Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe

Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr im 19. Jahrhundert.

19.760 Wörter · 78 Fußnoten

Die Umgeſtaltung von Produktion und Verkehr im 19. Jahrhundert.

1. Die Urſachen.

Wenn ich in den bisherigen Betrachtungen ver- ſuchte, die äußerlichen Geſammtreſultate der Geſchichte des Handwerks zu verzeichnen, die Zu- und Abnahme, die wirthſchaftliche Blüthe oder den wirthſchaftlichen Verfall der deutſchen Kleingewerbe in den einzelnen Epochen der erſten Hälfte des 19. Jahrhunderts feſtzuſtellen, ſo habe ich dabei die mancherlei Urſachen, den Einfluß der Geſetzgebung, die Rückwirkung der allgemeinen wirth- ſchaftlichen Zuſtände auf das Handwerk da und dort berührt, aber ich habe es abſichtlich vermieden, prinzipiell die Hauptfrage zu erörtern, nämlich die, welche von den verſchiedenen Urſachen des Umſchwungs die wichtigſte ſei. Darauf komme ich nunmehr.

Die Antwort ſcheint einfach, jeder Laie hat ſie auf der Zunge, ſie iſt in dieſer bekannten Faſſung von mir auch in den bisherigen Unterſuchungen gleichſam als ſelbſtverſtändlich vorausgeſetzt. Die Fabrik, ſagt man, hat das Handwerk verdrängt; die große Induſtrie ſiegt allerwärts über die kleine. Nur die großen Betriebe entſprechen den heutigen Anforderungen, können vor der ſtärkeren Konkurrenz der Gegenwart Stand halten.

Es iſt das bis auf einen gewiſſen Grad ja richtig. Aber der Satz iſt zu allgemein, rückt zu verſchiedene Dinge unter einen Geſichtswinkel, als daß man ſich dabei befriedigen könnte.

Fragen wir, woran man in erſter Linie denkt, wenn man von der Großinduſtrie ſpricht. Man denkt an die Maſſenproduktion, an die größere Zahl von Arbeitern, die in einem Unternehmen, meiſt in denſelben großen Gebäuden vereinigt ſind, an die Arbeitstheilung, die mit der Zahl der Perſonen einer und derſelben Unternehmung wächſt. Man denkt vor Allem an die neuen Kraft- und Arbeitsmaſchinen.

Die Dampfmaſchine und die Turbine arbeiten billiger als jede thieriſche und menſchliche Arbeitskraft. Man hat berechnet, daß nach engliſchen Preiſen die Arbeit von Pferden 10 mal, die von Menſchen 90 mal, nach deutſchen Preiſen die von Pferden 2,2 mal, die von Menſchen 36 mal ſo theuer ſei, als die der Dampfmaſchine. 1 Mag die Berechnung ganz genau ſein oder nicht, ſie giebt der Phantaſie ein Bild der Aenderung. Und wichtiger vielleicht noch als die techniſchen Fort- ſchritte in den Motoren ſind die Fortſchritte in den Arbeitsmaſchinen, in den Spinn- und Webſtühlen, in den Walzwerken und Dampfhämmern, in den Maſchinen aller Art. Sie ſparen an Arbeit und Stoff, ſie vollenden in Sekunden, zu was man früher Stunden und Tage brauchte. Mit ihnen kam in die techniſche Seite der Produktion jene wunderbare Ausnutzung aller Naturkräfte, jene ſcharfſinnige Ueberlegtheit, welche — die großen Fortſchritte der Wiſſenſchaft benutzend — die Natur- und Menſchenkraft zu komplizirten Geſammtlei- ſtungen auf die ſinnreichſte, koſtenſparendſte Art verbindet.

Außerdem aber denkt man, wenn man von der Großinduſtrie ſpricht, an die Verkehrsvortheile großer Geſchäfte, an die Leichtigkeit, ſich überall, auch in der Ferne, Abſatz zu verſchaffen, an die Vortheile ſozialer und geſchäftlicher Verbindungen. Je großartiger die Geſchäfte ſind, deſto größer iſt der Kredit, mit dem das große Kapital noch zu vergrößern, die großen Leiſtungen noch zu verdoppeln ſind. Je größer die Geſchäfte ſind, deſto leichter rentirt es, in der Preſſe und in der Oeffentlichkeit für die Intereſſen der ſpeziellen Induſtrie zu wirken, hochbeſoldete Literaten in Dienſt zu nehmen, die Regierung für das Gedeihen der Induſtrie zu intereſſiren.

Ich will mich bei dieſer Schilderung nicht aufhalten; ſie iſt ſchon oft 2 von Meiſterhand ausgeführt worden; ich könnte nur Bekanntes wiederholen. Es handelt ſich hier nicht darum, dieſe Aenderung zu ſchildern, ſondern konkreter die Frage zu ſtellen dahin, ob und in wie weit auch bei uns im Zollverein dieſe Richtung auf größere Betriebe ſich geltend gemacht hat.

Man wird es nicht leugnen können. Jede techniſche Beſſerung des Betriebs muß ſich bei freier Konkurrenz auf die Dauer Geltung verſchaffen, und es iſt gut, daß ſie es thut; denn jede techniſche Beſſerung iſt ein wahrer Fortſchritt der Kultur. Wir ſehen auch deshalb den Großbetrieb unerbittlich bei uns wachſen. Das durch- ſchnittliche Anlagekapital jeder Spindel in der Baumwoll- und Flachsſpinnerei nimmt ab, je größer die Spindelzahl iſt; jährlich wächſt die Durchſchnittszahl der Spindeln einer Spinnerei; ſie war in Preußen 1837 - 828, 1846 - 1126, 1858 - 2627, 1861 - 5783 Spindeln in der Baumwollſpinnerei. Die Etabliſſements ſteigen 1837 bis 55 von 152 auf 209, ſinken 1858 auf 127, 1861 auf 69. Aehnlich geht es in vielen Branchen der Gewebeinduſtrie, beſonders auch in den Hülfsgewerben, den Färbereien, Bleichen, Appreturanſtalten. Für ſie ſind techniſche Kräfte ausgezeichneter Art ein Bedürfniß. Solche können nur in großen Etabliſſements angeſtellt, voll beſchäftigt und bezahlt werden.

Von immer größerer Wichtigkeit werden die Unternehmungen, welche uns die Brennſtoffe und die Metalle liefern. Auch ſie zeigen dieſelbe Tendenz. Die kleinen Torfſtiche rentiren kaum; immer mehr bilden ſich große Anſtalten, die den Torf als Brennmaterial, Leuchtmaterial, als Düngemittel zu chemiſchen Zwecken in ſyſtematiſcher Weiſe ausnutzen. 3 Die Leiſtung jedes Arbeiters in den Steinkohlenbauten der Ruhr war 1855 noch 700, 1864 986 Tonnen; die Zahl der Werke hat nicht zugenommen, aber ihre Größe. Mit ihr haben ſich die techniſchen Einrichtungen, die Maſchinen verbeſſert, und dadurch wird die größere Leiſtungsfähigkeit jedes Arbeiters erreicht. 4 Die Jahresproduktion eines zollvereinsländiſchen Steinkohlenwerks war 1848 - 148344 Zentner, 1857 - 354694 Zentner. 5 Aehnlich geht es mit allen Bergwerken. Die in Spekulationszeiten in großer Zahl auftauchenden kleinen Gruben, ſagt die Zeitſchrift des ſächſiſchen ſtatiſtiſchen Bureaus,6 verſchwinden immer bald wieder, theils durch Konſolidation, theils durch Auflaſſung; aber die größern ſtärken ſich und dehnen ſich aus, ſo daß — mit Ausnahme des Kobaltbergbaues, welcher die frühere Höhe nicht wieder erreichen dürfte — ſowohl nach Arbeiterzahl, als nach Produktion alle Hauptzweige des Bergbaues thatſächlich trotz der Verminderung der Grubenzahl im Steigen begriffen ſind. Und nicht viel Anderes als von den Bergwerken wird von den Hütten- und Eiſenwerken berichtet. Ein kleiner Hochofen nach dem andern wird ausgeblaſen, nur die großen halten ſich. Die Leiſtungsfähigkeit der großen Eiſengießereien und Maſchinenfabriken wächſt mit dem Umfang. Bei Krupp in Eſſen, erzählt ein Augenzeuge, ſind zur Erzeugung des Gußſtahl 240 Schmelzöfen in einer Gußhütte aufgeſtellt; beim Guß wirkt eine eigens dazu beſtimmte gut eingeſchulte Brigade von 800 Mann nach dem Kommando mit einer ſtaunenswerthen Präziſion zuſammen, wobei bis auf die Sekunde jeder Handgriff, jede Leiſtung in den Zuſammenhang des Ganzen paſſen muß. 7

Die kleinen Ziegeleien können nicht mehr konkurriren mit den beſſer eingerichteten großen. „Ein Hofmann’ſcher Ringofen veranlaßt manche Feldziegelei zum Eingehen.“ Die Steingutfabrikation und die Glasinduſtrie leiden unter der Holztheuerung; ſie können nur durch ganz große, techniſch vollendete Heizeinrichtungen und Uebergang zur Steinkohle billig genug produziren. 8 Die Zahl der Branntweinbrennereien im Zollverein hat von 11225 im Jahre 1851 auf 7711 im Jahre 1865 abgenommen, die Produktion iſt auf das Anderthalbfache geſtiegen. Von den Zuckerfabriken machen die großen die beſten Geſchäfte. Die alten kleinen Mahlmühlen, welche für Kunden um Lohn arbeiten, ver- ſchwinden wenigſtens in den Städten, große Dampfmühlen, techniſch vollendet eingerichtet, treten an die Stelle und ſie arbeiten nicht mehr um Lohn; der Dampfmüller macht eigene Geſchäfte, um zugleich alle Vortheile des Preiswechſels und der großen Spekulation auszunutzen. 9 Die Zahl der ſämmtlichen Dampfmaſchinen nimmt nicht ſo zu, wie ihr Umfang; die Zahl derſelben ſtieg im Königreich Sachſen von 1856 bis 1861 um 82 Prozent, die der Pferdekräfte um 119 Prozent. 10

Ich habe dieſe zahlreichen Beiſpiele der immer großartiger ſich entwickelnden Großinduſtrie abſichtlich angeführt, um dadurch von ſelbſt den Einwand hervorzurufen, den ich machen muß; nämlich den, — was hat dieſe ganze Entwickelung mit dem Handwerk zu thun? Was ſchadet es dem Bäcker und Fleiſcher, dem Schuhmacher und Schneider, dem Tiſchler und Schloſſer, wenn die Spinnereien und Färbereien, die Gruben und Hütten, die Brennereien und Mühlen immer größer werden? Das iſt eine Sache für ſich.

Dieſer Einwand iſt richtig; er zeigt uns wenigſtens, daß die landläufige Phraſe, die Großinduſtrie habe das Handwerk verdrängt, die Sache nicht erſchöpft. Viele, man könnte ſagen die meiſten, Großinduſtrien berühren das Handwerk nicht direkt; ſie beziehen ſich auf neue Betriebe, auf ſolche, welche nie dem Handwerk angehörten; daß ſie ſelbſt in immer größere Etabliſſements ſich konzentriren, kann dem Handwerk nicht ſchaden. Ihr Wachsthum muß im Gegentheil, wie das Wachſen der Verkehrsanſtalten, der Eiſenbahnen, der Poſten, mehr Handwerker beſchäftigen.

Es gilt dieß freilich nicht von allen den heutigen großen Fabriken und Etabliſſements; die Spinnereien haben allerdings die profeſſionsmäßigen Spinner verdrängt; die ganze Gewebeinduſtrie iſt heute noch mitten im Kampf zwiſchen Handwerk und Fabrik begriffen; ähnlich ein Theil der Metallinduſtrie und der Holzwaareninduſtrie.

Aber immer ſind das nur einzelne beſtimmte Gewerbszweige, die ſo direkt mit den Fabriken zu kämpfen haben. Und doch ſehen wir in der Geſammtheit der Kleingewerbe Aenderungen, deren Urſachen wir uns klar zu machen haben. Um dieſen näher zu treten, müſſen wir etwas weiter ausholen.

Die tiefer liegende Urſache, die auch der Mechanik und Technik der Neuzeit erſt die Möglichkeit einer allgemeinen Anwendung verſchaffte, iſt die Aenderung des Verkehrs, aller Verkehrsformen. Ich will nur an einige Thatſachen und Jahreszahlen flüchtig erinnern. 11 Sie werden ſchlagend zeigen, in welch engem Zuſammenhang ſie gerade auch mit der Geſchichte der Kleingewerbe ſtehen.

Alle unſere heutigen Verkehrsmittel ſind neueſten Datums, wenigſtens ihre allgemeine Anwendung. Der engliſche Kanalbau nimmt erſt ſeit 1755 eine größere Bedeutung an; Großbritannien hat 1824 ſchon 528 deutſche Meilen Kanäle; Altpreußen 1866 erſt 94,8. Der engliſche und franzöſiſche Straßenbau beginnt ebenfalls erſt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In Preußen baut Friedrich der Große 1757 die erſte Chauſſee. Erſt 1812 lernt Mac Adam 12 die heute allgemein übliche Methode des Chauſſeebaues in China kennen; erſt gegen 1820 verbreitet ſie ſich in Europa, erſt nun beginnt der größere Frachtverkehr mit ſchweren Laſtwagen ſtatt der kleinen Karren. Im Jahre 1816 exiſtiren in Preußen 3694 Frachtfuhrleute mit 8440 Pferden, im Jahre 1861 9642 mit 27464 Pferden. Straßen (Chauſſeen) zählte man in Preußen: Die Hauptthätigkeit im Chauſſeebau fällt erſt in die Zeit von 1844—1861.

Die erſten modernen Poſten waren von Franz von Taxis zwiſchen Wien und Brüſſel 1516 eingerichtet worden. In Brandenburg richtete der große Kurfürſt eine Landespoſtanſtalt ein, „weil zuvörderſt dem Kauf- und Handelsmanne hoch und viel daran gelegen ſei.“ Es waren Reitpoſten, ſpäter auch Poſtwagen, welche die Poſt von Berlin nach Königsberg in 4, von Amſterdam nach Königsberg in 12 Tagen brachten. Das war eine außergewöhnliche Schnelligkeit, die allgemeines Auf- ſehen erregte. Den Perſonenverkehr übernahmen die Poſten in England und Frankreich früher; in Deutſchland mußte man im 18. Jahrhundert eigenes Fuhrwerk kaufen, Extrapoſt nehmen oder mit den konzeſſionirten Landkutſchen fahren. Sie vermittelten den Perſonenverkehr, aber entſetzlich langſam. „Von Dresden nach Berlin ging die Landkutſche alle 14 Tage, nach Altenburg, Chemnitz, Freiberg, Zwickau ein Mal wöchentlich; nach Bautzen und Görlitz war die Zahl der Paſ- ſagiere nicht ſo ſicher, daß der Kutſcher jede Woche an beſtimmten Tagen abgehen konnte; nach Meißen gingen das grüne und rothe Marktſchiff, jedes ein Mal wöchent lich hin und zurück. Man reiſte auch mit der beſten Fuhre ſehr langſam. Fünf Meilen der Tag, zwei Stunden die Meile, ſcheint der gewöhnliche Fortſchritt geweſen zu ſein. Eine Entfernung von 20 Meilen war zu Wagen nicht unter 3 Tagen zu durchmeſſen, in der Regel wurden 4 dazu gebraucht.“

In England hatte man für die Briefbeförderung ſchon länger die ſogenannten Schnellpoſten. Der preußiſche Generalpoſtmeiſter von Nagler führt ſie 1824 auf deutſchem Boden ein. Es erregt große Bewunderung, daß der Poſtwagen von Berlin nach Magdeburg, der vorher 2 Tage und eine Nacht gebraucht, nunmehr den Weg in 15 Stunden zurücklegt. Die Perſonenpoſten zum Verkehr von Perſonen, Briefen und Paketen zuſammen datiren in Preußen erſt von 1838. Landbriefträger gab es 1846 erſt 571 in Preußen, 1856 ſchon 3868. Das Landbriefträger-Inſtitut beförderte 1850 etwa 7⅘ Millionen Briefe, 1856 ſchon 15 Millionen. 13

Die Briefportoreform ging von England aus; Rowland Hill ſetzt 1840 die einſtufige Taxe durch; 1839 wurden in England 79, 1840 - 186, 1854 - 400, 1862 - 605, 1865 - 720 Millionen Briefe befördert. In Preußen konnte noch 1844 ein Brief bis 19 Sgr. koſten. Von Frankfurt a/M. bis Berlin koſtete er 8 Sgr., von Frankfurt a/M. bis Danzig 15 Sgr. Im Jahre 1844 tritt die Ermäßigung auf höchſtens 6 Sgr. ein. Die Dresdener Poſtkonferenzen von 1847 — 48 und der Poſtvereinstag von 1851 bringen die dreiſtufige Brieftaxe, der norddeutſche Bund 1867 die einſtufige. Die preußiſche Poſt beförderte 1840 - 36, 1854 - 90, 1861 - 140, 1862 - 148 Millionen Briefpoſtgegen- ſtände. Die Hauptentwickelung fällt wieder nach 1850.

Die erſte regelmäßige Dampfſchiffahrt zwiſchen Amerika und England wird 1838 eingerichtet; 1848 beſaß England 1100, 1866 3165 Dampfer; die norddeutſche Handelsflotte zählt 1866 erſt 249 Dampfer. Die großen regelmäßigen Dampferlinien des Weltverkehrs ſind meiſt erſt in den letzten Jahren eingerichtet worden.

Die erſte Eiſenbahn wurde 1825 von Darlington nach Stockton, mehr nur für den Kohlenverkehr eröffnet. Die erſte wichtige Eiſenbahn war die 1830 zwiſchen Mancheſter und Liverpool vollendete. Das preußiſche Eiſenbahngeſetz ſtammt von 1838; erſt im Jahre 184214 kam dadurch Leben in die Sache, daß die Regierung Zinſengarantien übernahm; im Jahre 1847 entſchloß ſie ſich ſelbſt Hand ans Werk zu legen. Im Jahre 1840 exiſtirten in Preußen 17 Meilen Bahn, 1845 - 138, 1850-356, 1855-467, 1860-713, 1866-874 Meilen. Eine Meile Bahn kommt 1866 in Preußen auf 5,8 □ Meilen, in Frankreich auf 5,2, in Großbritannien und Irland auf 2,0, in Belgien auf 1,5.15

Die Telegraphenlinien ſind noch jünger. Die Telegraphie wurde 1840 zuerſt an engliſchen Bahnen angewandt. Erſt 1843 ließ die Direktion der rheini- ſchen Eiſenbahn bei Aachen die erſte kurze Leitung ausführen. Der deutſch-öſterreichiſche Telegraphenverein hat 1856 Linien von 2317, 1865 von 5623 Meilen Länge im Betrieb. Die Anzahl16 der in ganz Preußen beförderten Depeſchen betrug: 17

Damit im Einklang ſteht die Welthandelsentwickelung, die ganz ähnlich in allen europäiſchen Staaten erſt etwa von 1850 an ihren großen Aufſchwung nimmt. Ich belege dieſe Thatſache nur mit einigen engliſchen,18 franzöſiſchen19 und deutſchen20 Zahlen.

Aber nicht bloß auf die großen Welthandelsſtraßen muß man blicken, wenn man das heutige Wachſen des Verkehrs ermeſſen will; eben ſo ſehr muß man ſich erinnern, daß auch der bedeutende lokale Verkehr, die meiſten Vicinalwege, die Landpoſtſtellen, die Landfahrgelegenheiten, die Droſchken und Omnibuſſe in den Städten erſt Kinder der letzten Jahre und Jahrzehnte ſind.

