (1847 4,50 Mill., 1861: 4,68, ein Plus von 4,7 %) ſehr wenig geändert, ſo daß, ähnlich wie in Württemberg und Baden, für dieſe Zeit die abſoluten Zahlen ziemlich klar Fortſchritt oder Rückgang zeigen. Es gab:
Einzelne Gewerbe, welche anderwärts am meiſten litten, wie die Tuchſcheerer und Färber, haben hier ſogar noch etwas zugenommen; eine ſtarke Zunahme an Meiſtern wie an Gehülfen zeigen nur die Schneider, die Buchbinder und die ländlichen Gewerbe der Korbflechter und Holzwaarenverfertiger; ſonſt Rückgang oder Stabilität; aber nicht bloß bei den Meiſtern, ſondern auch bei den Gehülfen; die Fleiſcher, die Gärtner, die Gerber, die Seifenſieder, die Zimmerleute, die Schmiede, die Nadler, die Gürtler, die Seiler, die Poſamentiere, die Böttcher haben 1861 weniger Hülfsperſonal als 1847. Das beweist, daß der Hauptübelſtand nicht in der Erſchwerung des Meiſterwerdens lag, ſonſt hätten die Gehülfen doch eher wachſen müſſen; aber es beweist, daß die Zunftverfaſſung viele halbbeſchäftigte Handwerker hält, die allerdings beſſer unter dem Sturmwind freier Konkurrenz vollends ganz beſeitigt würden.
Mehr als alle erwähnten Gewerbe haben die Weber gelitten. Man hat es in Baiern weniger als anderswo verſtanden, den modernen Fortſchritten ſoweit zu folgen, daß, wenn auch mit geringen Löhnen, wenigſtens die Exiſtenz der Handweber gerettet wurde. Tuchmacherei und Wollweberei war von Alters her im ganzen Lande zu Hauſe, hauptſächlich aber in Schwaben, in Mittel- und Oberfranken, in der Oberpfalz und Niederbaiern, an der böhmiſchen Grenze. Von letzterer Gegend ſagt der Berichterſtatter in der Bavaria, Alois Schels:14 „die Tuchfabrikation beſchäftigte vor Jahren im Vils- und Rottthale viele fleißige Hände; doch gegenwärtig liegen mehrere Realrechte brach und iſt der frühere Induſtriebetrieb zum Kleingewerbe herabgeſunken; ehe noch die mächtige Konkurrenz der andern zollvereinten Staaten eintrat, gab Präſident von Rudhart, der die Zuſtände und Bedürfniſſe der ihm anvertrauten Provinz wohl erkannte, den Tuchmachern die entſprechend- ſten Andeutungen zu gemeinſamem Zuſammenwirken und gegenſeitiger Hilfeleiſtung; leider vergebens.“ Die Zahl der Webſtühle für wollene Stoffe ſank von 2797 auf 2480 in dem Zeitraum von 1847—61.
Am ſtärkſten ging die Linneninduſtrie zurück; von 29499 Stühlen auf 22740. Im bairiſchen Wald wurde ſie theilweiſe von der Holzinduſtrie erſetzt, gedeiht aber dort daneben noch leidlich.15 Der frühere Haupt- ſitz dieſer Induſtrie war Schwaben. Ein Handelskammerbericht des Kreiſes ſpricht ſich darüber (1863) ſo aus:16 „Die früher ſchwunghaft betriebene Leinenfabrikation hat ſowohl durch den allgemeiner gewordenen Gebrauch von Baumwollfabrikaten als durch die Anwendung mechaniſcher Spinn- und Webſtühle, wozu noch der Mangel an einheimiſchem Rohmaterial und zweckmäßigen Röſtanſtalten ſich geſellte, faſt gänzlich aufgehört, und es iſt keine Ausſicht vorhanden, ſelbſt mit namhaften Opfern ſie wieder zu einiger Bedeutung zu bringen.“ Nur die Augsburger Weber ſcheinen eine Ausnahme zu machen. Dort gelang es nach und nach, wie der Verfaſſer von „Augsburgs Induſtrie“17 nachweist, „durch Vereinigung zu gemeinſamen Werken, durch zweckmäßige Verwendung des Innungsvermögens und anderweitiger Zuſchüſſe zur Anſchaffung von Material und der zur Gebild- und Buntweberei erforderlichen Stühle und Maſchinen, dann durch die Beſtrebungen einzelner intelligenter und bemittelter Meiſter, die Handweberei auf den rechten Weg zu führen und wieder zu heben.“
Die Baumwollweberei hat ihren Hauptſitz in Oberfranken, im Voigtlande, wo eine rührige fleißige Bevölkerung mit erſchöpfender Thätigkeit und Arbeitsluſt ihr rührend genügſames Daſein friſtet.18 Der 30ſte Menſch iſt in Oberfranken ein Weber, in ganz Baiern der 96ſte. Im Bezirke Müncheberg kommen auf 24000 Seelen etwa 2000 Webermeiſter mit ungefähr 1000 Geſellen, alſo eine Weberbevölkerung von gegen 10000—12000 Menſchen. Die Baumwollweberei entwickelte ſich hier als freieres Gewerbe gegenüber der ſtrengern zunftmäßigen Leinenweberei ſeit dem 15. Jahrhundert. Noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war es ein blühender Zuſtand. Einige wenige Fabrikanten beſchäftigten ſchon 140—150 Stühle; die meiſten nur wenige Stühle; die kleinern verkauften ihr Produkt an die großen, waren aber als beſitzende Leute von dieſen nicht abhängig. In dieſem Jahrhundert nahm die Verarmung mit den ſinkenden Preiſen der Baumwolle und der Baumwollprodukte zu. Viele hatten bald keine eigenen Stühle, keine eigenen Spulen mehr; Spullohn und Miethe für den Stuhl wurde ihnen vorweg am Verdienſt abgezogen. Kapital zu Ankauf eigener Twiſte war nicht mehr da. So wurden die Weber reine Lohnarbeiter; die Auswahl, für dieſen oder jenen Fabrikanten zu arbeiten, wurde immer kleiner, da die kleinen Fabrikanten ſelbſt Bankerott machten. Der Höhepunkt des Elends war in den vierziger Jahren. Seither iſt es eher wieder beſſer geworden, beſonders ſeit ſächſiſche Fabrikanten, durch die Billigkeit des Lohnes angezogen, viel im Voigtlande arbeiten laſſen und ſo den wenigen inländiſchen Großgeſchäften, die den Weber ganz in den Händen hatten, Konkurrenz machten. Die Zahl der Baumwollſtühle hat in Oberfranken ſogar von 11301 auf 13378 von 1847 bis 61 zugenommen.
