III. Die geſchichtliche Entwickelung der Litteratur und die Methode der Volkswirtſchaftslehre.
1. Die Anfänge volkswirtſchaftlicher Lehren bis ins 16. Jahrhundert.
34. Einleitung. Definition der Volkswirtſchaftslehre. Die Keime aller Wiſſenſchaft liegen in der älteren Volkspoeſie, in welcher Glauben und Ideale der Menſchen ihren erſten Ausdruck fanden, und in den Regelſammlungen, welche Prieſter und Richter veranſtalteten und erklärten. In dieſen Regeln wurde Sitte, Ritual, Recht und Verhalten in allen möglichen Lebenslagen verzeichnet; mit dem erwachenden Nachdenken ſchloſſen ſich daran Überlegungen, Urteile, Änderungsvorſchläge. So wurde auch die wirtſchaftliche Sitte und das wirtſchaftliche Verhalten nach und nach erörtert; zumal als das volkswirtſchaftliche Leben in die neuen, komplizierten Bahnen der Geld- und Kreditwirtſchaft, der Gewerbe- und Handelsentwickelung überging, die Formen der althergebrachten Naturalwirtſchaft ſich löſten, da traten neben die überlieferten Vorſtellungen die Kritik, die neuen Vorſchläge über wirtſchaftliche Moral und wirtſchaftliche Geſetze, über Geldweſen, Handelserwerb, Steuern und Kolonien; es entſtand eine lebendige, praktiſche Erörterung und wir ſehen ihren Reflex in den ethiſchen und politiſchen Schriften der Zeiten, welche volkswirtſchaftliche und ſociale Fragen zum erſtenmale zuſammenhängend beſprachen. So haben zuerſt die Griechen im 5. und 4. Jahrhundert vor Chriſti in ihren philoſophiſchen Schriften wiſſenſchaftlich-volkswirtſchaftliche Probleme erörtert. Und ähnlich begann man ſeit der Renaiſſance den volkswirtſchaftlichen Er- ſcheinungen eine größere Aufmerkſamkeit zu widmen. Die Fragen erlangten raſch in den philoſophiſchen und ethiſchen Syſtemen, in den Staatstheorien des 16.—18. Jahrhunderts einen breiteren Raum. Im letzteren wurde eine beſondere Unterweiſung der ſtudierenden Jugend in volkswirtſchaftlichen Fragen Bedürfnis. Und nun führte der große Aufſchwung des wiſſenſchaftlichen Denkens überhaupt zu der beſonderen Wiſſen- ſchaft der Nationalökonomie oder Volkswirtſchaftslehre; d. h. die volkswirtſchaftlichen Sätze und Wahrheiten und die als Ideal empfohlenen volkswirtſchaftlichen Maßregeln wurden aus der Moralphiloſophie, dem Naturrecht und der Staatslehre ausgelöſt und zu einem ſelbſtändigen Syſteme durch gewiſſe Grundgedanken, wie ſtaatliche Wirtſchaftspolitik, Geldcirkulation, natürlicher Verkehr, Arbeit und Arbeitsteilung verbunden und als ſelbſtändiges Wiſſensgebiet hingeſtellt. Seither giebt es in der Litteratur, im Unterricht, im Volksbewußtſein die beſondere Wiſſenſchaft der Volkswirtſchaftslehre, welche die volkswirtſchaftlichen Erſcheinungen beſchreiben und definieren, ein zutreffendes Bild von ihnen auf Grund wiſſenſchaftlicher Begriffe im ganzen und einzelnen entwerfen, ſowie dieſe Erſcheinungen als ein zuſammenhängendes Ganzes und als Teil des geſamten Volkslebens begreifen, das einzelne aus ſeinen Urſachen erklären, den volkswirtſchaftlichen Entwickelungsgang verſtehen lehren, die Zukunft womöglich vorausſagen und ihr die rechten Wege bahnen will.
Dieſer letzte praktiſche Geſichtspunkt iſt es, der neben dem erſt nach und nach ſich ausbildenden rein theoretiſchen Intereſſe den Anſtoß zu allem Nachdenken und aller wiſſenſchaftlichen Erörterung gegeben hat. Und daher iſt es begreiflich, daß die älteren Anfänge des volkswirtſchaftlichen Nachdenkens hauptſächlich in den Moralſyſtemen und dem an ſie anſchließenden Naturrecht enthalten ſind. Was wir bis ins 17. Jahrhundert über volkswirtſchaftliche Lehren berichten können, ſteht in der Hauptſache auf dieſem Boden.
35. Die griechiſch-römiſchen Lehren von Staat, Geſellſchaft, Moral, Recht und Volkswirtſchaft gehören der Epoche an, in welcher theoretiſch zum erſtenmale ein gedankenmäßiger Zuſammenhang des geſellſchaftlichen Lebens gefunden und in welcher praktiſch die älteren kleinen Städteſtaaten ſich erſt in das makedoniſche, dann in das römiſche Weltreich auflöſten. In Griechenland iſt es das 5. bis 3. Jahrhundert vor Chriſti, in Rom das Ende der Republik, der Anfang des Principats. Dort hatten in raſcher Entwickelung die alten ariſtokratiſchen Verfaſſungen der äußerſten Demokratie Platz gemacht: den doriſchen Ackerbauſtaaten ſtand die Blüte des Seehandels und der Gewerbe bei den Joniern gegenüber; Geldwirtſchaft, Kredit, Spekulation, Luxus, ſchamloſe Erwerbsſucht hatten hier Platz gegriffen, die alten Zuſtände aufgelöſt; der Mittel- ſtand verſchwand; die wenigen Reichen und die Maſſe der armen Bürger, die nicht arbeiten, ſondern vom Staate leben wollten, ſtanden ſich aufs ſchroffſte gegenüber; vernichtende ſociale Kämpfe und kommuniſtiſche Projekte waren an der Tagesordnung. Unter dem Einfluß der großen Verfaſſungs- und Wirtſchaftskämpfe entſtand die uns heute noch, wenigſtens bruchſtückweiſe, erkennbare Litteratur.
Während der Verächter der Demokratie, der große Heraklit († 475 v. Chr.) noch alle Geſetze und alle Ordnung der Geſellſchaft auf die Gottheit zurückführt und zur Eintracht im Staate mahnt, ſind es die Lehrer und Freunde der ſiegenden Demokratie, die Sophiſten, welche das Individuum, ſeine Luſt und ſeinen Nutzen als Princip ihrer Ethik, Recht und Geſetz als willkürliche Satzungen, als ein Machwerk der Starken hin- ſtellen, die Geſellſchaft unter dem Bilde des Kampfes der Starken mit den Schwachen begreifen, den Staat als durch Vertrag entſtanden betrachten. Ihnen ſtellt Plato († 347 v. Chr.) ſeine Lehre von der Objektivität des Guten und der Herrſchaft der göttlichen Ideen in der Welt und das Ideal eines ariſtokratiſch-agrariſchen Staates entgegen, in welchem eine philoſophiſche Beamtenklaſſe ohne Privatbeſitz regiert, in dem der Grundbeſitz, der Erwerb, die Aus- und Einfuhr, die Erziehung durch ſtrenge Ordnungen gebunden und reguliert ſind. Seine beiden Werke über den Staat und über die Geſetze ſind die tiefernſten Mahnworte zur Umkehr und Beſſerung an die genuß- und herrſch- ſüchtige Demokratie ſeiner Vaterſtadt Athen, an deren Zukunft er verzweifelt. Er iſt nicht Kommuniſt, ſondern verlangt nur für die kleine herrſchende Ariſtokratie Verzicht auf Sondereigen und Sonderkinder, um deren Egoismus und Habſucht zu bannen.
Dem großen Idealiſten treten teils gleichzeitig, teils direkt folgend die drei Realiſten zur Seite: der Hiſtoriker Thukidides, der ſeine hiſtoriſche Erzählung aufbaut auf die Beobachtung und Würdigung der wichtigſten ſtaatlichen und volkswirtſchaftlichen Er- ſcheinungen ſeiner Zeit; der Feldherr Xenophon, der neben hiſtoriſchen ſtaatswiſſenſchaftliche und volkswirtſchaftliche Werke und darin über Staatseinnahmen, Hauswirtſchaft, Geldweſen, Arbeitsteilung ſchreibt und den geſunkenen Republiken das Bild eines edlen Königtums vorhält; endlich Ariſtteles (385—322 v. Chr.), dem die vollendetſte Verbindung empiriſcher Beobachtung mit generaliſierender wiſſenſchaftlicher Betrachtung im Altertum gelingt, der mit ſeiner Ethik, Politik und Ökonomik auch als der Ahnherr aller eigentlichen Staatswiſſenſchaft gelten kann. Sein Hauptintereſſe iſt den politiſchen Verfaſſungsformen zugewendet; aber auch über das wirtſchaftliche und ſociale Leben hat er bedeutſame Wahrheiten ausgeſprochen.
Überall vom praktiſchen Leben ausgehend, knüpft Ariſtoteles das Gute und Sittliche an das Natürliche, die Tugenden an die von der Vernunft regulierten Triebe an. Staat und Geſellſchaft läßt er nicht aus dem Kampfe feindlicher Individuen, aus Not und Vertrag, ſondern aus einem angeborenen geſellig-ſympathiſchen Triebe hervorgehen. Der Staat iſt ihm nicht ein möglichſt einheitlich organiſierter Menſch im großen, wie dem Plato, ſondern eine Vielheit von ſich ergänzenden Individuen, Familien und Gemeinden; er betrachtet ihn als ein in der Natur begründetes Zweckſyſtem, in dem die Teile ſich dem Ganzen unterzuordnen haben, deſſen Selbſtändigkeit und Harmonie den Herrſchenden und Beherrſchten, den Klaſſen und den Individuen ihre Sphäre, ihre Pflichten vorſchreibt. Er ſchildert, wie aus der Arbeitsteilung und Beſitzverteilung die ſocialen Klaſſen und Berufsſtände ſich bilden. Er ſetzt die natürliche alte Haushalts kunſt, die in der Urproduktion wurzelt, der neuen Gelderwerbskunſt, die mit dem Handel entſteht, gegenüber; er unterſucht, welche pſychologiſchen und ſittlichen Folgen die ver- ſchiedenen Erwerbsarten und Beſchäftigungen haben. Allen Erwerb, der ohne Schranken gewinnen will, der über das Bedürfnis hinaus und mit dem Schaden anderer gemacht wird, verurteilt er als verderblich. Das Geld betrachtet er als ein notwendiges Tauſchmittel und Wertäquivalent, aber es ſoll keine Zinſen tragen, denn Geld gebiert kein Geld. Auf Grund ſeiner Einſicht in die ſittliche und politiſche Entartung der griechiſchen Demokratien und Handelsſtädte verlangt Ariſtoteles, daß die höher gebildeten und beſitzenden Klaſſen im Staate herrſchen, die arme, taglöhnernde Volksklaſſe ohne politiſche Rechte ſei. Doch ſcheint ihm die Geſellſchaft die beſte, wo der Mittelſtand überwiegt. In Bezug auf die ſocialen Pflichten des Staates betont er vor allem ſeine Sorge für Erziehung; denn alle Tugend iſt ihm Folge der Gewöhnung. Er giebt auch zu, daß manches im Staate gemeinſam ſein ſoll; im übrigen aber verlangt er getrenntes Eigentum. Als Mittel, den bleibenden Wohlſtand der unteren Klaſſen zu heben, verlangt er Koloni- ſation und Landzuweiſungen. An der von manchen bereits als widernatürlich bezeichneten Sklaverei will er nicht gerüttelt haben; die großen Unterſchiede der Raſſe, der Fähigkeiten erkennend, meint er, wenigſtens die Sklaverei ſei gerechtfertigt, wo der Sklave ſo verſchieden vom Herrn ſei, wie die Seele vom Leib. Die zahlreichen Projekte ſeiner Zeit, die auf Güter- und Weibergemeinſchaft zielen, unterzieht er der ſchärfſten Kritik: was vielen gemeinſam iſt, wird ohne Sorgfalt beſorgt und führt ſtets zu Händeln, wie man bei jeder Reiſegeſellſchaft ſieht; gemeinſame Kinder werden ſchlecht erzogen; die Bande der Liebe werden bis zur Wirkungsloſigkeit verwäſſert, wenn der Bürger tauſend und mehr Söhne hat. Die Revolutionen, die aus den wirtſchaftlichen Mißſtänden und den Fehlern der Regierenden entſpringen, erörtert er eingehend; aber er glaubt nicht, daß hier ſocialiſtiſche Projekte helfen. Eine erzwungene Gleichheit des Beſitzes hält er für weniger durchführbar, als eine ſtaatliche Regelung der Kindererzeugung, welcher er nicht abgeneigt iſt.
Weder die idealiſtiſchen Lehren und Ideale Platos, noch die realiſtiſchen Ariſtoteles’ konnten die griechiſche Kultur in ihrem Werdegang aufhalten. Und in ähnlicher Weiſe haben ſich einige Menſchenalter ſpäter die Dinge in Rom und Italien entwickelt. Aus dem individualiſtiſchen Egoismus und der cyniſchen Genußſucht der Zeit, aus den Klaſſenkämpfen und Bürgerkriegen, aus den Rivalitäten der Kleinſtaaten gab es keinen anderen Ausweg als die eiſerne Militärdiktatur in geordneten bureaukratiſchen Weltreichen und den weltflüchtigen Idealismus der Philoſophie und des Chriſtentums, beides eng zuſammengehörige, einander bedingende Erſcheinungen. Das Imperium der Cäſaren war halb demokratiſchen Urſprunges und ſuchte durch ſtaatsſocialiſtiſche Brotſpenden und ähnliche Maßregeln die unteren Klaſſen zu befriedigen; aber vor allem ſtellte es Ruhe, Frieden und Ordnung wieder her. Eine Nachblüte geiſtiger und wirtſchaftlicher Kultur trat ein; Landbauſchriftſteller, Juriſten, Hiſtoriker und Philoſophen erörterten nun im Anſchluß an die griechiſchen Autoren auch mannigfach einzelne volkswirtſchaftliche Fragen. Aber zu einer Wiſſenſchaft der Volkswirtſchaft kam es weder in Alexandria noch in Rom, während eine ſolche des Rechtes, der Phyſik, der Medizin in jenen Tagen entſtand. Die geiſtig vorherrſchenden philoſophiſchen Schulen des Epikur und der Stoa waren nicht darauf gerichtet, ein tieferes Studium der geſellſchaftlichen Einrichtungen herbeizuführen. Epikurs Atomiſtik erklärt, wie die Sophiſten, die Geſellſchaft aus dem Zuſammentreten ſelbſtſüchtiger, ſich bekämpfender Individuen, die einen Staatsvertrag aus Nützlichkeitserwägungen eingehen; der epikureiſche Weiſe zieht ſich aus der Welt, aus der Ehe, dem Familienleben, dem Staate zurück; ein vernünftiges, ſinnlich-geiſtiges Genußleben, das in Gemütsruhe kulminiert, das Streben nach Ruhm und Reichtum ausſchließt, iſt ſein Lebensideal; ein feſter monarchiſcher Staat, widerſtandsloſer Gehorſam ſind die politiſchen Forderungen der paſſiv müden Lehre. Dieſen Individualiſten der genießenden ſtehen die Stoiker als die Individualiſten der entſagenden Gemütsruhe gegenüber. Sie erheben ſich mit ihrer tiefſinnigen pantheiſtiſchen Weltanſchauung zwar turmhoch über Epikur, aber praktiſch kamen ſie doch zu ähnlichen Ergebniſſen. Die Natur iſt ihnen ein Syſtem von Kräften, das von der göttlichen Centralkraft, der Vernunft, bewegt wird. Auch im Menſchen lebt das göttliche Geſetz, die naturgeſetzliche Vernunft, die ihn zur Gemeinſchaft führt, die das menſchliche Handeln und die Geſellſchaft regiert. Im Anfange beſtand ein goldenes Zeitalter, das währte, ſo lange das reine Naturgeſetz herrſchte; aber auch ſpäter iſt das Naturrecht neben den falſchen poſitiven Geſetzen vorhanden; die menſchlichen Satzungen müſſen nur wieder in Übereinſtimmung mit dem Naturgeſetz gebracht werden: das wird der Fall ſein, wenn alle Leidenſchaften von der Vernunft gezähmt ſind, wenn alle Menſchen einen Staat ausmachen, in dem die Einzelſtaaten enthalten ſind, wie die Häuſer in einer Stadt. Mag ein ſtoiſcher Kaiſer, wie Mark Aurel, den menſchlichen Trieb nach Gemeinſchaft und das Vernünftige der Staatseinrichtungen betont haben, mögen die von der Stoa beherrſchten römiſchen Juriſten für das Verſtändnis einer feſtgefügten herrſchaftlichen Staatsordnung energiſch gewirkt haben, das weltbürgerlich-quietiſtiſch-brüderliche, geſellſchaftliche Ideal der entſagenden, den Selbſtmord verherrlichenden Stoiker blieb jene Weltgemeinſchaft Zenos „ohne Ehe, ohne Familie, ohne Tempel, ohne Gerichtshöfe, ohne Gymnaſien, ohne Münze“, d. h. ein unrealiſierbarer Traum, aus dem keine praktiſche Kraft des Schaffens und keine lebenskräftige Theorie erwachſen konnte.
36. Das Chriſtentum. Der Neuplatonismus rückte die ſinnliche Welt noch eine Stufe tiefer als die Stoa; er ſah im Körper das Gefängnis der Seele, im Tode die Befreiung von Sünde und Zeitlichkeit. Die chriſtliche Erlöſungslehre liegt in der- ſelben Richtung. Die Wiedervereinigung mit Gott, die Erlöſung von Sünde und Welt iſt das Ziel, das alles irdiſche Thun als eine kurze Vorbereitungszeit fürs Jenſeits erſcheinen läßt; je mehr der Menſch den irdiſchen Genüſſen und Gütern entſagt, deſto beſſer hat er ſeine Tage benützt. Stoa, Neuplatonismus und Chriſtentum ſind Stufen derſelben Leiter, ſind die notwendigen Endergebniſſe eines geiſtig-ſittlichen Prozeſſes, der aus dem Zuſammenbruch der antiken Kultur zum Höhepunkt des religiös-ſittlichen Lebens der Menſchheit führt. Nur aus der Stimmung der Verzweiflung an Welt und irdiſchem Daſein heraus konnte jene chriſtliche Sehnſucht nach Gott und Erlöſung ent- ſtehen, welche eine Anſpannung der ſittlichen Kräfte und ſympathiſchen Gefühle ohne Gleichen für Jahrtauſende und damit für die ganze Zukunft eine neue moraliſche und geſellſchaftliche Welt erzeugte.
Freilich war es nur in den langen Jahrhunderten des Niederganges der alten wirt- ſchaftlichen Kultur und der vorherrſchenden Naturalwirtſchaft des älteren Mittelalters möglich, daß Weltflucht faſt noch mehr als brüderliche Liebe, Ertötung der Sinne und beſchaulicher Quietismus als höchſte Ideale galten, daß man Arbeit und Eigentum weſentlich als Fluch der Sünde betrachtete, daß man den Gelderwerb überwiegend als Wucher brandmarkte, ein Almoſengeben um jeden Preis, ohne Überlegung des Erfolges, empfehlen konnte. Es iſt heute leicht, die Überſpanntheit und Unausführbarkeit vieler praktiſcher Forderungen des mittelalterlich-asketiſchen Chriſtentums nachzuweiſen; noch leichter zu zeigen, daß ein irdiſcher Gottesſtaat im Sinne Auguſtins auch der Weltherrſchaft und dem Millionenreichtume der römiſchen Kirche durchzuführen unmöglich war. Die vollſtändige Weltflucht und die Indifferenz gegen alles Irdiſche artete in trägen Quietismus, in falſches Urteil über Arbeit und Beſitz, in Zerſtörung der Geſundheit, die Überſpannung der Brüderlichkeit in kommuniſtiſche Lehren, in Verurteilung aller höheren Wirtſchaftsformen und Auflöſung der Geſellſchaft aus. Aber ebenſo ſicher iſt, daß dieſe Einſeitigkeiten notwendige Begleiterſcheinungen jenes moraliſchen Idealismus waren, der wie ein Sauerteig die Völker des Abendlandes ergriff und emporhob. Es entſtand mit dieſer chriſtlichen Hingabe an Gott, mit dieſen Hoffnungen auf Unſterblichkeit und ewige Seligkeit ein Gottvertrauen und eine Selbſtbeherrſchung, die bis zum moraliſchen Heroismus ging; eine Seelenreinheit und Selbſtloſigkeit, ein ſich Opfern für ideale Zwecke wurde möglich, wie man es früher nicht gekannt. Die Idee der brüderlichen Liebe, der Nächſten- und Menſchenliebe begann alle Lebensverhältniſſe zu durchdringen und erzeugte eine Erweichung des harten Eigentumsbegriffes, einen Sieg der geſellſchaftlichen und Gattungsintereſſen über die egoiſtiſchen Individual-, Klaſſen- und Nationalintereſſen, eine Fürſorge für die Armen und Schwachen, die man im Altertum vergeblich ſucht. Die Idee der Gleichheit vor Gott trat den beſtehenden harten Geſellſchaftsunterſchieden verſöhnend, mildernd zur Seite; in jedem, ſelbſt dem Niedrigſten, wurde die Würde des Menſchen anerkannt, wenn auch die ſpätere ariſtokratiſche Kirchenlehre den Ständeunter- ſchied wieder als eine göttliche Fügung deutete.
Die ethiſche und die praktiſche Einſeitigkeit der mittelalterlich-chriſtlichen Ideale fand ihre Auflöſung in der weltlichen Entartung der romaniſch-regimentalen, hierarchiſchen, nach politiſcher Weltherrſchaft ſtatt nach religiös-ſittlicher Verbeſſerung ſtrebenden Kirche, in den veränderten wirtſchaftlich-ſocialen Lebensbedingungen der abendländiſchen Völker ſeit dem 13. Jahrhundert, in dem Wiederaufleben der antiken Studien und des wiſſen- ſchaftlichen Betriebes. Schon Thomas von Aquino trägt im 13. Jahrhundert in vielem wieder die nationalökonomiſchen Lehren von Ariſtoteles vor; und in der politiſchen und ethiſchen Gedankenbewegung der folgenden Jahrhunderte wächſt der Einfluß des römiſchen Rechtes, der Stoa und Epikurs neben der Macht der neuen wirtſchaftlichen Thatſachen. In der italieniſchen Renaiſſance des 15. Jahrhunderts entdeckt das Individuum gleichſam ſich ſelbſt und ſein Recht an eine lebensvolle Wirklichkeit. In der deutſchen Reformation des 16. Jahrhunderts ſchüttelt die germaniſche Welt das geiſtige Joch der entarteten römiſchen Kirche ab und findet eine neue, höhere Form der Frömmigkeit, welche nicht mehr myſtiſchen Quietismus und Weltflucht fordert, welche jedem einzelnen den freien Zugang zu Gott läßt, dieſen nicht mehr allein durch die Prieſterkirche vermittelt, welche mit dem höchſten Gottvertrauen träftigſtes aktives Handeln in dieſer Welt verbinden will. Eine Lehre, welche in der Arbeit jedes Hauſes, jeder Werkſtatt, jeder Gemeinde ein Werk Gottes ſah, führte erſt recht die chriſtlichen Tugenden in das Leben ein und gab den germaniſch-proteſtantiſchen Staaten jene aktiv ethiſchen Eigenſchaften, jene Vertiefung des Volkscharakters, jene Stärkung der Familien- und Gemeingefühle, welche ſie bis heute an die Spitze des geiſtigen, politiſchen und volkswirtſchaftlichen Fortſchrittes ſtellte. Wie großes aber praktiſch ſo die Reformation leiſtete, wie ſehr ſie ſich bemühte, aus ihren dogmatiſchen und philoſophiſchen Prämiſſen und Idealen heraus zu gewiſſen Lehren über Staat, Geſellſchaft und ſociales Leben zu kommen, eine ſelbſtändige und große Leiſtung auf dieſem Gebiete war ihr doch verſagt. Was die Reformatoren über wirtſchaftliche und ſociale Dinge lehrten, knüpft halb an die Kirchenväter und das Urchriſtentum, halb an die Stoa an; was ſie praktiſch vorſchlugen, war von den ver- ſchiedenen realen Zuſtänden ihrer Umgebung bedingt und war ſo in Wittenberg etwas anderes als in Zürich oder Genf. Es kam teilweiſe über theoretiſche Anläufe nicht hinaus; die Wirtſchafts- und Socialpolitik Luthers war nicht frei von Fehlgriffen, mißverſtand die Gärung der Bauern, wußte das brüderliche Gemeindeleben nicht zu beleben, wie es den Reformierten gelang. Die Bedeutung der Reformatoren für die Staatswiſſenſchaft liegt ſo nicht ſowohl in dem, was ſie etwa über Wucher, Geld, ſociale Klaſſen, Obrigkeit ſagten, als in dem ſittlichen Ernſt ihrer dem Leben zugewendeten Moral, in dem Hauche geiſtiger Freiheit, der von ihnen ausging, in dem Verſuche, die Überlieferung antiker Wiſſenſchaft mit chriſtlicher Geſittung und Empfindung zu verbinden. Aus dieſen Tendenzen entſprang dann zu Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts jenes Naturrecht, das zum erſtenmal ſeit den Alten den ſelbſtändigen wiſſenſchaftlichen Verſuch einer Lehre von Staat, Recht, Geſellſchaft und Volkswirtſchaft enthält.