Das Inſtitut der Fiaker entſtand 1630 in Paris. In Berlin21 wurden 1739 durch Friedrich Wilhelm I. 15 Fiaker eingerichtet, die regelmäßig auf einigen der größeren Plätze bereit ſtehen ſollten. Im Jahre 1780 gab es deren 20. Erſt 1815 wurde das Berliner Droſchkenweſen ordentlich polizeilich geregelt. Im Jahre 1836 exiſtirten etwa 300 bis 400 einſpännige Droſchken, 1848-839, 1860-999, 1865 dagegen ſchon 2077.

Die Omnibuſſe für den ſtädtiſchen Verkehr kommen in Paris und London in den zwanziger Jahren auf. In Berlin werden ſie 1846 eingeführt; es ſind 1848 erſt 19 Wagen, 1855-43, 1860-47, 1862-110, 1864 dagegen ſchon 393, die dieſem wichtigen Verkehrszwecke dienen. Noch neuer ſind die Straßeneiſenbahnen; in Berlin exiſtirt erſt ſeit wenigen Jahren die einzige Berlin-Charlottenburger Linie, während hauptſächlich in Amerika es deren in allen großen Städten ſeit 10 — 15 Jahren giebt, und ſie dort einen Hauptfaktor des enormen Anwachſens der Städte bilden.22 Der Höhepunkt ſtädti- ſchen Verkehrs wird freilich erſt erreicht durch die Stadteiſenbahnen mit Dampfbetrieb, wie ſie vollſtändig wohl erſt in London organiſirt ſind. Der Metropolitan Railway23 transportirt jährlich 111 Millionen Perſonen. Jeder ſoll dabei nur eine Stunde Arbeitszeit gewinnen, ſo giebt das in dem einen Jahr ein Plus von Arbeitszeit für die Londoner Bevölkerung von 111 Millionen Stunden oder, wenn man das Jahr zu 300 Arbeitstagen und den Tag zu 10 Arbeitsſtunden rechnet, von 38000 Jahren.

Nicht um ſtatiſtiſche Notizen zu häufen, habe ich alle dieſe Zahlen mitgetheilt, ſondern um durch ſie Maß und Zeit der großen Aenderungen einigermaßen feſtzuſtellen, um durch ſie zu erklären, warum die Kriſis der Handwerker in den vierziger Jahren beginnt, um durch ſie anſchaulich zu machen, daß wir, in Deutſchland wenigſtens, nur einen Theil der ganzen Umwälzung hinter uns haben.

Die frühere Zeit, der die Verkehrsmittel fehlten, mußte alle gewerbliche Thätigkeit lokaliſiren. Produktion im eigenen Hauſe, im eigenen Dorfe, in der eigenen Stadt, wenigſtens im eigenen Kreiſe, das war die Folge davon, daß man Anderes nicht geſehen, nicht kennen gelernt, daß man es, ſelbſt wenn man es kannte, nur ſchwer beziehen konnte. Der perſönliche Reiſeverkehr, der Brief- und Zeitungsverkehr, der uns jetzt leicht und ſchnell Nachricht und Kenntniß des Vollkommenern überall her bringt, iſt ebenſo wichtig für die Aenderung aller Produktions- und Konſumtionsverhältniſſe, wie der ſachliche Verkehr, der uns die Waaren ſelbſt bringt.

Alle größere, alle ſpezialiſirte Produktion, alle weiter gehende Arbeitstheilung iſt erſt mit dieſem Verkehr möglich geworden. Die Art der Produktion, wie ſie früher nur für wenige leicht transportable Luxusgegenſtände üblich war, iſt jetzt erſt auf die Maſſe, auf die Mehrzahl der gewöhnlichen Waaren anwendbar. Deshalb hat dieſer neue Verkehr das Größte wie das Kleinſte geändert. Ueberall und in allen Beziehungen hat er die Fäden des wirthſchaftlichen Lebens auseinandergezogen, künſtlicher und komplizirter geknüpft, er hat geſchäftlich und lokal — dem Wohnorte nach — die Menſchen anders gruppirt, er hat den Handel wie die Produktion, die Anſchauungen und Bedürfniſſe der Menſchen, wie ihre Sitten und Lebensgewohnheiten umgeſtaltet. Durch dieſen Verkehr vor Allem iſt es anders geworden in der Welt, ſeit der Großvater die Großmutter nahm, iſt es anders geworden in Haus und Hof, am Familientiſch wie in der Geſindeſtube, auf dem Jahr- und Wochenmarkt wie im Laden des Städtchens, auf den großen Börſen wie auf den rie- ſigen Stapelplätzen, wo zwei Welten ihre Schätze tauſchen.

Die totale Aenderung der Verkehrsverhältniſſe und die hieraus folgende Revolution in der ganzen Produktion und in der lokalen und geſchäftlichen Gruppirung der Menſchen hat auch die Unzufriedenheit mit der früher beſtehenden Gewerbe- und Niederlaſſungsgeſetzgebung erſt ſo geſteigert, daß ſie mit Recht Beachtung verlangte. Solange die Zuſtände ſich nicht weſentlich änderten, die großen und kleinen Städte, Städte und plattes Land in denſelben Verhältniſſen blieben, da war zwiſchen Gewerbefreiheit und einem Zunft- und Konzeſſionsſyſtem, das liberal gehandhabt wurde, kein ſo großer Unterſchied. Als aber alles in Fluß kam, als alle Zuſtände andere wurden, als die Technik, die Arbeitstheilung, die Ge- ſchäftsorganiſation total andere wurden, ohne daß die Bureaukratie oder irgend Jemand anders die Tragweite der nothwendigen Aenderungen und Ueberſiedlungen auch nur entfernt ermeſſen konnte, da erſt hörte jede Möglichkeit, ein ſtaatliches Zunft- und Konzeſſionsweſen, einen in alter Weiſe polizeilich kontrolirten Detail- und Hauſirhandel der realen Umbildung entſprechend zu leiten, auf. Da mußte man freien Spielraum geben, wenn man auch manchen Mißſtänden, manchem modernen Schwindel dadurch ebenfalls freie Bahn gab. Durch eine bureaukratiſche Leitung ſchadete man zu viel, hemmte man die nothwendige, den Wohlſtand im Ganzen jedenfalls außerordentlich befördernde gewerbliche und Verkehrsrevolution zu ſehr.

Bleiben wir zunächſt beim Kleinſten und Größten, bei der Umbildung der Familienwirthſchaft und der veränderten lokalen Vertheilung der ganzen Bevölkerung ſtehen.

Wenn ich davon ſpreche, was in der Familie ſeit drei Generationen anders geworden iſt, ſo bleibe ich nicht dabei ſtehen, was der Verkehr geändert hat. Es iſt mir gleichgültig, ob der ſich ändernde Verkehr die erſte, die Umbildung der Produktion die zweite Urſache iſt; ich kann nicht genau ausſcheiden, wie viel auf die erwähnten Urſachen, wie viel auf Rechnung des größern Wohlſtandes und Kapitalbeſitzes kommt. Weſentlich iſt mir ja nur, zuſammenfaſſend zu zeigen, wie alle dieſe Urſachen in Verbindung mit der ganzen Lebensrichtung der neuen Zeit dem wirthſchaftlichen Leben der Familie und damit dem Handwerke eine andere Stellung gegeben haben.

Roſcher erzählt nach Eden, daß noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts der Bauer in Hochſchottland Weber, Walker, Färber, Gerber, Schuſter in eigener Perſon war; es galt noch das alte Wort „every man Jack of all trades.“ Das iſt theilweiſe bei uns noch ſo in den rein agrariſchen Gegenden. Noch 1861 kommen in der Provinz Preußen auf 765 gewerbsmäßige Linnenwebſtühle 114550, die in den Bauerhäuſern ſtehen und dort weſentlich mit für den eigenen Bedarf arbeiten. Hoffmann berichtet 1837, daß die Landbevölkerung Preußens meiſt das ſelbſtgewebte ſogenannte Wand, ein tuchartiges ſtarkes wollenes Gewebe, zu Oberröcken und Mänteln trägt. Noch ſchlachtet in vielen Gegenden der Bauer zu Anfang des Winters ſeine Kuh und ein oder zwei Schweine für den Winter, von dem eigenen Backen des Brotes gar nicht zu reden. Noch ſoll in Oberbaiern in manchen Dörfern, wenn ein Haus gebaut wird, die ganze Gemeinde zuſammen helfen. „Am mittleren Inn“ — heißt es in der Bavaria24 — „beſteht noch die Sitte, daß die Bauern mit ihren Leuten unter Beihilfe weniger Handwerker die Häuſer ſelbſt bauen; ſogar die Ziegel zu den Mauern werden nicht ſelten von den Landleuten ſelbſt bereitet; alle Arbeiten der Handwerker, ſelbſt der Tiſchler und Maler, werden auf der ſogenannten „Stör“ beſorgt; der Bauherr liefert die Rohſtoffe, beköſtigt die Arbeiter und zahlt gewöhnlich noch einen Tagelohn.“ Noch iſt es der Polizei nicht ganz gelungen, die Spinn- ſtuben Oberbaierns zu ſchließen, wo die Frauen und Mädchen ſpinnen, die Burſchen Späne ſchneiden und allerhand Schnitzwerk fertigen.

So wie es auf dem Lande noch heute zugeht, ſo und ähnlich ging es im ſtädtiſchen Bürger- oder Beamtenhauſe noch vor 60, noch vor 30 Jahren zu. Weſſen Erinnerung zurückreicht in das großelterliche Haus, das noch vor dem Anfang dieſes Jahrhunderts begründet wurde, der kann ſich eine Vorſtellung davon machen, was wir meinen. Wem dieſe Erinnerung fehlt, der möge einen Blick in Kießelbach’s reizende Skizze über die „drei Generationen“25 werfen. Ich will nur mit einigen Worten an jene Zeit erinnern.

Die Spindel war noch immer das Symbol der Hausfrau; ſelbſtgeſponnenes Linnen zu tragen, war Ehre und Stolz; eine heilſame Sitte war es, daß in allen Kreiſen die Jungfrau nicht für eigentlich berechtigt galt zur Ehe zu ſchreiten, ehe ſie die Ausſteuer aus ſelbſtgeſponnenerLeinwand beſchaffen konnte. Dem Weber des Hauſes wurde das Garn überliefert, er hatte die Leinwand zu fertigen; für die Bleiche ſorgte wieder die Hausfrau. Aber nicht nur an Leinwand, auch an Tuch, ſelbſt an Leder hielt man eigene, ſorgfältig bereitete oder gewählte Vorräthe; die Schränke mußten wohlgefüllt ſein. Das Weißzeug, die Kleider, die Beſchuhung ſelbſt wurden im Hauſe gefertigt; der Schneider, der Schuſter kam dazu als techniſcher Gehülfe.

Auch Polſterwaaren und Betten entſtanden in ähnlicher Weiſe. Von ſelbſt geſchlachtetem Geflügel wurden die Federn durch eine Schaar eigens ſich hiezu vermiethender Weiber ausgeleſen; das Roßhaar wurde ſorgfältig gereinigt; der Polſterarbeiter mehr als jeder andere mußte unter dem Auge der Hausfrau arbeiten, damit die Füllung der Bettſtücke, der Matratzen, der Sophas ſicher mit dem gewählten Material und in der gewünſchten Menge erfolgte. Bei Gründung der Haushaltung, wie bei Erweiterungen derſelben wurde der Tiſchler beauftragt, dieſe beſtimmten Stühle und Tiſche, Bettſtellen und Schränke nach Maß und Vorſchrift zu fertigen. Alljährlich erſchien er wenigſtens einmal bei der großen mindeſtens eine Woche dauernden Reinigung, um zu helfen, auszubeſſern, aufzupoliren.

Dieſer Reinigungszeit ähnlich an Unruhe und Mühſal war die große Wäſche, die alle zwei oder drei Monate gehalten wurde, welche wieder verſchiedene Gewerbe beſchäftigte, von dem Kübler oder Böttcher, der die Gefäße herrichtete, und den Waſchfrauen, die am erſten Tag Morgens um 2 oder 3 Uhr in hellen Haufen vor das Haus rückten, bis zu den Plättfrauen, die am letzten Tag die häusliche Ruheſtörung abſchloſſen.

Wichtiger als All das war die Thätigkeit für Küche und Keller. Das Gemüſe, das Obſt zog man möglichſt im eigenen Garten; man hatte ſeinen Gärtner, der an beſtimmten Tagen erſchien, wie ſeinen Rebmann oder Weingärtner, der den eigenen Weinberg beſtellte, die Rebengelände am Hauſe aufband. Das Holz wurde in großen Klaftern gekauft; eine Reihe von Tagen arbeitete der Holzſpalter mit ſeinen Jungen und Gehülfen im Hauſe. Die Hauptſorge der Hausfrau aber bezog ſich auf die Wintervorräthe, die man theils ſelbſt produzirte, theils einkaufte; bis Alles in Ordnung war, hatten aber mancherlei Handwerker dabei zu thun. Zum Ein- ſchneiden und Einlegen des Sauerkrauts kann eine beſondere Frau mit ihrer Maſchine, den ſelbſtgekauften Weizen oder Roggen ließ man in der Mühle mahlen, das Brot wurde ſelbſt gefertigt; wenn man keinen eigenen Backofen hatte, wurden die Laibe in den Gemeindebackofen oder in den Ofen des Bäckers gebracht und da fertig gebacken. Die Sorge für den Keller und ſeine Weinſchätze, die Sorge für Inſtandhaltung der zahlreichen Fäſſer, die Beobachtung der Gährung des neuen Weins, die Nachfüllung der Fäſſer, in denen der alte Wein ſich befand, das war dem Küfer anvertraut, der jede Woche einmal kam, die Kellerſchlüſſel erhielt und ein paar Stunden ſich im Keller zu thun machte. Der Hauptfeſttag aber war der des Schlachtens. Der Flei- ſcher mit ſeinen Geſellen hatte ein oder mehrere Tage zu thun, bis die einzelnen Stücke in der richtig komponirten Salzlauge lagen, bis die Würſte dutzend- und hundertweiſe im Rauche hingen.

Kam endlich noch Landwirthſchaft hinzu, hielt man Pferde, dann wurde auch der Sattler, der Stellmacher oder Wagner, der Schmied in ähnlicher Weiſe beſchäftigt. Sie kamen ins Haus, zu beſtimmten Zeiten oder herbeigerufen, erhielten einen beſtimmten Tage- oder Stücklohn, theilweiſe Averſalſummen fürs ganze Jahr, daneben meiſt auch Koſt, Brot, jedenfalls einen Trunk Wein, Bier oder wenigſtens Apfelmoſt.

Das Handwerkszeug und einige Hülfsſtoffe hatte der Meiſter zu liefern, ſonſt brauchte er für dieſe Art der Geſchäfte kaum Vorräthe an Rohſtoffen zu halten, noch weniger an fertigen Waaren. Er hatte daneben wohl auch Vorräthe und Waaren zum Verkauf, aber ſelten in ausgedehntem Maße; dazu fehlte der ſichere Abſatz, wie das Kapital. Die Hausfrau mußte alſo die Vorräthe halten. Waaren im Vorrath zu arbeiten, Möbel, Geräthſchaften, Kleider, Schuhe auf Lager zu halten, war auch deswegen nicht ſo leicht wie heute, weil mit dem mangelnden Verkehr die individuelle Liebhaberei, die Eigenart jedes Individuums mehr im Vordergrund ſtand, weil entſprechend dem geringern Wohlſtand die Kaufenden oder Beſtellenden damals viel mehr als heute ausſchließlich der Klaſſe angehörten, die das nicht beſitzen will, was tauſend Andere in gleicher Form haben.

Heute iſt das Alles, beinahe Alles anders geworden in jeder halbwegs moderniſirten Stadt. Vorräthe hält man nicht mehr, — Handlungen aller Art ſind ja in der Nähe, die Jahr aus Jahr ein bieten, was man braucht. Man kauft fertige Hemden, fertige Kleider und Schuhe, fertige Möbel, auf Flaſchen abgezogenen Wein; Brot und Fleiſch wird ins Haus gebracht, theilweiſe gar das Eſſen; die amerikaniſche Sitte, welche auch für ganze Familien das Leben im Boardinghauſe, im Gaſthofe geſtattet, beginnt auch bei uns Nachahmer, Vertheidiger zu finden. In großen Etabliſſements läßt man waſchen. Man hat in den größern Städten weder zum Halten der früheren Vorräthe, noch zur Vornahme aller jener früheren Verrichtungen die Räume.

Der Laudator temporis acti ſieht nur mit Wehmuth dieſe Aenderungen. Und es iſt wahr, daß in der Art und Weiſe, wie früher die Wirthſchaft einer Familie geführt wurde, viele Motive und Veranlaſſungen zu einem geordneten Leben lagen. Vorſicht und Sparſamkeit vor der Ehe, Umſicht und Fleiß, haushälteriſcher Sinn und angeſtrengte Thätigkeit in der Ehe hingen damit zuſammen. Aber ſollten dieſe moraliſchen Eigenſchaften ſo ausſchließlich mit einer einzigen Art äußerlichen Wirth- ſchaftens verknüpft ſein? Sollten die Menſchen nothwendig wichtige Eigenſchaften verlieren, wenn einige äußere Veranlaſſungen zu Fleiß und Sparſamkeit nicht ſowohl ganz wegfallen, als andere Form gewinnen. Die Aenderungen ſind Folgen wahrer techniſcher Fortſchritte, und ſomit muß man ſich ihrer bedienen; immer muß es möglich bleiben, auch mit der neuen Art des Wirth- ſchaftens das Leben ſo zu geſtalten, daß die alten wirth- ſchaftlichen Tugenden dieſelben bleiben.

Und das wird ſelbſt der eifrigſte Freund des Alten zugeſtehen, daß in den höhern Kreiſen die Tugenden des Fleißes, der Thätigkeit nicht verſchwunden ſind, daß ſie nur eine andere Richtung erhalten haben. Es wurde früher für geringen Effekt viel geiſtige und körperliche Arbeitskraft mit viel Geräuſch und viel Unruhe ver- ſchwendet. Die Arbeitskraft der helfenden kleinen Meiſter war nicht ausgenutzt; mit Laufereien, mit Warten und Herumſchlendern wurde viel Zeit verſäumt. Die Leiſtungen nach techniſcher Seite konnten nur unvollkommen ſein. Eine beſſere Zeiteintheilung und Arbeitstheilung gibt jetzt beſſere Leiſtungen und Produkte mit geringerem Aufwand. Das Familienleben hat an Ruhe und an Möglichkeit geiſtiger und gemüthlicher Vertiefung gewonnen.

Weniger freilich wird man das von den untern Klaſſen ſagen können. Da hat die Leichtigkeit, Alles fertig im Laden zu kaufen, ſtatt es durch die Thätigkeit der Hausfrau entſtehen zu laſſen, bis jetzt moraliſch eher ungünſtig gewirkt. Indolenz, Unluſt zu weiblichen Ar beiten, ſelbſt Ungeſchicklichkeit zu backen und zu kochen einerſeits, Frauenarbeit außer dem Hauſe andererſeits ſind zuſammenhängende traurige Beigaben der neuen Entwicklung. Aber auch hier ſind dieſe Folgen keine nothwendigen; überdies iſt gerade in dieſen Kreiſen, beſonders auf dem Lande, die alte Art der Wirthſchaftsführung noch überwiegend und wird es noch lange bleiben.

