Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe

Die lokale und geſchäftliche Vertheilung der Gewerbetreibenden.

24.444 Wörter · 81 Fußnoten

Die lokale und geſchäftliche Vertheilung der Gewerbetreibenden.

1. Das Handwerk in Stadt und Land.

In einem mehr ſyſtematiſchen Ueberblick die Hauptveränderungen, welche das Handwerk im 19. Jahrhundert erfahren hat, darzuſtellen, war der Zweck der letzten Betrachtungen. Mancherlei ſtatiſtiſches Material habe ich zum Beweis für dieſes und jenes herangezogen, nicht aber die ſtatiſtiſchen Aufnahmen der Kleingewerbe ſelbſt. Zu ihnen kehre ich jetzt zurück, um zu prüfen, ob das, was ich im Allgemeinen behauptete, ſich hier im Speziellen beſtätigt.

Die Hauptpunkte freilich, um die es ſich dabei handelt, entziehen ſich aller ſtatiſtiſchen Erfaßbarkeit. Aber immer läßt ſich die Prüfung wenigſtens nach einzelnen Seiten hin vollziehen und zugleich ſchließen ſich daran Unterſuchungen, die auch ein ſelbſtändiges Intereſſe für ſich in Anſpruch nehmen.

Wir beginnen mit der Frage nach der lokalen Vertheilung des Handwerks. Dieſe Vertheilung kann bei der Art der ſtatiſtiſchen Aufnahmen, die wir beſitzen, nach zwei Richtungen unterſucht werden. Man kann fragen, wie verhält ſich Stadt und Land im Durch- ſchnitt von ganz Preußen, Sachſen, Baiern, und man kann fragen, wie vertheilt ſich das Handwerk nach den einzelnen deutſchen Staaten und nach den Provinzen des preußiſchen Staats?

Bleiben wir zunächſt bei dem Verhältniſſe von Stadt und Land, ſo liegen die weſentlichen Urſachen der verſchiedenen Vertheilung des Handwerks naturgemäß in dem volkswirthſchaftlichen Gegenſatz von Stadt und Land ſelbſt, in der verſchiedenen wirthſchaftlichen Bedeutung, welche die Städte und das platte Land früher gehabt haben und gegenwärtig haben. Nur in zweiter Linie kommt die Geſetzgebung in Betracht, die von jeweiligen Theorien, von anderweiten Geſichtspunkten aus die Vertheilung des Handwerks beherrſchen wollte, aber gegenüber den realen Bedürfniſſen das doch immer nur bis auf einen gewiſſen Grad vermochte.

Die Städte ſind entſtanden durch die nach einem gemeinſamen Mittelpunkt drängenden politiſchen, kirchlichen, wirthſchaftlichen Bedürfniſſe der einzelnen Landestheile. Jede Gegend, jeder Kreis hat das Bedürfniß, die Verwaltung, das Gericht, den Handel, die Feſte der Kirche und des Volkes an einem Punkte zu konzentriren; im Mittelalter bot der Schutz der Mauern und der ſtädtiſchen Rechte dem Handelsmann und dem Handwerker allein die Garantie einer geſicherten Exiſtenz. Handel und Gewerbe blühten ausſchließlich in den Städten, weil hier ausſchließlich die Bedingungen ihrer Blüthe vorhanden waren.

Mit einer gewiſſen Entwicklung des platten Landes entſtand aber auch in den Dörfern, auf den Gütern das Bedürfniß, für einzelne Thätigkeiten Gewerbetreibende am Orte ſelbſt zu haben; das theure Leben in den Städten ließ dem armen Handwerksmann die Anſiedlung auf dem Lande mit etwaigem Vertrieb der Waaren nach der Stadt wünſchenswerth erſcheinen. Das war ſchon im Mittelalter ſo und erſt mit der Ausartung des Zunftweſens, mit dem Sinken der deutſchen Volkswirth- ſchaft ſtrebten die Städte danach, das Handwerk möglichſt ausſchließlich auf ihre Mauern zu beſchränken,1 ſuchte die Fürſtenpolitik, welche die Städte als Stützen ihrer Macht und ihrer Steuerkraft betrachteten und pflegten, ſie dadurch zu halten.

Die Kriege des 17. Jahrhunderts hatten viele deutſche Gegenden in ihrer ganzen wirthſchaftlichen Kultur wieder um Jahrhunderte zurückgebracht. Alles lag darnieder. Um ſo mehr hielt man ſich an alte Rechte; auch die Städte ſtrebten jetzt mehr als je, das Handwerk für ſich allein in Anſpruch zu nehmen, und erreichten da ihren Zweck, wo nicht eine aufgeklärte Fürſtenpolitik dazwiſchen griff.

So kommt es, daß im 18. Jahrhundert Stadt und Land ſich noch ziemlich in alter Weiſe ſchroff gegenüber ſtehen. Aber zugleich haben die mannigfaltigſten Schickſale dafür geſorgt, daß ein großer Theil der Orte, welche den ſtädtiſchen Namen tragen und damit die Vorrechte einer Stadt genießen, dafür mehr hiſtoriſche und zufällige, als wirthſchaftliche Gründe anzuführen haben.

Es ſind alte Reichsſtädte, alte und neue Fürſten- und Biſchofsſitze, einige Beamten- und Militärſtädte; da und dort ſchon einige neu aufblühende Handels- und Induſtrieſtädte; unter den letzteren wie unter denen, die mehr nur einem Dorfe gleichen, ſind manche, welche das Stadtrecht ſich erſt jetzt vom Landesherrn erkauft haben, um auch einen Jahrmarkt zu halten, um ihre Gewerbſamkeit etwas weniger durch die ſteifen landesherrlichen Beamten geniren zu laſſen, um auf Kreis- oder Landtagen eine Stimme zu haben. Die überwiegende Mehrzahl fällt auf jene mittleren Land- und Kleinſtädte, die allerdings den gewerblichen und Verwaltungsmittelpunkt für eine Anzahl Dörfer und Herr- ſchaften bilden, die aber keinen durchaus gewerblichen Charakter haben, manchen Bauern in ihren Mauern bergen, wenn ſie nicht gar faſt ausſchließliche Ackerſtädte ſind. Manche früher ſtolze Stadt war ganz zum Dorfe herabgeſunken, führte aber die ſtolzen ſtädtiſchen Titel gleichmäßig fort.

Dieſe Verhältniſſe erſtrecken ihre Wirkung bis auf den heutigen Tag. Der Begriff einer Stadt in Preußen iſt auch heute noch, wie ich oben ſchon erwähnte, keiner, der eine gewiſſe Größe, einen ausſchließlich gewerblichen Charakter bezeichnete; es läßt ſich nur ſoviel ſagen, daß von den 1000 gegenwärtig in Altpreußen exiſtirenden Städten ¾ etwa über 1500, nur wenige unter 600 Einwohner haben, daß es dagegen nicht ſehr viele Dörfer geben wird, die über 600—800 Einwohner haben.

Ich mußte dieſe theilweiſe ſchon oben gemachten Bemerkungen wiederholen, um zu zeigen, daß eine Aufnahme des Handwerks nach Stadt und Land die wirth- ſchaftlichen Gegenſätze, an die man dabei denkt, nur ungefähr trifft. Unter den Städten ſind manche Orte rein landwirthſchaftlichen Charakters, unter den Dörfern manche gewerbetreibende Orte. Und bis auf einen gewiſſen Grad war das ſchon im vorigen Jahrhundert ſo, beſonders wo Bergbau, Weberei, Spinnerei und andere Induſtrien ſich übers platte Land ausdehnten. Privilegien, Konzeſſionen aller Art hatten den Städtezwang durchlöchert. Da und dort hatte ſich ſchon damals das platte Land als vorzugsweiſe geeignet zu einzelnen Gewerben gezeigt. Und überall bedurfte auch damals ſchon die rein bäuerliche Wirthſchaft der Hülfe wenigſtens einiger Handwerker. Dieſe mußte man zulaſſen. Es iſt vielleicht gut, zunächſt von dieſen heute wie damals auch für die rein landwirthſchaftlichen Gegenden nothwendigen Handwerkern uns ein Bild zu machen.

Die Schmiede und Stellmacher oder Wagner ſtehen in erſter Linie. Der Schmied iſt unentbehrlich für den Beſchlag der Pferde, des Fuhrwerks, der Ackerwerkzeuge, für alle Eiſenreparaturen. Der Stellmacher iſt heute mehr auf dem Lande zu Hauſe als in der Stadt, wo der Wagenfabrikant theilweiſe an ſeine Stelle getreten iſt. Die einfachen Wagengeſtelle, die Räder, die Holztheile an Pflug und Egge kann er leicht fertigen. Wo mehr landwirthſchaftliche Maſchinen angewandt werden, da hat er auch vielfach mit ihnen zu thun. Die Arbeiten beider Handwerke ſind ſo umfaſſend, daß ſelbſt ein mäßiges Dorf ſchon mehrere Meiſter von jedem der beiden Gewerbe beſchäftigt, daß größere Güter je einen Meiſter für ſich in Anſpruch nehmen. Schon weniger Arbeit findet der Riemer oder Sattler auf dem Lande, und doch iſt er für Sattelzeug und Pferdegeſchirr ein nothwendiger Gehülfe; die Produkte ſeines Handwerks kauft der Bauer freilich mit Vorliebe auf dem Jahrmarkt, dem Dorfmeiſter bleiben mehr die Reparaturen, wenn er nicht ſelbſt den Jahrmarkt bezieht. Die Fäſſer, die Kübel, die Geräthſchaften des Böttchers fehlen in keiner ländlichen Wirthſchaft ganz; das Produkt iſt ein ſo einfaches, daß der kleinſte Betrieb möglich iſt. Die amerikaniſche Faßmaſchine, welche auf der letzten Pariſer Ausſtellung zu ſehen war und nach der Verſicherung des Ausſtellers 2 täglich 1100 Fäſſer aus rohem Holz bis zum Binden fertig macht, dürfte kaum in Deutſchland exiſtiren und wenn ſie eingeführt wird, dem Böttcher in der Stadt wohl, aber kaum dem auf dem Lande Konkurrenz machen.

Neben den Bedürfniſſen des landwirthſchaftlichen Betriebes kommen die Bau- und Wohnungsbedürfniſſe. Den Maurer und Zimmermann, den Schloſſer und Tiſchler kann das größere Dorf ſchwer entbehren. Dagegen iſt der Müller von den Nahrungsgewerben der einzig nothwendige. Die Zahl der Brauer, der Bäcker, der Fleiſcher und der Wirthe hängt von dem Grade der Arbeitstheilung und dem Verkehr, von Sitten und Wohlſtand ab.

Die meiſten der ländlichen Handwerker ſind daneben Bauern oder Tagelöhner und je nachdem in ſehr ver- ſchiedener Lage. Da ſie vielfach ohne alle Gehülfen arbeiten, ſind ihre Leiſtungen techniſch gering, aber doch dem Zweck entſprechend.

Weniger ob die erwähnten, als ob auch noch andere Arten des Handwerks ſich auf dem Lande, beſonders in den großen Dörfern befanden, hing, ſo lange die Städte ausſchließliche Gewerberechte hatten, von der Verwaltung ab.

Da man ſich häufig über das Fehlen der Handwerker auf dem Lande in früherer Zeit falſche Vor- ſtellungen macht, will ich nur Einiges über dieſen Punkt anführen, ehe ich zu den Verhältniſſen der Gegenwart übergehe.

Das altwürttembergiſche Dorf Kornweſtheim, 3 einige Stunden von Stuttgart, an einigen größern Straßen liegend, hatte im Jahre 1787 eine Bevölkerung von 838 Perſonen; bis 1850 war dieſe Bevölkerung geſtiegen auf 1465 Perſonen; das Dorf iſt heute noch ausſchließlich mit Ackerbau beſchäftigt. Die große Aenderung, die eintrat, iſt nur die, daß die alte Straße ſich in eine Eiſenbahn verwandelt hat. Die Gewerbetreibenden waren:

Die Zahl der Gewerbetreibenden iſt 1787 nicht unbedeutend, ja ſie iſt in den wichtigſten Gewerben höher als 1852, trotzdem, daß die Bevölkerung beinahe auf die doppelte Zahl gewachſen iſt. Die Verminderung der Wirthshäuſer, der Bäcker- und Metzgerladen hängt damit zuſammen, daß die früher ſehr frequente Land- ſtraße durch die Eiſenbahn ſo ziemlich verödet iſt. Die Nichtzunahme der übrigen läßt darauf ſchließen, daß die damaligen Handwerker ſehr wenig zu thun hatten. Es waren damals wohl nicht viele Gehülfen bei den Dorfmeiſtern beſchäftigt, 1852 ſind deren eine nicht unbedeutende Zahl vorhanden. Ueber die für die damalige Zeit große Zahl Gewerbetreibender bemerkt der Verfaſſer dieſer Dorfſtatiſtik aus dem Jahre 1787, Regierungsrath Kerner, es könne auffallen, daß Kornweſtheim ſo viele Gewerbetreibende habe trotz der Nähe der drei Städte Stuttgart, Ludwigsburg und Cannſtadt, aber es ſei ſo in den mehrſten Dörfern; freilich werde dadurch der alte Grundſatz, in den Städten ſolle das Handwerk, in den Dörfern der Feldbau getrieben werden, aus dem Gleichgewicht gebracht; aber das ſei nicht zu ändern. „Daß die Anzahl der Handwerker in den Dörfern“ — ſo fährt er fort — „gegenwärtig ſtärker iſt, als in ehemaliger Zeit, hat ſeinen Grund in der gegenwärtigen ſtärkern Bevölkerung und der daraus fließenden mehreren Verſtückelung der Bauerngüter, durch welche die Landleute außer Stand geſetzt werden, einzig von den Gütern zu leben und dahero Handwerke erlernen. Dieſe Handwerksleute aber zu zwingen, ihre Arbeit niederzulegen oder in die Städte zu ziehen, würde umſonſt ſein.“

Die Verhältniſſe waren ſtärker als die veralteten Verwaltungsvorſchriften. „Auch wo der ſtrengſte Städte zwang herrſchte“ — ſagt Hoffmann 4 — „wohnten längſt viele Handwerker, zum Theil im Verborgenen auf dem Lande, wenn daſſelbe volkreich und wohlhabend war.“

Ich erwähnte bei der Beſprechung der preußiſchen Gewerbepolizei des 18. Jahrhunderts, daß man in Preußen wohl prinzipiell an dem alten Grundſatz feſthalten wollte, aber daneben einzelne Gewerbe, wie die Spinner und Weber, unbedingt, andere wenigſtens bedingungsweiſe zuließ. Der Grundſatz Friedrich Wilhelm’s I., ſo viele Handwerker überall zuzulaſſen, als 1624 Handwerksſtellen vorhanden geweſen waren, gab ziemlich großen Spielraum. Beſonders in einzelnen Landestheilen, die eine höhere Kultur beſaßen, oder die vor ihrer Einverleibung in den preußiſchen Staat in dieſer Beziehung nach noch liberaleren Grundſätzen regiert worden waren, wie Schleſien, hatte man die Zulaſſung auf dem Lande ziemlich wenig erſchwert.

Den beſten Beweis hiefür giebt Krug. Er führt in ſeiner Handwerksſtatiſtik 5 (aus der Zeit 1795/1803) bei jeder einzelnen Gewerbsart an, ob die Meiſter aus- ſchließlich in den Städten, oder auch auf dem Lande, und in welcher Zahl ſie da und dort zu treffen ſeien.

Die ausſchließlich in den Städten Vorkommenden ſind nicht die der Zahl nach bedeutenderen; es ſind die Apotheker, Bildhauer, Buchbinder, Buchdrucker, Bürſten binder, Roth- und Gelbgießer, Goldſchmiede, Gürtler, Handſchuhmacher, Hutmacher, Klempner, Knopfmacher, Kürſchner, Kupferſchmiede, Maler, Perückenmacher, Schornſteinfeger, Seifenſieder, Seiler, Tuchmacher, Uhrmacher, Weißgerber und Zinngießer. Sehr ſparſam ſind auf dem Lande vertreten die Fleiſcher (mit Ausnahme Schleſiens, wo Stadt- und Landfleiſcher nicht unterſchieden ſind), ſchon etwas ſtärker die Glaſer, die Kaufleute und Krämer, die aber in den rheiniſchen Provinzen auch ſchon zahlreicher auf dem Lande vorkommen, dort ſogar auf dem Lande theilweiſe ſchon ſtärker ſind, als in den Städten; ähnlich die Korbmacher und Muſikanten, die Riemer und Schloſſer, die Färber Branntweinbrenner und Barbiere; Lohgerber ſind nur in der Mark ländliche vorhanden. Die übrigen Gewerbe ſind auf dem Lande ſchon ziemlich allgemein und zahlreich vertreten. Landbäcker kommen in Pommern 10 auf 571 Stadtbäcker, dagegen in der Grafſchaft Mark 113 Landbäcker auf 289 Stadtbäcker, in Magdeburg 229 Landbäcker auf 316 Stadtbäcker, in Oſtfriesland 247 Landbäcker auf 197 Stadtbäcker. Auch bei den Böttchern, Schneidern, Stell- und Rademachern, Tiſchlern, Schuhmachern und Maurern halten Stadt und Land ſich etwa die Waage. Und bei den Zimmerleuten, den Schmieden, Müllern und Leinewebern ſind die Landmeiſter weitaus überwiegend.

Bei dieſen Zahlen müßte man, um ſie recht zu würdigen, noch genau wiſſen, wie in den einzelnen Landestheilen die ſtädtiſche ſich zur ländlichen Bevölkerung ſtellt. Das zieht Hoffmann in Betracht, wenn er die Aufnahme von 1810 für die Kur- und Neumark einer-, für Schleſien andererſeits vergleicht, 6 dabei ſtillſchweigend vorausſetzend, daß die Zuſtände 1810 noch ganz als Folge der früheren Geſetzgebung aufzufaſſen ſeien. In der Kur- und Neumark kommen auf 3 Städter 4 Landleute, in Schleſien auf 2 Städter 9 Landbewohner; d. h. in der Mark ſind neben zahlreichen Städten nur kleine Dörfer, iſt das platte Land weniger bewohnt; in Schleſien ſind zahlreiche ſchon etwas größere induſtrielle Dörfer; Orte, die in der Mark vielleicht ſchon ſtädtiſche Rechte haben, zählen hier als Dörfer. Dieſer Gegenſatz wohl mehr als der von Hoffmann betonte Gegenſatz der Verwaltung, d. h. die Nachwirkung der größern Liberalität, mit der die öſtreichiſche Regierung das Landhandwerk zuließ, iſt als Urſache anzuſehen, daß die ländliche Bevölkerung Schleſiens zwar gleich viel Schneider, Schmiede und Stellmacher hat wie die der Kur- und Neumark, aber 1 ½ mal ſo viel Tiſchler, 2 mal ſo viel Böttcher, 4 mal ſo viel Schuhmacher, 7 mal ſo viel Fleiſcher und 8 mal ſo viel Bäcker.

In der Zeit nach den Freiheitskriegen, nach der Feſtſtellung des preußiſchen Zollſyſtems, nach der Gründung des Zollvereins war für den größern Theil der preußiſchen Monarchie die Geſetzgebung eine andere geworden, wurden für die Zollvereinsſtaaten die allgemeinen volkswirthſchaftlichen Verhältniſſe andere. Wir haben zu prüfen, wie ſich nun unter Einwirkung dieſer beiden Faktoren das Handwerk in Stadt und Land zu einander ſtellt.

Leider iſt das ſtatiſtiſche Material für dieſe Prüfung ein ziemlich unvollſtändiges. Die Unterſcheidung von Stadt und Land iſt in Preußen nicht bei allen Aufnahmen oder Publikationen feſtgehalten. Eine weſentliche Beachtung hauptſächlich auch mit weiterer Unter- ſcheidung großer, mittlerer und kleiner Städte hat der Gegenſatz nur bei Hoffmann gefunden. 7 Was die ſpätern Aufnahmen betrifft, ſo unterſcheidet Dieterici 1849 das Geſammtreſultat nach Stadt und Land, 8 und die Zahlen für 1858 ſind wenigſtens getrennt nach Stadt und Land veröffentlicht. Die Aufnahme von 1861 kennt dieſen Unterſchied gar nicht, führt aber die Handwerker für alle einzelnen Städte über 20000 Einwohner beſonders an. Von andern deutſchen Ländern hat man nur in Sachſen dieſer Frage nähere Aufmerk- ſamkeit bei den ſtatiſtiſchen Arbeiten geſchenkt. 9

Nach Einführung der Gewerbefreiheit in Preußen lagen die Dinge folgendermaßen. Es konnte ſich auf dem Lande jeder Meiſter niederlaſſen; es war auch zu erwarten, daß mit ſteigender Wohlhabenheit theilweiſe die Arbeitstheilung, die in der Stadt vor ſich gegangen, auf dem Lande ſich vollziehe. Aber zunächſt kamen ungünſtige Jahre; die Zahl der Landhandwerker war immer ſchon bedeutend geweſen. Mancherlei Arbeitstheilung auch, welche für den Städter geboten, iſt es nicht auf dem Lande. Wo ein Gemeindebackhaus gebaut wird, werden theilweiſe heute noch die Bäcker des Dorfes überflüſſig. Die Neigung gelernter Handwerker zieht ſie immer zunächſt mehr nach den Städten.

So — glaube ich — war die Zunahme des Landhandwerks zuerſt keine allzugroße; wo ſie ſtattfand, beruhte ſie wohl darauf, daß Bauernſöhne, um ſich zu halten, um den Beſitz des Vaters theilen zu können, anfingen, nebenher ein Handwerk zu treiben.

Als aber ſpäter die Bevölkerung noch weiter zunahm, als die Stellen in den Städten mehr und mehr beſetzt waren, als auch die größere Induſtrie theilweiſe auf das platte Land ſich zurückzog, als 1830—55 die Bodenpreiſe und die ländliche Wohlhabenheit bedeutend ſtiegen, da mußte auch das Landhandwerk an Zahl zunehmen. Uebrigens glaube ich immerhin, daß die weſentliche Zunahme erſt mit der eigentlichen Handwerkerkriſis beginnt, d. h. von 1838—40 an.

Die Mittheilungen von Hoffmann zeigen für 1828 wenigſtens ungefähr die damalige Bedeutung des ländlichen Gewerbebetriebs. Er faßt die Meiſter von 13 der wichtigſten Gewerbe zuſammen, die gegen ⅚ aller damals gezählten Handwerker ausmachen. Es ſind 268023 Mei- ſter, während die Geſammtzahl ſich auf 323538 beläuft. Obwohl dabei die vielfach auf dem Lande wohnenden Weber und Spinner nicht ſind, ſo machen die Land meiſter hiervon 140112 oder 52 % aus. Dabei iſt aber zuzugeben, daß Hoffmann zu den 13 Gewerben diejenigen wählte (außer den Webern und Spinnern), die am meiſten auf dem Lande vertreten ſind. Auch erhält die Eintheilung ſogleich ein etwas anderes Aus- ſehen, wenn man neben die Meiſter die Gehülfen ſtellt. Es waren 1828 von den gleichen 13 Hauptgewerben:

Alſo 221047 beſchäftigte Perſonen in den Städten, 176868 auf dem Lande; 55,55 % ſtädtiſche gegen 44,45 % ländliche Handwerker; die in den Städten würden ſicher noch etwas mehr überwiegen, wenn die Zahlen alle Handwerker umfaßten. Es könnten dann wohl 60 % ſtädtiſche gegen 40 % ländliche Handwerker ſein.

Im Jahre 1849 zählt Dieterici in den Städten 535232 Perſonen, auf dem Lande 407141 Perſonen als dem Handwerkerſtand angehörig; ſie machen in den Städten bei einer Bevölkerung von 4,57 Mill. Menſchen 10,85 %, auf dem Lande bei einer ſolchen von 11,71 Mill. 3,81 % aus. Mit den Zahlen Hoffmanns von 1828 ſind ſie nicht direkt zu vergleichen, da ſie nicht dieſelben Kategorien umfaſſen. Die 1828 bei Hoffmann fehlenden ſind theilweiſe ſolche, welche 1849 die Zahlen des platten Landes ſteigern, wie die Leinenſpinner, theilweiſe und noch mehr aber ſolche, welche ausſchließlich in den Städten wohnen. Wenn daher 1849 von den geſamm ten Handwerkern 56,79 % auf die Städte, 43,21 % auf das Land kommen, ſo glaube ich liegt darin immer noch ein Beweis, daß das Landhandwerk von 1828—49 ſtärker zunahm, als die ſtädtiſchen Handwerker.