2. Das Wiedererwachen der Wiſſenſchaft und das Naturrecht des 17. Jahrhunderts.
37. Die Anfänge der neueren Wiſſenſchaft überhaupt. Aus der Wiederbelebung der antiken Studien, wie ſie ihren Ausdruck im Humanismus des 15. und 16. Jahrhunderts fand, und aus der Reformation entſprang eine geiſtige Bewegung, die mit Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton zur Begründung der Naturwiſſenſchaften, mit Bacon, Descartes, Spinoza und Leibniz zu einer der antiken ebenbürtigen Philo- ſophie und im Zuſammenhange mit den praktiſchen Bedürfniſſen der neuen Staats- und Geſellſchaftsbildung in Bodinus, Hobbes, Hugo Grotius, Pufendorf, Shaftesbury, Adam Smith erſt zu einer allgemeinen Staatslehre (dem ſog. Naturrecht), dann zur Nationalökonomie führte. Alle dieſe wiſſenſchaftlichen Anläufe ſtehen auf demſelben Boden. Über die Kirchenlehre der Reformation hinausgehend, traut ſich die menſchliche Vernunft direkt die Gottheit, die Natur und das Menſchenleben zu begreifen; die Wiſſenſchaft ſucht ſich loszulöſen von Offenbarung und kirchlicher Satzung; ſie traut ſich im ſtolzen Gefühle der erreichten Mündigkeit den Flug nach oben, auch auf die Gefahr hin, daß er teilweiſe ein Ikarusflug werde. Das Bedürfnis, über Natur und Welt, Staat und Geſellſchaft gedankenmäßig Herr zu werden, iſt ſo groß und ſo dringlich, die Staatsmänner wie die Gelehrten jener Tage haben einen ſo ſtarken poſitiven Zug, haben ſo feſten Glauben an ſich und die Reſultate ihrer Überlegungen, daß Kritik und Zweifel immer wieder raſch in feſt geſchloſſene Syſteme umſchlagen, welche beſtimmte Ideale enthalten, an welchen mit Leidenſchaft gehangen, für welche praktiſch gekämpft wird. Wenigſtens für die wiſſen- ſchaftlichen Verſuche der Ethik, der Staats- und Rechtslehre, der Volkswirtſchaftslehre gilt dies zunächſt und in abgeſchwächter Weiſe bis auf unſere Tage. Es entſtehen Theorien, die, obwohl teilweiſe auf Erfahrung und Beobachtung ruhend, obwohl auf Erkennen gerichtet, doch in erſter Linie praktiſchen Zwecken dienen. Aus den Bedürfniſſen der Geſellſchaft und ihrer Neugeſtaltung heraus werden Ideale aufgeſtellt, werden Wege gewieſen, Reformen gefordert, und dazu wird eine Lehre, eine Theorie als Stützpunkt aufgeſtellt. Und die Möglichkeiten ſind ſo auseinandergehend, die Auffaſſung und Beurteilung deſſen, was not thut, iſt nach philoſophiſchem und kirchlichem Standpunkte, nach Klaſſenintereſſe und Parteiloſung, nach Bildung und Weltanſchauung ſo verſchieden, daß in verſtärktem Maße das Schauſpiel des ſpäteren Altertums und des Mittelalters ſich wiederholt: eine Reihe entgegengeſetzter Theorien entwickelt ſich und erhält ſich nebeneinander, wie in der Moral, ſo auch in der Staatslehre, der Nationalökonomie, der Socialpolitik. Die letzten Urſachen hievon ſind die von uns ſchon (S. 69—70) beſprochenen. Aus den Bruchſtücken wirklicher Erkenntnis läßt ſich zunächſt nur durch Hypotheſen und teleologiſche Konſtruktionen ein Ganzes machen. Aber ein ſolches iſt nötig, weil der Einheitsdrang unſeres Selbſtbewußtſeins nur ſo zur Ruhe kommt, und weil nur durch geſchloſſene, einheitliche Syſteme der menſchliche Wille praktiſch geleitet werden kann. Der nie ruhende Kampf dieſer Syſteme und Theorien hat eine kaum zu über- ſchätzende praktiſche und theoretiſche Bedeutung; die jeweilig zur Herrſchaft kommenden Theorien übernehmen die Führung in der Politik und die Umgeſtaltung der Geſellſchaft, und aus der immer wiederholten gegenſeitigen Kritik und Reibung entſteht der Anlaß zum wirklichen Fortſchritte im Leben und in der Erkenntnis. Die ſpäteren Syſteme und Theorien enthalten einen ſteigenden Anteil geſicherten Wiſſens neben ihren vergänglichen Beſtandteilen.
Wir betrachten nacheinander das ſogenannte Naturrecht, den Kreis der merkantiliſtiſchen Schriften, die Naturlehre der Volkswirtſchaft und die ſocialiſtiſchen Syſteme als die am meiſten hervortretenden ſich folgenden Richtungen des volkswirtſchaftlichen Denkens, ſofern es in beſtimmte Ideale und Syſteme der praktiſchen Politik auslief, um erſt nachher von der Methode der Volkswirtſchaft und den neueren Verſuchen zu reden, auf Grund tieferer Forſchung ein wirklich wiſſenſchaftliches Gebäude derſelben zu errichten.
Es erklärt ſich aus der Natur dieſer Litteratur, daß ihre Träger nur teilweiſe Gelehrte des Faches ſind; man findet unter ihnen Staatsmänner, Ärzte, Naturforſcher, Praktiker aller Art, Tagespolitiker. Die Begründer der neuen Theorien ſind häufig meſſiasartige Perſönlichkeiten, die nach Sektenart Gläubige um ſich ſammeln, die einen halb myſtiſchen Glauben an beſtimmte Formeln und politiſche Rezepte haben. Es fehlen unter ihnen nicht die marktſchreieriſchen und agitatoriſchen Elemente, ebenſowenig aber die edelſten Idealiſten, die mehr intuitiv und mit dem Gemüte die Aufgaben der Zeit erfaſſen als mit umfaſſender Gelehrſamkeit und nüchternem Scharfſinn die Erſcheinungen unterſuchen. Große Kenner des Lebens ſind darunter wie Stubengelehrte, die kühne Gebäude aus den unvollſtändigen Elementen unſeres Wiſſens zimmern. Immer aber ſind die Führer der betreffenden Schulen Pfadfinder geweſen auf dem dornenvollen Wege der Neugeſtaltung; ſie haben der Geſellſchaft eine praktiſche Leuchte vorangetragen, die, wenn ſie nicht die ganze Zukunft, ſo doch partielle Wege derſelben aufhellte.
38. Das Naturrecht. Die ſogenannte natürliche Religionslehre, das Naturrecht oder die natürliche Lehre vom Recht, Staat und Geſellſchaft, ſowie die natürliche Pädagogik ſind Früchte desſelben Baumes, ſie gehören alle derſelben großen geiſtigen Bewegung an, die im 16. Jahrhundert entſprang, im 17. und 18. als Aufklärung vorherrſchte. Aus dem gehäſſigen Kampfe der Konfeſſionen und Sekten, der Religionskriege entſprang die Sehnſucht nach einem reinen Gottesglauben, der, aus dem Weſen des natürlichen, von Gott mit gewiſſen Gaben ausgeſtatteten Menſchen abgeleitet, alle Völker und Raſſen, alle chriſtlichen Konfeſſionen unter Zurückdrängung der Dogmen und der mit der natürlichen Vernunft im Widerſpruch ſtehenden Glaubenselemente einigen könnte. Geläuterte chriſtliche Empfindungen und ſtoiſche Traditionen verbanden ſich zu jenem univerſal-religiöſen Theismus, zu jener Lehre von der Toleranz, zu jener natürlichen Religion, welche die edelſten Geiſter jener Zeit einte: Erasmus, Sebaſtian Frank, Thomas Morus, Coornhert, Bodinus, Hugo Grotius, Spinoza, Pufendorf, die Socinianer und Arminianer. Auch Zwingli und Melanchthon hatten ſich dieſem Gedankenkreiſe ſtark genähert; letzterer mit ſeiner Theorie, daß dem Menſchen ein natürliches Licht mitgegeben ſei, in dem die wichtigſten theoretiſchen und praktiſchen Wahrheiten enthalten ſeien; gewiſſe notitae, ſagt er, hauptſächlich die Grundlagen der Ethik, der Staats- und Rechtslehre ſeien dem Menſchen von Gott eingepflanzt, ſtünden mit dem göttlichen Denken in Übereinſtimmung. Von da war es nur ein kleiner Schritt zu der Annahme, die menſchliche Vernunft habe an ſich das Vermögen, die religiös-moraliſchen Wahrheiten zu erkennen, wie ſie Herbert von Cherbury für die Religion, Bacon unter Berufung auf das Naturgeſetz für die ſittlichen Ordnungen annahm. In der Übereinſtimmung der Völker und in der Analyſe der menſchlichen Natur findet Hugo Grotius die Wege, zu dieſen Wahrheiten zu kommen. Die Unterordnung der neuen großartigen Naturerkenntnis unter oberſte logiſch-mathematiſche Principien ſteigerte das ſtolze Bewußtſein der Autonomie des menſchlichen Intellektes, und man war raſch bereit, in ähnlicher Weiſe oberſte Sätze als mit dem Weſen Gottes, der Vernunft und der menſchlichen Natur, welche drei Begriffe man in ſtoiſcher Weiſe identifizierte, als gegeben anzunehmen; ſie erſchienen nun tauglich zu einer Konſtruktion der natürlichen Religion, des natürlichen Rechtes, der natürlichen Geſellſchaftsverfaſſung.
Das ſogenannte Naturrecht jener Tage, wie es uns ausgebildet hauptſächlich in Bodinus (De la république 1577), Joh. Althuſius (Politica 1603), Hugo Grotius (De jure belli et pacis 1625), Hobbes (Leviathan 1651), Pufendorf (De jure naturae et gentium 1672), Locke (Two treatises on government 1689), Chriſtian Wolf (Jus naturae 1740) entgegentritt, will die geſamte ſtaatswiſſenſchaftliche, rechtliche und volkswirtſchaftliche Erkenntnis der Zeit ſyſtematiſch darſtellen: Völkerrecht, Verfaſſungsformen, Strafrecht, Privatrecht, Finanzen, Eigentum, Geldweſen, Verkehr, Wert, Verträge ſollen als überall wiederkehrende, gleichmäßige Lebnesformen dargelegt, aus der menſchlichen Natur abgeleitet werden. Ein urſprünglicher Naturzuſtand, ein Übergang desſelben in die ſogenannte bürgerliche Geſellſchaft auf Grund beſtimmter Triebe und Verträge, ein geſellſchaftlicher Zuſtand mit Regierung, Finanzen, Arbeitsteilung, Verkehr, Geldwirtſchaft, verſchiedenen ſocialen Klaſſen, wie er dem 17. und 18. Jahrhundert entſprach, wird ohne weiteren Beweis als ſelbſtverſtändlich vorausgeſetzt. Es gilt, dieſen letzteren Zuſtand einerſeits rationaliſtiſch zu erklären, andererſeits ihn zu prüfen nach dem abſtrakten Ideal des natürlichen Rechtes. Dieſes natürliche Recht wird teils gedacht als die Lebensordnung einer idealen Urzeit, teils als das von Gott dem Menſchen eingepflanzte, beim vollendeten Kulturmenſchen am meiſten ſichtbare Urmaß der ſittlich-rechtlichen Normen, teils als das klug zum Nutzen der Geſellſchaft erſonnene und von der Staatsgewalt durchgeführte Syſtem von Regeln des ſocialen Lebens. Selbſt bei denſelben Autoren ſchwankt das, was als Natur, als natürliche Eigenſchaft, als natürliches Recht bezeichnet wird, ſehr häufig bedeutend. Aber man bemerkt das nicht, im ſicheren Glauben, das Weſen des natürlichen Menſchen durch Vergleichung, durch Beobachtung, auf Grund der Nachrichten der Bibel und der Alten ſicher faſſen zu können. Der Gedanke einer hiſtoriſchen Entwickelung der menſchlichen Eigenſchaften und der Inſtitutionen fehlt noch ganz. Um ſo ſicherer glaubt man, aus der abſtrakten Menſchennatur, ihren Trieben und den ihr von Gott eingepflanzten vernünftigen Eigenſchaften abſolut ſichere Lebensideale für das individuelle und ſociale Leben aufſtellen, aus der Vernunft konſtruieren zu können.
Die praktiſchen Ideale für das geſellſchaftliche Leben gehen nun freilich weit auseinander: gemäß den zwei ſtets vorhandenen Polen des geſellſchaftlichen Lebens und den verſchiedenen Bedürfniſſen der jeweiligen Politik erſcheint den einen eine kraftvolle, unbeſchränkte ſtaatliche Centralgewalt, den anderen eine Sicherſtellung der ſtändiſchen und individuellen Rechte als das aus dem Naturrechte in erſter Linie Folgende. Dem entſprechend ſind ſchon die Ausgangspunkte ſehr verſchiedene; die einen gehen mit Epikur von den ſelbſtiſchen Trieben, von einem Urzuſtand rohſter Barbarei, vom Kampfe der Individuen untereinander aus; ſo Gaſſendi, Spinoza, Hobbes, bis auf einen gewiſſen Grad Pufendorf; die anderen ſchließen ſich mehr der Stoa an und ſehen als die natürliche Eigen- ſchaft des Menſchen, welche die Geſellſchaft erzeugt, die ſympathiſchen Triebe an. So ſagt Bacon, die lex naturalis ſei ein ſocialer, auf das Wohl der Geſamtheit gerichteter Trieb, der ſich mit dem der Selbſterhaltung auseinander zu ſetzen habe. So iſt der ſociale Trieb des Hugo Grotius ein Streben nach einer ruhigen, geordneten Gemeinſchaft des Menſchen mit ſeinesgleichen; Pufendorf ſucht beide Anſichten zu verbinden. Locke leugnet den angeborenen ſocialen Trieb, läßt aber ſeine Menſchen im Naturzuſtande als freie und gleiche, mit Ehe und Eigentum, ohne kriegeriſche Reibungen friedlich leben und die damals ſchon innegehabten Naturrechte in der bürgerlichen Geſellſchaft beibehalten. Dem Shaftesbury ſind die geſelligen Neigungen, Sympathie, Mitleid, Liebe, Wohlwollen die natürlichen, die ſelbſtiſchen und egoiſtiſchen die unnatürlichen, während umgekehrt Spinoza die Selbſtſucht natürlich findet, ſie im status civilis durch die Ordnungen des Staates bändigen läßt, aber der Wirkungsſphäre des Individuums möglichſt breiten, dem Staate möglichſt engen Raum gewähren will.
Das Naturrecht hat in Bodinus, Hobbes, Pufendorf, Wolf der monarchiſchen Staatsallmacht ebenſo gedient, wie in Althuſius, Spinoza, Locke und ſeinen Nachfolgern der freien Bewegung des aufſtrebenden Bürgertums, deren Ideal die Volksſouveränität und der ſchwache Staat war. Die erſteren ſind die rechtsphiloſophiſchen Vorläufer und Begründer der merkantiliſtiſchen Theorien, die letzteren die der individualiſtiſchen, wirt- ſchaftlichen Freiheitslehren. Die ſämtlichen Syſteme der Folgezeit bis zum Socialismus haben ſich methodologiſch an das Naturrecht angelehnt, haben in ihren wichtigſten Vertretern Ideale und Argumente der naturrechtlichen Philoſophie entlehnt. Noch heute ſtehen zahlreiche Mancheſterleute und Socialiſten im ganzen auf dieſem Boden.
Zur Zeit ſeiner Entſtehung hatte das Naturrecht ſeine Stärke und ſeine Berechtigung darin, daß es die Wiſſenſchaft von Staat und Geſellſchaft loslöſte von der Methode der Scholaſtik und der Bevormundung durch die Theologie, daß es verſuchte, Staat und Wirtſchaft aus dem Weſen der Menſchen abzuleiten, daß es an der Hand der praktiſchen Bedürfniſſe geſchloſſene Gedankenſyſteme als Ideal des Lebens aufzuſtellen ſuchte. Seine Schwäche aber lag von Anfang an darin, daß es auf Grund ganz abſtrakter Sätze und fiktiver Annahmen ſeine Theorien aufbaute, daß es vermeinte, gar zu kurzer Hand das innerſte Weſen der Natur, der Geſellſchaft, die Zwecke der Weltvernunft und der Gottheit erfaſſen und daraus deduktiv ſchließend Staat und Volkswirtſchaft konſtruieren zu können. Das Naturrecht war unhiſtoriſch und rationaliſtiſch. Ein mechaniſches Kräfteſpiel, ein oder mehrere fiktive Staatsverträge ſollten genügen, das komplizierte ſociale Daſein zu erklären. Man vergaß allzu raſch, durch welche Abſtraktionen man die oberſten Grundlagen gewonnen und wurde ſo im Weiterſchließen hohl, unwahr, teilweiſe phantaſtiſch. Was an beſtimmter Stelle das berechtigtſte Ideal war, die ſtarke Staatsgewalt oder die freie Bewegung der Perſon, wurde ſchablonenhaft generaliſiert; man kam nicht zur Unterſuchung und zum vollen Verſtändnis, warum beſtimmte Urſachen hier das eine, dort das andere als das dringlichere Ziel der Politik erſcheinen ließen.
Aber zunächſt war eine tiefere und beſſere wiſſenſchaftliche Behandlung nicht möglich. Die Bodinus, Hobbes, Pufendorf waren im 16. und 17. Jahrhundert die hellſten Köpfe und die aufgeklärteſten Beobachter, die Hugo Grotius, Locke, A. Smith ſtanden mit gleichem Rechte in der folgenden Epoche an der Spitze des geiſtigen Lebens. Erſt im 19. Jahrhundert wird die Berechtigung derer eine zweifelhafte, die noch nach der alten Art der Naturrechtslehrer die Wiſſenſchaft von Staat und Geſellſchaft betreiben.
3. Die vorherrſchenden Syſteme des 18. und 19. Jahrhunderts.
39. Die merkantiliſtiſchen Schriften, welche die Staaten- und Volkswirtſchaftsbildung im 17.—18. Jahrhundert begleiten und fördern, enthalten zuerſt mehr praktiſch-theoretiſche Erörterungen der einzelnen großen volkswirtſchaftlichen Zeitfragen, die ſich damals aufdrängten; die Gedanken gelangen erſt im 18. Jahrhundert zu einer Art ſyſtematiſcher Zuſammenfaſſung, getrennt vom Naturrecht. Beherrſcht ſind alle dieſe Schriften von dem Vorſtellungskreis, der mit der ſiegreich aufſtrebenden Staatsgewalt und deren raſch wachſenden Aufgaben und Rechten gegeben war.
Die Vorſtellung einer beſonderen, ſelbſtändig neben dem Staate ſtehenden Volkswirtſchaft iſt eigentlich noch nicht vorhanden. Finanzen, Arbeitsteilung, Verkehr ſind den Denkern jener Tage integrierende Teile des angeblich durch den Staatsvertrag ent- ſtandenen Gemeinweſens. Das ganze politiſche und wirtſchaftliche Leben iſt ein Mechanismus, der durch klug erſonnene Geſetze und ſtaatliche Organe zu regulieren iſt; die ſcharfſinnigſten Realiſten, von Macchiavelli bis auf James Steuart, ſehen darin in erſter Linie eine Schöpfung des Staatsmannes. Und die meiſten damaligen Staaten waren es auch in ihrer Gründung, wie in ihrer weiteren politiſchen und wirtſchaftlichen Entwickelung. Vielfach wenigſtens mit Blut und Eiſen und mit allen Künſten der Diplomatie waren aus den kleinen Gebieten, aus den ſelbſtändigen Städten und Provinzen die größeren Staaten damals hergeſtellt worden. Überall ſtand die Herbeiführung gleicher und einheitlicher wirtſchaftlicher Ordnungen innerhalb dieſer neugebildeten Staaten im Vordergrunde der ſtaatlichen Aufgaben; ſelbſt Colbert hat unendlich mehr für die innere Verwaltungseinheit Frankreichs als für deſſen Abſchluß nach außen gethan. Innerhalb der neugebildeten Staaten mit ihrem vergrößerten inneren Markte gilt es nun für die entſprechende Zahl Menſchen und ihre richtige Verteilung zu ſorgen; das Verhältnis der Ackerbauer zu den Gewerbtreibenden nach Zahl und nach Art des Austauſches beſchäftigt die Aufmerkſamkeit, ebenſo die Frage, ob in jedem einzelnen Erwerbszweige die rechte Zahl von Menſchen ſei; es iſt Sache der Regierung, überall das Zuviel und Zuwenig, das „Polypolium“ und das „Monopolium“ der Produzierenden zu hindern. Die Vorſtellung von Angebot und Nachfrage begegnet uns bereits; als das Mittel, ſie in regelmäßige Berührung zu bringen, erſcheint das Geld, die Münze; die Geldcirkulation wird gefeiert als der große Motor des ſocialen Körpers; ſie ſoll befördert werden; eine zunehmende Geldmenge wird ebenſo geprieſen wie eine raſchere, gleichmäßigere Geldcirkulation. Aber abgeſehen von wenigen Großkaufleuten, die, ſchon damals an den Sitzen des lebendigſten Verkehrs, teils an ſich der Freiheit der Geldcirkulation und aller Verkehrstransaktionen vertrauen, teils dieſe Freiheit in ihrem Intereſſe finden (wie Pieter de la Court in Holland), erſcheint dieſe Cirkulation des Geldes und der Waren, welche gerade damals ſich außerordentlich vermehrte und ausdehnte, niemandem als ein Strom, der ſich ſelbſt überlaſſen werden könne. Man fürchtete vom Handwerker die Lieferung ſchlechter Waren, von der natürlichen Preisbildung eine Verteuerung, die den Abſatz vernichte; man lebte noch ganz in den überlieferten Zuſtänden, welche mit ihren hergebrachten Stapelrechten, Binnenzöllen, Marktrechten, ihrem Fremdenrechte leicht jede Änderung und Ausdehnung des Verkehrs hemmten. Alles rief nach dem Staatsmanne, der jedem Angebote ſeinen Abſatz verſchaffen, der allen Verkehr von Markt zu Markt, von Stadt zu Land, von Provinz zu Provinz und vollends von Staat zu Staat regulieren, der ordnend, Waren- ſchau haltend, preisſetzend eingreife. Nur ſo — fand man — könne dieſes künſtliche Gewebe des Verkehrs gedeihen, vor falſcher, dem Staate ungünſtiger Entwickelung bewahrt bleiben. Ein Heißhunger nach wirklicher oder fiktiver Statiſtik, welche als ſtaatlicher Kontrollapparat allen Verkehrsvorgängen dienen ſollte, erfüllt die aufgeklärten, am beſten regierten Staaten von den italieniſchen Tyrannen des Cinque Cento bis zu den großen Regenten des 18. Jahrhunderts.
Nicht ſowohl das Geld als einziger Gegenſtand des Reichtums ſteht ſo im Mittelpunkte der Betrachtung, als die Cirkulation desſelben, das Geld als Schwungrad des Verkehrs. Da dieſes Geld aber obrigkeitliche Münze iſt, vom Fürſten geprägt wird, da die Staatsgewalt für die genügende Menge verantwortlich iſt, ſo erſcheint, zumal in den Staaten ohne Bergwerke, die Pflicht, durch Handelsmaßregeln für die ent- ſprechenden Geldſummen zu ſorgen, als die wichtigſte volkswirtſchaftliche Aufgabe der Regierung. Und da zugleich die neuen Geldſteuern für Heer und Beamtentum nur da reichlich fließen, wo Verkehr und Induſtrie erblüht ſind, da man dieſe überall da ent- ſtehen ſieht, wo der auswärtige Handel, vor allem der nach den Kolonien, und der Handel, der inländiſche Induſtriewaren ausführt, gedeiht, ſo wird die Frage, wie durch Kolonialhandel und Manufaktenausfuhr eine günſtige Handelsbilanz zu erzielen ſei, zum Prüfſtein der richtigen ſtaatlichen Wirtſchaftspolitik.
Wie die mittelalterlichen Städte ſchon naturgemäß ihre Aus- und Einfuhr als ein Ganzes angeſehen hatten, ſo geſchah dasſelbe nun für die Territorien und Staaten. Es war ein großer Fortſchritt in der praktiſchen Verwaltung und in der theoretiſchen Erkenntnis, daß man verſuchte, ſich ein einheitliches Bild von der Aus- und Einfuhr ganzer Länder zu machen, daß man feſtſtellen wollte, ob man mehr aus- oder einführe, ob man durch Mehrausfuhr ein Plus von Edelmetall gewinne. Und daß man den Staat dabei als in einem feindlichen Spannungsverhältnis zu anderen Ländern begriffen dachte, war natürlich. In dem ſchweren Kampfe um die Kolonien, um die Grenzen, um die Abſatzgebiete ſtanden ſich die neugebildeten Staaten Jahrhunderte lang feindlich gegenüber; die wichtigſten derſelben waren faſt häufiger in Handels- und Kolonialkrieg miteinander begriffen als in Frieden; die kleineren und ſchwächeren wurden unbarmherzig wirtſchaftlich von den größeren und ſtärkeren mißhandelt und ausgebeutet oder fürchteten, es zu werden. Was Wunder, wenn die Frage in den Vordergrund rückte, was gewinnen oder verlieren wir bei der Berührung mit dem anderen Staate? Verri drückt die Wahrheit für einen großen Teil der damaligen internationalen Beziehungen aus, wenn er ſagt: „Jeder Vorteil eines Volkes im Handel bringt einem anderen Volke Schaden, das Studium des Handels iſt ein wahrer Krieg“. Nur wenn man durch Kriege, Kolonialerwerbung und beſonders durch kluge Verträge neue Märkte gewonnen, durch Sperren und Schutzmaßregeln den eigenen Abſatz erweitert, durch Berechnung der Bilanz konſtatiert hatte, daß man mehr ausals einführe, was beſonders in günſtigen Jahren und bei raſch emporblühender Induſtrie zutraf, glaubte man ſich gegen die Gefahr der Übervorteilung, der Verarmung geſichert. Jedenfalls bewies eine wachſende Ausfuhr in der Regel, daß das Ausland der Waren des Inlandes dringender bedürfe als umgekehrt, jedenfalls verband ſich mit der genauen Beobachtung der Aus- und Einfuhr häufig die richtige Pflege des inländiſchen Verkehrs und der inländiſchen Induſtrie. Und wenn alſo nicht alle Sätze richtig waren, die man an die Bilanzlehre anknüpfte, wenn die Erwartungen, durch Zollmaßregeln die Geldmenge im Lande ſteigern zu können, übertrieben waren, die Beobachtung der Aus- und Einfuhr war ein Inſtrument des volkswirtſchaftlichen Fortſchrittes; die durch Zollgrenzen erfolgende Abſchließung des Landes entſprach der Beförderung eines freien inneren Verkehrs. Die Auffaſſung, die Staatsgewalt habe die Pflicht, die Volkswirtſchaft des Landes als ein Ganzes in ihren Intereſſen zu fördern, in den internationalen Rivalitätskämpfen zu ſtützen und zu vertreten, entſprach durchaus den Verhältniſſen. Die Regierungen, welche raſch, ſelbſtbewußt und kühn die Macht ihrer Flotten und Heere, den Apparat ihrer Zoll- und Schiffahrtsgeſetze in den Dienſt der ſtaatlichen Wirtſchaftsintereſſen zu ſtellen verſtanden, erreichten damit den Vor- ſprung im handelspolitiſchen Kampfe, in Reichtum und induſtrieller Blüte; und wenn die Regierungen jener Tage oft zu weit gingen, von halbwahren theoretiſchen Sätzen ſich leiten ließen, wenn Holland, England und Frankreich ebenſo durch Gewalt und Kolonialausbeutung wie durch eigene innere Arbeit Reichtümer ſammelten, ſo gaben ſie doch durch ihre volkswirtſchaftliche Politik dem inneren wirtſchaftlichen Leben der betreffenden Nation die notwendige Unterlage der Macht, der wirtſchaftlichen Bewegung der Zeit den rechten Schwung, dem nationalen Streben große Ziele. Die merkantiliſtiſchen Ideale waren ſo für jene Jahrhunderte ein nicht nur berechtigtes, ſondern das einzig richtige Ziel. Ganz iſt die Berechtigung ſolcher Ziele auch heute noch nicht verſchwunden, obwohl das Völkerrecht und der Welthandel die internationalen Beziehungen ſo viel friedlicher geſtaltet haben.