Aber ich vergeſſe, daß ich hier nicht von den moraliſchen Folgen dieſer Aenderung für das Familienleben, ſondern von den Folgen für den Handwerkerſtand zu ſprechen habe. Der Handwerker war früher ein techniſcher Arbeiter, thätig für eine Anzahl ihm perſönlich nahe ſtehender Familien. Jetzt dagegen tritt das Verkaufen fertiger Waaren immer mehr in Vordergrund; der Handwerker muß die Stoffe einkaufen, Lager halten, mit Borräthen ſpekuliren; dazu gehört Kapital, kaufmänniſche Bildung, eine höhere ſoziale Stellung. Eine viel kleinere Zahl größerer Geſchäfte wird übernehmen, was früher eine größere Zahl einzelner techniſcher Arbeiter d. h. kleiner Meiſter mit den Hausfrauen zuſammen beſorgte.

Ich werde davon im folgenden Abſchnitt noch weiter zu ſprechen haben; vorher iſt es nöthig, noch von der wichtigſten Vorbedingung der ganzen Umwandlung zu ſprechen. All das Erwähnte vollzieht ſich hauptſächlich in den großen Städten. Die veränderte Vertheilung der Bevölkerung iſt mit die wichtigſte Folge der neuen Verkehrsmittel.

Am klarſten hat man die Wirkung der Eiſenbahnen auf die Bevölkerungsvertheilung in den Vereinigten Staaten von Nordamerika vor ſich, und zwar deswegen klarer als irgend wo anders, weil hier die ganze Kultur erſt mit den Eiſenbahnen entſteht. Keine zahlreichen Dörfer und Marktflecken, keine kleinen überall zerſtreuten Städte, ſondern einzelne Farmen und Rieſenſtädte, in denen ſich Handel und Induſtrie konzentriren, die in wenigen Jahren um Hunderttauſende zunehmen, das iſt das Bild, das ſich uns dort bietet.26 Das rieſige Anwachſen der Städte ſpiegelt ſich am ſicherſten in den Boden- und Miethpreiſen. „Eine Wohnung, welche in Leipzig, Dresden oder Berlin 100 Thaler koſten würde, koſtet in den beſſern Theilen von Newyork und Boſton 5—800 Thlr. jährlich.“27 Auch der Ackerboden ſteht in der Nähe dieſer Rieſenſtädte ja höher im Preiſe als in Europa.28

Im alten Europa iſt die Wirkung langſamer; die beſtehenden Verhältniſſe ſtammen aus einer andern Zeit, und ſie bleiben zunächſt maßgebend. Wo der kleine Beſitz vorherrſcht, da exiſtiren ſeit dem Mittelalter die großen Dörfer, die kleinen Landſtädte. Bis zur Zeit der Eiſenbahnen hat der ſteigende Verkehr in der Form der Poſten und der Frachtfuhrwagen dieſe kleinen Ver kehrsmittelpunkte noch begünſtigt. Die Klagen aus dem vorigen Jahrhundert über den Verfall der Landſtädte ſind mehr auf die allgemeinen Urſachen gewerblichen Still- ſtands zurückzuführen; theilweiſe ſind ſie nur Ausdrücke egoiſtiſcher Unzufriedenheit darüber, daß aufgeklärte Regierungen einige Handwerker mehr auf dem Lande zulaſſen; theilweiſe beruhen ſie auf einem Irrthum. Sie beziehen ſich auf Orte, die niemals größer waren, Orte, welche erſt in der Zeit des kleinſtaatlichen Despotismus — der Märkte und der unbeſchränkten Aufnahme von Gewerbtreibenden wegen — die Verleihung des Stadtrechts an ſie durchſetzten, und die nun gegenüber ſtädtiſchen Begriffen und Anſprüchen doch zu klein waren. Ein Rückgang der kleinen Städte als ſolcher iſt ſicher im vorigen Jahrhundert nicht eingetreten. Die kleinen Territorien Deutſchlands beförderten ebenfalls eine gleichmäßige Vertheilung der Bevölkerung; da war eine kleine Reſidenz, dort eine Univerſität, da war Garniſon, dort eine Kriegs- und Domänenkammer, ein Oberlandesgericht.

Dieſe beſtehenden Verhältniſſe ändern ſich nur ſchwer und langſam, aber immer ſind ſchon weſentliche Umbildungen eingetreten. Die volkswirthſchaftlichen Aenderungen machen ſich nach und nach unerbittlich geltend. In Bezug auf die gewerbliche Entwicklung möchte ich vor Allem an die Reſultate von Roſcher’s Unterſuchung über den Standort der Induſtriezweige erinnern.29 Er führt aus, wie im Mittelalter, überhaupt in Zeiten geringen Verkehrs, in Zeiten, in welchen beinahe nur die Luxusinduſtrien ſtärker ſich entwickeln, die Gewerbe den Marktmittelpunkt aufſuchen, da produziren, wo ſie auch gleich verkaufen können. Mit der Zeit, ſo zeigt er weiter, wird das anders. Der Verkehr hat ſich gehoben, der Waarentransport iſt ſchon leichter; in den Hauptſtädten iſt das Leben und der Boden ſchon ſehr theuer geworden; die Maſſeninduſtrien fangen an ſich zu entwickeln, ſie bedürfen der ſchweren Rohſtoffe, der Erze, der Kohlen, ſowie der zahlreichen Arbeiter. Die Induſtrie decentraliſirt ſich, ſie zieht dem Urſprungsort der Rohſtoffe, ſie zieht der Waſſerkraft, dem billigen Arbeitslohn nach. Erſt mit der Vollendung der Eiſenbahnen wird das wieder anders. Die Lebensmittel können nun viel leichter aus weiter Ferne zur Stadt geführt werden. Das Wachſen iſt möglich ohne Steigerung der Lebensmittelpreiſe und der Löhne; und nicht nur Fleiſch und Getreide, auch Kohlen, Eiſen, Wolle, Baumwolle können jetzt billig Hunderte von Meilen weit her bezogen werden. Der billige und leichte Kredit in den Städten, die Leichtigkeit des Abſatzes, die mannigfaltige Förderung durch perſönliche Berührung und perſönliche Bekanntſchaft, die Hülfe ineinander greifender Induſtrien, die größere Möglichkeit, Abfälle zu verwerthen, die techniſchen und künſtleriſchen Bildungsmittel der Großſtädte werden jetzt das Ent- ſcheidende.

Und wie die Induſtrie, ſo konzentrirt ſich auch der Handel; ein Mittelglied nach dem andern fällt aus, weil der Verkehr ſo viel leichter geworden iſt. Der Getreidehandel von Poſen und Breslau geht jetzt direkt an den Rhein; er braucht die vermittelnden Handelshäuſer in Mitteldeutſchland nicht mehr. Der große Holzhandel von Süddeutſchland nach Holland ging früher durch mehrere Hände; der Holzhändler auf dem Schwarzwald, in Heilbronn, in Mannheim verkaufte an den Kölner, der Kölner an den Holländer; jetzt kauft der Commis voyageur des Holländers direkt in den Wäldern bei den Auktionen. Der Kolonialwaarenhandel hat ſich weſentlich umgebildet; der kleinſte Krämer fängt an, direkt von dem Antwerpener und Hamburger Großhändler zu kaufen, um die Speſen zweiter und dritter Hand zu erſparen. Weſtfäliſche Hütten laſſen die Provinz Preußen bereiſen und führen ſelbſt die kleinſten Aufträge direkt aus.30 Die großen Plätze nehmen zu, die kleinen ab. Auf den großen Plätzen iſt jeder Käufer ſicher, durch keine Zufälligkeiten getrübte, durch lebendige Konkurrenz feſtgeſtellte Stapelpreiſe zu erhalten; der Bezug von den großen Plätzen wird durch die billigen Frachten auf weite Entfernungen erleichtert.

Und das ſind noch nicht die einzigen Urſachen, welche heute immer größere Menſchenmengen nach den großen Städten ziehen. Soziale und ſittliche, reſp. unſittliche Motive aller Art wirken da mit; Bildungs- und Erziehungsintereſſen, die Anziehung, welche die geiſtig hochgeſpannte Atmoſphäre jeder Großſtadt übt, das Intereſſe am Mittelpunkt von Politik und Literatur zu ſein, dann wieder die Ausſicht auf erlaubte und unerlaubte Genüſſe aller Art, die Eitelkeit, welche dem Geſellen und Bauerjungen, der in der Großſtadt diente, die Bedientenlivree mit ihren Reizen verführeriſcher macht, als eine ſelbſtändige Stellung auf dem Lande, — auch die Hoffnung auf eine beſſere Armenverpflegung, hauptſächlich aber der Gedanke zahlloſer halb und ganz verlorener Exiſtenzen, dort in dem großen Getriebe irgend eine Chance zu finden, ehrlich oder mit Betrug und Schwindel in dem wechſelvollen Hazardſpiel des großſtädtiſchen Lebens einen Treffer zu ziehen, — all das wirkt zuſammen. Wie einfache Zeiten einen Abſcheu vor den engen Mauern der Stadt haben, ſo ſtürzen ſich hoch- und überkultivirte in den Strudel des ſtädtiſchen Lebens. Im ſpätern römiſchen Reich war das platte Land verödet, Alles wollte an den Genüſſen der Städte theilnehmen.

Ich brauche dieſe allgemeine Richtung unſerer Zeit nicht weiter zu ſchildern; ſie iſt Jedem bekannt; es handelt ſich hier vielmehr wieder, wie bei den obigen Fragen darum, feſtzuſtellen, wie weit ſie bei uns in Deutſchland und ſpeziell in Preußen bis jetzt ſich durchgeſetzt hat, in wie weit ihr andere Thatſachen, die einmal decentraliſirte Induſtrie, die beſtehende Bodenvertheilung, die Anhänglichkeit an die engere und engſte Heimat und manches Andere bis jetzt das Gleichgewicht gehalten haben.31

Berechnet man zunächſt die ganze ſtädtiſche und die ganze ländliche Bevölkerung verſchiedener Staaten nach den Ausweiſen der amtlichen Statiſtik, ſo iſt der Begriff der „ſtädtiſchen Bevölkerung“ ja nicht überall und nicht jederzeit gleich, aber ungefähr laſſen ſich die Zahlen doch vergleichen, wie es auch Wappäus, deſſen Reſultate ich anführe, gethan hat. In Preußen zählen bekanntlich bei den ſtatiſtiſchen Aufnahmen diejenigen Orte als Städte, denen dieſes Prädikat nach dem beſtehenden Verwaltungsrecht zukömmt. Es waren ſchon 1816-935 Orte, 1861 ſind es gerade 1000, von welchen etwa ¾ über 1500, nur wenige unter 600 Einwohner haben. Die Ausdehnung der Bezeichnung „Stadt“ auf eine Anzahl früher nicht ſo bezeichneter Orte iſt von keiner ſo großen Bedeutung, daß nicht zeitlich die verſchiedenen Zahlen verglichen werden könnten.

Die ſtädtiſche Bevölkerung betrug nach Wappäus in den beigefügten Jahren folgende Prozente der Geſammtbevölkerung:

32

Von den engliſchen Zuſtänden iſt man auf dem Kontinent noch ſehr weit entfernt. In einzelnen kleineren Diſtrikten freilich zeigen ſich ſchon andere Verhältniſſe. Es beträgt die ſtädtiſche Bevölkerung: 33 In den andern Regierungsbezirken ſchwankt ſie zwiſchen 9,8 (Gumbinnen) und 31,5 % (Erfurt).

Iſt ſo zunächſt gegenüber andern Ländern die Anhäufung der Bevölkerung in den Städten immer noch eine mäßige, ſo kommt die weitere Frage: iſt das ein ſtabiler Zuſtand, oder beginnen auch bei uns die Verhältniſſe ſich zu ändern?

Horn34 ſucht zu zeigen, daß man die Zunahme der ſtädtiſchen Bevölkerung in Preußen ſehr übertreibe; er ſagt, in den 19 Jahren von 1831 — 49 habe in Preußen dieſe ſtädtiſche Bevölkerung nur zugenommen von 27,4 % auf 28,3 %; das ſei keine weſentliche Aenderung. Die hiervon etwas abweichenden Zahlen Legoyt’s ergeben für Preußen allerdings eine geringere Aenderung als für Frankreich. Die Prozente der ſtädtiſchen Bevölkerung waren nach ihm: Doch iſt das auch für Preußen keine ganz unbedeutende Zunahme und wenn vollends 1858 die Städte 29,6, 1861 30,4, 1864 31,07 % 35 ausmachten, ſo ſieht man, daß der Zug nach den Städten immer nicht ſo klein iſt, daß er von 1831 - 51 vielleicht unbedeutend, dagegen 1851 - 64 ſehr wirkſam auftritt. Und dabei iſt nicht zu überſehen, daß in dem Geſammtdurchſchnitte der Städte die vielen ſtabilen ganz kleinen Landſtädte ſtecken; ohne ſie würde der ſtädtiſche Zuwachs bedeutend größer ſich darſtellen. Das erklärt ja auch allein, daß nach den Berechnungen des amtlichen Jahrbuchs die geſammte ländliche Bevölkerung von 1816 bis 1858 nicht viel weniger zunahm als die ſtädtiſche, von 100: 167, während die ſtädtiſche von 100 : 181 ſtieg.

Was nun aber das Verhältniß der verſchiedenen Städte unter ſich betrifft, ſo iſt klar, daß die Zeit bis gegen 1850 eine andere war, als die von 1850 bis 1869, und ebenſo unzweifelhaft iſt, daß, abgeſehen von den Großſtädten, die Mittelſtädte von den Verkehrsänderungen anders berührt werden, als die ganz kleinen Acker- und Beamtenſtädte. Vollſtändige Unterſuchungen, die dieſe Frage nach allen Seiten hin abſchließend lösten, beſitzen wir leider nicht. Von den vorhandenen hebe ich die von Dieterici und Schwabe hervor.

Dieterici’s Unterſuchung geht auf die Zeit von 1840 - 55. Er ſucht zu beweiſen, daß in dieſer Zeit nicht bloß und nicht am meiſten die großen, ſondern auch die Mittelſtädte zugenommen haben; daß nicht bloß die hauptſtädtiſche Induſtrie, ſondern auch andere Elemente, Bergbau, ländliche Gewerbe, Landwirthſchaft am Wachsthum theilhaben.

Ich führe nur einige Zahlen an. Im Regierungsbezirk Düſſeldorf ſind an mittleren Städten von 1840-55 ſtark gewachſen: Dülken von 100 auf 157, Duisburg auf 165, Eſſen auf 203, Gladbach auf 157, Grevenbroich auf 134, Hückeswagen auf 296, Kaiſerswerth auf 135, Langenberg auf 133, Mülheim an der Ruhr auf 133, Orſoy auf 133, Rheydt auf 153, Ruhrort auf 178, Solingen auf 154, Süchteln auf 169, Velbert auf 155, Vierſen auf 162. Aehnliches zeigt ſich in der Mark: Angermünde ſtieg in derſelben Zeit (1840-55) von 100 auf 136, Bernau auf 141, Bie- ſenthal auf 132, Brandenburg auf 134, Charlottenburg auf 144, Köpnik auf 132, Frieſack auf 132, Kremmen auf 142, Luckenwalde auf 141, Rhinow auf 151, Saarmund auf 158, Spandau auf 143, Werder auf 130, Wittenberge auf 201; das ſind meiſt gegen oder über 3 % jährliche Zunahme. Von den großen Städten (über 30000 Einw.) ſtieg Breslau in derſelben Zeit von 100 auf 131, Köln auf 142, Königsberg auf 118, Magdeburg auf 129, Danzig auf 109, Aachen auf 123, Stettin auf 147, Krefeld auf 174, Barmen auf 134, Elberfeld auf 130, Poſen auf 128, Halle auf 126, Potsdam auf 120, Frankfurt auf 124; ſie ſind alſo meiſt nicht ſo ſtark gewachſen, wie die Mittelſtädte. Von den ſämmtlichen kleinern Städten iſt nur durch- ſchnittlich eine von 11 in dieſer Zeit zurückgegangen; in der Provinz Sachſen z. B. nur Bitterfeld, Düben, Stolberg, Burg, Dardesheim, Hornburg, Kroppenſtedt, Oſterwieck, Salzwedel, Wanzleben, Ellrich, Tennſtedt, Thamsbrück, Treffurt, alſo 14 von 138 kleinern Städten. Die ganze Zeit von 1840—55 hat noch mehr die Richtung auf Decentraliſation der Induſtrie; noch iſt die Wirkung der Eiſenbahnen keine ſo beherrſchende wie ſpäter.

Auch ſpäter aber nehmen nicht alle kleinen, noch weniger alle Mittelſtädte ab. Auf dieſe Zeit und auf die Wirkung der Eiſenbahnen erſtreckt ſich Schwabe’s Unterſuchung. Er faßt ſeine Reſultate in folgenden drei Sätzen zuſammen: „1) Unter den mittleren und kleinern Städten wirken die Eiſenbahnen hauptſächlich auf diejenigen, welche ſich durch einen vorherrſchend gewerblichen oder induſtriellen Charakter auszeichnen. 2) Der Vermehrung der übrigen mittleren und kleinen Städte entziehen die Eiſenbahnen vielfach Terrain, namentlich wird die Bevölkerungszunahme der kleinen Städte ſichtlich abgeſchwächt. 3) Bloß die großen Städte, ſo zu ſagen die Knotenpunkte des Verkehrs, nehmen durch die Eiſenbahnen zu.“ Schwabe illuſtrirt dieſe Behauptungen durch folgende Tabelle. Es betrug in Prozenten der geſammten Bevölkerung die Einwohnerzahl

Ich füge dieſen Zahlen die von mir gemachte Berechnung36 bei, wie ſich die ganze ſtädtiſche Bevölkerung im Jahre 1864 auf die verſchiedenen Größenklaſſen vertheilt. Von den 5,98 in Städten lebenden Millionen Menſchen, welche ſelbſt 31,07 % der ganzen Bevölkerung ausmachen, kommen auf Beinahe die Hälfte der ſtädtiſchen Bevölkerung kommt alſo noch auf die kleinen Städte, welche bis 10000 Einwohner haben, ein Drittel beinahe freilich auf die großen und ganz großen Städte!

Die letzte Tabelle iſt geeignet, die Behauptungen Schwabe’s nicht abzuſchwächen, aber doch ſie auf ihr richtiges Maß zurückführen. Eine große Aenderung iſt im Begriff ſich zu vollziehen, aber noch ſind die frühern beſtehenden Verhältniſſe dadurch nicht weſentlich umge- ſtaltet. Auch jetzt noch wachſen viele kleine Städte, auch jetzt noch nehmen viele Mittelſtädte ſtärker zu, als die ganz großen. Die Induſtrie iſt einmal in vielen Theilen Deutſchlands mehr decentraliſirt, und ſo erfolgt das weitere Wachsthum an den Punkten der beſtehenden gewerblichen Thätigkeit. Im Königreich Sachſen haben viele der Weber- und Bergbaudörfer, der Vorſtadt- und Gärtnerdörfer bis in die neueſte Zeit ſo ſtark zugenommen wie irgend eine Stadt.37 Chemnitz nahm 1861—64 um 18,73 %, alſo jährlich um 6 %, Glauchau in derſelben Zeit um 16,34 %, Oelsnitz um 15,79 %, alſo beide jährlich auch über 5 % zu. Berlin hatte, während die ganze preußiſche Bevölkerung jährlich um ½ — 1½ % zunimmt, 1736 — 85 jährlich um 2,38 %, 1786—1802 jährlich um 1,15 %, 1802—46 um 2,93 %38 zugenommen, erſt in letzter Zeit ſtieg die Zunahme auf 3—4 %39 jährlich. Das iſt eine ungeheure Zunahme, aber immer iſt ſie noch nicht ſo groß, als die der mittleren ſächſiſchen Induſtrieſtädte.