Vollkommen vergleichbar ſind Aufnahmen von 1849 und 58. Nach der von mir angeſtellten Berechnung kommen 1858 564845 Meiſter und Gehülfen auf die Städte, 477668 - - - - das Land, d. h. 54,18 % der Handwerker ſind ſtädtiſche, 45,82 % ländliche; die ländlichen ſind 2—3 % ſtärker als 1849. Im Verhältniß zur Bevölkerung erſcheint dieſe Zunahme etwas geringer. Die ganze ſtädtiſche Bevölkerung macht 1858 5,34 Millionen aus, davon nehmen die Handwerker 10,76 % ein (gegen 10,85 im Jahre 1849), die ganze ländliche Bevölkerung macht 12,49 Millionen, davon die Handwerker 3,82 % (gegen 3,81 im Jahre 1849). Alſo im Verhältniß zur Bevölkerung nur eine ſehr unbedeutende Zunahme des Landhandwerks.

Man darf bei ſolchen großen ſtatiſtiſchen Durch- ſchnitten, bei den großen Zahlenergebniſſen eines ganzen Landes nie vergeſſen, daß gerade dieſes beſtimmte Ge- ſammtreſultat durch ſehr verſchiedene, oftmals entgegengeſetzte lokale Zuſtände bedingt iſt, daß die verſchieden- ſten Urſachen und Bewegungen, neben und gegen einander wirkend, dieſe gemeinſamen Reſultate ergeben. Deßwegen kann meine obige Behauptung, daß von 1830—55 eine ziemliche Zunahme des ländlichen Handwerks nach allgemeinen Urſachen anzunehmen ſei, mit dieſem Zahlenergebniß ganz wohl zuſammen beſtehen.

Aber je nach den Provinzen iſt das verſchieden; es iſt mehr der Fall in Provinzen wie Sachſen, Schle- ſien und der Rheinprovinz, viel weniger in Pommern, Poſen. Es nehmen überall die Meiſter mehr auf dem Lande zu, die Gehülfen mehr in den Städten und oft ſtärker, als dort die Meiſter. Auch wo die Zunahme des Landhandwerks eintrat, da erreichte ſie wohl bald eine gewiſſe Grenze, über die ſie nicht mehr hinauskam. Ich erinnere an das Beiſpiel des Dorfes Kornweſtheim, das ich oben anführte. Es begannen vor Allem ſeit den fünfziger Jahren die Wirkungen der großen Produktion, des großen Verkehrs, der ſtädtiſchen Magazine, es begann der Zug vom Lande ab nach den Städten, ſo daß es mir fraglich erſcheint, ob nicht jetzt im Durchſchnitt des ganzen preußiſchen Staates bereits wieder ein Rückgang des Landhandwerks eingetreten iſt.

Einzelne Gewerbe werden trotzdem auf dem Lande wachſen, während die andern zurückgehen. Ich will in dieſer Beziehung nur einige der wichtigern, haupt- ſächlich der ländlichen Gewerbe nach dem Stand der Meiſter von 1828 und 1858 mittheilen; ich füge für 1858 noch einige weitere Gewerbe bei, für die ich keine Vergleichung anſtellen kann. Man ſieht bei ihnen wenigſtens, wie ſich 1858 die Landmeiſter zu den Stadtmeiſtern verhalten. Es betrug die Zahl:

Die Aenderungen von 1828—58 ſind belehrend. Ziemlich bedeutender iſt das Landhandwerk geworden bei den Stellmachern, Böttchern, Tiſchlern und Seilern, etwas ſtieg es bei den Schuſtern und Gerbern, gleich im Verhältniß zum Stadthandwerk blieb es bei den Fleiſchern und Riemern; zurück ging es bei den Schmieden, Schneidern, Bäckern, Töpfern, ganz außerordentlich bei den Schloſſern, die auf dem Lande ſogar der abſoluten Zahl nach abgenommen haben, von 7810 auf 5838. Das heißt: es nahmen einige Gewerbe, welche aus- ſchließlich der bäuerlichen Wirthſchaft oder den einfachſten häuslichen Bedürfniſſen dienen und leicht auf dem Lande betrieben werden können, auf dem Lande ſtärker zu wie in der Stadt. Solche dagegen, deren Produkte jetzt mehr in Maſſe erzeugt werden, für welche in den Städten große Handlungen ſind, ſolche, welche unter dem veränderten Verkehr leiden, nahmen ab. Wären die Beiſpiele zahlreicher, ſo würde ſich das wahrſcheinlich noch mehr zeigen.

In engem Zuſammenhang mit der Vertheilung des Handwerks nach Stadt und Land ſteht die Verbreitung der großen Induſtrie. Eine dezentraliſirte Induſtrie wird eher das ländliche Handwerk, eine zentraliſirte mehr das ſtädtiſche Handwerk heben.

Eine abſchließende Unterſuchung darüber iſt an dieſer Stelle nicht möglich; aber einige Bemerkungen darüber will ich nicht unterlaſſen einzuſchieben. Auch für die größere Induſtrie wurde 1849 und 1858 eine Trennung der preußiſchen Tabellen nach Stadt und Land vollzogen; es iſt hiernach ein einigermaßen begründetes Urtheil möglich, obwohl der große Zug nach den Städten wahrſcheinlich bei einer Vergleichung von 1858 und 1868 viel mehr hervortreten würde.

Eine Reihe von Induſtrien zeigen von 1849 bis 1858 keine weſentlichen Aenderungen. Die Kunſt-, die Luxusinduſtrien, die feinere Mechanik und ähnliche Gewerbe ſind damals wie ſpäter vornehmlich in den Städten. Die Eiſen- und Hüttenwerke, die Braun- und Steinkohlenwerke, die Glashütten, die Kupferhämmer, die Ziegeleien, die Theeröfen, die Zuckerfabriken befinden ſich damals wie ſpäter überwiegend auf dem Lande. Dagegen zeigen andere Induſtrien doch nicht unbedeutende Aenderungen. Blicken wir z. B. auf die folgende Ueberſicht der Dampfmaſchinen und ihrer Pferdekräfte:

Die Getreidedampfmühlen, die Bergwerke und die Metallfabriken haben auf dem Lande, alle übrigen Gewerbe in der Stadt mehr zugenommen; und das letztere theilweiſe in ſehr viel ſtärkerer Proportion, als hier erſichtlich iſt. Die Arbeiter der ſtädtiſchen Maſchinenfabriken z. B. nahmen von 3980 auf 16697, die der ländlichen nur von 2218 auf 5729 zu. Als weiterer Beleg mögen noch die Zahlen der Feinſpindeln und der Web- ſtühle nach Stadt und Land folgen. Man zählte:

Auch hier zeigt ſich eine ziemlich ſtärkere Zunahme der ſtädtiſchen wie der ländlichen Induſtrie: ein Beweis wohl, daß im Allgemeinen meine ſchon oben ausge- ſprochene Behauptung, die Induſtrie habe in neueſter Zeit eine mehr zentraliſirende Richtung, der Wahrheit entſpricht und daß wahrſcheinlich demgemäß auch in der frühern Zunahme des Landhandwerks ſchon ein Still- ſtand, wenn nicht gar ein Rückgang eingetreten iſt.

Uebrigens iſt man bei dieſer ganzen Unterſuchung immer wieder verſucht, daran zu denken, daß die ſtatiſti- ſchen Begriffe „Stadt“ und „Land“ ſo wenig feſte ſind. Man müßte, um ganz ſicher zu gehen, die verſchiedenen Arten der Städte wie der Dörfer trennen können; man müßte große und kleine Dörfer, rein landwirthſchaftliche und induſtrielle Dörfer auseinander halten. Dazu fehlt aber leider das ſtatiſtiſche Material.

Wenigſtens in Bezug auf die Städte können wir den entſprechenden Unterſchied etwas verfolgen, ich meine den Unterſchied, der zwiſchen größern und kleinern Städten, d. h. der Zahl und Art der Handwerker, die ſie zählen, ſein muß.

Hoffmann10 trennt in der mehr erwähnten Unter- ſuchung über die 13 wichtigſten Arten der Handwerker im Jahre 1828 die 39 größern preußiſchen Städte von den ſämmtlichen übrigen kleinern Städten und dem platten Lande. Es kommen nach ihm auf je 10000 Einwohner:

Die 13 Arten von Gewerbetreibenden machen in den größern Städten 5,87 %, in den kleinern 6,93 %, auf dem Lande 1,89 % aus. In den kleinern Städten iſt der Hauptſitz des alten Handwerks. Da ſind die kleinen Meiſter am zahlreichſten. In den größern Städten iſt die Zahl der Meiſter kaum viel mehr als halb ſo groß, dafür iſt die Zahl der Gehülfen weſentlich höher. Die Geſammtzahl der Gewerbetreibenden aber iſt geringer. In den großen Städten haben 10000 Menſchen 587, in den kleinen 693 Gewerbetreibende nöthig. Und die der größern Städte haben ohne Zweifel einen wohlhabendern Kundenkreis, der ſie mehr in Anſpruch nimmt, haben auch auf das Land hinaus einen größern Abſatz, als die kleinſtädtiſchen Meiſter. Der Zahlengegenſatz zeigt alſo recht klar die Unvollkommenheit des kleinſtädtiſchen Handwerks, die großen Zeitverluſte, die vom Wochen- und Jahrmarktsverkehr herrühren, die Nothwendigkeit für das kleinſtädtiſche Handwerk, auf Nebenbeſchäftigungen ſich zu legen.

In den Mittheilungen über die Aufnahme von 1837 unterſcheidet Hoffmann11 in Bezug auf die wichtigern einzelnen Gewerbe die 10 Städte erſter Gewerbe- ſteuerklaſſe, die 30 anſehnlichſten Städte zweiter Gewerbe- ſteuerklaſſe, die ſämmtlichen übrigen Städte und das platte Land. Es zeigt ſich da derſelbe Gegenſatz. Außer bei den ländlichen Gewerben iſt die Hauptmaſſe der kleinen Meiſter in den kleinen Städten; die Mehrzahl arbeitet ohne Gehülfen. Bei einzelnen Gewerben zeigt ſich ſchon damals, daß ſie in den größern Städten einer neuen Produktionsmethode Platz machen, dagegen ſich noch in den kleinen Städten halten. Es ſind z. B. Meiſter und Gehülfen zuſammen 1837 an

Beides ſind Handwerke, die größern Geſchäften weichen; in den kleinern Städten aber geht die Entwicklung langſamer. Da ſind noch keine Lederfabriken, da verkauft der Töpfermeiſter noch ſeine Waaren. In den größern Städten wird das Leder beim Lederhändler, der nicht ſelbſt produzirt, gekauft; da treten das Steingut, die Fayencewaaren der Fabriken, das Kochgeſchirr aus Gußeiſen, Eiſen- und Kupferblech an die Stelle des irdenen einfachen Geſchirres, da tritt der eiſerne Ofen, der berliner Fabrikofen an die Stelle des alten irdenen vom Töpfer gelieferten.

Die ſpätern preußiſchen Aufnahmen und ihre Bearbeitung laſſen dieſen Unterſchied zwiſchen den verſchiedenen Städten ganz außer Acht. Nur die Aufnahme von 1861 gibt, wie erwähnt, die Gewerbetabellen in Bezug auf alle größern preußiſchen Städte; danach iſt die folgende Tabelle berechnet. Um den Charakter der einzelnen Städte noch etwas näher zu kennzeichnen, habe ich in den beiden letzten Spalten die Prozentzahlen der Fabrik- und der Handelstabelle hinzugefügt. Sie zeigen, welchen Antheil an der Bevölkerung einer Stadt die Fabrikdirigenten und Fabrikarbeiter incl. der Weber, Müller ꝛc. einerſeits, die ſämmtlichen in Handels-, Transport-, Wirthſchafts- und literariſchen Gewerben beſchäftigten Perſonen andererſeits haben. Daß die Prozentzahlen der Handwerker mit den Hoffmann’- ſchen von 1828, welche nur 13 Handwerke umfaßten, nicht zu vergleichen ſind, brauche ich wohl kaum zu bemerken.

Das Handwerk im Sinne der Tabelle von 1861 beſchäftigt in dieſen Städten 6—12 % der Bevölkerung, d. h. wenn wir die erwachſenen Männer zu etwa 25 % der Bevölkerung annehmen, den vierten Theil bis zur Hälfte derſelben. Die Rangordnung geſtaltet ſich ſo, daß die rheiniſchen Städte nur 6—9 % Handwerker, die Städte der mittleren und öſtlichen Provinzen 10— 12 % Handwerker beſitzen, wobei nur Trier unter den rheiniſchen, Danzig unter den öſtlichen Städten eine Ausnahme macht. Daß an der größern oder geringern Zahl der Handwerker die große Induſtrie direkt ſchuld ſei, läßt ſich nicht behaupten. Koblenz mit 3 %, Köln mit 5 %, Aachen mit 15 %, Elberfeld mit 26 % Fabrikperſonal ſtehen ſich in Bezug auf das Handwerk faſt gleich. Ebenſowenig läßt ſich behaupten, daß die Größe der Städte einen Einfluß auf die Prozentzahl der Handwerker habe. Alle dieſe Städte haben mehr oder weniger den Charakter einer größern Stadt. Der vorhin beſprochene Gegenſatz von Kleinſtädten und größeren Städten fällt vollſtändig aus dieſer Tabelle hinaus. Theilweiſe liegt der Grund des weniger zahlreichen Handwerks der rheiniſchen Städte in der höhern wirthſchaftlichen Kultur, die für dieſelben Zwecke weniger Arbeitskräfte braucht. Es kommt das gegenüber den ſächſiſchen Städten in Betracht. Theilweiſe aber liegt der Grund darin, daß bei der Art, wie die Bevölkerung am Rhein vertheilt iſt, die dortigen Städte viel weniger als im Oſten die gewerblichen Mittelpunkte ganzer Gegenden bilden. Das ganze Land hat dort mehr Handwerker, darum können die Städte etwas weniger haben. Wenn ſich die ſächſiſchen und weſtfäliſchen Städte einer-, die preußiſchen, poſenſchen, märkiſchen anderer- ſeits ſo ziemlich gleich in der Prozentzahl ihrer Handwerker ſtehen, ſo hat das nicht ganz dieſelben Urſachen. In Magdeburg, Erfurt, Halle, Münſter iſt die Handwerkerzahl groß, weil hier eine gleichmäßigere Vermögensvertheilung auch die kleinen Handwerksgeſchäfte hält. Im Oſten iſt man überhaupt weiter zurück; deßwegen iſt die Zahl hier nicht unbeträchtlich; und dann ſpielen hier die größern Städte eine ganz andere Rolle gegenüber dem platten Lande, als in Sachſen und Weſtfalen.

Wir ſehen, wie auch hier wieder die verſchiedenſten Urſachen neben- und gegeneinander wirken.

Vergleicht man die Prozente der Handwerkertabelle mit denen der Fabrik- und der Handelstabelle, ſo iſt hervorzuheben, daß die Handelstabelle vielfach höhere Prozente zeigt, als die Fabriktabelle, daß meiſt beide zuſammen noch nicht ſo hoch ſind, wie die Prozente der Handwerkertabelle. Nur in wenigen Fabrikſtädten kommt die Fabriktabelle der Handwerkertabelle nahe, nur in Brandenburg, Krefeld, Eſſen, Elberfeld, Barmen und Aachen überwiegt ſie. Das Handwerk zeigt gegenüber den beiden andern Branchen ſeinen immer noch vorhandenen elementaren Charakter, ſeine allerwärts ſich zeigende Nothwendigkeit dadurch, daß es nur zwiſchen 6 und 12 % der Bevölkerung ſchwankt; die die Fabriktabelle ſchwankt zwiſchen 0,9 und 27 %, die Handelstabelle zwiſchen 2 und 9 % der Bevölkerung.

Als Ergänzung der bisherigen Unterſuchung über die preußiſchen Verhältniſſe will ich nunmehr noch Einiges aus der bairiſchen und ſächſiſchen Statiſtik anführen, ſchicke jedoch wieder voraus, daß die abſoluten und die Prozentzahlen mit den preußiſchen nirgends direkt vergleichbar ſind, da die Kategorien der Handwerker, die in den einzelnen drei Staaten zu Geſammtreſultaten vereinigt ſind, nicht ganz übereinſtimmen, theilweiſe weſentlich differiren.

Die bairiſche Handwerksſtatiſtik liefert nur einen kleinen Beitrag über den Gegenſatz von Stadt und Land;12 ſie unterſcheidet nicht Stadt und Land überhaupt, ſondern nur die größern ſog. unmittelbaren Städte und das geſammte übrige Land, welches alſo das platte Land mit ſeinen wenigen, wie die kleinen Städte mit ihren zahlreichen Handwerkern umfaßt. Die Meiſter und Gehülfen ſind mit Einſchluß der Weber zuſammengerechnet. Es kamen in den größern Städten Alſo die Hauptabnahme eben auch da, wo die Umbildung in neue Zuſtände ſich vollzieht, d. h. in den größern Städten.

In Bezug auf Sachſen erwähnte ich in anderem Zuſammenhang ſchon,13 daß nach einem Vergleich von 1830 und 1856 das Handwerk in den größern Städten ſehr bedeutend, einzelne Gewerbe um 20—70 %, in den kleinern Städten dagegen nicht ebenſo abgenommen habe; an ſie ſollte die Reihe erſt ſpäter kommen.

Für die ſpätere Zeit, d. h. für den Vergleich von 1849 und 1861 benütze ich eine Tabelle,14 welche die 36 wichtigſten Handwerke, mit Ausſchluß aller Hausinduſtrie, beſonders der Weberei, von 1849 und 1861 getrennt nach den größern, den kleinern Städten und dem platten Lande umfaßt. Nach ihr iſt die folgende Ueberſicht berechnet. Es waren

Sollte der Leſer trotz meiner Warnung an einen Vergleich dieſer Zahlen mit den preußiſchen denken, ſo iſt zu erwähnen, daß in den preußiſchen Tabellen etwa 80, hier 36 Arten von Handwerkern zuſammengefaßt ſind. Sind das auch weitaus die zahlreichern, dennoch bleibt eine direkte Vergleichung mißlich. Einige Prozente müßte man jedenfalls zuſetzen, ſo daß die größern ſächſi- ſchen Städte auf 10—11 %, die kleinern auf 12—13 % kämen. Das iſt jedenfalls den preußiſchen Verhältniſſen analog, daß die kleineren Städte das zahlreichſte Handwerk haben. Das gegenüber Preußen viel ſtärkere ländliche Handwerk hat ſeine Urſache in dem ſtädtiſch-induſtriellen Charakter eines großen Theiles des platten Landes in Sachſen, außerdem in den zahlreichen Vor- ſtadtdörfern, in welchen für die Stadt arbeitende Handwerker wohnen.15 Zugleich erhellt aus den ſächſiſchen und preußiſchen Zahlen, welche das platte Land betreffen, wieder, wie viel wichtiger die realen Zuſtände und Bedürfniſſe gegenüber der Gewerbegeſetzgebung ſind. In Sachſen bis 1862 gewiſſe Beſchränkungen des Landhandwerks, in Preußen keine Spur hiervon mehr ſeit langer Zeit; und doch iſt das ſächſiſche Landhandwerk zahlreicher.

Was nun aber die Veränderungen zwiſchen 1849 und 1861 in Sachſen betrifft, ſo ſind ſie ſehr ſprechend. In den größern Städten hat das Handwerk nicht viel mehr abgenommen, weil es hier ſchon früher ſehr zurückging; die Hauptabnahme trifft die kleinen Städte; in ihnen vollzieht ſich der Umſchwung erſt jetzt. Auf dem Lande haben die Handwerker etwas, aber ſehr unbedeutend zugenommen.

Unterſcheidet man die einzelnen Gewerbe in dieſer Beziehung, ſo trifft die Zunahme auf dem Lande gegenüber der Bevölkerung außer den hausinduſtriellen Be trieben hauptſächlich die Tiſchler, Glaſer, Stellmacher, Seiler, Riemer, Kürſchner, Bäcker und Buchbinder, ſowie die Zimmerleute und Maurer, letztere wahrſcheinlich nur ſcheinbar, durch Zählung ſtädtiſcher Arbeiter an ihrem ländlichen Wohnort in der ſtädtiſchen Umgebung, wie auch aus dieſem Grunde allein die ländlichen Buchdrucker Sachſens zunahmen. Dagegen haben auf dem Lande abgenommen die Schneider, die Schuhmacher, die Fleiſcher, die Hufſchmiede, die Gürtler, die Kupfer- ſchmiede, die Seifenſieder, die Gerber, die Töpfer, die Kammmacher, die Drechsler. Mancherlei bezieht der ländliche Konſument jetzt von der Stadt, was er früher beim Meiſter im Dorfe beſtellte.

Ob das ſeit 1862, ſeit das Landhandwerk in Sachſen ganz frei wurde, wieder ſich geändert hat, ob die Gewerbefreiheit dem ländlichen Meiſter den Abſatz wieder brachte, den er ſchon 1861 verloren hatte, möchte ich bezweifeln.

2. Das Handwerk nach Provinzen und Staaten.

Dem Gegenſatz zwiſchen Stadt und Land folgt der zwiſchen Landſchaften und Provinzen, Provinzen und Staaten. Er iſt theilweiſe ein ähnlicher; ein Hauptmoment des Gegenſatzes iſt daſſelbe. Da mehr agrariſche, dort mehr gewerbliche Zuſtände. Aber dazu kommen eine Reihe andere Momente; es wechſeln alte und junge Kultur, reiche und arme Gegenden. Andere Beſitz- und andere Bevölkerungsvertheilung, verſchiedene Verwaltung und verſchiedenes Recht, verſchiedene Geſchichte und verſchiedener Volkscharakter ſprechen mit.

Ehe ich auf die Urſachen aber näher eingehe, will ich die ſtatiſtiſchen Grundlagen vorlegen. Ich bleibe zuerſt bei den alten preußiſchen Provinzen ſtehen, da für ſie das reichhaltigſte Unterſuchungsmaterial vorliegt; erſt nachher will ich die übrigen Zollvereinsſtaaten und die neuen preußiſchen Provinzen in den Vergleich hereinziehen.

Wie ſtark war der Handwerkerſtand gegenüber der Bevölkerung in den einzelnen preußiſchen Provinzen 1822, 1846 und 1861? In Bezug auf die erſten beiden Jahre gibt die Unterſuchung Dieterici’s16 Antwort. In Bezug auf 1861 hat Viebahn17 Berechnungen gemacht. Ich ſtelle daneben eine eigene Berechnung, die nach den offiziellen Zahlen angeſtellt iſt, und nothwendig etwas höhere Procentzahlen ergiebt, da Viebahn’s abſolute Handwerkerzahlen für 1861, wie ich ſchon erwähnte, — wie ich hier noch beſonders bemerken will, wahrſcheinlich durch Ausſcheidung der Kunſtgewerbe — etwas niedriger ſind, als die der offiziellen Tabelle. Was den Vergleich der Zahlen für dieſe drei Jahre unter ſich betrifft, ſo iſt der zwiſchen 1822 und 1846 ganz der Wirklichkeit entſprechend, da Dieterici nur die gleichen Kategorien von Handwerkern in den Vergleich hereinzieht, dagegen umfaſſen die Zahlen von 1861 einige weitere Kategorien von Handwerkern; die Zunahme erſcheint daher etwas zu groß, wenigſtens nach den von mir berechneten Zahlen. Der Vergleich, wie ſich in den einzelnen Provinzen die Procentzahl in den drei verſchiedenen Zeitpunkten ſtellt, iſt hier aber auch nicht die Hauptſache; wichtiger iſt hier die Frage, wie ſich das Rangverhältniß der Provinzen unter einander in den genannten Epochen umgeſtaltet hat, und zur Beantwortung dieſer Frage iſt die Tabelle vollſtändig brauchbar.