Die Geſammtzahl der Webermeiſter in Baiern aber hat nach der Berechnung von Hermann19 von 38323 im Jahre 1847 auf 30935 abgenommen, d. h. um 23,9 %, während die Bevölkerung um 4,7 % wuchs; auch in der Pfalz nahmen die Webermeiſter um 13,9 % ab. Welche Kämpfe, welches Elend, wie viel zerrüttetes Familienglück liegen zwiſchen zwei ſolchen Zahlen!
Nach dieſer Abſchweifung über die Weber kehre ich zu den Geſammtreſultaten zurück, wie ſie ſich unter beſondern lokalen Verhältniſſen geſtalten.
Die unmittelbaren Städte diesſeit des Rhein’s haben ſich ſtark vergrößert, von 453986 auf 544067 Einwohner; ſie ſind um 19 % reicher an Menſchen, von welchen freilich wieder der Haupttheil auf München, Nürnberg, Augsburg und Würzburg fällt; die ganze Zunahme iſt 90081 Seelen, auf die vier Städte kommen 79863. Die Zahl der HaudwerkerHandwerker inkl. der Weber und mit den Gehülfen fiel in den unmittelbaren Städten von 58850 auf 57694, d. h. um 2 %; die Zahl der Meiſter mit den Webern um 2,6 %; ohne die Weber ſtieg die Meiſterzahl um 8 %. Die Meiſterzahl ohne die Weber hat alſo wenigſtens abſolut noch etwas zugenommen, die der Gehülfen dagegen hat auch abſolut abgenommen. Wieder ein Argument gegen die Zurückführung aller Mißſtände auf erſchwertes Meiſterwerden.
In den ſämmtlichen übrigen Gemeinden nach Abzug der unmittelbaren Städte nahm die geſammte Handwerkerbevölkerung nur um 0,6 % ab, während die Bevölkerung nicht ſo ſtieg, wie in den Städten. Und doch galten da die gleichen Geſetze, und es wird in den Dörfern und kleinen Städten die Handhabung eher noch engherziger geweſen ſein. Die Städte litten mehr als das Land, weil auf dem Lande noch die alten Zuſtände fortdauern, in den Städten die Umbildungen beginnen.
Daß in der gewerbefreien Pfalz die Reſultate beſſer ſind, d. h. daß da die Geſammtzahl der Handwerker von 1847—61 ſtieg, iſt ſchon erwähnt; es iſt aber nöthig, dabei noch einen Moment zu verweilen. Um keine falſchen Schlüſſe aus dem Gegenſatz zu ziehen, muß man ſich der Vergangenheit und der anderweitigen Zu- ſtände in der Pfalz erinnern.
Das ſchöne, von der Natur reich geſegnete Land hatte mit der franzöſiſchen Herrſchaft die freiheitliche Geſetzgebung erhalten; der beweglich rührige Sinn der Bewohner war dem Neuen ohnedieß zugänglich; die Aenderungen, welche andere Länder erſt nach Jahrzehnten erfuhren, vollzogen ſich ſchon jetzt; die zahlreichen indolenten bisher nur durch die Zunft geſchützten Meiſter begannen ſchon damals abzunehmen. Als die Verwü- ſtungen der Kriege überwunden waren, als vollends mit dem Zollverein die Segnungen des freien Verkehrs und der günſtigen Lage, die Segnungen der Eiſenerzlager, des vorzüglichen Weinbodens mehr und mehr zu Tage traten, da wuchs die dichte Bevölkerung immer mehr; die Kultur des Landes, der Bau von Tabak und Wein drängte zu immer weiter gehender Parcellirung; die Parcelle iſt im Durchſchnitt noch nicht ein halbes Tagwerk20 groß; jeder Grundbeſitzer hat ſeinen kleinen Beſitz durchſchnittlich in nicht weniger als 9 Parcellen. Die Bevölkerung hatte 1818 4124 Menſchen pro Quadratmeile betragen, 1849 betrug ſie 5697.
Aber ſucceſſiv war die Zunahme eine langſamere geworden, der Lohn war geſunken, die Noth geſtiegen. Die Auswanderung nach Amerika nahm bedeutende Dimenſionen an, nannte man doch häufig den deutſchen Auswanderer ſchlechthin einen Pfälzer. Von 1849 bis 1856 wanderten nicht weniger als 64852 Köpfe aus, ganz abgeſehen von der heimlichen Emigration, — das ſind etwa 10 % der Bevölkerung des Landes. Die Bevölkerung nahm trotz des immer ſtarken natürlichen Zuwachſes um etwa 5 % in dieſer Periode ab.