All das iſt ſehr wichtig für das Handwerk. Der Zug nach den Großſtädten vernichtet das kleine Handwerk; die entgegenſtehende Erhaltung der kleinern und der Mittelſtädte friſtet das Daſein des kleinern einfachern Handwerksbetriebs.

2. Die neuere Art der Produktion.

Die letzten Bemerkungen über die Zunahme auch der kleinern Städte deuteten ſchon darauf hin, daß der Umſchwung im Handwerksbetrieb immer bis jetzt nur ein partieller iſt. Mancherlei Umbildungen ſind erſt in ihren Anfängen vorhanden; ſie werden für manche Verhältniſſe, beſonders für das platte Land niemals erreichbar ſein, weil eben hier die Bedürfniſſe, die Verkehrseinrichtungen andere ſind. Die Eigenart mancher Gewerbe und der von ihnen produzirten Waaren ſchließen theilweiſe die modernen Veränderungen aus. Vorerſt aber möchte ich von dieſen letztern Ausnahmen abſehen und verſuchen, die Aenderungen im Allgemeinen zu ſchildern. Ich will dabei die zwei Seiten alles Geſchäftslebens, die Produktion und den Vertrieb der Waaren, in der Beſprechung aus einanderhalten; im Ganzen geht ja auch die reale Richtung des Geſchäftslebens auf eine Trennung beider Seiten, wenn auch einzelne Neubildungen, wie das Magazinſyſtem, nicht ſowohl eine vollſtändige Trennung als eine andere Art der Verbindung von Produktion und Vertrieb bezwecken.

Auch da übrigens, wo der Boden für moderne Einrichtungen vollſtändig vorhanden iſt, bleiben noch viele Handwerksgeſchäfte alter Art, ja es bilden ſich gerade wieder durch die große Induſtrie Verhältniſſe, welche neben den neuern Geſchäften dieſen und jenen Meiſter in alter Weiſe beſchäftigen.

Wie früher als techniſche Gehülfen in den Familien, ſo arbeiten jetzt noch viele kleine Meiſter für große Unternehmungen. Auf großen Gütern iſt ein eigener Schmied, ein Stellmacher nothwendig; mancher Tiſchler und Böttcher liefert ausſchließlich Kiſten und Fäſſer zur Verpackung in eine große Fabrik. Jedes größere induſtrielle Etabliſ- ſement hat ſeine Schloſſer-, ſeine Reparaturwerkſtätte. Mancher Buchbinder iſt ausſchließlich für dieſe oder jene große Verlagsfirma beſchäftigt. Dazu kommen nicht bloß für die großen, ſondern ebenſo für die kleinen Geſchäfte und die Wirthſchaften der Familien die Reparaturgewerbe. Mancher Schloſſer, Schmied, Stellmacher hat in ma- ſchinen- und induſtriereichen Gegenden heute ſo viel mit Reparaturen zu thun, als früher mit Neuanfertigungen. Wo jeder Junge von 10 Jahren eine Taſchenuhr trägt, wird ein Uhrmacher mit Reparaturen mehr verdienen, als mancher mit Uhrenanfertigung in einer Zeit, in welcher auf Tauſende von Menſchen erſt ein Uhrenbeſitzer kam.

Kleine Geſchäfte dieſer Art, die ihren Mann nähren, ſind auch heute noch möglich. Dagegen iſt es meiſt nur ein Zeichen verarmter überzähliger Meiſter, wenn heute wieder das Ausarbeiten in den Häuſern der Kunden zunimmt, wenn z. B. im Regierungsbezirk Arnsberg 1855—57 noch Schneider, Schuſter, Tiſchler und ähnliche Handwerker bei ſolchem „Ausarbeiten“ mit 3 Sgr. täglich und freier Koſt zufrieden ſind, 5 Sgr. ſchon als einen guten Verdienſt ſchätzen.40 Dazu wird heute in der Regel nur die Verarmung den kleinen Meiſter bewegen. Unter Umſtänden freilich, auf dem Lande, kann auch dieſe Art des Geſchäfts noch ganz am Platze ſein.

Meiſt aber verſchwindet ſie; eine andere Art der Geſchäftsführung iſt üblich geworden. Der tüchtige Meiſter ſucht auf Vorrath zu arbeiten, ſucht vor Allem einen mehr als lokalen Abſatz; er verſucht alle techniſchen Fortſchritte zu benutzen; er kauft einzelne Theile, die andere Geſchäfte beſſer liefern, von ihnen, beſchränkt ſich mehr noch in der Anfertigung als im Verkauf auf beſtimmte Spezialitäten; den veränderten Bedürfniſſen dienend, vielfach ganz neue Artikel anfertigend, braucht er verſchiedene Arbeitskräfte; hat er nur zwei bis drei Arbeiter, ſo gehören ſie doch häufig verſchiedenen früher getrennten Gewerben an.

Es iſt damit ſozial ein ganz anderer Stand von kleinen Unternehmern entſtanden, die nicht ſowohl durch die Größe des Geſchäfts und Kapitals als durch die Art des Betriebs vom alten Handwerk und zwar zu ihrem Vortheil ſich unterſcheiden. Viele waren urſprünglich tüchtige Geſellen, oft einfache Arbeiter, manche ſind urſprünglich Kaufleute, — alle nennen ſich aber jetzt mit Vorliebe Fabrikanten, auch wenn ſie nur einen einzigen oder zwei Arbeiter beſchäftigen. Ihre andere ſoziale Stellung beruht weſentlich mit auf ihren Kenntniſſen und ihren Verbindungen. Es ſind Leute, die auf Fortbildungs-, auf Gewerbe- und polytechniſchen Schulen etwas gelernt haben, Leute, die auf Reiſen, auf Jahrmarkts- und Meßbeſuchen ſich Bezugsquellen und Abſatz verſchafft haben. Dieſe perſönlichen und geſchäftlichen Verbindungen ſind in den großen Städten leichter zu erwerben, ſie ſind es oft am meiſten, was dem ungewandten kleinen Manne in abgelegenern Orten fehlt.

Immer gehört zu dieſer Art von Geſchäften einiges Kapital, zu einzelnen ſchon ein bedeutendes. Vielfach aber ſind es Geſchäfte, die in ſehr verſchiedener Ausdehnung betrieben werden können. Techniſche Geſchicklichkeit und Marktkenntniß ſind meiſt wichtiger als ein großes Kapital. So wenig ich leugnen will, daß das große Kapital in manchen Beziehungen durch die Gewalt ſeiner Ueberlegenheit heute unberechtigte Gewinne macht, eine zu ungleiche Vermögensvertheilung noch ungleicher macht, ſo darf man auf der andern Seite da, wo gerade nicht ſowohl das Kapital als perſönliche Eigenſchaften den Ausſchlag geben, das nicht verſchweigen. Unfähigkeit, ſich in Neues zu finden, Unfähigkeit, ſich einer ganz regelmäßigen Thätigkeit zu unterwerfen, Unfähigkeit zu ſparen, wenn der Erwerb einmal flotter geht, niedrige Leidenſchaften, Trunk und Spiel, häusliche Mißverhältniſſe ſind in den tiefern ſozialen Schichten häufiger, als in den höhern. Mag andere moraliſche Fäulniß in den höhern Schichten weit größer ſein, für den wirth- ſchaftlichen Erwerb ſtehen ſie höher, für den wirthſchaftlichen Erwerb neuerer Art fehlen gerade dem Handwerker oft die moraliſchen Qualitäten, die Erziehung, wie Schulze-Delitzſch das auch immer und immer wieder betont.

Als Beweis, daß zu dieſer neuen Art des Handwerksbetriebs nicht ſowohl großes Kapital, als perſönliche Eigenſchaften gehören, führe ich nur einige bekannte Beiſpiele an.

Die Gerberei hat ſich weſentlich umgebildet; es giebt große, aber auch noch mittlere und kleinere gute Geſchäfte. Die lederverarbeitenden Gewerbe ſind ſehr vielfältig geworden. Einzelne Geſchäfte fertigen nur Sattelzeug, andere nur Reiſezeug und Aehnliches. Hiermit verwandt ſind eine Reihe von Buchbinderarbeiten, die zu ſelbſtändigen Geſchäften geworden ſind: die Anfertigung von Etuis, Futteralen, Mappen, Albums, Karten, Portefeuilles. Die Fabrikation von künſtlichen Blumen, von Papiermachéwaaren, von Spielkarten, von Horn- und andern Doſen, von Kämmen, von Düten, Firniſſen, Schmieren, Wichſen liegt meiſt in der Hand kleiner, aber für größern Abſatz arbeitender Geſchäfte. Von den Klempnern ſpezialiſirt ſich heute der eine auf Lampen, der andere auf Wagenlaternen, der dritte auf lackirte Waaren; auch im kleinſten Geſchäfte werden dabei die neuen Maſchinen, die Abkantmaſchine, die Biege maſchine, die Rundſchneidemaſchine angewandt. Geſchäfte, welche eiſerne Möbel liefern, haben einzelne Arbeiter in Berlin und in Frankfurt a/M. zu gleicher Zeit. Die Zuſammenſetzung, die letzte Ausſtattung erfolgt an irgend einem andern Orte. Aehnlich iſt es in vielen Branchen der Metallwaareninduſtrie.

Die Tiſchlerei hat ſich in die verſchiedenſten Zweige aufgelöst; da ſind die Hauptbranchen Bautiſchlerei und Möbeltiſchlerei; jede Branche hat verſchiedene Hülfsgewerbe, welche einzelne Theile, Fourniere, Schnitzerei liefern. Aber jede hat in ſich noch eine weiter gehende Arbeitstheilung. Es giebt Meiſter, die nur Fenſter, die nur Thüren, nur Stücke zu Parketböden fertigen. Thürendrücker und dergleichen aus Horn verfertigen für ein weites Abſatzgebiet zwei hieſige Drechslermeiſter, ſagt der Leipziger Handelskammerbericht von 1866. Einzelne Meiſter legen ſich nur auf Tiſche, andere auf Stühle, wieder andere auf Buffets.41 Verwandt mit dieſen ver- ſchiedenen Tiſchlergeſchäften, theilweiſe in den eigentlichen Holzhandel übergehend, ſind Geſchäfte, die Radfelgen, Speichen, Stäbe, Mauerlatten, Eiſenbahnſchwellen, Telegraphenſtangen liefern, ſolche welche hauptſächlich die Imprägnation der letztern beſorgen.

Der ſtädtiſche Wagenbau, der Eiſenbahnwagenbau, das Tapezier- und Polſtergewerbe braucht eine Reihe von einzelnen Hülfsgewerben, welche die maſſenhafte Anfertigung einzelner Theile übernehmen.

Die Organiſation iſt in all dieſen Branchen ſehr wechſelvoll und verſchieden. Es giebt da meiſt große geſchloſſene Etabliſſements, aber eben ſo oft kleine ſich gegenſeitig in die Hände arbeitende Geſchäfte. Beſonders wo größere perſönliche Geſchicklichkeit und Kunſtfertigkeit gefordert wird, da blühen die kleinen neben den größeren Geſchäften; die einen übernehmen das, die andern jenes. So in der Waffenfabrikation, in der Verfertigung von Beinwaaren, plattirten Waaren, Kupferwaaren, Zinnapparaten, pharmazeutiſchen Apparaten, chirurgiſchen und muſikaliſchen Inſtrumenten. In Silberwaarenartikeln haben Meiſter und Fabrikanten in Berlin zuſammen 1864 112 Werkſtätten mit nur 475 Gehülfen oder Arbeitern.42 Der ſtädtiſche Wagenbau wird in ſehr verſchiedener Ausdehnung betrieben; nur in den ganz großen Städten hat er ſich zu Geſchäften konzentrirt, welche die ganze umliegende Gegend verſehen. Am wenigſten ſind die Nahrungs-, die Bau- und die perſönlichen Gewerbe von der ganzen Umbildung ergriffen, ſie bleiben ihrer Natur nach mehr lokal. Beinahe voll- ſtändig dagegen zur Großinduſtrie übergegangen iſt die Tapeten-, Hut-, Knopf-, Schirm-, Stock-, Seifen- und Lichterfabrikation.

Wenn das Arbeiten für größeren und entfernteren Abſatz in den Vordergrund tritt, ſo macht ſich bald geltend, daß die Geſchäfte am beſten prosperiren, wo ſie in größerer Zahl ſind, wo ſich Fachſchulen für das Gewerbe errichten laſſen, wo die Traditionen im Arbeiter- ſtand die gleiche Richtung haben, wo die Kinder ſchon mit den Handgriffen und techniſchen Vortheilen vertraut werden. Für einzelne Geſchäftsbranchen iſt das nichts Neues; die ſchwarzwälder Uhreninduſtrie, die Bürſtenbinderei in der Pfalz, die Anfertigung muſikaliſcher Inſtrumente und verſchiedener Blechwaaren in den ſächſi- ſchen Gebirgsgegenden, die Kleineiſeninduſtrie am Rhein und in Weſtfalen, die Holzſchnitzerei vieler Gebirgsgegenden, die Strohmanufaktur, die Weberei aller Orten ſind Beiſpiele dafür. Neu iſt es, daß ſich für eine Reihe anderer Gewerbe, die früher nicht in dieſer Konzentration vorkamen, dieſelbe Tendenz zeigt. Die Verfertigung von Handſchuhen, von Schuhen und Stiefeln, die Verfertigung von fertigen Weißwaaren, Hemden, Hemdkragen, von fertigen Kleidern, die Korbflechterei, die Anfertigung von Spielwaaren, Gürtlerwaaren, Beinwaaren — alle dieſe Gewerbe ſind mehr und mehr zu Hausinduſtrien in einzelnen Gegenden geworden.

Die geſchäftliche Organiſation dieſer Hausinduſtrien iſt ſehr verſchieden, je nach dem erforderlichen Bildungsgrad, dem Verdienſt, den techniſchen Hülfsmitteln, die nothwendig ſind. Je höher nach allen dieſen Merkmalen eine Geſchäftsbranche ſteht, deſto mehr werden die kleinen Meiſter ſelbſtändige Unternehmer, Eigenthümer von Rohſtoff und Maſchinen ſein, nur den Verkauf und etwa die letzte Vollendung und Verpackung dem Verleger überlaſſen. Bei der Uhreninduſtrie, bei manchen Produktionen von Metallwaaren übernimmt der einzelne Meiſter nur die Anfertigung beſtimmter Theile; da iſt die Zuſammenſetzung und Adjuſtirung der Waare das Hauptgeſchäft des Verlegers. Je tiefer Bildungsgrad, Geſchicklichkeit und Verdienſt der betreffenden Arbeiter ſteht, deſto leichter kann der ſchlimme Fall eintreten, daß mit einem zu großen Angebot von Arbeitskräften der Lohn gedrückt iſt, der ſelbſtändige Beſitz der Arbeitsmittel aufhört, wie der ſelbſtändige Einkauf des Rohmaterials, daß eine große Zahl verarmter Familien von wenigen Fabrikanten abhängig wird, in der Noth ſich durch betrügeriſche Waarenlieferung zu helfen ſucht, zum verkommenen Proletariat herabſinkt.

Solche Zuſtände ſind es, wo der Uebergang zur Arbeit in geſchloſſenen Etabliſſements nur eine Beſſerung enthält, den Arbeiter unter Aufſicht und Kontrole ſtellt, ihn in geſündere Räume ſetzt, ihm von ſeiner Selbſtändigkeit nichts mehr nimmt, weil ſie doch nicht mehr vorhanden iſt. 43

Außerdem iſt der Uebergang von der Hausinduſtrie zum Fabrikbetrieb in großen Etabliſſements dann angezeigt, wenn große Maſchinen nöthig ſind, die ſich der kleine Meiſter nicht wohl halten kann. Die Maſchinenweberei wird nur ſchwer in die Hütte des kleinen Mannes einkehren. Die Hausinduſtrie der Nagelſchmiede, der Bürſtenbinder, theilweiſe auch der Stickerei gewährt ein zu elendes Auskommen, als daß man nicht ihr Aufhören, ihren Erſatz durch Fabriken wünſchen müßte.

Abgeſehen aber von ſolchen Fällen, kann ſich die Hausinduſtrie, die ſo viele moraliſche und ſoziale Vorzüge hat, ſehr gut halten, und es geht viel zu weit, ihren Untergang allgemein zu prophezeihen. Für eine ganze Reihe von Thätigkeiten hat ſie mit der Nähmaſchine einen neuen Boden erhalten. Aus den ſächſi- ſchen Gegenden der Stick-, Näh- und Konfektionswaareninduſtrie wird berichtet, daß zwar einerſeits die Zahl der Stickmaſchinen in den Fabriken zunimmt und ein bisher noch der Handſtickerei gehöriges Gebiet ſich zu eigen macht, daß dagegen für alle Arbeit, in der die gewöhnliche Nähmaſchine ausreicht, die Hausinduſtrie wieder zunimmt. Der Hauptabſatz der Nähmaſchinen geht nicht an Fabriken, ſondern an Familien, an kleine Gewerbtreibende. Die Nähmaſchine, ſagt der Bericht von Plauen für 1865, 44 wird einestheils im Hauſe des Arbeiters längere Zeit als in geſchloſſenen Etabliſſements und deſſen regelmäßigen Arbeitsſtunden ausgebeutet und anderſeits dort als eigener Beſitz des Arbeiters vor- ſichtiger und pfleglicher behandelt. Der Arbeitgeber iſt frei von eigener Verantwortlichkeit für Verderb und Ver- ſchlechterung; die für Reparaturen erforderliche Zeit wird weſentlich abgekürzt. Manchfach haben die Verleger oder Kaufleute den Arbeitern die Nähmaſchine vorſchußweiſe angeſchafft. Kleine Abzüge am Lohn laſſen ſie ſukzeſſiv ins Eigenthum der arbeitenden Familie übergehen. Sicher ein erfreuliches Zeichen. Schon der eigene Beſitz eines ſolchen Kapitals, die dadurch dem Arbeitgeber gegenüber erreichte Selbſtändigkeit iſt ein Gewinn.

Aber auch ſonſt ſehen wir viele blühende Hausinduſtrien noch heut zu Tage. Ihre Erhaltung gegen über dem Fabrikſyſtem hängt ab freilich in erſter Linie von der Technik, von der Thatſache, ob für eine Produktion ganz große Maſchinen nothwendig werden, dann aber auch von der Geſchicklichkeit, der Rührigkeit, den moraliſchen Eigenſchaften im Kreiſe der kleinen Meiſter. Und All das hinwiederum ſteht im Zuſammenhang mit der geſchäftlichen Organiſation, mit der Thätigkeit von Gemeinde und Staat für Schulen und gemeinſame Inſtitute, mit der Entwickelung des Genoſſenſchaftsweſens unter den Leuten ſelbſt. Oft hat nur das letztere den hausinduſtriellen Betrieb, überhaupt die kleinern Ge- ſchäfte gegenüber den Fabriken erhalten. Beſonders ſchwer iſt es häufig für den kleinen Meiſter guten und billigen Rohſtoff, Leder, Garn, Tuch und Aehnliches zu kaufen. Es iſt nicht zu beſchreiben, wie der kleine Mann, der um jeden Preis Arbeit ſucht, da von gewiſſenloſen Händlern betrügeriſch übertheuert, durch abſichtlichen Lotterkredit in Abhängigkeit gebracht wird. Da wirken die Kreditvereine, die Rohſtoffgenoſſenſchaften Wunder. Ebenſo wichtig freilich ſind die gemeinſamen Verkaufsmagazine und beſonders gemeinſame Waſſer- oder Dampfkräfte mit den entſprechenden Einrichtungen, gemeinſame Walken und Appreturanſtalten für die Weber. Gemeinſame Unternehmungen der letztern Art ſind heutzutage ſchon eher zu Stande zu bringen, auch iſt bei ihnen eine Intervention von Gemeinde und Staat weniger gefährlich als bei den eigentlichen Produktivaſſociationen. Da aber, wo für dieſe die moraliſchen und geſchäftlichen Eigenſchaften bei den kleinen Meiſtern vorhanden ſind, liegt in ihnen ſicher das beſte Mittel, das Handwerk zu retten, ihm einen Abſatz im Großen zu verſchaffen, den kleinen Meiſter der Hausinduſtrie zum Unternehmer zu erheben. Wo ſie gelingen und wo ſie mißlingen, da wiederholen ſie die Lehre, daß meiſt perſönliche Eigen- ſchaften wichtiger ſind oder gleich wichtig, wie die Kapitalbeſchaffung. Uhrmacher, Tiſchler, Weber, Schneider, Schuhmacher, Buchdrucker, Maſchinenbauer, Stellmacher, Metallarbeiter und Klempner ſind es, die bis jetzt auf dem Wege der Produktivaſſociation ſich zu helfen ſuchten. Der Bericht 45 Schulze’s für 1867 zählt bereits 36 ſolcher Unternehmungen auf und er umfaßt nicht alle, welche exiſtiren. Vieles ließe ſich noch über dieſes Thema ſagen. Da es aber ſonſt ſo vielfach beſprochen wird, ſo beſchränke ich mich darauf, nur im Allgemeinen noch einige Bei- ſpiele der ſich erhaltenden Hausinduſtrie zu erwähnen.