Die Schriften der verſchiedenen europäiſchen Nationen, welche an dieſer geiſtigen Bewegung teil genommen haben, unterſcheiden ſich hauptſächlich dadurch, daß ſie je nach der Lage und den nationalen Geſamtintereſſen verſchiedene ſtaatliche Verwaltungsmaßregeln empfehlen. In Holland rühmt man ſtaatliche Admiralitäten, große monopoliſierte Handelsgeſellſchaften und alle die Maßregeln, die Amſterdam zum Mittelpunkte des Welthandels machen. Außerhalb Hollands empfiehlt man allgemein die Nachahmung dieſes kleinen, rührigen Handelsvolkes, aber man dringt in England in erſter Linie auf nationale Schiffahrtsgeſetze, die gegen Holland gerichtet ſind, auf Pflege der Seefiſcherei, des oſtindiſchen Handels, auf eine ſtaatliche Herabdrückung des Zinsfußes und eine Förderung der heimiſchen Induſtrie; in Deutſchland empfiehlt man vor allem Erſchwerung und Verbot der fremden Manufakteneinfuhr, um das gewerbliche Leben der Heimat nicht ganz durch die fremde Konkurrenz erdrücken zu laſſen. Die einzelnen Mittel ſind verſchieden, die Ziele ſind überall dieſelben: die egoiſtiſche Förderung der eigenen Volkswirtſchaft mit allen Mitteln des Staates.
Während die viel bewunderten Holländer mehr das praktiſche Leben ausbildeten und über wirtſchaftliche Einzelfragen ſchrieben, erzeugten in Italien die alte geiſtige Kultur und die Münzgebrechen der Zeit Schriftſteller, die vom Geldweſen zum Handel und zur allgemeinen Wirtſchaftspolitik vordringen: Antonio Serra (Breve trattato delle cause che possono far abondare li regni d’oro e d’argento, dove non sono miniere, 1613) iſt als einer der erſten und Antonio Genoveſi (Lezione di Commercio, osia di Economia Civile, 1769, deutſch 1776) als einer der umfaſſendſten und maßvollſten Schrift- ſteller der von uns bezeichneten Gedankenrichtung zu nennen. In England wirkte das freie politiſche Leben, der ſonſtige wiſſenſchaftliche Geiſt, der zur Beobachtung beſonders geſchickte Nationalcharakter und der handelspolitiſche Kampf mit Holland zuſammen, die hervorragendſten Schriften des Merkantilismus ins Leben zu rufen. Thomas Mun (A discourse of trade from England into the East Indies, 1609; Englands treasure by foreign trade ect, 1664) iſt der erſte erhebliche Theoretiker der Handelsbilanz, der Compagniedirektor Sir Joſiah Child (Brief observations concerning trade and the interest of money, 1668; A new discourse of trade, 1690) tritt für Zinsfußerniedrigung, Handelscompagnien, ſtrenge Abhängigkeit und Ausnutzung der Kolonien auf, Sir William Petty, Autodidakt, Arzt, Chemiker, glücklicher Geſchäftsmann und Spekulant (A treatise of taxes ect, 1662; Several essays in political arithmetic, 1682; The political anatomy of Ireland, 1691; 1719), weiß volkswirtſchaftliche Zuſtände zu beobachten und zahlenmäßig zu ſchildern, ähnlich wie ſein Nachfolger auf dieſem Gebiete, Charles Davenant, deſſen zahlreiche Schriften in die Zeit von 1695—1712 fallen (The political and commercial works, 1771); dieſer erörtert in geläuterter Weiſe die Handelsbilanz, die Prohibitivmaßregeln, den Kolonialhandel. Faſt alle engliſchen Schriftſteller dieſer Zeit ſchließen ſich den neugebildeten Parteien der Tories und der Whigs an, ſtehen in deren Dienſt, verherrlichen als Whigs die maßloſe Überſpannung des Schutzſyſtems, eifern als Tories dagegen. Den theoretiſchen und ſyſtematiſchen Höhepunkt der engliſchen Merkantiliſten bildet erſt der viel ſpätere, etwas breite und ungelenke James Steuart (Inquiry into the principles of political economy being an essay on the science of domestic policy in free nations, 1767, deutſch 1769), der Adam Smith an Eleganz und Klarheit unzweifelhaft, aber kaum an hiſtoriſchem und pſychologiſchem Verſtändnis, an praktiſcher Lebenskenntnis nachſteht.
Wenn in Deutſchland die erſten kameraliſtiſchen Profeſſuren auf den Univerſitäten errichtet werden, um die Kammerbeamten für ihre Verwaltungsthätigkeit beſſer vorzubereiten, und wenn ſo in der deutſchen Litteratur jener Tage die landwirtſchaftliche und gewerblich-techniſche Unterweiſung neben Finanz- und volkswirtſchaftlichen Fragen eine beſonders große Rolle ſpielt, den Schriften einen erdig realiſtiſchen Beigeſchmack im ganzen giebt, ſo hat andererſeits doch das deutſche Schulmeiſtertum am früheſten ſyſtematiſche Werke geſchaffen. Wie die Engländer aus Pufendorfs Naturrecht einen erheblichen Teil ihrer ſyſtematiſchen Betrachtungen nahmen, ſo hat Johann Joachim Becher ſchon 1667 eine Art merkantiliſtiſch-kameraliſtiſchen Lehrbuches geſchrieben; er iſt urſprünglich Arzt und Chemiker, ſpäter Kommerzienrat und Projektenmacher; ſein „Politiſcher Diskurs von den eigentlichen Urſachen des Auf- und Abnehmens der Städte, Länder und Republiken“ hat von 1667—1759 ſechs Auflagen erlebt, hat mit ſeiner Lehre von der ſtaatlichen Regulierung alles Verkehrs, mit ſeiner Forderung von Compagnien, Werk- und Kaufhäuſern, von Schutzzollmaßregeln gegen Frankreich die deutſche Praxis faſt drei Menſchenalter beherrſcht. An ihn ſchließen ſich die meiſten der folgenden Kameraliſten an: Hörnigk, Schröder, Gaſſer, Zinken bis zu dem glatt ſyſtematiſierenden J. H. G. von Juſti und ſeinen zahlreichen Lehrbüchern (Grundſätze der Staatswirt- ſchaft, 1755; Polizeiwiſſenſchaft, 1756; Syſtem des Finanzweſens 1766 ꝛc.). Neben ihnen vertreten die Staatsrechtslehrer und Philoſophen mit faſt noch größerer Energie die Pflicht der Regierungen zu wirtſchafts-polizeilicher Thätigkeit. Chriſtian Wolf iſt der Lehrer der Generation, die bis zu 1786 regiert hat; er preiſt aus vollſter Überzeugung China mit ſeiner Vielregiererei und ſeinem Mandarinentum als Muſterſtaat. Der Regierung wird in ſchrankenloſer Weiſe die Sorge für die allgemeine Glückſeligkeit zugewieſen; ſie ſoll für richtigen Lohn und Beſchäftigung aller Menſchen, für mittleren Preis, für die rechte Zahl Menſchen im ganzen und in jedem Berufszweige, für die Tugenden und guten Sitten der Kinder, der Hausfrauen, der Bürger und der Beamten ſorgen.
Der Franzoſe Melon (Essai politique sur le commerce, 1734, deutſch 1756) verlangt von der Regierung Sorge für Kornvorräte, Bevölkerungs- und Geldvermehrung. Forbonnais (Éléments du commerce, 1754; Recherches et considérations sur les finances de France, 1758 ꝛc.) ſteht ungefähr mit Steuart auf demſelben Boden. Die Schriften beider haben die merkantiliſtiſchen Einſeitigkeiten und Übertreibungen ſo abgeſtreift, ſind ſo reich an ſcharfer Beobachtung und guter Schlußfolgerung, daß ſie neben Smith, Hume, Turgot zu den großen Leiſtungen der erſten Glanzzeit nationalökonomiſcher Wiſſenſchaft (1750—90) zu rechnen ſind.
Die ganze hier aufgezählte Litteratur hat überwiegend einen politiſchen und verwaltungsrechtlichen Charakter; die allgemeine pſychologiſche Vorausſetzung iſt zumal bei den deutſchen Kameraliſten die Dummheit des Pöbels, der Schlendrian ſelbſt der Kaufleute, die man mit Gewalt zu ihrem Vorteil hinziehen müſſe. Man fürchtet, daß alles ſchlecht gehe, wenn man der Dummheit und Gewinnſucht freie Bahn gebe. Es iſt eher eine peſſimiſtiſche als eine optimiſtiſche Lebensauffaſſung, die vorherrſcht; eine gewiſſe Unbehülflichkeit bei viel praktiſcher Lebenskenntnis. Die volkswirtſchaftliche Theorie iſt noch ganz verknüpft mit der Betrachtung des Staates, der Polizei, der Finanz, weil die Staats- und die Volkswirtſchaftsbildung im 17. und 18. Jahrhundert zuſammenfiel, weil nur in den eben gebildeten größeren Nationalſtaaten mit ſtarker Centralgewalt die neue Volkswirtſchaft hatte entſtehen können. Nicht der Glanz generaliſierender, beſtechender Syſteme wird in dieſer Litteratur erreicht, ſondern eklektiſch ſucht man das Brauchbare, das Nächſtliegende, das Anwendbare. Die platten Köpfe werden dabei banauſiſch, die feineren aber erreichen eine Lebenswahrheit, die von den abſtrakten Syſtemen ihrer Nachfolger im Lager der volkswirtſchaftlichen Individualiſten und der Socialiſten vielfach nicht wieder erreicht wurde.
40. Die individualiſtiſche Naturlehre der Volkswirtſchaft. So ſehr vom 16.—18. Jahrhundert in den ſich konſolidierenden weſteuropäiſchen Staaten das Bedürfnis einer feſten und ſtarken Centralgewalt ſich geltend gemacht hatte, ſo wenig fehlten doch die entgegengeſetzten praktiſchen Tendenzen. Faſt überall dauerten kräftige lokale Bildungen, Korporationen, Stände, ſelbſtändige kirchliche Gruppen fort. Wie die katholiſche Kirche da und dort die Volksſouveränität gelehrt, ſo hatten die bedrängten franzöſiſchen Hugenotten die ſtändiſchen Rechte und das Recht des Wider- ſtandes gegen die Mißbräuche der Regierungsgewalt betont, den ſogenannten Staatsvertrag in individualiſtiſchem Sinne ausgelegt, teilweiſe ſchon die Parole der Gleichheit aller Menſchen ausgegeben. Boisguillebert (Le détail de la France, 1695) erging ſich in hartem Tadel der beſtehenden franzöſiſchen Staats- und Finanzverwaltung, welche die Getreideausfuhr zu Gunſten der ſtädtiſchen Induſtrie erſchwere, den Landbau lähme, und der große franzöſiſche Marſchall Vauban (Dîme royal, 1707) kam auf Grund ſeiner genauen Kenntniſſe der Not der Bauern zu nicht minder ſchweren Anklagen und zur Forderung großer Ämter-, Steuer- und Socialreformen. Mächtig arbeitete der durch die Renaiſſance und die Reformation geweckte, durch die Geldwirtſchaft beförderte Trieb nach individueller Selbſtändigkeit weiter. In Holland und England hatte noch ſtärker als anderwärts das aufkommende Bürgertum und die beginnende Handelsariſtokratie freie Bewegung, für ſich hauptſächlich freien Handel gefordert, die merkantiliſtiſchen Regierungsmaßregeln getadelt (z. B. North, Discourses upon trade, 1691). Der große Philoſoph Locke, obwohl im ganzen noch whigiſtiſcher Merkantiliſt, eifert gegen polizei liche Preisbeſtimmungen, gegen ſtaatliche Zinsfußbeſchränkungen; er ſieht ein, daß der Zinsfuß von der Geldbeziehungsweiſe Kapitalmenge abhänge, er ſucht in der Arbeit die Urſache des Wertes und wird durch ſein individualiſtiſches Naturrecht, durch ſeine aus- ſchließliche Betonung von Freiheit und Eigentum „der Vater des modernen Liberalismus“.
Die Sorge für Ausbildung größerer Staaten und guter wirtſchaftlicher Polizei lag nunmehr hinter der Generation, welche von 1750 an die Bühne betrat. Sie betrachtete das Erreichte als ſelbſtverſtändlich, fühlte ſich gedrückt durch den träge werdenden Polizeiſtaat und die von ihm noch nicht beſeitigten feudalen Geſellſchaftseinrichtungen. Nach freier Bewegung des Individuums lechzend, konnte auf dieſem Boden nun die Naturlehre der individualiſtiſchen Volkswirtſchaft entſtehen. Die Phyſiokraten in Frankreich, Hume und Adam Smith in England ſind die Begründer derſelben. Es waren die erſten rein theoretiſchen und äußerlich vom Naturrecht, von den übrigen Staatswiſſenſchaften losgelöſten volkswirtſchaftlichen Syſteme. Innerlich ſind ſie freilich ganz abhängig von der damals vorherrſchenden Anſchauung eines Naturzuſtandes, aus dem durch Staatsvertrag die bürgerliche Geſellſchaft entſtanden ſei; die Verfaſſer glauben als Theiſten an eine harmoniſche Einrichtung der Welt und der Ge- ſellſchaft, an das Überwiegen guter, geſelliger Triebe, die, ſich ſelbſt überlaſſen, das Richtige finden; die natürliche und die ſittliche Ordnung der Dinge fällt für ſie zuſammen; Rückkehr zur Natur, Waltenlaſſen der Natur iſt ihnen das höchſte Ideal; die meiſten beſtehenden volkswirtſchaftlichen Einrichtungen erſcheinen ihnen als künſtliche und verkehrte Abweichungen von der Naturordnung, die ſie wiederherſtellen wollen. Dabei unterſcheidet ſich freilich die etwas ältere franzöſiſche Schule doch noch weſentlich von der engliſchen.
François Quesnay (1694—1774, Hauptſchriften 1756—58; Œuvres ed. A. Oncken, 1888) war Arzt und Naturforſcher, Autodidakt und Ideologe, ſchwärmte für Naturleben und Landwirtſchaft, glaubte die Quadratur des Cirkels gefunden zu haben; er war wie ſeine Schüler ein treuer Anhänger des abſoluten Königtums, dem er freilich einen ganz anderen Charakter geben wollte; dasſelbe ſollte eine Geſetzgebung und Verwaltung ent- ſprechend der vernünftigen Naturordnung durchführen, die durch Fron und Steuern überlaſteten Bauern erleichtern, in erſter Linie perſönliche Freiheit und freies Eigentum gewährleiſten, freien Verkehr und Handel durchführen. Aus der Vorſtellung, daß phyſiſch alle Menſchen von den Produkten des Landbaues leben, aus der Beobachtung, daß Grundherren und große Pächter erhebliche Überſchüſſe für andere Zwecke haben, und aus der privatwirtſchaftlichen Unterſuchung des landwirtſchaftlichen Roh- und Reinertrages folgerte er, daß alle übrigen Klaſſen der Geſellſchaft ſtets nur in ihren Einnahmen erſetzt erhielten, was ſie verbrauchten, alſo ſteril ſeien, der Landbau allein einen disponibeln Überſchuß gebe, alſo produktiv ſei; da alle Steuern auf dieſen Überſchuß zuletzt fallen, ſoll lieber gleich eine einzige gerechte Grundſteuer alle anderen erſetzen. Alle bisherige Politik war ihm eine falſche Beförderung der Induſtrie, der Städte, des Luxus. Vor allem erſchien ihm die Hemmung der Getreideausfuhr in Frankreich falſch; höhere Getreidepreiſe ſollen durch die Ausfuhrfreiheit geſchaffen werden. Die von Hume bereits bekämpfte Handelsbilanztheorie iſt ihm eine Thorheit, „denn“, ſagt er, „ein gerechter und guter Gott hat gewollt, daß der Handel immer nur die Frucht eines offenbar gegenſeitigen Handelsvorteils ſei“. In dem ſogenannten tableau économique werden die wirtſchaftlichen Klaſſen Frankreichs, ihr Einkommen und die Cirkulation der wirtſchaftlichen Güter in einem willkürlichen Zahlenbeiſpiele dargeſtellt mit der faſt kindlichen Hoffnung, damit eine arithmetiſch-geometriſche, feſte Methode in die Wiſſenſchaft eingeführt zu haben. Es bezeichnet den überſpannten Sektenglauben, daß der ältere Mirabeau als Haupt- ſchüler dieſe wunderliche Tafel mit ihren Zahlen, Strichen und Zickzackfiguren für die dritte große Erfindung der Menſchheit — nach Schrift und Geld — bezeichnete.
Im Anſchluß an Quesnay und ſeine Schüler hat dann Turgot, ein Mann der allgemeinſten philoſophiſchen Bildung, mit Eleganz und Klarheit (Réflexions sur la formation et la distribution des richesses, 1766) das Bild einer Tauſchgeſellſchaft ohne die extremen phyſiokratiſchen Schrullen entwickelt. Tauſch, Verſchiedenheit der Menſchen und der Bodenverteilung, Eigentum, Geld, Kapital, Zins, Bodenwert ſind die Kategorien, mit Hülfe deren er die wirtſchaftlichen Klaſſen, den Verkehr, die Einkommensverteilung, die Wirkung des Kapitals abſtrakt erklärt und ähnliche liberale Forderungen aufſtellt wie Quesnay. Als Provinzialintendant muſterhaft, hat er als Miniſter den über- ſtürzenden Doktrinär hervorgekehrt. Seine Schriften ſind hingeworfene, geiſt- und geſchmackvolle Skizzen, nicht ohne Übertreibungen und Gemeinplätze, geſchrieben ganz im Fahrwaſſer der individualiſtiſchen Naturrechtsaufklärung und im blinden Glauben an deren erlöſende Formeln; durch ſeine theoretiſierende Zuſammenfaſſung hat er aber auf A. Smith und die Folgezeit wohl mehr gewirkt als die anderen Phyſiokraten. War der Einfluß derſelben im ganzen in anderen Ländern auch entfernt nicht ſo groß wie in Frankreich, ſo bilden ſie doch ein wichtiges Glied in der Geſamtentwickelung unſerer Wiſſenſchaft. Sie ſind die erſten Theoretiker, die ein einfaches Syſtem der wirtſchaftlichen Geſellſchaftsverfaſſung auf Grund der ſtoiſch-naturrechtlichen Harmonieanſchauungen aufbauten, damit eine Reihe von Begriffen, Kategorien und Anſchauungen ſchufen, die ſeither als Gerüſt der Disciplin dienten, die mit ſchwungvoller Begeiſterung gegen die Mißhandlung der unteren Klaſſen auftraten, damit überall, auch in den Salons der Fürſten und Vornehmen, Beifall fanden. Sie bleiben ideologiſche Doktrinäre, aber ihre Zeit beobachtend und in ihr wurzelnd, haben ſie doch verſtanden, ihr die Wege zu weiſen.
Hatten die Phyſiokraten hauptſächlich die Überſchätzung der Induſtrie bekämpft, ſo ſuchte David Hume, der auch als Moralphiloſoph und Erkenntnistheoretiker eine führende Stellung einnimmt, durch ſcharfſinnige Zergliederung des Handels und des Geldes die naiven Irrtümer älterer Zeit zu widerlegen, und an ihn ſchließt ſich nun ſein etwas jüngerer Schüler A. Smith, der ſchon 1759 in ſeiner feinſinnigen und liebenswürdigen Theorie der moraliſchen Gefühle ſich ebenbürtig in die Reihe der großen pſychologiſchen engliſchen Gefühlsmoraliſten geſtellt hatte. Die Bedeutung ſeines großen Werkes (Inquiry into the nature and causes of the wealth of nations, 1776) liegt darin, daß er, ähnlich wie James Steuart, aber von ſeinem individualiſtiſchen Standpunkte aus das Ganze der volks- und ſtaatswirtſchaftlichen Erſcheinungen in einem großen Werke populär und doch mit wiſſenſchaftlichen Exkurſen vorführt und ähnlich wie Turgot dieſes Ganze unter dem Bilde einer vom Staate losgelöſten Tauſchgeſellſchaft von freien Individuen mit freiem Eigentum darſtellt. Aber er übertrifft dabei nun dieſe beiden Vorgänger weit, den erſteren durch die zeitgemäßere liberale Tendenz und die wiſſen- ſchaftliche Eleganz, den letzteren durch die Fülle und Breite der Ausführung und die Freiheit von den phpſiokratiſchen Einſeitigkeiten. Der Standpunkt iſt jedoch im ganzen derſelbe wie bei den Phyſiokraten, bei Locke oder Hume: ein idealer Naturzuſtand iſt gleichſam in dem bürgerlichen enthalten, der Staat hat weſentlich nur die perſönliche Freiheit und das Eigentum zu gewährleiſten; im übrigen ſind ſeine Lenker „liſtige, verſchlagene Tiere“, deren Thätigkeit ſeit Jahrhunderten nur die natürliche Ordnung geſtört hat. Unbedingt freie wirtſchaftliche Bewegung und freie Konkurrenz erſcheinen als die nützlichen und gerechten Mittel, welche die Individuen am beſten erziehen, die ſocialen Klaſſen verſöhnen, die Geſellſchaft von ſelbſt richtig organiſieren. Den pſychologiſch moraliſchen Hintergrund bildet die Analyſe des natürlichen Menſchen, der halb im Sinne von Shaftesbury als gut, tugendhaft, mit ſympathiſchen Gefühlen, halb in dem von Hume und Helvetius als ſelbſtiſch gefaßt wird. Jedenfalls erſcheint das individuelle Selbſtintereſſe, das nach ihm im ganzen in den Schranken der Gerechtigkeit ſich bewegt, als die heilſame und nicht zu beſchränkende Sprungfeder des wirtſchaftlichen Handelns wie des ſocialen Mechanismus. Aus ihm geht die Arbeit, der Tauſchtrieb, der Spartrieb hervor. Die Einzelintereſſen kommen von ſelbſt zur Harmonie, nicht durch Staat und Recht, wie bei den Phyſiokraten, nicht durch Kämpfe und Kompromiſſe, ſondern durch die weiſe Einrichtung der Triebe, die ein allmächtiger, gütiger Gott ſo geſchaffen, daß die geſellſchaftliche Welt wie ein Uhrwerk ſich abſpielt. Es handelt ſich nur darum, die falſchen Eingriffe der Geſetzgeber, der unter ſich verſchworenen Kaufleute und Unternehmer in dieſes Triebwerk zu beſeitigen, alle Privilegien, falſchen bisherigen Handels-, Zoll- und Zunfteinrichtungen, die falſche Begünſtigung der Städte aufzuheben, dann kommt die Geſellſchaft zur Natur, zur Gerechtigkeit, zur Gleichheit zurück. Dabei iſt ſehr vieles fein und wahrheitsgetreu beobachtet; in einſchmeichelnder, harmloſer Weiſe werden die radikalen Gedanken vorgetragen; ſympathiſch iſt von den Arbeitern und ihrer Hebung die Rede, während der Egoismus der Unternehmer als Urſache künſtlicher Geſetzgebung gebrandmarkt wird. Die geſchickte Voranſtellung der Arbeit und Arbeitsteilung, die gleichmäßige Betonung, wie überall die Arbeit den Reichtum erzeuge, aller Tauſch ein Tauſch von Arbeitsprodukten ſei, giebt den Ausführungen über Produktion, Verkehr und Einkommensverteilung eine geſchloſſene Einheit, die gewinnen und beſtechen mußte.
Daher die ungeheure Wirkung des Buches trotz ſeiner Einſeitigkeit. Es gab den liberalen Forderungen des wirtſchaftlichen Individualismus den vollendetſten Ausdruck; es ſprach berechtigte Forderungen der praktiſchen Reform zur rechten Zeit aus. Es ſchloß ſich den großen philoſophiſch-moraliſchen Idealen des Jahrhunderts rückhaltlos an und trug doch den Stempel nüchterner Wiſſenſchaft und empiriſcher Forſchung an ſich. Mochte es alſo fälſchlich an die natürliche Gleichheit der Menſchen glauben, die beſtehenden Macht- und Abhängigkeitsverhältniſſe zwiſchen den Staaten und den ſocialen Klaſſen nicht gehörig würdigen, optimiſtiſch das Individuum und ſeine egoiſtiſchen Triebe überſchätzen, die Bedeutung des Staates und der ſtaatlichen Einrichtungen verkennen, mochte der Rationalismus des Aufklärungseiferers in ihm immer wieder Herr werden über den hiſtoriſchen und pſychologiſchen Forſcher, mochte das ganze Beobachtungsfeld ein recht beſchränktes ſein, das Buch war doch fähig, für hundert Jahre zur ſammelnden Fahne der Staatsmänner und der Klaſſen zu werden, welche die bürgerlich-liberale Tauſchgeſellſchaft mit Freiheit der Perſon und des Eigentums in Weſteuropa voll durchführen wollten.
