Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre

II. Die pſychiſchen, ſittlichen und rechtlichen Grundlagen der Volkswirtſchaft und der Geſellſchaft überhaupt.

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II. Die pſychiſchen, ſittlichen und rechtlichen Grundlagen der Volkswirtſchaft und der Geſellſchaft überhaupt.

1. Die Zwecke und die Mittel des geſellſchaftlichen Zuſammenſchluſſes.

4. Gehen wir, um zu einem erſten rohen Verſtändnis des geſellſchaftlichen Lebens zu kommen, von der ſicherſten und allgemeinſten ſocialen Erfahrung aus, ſo iſt es unzweifelhaft die, daß die Menſchen aller Raſſen, aller Zeiten, aller Erdteile, ſofern ſie nur etwas über den roheſten Zuſtand ſich erhoben hatten, ſtets in Gruppen vereinigt gefunden wurden. Die kleineren Gruppen, die Horden oder Stämmchen, beſtehen aus einer Anzahl blutsverwandter Individuen verſchiedenen Alters und Geſchlechts; die größeren, die Stämme und Völker, aus einer Summe zuſammenhaltender Untergruppen, d. h. Familien und Sippen, Gemeinden, Gilden oder ſonſtwie Vereinten. Die kleineren älteren wie die größeren ſpäteren Gemeinſchaften ſtehen ſich teils feindlich, teils freundlich gegenüber; ſtets aber ſind die Mitglieder der Gruppen unter ſich enger verbunden als mit den Gliedern anderer, häufig ihnen feindlicher Gruppen. Nirgends hat man in hiſtoriſcher Zeit anders als ausnahmsweiſe ganz iſoliert lebende Menſchen getroffen, die nachweislich plötzlich angefangen hätten, ſich zuſammen zu thun, ein Gemeinweſen zu gründen. Der Menſch gehörte ſtets zu den Herdentieren. Aber er iſt kein ζῶον πολιτικὸν in dem Sinne, daß ein unterſchiedsloſer Geſelligkeitstrieb ihn veranlaßte, Anſchluß an jedes andere menſchliche Weſen zu ſuchen; er thut dies ſtets nur in der Weiſe, daß der Anſchluß an die einen Abſonderung von den anderen bedeutet.

Was ſind nun aber die äußeren, jedem ſichtbaren Zwecke, wegen deren der Zuſammen- ſchluß ſich vollzieht; erſt wenn wir auf ſie einen Blick geworfen, werden wir uns über die Mittel verſtändigen können, durch welche aller Anſchluß, alle Verſtändigung erfolgt. Hauptſächlich drei Zwecke treten uns da als die wichtigſten entgegen, deren Verfolgung die Menſchen ſtets zur Gemeinſchaft und Gruppenbildung veranlaßt hat, welche ſtarke Gemeingefühle in Zuſammenhang mit den betreffenden Intereſſen und Vorſtellungen bei den Teilnehmenden erzeugen.

Die Geſchlechtsverbindung und der Blutszuſammenhang iſt das ſtärkſte und älteſte Princip geſellſchaftlicher Gruppierung. Lange Zeiträume hindurch haben nur die Blutsverwandten und ihre Nachkommen Stämmchen und Stämme gebildet. Die einheitliche Abſtammung und das Zuſammenaufwachſen ergab ähnliche Eigen- ſchaften und ſtarke ſympathiſche Gefühle; nur wer desſelben Blutes war oder künſtlich als ſolcher durch äußerliche Blutmiſchung fingiert wurde, war Genoſſe, jeder andere war Feind. Wenn im Stamme Untergruppen ſich bildeten, ſo waren ſie ſelbſt wieder durch die Abſtammung beſtimmt, wie die Stellung jedes einzelnen in Untergruppe und Stamm; das Verhältnis zu anderen Stämmen hing weſentlich von der Vorſtellung ab, ob man ſich für verwandt hielt. Auch nachdem längſt andere Bande der Gemeinſamkeit hinzugekommen und die Vorſtellungen über den Blutszuſammenhang gelockert, teilweiſe erſetzt hatten, blieb das Gefühl gemeinſamer Abſtammung für die Mehrzahl der Menſchen der ſtärkſte Kitt, der die Gruppen, Stämme, Nationen, Völker und Raſſen zuſammenhält, blieben die immer neu ſich knüpfenden Verwandtſchaftsbande in den engeren Kreiſen der Geſellſchaft die ſtärkſte Quelle für ſympathiſche Gefühle und die wichtigſte Veranlaſſung zu gemeinſamer auch wirtſchaftlicher Thätigkeit, zu Verträglichkeit, zu Aufopferung, zur Entſtehung aller möglichen Tugenden. Wir kommen auf dieſe Dinge unten in dem Abſchnitt über Familie und Geſchlechtsverfaſſung zurück.

Die Friedens- und Kriegsgemeinſchaft erwächſt naturgemäß aus dem Blutszuſammenhang. Die Stämme und Völker ſind nach innen durch die ſtarken ſympathiſchen Gefühle und tägliches Zuſammenſein auf den Frieden, nach außen auf die gemeinſame Abwehr aller Gefahren und aller Feinde angewieſen; nur unter der Doppelbedingung des Friedens nach innen, des gemeinſamen Kampfes nach außen können ſie ſich erhalten, können ſie ſich fortpflanzen und können ſie wachſen. Zugleich iſt klar, daß die Veranſtaltungen hiefür eine Menge neuer Vorſtellungen und Intereſſen wecken, und daß hieran einerſeits ſtärkere Gefühle und Triebe des Haſſes, der Kampfluſt gegenüber Außenſtehenden ſich knüpfen, und daß andererſeits damit der innere Zuſammenhalt wächſt; nichts ſtärkt die Gemeingefühle mehr als gemeinſame Kämpfe und die Erinnerung daran; nichts dämpft innerhalb des Stammes die Ausbrüche der rohen Leidenſchaft mehr als die Friedensveranſtaltungen. Mögen ſie noch ſo langſam erwachſen; ſchon die geordnete Blutrache, dann das Kompoſitionenſyſtem ſind tiefgreifende Verſuche der Streiteinengung, zuletzt ſiegt das Verbot jeder Selbſthülfe und die Erſetzung jeder privaten Rache durch den Richterſpruch der Älteſten, der Fürſten: das große Princip wird proklamiert, daß im Staate nicht der Fauſtkampf, ſondern die Gerechtigkeit herrſchen ſolle, daß alle Reibungen und Kämpfe im Inneren nur innerhalb enger Schranken ſich bethätigen dürfen. Und ſolches ſcheint da doppelt nötig, wo man aller Kräfte nach außen bedarf. Die ſociale Zucht, die Unterordnung der einzelnen unter gemeinſame Zwecke, die Zuſammenfaſſung der Kräfte gelingt in erſter Linie durch den Kampf und den Krieg mit anderen Stämmen und Gemeinweſen. Die Stämme, deren Lebensweiſe körperliche Kraft und Ausbildung des Mutes begünſtigte, in denen kühne Kriegshäuptlinge aus den freiwilligen Beutezügen heraus ein allgemeines Zwangsprincip der kriegeriſchen Organiſation herzuſtellen wußten, wurden fähig, die Mittelpunkte von Stammesbündniſſen zu werden, ſchwächere Nachbarn zu vernichten oder zu unterwerfen, Reſte halb aufgeriebener Stämme ſich in verſchiedener Form einzuverleiben. Solches war nur möglich durch Aufrichtung einer befehlenden Gewalt, durch Gehorſam, Disciplin, kriegeriſche Übung, Vorratsſammlung, Schutzbauten, kurz durch eine geſellſchaftliche Einrichtung, die eine königliche Gewalt überhaupt für alle Lebensgebiete ſchuf, in ihre Hand einen Machtapparat legte, der fähig war, Recht zu ſprechen, Frieden zu ſtiften, gemeinſame Zwecke aller Art zu verfolgen. „Daß ſich das politiſche Staatsweſen aus dem Kriegsweſen entwickelt hat“, ſagt Tylor, „unterliegt keinem Zweifel. Eine konſtitutionelle Regierung iſt eine Einrichtung, durch welche eine Nation vermittelſt der Maſchinerie eines Militärdespotismus ſich ſelbſt regiert.“ Jedenfalls iſt durch nichts ſo ſehr als durch die militäriſche Organiſation der Einfluß der Autoritäten in der Geſellſchaft geſteigert, das Princip einer einheitlich-befehlenden Gewalt über gehorchende Maſſen ausgebildet worden, hat durch nichts ſo ſehr die rechtſprechende Gewalt die nötige Macht und Exekutive erhalten, ſo daß wir heute, den Kernpunkt aller ſtaatlichen Organiſation in der Kriegshoheit und Juſtizhoheit ſehend, nicht fehlgehen, wenn wir ſagen: alle höhere Geſellſchaftsentwickelung geht aus von der Friedensgemeinſchaft nach innen und von der Kampfesgemeinſchaft nach außen.

Die Siedlungs- und Wirtſchaftsgemeinſchaft ſchließt ſich direkt an die primitiven Bluts-, Friedens- und Kriegsgemeinſchaften an. Auch ſo lange dieſe noch unſtet von Ort zu Ort zogen, je nachdem die Möglichkeit der Ernährung, der Sieg oder die Niederlage ſie weiter trieb, hatten ſie zeitweiſe gemeinſam beſtimmte Gaue, Thäler, Ebenen inne. Aber die Beziehungen zum Boden wurden erſt dauernd und tiefgreifend, als ſie den Acker-, Garten- und Waſſerbau, als ſie gegen Feinde durch Wall und Graben ſich dauernd zu ſchützen, Häuſer zu bauen, den Boden zu teilen gelernt hatten. Mit der feſten Siedlung, dieſem ſo überaus wichtigen wirtſchaftlichen, ſtets urſprünglich durch die Gemeinſchaft vorgenommenen Akte entſtehen die dauernden Nachbarſchaftsbeziehungen, das Heimatsgefühl, die Vaterlandsliebe. Die geſamten Glieder eines Stammes ſehen ſich nun ſeltener, die am ſelben Orte wohnenden häufiger; neben die Beziehungen der Blutstreten die der Ortsgemeinſchaft; es bilden ſich für wirtſchaftliche, für Schutz-, für Verkehrs- und andere Zwecke die Orts- und Nachbarverbände; die Gebietskörperſchaften umfaſſen bald Leute verſchiedenen Blutes; aus dem Stamme wird der mit einem beſtimmten Lande verknüpfte Staat. Wir kommen unten beim Siedlungsweſen und den Gebietskörperſchaften hierauf zurück.

Mit der feſten Siedlung und der erſten Bodenverteilung erwachſen innerhalb des ſocialen Körpers eine Reihe kleinerer feſter gefügter Gemeinſchaften, die Familien mit ihrer Haus- und Hofwirtſchaft, die Sippen, d. h. die Geſchlechtsverbände, die Grundherrſchaften, die Ortsgemeinden und Gaue, welche alle in ſich nun ſtärkere Gemeingefühle, feſtere Ordnungen der Herrſchaft und Genoſſenſchaft ausbilden, wie umgekehrt beſtimmte Gegenſätze und Spaltungen mit der Berufs- und Arbeitsteilung, mit der verſchiedenen Stellung und dem verſchiedenen Beſitz ſich ergeben. Und wo vollends der Tauſch- und Geldverkehr ſich entwickelt, die Arbeitsteilung weiter voranſchreitet, ſociale Klaſſen ent- ſtehen, da bilden ſich in ſteigendem Umfang eine Menge vielverzweigter wirtſchaftlicher Beziehungen, Abhängigkeits-, Dienſt- und Vertragsverhältniſſe, neue dauernde Gruppierungen aller Art neben den tauſendfachen täglich erfolgenden vorübergehenden Geſchäfts berührungen; Staat und Gemeinde fordern Steuern und Dienſte aller Art nach komplizierten Maßſtäben: es bildet ſich das unendlich verzweigte Syſtem wirtſchaftlicher Gemeinſchaft, das wir ſchon oben (S. 2—4) kurz zu ſchildern ſuchten, das in ſeinem Schoße aber ebenſo ſehr die Gegenſätze ſteigert, die Individualitäten entwickelt, die einzelnen durch die Luſt an der Herrſchaft, am Beſitz und am Mehrhaben in Gegenſatz bringt, als es immer wieder über die Gegenſätze hinweg durch größere gemeinſame Organiſationen und Schaffung ſtärkerer Gemeingefühle die Elemente wieder zuſammenfaßt. —

Sind die Blutsbande, die Kriegs- und Friedensgemeinſchaft und die wirtſchaftlichen Beziehungen die elementarſten und wichtigſten Veranlaſſungen zu geſellſchaftlicher Organiſation, ſo entſtehen mit der höheren Kultur daneben eine Reihe weiterer Zwecke, wie Gottesdienſt, Erziehung, Kunſt, Geſundheitspflege und Ähnliches, welche ſociale Beziehungen und Gemeinſchaften und damit neue Vorſtellungsreihen, Gefühle und Ziele des Handelns erzeugen. Es bilden ſich jene höheren Funktionen und Formen des geſellſchaftlichen Lebens, wie Sitte, Recht, Moral, Religion, deren Entwickelung zuerſt als Mittel für die älteren nächſtliegenden Zwecke, dann aber als Selbſtzweck und beherrſchender Regulator alles Handelns erſcheint. Ihr eigenartiges Daſein ſchafft wieder neue geſellſchaftliche Beziehungen und Gemeinſchaften, auf die wir weiterhin zu kommen haben werden.

Hier waren ſie nur zu erwähnen, um eine Vorſtellung davon zu erwecken, wie die geſellſchaftlichen Zuſammenhänge ſich anknüpfen an eine Reihe gemeinſam erſtrebter Zwecke und Ziele. Jeder dieſer Zwecke erzeugt eigenartige Zuſammenhänge, Gemein- ſchaften, Vorſtellungen und Gefühle; jeder muß aber dulden, daß die anderen neben ihm verfolgt werden. So entſteht ein Syſtem, eine Hierarchie von ſocialen Zwecken und Zielen, wobei die einen ſich teils als Mittel für die anderen, teils als Hindernis heraus- ſtellen; es muß alſo eine Neben- und Unterordnung der Zwecke, eine Ineinanderfügung und Anpaſſung, ein geordneter Zuſammenhang in den Gefühlen, Vorſtellungen und In- ſtitutionen ſich herſtellen. Hier liegt gleichſam das Geheimnis der ſocialen Organiſation, hier liegt der Punkt, von dem aus es zu verſtehen iſt, daß Familien-, Rechts-, Staats- und Wirtſchaftsverfaſſung ſich ſtets gegenſeitig bedingen, nie getrennt verſtanden werden können.

Mit all’ dieſen Thatſachen und ihrem Zuſammenhang iſt aber noch keineswegs erklärt, wodurch die Menſchen in Stand geſetzt ſind, für alle möglichen Zwecke Verbindungen anzuknüpfen. Man hat darauf hingewieſen, daß auch die höheren Tiere herdenweiſe zu Verteidigungs- und Arbeitsgemeinſchaften zuſammentreten. Man hat geſagt, der Menſch ſei ein kräftigeres und klügeres Raubtier, aber auch ein mit viel ſtärkeren Gemütsimpulſen und Gemeinſchaftsgefühlen ausgeſtattetes Herdentier als die anderen Lebeweſen; darauf beruhe ſeine Herrſchaft über die ganze Natur und die Ausbildung ſeiner ſocialen Fähigkeiten. So viel ſcheint jedenfalls klar, daß die feinere Organiſation unſeres Körpers, unſerer Nerven, unſeres ſeeliſchen Apparates eine leichtere Verſtändigung der Menſchen als der Tiere untereinander herbeiführt. Die höhere Stellung des Menſchen beruht darauf, daß er beſſere, reichere Verſtändigungsmittel für ſociales Zuſammenwirken und damit ſtärkere Gemeingefühle, ein helleres Bewußtſein über Zwecke höherer und fernliegender Art, ihre Folgen, ihre gemeinſame Verfolgung ſich erwarb. Eine ſtarke Ausbildung der Mit- und Gleichgefühle ſtand an der Geburtsſtätte alles geſellſchaftlichen Daſeins. Kein anderes Weſen ſteht ſo unter der anſteckenden Herrſchaft der Umgebung von Seinesgleichen, kein anderes kann ſich ſchon durch Geſten ſo verſtändigen, Gefühle und Vorſtellungen austauſchen. Wie der Menſch gähnt und lacht und tanzt, wenn er gähnen, lachen und tanzen ſieht, wie die rauſchende Militärmuſik in hunderten von Gaſſenjungen unwillkürlich Reflexbewegungen und Muskelgefühle erzeugt, die ſie fortreißt, im Takte mit zu marſchieren, ſo wirkt alles Menſchliche anſteckend. Wie der junge Vogel ſingen lernt durch Nachahmung der alten, ſo und in noch viel höherem Grade ahmt der Menſch nach; alle Erziehung der Kinder beſteht in unzähligen Anläufen und Aufforderungen zur Nachahmung. Und ſo lange der Menſch friſch und bildungsfähig bleibt, ahmt er bewußt oder unbewußt täglich und ſtündlich Unzähliges nach. Wie der Hypnotiſeur ſein Medium, ſo zwingen überall die führenden Menſchen die Maſſe in ihren Bannkreis, und tauſchen alle ſich Berührenden ihre Gefühle und Gepflogenheiten unwillkürlich aus. So konnte Tarde ſagen: eine Geſellſchaft iſt eine Gruppe von Weſen, die ſich untereinander nachahmen, oder die ähnliche Nachkommen ſolcher Weſen ſind, die ſich früher nachgeahmt haben.

Die ununterbrochene und unwiderſtehliche, pſychiſche Wechſelwirkung und Suggeſtion aller ſich Berührenden ſtellt den verbindenden Strom dar, der gemeinſame Gefühle, Verſtändigung, Ineinanderpaſſung, ſowie Abſchließung gegen außen herbeiführt. Aber dieſer Strom wäre ewig ſchwach geblieben, wenn er nicht durch die Sprache, die Schrift, die Vervielfältigung derſelben, ſowie durch die Methoden ihrer Verbreitung und Benutzung eine Kraft erhalten hätte, welche ſich zu der wortloſen Verſtändigung und Wechſelwirkung verhält, wie die heutigen ſtarken elektriſchen Induktionsſtröme zu den ſchwachen galvaniſchen Strömen.

2. Die pſychophyſiſchen Mittel menſchlicher Verſtändigung: Sprache und Schrift.

5. Die Sprache. Die Sprachbildung iſt Geſellſchaftsbildung, die Sprachlaute ſind Verſtändigungslaute. Man hat beobachtet, daß gewiſſe Tiere bis zu 10, 12, ja 20 verſchiedene Töne haben, deren jeder den Genoſſen eine andere Stimmung andeutet. Der gemeine Mann ſoll ſelbſt mitten in der heutigen, aufgeklärten Geſellſchaft nicht über 300 Worte gebrauchen, während der Gebildete es bis zu 100000 und mehr bringt. In dieſen Zahlen drückt ſich wenigſtens einigermaßen die ſteigende Fähigkeit zur Vergeſellſchaftung aus.

Die Entſtehung der Sprache iſt eine Seite an dem Vernünftigwerden des Menſchen. Die Anſchauungen und Vorſtellungen werden erſt in wenigen, dann in mehreren Lauten und Worten vergegenſtändlicht. Der Menſch will ſich dem Menſchen verſtändlich machen; wie wir ſchon ſahen, wirken Gebärden, Gefühle und Leidenſchaften anſteckend; was den einen erfüllt, klingt ſympathiſch beim anderen an. Das Fühlen, Vorſtellen und Denken kommt durch das Zuſammenſein mit anderen in Fluß, und ſo entſtehen durch die Geſellſchaft und durch die ſympathiſchen Gefühle die Verſtändigungslaute und mit ihr die fixierten Vorſtellungen und Begriffe, das Denken ſelbſt. Alle Erweiterung feſter Beobachtung, alle umfaſſende Klaſſifikation der Erſcheinungen, alle Anhäufung der Erfahrung, alle Entſtehung allgemeiner Urteile und das Weiterſchließen daraus hängt an der Ausbildung feſter Lautzeichen. Die Autorität des Vaters, des Häuptlings wirkt mit, das loſe, eben erſt entſtehende Band, das im verſtandenen Worte liegt, etwas feſter zu ziehen. Es entſteht mit der Sprache und dem Denken das geſellſchaftliche Bewußtſein.

Freilich zunächſt nur in wenig feſter Form. Die Urſprachen umfaſſen kleine Gruppen von Menſchen. Je niedriger die Kultur, deſto zahlreichere verſchiedene Sprachen giebt es, und deſto raſcher bilden ſie ſich ſelbſt um. Die unſtete Lebensweiſe wandernder Jägerſtämme erlaubt nicht das ſtete und ſcharfe Feſthalten derſelben Lautzeichen. Die Urenkel verſtehen die Urgroßväter nicht mehr; jeder ſich abſplitternde Teil hat bald eine eigene Sprache. Wenn es jetzt gegen 3000 Sprachen auf der Erde geben ſoll, ſo kommen davon auf das kultivierte Europa nur 53. Je größer die Gemeinweſen werden, deſto größere Sprachgebiete mit um ſo ausgebildeterer Sprache entſtehen.

Der begabtere Stamm hält das Werkzeug der Gedanken feſter; die komplizierteren Kulturvorgänge, die feſtere Gliederung der Geſellſchaft, die Vergrößerung des Stammes und Staates befeſtigen die Sprache und breiten ſie aus. Das Bedürfnis, durch deutliche, klare Sprache ſich einem immer größeren Kreis Verſchiedenartiger deutlich zu machen, wird von den Herrſchenden, wie von den Tauſchenden empfunden. Einzelne größere Sprachen ſind weſentlich mit durch den Verkehr in den Grenzgebieten, wo ausgleichender Güteraustauſch herrſchte, entſtanden. Die Ausbildung der Sprache iſt ein ſtündlich und täglich ſich erneuernder Vertrag aller mit allen, welche ſie reden. Im Sprachſchatz ſammelt ſich das Anſchauen, Vorſtellen und Denken aller vorangegangenen Geſchlechter. Sie iſt die ſymboliſche Kapitaliſierung der geiſtigen Arbeit eines Volkes. Sie iſt das Inſtrument der geiſtigen Erziehung für die heranwachſende Generation.

Die Sprache — ſagt Herbart — iſt es, welche das eigentliche Band der menſchlichen Geſellſchaft knüpft. „Denn vermittelſt des Wortes, der Rede geht der Gedanke und das Gefühl hinüber in den Geiſt des anderen. Dort wirkt er neue Gefühle und Gedanken, welche ſogleich über die nämliche Brücke wandern, um die Vorſtellungen des erſteren zu bereichern. Auf dieſe Weiſe geſchieht es, daß der allermindeſte Teil unſerer Gedanken aus uns entſpringt, vielmehr wir alle gleichſam aus einem öffentlichen Vorrat ſchöpfen und an einer allgemeinen Gedankenerzeugung teilnehmen, zu welcher jeder einzelne nur einen verhältnismäßig geringen Beitrag liefern kann. Aber nicht bloß die Summe des geiſtigen Lebens, ſofern ſie im Denken beſteht, iſt urſprünglich Gemeingut, ſondern auch der Wille des Menſchen, der ſich nach Gedanken richtet. Die Ent- ſchließungen, die wir faſſen, indem wir auf das, was andere wollen, Rückſicht nehmen, geben deutlich zu erkennen, daß unſere geiſtige Exiſtenz urſprünglich geſellſchaftlicher Natur iſt. Unſer Privatleben iſt nur aus dem allgemeinen Leben abgeſondert, in welchem es ſeine Entſtehung, ſeine Hülfsmittel, ſeine Bedingungen, ſeine Richtſchnur findet und immer wieder finden wird.“

Die hiſtoriſche Ausbildung der großen Kulturſprachen, ihre Fixierung durch die Schrift, die ſiegreiche Herrſchaft eines Dialekts über die anderen, die räumliche Ausbreitung der großen Sprachen ſtellt den Prozeß des geiſtigen Werdens der Volksſeele, des Volkscharakters dar. Wie man das germaniſche Accentgeſetz, nach welchem im einfachen Wort die Wurzelſilbe den Hauptton trägt, in Zuſammenhang brachte mit den Charakterzügen unſeres Volkes, aus welchen auch ſein Heldengeſang, ſeine Heldenideale, ſein geiſtiges Weſen bis auf unſere Tage entſprang, wie man aus den geſamten Sprachdenkmälern unſeres Volkes ein Syſtem der nationalen Ethik hat aufbauen wollen (W. Scherer), ſo giebt es auch für die anderen Kulturvölker und ihr innerſtes Weſen keine anderen, beſſeren Schlüſſel der Erkenntnis als ihre Sprache und ihre Sprachdenkmäler.

Die Berührung der Stämme und Völker untereinander aber von den erſten Anfängen des Tauſchverkehrs bis zum heutigen Welthandelsſyſtem beruht auf der Mehr- ſprachigkeit der Händler, der Gebildeten, der Regierenden, auf der Herrſchaft von Welt- ſprachen, wie ſie einſt das Griechiſche und Lateiniſche waren, dann das Franzöſiſche und Engliſche wurden. Die Wirkung der nationalen Kulturen aufeinander, die Überlieferung der geiſtigen Schätze vergangener Völker auf die ſpäteren, die zunehmende Übereinſtimmung aller geſellſchaftlichen Einrichtungen der verſchiedenen Völker ruhen auf derſelben Grundlage. Das Ideal einer letzten fernen Zukunft wäre die einheitliche Weltſprache.

6. Die Schrift iſt es, welche gleichſam als potenzierte Sprache erſt alle die tiefergreifenden Wirkungen derſelben erzeugt hat.

Um Vorſtellungen und Gedanken zu fixieren, Mitteilungen in die Ferne zu machen und ihnen eine längere Dauer zu ſichern, haben rohe Völker Kerbhölzer, Gürtel mit Schnüren, an denen verſchiedenfarbige Muſcheln befeſtigt ſind, dann die Tätowierung angewandt. Die Inkas in Peru hatten eine Knoten-, die Azteken und Chineſen eine Bilderſchrift. Durch die Verkürzung der Bilder und ihre Verbindung mit Strichen entſtand die Wortſchrift der Chineſen und Altägypter mit ihren Tauſenden von Zeichen. Es war ein ungeheurer Fortſchritt, daß die Zeichen immer mehr den Charakter des Bildlichen abſtreiften, zu Symbolen für Silben und Buchſtaben wurden; den Phönikern gebührt das ungeheure Verdienſt, zuerſt mit 22 Lautzeichen alle Worte geſchrieben zu haben. Alle Kulturvölker, mit Ausnahme der aſiatiſchen, führen den Stammbaum ihrer Schriftzeichen auf das phönikiſche Alphabet zurück.

Dieſelben Alphabetzeichen dienten dann urſprünglich auch zum Schreiben der Zahlen; erſt ſpäter wandelten ſich dieſe Zeichen zu beſonderen abweichenden Zügen um. Unſere heutige Zahlenſchreibweiſe ſtammt aus Indien, iſt durch die Araber im 13. Jahrhundert nach Italien gekommen, hat von da im 16. Jahrhundert über Europa ſich verbreitet.

Erſt wer leſen kann, iſt ein Menſch, ſagt ein armeniſches Sprichwort. Das vernünftige Leben beruht auf dem Verſtändnis der Schrift, meint Diodor. Der Gedanke, der mit dem geſprochenen Worte zündet, aber auch im nächſten Augenblicke verweht, wird in der Schrift in ein totes Zeichen gebannt, das dem Auge für lange Zeiträume, für Jahrhunderte und Jahrtauſende ſichtbar bleibt. Die Zahl der Zuhörer iſt immer beſchränkt, die der Leſer unbeſchränkt. Und ſo ſtellt das geſchriebene Wort gleichſam eine höhere Potenz der ſocialen Berührungsmöglichkeit dar, das Wort hat einen neuen Leib angezogen, durch den es unabhängig von ſeinem Urheber eine lautloſe Sprache in alle Fernen und in alle Zeiten erklingen läßt. Mit der Schrift wird die Sprache ſelbſt erſt feſt und klar, der Gedanke ſchärfer; die Schriftſprache erzeugt erſt im Laufe der Zeit einheitliche Kulturſprachen, welche autoritativ durch die Großthaten der geiſtigen Heroen beherrſcht, gereinigt, gehoben werden; die deutſche Sprache iſt die Sprache Luthers, Goethes und Rankes. Mit der Schrift entſteht erſt eine ſichere Erinnerung und Überlieferung, eine Verbindung von Ahnen und Enkeln. Schriftloſe Stämme und Völker können nicht leicht voranſchreiten, weil die Thaten ihrer großen Männer nur ſchwer zu dauernden Inſtitutionen führen. Die großen Fortſchritte in Kultus und Gottesverehrung, Sitte, Recht und Verfaſſung knüpfen alle an heilige Bücher, an Geſetzestafeln, an ſchriftliche Aufzeichnungen an. Aus Schrift- und Zahlzeichen heraus erſt konnte Maß und Gewicht, Geld und Marktpreis ſich entwickeln. Dasſelbe Volk, dem wir unſer Alphabet danken, vermittelte dieſe chaldäiſchen und ägyptiſchen Errungenſchaften dem Weſten.

Haben zuerſt nur die Könige und die Prieſter auf Stein und Erz geſchrieben, ſo hat man ſpäter Leder und Pergament, Papyrusrollen und Wachstafeln auch in weiteren Kreiſen benutzt. Das Rechtſprechen und Verwalten, Befehlen und Berichten wurde damit ebenſo ſehr ein anderes als das Kaufen, Tauſchen und Geſchäfte-Abſchließen. Die Benutzung der Schrift durch die einzelnen in Brief- und anderer Form hat dem geſamten individuellen Leben einen anderen höheren Inhalt gegeben. Neben dem Schrifttum der Prieſter, Richter, Geſetzgeber und Beamten entſtanden die Aufzeichnungen der Denker und Dichter, der Gelehrten und Journaliſten, der Kaufleute und Unternehmer. Aus dem mythiſchen Heldengeſang und den Rhapſodien der fahrenden Sänger entſtand die Litteratur mit all’ ihren Gattungen und tiefgreifenden Wirkungen.

Herder hat Recht, wenn er ſagt: „Die Sprache iſt das unweſenhafteſte, flüchtigſte Gewebe, womit der Schöpfer unſer Geſchlecht verknüpfen wollte. Die Tradition der Schrift iſt als die dauerhafteſte, ſtillſte, wirkſamſte Gottesanſtalt anzuſehen, dadurch Nationen auf Nationen, Jahrhunderte auf Jahrhunderte wirken, und ſich das ganze Menſchengeſchlecht mit der Zeit an einer Kette brüderlicher Tradition zuſammenfindet.“ Das Schrifttum iſt das große Behältnis alles geiſtigen Lebens der Menſchheit, ein Schatz, der, ſo lange die Kultur ſteigt, nur zunicht abnehmen kann.

7. Die Verbreitung und Vervielfältigung der Schrift bedeutet eines der wichtigſten und tiefgreifendſten Mittel, das geſellſchaftliche Daſein auf höhere Stufen zu erheben.

Während die Schrift zuerſt ein Geheimnis der Prieſter und der Herrſcher darſtellt und ihr einflußreichſtes geiſtiges Machtmittel bildet, gewinnt ſchon das Bürgertum in den Staaten des Orients teil daran. Es wird üblich, daß die Eltern und die Hauslehrer der Vornehmen den Kindern Unterricht im Leſen und Schreiben erteilen. Und bald ſehen wir beſondere Anſtalten entſtehen, welche den Unterricht ſyſtematiſch für viele erteilen. So hatten die Israeliten Knabenſchulen, um die Kenntnis der heiligen Sprache und die Kunde des Geſetzes zu erhalten, die Athener hatten neben ihren Redner- und Philoſopheneinfache Knabenſchulen; ein Geſetz, das auf Solon zurückgeführt wurde, ge- ſtattete dem Sohne, den Vater zu belangen, der ihn nicht gehörig hatte unterrichten laſſen. Das ältere Mittelalter kam über die Kirchen- und Kloſterſchulen für eine kleine Minderheit nicht hinaus; erſt vom 13. und 14. Jahrhundert an kamen dazu die deutſchen und lateiniſchen Stadtſchulen. Die Reformation erfaßte den Gedanken des allgemeinen Volksunterrichts, aber bis in unſere Tage ſcheiterte er an der Schwierigkeit der Koſten und der Schuleinrichtungen. Erſt die preußiſchen Edikte von 1717 und 1736 ſprachen den ſtaatlichen Schulzwang aus; die Gebildeten zweifelten noch das ganze 18. Jahrhundert, ob den unteren Klaſſen dadurch nicht mehr geſchadet als genützt werde, ob die Mädchen dadurch nicht liederlich würden. Erſt das 19. Jahrhundert hat die Volsſchule allen zugänglich gemacht, die Analphabeten in den meiſten Kulturſtaaten faſt ganz beſeitigt. Und über der Volksſchule ſteht heute, ſeit lange vorbereitet, ein geſchloſſenes Syſtem der mittleren und höheren Schulen, das nun zuſammen mit jener einen der wichtigſten Zweige nationaler Organiſation und Verwaltung in jedem Staate darſtellt. Für die Geſchichte der ſocialen Schichtung der Völker iſt es eines der wichtigſten Momente, wie die einzelnen Stände und Klaſſen zu jeder Zeit mit Schulen ausgeſtattet waren, an dem Schrifttum teilnahmen oder von ihm ausgeſchloſſen waren.

Die älteſten Schriften- und Bücherſammlungen gehen auf Ägypten und Aſſyrien zurück. In Griechenland hatten die großen Philoſophen ſolche; ſpäter war die Bibliothek in Alexandrien berühmt. Die erſten öffentlichen Bibliotheken in Rom gründeten Aſinius Pollio und Auguſtus. Die Aufgabe ging in chriſtlicher Zeit auf die Klöſter, in neuerer auf die Fürſten über. Umfangreiche und zahlreiche Stadt- und Schulbibliotheken hat erſt das 19. Jahrhundert geſehen, wie es auch erſt die großen Bibliotheken der Haupt- ſtädte und Univerſitäten auf den Rang der Alexandriniſchen wieder erhob, den unteren Klaſſen durch die Volksbibliotheken die entſprechende geiſtige Nahrung zuführte.

In Italien war zur Kaiſerzeit die Kunſt des Leſens und Schreibens wenigſtens in den Großſtädten ſehr verbreitet: es gab ein billiges und bequemes Material, die zubereiteten Blätter einer Pflanze, eine große Klaſſe von Lohn- und Sklavenſchreibern, die von Unternehmern beſchäftigt waren, einen ausgebildeten Buchhandel. In den Schreibſtuben der Unternehmer wurden Bücher abgeſchrieben, Urkunden ausgefertigt, Briefe diktiert. Rom erhielt ſich ſtets als Büchermarkt. Aber im übrigen beſchränkte ſich nach der Völkerwanderung die Schriftkunde während eines Jahrtauſends auf die Kleriker, die eben damit die geiſtige Herrſchaft von Staat und Geſellſchaft in Händen hatten. Erſt mit dem Aufkommen der Städte und des Bürgertums vom 13. Jahrhundert an entſteht wieder ein weltliches Schrifttum mit Lohnſchreibern, Handſchriftenhandel und Vervielfältigung. Die chineſiſche Erfindung der Papierverfertigung aus Baumwolle verbreitete ſich ſeit den Kreuzzügen von den Arabern nach Europa. Die deutſchen Papiermühlen entſtehen von 1347—1500. Mit dem ſteigenden Verkauf der Bücher und Flugblätter auf den Meſſen ſann man auf mechaniſche Mittel der Vervielfältigung, ſchnitt erſt die gangbarſten Schriften auf Holzplatten; Guttenberg erfand 1440 die einzelnen Holzlettern und damit die Buchdruckerei. Ein leſendes Publikum und billiges Papier kam der großen Erfindung entgegen. Die Buchdruckerei wird der große Hebel einer neuen Epoche des geiſtigen Lebens, einer vertauſendfachten Wirkung des Schrifttums. Es entſteht der moderne Bücherdruck und die Preſſe, eine ſtaatliche Ordnung der Beaufſichtigung und Kontrolle derſelben, die Cenſur, die ſog. Preßfreiheit und alles, was damit zuſammenhängt.

Die gazeta iſt das Leſegeld, für welches man im 16. Jahrhundert die geſchriebenen Nachrichten über Kriegsereigniſſe in Venedig einſehen konnte. In Frankfurt kamen Relationes semestrales halbjährlich deutſch und lateiniſch heraus, denen 1615 die erſte wöchentlich gedruckte Zeitung folgte. In England verwandelte Nathaniel Butter ſeine handſchriftlich verſandten News-Lettres 1622 in gedruckte. Das erſte Tageblatt Englands datiert aber erſt von 1709. In Deutſchland war der Hamburger Korreſpondent im 18. Jahrhundert eigentlich die einzige Zeitung, welche die Weltbegebenheiten mitteilte. Das ganze heutige Zeitungsweſen entwickelte ſich ſtoßweiſe ſeit den politiſchen Entſcheidungsjahren 1789, 1830, 1848. Die großen deutſchen politiſchen Zeitungen hatten es bis vor kurzem über tägliche Auflagen von 10—70000 Exemplaren nur ausnahmsweiſe gebracht, die engliſchen haben ſolche bis zu 80 und 200000, die amerikaniſchen bis zu 3 und 400000. Die Gartenlaube ſetzte 1868 übrigens auch ſchon 250000 Exemplare ab. Die deutſche amtliche Zeitungsliſte umfaßte Juli 1899 12365 Zeitungen und Zeit- ſchriften, 8683 in deutſcher Sprache. Wenn wir bedenken, daß jedes einzelne Zeitungsblatt in viele, einzelne in hunderte von Händen kommen, ſo können wir uns eine Vorſtellung davon machen, wie dieſelben Nachrichten, Gefühle, Stimmungen heute täglich an Millionen von Menſchen herantreten und einen geiſtig verbindenden Strom herſtellen, der früher faſt gänzlich fehlte, außer für die in den großen Städten täglich auf dem Markte, dem Theater, in den Bädern, in den öffentlichen Verſammlungen ſich Sehenden. Telegraphen, Poſten, Eiſenbahnen, Briefe, Bücher und Zeitungen vermitteln heute einen Verkehr, der den mündlichen ſo überragt, wie die Zahlungen im Wechſel- und Bankverkehr den Kleinverkehr mit Scheidemünze.

8. Die Folgen der heutigen geiſtigen Verſtändigungsmittel, die Öffentlichkeit. Unſer geſellſchaftliches und politiſches Leben, wie unſer Marktverkehr, die Preisbildung, die Kursnotierungen, der Welthandel ruhen auf dieſem organiſierten Nachrichtenweſen. Die Epochen der Ausbildung der Sprache, Schrift, Schule und Preſſe ſind zugleich die Epochen des politiſchen und wirtſchaftlichen Fortſchrittes. Es iſt ein langſam in Jahrtauſenden gebildeter großer pſychophyſiſcher Apparat, der in unſeren heutigen Geſellſchaften gleichſam die Stelle der Nerven vertritt; alle geiſtige ſociale Aktion hängt von der Summe, Art und Organiſation der in dieſen Dienſt geſtellten Kräfte ab.

Die öffentliche Meinung iſt die Reaktion der zunächſt mehr paſſiv ſich verhaltenden Teile der Geſellſchaft auf die Wirkungsweiſe des aktiven Teiles. Beſtimmte Nachrichten erwecken beſtimmte Gefühle und Stimmungen. Regierung, Parteiführer, Journaliſten, Kirchen- und andere Lehrer, Geſchäftshäuſer und Börſenleute ſuchen durch dieſen pſychophyſiſchen Apparat heute auf das Publikum zu wirken, wie es früher nur Redner konnten. Reklame und Marktſchreierei greifen ein, wie wahre Nachrichten und wirkliche Überzeugungen. Die öffentliche Meinung iſt wie eine große Äolsharfe von Millionen von Saiten, auf die die Winde von allen Richtungen heranſtürmen. Der Klang kann nicht immer ein einfacher und harmoniſcher ſein; die verſchiedenſten Strömungen und Melodien klingen durcheinander. Die öffentliche Meinung ſchlägt jäh um, fordert heute dies und morgen jenes. Sie verzerrt die Nachrichten und bildet Mythen; ſie arbeitet heute mit den Leidenſchaften des Gemütes wie morgen wieder mit ruhiger Überlegung. Man hat geſagt, die Unabhängigkeit von ihr ſei die erſte Bedingung zu allem Großen und Vernünftigen (Hegel). Und doch iſt ſie andererſeits die Trägerin der größten, begeiſtertſten Thaten und Leiſtungen der Völker und die Vorausſetzung der dauernden Ausſtoßung alles Ungeſunden und Schlechten. Eine richtige Organiſation der Öffentlichkeit, welche die Hervorzerrung des rein Privaten zu perſönlichem Angriff nicht duldet, aber ebenſowenig die Verheimlichung deſſen, was alle oder größere Kreiſe wiſſen müſſen, um nicht getäuſcht und betrogen zu werden, wird mit Recht heute als eine der erſten Vorausſetzungen eines normalen geſellſchaftlichen Zuſtandes angeſehen.

Und Hartenſtein ſagt: „Öffentlichkeit iſt eigentlich nur ein verſchiedener Ausdruck für Geſellung. Der Grad der Öffentlichkeit, der in einer Geſellſchaft herrſcht, iſt ſo ziemlich der direkte Maßſtab für den Grad ihrer innern Verbindung.“

3. Die geiſtigen Bewußtſeinskreiſe und Kollektivkräfte.

9. Das allgemeine Weſen derſelben. Man könnte die Sprache und die Schrift als die Bindemittel der Geſellſchaft bezeichnen, weil durch ſie die Gefühle und Vorſtellungen, die Triebe und Willenskräfte der einzelnen Menſchen in Verbindung und Übereinſtimmung gebracht werden, und ſo die kollektiven geiſtigen Vorgänge und die pſychiſchen Maſſenerſcheinungen entſtehen. Nur mit einer Theorie dieſer Art gelangen wir zu einer verſtändigen Vorſtellung von dem, was man die geiſtigen Kollektivkräfte nennen kann, und damit zu einer richtigen Auffaſſung der Wechſelwirkung von Individuum und Geſellſchaft.

Natürlich entſteht jedes Gefühl, jede Vorſtellung, jeder Willensakt im einzelnen Menſchen; ſeine Sinne, ſein Gehirn, ſein Geiſtesleben ſind das Inſtrument, an das ſie geknüpft ſind. Dieſes Inſtrument hat ſich im Laufe der Kultur ſehr vervollkommnet; es erreicht in einzelnen Individuen jene wunderbare Kraft und Wirkſamkeit, die wir mit dem Namen des Genius bezeichnen. Es war begreiflich, daß mit den großen hiſtoriſchen Tendenzen, welche vor allem ſeit dem 15. Jahrhundert auf größere Anerkennung der einzelnen Individualität hinarbeiteten, in der praktiſchen Behandlung und wiſſenſchaftlichen Betrachtung der einzelne Menſch für ſich als das letzte und höchſte, als iſolierte, ſelbſtändige Kraft erſchien. Heute kommen wir von dieſer Auffaſſung zurück: wir mögen die Wirkung der großen Männer noch ſo ſehr anerkennen, ſie erſcheinen uns doch nicht mehr als iſolierte Kräfte, die ganz allein von ſich aus Neues ſchaffen; wir ſehen in ihnen nur führende Spitzen, in denen die Gefühle und Willensimpulſe beſtimmter Kreiſe und Zeiten wie in einem Brennpunkt ſich geſammelt haben, und die von dieſem Brennpunkt aus eine ſehr verſtärkte Wirkung ausüben. Wir geben heute zu, daß, um das Seelenleben der Völker zu verſtehen, wir immer wieder von der Unterſuchung des gewöhnlichen, individuellen Seelenlebens ausgehen müſſen, wie wir es in dem folgenden Abſchnitte thun; aber wir betonen zugleich auch, daß das einzelne Individuum ein Lämpchen oder eine Lampe ſei, auf das Familie und Umgebung, Nation und Kirche, Kultur und Wiſſenſchaft das Öl gieße, welches die Leuchtkraft ganz oder teilweiſe beſtimme. Natürlich kann das Lämpchen an ſich vollkommener oder ſchlechter ſein; aber das Wichtigere iſt doch meiſt, in welcher Verbindung es ſtehe mit dem ungeheuren Behältnis der überlieferten geiſtigen Arbeit. Wir ſagen heute, mit dem nicht gerade geſchmackvollen Ausdruck, jeder Menſch ſei beherrſcht und bedingt von ſeinem Milieu, d. h. von den ihn umgebenden Menſchen und Bedingungen der Exiſtenz, unter welchen die geiſtigen Elemente die wichtigſten ſind.