Die nächſtliegenden Urſachen waren die theuren Jahre, die Revolution; die ferner liegenden aber waren die allgemeinen Veränderungen der induſtriellen Produktion, die Dichtigkeit der Bevölkerung, die Parcellirung. Ein großer Theil der Leute lebt halb vom Boden, halb von gewerblicher Arbeit. „Wenn Pflug und Hacke, Senſe und Dreſchflegel ihre Arbeit gethan haben, nehmen Cigarrenfabrikation, die Strohflechterei, die Bürſtenbinderei, der Hauſirhandel ihren Anfang.“ Auch in dieſen Branchen drückte die Konkurrenz mit vorangeſchrittenen Gegenden die Preiſe; das Auskommen wurde immer kärglicher. Aehnlich war es in den Kleingewerben, deren Betrieb trotz der Gewerbefreiheit techniſch zurück war. Sie waren längſt zurückgegangen; 1845—50 wanderten noch mehr Handwerker aus. Es gab in der Pfalz im Jahre 1847, Meiſter und Gehülfen zuſammengerechnet, noch nicht halb ſo viel Handwerker, als z. B. in dem gewerbeloſen Oberbaiern; ein Handwerker kam in Oberbaiern ſchon auf 13 Menſchen, in der Pfalz erſt einer auf 2721. Das Verdienſt der Gewerbefreiheit war ſomit das geweſen, mit dem Kleingewerbe in der Pfalz ſehr viel früher aufgeräumt zu haben als anderswo. Der Zuſtand damals war kein erfreulicher; immer weniger konnte ſich der kleine Mei- ſter halten, und doch entſtanden zunächſt keine größeren Geſchäfte, weil der Trieb nach Selbſtändigkeit überwog und die Gewerbefreiheit Jedem die Selbſtändigkeit ge- ſtattete. Auf 17756 Meiſter kommen 1847 nur 4717 Gehülfen; das heißt, die vorhandenen Geſchäfte ſind kleiner und elender als irgendwo anders; im übrigen Baiern kommen damals 30 Einwohner auf einen Gehülfen, in der Pfalz kommt erſt auf 129 Einwohner ein ſolcher.
Nach Mitte der 50er Jahre beſſern ſich nun, wie allerwärts, ſo auch in der Pfalz die Zuſtände; die Produktenpreiſe ſteigen, die Großinduſtrie erhebt ſich in glänzendſter Weiſe, die Eiſenwerke, die Maſchinenfabriken, die großen Spinnereien und Webereien in Kai- ſerslautern und Zweibrücken, die chemiſchen Fabriken, die großen Glas- und Steingutfabriken geben mit der Vollendung der Eiſenbahnen dem Lande einen andern Charakter; auch die Bevölkerung wächſt wieder und überſchreitet ſelbſt die 1849 erreichte Höhe, ſie ſteigt auf 5779 Menſchen pro Quadratmeile im Jahre 1864.
Das wirkt auch auf die Kleingewerbe zurück; ihre Geſammtzahl inkl. der Weber und Gehülfen iſt 1847 . . . . 27226 1861 . . . . 39416, alſo eine Zunahme von 44,8 %; die Fabrikarbeiter hatten 18478501, 186112348 Perſonen betragen, ſie ſind alſo auch um 45 % geſtiegen. Die Zahl der Meiſter allein (inkl. Weber) betrug 1847 . . . . 20785 1861 . . . . 23702, alſo eine Zunahme von 14 %. Die Hauptzunahme bei den Kleingewerben erfolgte ſomit in der Gehülfenzahl.
Dabei darf man aber nicht vergeſſen, daß dieſe Zunahme eine Zunahme iſt nach Jahren der Noth und der Decimirung; ſelbſt mit dieſer großen Zunahme iſt die Geſammtzahl der im Handwerk beſchäftigten Perſonen in der Pfalz immer noch nicht ſo ſtark, wie im Durchſchnitt des Königreichs Baiern; es kommen im Durchſchnitt des Königreichs 1861 auf 14 Menſchen 1 Handwerker, in der Pfalz auf 17. Die Zahl der Meiſter iſt jetzt wieder ſtärker in der Pfalz als im Durchſchnitt des Königreichs. Die Zahl der Gehülfen iſt trotz der Zunahme noch weſentlich geringer. Die einzelnen Geſchäfte ſind auch jetzt noch kleiner als in Altbaiern. Der Trieb, ſich ſelbſtändig zu machen, überwiegt die Tendenz der Zeit auf größere Geſchäfte.
Die Hauptzunahme der Kleingewerbe bis 1861 trifft übrigens in der Pfalz wohl nicht ſo ſehr die für lokalen Bedarf arbeitenden Meiſter aller Art, ſondern vornehmlich einzelne Hausinduſtrien, die in techniſch vervollkommneter Weiſe für den Großhandel thätig ſind, ſo die Schuhfabrikation in Pirmaſens, die Strohflechterei, die Bürſtenfabrikation.
Seit 1861, beſonders von 1861—65 hat ſich der Zuſtand der Pfalz noch mehr gehoben; bei der immer noch geringen Zahl der vorhandenen Handwerker im Jahre 1861 iſt das begreiflich. Wenn beſonders in einzelnen raſch wachſenden Städten, wie Kaiſerslau tern, die Zunahme groß iſt, wenn die Meiſter dort 1861410, 1863542 Perſonen, die Gehülfen derſelben 1861526, 1864 die Geſellen allein 889 Perſonen ausmachen, wenn bei der Zunahme alle Arten von Meiſtern betheiligt ſind, wenn z. B. die Schmiede von 10 auf 23, die Schneider von 47 auf 76, die Schuhmacher von 69 auf 90, die Bäcker von 27 auf 34, die Glaſer von 9 auf 14, die Metzger von 20 auf 28, die Buchbinder von 6 auf 8, die Sattler von 6 auf 7 ſtiegen,22 ſo beweist das allerdings, daß ein techniſch vollendeteres Handwerk auch heute immer noch ſeinen Platz hat; aber es beweist noch nichts über das Ge- ſammtverhältniß von großer und kleiner Induſtrie, nichts über die geſunde und ungeſunde Vermögens- und Einkommenvertheilung der heutigen Zeit überhaupt.
Die Gewerbefreiheit der Pfalz hat unhaltbare Zu- ſtände früher beſeitigt, den Uebergang befördert, die Technik allerwärts verbeſſert, aber die Kleingewerbe hat ſie nicht erhalten, ſondern früher vernichtet, — freilich um ſie ſpäter auf geſunderer Grundlage mit beſſerer Technik wenigſtens zu einem Theile wieder erſtehen zu laſſen. Vor Allem aber und hauptſächlich hat ſie die Großgewerbe geſtärkt. Auch von 1861 bis zur Gegenwart fällt auf ſie die Hauptentwickelung.