Den verbreitetſten Lehrbüchern und Schriften der folgenden Generationen diente A. Smith als Vorbild. In Frankreich haben J. B. Say (Traité d’écon omie politique, 1803 ꝛc.) und Charles Dunoyer (Liberté du travail, 1845), in Deutſchland Ch. J. Kraus (Staatswirtſchaft, 1808—11), Euſebius Lotz (Reviſion der Grundbegriffe der Nationalwirtſchaftslehre, 1811—14), Karl H. Rau (Lehrbuch der politiſchen Ökonomie, 1826—37, neue Auflagen bis 1868/69), F. B. W. Hermann (Staatswirtſchaftliche Unterſuchungen, 1832 und 1870) die Smithſchen Gedanken populariſiert und ſyſtematiſiert, teilweiſe ſie ſchärfer gefaßt, teilweiſe ſie mit anderen Gedankenrichtungen, wie hauptſächlich Rau mit den realiſtiſchen Überlieferungen der deutſchen Kameraliſtik, geſchickt zu verbinden gewußt. In England hat D. Ricardo (Principles of political economy and taxation, 1817, deutſch 1837) den Verſuch gemacht, aus der Smithſchen, immerhin weitausgreifenden Darſtellung das, was ihm als Bankier und Geldmann geläufig war, auszuſcheiden und daraus ſowie aus den Erfahrungen ſeines Geſchäftslebens eine Einkommens-, Geld- und Wertlehre zu machen, die in der Form allgemeiner Begriffe und abſtrakter Lehrſätze mit einer gewiſſen Schärfe operierte, teils zu einer logiſcheren Formulierung der Smith- ſchen Gedanken, teils zu ſchiefen und falſchen, nicht mehr auf empiriſcher Grundlage ruhenden Schlüſſen führte. Nach ihm hat ſein Schüler und jüngerer Freund, John Stuart Mill, die engliſche Nationalökonomie bis in die Gegenwart beherrſcht; auch er bewegt ſich trotz ſeiner univerſellen Bildung in den Geleiſen des abſtrakt radikalen individualiſtiſchen Naturrechts des 18. Jahrhunderts; er iſt der gläubige Schüler der Benthamſchen Rützlichkeitsmoral, die zwar das größtmögliche Glück der größten Zahl von Menſchen auf ihre Fahne ſchreibt und um eine empiriſch-pſychologiſche Moralforſchung weſentliche Verdienſte hat, aber zu einer tieferen Auffaſſung von Staat, Geſellſchaft und Volkswirtſchaft nicht kam. Mill, der mit den Principles of political economy with some of their applications to social philosophy (1847, deutſch 1852) gleichſam eine neue Auflage Smiths geben will, führt, wie dieſer, eine abſtrakte Theorie ſelbſt- ſüchtiger, tauſchender Individuen vor, in die er einzelne hiſtoriſche, rechtsgeſchichtliche und ſocialpolitiſche Kapitel unvermittelt einſchiebt; beſonders im höheren Alter war ihm die Unfähigkeit ſeiner Grundanſchauungen, die ſocialen Probleme einer neuen Zeit zu löſen, wohl klar geworden. Aber ſo ſehr er ſich nun unter dem Einfluſſe ſeiner gefühl vollen Frau ſocialiſtiſchen Anſchauungen näherte, in ſeinem weitverbreiteten Hauptwerke ſind das Gerüſt und die weſentlichen Gedanken die alten an die Aufklärung, an Bentham und Ricardo angelehnten. Die Nachtreter Smiths, Ricardos und Mills, die Macculloch, Senior, Fawcett, Bagehot, Cairnes, Sidgwick haben keine eigentümliche Bedeutung; aber ihr ſtets wiederholter Satz, daß die Nationalökonomie eine fertige Wiſſenſchaft ſei, fand bis vor kurzer Zeit in England in der Maſſe der Bevölkerung Glauben. Die freihändleriſche Agitation von 1840—80 ſtützte ſich recht eigentlich auf ihre Theorien, und auch die engliſche Arbeiter- und Gewerkvereinsbewegung blieb in den entſcheidenden Jahren 1860—80 im Fahrwaſſer derſelben. Immerhin bedeutete es innerlich bereits den Niedergang der individualiſtiſchen Naturlehre der Volkswirtſchaft, daß ſie mit Cobden, Bright und den im Cobdenklub ſich ſammelnden Freihändlern ganz in den Dienſt einer Klaſſen- und Parteiagitation trat; die Theorie erhielt nach dem Sitze dieſer Agitation den Spottnamen der Mancheſterſchule.
In Frankreich war die liberal freihändleriſche Theorie zwar in akademiſchen und Gelehrtenkreiſen vorherrſchend, aber in der Praxis ohne allzu großen Einfluß, bis man ſie als Hülfsmittel gegen den Socialismus glaubte gebrauchen zu können. F. Baſtiat (Harmonies économiques, 1850, deutſch 1850) wurde der ſchwärmeriſche Apoſtel der volkswirtſchaftlichen Harmonie, des radikal freien Verkehrs, der Verteidiger des Privateigentums, das er ausſchließlich auf die Arbeit zurückführte. Napoleon III. näherte ſich der Freihandelslehre. Und in faſt ganz Mitteleuropa, wo man 1850—75 beinahe überall die Schutzzölle ermäßigte, die Gewerbefreiheit einführte, den bürgerlichen Mittelklaſſen das Übergewicht im Staate zu verſchaffen ſuchte, erlebten die populariſierten Smith-Mill-Baſtiatſchen Ideen eine praktiſche Nachblüte, die in auffallendem Mißverhältniſſe zum dürren Gedankengehalt der Epigonen ſtand. Geſchickte Agitatoren, wie in Deutſchland die beiden Ausländer Prince Smith und Faucher, traten in den Dienſt der dem engliſchen Induſtrieexport ſo förderlichen Ideen. Der volkswirtſchaftliche Kongreß wurde 1857 als Centrum dieſer Agitation in Deutſchland gegründet und hat, von liberalen Journaliſten, Gegnern der Bureaukratie und Philanthropen mehr als von Männern der Wiſſenſchaft geleitet, bis in die 70er Jahre in dieſem Sinne gewirkt. In Italien und Oeſterreich, in Belgien und Skandinavien kam die liberale Lehre in den Ruf, die Wiſſenſchaft als ſolche zu repräſentieren. In Deutſchland zeigte ſie ihre Kraft noch bis auf unſere Tage dadurch, daß auch noch Lehrbücher, die weſentlich von einem anderen Geiſte erfüllt ſind, wie z. B. das Roſcherſche (1854—94) und das Sammelwerk von Schönberg, das Handbuch der politiſchen Ökonomie (1882), doch in ihrem Aufbau und ihrer Syſtematik an dem von Rau geſchaffenen Rahmen feſthielten.
Man bezeichnet die Schule teilweiſe heute noch als die klaſſiſche. Nicht mit Unrecht inſofern, als ſie eine Reihe formvollendeter Bücher geſchaffen, in denen große wirkliche Fortſchritte der Wiſſenſchaft ſich verbinden mit der glücklichſten Formulierung berechtigter, wenn auch einſeitiger Zeitideale. Aber es war ein kindlicher Glaube, die Theorien Quesnays, Turgots, Smiths, Ricardos und J. St. Mills für mehr zu halten, als für erſte vorläufige Verſuche einer ſyſtematiſchen Wiſſenſchaft. Die ganze Theorie der natürlichen Volkswirtſchaft ruht auf einer unvollkommenen Analyſe des Menſchen und auf einer einſeitigen, optimiſtiſchen, naturrechtlichen Welt- und Geſellſchaftsanſchauung, die auf Spikur und die Stoa, auf die rationaliſtiſche Aufklärungsphiloſophie zurückgeht, die kindlich an die Identität der Geſellſchafts- und Individualintereſſen glaubt, unhiſtoriſch die Urſachen des engliſchen Reichtums verkennt, ſie bloß im Erwerbstriebe anſtatt in den engliſchen Inſtitutionen ſieht. Die Volkswirtſchaft wird nur als eine äußerliche Summierung der Privatwirtſchaften, das volkswirtſchaftliche Getriebe als ein mechaniſches Spiel von Güterquantitäten aufgefaßt. Aus bloß natürlich-techniſchen Betrachtungen und aus Wert- und Preisunterſuchungen ſoll die Struktur der Volkswirtſchaft erklärt werden. Es war gewiß ein Fortſchritt, daß man im Anſchluß an die ſocialen Zuſtände des damaligen Englands die Klaſſen der Grundeigentümer, Kapitaliſten (Unternehmer) und Arbeiter in ihren wirtſchaftlichen Beziehungen unterſuchte; aber man mußte bei dieſem anderwärts nicht der Wirklichkeit entſprechenden Schema nicht abſtrakt ſtehen bleiben; man mußte zu weiteren Unterſcheidungen, zu tieferen pſychologiſchen Unterſuchungen kommen, Arbeitsteilung, Verkehr und Marktweſen beſſer analyſieren, wieder im Zuſammenhange mit Sitte, Recht, Verwaltung und ſtaatlicher Politik verſtehen lernen. Es fehlte der ganzen Schule die breite Kenntnis anderer Zeiten und Länder, die hiſtoriſche Auffaſſung des ſocialen und volkswirtſchaftlichen Entwickelungsprozeſſes. Je weiter eine hohle Theorie von der Beobachtung und den Bedürfniſſen des praktiſchen Lebens ſich entfernte und in abſtrakten Begriffsſpielereien und dilettantiſchen Konſtruktionen ſich erging, deſto wertloſer wurden die Erzeugniſſe der Schule. Der praktiſche Idealismus war einſt ihr Rechtstitel. Sie endete als eine mammoniſtiſche Klaſſenwaffe der Kapitaliſten und als ein gelehrtes Spielzeug weltflüchtiger Stubengelehrten. Der Beſtand echter Wiſſenſchaft, den ſie geſchaffen, lebt umgeformt fort in den Schriften anderer Richtungen.
41. Die ſocialiſtiſche Litteratur. Seit in den hochentwickelten griechiſchen Staaten arm und reich ſich ſchroff gegenübergetreten, und man in Theorie und Praxis ſich darüber geſtritten, ob die beſtehende Produktion und Verteilung der Güter, das Privateigentum, die Ehe, die Ständeunterſchiede nicht einer beſſeren und gerechteren Ordnung der Dinge weichen könnten, ſind ſocialiſtiſche Gedanken, d. h. Vorſtellungen und Lehren über eine gerechtere Verteilung des Einkommens und eine vollkommenere Organiſation der Produktion und Güterverteilung zu Gunſten der Ärmeren durch Erziehung, Sitte und Recht, durch geſellſchaftliche und ſtaatliche Reformen, nie wieder ganz verſchwunden. Wie die Stoa, ſo lehrten die Kirchenväter, daß urſprünglich alles gemein geweſen; das Eigentum und die Ungleichheit, hieß es, ſei nur durch den Sündenfall entſtanden; ja einzelne Väter verſtiegen ſich zu dem Satze: jeder Reiche ſei ein Dieb oder eines Diebes Erbe. Der Druck auf die unteren Klaſſen hatte auch im Mittelalter die Frage erzeugt: als Adam grub und Eva ſpann, wer war denn da der Edelmann? Die Reformationszeit ſah in den Wiedertäufern und Sektierern praktiſche, in Thomas Morus (Utopia 1516) einen theoretiſchen Verſuch des Socialismus, der ſich demokratiſierend an Plato anſchloß. Und das im 17. und 18. Jahrhundert aufkommende Naturrecht wie die individualiſtiſche Nationalökonomie waren teilweiſe von ſo allgemeinen Vorſtellungen der Gleichheit und der Gerechtigkeit, von ſo ſtarken Zweifeln an dem Rechte aller überlieferten Inſtitutionen beherrſcht, daß dieſe Prämiſſen zu ſocialiſtiſchen Syſtemen führen mußten, ſobald die optimiſtiſchen Harmonievorſtellungen zurücktraten.
Morelly, Mably, Briſſot (1755—80) ſind ſocialiſtiſche Zeitgenoſſen Turgots und A. Smiths; Baboeuf vertritt in der franzöſiſchen Revolution die Idee einer nationalen, von oben geleiteten Produktion, deren Güter allen gleichmäßig zugute kommen. Godwin (Political justice, 1793), ein Schüler Lockes und Humes, ein weltunkundiger Diſſenterprediger, glaubt die Menſchen durch ſeine Tugendlehren ſo umwandeln zu können, daß alle Staatsgewalt aufhören könne, daß jeder bei extremſter individueller Freiheit ſeinen Überfluß anderen abgebe, und die vollendeten Menſchen Krankheit, Schlaf und Tod los werden. Die deutſche Philoſophie konſtruierte in Fichte ein naturrechtliches Syſtem, worin als Folge des Staatsvertrages für jeden die Garantie der Arbeit und des Unterhaltes gefordert und dem geſchloſſenen Handelsſtaate die Pflicht auferlegt wird, dies durch Regulierung alles Erwerbslebens zu gewährleiſten (Naturrecht 1796, geſchloſſener Handelsſtaat 1800). Während aber derartige Lehren früher doch mehr als wunderliche Einfälle einzelner galten, haben ſie mit der ſteigenden induſtriellen Entwickelung, mit den zunehmenden Klaſſengegenſätzen des 19. Jahrhunderts eine ganz andere Bedeutung und Ausbildung erhalten.
Die optimiſtiſche Verherrlichung des eigennützigen Strebens der Individuen nach Erwerb und Reichtum mußte einer peſſimiſtiſchen Beurteilung weichen, als mit der freien Konkurrenz, mit den Kriſen der modernen Weltwirtſchaft, den Fortſchritten der Technik die Zahl der Armen, der Arbeitsloſen, wenigſtens zeitweiſe ſtark zunahm, die Vermögensungleichheit ſtieg, die Macht der Reichen ſich vielfach von ungünſtiger Seite zeigte. Edle Menſchenfreunde begannen die Nachtſeiten der neuen volkswirtſchaftlichen Organiſation, zumal der freien Konkurrenz zu ſchildern, wie Sismondi (Nouveaux principes d’économie politique, 1819). Das Mitgefühl für die Leiden der Schwächeren erwachte in einem Maße, die Preſſe, die Litteratur, die Öffentlichkeit deckte ſie auf wie niemals früher. Mochte das individualiſtiſch-liberale Naturrecht und die romantiſchdogmatiſche Philoſophie ſich ſonſt noch ſo feindlich gegenüberſtehen, im Zutrauen zur eigenen Kraft, durch abſtrakte Spekulation die Wahrheit und das Ideal zu finden, waren beide in der erſten Hälfte unſeres Jahrhunderts gleich und daher geeignet, zu kühnen ſocialiſtiſchen Ideen hinüberzuführen. Viele der neuen ſocialiſtiſchen Apoſtel waren Autodidakten, Geſchäftsleute, Männer ohne eigentlich wiſſenſchaftliche Bildung, Phantaſten und wirre Ideologen, die urteilslos die Bildungselemente der Zeit in ſich aufnahmen; bei allen überwog das Gemüt und die Phantaſie den nüchternen Ver- ſtand; ſelbſt die philoſophiſch geſchulten unter ihnen ſind eigentlich keine gelehrten Forſcher, ſondern Männer, die in erſter Linie praktiſch agitieren, die ſociale Revolution zu Gunſten der unteren Klaſſen durchführen wollen. Der politiſch abſtrakte Radikalismus der Zeit war bei den meiſten der Ausgangspunkt; das letzte Ziel ihrer Ideale war teils und überwiegend die materialiſtiſche, andere Ideale und ein jenſeitiges Leben verneinende Pflege des individuellen Lebensgenuſſes, teils die Herſtellung eines idealen Staates, in dem aller Egoismus und Individualismus verſchwinde, das Individuum ganz ſich dem Allgemeinen opfere.
Robert Owen (1771—1858; The new moral world, 1820) war der praktiſche, William Thompſon (Principles of distribution of wealth, 1824) der theoretiſche Begründer des engliſchen Socialismus. Erſterem war es als klugem und edlem Fabrikanten gelungen, für Kindererziehung und Hebung ſeiner Arbeiter Außerordentliches zu erreichen; das erfüllte ihn mit weitgehenden Hoffnungen in Bezug auf die Möglichkeit, durch äußere Bedingungen und Geſellſchaftseinrichtungen ganz andere Menſchen zu erziehen; ohne Gewinnſucht, unter Verzicht auf alles Profitmachen im Verkehr ſollte gerecht getauſcht, durch Aſſociationen, die von genoſſenſchaftlichem, ſympathiſchem Geiſt erfüllt ſind, ſollte produziert, das Konkurrenzſyſtem, der Kapitalgewinn beſeitigt werden. Sein iriſcher Freund Thompſon, zugleich Schüler Benthams und Schwärmer für ſchrankenloſe Freiheit der Arbeit und des Verkehrs, formulierte dann den theoretiſchen Gedanken dahin: der Arbeiter hat allen Tauſchwert geſchaffen und ſollte daher den vollen Arbeitsertrag erhalten, Kapital- und Grundrente ſind Unrecht. Die ſchiefe Idee, als ob die Handarbeit allein oder hauptſächlich alle Produkte ſchaffe, die ſchon bei A. Smith und Ricardo angeſetzt hatte, ging von Thompſon dann auf die ſpäteren Socialiſten, haupt- ſächlich auch auf Marx und Rodbertus über.
In Frankreich hatten eine ausgezeichnete Erziehung und die großen Ereigniſſe von 1780—1820 den geiſtreichen und verſchwenderiſchen Abenteurer Grafen H. St. Simon (1760—1825; Système industriel, 1821; Nouveau christianisme, 1825), welcher ſprungweiſe ſich Reiſen und Kriegsdienſten, Spekulationen und Studien gewidmet hatte, mit philanthropiſch-myſtiſchen und geſchichtsphiloſophiſchen Gedanken erfüllt; ſeine Perſönlichkeit und ſeine Schriften ſammelten eine Schule talentvoller Jünger (1825—31): die zu ſchaffende phyſiko-politiſche Wiſſenſchaft, welche zugleich die neue Religion der brüderlichen Liebe ſein ſollte, wird die Geſellſchaft umgeſtalten; an Stelle der feudal-kriegeriſchen Elemente und der Juriſten, die bisher die Gewalt beſaßen, ſollen die Induſtriellen, wobei an Unternehmer und Arbeiter zugleich gedacht iſt, zur Herrſchaft gelangen. Die Ideen wurden dann von Bazard (Doctrine de St. Simon. Exposition, 1828—30) weiter ausgebildet. Die Kritik der Konkurrenz als eines Krieges aller gegen alle, die Hebung des beſitzloſen Arbeiterſtandes als der zahlreichſten Klaſſe, die Einſetzung des Staates als Erben des Privatvermögens, die Zuführung der ſo gewonnenen Mittel durch ein Staatsbankſyſtem in Kreditform an alle Fähigen ſind die weſentlichen Beſtandteile des Syſtems, das ſich an eine glückliche Einteilung der Geſchichte in aufbauende und kritiſch-zerſetzende Perioden anſchließt, das praktiſch eine Verſittlichung der Arbeit mit erhöhten Genüſſen erſtrebt und jedem eine Stellung nach ſeiner Fähigkeit und einen Lohn nach ſeinen Werken verſchaffen will. Erſt Enfantin, der auch die Stellung der Frauen im Sinne freier Liebe ändern will, hat Grundrente und Kapitalgewinn als ungerechte Steuer verurteilt, welche die Arbeiter an die müßigen Rentner zahlen. Die Schule machte in Paris 1828—32 Aufſehen; dann wurde ihr Einfluß durch den der Fourierſchen abgelöſt. Fourier (1772—1837, Traité de l’association domestique agricole, 1822; Œuvres, 1841) war ein von den Mißbräuchen des Handels erfüllter melancholiſcher Handlungsgehülfe, bildete ſich als Autodidakt ein, die Newtonſche Theorie durch ſeine phyſiſch-ſociale Attraktionslehre überholt zu haben. Während ihm in der heutigen Geſellſchaft alles „gegen den Willen Gottes und naturwidrig“ erſcheint, glaubt er den Schlüſſel gefunden zu haben, um ein gänzlich harmoniſches, Wunder wirkendes Spiel der menſchlichen Triebe und der Attraktion der Menſchen untereinander herzu- ſtellen: in Rieſenhotels (Phalanſterien) von je 2000 Seelen ſollen die Menſchen zuſammen wohnen, ſich vergnügen, Landwirtſchaft und Gewerbe treiben; bei vollſter Freiheit des Berufes und der Arbeit ſollen hier die einzelnen von ſelbſt und gelockt durch richtige Bezahlung zu Gruppen und Serien ſich ſtundenweiſe zuſammenfinden und genoſſenſchaftlich produzieren; das Kapital gehört den einzelnen in Aktienform; der Reinertrag wird zu 4/12 dem Kapital, zu 5/12 der gewöhnlichen Arbeit, zu 3/12 den leitenden Talenten zugeführt. Gewählte Vorſtände regieren das Phalanſterium wie die größeren Gemeinſchaften, die in einem Weltregiment zu Konſtantinopel gipfeln. Victor Conſidérant (Destinée sociale, 1834—35) wußte durch Ausſcheidung des Abſurden den Kern der ſocialen Anklagen und Vorſchläge Fouriers bis 1848 im Vordergrunde des Intereſſes der litterariſchen Kreiſe Frankreichs zu halten. Von den mancherlei praktiſchen Verſuchen, das Phalanſterium ins Leben zu rufen, blüht heute noch das Haus Godin mit ſeiner Fabrik und ſeinen 2000 Seelen.
Neben ihm machte ſich der Journaliſt Louis Blanc als Hiſtoriker des Bourgoisregiments (Histoire des dix ans, 1841—44) und durch ſeine Vorſchläge, an Stelle der anarchiſchen, Arbeiter wie Bürgertum vernichtenden Konkurrenz Arbeitergenoſſenſchaften mit Staatskredit zu ſetzen (Organisation du travail, 1839), bekannt. Und der Schrift- ſetzer Proudhon kritiſierte ideologiſch das Eigentum (Qu’est-ce que la propriété, 1840) und den Socialismus (Système des contradictions économiques ou philosophie de la misère, 1846); die nach ihm weſentlichen Urſachen der ſocialen Mißſtände, Geld und Zins, wollte er durch ein Bankſyſtem beſeitigen, das für die produzierten Waren Tauſchbons und allen unentgeltlichen Kredit gäbe; als ein phantaſtiſcher, geiſtreich irrlichternder Kopf hoffte er auf eine Erſetzung aller ſtaatlichen Gewalt durch freie Verträge und Gruppenbildungen (Œuvres, 37 Bde.).
Von den erheblicheren deutſchen Socialiſten ſtehen wohl Marx und Engels unter dem Eindrucke der ſich verſchärfenden Klaſſengegenſätze Weſteuropas; beide haben auch Anläufe genommen, dieſe Wirklichkeit darzuſtellen und in parteiiſch gefärbten Bildern zu ſchildern (Engels, Lage der arbeitenden Klaſſen in England, 1845; Marx in ſeinem „Kapital“). Aber im ganzen ſind die Schriften von Rodbertus, Laſſalle und Marx ſpekulative Ergebniſſe der Lektüre von Ricardo und den älteren Socialiſten, modifiziert durch die deutſche Philoſophie und die Gedanken des politiſchen Radikalismus der 30er und 40er Jahre. Die abſtrakten Formeln der Tauſch- und Wertlehre Ricardos beherrſchen ſie in erſter Linie. Sie argumentierten ſo: Aller Wert iſt Produkt der Arbeit (der Handarbeit), die Arbeit wird durch die Zeit gemeſſen; das Kapital erhält bei der Teilung zu viel, die Arbeit zu wenig; wie iſt das zu erklären, wie dem abzuhelfen? Rodbertus ſagt: die Inſtitution des Privateigentums iſt ſchuld, ſie muß fallen. Laſſalle: das eherne Lohngeſetz iſt ſchuld, die Produktion muß Arbeitergenoſſenſchaften mit Staatskredit übergeben, ſpäter verſtaatlicht werden. Marx meint, das magiſche, techniſche Geheimnis, daß die Arbeit und nur die Arbeit mehr produziert, als ſie koſtet, giebt dem Kapitaliſten die Gelegenheit, die Differenz, den ſogenannten Mehrwert einzuſtecken und ſich ſo zu bereichern; die Kapitalanſammlung in immer weniger Händen wird endlich zu der Expropriierung der Kapitalmagnaten durch das arbeitende Volk führen. Es ſind drei ſchablonenhafte, abſtrakte Formeln, eine rechtsphiloſophiſche, eine politiſche und eine techniſch-volkswirtſchaftliche, in denen Keime von Wahrheiten enthalten ſind; ſie ſind aber auf das Kartenhaus Ricardoſcher falſcher Sätze aufgebaut, ſie werden ohne Unter- ſuchung der pſychologiſchen, organiſatoriſchen, verwaltungsmäßigen Urſachenreichen und Mittelglieder, ohne erhebliche hiſtoriſche und empiriſche Specialunterſuchungen durch einige oberflächliche halb wahre und halb falſche Geſchichtskonſtruktionen nicht haltbarer, ſie ſind nur auf dem Boden einer materialiſtiſchen Weltanſchauung, einer Fiktion der Gleichheit aller Menſchen, einer maßloſen Überſchätzung der mechaniſchen Handarbeit verſtändlich. Die große Differenz der Syſteme unter ſich, die tiefe Verachtung, welche jeder dieſer „wiſſenſchaftlichen Socialiſten“ für die Theorie des anderen hatte, zeigt, wie wenig dieſe Gedankenreihen wirkliche feſtſtehende Wiſſenſchaft bedeuten, wie ſehr ſie ins Gebiet der ideologiſchen Konſtruktionen und der Hypotheſen gehören.
Mögen die Marxianer Laſſalle (1825—64; Schriften ed. Bernſtein 1892—93) nur als großen praktiſchen Agitator gelten laſſen, der wiſſenſchaftlich nicht in Betracht komme: er war ein eitler von prahleriſchem Ehrgeize verzehrter Lebemann, aber dabei ein philoſophiſcher Kopf und ein kenntnisreicher Juriſt; ſein Syſtem der erworbenen Rechte (1861) ſteht mindeſtens ebenbürtig neben den Schriften der anderen, ſeine Reden und Pamphlete ſind Meiſterſtücke ſocialpolitiſch demagogiſcher Beredſamkeit; ſein Blick für das reale Leben, die Macht- und Verfaſſungsfragen, die inneren Triebfedern der geſellſchaftlichen Bewegung war ſchärfer als der von Rodbertus und Marx; wenn er, von L. v. Stein beeinflußt, groß vom Staate und vom ſocialen Königtum dachte, von einem demokratiſchen Cäſarismus tiefgreifende ſociale Umwälzungen erwartete, zeigte er offneren Sinn für die letzten geſchichtlichen Urſachen als die Marxiſchen Schwärmer für die Abſchaffung des Staates. In der Beurteilung des Staates ſteht Rodbertus (1805—75; Sociale Briefe an Kirchmann, 1850—84; Normalarbeitstag, 1871; Briefe und ſocialpolitiſche Aufſätze ed. R. Meyer, 2 Bde. 1882), der norddeutſche Gutsbeſitzer und einſame radikale Denker, der Schüler Schellings und Hegels, Laſſalle ſehr nahe; er ſieht, freilich in ſehr übertriebener Weiſe, in aller Geſchichte nur eine Zunahme der Staatsthätigkeit; er haßt das Mancheſtertum wie die ſenſualiſtiſche Genußſucht der franzöſiſchen Socialiſten; nicht mehr genießen, ſondern der Allgemeinheit ſich opfern ſoll das Individuum. Seine Geſchichtskonſtruktion iſt tiefſinniger als die von Laſſalle und Marx, ſie ruht auf gewiſſen praktiſchen Kenntniſſen (Erklärung und Abhülfe der heutigen Kreditnot des Grundbeſitzes, 1871) und gelehrten Studien (Unterſuchungen auf dem Gebiete der Nationalökonomie des klaſſiſchen Altertums, J. f. N. 1. F. 2 ff.), ſie macht eine beſſere ſociale Zukunft, in welcher nicht mehr das Menſchen-, das Grund- und das Kapitaleigentum, ſondern das Eigentum des individuellen Verdienſtes vorherrſchen ſoll, in anziehender Weiſe denkbar. Aber ſeine Einkommenslehre iſt ſchablonenhaft, ſeine Erklärung der Kriſen durch zu geringen Konſum der Arbeiter trifft ſo wenig den weſentlichen Punkt, als Rodbertus ein Recht hat, die infolge techniſcher Fortſchritte zunehmende Produktivität der Arbeit den mechaniſchen Handarbeitern als ihr Verdienſt anzurechnen; ſein roh entworfenes Zukunftsgemälde mit Normalarbeitstag, Arbeitsgeld, Bezahlung nach der Zeit iſt ein utopiſcher Traum ohne jede Begründung ſeiner Realiſierbarkeit.