Wenn dem ſo iſt, ſo werden die unter denſelben Bedingungen lebenden, derſelben Raſſe, demſelben Volke, demſelben Orte und damit denſelben Urſachen und Einflüſſen unterliegenden Menſchen, trotz vieler kleiner Abweichungen im einzelnen in den Grund zügen ähnliche körperliche und ſeeliſche Eigenſchaften haben. Je niedriger die Kultur eines Stammes und Volkes, je weniger Klaſſen-, Bildungs- und andere Gegenſätze in ihm ſind, je gleichere Lebensbedingungen alle beherrſchen, deſto homogener, unterſchiedsloſer pflegen die Glieder einer Gemeinſchaft in ihren Gefühlen, Intereſſen, Vorſtellungen und Sitten zu ſein. Und wenn mit höherer Kultur, mit Klaſſen- und Bildungsgegen- ſätzen, mit Raſſenunterſchieden im ſelben Staate die perſönliche Verſchiedenheit wächſt, ſo bleiben doch gewiſſe weſentlich beſtimmende Einflüſſe für alle oder die meiſten Menſchen einer ſocialen Gemeinſchaft dieſelben, und es wächſt mit Sprache, Schrift und Litteratur, mit dem ganzen geiſtigen Leben der einheitliche Strom der pſychiſchen Beeinfluſſung, der immer wieder, was ſocial ſo wichtig iſt, die zunehmende pſychologiſche Raſſen- und die wirtſchaftliche Vermögensverſchiedenheit zu überwinden ſucht. Und gerade damit entſtehen die für alles geſellſchaftliche Leben ſo wichtigen einheitlichen Stimmungs- und Bewußtſeinskreiſe, welche wir als geiſtige Kollektivkräfte bezeichnen. Sie reichen ſo weit, als die Einheit der Urſachen und der geiſtigen Strömungen und Kontakte.

Es müſſen ſich in der einfachſten und kleinſten, wie in der größten und komplizierteſten Geſellſchaft, je nach der Übereinſtimmung der körperlichen und geiſtigen Eigen- ſchaften, je nach Berührung und Verbindung und je nach der Stärke des pſychophyſiſchen Apparates, der das geiſtige Leben vermittelt, kleinere und größere Kreiſe bilden, welche durch ähnliche oder gleiche Gefühle, Intereſſen, Vorſtellungen und Willensimpulſe vereinigt ſind, trotz aller Verſchiedenheit im einzelnen. Die Kreiſe liegen teils in konzentriſchen Ringen übereinander, teils in excentriſchen, ſich ſchneidenden und berührenden nebeneinander. Sie ſind in ſteter Bewegung und Umbildung begriffen, ſtellen Kollektivkräfte dar, welche das ſociale, wirtſchaftliche, politiſche, litterariſche, religiöſe Leben beherrſchen. Nicht einen objektiven, unabhängig von den einzelnen und über ihnen waltenden, ſie myſtiſch beherrſchenden Volksgeiſt giebt es, wie die hiſtoriſche Rechtsſchule lehrte; ebenſo wenig einen allgemeinen Willen, der in allem übereinſtimmte, wie Rouſſeau träumte. Aber es giebt in jedem Volke eine Reihe zuſammengehöriger, einander bedingender und nach einer gewiſſen Einheit drängender Bewußtſeinskreiſe, die man als Volksgeiſt bezeichnen kann. Auch mit dem Namen des objektiven Geiſtes können wir die Geſamtheit dieſer geiſtigen Maſſenzuſammenhänge, die von den kleinſten Kreiſen der Familie und der Freundſchaft hinaufreicht bis zur Menſchheit, bildlich und im Gegenſatz zur Pſyche der einzelnen benennen. Man muß ihn nur richtig verſtehen, ſich erinnern, daß er nicht außerhalb der Individuen, ſondern in ihnen lebt, daß jedes Individuum mit einem größeren oder kleineren Teil ſeines Selbſt Beſtandteil mehrerer oder vieler ſolcher Kreiſe, ſolcher Teile des objektiven Geiſtes iſt.

Sie äußern ſich nun als Gefühls-, Vorſtellungs- und Willensübereinſtimmung und werden dadurch zu Kräften eigentümlicher Art. Ihre Wirkſamkeit iſt deshalb eine ſo große, weil das Gefühl oder das Bewußtſein der Gemeinſamkeit jeden geiſtigen Vorgang merkwürdig verſtärkt und befeſtigt. Jedes Gefühl wird lebendiger durch das Bewußtſein der Teilnahme anderer; jede Vorſtellung im iſolierten Individuum fühlt ſich ſchwach und kümmerlich; jeder Mut des Willens wächſt durch den Erwerb von einem oder wenigen Genoſſen. Je roher, je weniger kulturell entwickelt ein Menſch noch iſt, deſto weniger kann er ertragen, allein mit einer Idee oder einem Plan zu ſtehen. Was zehn glauben, nehmen leicht weitere hundert an. Was Hunderte glauben, wird leicht ohne Prüfung das Loſungswort für Tauſende und Millionen. Die rechte Autorität und die rechte Empfänglichkeit vorausgeſetzt, ballen ſich die geiſtigen Kollektivkräfte lawinenartig zuſammen. Die Übereinſtimmung erzeugt Kräfte, welche die bloße Summierung unendlich übertreffen. Die Mehrzahl der Menſchen ſchließt ſich, ohne im einzelnen prüfen zu können, den Bewußtſeinskreiſen an, die für ſie durch Abſtammung, Eltern, Freunde oder andere Autoritäten die gegebenen ſind. Die Macht der Ideen hängt wohl auf die Dauer von ihrer Wahrheit und Brauchbarkeit, vorübergehend ſtets nur von der Zahl ihrer Bekenner ab.

Man hat den Vorgang auch durch einen Vergleich aus dem individuellen Seelenleben verdeutlicht. In der Seele jedes Menſchen ſchlummern unzählige Vorſtellungen, nur die jeweilig ſtärkſten erheben ſich aus dieſem pſychiſchen Untergrunde und treten zeitweilig über die Schwelle des Bewußtſeins. So, hat man geſagt, beſitzt auch jede menſchliche Gemeinſchaft eine Bewußtſeinsſchwelle. Nur einzelnes, das Bedeutendere erhebt ſich über dieſe gemeinſame Schwelle und verbindet nun die betreffenden Individuen. Mancherlei, was in den einzelnen vorgeht, ſtrebt nach Erhebung über die gemeinſame Schwelle. Aber nur das Erhebliche vermag, in dem Wettkampf der um die Schwelle ſich drängenden Vorſtellungen, meiſt nach langem Ringen und Streben, emporzukommen, nur das Bedeutſame und Große kann ſich dauernd da erhalten.

Aus dem Kampfe und der Reibung der Geiſter gehen ſo die Bewußtſeinskreiſe und geiſtigen Kollektivkräfte ſtets neu hervor. Es kann keinen ſolchen Kreis geben ohne Autoritäten, ohne einen mehr aktiven, führenden und beſtimmenden Teil und einen mehr paſſiv aufnehmenden, folgenden und geleiteten. Nirgends iſt die demokratiſche Fiktion von der Gleichheit aller unwahrer als in dieſem freieſten Spiel geiſtiger Accomodation. Wenn nichts anderes, beſtimmt in ſtabilen Verhältniſſen das Alter die geiſtige Autorität: die über 40—50 Jahre alten Männer mit ihren nicht mehr ſchwankenden befeſtigten Überzeugungen beherrſchen die Frauen und die jüngeren Männer. So haben ſchon hiedurch in der Regel die geiſtigen Kollektivkräfte ein gewiſſes befeſtigtes, nicht allzu ſchwankendes Daſein. Aber ſtets ſind ſie auch durch den Wechſel der Generationen, durch das Empordringen jüngerer Kräfte und neuer Ideen, einer Umbildung und Regeneration unterworfen. Auf der Wechſelwirkung zwiſchen den Alten und den Jungen, zwiſchen abſterbenden und neu ſich bildenden Bewußtſeinskreiſen, zwiſchen führenden Geiſtern und geführten Maſſen beruht alles geſchichtliche Leben, alle Änderung der Sitten, ſowie der rechtlichen und volkswirtſchaftlichen Inſtitutionen. Nur wenn man ſich über dieſes nie ruhende Spiel der geiſtigen Maſſenbewegungen klar iſt, begreift man, wie die großen Ideen langſam emporkommen, dann aber für Jahre, oft für Jahrhunderte und Jahrtauſende die Herrſchaft behaupten, wie die ſcheinbar vielköpfigen Mengen von Tauſenden und Millionen Menſchen nicht das Schauſpiel eines krauſen Chaos’ und Wirrwarrs aufführen, ſondern als Glieder großer geiſtiger Einheiten zu Tauſenden geſchart in einheitlichen klar zu überblickenden Richtungen ſich bewegen.

In jedem ſocialen Körper wird man die vorhandenen Elemente zu ſolchen Kollektivkräften geſchart nicht unſchwer erkennen können. Sie erſcheinen als Mittelurſachen zwiſchen den Individuen und den großen Einrichtungen der Geſellſchaft, wie Staat, Kirche und Volkswirtſchaft. Nur ein Teil dieſer Kräfte kryſtalliſiert ſich in feſten Inſtitutionen, ein anderer behauptet ein gleichſam formloſes Daſein, dokumentiert ſich aber doch in Erſcheinungen, wie die ſociale Klaſſenbildung, die geſelligen Kreiſe, die politiſchen und andere Parteien, die Schulrichtungen in Kunſt und Wiſſenſchaft, die Beziehungen des Marktes, der Kundſchaft, der Klientel. Ein jeder einheitliche Bewußtſeinskreis wird ſich in übereinſtimmenden Werturteilen äußern, die leicht zu feſt- ſtehenden Wertmaßſtäben ſich verdichten und ſo längere Zeit das Urteil auf dem Markte, in der Politik, in der Geſellſchaft beherrſchen. Dieſer Art iſt vor allem neben dem wirtſchaftlichen das ſociale Werturteil beſtimmter Kreiſe, das ſich in der Ehre ausdrückt. Die Ehre iſt objektiv das ſociale Geſchätztwerden durch größere oder kleinere geſellſchaftliche Kreiſe; ſie äußert ſich ſubjektiv in dem Bedürfnis des einzelnen, geſchätzt ſein zu wollen; die Ehre wird ſo zu einer der ſtärkſten maſſenpſychologiſchen Kräfte.

Natürlich unterſcheiden ſich diejenigen geiſtigen Kollektivkräfte, die nur einen loſen, unorganiſierten Maſſenzuſammenhang darſtellen, von denen, welche aus ſich heraus eine organiſierte Spitze, eine korporative Verfaſſung erzeugt haben und durch dieſe Einrichtungen nun Stärkung und Nahrung erhalten. Aber andererſeits darf man auch nicht überſehen, daß die freieſten und loſeſten geſellſchaftlichen Maſſenerſcheinungen und die feſteſten Einrichtungen des Rechtes und des Staates zu ihrer letzten Vorausſetzung dieſelben geiſtigen Maſſenprozeſſe haben. Die freieſte Sekte und die katholiſche Kirche, die freieſte Republik und der centraliſierteſte Despotismus, die Volkswirtſchaft mit freieſtem Tauſchverkehr und die mit ſocialiſtiſcher Leitung und Verteilung, — ſie ſetzen alle gleichmäßig geiſtige Kollektivkräfte, einheitliche Bewußtſeinskreiſe, führende Autoritäten, folgende Maſſen voraus; der Unterſchied liegt nur in der verſchiedenen Art der Befeſtigung und Stellung der Autoritäten, in der verſchiedenen Kryſtalliſierung und Organi- ſierung der Kräfte, in der loſeren oder gebundeneren Wechſelwirkung zwiſchen Spitze und Peripherie.

10. Die einzelnen Bewußtſeinskreiſe. Haben wir bisher die geiſtigen Kollektivkräfte im allgemeinen kurz zu charakteriſieren geſucht, ſo iſt jetzt noch ein Wort über ihre Erſcheinung im einzelnen beizufügen. Es kann freilich dabei nicht die Abſicht ſein, ſie erſchöpfend aufzählen oder darſtellen zu wollen. Nur das Allerwichtigſte kann berührt, einiges mit unſerem Zwecke enger Zuſammenhängende erwähnt werden.

Die Bewußtſeinskreiſe, die auf täglicher oder häufiger perſönlicher Berührung und Ausſprache beruhen, haben eine andere Farbe, erzeugen einen anderen Kitt des Zu- ſammenhangs, als die auf ſchriftlichem Gedankenaustauſch, auf Vermittelung durch zahlreiche perſönliche Mittelglieder beruhenden. Wo aller Zuſammenhang der Menſchen untereinander auf bloßem Sehen und Sprechen beruht, der ſchriftliche Verkehr und die feſte Überlieferung noch fehlt, da werden zwar nur kleine, oft auch wenig feſt gefügte Gemeinweſen entſtehen können, aber es werden doch je nach den Menſchen und ihren Gefühlen zwiſchen den Nächſtſtehenden innerhalb Stamm, Sippe und Familie um ſo feſtere ſympathiſche Bande ſich ſchließen können. Wo das Stammesleben größere Menſchenzahlen umfaßt, ſich ſtärker und feſter entwickelt, müſſen beſtimmte Einrichtungen das tägliche oder öftere Sehen herbeiführen, es müſſen Verſammlungen, Feſte, Kriegsübungen einen immer ſich erneuernden Kontakt ſchaffen. Die antiken Städteſtaaten und die mittelalterlichen Städte erzeugten ſo in ſich einen Gemeingeiſt, den große Staaten trotz Preſſe und Litteratur niemals haben können. Größere ſociale Gebilde kommen dann durch Stammesbündniſſe oder Unterwerfung zuſtande, welche aber meiſt Sprachverwandtſchaft oder Sprachverſchmelzung und die Entſtehung gemeinſamer Regierungen, Heiligtümer und Gottesverehrung vorausſetzen oder im Gefolge haben. Im übrigen ſetzt die Entſtehung größerer Bewußtſeinskreiſe von zerſtreut, in weiten Gebieten lebenden Menſchen und damit die Entſtehung größerer Staaten ſtets den ſchriftlichen Verkehr voraus. Derſelbe kann freilich zunächſt auf eine herrſchende Klaſſe beſchränkt ſein, welche in ſich feſt zuſammenhängend weit zerſtreut wohnt, überall mit den lokalen Kreiſen Fühlung hat, ſie zu behandeln verſteht. So hat die römiſche Ariſtokratie den orbis terrarum, ſpäter der katholiſche Klerus halb Europa mit der Lateinſprache umſpannt und regiert. So hat das moderne Beamtentum die meiſten europäiſchen Staaten zu einer Zeit einheitlich zu verwalten angefangen, ehe noch der Lokal- und Provinzialgeiſt vom nationalen beherrſcht war. Doch hat der letztere nach und nach ſich zu einem immer mächtigeren und ſtärkeren Bewußtſeinskreis entwickelt; die großen europäiſchen Nationalſprachen und -Litteraturen, das nationale Recht und die nationalen Staatseinrichtungen, eine große gemeinſame Geſchichte knüpften die Bande des Blutes und der Heimat für Millionen ſo feſt, daß das Volkstum als ſolches zum erſten Princip geſellſchaftlicher Gruppierung in der neueren Geſchichte nach und nach werden konnte. Und eben deshalb ſprechen wir heute von einem Volksgeiſt und meinen damit die ſtarken, einheitlichen Gefühle, Vorſtellungen und Willensimpulſe, welche alle anderen im Volke enthaltenen kleineren Kreiſe und Gegenſätze, alle Mitglieder eines Volkes einſchließen und beherrſchen. Wir ſagen, ein Volk ſei geſund, ſo lange dieſe centralen Kräfte ſtärker ſeien als die trennenden Gefühle und Strebungen. Ein Volk in jenem ſtolzen Sinne, in welchem Fichte ſeine Reden an die deutſche Nation hielt, iſt nur ein ſolches, das von der Erinnerung an eine große Vergangenheit beherrſcht iſt, in dem ſehr ſtarke einheitliche Gefühle und Geiſtesſtrömungen vom letzten Bauer und Proletarier bis zur Spitze hinaufreichen, in dem alle oder die Mehrzahl bereit iſt, das Äußerſte, ſelbſt das Leben für das Vaterland und ſeine Zukunft zu opfern.

Wenn das deutſche Wort „Volk“ gerade in dieſem Sinne mit Vorliebe gebraucht wird, wenn auch in den Begriff der Volkswirtſchaft davon etwas übergegangen iſt, ſo ſchließt das doch nicht aus, daß im Volke wie in jedem großen Bewußtſeinskreiſe viele Individuen mit abweichender Stimmung, viele kleinere Bewußtſeinskreiſe mit unter ſich verſchiedenen und teilweiſe dem einheitlichen Volksgeiſt abgewendeten oder gar feindlichen geiſtigen Strömungen vorhanden ſeien. Jedes Dorf, jede Stadt, jede Provinz hat ihren beſonderen Lokalgeiſt, die ſocialen Klaſſen fühlen ſich bald in ſtärkerem, bald in ſchwächerem Gegenſatz zum nationalen Geiſt; beſtimmte, ſich ausſondernde Bewußtſeinskreiſe beginnen in der Gegenwart in ſteigendem Maße mit den entſprechenden Kreiſen des Auslandes Fühlung zu ſuchen und zu erhalten: ſo die Ariſtokratie des Grundbeſitzes und des Geldes, die Wiſſenſchaft, die Arbeiterkreiſe. Jeder Verein, jede Genoſſenſchaft wird durch einheitliche Intereſſen und Überzeugungen zuſammengehalten, welche nach innen ſympathiſch, nach außen abgrenzend oder antipathiſch wirken; jede Compagnie Soldaten, jedes Regiment hat durch den Corpsgeiſt einen feſten Kitt und eine beſtimmte pſycho-moraliſche Färbung. Keine Familie, keine Werkſtatt, keine große Unternehmung, kein Markt kann exiſtieren, ohne auf einem eigentümlichen, einheitlichen Bewußtſeinskreis, auf gewiſſen Gefühlen der Sympathie, des Gemeinintereſſes, der Verträglichkeit und Übereinſtimmung zu ruhen.

Unter den beſonderen Bewußtſeinskreiſen zeichnen ſich die religiös-kirchlichen durch ungewöhnliche Stärke zumal in den älteren Epochen der Geſchichte aus; die religiöſen Gefühle erfaſſen das Gemüt leicht in ſo tiefer Weiſe, weil der einfache, natürliche Menſch gegenüber den unverſtandenen Naturgewalten und dem ſcheinbar blind über ihm waltenden, Schmerz und Tod bringenden Schickſal meiſt nur im Glauben an eine höhere göttliche Macht Ruhe und inneres Glück findet, und ein ſolcher Glaube nur in der Gemeinſamkeit großer Kreiſe ſeine volle Kraft gewinnt. Die älteſte Religion iſt Ahnenkultus, die ältere Gottesverehrung iſt ſtets an das Stammesleben geknüpft, verſtärkt den Stammesgeiſt, das nationale Sonderdaſein. Nachdem die großen Weltreligionen dieſe Begrenzung beſeitigt, mit ihren Glaubenswahrheiten an alle Menſchen und Raſſen ſich gewandt hatten, wurde die Glaubens- und Religionsgemeinſchaft neben Raſſe, Sprache und Volkstum eines der wichtigſten Bindemittel, um verſchiedene Elemente zuſammenzufaſſen, große einheitliche Bewußtſeins- und Geſittungskreiſe zu erzeugen. Ganze Staaten und Staatenwelten bauten ſich auf dieſer Grundlage auf, und alle anderen Lebensgebiete wurden von den Gefühlen und Vorſtellungen dieſer Kreiſe mehr oder weniger berührt und beeinflußt. Erſt die neuere Geſchichte hat mit dem Zurücktreten des religiöſen Geiſtes Staaten entſtehen laſſen, die verſchiedene Religionen nebeneinander dulden. Es können in freien Staaten nur ſolche ſein, die in den Grundzügen des Glaubens und der Sittenlehre ſich ſehr nahe ſtehen, ſonſt zerreißt der verſchiedene Glaube die unentbehrliche Einheitlichkeit des Volkstums, ähnlich wie große Raſſen- und Nationalitätsgegenſätze, ſowie verſchärfte Klaſſenunterſchiede unter Umſtänden das Leben einer Nation, eines Staates, einer Volkswirtſchaft tödlich bedrohen.

Die wirtſchaftlichen Bewußtſeinskreiſe ſind urſprünglich mit denen der Blutsverwandtſchaft, der Nachbarſchaft, des Stammes identiſch. Die gemeinſamen gleichen Bedürfniſſe, die gleichen techniſchen Kenntniſſe und Fertigkeiten bilden den Grundſtock des Gemeinbewußtſeins; daneben aber auch die auf ſympathiſchen Gefühlen beruhenden Familien-, Sippen- und Stammeseinrichtungen wirtſchaftlicher Art. Alle weitere genoſſenſchaftliche oder herrſchaftliche Ordnung des Wirtſchaftslebens kann nur Hand in Hand mit der Ausbildung ähnlicher Gefühle und Intereſſen Leben und Geſtalt gewinnen, muß ſtets auf gemeinſamen Bewußtſeinskreiſen ſich aufbauen oder ſolche erzeugen. Im Gegenſatz hiezu entwickelt ſich der Tauſch, der Handel, der Geldverkehr und alles hiemit in der modernen Volkswirtſchaft Zuſammenhängende an der Hand individualiſtiſcher und egoiſtiſcher Triebe, aber doch ſtets ſo, daß die Tauſchenden, ihren Sondergewinn ſuchenden Perſonen in ſtärkerer oder ſchwächerer Weiſe einen Bewußtſeinskreis bilden. Gewiſſe Vorſtellungen über die Bedürfniſſe, die Brauchbarkeit des zu Tauſchenden, den Wert der Waren und Leiſtungen, gewiſſe Regeln, wie man tauſcht, bezahlt, ſich während der Geſchäfte der Gewaltthaten enthält, müſſen ein gemeinſames Band geſchlungen haben, ehe der Verkehr ſich entwickeln kann. Wir werden öfter darauf zurückzukommen haben, wie in dieſer Weiſe die Tauſchgeſellſchaft zwar die Individuen einander in einer Art gleichgültiger Ferne gegenüberſtellt, manche Rückſichten in den Hintergrund drängt, die man in der Familie, im Stamm bisher gehabt, wie aber in ihr doch weder große und immer größere Bewußtſeinskreiſe und Kollektivkräfte, noch ein gewiſſes Maß ſympathiſcher Gefühle und Gemeinſchaftsordnungen fehlen können.

4. Die individuellen Gefühle und die Bedürfniſſe.

11. Die Gefühle. Die Grundlage alles individuellen Bewußtſeins wie der letzte Ausgangspunkt alles Handelns ſind die Luſt- und die Schmerzgefühle; die neuere Pſychologie hat ihre Bedeutung und ihren innigen Zuſammenhang mit den Vorſtellungen einerſeits, mit den aus ihnen entſtehenden Trieben, Intereſſen, Willensanſtößen und Handlungen andererſeits in ein richtigeres Licht geſetzt, als dies früher üblich war. Lotze ſagt: „Fragen wir nicht nach den Idealen, welche das Handeln beſtimmen ſollen, ſondern nach den Kräften, die es allenthalben wirklich in Bewegung ſetzen, ſo können wir nicht leugnen, daß das Trachten nach Feſthaltung und Wiedergewinnung der Luſt und nach Vermeidung des Wehe die einzigen Triebfedern aller praktiſchen Regſamkeit ſind.“ Zahlreiche Moralſyſteme ſind auf der Luſt aufgebaut, andere haben ſie aus- ſchließen oder in ein Jenſeits verlegen wollen; aber die Lehre von der Glückſeligkeit und vom höchſten Gute hat auch in der ſpiritualiſtiſchen Ethik wieder auf das Glück zurückgeführt. Die Sehnſucht nach dem Glücke, das doch zuletzt aus der Abweſenheit der Unluſt und Anweſenheit der Luſt entſpringt, iſt der unvertilgbarſte Zug des menſchlichen Bewußtſeins. Er iſt identiſch mit dem Leben überhaupt.

Was iſt aber Luſt und Schmerz? Was bedeuten ſie? Sind alle dieſe Gefühle etwas Einheitliches? Können wir die Luſt der Appetitbefriedigung ohne weiteres gleich- ſetzen mit der Freude an einem muſikaliſchen Genuß und der idealen Stimmung, in welche eine heroiſche That oder die Tröſtung der Religion uns verſetzt? Wir können nur ſagen: alle Luſt und alles Glück befriedigt und erhebt uns, aller Schmerz drückt und bekümmert uns. Und der Nervenphyſiologe ſagt uns, daß dieſe Gefühle mit Erregungen, mit Veränderungen in den Nervenzellen verbunden ſeien. Es finde, lehrt er uns, in jeder Nervenzelle jederzeit ein Umſatz, eine Thätigkeit ſtatt; es werden zeitweiſe, beſonders im Schlafe, kompliziertere Produkte geſchaffen, in denen Kraft ſich anſammelt; bei der Auslöſung der Kraft, bei der Thätigkeit gehen die komplizierteren Produkte wieder in einfachere über. Hiebei, bei jeder Erregung der Nerven, entſtehen Empfindungen, welche bei einer gewiſſen Stärke als Luſt und Schmerz wahrgenommen werden. Die Luſtempfindung iſt bei gewiſſer Thätigkeit ausſchließlich die Folge einer mittelſtarken Erregung, die beim Übermaß und beim Mangel ins Gegenteil ſich verkehrt; bei anderer Thätigkeit wächſt die Freude entſprechend der Steigerung der Reizung.

Die ganzen Vorgänge ſind außerordentlich kompliziert, ſind auch heute noch keineswegs voll aufgehellt; was wir als Theſe aufſtellen können, iſt von zahlreichen Ausnahmen ſcheinbar durchbrochen. Aber das haben doch alle großen Denker der Vergangenheit und der Gegenwart vermutet und behauptet, daß in den Veränderungen der Nerven und den daran ſich knüpfenden Empfindungen das Bewußtſein von Vorteilen und Nachteilen, von Förderung und Schaden erwache, daß im ganzen die Zunahme an Kraft und Leben uns angenehm, die Abnahme unangenehm berühre, daß die Luſt als Wegweiſer des Lebens, der Schmerz als Warner vor Gefahr uns gegeben ſei. „Im Gefühl nimmt die Seele das Maß der Übereinſtimmung oder des Streites zwiſchen den Wirkungen der Reize und den Bedingungen des Lebens wahr“ (Lotze). Eine Welt, in welcher überwiegend und regelmäßig das, was das Leben zerſtört, Luſt bereitete, in der Schmerz entſtünde durch das, was das Leben fördert, müßte ſich raſch zu Grunde richten. Die poſitiven und negativen Gefühle dienen als elementarer Steuerungsapparat in dem ewigen Kampf der Selbſterhaltung und Erneuerung des Menſchengeſchlechts. Nur aus dem poſitiven und negativen Empfinden kann das richtige ſich Beſtimmen und Handeln hervorgehen.

Man kann hiegegen ſcheinbar nun mancherlei einwenden: beſtimmte Arten übermäßiger Luſt können leicht Schmerz, Krankheit und Tod bringen; alle Erziehung des Menſchen beruht auf der augenblicklichen Luſtvermeidung; nichts muß der Jugend mehr eingeprägt werden als: lerne Schmerz ertragen und auf Genuß verzichten; das Gift kann zuerſt Luſt bereiten, nachher töten. Es iſt auf ſolche Einwürfe zu antworten: ſchon der einzelne Menſch iſt ein unendlich kompliziertes Weſen, in welchem zahlloſe Nervenzellen in jedem Augenblick poſitiv und negativ angeregt ſein können, in welchem aber jede dauernde Schmerzvermeidung und Luſtbereitung auf einem harmoniſchen Gleichgewicht aller Nervenzellen beruht. Dieſes Gleichgewicht kann nur erreicht werden durch Erziehung und Lebenserfahrung. Im Kinde, beim Unerfahrenen, beim Menſchen ohne Selbſtbeherrſchung, bei dem mit ungeſunder Gefühlsentwickelung kommen einzelne Gefühle zeitweiſe zu einer falſchen Herrſchaft über die anderen. Ebenſo lernt der Menſch nur langſam die Einfügung und Eingewöhnung in die Geſellſchaft; er ſieht nicht ſofort ein, daß ihm dieſe momentane Luſtverluſte, aber dauernde Glücksgewinne bringe. Die Gefühle des Menſchen ſind in ſteter Entwickelung, die höheren erlangen erſt nach und nach das Übergewicht. Die einzelnen und die Völker haben zunächſt die Gefühlsausbildung, welche ihrem bisherigen Zuſtand, ihren bisherigen Lebensbedingungen entſprechen. Werden ſie in andere verſetzt, ſo reagieren ihre Gefühle doch zunächſt noch in alter Weiſe, können ſich erſt langſam den anderen Zuſtänden anpaſſen. Aus allen dieſen Gründen müſſen einzelne Gefühle und zumal ſolche von anormaler Entwickelung immer zeitweiſe den Menſchen irreführen, der nicht verſtändig genug iſt, die Zuſammenhänge zu überſehen, der nicht durch ſociale Zucht und Erziehung, durch Umbildung und Anpaſſung auf den rechten Weg geführt wird. Die Gefühle ſind nicht blinde, ſondern vom Intellekt zu regulierende Wegzeiger. Der Menſch muß erſt lernen, daß Arbeit und Zucht, wenn im erſten Stadium auch unbequem, auf die Dauer glücklich mache, daß die verſchiedenen Gefühle einen verſchiedenen Rang haben, daß die elementarſten ſinnlichen Gefühle zwar die ſtärkſten ſeien, aber auch die kürzeſten Freuden geben, daß ſie ein Übermaß der Reize ſo wenig ertragen wie Unterdrückung, daß hier die regulierte mittlere Reizung allein das Leben fördere, daß ſchon die zu häufige Wiederholung ſchade, daß mehr und mehr für den Kulturmenſchen das dauernde Glück nur durch die Ausbildung und Befriedigung der höheren Gefühle erreichbar ſei.

Die Luſtgefühle des Eſſens und der Begattung ſind die ſtärkſten, elementarſten; durch ſie wird es bewirkt, daß das Individuum und die Gattung ſich erhält. Je niedriger die Kultur ſteht, deſto mehr ſtehen ſie im Vordergrund, beherrſchen überwiegend oder gar allein die Menſchen. Aber auch der rohe Menſch lernt nach und nach daneben die Freuden kennen, die ſich an die höheren Sinne des Auges und des Ohres knüpfen. Es entſtehen die äſthetiſchen Gefühle, das Wohlgefallen an der Harmonie der Töne und der Farben, die Gefühle des Rhythmus, des Taktes, der Symmetrie. Aus ihnen entwickeln ſich die intellektuellen Gefühle, die Freude an der Löſung jedes praktiſchen oder theoretiſchen Problems, am Begreifen und Verſtehen irgend einer Erſcheinung. Ebenſo entſtehen aber mit dem Gattungsleben und mit der eigenen Thätigkeit die moraliſchen Gefühle. Der Menſch kann nicht bloß eſſen und lieben, er muß ſeine Zeit und ſeine Seele mit anderem erfüllen. Er nimmt gewahr, daß unterhaltende Geſelligkeit, glück liches Familienleben, Erziehung der Kinder, die Übung der eigenen Kraft und Gewandtheit gleichmäßigere und dauerndere Luſt gewährt. So erwachſen das Kraft- und das Selbſtgefühl, das Mitgefühl und die Liebe, die Verbands- und Gemeinſchaftsgefühle aller Art, zuletzt die moraliſchen und Pflichtgefühle nach und nach unter der Einwirkung der Erfahrung, der Geſellſchaft, der Ideenwelt. Erſt eine pſychologiſche Geſchichte der Menſchheit, vor allem eine Geſchichte der Entwickelung der Gefühle, wie ſie andeutungsweiſe Horwicz giebt, würde uns eine richtige Grundlage für alle Staats- und Geſellſchaftswiſſenſchaft bieten.

An alle die einzelnen, nach und nach ſich ausbildenden Gebiete des Empfindungslebens knüpfen ſich nun Luſt- und Schmerzgefühle, und dieſelben wirken als Wegweiſer für den menſchlichen Willen und das Handeln. Und wenn wir zweifeln, ob wir das beglückende Gefühl des Heldentodes für das Vaterland mit dem gleichen Namen bezeichnen ſollen wie die Luſt am Becher ſchäumenden Weines, ſo iſt das Gleiche und Verbindende ja nur die Naturſeite des Zuſtandekommens eines Glücks- oder Luſtgefühls. Wie auf den wilden Stamm der Roſe die verſchiedenſten Blütenarten gepfropft werden, ſo ſind unſere Nervenreize der phyſiologiſche Untergrund für das Verſchiedenſte, was Menſchen- ſeelen bewegt. Und alle höheren, reineren Freuden können voll nur aus unſerem geiſtigen und ſocialen Leben erklärt werden, wie die natürlichen aus unſeren animaliſchen Prozeſſen.

Mit der Erfahrung, daß die verſchiedenen Gefühle ſtärkere oder ſchwächere, einfache oder mannigfache, vorübergehende oder dauernde, kurz nach den verſchiedenſten Seiten dem Grad und der Art nach unterſchiedene Freuden gewähren, verbindet ſich die denkende Ordnung, welche alle die verſchiedenen Gefühle nach ihrer Bedeutung für das Leben gliedert und in Reihen bringt. Es entſteht eine Skala der Luſt- und Glücksgefühle. Eine tiefere und edlere Lebensauffaſſung kommt zu dem Ergebnis, daß die Luſtgefühle um ſo höher ſtehen, einem je höheren geiſtigen Gebiete ſie angehören, oder an je höhere Verknüpfungen und Verhältniſſe ſie ſich anheften (Fechner). Das Gefühl ſteht höher, das nicht an einen einzelnen, ſondern an mehrere Sinne ſich anknüpft, das nicht den Körper, ſondern die Seele, nicht die Lage des Moments, ſondern die dauernde des Individuums, nicht das Individuum allein, ſondern die Genoſſen, die Familie, die Mitbürger betrifft oder mitbetrifft. Allen ſittlichen Fortſchritt kann man von dieſem Standpunkt aus betrachten als den zunehmenden Sieg der höheren über die niedrigen Gefühle. Aller Fortſchritt der Intelligenz und der Technik, der Mehrproduktion und der komplizierteren Geſellſchaftseinrichtungen führt nur dann die Völker ſicher und dauernd aufwärts, wenn die Gefühle, welche das Handeln beſtimmen, ſich in dieſer Richtung entwickelt haben.

Es iſt klar, daß bei dem Sieg der höheren über die niedrigen Gefühle die letzteren ſelbſt etwas anderes werden. Auch die elementaren, natürlichen Luſtgefühle verfeinern und veredeln ſich oder verknüpfen ſich immer enger mit höheren Gefühlen. Die Luſt der Sättigung verknüpft ſich beim Kulturmenſchen mit den Freuden des Familienlebens und der angeregten Geſelligkeit, mit gewiſſen äſthetiſchen Gefühlen. Aus dem Behagen, in Höhle und Hütte ſich gegen Kälte und Wetter zu ſchützen, wird mit der beſſeren Wohnung die Freude am eigenen Herd, an ſeiner Ordnung und anmutenden ſauberen Geſtaltung. So wird die Verknüpfung der verſchiedenen Gefühle miteinander zugleich zu ihrer richtigen Ordnung. Auch die ſinnlichen verſchwinden nicht, aber ſie werden an ihre rechte Stelle geſetzt und durch ihre Einkleidung in höhere gezügelt und reguliert.

Die weſentlichen habituellen Gefühle erſcheinen in ihrer Beziehung zur Außenwelt als Bedürfniſſe, in ihrer aktiven auf beſtimmtes Wollen und Handeln hinzielenden Rolle als Triebe.

12. Die Bedürfniſſe. Die Luſt- und Unluſtgefühle weiſen den Menſchen über ſich hinaus; ſie nötigen ihn, taſtend, ſuchend, überlegend das aufzuſuchen, zu benutzen, ſich zu aſſimilieren, was ihn von Schmerz befreit, was ihm Befriedigung, Luſt und Glück verſchafft. Die ihn umgebende Außenwelt mit ihren Schätzen, die ſie nach Klima und Boden, nach Flora und Fauna bietet, die eigene Arbeit und die der Mitmenſchen, die ganzen geſell- ſchaftlichen Einrichtungen reichen die Mittel dar, die hiſtoriſch, ethnographiſch und individuell verſchieden gearteten Gefühlsreize immer wieder abzuſtumpfen. Als Bedürfnis bezeichnen wir jede mit einer gewiſſen Regelmäßigkeit und Dringlichkeit auftretende gewohnheitsmäßige, aus unſerem Seelen- und Körperleben entſpringende Notwendigkeit, durch irgend eine Berührung mit der Außenwelt unſere Unluſt zu bannen, unſere Luſt zu mehren. Die materiellen oder ideellen Objekte, die wir benützen, ge- oder verbrauchen, die Verhältniſſe, die ein beſtimmtes Verhalten oder Thun ermöglichen, nennen wir ebenfalls Bedürfnis. Der Wein, der Mittagsſchlaf, das Rauchen, der Opernbeſuch ſind mir oder anderen Bedürfnis, heißt ſo viel, wie ich bedarf ihrer, um einem Unbehagen auszuweichen. Der ganze Umkreis menſchlicher Gefühle, der niedrigen wie der höheren, erzeugt ſo Bedürfniſſe. Der Menſch hat ſinnliche, äſthetiſche, intellektuelle, moraliſche Bedürfniſſe. Aber mit Vorliebe gebraucht unſere Sprache das Wort für die Notwendigkeit, durch den wirtſchaftlichen Apparat von Gütern und Dienſten den niedrigen wie den höheren Gefühlen die gewohnte Funktion zu verſchaffen. Die Bedürfnisbefriedigung, hat man darum geſagt, iſt das Ziel aller Wirtſchaft; die Bedürfniſſe hat man als den Ausgangspunkt alles wirtſchaftlichen Handelns und aller wirtſchaftlichen Produktion hingeſtellt, was ganz richtig iſt, wenn man das Wort Bedürfnis in dieſem engeren Sinne nimmt. Denn im weiteren Sinne iſt Bedürfnisbefriedigung der Zweck alles menſchlichen Handelns, nicht bloß des wirtſchaftlichen, denn zu allem Handeln geben Luſt- und Unluſtgefühle und die Erinnerung an ſie den Anſtoß.

Man hat in der bisherigen Nationalökonomie die Bedürfniſſe in leibliche und geiſtige, in Natur-, Anſtands- und Luxusbedürfniſſe, in Exiſtenz- und Kulturbedürfniſſe, in individuelle und Gemein- oder Kollektivbedürfniſſe eingeteilt. Man hat ihre Erörterung in der Regel an die Spitze aller theoretiſchen Betrachtung geſtellt, oft auch bei der Erörterung der Nachfrage, der Haushaltungsbudgets, der Konſumtion, der ſocialen Fragen das Weſentliche über ſie geſagt.

Es will mir ſcheinen, daß mit der bloßen Einteilung der Bedürfniſſe in einige Kategorien nicht viel gewonnen geweſen ſei; die Scheidung von individuellen und Gemeinbedürfniſſen, wie ſie Sax und A. Wagner vornahmen, hatte den theoretiſchen Zweck, gleichſam ein Fundament der wirtſchaftlichen Gemeinde- und Staatsthätigkeit zu ſchaffen. Aber es iſt für ſie doch wenig gewonnen und bewieſen, wenn man der Armee oder dem Eiſenbahnbau die Etikette des Gemeinbedürfniſſes aufklebt; es handelt ſich doch um den Nachweis, daß die Tauſende und Millionen das Bedürfnis des militäriſchen Schutzes und des Verkehrs erſt individuell fühlen, daß dann hieraus eine Kollektivſtrömung erwachſe, und die rechten Staatsorgane hiefür vorhanden ſeien, welche die Sache in die Hand nehmen, die Widerſtrebenden überzeugen oder zwingen, daß ſo große hiſtoriſch-politiſche Prozeſſe gewiſſe wirtſchaftliche Funktionen in die Hand öffentlicher Organe legen. Am meiſten ſcheint mir die Lehre von den Bedürfniſſen durch die hiſtoriſche Unterſuchung des Luxus, wie ſie Roſcher und Baudrillart anſtellen, und ähnliche kulturgeſchichtliche Unterſuchungen gefördert worden zu ſein, während die Verſuche von Bentham, Jevons und anderen, von mathematiſch-mechaniſchem Standpunkte aus die Luſt- und Schmerzgefühle einer Meſſung zu unterwerfen, die Bedürfniſſe zu begründen auf ein Rechenexempel des Maximums an Luſt und des Minimums an Unluſt, uns wohl in einzelnen Punkten, ſo weit ſie auf empiriſch-hiſtoriſcher Grundlage, auf Beobachtung des praktiſchen Seelenlebens beruhen, gefördert, aber doch überwiegend zu Gemeinplätzen geführt haben. Nur für die Wertlehre haben ſich die Unterſcheidungen von Jevons und der öſterreichiſchen Schule teilweiſe als fruchtbar erwieſen, weil es ſich nicht ſowohl um die Bemeſſung der Gefühle und Bedürfniſſe, als um die Bemeſſung der Brauchbarkeit der Güter nach verſchiedenen Geſichtspunkten hin in dieſen Unterſuchungen handelte. Wir kommen bei der Wertlehre und der Nachfrage darauf zurück.

Da wir auch auf andere ſpecielle Ergebniſſe der Bedürfnisentwickelung beſſer im Zuſammenhang der einzelnen volkswirtſchaftlichen Fragen eingehen, ſo handelt es ſich hier nur um ein allgemeines Wort der Erklärung der Bedürfniſſe; wir müſſen ver- ſuchen, ſie als pſychologiſche, individuelle und Maſſenerſcheinung, als wirtſchaftliche Urſache, als hiſtoriſche Entwickelungsreiche, als Ergebniſſe unſeres geiſtig-ſittlichen Lebens zu begreifen.

Die Bedürfniſſe ſind ein Reſultat des Aufeinanderwirkens der vorhandenen Nervengewohnheiten und ſeeliſchen Eigenſchaften einerſeits, der natürlichen und geſellſchaftlichen Umgebung des Menſchen andererſeits. Sie ſind bei jedem Individuum das Reſultat ſeiner Raſſe, ſeiner Erziehung, ſeiner Lebensſchickſale. Sie zeigen bei höherer Kultur nach Individuum, Klaſſe und Einkommen an jedem Orte und in jedem Volke erhebliche Abweichungen; auch beruht der Ausbreitungsprozeß der höheren Bedürfniſſe natürlich darauf, daß die an einem Punkte von einzelnen gemachten Fortſchritte langſam von Perſon zu Perſon, von Klaſſe zu Klaſſe, von Land zu Land übergehen. Aber wir können davon zunächſt hier abſehen; für alle geſellſchaftliche und volkswirtſchaftliche Betrachtung können wir hier zunächſt davon ausgehen, daß kleine oder größere geſell- ſchaftliche Kreiſe, die unter ähnlichen Lebensbedingungen ſtehen, durchſchnittlich ähnliche Bedürfniſſe haben; wir können daran erinnern, daß nirgends ſo ſehr als bei den Bedürfniſſen der Menſch als Herdentier ſich zeigt und vom Nachahmungstrieb beherrſcht wird.

Der urſprüngliche Grundſtock der menſchlichen wirtſchaftlichen Bedürfniſſe iſt nun durch die tieriſche Natur des Menſchen gegeben: ein gewiſſes Maß von Nahrung, Wärme, Schutz gegen Feinde muß auch der roheſte Menſch ſich verſchaffen. Man hat häufig dieſes Maß das Naturbedürfnis genannt. Aber es iſt heute nirgends zu finden. Selbſt die wildeſten Stämme ſind darüber hinaus. Und die Frage, wie, warum der Menſch über dieſe roheſten Naturbedürfniſſe hinausgekommen ſei, iſt eben das hier zu erklärende Problem.