4. Die ſächſiſche Handwerkerſtatiſtik von 1830—61, die Gewerbefreiheit von 1862—66.
Das Königreich Sachſen iſt das dichtbevölkertſte Land des Zollvereins; ſchon im Jahre 1834 lebten 5868, 18587805 Menſchen auf der Quadratmeile. Handel und Gewerbe, ſeit alter Zeit dort heimiſch, ſind die weſentlichen Faktoren dieſer Bevölkerungsentwickelung. Der Boden iſt theilweiſe karg; im Erzgebirge bietet er ſelbſt dem hartnäckigſten Fleiße große Schwierigkeiten. Der Beſitz aber iſt meiſt ziemlich getheilt. Große und kleinere Städte bilden überall gewerbliche Mittelpunkte. Die vielfach verbreitete Hausinduſtrie der Weberei, der Strumpfwirkerei, der Poſamentierarbeiten erſtreckt ſich ebenſo über die Dörfer als über die Städte, ſo beſonders in der Lauſitz, im Erzgebirge, in den ſogenannten Schönburgiſchen Rezeßherrſchaften.
In den Jahren 1790—1806 hatte der ſächſiſche Handel durch die Leipziger Meſſen einen großen Auf- ſchwung genommen. Während der Kontinentalſperre entwickelte ſich beſonders die Gewebeinduſtrie raſch und erhob ſich ſelbſt u einem bedeutenden Export nach dem Auslande. Die Aufhebung der Kontinentalſperre, die Konkurrenz mit England brachte manche Schwierigkeit, aber ſie hielt den Fortſchritt nicht auf; hinderlicher waren die 1818 errichteten preußiſchen Zollſchranken, die erſt 1833 durch den Eintritt Sachſens in den Zollverein fielen.
Die größte relative Zunahme erfuhren ſchon damals die großen Betriebe, der Bergbau, das Hüttenweſen, die Spinnereien; aber der Perſonenzahl nach ſtanden Hausinduſtrie und Handwerk bis Ende der vierziger Jahre im Vordergrunde. Mechaniſche Webſtühle waren 1846 noch keine vorhanden. Außer für Eiſenbahnen und Bergbau, Spinnereien und Maſchinenfabriken gab es 1846 nur einige Dampfmaſchinen im ganzen Lande.23 Die Zahl der Handwerker (ſogar ohne die Weber) war 1846 in Sachſen am höchſten von allen den Staaten, in denen eine Gewerbeſtatiſtik damals aufgenommen wurde. Es kam damals ſchon auf 13,4 Einwohner ein Handwerker (Meiſter und Gehülfen zuſam mengenommen), in Baden erſt auf 15,5, in Bayern auf 16,2, in Preußen auf 20,5 Einwohner.24
Und doch galt damals in Sachſen die alte Zunftverfaſſung mit Innungszwang, Lehr- und Wanderzwang für alle älteren Gewerbe; bis 1840 noch mit weſentlicher Erſchwerung des Gewerbebetriebes auf dem platten Lande. Die Hausinduſtriezweige freilich, die Weberei, Strumpfwirkerei, Holzwaaren- und Inſtrumentenfabrikation, ferner die Gewerbe der Bürſtenmacher, Nagelſchmiede, Blechſchmiede, Bandmacher und Poſamentiere hatten ſich wenigſtens in vielen Gegenden unter Beibehaltung der Innungsverfaſſung auf dem Lande ausgebreitet. Viele Landgemeinden hatten überdieß beſondere Privilegien für Gewerbebetrieb. Außerdem waren auf dem Lande die unzünftigen Gewerbe frei, die zünftigen waren nur unter gewiſſen Beſchränkungen zugelaſ- ſen. Das Geſetz vom 9. Okt. 1840 brachte wenigſtens einige Erleichterung: Fabrikgewerbe, Maurer, Zimmerleute, Eſſenkehrer und Schwarzbrodbäcker ſollten wie bisher ſchon frei ſein; außerdem ſoll von der Obrigkeit für jede Landgemeinde wenigſtens ein Schneider, Schuhmacher, Weißbäcker, Fleiſcher, Schmied, Stellmacher, Sattler, Tiſchler, Glaſer, Seiler und Böttcher ohne Weiteres zugelaſſen werden. Weitere zünftige Handwerker bedürfen der Regierungserlaubniß. Vor wie nach 1840 waren für einzelne wenige Innungen und einzelne Städte Realrechte vorhanden, welche kraft beſonderer Privilegien allein in dem Orte Meiſterrecht gaben, eine geſchloſſene Zahl repräſentirten. Manche Uebelſtände ergaben ſich aus dieſer Geſetzgebung. Die gewerbliche Entwickelung im Ganzen aber wurde dadurch bis in die vierziger Jahre nicht gehemmt. Das ſächſiſche ſtatiſtiſche Bureau ſagt hieran anſchließend:25 „Die Gewerbeverfaſ- ſung hat auf die Zahl der Meiſter lange nicht den Einfluß, als man anzunehmen geneigt iſt. Wenn die übrigen Bedingungen nicht gegeben ſind, vermehren ſich auch in gewerbefreien Ländern die Meiſter nicht raſch, und wo ſich dieſe Bedingungen vorfinden, hindert auch die Zunftverfaſſung ein raſches Anwachſen der Meiſterzahl ſelbſt über das reelle Bedürfniß hinaus (d. h. unter gleichzeitiger Abnahme des Hülfsperſonals) nicht.“
So viel iſt richtig, ſo viel beweiſen die ſächſiſchen Zahlen vor 1846, daß die anderen Urſachen wichtiger ſind, als die Gewerbeverfaſſung. Die praktiſche Handhabung der Gewerbegeſetze war keine allzuſchroffe. Die induſtrielle Entwicklung Sachſens war eine günſtige; der Zuwachs an Handwerkern war natürlich, ſolange in dieſen Bahnen ſich die gewerbliche Thätigkeit überhaupt bewegte. Die große Verbreitung der Kleingewerbe hatte ihre einfache Urſache darin, daß die gewerbliche Blüthe Sachſens ſchon lange vor 1840 beginnt.