Ich gebe die Zahlen in der doppelten möglichen Berechnung; die ſämmtlichen Gewerbetreibenden machten Procente der Bevölkerung aus:

Oder, was daſſelbe iſt, es kamen auf einen Gewerbetreibenden Einwohner:

Die Zahlen für 1861 will ich verſuchen gleich dadurch noch etwas weiter zu illuſtriren, daß ich eine Prozentberechnung des Handwerkerſtandes nach den einzelnen Regierungsbezirken beifüge. Denn welche Gegen- ſätze birgt z. B. Schleſien; im Regierungsbezirk Breslau zählt man 6,53 % Handwerker, im Regierungsbezirk Oppeln nur 3,93 %. Zugleich will ich, wie oben bei den größern Städten, die Prozentzahlen der Fabrik- und der Handelsbevölkerung daneben ſtellen, d. h. die Prozente, welche die geſammten 1861 in der Fabrik- und in der Handelstabelle nach dem bekannten Inhalt der- ſelben verzeichneten Perſonen gegenüber der ganzen Bevölkerung ausmachen. Man erſieht daraus die ungefähre Bedeutung des Handwerks in den einzelnen Regierungsbezirken gegenüber den Fabrik- und Handelsgeſchäften.

Neben dem ſpeziellen Reſultat dieſer Tabelle, das uns hier zunächſt intereſſirt, möchte ich den Leſer darauf aufmerkſam machen, welche Reſultate vergleichender Betrachtung ſich ergeben, wenn er die folgende Tabelle über die Regierungsbezirke vergleicht mit der obigen entſprechenden über die größern Städte.

Am Rhein ſind die Prozente der Handwerker in den Städten und Regierungsbezirken nahezu gleich, im Nordoſten haben die Regierungsbezirke theilweiſe nur ein Drittel oder Viertel der ſtädtiſchen Prozentzahlen. In der ſtädtiſchen Tabelle iſt die Fabrik- und Handelsbevölkerung der Handwerkerzahl ſchon viel näher gerückt, als in der Tabelle der Regierungsbezirke. Doch das nebenbei. — Die Tabelle iſt folgende:

Die lokalen Gegenſätze der Fabrik- und der Handelsentwicklung ſind hier, wie in den großen Städten, viel bedeutender als die des Handwerks. Es giebt Regierungsbezirke und Provinzen, die noch einmal ſo viel Handwerker haben als andere, im Handel und Fabrikweſen ſolche, die 4—11 mal ſo viel Perſonen beſchäftigen. Das Handwerk zeigt auch hier wieder ſeine elementare Natur. Es dient nothwendigen lokalen Bedürfniſſen, die einer- ſeits auch heute noch überall vorhanden ſind und andererſeits nirgends über ein gewiſſes Maß hinausgehen.

Freilich ſind die Differenzen noch ſtark genug: im Oſten beſchäftigt es 3 — 4 %, im Weſten 6 und 7 % der Bevölkerung. Am tiefſten ſteht der Regierungsbezirk Gumbinnen 1861 mit 3,63, dann Bromberg mit 3,66, Poſen mit 3,81 %; über 7 % haben die Regierungsbezirke Liegnitz, Magdeburg, Merſeburg, Erfurt, Arnsberg, Düſſeldorf; am höchſten ſteht Erfurt mit 7,83 %.

Um aber zunächſt zurückzukehren zu der Provinzialtabelle und dem Unterſchied zwiſchen den verſchiedenen Jahren der Aufnahme, ſo iſt das Rangverhältniß der Provinzen unter ſich 1822 und 1861 ſo ziemlich daſſelbe. Poſen z. B. hat damals wie jetzt etwa halb ſo viel Handwerker als Sachſen. Dieß Reſultat hat mich vollſtändig überraſcht; ich hatte, ehe ich die Unterſuchung anſtellte, erwartet, daß in den weſtlichen und mittleren Provinzen die Prozentzahl ſich weniger geändert zeigen werde; ich dachte mir hier gleichſam das Bedürfniß geſättigt; ich dachte, daß wenn hier Neubildungen ſtattfinden, ſie eher die Form der Fabriken und großen Unternehmungen annehmen werden. In den öſtlichen Provinzen dagegen, dachte ich, war die Zahl ſelbſt der nothwendigſten Handwerker, wie der Bäcker, Fleiſcher, Schneider, Schuhmacher, Tiſchler 1822 noch ſo gering, daß ſie mit der Kulturentwicklung, mit der ſteigenden Arbeitstheilung hier bedeutend ſteigen müſſe, ich dachte, daß 1822 — 61 dieſe Provinzen ſich den Zuſtänden in Mittel- und Weſtdeutſchland müßten genähert haben.

Und ganz unrichtig war dieſe Vermuthung auch nicht. Von 1822 — 46 iſt der Zuwachs in Preußen, Poſen, Brandenburg, Pommern und Schleſien im Ganzen relativ faſt größer als in Sachſen, Weſtfalen und der Rheinprovinz; erſt von 1846 — 61 bleiben Preußen, Poſen, Pommern ſo ziemlich ſtabil, während die andern Provinzen wieder ſchneller voranſchreiten.

Es wird nun nicht zu leugnen ſein, daß einzelne Hauptgewerbe auch 1846 — 61 im Oſten noch zunehmen; die wichtigſte Urſache der geringen Geſammtzunahme liegt nicht ſowohl in den einfachen Haupthandwerken, als in der größern Zahl der Handwerker, welche feinern Bedürfniſſen dienen — in den Gürtlern, Hutmachern, Hand- ſchuhmachern, Gold- und Silberarbeitern, Klempnern, Poſamentieren, Tapezierern und ähnlichen. Derartige, wenn ich ſo ſagen ſoll, höhere Handwerke fehlten vorher faſt noch ganz; da ſie erſt nach 1846 hätten ſich bilden müſſen, blieben ſie faſt ganz aus, weil nunmehr der Handel und Verkehr ſich ſchon umgeſtaltete, die lokale Produktion nicht mehr wie früher nothwendig war.

Freilich bleiben auch die wichtigern Handwerke von 1846 an im Oſten zurück; theilweiſe wirken die angeführten Urſachen auch auf ſie. Ich will nur für einige Hauptgewerbe, die Bäcker, Fleiſcher, Schneider und Schuhmacher eine ſpezielle Berechnung anſtellen, wie ſie in den einzelnen Provinzen 1849 — 61 zugenommen haben. Die folgende Tabelle beantwortet die Frage, auf wie viele Einwohner ein Gewerbetreibender je des betreffenden Gewerbes kam:

Die Tabelle zeigt, daß von 1849 — 61 faſt nur die Fleiſcher in Preußen und Poſen bedeutend zunahmen, die anderen Gewerbe aber in den mittlern und weſtlichen Provinzen mehr ſtiegen als im Oſten. Und auch bei den Fleiſchern erſcheint hauptſächlich deßwegen eine Zunahme in Preußen und Poſen, weil die Zahl der Fleiſcher hier 1849 ausnahmsweiſe niedrig, viel niedriger als 1816 iſt. Es iſt, als ob das Handwerk, weil es hier jünger war, der neuen Zeit, ihrer Technik und ihrem Betrieb noch weniger Widerſtandskraft entgegenzuſetzen gehabt hätte.

Einen weitern ſchlagenden Beweis hierfür liefern die Zahlen, welche Herzog18 aus dem Regierungsbezirk Poſen mittheilt. Ich erwähne nur einige Hauptgewerbe nach den abſoluten Zahlen der Jahre 1822, 1846 und 1861:

Eine große Zunahme bis 1846; von da ab vollſtändiger Stillſtand oder Rückgang, während doch ſonſt die Verhältniſſe gerade von 1846 ab erſt weſentlich ſich beſſern, die Straßen, der Verkehr, der Bodenwerth ſteigen. Gerade das muß nach den dortigen Verhältniſſen eben dem kleinen Handwerkerſtand nicht günſtig geweſen ſein. Er blieb beſonders in den kleinen Städten zurück, während die wohlhabendern Konſumenten nicht zurückbleiben wollten, ſich hier wohl mehr als anderwärts nach der Hauptſtadt der Provinz oder nach Berlin wandten. „Wohlhabendere machen ihre Einkäufe und Beſtellungen meiſtentheils in der Stadt Poſen,“ ſagt ein Bericht im Jahrbuch für amtliche Statiſtik,19 welcher hauptſächlich die Noth der Handwerker in den kleinen Städten der Provinz Poſen betont.

Daß die gewerbliche Thätigkeit in der Provinz Poſen wie in der Provinz Preußen vor Allem durch die ruſſiſche Zolllinie gehemmt und gelähmt wird, iſt richtig, kann aber hier nicht als hauptſächliche Urſache angeführt werden. Es trifft das mehr die größere Induſtrie; überdieß war dieſer Umſtand ſchon 1822 — 1846 vorhanden. Der Stillſtand von 1846 an muß alſo mehr andere Urſachen haben.

Ehe ich aber hierauf noch näher eingehe, theile ich die Zahlen über die andern Theile des Zollvereins, ſoweit ſolche vorliegen, mit. Sie zeigen theilweiſe dieſelben Gegenſätze; theilweiſe aber iſt das Reſultat auch ein weſentlich anderes; gerade da, wo das der Fall iſt, ſind wir aufgefordert nachzuforſchen, warum es ein anderes iſt.

Für 1846 hat ſchon Dieterici eine Vergleichung derjenigen Zollvereinsſtaaten angeſtellt, die damals brauchbare Aufnahmen machten.20 Die Summen der Handwerker aber, die er hiebei für Preußen z. B. zu Grunde legt, ſind ziemlich niedriger, als die der ſonſtigen offiziellen Statiſtik,21 wohl weil er ſolche Kategorien, in denen die Aufnahme nicht überall gleich gemacht wurde, weg ließ. Deshalb ſind die aus den Hauptſummen abgeleiteten Prozentzahlen eigentlich nicht direkt vergleichbar mit den Prozentzahlen nach der Aufnahme von 1861. Für 1861 exiſtiren offizielle Summirungen nur von den Staaten, die ihre Gewerbeaufnahme beſonders publizirt haben. Außerdem hat man die Summirungen in der Privatarbeit von Frantz,22 die mit den offiziellen Summen, ſoweit ſie exiſtiren, theilweiſe faſt ganz, theilweiſe wenig- ſtens ungefähr übereinſtimmen, und die Summen bei Viebahn,23 die, ähnlich wie ſeine preußiſchen Zahlen, etwas niedriger als die offiziellen Summen ſind. Da ſie aus eben dem Grunde den von Dieterici für 1846 berechneten Zahlen am nächſten ſtehen werden, am eheſten mit ihnen vergleichbar ſein werden, ſo ſtelle ich ſie zunächſt mit denen Dieterici’s von 1846 zuſammen. Ganz korrekt iſt die Tabelle freilich nicht; einzelne Staaten zeigen eine kleine Zunahme, welche ſie nach unſern obigen Unter- ſuchungen nicht haben; die größern Veränderungen aber ſind ſicherlich wahrheitsgetreu; jedenfalls bleibt der Tabelle, wie der obigen Tabelle über die preußiſchen Provinzen, der Werth, daß ſie zeigt, wie die Proportionen der Zahlen von 1846 und der Zahlen von 1861 je unter einander ſich änderten, wie das Rangverhältniß der Staaten unter ſich gewechſelt hat. Es betrug die Zahl der Meiſter und Gehülfen in Prozenten der geſammten Bevölkerung:

Die Zuſtände haben ſich von 1846 — 61 im Ganzen nicht unweſentlich geändert. Thüringen hatte 1846 am wenigſten Handwerker, 1861 am meiſten. Das Großherzogthum Heſſen ſteht in der Reihe der Staaten mit zahlreichem Handwerk jetzt oben an; Baden iſt zurückgeblieben. Die äußerſten Differenzen ſind 1861 geringer, weil die Staaten, welche 1846 das ſtärkſte Handwerk hatten, Sachſen, Baden und Baiern, ziemlich ſtabil blieben, dagegen die Staaten, welche 1846 zurück waren, an Handwerkern zunahmen, namentlich Thüringen und beide Heſſen, ſelbſt Naſſau. Wie kommt es, daß ſie, welche bis 1846 auf ähnlichem Standpunkt wie die öſtlichen preußiſchen Provinzen ſtanden, noch an Handwerkern zunahmen, während in jenen das Handwerk ſich nicht weiter entwickelte? Ich werde darauf zurückkommen.

Zunächſt möchte ich noch eine ſpeziellere Vergleichung ſämmtlicher Zollvereinsſtaaten und preußiſchen Provinzen pro 1861 als weiteres Material für die Unterſuchung anführen. Die Tabelle iſt Viebahn24 entlehnt. Sie beantwortet in der letzten Spalte die Frage, wie viele Meiſter je auf 1000 Familien kamen, in der vorletzten die Frage, wie viele Meiſter und Gehülfen je auf 1000 Einwohner kamen; die vorhergehenden Spalten geben darüber Auskunft, wie ſtark die einzelnen Hauptabtheilungen der Gewerbe im Verhältniß der Bevölkerung waren.

Als Ergänzung führe ich noch die Prozentzahlen einiger ſpeziellen Gewerbe nach Viebahn an. Bei einzelnen hat er Meiſter und Gehülfen, bei andern nur die Meiſter in Rechnung gezogen. An Meiſtern und Gehülfen kamen 1861 auf 10000 Einwohner bei folgenden Gewerben:

Von den folgenden Gewerben kamen 1861 auf 10000 Einwohner je die folgende Zahl Meiſter:

Daß einzelne Differenzen, welche ſich in dieſen ſpeziellen Zahlen zeigen, nicht bloß und nicht vollſtändig von der wirklichen Verſchiedenheit der Zuſtände, ſondern da und dort auch theilweiſe von einer Verſchiedenheit der Aufnahme herrühren, wird nicht zu leugnen ſein. Aber wir brauchen uns in dieſer Beziehung hier mit keiner Detailkritik abzugeben, da es ſich ja zunächſt mehr um das allgemeine Reſultat, um die allgemeinen Gegen- ſätze, die zu Tage treten, handelt.

Dieſe allgemeinen Gegenſätze nun, welche ſich uns in den ſämmtlichen Tabellen erſichtlich machen, ſind etwas größer als die, welche wir bei Vergleich der altpreußiſchen Provinzen und Regierungsbezirke erſahen. In den altpreußiſchen Provinzen ſchwankt der Handwerkerſtand zwiſchen 3,6 und 7,2 % der Bevölkerung, in den altpreußiſchen Regierungsbezirken zwiſchen 3,6 und 7,8 %, in den von Viebahn verglichenen Gegenden zwiſchen 3,6 und 8,6 %, wobei ich Frankfurt mit 16,6 % als einzelne Stadt außer Acht laſſe. Hohenzollern, Württemberg, Sachſen, Thüringen haben alle über 8 % Handwerker, alſo mehr als irgend eine altpreußiſche Provinz, über 7 % haben Anhalt, Braunſchweig, Großherzogthum Heſſen, ihnen ſteht nur die Provinz Sachſen mit 7,2 % gleich; zwiſchen 6 und 7 % haben — ähnlich wie Brandenburg, Weſtfalen und die Rheinprovinz — Hannover, Kurheſſen, Baiern, Baden, Oldenburg, Waldeck, Luxemburg. Naſſau allein von den weſt- und ſüddeutſchen Bezirken ſteht mit 5,6 % den öſtlichen preußiſchen Provinzen gleich oder nahe; Schleſien hat 5,6, Pommern 4,8, Preußen 3,9, Poſen 3,6 %.

Die einzelnen Hauptgruppen von Handwerken ſind theilweiſe gleichmäßiger, theilweiſe aber auch um ſo ungleichmäßiger vertheilt. Ziemlich gleich ſtark ſind überall die Metallarbeiter. Aehnlich die Bekleidungsgewerbe und Holzwaarenarbeiter; in den Bekleidungsgewerben z. B. ſtehen die mittleren preußiſchen Provinzen den ſüddeutſchen und rheiniſchen Staaten ſo ziemlich gleich, während ſie in den Geſammtzahlen weſentlich zurückbleiben; ſelbſt Poſen und Preußen ſtehen hier nicht ſo ſehr zurück; ſie haben 1,5 % in den Bekleidungsgewerben, Hohenzollern nur 2,6, Württemberg 2,8, alſo noch nicht doppelt ſo viel; dagegen wird in den Baugewerben die Zahl Poſens von Hohenzollern um mehr als das 4 fache, von Süddeutſchland, Oberſachſen und den rheiniſchen Staaten um das 2—3 fache übertroffen. In Poſen kommen auf 10000 Menſchen 20, in Preußen 30, in Pommern 42 Maurer, in Thüringen dagegen 110, in Württemberg 71, in Baiern 74. Eine ſtarke Ver- ſchiedenheit zeigen auch die Gewerbe für perſönliche Dienſtleiſtungen und für Stoffbereitung, ſowie die Nahrungsgewerbe. Im Südweſten Deutſchlands etwa die dreifache Zahl wie im Nordoſten.

Dieſe Differenzen, wie überhaupt die Differenzen in den meiſten Gewerben, werden noch ſtärker, wenn man nur die Meiſterzahlen anſieht. Da wo die Zuſtände noch ein zahlreiches Handwerk erlauben, gibt es auch noch mehr kleine Geſchäfte, alſo um ſo mehr Meiſter, während in den Ländern mit entgegengeſetzten Zuſtänden die Gehülfenzahl relativ ſtärker ſein wird.

In Heſſen-Darmſtadt gibt es 4—5 mal ſo viel Fleiſchermeiſter als in Preußen im e. S., in Württemberg gibt es 6 mal ſo viel Bäckermeiſter als in Preußen, in Heſſen 6 mal ſo viel Barbiere als in Preußen, in Thüringen 7 mal ſo viel Gerbermeiſter als in Poſen, in Württemberg 60 mal ſo viel Steinhauermeiſter als in Poſen, 8 mal ſo viel Glaſermeiſter als in Schleſien.

Einige andere Gewerbe freilich zeigen auch, wenn man nur die Meiſterzahlen vergleicht, keinen größern Unterſchied. Die ſpezifiſch ländlichen Gewerbe der Schmiede, der Sattler, dann die Gewerbe der Tiſchler, auch der Schneider und Schuhmacher ſind ſich in den verſchiedenen Gegenden ihrer Meiſterzahl nach ziemlich nahe. In einigen Gewerben ſtehen ſich Württemberg, Baden, Baiern einerſeits, Preußen und Poſen anderer- ſeits ſogar ſehr nahe. In der nordöſtlichen, wie in der ſüdweſtlichen Ecke ſind z. B. noch am meiſten Töpfermeiſter; in dem ganzen Gebiete dazwiſchen ſind ſie von den größern Geſchäften und dem Handel verdrängt. Dort iſt es die Unentwickeltheit der wirthſchaftlichen Verhältniſſe überhaupt, hier ſind es die kleinen Städte und großen Dörfer, welche ſie halten.

Dieſe letzte Bemerkung zeigt, wie mannigfaltig und verſchieden die Urſachen ſein können, die eine hohe oder niedrige Prozentzahl von Handwerkern hervorrufen, wie vorſichtig man in allgemeinen Schlüſſen ſein muß.

Um daher, ehe ich die Urſachen, welche die Gegen- ſätze beherrſchen, genauer beſpreche, noch weiteres Licht auf den Gegenſtand zu werfen, will ich noch einige Berechnungen über das Verhältniß der Handwerker zur Fabrikbevölkerung in den einzelnen Staaten nach dem Stande von 1861 mittheilen. Die abſoluten Zahlen ſind Frantz25 entnommen. Der Inhalt der Handwerker- und der Fabriktabelle iſt bekannt. Die Vergleichung gibt wenigſtens ungefähr ein Bild davon, wie in den einzelnen Staaten Fabrik und Handwerk ſich in Wirklichkeit verhalten. Die erſte Tabelle gibt die abſoluten Zahlen und den Prozentantheil von Fabrik und Handwerk an der Geſammtſumme.

In Hannover, wo die rein landwirthſchaftlichen Gegenden vorwiegen, iſt das Handwerk am ſtärkſten, es folgen Baiern, Kurheſſen, Württemberg; dann Preußen und Baden; zuletzt Sachſen, wo allein die Fabriktabelle ſtärker iſt, als die Handwerkertabelle. Dieſe Zahlen ſind aber nur relativ. Hannover hat gegenüber ſeinen Fabriken das ſtärkſte Handwerk; mit der Bevölkerung verglichen, hat es ein ſchwächeres Handwerk als Sachſen, Baden, Württemberg und Baiern. Dieſen Vergleich der Fabrik- und der Handwerkertabellen mit der Bevölkerung führt die folgende Tabelle noch aus, wobei ich für die Handwerkerzahlen neben die Frantz’ſchen die oben ſchon angeführten von Viebahn ſtelle. Sie zeigen, daß der Unterſchied kein allzugroßer iſt.

Das Handwerk iſt hiernach am ſtärkſten in Württemberg, wo die Fabriken bedeutend, aber nicht am ſtärkſten ſind; dann folgt Sachſen, mit 8 reſp. 8,49 % Handwerkern neben 10,03 % Fabrikperſonal. Alſo vertragen ſich zahlreiche Handwerker wohl mit zahlreichen Fabriken; freilich nur unter Umſtänden. Nach Sachſen folgt Baiern mit der nächſthöchſten Handwerkerzahl, während ſein Fabrikperſonal mit an letzter Stelle ſteht. Hannover und Altpreußen ſind an Handwerkern faſt gleich, wenig- ſtens ſehr nahe, an Fabrikperſonal hat Preußen nahezu die doppelte Zahl. Die Bemerkungen beweiſen auf’s ſchlagendſte, daß das Handwerk weder in gerader Proportion wächſt mit den Fabriken, wie man oft behauptet hat, noch daß es umgekehrt in gerader Proportion mit ihnen abnimmt, wie andere oftmals vorgaben. Ich werde darauf im Zuſammenhang mit den andern Urſachen, um die es ſich handelt, zurückkommen.

Gehen wir nun endlich nach langen, beinahe ermüdenden Zahlenmittheilungen auf die einzelnen Urſachen näher ein, welche ein ſchwächeres oder ſtärkeres Handwerk in den einzelnen Provinzen und Staaten bedingen, welche das Plus oder Minus an Handwerkern beeinfluſſen und beherrſchen, ſo wird man zunächſt beim Allgemeinſten ſtehen bleiben müſſen. Man könnte zuerſt geneigt ſein, an die Verſchiedenheit des Wohlſtands überhaupt zu denken, man könnte geneigt ſein zu glauben, daß reichere Gegenden mehr, ärmere weniger Handwerker im Verhältniß zur Bevölkerung beſitzen. Gewiß iſt das auch bis auf einen gewiſſen Grad der Fall; aber entfernt nicht durchaus. Bei größerm Reichthum und hoher Kultur kann die Art und die Richtung der Volkswirth- ſchaft ſo ſein, daß doch die Zahl der Handwerker nicht ſo groß iſt, als in andern minder wohlhabenden Gegenden. Schleſien und Naſſau haben dieſelbe Prozentzahl Handwerker, und Schleſien iſt viel reicher; Hohenzollern hat 8,9 % Handwerker, die Rheinprovinz 6,2, und doch iſt letztere gewiß viel reicher; Baden hat 6,2 %, Baiern 6,9 %, und letzteres iſt weit hinter dem erſten an allgemeiner wirthſchaftlicher Entwickelung zurück.

Nächſt dem Wohlſtand im Allgemeinen wird es gerechtfertigt ſein, die Dichtigkeit der Bevölkerung ins Auge zu faſſen. Und man wird wieder ſagen können, daß im Allgemeinen allerdings mit der größern Zahl Menſchen, die auf der Quadratmeile leben, die Prozentzahl der Handwerker gegenüber der Bevölkerung wächſt, daß aber im Einzelnen ſehr grelle Ausnahmen von dieſer Regel vorkommen, die auf das Mitwirken anderer Ur- ſachen hindeuten. Nehmen wir die Hauptgruppen, ſo hatten: 26

Alſo weder der Wohlſtand im Allgemeinen, noch die Dichtigkeit der Bevölkerung beherrſchen allein die Handwerkerziffer.