Karl Marx (1818—83; Manifeſt der kommuniſtiſchen Partei, 1848; Zur Kritik der politiſchen Ökonomie, 1859; Das Kapital, 1. 1867, 4. Aufl. 1890; 2. 1885; 3. 1894) übertraf ſeine Geſinnungsgenoſſen an ſtürmiſcher, revolutionärer Willenskraft, an Ernſt und Tiefe der Gedanken, an dialektiſcher, zerſetzender Schärfe, an Haßgefühl gegen alle beſtehenden Gewalten. Aber es fehlte ſeinem mathematiſch ſpekulativem Kopfe doch ganz der Sinn für die konkrete pſychologiſche und geſellſchaftliche Wirklichkeit und für empiriſches Studium. Auf dem Boden der Hegelſchen Geſchichtskonſtruktion groß geworden, ſuchte er unter Feuerbachs und Proudhons Einfluß dieſe realiſtiſch zu wenden, verfuhr dabei aber nicht minder willkürlich als Hegel und verfügte über viel geringere Geſchichtskenntnis als er. Immer bleibt die im Lapidarſtil des haßerfüllten Anklägers verfaßte Schilderung der techniſch-ſocialen Entwickelung der engliſchen Großinduſtrie von 1750—1850 ein Meiſterſtück trotz all’ ihrer Einſeitigkeit. Die Begründung des ökonomiſchen Materialismus, d. h. der Lehre, welche den ſocialen, geiſtigen und politiſchen Lebensprozeß der Völker ausſchließlich auf die materielle Güterproduktion und -Verteilung zurückführen will, war ein berechtigter Proteſt gegen die überſpannte idealiſtiſche Geſchichtsſchreibung und darum ein Verdienſt, ſo ſehr Marx und noch mehr ſeine Nachtreter den richtigen Gedanken übertrieben. Es iſt gegen die übertreibende Formulierung des Gedankens zu bemerken, daß gewiß alle höheren Kulturgebiete durch die materiellen ökonomiſchen Zuſtände bedingt und beeinflußt ſind, daß aber ebenſo ſicher das geiſtig-moraliſche Leben eine ſelbſtändige, für ſich beſtehende Entwickelungsreihe darſtellt und als ſolche das ökonomiſche Getriebe beherrſcht, umformt und geſtaltet. Das überſieht Marx nicht bloß, ſondern er iſt auch infolge ſeiner einſeitig nationalökonomiſchen, ganz an Ricardo angeſchloſſenen Vorſtellungswelt unfähig, eine pſychologiſche Analyſe des wirtſchaftenden Menſchen vorzunehmen, die Bedeutung der ſittlichen, rechtlichen und politiſchen Inſtitutionen zu würdigen. Es war ein Fortſchritt ſeiner Geſchichtsauffaſſung, daß er auf die Zeichnung utopiſtiſcher Zukunftspläne verzichtete, aber zugleich verzichtete er ganz auf die Erklärung des pſychologiſchen Wunders, das ſeine Geſchichts- und Socialphiloſophie vorausſetzt: die beſtehende von Marx als nichtswürdig geſchilderte Welt ſetzt die ausſchließliche Herrſchaft des gemeinſten Beſitzegoismus und Erwerbstriebes bei allen Menſchen voraus; die zukünftige von ihm erwartete kennt dieſe Eigen- ſchaft überhaupt nicht mehr, ohne zu erklären, wie ſie plötzlich verſchwinde.
Auch ſein nationalökonomiſches Syſtem, ſeine Mehrwertlehre, die Darſtellung der kapitaliſtiſchen Produktion und ihrer Folgen iſt eine große abſtrakte Denkerleiſtung, voll Scharfſinn und Gedankenreichtum; man kann ſie loslöſen von den überall eingeſtreuten ſocialiſtiſchen Flüchen und pathetiſch-moraliſchen Verurteilungen der Kapitaliſten und Ausbeuter. Aber doch ruht dieſes Syſtem ganz auf den Anſchauungen und Voraus- ſetzungen Ricardos; es iſt in gewiſſem Sinne die letzte Konſequenz der einſeitigen Naturlehre der Volkswirtſchaft. Ja Marx geht mit ſeinen mathematiſch-techniſchen und ſpekulativ-abſtrakten Spitzfindigkeiten in gewiſſem Sinne hinter Ricardo und bis Quesnay zurück, indem er alle Wertbildung einſeitig aus der Produktionsthätigkeit des Arbeiters und alle ſociale Klaſſenbildung aus dem Kapital und ſeiner Verteilung erklärt. Die Volkswirtſchaft iſt ſo nicht mal mehr Tauſchgeſellſchaft, ſondern ein techniſchnatürlicher Vorgang, der an die Produktion, ihre Art und ihre Folgen ſich anſchließt, der immer wieder als eine Art myſtiſchen Geheimniſſes, ſichtbar nur für Denker wie Marx, behandelt wird. Ich komme auf ſeine Mehrwert- und Lohnlehre unten zurück. Hier ſei nur kurz angedeutet, daß Marx das ſociale Grundproblem, wie es komme, daß der Arbeiter bei der Güterverteilung ſo wenig, der Unternehmer ſo viel erhalte, objektiv, durch ganz allgemeine Urſachen erklären will. Dabei geht er von der Fiktion, der Arbeiter ſchaffe allein den Wert, als einem des Beweiſes nicht bedürftigen Axiome aus; dem Arbeiter wird der angeblich nur durch Unrecht und Gewalt zu ſeinem Kapital gekommene, nichtsthuende Kapitaliſt entgegengeſetzt. Und nun wird einfach geſchloſſen: der Arbeiter erhält nach dem Preisgeſetze den niedrigen Lohn, von dem er notdürftig leben kann, der den Produktionskoſten der Arbeit entſpricht; das Plus, was er ent- ſprechend der myſtiſchen Produktivkraft der Arbeit erzeugt, iſt der Mehrwert, den der Kapitaliſt in die Taſche ſteckt. In dieſer ſchablonenhaften Aufſtellung iſt das Eine wahr, daß die Arbeitsteilung und Differenzierung der Geſellſchaft, die Geldwirtſchaft und die komplizierte volkswirtſchaftliche Verfaſſung immer wieder an beſtimmten einzelnen Punkten eine Güterverteilung ſchafft, welche als eine ungerechte zwiſchen leitenden und ausführenden Kräften empfunden wird; ſo entſteht der Begriff der Ausbeutung (des unbilligen Mehrwertes). Aber nicht das Kapital iſt daran ſchuld, ſondern die Differenzierung, ohne die es keinen Fortſchritt gäbe; die techniſchen und kaufmänniſchen Überlegenheiten der wenigen über die vielen, der Vorſprung der geiſtigen gegenüber der mechaniſchen Arbeit und die ethiſch-rechtlichen Unvollkommenheiten unſerer Inſtitutionen ſind die ſpringenden Punkte. Schon das ganze Operieren mit dem Begriff des „Kapitaliſten“ iſt eine Gedankenloſigkeit. Nicht der Kapitaliſt, ſondern der Marktkenner und Marktbeherrſcher iſt der, welcher heute leicht mehr Werte als die übrigen Geſellſchaftsklaſſen erwirbt. Und nicht eine Unterſuchung der Natur der Ware, des Kapitals und ähnliches bringt uns weiter, ſondern eine ſolche der Urſachen menſchlicher Verſchiedenheit und der Inſtitutionen, die dieſe ſteigern oder mildern, und die den Güterverteilungsprozeß beherrſchen und beeinfluſſen.
Was der deutſche Socialismus teils ſelbſtändig neben den genannten noch ſchuf (z. B. Marlo [Winkelblech], Organiſation der Arbeit, 1850; Dühring, Kurſus der National- und Socialökonomie, 1873; Hertzka, Geſetze der ſocialen Entwickelung, 1886, Freiland, 1890; Flürſcheim, Der einzige Rettungsweg, 1890), teils im engen Parteianſchluß an ſie erzeugte (wie die Schriften von Bebel, Liebknecht, Schippel), hat keine ſo ſelbſtändige Bedeutung, daß hier näher darauf einzugehen wäre. Nur Engels verdient als Freund und litterariſcher Genoſſe von Marx beſondere Erwähnung (haupt- ſächlich durch ſein Buch: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wiſſenſchaft, 1877 und 1886). Und unter den Nachfolgern ſind K. Kautsky (Thomas Morus und ſeine Utopie, 1887), F. Mehring (Die Leſſinglegende nebſt Anhang über den hiſtoriſchen Materialismus, 1893; ſeine litterargeſchichtlichen Werke ſind oben genannt), Schönlank (Sociale Kämpfe vor dreihundert Jahren, 1894; Arbeiten über Kartelle, Queckſilberinduſtrie) und E. Bernſtein (Die Vorausſetzungen des Socialismus und die Aufgaben der Socialdemokratie, 1899) wohl als die zu nennen, welche neben der ſocialiſtiſchen Parteileidenſchaft erhebliches wiſſenſchaftliches Talent zeigen, wie ja auch in ihrer Zeit- ſchrift (Neue Zeit ſeit 1882) manche ehrliche wiſſenſchaftliche Arbeit enthalten iſt. Freilich in dem Maße als ſie hervortritt, verlaſſen dieſe Schriften auch den einſeitigen Partei- und Klaſſenſtandpunkt, welcher ja an ſich echte objektive Wiſſenſchaft ausſchließt. In den engliſch redenden Ländern hat der Amerikaner Henry George (Progress and poverty, 1879, deutſch 1881) durch ſeine Agitation gegen das Bodenmonopol, deſſen Rente er durch Steuern einziehen will, Aufſehen gemacht; er iſt ein talentvoller leidenſchaftlicher, aber autodidaktiſcher und phraſenhafter Schriftſteller, wird in ſeinen Grundgedanken von Ricardo einerſeits, von den Mißbräuchen der amerikaniſchen Boden- ſpekulation andererſeits beherrſcht. In England ſpielt neuerdings eine ſocialiſtiſche Litteratengeſellſchaft (Fabian society, fabian essays in socialism 1890) eine gewiſſe Rolle, die ihr größtes Talent in Frau Sidney Webb zu haben ſcheint. Wenn in den Eſſays noch der alte naturrechtliche Socialismus vorherrſcht, ſo tritt in anderen Erzeugniſſen der Schule der praktiſch und theoretiſch bedeutſame Gedanke in den Vordergrund, daß ein Sieg ſocialiſtiſcher Geſellſchaftseinrichtungen abhänge von einer vorausgehenden demokratiſchen Schulung, Erziehung und Organiſation der Arbeiter in Vereinen und Genoſſenſchaften, in Gemeinde und Grafſchaft. Als die wichtigſten Erzeugniſſe dieſer Richtung ſind zu nennen: Frau Sidney Webb, Die britiſche Genoſſenſchaftsbewegung, 1891, deutſch herausg. von Brentano 1893; Sidney und Beatrice Webb, The history of trade unionism, 1894; dieſelben, Industrial democracy, 2 Bde., 1897. Das ſind Leiſtungen, welche weit über denen von Marx ſtehen, aber auch nur in beſchränkter Weiſe dem Socialismus zuzuzählen ſind.
Der Socialismus des 19. Jahrhunderts hat eine eminent praktiſche Bedeutung erhalten, weil er zur Glaubenslehre, zum Ideal der zu politiſchen Rechten und zum Selbſtbewußtſein gekommenen Arbeiter der Großinduſtrie wurde. Er wurde es, weil er auf große ſociale und andere Mißſtände und Mißbräuche kühn hinwies und deren Änderung forderte, an die radikalen und materialiſtiſchen Tagesſtrömungen ſich anſchloß, den rohen Inſtinkten der Maſſe teils mit verführeriſchen Zukunftsplänen, teils mit blendenden Geſchichtskonſtruktionen und philoſophiſchen Formeln ſchmeichelte. Seine volkswirtſchaftliche Bedeutung beſteht darin, daß er den unklaren Optimismus der Freihandelsſchule zerſtörte, durch eine Analyſe der Klaſſengegenſätze und -Kämpfe, des politiſchen und wirtſchaftlichen Machtmißbrauches, ſowie der unſicheren und kümmerlichen Lage der Arbeiter wichtige Erſcheinungen und Gebiete der Volkswirtſchaft faſt neu entdeckte. Der Socialismus hat ſich mit Energie dem großen Gedanken der Entwickelung zugewandt, hat den Zuſammenhang zwiſchen Recht, Staat und Volkswirtſchaft wieder betont, hat die ganze bisherige Wiſſenſchaft zu neuen Ideen, Frageſtellungen und Unterſuchungen angeregt. Mögen alſo ſeine utopiſchen Ideale von einer Aufhebung aller Klaſſengegenſätze, einer Beſeitigung aller Einkommens- und Vermögensungleichheit, von einem ſinnlichen Genuß leben aller Individuen noch ſo falſch ſein, mag ſeine letzte Wurzel in einer Überſchätzung des äußeren, irdiſchen Glückes, in einer Verkennung des wahren Weſens der menſchlichen Natur, in einer rohen ſinnlichen Weltanſchauung liegen, es ſind Lehren, die einen naturgemäßen Rückſchlag gegen die Überſchätzung der freien Konkurrenz darſtellen; ſie haben den Intereſſen des vierten Standes gedient, wie die liberalen Lehren dem Mittelſtande förderlich waren; ſie haben große Bewegungen der Zeit, wie die fortſchreitende Technik, den zunehmenden Großbetrieb, die ſich vervielfältigende wirtſchaftliche Kommunal- und Staatsthätigkeit in ihre Theorie geſchickt aufgenommen, ſie freilich zugleich maßlos übertrieben. In ihrer Ignorierung der Bevölkerungsfrage, in der Gleichgültigkeit gegenüber den letzten pſychologiſchen und ethiſchen Fragen, wie in der Aufſtellung abſurder Trieblehren, in ihren Hoffnungen auf eine gänzliche Veränderung des menſchlichen Seelenlebens und der geſamten geſellſchaftlichen Einrichtungen zeigen ſie eine kindliche, von wahrer Wiſſenſchaftlichkeit noch ganz unberührte Naivetät; die entſcheidenden Fragen, wie ein kommuniſtiſcher Rieſenapparat ohne die furchtbarſten Mißbräuche der Verwaltung fungieren ſoll, haben ſie ſich noch gar nicht recht vorgelegt; ihre Ignorierung der Notwendigkeit feſter großer Staatsgewalten läßt ſie auch auf wirtſchaftlich-ſocialem Gebiete Fehlſchluß auf Fehlſchluß häufen; oberflächliche demokratiſche Vorſtellungen über Volks- ſouveränität und ungeſchichtlicher Monarchenhaß täuſcht ſie über die politiſche Schwierigkeit und Unmöglichkeit der Ausführung ihrer Pläne weg. Würden ihre utopiſchen Theorien zur Herrſchaft in irgend einem Staate gelangen, vollends in der Hand von weltunkundigen Schwärmern oder wüſten Demagogen, ſo ſtellten ſie eine unſagbare Gefahr dar; ſie würden wahrſcheinlich mit der Zerſtörung der beſtehenden Geſellſchaftseinrichtungen die Kultur überhaupt auf lange vernichten. Aber als treibende Elemente der ſocialen Entwickelung, beherrſcht von den beſtehenden Gewalten, korrigiert von Wiſſenſchaft, Vernunft und Moral, haben ſie eine nicht zu verkennende, berechtigte Aufgabe in der Entwickelung der Geſchichte und des ſocialen Fortſchrittes. Es ſind Lehren, welche in wiſſenſchaftlichem Gewande die einſeitigen praktiſchen Zeitideale der unteren Klaſſen darſtellen, mit den Idealen der anderen Klaſſen ſich vertragen müſſen. Vom Ziele aller echten Wiſſenſchaft, alle Menſchen gleichmäßig zu überzeugen, ſind ſie noch weiter entfernt als die ihnen gegenüberſtehenden individualiſtiſchen Mancheſterlehren, weil ſie nackter auf einem Klaſſenſtandpunkt ſtehen, mehr von Gefühlen und Intereſſen, als von Verſtand und ruhiger objektiver Überlegung beherrſcht ſind.
4. Die Methode der Volkswirtſchaftslehre.
42. Einleitung. Wir haben die Entwickelung der vorherrſchenden volkswirtſchaftlichen Syſteme bisher unter dem Geſichtspunkte ihrer Entſtehung aus praktiſchen Zeitſtrömungen heraus betrachtet. Wir geben zu, daß auch die anderen, weiterhin noch zu erörternden Litteraturerſcheinungen nicht frei von ſolchen Tendenzen ſind. Aber im ganzen ſteht doch die ſtrengere Wiſſenſchaft, wie ſie ſich im 19. Jahrhundert mehr und mehr herausbildete, auf einem anderen Boden. Sie will nicht mehr in erſter Linie ein „Sollen“ lehren und Anweiſungen fürs praktiſche Leben geben; ſie will begreifen und zu unumſtößlichen Wahrheiten über den Zuſammenhang der Dinge kommen. Gewiß haben auch die bisher vorgeführten Schriftſteller derartiges erſtrebt und teilweiſe auch erreicht. Aber doch mit beſchränktem Erfolge, teilweiſe weil erſt neuerdings die ſtrengeren Methoden der Erkenntnis ausgebildet wurden, teilweiſe eben deshalb, weil ihnen nicht das Erkennen, ſondern die Aufſtellung von praktiſchen Idealen in erſter Linie ſtand. Dieſe müſſen von heute auf morgen fertig werden, müſſen ſtets auf einem Glauben und Hoffen, teilweiſe auf Hypotheſen und teleologiſchen Bildern ruhen. Und wenn auch die Wiſſenſchaft derartiger Mittel nie ganz entraten kann, ſo muß ſie ſich doch bewußt bleiben, daß ſie hier auf unſicherem Boden ſich bewegt. Sie muß mit viel Reſignation und Beſcheidenheit ihre Lücken eingeſtehen. Sie muß, wenn ſie auch ſtets hofft, mit ihren Ergebniſſen praktiſche Leuchten für die Zukunft aufzuſtellen, ſich doch zunächſt im Sinne einer berechtigten Arbeitsteilung auf das Erkennen beſchränken, aber dieſes um ſo feſter hinzuſtellen ſuchen, weil ſie eingeſehen hat, daß die Hoffnungen der Denker und Gelehrten, durch beſtimmte Theorien irgend eine ſubjektive Auffaſſung des „Sollens“ zu ſtützen, immer wieder die Objektivität des wiſſenſchaftlichen Verfahrens getrübt hat.
Die Fortſchritte des geſamten wiſſenſchaftlichen Verfahrens in den Natur- und Geiſteswiſſenſchaften während der letzten Generationen mußten auch auf dem Gebiete der Staatswiſſenſchaften und der Volkswirtſchaftslehre ihre Wirkung ausüben, zur Verfeinerung und Verbeſſerung des methodiſchen Verfahrens, zur ſtrengen Einhaltung von Grundſätzen und Regeln bei aller Beobachtung und Erklärung der volkswirtſchaftlichen Erſcheinungen führen. Die Wiſſenſchaft der Nationalökonomie will von der Volkswirtſchaft ein vollſtändiges Bild, einen Grundriß der volkswirtſchaftlichen Erſcheinungen nach Raum und Zeit, nach Maß und hiſtoriſcher Folge entwerfen; ſie thut das, indem ſie die Wahrnehmungen dem vergleichenden und unterſcheidenden Denken unterwirft, das Wahrgenommene auf ſeine Gewißheit prüft, das richtig Beobachtete in ein Syſtem von Begriffen nach Gleichartigkeit und Verſchiedenheit einordnet und endlich das ſo Geordnete in der Form typiſcher Regelmäßigkeiten und eines durchgängigen Kauſalzuſammenhanges zu begreifen ſucht. Die Hauptaufgaben ſtrenger Wiſſenſchaft ſind ſo 1. richtig beobachten, 2. gut definieren und klaſſifizieren, 3. typiſche Formen finden und kauſal erklären. Je nach dem fortſchreitenden Stande der Wiſſenſchaft tritt dann bald das eine, bald das andere mehr in den Vordergrund. Bald iſt das Zurückgreifen auf die Erfahrung, bald die rationale Bemeiſterung der Erfahrungen durch Begriffe, Reihenbildung, Kauſalerklärung und Hypotheſen das wichtigere Geſchäft.
43. Beobachtung und Beſchreibung. Wir verſtehen unter der wiſſen- ſchaftlichen Beobachtung einer Erſcheinung eine ſolche, die oftmals von demſelben oder von verſchiedenen Beobachtern wiederholt immer dasſelbe Reſultat ergiebt, aus der die Einflüſſe ſubjektiver Täuſchung und Meinung ſo weit als möglich entfernt ſind. Eine ſolche Beobachtung deutet auf ein objektives Geſchehen. Die Beobachtung ſoll objektive Gültigkeit, erſchöpfende Genauigkeit, extenſive Vollſtändigkeit beſitzen. Das einzelne ſoll für ſich und als Teil des Ganzen in ſeinen wahrnehmbaren Beziehungen zu dieſem, im Vergleich mit Ähnlichem und Verſchiedenem beobachtet werden. Die wiſſenſchaftliche Fixierung der Beobachtung iſt die Beſchreibung; jede halbwegs brauchbare Beſchreibung ſetzt aber ſchon ein geordnetes Syſtem von Begriffen und die Kenntnis der bekannten und feſtgeſtellten Formen und Kauſalverhältniſſe voraus.
Die volkswirtſchaftliche Beobachtung hat es mit Handlungen der einzelnen und der Gemeinſchaften, mit den Motiven dazu, mit den Ergebniſſen dieſer Handlungen, mit den ſocialen Formen und Verknüpfungen, die daraus entſtehen, zu thun. Ihr dient ſtets vereint innere und äußere Wahrnehmung. Die erſtere giebt uns unmittelbare Gewißheit über uns ſelbſt und durch Vergleichung mit den Worten, Mienen und Handlungen der anderen auch über dieſe. Die zweite führt uns von dem bunten Weltbilde ein kleines Stückchen direkt vor, das durch die Kraft ſeiner Anſchaulichkeit uns ſo beherrſcht, daß wir in all’ unſerem Denken davon abhängig bleiben, welches Stück der Welt, hier der volkswirtſchaftlichen Welt, wir ſelbſt geſehen und erlebt. Die weitaus größere Hälfte der Wahrnehmungen empfangen wir indirekt durch Erzählung, Lektüre, Berichte aller Art. Das Maß von Phantaſie und Kraft der Vorſtellung, über welche der einzelne verfügt, bedingt die Wirkſamkeit dieſer verblaßten, ſchemenhaften, indirekten Bilder. Das Maß von Scharfſinn, Kritik, methodiſch hiezu angeleitetem Verſtande, das dem einzelnen eigen iſt, bedingt den richtigen oder falſchen Gebrauch von dieſen ſekundären Weltbildern. In der überlieferten Wiſſenſchaft empfängt der einzelne eine ſyſtematiſch angeordnete, nach gewiſſen richtigen oder ſchiefen Geſichtspunkten zurecht gemachte, teilweiſe zu farbloſen Abſtraktionen verflüchtigte Summe von Beobachtungsreſultaten, welche die große Menge gläubig hinnimmt, welche der Forſcher ſtets von neuem wieder prüft und ordnet.
Alle Beobachtung iſoliert aus dem Chaos der Erſcheinungen einen einzelnen Vorgang, um ihn für ſich zu betrachten. Sie beruht ſtets auf Abſtraktion; ſie analyſiert einen Teilinhalt. Je kleiner er iſt, je iſolierter er ſich darſtellt, deſto leichter iſt das Geſchäft. Die relative Einfachheit der elementaren Naturvorgänge erleichtert auf dem Gebiete der Naturwiſſenſchaften die Beobachtung ſehr; es kommt dazu, daß der Naturforſcher es in ſeiner Gewalt hat, die Umgebung, die mitwirkenden Urſachen beliebig zu ändern d. h. zu experimentieren und ſo den Gegenſtand von allen Seiten her leichter zu faſſen. Nicht bloß iſt das bei volkswirtſchaftlichen Erſcheinungen häufig nicht möglich, ſondern dieſe ſind ſtets — auch in ihrer einfachſten Form — ſehr viel kompliziertere Gegenſtände, abhängig von den verſchiedenſten Urſachen, beeinflußt durch eine Reihe mitwirkender Bedingungen. Nehmen wir eine Steigerung des Getreidepreiſes, des Lohnes, eine Kursveränderung oder gar eine Handelskriſis, einen Fortſchritt der Arbeitsteilung; faſt jeder ſolche Vorgang beſteht aus Gefühlen, Motiven und Handlungen gewiſſer Gruppen von Menſchen, dann aus Maſſenthatſachen der Natur (z. B. einer Ernte) oder des techniſchen Lebens (z. B. der Maſchineneinführung), er iſt beeinflußt von Sitten und Einrichtungen, deren Urſachen weit auseinander liegen. Es handelt ſich alſo ſtets oder meiſt um die gleichzeitige Beobachtung von zeitlich und räumlich zerſtreuten, aber in ſich zuſammenhängenden Thatſachen. Und vollends wenn typiſche Formen des volkswirtſchaftlichen Lebens, wie die Familienwirtſchaft, die Unternehmung oder konkret eine beſtimmte Volkswirtſchaft, ein Induſtriezweig beobachtet werden ſollen, ſo ſteigert ſich die Schwierigkeit des Selbſt- und des Richtigſehens, des Zuſammenordnens von vielen Beobachtungen außerordentlich. Die Möglichkeit von Fehlern liegt um ſo näher, je größer, verzweigter, komplizierter die einzelne Erſcheinung iſt. Die an ſich berechtigte Vorſchrift, einen zu unterſuchenden Vorgang in ſeine kleinſten Teile aufzulöſen, jeden für ſich zu beobachten und aus dieſen Beobachtungen erſt ein Geſamtergebnis zuſammenzuſetzen, iſt nur unter beſonders günſtigen Umſtänden reſtlos durchzuführen. In der Regel handelt es ſich darum, aus gewiſſen, an einem Vorgang feſtgeſtellten ſicheren Daten die übrigen nicht oder nicht genügend beobachteten ſchließend zu ergänzen und ſo ſich ein Bild von dem Ganzen desſelben zu machen; das geſchieht unter dem Einfluſſe gewiſſer Geſamteindrücke durch einen produktiven Akt der Phantaſie, der irren kann, wenn nicht reiche Begabung und Schulung den Geiſt auf die rechte Bahn lenken. Die Beſchreibung vollends greift immer gewiſſermaßen über die Beobachtung hinaus, indem ſie feſtſtehende Begriffe gebraucht, an feſtſtehende Wahrheiten anknüpft, Folgerungen aus dem Beobachteten ausſpricht, die einzelnen Beobachtungen zu einem Geſamtbilde vereinigt, Vergleichungen zur Erläuterung heranzieht. Die Zuſammenfaſſung mehrerer Beobachtungen und ihre Vergleichung, der Verſuch, ſo ausprobierend Geſamtvorſtellungen über größere Gebiete des volkswirtſchaftlichen Lebens zu ſchaffen, iſt ein Hauptmittel, in das Chaos zerſtreuter Einzelheiten Einheit zu bringen. Es liegt darin auch der Anſatz zu induktiven Schlüſſen, wie alle Beſchreibung ihren Hauptzweck darin hat, die Induktion, d. h. den Schluß vom einzelnen auf das zu Grunde liegende Geſetz vorzubereiten; aber ſie iſt an ſich noch nicht Induktion und dient ebenſo der Deduktion und ihrer Verifikation.