Mit den vierziger Jahren freilich und noch mehr mit den fünfziger wird Vieles anders. Mehr und mehr wächſt nur der große Betrieb. Die Eiſenbahnen und der große Verkehr vollenden die Leichtigkeit des Abſatzes, verlangen billigere und vollendetere Produkte, wie ſie nur ſpezialiſirte Betriebe mit ausgezeichneten Maſchinen liefern können. Es ſteigert ſich der Bedarf an Kohlen, es wachſen hauptſächlich die großen Berg- und Hüttenwerke, daneben die Spinnereien, die großen Appreturanſtalten, die mechaniſchen Webereien.
Die erſte Wirkung dieſes Umſchwungs zeigt ſich uns ſchon in einer Vergleichung der Meiſterzahlen des ganzen Königreichs von 1836 und 1849,26 wobei zu bedauern iſt, daß die Zahl der Gehülfen für die Vergleichung dieſer beiden Jahre fehlt; nur wenn man beide zuſammenfaßt, iſt ja erſichtlich, ob das Handwerk im Ganzen zu- oder abgenommen, ob nicht die theilweiſe Abnahme der Meiſter durch Zunahme der Gehülfen ſich ausgleicht. Letzteres ſcheint aber hier nicht der Fall zu ſein, wenigſtens ſpricht ſich das ſtatiſtiſche Bureau über dieſe Epoche dahin aus, daß die Zahl der Geſellen und Lehrlinge nicht bloß relativ, ſondern ſogar in vielen Gewerben abſolut in deutlicher Abnahme begriffen ſei.27
Was den kritiſchen Werth der Zahlen betrifft, ſo ſei nach dem Gewährsmann des ſtatiſtiſchen Bureaus bemerkt, daß die Zahlen für 1836 dem Gewerbeſteuerkataſter entnommen ſind, daß die Weber und Strumpfwirker für dieſes Jahr zu niedrig erſcheinen, weil die Lohnmeiſter nicht einbegriffen ſind, daß die Schneiderzahl damals zu hoch iſt, weil die Flickſchneider und Schneiderinnen mitgezählt ſind. Für 1849 ſind die Zahlen der Meiſter durchaus etwas zu hoch, da bei der Aufnahme von 1849 auf die Frage, ob ein Innungsmeiſter auch wirklich noch ſein Gewerbe ausübe, gar kein Gewicht gelegt wurde.28 Darnach iſt die Zahl der Mei- ſter und ihr Verhältniß zur Bevölkerung zu beurtheilen. Es waren:
Ich habe in der vierten Spalte da, wo ſich eine Abnahme gegenüber der Bevölkerung findet, ein Minuszeichen beigefügt; die Geſammtzahl aber hat nicht ab, ſondern zugenommen; es kamen auf 10000 Einw. 1836 ‒ 415, 1849‒645 Meiſter; die Zunahme trifft aber ausſchließlich die Hausinduſtrie der Gewebe, die überdies 1836 zu niedrig angegeben iſt, womit freilich nicht geleugnet werden ſoll, daß ſie zugenommen habe. Trennt man die Poſamentiere, Strumpfwirker, Tuchmacher und Weber von den übrigen Handwerkern, ſo kommen von erſteren auf 10000 Einwohner 1836‒ 97,54, 1849‒336,82 Meiſter, von den ſämmtlichen übrigen aber 1836‒317,46, 1849‒308,18.
Die Zahlen für 1849 ſind nicht ganz maßgebend, ſofern dieſes Jahr ein beſonders gedrücktes war. Doch würde von dieſem Druck die Zahl der Geſellen viel mehr affizirt ſein, als die der Meiſter. Nehmen wir dazu, daß die Aufnahme 1849 viele Meiſter mitzählte, welche ihr Gewerbe nicht mehr ausübten, ſo kommen wir allerdings zu dem Schluſſe, daß in einer Zeit, in der die Bevölkerung, die Landwirthſchaft, die große Induſtrie Sachſens die größten Fortſchritte machte, die Zahl der Handwerker nicht ebenſo gewachſen, gegenüber der Bevölkerung eher zurückgegangen iſt. Es iſt das um ſo ſprechender, als gerade der ſonſtige Fortſchritt der Landwirthſchaft und der Bevölkerungsdichtigkeit doch für viele einzelne Gewerbe Vortheile, weitern Spielraum und auch wirkliche Zunahme brachte.