Aber die Richtung der Produktion, wird man entgegnen; in den rein agrariſchen Gegenden können nicht ſo viele Handwerker ſein, wie in den induſtriellen. Wenn Poſen 3,6 %, die Provinz Sachſen 7,2 % Handwerker hat, ſo iſt daran ſchuld, daß die eine Provinz eine landwirthſchaftliche, die andere eine induſtrielle iſt. Aber wieder laſſen ſich andere Länder reſp. Provinzen neben einander ſtellen, bei denen die Gleichheit oder die Differenz daraus nicht zu erklären iſt. Das induſtriereiche Schleſien hat 5,6 %, das rein landwirthſchaftliche Hannover hat 6,2 %; das vorwiegend agrariſche Baiern hat 6,9 % Handwerker, das gewerbſame Baden zählt 6,2 %, die faſt nur aus Bauerngemeinden beſtehende Provinz Kurheſſen hat ebenfalls 6,0 % Gewerbetreibende. Und es iſt natürlich. Auch das platte Land und die kleinen Ackerſtädte können zahlreiche Handwerker haben. Der induſtrielle Charakter eines Landes als ſolcher ſteigert nicht überall das kleine Handwerk.

Ich habe dafür ſchon oben die Belege mitgetheilt, wo ich die Prozentzahlen der Handwerker- und der Fabriktabelle verglich. Es gibt allerdings Gegenden, wo mit der Großinduſtrie nicht ſowohl die Kleingewerbe zunehmen, wo ſie aber von früher her zahlreich, ſpäter leidend und abnehmend, durch den Aufſchwung der Großinduſtrie eher wieder in beſſere Tage kamen. Württemberg, einzelne Theile Sachſens und der Rheinprovinz beweiſen das. Aber ganz falſch iſt es, das all gemein zu behaupten, allgemein es auszuſprechen, die Großinduſtrie an ſich fördere und hebe nothwendig das Handwerk. Offizielle und halboffizielle Schönfärberei, von der ſelbſt Viebahn nicht ganz frei iſt, 27 haben das eben ſo oft zuverſichtlich ausgeſprochen, als der Optimismus der radikalen Volkswirthe, die den Beruf fühlen, die Großinduſtrie und die große Spekulation gegen jeden Vorwurf zu vertheidigen, alles ſchön und vollkommen zu finden, was wirklich oder ſcheinbar durch freie Konkurrenz entſtanden iſt. Beide Richtungen haben es behauptet, aber nicht bewieſen.

Sobald man näher zuſieht, wie die Konkurrenz von Handwerk und Großinduſtrie iſt, ſo bekommt man eine klare Anſchauung, wo die letztere dem Handwerke ſchadet, wo ſie es fördert. In den wenigen Branchen, in welchen die Fabrik dieſelben Waaren liefert wie der Handwerker, vornehmlich, wo ſie ſelbſt die lokalen Bedürfniſſe befriedigt, da drückt ſie auf das Handwerk, verdrängt es. Der überwiegende Theil aber der größern Unternehmungen liefert nicht Waaren für lokalen Bedarf, ſondern für ganze Länder. Dadurch entſteht auch ein Druck auf das Handwerk, aber es iſt ein Druck, der ſich dann auch über ganze Länder verbreitet, der in dieſer Vergleichung nach Provinzen gar nicht erſichtlich ſein kann. Die Förderung, welche die Großinduſtrie dem Handwerk geben kann, iſt nur indirekt, wenn wir von einigen Reparatur- und Hülfsgewerben abſehen. Sie ſchafft eine dichtere, unter Umſtänden wohlhabendere Bevölkerung. Ob dieſe aber viele Handwerker beſchäftigt, hängt ab von dem Grade der Wohlhabenheit der Arbeiter, von der Art des Zuſammenwohnens, von einer Reihe weiterer Umſtände. Beſonders in den Groß- ſtädten beſchäftigt die größte Zahl Fabrikarbeiter nicht ſowohl Handwerker, als zahlreiche Detailhändler und Magazine, große und kleine Speiſehäuſer und Schankwirthſchaften.

Viel hängt in dieſer Beziehung ab von den hergebrachten Sitten und den häuslichen Gewohnheiten einer Gegend. An allem Hergebrachten hängt die Mehrzahl viel zäher feſt, als die Nationalökonomen meiſt glauben. Das verſchiedene Alter der gewerblichen Kultur, das den ganzen Weſten Deutſchlands von dem Oſten unterſcheidet, kommt da in Betracht. Wo ein zahlreicher kleiner Handwerker- ſtand iſt, da erhält er ſich wenigſtens theilweiſe durch die zähe Feſtigkeit beſtehender Lebensgewohnheiten und Geſchäftsſitten; wo eine gewerbliche Entwickelung erſt mit der Zeit der Dampfmaſchinen und Eiſenbahnen eintritt, da wird, worauf ich ſchon in anderem Zu- ſammenhang aufmerkſam machte, das nun neu Anzufangende nicht im alten, ſondern in neuem großen Style begonnen. Die größere Zahl Handwerker am Rhein, im Südweſten Deutſchlands hängt hiermit zu- ſammen. Aber wieder wäre es falſch, wenn man dieſe Wahrheit zu ſehr erweiterte, zu allgemein ausſpräche. Thüringen hatte 1846 noch 3,4 %. Handwerker, 1861 8,6 %; ſeine gewerbliche Entwickelung iſt alſo ſehr jung, und doch zählt es jetzt mehr Handwerker als Sachſen, Baden, Baiern und Württemberg.

Mit den zuletzt beſprochenen Punkten hängt ein anderer enge zuſammen; ich meine den Einfluß der Zunftverfaſſung. Es iſt ein entſchiedener Unterſchied zwiſchen den Ländern, wo ſie früher beſeitigt wurde und denen, wo ſie länger beſtand. Die Gewerbefreiheit hat mit ihrer größern Konkurrenz das kleine, techniſch weniger vollkommene Handwerk früher beſeitigt. Wo die alten Zunftvorſchriften beibehalten oder auch nur vermittelnde Gewerbegeſetze erlaſſen wurden, da hatte der Großbetrieb, das Magazinſyſtem, da hatte alles Neue doch mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen; da erhielten ſich die beſtehenden Gewohnheiten des Verkehrs und Geſchäftslebens mehr im alten Geleiſe. War man zu engherzig, ſo beſchränkte das wohl wieder die Zahlen der Handwerker, aber abgeſehen hiervon erhielt eine gemäßigte Zunftverfaſſung entſchieden eine größere Zahl kleiner Geſchäfte. Das iſt wohl die Urſache, auf die es neben andern zurückzuführen iſt, daß die entwickeltern altpreußiſchen Provinzen hinter ſonſt ähnlichen Gegenden in der Zahl der Handwerker zurückſtehen; die Provinz Sachſen hat 7,2, das Königreich 8,0, Thüringen 8,6 %; Schleſien hat 5,6 und Hannover 6,2 %, die Rheinprovinz hat 6,2 %, die Rheinſtaaten haben 7,1 % Handwerker. Man ſieht daraus wenigſtens, daß die beſtehenden Handwerke von einem eng egoiſtiſchen Standpunkte nicht ganz unrecht hatten mit ihrer Abneigung gegen die Gewerbefreiheit. Von einem höhern Standpunkt aus wird man anders urtheilen; da wird man es nicht an ſich als ein Glück betrachten, wenn die Handwerker etwas zahlreicher, dafür aber um ſo ungeſchickter und indolenter ſind und viele halbbeſchäftigte Exiſtenzen in ſich bergen. Da wird man, ſelbſt wenn man die mit der Gewerbefreiheit und den Fortſchritten der Technik ſich ergebende ungleichere Vermögensvertheilung, das theilweiſe Ver- ſchwinden eines Mittelſtandes tief beklagt, die anderweitigen Fortſchritte immer dagegen halten.

Uebrigens darf man den ganzen Einfluß der Gewerbegeſetzgebung nicht überſchätzen. Er beſchränkt ſich, ſo wie unſere deutſchen Geſetze alle waren und gehandhabt wurden, darauf, daß große durch andere Urſachen hervorgerufene Bewegungen etwas verlangſamt oder etwas verſtärkt wurden. Auch die Rheinprovinz hat trotz der längſt beſtehenden Gewerbefreiheit noch immer ein nicht unbedeutendes Handwerk; das Königreich Sachſen hat trotz der Zunftgeſetze und Realberechtigungen ſeinen Uebergang zur Großinduſtrie, da wo er angezeigt war, vollzogen.

Alle bisher beſprochenen Urſachen treffen nicht in das Herz der Sache; theilweiſe ſelbſt nicht einfacher Natur, wirken ſie vollends unter ſehr verſchiedenen Verhältniſſen ſehr verſchieden. Mehr und weniger wird man freilich ſo von den meiſten Urſachen ſozialer und volkswirthſchaftlicher Dinge urtheilen müſſen, wenn man genauer zuſieht. Aber doch nur mehr oder weniger. Es gibt durchgreifendere Urſachen mit einfachern Wirkungen. Und eine ſolche, wie mir ſcheint die wichtigſte in dieſer ganzen Frage, habe ich noch hervorzuheben.

Ich erwähnte ſchon, wie wichtig die häuslichen Sitten, die Art der Familienwirthſchaft ſei. Der Stammescharakter und die wirtſchaftliche Geſchichte eines Volkes ſind die allgemeinen Urſachen, von denen dieſe Sitten abhängen. Spezieller aber läßt ſich behaupten, daß die Geſammtheit dieſer Verhältniſſe hauptſächlich wieder bedingt iſt von der Vermögens- und Einkommensvertheilung einerſeits, der Vertheilung der Bevölkerung in großen oder kleinen Städten, großen oder kleinen Dörfern anderſeits.

Die Kleingewerbe ſind da am ſtärkſten, wo der kleine Grundbeſitz und der kleine landwirtſchaftliche Betrieb vorwaltet, wo zahlreiche große Dörfer ſtatt der anſehnlichen Rittergüter mit wenigen Tagelöhnerhütten ſind, wo viele kleinere und mittlere Städte ſtatt weniger ganz großer Städte neben einem wenig bevölkerten platten Lande exiſtiren. Ich glaube Lorenz Stein ſpricht es einmal aus, — „die Vertheilung des Grundbeſitzes gibt der ganzen Volkswirthſchaft ihre Signatur.“ Das zeigt ſich gerade hier ſehr deutlich.

Wo der kleine Beſitz vorherrſcht, da ſteht ſich Arm und Reich anders gegenüber, da bilden ſich Anſchauungen und Sitten durch alle Schichten der Geſellſchaft hindurch, welche die Gegenſätze nicht ſo hervortreten laſſen. Selbſt die höheren Klaſſen der Geſellſchaft, der Adel, die hohen Beamten, die Offiziere ſtehen in ſolchen Ländern mit ihren Gewohnheiten, Anſchauungen und Bedürfniſſen nicht ſo über der Maſſe des Mittelſtandes. Die maßgebenden Perſonen in der Regierung wie in den politiſchen Parteien ſtehen dem kleinen Mittelſtande näher. Der Wohlhabende lebt in Süddeutſchland einfacher, der Aermere beſſer als in Norddeutſchland. Es wiegt mehr ein mittleres Niveau von Bedürfniſſen und Lebensanſchauungen vor. Und die Art der Bedürfniſſe; die Art der Konſumtion beſtimmt, ob größere oder kleinere Geſchäfte, ob der Handwerkermeiſter oder das Magazin ſie befriedigen. Das Land der kleinen Leute, des vorwiegenden Mittelſtandes gibt auch der kleinen Induſtrie noch mehr Beſchäftigung.

Wo der bäuerliche Mittelſtand fehlt, fehlt der übrige Mittelſtand leicht auch. Da ſind keine kleinen Städte und Verkehrsmittelpunkte, da wird heute nur noch im Großmagazin der Hauptſtadt — oder vom Hau- ſirer gekauft. Und das iſt die weſentlichſte Urſache, warum die öſtlichen preußiſchen Provinzen auf die gleiche Bevölkerung nie die gleiche Zahl Handwerker wie in Süd- und Mitteldeutſchland bekommen hätten, auch wenn die Technik, die Arbeitstheilung dieſelbe geblieben wäre, auch wenn der neue Verkehr nicht Alles geändert hätte. Das iſt die weſentlichſte Urſache, warum ſie ſie jetzt noch weniger bekommen werden, warum ſie, wie wir beim Regierungsbezirk Poſen ſahen, ſeit 1846 einen ſolchen Stillſtand ihrer Handwerkerzahl zeigen.

Nur mit ein paar ſtatiſtiſchen Zahlen will ich dieſe Behauptung noch zu illuſtriren ſuchen. Die Durchſchnittsgröße der einzelnen Grundbeſitzung iſt nach Hausner in der Rheinprovinz, Württemberg, Baden, Naſſau, Heſſendarmſtadt 3—5,3 Hektaren; in den Königreichen Sachſen und Baiern, ſowie der Provinz Weſtfalen iſt der durchſchnittliche Beſitz 6,3—7,4 Hektaren, in Preußiſch Sachſen 9,8, Hannover und Schleſien 11,1, Brandenburg, Poſen, Preußen, Pommern 21—28,5 Hektaren;28 das iſt, wenn man einige entgegengeſetzt wirkende Ur- ſachen wegdenkt, in der Hauptſache dieſelbe Rangordnung, welche ſich nach dem Prozentantheil der Handwerker an der Bevölkerung ergiebt.

Ueber die Größe der Dörfer in den einzelnen preußiſchen Provinzen fehlen mir neuere Zahlen. Ich muß daher auf einige ältere zurückgreifen, welche theilweiſe vielleicht nicht mehr ganz richtig, doch immer noch ein ungefähres Bild der Sache geben. Im Jahre 184929 hatten von 36588 ländlichen Gemeinden in Preußen 8355 weniger als 100, nur 5292 hatten über 500 Seelen. In den Provinzen Preußen, Poſen und Pommern kommen 20—30, am Rhein 60—70 Wohnungen auf ein Dorf. Genauere Zahlen gibt Haxthauſen 1839.30 Nach ihm hatte ein Dorf durch- ſchnittlich in den folgenden Regierungsbezirken Einwohner: Königsberg 104, Danzig 108, Marienwerder 94, Poſen 134, Bromberg 196, Köslin 227, Stettin 293, Stralſund 262, Potsdam 321, Frankfurt 309, Liegnitz 323, Oppeln 330, Magdeburg 351, Merſeburg 243, Erfurt 442. In Württemberg dagegen hat ein Dorf nach Hausner31 gegenwärtig 857, in Hannover 209 Einwohner. Es iſt klar, von welcher Bedeutung das für das kleine Handwerk iſt; ebenſo wie das Vorkommen vieler kleiner Städte, die nachgewieſenermaßen den größten Handwerkerſtand haben. Es kam, wieder nach Hausner,32 in Württemberg ſchon auf eine □ Meile eine Stadt (incl. der Marktflecken), in Naſſau eine auf 1,25, in Heſſendarm- ſtadt auf 1,3, in Thüringen auf 1,5, in Baden und Sachſen auf 1,7, in Heſſen-Kaſſel auf 1,8, in Baiern auf 2,35, in ganz Preußen auf 3,7, in Hannover auf 3,9 □ Meilen. Je größer die Zahl der Städte, deſto kleiner ſind ſie. Die Reihenfolge entſpricht wieder ungefähr dem prozentualen Vorkommen des Handwerks.

Im Anſchluß hieran möchte ich noch auf zwei Punkte aufmerkſam machen, die in gewiſſem Sinne nur eine Wiederholung des eben Geſagten enthalten, daneben aber doch auch ſelbſtändige Geſichtspunkte zur Erklärung beibringen.

Von der Art des Familienlebens, der Vertheilung des Grundbeſitzes, der Art der menſchlichen Wohnſtätten (freilich auch von manchem Andern), iſt das bedingt, was man im Allgemeinen den Volkscharakter nennt. Jeder deutſche Stamm hat ſeine Eigenthümlichkeit; der höfliche emſige Sachſe, der beſcheidene gutmüthige Thüringer, der leichtlebige Rheinländer, der derbe Baier, jeder hat ſeinen eigenen Charakter, hat Züge, die das ganze wirthſchaftliche Leben der Provinz, der Gegend influiren, die beſonders von Einfluß ſind auf die Art, wie man die nächſtliegenden täglichen Bedürfniſſe befriedigt. Viel größere Unterſchiede aber als die eben erwähnten bietet ganz Weſt- und Mittel-Deutſchland mit ſeiner rein deutſchen Bevölkerung einerſeits und der Oſten mit ſeinen ſlaviſchen, emigrirt-franzöſiſchen, auch ſtärkeren jüdiſchen Beimiſchungen andererſeits. Schon im Mittelalter war der Handwerker in den ehemals ſlaviſchen Ländern ein Deutſcher. Zu einem geſunden ſtädtiſchen Mittelſtande haben es die mehr ſlaviſchen, die polniſchen Gegenden nie recht bringen können. Ob es mehr der Verlauf der polniſchen Geſchichte mit ſich gebracht haben mag oder der urſprüngliche Stammescharakter, die großen Dörfer und die Städte ſind germaniſcher Abkunft. In den kleinen Städten der Provinz Poſen da bilden den wichtigſten Theil des Mittelſtandes die Juden. Der Iſraelit beginnt mit dem Schnapsladen, er geht dann zu einem Materialladen, zum Handel mit Landesprodukten und mit allem Möglichen über, und wenn er reich geworden iſt, zieht er nach Poſen oder gar nach Berlin. Der dortige Mittelſtand überhaupt neigt mehr zum Handel, als zum Handwerk. Es iſt charakteriſtiſch, daß der deutſche Tagelöhner auf den großen Gütern der Mark und Pommerns im Winter am Webſtuhl ſitzt, alle mögliche Handwerksarbeit lernt und verrichtet, während dazu der ſlaviſche Tagelöhner in Poſen nicht zu brauchen iſt. Aus einem ſolchen Arbeiterſtand gehen keine Handwerker in Dorf und Stadt hervor.

Der andere Punkt, den ich noch hervorheben möchte, iſt folgender. In den Ländern des Kleinbeſitzes, der gleichen Vermögensvertheilung, die freilich zugleich Klein- ſtaaten ſind, hat ſich in Zuſammenhang mit den dortigen ſozialen Sitten und Anſchauungen nicht die Geſetzgebung, aber die Verwaltung dem Handwerke gegenüber anders geſtellt als in Preußen.

Man wird nicht behaupten können, daß man in Preußen an ſich weniger thue oder gethan habe für Induſtrie und Verkehr; im Gegentheile; aber das wird man ſagen dürfen, daß das, was geſchieht, an eine andere Adreſſe geht. In den größern Verhältniſſen macht ſich das Bedürfniß der kleinen Leute weniger geltend. Große Fabrikanten und Unternehmer, große Ingenieure und Spekulanten mit ihren ſpezifiſchen Intereſſen ſtehen in Berlin mehr im Vordergrund als in den Regierungsſitzen der Kleinſtaaten, führen mehr das Wort in den öffentlichen Verſammlungen, in den Gewerbekammern, im Parlament, in der Preſſe. Großes hat Preußen im gewerblichen Bildungsweſen geleiſtet; das Gewerbeinſtitut und die Bauakademie ſind Zeuge dafür; Staatstechniker, die in Privatdienſte übertraten, haben die großen Privatbergwerke und -Hüttenwerke weſentlich gehoben; die Seehandlung, die Bank haben tauſendfach da und dort eingegriffen, geholfen, Kredit gegeben; Staatsgarantien haben dem Eiſenbahnbau Schwung ver liehen. Alle dieſe Beſtrebungen kommen indirekt dem Ganzen, direkt und zunächſt aber der großen Induſtrie, dem großen Kapital zu Gute.

Was für die kleine Induſtrie geſchehen iſt, iſt unbedeutend;33 die wenigen Provinzialgewerbeſchulen erſtrecken ihre Wirkung nur auf die Elite des höhern Handwerkerſtandes; der Zeichenunterricht, das niedere gewerbliche Schulweſen liegt bis in die neuere Zeit mit wenigen Ausnahmen ganz darnieder, iſt nur an denjenigen Orten entwickelt, wo Privat-, Handwerkerbildungs- und Gewerbevereine die Sache in die Hand nahmen.

Man blicke dem gegenüber auf das gewerbliche Bildungsweſen Süddeutſchlands, auf das, was man dort für die Kleingewerbe überhaupt thut. Ich will von der Thätigkeit Badens und Baierns nach dieſer Richtung nicht weiter ſprechen. Von Baiern wäre haupt- ſächlich der wohlthätige Einfluß der ausgezeichneten Nürnberger Kunſtgewerbeſchule zu erwähnen. Nur an die mir am meiſten bekannte Thätigkeit der württembergiſchen Zentralſtelle für Handel und Gewerbe34 will ich erinnern. Sie hat unter ihrem tüchtigen Direktor Steinbeis ſich vorzugsweiſe bemüht, in die Kreiſe des eigentlichen Handwerks Anregung und Förderung zu bringen. Sie hat neue lohnendere Induſtriezweige eingeführt, die beſtehenden Hausinduſtrien auf die kunſtvolleren Branchen, die dem Handwerk bleiben, übergeleitet, ſie hat tüchtige Gewerbetreibende im Auslande lernen laſſen, fremde Gewerbetreibende zur Einführung und Hebung einzelner Gewerbe ins Land gezogen. Sie hat einen dauerden Fonds zu Reiſeunterſtützungen für kleine Gewerbetreibende. Sie hat in jeder Weiſe den Abſatz nach Außen zu fördern geſucht; ſie hat in dem ſtuttgarter Muſterlager dem kleinen Manne, der nicht reiſen kann, Gelegenheit geſchafft, alles Neue, Muſter, Ma- ſchinen und Werkzeuge zu ſehen; ſie überläßt zeitweiſe neue Maſchinen den Einzelnen zur Probe. Zwei Webſchulen und verſchiedene Lehrwerkſtätten für Weber hat ſie in’s Leben gerufen, ſie zahlt Prämien für Anſchaffung neuer muſterhafter Webſtühle. In hunderte von Werkſtätten kamen ſo im Laufe weniger Jahre verbeſſerte Werkzeuge und Methoden. Auch literariſch ſucht ſie zu wirken durch das billige tüchtig redigirte Gewerbeblatt, durch Verbreitung leicht verſtändlicher techniſcher Schriften.

Das wichtigſte aber iſt das geſammte gewerbliche Fortbildungsweſen, das die Lehrlinge und Geſellen allabendlich und des Sonntags wieder zur Schule ver- ſammelt. Die Anregung ging auch von der Zentral- ſtelle aus, die Gemeinden wirkten mit, indem ſie einen Theil der Koſten übernahmen. Beſonders der ertheilte Zeichen- und Modellirunterricht, der in den größern Schulen, wie in Stuttgart, getrennt für einzelne Gewerbe, wie für Bauhandwerker, Schreiner, Schloſſer, Sattler ertheilt wird, hat ſchon unendlichen Segen geſtiftet. Mag der Unterricht einzelner norddeutſcher Muſteranſtalten, wie der des Berliner Handwerkervereins, dieſen Schulen kühn an die Seite treten, mögen da, wo ſolche freiwillige Schulen ſich dauernd erhalten haben, die- ſelben noch größern Segen ſtiften, wie jede rein auf Selbſthülfe baſirte Einrichtung einen größern Werth hat, — für alle kleinern Verhältniſſe reichen die freiwilligen Lehrer, reichen zufällige Privatmittel und Anregungen nicht aus.35 Der Unterricht bloßer Privatvereine iſt zu oft ſchlecht, ungenügend, geht zu häufig wieder ganz ein. Eine ſyſtematiſche Ordnung durch den Staat, ein ſyſtematiſches Heranziehen der Gemeinden iſt nothwendig, um Beſtand und Erfolg in dieſes gewerbliche Fortbildungsweſen zu bringen, um es allgemeiner zu verbreiten.

Der große Vorzug der württembergiſchen Schulen iſt eben ihre große Verbreitung. Von den 101 im Jahre 1864 ſchon beſtehenden gewerblichen Fortbildungsſchulen ſind 86 in Orten von weniger als 6000 Einwohnern; die Schulfrequenz iſt eine außerordentliche.

Es bezeichnet den Gegenſatz zum Norden, daß man jetzt endlich in Preußen anfängt, von Seiten des Kultusminiſteriums die großen Städte von gegen 50000 Einwohnern aufzufordern, ähnliche Zeichenſchulen zu errichten, daß der Staat ſich bereit erklärt, für dieſen Fall einen Beitrag zu geben, daß das neu gegründete Berliner Gewerbemuſeum daran denkt, nach Art des engliſchen Kensington ‒ Muſeums ſeine Wirkſamkeit auch außerhalb Berlins auszudehnen.