Bleibt man beim Äußerlichen ſtehen, ſo wird man ſagen können, die Bedürfniſſe hätten ſich verfeinert und vermehrt in dem Maße, wie der Menſch die Schätze der Natur direkt oder durch den Handel kennen lernte, wie die fortſchreitende Technik, die Bau-, die Kochkunſt, die Kunſt der Weberei und andere Fertigkeiten ihm immer kompliziertere, ſchönere, beſſere Wohnungen, Werkzeuge, Kleider, Geräte, Schmuckmittel zur Verfügung ſtellten. Die Zufälligkeiten der äußeren Kulturgeſchichte und die Geſchichte der Entdeckungen, des Handels, der Technik, die Berührungen der jüngeren mit den älteren Völkern beſtimmten dieſen ganzen Entwickelungsprozeß, auf deſſen wichtigſten Teil wir bei der Geſchichte der Technik zurückkommen. Natürlich erklären nun aber dieſe äußeren Ereigniſſe entfernt nicht ihren inneren Zuſammenhang; ſie ſind ſelbſt das Produkt der Raſſen- und pſychologiſchen, der geiſtig-moraliſchen, äſthetiſchen und geſellſchaftlichen Entwickelung der Menſchheit, ſo ſehr die einzelnen erwähnten Ereigniſſe von Zufällen mit beſtimmt ſind und ſo da und dort hin Bedürfniſſe bringen, für welche die Betreffenden nicht reif ſind, die ihnen mehr ſchaden als nützen. Dies gilt vor allem von der Einführung der verfeinerten Kulturbedürfniſſe in der Sphäre der Naturvölker.

Die innere Erklärung der zunehmenden, höheren, feineren, der ſämtlichen Kulturbedürfniſſe liegt in der zuſammenhängenden Kette der Ausbildung der Gefühle, des Intellekts, der Moral, der Geſellſchaft. Indem neben die ſinnlichen die höheren Gefühle des Auges, des Ohres, des Intellekts, die Sympathie traten, entſtand das Bedürfnis des Schmuckes, der Kleidung, der Wohnung, entſtanden die ſchönen Formen, die verbeſſerten Hülfsmittel, die Werkzeuge, entſtanden die Hallen und Kirchen, die Wege und die Schiffe, die Muſik und die Schrift, entſtand jener große, ſtets wachſende äußere wirtſchaftliche Apparat, der ſchon vor Jahrtauſenden dem Kulturmenſchen unentbehrlich wurde, heute für die Mehrzahl aller Menſchen Lebensbedürfnis iſt. Das Unnötige, ſagt der Dichter, wurde der beſte Teil der menſchlichen Freude. Eine Welt der Formen, der Konvention, des ſchönen Scheins umgab alle urſprünglich einfachen Naturbedürfniſſe. Nicht die Stillung des Hungers zu jeder beliebigen Zeit, in jeder Form, an jedem Orte, der Sicherheit vor Raub und Neid gewährte, genügte dem Menſchen mehr; er wollte in Geſellſchaft, zu beſtimmter Stunde, mit beſtimmten Gefäßen und Ceremonien, mit einer gewiſſen Abwechslung und unter Zuſammenſtellung verſchiedener Speiſen eſſen und ſo durch dieſe Ordnung das einzelne Bedürfnis einfügen in den rechten Zuſammenhang ſeiner Lebensführung. Alles, was geſchah, ſollte durch ſolche verfeinerte Formen als ein Glied in dem Plane des Lebens erkannt und geſtempelt werden. Immer neue Bedürfniſſe kamen zu den alten, und die alten verfeinerten ſich, komplizierten ſich, wurden vielgeſtaltiger, wechſelvoller, anſpruchsvoller. Und wir können verſtehen, daß dieſer Prozeß, ſo viel er zugleich Falſches, Häßliches, Bizarres erzeugt, doch zugleich das notwendige Inſtrument iſt, uns auszubilden, unſere innere Kultur zu fördern. Ohne die beſſere Wohnung, ohne die Trennung von Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer kein edleres, höheres Familienleben, ohne Trennung von Werkſtätte und Wohnung keine große maſchinelle Produktion. Ja wir können ſogar ſagen, ohne eine gewiſſe Verfeinerung unſerer Tafel kein hochgeſpanntes geiſtiges Leben, keine funkenſprühende Geiſtesthätigkeit.

Der Stoiker mag klagen, daß wir Sklaven unſerer Bedürfniſſe ſind, der laudator temporis acti, daß wir die alte Einfachheit verloren haben und ein immer ſchwerfälligeres Kulturgepäck mit uns ſchleppen. Wir mögen mit Recht immer wieder bemüht ſein, unſeren Körper ſo zu ſtählen, daß er mal Mangel und Entbehrung erträgt. Im ganzen liegt doch ein Fortſchritt gerade darin, wenn ſelbſt die unteren Klaſſen Fleiſch, gute Kleidung, ſaubere Wohnung und Anteil an der geiſtigen Kultur fordern; wenn alle Klaſſen um jeden Preis an ihrem Bedürfnisniveau feſthalten, es ſteigern wollen. Die dauernde feſte Anpaſſung unſerer Nerven an einen immer komplizierteren Apparat der Bedürfnisbefriedigung iſt der Sperrhaken, der die Menſchen vor dem Zurückſinken in die Barbarei bewahrt. Auch wer an falſche, übermäßige Genüſſe jahrelang gewöhnt iſt, kann ſich ihnen nicht plötzlich entziehen. Die Nerven halten jeden mit ſtarker Feſſel an dem gewohnten Lebensgeleiſe von Bedürfniſſen feſt. Soweit die Bedürfniſſe aber normale ſind, iſt das ein Glück; es entſteht dadurch die Kraft, auf dem erreichten Kulturniveau ſich zu behaupten, wie die Zunahme der Bedürfniſſe den Fleiß, die Thatkraft, die Arbeitſamkeit immer wieder angeſpornt und gefördert hat, die höhere Kultur bedeutet.

Betonen wir ſo die Berechtigung der wirtſchaftlichen Bedürfnisſteigerung im ganzen und ihren Zuſammenhang mit aller höheren Kultur, aus der ſie zuletzt entſpringt, ſehen wir in dem großen wirtſchaftlichen Mechanismus, der unſeren Bedürfniſſen dient, die in die Außenwelt verlegte Projektion innerer Vorgänge, eine komplementäre Er- ſcheinung unſerer höheren Gefühlsentwickelung, ſo ſoll damit doch entfernt nicht geſagt ſein, daß ſchlechthin jede Bedürfnisſteigerung ein Segen ſei, daß keine Gefahren mit ihr ſich verbinden.

Große und lange Epochen der Menſchheit haben einen faſt ſtabilen Zuſtand der Bedürfniſſe gehabt; ſolche wechſeln naturgemäß mit Zeiten, in welchen eine verbeſſerte Technik und wachſender Wohlſtand eine große Bedürfnisſteigerung erzeugten und erlaubten. In den erſtgenannten Epochen wird das Streben, alle Bedürfniſſe mit einander und mit einer guten Geſellſchaftsverfaſſung in Harmonie zu bringen, ſogar leichter gelingen; und deshalb wird eine feſt gewordene, eingewurzelte, von ſittlichen Ideen beherrſchte Geſtaltung der Bedürfniſſe dann von allen konſervativen Elementen und von den Moralpredigern als ein Ideal verteidigt werden, an dem nicht gerüttelt werden dürfe. Neue Bedürfniſſe erſcheinen ſo leicht an ſich als Unrecht, als Überhebung, als Mißbrauch; und ſie führen häufig auch zunächſt zu häßlichen Erſcheinungen, zu unſittlichen Aus- ſchreitungen, die man durch Verbote, Luxusgeſetze, Moralpredigten mit Recht bekämpft.

Jedes Bedürfnis erſcheint als Luxus, ſofern es neu iſt, über das Hergebrachte hinausgeht. Sehr häufig iſt in der Folgezeit berechtigtes Bedürfnis, was zuerſt als verderblicher Luxus erſchien. Aber der ſteigende Luxus kann auch ein Zeichen wirtſchaftlicher und ſittlicher Auflöſung im ganzen oder gewiſſer höherer Kreiſe ſein.

Die Bedürfniſſe jedes Volkes und jedes Standes ſind ein Ganzes, das dem Einkommen und Wohlſtand ebenſo entſprechen ſoll, wie der richtigen Wertung der Lebenszwecke untereinander. Und zumal in einer Zeit großer wirtſchaftlicher Fortſchritte, großer Änderung und Steigerung der Bedürfniſſe wird es immer zuerſt ſehr ſchwer ſein, das richtige Maß im ganzen zu halten und im einzelnen jedem Lebenszwecke ſein gebührendes Maß von Mitteln zuzuführen. Rohe Zeiten haben durch ein Übermaß von Freſſen und Saufen, civiliſierte durch Kleider- und Feſtluxus gefehlt; verſchwenderiſche Fürſten und Völker haben, ſtatt ſparſam die Mittel zuſammen zu halten, durch Bauten und Vergnügungen ſich erſchöpft; die ſinkende Kultur des Altertums und der Despotismus der neueren Zeit zeigen genug ſolcher Beiſpiele. Die Verbreitung der Trunkenheit und des Alkoholgenuſſes der neueren Zeit beweiſt, wie wenig wir noch über ſolche Irrwege hinaus ſind.

Jede Bedürfnisſteigerung, zumal die raſch möglich werdende und eintretende, iſt für jede Klaſſe und jedes Volk eine Prüfung, die nur beſtanden wird, wenn die ſittlichen Kräfte geſund ſind, wenn Beſonnenheit und richtiges Urteil den Umbildungsprozeß beherrſchen, wenn die Mehrproduktion und die Sparſamkeit gleichen Schritt mit den vermehrten und richtig regulierten Bedürfniſſen hält. Jede ſtarke Bedürfnisſteigerung erzeugt die Gefahr, daß das Genußleben an ſich für einzelne oder weite Kreiſe zu ſehr an Bedeutung gewinne gegenüber der Arbeit und dem Ernſt des Lebens. Es entſteht die Möglichkeit, daß die erſten Schritte auf dieſer Bahn die Thatkraft ſteigern, die ſpäteren ſie lähmen. Vor allem aber handelt es ſich um die Art der Bedürfnisſteigerung und ihre Rückwirkung auf die ſittlichen Eigenſchaften. Es dürfen nicht die gemeinen, ſinnlichen Bedürfniſſe auf Koſten der höheren geſteigert werden. Es dürfen mancherlei zweiſchneidige Genußmittel nicht in die Hände halb kultivierter, ſittlich ſchwacher Elemente fallen: ſie werden bei höchſter Selbſtbeherrſchung vielleicht Gutes wirken, wenigſtens nicht ſchaden, ſonſt aber nur zerſtören. Allein die Bedürfnisſteigerung iſt die normale, welche die geiſtigen und körperlichen Kräfte, vor allem die Fähigkeit zur Arbeit erhöht, welche das innere Leben ebenſo bereichert wie das äußere, welche den ſocialen Tugenden keinen Eintrag thut.

Die Gefahr jeder Bedürfnisſteigerung liegt im Egoismus, in der Genußſucht, im ſybaritiſchen Kultus der Eitelkeit, die ſie bei falſcher Geſtaltung herbeiführen kann. Es war kriechende Schmeichelei der früheren Jahrhunderte, jeden Wahnſinn fürſtlicher Ver- ſchwendung zu preiſen; es war knabenhafte Demagogie, dem Arbeiter von der Sparſamkeit abzuraten, weil die Bedürfnisſteigerung ſtets wichtiger ſei. So redete Laſſalle von einer verdammten Bedürfnisloſigkeit der unteren Klaſſen, die ein Hindernis der Kultur und der Entwickelung ſei.

5. Die menſchlichen Triebe.

13. Allgemeines. Die Luſt- und Schmerzgefühle, die zur Bedürfnisbefriedigung Anlaß geben, erſcheinen als Triebe, ſofern ſie bleibende Dispoſitionen des Menſchen zu einem der Art, aber nicht dem Gegenſtande nach beſtimmten Begehren darſtellen. Was der Inſtinkt im Tier, iſt der Trieb im Menſchen. Er giebt die Anſtöße zum Handeln, die immer wieder in gleicher Richtung von der Thätigkeit unſeres Nervenlebens, haupt- ſächlich von den elementaren Gefühlen ausgehen. Aber die heute vorhandenen, in beſtimmter Art auftretenden Triebe dürfen wir deshalb doch nicht als etwas ganz Unveränderliches, mit der Menſchennatur von jeher an ſich Gegebenes betrachten, ſo wenig wie unſer Gehirn und unſere Nerven ſtets ganz dieſelben waren. Die Natur hat dem Menſchen nicht etwa einen Eſſenstrieb mitgegeben, ſondern Hunger und Durſt haben als qualvolle Gefühle, welche die Nerven aufregen, Menſchen und Tiere veranlaßt, nach dieſem und jenem Gegenſtand zu beißen und ihn zu verſchlingen; und aus den Erfahrungen, Erinnerungen und Erlebniſſen von Jahrtauſenden, aus den körperlichen und geiſtigen damit verknüpften Umbildungen iſt der heutige Trieb, Nahrung aufzunehmen, entſtanden, der in gewiſſem Sinne freilich als elementare, konſtante Kraft, auf der anderen Seite aber in ſeinen Äußerungen doch als etwas hiſtoriſch Gewordenes erſcheint. Jeder ſo mit der Entwickelungsgeſchichte gewordene, auf beſtimmten Gefühlscentren beruhende Trieb regt den körperlichen Mechanismus wie unſer Seelenleben an, mit einer Art mechaniſcher Abfolge in beſtimmter Weiſe zu handeln. Wir ſprechen wenigſtens mit Vorliebe da von einem Trieb, wo wir glauben, das Handeln auf ein „Getriebenſein“ zurückführen zu können, wo wir große Menſchengruppen oder alle Menſchen in ähnlicher Weiſe glauben, durch beſtimmte ſeeliſche Grundkräfte in ihren Willensaktionen beherrſcht zu ſehen. Wir bezeichnen die Handlungen als Triebhandlungen, welche uns unter der unmittelbaren Wirkung einer ſolchen Grundkraft zu ſtande zu kommen ſcheinen.

Die Vorſtellung, daß es möglich ſei, eine beſtimmte Anzahl ſich immer gleich bleibender Triebe bei allen Menſchen aller Zeiten nachzuweiſen, müſſen wir dabei freilich fallen laſſen. Das Triebleben iſt, wie wir ſchon bemerkt, ein Ergebnis der hiſtoriſchen Entwickelung unſerer Nerven und unſerer ganzen geiſtig-ſittlichen Natur. Alle ſtarken Gefühle geben Impulſe zum Handeln; je niedriger die menſchliche Kultur, deſto unwillkürlicher folgt dieſes Handeln, deſto näher ſteht es unbewußten Reflexbewegungen, deſto mehr handelt es ſich um ein wirkliches „Getriebenſein“. Je mehr die Reflexion und das geiſtige Leben ſich ausbilden, deſto mehr ſchieben ſich zwiſchen den Gefühlsimpuls und das Handeln Vorſtellungen über die Folgen, Überlegungen ſittlicher Art, deſto mehr geht das impulſive Handeln in ein überlegtes, durchdachtes, durch die Erziehung modifiziertes über. Die Triebe verſchwinden damit nicht, aber die reinen und bloßen Triebhandlungen. Unſere Handlungen werden etwas anderes, Komplizierteres, den ſittlichen Lebensplänen Angepaßtes; die Triebe ſelbſt ändern ſich in ihren Wirkungen. Der Erwerbstrieb des rohen Indianers, des Bauern, des Gelehrten, des Börſenſpekulanten ſind qualitativ und quantitativ ebenſo verſchieden wie der Geſchlechtstrieb einer Südſeeinſulanerin und einer gut erzogenen engliſchen Lady.

Der Trieb iſt der organiſche, von unſerm Gefühlsleben und beſtimmten Vor- ſtellungen ausgehende Reiz zum Handeln. Er iſt der natürliche Untergrund deſſen, was durch Zucht und Gewöhnung, durch Übung und Zähmung zur civiliſierten Gewohnheit wird. Alle menſchliche Erziehung will die Triebe ethiſieren und in gewiſſem Sinne zu Tugenden erheben; aber die Triebe der heutigen Generation ſind immer ſchon das Ergebnis einer ſittlichen Erziehungsarbeit von Jahrtauſenden.

Die neuere Pſychologie, weſentlich auf andere Fragen gerichtet, hat in der Trieblehre noch keine großen Fortſchritte gemacht; man iſt noch zu keiner einheitlichen Klaſſifikation der Phänomene und zu keinen feſten Begriffen gelangt. Nichtsdeſtoweniger drängt ſich das Bedürfnis, eine Reihe von Trieben zu unterſcheiden, immer wieder auf. Und wenn die Verſuche, ganze Wiſſenſchaften aus einem oder ein paar Trieben zu erklären — ich erinnere an den geſelligen Trieb des Ariſtoteles und Hugo Grotius, an die Trieblehre der Socialiſten, an den Erwerbstrieb der Nationalökonomen, an die Heirats- und Verbrechenstriebe der Statiſtiker —, noch unvollkommener ſind als die Trieblehren der Pſychologen, ſo wird eine ſociologiſche Betrachtung, welche nicht um ſyſtematiſcher Einheit willen alles aus einer Urſache ableiten will, doch immer am beſten thun, in Anlehnung an die heutige Pſychologie die weſentlichſten der gewöhnlichen Triebe einfach nebeneinander zu ſtellen und auf ihren Zuſammenhang mit den Erſcheinungen des geſellſchaftlichen Lebens zu prüfen, ohne damit die Prätenſion zu erheben, eine neue Trieblehre zu geben oder gar auf ſie ein ganzes Syſtem zu bauen.

Wir kommen dabei freilich auf eine Wiederholung deſſen, was wir über die Gefühle geſagt; wir müſſen uns andererſeits mit wenigen aphoriſtiſchen Bemerkungen über den Selbſterhaltungs-, Geſchlechts-, Thätigkeits-, Anerkennungs- und Rivalitätstrieb beſchränken; aber dieſe, ſowie die Hinweiſung auf ihre hiſtoriſche Entwickelungsfähigkeit werden immer nicht wertlos ſein und uns für die Erörterung des Erwerbstriebes vorbereiten.

14. Der Selbſterhaltungs- und der Geſchlechtstrieb werden in allen Trieblehren vorangeſtellt; ſie entſprechen den ſtärkſten Luſtgefühlen, wie wir bereits erwähnt. Sie können auch, viel eher als der Egoismus oder der Erwerbstrieb, als der pſychologiſche Ausgangspunkt des Wirtſchaftslebens, ja der ganzen geſellſchaftlichen Organiſation angeſehen werden: Durch Hunger und durch Liebe, ſagt ein bekanntes Sprüchlein, erhält ſich das Getriebe. Und Goethe meint in den venetianiſchen Epigrammen:

Der Selbſterhaltungstrieb umfaßt nicht bloß das Eſſen und Trinken; wir führen auf ihn alle menſchliche Thätigkeit zurück, die auf Erhaltung des eigenen Ich direkt gerichtet iſt; der Mann, der ſich gegen ſeine Feinde oder wilde Tiere verteidigt, der ſich gegen Kälte oder Gefahren ſchützt, wird ebenſo von ihm geleitet wie der, welcher Waffen und Werkzeuge zu künftigem Thun bereitet. Aus dem Selbſterhaltungstrieb entwickeln ſich bei höherer, komplizierterer Kultur alle möglichen Anſtrengungen, die indirekt das Individuum erhalten und fördern wollen; aller Kampf mit der Natur, alle Anſtrengung und Arbeit hängt mit demſelben zuſammen, ſofern ſie das eigene Ich im Auge haben; auch Liſt und Betrug, Gewaltthat und Diebſtahl, Raub und Mord entſpringt aus ihm, wie der heftige, rückſichtsloſe Konkurrenzkampf der Gegenwart. Damit iſt aber ſchon geſagt, daß der Trieb kein einfacher ſei, mit höherer Kultur immer kompliziertere Gebiete, indirekte Ziele umfaſſe und in ſeiner Bethätigung ſich bei den meiſten Menſchen nur in den Schranken der Sitte und des Rechtes äußere. Die Ziele, die ihm geſteckt ſind, wechſeln ebenſo wie die Kraft und Nachhaltigkeit, mit der er auftritt. Er äußert ſich beim Wilden als Veranlaſſung zur Jagd und Fiſchfang, beim Ackerbauer zur Pflugführung und Ernte. Faulheit und Arbeitsſcheu, gedankenloſe Verſchwendung ſind hier mit dieſem Triebe verbunden, dort Sparſamkeit und Fleiß. Erſt eine durch die Jahrtauſende fortgeſetzte Zucht und die Inſtitute der ſocialen Ordnung haben ihn zu dem gemacht, was wir heute als Selbſterhaltungstrieb in der civiliſierten Geſellſchaft bezeichnen. Von der Sorge für die eigene Brut und Familie iſt er heute ſchwer zu trennen. Vermöge jenes Princips der Aſſociation der Vorſtellungen, welches zuerſt Hartley in die pſychologiſchen Unterſuchungen des Sittlichen eingeführt hat, vereinigen ſich die Vorſtellungen der Menſchen nach beiden Richtungen mehr oder weniger ſtets. Nur bei gänzlich ſchlechten, verwahrloſten Menſchen oder im Moment der Todesgefahr hat der Selbſterhaltungstrieb nur das eigene Ich im Auge.

Auch der Geſchlechtstrieb iſt — zumal in der civiliſierten Geſellſchaft — kein einfaches Phänomen, keine blinde Triebkraft mehr. Gewiß tritt er auch heute noch mit einer gewiſſen elementaren Kraft auf, er kann einzelne im Moment blind beherrſchen, er iſt für die meiſten erwachſenen, noch nicht gealterten Menſchen einer der wichtigſten Faktoren ihres Trieblebens; aber der ſittliche und ſociale Erziehungsprozeß hat ihn bei der Mehrzahl der Menſchen gemildert, geformt, mit Schranken umgeben, ihn mit allen möglichen anderen Zielen in Verbindung gebracht. Er tritt vor allem als Trieb auf, eine Familie zu gründen; er verbindet ſich ſo unauflöslich mit all’ den Hoffnungen auf Glück und Behagen, welche die Ehe und die Familie bietet. Aus und mit den Luſtempfindungen der Begattung ſind ſo ſeit Millionen Jahren ſympathiſche Erregungen, Güte, Leutſeligkeit, Aufopferungsfähigkeit erwachſen, die Freude vor allem an dem Daſein der Kinder und Enkel, der Gattin und der Verwandten, ja das ganze Stammesgefühl. Und wenn der Satz wahr iſt, daß für die große Maſſe der Menſchen noch heute nach ſo vielen Jahrtauſenden der Geſchichte der natürliche Zuſammenhang des Blutes immer noch der weitaus wichtigſte, wo nicht der einzige Hebel milderer Sinnesart im Gegenſatz zum rohen Ich ſei (Cohn), daß erſt langſam und nach und nach die Familiengefühle auf weitere Kreiſe ſich ausdehnen, ſo iſt damit zugegeben, daß auf dem natürlichen Boden des Geſchlechtstriebes höhere und reinere geſellige Triebe erwachſen ſind, welche, einmal feſt gewurzelt und zu ſelbſtändigem Streben nach beſtimmten Zielen ausgebildet, ſich dem Geſchlechtstrieb als etwas Eigenartiges und Höheres gegenüberſtellen.

15. Der Thätigkeitstrieb iſt teilweiſe verwandt mit dem Selbſterhaltungstrieb, aber doch wieder von ihm weſentlich verſchieden. Er geht zunächſt hervor aus einem der allgemeinſten menſchlichen Gefühle, dem Kraftgefühl der Nerven und Muskeln, die ihre überſchüſſige Energie irgendwie verbrauchen müſſen. Alle phyſiognomiſche und mimiſche Bewegung hängt damit zuſammen, wie die Sprache, welche nach ihrer anima liſchen Seite nichts iſt als die unwillkürliche lautliche Entladung gewiſſer Nerven- und Muskelkräfte. Der Thätigkeitstrieb nötigt uns aber nicht bloß Muskeln und Nerven zu beſchäftigen, unter dem Einfluß ordnender, mit dem Zweckleben ſich ergebender Vor- ſtellungen und Luſtgefühle will er ſie ſachgemäß beſchäftigen, er will die Kräfte üben, die Grenzen der eigenen Macht erproben; er geht ſo dem erwachenden Selbſtgefühl parallel; urſprünglich ein Ergebnis rein animaliſchen Daſeins nimmt er alle höheren menſchlichen Zwecke, ſofern wir unſere Kraft an ihnen verſuchen, in ſich auf; die ihm eigentümlichen Luft- und Schmerzgefühle verbinden ſich auf jeder Kulturſtufe mit Gefühlen höherer Ordnung.

Äußert er ſich beim Kannibalen nur in der Befriedigung, einen Feind getötet oder ſkalpiert zu haben, beim rohen Jäger in der Spannung und dem Genuß, welchen die Erlegung des Elchs und des Hirſches gewähren, ſo werden die Ziele desſelben beim Kulturmenſchen unendlich mannigfaltige, die Luſt aber bleibt immer dieſelbe. Es iſt die Freude, die eigene Kraft richtig eingeſetzt und verwertet zu haben. Wir beobachten den Trieb ſchon beim Kinde, das mit Bauklötzchen ein Haus baut, das ſägen und leimen, pappen und malen will, das in tauſenderlei Formen die kleine Welt der Hauswirtſchaft wie die große der Technik in ſeinen Spielereien nachahmt und entzückt in die Händchen ſchlägt, wenn ihm die kleinen Kraft- und Kunſtproben gelungen ſind. Und was der Jugend das Spiel, iſt dem Alter die Wirklichkeit. Den Schmied, welchem der rechte Schlag mit dem Hammer gelungen iſt, die Köchin, welche den duftenden Sonntagsbraten anrichtet, den Maler, welcher vor dem fertigen Bilde den Pinſel weglegt, den Maſchinenfabrikanten, der die tauſendſte Lokomotive auf die Ausſtellung ſchickt, durchglüht dasſelbe Innervationsgefühl gelungener eigener Thätigkeit wie den hungernden Prediger, welcher mit dem Bewußtſein von der Kanzel ſteigt, wieder einmal als Wecker der Gewiſſen die Herzen und Nieren ſeiner Gemeindeglieder erſchüttert zu haben. Es giebt keine größere Freude für den Menſchen als die Luſt thätigen Schaffens und Wirkens, und ſie iſt bis auf einen gewiſſen Grad unabhängig von dem ökonomiſchen Erfolg, der Bezahlung des Produktes, dem Lohn oder Gehalt. Millionen von Menſchen arbeiten in der Familie und in Staat und Kirche ohne direkte Bezahlung, bei anderen Millionen iſt Belohnung und Arbeit nicht in ſo nahe Beziehung und oft nicht ſo in Proportion gebracht, daß die Belohnung das allein ausſchlaggebende Motiv wäre. Aber ſie arbeiten um des Erfolges willen. Ihr Vorſtellungsvermögen und ihre Nervenerregung läßt ihnen keine Ruhe, es treibt ſie unwiderſtehlich zur Thätigkeit; die weſentlichſten wirtſchaftlichen Tugenden, die Ausdauer, der Mut des kühnen Unternehmers, die friſche Erfindungsgabe des Zeichners und Modelleurs entſpringen hier. Der reiche Mann will noch mehr gewinnen, nicht ſo ſehr weil ihn der Mehrbeſitz als weil ihn das Kraftgefühl der Erwerbsfähigkeit erfreut. In dieſem Thätigkeitstrieb hat der ſittliche Segen der Arbeit ſeine natürliche Wurzel. Die Thätigkeit, welche ſich ganz in den Gegenſtand verſenkt, darüber das eigene Ich und ſeine Kümmerniſſe vergißt, iſt das einzige, was auf die Dauer für die Mehrzahl der Menſchen jenes harmoniſche Gleichgewicht zwiſchen Luſt- und Unluſtgefühlen herſtellt, das wir als dauernde Zufriedenheit bezeichnen.

Aus dieſem Trieb entſpringt nebenbei auch das Selbſtgefühl und Selbſtbewußt- ſein; freilich nicht aus ihm allein; es iſt ein kompliziertes Ergebnis individueller und geſellſchaftlicher Vorgänge; die Anerkennung in der Geſellſchaft ſtärkt es, wie das Bewußtſein des Beſitzes, das die Furcht, von der Gnade anderer leben zu müſſen, verbannt. Vor allem aber erzeugt das Bewußtſein, auf beſtimmtem Gebiet etwas Vollendetes leiſten zu können, die beſtimmte Sicherheit des Auftretens, die zu unſerem inneren Glück ebenſo notwendig iſt wie zu jedem äußeren Erfolg. Und das Kolorit des Selbſtgefühls entſteht durch die beſtimmte Art der Arbeit. Der Maſchinenarbeiter ſchlägt mit Leiden- ſchaft auf den Tiſch, der Schneider ſtreichelt ſanft den Freund über Achſel und Arm, zugleich den Stoff befühlend; der Soldat erinnert an die Feldzüge, die er mitgemacht, der Kaufmann erzählt von den Spekulationen, die ihm gelungen.

16. Der Anerkennungs- und der Rivalitätstrieb. Gehen wir nach dieſen elementaren Trieben, die in ihrer Wurzel alle an beſtimmte phyſiſche Luſtgefühle anknüpfen, zu dem über, was man ſonſt noch als Trieb zu bezeichnen pflegt, ſo wird die Unterſuchung ſehr viel ſchwieriger. In gewiſſem Sinne entſpricht auch allen höheren ausgebildeten Gefühlen ein Triebleben: der Menſch hat äſthetiſche, intellektuelle, moraliſche, geſellige Triebe. Aber es handelt ſich hier um viel kompliziertere Vorgänge, um Nervenreize, die keineswegs mit gleicher Dringlichkeit den Menſchen zu beſtimmten Richtungen des Handelns antreiben. Es handelt ſich da um ein Handeln, auf das ſittliche und andere Vorſtellungen und Erfahrungen ſoviel ſtärker einwirken als der an ſich vorhandene Nervenreiz, ſodaß wir hier mit der Annahme eines Triebes viel weniger erklärt haben. Ja an einzelnen Stellen erſcheint uns die Annahme eines Triebes nur als Mäntelchen, unſere Unwiſſenheit zu verdecken. So müſſen wir uns entſchieden gegen die Annahme eines allgemeinen ſocialen Triebes erklären, obgleich wir zugeben, daß es auch auf geſellſchaftlichem und geſelligem Boden Triebreize giebt. Aber dieſe Triebreize löſen ſich uns auf in eine Reihe von Gefühlen, die wir wieder unterſcheiden können als Gefühle der Blutsverwandtſchaft, der Sprach-, der Kulturgemeinſchaft, als Freude der Geſelligkeit und was ſonſt noch dazu gehört. Und deshalb möchten wir das ſo klar zu Unterſcheidende nicht mit einem Sammelnamen bezeichnen, der uns die Unter- ſchiede zudeckt.

Dagegen ſcheint es uns viel eher berechtigt, von einem allgemeinen Triebe der Menſchen nach Anerkennung im Kreiſe von ihresgleichen zu ſprechen. Wir haben ſchon oben (S. 9, 15—16) darauf hingewieſen, wie ſehr das geiſtige Leben überall nach Zuſammenſchluß hindrängt. Ad. Smith leitet aus der ſtets und überall wirkſamen Sympathie der Menſchen miteinander alle ſittlichen Urteile und alle geſellſchaftlichen Einrichtungen ab.

Kein Menſch kann ohne die Billigung eines gewiſſen Kreiſes leben; und je niedriger er ſteht, deſto mehr iſt er in jedem Schritt, den er thut, von dem Urteil ſeiner Umgebung abhängig. Der Menſch ißt und trinkt, er kleidet ſich und richtet ſeine Wohnung ſo ein, wie es ſeine Freunde, ſeine Standesgenoſſen für paſſend halten. Jeder fürchtet ſich in erſter Linie vor dem, was man von ihm ſagen werde; er fürchtet die Sticheleien, er fürchtet, ſich lächerlich zu machen. Viele geben Feſte über ihre Mittel, weil ſie fürchten, ſonſt getadelt zu werden. Die arme Witwe ruiniert ſich und ihre Kinder, um dem Mann ein anſtändiges Begräbnis zu verſchaffen, d. h. ein ſolches, wie ſie glaubt, daß es die Nachbarn erwarten.

Wir beherrſchen unſere Leidenſchaften, weil wir fürchten, ſonſt ungünſtig beurteilt zu werden; die Mäßigung, die Selbſtbeherrſchung entſpringt ſo zuerſt weſentlich aus Rückſicht auf andere. Mag der einzelne Menſch im Herzen ſich noch ſo ſehr allen anderen vorziehen, er darf es, ſagt Ad. Smith in der Theorie der ſittlichen Gefühle, doch nie eingeſtehen, ohne ſich verächtlich zu machen, er muß die Anmaßungen des Egoismus zu dem herabſtimmen, was andere nachempfinden können. Es giebt keine Lage des Lebens, in welcher der Menſch ganz auf Anerkennung der Menſchen verzichten könnte, die er ſelbſt achtet und hoch hält.

Der Kreis derer, auf die man dabei achtet, deren Anerkennung, Billigung oder Liebe man wünſcht, kann je nach der Kultur, der Geſellſchaft, der Lebenslage, der Handlung, die in Frage ſteht, ein ſehr verſchiedener ſein. Aber dieſe Anerkennung oder Billigung iſt für die Mehrzahl der Menſchen eine Hauptquelle ihres Glückes, ihrer Zufriedenheit. Selbſt der Auswurf der Menſchheit kann nicht ohne ſolche Billigung leben. Es iſt ohne Zweifel eine der Haupturſachen der größeren Moralität in kleineren Orten, wo jeder jeden kennt, daß hier Nachbarn, Freunde, Verwandte von jedem die gewöhnlichen Tugenden des ehrbaren Mannes, des guten Familienvaters, des ſparſamen Hauswirts fordern. In der großen Stadt, vollends in der Weltſtadt, entzieht ſich das Privatleben der allgemeinen Kenntnis. Der ſchneidige Offizier, der pünktliche Beamte, der gewandte Commis wird von den Perſonen, die ſein Schickſal beſtimmen, nur nach Bruchſtücken ſeines Weſens gekannt und beurteilt. Vollends der betrügeriſche Börſenſpieler, der wucheriſche Kreditgeber, der Hehler und der Dieb wiſſen ihre Thätigkeit vielen, mit denen ſie in Berührung kommen, zu verbergen, ſind anderer- ſeits in den Kreiſen derer, die mit ihnen ein gleiches Gewerbe treiben, vielleicht als die Geriebenſten geachtet und darum ſtolz auf dieſen Ruf. Er erſetzt ihnen, was ſie an Anerkennung im übrigen entbehren.

Die beſtändige Rückſicht, ſagt Lotze, auf das, was andere, für uns die Vertreter des Allgemeinen gegenüber unſerer Individualität, von uns denken werden, vertritt ſowohl in den erſten hiſtoriſchen Zeiten der Menſchheit als in den Anfängen der perſönlichen Entwickelung, endlich auf jenen niedrigen Bildungsſtufen, auf denen ein Teil unſeres Geſchlechts beſtändig verharrt, mit mehr oder weniger Glück und Vollſtändigkeit das eigene moraliſche Gewiſſen. Lazarus nennt dieſes ſich Fühlen in einem größeren Ganzen eine Erweiterung des Selbſtgefühls. Und unzweifelhaft vertritt für alle weniger entwickelten Individuen dieſes Teilhaben an dem Selbſt- und Ehrgefühl eines geſell- ſchaftlichen Kreiſes das Selbſtgefühl.

In ſeinem älteren Werke führt Ad. Smith ſogar in übertreibender Weiſe alles Streben nach Reichtum auf die Anerkennung durch andere zurück. Dieſes Streben erſcheint ihm nach den idealiſtiſchen Rouſſeauſchen Empfindungen ſeiner Zeit überhaupt ziemlich thöricht. Der Tagelöhner iſt ihm ſo glücklich wie der Millionär; die Bedürfniſſe der Natur könne auch der erſtere befriedigen. Was alſo, ſagt er, treibt uns darüber hinaus? Wir wollen, antwortet er, bemerkt, mit Sympathie, mit Beifall umfangen werden. Der Arme ſchämt ſich ſeiner Armut; der Beſitz wird nur erſtrebt, um bemerkt zu werden. Smith berührt hier denſelben Gedanken, den neuerdings die Kulturhiſtoriker ganz richtig betont haben, welche alle Kleidung aus dem Schmuck und allen Schmuck aus der Abſicht hergeleitet haben, ſich durch die Abzeichen, Federn, Farben, durch die Tätowierung, durch die Gürtel und Ringe auszuzeichnen, von anderen ſofort erkannt und als höher Geſtellte, als Mitglieder einer Sippe, eines Stammes ſich anerkannt zu ſehen.

Wir ſind damit gewiſſermaßen ſchon zu einem anderen menſchlichen Triebe oder zu einer Abart des Anerkennungstriebes gekommen, zu dem Trieb der Rivalität. Beruht auf dem Anerkennungstrieb der Beſtand und die Gruppierung der geſellſchaftlichen Kreiſe, ſo beruht auf dem Rivalitätstrieb die Bewegung der Geſellſchaft.

Es iſt gewiß das Urſprünglichere, daß der Menſch als Gleicher unter Gleichen, als Glied eines Ganzen, einer Sippe, eines Stammes, eines Standes, einer Körperſchaft ſich fühlen will; alle urſprüngliche Geſellſchaftsverbindung und noch heute alle einfacheren geſellſchaftlichen Beziehungen beruhen darauf. Die feinere Geſelligkeit lebt heute noch von der Fiktion, die ſich in einem Salon Verſammelnden ſeien gleich und erkennten ſich als ſolche an. Aber alle Ausbildung der Individualität wie alle kompliziertere Geſellſchaftsverfaſſung hängt mit dem Triebe, der zunächſt bei den Stärkſten, Begabteſten ſich zeigt, zuſammen, über dieſe Anerkennung als Gleicher unter Gleichen hinauszukommen.

Indem der Menſch ſeine Gefühle und Vorſtellungen zum Selbſtgefühl zuſammenfaßt, ſein eigenes Ich der übrigen Welt, den Gliedern ſeiner Familie, ſeinen Genoſſen entgegenſetzt, entſteht notwendig in ihm die Neigung, dieſen Schnitt zwiſchen ſich und den übrigen zu benutzen zu einer Erhebung über ſie. Es entſtehen die ſelbſtiſchen Gefühle, die Eigenliebe, die Schadenfreude, der Hochmut, das Beſſerſein- und Beſſerwiſſenwollen. Der Knabe freut ſich der ſtärkſte, der Jüngling der tapferſte zu ſein. Die primitivſten Anfänge einer komplizierteren Geſellſchaftsverfaſſung ſchaffen Häuptlings-, Führer-, Richter-, Prieſterſtellen, auf Grund deren ſich einzelne über die anderen erheben; die geſchlechtlichen Beziehungen bringen eine Auswahl der ſchönſten Weiber für die angeſehenen Männer; die wachſende Habe, der Herdenbeſitz, ſpäter das Grundeigentum ſchaffen Abſtufungen in der ſocialen und wirtſchaftlichen Lage, die mit den Abſtufungen der ſocialen Ehre erſt parallel gehen, ſpäter auch getrennt von ihnen als Ziel die Kraftvolleren locken. Kurz es entſteht nach und nach der Kampf um höhere Ehre, größeren Beſitz, ſchönere Weiber, das Ringen um höheres geſellſchaftliches oder irgendwie ſpecialiſiertes Anſehen. Die Rivalitätskämpfe ſowohl der einzelnen als der Gruppen der einzelnen ſpielen bald eine größere, bald eine geringere Rolle; ganz fehlen ſie in keiner menſchlichen Geſellſchaft; ſie ſind das Schwungrad des Fortſchritts, erzeugen den Kampf ums Daſein in ſeinen verſchiedenen Formen.

Der Erwerbstrieb in den mit ausgebildetem Eigentum wirtſchaftenden Völkern iſt eine Unterart dieſes allgemeinen Rivalitätstriebes. Wir gehen auf ihn nun noch etwas genauer ein.

6. Der Erwerbstrieb und die wirtſchaftlichen Tugenden.

17. Dogmengeſchichtliches. So oft über die Urſachen menſchlichen Handelns ernſthafter nachgedacht worden iſt, haben ſich Denker gefunden, welche alles Handeln, auch die Tugenden der Menſchen auf die Selbſtliebe zurückführten. Die Sophiſten und Epikur gingen voraus; ihnen folgte der engliſche Senſualismus, Hobbes und Mandeville, der mit brutalerer Offenheit als alle anderen die Ableitung des menſchlichen Thuns aus der Selbſtliebe in ſeiner Bienenfabel vornahm, endlich die franzöſiſchen Materialiſten des 18. Jahrhunderts, voran Helvetius, der mit ſeltenem Scharfſinn den Wandlungen des Egoismus im menſchlichen Herzen nachgehend, die Luſt und Unluſt mehr nur in ihren niedrigeren Sphären verfolgend, der glänzendſte Theoretiker des Egoismus geworden iſt und auf die ganze geiſtige Atmoſphäre ſeiner Zeit einen erheblichen Einfluß geübt hat. Die ganze zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war an ſich dem Kultus des Individuums gewidmet, das die einen als boshaftes, nur durch die Geſetze in Zaum gehaltenes Tier, die anderen als edles herrliches Weſen ſich konſtruierten, das vom Schutt der Überlieferung befreit und ſich ſelbſt überlaſſen, nur Gutes vollbringe. Die Beſchäftigung mit den wirtſchaftlichen Fragen legte eine Betonung der Selbſtliebe überdies be- ſonders nahe.

Ein ſo feiner Pſychologe und Ethiker, wie Ad. Smith, der im übrigen ein Gegner dieſer materialiſtiſchen Theorien war, brauchte nun nur in ſeinen volkswirtſchaftlichen Erörterungen von der natürlichen Neigung jedes Menſchen, ſein eigenes Intereſſe zu verfolgen, zu ſprechen und optimiſtiſch die guten durchſchnittlichen Folgen dieſer Neigung zu rühmen, und ein Geſchlecht von Epigonen, voran die engliſchen Empiriſten unter Benthams Leitung und die etwas ſteifleinenen unphiloſophiſchen deutſchen Kameraliſten wie Rau und Lotz kamen nun zu einer allgemeinen Theorie, die dahin lautete, daß der Egoismus, der Eigennutz, das Selbſtintereſſe, der Erwerbstrieb (dieſe keineswegs identiſchen, aber verwandten Begriffe wurden häufig zuſammengeworfen) die ausſchließliche Grundlage der Volkswirtſchaft ſei, daß wenigſtens in unſerer Wiſſenſchaft nur die Folgen dieſes Triebes zu unterſuchen ſeien. Bentham zieht aus einer Unterſuchung der ver- ſchiedenen Arten des menſchlichen Glückes die Folgerung, daß die Freude am Reichtum eine centrale Stellung einnehme, da er die Mittel für alle anderen Freuden darbiete. Für Senior iſt der Satz, daß jeder Menſch ein Mehr von Wohlſtand mit ſo wenig Opfern als möglich erreichen will, der Eckſtein der politiſchen Ökonomie, die letzte Thatſache, über welche nicht zurückgegangen werden könne. Rau erklärt das Verhältnis der Menſchen zu den ſachlichen Gütern für ein unwandelbares, die Selbſtſucht als fortdauernde Triebkraft iſt ihm die Vorausſetzung, ohne welche kein einziges volkswirt- ſchaftliches Geſetz aufgeſtellt werden könne.

Die Tragweite dieſer Sätze iſt teilweiſe von Rau ſelbſt ſchon etwas eingeſchränkt worden; andere haben ſie in anderer Art zu modifizieren geſucht. Man hat die Selbſt- ſucht in die Selbſtliebe oder in das ſog. geläuterte Selbſtintereſſe umgedeutet, das bei edlen Menſchen alle höheren Lebensziele mitumfaſſe. Man hat den Gemeinſinn, das Recht und die Billigkeit oder den ſog. Altruismus (die Liebe zu anderen im Gegenſatz zum Egoismus) als gleichwertige Triebe neben den Erwerbstrieb geſtellt, um alle wirt- ſchaftlichen Handlungen zu erklären (Hermann, Roſcher, Knies, Sax). Man hat aus dem Erwerbstriebe einen allgemeinen wirtſchaftlichen Sinn gemacht, der Kraftaufwand und Erfolg ſtets vergleiche (Dietzel). Oder man hat zugegeben, daß die ſocialen Erſcheinungen von dem Ganzen der Eigenſchaften der menſchlichen Natur beeinflußt werden, aber daneben das Verlangen nach Reichtum als ausſchließliche Urſache der Volkswirtſchaft dadurch zu retten geſucht, daß man die Wiſſenſchaft für eine hypothetiſche erklärt hat (J. St. Mill), die nur die Folgen dieſes Verlangens zu unterſuchen habe und deren Ergebniſſe von der Wirklichkeit ſich ebenſo weit entfernten, wie die hypothetiſche Urſache von der Geſamtheit der Urſachen entfernt ſei.