Je mehr freilich die größer angelegten Beſchreibungen das analytiſch im einzelnen Feſtgeſtellte zu Syntheſen zuſammenfaſſen, je mehr ſie von der elementaren Teilanalyſe zur kauſalen, verknüpfenden Analyſe vordringen, deſto mehr werden wir vermuten, daß nur der erfahrenſte Sachkenner, der zugleich ein vollendeter Künſtler iſt, der mit kurzen Strichen alles Weſentliche hervorzuheben verſteht, Vollendetes leiſte. Die geiſtigen Operationen dieſer Art verlaſſen auch ſtets den Boden der bloßen Beobachtung und Be- ſchreibung, ſie umfaſſen die ganze Wiſſenſchaft; — die vollendete Beſchreibung einer ganzen Volkswirtſchaft, einer volkswirtſchaftlichen Inſtitution, welche zugleich Kauſalerklärung iſt, wird häufig teilweiſe hypothetiſch und teleologiſch verfahren; ſie kann in Meiſterhänden doch ſo ſtreng wiſſenſchaftlich bleiben, daß ſie wahrer Erkenntnis ſehr nahe kommt.
Die vollendete Beſchreibung wird in der Regel nicht vermeiden können, die im Raum nebeneinander auftretenden, in der Zeit ſich folgenden gleichen und ähnlichen Erſcheinungen heranzuziehen. Nur aus ſolcher Vergleichung ergiebt ſich das Charakteriſtiſche und Eigentümliche deſſen, was man beſchreibend klar machen will. Der Kurs von heute iſt nur verſtändlich neben dem von geſtern, das Handwerk wird als typiſche Erſcheinung viel klarer, wenn ich Haus- und Großinduſtrie daneben ſtelle, die deutſche Arbeiterverſicherung wird erſt recht verſtändlich, wenn ich ſie mit der engliſchen vergleiche. Die Beſchreibung bedient ſich ſo der vergleichenden Methode, welche neuerdings eine ſteigende Bedeutung in den verſchiedenſten Wiſſenſchaften und ſo auch in der unſeren erhalten hat. Das Verfahren führt natürlich in der Regel über die Beſchreibung hinaus zu Schlußfolgerungen allgemeiner Art. Und hier liegen auch weſentlich die Fehler, welche die vergleichende Methode teilweiſe in Verruf gebracht haben. Gar manche Gelehrte waren geneigt, wenn keine guten Beobachtungen vorlagen, unvollkommene zu benutzen. Oftmals wurde nicht das Nächſtliegende, aus nahen Zeiträumen und ähnlichen Kulturverhältniſſen Stammende miteinander verglichen, ſondern Fanatiker der Vergleichung ſtellten oberflächliche Notizen über eine ägyptiſche, eine römiſche, eine hottentottiſche Einrichtung nebeneinander. Daraus konnten nur falſche Geſamtergebniſſe und ſchiefe Schlußfolgerungen hervorgehen.
Einen je größeren Teil ihres rohen Stoffes die Nationalökonomie anderen methodiſch durchgebildeten Wiſſenſchaften entnehmen kann, wie z. B. der Pſychologie, Anthropologie und Geographie, der Geſchichte und Statiſtik, der Rechtsgeſchichte, in deſto beſſerer Lage iſt ſie. Aber ſo ſehr dies heute der Fall iſt, ſo ſehr damit die einzelnen Methoden dieſer verwandten Wiſſenſchaften, zumal der Hülfswiſſenſchaft der Statiſtik, damit zu Methoden der Nationalökonomie ſelbſt geworden ſind, ſo ſehr ſie in ihrem geſchichtlichen Teile ſich der philologiſch-kritiſchen Methoden bedient, die dort ausgebildet wurden, ſo wenig reicht doch häufig die den Stoff vorbereitende Thätigkeit der Nachbarwiſſenſchaften aus. Die Geſchichte hat uns zahlreiche einzelne zuſammenhangsloſe Zunfturkunden mitgeteilt, erſt der nationalökonomiſche Forſcher ſah, daß es nötig ſei, einmal von einer einzigen Zunft einige hundert Urkunden nebeneinander zu ſtellen; die Geſchichte lieferte uns manches Material über ältere Bevölkerungsbewegung; erſt bevölkerungsſtatiſtiſch und nationalökomiſch geſchulte Leute, wie Hume und Dieterici früher, neuerdings K. Bücher und Beloch, haben Methode und Zuſammenhang in dieſe Unterſuchungen gebracht, eine vergleichende hiſtoriſche Bevölkerungsſtatiſtik geſchaffen. So wirken eben die aneinander grenzenden Wiſſenſchaften immer gegenſeitig befruchtend aufeinander.
Eine einzige Methode nationalökonomiſcher Beobachtung kann es entſprechend der Kompliziertheit des Stoffes natürlich nicht geben. Auf jeden Teil des Stoffes ſind die Mittel zu verwenden, die uns am weiteſten führen, die uns das zutreffendſte, wahrſte, vollſtändigſte Bild der Wirklichkeit, der volkswirtſchaftlichen Thatſachen geben.
Die Thatſachen kennen, ſagt Lotze, iſt nicht alles, aber ein Großes; dies gering zu ſchätzen, weil man mehr verlangt, geziemt nur jenen heſiodiſchen Thoren, die nie verſtehen, daß halb oft beſſer iſt als ganz. Und Laſſalle meint in ähnlichem Zuſammenhange: Der Stoff hat ohne den Gedanken immer noch einen relativen Wert, der Gedanke ohne den Stoff aber nur die Bedeutung einer Chimäre.
44. Die Begriffsbildung. Richtig beſchreiben, von einem Gegenſtande Merkmale ausſagen, die Urſachen aufdecken, die Folgen feſtſtellen kann nur, wer die Erſcheinungen, ihre Merkmale, ihre Konſequenzen mit Worten feſten Inhalts bezeichnet. Die Begriffsbildung hat die Aufgabe, die in der gewöhnlichen Sprache vorhandenen, von der Wiſſenſchaft benutzten, weiter gebildeten, oft umgedeuteten Worte zu dieſem Zwecke einer Erörterung, Deutung und Fixierung zu unterwerfen. Dieſe Begriffsbildung, für jede Wiſſenſchaft eine ihrer weſentlichen Aufgaben, iſt zunächſt eine Fortſetzung oder Potenzierung der natürlichen Sprachbildung. Jeder Sprachgebrauch geht vom anſchaulichen, ſinnlichen Bilde einer Erſcheinung aus, in dem eine Summe von Vorſtellungen um eine herrſchende gruppiert iſt; das Wort iſt dieſer herrſchenden Vorſtellung entnommen, bezeichnet das Bild mit allen ſeinen Vorſtellungen; das Wort wird zu einem abſtrakten, konventionellen Zeichen, das bei allen Gebrauchenden die gleichen oder ähnlichen Vor- ſtellungen hervorruft. Dieſe Vorſtellungen ſind aber nicht fixiert, es ſchieben ſich in die Wortbedeutung jeder lebendigen Sprache neue, wechſelnde Vorſtellungen ein; die herrſchende Vorſtellung wird von einer anderen verdrängt. Und je allgemeinere Vor- ſtellungskreiſe ein Wort einheitlich zuſammenfaßt, deſto zweifelhafter iſt in der gewöhnlichen Sprache der damit verbundene Sinn. Die Wiſſenſchaft hat nun das Bedürfnis, dieſe fließenden und ſchwankenden Vorſtellungskreiſe immer wieder für ihre Zwecke zu fixieren; ſie verlangt möglichſte Konſtanz, durchgängige, feſte Beſtimmtheit, Sicherheit und Allgemeingültigkeit der Wortbezeichnung. Die Definition iſt das wiſſenſchaftlich begründete Urteil über die Bedeutung eines Wortes. Indem wir definieren, wollen wir für alle an der Gedankenarbeit Teilnehmenden eine gleichmäßige Ordnung des Vor- ſtellungsinhaltes und damit zugleich eine einheitliche Klaſſifikation der Erſcheinungen eintreten laſſen. Das iſt aber immer nur bis zu einem gewiſſen Grade möglich. Die Dinge ſelbſt und alle unſere Vorſtellungen über ſie ſind ſtets im Fluſſe begriffen; die vollendete Klaſſifikation der Erſcheinungen iſt niemals ganz vorhanden; die Worte, mit denen wir einen Begriff definieren, ſind ſelbſt nicht abſolut feſtſtehend; ſie wären es nur, wenn es bereits ein vollendetes Begriffsſyſtem gäbe, was nicht der Fall iſt. Wir müſſen uns alſo in allen Wiſſenſchaften mit vorläufigen Definitionen begnügen, dem weiteren Fortſchritte der Wiſſenſchaft und des Lebens ihre weitere Richtigſtellung überlaſſend.
Eine Wiſſenſchaft, die ſchon ein relativ feſtſtehendes Begriffsſyſtem hat, definiert durch Angabe der nächſt höheren Gattung des Begriffes und durch den artbildenden Unterſchied; die Nationalökonomie und das ganze Gebiet der Staatswiſſenſchaft iſt nur an einzelnen Stellen ſo weit, in dieſer Weiſe definieren zu können: z. B. die Hausinduſtrie iſt eine Unternehmungsform, bei welcher der kleine Produzent nicht direkt ans Publikum verkauft, ſondern den Abſatz ſeiner Produkte nur durch anderweite kaufmänniſche Vermittelung erreicht.
In der Regel muß ſie definieren, indem ſie den Begriff in ſeine Merkmale zerlegt, die wichtigſten zur Charakteriſierung benutzt. Artet die Definition dadurch zu einer breiten analytiſchen Beſchreibung aus, ſo hört ſie auf Definition zu ſein, und riskiert, nicht einmal die herrſchende Vorſtellung in den Mittelpunkt zu ſtellen. Betont ſie in der Definition ausſchließlich eines von verſchiedenen Merkmalen, ſo kommt die Gefahr, daß jedem für ſeine wiſſenſchaftlichen Zwecke ein anderes Merkmal als das wichtigſte erſcheint. Daher faſt ſtets verſchiedene Definitionen möglich ſind, die nicht durch ihre Richtigkeit, ſondern durch ihre Zweckmäßigkeit für beſtimmte wiſſenſchaftliche Zwecke ſich unterſcheiden. Die Gefahr wächſt, je allgemeiner und abſtrakter die Begriffe ſind. Wie die Rechtswiſſen- ſchaft, welche für die einzelnen konkreten Rechtsinſtitute das vollendetſte Begriffsſyſtem hat, für ihre allgemeinen Begriffe Recht, Staat ꝛc. noch in keiner Weiſe zu allgemein anerkannten Begriffen kommen konnte, ſo iſt es begreiflich, daß auch die Volkswirtſchaft ein ähnliches Schickſal teilt; jeder faſt definiert ihre allgemeinſten Begriffe, wie Wirt- ſchaft oder Arbeit, wieder in anderer Weiſe.
Das hat nun nicht ſo ſehr viel zu ſagen für denjenigen, welcher nur Nominaldefinitionen, d. h. Urteile über den Sprachgebrauch geben will, dieſen treu bleibt, mit ihnen vom gewöhnlichen Gebrauche ſich nicht allzuweit entfernt. Von ganz anderer Bedeutung wird es für die, welche Realdefinitionen, d. h. Urteile über das Weſen der Sache abgeben wollen. Der Realdefinition in ihrer älteren, von den Alten wie von Hegel und Lorenz Stein gebrauchten Bedeutung liegt die unhaltbare Vorſtellung zu Grunde, die Worte und Begriffe enthielten, gleichſam wie in einem vollendeten Spiegel, das erſchöpfende Abbild der Welt in ſich. In Wirklichkeit beruhen die Worte oft auf einem unklaren oder falſchen Vorſtellungsinhalt, jedenfalls ſtets auf einem von dem geiſtigen Horizont der Gebraucher abhängigen. Daraus erklärt es ſich, daß die genialſten, mit dem reichſten Vorſtellungsinhalt ausgeſtatteten Menſchen beim Gebrauch der Worte, vor allem der allgemeinen Begriffe, ſich am meiſten denken können und dementſprechend aus dem Begriff, d. h. aus ihrem verhältnismäßig reichen Vorſtellungsinhalt, mehr entwickeln können. Es iſt ferner richtig, daß, je weiter eine Wiſſenſchaft bereits iſt, ſie deſto mehr die von ihr gewonnenen Wahrheiten und Kauſalzuſammenhänge in die Definition ihrer oberſten Begriffe hineinverlegen kann; denn dieſe gehören zu den weſentlichſten Merkmalen, zu den für das Wort weſentlichſten Vorſtellungen. Für die gewöhnlichen Menſchen aber gehören die allgemeinſten Begriffe zu den leerſten; und es iſt daher die Meinung, daß mit dem rechten Begriffe der Wirtſchaft oder der Arbeit, mit der Auseinanderlegung dieſes Begriffes das Weſen der Volkswirtſchaft gegeben ſei, eine außerordentlich gefährliche und irreführende. Sie verbindet ſich überdies häufig mit der ſchiefen myſtiſchen Vorſtellung eines einheitlichen Begriffsſchematismus, der rein logiſch eine Erſcheinung aus der anderen ohne Zuhülfenahme der Erfahrung entſtehen laſſen könne. Nur das iſt richtig, daß alle Begriffe innerlich zuſammenhängen, weil wir jedes Wort wieder mit anderen definieren, weil die Abgrenzung des einen Wortes immer zugleich die der Nachbarbegriffe einſchließt.
Deshalb enthält jede Begriffsbildung zugleich eine Klaſſifikation der Erſcheinungen, die um ſo bedeutungsvoller wird, wenn man eine Summe in Zuſammenhang ſtehender Erſcheinungen nach einem beſtimmten Geſichtspunkte oder Syſteme ſo einteilen will, daß die einzelnen Klaſſen gleiche Glieder einer Reihe bilden und die Geſamtheit planvoll erſchöpfen. Hier wird eine Anordnung und Verteilung erſtrebt, um eine Gruppe von Erſcheinungen in unſerem Geiſte am beſten zu ordnen; es handelt ſich um einen Kunſtgriff, welchen die Gewalt über unſer Wiſſen mehren ſoll, um eine höchſt wichtige wiſſen- ſchaftliche Thätigkeit, die nur auf Grund genaueſter Kenntnis alles einzelnen und auf Grund eines Überblickes über das Ganze, über alle Urſachen und Folgen gut auszuführen iſt. Da dieſe Vorausſetzung aber nicht leicht vollſtändig zutrifft, ſo verfährt auch die klaſſifikatoriſche Begriffsbildung hypothetiſch und proviſoriſch und iſt immer wieder neuer Verbeſſerungen fähig. Unter den Klaſſifikationen kann man die analytiſchen und genetiſchen unterſcheiden. Wenn A. Wagner die geſamten volkswirt- ſchaftlichen Erſcheinungen in ein privatwirtſchaftliches, gemeinwirtſchaftliches und karitatives Syſtem einteilt, ſo iſt das eine analytiſche; wenn Hildebrand Natural-, Geld- und Kreditwirtſchaft trennt, wenn ich ſelbſt Dorf-, Stadt-, Territorial-, Volkswirtſchaft als hiſtoriſche Reihenfolge aufſtellte, ſo ſind das genetiſche, die hiſtoriſche Entwickelung andeutende Klaſſifikationen. Die Grenzen bei ſolcher Reihenbildung werden ſtets etwas unſicher ſein, aber der Kern der Erſcheinung, den man in den einzelnen Begriffen zu faſſen ſucht, entſpricht je einem eigenartigen Typus.
Richtige Begriffe und Klaſſifikationen ſind eines der wichtigſten Hülfsmittel der Wiſſenſchaft, aber ſie machen nicht die Wiſſenſchaft als ſolche aus, ſind nicht die erſte oder einzige Aufgabe derſelben. Gute Definitionen könnte man ſcharfen Klingen vergleichen; man muß ſie immer wieder ſchärfen, aus neuem Metall neue Klingen ſchmieden. Aber an alten Klingen immer nur herum zu hämmern, Klingen zu ſchmieden, wo nichts zu ſchneiden und zu ſcheiden iſt, Worte definieren, die man in der Wiſſen- ſchaft nicht weiter gebraucht, hat wenig Sinn. Zeitweiſe Begriffsreviſion iſt nötig, wenn neuer Erfahrungsſtoff ſich angeſammelt hat und zu ordnen iſt, wenn neue große Gedanken andere Klaſſifikationen bedingen. Als die engliſche Naturlehre der Volkswirtſchaft nach Deutſchland übertragen wurde, waren ſchon wegen der Inkongruenz der deutſchen und engliſchen Worte ſcharfe Begriffsunterſuchungen, wie ſie Hufeland, Lotz und Hermann anſtellten, wünſchenswert. Auch heute wieder haben ſolche Unterſuchungen ihren großen Wert, und ein ſo ſcharfſinniger Gelehrter wie F. J. Neumann (Grundlagen der Volkswirtſchaftslehre, 1889; Schönbergs Handbuch, Wirtſchaftliche Grundbegriffe; Naturgeſetz und Wirtſchaftsgeſetz. Z. f. St. 1892), der auch durch ausgezeichnete ſtatiſtiſche und methodologiſche Arbeiten ſich auszeichnet, hat dieſe Teile unſerer Wiſſenſchaft erheblich gefördert. Aber eine unheilvolle Verirrung iſt es, wenn man die Nationalökonomie für eine Wiſſenſchaft erklärt, welche nur die Funktion weiterer Scheidung der Begriffe oder des bloßen Schließens aus Axiomen und Begriffen habe. Dieſelbe Bedeutung wie in der Jurisprudenz kann die Begriffsentwickelung in unſerer Wiſſenſchaft nie erhalten; denn jene hat ihren praktiſchen Hauptzweck in der richtigen Anwendung feſt umgrenzter Rechtsbegriffe, dieſe hat ihren weſentlichen Zweck in der Erklärung realer Vorgänge; ſie will deren typiſche Erſcheinung beſchreiben und kauſale Verknüpfung aufhellen.
45. Die typiſchen Reihen und Formen, ihre Erklärung, die Urſachen. Wie es überhaupt keine menſchliche Erkenntnis ohne die Wiederholung des Gleichen oder Ähnlichen gibt, ſo knüpft auch alle eigentliche volkswirtſchaftliche Theorie an die Erfaſſung der typiſchen Vorgänge, der Wiederholung gleicher Einzelerſcheinungen und Reihen von Erſcheinungen, gleicher oder ähnlicher Formen an.
Die typiſchen Erſcheinungen der Haus- und Gemeindewirtſchaft, der ſocialen Klaſſen und der Arbeitsteilung fielen der denkenden Betrachtung zuerſt in die Augen; dann der Geldverkehr, die Steuern, die ſtaatliche Wirtſchaftspolitik. Es entſtand im 17. und 18. Jahrhundert das Bild einer tauſchenden Geſellſchaft mit Markt und Verkehr, mit Stadt und Land, mit Grundbeſitzern, Kapitaliſten und Arbeitern. Dieſe Grundformen wollte man als notwendige, ſtets ſich einſtellende begreifen, ſie aus gewiſſen Prämiſſen ableiten, ihre wirkliche Geſtaltung im Einzelfalle an einem Ideale meſſen. Auch als man begann, die hiſtoriſche und geographiſche Verſchiedenheit der volkswirt- ſchaftlichen Geſtaltungen ins Auge zu faſſen, richtete man ſein Augenmerk zunächſt auf das im Wechſel ſich Gleichbleibende, auf den typiſchen Rhythmus der Änderungen, auf die regelmäßige Koexiſtenz gewiſſer Formen und Erſcheinungen. Und als es der Statiſtik gelungen war, neben die qualitative die quantitative Beobachtung der geſellſchaftlichen und volkswirtſchaftlichen Verhältniſſe zu ſtellen, war die typiſche Regelmäßigkeit der Zahlenergebniſſe von Jahr zu Jahr, wie von Land zu Land ebenfalls das, was zuerſt ins Auge fiel. Auch die Veränderungen, die man beobachten konnte, wieſen teilweiſe auf einen typiſchen Gang hin, der bei verſchiedenen Völkern in verſchiedenen Epochen ſich gleichmäßig wiederholt, wie z. B. die Übervölkerung. Es lag der erſte große Fortſchritt der Wiſſenſchaft in dieſer Erfaſſung qualitativer Formen und quantitativer Maßbeſtimmung derſelben; für einen erheblichen Teil unſeres volkswirtſchaftlichen Wiſſens ſind wir heute noch nicht weiter. Die Vorſtellung ſolch’ ſchematiſcher Formenbilder und Reihen iſt ſchon an ſich ein Element der Ordnung der Vorſtellungen, ein heuriſtiſches Hülfsmittel, Vergangenheit und Zukunft zu verſtehen.
Aber natürlich weiſen ſolche Typen und Reihen, ſolche Formen und Regelmäßigkeiten auf eine tiefere Erklärung hin. Und ſo ſehr man von Anfang an in ihnen die Geſetzmäßigkeit kauſaler Verknüpfung erkannte oder ahnte, ſo ſehr man auf einzelne Urſachen ſofort verfiel, wie die Naturrechtslehrer die allgemeine Menſchennatur, die Merkantiliſten den Geldverkehr, A. Smith die Arbeit und den Erwerbstrieb in den Vordergrund der Kauſalerklärung rückten, ſo wenig konnte ein ſolches ſummariſches Hinweiſen auf eine Urſache oder Urſachengruppe genügen, noch weniger konnte eine Art rohen Analogieverfahrens als das Hauptprincip der Erklärung befriedigen. So wenn man Bevölkerung, Volkswirtſchaft und Geſellſchaft nach dem Vorbilde der Phyſik als ein mechaniſches Syſtem von Kräften anſah, die ſich im Gleichgewicht halten, oder wenn man glaubte, durch den bei Pflanzen und Tieren beobachteten Kampf ums Daſein den ſocialen Entwickelungsprozeß analog erklären zu können. Gewiß können ſolche Analogien manches anſchaulicher machen, können Zuſammenhänge finden helfen, aber ſie führen ebenſo oft auf Irrwege und können die Erklärung aus den konkreten Einzelurſachen nie erſetzen.
Seit die neuere Wiſſenſchaft zu dem freilich nicht beweisbaren, aber trotzdem unerſchütterlichen Glauben von einem gleichmäßigen, in ſich ſtets lückenlos zuſammenhängenden, durch beſtimmte Kräfte beherrſchten Entwickelungsprozeß der Natur, der Geſchichte und der menſchlichen Geſellſchaft gekommen iſt, erſcheint die Feſtſtellung der ſpeciellen und zwar der ſämtlichen Urſachen jeder einzelnen Erſcheinung als die wichtigſte Aufgabe des wiſſenſchaftlichen Verfahrens. Nur ſo kommt diejenige Einheit und Ordnung in die unendliche Mannigfaltigkeit der Erſcheinungen, welche uns befriedigt. Von den vielen verſchiedenen und nächſtliegenden Urſachen verſuchen wir dann aufzuſteigen zu den wenigen und einfachen. So hoffen wir zu einer erſchöpfenden Erklärung der Welt, der Koexiſtenz und Folge der Dinge zu kommen.
Aber die Aufgabe iſt eine unendlich ſchwierige. Was iſt Urſache? was iſt Folge? Wenn wir antworten, A iſt die Urſache von B, wenn A das unbedingte und notwendige Antecedens von B iſt, ſo fügen wir doch gleich bei, daß B nicht logiſch in A enthalten ſei, daß B nur erfahrungsmäßig als ſtets integrierender Teil eines Ganzen ſich uns darſtelle, in dem A den Vortritt vor B habe. Wir ſehen, daß ſelbſt bei einfachen phyſiſchen oder biologiſchen Vorgängen der Eintritt einer Thatſache meiſt von einer Summe von Zuſtänden und Vorbedingungen abhängt, deren nur eine zu fehlen braucht, um den Eintritt, wenigſtens in dieſer Form, zu hindern. Es iſt nur eine Art ſprachlicher Aushülfe, wenn man den zuletzt hinzutretenden Faktor als Urſache, die vorher vorhandenen als Bedingungen bezeichnet. Vollends alle geſellſchaftlichen und volkswirt- ſchaftlichen Erſcheinungen haben wir regelmäßig auf eine Reihe phyſiſcher und biologiſcher Urſachen einerſeits, auf eine Reihe pſychiſcher und moraliſcher andererſeits zurückzuführen. Und jede dieſer Einzelurſachen weiſt auf zeitlich weiter zurückliegende Urſachenketten und -komplexe hin, die wir niemals ganz erfaſſen können. Das komplizierte Nebeneinander des Seienden geht ſtets auf frühere Kombinationen, auf geſetzlich geordnete aber fern liegende, uns unerforſchliche Zuſtände zurück, über die wir uns nur Vermutungen und Hypotheſen erlauben, die wir nur durch teleologiſche Betrachtungen uns verſtändlich machen können.