Es iſt dieſer Unterricht mit der wichtigſte Faktor, das kleine Handwerk zu erhalten, es produktionsfähig für den weiteren Abſatz zu machen, ihm Bildung, Kenntniſſe, Unternehmungsgeiſt zu geben. Denn die kleinen Geſchäfte erhalten ſich für direkten Abſatz oder als Hausinduſtrie organiſirt in allen den Branchen, in welchen die perſönliche Arbeitskraft und Geſchicklichkeit, der künſtleriſche Geſchmack im Vordergrund ſteht, ohne daß doch eine Maſſenproduktion möglich wäre, welche ſich des vom großen Fabrikanten beſoldeten Künſtlers bedienen könnte. Das Tiſchler-, das Drechsler-, das Klempner-, das Steinhauer-, Maurer- und Zimmergewerbe und noch viele Andere haben als Kleingewerbe einen ganz andern Boden, wo ein tüchtiger gewerblicher Unterricht exiſtirt.

Das gewerbliche Bildungsweſen iſt vielleicht noch wichtiger als das ganze Aſſoziationsweſen; blühende Genoſſenſchaften nützen doch zunächſt nur Einzelnen; das gewerbliche Bildungsweſen wendet ſich an Alle.

3. Das Verhältniß der Gehülfen zu den Meiſtern im Allgemeinen.

In dem Verhältniß des Meiſters und der Meiſtersfamilie zu dem Geſellen und Lehrlinge liegt eigentlich der halb poetiſche halb patriarchaliſche Duft, der heute noch auf dem Handwerk der alten Zeit, wie eine ſchöne Erinnerung, liegt. Und es iſt wahr. In dem Verbande der verſchiedenen wirthſchaftlichen Kräfte nicht bloß zu Einer Arbeit, ſondern auch zu Einem Familienleben lag eine große ſittigende Kraft. Der Lehrling wurde nicht bloß techniſch unterrichtet, er wurde durch Anweiſung und Vorbild zu Fleiß und Ehrbarkeit vom Meiſter erzogen, zu Sparſamkeit, Ordnung und Reinlichkeit vom ſorgenden Auge der Meiſterin angehalten. Der Geſelle, der in der Werkſtatt des Meiſters arbeitete, an ſeinem Tiſche aß und unter ſeinem Dache ſchlief, war in einen für ſeine Jahre engen Kreis gebannt, er opferte ſeine beſten Jahre der Hoffnung, ſpäter ſelbſt Meiſter zu werden; aber in dieſem engen Kreiſe um- ſchloß ihn zugleich eine heilſame bürgerliche Zucht und Sittenſtrenge; eine Reihe ſinniger Gebräuche und Zeremonien gliederten ſeinen Lebensgang, der in feſte Stationen gebannt war, aber auch ein ſicheres Ziel vor ſich hatte, eine ſchöne einheitliche Ordnung darſtellte. Die ſoziale Gleichheit von Arbeitgeber und Arbeiter, die Verbindung von Arbeit und Erziehung, von techniſcher und menſchlicher Erziehung, das waren die großen Vorzüge jener ältern Gewerbeverfaſſung.

Freilich hafteten ihr auch zu ihrer Blüthezeit, auch ſo lange noch nicht die ſinnigen Bräuche in ein dem graſſeſten Egoismus dienendes ſchwerfälliges Zeremoniell ausgeartet waren, nicht unbedeutende Mißſtände an. Das Ideal war niemals ein dauernd haltbares. Wo die Bevölkerung wächſt, wo das Handwerk blüht, da wächſt die Lehrlings- und Geſellenzahl, der überſchüſſige Nachwuchs der Bevölkerung drängt ſich beſonders gerne in dieſe Bahnen; das blühende Handwerk ſelbſt braucht eine größere Gehülfenzahl. Aber für dieſe ſteigende Gehülfenzahl wird die Zahl der Meiſterſtellen bald zu klein. Die alte Ordnung läßt ſich nicht oder nur gewaltſam aufrecht erhalten. Die zunehmende Bevölkerung zer- ſprengt hier, wie in andern Verhältniſſen, immer wieder die beſtehenden volkswirthſchaftlichen Formen.

Die deutſche Zunftverfaſſung half ſich in ihrer ſpätern Zeit damit, ſowohl die Lehrlingsals die Ge- ſellenzahl zu beſchränken36 und das Meiſterwerden immer mehr zu erſchweren. Das hatte wieder die Kehrſeite, daß in dieſer ſpätern Epoche der Geſellenſtand als ſolcher ſich zuſammenſchloß gegen die Meiſter, in ſyſtematiſche Oppoſition und Feindſchaft zu dem Meiſterſtande kam.37

In Frankreich drängte die frühere induſtrielle Entwickelung auch früher zu einem Verlaſſen der alten Formen. Auf dem Höhepunkt der mittelalterlichen Entwickelung im 13. Jahrhundert lebte in den größern Städten wohl der Lehrling aber nicht der Geſelle im Hauſe des Meiſters; die Zahl der zu haltenden Lehrlinge war beſchränkt, die Zahl der Geſellen unbe- ſchränkt; vielfach waren die Geſellen verheirathet und ließen ihre Frauen mit arbeiten.38 Später, im 14 ten und 15 ten Jahrhundert waren die Geſellen damit nicht mehr zufrieden. Das erſchwerte Meiſterwerden führte noch viel mehr als in Deutſchland zu einer ſelbſtändigen gegen die Meiſter gerichten Organiſation, zu heftigen Kämpfen und Mißbräuchen aller Art.39

Von der Zeit der ſtehenden Heere an beruhte die Erhaltung der Zunftverfaſſung mit darauf, daß der große Ueberſchuß alternder Geſellen, die nicht Meiſter werden konnten, ſich anwerben ließ. Die ſtehenden Soldheere des 17 ten und 18 ten Jahrhunderts beſtanden hauptſächlich aus früheren Handwerksgeſellen.40 Erſt mit der Konſkription und noch mehr mit der allgemeinen Wehrpflicht hörte das auf.

In wie weit freilich das vorige Jahrhundert dieſes Abfluſſes noch bedurfte, um die Zunftverfaſſung in alter Weiſe zu erhalten, darüber ließe ſich ſtreiten. In der Hauptſache lagen jetzt die Dinge wieder total anders, als zur Blüthezeit der mittelalterlichen Gewerbe. Das Handwerk befand ſich mit wenigen Ausnahmen ja auf ſo tiefem Standpunkt, daß es zahlreiche Lehrlinge und Geſellen gar nicht beſchäftigte. Die ſtatiſtiſchen Zahlen ſind in dieſer Beziehung geradezu erſchreckend. Sie zeigen, wie wenig die Meiſter zu thun hatten, wie vielfach ſie ſelbſt nebenher auf Tagelohn gehen mußten, um nur das ganze Jahr beſchäftigt zu ſein. Die Zahl der Meiſterſtellen war ſeit langeher trotz der Zunftver faſſung zu groß, die der Lehrlinge und Geſellen war zu klein für einen halbwegs blühenden Geſchäftszuſtand.

Nach den im erſten Abſchnitt angeführten Handwerkerzahlen kamen 1783 in der Niedergrafſchaft Katzenellnbogen auf 100 Meiſter durchſchnittlich 5,23 Gehülfen; 1784 auf 100 Meiſter im Herzogthum Magdeburg 15,84 Gehülfen, ungefähr zur ſelben Zeit im Fürſtenthum Würzburg 15,81 Gehülfen; d. h. von 100 Meiſtern hatten 95 reſp. 85 gar keine Gehülfen, weder Geſellen noch Lehrlinge. Da ergab es ſich aus den Verhältniſſen von ſelbſt, daß der Geſelle nicht verheirathet war. Und wenn die Handwerksgewohnheit es erſchwerte, ſo war ſie nicht im Widerſpruch mit den thatſächlichen Bedürfniſſen.41

In Preußen mag die Zahl der Gehülfen ſchon 1795—1803, der Zeit der Krug’ſchen Aufnahmen, ziemlich höher geweſen ſein. Für einzelne Provinzen führt Krug42 ſogar eine ſehr hohe Zahl von Geſellen und Lehrlingen an, z. B. für Schleſien 60860, während 1861 erſt 102679 Geſellen und Lehrlinge gezählt werden. Die Krug’ſche Zahl faßt ohne Zweifel alle Spinner- und Webergehülfen mit in ſich, von welchen 1861 nur die erſtern in der Handwerkertabelle ſtehen. Ein allgemeiner Schluß läßt ſich jedenfalls aus den unvollſtän digen Angaben von Krug nicht ziehen. Wohl aber geſtattet Einzelnes eine Vergleichung. Er führt z. B. für das Herzogthum Magdeburg 1802 ‒ 3135 Geſellen an; 1784 waren es nach den vorhin erwähnten Angaben 2297 Geſellen geweſen; alſo immerhin eine Zunahme, aber keine große für die Zahl von etwa 27000 Meiſtern.

Feſtern Boden für die Unterſuchung bekommen wir von 1816 ab durch die Zahlen der preußiſchen Gewerbe- ſtatiſtik. Ich lege dabei die von mir im erſten Abſchnitte berechneten Hauptzahlen zu Grunde, wobei freilich nicht zu vergeſſen iſt, daß zunächſt nur die Aufnahmen von 1816—43 unter ſich vergleichbar ſind, und daß in dieſem Zeitraum die Gehülfenzahl gleichmäßig etwas zu niedrig erſcheint, weil bei einigen Gewerben die Gehülfen nicht mit aufgenommen wurden. Die Berechnung ſtellt ſich nun dahin, daß auf 100 Meiſter im Durch- ſchnitt der geſammten gezählten Handwerke in Preußen kamen:

Wir haben es, wie ich darauf ſchon bei Beſprechung der Grundzahlen aufmerkſam machte, mit zwei ziemlich verſchiedenen Perioden zu thun; 1816—31 eine Zeit der Stabilität; theilweiſe gedrückte, theilweiſe erſt langſam ſich beſſernde Zuſtände; ſpäter eine Zeit des Fortſchritts, der Blüthe. In der erſten Periode beträgt die Gehülfenzahl mit nicht allzugroßen Schwankungen etwas über die Hälfte der Meiſterzahl. Es iſt das Verhältniß, wobei jeder Gehülfe noch ſichere Ausſicht hat, bald ſelbſt Meiſter zu werden, eine Ausſicht, die durch die Gewerbefreiheit noch erhöht wurde. Jedem war ja jetzt geſtattet, ſelbſt ein Geſchäft anzufangen. Und die techniſchen Anforderungen waren noch ſo gering, daß die kleinen Geſchäfte wohl noch beſtehen konnten.

Der Wechſel der Gehülfenzahl unter ſich in den Jahren 1816—31 iſt darnach auch ſehr begreiflich. Mehren ſich die Beſtellungen, die Geſchäfte etwas, ſo nehmen die Meiſter zunächſt etwas mehr Lehrlinge an, die bald zu Geſellen werden. Dauert das nur einige Zeit, das Meiſterwerden iſt aber nach den Erforderniſſen, die an den Kapitalbeſitz, an die techniſche Fertigkeit der Betreffenden vom Publikum geſtellt werden, noch leicht, ſo wird der Wunſch aller ältern Geſellen, ſelbſtändig zu werden, ſich geltend machen. Dadurch muß bei der nächſten Aufnahme die Meiſterzahl wieder etwas höher, die Gehülfenzahl wieder etwas niedriger ſich ſtellen, wenn nicht unterdeſſen die Geſammtnachfrage ſo geſtiegen iſt, daß die vom Geſellen zum Meiſter Uebergehenden ſchon wieder mehr als erſetzt ſind durch Neueintretende. So, glaube ich, haben wir den zweimaligen Anlauf zu einer etwas ſtärkeren Gehülfenzahl 1816 und 1825 zu erklären, der beidesmal wieder einem Rückgang Platz macht.

Von 1834 an tritt dieſer Rückgang zunächſt nicht mehr ein. Die Meiſter ſteigen langſam und gleichmäßig, viel ſtärker aber die Gehülfen. Sie, die 1828 noch 56 % der Meiſter ausgemacht, machen 1843 ſchon 76 % aus. In den guten Jahren 1833—40 hatten die Meiſter den ſteigenden Bedürfniſſen dadurch genügt, daß ſie eine größere Zahl Lehrlinge angenommen und dieſelben ſpäter als Geſellen beſchäftigt hatten. Das ergab blühende Zuſtände, gute Geſchäfte für die Meiſter, ſo lange die neu dem Gewerbe Zutretenden jung waren, noch nicht ſelbſt Meiſter werden wollten.

Als aber gegen 1840—43 die zahlreich ſeit 1828 Eingetretenen älter wurden, das dreißigſte Lebensjahr meiſt hinter ſich hatten, da begann die kritiſche Zeit; entweder mußte der Stand der Meiſter die großen Ueberſchüſſe aufnehmen, oder man mußte zu einem Syſtem verheiratheter Geſellen übergehen, oder es mußten Handwerksgeſellen in größerer Zahl in Fabriken eintreten, zu andern Berufsarten übergehen.

Die Mehrzahl der Geſellen war in den Städten, hatte bisher da gearbeitet; ſie verſuchten eigene Geſchäfte anzufangen; es wurde immer ſchwieriger, es war bei der Umbildung der Technik immer mehr Kapital dazu nöthig. Viele Bankerotte ſolcher Anfänger und Klagen, daß das Handwerk überſetzt ſei, mußten nun nebeneinander vorkommen. Theilweiſe allerdings trat nun die Ueberſiedlung älterer Geſellen auf das Land, nach kleinern Städten ein. Aber immer fällt dem Geſellen, der in der Stadt gelebt, die Rückkehr in das ſtille Dorf der Heimath ſchwer. Jeder fängt nur da gerne ein ſelbſtändiges Geſchäft an, wo er als Geſelle bekannt geworden iſt, wo er ſich eingelebt hat.

Was nun die Zeit von 1846 an betrifft, ſo ſind die Aufnahmen von 1846 ab etwas andere. Eine Berechnung von Dieterici, die ſich auf den Vergleich einer Anzahl Gewerbe nach dem Stande von 1822 und 1846 bezieht, ergiebt zwar, daß die Ausdehnung der Aufnahmen von 1846 auf einige weitere Kategorien von Gewerben das Verhältniß der Meiſter zu den Gehülfen nicht allzuſehr berührt. Aber das macht jedenfalls einen Unterſchied, der die ganz direkte Vergleichung ausſchließt, daß von da ab für alle Gewerbe die Ge- ſellen und Lehrlinge aufgenommen ſind. Wenn ſonach 1843 auf 100 Meiſter 76 Gehülfen kamen, 1846 aber 84, ſo iſt dieſe Zunahme in Wirklichkeit nicht ganz ſo ſtark geweſen.

Das Umgekehrte gilt für den Vergleich von 1846 und 1849. In letzterm Jahre ſind eine Reihe von Gewerben hinzugekommen, die überwiegend mehr Meiſter als Gehülfen haben; dadurch erſcheint das Verhältniß der Gehülfen zu den Meiſtern als ein zu gedrücktes.

Nach der Totalaufnahme kamen 1849 auf 100 Meiſter 76,06 Gehülfen; darnach hätten die Gehülfen von 1846—49 (auf je 100 Meiſter) von 84 auf 76 abgenommen. Nach einer nur die gleichen Kategorien umfaſſenden Vergleichung Dieterici’s43 dagegen ſtellt ſich das Verhältniß ſo; es kommen 44 auf 100 Meiſter. Vier Gehülfen weniger auf 100 Meiſter deutet ſchon eine weſentliche Kriſis an. Erwägt man dabei, daß die ſchlimmſte Geſchäftsſtockung im Dezember 1849 bei den Aufnahmen ſchon vorüber war, daß der Rückgang wohl ausſchließlich durch entlaſſene Geſellen, nicht durch eine Minderzahl an Lehrlingen hervorgerufen war, daß einzelne Gewerbe, wie z. B. die Nahrungsgewerbe 1849 ſogar mehr Geſellen hatten, daß der Rückgang hauptſächlich die Kunſt-, Bau-, Holz- und Metallgewerbe traf, — dann erſcheint die oben näher beſprochene Kriſis klar genug in dieſen Zahlen.

Wenn der Durchſchnitt der Totalaufnahme von 1849 mit dem von 1846 nicht vergleichbar iſt, ſo iſt er es doch mit den folgenden. Ich theile daher zunächſt das Verhältniß der Gehülfen zu den Meiſtern von 1849 an, nach den früher mitgetheilten Grundzahlen berechnet, mit. Es kamen auf 100 Meiſter in ganz Preußen nach dem Durchſchnitt der ganzen Handwerkertabelle:

Die Aenderung von 1849—52 zeigt nur, daß die früher ſchon vorhandene Zahl Gehülfen wieder Be- ſchäftigung findet. Abgeſehen davon bleiben die Dinge ziemlich ſtabil; auch von 1852—55 zeigt ſich keine große Zunahme der Gehülfenzahl. Die ganze Zeit von 1850—55 iſt eine für das Handwerk ſtabile, gedrückte, und der Druck geht hauptſächlich hervor aus dem Verhältniß der Zahl der Gehülfen zu dem der Meiſter. Die Lage wird keine beſſere, weil man in der Hauptſache noch zu keiner andern Organiſation der Geſchäfte übergeht, weil die techniſchen Fortſchritte nicht Platz greifen; die Zahl der Gehülfen nimmt nicht mehr bedeutend zu, weil viele auswandern und in Fabriken eintreten, weil die allgemeine Noth unter den Meiſtern doch manche jungen Leute von dem Erlernen eines Handwerks abſchreckt.

Erſt mit der Mitte der fünfziger Jahre wird das anders. Die techniſche Bildung und der Verkehr ſteigen; alle Verhältniſſe werden andere. Auch im Handwerk vollzieht ſich mehr und mehr die oben eingehender beſprochene Revolution. Neue Kräfte ſtrömen zu, Lehrlinge ſind wieder geſucht. Das Verhältniß der Gehülfen zu den Meiſtern, das lange 80:100 geweſen war, geht auf 104:100 im Jahre 1861 empor. Auch wenn man die Maurer- und Zimmerflickarbeiter nicht zu den Gehülfen, ſondern zu den Meiſtern rechnete, iſt das Verhältniß 98,49: 100.

Unwiderleglich liegt in der großen Veränderung ſeit 1830 der Beweis, daß auch das Handwerk, wenig- ſtens ein Theil deſſelben, mehr und mehr zu etwas größern Betrieben übergeht.

Ich will nun zunächſt abſichtlich davon abſehen, daß der Landmeiſter wie der Meiſter in kleinern Städten vielfach auch heute noch ohne Geſellen und Lehrlinge arbeitet, daß die Gehülfenzahl in einigen Gewerben viel größer iſt als in andern, ich will auch das außer Acht laſſen, daß ſelbſt in großen Städten häufig nur wenige Meiſter eine größere Zahl, die andern gar keine Gehülfen haben, ich will zunächſt nur die allgemeine Frage noch etwas eingehender erörtern, welche Folgen ſich aus der Thatſache ergeben, daß die Gehülfenzahl die Meiſterzahl im Durchſchnitt erreicht hat.

Oft hat man darauf aufmerkſam gemacht, daß in dieſer Veränderung ein Fortſchritt liege; man hat die ſteigende Gehülfenzahl an ſich als einen Beweis geſunder Handwerkszuſtände angeſehen.45 Man hat es als das ſoziale und wirthſchaftliche Ideal hingeſtellt, daß jedes Gewerk ungefähr eben ſo viele Lehrlinge und dreimal ſo viele Geſellen als Meiſter habe. Ich ſelbſt habe mich früher faſt unbedingt dahin ausgeſprochen, wenn ich ſagte:46 „Sowohl in ſozialer als in techniſch ökonomiſcher Beziehung liegt in der ſteigenden Gehülfenzahl ein unberechenbarer Fortſchritt. Die Veränderung, die wir vor uns haben, iſt nicht eine Verminderung der ökonomiſch geſunden ſelbſtändigen Handwerksmeiſter, ſondern ein Wachsthum dieſer neben dem Verſchwinden der abſolut unſelbſtändigen proletarierartigen kleinen Meiſter, welche ohne Geſellen und Lehrlinge nur ein kümmerliches Da- ſein friſten, und an deren Stelle mehr und mehr ſolche Arbeiter treten, welche es vorziehen, ſtatt mit geringen Mitteln ein eigenes Geſchäft zu eröffnen, bei Meiſtern, welche ſie ununterbrochen beſchäftigen, als Geſellen zu arbeiten. Nicht ein Verſchwinden des bürgerlichen Mittelſtandes, wie man ſchon gemeint hat, erkennen wir in dieſen Reſultaten, ſondern gerade die Bildung einer geſunden ökonomiſchen Mittelklaſſe.“

Sicher iſt daran viel Richtiges. Es iſt beſonders in den größern Städten eine neue Art bürgerlichen Mittelſtandes in den letzten Jahrzehnten groß geworden, die über dem früheren Meiſter ſtehend dem größern Unternehmer ſich nähern, mehrere, ja viele Geſellen oder Arbeiter beſchäftigen, großentheils perſönlich durch Fleiß und Thatkraft ſich auszeichnen, techniſch alle Fortſchritte der Neuzeit verfolgen.

Wenn wir das aber einerſeits freudig begrüßen, wenn wir zugeben, daß dieſe Entwickelung eine in gewiſſem Sinne nothwendige iſt, ſo dürfen wir anderer- ſeits nicht vergeſſen, daß das eine Kehrſeite hat, welche wenigſtens zunächſt für die Geſellen und Lehrlinge traurig iſt. Es vermindert ſich für ſie die Möglichkeit, je ſelbſtändig zu werden, immer mehr. Ich habe darauf ſchon hingedeutet, ich muß dabei noch etwas verweilen.

Es iſt ein einfaches Rechenexempel, um das es ſich handelt, auf das I. G. Hoffmann47 zuerſt aufmerk- ſam machte. „Der einzelne Menſch“ — ſagt er — „welcher vom 14. Jahre ab 16 Jahre lang als Lehrling und Geſelle dient, will doch mit dem 30. Jahre endlich einen eigenen Hausſtand anfangen, um nun 30—40 Jahre lang als Meiſter zu leben. Er iſt alſo wenig- ſtens doppelt ſo lange Meiſter, als er vormals Gehülfe war, und es wird demnach nur halb ſo viel Gehülfen, als es überhaupt Meiſter giebt, wirklich die Ausſicht auf die Meiſterſtelle eröffnet werden können.“ Wenn man die Rechnung nur auf die Lehrlinge beſchränkt, ſo wird ſie noch klarer. „Ein Meiſter“ — ſagt Hoffmann an anderer Stelle48 — „unterhalte nur einen Lehrling gleichzeitig, ſo wird er doch von ſeinem dreißigſten bis zu ſeinem ſechzigſten Lebensjahre bei vierjähriger Lehrzeit ſieben auslernen können, wovon endlich doch nur einer ihn dereinſt als Meiſter erſetzen kann. Rechnet man auch darauf, daß während eines Zeitraums von dreißig Jahren die Bevölkerung ungefähr um fünfzig auf hundert wächſt, daß alſo in demſelben Verhältniſſe auch ſtatt zwei jetzigen Meiſtern nach dreißig Jahren drei zur Befriedigung der Bedürfniſſe des Volkes nöthig ſein werden, und daß auch in den Geſellenjahren einige zum Handwerke Angelernte ſterben, ſo wird man doch immer für Fünfe von jenen Sieben keine Ausſicht auf anſtändigen Erwerb als Meiſter eröffnen können. In die- ſem ſelten klar genug erkannten Verhältniſſe liegt die Unhaltbarkeit der Zunftverfaſſung und der ſeit Jahrhunderten fortdauernden Beſchwerden über unverbeſſerliche Mißbräuche der zünftigen Handwerker.“

Je nachdem man eine Zunahme der Meiſter für möglich oder wahrſcheinlich hält, je nachdem man die mittlere Lebensdauer der Meiſter ſetzt und eine Sterblichkeit unter den Lehrlingen und Geſellen annimmt, wird die Rechnung etwas anders, aber in der Haupt- ſache bleibt die Frage dieſelbe.