Die Korbflechterei iſt heute noch in manchen Gegenden, wo auch für den Abſatz im Großen gearbeitet wird, ganz Sache kleiner Meiſter, z. B. in Frankfurt a. O., wo 30 handwerksmäßige Geſchäfte einen ſchwunghaften Abſatz an Tiſchen, Stühlen, Blumen- ſtändern, Waſchkörben, Körben zum Verpacken haben. 46 Dagegen iſt z. B. die große bairiſche Korbflechterindu- ſtrie in Oberfranken 47 neuerdings mehr und mehr in die Hände großer Kapitalbeſitzer übergegangen. Die Korbflechter erhalten das Rohmaterial vom Fabrikanten entweder zum Kaufe oder gegen Abzug am Lohn, ſie ſind ganz in ſeinen Händen. Die eine wie die andere Geſchäftsform iſt möglich; es handelt ſich für die kleinen Geſchäfte nur um eine richtige Organiſation in Bezug des Rohſtoffs und Vermittlung des Abſatzes. In Berlin exiſtirt ſeit einigen Jahren mit Erfolg eine Genoſſenſchaft von Korbmachern zum gemeinſamen Bezug des Rohſtoffes.

Die bedeutende Achatinduſtrie im Fürſtenthum Birkenfeld und im Regierungsbezirk Trier 48 iſt heute noch ganz Sache der kleinen Achatſchleifmeiſter, Bohrer, Gold- ſchmiede, Graveure, Tombakſchmiede. Man zählte

Ein ſchönes Bild ſich erhaltender Hausinduſtrie gewährt vor Allem die früher ſchon erwähnte Nürnberger und Fürther Induſtrie. Ich will nur Einiges nach der anziehenden Beſchreibung Dr. Beeg’s anführen. 49

Die Gegenſtände der Fabrikation ſind Spielwaaren, Meſſingwaaren und andere Metallwaaren, als Waagen, Gewichte, Schellen, Rollen, Hahnen, Zapfen, Feuer- ſpritzen, phyſikaliſche Apparate, Rechenpfennige, Spielmarken, Blattgold, Draht aller Art, Reißzeuge, Zirkel, Ahlen und Feilen, Ringe, Brochen, Haken, dann Kämme, Brillengläſer, Brillengeſtelle, optiſche Inſtrumente, Drechslerwaaren, Pfeifen, Zigarrenſpitzen, Papparbeiten, Buntpapier, Bilderbogen. Ein Lager Nürnberger Waaren zählt über 14000 Nummern, wobei die Größenver- ſchiedenheiten noch ungerechnet ſind. In dem Packlokal des Nürnberger Kaufmanns ſtehen Kiſten, welche nach Madras und Hongkong beſtimmt ſind, neben ſolchen, die nach Newyork, Mexiko oder Südamerika gehen werden. Der Kundige erkennt an dem Waarenmuſter, an der Verpackung den Beſtimmungsort: der Hornkamm mit dieſen Verzierungen gehört nach Texas; dieſe ſchlanken Haken und Oeſen aus dünnem Draht finden nur in Südamerika Käufer.

Die Produktion, ſagt Beeg, geſchieht in der Regel fabrikartig, aber doch zugleich handwerksmäßig, indem ſich das Handwerk ebenſowohl für die einzelnen Artikel, als ſogar für manche Manipulationen in vielfacher Weiſe zergliedert hat. Die Werkſtätten ſind daher ſeltener in großen Fabrikpaläſten, ſondern meiſtens in den kleinen Wohnungen der arbeitſamen Gewerbtreibenden. Eine Hauptſtütze der kleinen Geſchäfte ſind die verſchiedenen Mühlen, beſonders die vom Magiſtrat 1854 angekaufte, umgebaute und hiefür eingerichtete Schwabenmühle; es werden dort Lokale und Kraftbenutzung an Gewerbtreibende vermiethet. In der Schwabenmühle ſind 48 ſolcher Werkſtätten; man zahlt für 1 □΄ Bodenraum des Lokals 9 Kr., für die Benutzung einer ganzen Pferdekraft 300 Fl., einer halben 160 Fl., einer Viertelskraft 90 Fl. jährlich. Erſt neuerdings haben auch Fabrikbeſitzer angefangen, ihre überſchüſſige Dampfkraft ſo an kleine Leute zu vermiethen.

Die kleinen Produzenten vermitteln theilweiſe den Abſatz ſelbſt, beſonders den in der Nähe, ſie beſuchen die Meſſen in Frankfurt a/M., Leipzig und München. Mehr aber noch überlaſſen ſie den Vertrieb dem Nürnberger Kaufmann, deſſen Lager mit den meiſten Nürnberger Waaren aſſortirt iſt. Der Kaufmann empfängt die auswärtigen Aufträge und beſtellt nach denſelben die mannigfachen Artikel bei den verſchiedenen Werkſtätten gewöhnlich vermittelſt Zettel mit beſtimmter Lieferzeit. Er iſt aber nicht bloß Kommiſſionär; er verſorgt die Gewerbsleute gelegentlich mit neuen Muſtern, hält häufig Lager, läßt Vieles auf Spekulation arbeiten, ſendet Reiſende aus. Die für ihn arbeitenden Geſchäfte ſind aber völlig unabhängig. Es darf — ſo ſchließt Beeg ſeine Erzählung — die glückliche Organiſation dieſer Induſtrie nicht überſehen werden, welche den unabhängigen bürgerlichen Handwerksſtand zur Produktion für den großen Welthandel herangebildet und die Gefahren des Entſtehens eines Proletariates auf ein Kleinſtes ermäßigt hat.

3. Das Verkaufsgeſchäft des kleinen Handwerkers.

Gehen wir nach dieſen Betrachtungen über die Aenderung in der Produktion auf die Aenderung im Vertrieb der produzirten Waaren über. Es handelt ſich dabei um die kleinen Detailverkaufsgeſchäfte, um den Markt- und Meßverkehr derſelben, dann um die größeren Magazine, die in der Regel zugleich irgendwie an der Produktion betheiligt ſind, und um den Hauſirhandel mit Handwerks- und andern Waaren.

Der lokale Verkauf bleibt unentbehrlich, wenn die lokale Produktion auch aufhört. Man will, man muß Läden aller Art in der Nähe haben. Je unbedeutender die eigentlich gewerbliche Thätigkeit des Handwerkers meiſt wurde, deſto mehr trat das Ladengeſchäft in den Vordergrund; man fing an, neben den eigenen fremde Produkte, zuſammen paſſende und nicht zuſammen paſſende Artikel zu führen, wenn man nur Etwas wenigſtens verdiente. Der Buchbinder handelt mit Dinte, Federn und Papier, der Klempner mit Petroleum, der Friſeur und der Bürſtenbinder mit Oelen, Seifen, Parfümerien, alle verſuchen es mit Zigarren. Ein ſolcher Detailhandel war mit einzelnen Gewerben längſt verbunden. Geſetzgebung und Theorie hatten ſich ſchon im vorigen Jahrhundert viel damit beſchäftigt. Bergius meint, 50 das Handwerk verliere jetzt dadurch ſo viel, daß der Meiſter im Laden ſtehe, daß ihm die Krämerei immer wichtiger werde; die Arbeit geſchehe durch nicht beaufſichtigte Ge- ſellen und Lehrlinge; Krämerei und Handwerk ſei nicht verträglich.

Es liegt in dieſem Vorwurf ſicher ein Keim von Wahrheit; der Handwerker mochte häufig ſo viel an techniſcher Geſchicklichkeit verlieren, als er an kaufmänniſcher Gewandtheit und Spekulationsſinn gewann. Aber gleichviel, war der Detailverkauf Bedürfniß, gewann man dabei, ſo nahm er zu. Mochte der alte Zunftmeiſter bedenklich den Kopf dazu ſchütteln, mochten einzelne reaktionäre Geſetze, wie das hannöverſche 51 vom 15. Juni 1848, nochmals den Verſuch machen, dem Handwerker zu verbieten, erkaufte Waaren im Laden auszuſtellen und Handel damit zu treiben; es war zu widerſinnig. Selbſt Vertheidiger der ſonſtigen alten Zunftvorſchriften geſtehen jetzt das wenigſtens, daß jeder Unter- ſchied zwiſchen Handwerker und Kaufmann aufhören müſſe. 52 Das Bedürfniß war da. Wo volle Gewerbefreiheit eintritt, da zeigt ſich als Hauptfolge die ſtarke Zunahme dieſer kleinen Läden, wie ich oben bei Betrachtung der einzelnen Staaten mehrfach hervorhob.

So ſehr das aber mit dem wirklichen Bedürfniß des lokalen Bedarfs zuſammenhängt, ſo wenig läßt ſich verkennen, daß dem Bedürfniß eine noch viel ſtärkere Neigung der Anbietenden entgegenkommt. Der Hannöverſche Handelskammerbericht von 1867 bezeichnet es als eine förmliche Verirrung, daß das Handwerk, unfähig ſeine Produktion zu vervollkommnen, ſich ſo ausſchließlich auf den bloßen Handel gelegt habe; es habe da erſt recht die Macht des großen Kapitals kennen lernen müſſen, und jetzt erſt durch die vielen Mißerfolge klug gemacht, werde es ſich wieder mehr der Produktion zuwenden. 53

Der ſtarke Zudrang iſt pſychologiſch leicht erklärlich. Es iſt, wenn es gelingt von dem kleinen Laden zu leben, das bequemſte Geſchäft; ohne beſondern Fleiß, ohne Arbeit ſitzt der Mann hinter dem Ladentiſch, oft ſtundenlang Zigarren rauchend und Romane leſend. Liegt der Laden gut, ſo geht es doch; liegt er ſchlecht, ſo kommt der Konkurs, ob er ſich etwas mehr anſtrengt oder nicht. Sehr häufig aber kommt er; — ich bin ſicher, daß, wenn die Konkursliſten nach dieſer Richtung die Geſchäfte unterſchieden, ein ſehr großer Theil der Konkurſe als aus ſolchen Verhältniſſen herrührend ſich darſtellen würde. Die Handelskammerberichte beſtätigen das auch. 54 Es ſind dieſelben Motive, die der Schank- und Gaſtwirthſchaft und dem Detailhandel mit Viktualien leicht zu viele und zweifelhafte Exiſtenzen zuführen; es ſind dieſelben pſychologiſchen Urſachen, die in dieſen Kreiſen ſo leicht zu Betrug und Fälſchung führen, zu jenen Mißbildungen des Detailverkehrs, welche die Kon- ſumvereine nothwendig gemacht haben.

Gegen den Betrug kann eine ſtrenge Polizei, gegen den zu ſtarken Andrang auch zweifelhafter Perſönlichkeiten kann zunächſt nur die freie Konkurrenz helfen; abmeſſen läßt ſich das Bedürfniß zumal während der jetzt ſich umbildenden Verhältniſſe nicht.

Aber ſo viel iſt klar, daß gerade bei freieſter Konkurrenz die zahlreichen Geſchäfte derart immer kleine Gewinne machen werden. Nur wenige werden ſich zu einem großſtädtiſchen Magazin emporſchwingen; die andern werden um ſo kleiner bleiben, werden unter dem Niveau des alten Handwerks an Einkommen, wie an ſozialer Stellung des Inhabers ſtehen, werden leicht der Gefahr des Bankerotts, wie der Anwendung betrügeriſcher Mittel verfallen, werden den ſchlechten Lotterkredit fördern, weil ſie nur ſo ihre Kunden, die den ärmſten Volksklaſſen angehören, anziehen. Dennoch wäre jeder polizeiliche Eingriff da heutzutage nicht am Platze. Manchmal erhalten ſolche Ladengeſchäfte dadurch ihre volle ſittliche und wirthſchaftliche Berechtigung, daß Frau und Kinder den Kram und Verkauf beſorgen, während der Mann arbeitet, ſei es im eigenen oder in einem fremden Geſchäfte. Nur indirekt läßt ſich der zu zahlreichen Gründung ſolcher Geſchäfte entgegenwirken, durch Verbreitung techniſcher Geſchicklichkeit, durch Erziehung des ganzen Volkes zur Arbeit, durch eine ſolche volkswirth- ſchaftliche Entwicklung, welche alle tüchtigen Kräfte beſſer verwendet, ſie überhebt, zu dieſem Nothbehelf zu greifen.

Neben dem Verkauf im Laden ſpielt der auf den Wochenmärkten immer noch eine Rolle.

Der eigentliche Wochenmarktsverkehr zwar berührt das Handwerk nicht. 55 Die Hauptſache auf dem Wochenmarkt iſt ja nach Bedürfniß, nach Herkommen und geſetzlichen Beſtimmungen der Kleinverkehr mit Viktualien, welche die ländlichen Produzenten, die Gemüſegärtner oder die Aufkäufer, die Höker zu Markte bringen. Daß auch dieſer Viktualienhandel in den großen Städten ſich umbildet zu ſtehenden Verkaufshallen, großen Ladengeſchäften, iſt eine Sache für ſich, die uns hier nicht weiter beſchäftigt.

Je kleiner aber eine Stadt iſt, deſto mehr trifft man auf den Wochenmärkten noch Handwerkerprodukte daneben aufgeſtellt. Die preußiſche Verwaltung läßt überall grobe Korbwaaren und Töpferwaaren 56 zu. Daneben beſtimmt die Gewerbeordnung von 1845 (§ 78), daß in jedem Regierungsbezirk nach Ortsgewohnheit und Bedürfniß weitere Artikel zum Wochenmarktsverkehr gerechnet werden können. In dieſem Falle dürfen auch andere als Ortseinwohner ſie auf den Markt bringen. Die Gewerbetreibenden des Ortes ſelbſt dürfen natürlich auf dem Markt zur Wochenmarktszeit alle Produkte, alle Handwerkerwaaren verkaufen, wenn ſie nach der Marktordnung eine Bude oder einen Stand haben, reſp. bezahlen. Der Entwurf einer Gewerbeordnung des norddeutſchen Bundes läßt es den Gemeinden offen, die- ſen Rechtszuſtand zu erhalten. 57 Die betreffenden Artikel fanden auch in der Berathung des Reichstages keine weſentliche Beanſtandung. Es liegt auch kein Bedürfniß vor, die Beſtimmungen zu ändern, z. B. unbedingt alle fremden Handwerker auch mit Waaren, die nicht Wochenmarktsartikel ſind, zuzulaſſen. Denn nicht fremde Handwerker, die durch Erklärung einer Waare als Wochenmarktsartikel erſt zugelaſſen werden, ſondern die ſtädtiſchen armen Handwerker ſtellen das Hauptkontingent zu dem Verkauf von Handwerkswaaren auf dem Wochenmarkte.

Es iſt ein zeitraubendes, ſchlechtes Geſchäft. Der tüchtige Handwerksmann, der ſeine Kunden, ſeinen Abſatz hat, läßt ſich in ſeinem Laden, in ſeiner Werkſtatt auf- ſuchen. Es ſuchen ſich mit dem Beziehen des Wochenmarktes die zu helfen, welche die Miethe für einen gut gelegenen Laden nicht erſchwingen können. Es iſt häufig das letzte Auskunftsmittel; deswegen kann gerade eine große Zahl dem Bankerott nahe ſtehender Kleingewerbe den Andrang zum Wochenmarktsverkehr zunächſt ſteigern.

Auch der Jahrmarktsverkehr iſt zu einem großen Theil auf dieſes Niveau herabgeſunken.

Die Jahrmärkte und Meſſen hatten früher einen andern Sinn. 58 Läden, Magazine mit reicher glänzender Auswahl gab es nicht, nach den großen Städten kam man nicht. Man war dem Zunftmeiſter des Ortes preisgegeben, der mancherlei Waaren gar nicht, andere nur unvollkommen hatte. Dem gegenüber ſchufen Märkte und Meſſen Tage und Wochen freier Konkurrenz, eine örtliche und zeitliche Konzentrirung von Angebot und Nachfrage. Der Konſument fand hier alle ſeltenern Artikel, eine reiche Auswahl, billige Preiſe. Der Produzent, der Handwerker fand hier allein die Gelegenheit, ſeinem Vorrathshandel Schwung zu geben. Die Bauern und Gutsbeſitzer der ländlichen Diſtrikte, die Hauptbeſucher des Marktes, richteten ihre Einkäufe an Kleidern und Stoffen, Haus- und Wirthſchaftsgeräth, an Spielwaaren für die Kinder ohnedieß gerne auf beſtimmte Tage und Zeiten, auf die, in welchen ſie ſelbſt verkauft hatten. Die traditionell ſich anſchließenden Volksfeſte, die Schauſtellungen und Thierbuden, die engliſchen Reiter und die Seiltänzer lockten Menſchen und Käufer von fern und nahe an. So waren die Meſſen und Märkte, ehe die Zeit der Eiſenbahnen kam, ein wichtiges Glied unſers Verkehrslebens, wichtig nicht nur für die kleinen und großen Händler, für den Abſatz von Fabrikwaaren, ſondern vor Allem auch für einen großen Theil der Handwerksinduſtrie.

Beſonders einzelne Gewerbetreibende, wie die Lebküchler, die kleinen Weber, vor allen die Schuhmacher, dann auch die Verfertiger mancher Metallwaaren, die Gürtler, Inſtrumentenmacher, Meſſerſchmiede lebten zu einem großen Theile vom Jahrmarktsbeſuch. J. G. Hoffmann 59 meint 1839, die höhere Zahl der Schuhmacher gegenüber den Schneidern gehe weſentlich auf den vielfach üblichen Jahrmarktsbeſuch der Schuſter, der ſo viel Zeit koſte, zurück. Freilich fügt er ſchon damals hinzu: „die Schuhmacher beziehen die Jahrmärkte in dem Maße mehr, worin ihr Gewerbebetrieb armſeliger wird.“

Das iſt jedenfalls heute noch mehr der Fall als damals. Manche zwar brauchen die Märkte und Meſſen zugleich als Berührungspunkte mit Abnehmern und Liefe ranten, die ſie nur ſo ſehen, nur ſo kennen lernen. Aber abgeſehen hiervon, beginnt man einzuſehen, daß bei dem Jahrmarktsbeſuch nicht viel herauskommt. Der tüchtige Geſchäftsmann iſt ſparſamer mit ſeiner Zeit geworden; er widmet ſich ausſchließlich der Produktion oder dem ſtehenden Ladengeſchäft. Das Publikum findet beinahe überall auch ohne Märkte Alles, was es braucht. Immer weniger ſuchen tüchtige Handwerker ihre Exiſtenz auf den Jahrmarkts- und Meßbeſuch zu gründen. — Auch hierdurch iſt dem kleinen Handwerk eine Poſition entzogen, auf die es bisher theilweiſe geſtützt war. Und ſie würde ihm längſt ſchon noch weiter entzogen ſein, wenn in dieſem Verkehr mehr wirkliches Verſtändniß und klares Intereſſe herrſchten, wenn nicht traditionelle An- ſichten der Hausfrauen und Dienſtboten, ſowie der ganzen ländlichen Bevölkerung, anerzogene und ſchwer ausrottbare Irrthümer noch überwiegen würden.