In all’ dieſen Abweichungen zeigt ſich die Erſchütterung und Unſicherheit der alten Lehre, ohne daß eine neue, ebenſo anerkannte an die Stelle getreten wäre. Nach wie vor wird hier das ſog. privatwirtſchaftliche Syſtem auf den Erwerbstrieb zurückgeführt, dort die ganze Preisunterſuchung an die Vorausſetzung des Eigennutzes geknüpft. Wir müſſen auch zugeben, daß unſer heutiges und wohl alles Erwerbsleben mit dem Eigennutz in einer innigeren Verbindung ſteht, als etwa unſer Staats- und Kirchenleben. Es wird ſich alſo, um das Wahre zu finden, darum handeln, einfach noch einen Schritt weiter zurückzugehen, als dies Hermann, Roſcher und Knies gethan, ſich nicht mit zwei Abſtraktionen, Erwerbstrieb und Gemeinſinn, zu begnügen, ſondern, wie wir dies bereits begonnen, pſychologiſch und hiſtoriſch zu unterſuchen, was die Triebfedern des wirtſchaftlichen Handelns überhaupt ſeien, wie der ſog. Erwerbstrieb neben anderen Trieben ſich ausnehme, wie die bloßen wirtſchaftlichen Triebe ſich verhalten zu den Eigenſchaften, die wir als wirtſchaftliche Tugenden bezeichnen, wie neben dem Erwerbstrieb die Arbeitſamkeit, die Sparſamkeit, der Unternehmungsgeiſt entſtehe.

18. Entſtehung, Entartung, Verbreitung des Erwerbstriebes. Wir beginnen mit der Frage, hat der Menſch von Haus aus einen egoiſtiſchen Erwerbstrieb in dem Sinne, daß er größere Vorräte ſachlicher Güter für ſich anzuhäufen, zu ſammeln ſtrebt; iſt ein Trieb dieſer Art die primäre Verurſachung alles wirtſchaftlichen Handelns, d. h. des Handelns, das die Unterwerfung der materiellen Außenwelt unter die Zwecke des Menſchen erſtrebt, die wirtſchaftliche Bedürfnisbefriedigung im Auge hat?

Darauf iſt zu antworten, daß die elementaren ſinnlichen Luſt- und Schmerzgefühle und das an ſie ſich knüpfende Triebleben, daß ferner die Freude am Glanz und Schmuck, an Waffen und Werkzeugen, am Erfolg der eigenen gelungenen Thätigkeit unzweifelhaft die erſten und dauerhafteſten Veranlaſſungen wirtſchaftlichen Handelns ſind. Miſcht ſich auch in die früheſte Bethätigung dieſer Gefühle ſchon die Neigung, dieſes und jenes ausſchließlich dem eigenen Gebrauch vorzubehalten, wie wir es beim Kind und beim Wilden ſehen, ein eigentlicher Erwerbstrieb iſt weder beim Kind und Jüngling, noch bei all’ den primitiven Stämmen vorhanden, die noch zu keinem größeren Herden- oder ſonſtigen Vermögen, zu keinem Handel gekommen ſind. Die wirtſchaftliche Anſtrengung wird urſprünglich weſentlich durch den Hunger veranlaßt, träge Faulheit und verſchwendender Genuß wechſeln; der unbedeutende Beſitz an Werkzeugen und Waffen wird als Inſtrument der Selbſterhaltung geſchätzt; aber nicht ſowohl der Vorrat an ſich, der Beſitz an ſich erfreut, zumal ein größerer kaum nutzbar zu machen wäre, ſondern der Mann freut ſich ſeines Schmuckes, ſeiner Werkzeuge, ſeiner Waffen, weil ſie ihm Anſehen und Gelegenheit zu gelungeneren Kraftproben und beſſerem Jagderfolg geben. Mit der Zunahme der Bedürfniſſe und des Beſitzes, mit der Ausbildung des Thätigkeitstriebes, mit der wachſenden Geſchicklichkeit fängt eine gewiſſe Gewöhnung an Anſtrengung und Arbeit an. Der Anerkennungs- und Rivalitätstrieb miſcht ſich ein; der Mann will nicht als ſchlechter Kämpfer und Jäger verachtet ſein. Die Frauen, die Greife, die Sklaven widmen ſich wirtſchaftlicher Thätigkeit für andere teils aus Sympathie für die Ihrigen, teils aus Furcht vor Mißhandlung, nicht aus Erwerbstrieb. Der natürliche Trieb jedes rohen Menſchen, die eigenen Intereſſen denen anderer vorzuziehen, zeigt ſich auf dieſer Kulturſtufe, ſoweit er nicht durch geſellſchaftliche Einrichtungen unterdrückt iſt, eher noch in dem Streben nach größeren und beſſeren Portionen der Nahrung und des Trankes, nach ſchöneren Schmuckgegenſtänden, nach dem Ehrenplatz bei Feſten, als in dem nach einem angehäuften Gütervorrat.

Erſt mit dem Herdenbeſitz, dem Beſitz mehrerer Weiber und Sklaven, noch mehr ſpäter mit dem Handel und dem Edelmetallbeſitz, mit dem Leihgeſchäft entſteht eine intenſivere Richtung der menſchlichen Selbſtſucht auf Beſitzanhäufung. Der Vornehme rühmt ſich ſeiner Rinder und ſeiner Goldringe; ein gewaltiges Kämpfen und Ringen um die in den Truhen anzuſammelnden Metallſchätze beginnt; die Poeſie der Germanen iſt nach ihrer Berührung mit der ſüdeuropäiſchen Kultur jahrhundertelang erfüllt von dem Schatze der Nibelungen. Mord und Gewalt, blutige That und verräteriſche Liſt wird geprieſen und geehrt, wenn ſie nur Schätze bringt. Erſt ſehr langſam geht der gewaltthätige Kampf, den der geſteigerte Beſitz unter den einzelnen wie unter den Stämmen anfangs erzeugt, in das über, was dann innerhalb einer gefeſteten Rechtsordnung und unerbittlich ſtrenger Religionsſatzungen und Sittenregeln eine beruhigtere Zeit als erlaubtes Streben nach Geld und Gut anerkennt. So entſteht der Erwerbstrieb bei den Kulturvölkern; er geht Hand in Hand mit der Ausbildung des Selbſtgefühls und des Selbſtbewußtſeins, mit der Entſtehung der modernen Individualität. Die Selbſterhaltung und Selbſtbehauptung, früher viel mehr auf anderes gerichtet, konzentriert ſich jetzt bei vielen Menſchen auf Erwerb, Gewinn, Vermögensbeſitz. Das Emporſteigen über andere, die Thätigkeit für die Familie und die Zukunft, der Ehrgeiz und die Freude an der Macht, der Lebensgenuß und der Kunſtſinn, — alle dieſe Ziele fordern nun Vermögenserwerb.

Die Ausbildung des Erwerbstriebes iſt eines der wichtigſten Mittel, welche die Menſchen nach und nach der Barbarei, der Faulheit, dem Leben in den Tag hinein entziehen. Indem der Sinn ſich mehr darauf richtet, ſtatt augenblicklichen Suchens von Genüſſen, ſtatt Eſſens und Spielens, überhaupt wirtſchaftliche Mittel zu ſammeln, wird das Leben zerlegt in die zwei großen einander ſtetig ablöſenden Teile: Arbeit und Genuß. Die erſte Erziehung zum Fleiß mag durch den Stock erfolgen, die dauernde, intenſive, innerlich umwandelnde erfolgt durch den Gewinn, welchen erſt der Raub und die Gewalt, ſpäter aber der Fleiß und die Anſtrengung bringt. Mit der Richtung des Willens auf erlaubten, rechtlichen Gewinn iſt die Unterdrückung der augenblicklichen Luſt, die Überwindung des Unbehagens der Arbeit gegeben; es iſt der Anfang des ſittlichen Lebens, den Moment unter die Herrſchaft künftigen Gewinns, künftiger Luſt zu ſtellen. Der Erwerbstrieb wird ſo zur Schule der Arbeit, der Anſtrengung, er erhebt das Individuum auf eine ganz andere Stufe des Daſeins, des Denkens, des Sich-Beherrſchens; er giebt durch ſeine Erfolge dem Individuum erſt die wahre Selbſtändigkeit und Unabhängigkeit, die Würde und die Freiheit, zeitweiſe Höherem zu leben. Alle Kulturvölker haben ſo einen Erwerbstrieb, der dem Wilden, dem Barbaren fehlt. Der Indianer, welchen ein Rechts- und Ehrgefühl, ein Mut im Ertragen, ein Selbſtgefühl auszeichnet, das jeden Europäer beſchämt, teilt mit jedem Hungrigen ſein Mahl, und verachtet nicht bloß den Beſitz überhaupt, ſondern noch mehr die europäiſche Unruhe und Sorge um den Beſitz: jeder Europäer kommt ihm geizig und habſüchtig vor. Wie könnt ihr, fragt er, ſo große feſte Häuſer bauen, da das Menſchenleben doch ſo kurz iſt? Die vollendete Ausbildung aber erhält der Erwerbstrieb erſt da, wo die wirt- ſchaftliche Eigenproduktion zurücktritt hinter die für den Markt, wo die Mehrzahl der Menſchen aus einem komplizierten Tauſchmechanismus den größeren Teil ihres Einkommens empfangen und wo die Beeinfluſſung dieſer Einkommensverteilung durch den Stärkeren, Klügeren, Fleißigeren dieſem leicht größere Anteile bringt. Es iſt zugleich die Zeit, in welcher viele der alten, kleinen ſocialen Gemeinſchaften mit ihrer Gemütlichkeit, ihrer gegenſeitigen perſönlichen Rückſichtnahme ſich auflöſen; ein ſteigender Teil der Wirt- ſchaftenden ſteht ſich jetzt auf dem Waren- und Arbeitsmarkt in einer gewiſſen abſtrakten Gleichgültigkeit ſchon deshalb gegenüber, weil man ſich, abgeſehen von den Geſchäftsbeziehungen, nicht kennt. Es entſteht in dieſen wirtſchaftlichen Kreiſen die moraliſche, teilweiſe durch das Recht geſchützte Lehre, jeder dürfe ohne Rückſicht auf den Schaden anderer ſein wirtſchaftliches Intereſſe verfolgen. Es entſteht für die an den Konkurrenzkämpfen Teilnehmenden der Erwerbstrieb, wie er in Handelsſtädten die Kaufleute, Großunternehmer, Spekulanten beherrſcht, wie er auf der Börſe als berechtigt, heilſam und notwendig angeſehen wird.

Der hiſtoriſchen Entwickelung des Erwerbstriebes entſpricht ſeine geographiſche Verbreitung. Die ſüdlichen und öſtlichen Völker Europas kennen ihn nicht ſo wie die nordöſtlichen; am ſtärkſten iſt er in England und Nordfrankreich ausgebildet; in Deutſchland kennt ihn der Norden mehr, als der Süden. Daß er in den Vereinigten Staaten, wie in allen Kolonialländern mit klugen, energiſchen Einwohnern hochentwickelter Raſſe beſonders ſtark zu Hauſe iſt, kommt weſentlich mit daher, daß man dort andere höhere Lebensziele weniger kennt, als in den Ländern alter Kultur.

Nirgends iſt dieſer Erwerbstrieb über alle Klaſſen der Geſellſchaft gleichmäßig verbreitet. Händler, Bankier, Großunternehmer haben ihn mehr als die rationellſten Landwirte; dem Offizier, Geiſtlichen, Beamten fehlt er vielfach nur zu ſehr; der Handwerker und Kleinbauer hat erſt langſam und ſporadiſch, je nachdem er rechnen, buchführen, ſpekulieren lernt, Teil daran. Die Arbeiter und die unteren Klaſſen überhaupt haben faſt allerwärts noch eher einen zu geringen Erwerbstrieb. Das ſinnliche Triebleben des Augenblickes iſt noch ſtärker als der Sinn für die Zukunft, als die Selbſtbeherrſchung, die ſich für die Kinder, für künftige Genüſſe anſtrengt. Wir hatten bis vor kurzer Zeit ländliche Arbeiter, die nach einer guten Kartoffelernte einige Tage in der Woche faulenzten. Man mag dieſe ſtumpfe Trägheit teilweiſe auf die erſchöpfende mechaniſche Arbeit zurückführen, wie ſie die moderne Volkswirtſchaft geſchaffen, mehr iſt ſie doch bei den ländlichen, als bei den induſtriellen Arbeitern zu Hauſe, die in ihrer oberen Hälfte heute mit höheren Bedürfniſſen, mit ihrem Eintritt in harte Lohnkämpfe auch einen kräftigen Erwerbstrieb zu entwickeln beginnen. So roh er da und dort auftreten mag, ſo liegt darin doch ein unzweifelhafter Fortſchritt.

Der Erwerbstrieb ruht ſo in ſeiner ſucceſſiven Ausbildung 1. auf beſtimmten techniſchgeſellſchaftlichen Vorausſetzungen, 2. auf beſtimmten moraliſchen Anſchauungen, Sitten und Rechtsſchranken, und 3. auf den urſprünglichen Trieben und Luſtgefühlen, die in jedem Individuum thätig, aber bei den verſchiedenen Menſchen einen ſehr verſchiedenen Grad von egoiſtiſcher Leidenſchaft erreichen. Dieſe Luſtgefühle, der Wunſch nach Lebensgenuß, Macht und Anſehen ſtehen ſtets mehr oder weniger im Hintergrund. In Zeiten, wo die Genüſſe des Lebens, der Luxus, der Ehrgeiz wächſt, und an Orten, wo dies geſchieht, wie in den modernen Großſtädten, nimmt auch der Erwerbstrieb ſtark zu. Aber doch ſpielen bei vielen, überwiegend vom Erwerbstrieb Geleiteten dieſe Motive keine ausſchlaggebende Rolle. Der Reichtum, urſprünglich nur ein Mittel für höhere Lebensgenüſſe, iſt für ſie zum Selbſtzweck geworden; ſie freuen ſich nicht ſowohl des Beſitzes als des guten jährlichen Geſchäftsabſchluſſes, ihrer Fähigkeit, anderen im Beſitz zuvorzukommen und etwa noch der ſocialen Macht, die ihnen der Beſitz giebt, der ſteigenden Abhängigkeit anderer von ihnen, unter Umſtänden der Möglichkeit, Gutes im großen Stil zu thun.

In den Zeiten der höchſten wirtſchaftlichen Blüte der Völker, welche in der Regel mit einem hochentwickelten Waren-, Geld- und Kredithandel zuſammenfallen, in welcher zahlreiche überkommene Schranken der Sitte und des Rechtes fallen, wird leicht der an ſich berechtigte Erwerbstrieb zu jener fieberhaften Sucht des Erwerbes, die nicht ſowohl durch eigene Anſtrengung und tüchtige Leiſtung, als durch Ausnutzung anderer, durch Druck und Überliſtung, durch Schamloſigkeit und Betrug raſch möglichſt viel verdienen will. Es ſind die Zeiten, in welchen die Millionäre ſcherzen, daß ſie mit den Armeln das Zuchthaus geſtreift, und die radikalen Arbeiterführer jeden Unternehmer der räuberiſchen Profitwut anklagen. Da herrſcht jene ruheloſe Habſucht, von der Plinius ſagt, daß ſie alles vernichtet habe, was dem Leben wahren Wert gegeben habe, jene ungerechte Pleonexie, von der Ariſtoteles ſagt, daß ſie keine Grenzen kenne und die größten Ungerechtigkeiten begehe, nur um mehr zu haben als andere. Wenn ein naiver Materialismus in unſeren Tagen jede Art des rückſichtsloſen Erwerbstriebes als das Schwungrad des Fortſchrittes preiſt, ſo iſt zwar zuzugeben, daß die großen wirtſchaftlichen Anſtrengungen und Leiſtungen unſerer Kulturnationen nicht ohne einen ſtarken, ja rückſichtsloſen Erwerbstrieb möglich wären. Aber ebenſo ſicher ſcheint uns zu ſein, daß die uberſpannung des Erwerbstriebes bis zur Hartherzigkeit die ſocialen Beziehungen vergiften, den Frieden in der Geſellſchaft vernichten und durch die erzeugte Gehäſſigkeit und ſittliche Roheit, durch die entſtehenden Kämpfe den vorhandenen Wohlſtand untergraben und verſchütten kann. Es iſt daher die große Frage unſerer Zeit, durch welche ſittliche Mittel und durch welche ſociale Einrichtungen einerſeits das Maß geſunden Erwerbstriebes zu erhalten iſt, ohne welches das wirtſchaftliche Streben großer Gemein- ſchaften (die berechtigte Selbſtbehauptung), die Freiheit der Perſon und die Entwickelung der Individualität nicht zu denken iſt, und andererſeits doch jene Habſucht und ſociale Ungerechtigkeit zu bannen wäre, die unſere ſittliche wie unſere wirtſchaftliche Exiſtenz bedrohen. Die Socialdemokratie glaubt, es ſei nur zu helfen durch Ausrottung aller Profitmacherei, ſie hofft auf ein goldenes Zeitalter mit Menſchen ohne Egoismus. Der Hiſtoriker und Geograph wird daran erinnern, daß es mancherlei Volkstypen gebe, wie z. B. die Madagaſſen, bei denen der Erwerbstrieb viel ſchamloſer, ohne die bei uns meiſt damit verbundene Energie und wirtſchaftliche Thatkraft, rein als Geiz, als Habgier, als bloßes Laſter auftrete. Er wird daran erinnern, daß auch der Erwerbstrieb im ſpäteren Rom und Athen ſchlimmer war, als bei uns, daß der germaniſche Erwerbstrieb in Grenzen bleibt, den andere Raſſen nicht kennen, daß manche Kulturnationen einen reellen anſtändigen Kaufmannsgeiſt, eine Kaufmannsehre kennen, die in einer eigentümlichen Verknüpfung des Erwerbstriebes mit höheren Eigenſchaften der Seele und mit mancherlei Tugenden beſteht. Er wird es alſo für möglich halten, daß der Erwerbstrieb immer gereinigter auftrete, in einer komplizierteren Weiſe mit anderen ſittlichen Kräften ſich verbinde, durch höhere Formen des geſellſchaftlichen Lebens nicht vernichtet, ſondern richtig reguliert werde.

19. Würdigung des Erwerbstriebes. Wir haben im bisherigen nur vom Erwerbstrieb geſprochen: denn er iſt in der Hauptſache auch von denen gemeint, welche vorgeben, aus dem Egoismus, der Selbſtſucht, dem Selbſtintereſſe die Volkswirtſchaft abzuleiten. All’ das ſind weitere Begriffe, die ſich nicht auf das wirtſchaftliche Leben beſchränken, ſich nicht mit dem Erwerbstrieb decken. Der Egoismus und ſeine Potenzierung, die Selbſtſucht bezieht alles auf das Individuum, hat nur ſich im Auge, vernachläſſigt alles übrige; es giebt Leute mit ſtarkem Erwerbstrieb, die aber keine Egoiſten ſind. Das Selbſtintereſſe des Menſchen ſteht im Gegenſatz zum Intereſſe für andere; das geläuterte Selbſtintereſſe hat aber auch alle höheren Gefühle, beſonders die für naheſtehende Perſonen, das Vaterland und ähnliches in ſich aufgenommen. Wir brauchen dabei nicht zu verweilen. Wir haben nur den wirtſchaftlichen Erwerbstrieb zu würdigen.

Er iſt, wie wir ſahen, kein urſprünglicher und fundamentaler Trieb, wie etwa der Selbſterhaltungstrieb; er kann nicht mit einigen anderen klar von ihm geſchiedenen Trieben den Anſpruch erheben, die Reihe der menſchlichen Triebe zu erſchöpfen. Er iſt ein ſpätes Ergebnis der höheren Entwickelung des Selbſterhaltungs- und Thätigkeitstriebes ſowie des individuellen Egoismus, die auf gewiſſer wirtſchaftlicher Kulturſtufe ihn erzeugen; er wächſt hervor aus den ſinnlichen Bedürfniſſen und dem rechnenden Sinn für die Zukunft, aus Selbſtbeherrſchung und kluger Anſtrengung. Es hat Jahrtauſende wirtſchaftlichen Handelns gegeben ohne ihn. Auch wo er heute ausgebildet iſt, erhält er ſeine Färbung bei den einzelnen durch eine verſchiedene Verbindung mit anderen Gefühlen und Trieben; er verknüpft ſich beim einen mit ſtarken ſinnlichen Begierden, beim anderen mit aufopferndem Familienſinn, beim dritten mit Ehrgeiz und Machtgelüſten; derſelbe Erwerbstrieb iſt hier mit Verſchwendung, dort mit Geiz, hier mit Energie und Thatkraft, dort nur mit Schlauheit verbunden.

Der Erwerbstrieb iſt keine überall gleiche Naturkraft, er iſt ſtets gebunden und gebändigt durch gewiſſe ſittliche Einflüſſe, Rechtsſatzungen und Inſtitutionen. Aber dieſe können zu einer gewiſſen Zeit, in einem beſtimmten Volke, bei einer ſocialen Klaſſe im Durchſchnitte ſo einheitliche ſein, daß allerdings geſagt werden kann, auf dem Markte und im Geſchäftsleben werden beſtimmte Menſchengruppen regelmäßig durch ihn, durch den Trieb, mit möglichſt wenig Opfern viel zu erwerben, beſtimmt. Und darauf beruht die Möglichkeit, die Preisbildung, die Einkommensverteilung, die Zinsbildung und ähnliche volkswirtſchaftliche Erſcheinungen unſerer Kulturſtaaten auf den vorher beſtimmt geſchilderten oder den allgemein angenommenen Erwerbstrieb zurückzuführen. Man darf nur dabei nie überſehen, daß ſelbſt unter den Kaufleuten derſelben Stadt dieſer Erwerbstrieb nicht ſtets derſelbe iſt; vollends hat der ſchamloſe Wucherer oder der harte Faktor einer Hausinduſtrie nicht denſelben Erwerbstrieb, wie der vornehme reelle Unternehmer, der jeden unrechten und unbilligen Gewinn verſchmäht, ſeinen Kunden ſtets mit kleinen Dienſten und Gefälligkeiten entgegen kommt, ſich mit ihnen auf dem- ſelben ſittlich-ſympathiſchen Boden weiß, ſeine Leute gut behandelt.

Auch wenn heute das Feilſchen, Kaufen und Verkaufen und ähnliche Handlungen auf den Erwerbstrieb zurückgeführt werden können, ſo iſt damit nicht alles wirtſchaftliche Handeln, ſo ſind damit nicht alle volkswirtſchaftlichen Erſcheinungen erklärt. Iſt etwa die Haus- und Familienwirtſchaft, ſind die Unternehmungsformen, die ſtaatliche Finanz auf den Erwerbstrieb zurückzuführen? Noch weniger läßt ſich behaupten, daß das Maß des zunehmenden Erwerbstriebes zugleich das Maß des ſteigenden Reichtums der Völker ſei. Nur das iſt richtig, daß die zunehmende Ausbildung der Tauſchwirt- ſchaft und Tauſchgeſellſchaft die ſtärkere Ausbildung des Erwerbstriebes vorausſetzte, und daß die Steigerung individueller wirtſchaftlicher Energie und Thatkraft in den letzten Jahrhunderten ohne ihn nicht denkbar wäre.

Darin liegt auch der Maßſtab für ſeine ſittliche Beurteilung. Der wachſende Erwerbstrieb hat eine ſteigende Zahl von Menſchen erzeugt, die vor allem Vermögen gewinnen wollen: die Leute mit kräftigem Willen, klugem Unternehmungsgeiſt, harter Energie, welche oft von Ehrgeiz und Eitelkeit, oft von ſtarken animaliſchen Trieben beherrſcht, häufig ohne höhere Intereſſen und ohne ſtärkere ſympathiſche Gefühle ſind, ſpielten eine erhebliche Rolle, wurden vor anderen reich. Gewiß ſind das häufig keine anziehenden, edlen Perſönlichkeiten; ebenſowenig iſt zu wünſchen, daß ſie ausſchließlich die Geſellſchaft beherrſchen; aber ſo lange ihre Thatkraft und Energie ſehr viel größer iſt als ihr Erwerbstrieb, ihre Härte gegen ihre Konkurrenten, Kunden und Arbeiter, fragt es ſich ſtets, ob ſie der Wohlfahrt des Ganzen nicht mehr dienen, als wenn an ihrer Stelle edle Schwächlinge und unkluge, geſchäftsunkundige Unternehmer ſtünden. Überhaupt iſt für alle Klaſſen die Ausbildung des Erwerbstriebes ſo lange ein Fort- ſchritt, als er die Thätigkeit im ganzen ſteigert, ohne zur Ungerechtigkeit, zur Herzloſigkeit und Freude an der Mißhandlung der Schwachen zu führen, wie wir ſie als Laſter des Geizhalſes, des Arbeiterſchinders, des Wucherers kennen.

Es gilt ſo vom Erwerbstrieb, was von allen ſelbſtiſchen Neigungen gilt: ſie haben ihr Recht im Syſtem des menſchlichen Handelns, wenn ſie einerſeits die Individuen in ihrer Selbſtbehauptung, in ihrer Geſundheit, ihrer Kraft und Leiſtungsfähigkeit ſtärken und andererſeits die Grenzen inne halten, die durch die Wohlfahrt des Ganzen geſteckt ſind, wenn ſie als Teilinhalte des menſchlichen Willens ſich den höheren Zwecken richtig eingliedern. Der bloße nackte Erwerbstrieb iſt böſe und iſt auch wirtſchaftlich zerſtörend, ſofern alles höhere wirtſchaftliche Leben in Verbänden ſich vollzieht, die nicht ohne ſympathiſche Gefühle und ſittliche Einrichtungen exiſtieren können. Die Familienwirtſchaft, die Unternehmung, das wirtſchaftliche Vereins- und Korporationsweſen, ja ſelbſt der einfache Markt- und Tauſchverkehr ruhen auf dem Gefühl eines gewiſſen Verbundenſeins, eines wechſelſeitigen Vertrauens; ſie ſind ohne eine Summe moraliſcher Eigenſchaften, wie Billigkeit und Gerechtigkeit, nicht möglich. Mindeſtens all’ das, was man als wirt- ſchaftliche Tugenden bezeichnet, muß ebenſo wie der Erwerbstrieb in einem wirtſchaftlich voranſchreitenden Volke vorhanden ſein. Und man könnte aus dieſen Tugenden viel eher verſuchen, pſychologiſch die ganze Volkswirtſchaft abzuleiten, als aus dem Erwerbstrieb, zumal aus der centralen und wichtigſten wirtſchaftlichen Tugend, aus der Arbeit- ſamkeit. Wenn wir im folgenden von ihr ſprechen, dürfen wir nicht vergeſſen, daß die Betrachtung dieſer wie der anderen individuellen wirtſchaftlichen Tugenden im ganzen denſelben pſychologiſchen und hiſtoriſchen Prozeß im Auge hat, wie die Unterſuchung des Erwerbstriebes, nur von einem anderen Geſichtspunkte aus. Auf die weſentlich individuellen beſchränken wir uns hier, da wir die ſympathiſchen Gefühle und die an ſie ſich knüpfenden Eigenſchaften teils ſchon erwähnt haben, teils im Zuſammenhange mit den ſocialen Einrichtungen, an die ſie ſich knüpfen, erörtern werden.

20. Die Arbeit und die Arbeitſamkeit. Wenn wir unter Arbeit jede menſchliche Thätigkeit verſtehen, welche mit dauernder Anſtrengung ſittlich-vernünftige Zwecke verfolgt, ſo können wir zweifeln, ob wir die einzelnen Anläufe des Barbaren, das Wild zu erlegen oder ſonſtwie Nahrung zu ſuchen, ſchon ganz als Arbeit bezeichnen ſollen. Von den Tieren legen wir nur denen Arbeitſamkeit bei, welche, wie die Bienen, ſcheinbar planvoll und andauernd für ihre Lebenszwecke thätig ſind. Der Menſch muß erſt langſam die Arbeit lernen. In geiſtvoller Weiſe hat Bücher nachzuweiſen verſucht, daß hiebei in älteſter Zeit der Rhythmus, Muſik und Geſang, vielfach erziehend eingewirkt, dem Menſchen über Ermüdung und Trägheit weggeholfen, ihm die gemeinſame Arbeit mehrerer erleichtert habe. Er hat damit die alte Wahrheit geſtützt, daß die Ausbildung der äſthetiſchen und der ethiſchen Gefühle und Eigenſchaften aufs engſte zuſammenhängt. Mit der Seßhaftigkeit, dem Acker- und Gartenbau, welche eben deshalb der Wilde verabſcheut, beginnt jene größere Mühſal, die das deutſche Wort Arbeit bezeichnet, beginnt die Notwendigkeit, in feſt geregelten Perioden thätig zu ſein. Aus ſolcher Zeit ſtammt der Fluch: „Im Schweiße deines Angeſichts ſollſt du dein Brot eſſen“ und die Regel der ſechstägigen Arbeit auf einen Ruhetag, welche ſeitdem die ganze Welt beherrſcht. Lange waren bei vielen Völkern überwiegend die Schwächeren gezwungen, die harte Arbeit des Ackerns, Schleppens, Hüttenbauens zu vollführen: die Weiber und die Knechte. Es iſt ein großer Fortſchritt, wenn auch die freien Männer hinter dem Pfluge zu gehen beginnen. Auch thun es nicht ſofort alle Volksgenoſſen; die eigentlich wirtſchaftliche Arbeit bleibt lange für die Ariſtokraten eine Schande. Und noch heute haben wir thörichte Parvenüs, verzogene Mutterſöhnchen und eitle Weiber genug, die Faulenzen für vornehm halten, die nicht einſehen wollen, daß die Faulheit aller Laſter Anfang und alles Glückes Grab ſei. Die gewöhnliche Ackerbeſtellung in unſeren Klimaten läßt für die Arbeit noch lange Pauſen zu. Der Bauer alten Schlages kann träge einige Monate hinterm Ofen ſitzen, er arbeitet nicht nach der Uhr, ſondern nach der Sonne und der Jahreszeit. Die Hauswirtſchaft aber und das gewöhnliche Gewerbe führen zu einer Thätigkeit, die Tag für Tag, von früh bis ſpät gethan ſein will. Im Hauſe, in der Werkſtatt lernt der Menſch intenſiver, gleichmäßiger arbeiten, weil das eine ſich ſtets an das andere anknüpft, weil Vorräte an künftigen Gebrauchsmitteln hier geſchaffen werden können, die Freude am häuslichen Herd und am techniſchen Erfolg der Arbeit neue Reize giebt. Hauptſächlich aber lockt, wie wir ſahen, die Möglichkeit des Verkaufes zur Arbeit. Die Handelsthätigkeit wird ausſchließlich durch den Gewinn veranlaßt. Die Arbeit des Kriegers, des Prieſters hat zuerſt auch Beute und allerlei Gewinn neben der Ehre und der Macht in Ausſicht. In komplizierter Weiſe verbinden ſich die ver- ſchiedenſten Motive für die Entſtehung und Ausbildung aller höheren Arbeitsthätigkeit, während für die mechaniſchen Arbeiten, wie ſie mit der Arbeitsteilung das Los der unteren Klaſſen bleiben, bisher überwiegend entweder der äußere Zwang oder der Hunger das weſentliche Motiv blieb. Doch darf, wenn man heute ſo vielfach und mit Recht über eintönige mechaniſche Arbeit und Überarbeit klagt, wenn man betont, wie viele Menſchen heute gezwungen ſind, eine ihnen innerlich fremde, unverſtändliche Arbeit zu verrichten, nicht überſehen werden, daß es ohne ſolche Opfer, ſeit es eine höhere Kultur mit Arbeitsteilung gab, nicht abging. Es muß nur das Ziel ſein, dieſe Opfer zu vermindern, möglichſt alle Arbeit ſo zu geſtalten, daß ſie mit Teilnahme und Verſtändnis, nicht bloß aus Hunger und Not geſchieht.

Der Erziehungsprozeß der einzelnen, der Völker und der ganzen Menſchheit zur Arbeit iſt trotz der modernen Kehrſeiten einer mechaniſchen Überarbeit ein Weg nach oben; alles was zur Arbeit zwingt und veranlaßt, iſt beſſer als das Gegenteil, als Faulheit und Indolenz, enthält Elemente der wirtſchaftlichen und der ſittlichen, der körperlichen und geiſtigen Schulung. Arbeit iſt planvolle Thätigkeit, ſie beſteht in der Beherrſchung der wechſelnden Einfälle und Triebreize; ſie iſt ſtets ein Dienſt für Zwecke, die nicht im ſelben Augenblick, ſondern erſt künftig Gewinn, Lohn, Genuß verheißen. Jede Arbeit ſetzt Überwindung der Trägheit und der Zerſtreutheit voraus. Der Arbeitende muß ſich ſelbſt vergeſſen und ſich verſenken in ſein Objekt; die Natur einer Arbeit, nicht ſeine Luſt ſchreibt ihm Gebote vor. Der Arbeitende muß ſich Zwecken unterordnen, die er in der Schule, in der Werkſtatt, im vielgliedrigen Arbeitsorganismus oft gar nicht, oftmals nicht ſofort als heilſam und notwendig einſieht, er muß zunächſt gehorchen und ſich anſtrengen lernen. Er wird freilich ein um ſo tüchtigerer Arbeiter, je mehr er die Zwecke begreift, billigt, je mehr es direkt oder indirekt — durch den Lohn und durch das Gefühl, einem großen Ganzen zu dienen — ſeine eigenen Zwecke ſind, je mehr ſein Körper und ſein Geiſt durch Vererbung und Schulung für die beſtimmte Art der Arbeit geſchickt gemacht ſind.

Jede mechaniſche Arbeit hat geiſtige Elemente, kann, wie die des Holzhackers, Mähers, Steinträgers, geſchickt, klug, überlegt gethan werden; je künſtlicher Werkzeuge und Maſchinen werden, deſto mehr Umſicht und Verſtändnis erfordert auch die mechaniſche Lohnarbeit. Auch die rein geiſtige Arbeit hat ihre mechaniſchen Teile, wie der Schrift- ſteller, der Klavierſpieler oft die Muskeln und Nerven der Arme ruiniert. Die einſeitige körperliche wie die einſeitige geiſtige Arbeit darf nicht zu viele Stunden des Tages fortgeſetzt werden, muß mit Erholung, Schlaf und anderer Thätigkeit richtig abwechſeln. Aber im rechten Maße, von den rechten Schutzmitteln gegen Gefahren umgeben, iſt die Arbeit in der Regel eine Stärkung des Körpers und des Geiſtes. Die Arbeit giebt, wie uns die neuere Phyſiologie gezeigt hat, den geübten Körperteilen eine beſſere phyſiſche Zuſammenſetzung, macht ſie feſter, gegen Ermüdung widerſtandsfähiger, in der Bewegung unabhängiger, erregbarer. Der arbeitende Menſch, zumal der ſeit Generationen arbeitende, iſt flinker, rühriger, entſchloſſener, weil er über brauchbarere Knochen, Muskeln und Nerven verfügt als der träge. Die Nervenerregbarkeit iſt die weſentliche Urſache, daß dem Kulturmenſchen die ſtete Arbeit Bedürfnis und Freude iſt. In der Arbeit lernt der Menſch beobachten und gehorchen, er lernt Ordnung und Selbſtbeherrſchung. Nicht umſonſt verknüpft der Volksmund: Beten und Arbeiten. Nur durch die Arbeit giebt der Menſch ſeinem Leben einen Inhalt, der ſonſt — bei Hingabe an die elementaren Triebreize — fehlt. Nur durch die Arbeit lernt der Menſch ſeine Kräfte kennen, ſeine Zeit einteilen, einen Lebensplan entwerfen. Mit der Übung wachſen die Kräfte, mit den Kräften die Arbeitsfreude und das menſchliche Glück. In der Arbeit wurzelt alle ſittliche Thatkraft. Nur die Individuen, Familien, Klaſſen und Völker, die arbeiten gelernt, erhalten ſich; die, welche ſich der Arbeit entwöhnen, in Arbeitseifer und Geſchicklichkeit zurückgehen, verfallen. Otium et reges et beatas perdidit urbes.

21. Die anderen wirtſchaftlichen Tugenden. Während wir unter dem Fleiß die habituelle Richtung des Willens auf eine emſige Arbeitsthätigkeit verſtehen, bezeichnen wir mit der ſchon oben (S. 3) berührten Wirtſchaftlichkeit jene Eigenſchaft, die ſich zuerſt in der Hauswirtſchaft entwickelt, dann auf alle wirtſchaftliche, ja überhaupt in abgeleitetem Sinne auf alle äußere menſchliche Thätigkeit ausgedehnt hat, jenen Sinn, der ſorgſam die Mittel für einen beſtimmten Zweck zu Rate hält, mit Umſicht an Kräften und Verbrauch ſpart, ſtets daran denkt, mit den kleinſten Mitteln den größten Erfolg zu erzielen. Sie iſt eine Eigenſchaft, welche ebenſo ſehr auf genauer Kenntnis und Beherrſchung der techniſchen Mittel für einen Erfolg, als auf ſteter Aufmerkſamkeit beruht. Sie iſt ein Ergebnis der Erfahrung, der Nachahmung des guten Beiſpiels, ſie hängt mit der ſittlichen Selbſtbeherrſchung wie mit der Verſtandesausbildung zuſammen. Das Rechnen und Buchführen, die Vergleichung des Aufwandes mit dem Erfolg in Geldwerten, die Aufzeichnung jeder Ausgabe und jeder Einnahme iſt nötig, wo ſie ſich einſtellen und ausbilden ſoll. Die ſittliche Zucht, welche das Leben als ein geordnetes Ganzes auffaßt, niemals aus dem Stegreif, nach Launen handelt, unverhältnismäßigen Genüſſen nachgeht, den Verſuchungen der Verſchwendung, der Putzſucht, der Eitelkeit widerſteht, iſt für die Ausbildung dieſes wirtſchaftlichen Sinnes das wichtigſte. Er iſt die wirtſchaftliche Tugend der großen Maſſe des Volkes, vor allem des Mittelſtandes. Daß die Wirtſchaftlichkeit in den unterſten Klaſſen noch ſo vielfach fehlt, iſt ein wichtiger Umſtand für ihre wirtſchaftliche Lage. Die Frauen müſſen ſie vor allem haben, weil, mit haushälteriſchem Sinne ausgegeben, der Thaler doppelt und dreifach ſo weit reicht. Mit dem Erwerbstriebe verwandt, fällt ſie doch nicht ganz mit ihm zuſammen, noch iſt ſie nur eine Folge desſelben. Tauſende, die gar keinen Erwerbsſinn haben, zeichnen ſich durch große Wirt- ſchaftlichkeit aus. Der Erwerbstrieb iſt mehr die Eigenſchaft einzelner, die Wirtſchaftlichkeit iſt oder ſollte die aller ſein.

Die Wirtſchaftlichkeit ſchließt den Fleiß, die Ordnungsliebe, die Geduld, die Beharrlichkeit, vor allem aber die Sparſamkeit ein. Die Sparſamkeit beginnt in der Haushaltung, im Verbrauch; ſie iſt dem Wilden fremd; er iſt immer der größte Ver- ſchwender, der den Baum fällt, um eine einzige Frucht zu ergreifen, der an einem Tag verzehrt und verjubelt, was ihn wochenlang ernähren könnte. Die Erziehung zur Mäßigung, die ſteigende Herrſchaft höherer Gefühle über die niedrigen, der Sieg der Vorſtellungen über künftige Genüſſe und Erfolge über die des Momentes ſind notwendig, damit die Sparſamkeit beginne. Alle Sparſamkeit iſt momentane Selbſtverleugnung. Wer ſie üben ſoll, muß die Ausſicht auf einen künftigen Vorteil haben. Dieſer künftige Vorteil erſcheint fraglich, wenn das erſparte Gut durch Willkürherrſchaft oder Gewalt bedroht iſt, wenn es dem Sparenden keine anderen Freuden bringt, als ſie der nicht Sparende ebenfalls genießt, wenn erſparte Vorräte, z. B. ſolche von Lebensmitteln, doch raſch verderben. Die Geldwirtſchaft iſt daher eines der wichtigſten Beförderungsmittel der Sparſamkeit; die Freude, einen Schatz an Geldſtücken zu ſammeln, wird bald ein Beweggrund für viele; ſolche Schätze ſind am leichteſten zu verbergen, ſie behalten für Jahre und Jahrzehnte ihren Wert. Es kann nun auch der ſparen, der das Er- ſparte nicht in ſeinem Hauſe, im vergrößerten Viehſtand, in Geräten und Linnenzeug anlegen kann. Noch wichtiger aber war die Ausbildung der Kreditwirtſchaft, haupt- ſächlich derjenigen Formen des Kapitalanlegens und Zinſengebens, welche dem kleinen Mann zugänglich ſind, wie die Einrichtung der Sparkaſſen, Genoſſenſchaften, der Ver- ſicherungskaſſen, der Baugeſellſchaften. Wo derartige Inſtitutionen zumal in Ländern mit vollſtändiger Rechtsſicherheit allgemein werden, da kann erſt die Sparſamkeit aus einer Tugend der höheren Klaſſen eine allgemeine Eigenſchaft werden. Immer aber muß ſie wieder jedem einzelnen Kinde anerzogen werden, immer arbeiten Leichtſinn, Gedankenloſigkeit, Genußſucht ihr entgegen. In dem Alter von 15—30 Jahren, wo unverheiratete Arbeiter am meiſten ſparen könnten, oft das doppelte verdienen, was ſie brauchen, geben ſie für Getränke und Feſte, für Kleider und andere Genüſſe allzuviel aus. Auch ſpäter unterliegen ſie zu leicht der Verſuchung unnützer Ausgaben, wenn ſie nicht von einer tüchtigen Hausfrau beeinflußt werden, wenn ihre Lohnzahlung zu Stunden und an Orten erfolgt, welche Gelegenheit zu unnötigen Ausgaben bieten.

Die Sparſamkeit wächſt mit der Wirtſchaftlichkeit, mit dem guten Familienleben, mit dem Sinn für Beſitz, für Sicherung der Zukunft, mit dem Wunſch des geſellſchaftlichen Aufſteigens; ſie iſt vor allem aber ein Ergebnis ſittlicher Energie und Spannkraft und intellektueller Weitſichtigkeit.

Wie die Wirtſchaftlichkeit und Sparſamkeit, der Fleiß und die Arbeitſamkeit mit dem Erwerbstriebe zuſammenhängen, ohne ſich mit ihm zu decken, ohne eine bloße Folge desſelben zu ſein, ſo verhält es ſich auch ähnlich mit dem Handels- und Unternehmungsgeiſt, auf den wir zuletzt einen Blick werfen.

Er entſpringt mit den Möglichkeiten des Tauſch- und Handelsgewinnes, nimmt in dem Maße zu, als in beſtimmten Klaſſen infolge der Arbeitsteilung und des Markt verkehrs wachſende Chancen ſich bilden, durch kluge Kombinationen einen Erwerb zu gewinnen. Die bisher erörterten wirtſchaftlichen Tugenden ſind zumal für den kleinen Unternehmer weſentliche Stützen des Unternehmungsgeiſtes; aber der pſychologiſche Schwerpunkt liegt anderswo. Der Händler und Unternehmer muß einerſeits eine umfaſſende Kenntnis des Bedarfes, des Geſchmackes, der Abſatzwege und eine techniſche Beherrſchung der möglichen und üblichen Produktionsmethoden, andererſeits Organiſationstalent, Menſchenkenntnis, Kombinationsgabe, eine gewiſſe geſchäftliche Phantaſie, die ſich ein Bild von der Zukunft machen kann, vor allem aber Mut, Energie, Thatkraft und Rückſichtsloſigkeit beſitzen. Es ſind nicht die höchſten ſittlichen Eigenſchaften, aber Qualitäten, welche nur in beſtimmter geſellſchaftlicher Umgebung und Schulung erlernt werden. Es ſind zu einem Teil dieſelben Eigenſchaften, die für einen Truppenführer, einen Bürgermeiſter, einen Landrat oder Miniſter nötig ſind. Die Unternehmer ſind die Offiziere und der Generalſtab der Volkswirtſchaft. Je komplizierter dieſelbe wird, deſto größer ſind die Anforderungen an ſie. Und zwar ſteigen ſie faſt nicht ſo ſehr in Bezug auf Kenntniſſe und Geſchicklichkeit, als auf den Charakter. Und wenn es auch nur beſtimmte Seiten desſelben ſind, die in erſter Linie gefordert werden, wenn andere weiche und edlere Seiten des ſittlichen Charakters in einer Zeit harten Konkurrenzkampfes ſogar dem Unternehmer ſchädlich ſein können, ſo ſind doch der energiſche, wagende Mut, die Fähigkeit, Hunderten zu befehlen und ſie mit Gerechtigkeit in Ordnung zu halten, die findige Entſchloſſenheit, neue Abſatzwege zu eröffnen, ſittliche und männliche Charakterzüge.

Ohne dieſe hat es bis jetzt keine höher entwickelte Volkswirtſchaft gegeben und wird auch in Zukunft die Leitung der wirtſchaftlichen Geſchäfte nicht möglich ſein.