Der Verfaſſer der Unterſuchungen über ſächſiſche Handwerkerſtatiſtik in der Zeitſchrift des ſächſiſchen ſtatiſti- ſchen Büreaus hat den Hoffmann’ſchen Gedanken etwas genauer ausgeführt und kommt da zu folgendem Reſultat. „Nimmt man“ — ſagt er — „an, daß im Mittel der Handwerker nicht vor dem dreißigſten Jahre Meiſter wird, und daß die mittlere Lebensdauer des Handwerksmeiſters 55 Jahre ſei (ſtatt 60—70, wie Hoffmann), ſo iſt in jedem Jahre nur der 25 ſte Theil der Meiſter zu ergänzen, um die abſolute Zahl zu erhalten. Nehmen wir aber, da auch ein Zuwachs der Bevölkerung zu beachten iſt, und mancher Meiſter aus andern Gründen in Abgang kommt, den zwanzigſten Theil an. Iſt ferner die durchſchnittliche Lehrzeit 4 Jahre und wird auch die Sterblichkeit zwiſchen dem 14 ten und 30 ſten Lebenjahre beachtet, ſo kann die Zahl der Lehrlinge in einem Gewerbe, welche herangebildet werden muß, um den Perſonalbeſtand im Verhältniß zur Bevölkerung auf gleicher Höhe zu erhalten, nur zwiſchen ¼ und höchſtens ⅓ der Meiſterzahl betragen; d. h. nur je der dritte oder vierte Meiſter darf einen Lehrling halten, wenn nicht ein Ueberſchuß herangebildet werden ſoll, der keine Ausſicht auf Selbſtändigkeit hat. Die mittlere Geſellenzeit nehmen wir hoch zu 12 Jahren an. Die Zahl der Geſellen wird alſo unter gleicher Vorausſetzung zur Erhaltung des Gleichgewichts nur ¾—44 der Meiſter betragen, die Summe der Geſellen und Lehrlinge ſich alſo zu den Meiſtern zwiſchen 1:1 und 1,33 : 1 verhalten dürfen. Bei Gewerben mit kurzer Lehrzeit wird dieſes Verhältniß kleiner, bei langer Lehrzeit größer werden, und einen ähnlichen Einfluß müßte eine etwaige Verſchiedenheit der mittleren Lebensdauer der Meiſter äußern. Gewerbe, bei denen dieſe Normalverhältniſſe nicht erreicht werden, gehen entweder zurück oder rekrutiren ſich vorzugsweiſe aus dem Auslande; Gewerbe dagegen, welche ein größeres Verhältniß darbieten, ſind entweder in der Vermehrung begriffen oder überhaupt nicht geeignet, allen Geſellen Ausſicht auf Selbſtändigkeit zu gewähren.“

Die hier angenommene Sterblichkeit wird ungefähr den realen Verhältniſſen entſprechen. Soweit exakte Unterſuchungen über Sterblichkeit dieſer Berufsklaſſen vorliegen, beſtätigen ſie ungefähr die hier angenommenen Zahlen. Es ſind die bekannten von Neufville, Engel und Neumann.49 Näher auf ſie einzugehen, iſt hier nicht der Ort. Nur ein paar Worte ſind zu bemerken. Die beiden letzten Unter- ſuchungen beſchäftigen ſich mit den Meiſtern und Gehülfen zuſammen, mit den 15—70 jährigen; wenn Engel alſo für die verſchiedenen hauptſächlichen Handwerke ein Durchſchnittsalter von 33—48 Jahre berechnet, ſo widerſpricht das der obigen Annahme nicht; denn ſie geht nur dahin, daß der 30 Jahre alt Gewordene durchſchnittlich das 55 ſte Jahr erreiche, nicht daß die Geſammtheit der 15—70 jährigen durchſchnittlich 55 Jahre erlebe. Die Unterſuchung von Neufville beſchränkt ſich nun aber auf ſolche, die ſchon Meiſter geworden ſind, und da ſchwankt das Durchſchnittsalter eben um dieſe Grenze; es betrug für die Bäcker 51,5, die Bildhauer 43,8, die Brauer 50,5, die Fiſcher 55,7, die Gärtner 56,8, die Gerber 56,8, die Kürſchner 56,6, die Maler 47,5, die Maurer 48,7, die Schlächter 56,8, die Schmiede 46,3, die Schneider 45,3, die Schuhmacher 47,3, die Tiſchler 46,3, die Zimmerleute 49,2 Jahre. Der Durchſchnitt würde wohl etwas, aber nicht ſehr viel unter 55 Jahren ſein.

Nimmt man hiernach die Möglichkeit, Meiſter zu werden, auch noch für etwas mehr Lehrlinge und Geſellen an, als das ſächſiſche ſtatiſtiſche Büreau es thut, im Ganzen bleibt das Verhältniß daſſelbe. Von der Zeit an, in welcher die Gehülfenzahl die Meiſterzahl weſentlich überſchreitet, hört die Möglichkeit, Meiſter zu werden, je ein ſelbſtändiges Geſchäft anzufangen, für eine Anzahl von Gehülfen auf. Selbſt abgeſehen von der Umbildung der Technik und der Arbeitstheilung, von den Einflüſſen des Verkehrs und des Kapitals, liegt in dieſem Zahlenverhältniß an ſich die voll- ſtändige und nothwendige Auflöſung der alten handwerksmäßigen Zuſtände. Das Hinzukommen dieſer erwähnten Einflüſſe verſtärkt aber die Auflöſung. Täglich wird es wegen ihrer ſchwerer, ein eigenes Ge- ſchäft anzufangen Die Zahl der preußiſchen Meiſter iſt 1861 noch nicht wieder ſo hoch wie 1849, trotzdem daß 1861 wahrſcheinlich unter den Meiſtern ſehr viele mehr gezählt ſind, die keine ſelbſtändigen Unternehmungen mehr haben, als 1849.

Ehe ich von den Folgen dieſer allgemeinen Auflöſung der alten Handwerkszuſtände ſpreche, will ich noch bemerken, daß der Zudrang zum Handwerk, der zunächſt die Gehülfenzahl ſteigen läßt, nicht nothwendig ein den wirklichen dauernden wirthſchaftlichen Bedürfniſſen, ſei es des alten oder des neuen Handwerks, entſprechender iſt. Mit raſch wachſender Bevölkerung kommt leicht ein Zufluß, der ſeine Urſache nicht in dem dauernden Bedürfniß der Gewerbe hat, ſondern in andern. Umſtänden pſychologiſcher und moraliſcher Natur, ſowie vorübergehender wirthſchaftlicher Art.

Man hat in Bezug auf eine ſtarke Zunahme der Bevölkerung kurz nach einander gleich extremen und unrichtigen Theorien gehuldigt. Man hat, angeſteckt vom erſten Schrecken der Malthus’ſchen Theorie, eine Zeit lang jede Zunahme für ſchlimm und unheilvoll gehalten, man hat dann wieder in optimiſtiſcher Uebertreibung der wirtſchaftlichen Fortſchritte unſerer Zeit jede Zunahme an ſich als ein Glück geprieſen. Sie iſt es, aber nur in gewiſſem Sinne. Alle höhern Güter der Kultur ſind nur erreichbar in dichtbevölkerten Gegenden. Aber jede ſtarke Bevölkerungszunahme ſetzt Fortſchritte, Aenderungen in der ganzen Volkswirthſchaft voraus, muß in der Regel verbunden ſein mit einer ganz anderen Organiſation aller Geſchäfte, aller Verkehrsverhältniſſe, mit einer andern lokalen Vertheilung der Bevölkerung, mit einer andern Vertheilung derſelben nach Berufszweigen. Das ſetzt ſich langſam durch, will erkämpft ſein, braucht Jahre und Jahrzehnte. Die heranwachſenden Generationen ergreifen ſelten ſogleich und in richtigem Verhältniß die Bahnen, in denen der Ueberſchuß ſpäter definitiv Platz findet. Die Bodenvertheilung ändert ſich meiſt ſchwer, die Landwirthſchaft ſendet zunächſt ihre jüngern Söhne den Gewerben zu. Je tiefer ein Gewerbe ſteht, je leichter es zu erlernen iſt, je weniger es Kapital erfordert, deſto größer leicht der Zudrang ohne Rückſicht auf das Bedürfniß.

In den Kreiſen, um die es ſich da vorzugsweiſe handelt, wird der 14 jährige Junge, der aus der Schule entlaſſen iſt, durchaus nicht immer mit klarer Erkenntniß für einen der Berufe beſtimmt, in denen im Augenblicke die größte Nachfrage iſt. Das häufige traditionelle Feſthalten am Gewerbe des Vaters iſt noch nicht das ſchlimmſte; Zufall, Rückſicht auf die geringſten Koſten, auf die größte Bequemlichkeit für die Eltern und ähnliche Motive wirken theilweiſe noch ſchlimmer. Die althergebrachte Ueberſetzung einzelner Gewerbe, die heutzutage meiſt doppelt ſich geltend macht, hängt damit zu- ſammen.

Trifft in dieſer Beziehung die Väter der betreffenden Kinder oder vielmehr die Unkenntniß dieſer Kreiſe in derartigen Fragen die Schuld, ſo wirken von der andern Seite zeitweiſe auch die Meiſter und Arbeitgeber auf partiellen und zeitweiſen zu großen Andrang. Wenn mit den ſtark wechſelnden Konjunkturen des heutigen Marktes die Geſchäfte zeitweilig wachſen, ſo ſuchen ſich die Betreffenden häufig, weil es zunächſt das Billigſte iſt, durch Annahme weiterer Lehrlinge zu helfen, ohne Rück- ſicht auf die dauernde Bedürfnißfrage.50 Es giebt zeitweiſe Gewerbszweige, in welchen in Folge hiervon die Lehrlingszahl die Geſellenzahl erreicht, während bei vierjähriger Lehr- und zwölfjähriger Geſellenzeit die Zahl der Lehrlinge doch immer höchſtens ⅓ der Geſellen ausmachen ſollte. Daraus erklärt ſich, daß die frühere Beſchränkung der Lehrlingszahl nicht ſo ganz ſinnlos war, wie man oft meinte. Noch neueſtens ſpricht ſich Richard Härtel51 in Beziehung auf die Buchdruckerei aufs Entſchiedenſte dahin aus, daß auf die Dauer ein ordentlicher Stand von Buchdruckergehülfen und -Arbeitern nur dann ſich erhalten laſſe, wenn die Druckereibeſitzer der Verſuchung einer zu ſtarken Anwendung ſogenannter Lehrlinge, d. h. unerwachſener Arbeiter wider- ſtünden, wenn ſie der alten Geſchäftsſitte treu bleiben, auf drei Gehülfen einen, auf neun Gehülfen erſt zwei Lehrlinge zu halten.

Welches aber auch die Urſachen der anſchwellenden Gehülfen- und Lehrlingszahl im Einzelnen ſein mögen, ſo viel iſt ſicher, die alten Handwerkszuſtände müſſen ſich damit auflöſen; d. h. es muß einerſeits eine Anzahl gelernter Geſellen ſpäter wieder zu andern Berufen übergehen, es muß andererſeits ein verheiratheter Geſellen- ſtand ſich bilden, die ganzen Rangverhältniſſe im Handwerk müſſen andere werden.

Oefter wurde es ſchon erwähnt, wie viele Geſellen heute in eigentliche Fabriken eintreten; das war ihnen auch nach der Verordnung vom 9. Februar 1849 nicht verboten. Selbſt für Arbeiten, die nicht einen gelernten Handwerker gerade dieſer Art erfordern, nehmen viele Fabrikanten gerne Geſellen; ſie ſind geſchickter, haben mehr gelernt und geſehen, als einfache Fabrikarbeiter.

Aber das reicht nicht aus, den Ueberſchuß aufzunehmen. In den verſchiedenſten anderweitigen Berufen finden wir frühere gelernte Handwerksgeſellen. Mag es an Zahl verſchwinden, daß auf den Brettern, die die Welt bedeuten, ſo manche Schneider- und andere Ge- ſellen eine Zuflucht gefunden, daß der Stiefelputzer der deutſchen Univerſitätsſtädte faſt ausſchließlich ein alter Ge- ſelle iſt, der nicht Meiſter werden konnte, daß die vielen Diener von Muſeen, Leſegeſellſchaften, Vereinen, haupt- ſächlich aus verunglückten Meiſtern und Geſellen beſtehen; ſchon nach Hunderten und Tauſenden zählen andere Zufluchtsorte ihre aus dem Handwerkerſtand rekrutirten Mitglieder. Höckerei und Schankwirthſchaft ſind da in erſter Linie zu nennen. Die zahlloſen Dienſtmänner, die in jeder größern Stadt jetzt ſich anbieten, habe ich bei vielfacher perſönlicher Frage faſt immer als gelernte Handwerksgeſellen erkannt, denen es mißlungen iſt, ein eigenes Geſchäft zu begründen, und die doch nicht zeit lebens Geſellen bleiben wollten. Die Hunderte und Tauſende von preußiſchen Zivilverſorgungsberechtigten, die durch längere Militärzeit ſich einen Anſpruch auf eine ſubalterne Anſtellung im Staats-, Gemeinde- oder Eiſenbahndienſt erwerben, haben zu einem großen Theil früher dem Handwerk angehört. Vor Allem aber ſind die ältern Geſellen und Meiſter, die nicht vorwärts kommen, unter den Auswanderern vertreten. Zur Zeit der ſtärkſten Auswanderung gegen 1854 wanderten jährlich etwa 250000 Perſonen52 aus Deutſchland aus, ein ſehr großer Theil hiervon gehörte dem Handwerker- ſtande an.53 Und noch jetzt zeigt jeder Ausweis über den Beruf von Auswandern daſſelbe. Im Jahre 1866 kamen z. B. in Württemberg54 auf 1275 einwandernde 6995 auswandernde Perſonen; von letztern ſind 3576 erwachſene Perſonen männlichen Geſchlechts; und von ihnen wieder fällt weitaus der Haupttheil auf das Handwerk, nämlich 2110 Perſonen; der Reſt theilt ſich in 24 Fabrikarbeiter, 153 Tagelöhner, 694 Bauern, 353 Handelsleute und etliche andere Kategorien von geringer Bedeutung. Die einzelnen Haupthandwerke zeigen Poſten von nicht unbedeutendem Umfang. Es ſind verzeichnet 232 Schmiede und Schloſſer, 193 Tiſchler, 176 Maurer, 95 Zimmerleute, 197 Schuhmacher, 150 Weber, 110 Schneider, 151 Bäcker, 134 Metzger, 85 Bierbrauer, 96 Drechsler und Wagner, 78 Gerber, 62 Küfer, 53 Mechaniker, 50 Gießer, 42 Goldarbeiter. Die andern Gewerbe ſind etwas geringer vertreten.

Und trotz aller dieſer Abflüſſe der verſchiedenſten Art bleibt die Zahl 27—36 jähriger Geſellen, die ſelbſtändig werden möchten, doch noch immer ſo groß, daß jede Erleichterung der Geſetzgebung im Sinne der Gewerbefreiheit und der Niederlaſſungsmöglichkeit den Anſtoß zu zahlreichen Verſuchen ſelbſtändiger kleiner Ge- ſchäfte gibt, aus denen einzelne tüchtige Leute ſich empor arbeiten, von denen die Mehrzahl aber wieder eingeht.

Zu einem verheiratheten Geſellenſtande überzugehen, hatte ſchon Hoffmann55 1841 als das Hauptmittel empfohlen, um die Mißbräuche und Mißſtände des Zunftweſens, die Erſchwerung des Meiſterwerdens, die Wanderpflicht und ähnliches zu beſeitigen. In Gewerben mit größerer Geſellenzahl, wie in den Baugewerben, iſt das auch längſt der Fall; Lohn- und Kontraktsverhältniſſe haben ſich da ſo geordnet, daß ſie einem verheiratheten Geſellenſtand entſprechen.

In andern Gewerben fängt das erſt an und iſt zunächſt mit mancherlei Schwierigkeiten und Uebeln ver bunden. Das alte Verhältniß, den Lehrling und die Geſellen im Hauſe zu haben, wird verlaſſen, nicht aus der theoretiſchen Einſicht heraus, daß man zur reinen Geldwirthſchaft übergehen, daß man nach der heutigen Gehülfenzahl einen verheiratheten Geſellenſtand erhalten müſſe, ſondern weil es zunächſt bequemer oder ſcheinbar billiger iſt, weil die Stück- und Akkordarbeit das Zuſammenſein überhaupt, ſelbſt während der Arbeit überflüſſig macht. Der Meiſter, der in guter Verkehrslage miethet, hat nicht Raum, die Leute zu beherbergen, oftmals nicht Raum zum Arbeiten in ſeinem Lokale. Er ſpart, wenn er die Leute zu Hauſe arbeiten läßt, Licht und Heizung, oft auch das Handwerkszeug. Der Geſelle hat zu Hauſe ohnedieß ein geheiztes Kämmerchen, beſonders wenn er verheirathet iſt; Frau und Kinder können mithelfen. Es iſt dieß unvermeidlich, hat auch ſeine guten Seiten, aber vorerſt hört man darüber Klagen aller Art, wie z. B. Regierungsrath Mülman56 in ſeinem Bericht über die rheiniſchen Verhältniſſe hauptſächlich die Schattenſeiten betont. „Die alte patriarchaliſche Sitte“ — ſagt er — „die Gewerbsgehülfen als zum Hausſtande des Meiſters gehörig zu betrachten, herrſcht faſt nirgendwo mehr, vielmehr wird der Lohn nur in baarem Gelde gegeben. Die Geſellen ſtehen ſich hierbei nicht beſſer, da ſie für Koſt und Wohnung überall mehr ausgeben müſſen, als ihnen der Meiſter anrechnen konnte. Aber das Streben nach un abhängigem Leben läßt ſie dieſe Vertheuerung überſehen. Noch mehr entfernt das immer mehr und leider oft in hierzu ſehr ungeeigneten Arbeitsverhältniſſen einreißende Akkordarbeiten die Geſellen von dem Meiſter, indem es ſie auch hinſichtlich der Arbeitszeit unabhängig macht. Im Allgemeinen iſt durch dieſe Geſtaltung der Verhältniſſe der Meiſterſtand in ſehr übler Lage wegen ſeines Hülfsperſonals, denn er hat weit größere Intereſſen zu vertreten, als der mit ſeiner Arbeitskraft leicht wieder unterkommende Geſelle. Es iſt hierdurch ſo weit gekommen, daß in manchen Handwerken viel mehr die Furcht vor Mangel an treu aushaltendem Perſonale, als vor Mangel an Kundſchaft von Erweiterung des Geſchäfts abhält, und daß im Allgemeinen die Meiſter die freie und geſicherte Stellung der Geſellen beneiden, weshalb denn auch eine verhältnißmäßig große Zahl von Geſellen in zwar beſcheidenen, aber geſicherten Verhältniſſen einen ehelichen Hausſtand führt.“

Es iſt zuzugeben, daß nicht bloß ältere verheirathete Leute, ſondern ebenſo junge kaum 18—25 jährige, denen eine gewiſſe Zucht und Aufſicht ſehr heilſam wäre, dadurch ſelbſtändig werden, dadurch Gefahren aller Art ausgeſetzt ſind, körperlich, moraliſch und geiſtig zu Grunde gehen. Dem Verhältniß zu ihrem Meiſter fehlen die früheren Bande, die aus dem Zuſammenſein am häuslichen Heerde entſprangen. Die Lohnfrage muß überdieß Meiſter und Geſellen mehr als je entzweien. Die früheren Geſellenlöhne waren relativ ſehr niedrig; der Geſelle wurde früher neben Geld und Verpflegung gleichſam mit der ſichern Ausſicht bezahlt, Meiſter zu werden und da von ſeinen Geſellen den Vortheil zu haben, den er jetzt ſeinem Meiſter bot. Dieſe Ausſicht iſt verſchwunden, darum ſchon muß der Lohn höher ſein. Außerdem muß die Naturalverpflegung erſetzt werden. Die Löhne müſſen noch mehr ſteigen, je mehr die Ge- ſellen verheirathet ſind, je mehr ſie in Fabriken Gelegenheit haben, als geſchickte, techniſch gebildete Arbeiter ſo viel zu verdienen, daß ſie leicht eine Familie ernähren können.57

Alles das will der ehrbare alte Meiſter, der ſeine Anſchauungen aus einer andern Zeit mitgebracht hat, nicht ſehen, nicht anerkennen. Und darum ſteht er vielfach auf Kriegsfuß mit ſeinen Arbeitern. Dem Meiſter an Bildung gleichſtehend, empfinden die ältern Geſellen den drückenden Unterſchied zwiſchen Unternehmer und Arbeiter doppelt. Viele unter ihnen haben vergeblich verſucht, ein eigenes Geſchäft anzufangen. Oft ſind das mit die geſchickteſten, begabteſten, die in dem Bewußt- ſein ihrer Talente nicht begreifen wollen, daß fehlende moraliſche und Charaktereigenſchaften ſie in dem Ver- ſuche einer eigenen Unternehmung ſcheitern laſſen mußten. Sie ſind heute mit die unzufriedenſten Elemente der Geſellſchaft. Aus ihnen vor Allem rekrutirt ſich die ſozialdemokratiſche Partei.

Theilweiſe liegt die gegenſeitige Unzufriedenheit an der Neuheit des ganzen Verhältniſſes. Soweit in der neuen Art des Lebens der Gehülfen wirkliche Gefahren liegen, beſonders für jüngere Leute, ſo weit müſſen eben alle die übrigen Mittel geiſtiger und moraliſcher Hebung ſtärker herangezogen werden. Volksſchule und Kirche, Vereinsleben und genoſſenſchaftliche Ehre, vor Allem ein richtiges geordnetes gewerbliches Bildungsweſen müſſen erſetzen, was an moraliſcher Wirkung neben allen Mißbräuchen mit dem alten Lehrlings- und Geſellenverhältniß gegeben war. Dann werden die Klagen über Zunahme wilder Ehen, über Sittenloſigkeit, über Zunahme des Luxus ohne Zunahme der Sparſamkeit, die Klagen über leichtſinnige und zu frühe Ehen in dieſen Kreiſen — Klagen, mit denen man gegenüber den untern Klaſſen ohnedieß zu leicht bei der Hand iſt — nicht mehr zunehmen; dann werden ſich bei den verheiratheten Geſellen die möglichen ſegensvollen Wirkungen der Ehe, Sparſamkeit, Fleiß und An- ſtrengung, mehr und mehr einſtellen. Sie ſtehen dann den kleinen Meiſtern, die für Magazine oder andere Meiſter arbeiten, gleich; ſie ſtehen immer noch weſentlich über dem Fabrikarbeiter, können bei Geſchicklichkeit und Sparſamkeit immer ſelbſt in die Reihe der Unternehmer eintreten, ſei es allein, ſei es im Wege der Aſſoziation.

Die alte Rangordnung im Handwerk, der feſte Stufengang iſt allerdings damit unwiederbringlich vernichtet, wie ſie zugleich durch die neuere Technik, durch die verſchiedenen Arbeitskräfte, die man heute nebeneinander in einem Geſchäfte braucht, unhaltbar geworden ſind. Für leichtere Arbeit verwendet man jetzt vielfach Frauenhände, für gemeine Arbeit Tagelöhner. Letztere auch im Handwerk anzuwenden iſt ganz paſſend, ermäßigt die Zahl derer, die Meiſter werden wollen, vermeidet Vergeudung höherer Kräfte zu niederer Arbeit. Das hat ja auch die Verordnung von 1849 zugelaſſen. Sie wollte aber hindern, daß der gelernte Tiſchlergeſelle bei einem Zimmermeiſter arbeite, ſie wollte alle Meiſter zwingen ſich nicht an Geſellen, ſondern an Meiſter der andern Gewerbe zu wenden, wenn ſie deren Hülfe brauchten. Es war ein lächerlicher Verſuch, den Lauf der Dinge zu feſſeln, es war überdieß ein erbärmlicher unmoraliſcher Verſuch, weil man dem Fabrikanten erlaubte, was man dem Meiſter verbot.