So unzweifelhaft der Beginn dieſer veränderten Stellung der Meſſen und Jahrmärkte iſt, ſo ſchwer läßt er ſich ſtatiſtiſch oder durch anderweite ſichere Berichte nachweiſen.

Das große Meßgeſchäft berührt unſere Unterſuchung nicht direkt; doch ſei beiläufig bemerkt, daß auch es beinahe überall in Rückgang iſt. Das frühere Großmeßgeſchäft beruhte auf Privilegien, auf Ermäßigung der ſonſt übermäßigen Zölle, Geleite, Stapel-, Wage-, Pflaſtergelder. Für die Meſſen trat der Nachlaß ein, die Großhändler und Fabrikanten ſtrömten herbei, um, dieſer Gunſt ſich erfreuend, an den Handwerker und Detailhändler nach Pfund und Elle zu verkaufen. Seitdem dieſe Verkehrs erſchwerungen zum großen Theil wegfielen, hat die Meſſe nicht mehr die alte Bedeutung. 60 Seitdem überdieß der Telegraph, die Poſt und die Eiſenbahn zuſammenwirken, um Angebot und Beſtellung, Probe und Waare, Wechſel und Baarzahlung raſch, billig und ſicher zu vermitteln, ſeitdem Handelsgeſetz und rechtliche Ordnung überhaupt dem Handelsverkehr eine größere Solidität geben, bleibt die Meſſe nur nothwendig für Waaren wie z. B. die Pelzwaaren, die nicht nach Probe zu verkaufen ſind, für Firmen, von denen man nicht gerne nach bloßer Probe kauft. Man will überhaupt manche Waare am Stücke ſehen. Und das iſt auch heute noch richtig, daß die große Auswahl und die Konkurrenz auf der Meſſe die Preiſe häufig noch erniedrigen. Für Leipzig, deſſen Meßgeſchäft allein nicht poſitiv abgenommen hat, kommt noch hinzu, daß ſich hier das ganze Großmeßgeſchäft des Zollvereins konzentrirt hat. Selbſt der Großmeßverkehr Leipzig’s aber, der ja beſonders in Produkten der Zollvereinsinduſtrie immer noch bisher zunahm, iſt nicht ſo gewachſen, wie der übrige Verkehr des ganzen Zollvereins. „Man könnte behaupten, daß der geſammte Meßverkehr Leipzig’s trotz ſeiner quantitativen Steigerung gegenüber dem Geſammtverkehr und der Ge- ſammtproduktion des Zollvereins eine relativ niedrigere Stellung einnimmt, als kurz nach Gründung des Zoll vereins.“ 61 Darüber aber ſind alle Kenner einig, daß nicht bloß in Folge des ſinkenden Großmeßgeſchäfts, ſondern auch aus den andern angeführten Urſachen der Kleinverkauf von Handwerkswaaren auf dieſen Meſſen in Braunſchweig, in Frankfurt a/M., in Frankfurt a/O., in Leipzig nicht mehr die alte Bedeutung hat.

In Bezug auf die eigentlichen Jahrmärkte iſt die Beurtheilung der abnehmenden Bedeutung dadurch ſchwierig, daß ſie meiſt nicht bloß Märkte für Kramwaaren und Handwerksprodukte ſind, ſondern ſich verbinden mit Vieh- und andern Spezialproduktenmärkten. Dieſe letztere Marktart hat heute noch ihre volle Berechtigung. Woll-, Leder-, Flachs-, Vieh-, Leinwandmärkte, Spezialmärkte, auf welchen z. B. Tiſchlerwaaren im Großen verkauft werden, 62 ſind auch heute noch am Platz. Derartige Märkte bilden ſich ſogar täglich neue und erhalten ſo theilweiſe mit den alten Krammarkt.

Außerdem kommt in Betracht, daß die Zahl der Märkte nicht bloß von dem wirklichen wirthſchaftlichen Bedürfniß abhängt, von der Frage, ob in den ſtehenden Läden die Waaren billiger und reeller zu kaufen ſind, auch nicht bloß von Gewohnheit und Einbildung, von der hergebrachten Neigung, ſich auf dem Jahrmarkt an- ſchwindeln zu laſſen, ſondern daneben vornehmlich von der Tendenz der Kommunalbehörden, durch Märkte den Verkehr am Orte zu beleben. Dieſe Tendenz ſelbſt iſt wieder abhängig von den beſtehenden Geſetzen und der beſtehenden Verwaltungspraxis über Jahrmärkte. In Preußen gelten über die Jahrmärkte noch die Beſtimmungen des Landrechtes, welche durch die Gewerbeordnung von 1845 nur näher beſtimmt worden ſind. 63 Das Meß- und Marktrecht wird vom Landesherrn ertheilt, in der Regel nur an Städte. Die Feſtſtellung der einzelnen Märkte erfolgt jährlich durch die Regierung im Einver- ſtändniß mit den betreffenden Ortsbehörden. Je mehr in früherer Zeit durch die Regierungen und Grundherrſchaften Marktprivilegien ertheilt worden waren, nur um eine Einnahmequelle zu Gunſten der berechtigten Ortſchaften zu ſchaffen, um ſo berechtigter erſcheint die Abſicht der preußiſchen Verwaltung, die Zahl der Jahrmärkte wenigſtens einigermaßen zu beſchränken. Dieſe Tendenz zeigt ſich klar in den zahlreichen Reſkripten, welche Rönne mittheilt. Aber ſie ſcheint nicht recht zum Ziele zu gelangen. In Poſen hatte man ſchon 1805 und 1817 die ſämmtlichen Märkte auf dem platten Lande aufgehoben. 64 Und doch heißt es noch 1830 in der Kabinetsordre vom 21. Auguſt 1830, die Majorität des poſenſchen Landtags ſei mit den Staats- und Provinzialbehörden darin einverſtanden geweſen, daß die große Zahl der Jahrmärkte in dortiger Provinz auf die Sittlichkeit der Einwohner ebenſo nachtheilig wirke als auf das Aufkommen des dortigen Verkehrs, und es ſollen daher in keiner Stadt jährlich mehr als vier Märkte gehalten werden.

In Sachſen hat das Gewerbegeſetz vom 15. Oktober 1861 die Tendenz, die Jahrmärkte zu beſchränken. Es ſollen von 1872 an in keinem Orte unter 10000 Einwohnern mehr als zwei, in keinem größern mehr als drei Jahrmärkte jährlich gehalten werden. „Man ſcheint aber“ — ſagt die Zeitſchrift des ſtat. Bureaus 65 — „in den meiſten Fällen dieſe Zeit bis 1872 für den Fortbe- ſtand der alten Einrichtung voll ausnutzen zu wollen. Wenigſtens iſt bis jetzt, nachdem die Hälfte jener Friſt verſtrichen iſt, erſt an ſehr wenigen Orten eine Reduktion eingetreten und beſteht noch an ſehr vielen Orten eine über das vom 1. Januar 1872 ab zuläſſige Maß hinausgehende Zahl von Jahrmärkten.“

Da überall die Intereſſen der Wirthe, der Schau- und Vergnügungsluſtigen, Nebenintereſſen noch ſchlimmerer Art mit dem allgemeinen lokalen Intereſſe zu- ſammenfallen, die Märkte zu erhalten, ſo iſt klar, daß zunächſt mehr ihre Bedeutung als ihre Zahl abnehmen muß. Immer aber zeigt eine nähere Betrachtung ſelbſt der bloßen Zahl der Märkte, 66 daß meine Behauptung im Allgemeinen richtig iſt.

Die Zahl der ſämmtlichen Jahr-, Vieh- und Produktenmärkte war 1858 und 1867 folgende in Preußen:

Beſonders da die Vieh- und Produktenmärkte mitbegriffen ſind, iſt es begreiflich, daß in den öſtlichen Provinzen noch eine Zunahme der Jahrmärkte ſtattfindet. In den verkehrsarmen Strecken des platten Landes im Oſten ſind ſie heute noch am Platz, um Handwerkswaaren, wie Fabrikreſte und Ladenhüter, die in der Stadt nicht mehr gehen, die nicht mehr in der Mode ſind, aber ganz gut noch dem einfachen Bedürfniß ent- ſprechen, abzuſetzen. Dagegen ſehen wir, daß in Pom mern, in Sachſen und am Rhein die Zahl der Jahrmärkte ſchon etwas, wenn auch wenig, abnimmt; in Pommern allerdings wohl nicht in Folge hochentwickelten Verkehrs, ſondern eher in Folge eines gewiſſen Stillſtandes.

Nach dem Stande von 1858 war die Bedeutung der preußiſchen Marktorte und Märkte folgende:

Die dicht bevölkerte Rheinprovinz hat die meiſten Marktorte der Fläche, Weſtfalen der Bevölkerung nach. Je mehr eine Provinz Marktorte hat, deſto weniger bedarf ſie der Märkte. An einem und demſelben Orte wurden durchſchnittlich im Jahre in Weſtfalen am wenig- ſten Märkte gehalten, nämlich 2½, in den öſtlichen Provinzen noch 5—6; die Jahrmärkte haben alſo hier noch eine viel größere Bedeutung. In der Rheinprovinz und Weſtfalen hat der Landbewohner durchſchnittlich bis zum nächſten Marktorte eine oder nicht einmal eine Meile zurückzulegen; er wird öfter, zu jeder Zeit in die Stadt kommen; damit tritt die Bedeutung des Jahrmarkts zurück. In Preußen und Pommern hat der Landbewohner 5—6 Meilen bis zum Marktorte zurück zulegen; da wird er viel ſeltner kommen, aber wenn er kommt, viel zu kaufen haben, und je weniger die Läden der Stadt bieten, deſto wichtiger wird ihm noch die Konzentration des Angebots auf einem Markte ſein. Schleſien hat im Verhältniß zur Bevölkerung die wenig- ſten Marktorte, erſt einen auf ungefähr 20000 Men- ſchen, dafür aber an einem Marktort jährlich 6—7 Märkte. Die Dauer der Märkte (zwiſchen 1,1 und 1,5 Tage auf einen Markt) vermag ich nicht auf allgemeine Urſachen zurückzuführen; es ſcheinen da mehr zufällige Momente zu walten.

Im Königreich Sachſen müßten nach dem hohen Kulturgrad, nach der Dichtigkeit der Bevölkerung, nach den zahlreichen Städten und Flecken mit Läden und Magazinen die Jahrmärkte entſchieden an Bedeutung und Zahl verlieren. Daß dies auch bis auf einen gewiſſen Grad der Fall iſt, beweiſen die Ausſprüche der Handelskammerberichte, wie z. B. der Chemnitzer von 1863 ſagt: „Auf den Jahrmärkten hat ſich das Groſſogeſchäft bis auf ein Minimum reduzirt; ebenſo iſt auch im Detailhandel für reelle Geſchäfte nur noch wenig zu erzielen, da durch den ſich immer mehr verbreitenden Handel in den Städten und auf dem Lande für die Befriedigung der Bedürfniſſe vollkommen geſorgt wird. Dagegen haben die Jahrmärkte jedenfalls den großen nachtheil, daß auf denſelben liederliche und un- ſolide Geſchäftsleute immer noch Gelegenheit finden, ihr 67 Spiel zu treiben und dem ſoliden Verkäufer das Ge- ſchäft zu erſchweren, wenn nicht unmöglich zu machen. Die Bedeutung der Jahrmärkte hat ſich überlebt. Die- ſelben untergraben die Solidität des Kleinhandels, erſchweren an einzelnen Orten die naturgemäße Entwickelung deſſelben und erzeugen und friſten das Daſein eines handeltreibenden Proletariats. Die Verminderung und ſchließlich gänzliche Beſeitigung der Jahrmärkte wird deshalb den veränderten ſozialen Verhältniſſen der Jetztzeit entſprechen.“

Wir ſahen ſchon, daß dennoch die Geſammtzahl der ſächſiſchen Märkte zunächſt keine Neigung zur Abnahme hat. Aber innerhalb der Geſammtzahl liegen weſentliche Aenderungen, indem die Vieh- und Produktenmärkte zu, die Krammärkte abnehmen. Es waren nämlich:68 Dieſe Zahlen beſtätigen ebenfalls die Richtung auf eine ſinkende Bedeutung der Krammärkte.

Wo und ſoweit die Jahrmärkte noch blühen, ſind die ausbietenden Verkäufer, wie auch der Chemnitzer Bericht andeutet, mehr reine Händler und Hauſirer, als Handwerker, es ſind Leute, welche den Handelsvertrieb ausſchließlich treiben und deswegen wieder eher dazu paſſen, als die produzirenden Handwerker, welche durch den Jahrmarktsbeſuch Zeit und Arbeitsluſt verlieren.

4. Die Magazine und der Hauſirhandel.

Wie der tüchtige vorwärtsſchreitende Handwerker den Bezug des Jahrmarkts aufgiebt, um keine koſtbare Arbeitszeit zu verlieren, ſo weiß auch der Händler mit Handwerksprodukten, daß er beſſer fährt, wenn er ſein Ladengeſchäft in der Stadt ſo ſteigern kann, daß es ihn ausſchließlich zu nähren, zu beſchäftigen vermag.

Wir ſprechen von einem Magazinſyſtem da, wo der kaufmänniſche Vertrieb den Schwerpunkt des Geſchäftes bildet. Der Bezug, die Anfertigung der Waaren iſt mannigfach; die Stellung des Unternehmers ebenſo: er iſt bald nur Kaufmann, bald Techniker, immer ein Mann etwas höherer Bildung und ſozialer Stellung. Größeres Kapital iſt die Vorausſetzung, große Vorräthe zur Auswahl bilden die Grundlage des Geſchäfts. Eine vom Geiſt moderner Spekulation geleitete Reklame, glänzende Ausſtattung, koloſſale Schaufenſter, gewandtes Eingehen auf alle Bedürfniſſe des Publikums bilden die Mittel anzuziehen und einen großen Abſatz zu erhalten.

Die Magazine bilden die Hauptklage des kleinen Meiſters, ihre Konkurrenz nimmt ihm die Arbeit und würde ihm häufig noch gefährlicher werden, wenn das Magazin nicht meiſt Baarzahlung verlangte, während die Schneider und Schuſter oft erſt in einem Jahre, oft noch ſpäter bezahlt werden und dieſen ruinirenden Kredit nicht weigern können, da in der That ein großer Theil derer, die zu ihnen noch kommen, es nur thut, weil hergebrachter Maßen dieſer überlange Kredit im Verkehr mit dem kleinen Meiſter üblich iſt.

Aber nicht bloß der kleine Meiſter, auch mancher ſolide Geſchäftsmann warnt bedenklich vor dem Magazin, und es unterliegt keinem Zweifel, — das Magazinſyſtem iſt ſehr vielfach der eigentliche Tummelplatz des modernen Schwindels und Humbugs, ja der eigentlichen Betrügerei. Der Großhandel iſt reeller und ſolider geworden, weil ſich bei ihm in der Regel zwei Sachverſtändige gegenüber ſtehen. Im Laden und Magazin ſtehen ſich meiſt ein Sachverſtändiger und ein Laie, ein mit den Fälſchungen, mit der beſtimmten Waare überhaupt wenig oder gar nicht Vertrauter gegenüber.

Der rechte Spekulant geht aus von dem Grundſatz: mundus vult decipi, ergo decipiatur. Die glänzende Außenſeite der Produkte iſt ihm die Hauptſache, viel weniger die Haltbarkeit, die Solidität. Doch darf man nicht vergeſſen, daß die Waare, die er liefert, meiſt fabrikmäßig hergeſtellt iſt. Sie kann nicht die Vollendung und Haltbarkeit haben, wie ein Produkt, das nach Angabe des Beſtellers gearbeitet, in allem Detail von der Hand des Meiſters ſelbſt geprüft iſt. Iſt die Waare nur entſprechend billig, ſo iſt das kein Vorwurf gegen ſie. Freilich geht oft die Unſolidität viel weiter, wenn es auch nicht oft vorgekommen ſein mag, daß Kleidermagazine geleimte ſtatt genähter Hoſen verkauften, die im Regen bedenkliche Reſultate geliefert haben ſollen.

Aber nicht bloß durch glänzend ausſehende Waare wirkt der Spekulant, der ſein Magazin in die Höhe treiben will. Alle erlaubten und unerlaubten Mittel der Täuſchung und der Reklame werden von gewiſſenloſen Menſchen in Szene geſetzt; und, was das ſchlimme iſt, der eine kann nicht hinter dem andern zurückbleiben, ſo häuft ſich Täuſchung auf Täuſchung, Betrug auf Betrug. 69 Sind wir von amerikaniſchem, engliſchem und franzöſiſchem Humbug noch weit entfernt, ſo ſind dieſe Dinge bei uns doch auch ſchon ſo entwickelt wie irgend wünſchenswerth. Der gewandte Rechtsanwalt und Handelsrichter weiß davon zu erzählen. Wie manchmal iſt der Fall ſchon durch ärgerliche Prozeſſe, die unter den Helfershelfern ausbrechen, ans Licht gekommen, daß der ſpottbillige Verkauf guter Kleider in dieſem und jenem Magazin darauf beruhte, daß der Inhaber für 2000 Thaler einen Tuchvorrath kaufte und baar bezahlte, der 4000—5000 Thaler werth war. Der Verkäufer des Vorraths ſteht vor dem Bankerott und will noch etwas auf die Seite ſchaffen. Er verkauft, betrügt ſeine Gläubiger; Käufer und Verkäufer verpflichten ſich zu ſchweigen; in den Büchern wird die Sache irgendwie vertuſcht, und Niemand erfährt etwas, wenn die ſaubern Geſchäftsfreunde nicht Händel bekommen. Andere Magazine helfen ſich wenigſtens dadurch, daß ſie keine andern Waaren als Konkurswaaren kaufen. Und in bewegter Spekulationszeit machen ſicher immer ſo viele Magazine Bankerott, daß aus ihren Zwangsauktionen billig zu kaufen iſt.

Ich will nicht behaupten, daß auch nur die Hälfte, auch nur ein Drittheil unſerer deutſchen Magazine an ſolchen Unlauterkeiten theilnehmen; aber immer wäre das Bild des Magazinſyſtems einſeitig, wenn man dieſe Auswüchſe nicht erwähnte. Sie ſind um ſo mehr zu erwähnen, als Polizei und öffentliche Meinung bei uns weniger als in entwickeltern Ländern dieſe Dinge verpönen, verfolgen, überhaupt kennen; um ſo mehr zu betonen, als doch trotz aller dieſer möglichen Uebelſtände zuzugeben iſt, daß das Magazinſyſtem heute eine volkswirthſchaftliche Nothwendigkeit iſt.