7. Das Weſen des Sittlichen.

Wir haben das Weſen des Sittlichen ſchon in unſeren bisherigen Betrachtungen wiederholt berührt. Wir haben die Sprache als das Inſtrument kennen gelernt, das die Menſchen denken lehrte und ſie zu geſellſchaftlichem Daſein erhob. Wir ſahen, daß mit dem unterſcheidenden Denken eine Wertung, Ordnung und Hierarchie der Gefühle und der Triebe entſteht, daß die Triebe, und beſonders die höheren, durch ihre Regulierung und richtige Einfügung in das Syſtem des menſchlichen Handelns zu Tugenden werden. Von da iſt es nur ein Schritt bis zur Erkenntnis, daß die Rückwirkung der reflektierenden Werturteile auf unſere Gefühle und Handlungen uns zu ſittlichen Weſen mache, uns jenen Adelsbrief gebe, durch den wir gleichſam zu Gliedern einer höheren Welt werden.

Aber wir haben hier doch noch etwas näher das Weſen des ſittlichen Urteils und des ſittlichen Handelns zu unterſuchen, über die ſittliche Entwickelung und ihre Zuchtmittel uns zu verſtändigen und uns klar zu machen, inwiefern das Sittliche die Grundlage und die Vorausſetzung aller geſellſchaftlichen Organiſation, alſo auch der volkswirtſchaftlichen ſei.

22. Das ſittliche Urteil und das ſittliche Handeln. Das ſittliche Denken beſteht ſtets in einem Urteil, daß etwas gut oder böſe ſei; das ſittliche Handeln in einer thatſächlichen Bevorzugung deſſen, was wir für das Gute halten. Die letzte Erklärung des Sittlichen kann immer nur eine pſychologiſche ſein: wie kommen wir zu ſittlichen Urteilen und ſittlichem Handeln? Dabei kann die Rückwirkung anderer Menſchen und der Welt auf uns eine noch ſo große Rolle ſpielen, verſtanden haben wir das Sittliche nur, wenn wir es als das notwendige Ergebnis unſeres inneren Seelenlebens begreifen.

Die körperliche Ausſtattung des Menſchen, ſeine Hand, ſein Auge, ſeine feineren Muskeln haben ihm ermöglicht, ſein Triebleben zu anderen Ergebniſſen, als das Tier es vermag, zu verwerten. Durch feinere Wahrnehmung und ſehr viel zahlreichere Vor- ſtellungen lenkt er ſeine Thätigkeit auf höhere Ziele; ſchon indem er ſich Nahrung und Kleidung mit weiterem Blick, mit Schonung, mit Selbſtbeherrſchung bereitet, lernt er Beſonnenheit, d. h. er hemmt, auf ein beſtimmtes Ziel gerichtet, momentane Triebe, er beherrſcht Gefühle, die im Augenblick hinderlich wären. Er lernt ſo durch die Arbeit ſich ſelbſt beherrſchen, er läßt reflektoriſche Bewegungen nicht zum Ausbruch kommen; er ſammelt ſeine Aufmerkſamkeit auf beſtimmte Vorſtellungsreihen, die er zuſammenwirken läßt, und erreicht ſo mit relativ einfachen Mitteln außerordentlich viel. Auf derſelben Leiter ſteigt der Menſch ſo zum Werkzeug, zur Arbeit wie zur Sittlichkeit empor. Alles ſittliche Handeln iſt zweckmäßiges Handeln. Aber ſobald neben die niederen ſinnlichen die höheren und ſocialen Ziele getreten ſind, ſo begreifen wir mehr und mehr nur das Handeln im Sinne der letzteren unter dem Sittlichen und ſetzen das zweckmäßige Handeln auf dem erſteren Gebiete als das Nützliche dem Sittlichen entgegen. Die Zweckmäßigkeit der Natur erhebt ſich ſo im nützlichen und ſittlichen Handeln auf ſeine höheren Stufen. Indem der Menſch die niedrigen Zwecke den höheren unterordnet, die Wohlfahrt in jenem höheren Sinne anſtrebt, die auf das Ganze gerichtet iſt, handelt er gut.

Wie gelingt ihm aber die Unterſcheidung von gut und böſe, wenn er vor der Wahl ſteht, wenn er in jedem Momente von verſchiedenen Möglichkeiten die richtige, von verſchiedenen Zwecken den guten wählen ſoll? Die Erkenntnis, die Weisheit, ſagt Sokrates muß ihm den Weg weiſen. Und gewiß giebt es keinen ſittlichen Fortſchritt, keine Möglichkeit, das Gute zu wählen, ohne zunehmende Erkenntnis der Zuſammenhänge, der Kauſalverbindungen, der Zwecke und der ihnen dienenden Mittel, ohne Vor- ſtellung von den Folgen des guten Handelns in der Zukunft. Aber die Erkenntnis giebt nicht an ſich die Kraft der richtigen Entſcheidung, des guten Handelns. Das höhere Gefühl, das den Wert des Guten und des Beſſeren findet, mit impulſiver Kraft dafür entſcheidet, giebt den Ausſchlag. Die Freude, unter den möglichen Handlungen nicht die ſchlechte, ſondern die gute zu thun, hebt uns über Zweifel und Verſuchung hinweg, ſie durchglüht und elektriſiert uns, ſie befeſtigt die Kraft, in ähnlichen Fällen wieder gut zu handeln. Aber dieſes Gefühl erwächſt und ſtärkt ſich erſt im Zuſammenhang mit unſerer Beobachtung der Handlungen dritter Perſonen.

Es wird, je weniger unſer ſittliches Gefühl und Urteil noch entwickelt iſt, uns viel leichter, beim Anblick der Handlungen dritter zu ſagen, das iſt gut, das iſt böſe. Der Menſch fällt bei der Beobachtung der Fehltritte eines anderen viel ſicherer als bei ſeinen eigenen das Urteil: du thuſt Unrecht, verdienſt Strafe. Wir haben bei ſolchem Anblick von der mißbilligten Handlung keinen augenblicklichen Vorteil, wie in dem Fall, in welchem wir ſelbſt der Verſuchung ausgeſetzt ſind. Wir haben von der gebilligten Handlung die reine Freude des Mitempfindens, von der gemißbilligten die volle Unluſt der Entrüſtung. Auf dieſem Mitklingen und Anklingen der Thaten und der Motive dritter in unſerer eigenen Bruſt, auf dieſen ſympathiſchen, zu Freude und Vergeltung anregenden Gefühlen beruht weſentlich die Ausbildung der ſittlichen Gefühle, des ſittlichen Urteils und der Fähigkeit, ſittlich zu handeln. Je energiſcher und je regelmäßiger wir die Handlungen anderer der ſittlichen Beurteilung unterwerfen, deſto mehr wird ſich uns durch die notwendige Einheit alles Denkens die Frage aufdrängen: ſollen wir nicht denſelben Maßſtab, wie auf andere, auf uns anwenden? Wir werden uns daran erinnern, daß andere uns ſo meſſen werden, wie wir ſie. Wir werden ſelbſt bei geheimen Handlungen uns fragen, was die Welt, die Freunde, die Nachbarn dazu ſagen würden. Der Menſch lernt ſo im Spiegel der Mitmenſchen ſich ſelbſt erſt richtig beurteilen. Er wendet notwendig die Reflexionen, mit denen er die Handlungen und Motive anderer begleitet, auf ſich an; dieſelben Gefühle der Billigung und Mißbilligung ſtellen ſich bezüglich des eigenen Handelns und Empfindens ein. Nur indem der Menſch das Gute, was er von anderen fordert, auch von ſich verlangt, befriedigt er ſein Denken, gewinnt er Achtung vor ſich ſelbſt. So erwächſt nach und nach in der eigenen Bruſt jener unparteiiſche und ſtets völlig unterrichtete Zuſchauer, der auf all’ unſere Motive, auf all’ unſer Handeln reagiert, das Gewiſſen, das mit unnachſichtiger Strenge und mit imperativem Charakter uns ermahnt, nach dem Guten und Edeln, nach Ehre und Würde des Charakters zu ſtreben. Es entſtehen ſo durch den Widerſtreit zwiſchen Gewiſſen und augenblicklichen Triebreizen die zwei Seelen in jeder Bruſt, von denen Plato wie Goethe reden, jene zwei Gruppen von Antrieben, die im ewigen Kampf den Inhalt alles Menſchenlebens und aller Geſchichte ausmachen. Der Kampf kommt niemals ganz zur Ruhe; in ewiger Oscillation bewegen ſich niedrige elementare Vorſtellungen und Impulſe neben den höheren, ſittlich mehr gebilligten auf und ab in unſerer Seele. Aber die höheren werden doch nach und nach in dem Maße zur vorherrſchenden und überwiegenden, ja ausſchließlich bewegenden Kraft in uns, als ſie durch Vererbung und Anlage, durch Erziehung und Übung geſtärkt werden, als der Gedankenzug und die Gedankenverbindungen immer wieder nach dieſer Seite geführt, durch verſtandesmäßige Ausbildung geklärt, zur Gefühlsmacht geworden ſind, als durch Gewohnheit, Fertigkeit und Sicherheit im Wollen ein ſittlicher Charakter ſich gebildet hat.

23. Die hiſtoriſche Entwickelung des Sittlichen und ihre Ziele. Das Sittliche iſt ſo ſtets ein Werdendes; die ſittliche Entwickelung der Individuen, der Völker, der Menſchheit ſteht nie ſtill. Die Wahrnehmung alſo, die ſchon die Sophiſten, dann Hobbes und Locke machten, daß das Sittliche bei verſchiedenen Völkern und zu verſchiedener Zeit ein verſchiedenes geweſen, die Wahrnehmung, welche uns die heutige geographiſche Aufſchließung der Erde noch nachdrücklicher beſtätigt hat, wird uns nicht überraſchen. Nur das wäre auffallend, wenn es, wie Lubbock meint, Stämme ohne ſittliches Urteil gäbe. Das iſt aber nicht der Fall. Denn die Vorſtellungen von gut und böſe, von zu billigenden und zu mißbilligenden Handlungen fehlen nirgends ganz. Sie haben nur notwendig einen verſchiedenen materiellen Inhalt, je nach den geſellſchaftlichen und kulturellen Vorausſetzungen, unter welchen die Menſchen leben, je nach der Ausbildung der ſittlichen Gefühle und des Denkens. Beim Übergang zu anderen Lebensbedingungen muß den einen noch für gut gelten, was den anderen ſchlecht und verwerflich ſcheint. Wer den wahren Kauſalzuſammenhang von Handlung und Wirkung, von komplizierten geſellſchaftlichen Einrichtungen nicht kennt, wird ſittlich anders urteilen, als wer ihn durchſchaut. Das rohe ſittliche Gefühl nimmt keinen Anſtoß an dem, vor was das verfeinerte ſchaudert. So muß das ſittliche Urteil ſtets ſich ändern; aber da immer neben dem Wechſel der äußeren Verhältniſſe die Vervollkommnung unſerer Kenntniſſe und Vorſtellungen und die Veredelung unſerer Gefühle an der Umbildung arbeitet, ſo werden wir einen Fortſchritt auf dieſer Bahn annehmen können, ſo werden wir hoffen können, daß das ſittliche Urteil die Zwecke immer richtiger werte.

Wenn der Buſchmann es als gute That preiſt, daß er das Weib eines anderen ſich gewaltſam angeeignet, als böſe That verurteilt, wenn ein anderer ihm ſeine Frau raubt, ſo beweiſt das ſo wenig einen gänzlichen Mangel ſittlichen Urteils, als wenn man in Sparta die Jünglinge hungern ließ und ſie zum Stehlen anleitete, das unbeſtraft blieb, wenn ſie ſich nur nicht ertappen ließen. Es hat einſt für berechtigt ja notwendig gegolten, einen erheblichen Teil der neugeborenen Kinder und die Greiſe zu töten, einem Baumfrevler die Gedärme aus dem Leibe zu winden, um den Baum einzuwickeln, dem angeſehenen fremden Gaſtfreund Frau und Tochter zum Gebrauch anzubieten, Scharen von Sklaven und Weibern beim Tode des Häuptlings zu verbrennen. Heute erſcheint uns dasſelbe unſittlich und barbariſch. Aber die Not des Lebens, der Glaube, nur ſo den Geiſtern und Göttern zu gefallen, ließen meiſt ſolche Bräuche als gut und zweckmäßig erſcheinen. Nur wenn wir die geſamten äußeren Lebensbedingungen und die geſamten Kauſalvorſtellungen und religiöſen Ideen eines Stammes und Volkes kennen, werden wir verſtehen, wie das nie ruhende ſittliche Werturteil beſtimmte Ge pflogenheiten und Sitten billigte, für lebensförderlich, zweckmäßig und gut hielt. Auch zur Zeit, als es Sitte war, daß die Mutter einen Teil ihrer Kinder erwürgte, gab es Mutterliebe und Anfänge reinerer Empfindungen; aber ſie waren zunächſt von anderen Gefühlen zurückgedrängt; religiöſe Vorſtellungen von der Notwendigkeit, die Erſtgeburt den Göttern zu opfern, mag da, Hunger und Not, die Lebensfürſorge auf flüchtiger Wanderung, das Intereſſe der Familie und des Stammes mag dort überwogen haben, eine ſolche Sitte zu erzeugen, welche dann als das Gute, das Gebilligte im Stamme galt. Es entſpricht einem rohen Zeitalter, zunächſt nur Tapferkeit, Liſt, Verwegenheit als Tugenden anzuerkennen, ſpätere Epochen ſetzen andere Eigenſchaften daneben. Auch die ſprachliche Thatſache, daß die für gut und böſe gebrauchten Worte bei den meiſten Völkern urſprünglich ſinnliche und phyſiſche Vorzüge, erſt ſpäter moraliſche und geiſtige bezeichneten, daß die virtus des Römers in älteſter Zeit nicht Tugend, ſondern Kriegstüchtigkeit bedeutete, beweiſt nur, daß das ſittliche Urteil ein werdendes iſt, nicht daß es irgendwo ganz fehlte.

Jede Zeit und jedes Volk lebt unter beſtimmten äußeren Bedingungen, die eine Reihe von Zwecken und von Handlungen als die für Individuen und Geſamtheit notwendigſten beſtimmen; ſie müſſen bevorzugt werden, wenn das Individuum und die Gattung beſtehen ſoll; ſie müſſen an andere Stelle rücken, ſobald die äußeren Lebensbedingungen andere werden. Auch jeder wirtſchaftliche Zuſtand ſteht unter dieſer Voraus- ſetzung: die wirtſchaftlichen Eigenſchaften und Handlungen gelten als gut, welche nach Lage der Dinge die dauernde Wohlfahrt der einzelnen und der Geſellſchaft am meiſten fördern. Dabei mögen Aberglaube, falſche Kauſalitätsvorſtellungen, die Intereſſen der Machthaber in die konventionelle Feſtſtellung deſſen, was für gut gilt, noch ſo ſehr eingreifen, das ſittliche Werturteil im ganzen wird doch ſtets die wichtigeren und höheren Zwecke voranſtellen, es wird fordern, daß die Luſt des Augenblickes dem Glücke des folgenden Tages hintangeſtellt werde, daß das Individuum nie ſich als einzigen Selbſtzweck, ſondern als Glied der Sippe, der Familie, des Stammes betrachte. Wenn das reflektierende Denken und die höheren Gefühle ſich ſtärker entwickeln, ſo beginnt man das Leben des Individuums als ein Ganzes aufzufaſſen, die Jugend als Vorſchule des Mannesalters zu betrachten, ſie durch ſtrenge Übung und Zucht zu bändigen; was dem Leben im ganzen Bedeutung, Inhalt und Glück verleiht, gilt nun als das Gute. In dem Maße, als etwas größere geſellſchaftliche Verbindungen entſtehen, erſcheint als das ſittlich Gute nunmehr das, was den ſocialen Körper und ſeine Wohlfahrt fördert. Ent- ſteht endlich im Menſchen die Ahnung eines Zuſammenhanges aller menſchlichen Geſchicke mit einer höheren Weltordnung, das demütige Gefühl der Abhängigkeit unſeres armen Menſchenlebens von einer göttlichen Weltregierung, ſo wird dadurch notwendig auch das ſittliche Werturteil wieder ein anderes als früher. Nun erſcheint dem Menſchen als gut, was die Gottheit gebietet, was ihn in das richtige Verhältnis zu ihr bringt. Kurz, jedes Princip ſittlicher Wertſchätzung von Handlungen baut ſich auf beſtimmten materielltechniſchen, geſellſchaftlichen und pſychologiſch-geſchichtlichen Vorausſetzungen auf. Die ethiſche Vorſtellungswelt erſtreckt ſich von der ſinnlichen Luſt des individuellen Lebens durch zahlloſe Glieder hindurch bis zur Menſchheit, zum Weltganzen, zur Ewigkeit. Das Gute hat kein ruhendes, ſondern ein ſich ſtetig vervollkommnendes Daſein. Der nie ruhende Sieg des Höheren über das Niedrige, des Ganzen über das Partielle macht das Weſen des Guten aus.

Jede Zeit hat ſo ihre Pflichten, ihre Tugenden, ihre ſittlichen Zwecke. Die allgemein anerkannten ſittlichen Gebote, mit welchen das ſittliche Werturteil einer Zeit dem einzelnen gegenübertritt, ſind die Pflichten; die durch ſittliche Übung erlangten Fertigkeiten, im Sinne der Pflicht zu handeln, ſind die Tugenden; die Zwecke, auf die das ſittliche Streben gerichtet iſt, ſind die ſittlichen Güter. Und jede Zeit und jedes religiöſe und philoſophiſche Moralſyſtem beſtimmt ſie nicht nur an ſich, grenzt ſie vom natürlichen Handeln und Geſchehen, vom reinen Triebleben, vom ſittlich gleichgültigen Handeln ab, ſondern ſtellt eine Wertordnung der Zwecke, der Tugenden, der Pflichten her. Einem Zeitalter gilt die Tapferkeit, einem anderen die Gerechtigkeit, einem dritten die Abtötung der Sinnenwelt als höchſte Tugend. Dem einen gilt Schmerzloſigkeit, dem anderen Thätigkeit, dem dritten Hingabe an das Gemeinweſen als das höchſte Gut.

Trotz aller dieſer Abweichungen hat die gleiche Menſchennatur, die gleiche geſell- ſchaftliche Entwickelung und die gleiche Ausbildung der Ideenwelt bei allen höher ſtehenden Völkern eine merkwürdige Übereinſtimmung der geforderten Pflichten, Tugenden und Güter erzeugt. Eine Erfahrung von Jahrtauſenden hat immer mehr dieſelben Handlungen, dieſelben Gefühle als die notwendigen Bedingungen des Glückes der einzelnen, wie der Wohlfahrt der Geſellſchaft aufgedeckt. Bei allen Völkern arbeiten ſich nach langen Irrwegen dieſelben Ideale durch, die in relativ wenigen und einfachen Sätzen und Ideen ſich zuſammenfaſſen laſſen. Sie ſind ebenſo ſehr ein Ergebnis unſerer ſteigenden Erkenntnis der Welt und der Menſchen, als ein Produkt der ſittlichen Zucht, der Veredelung unſeres Gemütslebens. Behaupte und vervollkommne dich ſelbſt; liebe deinen Nächſten als dich ſelbſt; gebe jedem das Seine; fühle dich als Glied des Ganzen, dem du angehörſt; ſei demütig vor Gott, ſelbſtbewußt aber beſcheiden vor den Menſchen. Derartiges wird heute in allen Weltteilen und von allen Religionen gelehrt. Und überall ruht der Beſtand der Geſellſchaft darauf, daß dieſe ſchlichten und kurzen Sätze zur höchſten geiſtigen Macht auf Erden geworden ſind.

24. Die ſittlichen Zuchtmittel: geſellſchaftlicher Tadel, ſtaatliche Strafen, religiöſe Vorſtellungen. Wie kam es aber, daß dieſe Sätze zur höchſten Macht auf Erden wurden? Die ſittlichen Urteile entſtanden und entſtehen immer wieder auf Grund der geſchilderten pſychiſchen Vorgänge; aber wie wir dabei ſchon der Mitwirkung der Geſellſchaft gedenken mußten, ſo tragen geſellſchaftliche Einrichtungen und pſychiſche Preſſionsmittel, die aus den geſellſchaftlichen Zuſammenhängen ihre Kraft ſchöpfen, dazu bei, die Wirkung dieſer Urteile zu ſtärken, im Gemütsleben der Menſchen jene ſtarken Emotionen hervorzurufen, die zunächſt viel mehr als kluges Überlegen und Einſicht in den geſellſchaftlichen Nutzen oder den künftigen eigenen Vorteil die Menſchen auf der Bahn des Sittlichen vorangebracht haben.

Die ſocialen Preſſions- und Zuchtmittel, die wir meinen, ſind einfach und bekannt: ſie entſpringen der Furcht vor Tadel und Rache der Genoſſen, der Furcht vor der Strafgewalt der Mächtigen und Fürſten, der Furcht vor den Göttern. Es iſt, wie H. Spencer ſagt, eine dreifache Kontrolle, unter welcher die menſchlichen Handlungen ſtehen, ſo weit wir die Geſchichte zurück verfolgen können. Wir haben ſchon im bisherigen Gelegenheit gehabt, ſie teilweiſe zu berühren, hauptſächlich bei Erörterung des Anerkennungstriebes (S. 30) die Furcht vor der tadelnden Umgebung erwähnt.

Lange ehe die Gewalt des Häuptlings oder Königs entſteht, die Führung im Kriege übernimmt, die Feigen beſtraft, die Tapferen belohnt, beſteht in der primitivſten Geſellſchaft die Furcht vor Nichtanerkennung und Ausſchluß aus der Sippe und dem Stamm, die Gefahr der rächenden Nemeſis von Verwandten, wenn ein Frevler einen Stammesgenoſſen aus anderem Geſchlecht erſchlagen hat. Nicht im Widerſpruch mit dem ſittlichen Werturteil, den Gefühlen der Sympathie und Vergeltung, ſondern eben aus ihnen heraus wachſen die entſprechenden Übungen und Gepflogenheiten der Blutrache, der Ausſtoßung, die dann wieder mit großer Macht auf die Einbildung und die Gefühle zurückwirken. Vorſtellungen künftiger Schmerzen und künftiger Freude werden ſo mit größtem Nachdruck vor die Seele geführt, daß ſie dauernd die einzelnen und die Geſellſchaft beherrſchen.

Neben dieſe niemals verſchwindende, nur ſpäter in milderen Formen auftretende Kontrolle der Nachbarn und Genoſſen tritt nun mit der Ausbildung einer öffentlichen Gewalt, eines Häuptlings- und Königtums, eines kriegeriſchen Führertums die Macht der Staatsgewalt. Es iſt zuerſt ein roher Despotismus, zuletzt eine feſt durch das Recht umgrenzte oberſte, vielleicht ganz unperſönliche Befehlsbefugnis, die Vorſchriften erläßt und ſtraft; immer ruht ſie auf Machtmitteln aller Art, kann den Widerſtrebenden zwingen, einſperren, töten; der einzelne muß ſich ihr und ihren Geboten unterwerfen; die ſtaatliche Zwangsgewalt mit ihrem Syſtem von Strafen und Zwangsmitteln, von Auszeichnungen und Ehren wird gleichſam das feſte Rückgrat der Geſellſchaft; die Bürger wiſſen es nicht anders, als daß ſie unter dieſer zumal in alten Zeiten barbariſch ſtrafenden Gewalt ſtehen, und auch heute iſt die Strafgewalt die ultima ratio, welche das Gute und damit die Geſellſchaft aufrecht erhält.

Der äußere Zwang zu ſittlichem Verhalten, der mit der Rute des Vaters und Lehrers beginnt und durch alle Zwangsveranſtaltungen der Geſellſchaft und des Staates hindurch mit der Zwangspflicht endigt, eventuell ſein Leben fürs Vaterland zu laſſen, bringt zunächſt nur ein äußerlich legales Verhalten in der Mehrzahl der Fälle zuwege, keine innere Sittlichkeit, aber er beſeitigt die direkten Störungen der ſittlichen Ordnung, er gewöhnt die Menge daran, das Unſittliche zu meiden, er erzieht durch Gewöhnung und Vorbild, er bringt einen äußeren Schein der Anſtändigkeit und Tugend hervor, der nicht ohne Rückwirkung auf das Innere bleiben kann, in Verbindung mit der Furcht vor geſellſchaftlichem Tadel auch innerlich die Gefühle veredelt.

Noch mehr aber vollzieht ſich die innerliche ſittliche Umbildung durch die religiöſen Vorſtellungen, ſo grob ſinnlich ſie anfangs ſind, ſo ſehr ſie lange ſich äußerer ſtaatlicher Zwangsmittel bedienen. Das letzte Ziel des religiöſen Kontrollapparates iſt doch, die Menſchen in ihrer innerſten Geſinnung zu ändern. Die Religionsſyſteme waren das wichtigſte Mittel, das ſinnlich-individuelle Triebleben zu bändigen. Die religiöſen Vor- ſtellungen ergriffen das menſchliche Gemüt mit noch ganz anderer Gewalt als die beiden anderen Zuchtmittel. Die zitternde Furcht des naiven Urmenſchen vor dem Überſinnlichen iſt einer der ſtärkſten, wenn nicht der ſtärkſte Hebel zur Befeſtigung der ſittlichen Kräfte und der geſellſchaftlichen Einrichtungen geweſen.

Die älteſten religiöſen Gefühle und Satzungen entſprangen den Vorſtellungen über die Seele, ihre Wanderungen im Traume, ihr Fortleben nach dem Tode; die Seele des Toten könne, ſo glaubte man, ihren Sitz im Stein, im Baum, im Tiere wie im Leichnam ſelbſt nehmen; der Totenkultus, die Sitte des Begrabens, das Opfern für die Toten entſprang aus dieſen Vorſtellungen; die toten Könige und Häuptlinge erſchienen, wie die ganze mit Geiſtern erfüllte Natur, als Mächte der Finſternis oder des Lichtes, denen man dienen, opfern, ſich willenlos unterordnen müſſe, deren Willen die Zauberer und Prieſter erkundeten und mitteilten. So entſtanden prieſterliche, angeblich von den Geiſtern und Göttern diktierte Regeln, meiſt urſprünglich Regeln der geſellſchaftlichen Zucht, der Unterordnung des Individuums unter allgemeine Zwecke, welche Millionen und Milliarden von Menſchen veranlaßten, dem irdiſchen Genuſſe zu entſagen, die unmittelbaren, nächſtliegenden individuellen Vorteile den Göttern oder einer fernen Zukunft zu opfern. Nicht aus Überlegung des eigenen oder geſellſchaftlichen Nutzens handelten ſie ſo, ſondern weil ein überwältigendes Gefühl der Demut und der Furcht vor der Hölle und ihren Strafen ſie nötigte, die Gebote der Götter höher zu achten als ſinnliche Luſt oder eigenen Willen, weil ſie ſich ſelbſt für beſſer hielten, wenn ſie ſo handelten, wie es die Vorſchriften der Religion forderten.

Die religiöſe Stimmung iſt urſprünglich bei den roheſten Menſchen nichts als ein unausſprechliches Bangen vor körperlichem Leid, ein Gefühl der eigenen Schwäche, eine Furcht vor den unverſtandenen Gewalten, die den Menſchen allmächtig umgeben. Die Phantaſie ſucht nach Kräften, nach Urſachen, die das Geſchehene erklären, die man als handelnde, ſtrafende, zürnende Weſen ſich denkt, die als Kräfte vorgeſtellt werden, welche in das menſchliche Leben eingreifen können, nach deren Wunſch man das häusliche wie das öffentliche Leben einrichten müſſe, deren Zorn man abwenden müſſe durch Gebet, durch Folgſamkeit gegen ihre Diener und Willensüberbringer, durch ſchlechthinige Ergebung in ihre Befehle. Unendlich lange hat es gedauert, bis die unklaren und rohen Vorſtellungen über böſe Geiſter und ihr vielfach tückiſches Verhalten gegen die Menſchen ſich abklärte zu einem edleren religiöſen Glauben, der in den Göttern Vorbilder und Träger einer idealen, über der ſinnlichen erhabenen Weltordnung ſah. Dieſe ſetzte an die Stelle der Vorſtellungen vom Zorn und der Leidenſchaft der Götter den Glauben an eine alles Gute belohnende, alles Böſe ſtrafende göttliche Gewalt. Die Vergeltung, die den menſchlichen Einrichtungen in der Gegenwart immer nur unvollkommen gelingen konnte, wurde den Göttern zugetraut; man rechnete bald auf eine Vergeltung auf Erden wie bei den Semiten, auf Lohn und Heimſuchung am dritten und vierten Gliede des eigenen Geſchlechts; bald, mit dem Erwachen des Unſterblichkeitsgedankens, auf eine Vergeltung in einem anderen Leben. Das irdiſche Leben ſchrumpfte zu einer Vorbereitung für ein jenſeitiges zuſammen; alle Freuden dieſer Welt erſchienen nun vergänglich und nichtsſagend gegen die Hoffnung einer ewigen Seligkeit, die als Lohn guter Thaten und Geſinnungen erwartet wurde. Damit entſtand eine ſociale Zucht und eine ſociale Kraft, eine Fähigkeit der Unterordnung unter, der Hingabe an geſellſchaftliche und ideale Zwecke, welche die betreffenden Völker allen anderen überlegen machte, ihnen die herrſchende, führende Rolle übertrug. Die höchſte Ausbildung des religiöſen Lebens erfolgte unter der Führung von hiſtoriſchen Idealgeſtalten, die durch ihr Beiſpiel und ihre Lehre nicht bloß gute Handlungen, ſondern gute Geſinnung verlangten. Die Furcht vor der Hölle und die Hoffnung auf den Himmel verwandelten ſich in die edelſten Affekte, in die Liebe zu Gott, in die Hingabe an das Ideale. Die ſittliche Geſinnung wurde zur Hauptſache vor dem Herrn, der die Herzen und die Nieren prüft. Es genügte jetzt nicht mehr, um der bloßen Belohnung willen äußerlich gut zu handeln; man kann nicht aus verwerflichen Motiven gut, edel, chriſtlich geſinnt ſein.

Die großen ethiſchen Religionsſyſteme, hauptſächlich das chriſtliche, ſind es ſo, welche die äußere Zwangskontrolle und die rohere innere Kontrolle, die auf Lohn und Strafe rechnet, mehr und mehr in jene höhere innere Kontrolle umwandeln, die mit der vorherrſchenden Vorſtellung eines ſittlichen Lebensideals all’ unſer Thun beleuchtet und reguliert. Das Gute wird nunmehr als die wahre und innere Natur des Menſchen erklärt und befolgt, es wird um ſeiner ſelbſt willen geliebt, weil es allein dauernde, ungetrübte, über alles menſchliche Leid erhebende Befriedigung, das höchſte Glück, die reinſte und dauerndſte Luſt gewährt. Aber auch wo die innere Umwandlung nicht ſo weit geht, erheben die geläuterten religiöſen Vorſtellungen der ethiſchen Kulturreligionen alles Empfinden und Handeln der Menſchen auf eine andere Stufe. Die Selbſtſucht wird gezähmt, das Mitleid und alle ſympathiſchen Gefühle werden ausgebildet. Die Wahrheit, daß der einzelne nicht für ſich ſelbſt lebt, daß er mit ſeinem Thun und Laſſen großen geiſtigen Gemeinſchaften angehört, daß er mit den endlichen Zwecken, die er verfolgt, unendlichen Zwecken dient, dieſe Wahrheit predigt die Religion jedem, ſelbſt dem einfachſten Gemüt; ſie verknüpft für die große Menge aller Menſchen auf dieſe Weiſe das alltägliche Treiben des beſchränkteſten Geſichtskreiſes mit den höchſten geiſtigen Intereſſen. Durch die Religion bildet ſich jenes abſtrakte Pflichtgefühl aus, das als kräftig wirkender Impuls überall den niedrigen Trieben entgegentritt. Es entſteht durch ſie jene allgemeine ſittliche Lebenshaltung, welche nicht bloß die große Mehrzahl in den Bahnen der Anſtändigkeit und Rechtſchaffenheit, ſondern auch einen erheblichen, und gerade den führenden Teil der Völker in den Bahnen einer bewußten und beabſichtigten Sittlichkeit feſthält.

Zu jener unbedingten ſittlichen Freiheit des Willens allerdings, für welchen die Imperative des Zwanges ganz gleichgültig geworden ſind, für welchen die Vorſtellungen von einer Vergeltung nach dem Tode wegfallen können, ohne zu ſittlichen Gefahren zu führen, haben zu allen Zeiten und auch heute nur wenige der edelſten und beſten Menſchen ſich erhoben. Und wenn dem ſo iſt, ſo dürfte es klar ſein, daß die Auflöſung und Verblaſſung unſerer religiöſen Vorſtellungen in breiten Schichten der Geſellſchaft nicht bloß eine ſittliche, ſondern auch eine geſellſchaftliche und politiſche Bedeutung haben.

Bis ins vorige Jahrhundert hat es kein großes Kulturvolk gegeben, in dem nicht das ganze äußere und innere Leben von der einheitlichen Herrſchaft eines ethiſchen Religionsſyſtems getragen war. Seine Autorität und ſeine Regeln beherrſchten Staat, Volkswirtſchaft, Klaſſenbildung, Recht, Familie, Tauſchverkehr, Geſelligkeit gleichmäßig. Jetzt machen wir nicht bloß Verſuche, in demſelben Staate verſchiedene, allerdings meiſt verwandte, in ihren Grundlehren übereinſtimmende und darum wohl neben einander zu duldende Religionsſyſteme zuzulaſſen. Nein, in breiten Schichten erſt der höheren Geſellſchaft, teilweiſe aber auch ſchon der unteren Klaſſen iſt das religiöſe Empfinden zurückgetreten oder verſchwunden; weltliche Ideale und naturwiſſenſchaftliche Betrachtungen ſind an die Stelle getreten, deren ſittlicher Kern und Wert teilweiſe noch recht zweifelhaft iſt. Es wird die große Frage ſein, ob die Ausbildung philoſophiſcher, ethiſcher Syſteme und das Anwachſen anderer ſittlicher Lebensmächte, des Staates, der Schule, der öffent lichen Meinung heute ſchon, ob ſie jemals ſtark genug iſt und ſein wird, um für die Menge der gewöhnlichen Menſchen die religiöſen Stützen und Normen zu entbehren, ob nicht eine religionsloſe Geſellſchaft einem Schiffchen gleicht, das, in gefährlicher Lage zwiſchen tauſend Klippen, in der Hoffnung auf eine gute Briſe neuen materialiſtiſchen Windes das Ankertau gekappt hat, das es bisher feſthielt, das es bisher im wilden Spiel roher Naturmächte und Leidenſchaften vor dem Zerſchellen an dem Felſen menſchlicher Gemeinheit bewahrte.

Die Läuterung unſerer religiöſen Vorſtellungen bis zu dem Grade, daß ſie mit unſeren wiſſenſchaftlichen und ſittlichen Überzeugungen wieder in Übereinſtimmung kommen und ſo von neuem die volle alte religiöſe Kraft auf unſer Gemütsleben erhalten, ſcheint den Ausweg zu bieten, den in analogen Fällen die Geſchichte ſchon öfters geſucht und gefunden hat.

8. Die ſittlichen Ordnungen des geſellſchaftlichen Lebens. Sitte, Recht und Moral.

Alles ſittliche Leben einſchließlich des religiöſen iſt ein nie ruhender pſychiſcher Prozeß, eine ſtete Umſetzung von Vorſtellungen und Urteilen in Gefühle, von Gefühlen, die als Impulſe wirken, in Handlungen. Auf Grund der natürlichen und hiſtoriſchen Bedingungen dieſes Prozeſſes muß ſich durch die Wiederholung gleicher Fälle und gleicher Beurteilung immer wieder in beſtimmten Kreiſen ein feſter Maßſtab der Beurteilung bilden, der praktiſch zur Durchſchnittsregel, zur Norm des Handelns wird.

Es hieße Übermenſchliches vom gewöhnlichen Individuum verlangen, wenn es ohne ſolche Durchſchnittsmaßſtäbe und Durchſchnittsregeln, die dem gewöhnlichen Lauf des Lebens und den realen Bedingungen und Thatſachen desſelben einerſeits, den ſittlichen Idealen andererſeits angepaßt ſind, ſich jeden Augenblick zurecht finden ſollte. Dieſe Regeln erhalten durch die oben geſchilderten Kontroll- und Strafapparate ihren autoritativen Charakter. Sie ſchärfen täglich und ſtündlich das Sittliche ein; ſie ſind gleichſam die geprägte Münze des Sittlichen, die ſtets umlaufend, ſtets gebietend und verbietend jede Handlung, jeden Schritt begleitet. Für die Mehrzahl der gewöhnlichen Menſchen faßt ſich ſo das Sittliche zuſammen in dieſen Normen, die den niedrigen Trieben entgegentreten, den Menſchen in genereller und einfacher Weiſe ſagen, welche Handlung die zu billigende, vorzuziehende, ſittliche ſei. Ob ſie im einzelnen immer ganz genau paſſen, iſt nicht ſo wichtig, als daß ſie überhaupt beſtehen, daß ſie als Macht über den einzelnen und ihrem Triebleben anerkannt werden. Sie erſparen dem gewöhnlichen Menſchen Prüfung und Wahl, zu der er bei den ewig ſich wiederholenden inneren Konflikten und ihrer ſchwierigen Entſcheidung nicht fähig wäre. Indem die Regel, welche Sitte und Recht, königliche oder prieſterliche Macht aufgeſtellt hat, ſagt, das ſollſt du thun und jenes laſſen, greift in das unfertige Werden und Drängen der Triebe, in den Kampf der Leiden- ſchaften und Inſtinkte doch überhaupt eine ordnende ſittliche Gewalt ein; die Gewöhnung, ihr ſich zu beugen, iſt an ſich eines der weſentlichſten Mittel der Erziehung.

Das Entſtehen dieſer Regeln, welche alles geſellſchaftliche, auch alles wirtſchaftliche Leben beherrſchen, welche in der Art ihrer formalen Geſtaltung zugleich weſentlich die Epochen dieſes Lebens beſtimmen, haben wir nun darzuſtellen. Wir haben zu zeigen, wie ſie in der älteſten Zeit als einheitliche Sitte entſtehen und ſpäter ſich ſpalten in Recht, Sitte und Moral, welche Folgen dieſe Spaltung hat.

25. Die Entſtehung und Bedeutung der Sitte. „Es giebt“, ſagt Lubbock, „keinen größeren Irrtum, als den Wilden den Vorzug einer größeren perſönlichen Freiheit zuzuſchreiben; jede ihrer Lebensäußerungen wird durch zahlloſe Regeln beſchränkt, die freilich ungeſchrieben, aber darum nicht minder bedeutend ſind.“ Lange ehe es einen eigentlichen Staat, ein Gerichtsverfahren, ein ausgebildetes Recht giebt, beherrſchen feſte Normen, welche vielfach in rhythmiſcher Rede überliefert, durch Ceremonien und Symbole aller Art in ihrer Ausübung geſichert ſind, alles äußere Leben der primitiven Stämme. Es handelt ſich um die Sitte und die Gewohnheiten, die aus den geiſtigen Kollektivkräften hervorgehen. Alles bei einer Geſamtheit von Menſchen Geübte, Gewohnte, Gebräuchliche, das nicht als eine Äußerung der Naturtriebe ſich darſtellt, und andererſeits von der Willkür der einzelnen unabhängig als gut und ſchicklich, als angemeſſen, als würdig angenommen wird, ſagt Lazarus, bezeichnen wir als Sitte. Die Gewohnheit, ſagt Marheineke, iſt eine zweite durch den Geiſt geſetzte Natur. Die gemeinſame Gewohnheit mehrerer, die als Verpflichtung gefühlt wird, die übertreten, verletzt werden kann, wird zur Sitte.

Die Gewohnheit entſteht mit und durch die Geſellſchaft; aber ſie zeigt ſich auch ſchon im Leben des einzelnen, muß ſchon hier ſich bilden. Sie ergiebt ſich aus der Wiederkehr des Gleichen im menſchlichen Leben. Ohne Wiederkehr eines Gleichen gäbe es keine Erinnerung, keine Erkenntnis, kein Vergleichen und Unterſcheiden. Der Kreislauf des tieriſchen Daſeins, Wachen und Schlafen, periodiſches Eſſen, Arbeit und Erholung, dann der Kreislauf der Natur, Sommer und Winter, der Auf- und Niedergang von Sonne, Mond und Sternen prägen allem menſchlichen Leben den Stempel ewiger Wiederholung des Gleichen auf. Das Kind ſchon, das täglich zu gleicher Zeit ſeine Milch erhält, verlangt ſtürmiſch die Einhaltung der Regel, wie die gemeinſamen Mahlzeiten den Ausgangspunkt für eine regelmäßige Zeiteinteilung des Tages bildeten. Auch die höheren Tiere haben ihre Inſtinkte unter demſelben Drucke der ſich gleichmäßig wiederholenden Bedürfniſſe zu feſten Gewohnheiten ausgebildet, wie die Bienen im Bienenſtaat. Bei dem Menſchen kommt hinzu, daß es ſein Denkgeſetz und ſeinen Ordnungsſinn befriedigt, wenn im gleichen Falle gleich gehandelt wird. Aus dem Wirrwarr der Reize und Triebe, der Einfälle und Leidenſchaften entwickelt ſo ſtets Erfahrung und Erinnerung gewohnheitsmäßiges gleiches Handeln.

Es wird zur Sitte durch die gemeinſamen Vorſtellungen und Gefühle mehrerer, durch die gemeinſamen ſittlichen Urteile und Erinnerungen; aus gleicher Lage entſpringen gleiche Willensanläufe und Handlungen, gleiche Ceremonien, gleiche Formen des Handelns. Das ſittliche Urteil ſagt, dieſe beſtimmte Form ſei die zu billigende. Es entſteht daraus das Gefühl der Verpflichtung, das ſofort durch Mißachtung der Genoſſen, Strafe, religiöſe Furcht verſtärkt wird. Die Formen des religiöſen Kultus waren überall die wichtigſte Veranlaſſung zur Entſtehung feſter Sitten überhaupt.

Jede Sitte giebt irgend einer ſich wiederholenden Handlung ein beſtimmtes, ſtets wieder erkennbares Gepräge. Von den einfachen Bewegungen des Körpers bis zu den verwickeltſten Lebenseinrichtungen ſucht der Menſch an die Stelle des natürlichen Ablaufes der Ereigniſſe eine ceremoniöſe Ordnung zu ſetzen, mit dem Anſpruch, daß nur das ſo Gethane richtig geſchehen ſei. Alle menſchlichen Handlungen werden ſo geſtempelt, in konventionelle Form umgeprägt. Sie erhalten zu ihrem natürlichen materiellen Inhalt ein hinzukommendes geiſtig-ſittliches, formendes, auf ihren Zuſammenhang mit dem übrigen Leben hindeutendes Element.

Die Gegenſtände, welche die ältere Sitte formt, umfaſſen das ganze äußere Leben, aber auch nur dieſes, niemals zunächſt die Geſinnung. Die Nahrung, die Kleidung, die Wohnung, das Zuſammenleben und der Verkehr der Menſchen ſind überall die Hauptobjekte der Sitte. Aus Hunger und Inſtinkt frißt das Tier, wann und wo es Nahrung findet; das Eſſen zu feſt beſtimmter Zeit, in beſtimmter Form wird durch die Sitte geſchaffen. Die Eitelkeit und die Neigung zur Auszeichnung veranlaßt den Menſchen, ſich zu bemalen, zu ſchmücken; daraus geht der Kriegsſchmuck, die Kleidung als Sitte hervor. Die Begattung erfolgt aus tieriſchem Antriebe; die Sitte ſchafft feſte Regeln für dieſelbe. Geburt und Tod ſind natürliche Ereigniſſe, die Teilnahme der Familie und Freunde, die Rückſicht auf abgeſchiedene Ahnen und auf die Götter ſchafft feierliche Ceremonien, die Aufhebung des Kindes durch den Vater, die Taufe, die Toten- und Opfermahle, die Leichenbegängniſſe, lauter formale Handlungen, durch welche die Ereigniſſe in ihrer Bedeutung gewürdigt werden ſollen. Aus Bedürfnis tauſcht der eine Stamm einzelne Waffen und Schmuckgegenſtände mit dem anderen; die Sitte regelt das durch die feſte Anordnung einer gefriedeten Malſtatt, wo zu beſtimmter Zeit die Tauſchenden zuſammenkommen.