Mit der andern Technik, mit der veränderten Abgrenzung der Geſchäfte gegeneinander, mit der größern Spezialiſirung aller Produktion iſt, um hierauf noch zu kommen, auch die Stellung des Lehrlings, ſoweit es ſich gerade um das Erlernen des Gewerbes handelt, eine total andere geworden. Wurde er früher oft ein Jahr lang und länger als Laufburſche verwendet, von der Frau Mei- ſterin zu allen möglichen häuslichen Dienſtleiſtungen gebraucht und mißbraucht, ſo lernte und ſah er doch ſpäter Alles, was in der Werkſtatt gemacht wurde, und alle die verſchiedene Arbeiten ſeines Gewerbes kamen in der Werkſtatt vor. Die Prüfungen nöthigten ihn zu einer gewiſſen Ausbildung nach allen Seiten.

Der Mißbrauch erſterer Art iſt nicht verſchwunden; wo heute, um Taglöhner oder Dienſtboten zu ſparen, allzu zahlreich Lehrlinge angenommen werden, da lernen ſie in der erſten Zeit ſo wenig wie früher. Aber auch ſpäter lernen ſie theilweiſe heute nicht mehr ſo viel wie früher, weil die einzelnen Geſchäfte nur einſeitig auf wenige Artikel ſich werfen. Und innerhalb des ſpezialiſirten Geſchäfts wird der Lehrling zu einer einzelnen beſtimmten Art der Arbeit gebraucht. Wie ſoll er da viel lernen? Die Prüfung iſt weggefallen und damit jedenfalls auch ein gewiſſer Sporn. Die zu große Unabhängigkeit vom 14. Jahre ab ſteigert bei der Maſſe nicht den Trieb, etwas zu lernen. Die allgemeine Ausbildung bleibt ſo leicht zurück.58 Böhmert, der eifrigſte Vertheidiger der Gewerbefreiheit, muß zugeben, daß die ſchweizer Gewerbetreibenden ſehr gerne deutſche Geſellen aus Ländern, wo noch Prüfungen exiſtiren, haben, weil ſie dieſelben für fleißiger, geſchickter und anſtelliger halten. Und aus ähnlichem Grunde ſind deutſche Ge- ſellen in Frankreich und England beliebt.

Daraus will ich entfernt keinen Schluß ziehen, der auf Wiederherſtellung des Zunftweſens und der Zunftprüfungen ginge. Dieſe Wiederherſtellung wäre aus andern Gründen ſchädlich, ja unmöglich. Aber das glaube ich mit dem Angeführten bewieſen zu haben, daß die Beibehaltung der alten vierjährigen Lehrling- ſchaft, ohne die Prüfungen und ohne die alte viel- ſeitige Werkſtatt, die aufwachſende gewerbliche Gene ration noch tiefer herabdrückt, noch mehr dazu beiträgt, alle Geſchäfte in die Hände der höhern Unternehmerklaſſe zu bringen. Dem iſt nur abzuhelfen, wenn man in den Kreiſen der Handwerker den gewerblichen Schulen die Aufmerkſamkeit ſchenkt, die ſie verdienen, wenn man die jungen Leute zu ihrem Beſuche anhält, wenn man dieſelben je kürzere Zeit in verſchiedene Etabliſſements als Volontaire oder Arbeiter unterbringt, wobei ſie praktiſch alles in ihr Geſchäft Einſchlägige lernen und ſehen, wenn man endlich möglichſt durch freiwillige Prüfungen den Ehrgeiz zu wecken, den Bemühungen ein feſtes Ziel zu ſetzen ſucht.

Das iſt die neue Art, wie man die gewerbliche Jugend heranbilden muß. Die Jugend ſoll arbeiten lernen; aber die Jugendjahre ſollen daneben vor Allem eine Bildungs-, nicht bloß eine Arbeitszeit ſein. Und das Gefährliche aller in neuerem Style eingerichteten Geſchäfte iſt es, ſchon den 14 jährigen als reinen Arbeiter zu gebrauchen, ohne ihn etwas lernen zu laſſen, ohne ihm einen Ueberblick über die ſämmtlichen kaufmänniſchen und techniſchen Spezialitäten ſeiner Geſchäftsbranche zu geben.

4. Das Verhältniß der Gehülfen zu den Meiſtern im Speziellen.

An die Thatſache, daß in Preußen im Jahre 1861 die Gehülfenzahl im Durchſchnitt des ganzen Staates und der ſämmtlichen Handwerke die Meiſterzahl erreicht hat, knüpfte ich die allgemeinen Betrachtungen an, welche ſich aus der Umbildung der Handwerksgeſchäfte nach dieſer Richtung hin ergeben. Ich kehre jetzt zu den Reſultaten der Statiſtik zurück.

So unbeſtreitbar das allgemeine Reſultat iſt, das ich aus den Durchſchnittszahlen des ganzen preußiſchen Staates und ſeiner geſammten Kleingewerbe folgerte, ſo nothwendig iſt es andererſeits, hier wieder, wie ſchon oft, daran zu erinnern, daß jede ſolche Durchſchnittszahl in gewiſſem Sinne falſch iſt, ein falſches Bild giebt, ſofern ſie den Schein erweckt, als ob dieſer Durchſchnittszahl entſprechende Zuſtände nun, gleichmäßig verbreitet, in den verſchiedenen Gegenden und Geſchäften vorhanden wären. Die Wahrheit iſt, daß ſehr verſchiedene Zu- ſtände, verſchieden nach Gegenden wie nach Geſchäftsbranchen, dieſes Durchſchnittsreſultat ergeben haben. Soll unſere Betrachtung alſo nicht einſeitig ſein, ſo müſſen wir neben dem allgemeinen Reſultat dieſe Ver- ſchiedenheiten noch in Betracht ziehen. Sie bieten an ſich ſelbſt und in Bezug auf die hier beſprochene Frage der Meiſter- und Gehülfenzahl ein Intereſſe; außerdem aber wird ihre Unterſuchung manche frühere Ausführungen, z. B. die über die lokalen Gegenſätze, noch in helleres Licht rücken. Einige Wiederholungen ſind dabei leider nicht zu vermeiden.

Dieterici hat ſchon früher59 auf den großen Unter- ſchied aufmerkſam gemacht, der zwiſchen den einzelnen preußiſchen Provinzen herrſcht. Bei der Vergleichung von 1822 und 1846 hat er die Lücken der Aufnahme von 1822 durch Schätzungen ergänzt. Ich ſtelle neben ſeine Zahlen die für 1861 von mir nach der offiziellen Aufnahme berechneten. Daß die Aufnahme von 1861 einige Kategorien von Handwerkern mehr umfaßt, iſt für dieſe Durchſchnitte ganz gleichgültig. Das Reſultat iſt folgendes: es kamen auf 100 Meiſter

Die Mark Brandenburg erſcheint in ihren Zahlen ausſchließlich von der Hauptſtadt, von dem Charakter der hauptſtädtiſchen Geſchäfte beeinflußt. Ein Drittel ihrer Meiſter und Gehülfen gehören Berlin an. Daher laſſe ich dieſe Provinz außer Betracht.

In den Zahlen der andern Provinzen zeigt ſich vor Allem wieder der große Unterſchied zwiſchen dem Weſten und Oſten des preußiſchen Staates, hauptſächlich aber der Unterſchied in der Entwicklung beider Theile. Die Gegenſätze ſind 1822 total andere als 1861. Im Jahre 1822 ſtehen die Rheinprovinz, Sachſen und Pommern voran in der Gehülfenzahl, es folgen Weſtfalen und Schle- ſien; Preußen und Poſen haben die geringſte Gehülfenzahl. Schon 1846 liegen die Dinge anders. Poſen z. B. hat jetzt ſchon die gleiche Gehülfenzahl wie Weſtfalen und die Rheinprovinz. Vollends bis 1861 dreht ſich das Verhältniß vollſtändig um. Am Rhein, in Weſtfalen, in Sachſen wächſt die Gehülfenzahl wohl auch noch etwas, aber unbedeutend. In der Rheinprovinz ſind 1861 noch Verhältniſſe, die auf ein Ueberwiegen kleiner Geſchäfte, auf die Möglichkeit für jeden Geſellen, ſelbſt Meiſter zu werden, deuten. Im Oſten dagegen iſt die Gehülfenzahl auf das 2—3 fache gegen 1822 geſtiegen, obwohl anzunehmen iſt, daß das Landhandwerk hier, ſoweit es exiſtirt, auch heute noch weniger Gehülfen hat, als das Landhandwerk am Rhein. Die Zahlen zeigen, daß hier die Gehülfen nicht bloß gewachſen ſind, wie es im Allgemeinen einem etwas geſtiegenen Wohlſtand entſpricht, ſie zeigen, daß hier ganz andere Zuſtände ſich gebildet haben, ſie zeigen, daß hier mehr und mehr das Handwerk der großen Städte, daß in den bedeutendern Städten mehr und mehr die größern Handwerksgeſchäfte und die Magazine überwiegen.

Aehnliche Gedanken ergeben ſich uns, wenn wir noch etwas weiter ins Detail gehen, uns die Ergebniſſe nach den einzelnen preußiſchen Regierungsbezirken geordnet anſehen. Ich laſſe ihnen als weitere Ergänzung gleich die Zahlen für einige der neuen preußiſchen Provinzen und kleinern deutſchen Staaten, berechnet nach den Frantz’ſchen Summen, 60 folgen. Es kamen auf die:

Die niedrigſte Gehülfenzahl haben die armen vorwiegend landwirthſchaftlichen Gegenden, wie Naſſau und Oberheſſen. Wo der Wohlſtand ſteigt, der rein landwirthſchaftliche Charakter zurücktritt, iſt die Gehülfenzahl etwas größer. Aber dieſes Steigen der Gehülfenzahl geht nun nicht weiter dieſen beiden Urſachen entſprechend. Wohlhabende gewerbliche Gegenden wie Württemberg, Baden, die Regierungsbezirke Koblenz, Trier, Aachen behalten ihre mittlere Gehülfenzahl; der Regierungsbezirk Erfurt hat eine niedrigere Gehülfenzahl als die Regierungsbezirke Merſeburg und Magdeburg und iſt ſo wohlhabend als ſie, hat auch wohl ſo ziemlich gleichen gewerblichen Charakter. Die größte Gehülfenzahl außer den letztgenannten haben die Regierungsbezirke Königsberg, Danzig, Potsdam, Breslau, Liegnitz, alſo der Oſten, der weder am reichſten iſt, noch überall durch ſpezifiſch gewerblichen Charakter ſich auszeichnet. Da zeigt es ſich wieder, daß die ganze Vermögens- und Einkommenvertheilung, das Wohnen in großen oder kleinen Städten, die Grundbeſitzvertheilung es beſtimmt, ob ſich heute die kleinern Handwerksgeſchäfte noch halten.

Bei einzelnen Staaten, wie Baiern und Sachſen, hängt die größere Gehülfenzahl vielleicht etwas mit der früheren Erſchwerung des Meiſterwerdens zuſammen. Viel wohl nicht. Auf die Dauer wirkt die freie Konkurrenz — allerdings an anderer Stelle und mit andern ſonſtigen Wirkungen — noch mehr auf größere Geſchäfte als die Zunftverfaſſung.

In den Gegenden und Bezirken, in welchen die Gehülfenzahl am niedrigſten iſt, in welchen gegen 60 bis 80 Gehülfen auf 100 Meiſter kommen, wird immerhin dieſe Zahl ausreichen, um die Meiſterſtellen wieder zu beſetzen. Ein regelmäßiger Zufluß aus Gegenden mit größerer Gehülfenzahl iſt kaum anzunehmen. Be- ſonders zwiſchen den verſchiedenen Staaten war eine derartige Beweglichkeit der Arbeitskräfte früher ſehr erſchwert. Iſt ja jetzt erſt im norddeutſchen Bunde die Freizügigkeit geſchaffen.

Dagegen iſt allerdings zwiſchen Stadt und Land einer und derſelben Gegend und Provinz eine ſolche Fluktuation der Arbeitskräfte anzunehmen. Wünſcht auch der Lehrling, der in der Stadt gelernt, der Ge- ſelle, der dort gearbeitet hat, wo möglich dort zu bleiben, der Mittelloſe muß auf’s Land zurück, wenn er ſelb- ſtändig werden will; andere werden durch Familienverhältniſſe, durch Land- und Hausbeſitz dazu gezwungen. Das iſt bei den Gehülfenzahlen nach Stadt und Land, zu welchen wir uns jetzt wenden, nicht zu überſehen.

Nach der Aufnahme von 1828 berechnet Hoffmann, 61 die 13 wichtigſten Arten der Handwerker zu- ſammenfaſſend, im Durchſchnitte auf 100 Meiſter

Nach den einzelnen Provinzen vertheilen ſich 1828 die Gehülfen der Landmeiſter folgendermaßen; auf 100 Landmeiſter kamen

Im Weſten hat wenigſtens jeder dritte Landmeiſter einen Geſellen oder Lehrling; im Nordoſten arbeiten von 100 Landmeiſtern 89 ohne jede gewerbliche Hülfe.

Im Jahre 1849 haben Gehülfen und Meiſter in den preußiſchen Städten etwa das Gleichgewicht erreicht, es kamen auf 100 Meiſter da 98, auf dem Lande 56 Gehülfen. Neun Jahre ſpäter, im Jahre 1858, haben 100 ſtädtiſche Meiſter 115,4, 100 Landmeiſter 71,8 Gehülfen. Das Landhandwerk hat 1858 beinahe ſo viel Gehülfen, daß es ſeine Meiſterſtellen allein beſetzen könnte. Die Zahl der Lehrlinge, gegenüber den Geſellen, erſcheint im Ganzen 1858 als normal: 125202 Lehrlinge auf 377093 Geſellen; alſo jene etwa ⅓ dieſer; in den Städten freilich nähert ſich die Zahl der Lehrlinge nahezu der Hälfte der Geſellen, auf dem Lande beträgt ſie etwa ein Viertel derſelben.

Nach der Aufnahme von 1861 ſtellt ſich das Verhältniß der Meiſter und Gehülfen in den größern preußiſchen Städten folgendermaßen:

Die mehr beſprochenen provinziellen Gegenſätze zeigen ſich auch hier. Die größte Gehülfenzahl hat nicht Berlin, ſondern Königsberg, Elbing und Breslau. In Berlin 62 kamen ſchon 1822 auf 100 Meiſter 185, 1846 - 210 Gehülfen, 1861 dagegen 207. Daraus ließe ſich ein Schluß ziehen, den ich freilich nur mit einer gewiſſen Vorſicht ausſprechen möchte, — nämlich der, daß für die Mehrzahl der Handwerke der Uebergang zu einem größern Betriebe, auch heute noch eine gewiſſe Grenze hat, wenigſtens 1861 noch hatte. Ich ſuchte oben zu zeigen, daß das heutige Handwerk nicht zu dem wird, was man ſpezifiſch Großinduſtrie nennt, ſondern nur zu etwas umfaſſenderen und anders organiſirten Geſchäften übergeht. Erwägt man überdieß, daß gerade in den großen Städten doch noch viele kleine Meiſter, Anfänger, Flickarbeiter ohne alle Gehülfen arbeiten, ſo könnte man allerdings den Schluß für berechtigt halten, 2—3 Gehülfen auf einen Meiſter im Durchſchnitt ſei das Maximum. Immer aber bleibt dieſer Schluß problematiſch; er iſt richtig für einzelne, für viele Gewerbszweige, daneben unrichtig für andere, welche auch in der Handwerkertabelle verzeichnet ſind und bis zu 10 und mehr Gehülen auf einen Meiſter haben können, wie das Zimmer- und Maurergewerbe, einzelne Metall- und Holzgewerbe, Glockengießereien, große Möbelanſtalten.

Daß im Königreich Sachſen die Zahl der Gehülfen im Durchſchnitt des ganzen Staates weſentlich höher iſt, als die in Preußen, ſahen wir ſchon; ſie iſt höher als die irgend eines preußiſchen Regierungsbezirks. Stadt und Land haben gleichmäßig blühende Gewerbe aller Art; die dortige Handwerkertabelle umfaßt mehr wahrſcheinlich als die irgend eines andern größern deutſchen Landes ſolche Geſchäfte, die für den Abſatz im Großen thätig ſind.

Schon im Jahre 1849 kamen im Durchſchnitt des ganzen Landes bei den 50 wichtigſten Handwerken 63 auf 100 Meiſter 111 Gehülfen, in den Städten allein nur 112, alſo kaum mehr als im Durchſchnitt des ganzen Landes. Trennt man Geſellen und Lehrlinge, ſo kommen nach dieſer Rechnung auf 100 Meiſter

Dabei ſind aber die beſonders auf dem Lande als Hausinduſtrie betriebenen Gewerke einbegriffen; von einem Theil derſelben rührt die hohe Zahl Gehülfen des platten Landes her, ſo von den Bürſtenmachern, den Landklempnern und Nagelſchmieden; andere wieder, wie die Weber, haben keine beſonders hohe Gehülfenzahl. Daneben iſt nicht zu vergeſſen, was ich oben ſchon erwähnte, daß die Gehülfenzahl auf dem Lande viel zu hoch erſcheint durch die Art der Zählung. Tauſende von Maurern, Zimmerleuten, Buchdruckern und andern Geſellen und Arbeitern, die in der Stadt arbeiten, wohnen auf dem Lande und werden da gezählt.

Für die Vergleichung von 1849 und 1861 ſind andere Zahlen zu Grunde zu legen; nämlich die der öfter ſchon angeführten Tabelle, 64 welche die Meiſter und Gehülfen in 36 Handwerken, getrennt nach größern, kleinern Städten und plattem Lande, aufführt. Die Tabelle beſchränkt ſich auf die ſpezifiſch lokalen Gewerbe und ſchließt alle Hausinduſtrien und fabrikmäßigen Handwerke, wie die Weber, Tuchmacher, Tuchſcheerer, Strumpfwirker, Poſamentiere, Inſtrumentenmacher, Färber, Nadler und Aehnliche aus. Nach den dortigen abſoluten Zahlen habe ich die folgenden Verhältniſſe berechnet. Es kamen auf 100 Meiſter:

Das Verhältniß der drei verſchiedenen Arten des Handwerks unter ſich iſt ebenſo ſchlagend, wie die Umbildung jeder einzelnen Art von 1849—61. Das Anwachſen der Gehülfenzahl auf dem Lande iſt am überraſchendſten. Es entzieht ſich aber jeder weitern Erörterung, da man nicht abſieht, wie weit es aus den vorhin angeführten Gründen der Wirklichkeit, d. h. dem thatſächlichen Umfang der Geſchäfte auf dem Lande entſpricht. Keine weſentliche Aenderung zeigt ſich in den kleinern Städten, wie das nach den obigen Unterſuchungen über das kleinſtädtiſche Handwerk zu erwarten war. Die ſtärkſte Zunahme der Gehülfenzahl fand in den großen Städten ſtatt. Es iſt ein totaler Umſchwung der Verhältniſſe, der zwiſchen dieſen beiden Zahlen liegt. Vorher noch 1½, jetzt im Geſammtdurchſchnitt 2—3 Gehülfen auf einen Meiſter. Damit iſt in den ſämmt lichen ſächſiſchen Städten über 10000 Einwohner die Grenze erreicht, die wir vorhin als eine Art Maximum hinſtellten, die Grenze, die ſelbſt in der Großſtadt Berlin und den andern größten preußiſchen Städten 1861 nicht überſchritten iſt.

Dieſes Maximum aber, wie alle die vorſtehenden Verhältnißzahlen ſind berechnet als Durchſchnitte verſchiedener Gewerbe. Eine wirklich konkrete Anſchauung der Verhältniſſe gewinnen wir erſt, wenn wir die einzelnen Gewerbe unterſcheiden. Jedes iſt in ſeiner Technik, in ſeiner Organiſation, in ſeinem Verhältniß zum Publikum wieder ein anderes, wie ein Blick auf die folgenden Tabellen lehrt. Um das ſtatiſtiſche Material nicht zu ſehr zu häufen, beſchränke ich mich auf die Mittheilung von vier Tabellen. Die ſächſiſche umfaßt 50 Gewerbe nach dem Stande von 1849.65 Die preußiſche für die Jahre 1822 und 1846 ſtammt von Dieterici; 66 die Jahre 1858 und 1861 habe ich nach den Quellen nachgerechnet. Die württembergiſche Tabelle iſt von mir in meiner württembergiſchen Gewerbeſtatiſtik67 berechnet. Als Gegenſatz zu dieſen drei ganze Länder umfaſſenden Ueberſichten füge ich noch den Stand einiger der wichtigern Berliner Handwerke im Jahre 1861 bei, berechnet nach den Zahlen der offiziellen Publikation.68

Es kamen 1849 in Sachſen auf 100 Meiſter:

Die preußiſchen Zahlen ſind, wie wir das ſchon aus den allgemeinen Ergebniſſen wiſſen, geringer; es kamen da auf 100 Meiſter Gehülfen:

Und nochmal geringer als die preußiſchen ſind die württembergiſchen Gehülfenzahlen; es kamen dort Gehülfen auf 100 Meiſter:

Ganz anders natürlich lauten die Verhältnißzahlen Berlins; ich theile zugleich die abſoluten Zahlen der Meiſter, Gehülfen und Lehrlinge mit; man zählte 1861:

Wir ſehen große Gegenſätze in dieſen Zahlen und Gegenſätze verſchiedener Art. Von den provinziellen Gegenſätzen will ich weiter nicht reden; es ſind die ſchon mehr beſprochenen. Auch die ſukzeſſive Aenderung von 1822, reſp. 1835 bis 1861 bietet nach den obigen Ausführungen zunächſt nichts Neues. Was uns hier intereſſirt, iſt der Unterſchied der einzelnen Gewerbe unter ſich. Die äußerſten Differenzen, die ſich da zeigen, liegen ziemlich weit auseinander. Bei den Glaſern kamen 1861 in Preußen auf 100 Meiſter 49, bei den Maurern 566 Gehülfen; in Sachſen iſt 1849 der äußerſte Gegenſatz 47 und 2574, in Württemberg 1861 43 und 209, in Berlin 1861 - 92 und 1686.

Je ärmlicher und einfacher ein Gewerbe in der Regel iſt, je mehr es Landmeiſter unter ſich begreift, je weniger es großes Kapital zum Anfang des Geſchäfts fordert, je mehr es ausſchließlich auf perſönlichen Dienſtleiſtungen des Meiſters beruht, deſto niedriger iſt die Gehülfenzahl. Man ſieht beſonders an der württembergiſchen, aber auch an der preußiſchen Tabelle, daß wo und ſofern die Verhältniſſe ſo einfach bleiben, die Gehülfenzahl, welche auf 100 Meiſter kommt, 43 — 80 nicht überſchreitet. Jede zeitweilig höhere Zahl ſinkt wieder, da die Geſellen, in ein gewiſſes Alter gekommen, keine Urſache haben, nicht ein eigenes Geſchäft anzufangen.

Anders wieder in den Gewerben, welche größeres Kapital erfordern, welche für größern Abſatz anfangen zu arbeiten; die hausinduſtriellen Betriebe bilden zwar gerade einen gewiſſen Gegenſatz zu den großen Geſchäften, aber wo ſie blühen, hat der Meiſter, welcher für den Kaufmann oder Verleger arbeitet, doch häufig einige Geſellen oder einen Lehrling, wie ſich das bei den ſächſiſchen Nagelſchmieden, Klempnermeiſtern, Poſamentieren zeigt. Die Gewerbe, welche durchgängig die höchſte Zahl von Gehülfen zeigen, ſind die Gerber, Töpfer, Hutmacher und vor allem die Baugewerbe. Alle die genannten neigen mehr oder weniger zu größern Geſchäften. Ihnen am nächſten ſtehen die Gürtler, Klempner, Schloſſer und Buchbinder, Gewerbe, welche ſchwunghaft betrieben zur Maſchinenanwendung und zur Spezialiſirung auf einzelne Artikel übergegangen ſind. In allen dieſen Gewerben kann nicht mehr davon die Rede ſein, daß die Geſellen ſämmtlich ſelbſtändig werden können.

Wenn in den Gewerben, welche außer dem Hauſe arbeiten laſſen, die ſämmtlichen ſo Beſchäftigten als Gehülfen, und nicht, wie vielfach, als Meiſter gezählt wären, ſo würde die Gehülfenzahl in verſchiedenen Gewerben noch weſentlich höher ſein.