Der beſte Beweis hiefür iſt, daß ſie trotz aller Klagen über ſchlechte Waaren ein immer größeres Publikum finden, immer mehr zunehmen. Und das hat ein- ſache volkswirthſchaftliche Urſachen. Die Arbeitstheilung zwiſchen Produktion und Vertrieb ermöglicht beſſere Produktion und beſſern Vertrieb. Die Magazine ent- ſprechen dem heutigen Stande der Kapitalanſammlung, der Technik, der Geſchäftsorganiſation. Die Magazine haben Kapital und Kredit, die Konjunkturen zu benutzen, ſie bilden, wo ſie nicht ſelbſt produziren, für die Fabriken oder kleinen Produzenten ſichere, zahlungsfähige Abnehmer; ſie kaufen, wenn ſie ſelbſt produziren laſſen, die Roh- und Hülfsſtoffe billig im Großen ein. Sie liefern billigere Waaren als früher, ſie bieten dem Publikum die große Auswahl zwiſchen fertigen Produkten, die es wünſcht. Die Waarenvorräthe, welche ſie halten, können als eine Art Reſervefonds für das ganze Volk betrachtet werden. Sind nur die Verhältniſſe richtig geordnet, ſo werden Preiſe und Betrieb durch die Magazine eher gleichmäßiger, Kriſen ſeltener. Das Magazin hält eine Mißgunſt der Konjunktur eher aus, als der kleine Meiſter; es wird auf Vorrath arbeiten laſſen, gerade wenn die Löhne gedrückt ſind.

Das Verhältniß der Magazine zu den Arbeitern iſt ſehr verſchieden. Einzelne haben eigene Arbeitsräume, wo ſie Arbeiter und Arbeiterinnen beſchäftigen; ſie ſind ganz auf dem Fuß einer Fabrik eingerichtet; der Arbeiter hier unterſcheidet ſich nur darin vom gewöhnlichen Fabrikarbeiter, daß er ein gelernter Handwerker iſt, dem entſprechend eine andere Stellung und andern Lohn beanſprucht.

Andere Magazine ſind ganz oder faſt ausſchließlich auf Einkauf fertiger Produkte, fertiger Lederwaaren, fertiger Kleider eingerichtet. Sie beziehen dieſelben von Fabriken oder von verſchiedenen Handwerksgeſchäften, welche ſelb- ſtändig die Rohſtoffe einkaufen und verarbeiten, welche ſich ausſchließlich auf einzelne Spezialitäten, z. B. auf die ausſchließliche Anfertigung von Damenmänteln werfen. Solche Handwerker arbeiten dann für eine Reihe von Magazinen, oft für Magazine an verſchiedenen Orten. Ihre Geſchäfte vervollkommnen ſich techniſch, ſind durch ihren Abſatz an verſchiedene Magazine unabhängig; ſie machen häufig gute Geſchäfte; es iſt kein allzugroßes Kapital zum Beginne nöthig. In dieſer Weiſe hat ſich in Thüringen und ganz Mitteldeutſchland vielfach die Schuhmacherei geſtaltet. Die kleinen Meiſter kaufen ſelbſt das Leder — beſonders da, wo Rohſtoffgenoſſen- ſchaften ihnen das erleichtern — und verkaufen die fertige Waare an die Magazine.

Häufig aber beſchäftigen die Magazine die kleinen Meiſter und Arbeiter ſo, daß ſie den Rohſtoff liefern, den Arbeiter in ſeiner eignen Wohnung arbeiten laſſen, ihm nur die Arbeit bezahlen. Von ſolchen Verhältniſſen hauptſächlich geht die vielfach verbreitete Meinung aus, als ob das Magazinſyſtem an ſich identiſch ſei mit Lohnherabdrückung, mit blutiger Ausſaugung des Arbeiter- ſtandes. Dieſe Meinung irrt in ihrer Allgemeinheit ſchon deshalb, weil das Magazinſyſtem ganz verſchiedene geſchäftliche Organiſationen zuläßt, die gerade die Beziehungen zwiſchen dem Arbeiter und dem Magazin ganz verſchieden geſtalten.

Nur ſo viel läßt ſich im Allgemeinen ſagen, daß dem Magazininhaber meiſt der Vertrieb, der Verkauf die Hauptſache iſt, daß ihm die Produktion erſt in zweiter Linie ſteht, daß er alſo deswegen weniger Intereſſe an ſeinen Arbeitern hat, als der eigentliche Fabrikant und als der Verleger der Hausinduſtrie, deren eigenes Gedeihen mit dem Wohle der Arbeiter näher zuſammenhängt.

Ein Theil der Mißbräuche in dieſen Geſchäftsverhältniſſen hängt mit dieſem Umſtande zuſammen; der größere Theil aber hat andere Urſachen, liegt in der allgemeinen Kriſis der Handwerksinduſtrie, in dem zu großen Angebot von Arbeitskräften, beſonders in ſolchen Gewerben, die leicht zu erlernen ſind, in denen der Zudrang groß iſt, weil ſie bisher ohne bedeutendes Kapital leicht die Gründung eines eignen Geſchäfts erlaubten. Auch die früher mangelnde Freizügigkeit, die Schwerfälligkeit in Ueberſiedelungen hat viel mitgewirkt; die Eiſenbahnen haben die Schwerpunkte des gewerblichen Lebens total verrückt; an einem Orte iſt der größte Arbeitermangel, am andern haben die Leute nichts mehr zu thun.

Wo ſo das Angebot an Arbeitern überwog, wo zahlreiche kleine Meiſter unbeſchäftigt waren, da haben die Magazine arbeiten laſſen. Sicher haben ſie die Unkenntniß und die Noth der armen Leute oftmals blutig und entſetzlich ausgenutzt. Aber meiſt geſchah es da, wo ohne die Magazine die Arbeiter gar keine Arbeit gefunden hätten, die Noth alſo noch größer geweſen wäre. Oft auch haben ſich die Schuhmacher und Schneider, welche für Magazine arbeiten, ſelbſt dadurch geſchadet, daß ſie das Magazin im Stiche ließen, wenn dieſes ihre Arbeit am nothwendigſten brauchte. Sie halten es häufig noch für eine Schande, für „die Juden“ zu arbeiten, ſie wollen eine eigene Kundſchaft erwerben und löſen, ſobald in einem günſtigen Geſchäftsjahr die Nachfrage ſteigt, ihren Zuſammenhang mit dem Magazin. Nun kommt wieder eine Geſchäftsſtille; der Verſuch, ein eigenes Geſchäft zu gründen, zeigt ſich als mißlungen; die Erſparniſſe ſind verbraucht. Der Magazininhaber wie der Meiſter ſind gegenſeitig erbittert; jeder ſchiebt den flauen Abſatz dem andern in die Schuhe. Und jetzt gerade muß der kleine Meiſter um jeden Preis Arbeit ſuchen!

So kann das Verhältniß ſein, ſo muß es nicht ſein. Hat ſich nach Umwandlung der Verhältniſſe die Zahl der Arbeitenden in ein richtiges Verhältniß zur Nachfrage geſtellt, iſt die Lage der Leute eine behaglichere, beſſere, beſitzen ſie wenigſtens das nothwendige handwerkszeug ſelbſt, ſind ſie nicht durch Vorſchüſſe von einzelnen großen Unternehmern abhängig, ſo iſt ihre Lage nicht ſchlimm. Es fehlt ihnen die alte Selbſtändigkeit des Handwerks, es fehlt ihnen die Möglichkeit, am Unternehmergewinn theilzunehmen; aber ſie haben ihr geſichertes Verdienſt, und wenn ſie ſehr geſchickt ſind, wenn ſie etwas erſparen, können ſie immer in die Reihe der Unternehmer ſelbſt wieder eintreten.

Die Wirkung der ſtädtiſchen Magazine beſchränkt ſich nicht auf die Städte; die ganze Umgegend der Stadt fängt an, bei ihnen zu kaufen; der ſchöne Laden beginnt auch dem Bauern zu imponiren, der ſtaunend vor den großen Spiegelfenſtern und ihrer Schauſtellung ſtehen bleibt. Die Eitelkeit ſpielt mit: mancher will hinter der Mode nicht zurückbleiben; die neueſte Mode, die neueſte Façon findet man in den großen ſchönen Läden. Die Eiſenbahn erleichtert den Beſuch ſelbſt für den ferner Wohnenden. Wie der Bauer gern in die Stadt, ſo geht der Bewohner des Städtchens gerne auf einen Tag in die Hauptſtadt der Provinz; der wohlhabende Bewohner der Provinzialhauptſtadt aber würde es unter ſeiner Würde finden, wenn er nicht Möbel und Kleider von Berlin bezöge; die vornehme Berlinerin hat ihre Putzmacherin in Paris, nur dort kann ſie die neuen ſeidenen Roben einkaufen und erträglich machen laſſen. Berliner Möbel ſind nächſtens in den Magazinen aller deutſchen Städte; es iſt daſſelbe Holz, dieſelbe Arbeit, dieſelben Modelle; aber der „Gebildete“ reist doch nach Berlin, um dort einzukaufen, und ſicher findet er auch da eine noch größere Auswahl, die ſchönſten Stücke, die billigſten Engros-Preiſe, oftmals freilich auch noch mehr Täuſchung und Betrug, als zu Hauſe.

Aber auch für Denjenigen, der nicht die Reiſen nach der Provinzial- oder Landeshauptſtadt machen kann, hat die wachſende Spekulation Gelegenheit geſchaffen, die Magazinwaaren zu kaufen, durch die wandernden Magazine, welche den Uebergang zu dem eigentlichen Hauſirhandel bilden.

Man wird dieſen Wandermagazinen nicht voll- ſtändig die volkswirthſchaftliche Berechtigung abſprechen dürfen. Wenn an einem Orte ein Geſchäft nicht das ganze Jahr zu thun findet, ſo kann der Wechſel des Ortes von Monat zu Monat am Platze ſein. Die Funktion, neue Bedürfniſſe in abgelegenen Orten zu wecken, iſt ebenfalls eine berechtigte, wenn ſie nicht zu weit geht.

Auf der andern Seite aber iſt ebenſo unzweifelhaft, daß ſolche Wandermagazine mehr als jeder andere Gewerbebetrieb es auf Täuſchung des Publikums, auf Umgehung der Gewerbeſteuer anlegen. Die Reklame, das Aushängeſchild des Ausverkaufs, die verführeriſche Form der Auktionen muß helfen einen ſchnellen Abſatz zu bewerkſtelligen, und bis die Käufer den Schaden merken, iſt das Magazin längſt an einem andern Orte. Was ich oben von den Schattenſeiten der ſtehenden Magazine ſagte, gilt doppelt und dreifach von den wandernden.

Die großen Klagen in Württemberg über derartige Wandermagazine erwähnte ich ſchon oben. Seit die Gewerbeſteuer dieſer Art von Geſchäften geregelt iſt (1865), hat aber das wandernde Ausbieten von ganzen Waarenlagern in Wirths- und Privathäuſern wieder weſentlich abgenommen.70 Das neue Bairiſche Gewerbegeſetz hat trotz ſeiner ſonſt durchaus liberalen Richtung die Beſtimmung, daß die ſogenannten Wanderlager von der ortspolizeilichen Bewilligung ab hängen und einer beſondern Abgabe für die Gemeindekaſſe des betreffenden Ortes unterliegen.71 Der große Erguß von Berliner Spekulanten über Thüringen und ganz Mitteldeutſchland in der Form von Wanderlagern, über den jetzt allerwärts geklagt iſt, ſcheint auch mit einer mangelhaften Regelung der Steuerverhältniſſe zu- ſammenzuhängen; vielfach ſind natürlich die Klagen übertrieben, ſie zeigen theilweiſe nur, daß Konkurrenz kommt, und daß ſie ungeſchickten Meiſtern und uncoulanten kenntnißloſen kleinen Händlern unbequem iſt. Wandernde wie ſtehende Magazine, welche Fabrikwaaren verkaufen, hätten ja überhaupt unendlich weniger zu thun, wenn die Kunden bei den kleinen Meiſtern etwas beſſere und kunſtgerechtere Produkte im Falle der Beſtellung erhielten.

Wenden wir uns endlich zum eigentlichen Hauſirhandel, der freilich nur theilweiſe hierher gehört, nur theilweiſe dem kleinen Handwerker und ſeinem Ladengeſchäft Konkurrenz macht.

Es werden zum Hauſirhandel im weitern Sinne ziemlich verſchiedene Handels- und Gewerbebetriebe gerechnet: Leute, welche ihre Dienſte anbieten, wie Scheerenſchleifer, Keſſelflicker, Topfbinder, Kaſtrirer, die in weiter Ferne herumkommen, und Glaſer, die mit Glasſcheiben und Werkzeug nur in der nächſten Umgegend Nachfrage halten, ob irgendwo eine Reparatur nothwendig ſei; Händler, welche alle Arten von Kramwaaren vertreiben, und ſolche, die von einzelnen Induſtrien aus geſendet, ihre Produkte in die weiteſte Ferne bringen, dieſen Induſtrien vielfach erſt Abſatz ſchaffen; dann wieder Sammler von Abfällen, Aufkäufer von Obſt, Geflügel, Eier, Garnſammler und wandernde Flachsverkäufer, die letztgenannten alles Leute, die mit feſtem Wohnſitz den Verkehr höchſtens auf einige Meilen vermitteln, in kurzen Zeiträumen immer wieder erſcheinen.

Dieſe Verſchiedenheit derjenigen, die man unter dem Begriff der Hauſirer umfaßt, und die bisher nach den meiſten Geſetzgebungen ziemlich gleichmäßig unter den geſetzlichen Beſtimmungen über den Gewerbebetrieb im Umherziehen ſtanden, erklärt auch die Verſchiedenheit der An- ſichten über Werth und Berechtigung des Hauſirhandels. Je nachdem die eine oder andere Art vorwiegt, je nachdem die ſonſtigen begleitenden Kulturzuſtände ſind, muß das Urtheil anders ausfallen. Ich will nur flüchtig anzudeuten ſuchen, wie je nach den verſchiedenen Branchen, je nach den Zeitverhältniſſen der Hauſirhandel zu- oder abnehmen mußte, günſtiger oder ungünſtiger beurtheilt wurde.

Bei ganz rohen Zuſtänden, wie heute noch in vielen Gegenden Nordamerika’s, iſt der Hauſirer der einzige Vermittler mit der übrigen Kulturwelt, der einzige, der Kunſtprodukte, Gewebe, Nadel und Faden, Geräthe und Inſtrumente dem abgelegen wohnenden Landmanne bringt. Der römiſche Hauſirer durchzog die germaniſchen Lande; ähnliche Dienſte leiſtete im Mittelalter der Jude, der Lombarde, der Zigeuner, ſpäter auch viele Deutſche ſelbſt. In armen gebirgigen Gegenden warfen ſich ganze Ortſchaften auf dieſen mühevollen Erwerb und haben ſich bis in die neuere Zeit ſo erhalten. Ich erwähne aus Süddeutſchland die naſſauiſchen Töpferhändler, die ſchwarzwälder Uhrenhändler, aus Norddeutſchland vor Allem die Hauſirer Weſtfalens, die Winterberger und Weſtfälinger, die Händler aus dem Hückengrunde, die mit Holz-, Töpfer- und Eiſenwaaren, mit Hopfen und andern Waaren durch die Welt zogen, die früher vorzüglich nach Dänemark, nach Schweden und Norwegen bis in die einſamſten Thäler vordrangen, deutſche Waaren abſetzten und dafür den Feuerſchwamm mitbrachten. In Weſtfalen gibt es noch bis in die neuere Zeit Städtchen und Dörfer von 1000—6000 Einwohnern mit mehreren Hundert Hauſirern.72 Zu Tauſenden zogen ſie aus jenen Gegenden jedes Frühjahr aus.73

Waren immer ſchon viele ſchlimme Elemente unter einer derartigen Bevölkerung, war das noch mehr der Fall an der polniſchen Grenze, wo unter Juden und Polen noch mehr nomadenhafte Gewohnheiten und Hang zu Betrug und Diebſtahl exiſtirten, immer gab es unter ihnen ſehr viele ehrliche, tüchtige Leute. Aber neben ihnen finden wir früh ganz andere Elemente, die mit Recht die ſtrengſte polizeiliche Ueberwachung herausforderten. Aus den fahrenden Leuten des Mittelalters wird nach der Reformationszeit, noch mehr nach dem dreißigjährigen Kriege eine wahre Landeskalamität; die Verwilderung hatte alle ſittlichen Bande zerſtört. Die Arbeitsſcheu ſchwellte damals den Hauſirhandel unnatürlich an. Die Bevölkerung ganzer Dörfer, ganzer Gegenden hatte ſich in fahrende Diebs- und Räuberbanden verwandelt. Mißbräuche aller Art nahmen zu. Schleichhandel, Kundſchafterei für Diebsbanden, Diebshehlerei, wenn nicht Schlimmeres, Quackſalberei, ſyſtematiſcher Betrug, Verkauf unſittlicher Bilder und verbotener Schriften galten für identiſch mit Hauſirhandel, und bis in die neuere Zeit trifft man nur allzureiche Spuren hiervon.

Eine gewaltthätige Geſetzgebung ſuchte dieſes Geſindel wieder zu ſeßhaftem Leben zu bringen, ſuchte mit allen Mitteln dieſem unſteten Leben entgegen zu wirken; und als längſt ſchon in andern Gebieten die abſtrakte Theorie von der Freiheit alles wirthſchaftlichen Verkehrs als unbedingtes Dogma galt, war in Bezug auf den Hauſirhandel Theorie und Praxis einig, war bemüht, den Hauſirhandel möglichſt zu beſchränken, das ſtehende Gewerbe vor ſeiner Konkurrenz zu ſchützen. Von dieſem Geiſte ſind die Hauſirgeſetze bis in die neuere Zeit beherrſcht. Auf dieſem Standpunkt ſteht z. B. noch 1841 Hoffmann,74 dem Rönne75 dieſelben Worte noch 1851 unbedingt nachſpricht, wenn er ſagt: „Die Fortdauer des Gewerbebetriebs im Umherziehen auf der Bildungs- ſtufe, worauf ſich Deutſchland und Preußen insbeſondere befindet, iſt eine merkwürdige Erſcheinung. Eine Nothwendigkeit derſelben iſt durchaus unerweislich.“

Das preußiſche Regulativ vom 28. April 1824, das bis jetzt gegolten hat, war übrigens in relativ liberalem Geiſte gehalten. Hoffmann findet, daß es viel zu ſehr die Dinge ſich ſelbſt überlaſſe, wenn es auch auf der andern Seite durch die hohe Gewerbeſteuer für den Gewerbebetrieb im Umherziehen an einzelnen Punkten wieder einſchränkend wirke. Für Denjenigen, dem die Verwaltungspraxis in den verſchiedenen Landestheilen nicht genau bekannt iſt, iſt es ſchwer, ein ſelb- ſtändiges Urtheil darüber zu fällen, in wie weit die Geſetzgebung, in wie weit die andern Urſachen, die realen wirthſchaftlichen Bedürfniſſe auf Zunahme oder Abnahme des Hauſirhandels gewirkt haben. Jedenfalls iſt anzunehmen, daß die Verwaltungspraxis in Preußen von 1824 bis zur Gegenwart ungefähr dieſelbe blieb, daß alſo die Stabilität des Hauſirhandels früher und die Zunahme, die neuerdings eingetreten iſt, auf andere Urſachen zurückzuführen ſind.