Mag die religiöſe Färbung der meiſten älteren Sitten, die Verbindung faſt aller regelmäßig wiederkehrenden Handlungen mit Kultceremonien daran ſchuld ſein, oder der Umſtand, daß der Menſch an ſich den geiſtigen Stempel, den er einer Handlung giebt, höher ſtellt als ihren materiellen Inhalt, ſo viel iſt ſicher, daß dieſe Formen, an die ſich eine Geſellſchaft gewöhnt hat, teilweiſe ein zäheres konſervativeres Leben haben als ihr Inhalt ſelbſt. Das heranwachſende Geſchlecht findet die Sitte als ein Überliefertes vor, als eine Lebensform, die es vom Erwachen des Bewußtſeins an als heilig betrachtet. An herkömmlich beſtimmten Worten, Bewegungen, Opfern, Zeichen hängt die Gnade der Götter. Die Sitte wird zur unbeugſamſten, überwältigenden Macht. Mit der zäheſten Ängſtlichkeit hält das Gemüt oft an ihr feſt, auch wenn die materielle Handlung, die in der Sitte ſteckt, keinen rechten Zweck mehr hat. Andere Zwecke ſchieben ſich unter, die Form ſucht ſich zu erhalten. Aus Opfermahlen für Götter und Tote werden Leichen- ſchmäuſe, aus uralten Trankopfern zur Verbrüderung wird die heutige Sitte des Zutrinkens. In faſt aller Sitte ſtecken ſo Nachklänge von Jahrtauſenden; es ſind oftmals Übungen und Formen, die, unter ganz anderen natürlichen und geſellſchaftlichen Verhältniſſen entſtanden, doch ihren Wert und ihre Bedeutung behaupten.

Die einzelne Form der Sitte iſt ſo immer ſchwer kulturgeſchichtlich zu erklären; ſie iſt ein kompliziertes Ergebnis, zu dem ſich ſehr verſchiedene Vorſtellungsreihen und Urſachen vereinigt haben. Sittliches Urteil und Gefühl, materielle Bedürfniſſe und Zwecke, uralte Formeln, religiöſer Wahn, ſchiefe Vorſtellungen und richtige Kauſalerkenntnis in Bezug auf individuellen und ſocialen Nutzen wirken zuſammen. Die Sitte der Kleidung iſt urſprünglich zu einer Zeit, wo der Menſch nicht bemerkte, daß er nackt ſei, und wo die Nacktheit noch keine Summe ſexueller Vorſtellungen und Erinnerungen aufreizen konnte, entſtanden aus der Neigung, ſich zu ſchmücken, ſich durch Schmuck auszuzeichnen; der Mann that das früher als die Frau; daher heute noch Stämme, bei welchen es Sitte iſt, daß der Mann ſich bekleidet, die Frau nackt geht. Alle Arbeitsteilung und ſociale Klaſſenbildung haben ſpäter, wie die Kälte und die Bewaffnungszwecke, in die Entwickelung dieſer Sitte eingegriffen; in den modernen Zeiten iſt die Bekleidung dann allgemein als ein ſociales Zuchtmittel erkannt worden, als ein Mittel der ſexualen Prophylaxe und der ſocialen Anweiſung, dem Trauernden richtig zu begegnen wie dem Feſtgeſchmückten; es wurde ein Mittel, den Offizier immer an ſeine Stellung zu erinnern, dem Geiſtlichen und Richter ſeine Wirkſamkeit auf andere durch die Amtstracht zu erleichtern. Nur ein unhiſtoriſcher Rationalismus kann deshalb ausſchließlich alle Sitte auf Überlegungen des geſellſchaftlichen Nutzens zurückführen.

Dieſer hat freilich überall inſtinktiv oder klar erkannt mitgeſpielt. Dasjenige wird Sitte, was den Menſchen irrtümlich oder mit Recht als das der Familie, ſpäter dem Stamme, zuletzt dem Volke und der Menſchheit Förderliche erſcheint. Aber die erſte Erfaſſung geſchieht unmittelbar mit dem Gefühle und die letzte Urſache der Entſtehung iſt immer das ſittliche Urteil, ein pſychologiſcher, einem gewiſſen Kreiſe gemeinſamer Vorgang.

Die Sitte iſt die grundlegende äußere Lebensordnung der menſchlichen Geſellſchaft, ſie erſtreckt ſich auf alle äußeren Lebensgebiete, vor allem auch auf das wirtſchaftliche. Es iſt deshalb angezeigt, gleich hier auf die auch für alle ſpätere Zeit ähnlich bleibende volkswirtſchaftliche Bedeutung der Sitte hinzuweiſen. Wir ſahen ſchon bei der Beſprechung der Bedürfniſſe, wie ihre ganze Entwickelung auf der Sitte ruht; dementſprechend iſt alle Unterſuchung der Nachfrage eine Unterſuchung von Sitten und Konſumtionsgewohnheiten. Die Geſtaltung der Hauswirtſchaft iſt durch die Sitte beherrſcht; alle Arbeitsteilung kann nur an der Hand beſtimmter Sitten zur Ausführung kommen. Alle Unternehmungsformen vom Handwerk bis zum Großbetrieb, der Aktiengeſellſchaft, dem Kartell ruhen auf Gewohnheiten und Sitten; aller Handel und Marktverkehr, Geld und Kredit ſind ein Ergebnis langſam ſich bildender Sitten. Jede volkswirtſchaftliche und ſociale Beſchreibung iſt ein Stück Sittengeſchichte. Die großen Fragen der ſocialen und wirtſchaftlichen Reform hängen mit der Möglichkeit und Schwierigkeit der Umbildung der Sitten zuſammen. Alles neue Recht iſt in ſeinem Erfolge davon abhängig, wie es zu den beſtehenden Sitten, ihrer Zähigkeit oder Bildſamkeit paßt. Wer das wirtſchaftliche Leben ohne die Sitte begreifen, nur materiell, techniſch, zahlenmäßig faſſen will, wird immer leicht irren, er ergreift von dem wirtſchaftlichen Vorgang eben das nicht, was ihm Farbe und beſtimmtes Geſicht giebt. Wie z. B. beim Arbeitsverhältnis unter Umſtänden eine kleine Erhöhung oder Erniedrigung des Lohnes nicht ſo bedeutſam iſt als die Sitte, wie, wo, wann, mit welchem Gelde gezahlt wird.

Die Sitte iſt nicht das Sittliche, aber ſie iſt der äußere und geſellſchaftliche Anfang desſelben; ſie iſt und bleibt eine Offenbarung deſſen, was den Menſchen über das Tier erhebt; ſie iſt aus dem geiſtig-ſittlichen Schatze des Volkes geboren; ſie ſtellt dem einzelnen eine äußere Norm des Guten, des Schicklichen, des Wohlanſtändigen vor Augen, ſie bändigt die Willkür, den Egoismus; ſie ſetzt den ungezügelten Reizen der momentanen Luſt feſte Schranken, ſie ſchlingt ein gemeinſames äußeres Band um die Stammesgenoſſen und um die wechſelnden Geſchlechter, ſie verknüpft die abrollenden Geſchicke des materiellen Lebens durch ihre Formen zu einem höheren geiſtigen Ganzen. Sie baut in die natürliche Welt die Welt der Konvention, aber auch die der Kultur hinein. Jede Sitte iſt hiſtoriſch geworden, kann zur Unſitte werden; aber ſie iſt in ihren geſamten Äußerungen ein weſentlicher Gradmeſſer der geiſtigen und moraliſchen Kultur. In den Anfängen des geſellſchaftlichen Lebens iſt es die Sitte, die vor Entſtehung einer ſtaatlichen Gewalt und eines geordneten Strafrechts den Frieden aufrecht erhält, die rohen Ausbrüche der Leidenſchaft zurückhält und ſühnt.

26. Die Entſtehung des Rechtes und ſeine ältere Verbindung mit der Sitte. In dem Maße, als die Stämme etwas größer werden, als Ungleichheit des Berufes, des Beſitzes und Ranges eintritt, als eine Häuptlingsariſtokratie ſich bildet, die patriarchaliſche Familienverfaſſung einzelne weit über die anderen emporhebt, fängt die bloße Sitte an, nicht mehr auszureichen, um den Frieden in der Geſellſchaft aufrecht zu erhalten. Die Macht einzelner wird zur Gewalt und Gewaltthat; der Verletzte kann ſich nur helfen, indem er der Macht des Gegners eine größere entgegenſtellt, indem er die Angeſehenen, die Häuptlinge zu Schiedsrichtern, oder indem er den ganzen Stamm zu ſeiner Hülfe herbeiruft. Und indem dieſe beiden Elemente beginnen, die Ausführung der geſellſchaftlichen Regeln in ihre Hand zu nehmen, wird das Recht geboren.

Alles Recht erwächſt aus der Sitte; wo es entſteht, giebt es bereits Regeln und den Glauben an eine ſittliche Regelung; aber ſie iſt vom Streit bedroht; die ver- ſchiedenen Intereſſen ſind aufeinander geplatzt oder drohen, ſich nicht der Regel zu fügen. Die vom Streit Geſchädigten, die Verletzten, oft einzelne, oft wachſende Teile des ganzen Stammes, ſuchen eine überlegene Gewalt zu ſchaffen, eine vorhandene zu veranlaſſen, daß ſie zwangsweiſe ausführe, was den Frieden ſichert, was im Geſamtintereſſe unerläßlich iſt. Vollends dauernde Kämpfe gegen andere Stämme ſind nur durchzuführen, wenn im Inneren der Kampf, der Widerſpruch ruht, wenn alle einzelnen dem Führer gehorchen, wenn jeder Ungehorſam beſtraft wird. Die kriegeriſchen Sitten befeſtigen am meiſten eine königliche Gewalt (ſiehe oben S. 7—8); und einmal aufgerichtet, wird ſie zur richtenden und ſtrafenden Gewalt überhaupt, ſucht Selbſthülfe und Eigenmacht zu beſchränken, verlangt, daß der Eigentümer den Dieb, der Gläubiger den Schuldner nur faſſe unter Teilnahme und Kontrolle der neuen, öffentlichen Gewalt. Wenn es dieſer Gewalt, wie in Rom, relativ früh gelingt, jeden Mord aus einer nach der Sitte zu begleichenden Privatſache der Gentes und der einzelnen zu einer Angelegenheit zu machen, die das ganze Gemeinweſen angeht und ſtraft, ſo giebt ſie damit demſelben eine viel höhere Friedensſicherheit, eine viel größere Möglichkeit inneren wirtſchaftlichen Fortſchrittes und größerer Kraftentwickelung gegen andere Stämme. Der Keim zum Rechtsſtaat iſt gelegt.

Wie im Körper des Kindes aus einem Teile der weichen Knorpeln nach und nach feſte und harte Knochen ſich bilden, ſo entſteht alles Recht in der Weiſe, daß ein Teil der althergebrachten Regeln der Sitte zu feſten, durch die Macht geſicherten Ordnungen werden. Was als beſonders wichtig, als beſonders bedeutungsvoll für die Lebensintereſſen der Geſamtheit, für die Streitbeſeitigung und Friedenserhaltung gilt, das wird aus der übrigen Menge der ſocialen Lebensregeln durch Stammes- und Häuptlingsbeſchlüſſe, durch Gebote der Könige und Älteſten oder auch durch bloße ſtrengere Übung als Recht ausgeſondert, mit höherer Kraft und Weihe ausgeſtattet, mit Straf- oder Ächtungsklauſeln verſehen.

So ſehr dieſe im Anfang nicht allzu zahlreichen Rechtsregeln nur unter dem Schutze der Macht, der Gewalt entſtehen und wachſen und durch dieſe größere Sicherung ihrer Ausführung ſich von der Sitte, der Gewohnheit zu unterſcheiden anfangen, ſo ſchwankend bleibt Jahrhunderte lang die Grenze zwiſchen Sitte und Recht; die Brücke des Gewohnheitsrechtes verbindet beide; die Furcht vor der Strafe der Götter wirkt auch beim Recht lange Zeit mehr, als der ſtrafende Arm des Königs. So lange ſo Sitte und Recht ohne ſtrenge Scheidung nebeneinander ſtehen und ineinander übergehen, iſt die ſociale Zucht, die ſie üben, außerordentlich ſtark. Die meiſten älteren eigentlichen Kulturſtaaten zeigen ein ſolches Bild. Die Völker, die unter dem Impulſe ſtarker religiöſer Vorſtellungen die alte Kraft der Sitte auf allen Lebensgebieten noch bewahrt und daneben doch auch ſchon den ſtarken Apparat eines ſtaatlichen Rechtes ausgebildet haben, machten nach allen Seiten, vor allem auch nach der wirtſchaftlichen, größere Fortſchritte als die Stämme, welchen dies weniger gelang.

Kirche und Staat, Recht und Sitte, religiöſer und rechtlicher Zwang fallen auf dieſer Kulturſtufe noch mehr oder weniger zuſammen; Ihering hat in geiſtreicher Weiſe darauf aufmerkſam gemacht, wie das indiſche Wort dharma, das hebräiſche mischpat und das griechiſche δίκη Sitte, Sittlichkeit, Recht und Ritus zugleich bezeichnen. In gleichem Zuſammenhang der Gedanken hat Peſchel daran erinnert, daß eine der reinſten der älteren Religionen, nämlich die eraniſche Lehre Zarathuſtras und ſeiner Nachfolger, jeden Verſtoß gegen ſchamaniſtiſche und Ritualvorſchriften ebenſo als Sünde bezeichne, wie Lüge und Diebſtahl. Die Prieſter und die Richter ſind noch ein und dieſelben Perſonen, wie bei den meiſten indogermaniſchen Völkern, vor allem im älteren Rom. Rechtliche, cenſoriſche und kirchliche Straf- und Zuchtmittel ſind noch nicht recht getrennt. Die Ägypter und die Römer hatten mit am früheſten einen ſtaatlich geordneten Apparat des Rechtes, aber zugleich die unerbittlichſte Herrſchaft einer ſtrengen Sitte auf allen Lebensgebieten. In dem Satz: Moribus plus quam legibus stat res Romana lag eine tiefe Wahrheit. Das geſamte Leben der Ägypter, hat man geſagt, war geordnet wie ein Gottesdienſt. Sie haben, ſagt Herodot, einen harten und ſtrengen Dienſt und viele heilige Gebräuche. Unzählig waren die Vorſchriften über Reinheit des Körpers, über Kleidung und Eſſen, über Klyſtiere und Ceremonien. Hoben ſich dagegen die Geſetze Moſes als einfache ab, ſo gingen doch die ſpäteren Satzungen der israelitiſchen Prieſter auch auf alle Einzelheiten des Lebens ein. Und wenn wir die Bußordnungen der abendländiſchen Kirche aus dem 8.—10. Jahrhundert nachleſen oder die Kapitularien der Karolinger, ſo verſetzen ſie uns auch in eine Zeit, in welcher Sitte und Recht der vordringenden chriſtlichen Kultur die Mahlzeiten ebenſo wie die Ehe, das Faſten und das Beten ebenſo wie den Staat ordnen wollte. Auch in ſpäteren Epochen, im kalviniſtiſchen Genf, in manchen lutheriſchen Kleinſtaaten, in dem von einem demokratiſchen Klerus ganz beherrſchten Schottland des 17. Jahrhunderts wiederholen ſich Analogien dieſer älteren Kulturzuſtände; neben einer längſt vorhandenen ſtaatlichen Rechtsordnung hat ſich die unbedingte Herrſchaft einer ſtrengen kirchlichen, alles beherrſchenden ſtarren Sitte erhalten. Das Weſen aller älteren theokratiſchen Geſellſchaftsverfaſſung ſcheint darin zu liegen, daß Recht und Sitte hoch ausgebildet, ungetrennt von einer einheitlichen, halb geiſtlichen, halb weltlichen Gewalt überwacht und ſtreng ausgeführt wird. Das Reſultat kann ein glänzendes in Bezug auf Macht und wirtſchaftliche Erfolge, Zucht und Ordnung ſein, ſo lange Recht und Sitte den realen Menſchen und Verhältniſſen richtig angepaßt ſind. Die Anpaſſungsfähigkeit geht aber durch die Starrheit von Recht und Sitte ſtets mit der Zeit verloren.

Die Vorausſetzungen einer ſolchen Geſellſchaftsverfaſſung waren: kleine, einheitliche Gemeinweſen, unveränderte geiſtige, wirtſchaftliche und ſociale Verhältniſſe, keine großen intellektuellen und wiſſenſchaftlichen Fortſchritte. In größeren Staaten mit verſchiedenen Volkstypen und Lebensbedingungen kann die einheitliche Sitte weder entſtehen, noch erhalten ſich da leicht dieſelben Vorſtellungskreiſe und religiöſen Satzungen durch viele Generationen hindurch. Aus der Wechſelwirkung der verſchiedenen Elemente entſpringt Reibung und Fortſchritt. Auch in den kleinen Gemeinweſen entſteht mit fortſchreitender Technik, mit Verkehr und Handel das wiſſenſchaftliche Denken, die Kritik, der Zweifel. Die veränderte Schichtung der Geſellſchaft verlangt andere Satzungen, erzeugt andere Ideale und Ziele. Die alte Sitte, die alte Kirchenſatzung, das alte Recht kommt da und dort ins Wanken; in den verſchiedenen Schichten der Geſellſchaft, an den verſchiedenen Orten entſtehen verſchiedene Regeln der Sitte. Während aber ſo das ſittliche Urteil und die Sitte ſich differenziert, muß das Recht oder wenigſtens der wichtigſte Teil desſelben in den Händen einer ſtarken Staatsgewalt ein einheitliches bleiben. Es ſcheidet ſich ſo nach und nach Sitte und Recht (mores und jus), prieſterliche und ſtaatliche Satzung (ϑέμις und νόμος, fas und jus). Prieſter und weltliche Richter ſind nicht mehr eins. Neben den alten Lehren und Kosmogonien der überlieferten Religion entſtehen neue religiöſe oder philoſophiſche Theorien und Syſteme. In ſchwerem, erſchütterndem Kampfe ringt das Alte mit dem Neuen. Edle konſervative Charaktere kämpfen, wie Cato, für die Erhaltung des Beſtehenden, weil ſie fürchten, daß mit ſeiner Auflöſung alle ſittliche Zucht und Ordnung verſchwinde; größere Geiſter, wie Sokrates, Chriſtus, Luther, ſtehen auf der Seite der Neuerer und ſchaffen den Boden für eine neue Kulturwelt, wenn ſie mit dem kühnen Mut des Reformators den Adel des ſittlichen Genius verbinden.

Zugleich knüpft an dieſe Epochen der großen Geiſteskämpfe ſich die definitive Scheidung von Sitte, Recht und Moral an.

27. Die Scheidung des Rechtes von der Sitte. In unſeren modernen Kulturſtaaten ſtehen ſich Sitte und Recht als zwei ſcheinbar ganz getrennte Lebensordnungen gegenüber. Nur zu oft ſcheint man zu vergeſſen, daß ſie Kinder derſelben Mutter ſind, daß ſie eigentlich mit verſchiedenen Mitteln dasſelbe wollen. Freilich äußern ſie ſich zunächſt recht verſchieden, haben einen verſchieden formalen Charakter.

Dieſer tritt allerdings erſt zu Tage, wenn das Recht aufgezeichnet und beſonderen Organen zur Handhabung übergeben wird. So lange das Recht nicht aufgezeichnet iſt, bleibt die Grenze zwiſchen Sitte und Recht eine fließende. Auch die älteren Aufzeichnungen, wie z. B. die Weistümer der bäuerlichen Gemeinden, die Zunftſtatute, die Hofordnungen des 15. und 16. Jahrhunderts enthalten noch neben dem Recht mancherlei Regeln der Sitte. Aber mehr und mehr muß die Trennung Platz greifen. Die ſchriftliche Fixierung der Sitte iſt nicht Bedürfnis, iſt oft ſehr ſchwierig oder gar nicht möglich; ſie muß in freiem Fluſſe ſich überall verſchieden geſtalten können, während das Recht die wichtigſten Regeln für weitere Kreiſe, ganze Städte und Staaten immer mehr klar, genau, für jeden verſtändlich verzeichnen ſoll; es entſtehen die Rechtsbücher und Geſetze, es bildet ſich jenes poſitive Recht, das nach geographiſcher Ausdehnung, nach Einheit im Staate, nach logiſcher Durchbildung, nach der Herrſchaft allgemeiner Gedanken ſtrebt. Die Entſtehung einer abſichtlichen Geſetzgebung durch Volksbeſchlüſſe, Königsbefehle, zuletzt durch einen beſonderen komplizierten ſtaatlichen Apparat, der auf genau beſtimmtem Zuſammenwirken verſchiedener Organe beruht, iſt der wichtigſte Schritt in der Loslöſung des Rechtes von der Sitte, in der Erhebung beſtimmter Regeln des ſocialen Zuſammenlebens zu einer höheren Würde, Bedeutung und Wirkſamkeit. Mit dem Geſetzesrecht beginnt die abſichtliche Regulierung des ſocialen Lebens durch das ſeiner Kraft und ſeiner ſittlichen Macht bewußt gewordene Recht. Freilich will auch das Geſetz oft nur Beſtehendes genauer fixieren und durchführen, aber ebenſo oft will es Neues anordnen, will es für die Mehrzahl einführen, was nur wenige bisher gethan. Erſt das bewußte Geſetzesrecht kann die reale geſellſchaftliche Welt als Willensmacht nach gewiſſen Idealen geſtalten. Je kühner es freilich vordringt, deſto zweifelhafter iſt es, ob die neue Regel ſich behauptet, in die Sitten übergeht, ob die hinter dem Recht ſtehende Macht allen Widerſtand brechen kann.

Das Recht auf dieſer Kulturſtufe können wir definieren als denjenigen Teil der auf das äußere ſociale Leben gerichteten ſittlichen Lebensordnung, welcher zur Macht geworden, auf die politiſche Gewalt des Staates geſtützt, durch Feſtſtellung der Grenzverhältniſſe des geſellſchaftlichen Lebens und durch Vorſchriften über das Zuſammenwirken zu gemeinſamem Zwecke die wichtigſte Vorbedingung für einen friedlichen und geſitteten, fortſchreitenden Kulturzuſtand ſchaffen will. Dieſes Recht muß die älteren Formen, die Symbole, die poetiſche Sprache abgeſtreift haben; ſein Zweck iſt, daß ſtets der gleiche Satz auf den gleichen Fall angewandt werde. Dazu bedarf es der verſtandesmäßigen, logiſchen Durchbildung, der Ordnung, der ſprachlichen Präciſierung, der geſicherten Überlieferung, der wiſſenſchaftlichen Behandlung, der Zurückführung auf oberſte Principien. Es muß die Anwendung des beſtehenden Rechtes durch Richter und Behörden ſich trennen von der Neuſchaffung des Rechtes durch die Staatsgewalt. Es muß alles Willkürliche aus den Rechtsentſcheidungen weichen. Der Einfluß der Mächtigen und der oberen Klaſſen ſoll durch Gerichtsorganiſation und Öffentlichkeit möglichſt beſchränkt werden. Die Sicherheit der gerechten, gleichförmigen Anwendung des Rechtes bleibt das oberſte Ziel. Deshalb ſind für alles feſte, klare, formale Vorſchriften nötig. Feſte Termine über Friſten, Verjährung, Altersgrenzen werden notwendig, auch wenn ſie im einzelnen Fall oft nicht paſſen, weil ſie allein gerechte, immer gleiche Anwendung garantieren. Die feſte Form des Rechtes muß oft über die Sache, über die materielle Gerechtigkeit geſtellt werden, weil ſie allein die gleiche Durchführung garantiert. Und ſo ſehr man ſich bemüht hat, die Maßſtäbe, die das Recht anwendet, zu verfeinern, es Zwecken und Verhältniſſen anzupaſſen, auf die es ſich früher nicht erſtreckte, wie z. B. auf die Gewalthandlungen der Staatsbehörden, es muß ſeiner Natur nach ein ſprödes, ſtarres Syſtem von Lebensregeln bleiben, die, auf den Durchſchnitt gegründet, immer nach rechts und links hin leicht unpaſſend werden; das formale Recht muß dem Leben oft Zwang anthun, es kann nicht alle Forderungen der Sittlichkeit durchführen, es muß, auf falſche Gebiete angewandt, ein Prokruſtesbett bilden, das Wunden ſchlägt. Der zu komplizierte Rechtsſatz wird leicht, weil er Gefahr leidet, ungleich angewandt zu werden, zur harten Ungerechtigkeit. Auch dadurch, daß das poſitive Recht dem Fluſſe ſteter Umbildung und Anpaſſung an neue reale Verhältniſſe mehr entzogen iſt als Sitte und Moral, muß die Anwendung oft als Härte erſcheinen. Geſchaffen als Grenzwälle, um Streit zu vermeiden, geben die Rechtsſätze Individuen und Gemein- ſchaften hinter ihrem Wall einen freieren Spielraum des Handelns und Wirkens in dem Maße, als ſie die Übergriffe über die Grenze verbieten und hindern; eben dadurch aber liegt es in ihrer Natur, daß ſie einerſeits die individuelle Ausbildung, die perſönliche Freiheit, die freie Bewegung des einzelnen auf dem Boden ſeines Eigentums, ſeiner Sonderrechte fördern, andererſeits aber auch zu moraliſchem Unrecht Anlaß geben; ſie erteilen in der Hauptſache immer mehr Befugniſſe, als daß ſie Pflichten auferlegen. Die Moral betont die Pflicht in erſter Linie, das Recht kann ſeiner Natur nach nur die gröbſten Pflichten erzwingen, im übrigen betont es die freie Thätigkeit des einzelnen, der Gruppen, der Staaten innerhalb des Rechtes und giebt ſo dem Egoismus und der Gemeinheit, der Korruption und Entartung in Zeiten ſinkender Moral und Sitte freieren Spielraum.

Dem Recht gegenüber bleibt alle Sitte formlos und ſchwankend, ſie iſt unter Umſtänden leicht im Fluß begriffen, oft aber auch äußerſt zähe und konſervativ; ſie iſt leicht an jedem Orte, in jedem Stande wieder eine andere; unaufgezeichnet hat ſie keinen ſtrengen Exekutor hinter ſich, wie das Recht. Die älteren Preſſionsmittel der Sitte, cenſoriſche, kirchliche und ſociale Ächtungen kommen eher ab, werden teilweiſe verboten. Die Sitte verliert ſo an Kraft und Erzwingbarkeit in eben dem Maße, als das Recht dieſe Eigenſchaften immer mehr gewinnt. Aber dafür greift ſie in alle Gebiete ein, wo das Recht mit ſeinem ſchwerfälligen Apparate nicht hindringen kann. Sitte und Recht ſind beide Regeln für das äußere Leben; ſie ſtehen beide als ein Äußerliches der Moral und der Sittlichkeit als einem Inneren gegenüber. Aber beide haben, wie jene, ihre letzten Wurzeln im ſittlichen Urteil und bezwecken beide, wie jene, die gute, die normale Ordnung der Geſellſchaft. Sie können aber beide mit der Moral und unter ſich in Widerſpruch kommen, weil ſie noch am Alten kleben, während das feinere ſittliche Urteil ſchon ein anderes geworden, weil ſie je mit eigenen Organen verſchieden raſch, verſchieden konſequent ſich ausbilden. Daher kann die Sitte und das Recht mit den ſittlichen Gefühlen und Urteilen einzelner Kreiſe, ja der Beſten eines Volkes zeitweiſe in Wider- ſpruch kommen.

Im Verhältnis zum Recht bleibt die Sitte der Untergrund, auf dem jenes erwächſt; oft will die kühnſte Reformgeſetzgebung nur erzwingen, was in den Kreiſen einer Elite ſchon Sitte geworden. Die deutſchen Genoſſenſchaften waren längſt durch Übung und Sitte eingelebt, als ein Geſetz ihnen den Stempel des Rechtes aufdrückte. Aber aus den angeführten formellen Gründen kann doch entfernt nicht alle Sitte in Recht umgewandelt werden. Daher iſt das Gebiet der Sitte ein unendlich viel umfangreicheres als das des Rechtes. Auf die meiſten Gebiete materiellen Handelns erſtreckt ſich ſowohl Sitte als Recht: Ehe, Familienleben, Geſchäftsverkehr, Wirtſchaftsorganiſation, Geſelligkeit, politiſches Leben haben ihre Sitten und ihr Recht. Aber das Recht ordnet dabei nur das Wichtigſte, das für Staat und Geſellſchaft Unentbehrliche, die Sitte erfaßt das Ganze aber in loſerer Weiſe. Die Sitte ordnet z. B. alle unſere Kleidung, die des Richters, des Geiſtlichen, des Offiziers iſt durch rechtliche Vorſchriften beſtimmt. Die Sitte beherrſcht alles Familienleben, aber das Recht beſtimmt, daß der Vater ſeine Kinder zur Schule ſchicke, daß die Frau ihm gehorche, daß die Kinder unter beſtimmten Bedingungen die alten Eltern ernähren müſſen. Die Sitte entſteht überall von ſelbſt, wo eine Regel Bedürfnis iſt, das Recht nur da, wo häufige Streitigkeiten und das ſchwierigere Zuſammenwirken vieler zu höheren ſocialen und ſtaatlichen Zwecken eine feſtere, klare Regel fordern, wo es lohnt, ſeinen viel ſchwerfälligeren Apparat anzuwenden und es iſt daher natürlich, daß alle kleineren, unerheblicheren Vorkommniſſe des individuellen Alltagslebens, des geſellſchaftlichen Verkehrs, die meiſten Teile des gewöhnlichen wirtſchaftlichen Lebens nur von der Sitte geregelt ſind.

Je vollendeter Sitte und Recht ſind, deſto mehr ſtimmen ſie mit den ſittlichen Idealen überein, deſto mehr machen ſie die Forderungen der Gerechtigkeit wahr. Aber nie iſt zu vergeſſen, daß ſeiner Natur nach das poſitive Recht ſich dieſem Ziele nur langſam nähern, daß es auch entartet, veraltet, gefälſcht ſein kann. Dann gilt das Wort des heiligen Auguſtin: quid civitates remota justitia quam magna latrocinia.

28. Die Entſtehung der Moral neben und über Sitte und Recht. Indem man begann, die in Spruch und Lied, in gereimter und ungereimter Form überlieferten ſocialen Normen zu ſammeln, zu vergleichen, zu interpretieren, ergab ſich das Bedürfnis, ſie gewiſſen oberſten Vorſtellungen von der Welt, von den Göttern, vom Menſchenſchickſal unterzuordnen; die Regeln erſchienen nun als Gebote der Gottheit, verbunden durch kosmogoniſche Vorſtellungen, die man erklärte, ausdeutete. Es ergaben ſich ſo einheitliche religiöſe Lehrſyſteme, die die erſten Verſuche rationaler Erklärung alles Seienden ebenſo enthalten, wie ſie die Lenkung alles Handelns zum Guten bezwecken; es handelt ſich um einen Glauben, der die Zweifel beruhigt, das Gemüt beherrſcht, der das Gute finden lehrt, der ein klares und deutliches Sollen vorſchreibt. Alle ältere Moral wird ſo als das logiſche Reſultat eines religiöſen Glaubensſyſtems erfaßt; ſie fällt mit Sitte und Recht noch ganz oder teilweiſe zuſammen. Man iſt ſich, wie wir oben ſahen, lange über den Gegenſatz von Sünde, Ritualvorſchrift, Sitte und Recht nicht klar. Aber immer zielt die prieſterliche Moral ſchon auf etwas anderes als Sitte und Recht. Die äußeren Satzungen der Prieſter mögen noch auf Befeſtigung der geſell- ſchaftlichen Verfaſſung gerichtet ſein; die Spekulation über den Willen der Gottheit führt zur Erörterung des inneren Seelenlebens der Menſchen. Zumal die höheren Religionsſyſteme erkennen mehr und mehr die Bedeutung der ſittlichen Geſinnung für das Leben und die Handlungen. Das zuſammenhängende einheitliche Nachdenken über die Urſachen, warum wir gut handeln ſollen, über die ſittlichen Gefühle, Urteile, Handlungen erzeugt die Moral, d. h. einheitliche Lehrgebäude, welche das Gute begreifen, darſtellen und lehren wollen, welche aus einheitlichen Grundgedanken und Principien die ſittlichen Pflichten, Tugenden und Güter ableiten wollen. Die Moral, das Moral- ſyſtem iſt ſo ſtets im Gegenſatz zu Sitte und Recht ein theoretiſches und praktiſches Ganzes; ſie will Regeln und Gebote für alles Leben geben, aber ſie formuliert ſie nicht feſt und klar, wie Sitte und Recht. Und ſie will nicht bloß das äußere Leben regulieren, ſondern auch das innere in die rechte Verfaſſung ſetzen. Sie will das Gute an ſich lehren, ſie will überreden, überzeugen, ſie will die ſittlichen Kräfte ſchaffen, aus denen Sitte und Recht ſelbſt als abgeleitete Erſcheinungen hervorſprießen.

So lange in einem ſocialen Körper Kirche und Staat zuſammenfallen, eine einheitliche Kirchenlehre alles innere und äußere Leben beherrſcht, giebt es nur die eine kirchliche Moral, die eventuell mit Zwang und Gewalt ihre Gebote durchſetzt, ihren Glauben und ihre Lehrſätze jedem aufdringt. So iſt es in den muhamedaniſchen Staaten noch heute; wie es dort noch kein weltliches Recht neben dem Koran giebt, ſo giebt es auch noch keine ſelbſtändige weltliche Moral. Das Chriſtentum hat einen fertigen Staat vorgefunden, ihn der Kirche zeitweiſe untergeordnet, ihn mit ſeinen Säften und An- ſchauungen ganz erfüllt, aber die beiden Organiſationen Staat und Kirche blieben doch ſtets getrennt. Neben der kirchlichen erhielt ſich die philoſophiſche Tradition des Altertums. Das Recht und die Sitte der germaniſchen Völker waren niemals bloß kirchlich; ein weltliches Recht blieb neben dem kirchlichen beſtehen. Eine philoſophiſche Moral- ſpekulation verknüpfte ſich im Mittelalter mit der kirchlichen, machte ſich aber mit der Renaiſſance der Wiſſenſchaften vom 16.—18. Jahrhundert an von ihr los. Die Kämpfe innerhalb der Kirche erzeugten eine katholiſche, eine proteſtantiſche, eine Sektenmoral. Neben ihnen bildeten ſich ſeit dem 17. Jahrhundert die weltlichen philoſophiſchen Moral- ſyſteme. Und ſo können wir heute ſagen, jede Kirche habe heute ihre Moral, wie jede philoſophiſche Schule; wir können beifügen, die Moral jedes Volkes, jedes Standes habe ihre eigenen Züge. Ein kräftiges, ſelbſtändiges Leben hat jedes Moralſyſtem in dem Maße, als es eine Litteratur und Preſſe erzeugt, in Wiſſenſchaft, Kunſt und Schule beſonderen Ausdruck gewinnt, in Geiſtlichen, Philoſophen, Dichtern und Schriftſtellern beſondere Träger erhält.

Die ſelbſtändige Entwickelung der Moral gegenüber Sitte und Recht hat einerſeits in den verſchiedenen perſönlichen Trägern, in den verſchiedenen Spitzen der betreffenden Bewußtſeinskreiſe, andererſeits in verſchiedener formaler Beſchaffenheit, in den verſchiedenen Zwecken ihren Grund. Sitte und Recht ſind Regeln des äußeren Lebens, die Moral umfaßt äußeres und inneres Leben, alles menſchliche Handeln und alle Geſinnung. Sitte und Recht ſind in beſtimmten Geboten und Verboten fixiert; die Moral wendet ſich ohne feſte Formeln und Sätze an die Wurzel des Handelns, ſie will die Seele zum richtigen Handeln fähig machen, das Gewiſſen ſchärfen. Ihr Höhepunkt iſt die freie Sittlichkeit, die ohne Bindung an ſchablonenhafte Regeln ſicher iſt, aus ſich heraus überall das Gute und Edle zu thun. Die Moral leuchtet als führende Fackel der Sitte und dem Recht, die ihr gar oft nur zögernd folgen, voran; ſie fordert Geſinnungen und Thaten, denen oftmals nur die Sitte der Beſten entſpricht, die zu einem großen Teil vom Rechte nicht verlangt werden können. Die Sitte hat in der öffentlichen Meinung, in der Ehre, im Klatſch der Nachbarn, das Recht in der Staatsgewalt, die Moral hauptſächlich im Gewiſſen ihren Exekutor. Die Moral iſt ein unendlich feineres, verzweigteres Gewebe als Sitte und Recht; aber ſie hat keine anderen Mittel, zur Geltung zu kommen, als Überredung und Überzeugung.

Die jeweilig in einem Volke herrſchenden und zu Tage tretenden theoretiſchen und praktiſchen Moralſyſteme ſind der prägnanteſte Ausdruck der in ihm herrſchenden ſittlichen Kräfte; Sitte und Recht ſind nur ein Ausdruck von Teilen derſelben, und zwar oft mehr ein Ausdruck für die Beſchaffenheit dieſer Kräfte in vergangener Zeit. Niemals aber können Moral, Sitte und Recht eines Volkes in zu ſchroffen, zu weiten Gegenſatz untereinander treten, weil alle drei ein Ergebnis der herrſchenden ſittlichen Gefühle und Urteile ſind. Die Moral beherrſcht Sitte und Recht oder ſucht ſie zu beherrſchen; jene iſt das Allgemeine, dieſe ſind das Beſondere. Wo die Moral des Volkes eine geſunde iſt, da iſt auf eine Beſſerung von Sitte und Recht auch ſtets noch zu hoffen. Wo auch die Moral vergiftet iſt, da ſteht es ſchlimm. Nur darf man nicht verzagen, wenn in einzelnen Klaſſen eine einſeitige und falſche Klaſſenmoral ſich breit macht, wenn in einzelnen philoſophiſchen Schriftſtellern und Künſtlern eine verkehrte Moral zu Tage tritt. Die freie geiſtig-ſittliche Entwickelung kann nicht ohne ſolche Symptome, zumal in den Zeiten großer Gärung und Umbildung, ſich vollziehen.

29. Die Bedeutung der Differenzierung von Sitte, Recht und Moral. Indem die höheren Kulturvölker dieſe Scheidung der ſittlichen Lebensordnung in drei Gebiete vollzogen haben, die, unter ſich aufs engſte verwandt, doch ſelbſtändig nebeneinander ſtehen, aufeinander wirken, ſich korrigieren, verſchiedene Teile des geſell- ſchaftlichen Lebens verſchieden binden und ordnen, haben ſie einen der größten Fort- ſchritte der Geſchichte vollzogen. Nur die Trennung der ſittlichen Regeln in Moral, Sitte und Recht erklärt die moderne Freiheit der Individuen einerſeits und die Feſtigkeit unſerer heutigen Kulturſtaaten andererſeits. Es iſt eine Arbeitsteilung, welche den Zweck zu verfolgen ſcheint, einen Teil der ſocialen Lebensordnung immer feſter, härter, unerbittlicher, einen anderen immer elaſtiſcher, freier, entwickelungsfähiger zu machen.

Nur das Recht verbindet ſich mit der Macht und dem ſtaatlichen Zwang; es wird das feſte Rückgrat des ſocialen Körpers; durch die Sicherheit und Kraft ſeiner Wirkung allein werden große Staaten und große Wirkungen in ihnen möglich. Bis zur Härte ſteigert ſich ſeine Kraft; der einzelne wird unbarmherzig von dieſer ſtarren Maſchine auf die Seite geworfen, zermalmt, wenn er widerſtrebt und ſich mit dem Gange derſelben nicht eins weiß oder ſich nicht fügt. Aber dieſer ungeheuere Zuwachs an Kraft und Wirk- ſamkeit, an einheitlichen Reſultaten iſt nur möglich durch Beſchränkung auf das Wichtigſte. Man hat das Recht ein ethiſches Minimum genannt (Jellinek); das iſt es, verglichen mit dem materiellen Umfang der ſittlichen Lebensordnung überhaupt; aber es iſt andererſeits ein ethiſches Maximum, nämlich an Kraft, an Wirkſamkeit, an Reſultaten.

In der Beſchränkung der ſtets ſtarren Rechtsregeln auf das geſellſchaftlich Notwendigſte liegt die Möglichkeit aller individuellen Entwickelung, aller perſönlichen Freiheit. Beide fehlen in den älteren Staaten mit ungeſchiedenen, unerbittlichen Sitten und Rechtsregeln. Indem bei höherer Kultur die Sittenregel elaſtiſcher, ihre Exekution ſchwächer wird, die Moralregel nur noch den Exekutor des eigenen Gewiſſens hat, entſteht erſt die Möglichkeit vielgeſtaltiger, eigenartiger Entwickelung, die Möglichkeit, daß neue Ideen raſcher zur Wirkſamkeit gelangen, daß die Kritik das Veraltete tadelt, daß Neues in größerem Umfange verſucht wird. Dem Princip der fortſchreitenden Entwickelung iſt damit die Bahn eröffnet, und doch iſt für die Menge nirgends die Regelloſigkeit und die Willkür ſtatuiert. Es ſind nur gewiſſe Teile der Lebensordnung weicher, bildſamer gemacht, es ſind die Thüren aufgemacht für Ausnahmen und Beſonderheiten. Es iſt durch die höhere und feinere Ausbildung von Sitte und Moral eine unendliche Vielgeſtaltigkeit zugelaſſen, die, für das Recht ſtatuiert, den ſocialen Körper erdrücken würde.

Auf niedriger Kulturſtufe ſtraft und tötet, verbrennt und rädert man die Menſchen wegen verſchiedener Anſichten, man peinigt ſie bis aufs Blut wegen Übertretung kirch licher Ritualvorſchriften, man ſtraft den, welcher auf den polyneſiſchen Inſeln die dem Fürſten vorbehaltenen Speiſen berührt, aufs unerbittlichſte. Und derartiges war und iſt notwendig, ſo lange Recht, Moral und Sitte nicht geſchieden ſind. Erſt unſere feſtgefügte ſtaatliche Juſtiz einerſeits, die große geiſtige Kraft unſerer Sitte wie unſerer ausgebildeten Religions- und Moralſyſteme andererſeits haben es geſtattet, den Rechts- und Strafapparat von Kirche und innerer Überzeugung ſo weit zu entfernen, daß wir uns darauf beſchränken, nur einzelne ganz beſondere Ausſchreitungen auf dieſen Gebieten durch Preß- und Strafrecht zu verbieten. Nur dieſe Entwickelung ermöglicht es uns, eine Freiheit der Wiſſenſchaft, der Preſſe, des häuslichen Lebens, der Geſelligkeit, des Konſums, der Wirtſchaft zu geſtatten, die früher undenkbar war.

Damit iſt eine Reihe ſchiefer Vorſtellungen widerlegt, die bis in die neuere Zeit in den Staatswiſſenſchaften, zumal in der Nationalökonomie, ihr Weſen trieben.

Die ſchiefe Theorie von einer natürlichen Geſellſchaft und einer natürlichen Volkswirtſchaft, wie ſie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entſtand, beruhte auf einer Verkennung oder Ignorierung der Thatſache, daß alle unſere Handlungen von Moral, Sitte und Recht beeinflußt ſind. Man leitete das geſellſchaftliche und wirtſchaftliche Leben aus ſog. freien, natürlichen Trieben ab; man nahm an, dieſen ſei nur auf einigen beſtimmten und beſchränkten Punkten durch das Recht ein Zügel angelegt. Im übrigen erſchien das möglichſt freie Spiel dieſer Triebe als das geſellſchaftliche Ideal; ſie ſollten ſich in möglichſt freiem Kampfe bethätigen. Daß ſie doch ein glückliches GeſamtergcbnisGeſamtergebnis herbeiführen, leitete man aus einer präſtabilierten Harmonie ab. Die unbedingte, uneingeſchränkte politiſche, wirtſchaftliche und ſonſtige individuelle Freiheit erſchien als der Ausdruck dieſer Lehre. Je unbeſchränkter der Erwerbstrieb walte, deſto geſünder ſei die Volkswirtſchaft. Die Satire aller Moral, eine brutale Ellbogenmoral der Starken, blieb bei dieſer Auffaſſung vom Sittlichen übrig.