Schon die Doppelbedingtheit aller volkswirtſchaftlichen Erſcheinungen durch materielle und geiſtige Urſachen erzeugt für die Unterſuchung beſondere Schwierigkeiten. Der häufig gemachte Verſuch, die letzteren auf die erſteren zurückzuführen, wie es die Materialiſten und Buckle gethan, der aus Klima, Boden und ähnlichen Faktoren die geiſtige Entwickelung eines Volkes ableiten will, oder wie die Marxianer aus der ökonomiſchen Produktion alles höhere Kulturleben reſtlos glauben erklären zu können, muß immer wieder ſcheitern. Denn ſo ſehr heute der Zuſammenhang alles geiſtigen Lebens mit dem Nervenleben, der Parallelismus der pſychiſchen und biologiſchen Erſcheinungen erkannt wird, aus rein materiellen Elementen iſt nie und wird wohl nie das Seelenleben erklärt werden. Gewiß finden heute auch die umgekehrten Sätze der Idealiſten keinen Glauben mehr; ſo z. B. der Ausſpruch des engliſchen Hiſtorikers Froude: „Wenn es einem Menſchen frei ſteht zu thun, was er will, ſo giebt es keine genaue Wiſſen- ſchaft von ihm; wenn es eine Wiſſenſchaft von ihm giebt, ſo giebt es keine freie Wahl.“ Wir wiſſen heute, daß die pſychiſche Kauſalität eine andere iſt als die mechaniſche, aber wir betrachten ſie als eine gleich notwendige. Wenn wir einen Menſchen ganz durch- ſchauen, wenn wir einen Volkscharakter vollſtändig kennen, ſo deduzieren wir mit voll- ſtändiger Sicherheit aus ihm. Wir glauben nicht mit den materialiſtiſchen Statiſtikern, daß ein blindes Schickſal jährlich ſo vielen Menſchen die Piſtole zum Selbſtmord in die Hand drücke, aber wohl, daß bei der gleichmäßigen Fortdauer beſtimmter moraliſcher und materieller Zuſtände in der gleichen Zahl von Selbſtmorden und Verbrechen ein notwendiges Kauſalergebnis liege. Wir finden die Freiheit des ſittlichen Charakters nicht in der Leugnung der pſychiſchen Kauſalität, ſondern in der Anerkennung der individuellen Energie als des wichtigſten Faktors unſerer Entſchließungen, in der Garantie, die der edle, durchgebildete Charakter giebt, nur gut handeln zu können. Wir finden die Berechtigung der Strafe für den Verbrecher gerade darin, daß die Strafe nicht bloß die Antwort auf eine einzelne That, ſondern auf eine lange innere Geſchichte iſt, die bis zum Verbrechen mit Notwendigkeit führt.
Aber wir fragen, wie iſt es möglich, den Menſchen, die Menſchen und alle Menſchen ſo zu kennen, daß wir Sicheres aus ihrer Pſyche ſchließen können. Die Pſychologie iſt uns der Schlüſſel zu allen Geiſteswiſſenſchaften und alſo auch zur Nationalökonomie. Wir wiſſen, daß das Einfachere in ihr ſeit Jahrtauſenden allen Denkern klar iſt, weil es auf der inneren Wahrnehmung, der ſicherſten Quelle aller Erkenntnis, beruht. Daher iſt es auch erklärlich, daß das Verſtändnis für gewiſſe elementare pſychologiſche Verurſachungen ſehr alt iſt; und ſo mußte es auch für die Nationalökonomie, die ſich in der Epoche des Tauſch- und Geldverkehrs ausbildete, nahe liegen, aus dem egoiſtiſchen Erwerbstrieb deduktiv zahlreiche Sätze abzuleiten; jeder Menſchenkenner und jeder Politiker wendet jeden Moment weitere derartige generelle pſychologiſche Wahrheiten an, um deduktiv aus ihnen vieles zu erklären. Aber von einer empiriſchen, wiſſenſchaftlich vollendeten Pſychologie, von einer ausreichenden pſychologiſchen Völker- und Klaſſenkunde können wir leider heute doch noch entfernt nicht reden. Und gerade ſie müßten wir an Stelle der wenigen zu Gemeinplätzen gewordenen pſychologiſchen Wahrheiten, mit denen wir jetzt haushalten, beſitzen, um beſſeren Boden in der Volkswirtſchafts- und Staatslehre unter den Füßen zu haben. Jeder Forſcher, der uns die Induſtrie eines Volkes, der uns nur die Arbeiter eines Fabrikzweiges vorführt, beginnt mit einer pſychologiſchen Zeichnung; bei jedem allgemeinen Schluß über die Wirkung einer Inſtitution, einer Veränderung von Angebot und Nachfrage auf die Entſchließungen der Menſchen handelt es ſich darum, die pſychologiſchen Zwiſchenglieder der Unterſuchung richtig zu beſtimmen. Aber die Frage iſt immer, ob und in wie weit man dieſe pſychiſchen Faktoren genau genug kenne, in ihrer unendlichen Kompliziertheit beherrſche, ob man ihr Zuſammenwirken mit den entſprechenden natürlichen Urſachen überhaupt ganz verfolgen könne.
Und es wird kein Zweifel ſein, daß wir in Bezug auf die komplizierteſten Zu- ſammenhänge in den Geiſteswiſſenſchaften überhaupt die Strenge der Naturwiſſenſchaften nicht leicht erreichen können. Zumal das wenige, was wir über die entferntere Vergangenheit wiſſen, wird uns nie in den Stand ſetzen, den Gang der Geſchichte als einen abſolut notwendigen zu verſtehen, wir werden zufrieden ſein, wenn wir ihn nur im allgemeinen begreiflich und verſtändlich finden. Das Individuelle, das das Schickſal jedes Volkes hat, liegt eben in der Kompliziertheit der Kauſalitätsbeziehungen. Nirgends wiederholt ſich da ganz dasſelbe Schauſpiel, wie freilich auch kein einziger Baum auf Erden ganz das Abbild eines anderen iſt. Wir werden in Bezug auf das Geſamtſchickſal der Völker, auch in Bezug auf ihr wirtſchaftliches, niemals zu einer ganz ſicheren Vorausſagung kommen, weil wir nie die geſamten Urſachen einheitlich überblicken, ſie quantitativ meſſen können.
Aber trotzdem werden wir uns nicht abſchrecken laſſen, immer wieder die Kauſalitätsverhältniſſe ſo genau als möglich zu erfaſſen, um ſo viel als möglich zu verſtehen und vorausſagen zu können. Und vieles haben wir ſchon erreicht, noch mehr werden wir erreichen. Wir ſtehen erſt am Anfange einer methodiſchen Erkenntnis der Zuſammenhänge. Zu ihr gehört es nun vor allem, daß wir uns für jede volkswirtſchaftliche Unterſuchung bewußt ſind, nicht einheitlichen Urſachen, ſondern einer Reihe von Urſachenkomplexen gegenüber zu ſtehen, deren jede ihre eigene Natur hat, beſondere wiſſenſchaftliche Behandlung verlangt.
Die Thatſachen der äußeren Natur, welche die Volkswirtſchaft beherrſchen und beeinfluſſen, ſind nur durch die Methoden naturwiſſenſchaftlicher Forſchung zugänglich; ſie geben für die Möglichkeiten der volkswirtſchaftlichen Entwickelung gewiſſe Minimal- und Maximalgrenzen, ähnlich wie alle rein äußeren materiellen, wirtſchaftlichen Urſachen, z. B. auch Bevölkerungsdichtigkeit, Kapitalreichtum, Stand der Technik notwendig eine gewiſſe Geſtaltung der ganzen Volkswirtſchaft nach ſich ziehen, die aber in ihrem wichtigſten Detail doch ganz verſchieden ſein kann, je nach den pſychologiſchen und ſittlichen Eigenſchaften der Menſchen.
Die Thatſachen der menſchlichen Raſſen- und Völkerkunde unterliegen naturwiſſen- ſchaftlicher, hiſtoriſcher und pſychologiſcher Unterſuchung, die in ihrem Geſamtergebnis weſentlich mit die abweichende wirtſchaftliche Kultur der einzelnen Nationen beſtimmen und daher immer ergänzend heranzuziehen ſind zu den generellen pſychologiſchen Schlüſſen aus der allgemeinen Menſchennatur.
Die Thatſachen der elementaren Bevölkerungsbewegung ſind biologiſchen und pſychiſchen Charakters; bei einer gewiſſen Kultur und in beſtimmtem Klima muß ihr gewöhnlicher Gang ein gleichmäßiger ſein; die Erklärung der Elementarerſcheinungen iſt zunächſt phyſiologiſchen Charakters. Die Maſſenerſcheinungen der Bevölkerung wie die Preiserſcheinungen des Marktes in relativ ruhig ſich entwickelnden Gemeinweſen ſind ſtatiſtiſch erfaßt einer Art mechaniſch-mathematiſcher Behandlung zugänglich, wobei dann eine Konſtanz der weſentlichen Urſachen vorausgeſetzt wird. Die Erklärung der Abweichungen und Schwankungen der Bevölkerungsſtatiſtik wie der ganzen Moralſtatiſtik erfordert eine pſychologiſche, hiſtoriſche, völkervergleichende und wirtſchaftliche Unter- ſuchung.
Die allgemeinen pſychologiſchen Elemente, welche das volkswirtſchaftliche Leben beeinfluſſen und beherrſchen, äußern ſich teils in elementarer, direkter Weiſe gleichſam als Urſachen erſter Ordnung, wobei von einer pſychiſchen Trieblehre und einer Theorie der ſittlichen Charakterbildung auszugehen iſt, dann aber als komplizierte Ergebniſſe eines höheren Kulturlebens, als Sprache, Sitte, Recht, als Inſtitutionen wirtſchaftlicher und rechtlicher Art. Das ergiebt ein Netz pſychiſcher Verurſachung höherer Ordnung. Für erſteres kommt die individuelle und vergleichende Pſychologie, für dieſe hauptſächlich die hiſtoriſche Unterſuchung, die vergleichende Sitten- und Rechtsgeſchichte in Betracht. Es bildet einen der größten Fortſchritte der neueren Volkswirtſchaftslehre, daß ſie auf die Erkenntnis dieſer geiſtigen Zwiſchenglieder zwiſchen Natur und Pſyche einerſeits und volkswirtſchaftlichen und ſocialen Erſcheinungen andererſeits den rechten Nachdruck gelegt hat, daß ſie nicht mehr verſucht, bloß aus Natur- und Größenverhältniſſen und den rohſten pſychologiſchen Axiomen, ſondern vor allem aus der Geſchichte der volkswirt- ſchaftlichen Inſtitutionen heraus zu argumentieren.
46. Geſetze, induktive und deduktive Methode. Das Ergebnis iſt ſo das allerdings für den Anfänger erſchreckende: zu wiſſenſchaftlich allſeitigen Unterſuchungen auf volkswirtſchaftlichem Gebiete gehören Methoden der verſchiedenſten Art, Kenntniſſe aus den verſchiedenſten Wiſſensgebieten. Die Ergebniſſe ſind nirgends vollſtändige, ſie liegen nach Methode und Gegenſtand oft ſo getrennt nebeneinander, daß ihre ſynthetiſche Verbindung die größte Schwierigkeit bereitet und nur auf wenigen Gebieten bis jetzt eine vollendete Erkenntnis gewährt. Und doch iſt ſchon unendlich viel gewonnen gegen früher. Die einfacheren Vorgänge des Markt- und Verkehrsweſens, der Bevölkerung, den Hauptgang der volkswirtſchaftlichen Entwickelung überſehen wir ziemlich genau; wir wiſſen, daß gewiſſe elementare volkswirtſchaftliche Vorgänge und ſociale Einrichtungen ſo ziemlich überall gleichmäßig bei gewiſſer Kulturhöhe eintreten. Wir haben in den unteren Etagen des Gebäudes die Fähigkeit einer gewiſſen Vorausſage erreicht, die nicht zu verachten iſt. Wir ſprechen, während wir geſtehen, hiſtoriſche Geſetze nicht zu kennen, von volkswirtſchaftlichen und ſtatiſtiſchen Geſetzen. Wir meinen damit freilich teilweiſe nur die regelmäßig und typiſch ſich wiederholenden Erſcheinungsreihen: das ſind die ſogenannten empiriſchen Geſetze, deren Kauſalverhältniſſe entweder noch gar nicht aufgedeckt oder wenigſtens noch nicht quantitativ gemeſſen ſind. Wirkliche Geſetze, d. h. Kauſalverbindungen, deren konſtante Wirkungsweiſe wir nicht bloß kennen, ſondern auch quantitativ beſtimmt haben, kennt auch die Naturwiſſenſchaft erſt wenige. Die Erfaſſung pſychiſcher Kräfte wird ſich quantitativer Meſſung wohl für immer entziehen. Es iſt aber jedenfalls charakteriſtiſch, daß wir auch in der Volkswirtſchaftslehre diejenigen aufgedeckten Kauſalzuſammenhänge mit Vorliebe Geſetze nennen, bei denen wenigſtens Verſuche vorliegen, die Maſſenwirkung der pſychiſch-ſocialen Kräfte in konſtanten oder in beſtimmter Proportion ſich ändernden Zahlenergebniſſen zu meſſen: ich erinnere an die Ausdrücke Bevölkerungsgeſetz, Lohngeſetz, Preisgeſetz, Geſetz der Grundrente.
Ein letztes einheitliches Geſetz volkswirtſchaftlicher Kräftebethätigung giebt es nicht und kann es nicht geben; das Geſamtergebnis volkswirtſchaftlicher Urſachen einer Zeit und eines Volkes iſt ſtets ein individuelles Bild, das wir aus Volkscharakter und Ge- ſchichte heraus unter Zuhülfenahme allgemeiner volkswirtſchaftlicher, ſocialer und politiſcher Wahrheiten begreiflich machen, aber entfernt nicht reſtlos auf ſeine Urſachen zurückführen können. Über die Geſamtentwickelung der menſchlichen Wirtſchaftsverhältniſſe beſitzen wir nicht mehr als taſtende Verſuche, hypothetiſche Sätze und teleologiſche Betrachtungen. Aber wir haben feſten Boden unter den Füßen in Bezug auf zahlreiche Elemente, aus denen ſich die Volkswirtſchaften der einzelnen Länder und Zeiten zuſammen- ſetzen. Das Allgemeinſte bleibt als das Komplizierteſte ſtets das Unſicherſte, vom einzelnen ausgehend dringen wir vor. Die einfacheren Verbindungen verſtehen wir, die Entwickelung einzelner Seiten können wir kauſal ziemlich vollſtändig erklären, die Ge- ſchichte einzelner Wirtſchaftsinſtitute überblicken wir.
Was wir erreicht haben, iſt ebenſo ſehr Folge deduktiver als induktiver Schlüſſe. Wer ſich überhaupt über die zwei Arten des Schlußverfahrens, die man ſo nennt, ganz klar iſt, wird nie behaupten, es gebe die Wirklichkeit erklärende Wiſſenſchaften, die ausſchließlich auf der einen Art ruhen. Nur zeitweiſe, nach dem jeweiligen Stande der Erkenntnis, kann das eine Verfahren etwas mehr in den Vordergrund der einzelnen Wiſſenſchaft rücken.
Die Deduktion geht von feſtſtehenden analytiſchen oder ſynthetiſchen Wahrheiten aus, ſucht aus ihnen durch Schlüſſe und Kombinationen neue zu gewinnen; verwickelte Erſcheinungen verſucht ſie aus den bekannten Wahrheiten zu erklären; ihre Hauptbedeutung beſteht darin, daß der Unterſuchende neuen Problemen gegenüber eine möglichſt große Zahl feſtſtehender Sätze in ihren Konſequenzen probierend, ſpielend, taſtend auf die zu löſende Frage anwendet, ſo den Schlüſſel zu ihr ſuchend. Wir machen faſt keinen Schritt unſeres wiſſenſchaftlichen Denkens ohne dieſe Operation. Je einfacheren Problemen wir gegenüberſtehen, je weiter unſer Wiſſen auf einem Gebiete ſchon iſt, deſto mehr werden wir damit ausreichen, deſto häufiger iſt das noch Unaufgeklärte nur ein komplizierteres Ergebnis feſtſtehender Sätze. Daher die bekannte Thatſache, daß die einfacheren Wiſſenſchaften ſchon ausſchließlich oder faſt ganz deduktive geworden ſind, wie die Mathematik, die Mechanik, die Aſtronomie, daß die elementarſten Erſcheinungen der Volkswirtſchaft, die Markterſcheinungen, der deduktiven Behandlung am zugänglichſten ſind; daher der Drang aller Wiſſenſchaft, möglichſt deduktiv mit der Zeit zu werden.
Auch wo man noch weniger weit iſt, wo man noch viele Kauſalitätsverhältniſſe gar nicht aufgehellt hat, wo die verwirrte Komplikation der Erſcheinungen gar nicht vermuten läßt, daß man ſchon alle Wahrheiten kenne, die zur vollſtändigen Erklärung nötig wären, wendet man doch, ſo weit es geht, bekannte Wahrheiten deduktiv an. Vor allem die von anderen vorbereitenden Wiſſenſchaften gelieferten und feſtgeſtellten Sätze verwendet man deduktiv, alſo in der Nationalökonomie und in allen Staatswiſſenſchaften die pſychologiſchen Wahrheiten. Man ſchließt aus dem Egoismus, dem Ehrgeiz, dem Triebe der Liebe, kurz aus allen richtig beſtimmten pſychiſchen Sätzen deduktiv weiter. Es iſt nur irreführend, wenn man aus einer Kraft ſchließt, wo mehrere wirken, von einem Triebe eine falſche oder eine immer konſtante Stärke annimmt.
Stimmt nun das Ergebnis unſerer deduktiven Schlüſſe mit der Wirklichkeit nicht überein, oder ſind die bereits feſtſtehenden Wahrheiten nicht ausreichend, unſeren Thatbeſtand zu erklären, dann ſchreiten wir zur Induktion; d. h. wir ſuchen aus dem vorliegenden, genau beobachteten und geprüften Fall auf eine allgemeine Regel, auf ein bisher uns verſchloſſenes Kauſalverhältnis zu kommen. Aber die ſo gefundene neue Wahrheit verwerten wir ſofort wieder deduktiv, wir prüfen, ob ſie auf analoge Fälle paßt.
In der Regel oder ſehr häufig pflegt man nun aber alle empiriſche Beobachtung als Induktionsverfahren zu bezeichnen; alle ſtatiſtiſche und hiſtoriſche Forſchung, alles ſynthetiſche Kombinieren von Reſultaten ſolcher Unterſuchungen gilt als induktiv. Wer ein gegebenes volkswirtſchaftliches Verhältnis nicht aus dem Egoismus erklärt, ſondern aus dem Volkscharakter, den Zeitverhältniſſen, wird als induktiver Nationalökonom bezeichnet, wie der, welcher aus einer Reihe hausinduſtrieller Schilderungen allgemeine Wahrheiten über das Vorkommen dieſer Betriebsform zu gewinnen ſucht. Und trotzdem liegen hier wohl mehr deduktive als induktive Operationen vor.
Das aber iſt richtig, wer in erſter Linie auf dem Boden der Erfahrung ſteht, der traut deduktiven Schlüſſen nie ſo ohne weiteres; er hat mindeſtens das Bedürfnis, ſie ſtets wieder durch die Erfahrung zu verifizieren, durch neue Induktionen die Probe aufs Exempel zu machen. Dieſe Rolle geſteht auch John Stuart Mill der Induktion in der Volkswirtſchaftslehre zu, während er im übrigen ſie auf den deduktiven Weg verweiſt. Die experimentelle Pſychologie und Ethnologie ſoll ihr die Oberſätze liefern, aus denen ſie ſchließen ſoll; ſie ſelbſt könne keine brauchbare Induktion vornehmen, weil ſie kein Experiment vornehmen könne. Erhalte ſie ſo nur annähernde Generaliſationen, ſo genüge das.
Wir geben zu, daß wir uns oft mit ungefähren Generaliſationen genügen laſſen müſſen; aber wir leugneten ſchon oben, daß der Mangel des Experimentes uns jede Induktion aus guten Beobachtungen unmöglich mache. Wenn aus den verſchiedenſten Schilderungen der Arbeits- und Induſtrie-, der Ackerverfaſſung immer wieder allgemeine Reſultate zu ziehen verſucht werden, wenn immer zahlreichere Beobachtungen vergleichend nebeneinander geſtellt werden, ſo mögen die Schlüſſe nicht immer bereits feſtſtehende ſein; ein außerordentlicher Fortſchritt, den wir der Induktion danken, liegt doch darin. Diejenigen, welche in der neueren deutſchen Nationalökonomie als Vertreter induktiver Forſchung gelten, bekämpfen nicht die Deduktion überhaupt, ſondern nur die aus oberflächlichen, unzureichenden Prämiſſen, welche ſie glauben auf Grund beſſerer Beobachtung durch genauere Oberſätze erſetzen zu können. Sie behaupten, daß die letzten Ausläufer der engliſchen deduktiven Schule wie K. Menger und Dietzel das Gebiet unſerer Wiſſen- ſchaft allzuſehr einengen, wenn ſie nur Deduktionen aus einem oder ein paar pſychologiſchen Sätzen oder dem Princip der Wirtſchaftlichkeit als theoretiſche Nationalökonomie anerkennen; ſie glauben, durch zahlreichere Induktionen und Zuhülfenahme anderweiter Deduktion das Gebiet der bloß hypothetiſchen, mit der Wirklichkeit in immer ſtärkeren Konflikt kommenden Schlüſſe mehr einengen zu können. Sie bekämpfen vor allem, wie wir ſchon oben ausführten (S. 73—75), das einſeitige deduktive Schließen aus ſittlichen Principien und ſocialen Idealen, wie z. B. aus dem Princip der Gleichheit, der Freiheit, der Gerechtigkeit. Sie betonen, man können nur aus feſt umgrenzten Ausſagen über Kauſalverhältniſſe deduktiv ſchließen, nicht aus Poſtulaten und Zweckideen, die nur allgemeine Richtungen der wünſchenswerten Entwickelung andeuten, die ſtets durch koordinierte andere Ideale begrenzt werden.
Was unſerer Wiſſenſchaft mehr genützt habe, induktives oder deduktives Verfahren, iſt eine überhaupt nicht zu beantwortende Frage, zumal die größten Fortſchritte hier wie überall mehr dem genialen Inſtinkt oder Takt gedankt werden, der blitzartig Zuſammenhänge und Kauſalketten klar vor ſich ſieht, für die erſt langſam nachher die Beweiſe gefunden werden.
Gerade aber um zu ſolchen Lichtblicken zu kommen, iſt in den Geiſteswiſſenſchaften und mit am meiſten in den Staats- und Socialwiſſenſchaften eines nötig, was mehr in das Gebiet des deduktiven Schließens hinüberführt: Überblick über weite Wiſſens gebiete, hauptſächlich über wiſſenſchaftliche Nachbargebiete. Die angeblich rein induktive hiſtoriſche Richtung iſt es, die dies ſtets betont, die ſich deduktiv nennende iſt meiſt ängſtlich bemüht, nur fein ſäuberlich die wiſſenſchaftlichen Grenzpfähle zu ſetzen und niemals einen Haſen ins Nachbargebiet zu verfolgen, das ſie weder kennt noch kennen lernen will. Wundt hat es neuerdings als den weſentlichſten Gegenſatz der Geiſteszu den Naturwiſſenſchaften bezeichnet, daß bei dieſen eine ſtarke Abſtraktionskraft das mächtigſte Werkzeug ſei, bei jenen der Erfolg vor allem von einem raſchen Überblicke und reicher Kombinationsfähigkeit abhänge. Das iſt teils Sache der individuellen Begabung, ebenſo aber Sache der wiſſenſchaftlichen Vorbildung. Je umfaſſender ſie iſt, deſto größer iſt die Möglichkeit vielgliedriger kombinierter Schlüſſe aus vorher feſtſtehenden Wahrheiten.
Einzelner Hypotheſen und teleologiſcher Sätze zur Unterſtützung kauſaler Schlüſſe bedienen ſich alle Wiſſenſchaften und alle Erkenntnisrichtungen. Wo unſer kauſales Erkennen nicht ausreicht, und wir doch einen Zuſammenhang ſicher annehmen, da führt die ausdeutende reflektierende Auffaſſung, wie wir mehrfach ſchon betont, zur Annahme von Zwecken der Gottheit, der Geſchichte, der ſchaffenden Natur, und von dieſen einheitlichen Gedanken aus ſuchen wir das empiriſch nicht zu Erklärende wenigſtens ungefähr zu begreifen. Es iſt ein unentbehrliches Reflexionsprincip. Die Annahme einer Einheit und eines Zuſammenhanges der Welt, die allgemeinen Gründe der Entwickelungstheorie gründen ſich auf ſolche teleologiſche Betrachtungen, ganz ähnlich wie die Harmonielehre der älteren Volkswirtſchaft oder der ſocialiſtiſche Glaube an eine dauernde Hebung der unteren Klaſſen. An ſeiner Grenze mündet unſer ſicheres Wiſſen immer in unſeren Glauben und in unſere Hoffnungen. Das Ganze der letzten und wichtigſten Dinge erfaſſen wir allein ſo. Wir müſſen nur dahin ſtreben, daß dieſer Glaube auf immer beſſerer empiriſcher Erkenntnis ſich aufbaue, immer mehr geſicherte Wiſſenſchaft in ſich ſchließe, niemals mit ihr in Widerſpruch trete, daß er nicht beeinflußt ſei von Partei- und Klaſſenintereſſen, von Vorurteilen und Leidenſchaften. Davon ſich frei zu machen, muß jeder Forſcher ſtreben. Er wird dieſes Ziel ſchwer erreichen, wenn er ſelbſt zu aktiv an den Kämpfen des Tages teilnimmt. Wenn man geglaubt hat, der, welcher das Wohl aller im Auge habe, ſei als Gelehrter gefeit gegen die Täuſchungen des Klaſſenſtandpunktes, die Vorurteile des Tages, ſo liegt darin doch ein gewiſſer Irrtum. Jeder leidenſchaftliche Tagespolitiker glaubt heute das Wohl der Geſamtheit mit ſeinen einſeitigen Anſchauungen und Vorſchlägen zu vertreten. Nicht die Formel des allgemeinen Wohles, ſondern die univerſale Bildung, der geläuterte Charakter, die geiſtige Freiheit von allen Tages- ſtrömungen führt zu jener Höhe, welche neben der geſicherten Einzelerkenntnis die ſtets halb verſchwimmenden Linien der Geſamtentwickelung richtig zu erfaſſen geſtattet.