Die Arbeit, der die vorſtehenden Zahlen entnommen ſind,29 beſchäftigt ſich außer den allgemeinen Fragen ſpezieller mit der Handwerksſtatiſtik der 30 größern ſächſiſchen Städte, indem ſie die Zahlen der Meiſter, Geſellen und Lehrlinge für die Jahre 1830 und 1856 vergleicht; die Zahlen ſtützen ſich auf eine beſondere durch die Innungen gemachte Aufnahme. Es kann ſich hier nicht darum handeln, aus den umfangreichen Tabellen der einzelnen Städte das Detail mitzutheilen, um ſo weniger, als wir auf den Gegenſatz von Stadt und Land noch beſonders werden zu ſprechen kommen; nur das Geſammtreſultat, ſoweit es eine Beſtätigung der bisherigen Unterſuchung enthält, iſt zu erwähnen. Und das geht nach den Worten der Zeitſchrift dahin: „Gehen wir“ — ſagt ſie — „auf die Vergleichung der Zuſtände von 1830 und 56 ein, ſo iſt auffallend, daß die meiſten Gewerbe (auch abgeſehen von den mit Bankgerechtigkeiten in geſchloſſener Zahl verſehenen, welche ſich freilich gar nicht oder nur wenig mehren konnten) in den meiſten Städten in ihrer Meiſterzahl hinter dem Wachsthum der Bevölkerung zum Theil ſehr erheblich zurückgeblieben ſind, ja zum Theil ſich abſolut vermindert haben. Nur bei wenigen iſt dieſe Verminderung der Meiſterzahl poſitiv durch eine Vermehrung des Hülfsperſonals ausgeglichen oder ſelbſt in eine relative Vermehrung des Gewerbes verwandelt; bei einigen iſt ſogar eine relative Vermehrung der Meiſterzahl durch Verminderung des Hülfsperſonals negativ ausgeglichen. Ein Theil des Zurückbleibens hinter dem Wachsthum der Bevölkerung rührt gewiß von der zum Theil in Folge des Geſetzes vom 9. Okt. 1840 entſtandenen gleichmäßigern Verbreitung gewiſſer Handwerke über das platte Land her. Indeſſen wird ſich doch zeigen, daß dieſer Einfluß auf die Geſtaltung des ſtädtiſchen Handwerksbetriebs überſchätzt worden iſt, und daß viele kleine Städte noch immer die Mittelpunkte des Handwerks auch für das Land geblieben ſind, ſoweit man dies nach den Perſonalverhältniſſen beurtheilen kann. Je größer eine Stadt wird, deſto mehr tritt von ſelbſt der Antheil in den Hintergrund, welchen das umgebende platte Land von der Beſchäftigung der ſtädtiſchen Handwerker hat. Solche Städte dürften auch von völliger Freigebung des Gewerbebetriebs auf dem Lande nur wenig oder gar nicht berührt werden.“
Wenn in Leipzig, in Dresden, in Chemnitz die Zahl der Meiſter, Geſellen und Lehrlinge nur in 2—3 Handwerken zugenommen, in vielen aber um 20—50, ja bis 70 % gegenüber der Bevölkerung abgenommen hat,30 wenn das in den kleinen Städten nicht ganz ſo, aber ähnlich iſt, ſo iſt neben der veränderten Geſetzgebung die Haupturſache die, daß in den großen Städten die neue Richtung, die nach ſpezialiſirter Produktion und nach dem Magazinſyſtem drängt, am gewaltigſten ſich jetzt ſchon geltend gemacht hat.
Die Ergebniſſe der Beſchäftigungs- und Gewerbe- ſtatiſtik von 1849 und 186131 beſtätigen im Allgemeinen die Richtigkeit der vorſtehenden Folgerungen. Es handelt ſich um zwei einander entgegen wirkende Strömungen: auf der einen Seite eine raſch zunehmende Bevölkerung, ein raſcher Zuwachs beſonders der Städte, eine glänzende Entwickelung der großen Induſtrie, beſonders der Gewebeinduſtrie; das muß nothwendig auch auf einzelne kleine Geſchäfte und Betriebe günſtig zurückwirken; — auf der andern Seite die Unmöglichkeit für viele Handwerke, mit dieſer Entwickelung gleichen Schritt zu halten; theilweiſer Rückgang, Abnahme der Meiſter, zum Theil auch des Hülfsperſonals.
Was die poſitiven Zahlen betrifft, ſo geſchah die Aufnahme in folgender Weiſe. Im Jahre 1849 hatte Dr. Engel in direktem Anſchluß an die Bevölkerungszählung eine Beſchäftigungsſtatiſtik erheben laſſen, wobei nicht die Fabriken, die einzelnen Unternehmungen über ihre Geſchäfte und Arbeiter Angaben machten, ſondern in den Hausliſten den Individualangaben Bemerkungen über die Art des Unterhalts beigefügt wurden. An dieſe Art der Zählung ſchloß man ſich auch 1861 an und fügte nur auf den Rückſeiten der Haushaltungsliſten die Schemata der Gewerbeſtatiſtik des Zollvereins bei, welche von andern Geſichtspunkten ausgeht, nach Geſchäften, Unternehmungen zählt. So entſtand eine doppelte Aufnahme, die aber, was die Handwerker betrifft, ziemlich identiſch iſt. An Unrichtigkeit leidet die Aufnahme in ſo fern, als viele kleine Meiſter, welche für größere arbei- 32 ten, ſich als ſelbſtändige Geſchäfte angegeben haben, und noch mehr in ſofern, als viele frühere Geſellen, beſonders Schmiede-, Schloſſergeſellen, die in Fabriken arbeiten, die oft nicht am Orte ſelbſt, ſondern in den nächſtliegenden Dörfern wohnen, ſich nach ihrer innungsmäßig erworbenen Qualifikation als „Geſellen“ angaben, und dadurch in der Handwerker- ſtatt in der Fabriktabelle verzeichnet ſind. Sowohl Meiſter als Gehülfen erſcheinen daher 1861 in größerer Zahl, als ſie wirklich vorhanden, reſp. dem Kleingewerbe angehörig ſind.
Nach der Beſchäftigungsſtatiſtik betrugen nun die Selbſtthätigen 1849 und 1861 in den folgenden Abtheilungen:
Faßt man dieſe mit den ſämmtlichen übrigen Selbſtthätigen zuſammen und fragt, wie viele Prozente der ſämmtlichen Selbſtthätigen jede dieſer Klaſſen 1849 und 1861 ausmachte, ſo ſteigen die Selbſtthätigen im Bergbau von 2,11 % auf 2,52 %, die in der Fabrikinduſtrie von 3,34 auf 6,07 %, die in der Hausinduſtrie von 17,67 auf 19,31 %, die in freien Gewerben von 1,92 auf 2,32 %, die Handarbeiter von 6,13 auf 8,88 %, — nur die Handwerker ſinken von 14,03 auf 13,79 % der ſämmtlichen Selbſtthätigen des Königreichs herab.