Im Ganzen wird man behaupten dürfen, daß die wirthſchaftlichen Verhältniſſe, die ſteigende Oeffentlichkeit und Moralität bis in die neuere Zeit in ähnlichem Sinne wirkten, wie die Hauſirgeſetze. Der Hauſirhandel, der nur dem Vagabundenleben zum Schilde dient, hat entſchieden abgenommen. Und nicht bloß der unſolide, auch der ſolide Hauſirhandel iſt theilweiſe nicht mehr ſo nothwendig wie früher. Seit der neuern Zunahme des Verkehrs hängen nicht mehr, wie früher, ganze Induſtriezweige vom Abſatz der Hauſirer ab. Die Nürnberger und Fürther Induſtrie, die ſchwarzwälder Uhreninduſtrie, die rheinbairiſche Bürſten- und Beſen induſtrie ſetzen ihre Produkte jetzt mehr auf andere Weiſe ab. Der Tyroler Hauſirer mit ſeinen Lederwaaren und Handſchuhen beſucht jetzt die Meſſen und Märkte, vielfach hat er ſich feſt angeſiedelt, als Hauſirer trifft man ihn ſelten mehr. Die Gegenden und Ortſchaften, die beinahe ausſchließlich vom Hauſirhandel lebten, gehen weſentlich zurück oder nehmen die Betriebsweiſen eines geordneten ſtehenden Handels an. Wenn der weſtfäliſche Hauſirer — ſo erzählt Jacobi — früher oft 1000 Fl. von einer Jahrestour aus Holland zurückbrachte, ſo iſt er jetzt mit 100 Thlr. durchſchnittlich zufrieden. In immer weitere Kreiſe muß er ziehen, um ſich zu nähren. Von den ſüddeutſchen Hauſirern der Ehninger Gegend, die in aller Welt bekannt ſind, berichtet Mährlen:76 „Der Hauſirhandel, wie er bisher von den Krämern in Ehningen mit einem Jahresum- ſchlag von einigen Millionen Gulden betrieben wurde, iſt in ſtarker Abnahme begriffen, und es haben manche der zahlreichen Firmen dieſes Orts bereits angefangen, ihren Uebergang zur Seßhaftigkeit durch Kommanditen im In- und Auslande anzubahnen.“ Während aber ſo auf der einen Seite von ſelbſt und durch die Bemühung der Verwaltung einzelne Arten des Hauſirhandels abnahmen, mußten die neueſten Verkehrsänderungen wieder andere zur Ausdehnung veranlaſſen.

Ladengeſchäfte und Handwerk nahmen ſeit der Zeit der Eiſenbahnen auf dem Lande nicht mehr ſo zu wie früher; der Jahr- und Wochenmarktsbeſuch iſt nicht mehr derſelbe. Der Bauer hat nicht mehr Zeit, ſo oft zu Markte zu fahren und ganze Tage mit Verkaufen und Einkaufen zu verlieren. Der Hauſirer kann billigere und beſſere Waaren liefern, als der Laden im Dorfe. Der Hauſirer mit Kramwaaren, mit Weißwaaren, mit Küchengeſchirr, gewinnt dadurch eher wieder. Mancherlei Neues wird heute produzirt; Bedürfniſſe und Anſprüche ändern ſich; in abgelegenere Gegenden kommt dieſes Neue nur durch den Hauſirer. Vor Allem aber mußte der einkaufende Hauſirhandel zunehmen. Der Viktualienhandel iſt meiſt jetzt in den Händen ſolcher kleinen Kommiſſionäre, welche bisher in Preußen einen Hauſir- ſchein brauchten. Sie kaufen für den Müller die kleinen Getreidepoſten zuſammen, ſie liefern dem Geflügelhändler, dem Eier-, Butter- und Milchhändler der Stadt ihre Waaren. Aber faſt immer verbindet ſich damit ein Vertrieb von Waaren, welche der Landmann braucht; ſie beſorgen dem Bauern dies und jenes in der Stadt, kaufen dort für ihn ein. Außerdem iſt man heute bemüht, die Abfälle beſſer zu nützen als früher. Altes Eiſen, Lumpen laſſen ſich ſchwer anders ſammeln als durch den Hauſirer, ſie würden nicht benutzt, wenn der Hauſirer ſie nicht holte. Die meiſten derartigen Geſchäfte ſind in den Händen nicht ganz unbemittelter Leute; ſie müſſen baar zahlen und gegen Kredit verkaufen, wenigſtens die an die Viktualienhändler der Stadt verkaufenden. Dazu gehört einiges Kapital.

Das erklärt, warum in neuerer Zeit die Zahl der ſogenannten Hauſirer reſp. der Hauſirpatente auch bei gleichbleibender Geſetzgebung zunahm, erklärt, warum bei einer Erleichterung des Hauſirhandels durch eine liberalere Geſetzgebung der Zudrang ein ſo großer iſt, obwohl damit nicht geleugnet werden ſoll, daß, wenn eine ſolche Geſetzesänderung eintritt, auch eine Reihe unlauterer Motive, ſowie die ſteigende Zahl der Bevölkerung an ſich zur Ausdehnung mitwirken.

Die Zahl der jährlich in Preußen nachgeſuchten und ertheilten Hauſirſcheine iſt mir leider nur für einzelne Jahre bekannt. Die Zahlen der in der amtlichen Statiſtik ſeit 1837 angeführten Gewerbetreibenden dieſer Art ſind mir zu einem ſtrengen Beweis nicht ganz unverdächtig; denn einmal ſtimmen ſie nicht überein mit der Zahl der aus einzelnen Jahren mir bekannten Hauſirſcheine; das hat wohl ſeinen Grund darin, daß nur die ausſchließlich als Hauſirer lebenden Perſonen in der Gewerbetabelle unter dieſer Rubrik gezählt werden. Dann iſt die aufzunehmende Kategorie aber auch nicht immer gleich gefaßt geweſen. Immerhin will ich die Zahlen mittheilen und verſuchen, zu folgern, was ſie ungefähr enthalten.

Die aufzunehmende Kategorie lautete zuerſt77 „herumziehende Krämer,“ ſpäter „herumziehende Krämer und Lumpenſammler;“ die Pferde- und Viehhändler waren nicht darunter; ſie machen 1858 noch eine beſondere Kategorie aus (12112 Perſonen zuſammen mit Kohlen-, Pech-, Theerhändlern und Trödlern). Im Jahre 1861 ſind die Kategorien etwas andere. Die Rubrik „Pferde-, Vieh-, Pech-, Theer-, Kohlenhändler und Trödler“ fehlt ganz. Die Hauſirer ſind ſo gefaßt: „herumziehende Krämer, Lumpenſammler und andere herumziehende Händler.“ Darnach iſt ein Theil der 1858 unter den 12112 Perſonen ſteckenden Händler jetzt hier mitverzeichnet, aber auch nur ein Theil, z. B. die Trödler nicht, wonach die Zahl für 1861 alſo, um mit den früheren Zahlen vergleichbar zu werden, um einige Tauſend reduzirt werden müßte.

Die Zahlen ſelbſt ſind folgende: 1837 . 15753 1840 . 16237 1843 . 18146 1846 . 21049 1849 . 16724 1852 . 20404 1855 . 21214 1858 . 22497 1861 . 44411.

Nach dieſer Tabelle würde die Zahl der Hauſirer von 1837 bis 58 ſich kaum, nur etwa der Bevölkerungsbewegung entſprechend, vermehrt haben. Die vorübergehende Steigerung 1846 erklärt ſich aus der damaligen Noth und Stockung der Kleingewerbe, welche Manche nöthigte, auf dem Wege des Hauſirens ſich durchzubringen. Für 1858—61 bleibt eine bedeutende Zunahme, man mag auch tauſende von der Zahl wegen anderer Faſſung der Rubrik abziehen. Und dieſe Zunahme halte ich gerade von 1858 ab nicht für unwahrſcheinlich.

Es iſt daneben nicht ohne Intereſſe auf die Vertheilung der Hauſirer nach Provinzen 1837 und 1861 einen Blick zu werfen:

Wo am meiſten Verkehr und Induſtrie, wo der Kleinbeſitz vertreten, wo die wirthſchaftliche Kultur am höchſten iſt, da finden wir die größte Zahl derſelben. Der relative Zuwachs, wenn wir ihn überhaupt nach dieſen Zahlen glauben ſchätzen zu dürfen, iſt nächſt Preußen am ſtärkſten in Sachſen und am Rhein, am ſchwächſten in Pommern, Brandenburg, Poſen. Das deutet darauf, daß es nicht ſowohl die vagabundirenden, nomadenhaften, auf Diebſtahl und Nichtsthun ſpekulirenden Hauſirer, ſondern die kleinen, reellen, wahren wirthſchaftlichen Bedürfniſſen dienenden Auf- und Verkäufer ſind, die zunehmen.

Daß trotzdem auch heute noch der Hauſirhandel ſeine wirthſchaftlichen und ſittlichen Gefahren hat, zeigt ſich am beſten, wie ich vorhin ſchon erwähnte, wenn irgendwo die Verwaltung das Löſen der Gewerbeſcheine erleichtert, die Steuern herabſetzt, oder die Umgehung derſelben erleichtert. Der Andrang und die Mißbräuche, die da entſtehen, ſind nicht unbedeutend, es fragt ſich nur, ob ſie nicht theilweiſe vorübergehend ſind, ob nicht durch die bisherige einſchränkende Verwaltungspraxis neben manchem Unfug ſehr viele berechtigte Geſchäfte abgeſchnitten wurden.

Ich möchte in dieſer Beziehung noch Einiges aus den unparteiiſchen, ſchon oben erwähnten Berichten der württembergiſchen Handelskammern hervorheben.

Die Berichte erkennen vollſtändig an, daß die größere Ausdehnung des Hauſirhandels ſeit dem liberalen Gewerbegeſetz von 1862 ihre volkswirthſchaftliche Berechtigung habe, daß der Hauſirhandel Konkurrenz und Preisermäßigung ſchaffe, daß er Geſchäfte, Einkäufe und Verkäufe veranlaſſe, die ohne ihn vielfach ganz unterblieben wären. Aber ebenſo betonen ſie die Mißſtände. Die unreellen Geſchäfte, der Schwindel, Täuſchung und Betrug, die unverſchämte Zudringlichkeit, welche ſich nicht vermindert, wenn dem Hauſirer verboten wird, die Häuſer zu betreten, haben ebenfalls zugenommen. Einzelne ganz ſchlimme Auswüchſe werden erzählt. In einem der Berichte heißt es: „Es kommen Leute ins Land, welche als Entrepreneurs eine Anzahl von Kindern und Halberwachſenen mit ſich führen, in Wirthshäuſern ſich feſtſetzen und dieſe Leute mit Mausfallen, ordinären Blechwaaren und dergleichen ins Hauſiren ſchicken, mit der Auflage, täglich eine Summe Geldes einzubringen, in deren Ermangelung Mißhandlungen eintreten. Der Entrepreneur lebt gut, ſeine Untergebenen deſto ſchlechter und kaum anders als in andern Welttheilen die Sklaven. Dieß iſt ein Mißſtand, welcher durch die Gewerbefreiheit nicht gedeckt werden ſollte.“

Sehen wir aber von ſolchen einzelnen Mißbräuchen ab, die theilweiſe wenigſtens durch eine richtige, ſonſt freieſte Bewegung geſtattende Geſetzgebung und Verwaltung verhindert werden können, ſo geht das Hauptreſultat dahin: Die Zahl der Hauſirer hat ſich 1862 und 63 außerordentlich vermehrt, ſchon 1864 und 65 aber wieder abgenommen; erſt die Geſchäftsſtockung von 1866 hat ſie wieder ſehr vermehrt. Weitaus die Mehrzahl der Hauſirausweiſe aber wird von Leuten benutzt, über welche die ſtehenden Gewerbe nicht klagen, und welchen man keine Arbeitsſcheu vorwerfen kann; es ſind Frauen, ältere, ſchwächliche Leute, die Knochen, Lumpen, Landesprodukte aufkaufen, mit Beeren, Beſen, Schindeln handeln. Die kräftigen, zur Arbeit tauglichen Hauſirer ſind meiſt Ausländer oder Iſraeliten. Allerdings wird mit der Zunahme dieſer Handelszweige die Neigung zu Diebſtahl und Nichtsthun etwas befördert; aber allgemein iſt dieſe Folge nicht. Und bis jetzt haben in Württemberg die Verbrechen gegen Perſon und Eigenthum, die Vergehen gegen die Sittlichkeit nirgends weſentlich zugenommen. Es wird zugegeben, daß bei einer richtigen Handhabung der Steuergeſetze die wirth- ſchaftlichen Mißſtände keinenfalls überwiegen und theilweiſe ganz vorübergehend ſind, daß der Andrang in mäßigen Schranken gehalten werden kann.

Die Berichte zeigen, daß jedenfalls eine berechtigte Tendenz zur Ausdehnung vorhanden iſt, daß mehr an- ſtändige Motive und wirthſchaftliche Bedürfniſſe den Hauſirhandel dort zunehmen laſſen als betrügeriſche und unlautere Abſichten.

Es kommt auf Land und Leute, auf Volkscharakter und ſittliche Bildung im konkreten Falle an. Jedenfalls aber ſind dieſe Faktoren auch in Preußen und im ganzen norddeutſchen Bunde ſolche, daß eine Erleichterung gegenüber der früheren Verwaltungspraxis nothwendig und angezeigt iſt, wie ſie in der neuen Gewerbeordnung des norddeutſchen Bundes angeſtrebt wird. Es gehört eine Betrachtung dieſer neuen Geſetzgebung eigentlich nicht hierher; doch mögen einige Worte geſtattet ſein.

Der Entwurf78 ſchon geht von der Abſicht aus, die ſtehenden Gewerbe als ſolche nicht mehr zu bevorzugen, den Gewerbebetrieb im Umherziehen als gleichberechtigt anzuerkennen, nur da Beſchränkungen eintreten zu laſſen, wo es ſich um ungeſunde und gefährliche Elemente handelt, um Geſchäftszweige, welche in ungleich höherem Grade unlautern Zwecken als dem redlichen Erwerbe zu dienen pflegen. Die im Allgemeinen beibehaltene Legitimationspflicht ſoll, abgeſehen von ihrer ſicherheitspolizeilichen Unentbehrlichkeit, dem Publikum wenigſtens einigermaßen die Garantie, wie ſie der ſtehende Betrieb von ſelbſt bietet, erſetzen. Zum Viktualienhandel im Umherziehen ſoll kein Gewerbeſchein mehr nothwendig ſein. Während bisher Gewerbeſcheine in Preußen nur ertheilt wurden für eine beſtimmte Anzahl von Waarengattungen, ſollen jetzt ſolche für alle nicht beſonders ausgenommenen Waaren ertheilt werden. Ausgenommen ſollten nur ſein: Verzehrungsgegenſtände, ſoweit ſie nicht zu den Gegenſtänden des Wochenmarktverkehrs gehören, geiſtige Getränke, gebrauchte Kleider und Betten, Garnabfälle, Enden oder Dräumen von Seide, Wolle, Leinen und Baumwolle, Bruchgold und Bruch- ſilber, Spielkarten, Lotterieloſe, Staats- und ſonſtige Werthpapiere, Schießpulver, Feuerwerkskörper und andere exploſive Stoffe, Arzneimittel, Gifte und giftige Stoffe. Nur für Gaukler, Marktſchreier, Bänkelſänger und ähnliche Perſonen, welche ſich produziren wollen, ſoll der Gewerbeſchein auf einen oder mehrere Regierungsbezirke beſchränkt und ſoll die Ertheilung abhängig gemacht werden von dem Bedürfniß. Abgeſehen hiervon ſollte nach dem Entwurfe die Ertheilung nur ver- ſagt werden, wenn der Nachſuchende mit ekelhaften Krankheiten behaftet ſei oder ihm die Zuverläſſigkeit in Bezug auf den beabſichtigten Gewerbebetrieb fehle. Die Beſteuerung der Hauſirer ſoll Sache der einzelnen Staaten bleiben und durch die neue Gewerbeordnung gar nicht berührt werden, obwohl der Gewerbeſchein für das ganze Bundesgebiet legitimirt.

Die Motive gehen davon aus, daß dieſe Grund- ſätze gegenüber den beſtehenden Vorſchriften ein weſentlich befreiende Wirkſamkeit üben werden. Der Commiſſar der Bundesregierungen hob in der Debatte hervor, daß ſchon die Regierungsvorlage einen koloſſalen Schritt vorwärts im Sinne der Befreiung der gewerblichen Thätigkeit enthalte und warnte dringend, nicht viel weiter zu gehen, nicht viel über dieſes Ziel hinauszuſchießen, da eine weitergehende Befreiung gar nicht einmal im Einklang mit der öffentlichen Meinung ſtehe.

Die Majorität des Reichstages ſtand auch prinzipiell auf gleichem Boden der Anſchauung, aber ſie ging im Detail doch weſentlich weiter, glaubte eine Reihe von Cautelen fallen laſſen zu können, welche der Entwurf beibehalten hatte, um Betrügerei und unlautere Elemente leichter auszuſchließen.

Der Entwurf verweigerte dem den Hauſirſchein, der nicht zuverläſſig ſei. Das kann und wird die Verwaltungsbehörde leicht mißbrauchen, wenigſtens ungleichmäßig und willkührlich auslegen. Jetzt iſt feſtgeſetzt, daß der nicht mehr Gewerbe- ſondern Legitimationsſchein genannte Ausweis nur dem verweigert werden darf, der beſtimmte Strafen erlitten hat, unter Polizeiaufſicht ſteht, als notoriſcher Bettler und Landſtreicher bekannt iſt. Sicher gerechter; aber die Zunahme unreeller Geſchäfte iſt ſo auch viel ſchwerer zu hemmen. Der Entwurf verlangte Meldung bei der Polizei an jedem Orte, verbot ohne Aufforderung die Häuſer zu betreten. Beides wurde beſeitigt, letztere Beſtimmung, weil das gewöhnliche Hausrecht ausreiche. Von Waaren, welche der Entwurf noch ausſchließen wollte und die jetzt doch zugelaſſen werden, ſind nur zu nennen die Verzehrungsgegen- ſtände, welche nicht zum Wochenmarktsverkehr gehören, alſo hauptſächlich Colonialwaaren. Sie ſollten ausge- ſchloſſen werden, weil bei ihnen Fälſchungen zu leicht und häufig vorkommen. Die Kommiſſion des Reichstages wollte auch den Handel mit Staatspapieren, Aktien und andern Werthpapieren den Hauſirern zuge- ſtehen, worauf aber der Reichstag in Anbetracht der großen Gefahren des Aktienſchwindels, in Anbetracht der großen Leichtgläubigkeit des Publikums in dieſer Beziehung nicht einging.

Die Folge wird erſt lehren können, ob man damit nicht theilweiſe zu weit ging. Daran aber zweifle ich keinen Moment, daß der Hauſirhandel von dem Inkrafttreten des Geſetzes an außerordentlich zunehmen wird, aber auch zugenommen hätte, wenn nur die Beſtimmungen des Entwurfes angenommen worden wären. Es iſt eine Richtung, die ſich vollzieht, ob die geſetzlichen Beſtimmungen etwas enger oder weiter gefaßt ſind, eine Richtung, welche mancherlei Schmutz aufrührt und mit ſich bringt, aber in der Hauptſache berechtigt und nothwendig iſt.

Manch kleiner Laden, manch kleiner Handwerker wird darunter leiden, vielleicht gar zu Grunde gehen. Das läßt ſich nicht ändern. Das ſteht in nothwendigem Zuſammenhang mit der ganzen Umbildung der Produktion und des Verkehrs in unſerer Zeit.

Eine Produktion durch Fabriken oder größere Handwerkergeſchäfte, eine Produktion, die nicht mehr am Orte des Konſumenten zu ſein braucht, die nicht mehr ſich verbindet mit dem direkten Verkauf an den Konſumenten, daneben die ſelbſtändigere Entwicklung des Handels — als Großgeſchäft, als Magazin in den größern Städten, theilweiſe als Detailhandel und kleines Ladengeſchäft in den kleinen Städten und Dörfern, theilweiſe als Wandermagazin und Hauſirhandel auf dem Lande, das ſind Glieder einer und derſelben Kette.