Diejenigen Gewerbe, welche eine gleich hohe Gehülfenzahl im Durchſchnitt haben, werden ſich an techniſcher Entwickelung, Kapitalbedürfniß, Einkommen und ſozialer Stellung ungefähr auch gleich ſtehen. Aber doch nicht vollſtändig. Das eine Gewerbe bedarf mehr des Kapitals, das andere mehr der perſönlichen Arbeitskräfte. Die Fleiſcher, Schneider und Schuſter z. B. haben 1861 in Preußen dieſelbe Gehülfenzahl. Und doch ſteht im Durchſchnitt der Schneidermeiſter etwas unter dem Schuhmachermeiſter, jedenfalls überragt der Fleiſchermeiſter beide durchſchnittlich an Einkommen und ſozialer Stellung. Der Schuſter hat in der Regel ſchon etwas mehr Kapital in ſeinem Geſchäft ſtecken, er treibt eher als der Schneider Vorrathshandel. Eine andere Stellung als beide hat der Fleiſcher, der Geld zum Vieheinkauf braucht, der meiſt ein Pferd hält, um auf den Einkauf zu fahren, der eines eigenen Hauſes, einer Schlacht- ſtätte ſchwer entbehren kann. Im Jahre 1822 haben die Fleiſcher ein Drittel weniger Gehülfen als die Schuſter und doch iſt damals ſchon der Fleiſchermeiſter durchſchnittlich wohlhabender als der Schuhmacher.

Uebrigens haben die Nahrungsgewerbe in Wirklichkeit einen größern Umfang; ſie beſchäftigen mehr Hände, als hier erſichtlich iſt; aber es ſind nicht ſowohl techniſch gebildete Gehülfen, Lehrlinge und Geſellen, als Knechte und Mägde. Wenn 1864 in den thüringiſchen Staaten69 auf 100 Selbſtändige in den Nahrungsgewerben 71 Dienſtboten, in den Bekleidungsgewerben aber nur 5, bei den Bauhandwerken 21, bei den Gewerben, welche ſich mit Einrichtung der Wohnungen und Herſtellung von Geräthſchaften abgeben, 11, bei allen übrigen Gewerben endlich 6 Dienſtboten kommen, ſo ſind das Verhältnißzahlen, wie ſie ſich ähnlich auch wohl anderwärts ergeben würden, ſofern Aufnahmen nach der Richtung exiſtirten. Sie zeigen einen ſprechenden Unterſchied der einzelnen Gewerbearten in der Wohlhabenheit und in dem Bedürfniß an helfenden Händen für das Geſchäft. Sie zeigen, daß die Zahlen der techniſchen Gehülfen nicht allein maßgebend ſind.

Von beſonderem Einfluß auf die Gehülfenzahl iſt die Thatſache, ob das betreffende Gewerbe auf dem Lande mit vorkommt. Zahlreiche Landmeiſter ohne Gehülfen neben ſtädtiſchen Meiſtern mit 2 — 3 Gehülfen geben für den Durchſchnitt des ganzen Gewerbes doch nur 60 — 80 Gehülfen auf 100 Meiſter. Die Rademacher haben in Preußen 1861 - 55, die Glaſer 49 Gehülfen; die Tiſchler, Schloſſer und ähnliche Gewerbe ſehr viel mehr. Und doch wird zwiſchen den ſtädtiſchen Geſchäften kein ſehr großer Unterſchied ſein.

In Berlin iſt die Gehülfenzahl ſehr viel größer, als im Durchſchnitt des ganzen Landes. Einzelne Arten von Gewerben werden in der Großſtadt zu etwas ganz Anderem. Aber in der Hauptſache iſt doch die Ab- ſtufung zwiſchen den einzelnen Arten der Gewerbe die- ſelbe, und bei der überwiegenden Mehrzahl kommen auf einen Meiſter doch nicht über 1 — 3 Gehülfen durchſchnittlich. Nur wenige Gewerbe haben eine noch größere Gehülfenzahl und auch das ſind faſt lauter ſolche Gewerbszweige, bei welchen große und kleine Geſchäfte neben einander vorkommen. Von den in der Fabriktabelle Berlins verzeichneten Geſchäften ſind ſie faſt alle noch weit entfernt. Es kamen durchſchnittlich auf einen Arbeitgeber 1861 in Berlin:70 bei den Spinnereien 15,7, den Webereien 7,6, den Fabriken für Metallproduktion 21,8, denen für Metallwaaren 22,9, denen für mineraliſche Stoffe 16,3, denen für Pflanzenſtoffe 7,9, denen für Holzwaaren 12,3, denen für Verzehrungsgegenſtände 8,9 Arbeiter. Dieſen Fabriken ſtehen von den oben angeführten Gewerbszweigen nur die Baugewerbe gleich. Jeder Pflaſterermeiſter in Berlin hatte 1861 durch- ſchnittlich 6, jeder Steinhauermeiſter 8, jeder Zimmermeiſter 14, jeder Maurermeiſter 16 Geſellen und Lehrlinge.

Zahlreiche ArbeitskräſteArbeitskräfte ſind in den Baugewerben für den Meiſter nothwendig; vielfach iſt er in den größern Städten überhaupt ein großer Spekulant und Unternehmer geworden, der über tauſende von Thalern muß verfügen können. Immer aber zeigt ſich auch hierin noch eine große Verſchiedenheit der Verhältniſſe. Darüber möchte ich noch einige Worte bemerken, auch einige weitere Betrachtungen über die Baugewerbe, auf die ich nicht mehr im Speziellen komme, beifügen.

Zuerſt eine Bemerkung über die obigen Zahlen. Wenn nach den Tabellen 1861 ein Maurer- oder Zimmermeiſter in Württemberg 1 — 2, in Preußen 4 — 5, in Sachſen 18 — 25, in Berlin 14 — 16 Gehülfen beſchäftigt, ſo ſind das nicht durchaus vergleichbare Zahlen. Die polizeilichen Beſtimmungen über das Meiſterwerden ſind verſchieden, und in Folge davon iſt theilweiſe eine beſondere Mittelklaſſe zwiſchen den Meiſtern und den Gehülfen ausgeſchieden, theilweiſe iſt dieß nicht der Fall. In Württemberg z. B. fehlt dieſer Unterſchied. Die Meiſterprüfung war überdieß niemals allzuſchwer; die Zahl der Geſellen iſt daher nicht ſo ſehr viel ſtärker als die der Meiſter; ein Verhältniß, das noch durch die übrigen Urſachen, die dort überhaupt auf kleinern Betrieb hinwirken, unterſtützt wurde.

In Preußen hatte das Gewerbepolizeiedikt von 1811 die Beibehaltung der Prüfungen für die Bauhandwerker ausgeſprochen, die Inſtruktionen von 1821 und 1833 hatten dieſelben geordnet.71 Die Anforderungen waren mäßige, aber immerhin mußte man beſonders auf dem Lande eine Reihe von kleinen Arbeiten auch Leute ſelbſtändig ausführen laſſen, welche die Prüfung nicht beſtanden hatten. Dieſe ſogenannten Flickarbeiter wurden aber erſt 1837 als beſondere Rubrik bei der ſtatiſtiſchen Aufnahme gezählt. Bei der Vergleichung von 1822 und 46, welche Dieterici anſtellte, rechnet er die Flickarbeiter zu den Meiſtern, und demgemäß habe ich in den Berechnungen für 1858 und 61 daſſelbe gethan. Dagegen zeigen die Zahlen für Berlin nur das Verhältniß der eigentlichen Meiſter zu den Gehülfen. Läßt man für die Zahlen des ganzen Staates die Flickarbeiter weg, ſo ſtellt ſich das Verhältniß ganz anders, als die obigen Zahlen es darſtellen; es kommen dann auf 100 Meiſter

Dieſe Zahlen beweiſen zugleich, daß die nach den obigen Zahlen ſich ergebende Abnahme der Gehülfenzahl von 1858 bis 1861 (von 653 auf 440 Gehülfen bei den Zimmerleuten, von 927 auf 566 bei den Maurern pro 100 Meiſter) nur eine ſcheinbare, von der Zunahme der Flickarbeiter herrührende iſt. Die Zunahme der Flickarbeiter war ſelbſt wieder nicht Folge einer volkswirthſchaftlichen, ſondern einer polizeilichen Anordnung. Eine ſolche war durch die Gewerbeordnung von 1845 und die Gewerbenovelle von 1849 eigentlich nicht hervorgerufen worden; man war wohl von 1849 an etwas ſtrenger; aber die alten Prüfungsinſtruktionen waren bis 1856 in Geltung geweſen. Erſt die neue Inſtruktion vom 24. Januar 1856 hatte die Meiſterprüfungen weſentlich zu erſchweren, die Arbeiten, welche zur ſelbſtändigen Ausführung ältern Geſellen als Flickarbeitern überlaſſen bleiben, ziemlich enge einzu- ſchränken geſucht. Darauf hin hatten die Meiſter zuerſt abgenommen; nach wenigen Jahren mußten die Flickarbeiter, die nun trotz ihres engen Wirkungskreiſes um ſo nothwendiger wurden, um ſo mehr zunehmen.

Um jedoch über die ganzen hier in Betracht kommenden Gewerbe eine klarere Ueberſicht zu geben, laſſe ich zunächſt die zwei folgenden hiſtoriſchen Tabellen folgen. Sie enthalten eine ziemlich vollſtändige Ueberſicht über die geſammten preußiſchen Baugewerbe von 1816 — 61. Ich ſage eine ziemlich vollſtändige, denn zu einer ganz vollſtändigen würde gehören, daß ſie auch die Kalkbrennereien und Ziegeleien, die Gyps- und Traßmühlen, die großen Zementfabriken, die jetzt Grabdenkmale, Bauornamente, Flurplatten, Treppenlehnen liefern, daß ſie alle die Arbeiter, die in Stein-, Marmor- und Schieferbrüchen thätig ſind, mitzählten. Auch die Maurer- und Zimmermeiſter ſelbſt beſchäftigen noch außer ihren gelernten hier gezählten Gehülfen viele bloße Tagelöhner. Die Zählung der Gehülfen ſelbſt iſt bei den Maurern wenig- ſtens deswegen unſicherer als bei einem andern Gewerbe, weil die Maurergeſellen in den ſtrengen Wintermonaten, in welchen die Zählung ſtattfindet, meiſt nicht in ihrem Gewerbe beſchäftigt ſind, dann auf dem Lande wohnen und anderweitigen Arbeiten obliegen.

Man zählte:

Aus dieſen Tabellen erhellt zuerſt, wie bedeutend die Baugewerbe zunahmen. Die Zimmerleute wuchſen 41, die Maurer 182 % ſtärker als die Bevölkerung.

Dann zeigt ſich, wie trotz der Zuziehung der Flickarbeiter zu den Meiſtern die einzelnen Geſchäfte an Umfang zunahmen; ſie haben durchſchnittlich 1861 etwa die dreifache Gehülfenzahl gegen 1816. Die Abnahme des Umfangs von 1858 bis 1861 liegt wieder in der ſtarken Zunahme der Flickarbeiter, welche hier als Meiſter gerechnet ſind.

Drittens ſehen wir, daß 1816 die Zimmerleute und Maurer, je nebſt den einſchlägigen Geſchäften, ſich beinahe die Waage halten, daß ſogar die Zimmerleute noch etwas überwiegen. Das ändert ſich. Die Maurer nehmen ſehr viel ſtärker zu; 1861 ſind ſie beinahe doppelt ſo ſtark vertreten. Es hängt gewiß damit zuſammen, daß mit wachſendem Wohlſtand und ſteigenden Holzpreiſen der Fachbau und die Holzkonſtruktionen zurücktreten gegenüber dem Steinbau, neuerdings auch gegenüber der Anwendung von Eiſenkonſtruktionen.

Einen tiefern Einblick in die Art der geſchäftlichen Organiſation der Baugewerbe geben die vorſtehenden Tabellen noch nicht. Um ihn zu gewinnen, will ich eine Tabelle mittheilen, in der die Zimmerleute und Maurer nach Provinzen geordnet erſcheinen, in der nur die Meiſter und Gehülfen, nicht aber die Flickarbeiter in Betracht gezogen ſind. Die Zahlen für 1837 72 ſind Hoffmann entlehnt, die für 1861 ſind von mir nach den offiziellen Zahlen 73 berechnet. In der letzten Spalte füge ich die oben ſchon angeführten Prozentzahlen bei, mit denen die Baugewerbe 1861 an der ganzen Bevölkerung theilnehmen. Es kommen Gehülfen auf 100 Meiſter:

Die großen provinziellen Gegenſätze, die wir hier vor uns ſehen, die 1861 etwas geringer geworden aber nicht verſchwunden ſind, entſprechen zugleich der hiſtori- ſchen Entwicklung der geſchäftlichen Organiſation.

Der mittelalterliche Maurer- und Zimmermeiſter war ein Handwerker ohne großes Kapital; er durfte wohl mehr Geſellen und Lehrlinge halten als andere Meiſter, oft 4 Geſellen und noch mehr, während andern nur einer oder zwei erlaubt waren; aber ein großer Unternehmer wurde er dadurch nicht. Die Lieferung der Materialien, des Kalks, der Steine, des Holzes, der Ziegeln, war Sache deſſen, der bauen ließ; der Kapitalbeſitz des Meiſters reichte dazu nicht, Sitte und Vor- ſchrift wollte es auch nicht, um die Geſchäfte nicht zu groß werden zu laſſen. Oft war ja auch den Meiſtern verboten mehr als ein oder zwei Werke zugleich zu übernehmen. 74 Größere Bauten lagen in der Hand eines Rathsherrn, 75 eines Domkapitulars, dem die Rechnungsführung übertragen war; an ſolchen arbeiteten viele Meiſter. Für Meiſter und Geſellen waren feſte Tagelohnſätze hergebracht, die des Meiſters etwas höher, weil er die Geräthe auch für ſeine Geſellen zu ſtellen hatte. In der Blüthezeit des mittelalterlichen Bauweſens gaben die Bauhütten, 76 die als Bauhütten einzelner großer Städte wie ganzer Länder auftraten, der Geſammtheit der Meiſter eine feſte Organiſation, die bei großen Bauten auch wohl geſchäftlich verwandt wurde.

Die in Polizei-, Landes- und Taxordnungen feſtgeſtellten Löhne geben uns heute noch eine klare Anſchauung von dieſer Stellung der Meiſter. 77 Selbſt in großen Städten wie Wien iſt es nach der Polizeiordnung von 1527 die Regel, daß die Meiſter nicht Unternehmer ſind, ſondern für Tagelohn arbeiten; nur als Ausnahme wird ihnen erlaubt, daß ſie „Beſtännd und geding annemmen müge;“ doch ſollen ſie ſich dann nicht übereilen, und es ſollen ihnen die in der Polizeiordnung feſtge- ſtellten Tagelohnſätze dabei als Norm dienen.

Bei dem tiefern Stand der Volkswirthſchaft im 17 ten und 18 ten Jahrhundert treten ſelbſt dieſe Anfänge von Akkordarbeit und eigentlicher Bauunternehmung durch die Meiſter wieder zurück. Die churſäch- ſiſche Taxordnung von 1623 78 kennt in ihrer unendlich breiten Ausführlichkeit nur Tagelohnſätze für Meiſter, wie für Geſellen; die Sätze des Meiſters ſind etwas höher dafür, „daß er den Werkzeug helt.“ Für das 18 te Jahrhundert führe ich an, daß Bergius 79 zwar die Akkordarbeit bei Bauten unter Erwähnung preußiſcher Reglements empfiehlt, aber doch die Bezahlung ſelbſt der Meiſter im Tagelohn als das Gewöhnliche betrachtet, den Meiſtergroſchen genau beſpricht, den der Geſelle dem Meiſter für die Benützung der Werkzeuge gibt. Im Gegenſatz zu den Zimmerleuten, Maurern und Steinmetzen bemerkt er, die Glaſer, Schloſſer und Klempner pflegten bei den Bauten nicht auf Tagelohn, ſondern 80 nach dem Verdinge oder ſtückweiſe zu arbeiten. Daß auf dem Lande in Baiern noch heute ſo gebaut wird, erwähnte ich oben. Aber nicht bloß hier, auch anderwärts geht es noch ſo zu, wenigſtens theilweiſe, wenig- ſtens auf dem Lande und in kleinen Städten; da arbeitet der Meiſter ſelbſt mit, hat nur wenige Geſellen; der Privatmann, welcher bauen läßt, muß es auf eigene Rechnung thun.

In den ſchon vor 1815 zu Preußen gehörigen Landestheilen hatten die Dinge ſchon früher ſich geändert. Eine ſtrenge Baupolizei hatte höhere Anforderungen an den einzelnen Meiſter geſtellt. Alle größern, beſonders die ſtaatlichen Bauten, wurden zwar den höhern, vom Staate geprüften und von ihm angeſtellten Bautechnikern zur Leitung übergeben. Und bis in die neuere Zeit läßt ja ſelbſt der reichere Privatmann die Pläne und Riſſe von ſolchen entwerfen. Aber für die Ausführung derſelben brauchte man größere Werkmeiſter und eigentliche Unternehmer. Und je mehr es früher an großen Bauſpekulanten fehlte, die bloß als kaufmänniſches Geſchäft, als Spekulation gegen feſte Averſal- ſummen Bauten übernahmen und ſich ſelbſt wieder der einzelnen Meiſter für die Ausführung bedienten, um ſo mehr begünſtigte man es, wenn die Meiſter ſelbſt als Unternehmer auftraten. Die Rechnungslegung wurde einfacher; man hatte Einen verantwortlichen Unternehmer, einen Mann von größerer Zuverläſſigkeit, von einigem Vermögen, an den man ſich halten konnte; ſolche größere Zimmer- und Maurermeiſter hatten ſelbſt die nöthigen Rammen, Pumpen, Rüſtungen, Hebezeuge, die zu umfaſſenden Bauten nothwendig ſind; ſchon deßwegen gab man ihnen gerne den Vorzug. 81

Wie die künſtleriſche Seite des Bauhandwerks reformirt wurde in erſter Linie durch den Einfluß der höhern vom Staate gebildeten Baubeamten, durch den Einfluß der vom Staate in’s Leben gerufenen Schulen, beſonders der 1799 gegründeten Bauakademie, ſo ſind es auch in erſter Linie ſtaatliche Einflüſſe, welche die geſchäftliche Organiſation umgebildet haben. Und da dieſe Einflüſſe in den altpreußiſchen Provinzen älter und tiefgreifender ſind, da hier die ungleichere Vermögensvertheilung ohnedieß, wie wir oben ſahen, auf größere Geſchäfte hinwirkt, ſo iſt es begreiflich, daß die einzelnen Meiſter in den öſtlichen Provinzen ſo viel mehr Gehülfen beſchäftigen, als am Rhein und in Weſtfalen. Die Maurer- und Zimmermeiſter ſind da mehr und mehr große Unternehmer geworden, die nach Entwürfen eines Baumeiſters die Generalentrepriſe großer Bauten übernehmen, aber auch ſelbſt Pläne entwerfen, Häuſer auf Beſtellung und auf Spekulation bauen, häufig eine ganze Reihe von Bauten zu gleicher Zeit ausführen, auf dem einzelnen Bau die Aufſicht einem Polir übertragen, in ihrer Wohnung ein beſonderes Zeichen- und Geſchäftsbureau halten müſſen. Iſt dieſe Richtung einmal im Geſchäftsleben vorhanden, ſo müſſen da, wo am meiſten gebaut wird, wo der größte Wohlſtand iſt, wo die Induſtrie viele größere Bauten erfordert, die Geſchäfte leicht noch größer werden. Sie ſind in Sachſen und Schleſien am größten, wo die Baugewerbetreibenden am ſtärkſten ſind. Es ſind dort über 2 % der Bevölkerung in den Baugewerben beſchäftigt; der einzelne Meiſter hat 24—39 Gehülfen. Dann folgt Brandenburg. Es hat 1,6 % Bauhandwerker, 21—26 Gehülfen auf einen Meiſter. Pommern ſteht nicht viel nach. Preußen und Poſen haben dieſelbe allgemeine Richtung, aber der geringere Wohlſtand, die geringere Bauthätigkeit (0,7— 0,9 % der Bevölkerung ſind Bauhandwerker) bewirken es, daß auf den Meiſter nur 10—19 Gehülfen kommen.

Viel mehr Bauhandwerker wieder haben Weſtfalen und die Rheinprovinz; aber dieſelben ſind in kleine Geſchäfte zertheilt, beſonders am Rhein. Dort kommen auch 1861 auf einen Zimmermeiſter erſt 2—3, auf einen Maurermeiſter 5 Gehülfen. Dort war, wie Hoffmann ſagt, die Vielherrſchaft kein Förderungsmittel einer ſtrengen Baupolizei. Das Meiſterrecht konnte leicht erlangt werden; das Gewerbe der Bauhandwerker zerſplitterte ſich, wie das Land, worin es getrieben wurde. Die kleinen Landwirthe, wie die Handwerker und Fabrikanten, nahmen die einfachen Bauten gerne ſelbſt in die Hand. Und ſo haben ſich die Sitten erhalten mehr oder weniger bis auf den heutigen Tag, trotzdem daß die Fabrik- und Eiſenbahnbauten, die Bauten von ſchönen Privathäuſern, entſprechend dem großen Wohlſtand der Provinz, dort ſo zahlreich und großartig ſind, als in irgend einem andern Theile der Monarchie. In den größeren Fabrikſtädten haben ſich natürlich die Verhält niſſe ſchon etwas anders geſtaltet; die Durchſchnittszahlen der Provinz ſind beeinflußt von den zahlreichen Meiſtern in den vielen Dörfern. Aber ſelbſt in Köln hat der Maurermeiſter wie der Zimmermeiſter durchſchnittlich 1861 nur etwa 6 Gehülfen; ähnliche Zahlen zeigen ſich in Krefeld, Düſſeldorf, Eſſen, Elberfeld, Barmen und Aachen; in Koblenz und Trier ſind die Geſchäfte noch ſehr viel kleiner. Die allgemeinen Verhältniſſe begün- ſtigen dort auch heute noch mehr die kleinen Geſchäfte. Der Bau auf eigene Rechnung iſt überhaupt auch heute noch bei richtiger Beaufſichtigung das billigſte. Große Bauten werden dort, wie anderwärts, nicht von den Werkmeiſtern, ſondern von königlichen Baumeiſtern entworfen und geleitet und es handelt ſich dann bei der Ausführung nur darum, ſtatt einem oder wenigen Werkmeiſtern umfangreiche Theile des Baues in Verding zu geben, eine größere Zahl kleinerer Meiſter für die einzelnen Theile heran zu ziehen.

Die Aufhebung der Prüfungen für die Bauhandwerker wird Manches beſonders in den alten öſtlichen Provinzen ändern. Für die Bauten auf dem Lande, für die Bauten der kleinen Leute wird ſie entſchieden als eine Wohlthat zu begrüßen ſein; kleine Wohnungen, Wohnungen für die arbeitenden Klaſſen werden leichter entſtehen, weil kleine Meiſter, die vom einfachen Geſellen ſich durch Fleiß und Sparſamkeit empor arbeiten, zahlreicher als vorher ſich zu ſolchen Bauten anbieten werden. Es kann da auch der Bau auf eigene Rechnung durch kleine Meiſter wieder etwas häufiger werden.

Aber verwiſchen wird ſich dadurch der Gegenſatz nicht; wo nach den beſtehenden Sitten und Traditionen die großen Werkmeiſter herkömmlich die Bauten übernehmen, da wird es in der Hauptſache dabei bleiben; Sitten dieſer Art ſind mit tauſend Wurzeln feſtgewachſen, hängen überdieß mit ſonſtigen Urſachen, Klaſſen- und Beſitzverhältniſſen ſo zuſammen, daß ſie nicht leicht ſich ändern.

Und Manches wirkt den kleinen Bauunternehmungen in neueſter Zeit noch mehr als andern kleinen Unternehmungen entgegen: eine immer komplizirtere Technik, große Auslagen für Baumaterialien, Maſchinen und Vorrichtungen, erhebliche Vorſchüſſe an Löhnen, welche nothwendig ſind, endlich die Neigung der Beſtellenden, lange Kredite vom Unternehmer zu fordern, erlauben nur Leuten von einigem Vermögen, ſolche Geſchäfte zu beginnen.