Die Handwerkertabelle, nach der Zollvereinsaufnahme im Jahre 1861 geordnet iſt, nicht direkt mit der Beſchäftigungsſtatiſtik von 1849 vergleichbar; doch iſt die Mehrzahl der Handwerker mit Ausſchluß der Handelsgewerbe und Hausinduſtrie in einer beſondern Tabelle nach den abſoluten Zahlen von 1849 und 61 verzeichnet,33 deren Reſultat ich ſummirt habe. Die dort verzeichneten Meiſter ſind von 54859 auf 56257, die Gehülfen von 73403 auf 95359, die Summe beider iſt von 128262 auf 151610 geſtiegen. Das iſt eine Zunahme von 11,82 %, während die Zunahme der Bevölkerung 17,03 % beträgt.
Dieſe Rechnung beſtätigt, was die Zeitſchrift ver- ſichert, ohne die Zahlen zu ſummiren. Nachdem ſie vorausgeſchickt, daß ſich die Meiſterzahlen in ſehr vielen Gewerben und Städten ſogar abſolut vermindert haben, daß in vielen andern Gewerben die Meiſterzahlen zwar abſolut gewachſen ſind, aber ſelten im Verhältniß der Bevölkerung zunahmen, fügt ſie über die Geſammtzahlen von Meiſtern und Gehülfen noch hinzu, daß auch ſie meiſt hinter dem Wachsthum der Bevölkerung zurückgeblieben ſeien; doch ſeien die Ausnahmen des Gegentheils zahlreicher, als wenn man die Meiſter allein in Betracht ziehe.
Was die einzelnen Gewerbe betrifft, ſo haben ſich ausnahmslos weniger vermehrt als die Bevölkerung die Schneider, Schuhmacher und Nagelſchmiede, faſt ausnahmslos die Gerber, Seifenſieder, Kammmacher und Gürtler. Der Bevölkerung ſo ziemlich parallel blieben, eher ihr etwas voraus eilten die Bäcker, Barbiere, Bürſtenmacher, Buchbinder, Friſeure, Glaſer, Hutmacher, Korbmacher, Kürſchner, Klempner, Tiſchler; ausnahmslos vermehrt haben ſich nur die Maurer, Zimmerleute und Schloſſer. Die Zeitſchrift knüpft daran die richtige Bemerkung, daß die für perſönliche Dienſte und Nahrungszwecke arbeitenden Gewerbe, beſonders da ſie bis jetzt der Maſchinenhülfe faſt noch ganz entbehren, nothwendig ſich in einem gewiſſen Gleichgewicht mit der Bevölkerung halten, daß dagegen alle mit dem Ma- ſchinen- und Bauweſen verknüpften Gewerbe einen größern Spielraum für Zu- oder Abnahme bieten, daß wenn ſie der Bevölkerung voraus eilen, dieß wohl als ein Beweis des wachſenden Wohlſtandes im Allgemeinen anzu- ſehen ſei. Es wird auch Niemand leugnen können, daß der Wohlſtand im Allgemeinen in Sachſen trotz des Mißbehagens ſo vieler Kleingewerbe von 1849—61 geſtiegen iſt.
Durch das Geſetz vom 15. Oktober 1861 wurden in Sachſen die Realgewerberechte aufgehoben und entſchädigt, die Gewerbefreiheit vom 1. Januar 1862 an eingeführt, die Innungen aber als freiwillige Vereinigungen beibehalten.
Eine vollſtändige ſtatiſtiſche Erhebung, wie das Geſetz gewirkt hat, iſt auch für Sachſen nicht vorhanden. Immer aber mögen einige Mittheilungen über die Wirkung auch hier ihre Stelle finden. Für den Dresdener Handelskammerbezirk hat Dr. Rentzſch eine Anzahl ſtatiſtiſcher Angaben in Bezug auf die Städte des Handelskammerbezirks Dresden durch beſondere Erhebungen geſammelt und publizirt, die einiges Licht auf die Folgen werfen.34
Er unterſucht, wie viele neue gewerbliche Niederlaſ- ſungen in den 33 Städten des Dresdener Handelskammerbezirks 1862—65 vorkamen. Auf 1000 Einwohner kamen durchſchnittlich jährlich 6,55 Neuetablirungen; der Hauptandrang erfolgte 1862; man war ſeit Ende 1860 der Erlaſſung des Geſetzes ſicher geweſen, ſehr viele hatten der Koſten wegen gewartet, ſo wurde die Zahl 1862 ziemlich groß. In den beiden folgenden Jahren fanden aber wieder um ſo weniger ſtatt; der Ausfall gegen 1862 beträgt faſt überall 33 %, nicht ſelten bis 50 %. In den kleinen Ackerbauſtädten iſt der Fortſchritt ein geringer; die Hauptanziehungskraft haben die größern Städte Dresden, Freiberg, Meißen. Eine weſentliche Zunahme mußte beſonders da erfolgen, wo vorher Verbietungsrechte waren. Daß aber die Grundverhältniſſe des Handwerksbetriebs dadurch keine andern geworden ſind, geht aus zweierlei hervor. Ein mal hat nach Rentzſch der Zuwachs der Geſellen und Lehrlinge mindeſtens gleichen Schritt gehalten mit der Vermehrung der Niederlaſſungen. Und dann hat der geſammte Perſonalbeſtand ſowohl an ſich als gegenüber der Bevölkerung ſich nicht weſentlich geändert. „Von 302 Gewerben“ — ſagt Rentzſch — „hat eine Steigerung des Perſonalbeſtandes nur bei 92 der aufgezählten Gewerbe ſtattgefunden und darunter in Bezug auf die Arbeitgeber nur bei 56, in Bezug auf das geſammte beſchäftigte Perſonal nur bei 57 über das Wachsthum der Bevölkerung hinaus.“