Wir können in einer ſolchen Auffaſſung nur eine Summe von Irrtümern und Übertreibungen ſehen, die freilich wohl hiſtoriſch erklärbar ſind. Man hatte 1750—1850, in einer Zeit der größten techniſchen, wirtſchaftlichen und ſocialen Umbildungen, vor allem das Bedürfnis, veraltete ſittliche Lebensordnungen zu beſeitigen, veraltete Sitten und Rechtsinſtitutionen über Bord zu werfen. Man ſah in dieſem Kampfe eine Rückkehr zum Natürlichen und Gerechten und mußte dabei dem freien Triebleben zeitweiſe ſehr großen Spielraum gönnen. Aber der ganze Umſchwung vollzog ſich doch unter Leitung ſittlicher Ideen, neuer Moralſyſteme, und das letzte Reſultat waren überall neue Sitten und neue Rechtsinſtitutionen. Die Frage der wirtſchaftlichen und politiſchen Freiheit war hier und iſt ſtets nur die Frage der richtigen Grenzregulierung zwiſchen Sitte, Recht und Moral. Wenn ich im Krämerladen zuſehe, wie ein armes, altes Mütterchen durch ſchlechten, gefärbten Kaffee betrogen wird, während vielleicht die vornehme Dame gute Ware zu ſolidem Preiſe erhält, dann frage ich, iſt unſere heutige Moral ſo geſunken? iſt die Sitte der anſtändigen Geſchäftsleute durch eine Übermacht der Konkurrenz ins Wanken geraten? Ich frage weiter, iſt nicht eine Strafklauſel in einem Lebensmittelfälſchungsgeſetz vorhanden oder zu ſchaffen, die ſolches hindert? iſt es wahr- ſcheinlich, daß ſie Beſſerung ſchafft, daß ſie gerecht und allgemein durchgeführt wird? Der Vernünftige, der heute für freie Konkurrenz, für Beſeitigung dieſer oder jener Rechtsſchranken eintritt, der daraus eine Belebung des Selbſtbewußtſeins, eine Stärkung der Selbſtverantwortlichkeit, ſowie aller individuellen Kräfte ableitet, rechtfertigt dies in der Regel nicht damit, daß die Willkür, der Egoismus, das ſchrankenloſe Triebleben herrſchen ſoll, ſondern damit, daß er nachweiſt, die Moral und die gute Sitte werde von ſelbſt vordringen, die Rechtsregel ſei zu ſchablonenhaft, ſchade da und dort, die freie Umbildung reiche aus, ſei vorzuziehen, weil die inneren ſittlichen Kräfte genügten.

Der hiſtoriſche Entwickelungsprozeß in Bezug auf dieſe Fragen wird ſich weder in dem Schlagwort des älteren Liberalismus zuſammenfaſſen laſſen, die Freiheit erringe ſich notwendig ein ſtets zunehmendes Gebiet, noch in die Formel von Laſſalle und Rodbertus, alle höhere Kultur ſei fortſchreitende Rechtsregulierung und Einſchränkung der perſönlichen Freiheit.

Die Geſamtheit der Regulative von Moral, Sitte und Recht muß in gewiſſem Sinne zunehmen, ſofern die geſellſchaftlichen Körper komplizierter werden, die Menſchen dichter wohnen, die Intereſſenkonflikte wachſen. Aber je mehr die Menſchen ſich innerlich vervollkommnen, deſto weniger empfinden ſie auch die normalen Regulative als Hemmnis und Schranke. In der großen Scheidung zwiſchen dem harten Zwang des Rechtes und der leiſen Nötigung durch Sitte und Moral liegt der wichtigſte Schlüſſel für das Ver- ſtändnis des Fortſchrittes. Das Recht kann ſich vom inneren geiſtigen Leben, auch von vielen wirtſchaftlichen Vorgängen in dem Maße zurückziehen, als jene kräftiger wirken. Es muß ſich bald ausdehnen, bald wieder einſchränken. Es thut das erſtere aber nicht bloß in Zeiten der ſinkenden Kultur und der Auflöſung, welche die geſetzgeberiſche Maſchinerie übermäßig in Anſpruch zu nehmen pflegen. Auch alle Epochen großer und fortſchreitender Neubildung ſind regelmäßig zugleich Zeiten umfangreicher, ſpecialiſierter Geſetzgebung und Ausdehnung des Rechtes und des ſtaatlichen Zwanges auf mancherlei Gebiete. Oft kann man denſelben freilich nach einigen Jahrzehnten wieder fallen laſſen, weil nun in der Hauptſache von ſelbſt geſchieht, was man früher erzwingen mußte. Diejenigen, welche im zeitweiſen Vordringen oder Zurückweichen des Rechtes und des ſtaatlichen Zwanges das weſentliche Symptom des Auf- und Niederganges der Völker oder ihrer Wirtſchaft ſehen, beweiſen ein geringes Maß hiſtoriſcher Kenntniſſe, ſie haften an formalen Äußerlichkeiten. Der Fortſchritt der Völker liegt darin, daß die Geſamtheit ihrer Regulative ſich formell und materiell beſſere, und daß mit deren Hülfe die Menſchen beſſer erzogen, geiſtig und körperlich auf höhere Stufen gehoben werden. Ob dabei zeitweiſe das poſitive Recht eine größere oder kleinere Rolle ſpiele, ob zeitweiſe die Aktion der ſtaatlichen Zwangsgewalt eine ſtärkere ſei oder die freie Bewegung der Volkskräfte, das hängt von den jeweilig im Vordergrunde ſtehenden Aufgaben und davon ab, wo im Augenblicke mehr Verſtand, Kenntniſſe und ſittliche Kraft ſei, — im Centrum des Staates, in der Regierung, oder in der Peripherie, in den freien geſellſchaftlichen Kräften.

9. Der allgemeine Zuſammenhang zwiſchen volkswirtſchaftlichem und ſittlichem Leben.

30. Natürliche und ſittliche Kräfte. Man kann die Volkswirtſchaft als ein Syſtem natürlicher, wie als ein Syſtem ſittlicher Kräfte betrachten; ſie iſt beides zugleich, je nach dem Standpunkte der Betrachtung.

Blicke ich auf die handelnden Menſchen, ihre Triebe, ihre Zahl, auf die Schätze des Bodens, die Kapital- und Warenvorräte, die techniſchen Fertigkeiten, die Wirkung von Angebot und Nachfrage, den Austauſch der in beſtimmter Menge vorhandenen Dienſte und Waren, ſo ſehe ich einen Prozeß ineinander greifender natürlich-techniſcher Kräfte, ich ſehe Kraftwirkungen, die von Größenverhältniſſen abhängig ſind, die ich teilweiſe meſſen kann; ich ſehe Reſultate, die das Ergebnis von Kraftproben und Machtkämpfen ſind, die bis auf einen gewiſſen Grad wenigſtens mechaniſcher Betrachtung unterliegen können. Ich ſehe natürlich-techniſche und phyſiologiſche Vorgänge, die, jeder für ſich iſoliert betrachtet, gar nicht als ſittlich oder unſittlich, ſondern nur als nützlich, geſchickt, zweckmäßig, normal oder als das Gegenteil bezeichnet werden können. Wir werden im folgenden Grundriſſe die natürlichen Kräfte und Größenverhältniſſe der Volkswirtſchaft, den Einfluß von Natur und Technik, das Spiel von Angebot und Nachfrage, die mechaniſche Wirkſamkeit der Kräfte, ſoweit ſie irgend faßbar iſt, darzuſtellen ſuchen.

Alle oder die meiſten dieſer Kraftäußerungen, ſoweit ſie menſchliches Handeln betreffen, gehen nun aber zurück auf nicht bloß natürliche, ſondern durch die geiſtige und moraliſche Entwickelung umgeſtaltete Gefühle, auf ethiſierte Triebe, auf ein geordnetes Zuſammenwirken natürlicher und höherer, d. h. weſentlich auch ſittlicher Gefühle, auf Tugenden und Gewohnheiten, welche aus dem ſittlichen Gemeinſchaftsleben entſpringen. Alle dieſe Kräfte ſind bedingt durch die pſychiſchen Maſſenzuſammenhänge, durch ſittliche Urteile und ihre Rückwirkung auf alle Vorſtellungen und Willensimpulſe, durch Moral, Sitte und Recht, durch Religion und ſittliche Leitideen oder Ideale. Das wirtſchaftliche Handeln iſt alſo zwar nach ſeiner Naturſeite ein techniſch zweckmäßiges oder unzweckmäßiges und deshalb ſittlich indifferentes, aber nach ſeinem Zuſammenhang mit den ganzen ſeeliſchen Kräften und der Geſellſchaft ein ſittlich normales oder anormales, d. h. ein dem ſittlichen Urteil unterliegendes und dadurch beeinflußtes. Natürliche techniſche und ſittliche Zweckmäßigkeit können ſich unter Umſtänden in der einzelnen Handlung wohl trennen, im Zuſammenhang des menſchlichen Handelns überhaupt ſind ſie immer in loſerer oder engerer Wechſelwirkung; ſie ſind nur die unteren und oberen Sproſſen derſelben Leiter. Das Weſen des Sittlichen beſteht eben, wie wir ſchon ſahen, in dem nie ruhenden Prozeß, der die niedrigen Gefühle den höheren unterordnet, der die Körper- und Geiſteskräfte in einheitliche Harmonie bringen, die menſchlichen Lebenszwecke in die richtige Über- und Unterordnung, die einzelnen Menſchen den Zwecken und Einrichtungen der Geſellſchaft einfügen und immer das Niedrige in den Dienſt des Höheren bringen will. In jedem zuſammenhängenden Ganzen (und das iſt jeder Menſch und jede Geſellſchaft) haben die Teile nie ein ganz ſelbſtändiges Leben; jeder hängt vom anderen ab, kann nur richtig funktionieren, wenn die Nachbarn und das Ganze geſund ſind, wenn alle Teile richtig ineinander greifen, in richtiger Neben-, Unter- und Überordnung ſind. Das Sittliche will dieſe Ordnung im Individuum und in der Geſellſchaft herbeiführen, die einzelnen erziehen, die ſympathiſchen Gefühle ausbilden, das rechte geſellſchaftliche Zuſammenwirken herbeiführen. Und die Kräfte, welche im Individuum und der Geſellſchaft dahin wirken, nennen wir die ſittlichen, obwohl ſie ihre natürliche Unterlage haben, mit natürlich-techniſchen Mitteln wirken, durch den natürlich-techniſchen Mechanismus der Volkswirtſchaft bedingt ſind. Sie ſind es, welche die Triebe zu Tugenden, die Menſchen zu Charakteren, die Geſellſchaften zu harmoniſch und geordnet wirkenden Geſamtkräften machen. Und die Volkswirtſchaft ſollte dieſer Kräfte entraten können?

Schäffle führt aus, das Ideal ſocialer Mechanik ſei die Zuſammenordnung zahlreicher menſchlicher Kräfte in der Art, daß die Bewegungen jeder einzelnen mit einem Minimum von Verluſt an eigener Kraft und unter minimaler Störung aller anderen Bewegungen ſtattfinde; es müſſe eben durch Moral, Sitte und Recht eine Koordination der Kräfte eintreten; das Gaußſche Grundprincip der Mechanik gelte ſo auch für die Geſellſchaft. Durch die Sprache, die Nachahmung, die Erziehung, die gegenſeitige Anpaſſung, die Herrſchaft der ſittlichen Ideen und Einrichtungen entſteht eben die Möglichkeit geſellſchaftlich-harmoniſchen Zuſammenwirkens; alle ſittlichen Kräfte ſind auf dieſes Ziel hingerichtet; auch das wirtſchaftliche Zuſammenwirken der Menſchen in jeder Familie, jeder Unternehmung, auf jedem Markte, in jeder Gemeinde iſt ſo von dieſer koordinierenden ſittlichen Arbeit abhängig. Und ebenſo das Zuſammenwirken von heute auf morgen, von verſchiedenen Generationen, die ſich folgen.

Indem der Niederſchlag aller ſittlichen Arbeit vergangener Zeiten durch Gewohnheit und Erziehung, durch die beſtehenden Inſtitutionen von Generation zu Generation überliefert wird, kommen alle natürlichen Kräfte der Volkswirtſchaft nur innerhalb dieſes Rahmens zur Geltung; beſtimmen ſie die etwaige Umbildung dieſes geſellſchaftlichen Rahmens mit, wirkt z. B. eine neue Technik auch ſicher auf eine neue ſociale und ſittliche Ordnung der Volkswirtſchaft, ſo wirken ebenſo ſicher die allgemeinen gefeſtigten ethiſchen Gedanken und Ideale der Sittlichkeit auf die Art, wie die neue Technik ſich zu Gewohnheiten und Inſtitutionen ausprägt. Jede Generation ruht auf dem geiſtig- ſittlichen Schatze der Vergangenheit. Die Überlieferung dieſes Beſitzes, wie die Erziehung jeder jungen Generation und ihre Einſchulung in die Sitten und Gepflogenheiten der Geſellſchaft bilden eine der wichtigſten Funktionen der ſittlichen Kräfte. Auch die ganze Volkswirtſchaft iſt nicht denkbar ohne dieſen Erziehungs- und Einübungsprozeß. Die Kinder und jungen Leute werden im Intereſſe ihrer Zukunft und der Geſellſchaft durch Vorbild, Unterricht, Gewöhnung, Strafe und Belohnung angeleitet, ihre natürlichen Triebe in geſellſchaftliche umzuwandeln; ſie müſſen das ihnen zunächſt Unangenehme mit Mühe erlernen, ſich ihm durch Wiederholung anpaſſen; ſie müſſen gehorchen und arbeiten lernen, an Verträglichkeit, Zucht und Ordnung ſich gewöhnen, ſie müſſen Kenntniſſe und Fertigkeiten erwerben; ſie können es, weil die Jugend bildſamer iſt als das Alter, weil jede Handlung Spuren in Geiſt und Körper zurückläßt, welche die Rückkehr ins ſelbe Geleiſe erleichtern. Ohne dieſen Prozeß gäbe es keinen Fortſchritt, auch keinen wirtſchaftlichen. Er macht aus dem rohen Spiele natürlicher Kräfte den geordneten Gang ſittlich harmoniſierter, zu geſellſchaftlichem Zuſammenwirken brauchbarer Kräfte.

Wir verſuchen dieſe Wahrheit noch weiter zu beleuchten, indem wir einige Worte über die geſellſchaftlichen Inſtitutionen und Organe, über den Kampf ums Daſein, endlich über die Moralſyſteme und die ſittlichen Leitideen ſagen.

31. Die geſellſchaftlichen Inſtitutionen und Organe treten uns als das wichtigſte Ergebnis des ſittlichen Lebens entgegen. Es ſind die Kryſtalliſationen desſelben. Aus den oben geſchilderten pſychiſchen Maſſenzuſammenhängen, aus Sitte, Recht und Moral, aus den täglich ſich ergebenden Berührungen, Anziehungen und Ab- ſtoßungen, aus den Verträgen und vorübergehenden Ineinanderpaſſungen ergeben ſich dauernde Formen des geſellſchaftlichen Lebens, welche den verſchiedenen Zwecken der Geſellſchaft, vielleicht am meiſten den wirtſchaftlichen dienen.

Wir verſtehen unter einer politiſchen, rechtlichen, wirtſchaftlichen Inſtitution eine partielle, beſtimmten Zwecken dienende, zu einer ſelbſtändigen Entwickelung gelangte Ordnung des Gemeinſchaftslebens, welche das feſte Gefäß für das Handeln von Generationen, oft von Jahrhunderten und Jahrtauſenden abgiebt: das Eigentum, die Sklaverei, die Leibeigenſchaft, die Ehe, die Vormundſchaft, das Marktweſen, das Münzweſen, die Gewerbefreiheit, das ſind Beiſpiele von Inſtitutionen. Es handelt ſich bei jeder In- ſtitution um eine Summe von Gewohnheiten und Regeln der Moral, der Sitte und des Rechtes, die einen gemeinſamen Mittelpunkt oder Zweck haben, unter ſich zuſammenhängen, ein Syſtem bilden, eine gemeinſame praktiſche und theoretiſche Ausbildung empfangen haben, feſtgewurzelt im Gemeinſchaftsleben, als typiſche Form die lebendigen Kräfte immer wieder in ihren Bannkreis ziehen. Wir verſtehen unter einer Organbildung die perſönliche Seite der Inſtitution; die Ehe iſt die Inſtitution, die Familie iſt das Organ. Die ſocialen Organe ſind die dauernden Formen der Verknüpfung von Perſonen und Gütern für beſtimmte Zwecke: die Gens, die Familie, die Vereine, die Korporationen, die Genoſſenſchaften, die Gemeinden, die Unternehmungen, der Staat, das ſind die weſentlichen Organe des ſocialen Lebens.

Alle ältere Organbildung geht aus der Geſchlechts- und Blutsgemeinſchaft hervor: der Stamm, die Sippe, die Familie ſind Organe, die urſprünglich alle Zwecke umfaſſen, aus denen durch Scheidung, Ablöſung und Differenzierung ein großer Teil auch aller ſpäteren Organe hervorgehen. Die dauernden gemeinſamen Zwecke ſchaffen die Organe. Je höher die Kultur ſteigt, deſto mannigfaltiger wird ihre Zahl und ihre Geſtaltung, deſto häufiger treten neben die gewordenen die gewillkürten Organe; aus taſtenden Ver- ſuchen gehen dauernde Bildungen hervor. „Zufällige Berührungen und gegenſeitige Hülfeleiſtungen führen zum Gefühl von Vorteil und Nachteil; nach vielen Wandlungen ſtellen ſich haltbare Formen des Zuſammenlebens feſt, in denen, wie in jedem Organismus, die Bedürfniſſe der Teile in Einklang mit den Daſeinsbedingungen des Ganzen geſetzt ſind“ (Lotze). Je komplizierter die Geſellſchaft wird, deſto mehr kann der Menſch Mitglied einer Reihe der verſchiedenſten ſocialen Organe ſein, denen er teils auf immer, teils vorübergehend, teils mit ganzer Hingabe, teils nur mit kleinen Bruchteilen ſeines Intereſſes angehört. Alle dieſe Organe ſind entweder mehr Herrſchafts- und Abhängigkeitsverhältniſſe, oder mehr genoſſenſchaftliche Bildungen. In jedem Organe oder Verband bleibt jedem Individuum eine gewiſſe Freiheitsſphäre. Es handelt ſich ſtets um eine dauernde, auf einen Zweckzuſammenhang gegründete Willensmehrheit mehrerer Perſonen, die eine gewiſſe Struktur und Verfaſſung hat; die Willen ſind in einer beſtimmten Form zum Zuſammenwirken verbunden (Dilthey), während ſie nach anderer Seite frei ſind; der gemeinſame Zweck beſtimmt dieſe Form, dieſe Struktur, welche in einer beſtimmten hiſtoriſchen Entwickelung nach und nach ihren typiſchen Charakter erhält. Die größeren und feſteren Organe haben durch ihre rechtlich fixierte Verfaſſung, durch die Herſtellung einer ſelbſtändigen, über den einzelnen ſtehenden leitenden Spitze ein dauerndes Leben, wie der Staat und die Korporationen, die Aktiengeſellſchaften; ſie erhalten ſich dadurch, daß ſie die im Laufe des Generationswechſels abſterbenden oder ſonſt ausſcheidenden Glieder durch neue, in der verſchiedenſten Form herangezogene erſetzen. Die heutigen Familien, auch die meiſten Privatunternehmungen, viele Vereine und Geſellſchaften ſind Organbildungen, deren einzelne Exemplare im Laufe des Generationswechſels immer wieder mit Leben und Sterben, mit Ein- und Austritt der Gründer und Mitglieder erlöſchen, um neuen gleichen Bildungen Platz zu machen. Jedes Organ hat ſeine leitenden und ſeine ausführenden Kräfte. Faſt alle Menſchen befriedigen einen erheblichen Teil ihrer Bedürfniſſe und erfüllen ihre meiſten Pflichten nicht als Individuen, ſondern als Glieder beſtimmter ſocialer Organe. Selbſt das kleinſte Geſchäft einer Wäſcherin, eines Packträgers iſt angelehnt an eine Familienwirtſchaft. Selbſt der Haushalt des Junggeſellen iſt an eine Familienwohnung angehängt, hat Hülfskräfte aus einer anderen Familie; ſein Eſſen enthält der Betreffende in einem Gaſthof, ſeine Arbeit verrichtet er in irgend einem Geſchäftsbureau. Für die Geſamtheit, ihre Ordnungen, ihre Leitung kommen ſo ſtets ebenſo ſehr die ſocialen Organe als die Individuen in Betracht.

Die verſchiedenen Organe unterſcheiden ſich vor allem durch die verſchiedene Art, wie Sitte und Recht die einzelnen Individuen zuſammenbindet und das Vermögen beſchafft, wie das ſociale Organ nach außen als Einheit, nach innen als gegliederte Vielheit, mit beſtimmten Pflichten und Einſätzen, wie mit beſtimmtem Anteil an den Erfolgen der Thätigkeit organiſiert iſt. Auf allen Lebensgebieten zeigt ſich eine unendliche Verſchiedenheit der Organe und ein gegenſeitiges ſich Stützen und Helfen verſchiedenartiger Organe von der loſeſten Privatverbindung bis zum geſchloſſenſten Korporationszwang. Aber allerdings haben die einzelnen Lebensgebiete ihren Schwerpunkt in gewiſſen Arten der Organbildung: das militäriſche Leben iſt heute überwiegend Staatsorganiſation, während daneben einzelne Vereine für Zwecke der Verwundetenpflege und derartigem beſtehen; das wirtſchaftliche Leben iſt heute teils Familien-, teils Unternehmungsorganiſation, reicht aber in wichtigen Punkten in die Korporations- und Staatsorganiſation hinein und wird das künftig wahrſcheinlich noch mehr thun. Das kirchliche Leben iſt teils Vereins-, teils Korporationsorganiſation, das wiſſenſchaftliche und künſtleriſche iſt überwiegend individuell perſönlich, an Familie und kleine Unternehmungen angelehnt. Jedes Lebensgebiet, das einheitliche Zwecke verfolgt, hat ſo ein Syſtem von Organen, die ein Ganzes bilden, aber in innigſter Verbindung und teilweiſe in Parallelentwickelung mit den Organen anderer Gebiete ſich ausbilden. Wo auf einem Gebiete die Organe fehlen, treten die auf anderen Gebieten entſtandenen ſtellvertretend in die Lücke. Die Sitten- und Rechtsbildung iſt eine einheitliche; dieſelben Perſonen handeln auf den verſchiedenen Gebieten und übertragen die Anſchauungen von einem auf das andere. Ein Volk mit ausgebildetem Vereinsleben überträgt ſeine Gewohnheiten vom politiſchen auf das wirtſchaftliche Gebiet; ein Militärſtaat mit ſchärfſter Centraliſation übernimmt auch auf wirtſchaftlichem Gebiete Funktionen, die anderswo der Aktiengeſellſchaft, dem Vereine, der Kirche anheimfallen.

Es iſt das Verdienſt Schäffles, die Grundlinien einer allgemeinen Lehre von den ſocialen Organen gezeichnet zu haben, nachdem die ganze Entwickelung der Wiſſenſchaften von Staat und Recht, Geſellſchaft und Volkswirtſchaft ſeit den letzten paar Jahrhunderten erwachſen war unter einem heftigen Schwanken der Über- und Unterſchätzung der Inſtitutionen und der Organbildung. Die Anſichten in dieſer Beziehung gehen freilich auch heute noch je nach den Partei- und Klaſſenintereſſen, je nach den geſchichtsphiloſophiſchen Standpunkten auseinander.

Der Merkantilismus und die Kameraliſtik überſchätzten die Möglichkeit, durch Staat, Geſetz und Fürſtenwillen alles neu zu ordnen und zu ſchaffen; ſelbſt Moral und Recht galten den erſten Denkern von Hobbes bis auf Friedrich den Großen als Produkte ſtaatlicher Anordnung: die Inſtitutionen galten ihnen deshalb alles, das freie Spiel der Individuen wenig. Die Aufklärung kehrte die Sätze um und die liberale Doktrin hält heute noch an dieſem Vorſtellungskreis feſt: die individuellen Gefühle und Handlungen, das freie Spiel der Verträge, das freie Vereinsweſen und der Voluntarismus werden gegenüber Staat, ſtaatlichen Inſtitutionen, feſten und dauernden Organiſationen gerühmt; man fürchtet auf dieſem liberalen Standpunkte, wie ihn z. B. Hartenſtein in ſeiner Ethik vertritt, daß bei jeder dauernden, feſten Ausbildung von Inſtitutionen die einſeitigen Intereſſen der Herrſchenden zu ſehr zu Worte kommen, daß jede Inſtitution, auch die zufällig einmal gelungene, raſch veralte, zum Hindernis für weitere Fortſchritte werde. Man beruft ſich (Sir S. Maine) darauf, daß die Entwickelung der Geſellſchaft von Statusverhältniſſen zu Verträgen führe, d. h. daß in älterer Zeit das Individuum allſeitig durch feſte Inſtitutionen gebunden, ſpäter durch ein Syſtem freier Verträge ſeine Beziehungen zu anderen ordne.

Der ältere Socialismus iſt dann wieder zur Überſchätzung der Inſtitutionen und abſichtlicher Organbildung zurückgekehrt; er glaubt durch äußerliche Anordnung des geſellſchaftlichen Lebens ſogar die inneren Motive alles menſchlichen Handelns ändern zu können. Die Hegelſche Philoſophie, die im Staate die höchſte Sittlichkeit ſucht, und andere konſervative Strömungen haben, wie die neueſte europäiſche Staatspraxis, teils alte Inſtitutionen, wie die Zünfte, wieder günſtiger angeſehen und behandelt, teils energiſch für die Neubildung von Inſtitutionen und Organen gekämpft. Die neueſte ſocialdemokratiſche Lehre verwirft ja den beſtehenden Staat mit allen ſeinen Inſtitutionen, träumt entſprechend ihrem radikal-individualiſtiſchen Urſprung von einem freien Spiele aller individuellen Kräfte; aber ſie kommt mit dem ungeheuren Sprung, den auch ſie für das pſychiſch-ſittliche Leben erwartet, doch zur Vorſtellung einer abſorbierenden Herr- ſchaft öffentlicher Inſtitutionen über alle private Willkür.

Der Streit iſt im ganzen derſelbe, wie der im letzten Abſchnitte erörterte über den Fortſchritt von individueller Freiheit und poſitivem Rechte. Die liberalen Individualiſten verwechſelten die Abſchaffung veralteter Inſtitutionen mit der Beſeitigung aller dauernden Einrichtungen. Sie überſchätzten die Gefahr der Erſtarrung in alten Inſtitutionen für unſere Zeit. Die öffentliche Diskuſſion, der Kampf der Parteien und Parlamente, die geſetzgeberiſche Materialſammlung und Vorbereitung der Geſetze in den Miniſterien geben heute wenigſtens eine gewiſſe Garantie für eine flüſſige und gute Neubildung. Und ſo wahr es iſt, daß neuerdings vielfach der Vertrag an Stelle von Inſtitutionen getreten iſt, neue Organbildungen und ſociale Einrichtungen ſehen wir doch in Maſſe daneben entſtehen. Und wir freuen uns, wenn ſie der Entwickelung feſte, ſichere Bahnen weiſen. Es iſt klar, daß die Inſtitutionen, wenn ſie ſegensreich wirken ſollen, eine gewiſſe Starrheit und Feſtigkeit haben müſſen. Ihr Zweck iſt ja, dem Guten, dem Lebensförderlichen, Zweckmäßigen die feſte Form zu geben, die allein die Anwendung erleichtert, die Erfahrungen der Vergangenheit fixiert, die Millionen abhält, die alten Mißgriffe zu machen, ſich ewig von neuem um dasſelbe Ziel abzumühen. Offenbar liegt der vollendete ſociale Zuſtand darin, daß die geſunden pſychiſchen Kräfte des Volkslebens durch die Inſtitutionen nicht gehemmt, ſondern gefördert werden, daß die feſten Einrichtungen und das freie Spiel der individuellen Kräfte in richtiger Wechſelwirkung einander ergänzen, daß die Inſtitutionen die freie Bewegung nicht unnötig hemmen, die erwünſchte Entwickelung aber befördern. Die Inſtitutionen ſind nicht ſubjektive Anläufe, ſondern objektive verkörperte Methoden und Maxime deſſen, was die Erfahrung, die Weisheit der Jahrhunderte in Bezug auf die vernünftige und richtige Behandlung praktiſcher Verhältniſſe gefunden hat.

Das vergleichende Studium der Volkswirtſchaft verſchiedener Zeiten und Länder wird auch die natürlichen und techniſchen Unterſchiede, die der Raſſe, der Kapitalmenge und Ähnliches in Rechnung ziehen; aber ſie wird vor allem die Inſtitutionen und Organe vergleichen, die wirtſchaftliche, Familien-, Gemeinde- und Staatsverfaſſung, die agrariſchen und gewerblichen Betriebs- und Unternehmungsformen, die Inſtitutionen des Markt- und Verkehrsweſens, des Geld- und Kreditweſens, die Art, wie Arbeitsteilung und Klaſſenbildung ſich in Vereinen und Korporationen, Ständen und Inſtitutionen fixiert haben. Das Studium der Organe und Inſtitutionen iſt für die Erkenntnis des ſocialen Körpers dasſelbe, was die Anatomie für die des phyſiſchen; auch die Phyſiologie der Säfte und ihre Cirkulation kann nur auf einer Kenntnis der Organe ſich aufbauen. Die alte Volkswirtſchaftslehre mit ihrem Untergehen in Preisunterſuchungen und Cirkulationserſcheinungen ſtellte den Ver- ſuch einer volkswirtſchaftlichen Säftephyſiologie ohne Anatomie des ſocialen Körpers dar.

Der hiſtoriſche Fortſchritt des wirtſchaftlichen Lebens wird gewiß zunächſt in beſſerer Produktion und Verſorgung der Menſchen mit wirtſchaftlichen Gütern beſtehen; aber er wird nur gelingen mit beſſeren Inſtitutionen, mit immer komplizierteren Organbildungen. Das Gelingen derſelben wird immer ſchwieriger, aber auch immer erfolgreicher ſein. Wie die wahre Methode über dem wahren Gedanken, ſo ſteht, ſagt Lazarus, die weiſe Konſtitution über dem weiſen Fürſten, die gerechte Geſetzgebung über dem gerechten Richter; wir können hinzufügen, die vollendete Verfaſſung der Volkswirtſchaft über dem wirren Spiele der ſich bekämpfenden wirtſchaftlichen Kräfte. Es ſind die großen Fortſchrittsideen und die ſittlichen Ideale, die in den Inſtitutionen ſich fixieren. Alle großen Epochen des Fortſchrittes, auch die des volkswirtſchaftlichen, knüpfen ſich an die Reform der ſocialen Inſtitutionen, an neue Organbildungen, wie z. B. neuerdings an die Genoſſenſchaften, Gewerkvereine, Aktiengeſellſchaften, Kartelle, an die Fabrik- und Arbeitsgeſetzgebung, an die Verſicherungsorganiſationen an. Die großen Männer und die großen Zeiten ſind die, welche neue ſociale, politiſche, wirtſchaftliche Inſtitutionen geſchaffen haben.

32. Der Kampf ums Daſein. Wenn Sitte, Recht und Moral, wenn alle geſellſchaftlichen Inſtitutionen den Zweck haben, den Frieden in der Geſellſchaft zu ſichern, die widerſtrebenden Kräfte zu verſöhnen und zu bändigen, die ungeſchulten zu erziehen und in übereinſtimmende Bahnen zu führen, die einzelnen Individuen zu gewiſſen Kraftcentren zu vereinigen, ſo könnte es den Anſchein haben, als ob in der menſchlichen Kulturgeſellſchaft kein Platz für den Kampf ums Daſein wäre. Und doch hat man ſeit den tiefgreifenden Forſchungen Darwins wieder einmal, wie ſchon oft ſeit den Tagen der Sophiſten, auch das ganze geſellſchaftliche und hiſtoriſche Leben auf dieſe Formel zurückgeführt und uns mit darwiniſtiſchen Kulturgeſchichten, Sociologien, Volkswirtſchaftslehren beſchenkt. Was iſt das Richtige an dieſer Auffaſſung? Iſt der Frieden oder iſt der Kampf das Princip der Geſellſchaft? Oder ſind es vielleicht beide, jedes in ſeiner Art und an ſeiner Stelle?

Die Lehre Darwins läßt ſich kurz ſo zuſammenfaſſen: Die Tiere vererben ihre Eigenſchaften einerſeits von Generation zu Generation in ſo ziemlich gleicher Weiſe, aber andererſeits verändern ſich dieſe Eigenſchaften doch in einer gewiſſen beſchränkten Art. Das Paſſendſte überlebt ſich im Kampfe ums Daſein, und die Veränderlichkeit der Eigenſchaften von Generation zu Generation (die Variabilität) hängt hiemit zu- ſammen; die für den Kampf am beſten Ausgeſtatteten erhalten und paaren ſich, ihre Eigenſchaften ſummieren ſich in ihren Nachkommen. So erklärt Darwin die Entſtehung der Arten aus einer geringeren Zahl von Weſen: das Princip der Zuchtwahl. Daß mit dieſer großen Perſpektive Darwins ein Fortſchritt epochemachender Art erzielt ſei, darüber iſt heute kein Streit, wohl aber darüber, ob dieſe Vorgänge allein die Ent- ſtehung der Arten erklären oder nur in Verbindung mit anderen Thatſachen. Und noch mehr darüber, ob die Schlüſſe generaliſierender heißblütiger Schüler Darwins richtig ſeien, die nun ohne weiteres die geſellſchaftlichen und volkswirtſchaftlichen Erſcheinungen einſeitig und allein aus dieſen Principien erklären wollen und ſich gar zu dem Gedanken verſteigen, es gebe keinen anderen Fortſchritt als den durch Kampf bedingten, und jede Hinderung und Abſchwächung irgend eines Kampfes der Individuen und der Völker ſei verfehlt, weil ſie die Unfähigen erhalte und den Fähigen erſchwere, den Erfolg für ſich einzuheimſen, den Unfähigen zu knechten oder zu vernichten. Es wird ſo für die Volkswirtſchaft und für die Geſellſchaft, für das Verhalten der Individuen, der Klaſſen und der Völker das nackte Princip proklamiert, der Stärkere habe das Recht, den Schwächeren niederzuwerfen.

Die mit dieſen Fragen ſich eröffnenden Zweifel und Kontroverſen ſind außerordentlich zahlreich und kompliziert; ſie hängen mit den Vererbungsfragen zuſammen, liegen teilweiſe auf mediziniſchem und phyſiologiſchem Gebiete; ſie ſind zu einem guten Teile noch nicht ganz geklärt. Aber ein Gedankengang iſt einfach; er entſpringt den Betrachtungen, die uns hier beſchäftigen, und beſeitigt die ſtärkſte Unklarheit, die in den Übertreibungen der Darwinianer, in der ſummariſchen Zuſammenfaſſung heterogener Verhältniſſe und Urſachen unter dem Schlagwort „Kampf ums Daſein“ liegt. Es iſt der Gedanke, daß jede ſociale Gruppenbildung ſchon eine Negation gewiſſer, vor allem der brutalen, der für unſittlich gehaltenen Reibungen und Kämpfe aller zu einer Gruppe Gehörigen in ſich ſchließe, daß ſympathiſche Gefühle, Sitte, Moral und Recht gewiſſe Kämpfe innerhalb der ſocialen Gruppen ſtets verhindert haben oder zu verhindern ſuchten.

Wir können, indem wir dieſe ethiſche Wahrheit verſuchen hiſtoriſch zu formulieren, ſagen: die Organiſation der Stämme, Völker und Staaten beruhte in älterer Zeit ganz überwiegend nach innen auf ſympathiſchen, nach außen auf antipathiſchen Gefühlen, nach innen auf Frieden, gegenſeitiger Hülfe und Gemeinſchaft, nach außen auf Gegenſatz, Spannung und jedenfalls zeitweiligem, bis zur Vernichtung gehendem Kampfe. Aber es fehlte daneben doch auch nicht der Gegenſatz im Inneren der Stämme, die friedliche Beziehung nach außen. Nur überwog, je roher die Kultur war, das Umgekehrte. Je höher ſie ſtieg, je größer die Gruppen, Stämme und Völker wurden, deſto mehr milderte ſich auch der gemeinſame Kampf nach außen, deſto häufiger trat auch in den Beziehungen der Völker untereinander an die Stelle der Kämpfe und der Vernichtung die friedliche Arbeitsteilung, die Anpaſſung, die gegenſeitige Förderung. Im Inneren aber der gefeſtigten größeren Gemeinſchaften mußte den kleineren Gruppen und Individuen nun ein etwas größerer Spielraum der freien Selbſtbethätigung und damit weiteren Streites eingeräumt werden; es entſtand hier ein gewiſſer Kampf der Gemeinden, der Familien, der Unternehmungen, der Individuen, der aber ſtets in den Grenzen ſich bewegte, welche durch die überlieferten ſympathiſchen Gefühle, durch die gemeinſamen Intereſſen, durch Religion, Sitte, Recht und Moral gezogen wurden. So handelt es ſich um eine fortſchreitende hiſtoriſche Verſchiebung der Gruppierung und der Kampf- und Friedensbeziehungen der einzelnen und der Gruppen untereinander, um eine wechſelnde Normierung und Zulaſſung der Kampfpunkte, der Kampfarten und der Kampfmittel. Niemals hat der Kampf ſchlechtweg geherrſcht; er hätte zum Kriege aller gegen alle, zur auflöſenden Anarchie geführt, er hätte niemals größere ſociale Gemeinſchaften ent- ſtehen laſſen; er hätte durch die Reibung der Elemente untereinander jede große menſchliche Kraftzuſammenfaſſung und damit die großen Siege über die Natur, die Siege der höheren Raſſe über die niedrigere, der beſſer über die ſchlechter organiſierten Gemeinweſen verhindert. Niemals hat aber auch der Friede allein geherrſcht; ohne Kampf zwiſchen den Stämmen und Staaten wäre keine hiſtoriſche Entwickelung entſtanden, ohne Reibung im Inneren der Staaten und Volkswirtſchaften wäre kein Wettſtreit, kein Eifer, keine große Anſtrengung möglich geweſen.

Die einzelnen und die ſocialen Gruppen ſtanden ſo ſtets zugleich zueinander in einem Verhältnis der Attraktion und der Repulſion, des Friedens und des Streites. Überall herrſchen zwiſchen denſelben Perſonen und Gruppen heute feindliche, morgen freundliche Beziehungen; man liebt ſich heute, wirkt zuſammen, fördert ſich, und morgen haßt und beneidet, bekämpft und vernichtet man ſich. Die zwei Seiten aller Menſchennatur konnten nur durch dieſes Doppelſpiel der egoiſtiſchen und der ſympathiſchen Willensanſtöße entwickelt werden: die Thatkraft konnte nur durch die kraftvolle Selbſtbehauptung, die geſellſchaftlichen Inſtinkte konnten nur durch Frieden und Streitvermeidung ausgebildet werden. Und da der Kampf ſelbſt ſtets ein doppelter, ein individueller und ein kollektiver war, ſo iſt es wohl verſtändlich, wie beides in den verſchiedenſten Kombinationen nebeneinander ſich ausbildete. Der kollektive Kampf war ſtets nur durch die Gemeinſchaft möglich; innerhalb der Stämme und Völker fanden ſich meiſt und überwiegend Menſchen ähnlicher Körper- und Geiſteskräfte zuſammen, die auch ohne heftige innere Kämpfe eine tüchtige, unter Umſtänden eine durch Variation ſich vervollkommnende Nachkommenſchaft haben konnten, die jedenfalls nur durch ihr friedliches Zuſammenleben und Zuſammenwirken die großen Fortſchritte der Sprachbildung, der Ausbildung der ſympathiſchen Gefühle, der Religion, des Rechtes vollziehen konnten, die nur unter der Herrſchaft dieſer Friedenseinrichtungen zur Ausbildung der politiſchen Tugenden, des Patriotismus, der Treue, des Gehorſams kommen konnten. Alle ſtaatliche, zumal alle kriegeriſche Organiſation und Disciplin konnte nur durch ſtarke Verbote und Ein- ſchränkungen des individuellen Daſeinskampfes entſtehen, welche gewiß oftmals den Fähigeren und Stärkeren hinderten, den Schwächeren zu vernichten. Aber das that nichts; denn die Kinderſterblichkeit, die Krankheiten, der Kampf mit den Tieren und den fremden Stämmen, die wirtſchaftliche Konkurrenz ſchafften Ausleſe genug. Und nicht aller menſchliche Fortſchritt beruht doch auf der Ausleſe. Darwin ſelbſt muß geſtehen, daß die moraliſchen Eigenſchaften, auf denen die Geſellſchaft beruhe, mehr durch Gewohnheit, vernünftige Überlegung, Unterricht und Religion gefördert wurden. Die Lebensbedingungen der menſchlichen Geſellſchaft laſſen ſich eben mit denen der Tiere und Pflanzen nicht ganz direkt paralleliſieren, weder in Beziehung auf die Fortpflanzung und Vererbung, noch in Beziehung auf die Kämpfe der Individuen untereinander, noch in Beziehung auf die der Gruppen und Geſellſchaften. Es waren voreilige Analogieſchlüſſe, durch welche man ſich der konkreten Unterſuchung der geſellſchaftlichen Verhältniſſe und der ſpeciellen Natur der in der Geſellſchaft ſich abſpielenden Kämpfe und Kampfſchranken überhoben glaubte.

Wir haben hier nun die einzelnen Anwendungen der Analogieſchlüſſe nicht erſchöpfend zu erörtern, wollen nur noch kurz andeuten, welche Rolle der Kampfgedanke in der Ausbildung der neueren Volkswirtſchaftslehre geſpielt hat, wie er zwar fruchtbar auf der einen Seite wirkte, auf der anderen aber auch Irrtum erzeugte, weil man meiſt die richtige Begrenzung des Gedankens nicht ſofort erkannte.

Die Merkantiliſten ſahen in allem Handel, in allen wirtſchaftlichen Beziehungen der Staaten untereinander weſentlich nur einen Kampf, wobei der eine Teil gewinne, was der andere verliere; ihre wirtſchaftliche Politik war Kampfpolitik in übertriebener Weiſe; die Staaten ſollten ſich möglichſt gegenſeitig wehe thun; die Individuen im Staate ſollten umgekehrt durch alle denkbaren Schranken und polizeilichen Vorſchriften in freundlichen, förderlichen Kontakt und Tauſchverkehr geſetzt werden. Die liberale Naturlehre der Volkswirtſchaft, feſtgefügte, wohlgeordnete Staaten vorfindend und von idealiſtiſchen Harmonievorſtellungen ausgehend, glaubte, die Staaten und Völker könnten ſich kaum wirtſchaftlich ſchaden, nützten ſich durch freien Verkehr immer; aber die Individuen, ihren Erwerb und Gewinn, ihre Bemühung um den Markt und gute Preiſe ſtellte man ſich um ſo mehr als einen Kampf vor, als einen Verdrängungsprozeß der ſchlechteren Produzenten durch die beſſeren: der rückſichtsloſe, freie, individuelle Konkurrenzkampf erſchien als das einzige Ideal; ſeine Schranken durch Moral, Sitte und Recht, die niemals in der Wirklichkeit verſchwanden, überſah man in der Theorie. Malthus hat dann den Kampf der Individuen um den Nahrungsſpielraum für die Erklärung der Bevölkerungserſcheinungen benutzt und aus Erſcheinungen, in denen ſein deutſcher Vorgänger Süßmilch eine göttliche Ordnung ſah, Fauſtkämpfe gemacht, die mit Recht den Armen, deſſen Arbeit die Geſellſchaft nicht bedürfe, wieder durch Hunger und Krankheit entfernen. Die Socialiſten haben nur die Kämpfe der ſocialen Klaſſen geſehen, das Recht der Schwachen auf Organiſation in Anſpruch genommen, um den Mächtigen und den Ariſtokraten entgegen zu treten, während ſie in ähnlichem Optimismus wie A. Smith die Kämpfe der Völker nicht kannten oder als bloßes Unrecht verurteilten. Ihre ariſtokratiſchen Gegner und die Anwälte des Kapitals, die Reichen, die Starken haben ebenſo einſeitig das Herrenrecht dieſer Kreiſe gepredigt und in jeder Armenunter- ſtützung, jeder Arbeiterverſicherung, jedem Kampfe gegen Arbeitsloſigkeit eine falſche Erhaltung der geringeren und ſchlechteren Elemente geſehen, nicht einmal eingedenk des Darwinſchen Wortes, daß die heutigen Sieger im Kampf ums Geld keineswegs ſtets die Beſten und die Tüchtigſten ſeien.

Wir ſehen, wie wechſelvoll der Kampfgedanke verwertet wurde, wie wenig Sicheres dabei bisher herauskam, weil man ein Schlagwort ohne nähere Prüfung der konkreten Verhältniſſe, Menſchen, Inſtitutionen und der Folgen des Kampfes im einzelnen anwandte. Wir kommen auf dieſe ſpeciellen Verhältniſſe unten. Hier iſt nur zu ſagen: im internationalen Handelskampfe, im individuellen Kampfe auf dem Markte um den Preis und den Abſatz, im ſocialen Kampfe der Klaſſen handelt es ſich um große pſychologiſche, geſellſchaftliche und wirtſchaftliche Prozeſſe, wobei ſtets zugleich Gruppen zu friedlichem Zuſammenwirken durch bindende Ordnungen des Rechtes, der Sitte und der Moral zuſammen zu faſſen ſind, wobei dem egoiſtiſchen Intereſſe der einzelnen und der Gruppen ein gewiſſer Spielraum zu gönnen, aber zugleich eine Grenze zu ſetzen iſt. Teilweiſe reguliert der Egoismus ſich ſelbſt und hält durch Druck und Gegendruck den Mißbrauch ab; ebenſo oft aber muß er gebändigt werden.

Man hat Sitte, Moral und Recht Streitordnungen genannt; das iſt bis auf einen gewiſſen Grad richtig, nur muß man hinzufügen, daß die immer feinere und gerechtere Ausbildung der Streitordnungen eine Hauptaufgabe der höheren ſittlichen Kultur ſei, und daß der letzte Zweck der Streiteinengung nicht bloß die Schaffung des Friedens, ſondern die immer größerer, harmoniſierter, komplizierterer und wirkungsvollerer Kollektivkräfte ſei. Concordia parvae res crescunt. Je höher unſere ſittliche und ſtaatliche Entwickelung geht, deſto mehr müſſen auch die Leute mit ſtarker Fauſt und großem Geldbeutel, mit verſchlagener Pfiffigkeit ſich den ſittlichen Lebensordnungen fügen, deſto weniger werden brutale Vergewaltigungen, Ausbeutungen, harte Herrſchaftsverhältniſſe mehr zugelaſſen. Mehr und mehr läßt man nur beſtimmte Arten des Sieges zu, den Sieg der größeren Intelligenz und Fähigkeit, der ſich im Konkurrenzkampf vor der Öffentlichkeit, im Kampf um die Ämter vor der Prüfungsbehörde ausgewieſen hat. Man muß ſuchen die Siege der Klugen zugleich zu Siegen der Edlen und Guten zu machen. Man wird im Kampfe der ſocialen Klaſſen nicht den unteren Handſchellen anlegen, den oberen freie Bahn geben, — aber auch nicht die Ausſchreitungen der unteren Klaſſen, ſoweit ſie zu maßloſer, vergiftender Leidenſchaft, zu Gewaltthätigkeiten, zur Bedrohung des ganzen öffentlichen Friedenszuſtandes und der volkswirtſchaftlichen Blüte der Nation führen, dulden dürfen. Man wird mit allen Mitteln ſuchen müſſen, an die Stelle roher, mit brutaler Gewalt durchgeführter Kraftproben, an Stelle von Kämpfen mit zufälligem Ergebnis billig vernünftige Entſcheidungen von Schiedsgerichten oder Behörden zu ſetzen. Man wird ſich ſtets erinnern, daß nur ein gewiſſes Maß des Streites und Kampfes die Energie und Thatkraft fördert, ein weiteres dieſe Eigenſchaften auch lähmen kann. Schutzmaßregeln, Erziehung, Wettkämpfe beſchränkter Art können für viele Kreiſe richtiger ſein, auch die Energie mehr fördern als überharte, erſchöpfende und tötende Kämpfe. In jeder civiliſierten Geſellſchaft findet eine fortwährende Ethiſierung aller Kämpfe ſtatt. Selbſt die kriegführenden Truppen unterwerfen ſich den Satzungen des Völkerrechts.

Der Kampf hört damit nicht auf und er ſoll nicht aufhören. Jedes Individuum und jede Gruppe will ſich behaupten, will leben, ſich ausdehnen, an Macht zunehmen. Jede ſtarke, irgendwo ſich ſammelnde Macht kommt in Konflikt mit den überlieferten Ordnungen, will ſie zu ihren Gunſten ändern. Das geht nicht ohne Streit, und inſofern iſt dieſer der Ausdruck des Lebens, der Neubildung, des Fortſchrittes. Es iſt das Recht des Kräftigeren und Beſſeren zu ſiegen; aber jeder ſolche Sieg ſoll nicht bloß das Individuum, ſondern zugleich die Geſamtheit fördern. Iſt es für dieſe beſſer, daß über dem Sieg einzelne zu Grunde gehen, ſo muß das in den Kauf genommen werden. Wie in den großen Kämpfen der Geſchichte ganze Völker und ganze Klaſſen, ſo müſſen zu ſchwache, zurückgebliebene Familien und Perſonen im wirtſchaftlichen und ſocialen Kampfe des Lebens untergehen. Verkommene Ariſtokratien, verkümmerte Mittel- ſtände, tief geſunkene Schichten des Proletariats ſind zeitweiſe ſo wenig zu retten, als an gewiſſen Stellen körperlich und geiſtig ſchwache Individuen. Die Ausſtoßung des Unvollkommenen iſt der Preis des Fortſchrittes in der Entwickelung. Aber ob im einzelnen Fall das ſchwächere Volk, die bedrohte Klaſſe, die notleidenden Individuen nicht mehr zu retten ſeien, ob ſie nicht neben Fehlern und Schwächen noch entwickelungsfähige Kräfte haben, ob ſie nicht durch Erziehung, Unterſtützung, Übergangsmaßregeln zu retten ſeien, ob nicht der jeweilige Druck gerade neue Eigenſchaften zu Tage fördere und ſie ſo wieder emporhebe, das iſt eine offene Frage, über die ſtets nur das Leben entſcheiden kann. Jeder ſolche Kampf iſt ein unendlich komplizierter, von vielen ver- ſchiedenen Eigenſchaften, Konjunkturen und Zufällen abhängiger. Die Regierungen, Parteien und Klaſſen, die führenden Geiſter werden je nach ihrer Kenntnis der perſönlichen Kräfte und der Geſamtverhältniſſe, je nach ihrer Auffaſſung des Geſamtwohles und der wünſchenswerten Entwickelung bald für Milderung und Einſchränkung des Kampfes, für Unterſtützung der Schwachen, bald für ihre Preisgebung und Geſtattung des Kampfes ſein. Nur darf das Loſungswort „freie Bahn für den Starken“ nicht ſtets als ſelbſtverſtändlich gelten: es kommt unter Umſtänden nicht ſowohl der guten und entwickelungsfähigen, ſondern auch der rohen und der gemeinen Kraft zu gute. Der deutſche Bauernſtand iſt durch eine glückliche Politik vom 17.—19. Jahrhundert gerettet worden, der engliſche iſt zu Grunde gegangen; wollen wir etwa darum England preiſen?

So unzweifelhaft es immer Kämpfe wird geben müſſen, ſo ſicher iſt es oft die Aufgabe der Politik, ſie zu mildern und das Entwickelungsfähige zu retten. Die Hoffnung der Socialdemokratie, daß es je eine Zeit ohne Konkurrenz, ohne Kampf, ohne Kriege geben werde, iſt ſo einſeitig und ſo falſch, als die Freude des cyniſchen Ariſtokraten und Millionärs, der das Elend der Maſſen nur als die notwendige Folge ihrer Schwäche und Fehler, ſeinen Beſitz als die Folge ſeiner Eigenſchaften anſieht. Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben, daß im Laufe der Geſchichte auf die Dauer die Stärke ſiegt, die zugleich die ſittlich größere Kraft, die entwickelungsfähigſten Keime in ſich birgt. Aber davon giebt es im einzelnen viele Ausnahmen, beſonders überall da, wo Ehrlichkeit mit Unehrlichkeit, die Kraft der Vergangenheit mit der der Zukunft ringt. Und daher iſt der Schutz hiegegen häufig eine ſittliche Pflicht der Geſellſchaft; ſonſt müßten wir auch die Diebe, Räuber und Mörder walten laſſen.

Die Gefahr, daß wir durch Sitte, Moral und Recht, durch den Schutz der Schwachen eine einſchläfernde Streitloſigkeit erzeugen, iſt zumal in unſerer Zeit ſehr gering. Die heutige wirtſchaftliche Konkurrenz iſt gegen früher ſo enorm gewachſen, daß die weitgehendſten ſocialen Reformen und Schutzmaßregeln den ſchwächeren Elementen der Ge- ſellſchaft den Schutz und die Hülfe nicht geben, die ſie früher hatten. Auch in der humaniſierteſten Geſellſchaft wird mit immer dichterer Bevölkerung der Kampf um Ehre, Beſitz, Einkommen, Macht nicht aufhören, ſo wenig als der Kampf zwiſchen den ſocialen Gruppen und den Staaten aufhören wird, der in gewiſſem Sinne eben deshalb berechtigter iſt, als er ſtets die einzelnen, die Glieder einer Klaſſe, die Bürger eines Staates zuſammenfaßt, ſie nötigt, ihre kleinlichen egoiſtiſchen Leidenſchaften zurückzudrängen und für Geſamtintereſſen materieller und idealer Art einzutreten. Damit wird der Streit zurückgedrängt, der Patriotismus belebt, die ſittlichen Kräfte geſchult und gefördert. Große Kriege — ſolche mit günſtigen und ſolche mit ungünſtigen Erfolgen — wurden für die Völker oftmals die Ausgangspunkte innerer Reform und neuen wirtſchaftlichen Aufſchwunges. —

33. Die religiöſen und philoſophiſchen Moralſyſteme. Wir haben oben (S. 46—47) die Bedeutung der Religion für die Ausbildung der ſittlichen Urteile und Handlungen zu charakteriſieren verſucht und weiterhin (S. 55—56) auf den hiſtoriſchpſychologiſchen Zuſammenhang hingewieſen, in welchem aus Sitte und Recht heraus einheitliche Gedankenſyſteme der Moral ſich bildeten. Im Anſchluß an das dort Geſagte haben wir hier auf dieſe Syſteme nochmal zurückzukommen. Wir haben einmal den geiſtig-methodologiſchen Prozeß kurz zu charakteriſieren, die dieſe Syſteme geſchaffen hat; es iſt im ganzen derſelbe, der auch politiſche, ſociale und volkswirtſchaftliche Syſteme ſpäter erzeugt hat und immer wieder erzeugt; die volkswirtſchaftlichen Syſteme ſind Ableger und Ausläufer der Moralſyſteme, hängen mit ihnen zuſammen; Moral- und politiſche Syſteme wirken auf alles praktiſche, alſo auch auf alles volkswirtſchaftliche Leben bei höherer Kultur tiefgreifend ein. Wir haben dann kurz auseinander zu ſetzen, welche Hauptgattungen von Moralſyſtemen das geiſtige Leben der Kulturvölker erzeugte, und wie gewiſſe große praktiſche Lebensideale und Leitideen aus ihnen hervorgingen, welcher Natur dieſe verſchiedenen Ideen und Principien ſind; ſie haben in den letzten Jahrhunderten eine führende, oft aber auch irreführende Rolle im volkswirtſchaftlichen Leben geſpielt. —

a) Jede Religion wie jedes Moralſyſtem ruht auf einheitlichen Vorſtellungen über Gott und die Welt, über ihr gegenſeitiges Verhältnis, über Natur und Geiſt, über Leben und Sterben, über die letzten Zwecke der menſchlichen Exiſtenz. Nach den jeweiligen Erkenntniſſen und Kauſalitätsvorſtellungen, nach den pſychologiſchen Anſchauungen und ethiſchen Bedürfniſſen muß jedes Syſtem über dieſe Grundfragen zu einem einheitlichen Ergebnis kommen, das, dem geiſtig-ſittlichen Niveau der betreffenden Menſchen angepaßt, für Tauſende und Millionen überzeugende Kraft hat und oft Jahrhunderte lang behält. Wie alles menſchliche Selbſtbewußtſein nur zu ſtande kommt durch Verbindung und Konzentrierung alles Wahrgenommenen, Erlebten und Erſtrebten in der Syntheſe des einheitlichen Ichs, ſo erzeugt auch in jeder menſchlichen Geſellſchaft der unwiderſtehliche geiſtige Zug zur Einheit ein die beſtimmte Geſellſchaft verbindendes, mehr oder weniger einheitliches Gedankenſyſtem. Die denkenden Menſchen fühlen ſich erſt glücklich, wenn ſie zu einem ſolchen Punkte gekommen ſind, in dem ſie wie in einem Brennpunkte alle theoretiſchen und praktiſchen Vorſtellungen zuſammenfaſſen, der ihr Denken wie ihr Gewiſſen befriedigt, der mit einer plauſibeln Vorſtellung von der Welt zugleich den richtigen Leitſtern für alles Handeln abgiebt. Das geſchieht in den Religions- und Moralſyſtemen, wie ſie die Völker und Zeitalter im ganzen einheitlich beherrſchen.

Die Religionen ſind ſtets zugleich Verſuche einer Kosmogonie, einer rationalen Erklärung des Seienden, wie ſie Syſteme der praktiſchen Lenkung alles Geſchehenden darſtellen. Und wenn die philoſophiſchen Moralſyſteme dann wenigſtens teilweiſe auf die Vorſtellung einer göttlichen Offenbarung und eines ſteten Neueingreifens der Gottheit verzichten, eine beſtimmte Metaphyſik, eine beſtimmte Vorſtellung von der Welt und Weltregierung, vom Leben nach dem Tode, den Zwecken alles Lebens liegt ihnen doch ebenſo zu Grunde; ſie ruht auf fortſchreitender Natur- und Geſchichtserkenntnis; aber ſie reicht nicht aus, ein abgerundetes Bild der Welt zu geben, wie es nötig iſt, um als Hintergrund und Ausgangspunkt eines praktiſch wirkenden einheitlichen Verpflichtungsgrundes und Syſtems zu dienen. Jedes Moralſyſtem repräſentiert eine beſtimmte einheitliche Weltanſchauung und ſtellt ein einheitliches Lebensideal auf, das auf Erkenntnis und Glauben zugleich beruht; ein Sollen lehrt man, Ideale predigt man wirkſam nur, die Welt und die Menſchen überwindet man nur von einem centralen Punkte aus, der das Ganze aller Zuſammenhänge erfaſſen will. Der dabei ſtattfindende pſychiſche Prozeß iſt immer ein ähnlicher, wie er in Bezug auf alle Religionsbildung und auf alle Herrſchaft religiöſer Gefühle ſtattfindet. Es handelt ſich um eine Ergänzung unſerer wirklichen Erkenntnis durch ein Hoffen und Glauben. Der menſchliche Geiſt ſucht ſich intuitiv, ſynthetiſch, mit der Phantaſie ein Bild von der Welt, von den in ihr herrſchenden Principien und Ideen, von ihrer Entwickelung, vom Zuſammenhang des Einzelſchickſals mit Gott, mit der ganzen Menſchheit, mit Staat und Geſellſchaft, ein Bild von der Zukunft nach dem Tode zu machen. Und von hier aus verſteht er die Welt und ſich ſelbſt, ſeine Aufgaben und ſeine Pflichten. Der Chriſt des älteren Mittelalters, der das baldige Herannahen des jüngſten Tages erwartete, in der Abtötung des Leibes die erſte Pflicht, in dieſer Welt nur das Böſe ſah, mußte ſehr vieles anders beurteilen, ſein Handeln anders einrichten als der Materialiſt, für den es nur ein Diesſeits und ſinnliche Freuden giebt. Wer die Anfänge des Menſchengeſchlechtes in tierartigen Zuſtänden erblickt und aus ihnen heraus durch die Annahme großer Fortſchritte zum Bilde einer nach und nach wachſenden Vervollkommnung der Individuen und der Geſellſchaft kommt, muß über die meiſten Pflichten und ſocialen Einrichtungen anders denken, als wer, wie die Kirchenväter, an den Beginn der Geſchichte ideale, vollkommene Menſchen ohne Sünde, ohne Staat, ohne Eigentum ſetzt, die nur durch den Sündenfall der Schlechtigkeit verfallen ſind. Aber auch wo die Gegenſätze nicht ſo groß ſind, bleibt immer für den Optimismus und für den Peſſimismus, für antike und chriſtliche, idealiſtiſche und materialiſtiſche Auffaſſung die Möglichkeit verſchiedener Weltanſchauung, verſchiedener Lebensideale und Moralſyſteme, die nun bei den höheren Kulturvölkern nebeneinander beſtehen, einander bekämpfen und ablöſen.

Die Syſteme nähern ſich einander, je mehr zu ihrem Aufbau eine ſteigende Summe feſtſtehender Erfahrungserkenntnis verwendet iſt. Aber dieſe iſt ſtets unvollendet, bruch- ſtückartig. Und das Weſen der Weltanſchauung, des Moralſyſtems iſt es, ein Ganzes zu geben. So ſteckt in dieſen Syſtemen ſtets ein Stück Hypotheſe und Glauben; es handelt ſich um ein teleologiſches Verfahren, das, ausgehend von einem Bilde des Ganzen, von ſeinen Zwecken, das einzelne zu begreifen ſucht, durch reflektierende Urteile alles Zuſammengehörige unter einen einheitlichen Geſichtspunkt ordnet. Kant hat in der Kritik der Urteilskraft uns gezeigt, wie der menſchliche Geiſt notwendig auf ein ſolches Verfahren angewieſen ſei, und die Philoſophie hat ſeither anerkannt, daß die Teleologie mit Recht als ſymboliſierende Ergänzung in dieſen letzten Fragen der empiriſchen Wiſſenſchaft zur Seite trete. Es handelt ſich um die Verſuche der Ausdeutung des Ganzen und ſeiner Zwecke, um ſo die Spannkraft des Willens zu erreichen, ohne die nichts Großes zu leiſten, kein Fortſchritt zu machen iſt. Die Vorſtellung, daß die Welt überhaupt eine einheitliche ſei, daß es ein einheitliches Stufenreich der Natur und der Geſchichte, eine Vervollkommnung gebe, iſt, wie aller Gottesglaube, nur auf dieſem Wege entſtanden. Die neuen, zündenden, praktiſchen Syſteme der Religion, der Moral und der Politik erwachſen nur ſo; ihre Principien ſind ſtets bis auf einen gewiſſen Grad einſeitig, aber ſie wirken weltbewegend; ſie löſen das Alte auf, erſchüttern alles Beſtehende, ſind oft revolutionär; aber ſie bauen auch das Neue auf, beherrſchen mit ihren Principien die Neugeſtaltung, ſo einſeitig dieſe zunächſt ausfallen möge.

Die Religions- und Moralſyſteme und alle an ſie ſich anknüpfenden ähnlichen Syſteme und allgemeinen Theorien des Staates, des Rechtes, der Volkswirtſchaft, der Socialpolitik ſind mehr praktiſche Lebensmächte, als Ergebniſſe der ſtrengen Wiſſenſchaft. Während es ſtets nur ein richtiges, für alle überzeugendes Reſultat im Gebiete empiriſchmethodiſcher Forſchung und Erkenntnis geben kann, wird es über die praktiſchen Ideale, über Pflicht und zukünftige Entwickelung, über Bevorzugung des einen Lebens- und Geſellſchaftszweckes vor dem anderen immer leicht verſchiedene Auffaſſungen und Lehren geben. Auch in jenen älteren Tagen, als einheitliche kirchlich-religiöſe Überzeugungen ganze Stämme und Völker beherrſchten, fehlten die Zweifel und die abweichenden Meinungen einzelner nicht. Wo aber die höhere Entwickelung mit ihrer freien Kritik, ihrer Litteratur, ihrem Unterricht ein offenes Feld des geiſtigen Kampfes eröffnet hat, da müſſen noch viel mehr als früher die verſchiedenen möglichen Weltanſchauungen zu entgegengeſetzten, ſich bekämpfenden Syſtemen und Lehrgebäuden führen. Ihr Aufeinanderwirken, gefährlich für niedrig ſtehende Völker, bedingt gerade die Fortſchritte der höher ſtehenden. Mit ihrer Einſeitigkeit werden die verſchiedenen Syſteme, welche die ver- ſchiedenen Seiten des menſchlichen Lebens repräſentieren, periodiſch abwechſelnd die Führer des Menſchengeſchlechtes auf der nur durch taſtende Verſuche fortgebildeten Bahn beſſerer Organiſation.

b) So ſind ſeit dem fünften Jahrhundert vor Chriſti in Griechenland und dann ſeit dem Wiedererwachen wiſſenſchaftlicher und philoſophiſcher Studien gegen Ende des Mittelalters hauptſächlich zwei Gruppen von Syſtemen der Moral miteinander im Kampfe, die ſenſualiſtiſch-materialiſtiſchen und die metaphyſiſch-idealiſtiſchen. Die erſteren, mehr von der nächſten Wirklichkeit ausgehend, ohne großen Überblick und tieferen Sinn für das Überirdiſche und Ideale, waren das Ferment der Auflöſung der überlieferten Religionen, die Totengräber der überlebten Kultur, die Erzieher der Individualität, die Begründer moderner Einrichtungen, teilweiſe auch die Vernichter der vorhandenen ſittlichen Spannkräfte und der beſtehenden Geſellſchaftsinſtitutionen. Ihnen ſtellten ſich immer wieder die idealiſtiſchen Syſteme gegenüber, teils verſuchend, das Gute der Vergangenheit zu retten, teils Idealbilder einer beſſeren Zukunft vorzuführen.

Zu den erſteren gehören im Altertum die Sophiſten und Epikur, in neuerer Zeit Gaſſendi, Hobbes, Locke, die franzöſiſchen Encyklopädiſten, Bentham, J. St. Mill, Benecke, Feuerbach und ihre modernſten Nachfolger; zu den letzteren Plato, die Stoa, der Neuplatonismus, Auguſtin, Thomas von Aquino, Hugo Grotius und die an die Stoa ſich anſchließenden Naturrechtslehrer, dann Leibniz, Kant, Schelling, Hegel, in gewiſſem Sinne auch Auguſte Comte. Die erſteren Schulen wollen eine Formel für das Gute, für das richtige Handeln finden; ſie ſtellen die Luſt, das Nützliche, die Gemütsruhe des Individuums, neuerdings das Glück der einzelnen oder der Geſellſchaft in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Staat, Geſellſchaft und Volkswirtſchaft laſſen ſie durch äußeres Zuſammentreten der Individuen entſtehen, die ſie bald mehr als im Kampf, bald als von Natur in friedlichen Beziehungen begriffen ſich denken. Das individualiſtiſche Naturrecht des 17. und 18. Jahrhunderts und die neuere Utilitätsethik ſind ihre Höhepunkte; beide weſentlich beeinflußt von den antiken Lehren Epikurs, des flachen Verteidigers der individuellen Glückslehre einer abſterbenden Kulturepoche. Die Syſteme dieſer Richtung haben vieles einzelne richtig beobachtet, ſie haben in richtiger Weiſe ſtets das Sittliche an das Natürliche angeknüpft, ſie haben darin Recht, daß das Streben nach Glück im Centrum aller ethiſchen Betrachtung ſteht. Aber im ganzen iſt ihre Beobachtung des ſittlichen Thatbeſtandes, der ſittlichen Kräfte und Güter doch eine ein- ſeitige, das Leben nicht erſchöpfende; ſie überſchätzen die Reflexion und die Verſtandesthätigkeit, ſie ſtehen den großen geſellſchaftlichen Erſcheinungen und den großen Epochen ſchöpferiſcher Leiſtungen teilweiſe ohne das rechte innere Verſtändnis gegenüber.

Die idealiſtiſchen Moralſyſteme gewinnen ihre Kraft durch großartige und tiefgedachte Welt- und Geſchichtsbilder, durch religiös empfundene, künſtleriſch abgerundete Vorſtellungsreihen über Gott, die Welt und die Menſchheit. Mit der Wucht idealiſtiſcher Forderungen, mit der Autorität ſchlechthin über das Menſchliche erhabener ſittlicher Gebote treten ſie den Menſchen entgegen, leiten die Pflichten aus angeborenen Vernunftideen oder Erinnerungen der Menſchenſeele an ihren göttlichen Urſprung ab. Sie ſtellen das Gute in ſchroffen Gegenſatz zum Natürlichen, verſchmähen häufig das Glück als Beweggrund des Sittlichen; ſie ſtellen Staat und Geſellſchaft ſtets als das Ganze, als das Höhere und Gute, als einen Teil der ſittlichen Weltordnung dem Individuum und dem Egoismus gegenüber. Sie haben Großes gewirkt für die Erziehung der ſittlichen Kräfte, für die Heiligung eines ſtrengen Pflichtbegriffes, für das Verſtändnis und die Würde der geſellſchaftlichen Inſtitutionen. Aber ſie ruhten vielfach mehr auf Hypotheſen und idealiſtiſchen Annahmen, überſahen das empiriſche Detail der pſychologiſchen Vorgänge und geſellſchaftlichen Einrichtungen. Sie hielten nicht Stand vor der fortſchreitenden ſtrengeren Wiſſenſchaft.

Dieſe Wiſſenſchaft, welche nicht ſowohl ein Sollen lehren und Ideale aufſtellen, als das ſittliche Leben empiriſch beſchreiben, aus den pſychologiſchen und geſellſchaftlichen Elementarthatſachen verſtehen und ableiten will, hat ſich ſo naturgemäß ſeit alter Zeit neben beiden Arten von Syſtemen entwickelt. Wir können Ariſtoteles als den großen Ethiker feiern, in dem zuerſt das wiſſenſchaftliche Intereſſe das Übergewicht über das praktiſche hatte. In der neueren geiſtigen Entwickelung iſt es die ältere pſychologiſchethiſche Schule der Engländer Schaftesbury, Hutcheſon, Hume, A. Smith, in Deutſchland ſind es Herbart, Lotze, Horwicz, Wundt, Paulſen, die überwiegend hieher gerechnet werden müſſen. Dieſe Richtung, welche eine empiriſche Ethik verſucht, ſchließt allgemein an die Spitze des Syſtems geſtellte Konzeptionen über einheitliche Entwickelung und Vervollkommnung nicht aus, wie wir an Herbert Spencer ſehen, der alles, auch das ſittliche Leben, aus der Entwickelungstheorie ableitet. Aber das Metaphyſiſch-Idealiſtiſche tritt doch mehr zurück. Und am deutlichſten tritt die Richtung mit ihren Grundtendenzen dadurch hervor, daß man neben den ethiſchen Syſtemen, welche das Ganze der menſchlichen Handlungen darſtellen und lehren wollen, verſuchte ſog. Sociologien zu ſchreiben.

Dieſe neuere Geſellſchaftslehre will nicht bloß, wie ſeiner Zeit R. Mohl, ein Gefäß ſein, um einige in Staatslehre, Statiſtik und Nationalökonomie nicht recht unterzubringende Erörterungen über die Geſellſchaft aufzunehmen, nein, ſie will die Geſamtheit der geſellſchaftlichen Erſcheinungen, welche in der Ethik oft überſehen, oft ſtiefmütterlich als ſittliche Güter behandelt, jedenfalls nur vom Standpunkte eines beſtimmten Moral- ſyſtems betrachtet wurden, als ein zuſammenhängendes natürlich-geiſtiges, kauſales Syſtem von Erſcheinungen ſchildern, begreifen und erklären. Gewiß eine Rieſenaufgabe, an die man erſt denken konnte, nachdem in einer Reihe Specialwiſſenſchaften, wie in der Staatslehre, Nationalökonomie, Finanz, Statiſtik wenigſtens für gewiſſe Teile der Anfang einer ſtreng wiſſenſchaftlichen Einzelerkenntnis begonnen. Es iſt daher auch natürlich, daß die Einzelforſcher den Sociologen zurufen, laßt uns doch bei unſerer Detailarbeit. Aber ebenſo notwendig hat die empiriſche Begründung der Ethik, wie das Bedürfnis, für die geſellſchaftlichen Specialwiſſenſchaften eine allgemeinere Grundlage zu gewinnen, zu jenen erwähnten Verſuchen geführt, deren wichtigſte wir in Aug. Comtes Werken, in Spencers Sociologie, in Schäffles Bau und Leben des ſocialen Körpers vor uns haben. Es ſind gewiß unvollkommene Verſuche, aber doch die wichtigſten Stützen für eine empiriſche Ethik und unentbehrliche Hülfsmittel für die allgemeinen Fragen der ſocialen Specialwiſſenſchaften. Mag man dabei den Nachdruck mehr auf die Zuſammenfaſſung oder auf die Specialunterſuchung der allen dieſen Wiſſenſchaften gemeinſamen Fragen legen, man wird dieſer Sociologie, die freilich nur eine Art ausgebildeter empiriſcher Ethik iſt, ihr Bürgerrecht in dem Reiche der Wiſſenſchaften nicht mehr ab- ſtreiten können.

c) Die praktiſche Wirkſamkeit der Moralſyſteme wie der ſpäter aus ihnen abgeleiteten Syſteme der Wirtſchafts- und ſonſtigen Politik wurde ſtets in dem Maße erhöht, als es ihnen gelang, für die dauernd oder jeweilig bevorzugten Richtungen des Handelns und der Reform möglichſt einheitliche Schlagworte und packende Gedanken, ſog. ethiſche Principien und Ideale an die Spitze zu ſtellen. Zwar iſt es kaum je gelungen, ein einziges Princip oder eine Formel ſo zu finden, daß mit vollſtändiger logiſcher Folgerichtigkeit daraus alle anderen ſittlichen Ideale und Forderungen abgeleitet werden könnten; aber es hat doch jedes Syſtem verſuchen müſſen, die ſämtlichen verſchiedenen gepredigten Pflichten, ſittlichen Forderungen und Ideale entweder in eine gewiſſe Beziehung zu einem Grundgedanken zu bringen oder ſie auf eine kleine Anzahl koordinierter Principien zu reduzieren. Dabei mußten dieſe Principien oder der Grundgedanke, um an die Spitze zu treten, möglichſt generell gefaßt werden; aber es ergab ſich damit die Kehrſeite, daß ſie verſchiedener Anwendung und Deutung unterlagen; auch konnte nie ausbleiben, daß auf die Formulierung die jeweiligen Kultur- und Geſellſchaftsverhältniſſe, die geiſtigen Strömungen der Zeit Einfluß erhielten.

Wir haben nun hier nicht etwa den Verſuch zu machen, den großen Prozeß der Entwickelung dieſer Leitideen, wie die Geſchichte der Religionen, der Moralſyſteme und der ganzen menſchlichen Kultur ihn uns enthüllt, zu ſkizzieren und die einzelnen Syſteme und ihre Ideale zu kritiſieren, ſondern wir haben nur kurz zu reſümieren, wie die wichtigſten neueren dieſer Formeln und leitenden Ideen lauten und welche Bedeutung ſie für das volkswirtſchaftliche Leben gehabt haben und noch haben.

Die Moralſyſteme, welche den Egoismus überhaupt oder den verfeinerten Egoismus als Grundprincip predigten, haben ſich in neuerer Zeit teils zu einer individuellen Glück- ſeligkeitslehre, teils zu der Theorie erhoben, daß aller ſittliche Fortſchritt in dem Streben beſtehe, die größte Summe von Glück oder Luſt für die größte Menſchenzahl herzuſtellen; dieſe Utilitätslehre, ſcheinbar von Chriſtentum und idealiſtiſcher Moral ſo weit entfernt, will in den Händen edler und feinfühliger Ethiker und Politiker im ganzen dasſelbe. Sagt doch ſelbſt Lotze: „alle moraliſchen Geſetze ſind Maximen der allgemeinen Luſtökonomie“. Auch die idealiſtiſchen Syſteme ſchmuggeln indirekt eine Glückslehre ein. Die Wirkſamkeit dieſer realiſtiſchen Schule iſt in der Gegenwart faſt noch im Wachſen; der ganze engliſche Radikalismus mit ſeinen politiſchen und wirtſchaftlichen Idealen iſt auf dieſem Boden erwachſen. Aber freilich kann dieſes Ideal der Glücksſteigerung je nach der Klaſſifikation, nach der Einzeldarſtellung und Ausführung der Luſtarten ſehr verſchieden ſich geſtalten und deshalb ebenſo leicht zu irreführenden ſocialen Ideen, zu einer falſchen Ordnung der menſchlichen Zwecke als zu einer richtigen führen. Auch dem feinſten Theoretiker des Utilitarismus, J. St. Mill, iſt es nicht gelungen zu beweiſen, daß ſeine Behauptung, es ſei vorzuziehen, ein unbefriedigter Menſch, als ein befriedigtes Schwein zu ſein, allgemein geteilt werde und als Princip den ſittlichen Fortſchritt beherrſchen könne.

Die idealiſtiſchen Moralſyſteme haben ihre Formeln und idealiſtiſchen Zweckgedanken aus der ſittlichen und politiſchen Geſchichte der Menſchheit abſtrahiert; ich nenne nur: die Hingabe des Menſchen an Gott und an die geſellſchaftlichen Gemein- ſchaften ſowie die Ausbildung der Perſönlichkeit (mit der Selbſtbehauptung und Berufsausbildung), die fortſchreitende Vervollkommnung des einzelnen und der Geſellſchaft, die Ausbildung des Wohlwollens, des Mitleides, des ſog. Altruismus, die Ideen der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Gleichheit. Es ſind Ideale und Zweckideen, welche ſeit Jahrtauſenden ausgebildet, auch in allen höheren Religionen im Mittelpunkte der ethiſchen Betrachtung ſtehen, ja in allen Kulturmenſchen einen weſentlichen Beſtandteil ihres höheren Gefühlslebens, ihrer Pflichtbegriffe, ihres geſellſchaftlichen Handelns bilden. Ihre jeweilige Geſtaltung in den leitenden Geiſtern, in der herrſchenden Litteratur, in den Strömungen der Zeit drückt dem praktiſchen Leben, vor allem auch dem volkswirtſchaftlichen und ſocialen, ſeinen Stempel auf; und zwar deshalb mehr als die noch ſo feinen Überlegungen und Vorſtellungen der Luſtvermehrung, weil ſolche Ideale mit dem Siege der höheren Gefühle ſtets an ſich an Kraft gewinnen und zumal in bewegten Zeiten die Herzen der Maſſe ganz anders erfaſſen, elektriſieren können als jene.

Ihre jeweilige praktiſche Einzelgeſtaltung erhalten dieſe Leitideen und Zweckideale durch die natürlichen, techniſchen, wirtſchaftlichen und ſocialen Zuſtände des betreffenden Volkes; ihre innerſte Natur aber liegt im ſittlichen Weſen des Menſchen und ſeiner geſellſchaftlich-hiſtoriſchen Entwickelung überhaupt; es ſind Ideale, die vor Jahrtauſenden ſchon in derſelben Grundrichtung wirkten wie heute und wie ſie in ſpäteren Jahrtauſenden wirken werden. Es wird keine Zeit kommen, in der man nicht Billigkeit und Gerechtigkeit, Wohlwollen und Hingabe an die ſocialen Gemeinſchaften als Ideale anerkennen wird. In ihrer allgemeinen Tendenz und Wirkſamkeit ſind dieſe Ideen das höchſte, was im menſchlichen Geiſte exiſtiert. Sie ſtellen auch die höchſten Kräfte der Geſchichte und der geſellſchaftlichen Entwickelung dar. Sie werden immer als die Führer auf dem Pfade des Fortſchrittes dienen. Die großen Zeiten und Männer ſind es, welche im Kampfe für ſie Reformen durchgeſetzt haben. Das gilt auch für alle wirtſchaftlichen und ſocialen Reformen.

Aber das ſchließt nicht aus, daß daneben in ihrem Namen oft das Thörichtſte gefordert wurde. Jedes einzelne dieſer Ideale drückt eine partielle Richtung der pſychiſch- ſittlichen und geſellſchaftlichen Entwickelung aus, ohne Maß, Grenzen, Geſtaltung derſelben, Möglichkeit der Durchführung anzugeben. Jedes hat ſich im praktiſchen Leben zu paaren mit einem gewiſſermaßen entgegengeſetzten Ideal: die Ausbildung des Individuums muß ſich der der Geſellſchaft anpaſſen und unterordnen; die Selbſtbehauptung muß ſich mit den Forderungen des Staates, die Freiheit mit der Ordnung des Ganzen vertragen. Der einſeitige, vom Klaſſen- und Parteigeiſt erfüllte Doktrinarismus, welcher ſtets gern im Namen der großen idealen Principien redet und einſeitig nur die Freiheit oder die Gleichheit oder die Gerechtigkeit auf die Fahne ſchreibt und aus einer möglichſt allgemeinen Formel des einzelnen Princips die weitgehendſten Folgerungen zieht, jeden Verräter nennt, der nicht das Princip bis in ſein Extrem durchführen will, — er irrt gar leicht, verlangt Wahres und Falſches nebeneinander, oft Unmögliches. Schlüſſe und Theorien, die ſo einſeitig begründet ſind, werden häufig zu ideologiſchen Kartenhäuſern, zu verheerenden revolutionären Fahnen, wenigſtens wenn ſie in der Hand von Demagogen und Schaumgeiſtern liegen. Ich verſuche nur an einigen, in das Wirtſchaftsleben eingreifenden Beiſpielen dies zu zeigen.

Es war ein großer, ſegensreicher Reformgedanke, als gegenüber unerhörtem Klaſſenmißbrauch und veralteten feudalen Rechtsinſtitutionen der moderne Staat die Rechts- und Steuergleichheit, die Zugänglichkeit aller Berufe und Laufbahnen für alle Staatsbürger proklamierte, als neuerdings die Socialreform gleiches Recht für Arbeitgeber und -nehmer forderte. Aber das waren feſtumgrenzte partielle, den konkreten Zeitverhältniſſen richtig angepaßte Forderungen, während die Fanatiker der Gleichheit alle Unterſchiede der Menſchen leugnen oder mit Gewalt beſeitigen wollen, auch die Verſchiedenheit von Alter und Geſchlecht ignorieren, die von Einkommen und Beſitz aufheben wollen und ſo alle höhere Entwickelung, welche ſtets Differenzierung iſt, bedrohen.

Die Freiheit der Rede, der Wiſſenſchaft und des religiöſen Bekenntniſſes, die politiſche Freiheit in dem feſtumgrenzten Sinne, daß die Regierten auf die Regierung einen geſetzlichen Einfluß haben, und daß es für jede Regierung eine Grenze ihrer Macht gegenüber der Freiheitsſphäre des Individuums gebe, die wirtſchaftliche Freiheit in dem Sinne, daß die mittelalterlichen Zunft-, Markt- und Verkehrsſchranken fallen, — das ſind für die Kulturſtaaten der Gegenwart große berechtigte Ideale. Aber wenn man ſchrankenloſe Freiheit im wirtſchaftlichen Kampfe der Starken mit den Schwachen einführt, ſo erzeugt man nur harten Druck und brutale Ausbeutung der unteren Klaſſen; wenn man jeden Betrug und jeden Wucher mit dem Schlagwort der Freiheit verteidigt, ſo verkennt man, wie wir ſchon ſahen, Moral, Sitte und Recht von Grund aus, wie man durch die Lehre von der Volksſouveränität, d. h. die Lehre, daß die Summe der Regierten die Regierung jeden Moment in Frage ſtellen dürfe, die politiſche Freiheit in ihr Gegenteil, in die Herrſchaft von Demagogen und zufälligen Majoritäten oder gar Minoritäten über die Maſſe der vernünftigen und beſſeren Bürger verwandelt. —

Die Idee der Gerechtigkeit, ſchon von den Juden, Griechen und Römern, dann von den neueren Kulturvölkern, von Religion, Philoſophie und poſitivem Rechte in langer Entwickelung ausgebildet, an die edelſten Gefühle anknüpfend, ſpielt in allem geſellſchaftlichen Leben, vor allem auch in der Volkswirtſchaft eine maßgebende Rolle; ſie giebt für alles geſellſchaftliche Leben die idealen Maßſtäbe, nach denen geprüft wird, wie weit die Wirklichkeit dem „Gerechten“ entſpreche; ſie begleitet unſere wirtſchaftlichen und ſocialen Handlungen und unterwirft ſie einer ſtets erneuten Kritik. Bei jedem Tauſchgeſchäft, bei jedem gezahlten Lohn, bei jeder wirtſchaftlichen Inſtitution wird gefragt, ob ſie gerecht ſeien. Und aus den Antworten entſpringen Gefühle, Urteile, Willensanläufe, die ſich wenigſtens teilweiſe in Reformtendenzen, Änderungen der Sitte, des Rechtes, der ganzen volkswirtſchaftlichen Verfaſſung umſetzen. Wer weiß nicht, daß die Gewerbefreiheit, die Handelsfreiheit, der freie Arbeitsvertrag im Namen der Gerechtigkeit gefordert wurde und nur unter dieſer Fahne ſiegte? daß aber auch alle Forderungen des Socialismus an Gefühle und Betrachtungen anknüpfen, welche den Betreffenden als Gerechtigkeitsforderungen ſich darſtellen, daß jede Revolution und alle ihre Greuel ſich mit dieſer Fahne decken zu können glaubten.

Daraus ergiebt ſich ſchon, daß das Princip der Gerechtigkeit kein einfaches iſt, aus dem alle ihre Forderungen mit unfehlbarer Sicherheit, mit einer für alle Menſchen gleichen Evidenz abzuleiten wären. Es iſt eine der ſtärkſten idealen Lebensmächte. Mit immer gleicher pſychologiſcher Notwendigkeit vergleicht unſer Inneres ſtets die irgendwie zuſammengehörigen Menſchen und ſtellt ſie in einer Ordnung, die ihren Eigenſchaften und Handlungen entſpricht, den Gütern, Ehren, ſocialen Vorzügen, Übeln und Strafen gegenüber, welche zu verteilen in der Macht der Geſellſchaft liegt, findet es gerecht, wenn in dieſen beiden Reihen eine Proportionalität ſtattfindet, ungerecht, wenn ſie fehlt, bezeichnet es als ungerecht, wenn Individuum oder Gruppe gegenüber der Wertung, der ſie unterliegen, zu viel von den Vorteilen, zu wenig von den Nachteilen oder Strafen erhalten.

Ich habe anderweitig verſucht, den hier vorliegenden pſychologiſch-ſocialen Prozeß, ſoweit er das wirtſchaftliche Leben betrifft, genauer zu analyſieren und zu zeigen, wie die ſucceſſive Ausbildung der komplizierteren wirtſchaftlichen Verhältniſſe einerſeits, der feineren Gefühle und der geläuterten Urteile in Bezug auf das Gerechte andererſeits immer wieder zu anderen praktiſchen Reſultaten führt, wie nur feſt kryſtalliſierte, in breiten Schichten zur Herrſchaft gelangende Maßſtäbe des Gerechten nach und nach das poſitive Recht und die Inſtitutionen beherrſchen können, wie die formale Grenze aller Rechts- ſatzungen und das Eingreifen gleichberechtigter anderer oberſter ſittlicher Ideale die Durchführbarkeit des Gerechten immer einengt; ich habe hauptſächlich zu zeigen geſucht, daß die Idee der Gerechtigkeit, indem ſie jedem einzelnen das Seine zuteilen will, ſtets mehr individualiſtiſch iſt, die Forderungen der Geſamtheit und ihrer Zwecke nicht ebenſo in den Vordergrund rückt, daß alſo ſchon deshalb die idealen Forderungen der Gerechtigkeit nicht ſtets im poſitiven Recht praktiſch durchführbar ſind. Ich kann hier das einzelne dieſer Unterſuchung nicht wiederholen, ebenſowenig den Nachweis, wie es kommt, daß verſchiedene Menſchen, Klaſſen, Parteien das Gerechte immer leicht verſchieden empfinden und beurteilen.

Das Angeführte genügt als Beweis dafür, daß die großen ſittlichen Ideale, ſo berechtigt ſie im ganzen ſind, ſo heilſam ſie als Fermente des Fortſchrittes bei richtiger Begrenzung und bei richtiger Verbindung untereinander wirken, doch vereinzelt leicht zu falſchen Forderungen und zu falſcher Beurteilung des Beſtehenden führen. Sie ſtellen ſtets begrenzte hiſtoriſche Richtungen des Geſchehens, partiell berechtigte Zwecke dar. Sie haben ſich erſt im Leben, in der Ausführung, im Kampfe der Ideen zu bewähren und zu geſtalten. Sie werden in der Theorie und im Kampfe der Parteien ſtets leicht mißverſtanden und überſpannt, weil die Grenzen nicht mit ihrer allgemeinen Formulierung gegeben ſind. Wenn der Liberale heute ſagt: die moderne Volkswirtſchaft ruht auf perſönlicher Freiheit und freiem Eigentum, ſo iſt das ſo wahr und ſo falſch, als wenn der Socialiſt ſagt, ſie ruht auf zunehmender Vergeſellſchaftung des Produktions- und des Verteilungsprozeſſes; in beiden Fällen iſt eine thatſächliche und berechtigte Bewegungstendenz abſtrakt ohne ihre Grenzen in einem allgemeinen Satze ausgeſprochen und daher leicht zu falſchen Schlüſſen zu brauchen.

Alle die vorſtehenden Ausführungen werden uns nun zugleich erleichtern, die Ge- ſchichte der volkswirtſchaftlichen Theorien und Syſteme zu verſtehen, zu der wir uns jetzt wenden. So weit ſie in älterer Zeit auseinander gehen, liegt es weſentlich daran, daß einſeitig gewiſſe große ſittliche Ideale, die als berechtigte Zeitforderungen naturgemäß im Vordergrunde ſtanden, als Bewegungen und Forderungen aller Zeiten, als einſeitige Grundlage der Wiſſenſchaft überhaupt hingeſtellt wurden. —