In der Stadt Leipzig erfolgte ebenfalls — nach den Handelskammerberichten35 — der Hauptandrang 1862; es ergaben ſich 986 Anmeldungen, im Jahre 1863 ſinken ſie ſchon auf 568. In der Hauptſache erfolgt der Andrang nicht auf das eigentliche Handwerk; von den 986 Anmeldungen bezwecken 163 die Eröffnung von Schankwirthſchaften, gegen 100 Detailhändlergeſchäfte aller Art; außerdem ſind die Schneider (35), Schuhmacher (46) und Tiſchler (40) noch etwas ſtärker vertreten. Geklagt wird nur über allzu ſtarken Andrang im Kleinhandel. Sonſt wird konſtatirt, daß die große Umgeſtaltung, die der eine gefürchtet, der andere gehofft habe, in der Hauptſache bis jetzt noch nicht eingetreten ſei. „Die gefürchteten und gehofften Erſcheinungen“ — ſagt der Bericht — „waren wohl auch meiſtens der Art, daß ſie erſt im Verlaufe eines längeren Zeitraumes eintreten können; weder ein Verluſt an Selbſtändigkeit ſeitens der kleinern Meiſter gegenüber dem Kapitale, noch die wegen Wegfalles des Lehrzwangs gefürchtete Verſchlechterung oder die von anderer Seite gehoffte Verbeſſerung der techniſchen Fertigkeiten und Kenntniſſe, und endlich größere Billigkeit der Arbeit vermöge größerer Theilung der Arbeit und häufigerer Verwendung von Maſchinen iſt bis jetzt im Großen und Ganzen auffällig bemerkbar geworden. Und wenn auch manche Erſcheinungen dieſer Art allerdings bereits vorliegen, wie z. B. der überall wahrgenommene Uebergang des Schneidergewerbes zur Magazinſchneiderei und damit verbundene Unſelbſtändigkeit kleinerer Meiſter, fabrikmäßiger Betrieb des Zimmergewerbes, der Schloſſerei, der Klempnerei, der Böttcherei, der Schuhmacherei, ſo iſt hierin wohl mehr die Entwickelung der Gewerbe überhaupt, als gerade eine Folge der Gewerbefreiheit zu erblicken, wie denn auch einige dieſer Erſcheinungen bereits weit hinter Einführung der Gewerbefreiheit zurückreichen.“
Aehnlich lauten auch die ſpätern Berichte. Der Gewerbefreiheit wird nachgerühmt, daß ſie ſchärfere Konkurrenz bringe, die Intelligenz anſpanne, aber mehr in den höhern gewerblichen Kreiſen, als im eigentlichen Handwerk.
Die Gewerbefreiheit iſt heut zutage unentbehrlich, weil die alte Abgrenzung der Arbeitszweige zur Unmöglichkeit geworden iſt. Das aber, was die Maſſe, an ihr lobt und tadelt iſt für das Gemeinwohl gleichgültig; denn der eine tadelt ſie, weil unbequeme Konkurrenz für ihn entſteht, der andere lobt ſie, weil einige Unbequemlichkeiten und Förmlichkeiten ihm erſpart ſind. Das, was an Segen für das Gemeinwohl der Weiterblickende von der Gewerbefreiheit erwartet, iſt etwas anderes, es kann eintreten, aber es muß nicht immer eintreten.
Man erwartet, daß die wirthſchaftliche Freiheit andere Sitten, andere Eigenſchaften, andere Menſchen ſchaffe, daß, wenn zunächſt nur Einzelne ſich mehr an- ſtrengen, die andern durch die Konkurrenz gezwungen werden, ihnen zu folgen. Das geht jedenfalls lang- ſam; nur von Generation zu Generation ändern ſich Sitten und Menſchen. Mögen die Folgen aber etwas früher oder ſpäter kommen, nur und ausſchließlich günſtige Wirkungen könnten dann eintreten, wenn alle Gewerbtreibende rührig und dem Fortſchritt geneigt wären, wie ſo häufig Nationalökonomen und Politiker glauben, die nur höher ſtehende Fabrikanten und Kaufleute perſönlich kennen. Da daß nicht immer der Fall iſt, ſo kann die Gewerbefreiheit in einzelnen Kreiſen ziemlich wirkungslos bleiben, ja ſie kann umgekehrt durch den Konkurrenzkampf einen großen Theil der Handwerker tiefer herabdrücken, ſie wird es leicht thun, wenn nicht zugleich andere Mittel und Einwirkungen pſychologiſcher und realer Art dieſelben faſſen und vorwärts bringen.
Wenn der radicale Volkswirth gerne bereit iſt, zu erklären, alle welche durch die Gewerbefreiheit nicht vorwärts kommen, ſeien werth zu Grunde zu gehen, ſo zieht er in ſeinem Urtheil eine ſchroffe Scheidelinie, die den Thatſachen des des Lebens gegenüber als unwahr erſcheint, ſo überſieht er neben zwei Extremen, welche wenige Perſonen zählen, die große Zahl derer, welche zwiſchen beiden in der Mitte ſtehen.
Die Gewerbefreiheit ſchafft einen leeren Raum; aber ſie garantirt nicht, daß alles, was in dieſem Raume wächst, geſund ſei. Will man das gewiß behaupten, ſo muß man den Boden, die Pflanzen, alle witwirkenden Urſachen noch genau unterſuchen; dann erſt hat man ein ſicheres Urtheil über das wahrſcheinliche Reſultat.
Dieſe mitwirkenden Urſachen ſind gar mannigfaltig; lokale Sitten und Zuſtände, wie allgemeine Thatſachen kommen in Betracht. Die Technik, die Produktion bildet ſich um, der Verkehr ändert ſich. Die Bevölkerung wächst in einer früher nie erlebten Weiſe. Und wenn die heranwachſenden Ueberſchüſſe derſelben bis in die dreißiger und vierziger Jahre Platz fanden in dem ſchon ſeit alter Zeit reichlich beſetzten Handwerk, ſo änderte ſich das ſpäter um ſo mehr. Es trat die Stockung, die Stabilität, ja theilweiſe eine Abnahme ein. Das Mißbehagen einer Uebergangszeit drückt ſich allerwärts aus. Eine veränderte geſchäftliche und ſociale Schichtung der Geſellſchaft vollzieht ſich, die vorerſt zum mindeſten nicht nach allen Seiten hin als eine erfreuliche betrachtet werden darf.