5. Die Ausreifung der Volkswirtſchaftslehre zur Wiſſenſchaft im 19. Jahrhundert.
47. Die älteren Anfänge einer empiriſchen Wiſſenſchaft und die Reaktion gegen die Naturlehre der Volkswirtſchaft. Wir haben im letzten Abſchnitte erörtert, welche Forderungen die Methode ſtrenger Wiſſenſchaft heute an die Volkswirtſchaftslehre ſtellt; wir haben nun noch kurz zu erzählen, inwieweit die Litteratur dem genügte, wie aus der Kritik der älteren Syſteme heraus und mit der fortſchreitenden Einzelerkenntnis immer mehr eine eigentliche Wiſſenſchaft der Nationalökonomie entſtand. Wir werden dabei nicht das aufgeblähte Selbſtlob eines Engländers wiederholen, unſere Wiſſenſchaft ſei eine der jüngſten und doch eine der vollendetſten unter ihren Schweſtern. Wir werden zugeben, daß wir auch heute noch recht vieles nicht wiſſen, und daß jedes abgeſchloſſene Syſtem mit Wahrſcheinlichkeiten und Hypotheſen operiert. Aber andererſeits ſind wir allerdings in die Epoche methodiſch gelehrter Forſchung eingetreten, und das hat ſeine Früchte getragen. Wir glauben nicht mehr, daß jeder Dilettant und jeder Journaliſt ebenſo gut volkswirtſchaftliche Abhandlungen ſchreiben könne, wie der Sachkenner und der geſchulte Gelehrte. Wir haben uns ſeit einigen Menſchenaltern dem großen Ziele, einen ſteigenden Beſtand von Wahrheiten zu beſitzen, die alle anerkennen müſſen, erheblich genähert.
Allerdings in erſter Linie in den Gebieten unſeres Wiſſens, wobei es ſich um Beobachtung, Beſchreibung, Feſtſtellung einfacherer Zuſammenhänge handelt. Und die Anfänge hiefür liegen weit zurück. Schon die Merkantiliſten und Kameraliſten haben eine emſige Thätigkeit in der Sammlung der Thatſachen entwickelt. Gute Schilderungen, wie die Sir William Temples von Holland, Pettys von Irland, Bechers von Deutſchland entſtanden ſchon im 17. Jahrhundert. In großen Sammelwerken faßte man dann im 18. Jahrhundert die Kenntniſſe zuſammen; es ſei nur an De la Marres Traité de la police (4 Fol.-Bde., 1729), an Savarys Dictionnaire universel de commerce (5 Fol.- Bde., 1759, 2. Aufl.), an die franzöſiſchen Encyklopädiſten oder an J. G. Krünitz, Ökonomiſche Encyklopädie, erinnert, welche es von 1773—1828 auf 149 Bände kameraliſtiſcher Vielwiſſerei brachte. Den beſchreibenden Sammlungen von Staatsmerkwürdigkeiten gab Achenwall (1719—72) den Namen Statiſtik. In periodiſch erſcheinenden Sammelwerken faßten Büſching, Schlözer, Arthur Young derartiges Material zuſammen. Letzterer ließ ausgezeichnete wirtſchaftliche Reiſebriefe über England, Frankreich, Spanien und Italien (1768—95) erſcheinen. Ein wahrer Heißhunger nach Thatſachen und Zahlen herrſchte damals; freilich war man noch nicht kritiſch genug, und von der umfangreichen damaligen Verwaltungsſtatiſtik drang wenig in die Öffentlichkeit. Höchſt bedeutungsvoll aber war es, daß man mit den Reſultaten der kirchlichen Buchung der Geburten, Todesfälle und Ehen ſich zu beſchäftigen begann. John Graunt verwertete ſie zuerſt in ſeinen Observations (1661), Sir William Pettys Buch über die Totenliſten der Stadt London (1702 deutſch, und Several essays on political arithmetic) ſetzte dieſe Unterſuchung fort, ebenſo wie dann Halley (An estimate of the degrees of mortality of mankind, drawn from curious tables of the birthes and funerals at the city of Breslau), Kaspar Neumann, dem Halley ſein Breslauer Material lieferte, und Leibniz, während der von dieſen Vorgängen angeregte preußiſche Feldprediger Johann Peter Süßmilch (Göttliche Ordnung in den Veränderungen des menſchlichen Geſchlechts, 1741—42, 1761, 1775) dann das ihm erreichbare Material über die Bevölkerungserſcheinungen überſichtlich zuſammenſtellte und in einer Form bearbeitete, welche die Reſultate der Geburts-, Sterbe- und Heiratsliſten allgemein verſtändlich machte und in ihrer allgemeinen ſtaats- und geſellſchaftswiſſenſchaftlichen Bedeutung erkennen ließ. Wenn er ſich dabei als Schwärmer für Bevölkerungszunahme und als frommer Chriſt zeigte, der in der Regelmäßigkeit ſeiner Zahlen den Beweis der göttlichen Vorſehung ſah, ſo ſteigerte er damit den Einfluß ſeines zeitgemäßen Buches, ohne den wiſſenſchaftlichen Reſultaten weſentlich Eintrag zu thun. Er bleibt einer der Hauptbegründer empiriſcher Forſchung auf dem Gebiete der Staats- und Geſellſchaftswiſſenſchaften. Die ſpätere Ausbildung der eigentlichen Statiſtik knüpft an ihn und ſeine Vorgänger an. —
Unter den Schriftſtellern des 18. Jahrhunderts, die nicht zu den damals herrſchenden Schulen gehörten, die, mehr dem praktiſchen Leben zugewandt, über einzelne Fragen mit vollendeter Sachkenntnis ſchrieben und von den Doktrinären häufig als Eklektiker bezeichnet wurden, können mehrere an Geiſt und Urteil den großen Syſtematikern ebenbürtig zur Seite geſtellt werden und müſſen vom heutigen methodologiſchen Standpunkte als ihnen überlegen, als vorſichtige und zuverläſſige Forſcher bezeichnet werden. So z. B. Galiani mit ſeiner Schrift über den Getreidehandel (1769) und Necker mit ſeinen Arbeiten (Oeuvres, 1820), in Deutſchland J. G. Büſch mit ſeinen Unterſuchungen über Handel und Geldumlauf (Schriften über Staatswirtſchaft und Handlung, 3 Bde., 1780 und 1800; Theoretiſch-praktiſche Darſtellung der Handlung, 2 Bde., 1792, Zuſätze dazu, 3 Bde., 1797; Sämtliche Schriften über Banken und Münzweſen, 1801, ꝛc.) und Struenſee mit ſeinen Abhandlungen (Über wichtige Gegenſtände der Staatswirtſchaft, 3 Bde., 1800). Juſtus Möſers Proteſt gegen die flache individualiſtiſche Aufklärung, ſein hiſtoriſcher Sinn, ſein Verſtändnis des Volkstümlichen und Praktiſchen, ſowie der älteren wirtſchaftlich-ſtändiſchen Einrichtungen giebt ſeinen Schriften (hauptſächlich 1767—70, Geſ. Werke 1842) die Bedeutung eines ſtarken Gegenſtoßes gegen die damals herrſchenden Schulmeinungen. Und die Göttinger kulturhiſtoriſche Schule (1770—1840) von Spittler, Beckmann, Meiners, Heeren, Hüllmann, Hegewiſch, Anton, Sartorius hat, obwohl ihre Vertreter teilweiſe echte Smithianer waren, doch inſofern eine ähnliche Bedeutung, als ſie eine Reihe wirt- ſchaftsgeſchichtlicher Monographien und Bauſteine für eine ſpätere hiſtoriſche Volkswirtſchaftslehre lieferten; an ſie knüpfte Roſcher direkt an.
Ebenſo wichtig aber war, daß allerwärts die Reaktion gegen die naturrechtlichindividualiſtiſchen Theorien und den naiven Optimismus der Liberalen zu einer hiſtoriſchen Staats- und Geſellſchaftsauffaſſung führte, welche auch auf alle volkswirtſchaftlichen Er- ſcheinungen ein anderes Licht warf, andere Punkte und Zuſammenhänge in den Vordergrund rückte. Burkes realiſtiſcher Sinn und ſeine Verurteilung der franzöſiſchen Revolution machte in England ebenſo Eindruck, wie in Frankreich die romantiſch-katholiſierenden Schriften J. de Maiſtres und L. G. de Bonalds; ſie hatten auf den franzöſiſchen Socialismus und A. Comte, ſeine poſitiviſtiſche Sociologie, ſeine Angriffe auf die ſtehen gebliebene abſtrakte Nationalökonomie erheblichen Einfluß; eine Art Nationalökonomie auf chriſtlicher Grundlage entſtand in Frankreich, und ſie fand in den Halbſocialiſten, wie Sismondi, und in den Schutzzöllnern, wie Ganilh, Louis Say, St. Chamans Geſinnungsgenoſſen. In Deutſchland verherrlichte K. L. von Haller (Reſtauration der Staatswiſſenſchaften, 6 Bde., 1816—1834) in ſeiner realiſtiſchen Gewalttheorie mittelalterliche Zuſtände, griff A. Müller (Elemente der Staatskunſt, 3 Bde., 1809; Theol. Grundlage d. geſ. Staatsw., 1819) die international-kosmopolitiſchen Theorien Smiths vom Standpunkt der Nationalität, der ſittlich-geiſtigen Zuſammenhänge an; die Volkswirtſchaft iſt ihm ein organiſches, durch Arbeitsteilung getrenntes, durch ſittliche Wechſelwirkung wieder zu verknüpfendes Ganzes. G. W. F. Hegel, der im Staate die Wirklichkeit der ſittlichen Idee ſah, die bürgerliche Geſellſchaft dem Staate als das Unvollkommenere gegenüberſetzte, mußte die Extreme der Handels- und Gewerbefreiheit bekämpfen. Seine und Schellings Staats- und Geſchichtauffaſſung haben einen Teil der deutſchen Socialiſten beherrſcht, wie die ganze deutſche Geſchichtſchreibung und Staatswiſſenſchaft beeinflußt. Am direkteſten hängt L. v. Stein mit ihm zuſammen. Dieſer geht in allen ſeinen Werken (Socialismus und Kommunismus des heutigen Frankreichs, 1842; Syſtem der Staatswiſſenſchaft, 1852—54; Verwaltungslehre, 1868 ff.; Lehrbuch der Finanzwiſſen- ſchaft, 1860 ff.) von dem Verhältnis der Geſellſchaft zum Staate, von der Verſchiedenheit dieſes Verhältniſſes zur Zeit des Geſchlechterſtaates, des Ständeſtaates und des modernen ſtaatsbürgerlichen Staates aus; er ſieht ſein Ideal in einem ſocialen Königtum, das ſeine Macht für Hebung der unteren Klaſſen einſetzt. Er begreift früher und viel richtiger als die ſocialiſtiſchen Materialiſten den Zuſammenhang von Recht, Verfaſſung und Verwaltung mit den geſellſchaftlichen und wirtſchaftlichen Zuſtänden. Er iſt mehr Staatsgelehrter als Nationalökonom, hat auch auf Laſſalle, Gneiſt, Treitſchke mehr Einfluß geübt als auf die ſpäteren deutſchen Nationalökonomen. Sein encyklopädiſches Wiſſen reicht oft nicht aus für die Größe ſeiner Aufgaben, ſeine Syſtematik und Geſchichtskonſtruktion ſchwebt vielfach mit geiſtreichen und halbwahren Konſtruktionen in der Luft, aber ſein großartiger, hiſtoriſcher Blick ſieht meiſt in die Tiefe der Dinge.
Waren ſo in der erſten Hälfte des 19. Jahrhunderts mancherlei theoretiſch-ſtaatswiſſenſchaftliche und allgemeine Strömungen — neben dem Socialismus — vorhanden, welche die Smithſche Nationalökonomie zumal in Deutſchland nach und nach überwanden, ſo war doch das Wichtigſte, um ihre epigonenhafte Ausſpinnung zu immer inhaltsloſeren, abſtrakteren Betrachtungen zu bekämpfen, eine energiſche Erfaſſung der empiriſchen Wirklichkeit. Es mußte eine vollkommenere Analyſe der volkswirtſchaftlichen Verhältniſſe in quantitativer und qualitativer Richtung eintreten. Das erſtere geſchah durch die Statiſtik, das letztere durch die rechts- und wirtſchaftshiſtoriſche und ſonſtige realiſtiſche volkswirtſchaftliche Forſchung.
48. Die Statiſtik iſt durch die Gründung der ſtaatlichen ſtatiſtiſchen Ämter 1806—1875 ſowie der ſtädtiſchen von 1860 an, durch die regelmäßige Publikation ihrer Ergebniſſe, durch die Ausbildung einer beſonderen Zählungs-, Erhebungs- und Bearbeitungstechnik etwas ganz anderes als im vorigen Jahrhundert geworden. Aus einer beſchreibenden Staatenkunde, die einige notdürftige Notizen der heimlichen, bureaukratiſchen Erhebungen der Verwaltungs- und Finanzbehörden mit Ergebniſſen der Kirchenbücher und privaten Schätzungen verband, iſt ein großartiger, in der Haupt- ſache ſtaatlich geordneter Apparat der Maſſenbeobachtung entſtanden, der mit immer größerer Anforderung an die Sicherheit der Erhebungen über große Gruppen von Individuen ein Netz von Obſervatorien ausbreitet, um methodiſch nicht bloß die für die Verwaltung, ſondern mehr und mehr auch die für die wiſſenſchaftliche Erfaſſung des geſellſchaftlichen Lebens wichtigeren gleichartigen Erſcheinungen zu beobachten und zu regiſtrieren. Es werden dabei gewiſſe Gruppen von Menſchen, von Handlungen, von wirtſchaftlichen Gütern, Kapitalien, Grundſtücken ins Auge gefaßt, und die in der Gruppe enthaltenen Einzelfälle nach beſtimmten natürlichen und rechtlichen Eigenſchaften gezählt. Es handelt ſich um die Einführung der Meßkunſt in das Gebiet der Staats- und Socialwiſſenſchaft. Auf Grund genereller, begrifflicher Klaſſifikationen wird innerhalb der Klaſſe nach gewiſſen Merkmalen das Gleichartige oder Ungleichartige größenmäßig feſtgeſtellt. Es werden dieſe Größenfeſtſtellungen periodiſch wiederholt. Aus der Vergleichung der Zählungen, welche zu verſchiedener Zeit auf denſelben Gegenſtand gerichtet ſind oder mit derſelben Frageſtellung in verſchiedenen Ländern die analogen Gruppen faſſen, ergeben ſich Regelmäßigkeiten, Abweichungen und Veränderungen, die zunächſt an ſich ein Intereſſe haben, Fortſchritt oder Rückſchritt andeuten, dann auf gewiſſe, bisher unbekannte Urſachen hinweiſen, bekannte Urſachen in ihrer Wirkungsweiſe zu kontrollieren geſtatten.
So glänzend die Fortſchritte der Statiſtik, ſo groß die Anforderungen der heutigen Statiſtik an die Thätigkeit der Behörden ſind, ſo verfeinert und kompliziert die Methoden der Frageſtellung und Sammlung der Antworten z. B. in Bezug auf Sterblichkeits-, Krankheits-, Handelsſtatiſtik ꝛc. iſt, ſo iſt doch klar, daß es ſich bei aller Statiſtik um die Meſſung von Größenverhältniſſen der Bevölkerung, der Produktion, des Verkehrs handelt, die über die Natur dieſer Dinge ſonſt nichts ausſagt; dieſe Natur muß möglichſt vorher bei der Frageſtellung bekannt, muß durch anderweite Mittel wiſſenſchaftlicher Unterſuchung feſtgeſtellt ſein oder werden. Vor allem auch die geſamten Urſachen werden nicht durch die Statiſtik aufgedeckt, ſondern nur in ihrer Wirkung gemeſſen und kontrolliert; die Statiſtik weiſt an beſtimmter Stelle auf mögliche Urſachen hin, ſie erlaubt Hypotheſen, beſtätigt oder beſeitigt ſie. Aber nicht mehr. Und dann: es ſind immer nur wenige äußerliche Fragen, die geſtellt und präcis beantwortet werden können. Man kann das Vieh zählen, aber kaum das Gewicht jedes Ochſen feſtſtellen; man kann die vor Gericht oder Polizei kommenden Verbrechen zählen, aber nicht die begangenen noch weniger ihre innerliche Qualifikation; man kann feſtſtellen, zu welchem Preiſe an einem Tage auf einem Markte nach dem Urteil eines Sachverſtändigen gehandelt wurde, aber nie alle wirklich verabredeten und gezahlten Preiſe und alle zu ſolchen Preiſen geſchloſſenen Verträge feſtſtellen. Jede Zahl ohne Kenntnis ihrer Entſtehungsgeſchichte iſt problematiſch, ſchon weil die Gruppenabgrenzung des Gezählten ſo oft zweifelhaft iſt. Die Statiſtik iſt und bleibt ein roher Apparat, in der Hand des Dilettanten ein Mittel des Mißbrauches und des Irrtums, nur in der Hand des Kenners und Meiſters, des nüchternen, wahrheitſuchenden Gelehrten ein Schlüſſel zu tieferer Erkenntnis.
Und doch, was hat ſie ſchon geleiſtet! Sie hat die Bevölkerungslehre und Moral- ſtatiſtik erſt geſchaffen; ſie hat dem ganzen deſkriptiven Teil der Staats- und Socialwiſſenſchaften erſt Präciſion und wiſſenſchaftlichen Charakter gegeben, ſie hat die abſtrakten Schlüſſe aus den Quantitätsverhältniſſen in der Wert- und Preislehre auf ihr rechtes Maß zurückgeführt, zahlloſe Irrtümer in der Geld- und Kreditlehre, in der Frage der Getreidepreiſe, der Löhne, des Konſums, der Ernteergebniſſe beſeitigt. Sie hat das naturaliſtiſche Wirtſchaften mit Phraſen und halbwahren Hypotheſen auf dem ganzen Wiſſensgebiet eingeſchränkt; die Frageſtellungen überall verſchärft, ein gelehrtes ſyſtematiſches Verfahren an die Stelle des Raiſonnierens aus dem Handgelenk geſetzt.
Die Männer, welche ſich um ihre Ausbildung in den ſtatiſtiſchen Ämtern haupt- ſächlich verdient gemacht haben, ſind: J. G. Hoffmann in Preußen, der auch durch ſeine realiſtiſchen Schriften (Lehre vom Geld, 1838; Lehre von den Steuern, 1840; Befugnis zum Gewerbebetrieb, 1841) zu den vorzüglichen Darſtellern konkreter Wirtſchaftsverhältniſſe gehört; der Aſtronom und Naturforſcher L. A. J. Quetelet, der die belgiſche Statiſtik zeitweiſe zur erſten in Europa machte und durch ſein Buch (Sur l’homme, 2 Bde., 1835, deutſch 1838) mit ſeinen freilich ſchiefen, mechaniſch-naturaliſtiſchen Tendenzen einen Jahrzehnte dauernden fruchtbaren wiſſenſchaftlichen Streit anregte; Moreau de Jonnès, der von 1833 an die franzöſiſche Statiſtik leitete und eine Reihe wertvoller ſtatiſtiſch-hiſtoriſcher Werke ſchrieb; Ernſt Engel, der mit einer naturwiſſenſchaftlich-technologiſchen Bildung den Spuren Quetelets folgte und die ſächſiſche und preußiſche Statiſtik nach dem Vorbilde der belgiſchen mit ſeltener Rührigkeit und Beweglichkeit ausbildete; Georg v. Mayr, der nach dem Vorgang Hermanns die bayriſche Statiſtik für viele Jahre mit zur angeſehenſten in Deutſchland erhob und allgemeine Werke über Statiſtik ſchrieb (Geſetzmäßigkeit im Geſellſchaftsleben, 1877; Statiſtik und Geſellſchaftslehre, 2 Bde., 1894—97), neuerdings ein ſtatiſtiſches Archiv als Zeitſchrift begründete (ſeit 1890); endlich Guſtav Rümelin, der eine Reihe muſterhafter Arbeiten über die württembergiſche Statiſtik und über die Theorie der Statiſtik (in ſeinen Reden und Aufſätzen, 3 Bde.) lieferte. Neuerdings hat ſich hauptſächlich die italieniſche Statiſtik unter Luigi Bodio durch umfangreiche und tüchtige Leiſtungen ausgezeichnet. Und in Frankreich ſteht jetzt Erneſt Levaſſeur mit ſeinem großen hiſtoriſch-ſtatiſtiſchen Werke La population française (3 Bde., 1889 ff.) an der Spitze.
Über das Weſen der Statiſtik als Wiſſenſchaft haben außer den Genannten ſich in bemerkenswerter Weiſe ausgeſprochen: Karl Knies (Die Statiſtik als ſelbſtändige Wiſſenſchaft, 1850), G. F. Knapp (Die neueren Anſichten über Moralſtatiſtik, J. f. N. 1. F. 16, 1871; über Quetelet, daſelbſt 18, 1873; Theorie des Bevölkerungswechſels, 1874), W. Lexis (Theorie der Maſſenerſcheinungen in der menſchlichen Geſellſchaft, 1877), Maurice Block (Traité théorique et pratique de la statistique, 1878, deutſch 1879 von v. Scheel), Auguſt Meitzen (Geſchichte, Theorie und Technik der Statiſtik, 1886), W. Weſtergaard (Grundzüge der Theorie der Statiſtik, 1890). Die Bevölkerungslehre haben 1859 Wappäus, die Moralſtatiſtik 1868 von Oettingen, die Verwaltungsſtatiſtik E. Miſchler (1 Bd.), 1892 in ihren weſentlichen Reſultaten zuſammengefaßt.
49. Die hiſtoriſche und ſonſtige realiſtiſche Forſchung hat neben und mit der Statiſtik unſerer Wiſſenſchaft im 19. Jahrhundert einen ganz neuen Boden gegeben. In Deutſchland hatte die Philologie und Altertumswiſſenſchaft in F. A. Wolf, F. G. Welcker, A. Böckh und K. O. Müller, die Geſchichte in B. G. Niebuhr und L. Ranke, die geſchichtliche Rechtswiſſenſchaft und die Verfaſſungsgeſchichte in Eichhorn, Savigny, Waitz, Dahlmann, Mommſen, Gneiſt ihr goldenes Zeitalter erlebt. Nicht bloß Methode, Kritik und Quellenkunde wurden damit für alle Geiſteswiſſenſchaften andere, ſondern auch der allgemeine Sinn für kauſale Zuſammenhänge; wer durch dieſe Schule gegangen war, konnte mit den kahlen und dürren rationaliſtiſchen Erwägungen und Schlußfolgerungen des alten Naturrechts nicht mehr auskommen. Und Werke wie Böckhs Staatshaushalt der Athener (1817; 3. Aufl. ed. Fränkel, 1886) wurden zugleich Perlen der nationalökonomiſchen Litteratur; was Niebuhr, Nitzſch und Mommſen uns über ſociale Klaſſenkämpfe lehrten, ſtand hoch über den luftigen Kartenhäuſern der Socialiſten. Die Erdkunde wurde durch A. v. Humboldt und K. Ritter erſt eine Wiſſenſchaft, die Reiſelitteratur und Kenntnis der Naturvölker nahm raſch zu und lieferte auch volkswirtſchaftlichen Stoff aller Art. Die anthropologiſche und urgeſchichtliche Forſchung erweiterte unſeren ganzen Horizont unermeßlich. Tylor, Lubbock, H. Spencer, Baſtian, Th. Waitz (Anthropologie der Naturvölker, 1859—72), Lewis H. Morgan (Ancient society, 1875, deutſch Die Urgeſellſchaft, 1891), Pictet (Les origines indoeuropéennes, 1877, 2. Ausg.), O. Schrader (Sprachvergleichung und Urgeſchichte, 1883; Zur Handelsgeſchichte und Warenkunde, 1886), Sumner H. Maine (Ancient law, 1861; Early history of institutions, 1875), F. Ratzel (Völkerkunde, 3 Bde., 1885; Anthropogeographie, 2 Bde., 1882 u. 91) ſind heute neben zahlreichen ſpeciellen Reiſewerken und ethnographiſchen Monographien unentbehrliche Hülfsmittel der volkswirtſchaftlichen Forſchung. Daneben konnte die eigentlich nationalökonomiſche Beobachtung nicht zurückbleiben; man drang ganz anders als früher in die Hütte des Arbeiters wie in die Werkſtatt und Fabrik, man ſchilderte den Familienhaushalt und den Bauernhof. Die Vereinigung zahlreicher disciplinierter Einzelkräfte zu wiſſenſchaftlicher Geſamtarbeit auf Kongreſſen, bei Enqueten, in Sammelwerken und Zeitſchriften erlaubte Leiſtungen, wie ſie im Bereiche der Geſchichte früher nur etwa aus den Benediktinerabteien hervorgegangen waren. Die Einſicht, daß A. Smith, Ricardo und Marx doch alle von einem zu kleinen, begrenzten Erfahrungsfeld ausgegangen waren, ſiegte definitiv. Es entſtand eine Richtung der wiſſenſchaftlichen Arbeit, die vielleicht in mancher ihrer Hülfskräfte das Materialſammeln zu hoch, deſſen rationale Bemeiſterung zu niedrig ſchätzte; aber ſie war nötig in einem Zeitalter, in dem ſelbſt die Philoſophie zum Experiment griff, in dem jede Wiſſenſchaft komplizierter Lebensvorgänge einen vollendeten deſkriptiven Teil als Vorarbeit forderte. Und auch die einſeitigen Anhänger der alten Schulen bekundeten die Berechtigung des Umſchwungs, indem ſie ihrerſeits an der realiſtiſchen Arbeit teilnahmen.
Das Ergebnis dieſer neuen Richtung der Studien war natürlich je nach Perſonen, Ländern, Vorbildung und Zwecken ein ſehr verſchiedenes. Hier ſammelte man Material, um die Sätze der alten Schuldogmatik oder die neuen ſocialiſtiſchen Ideale zu beweiſen, dort ſchilderte man objektiv und unparteiiſch; die einen bauten aus einem Überſichtsmaterial raſch große hypothetiſche Gebäude, die anderen blieben bei einer minutiöſen Detailſchilderung und ganz feſt begrenzten Schlüſſen. Der engſte Specialiſt und der univerſalſte Geiſt konnte gleichmäßig in den Dienſt des Realismus treten. Aber die raſch fertigen dogmatiſchen Lehrbücher, die in Rezeptform unterrichteten und raſche praktiſche Anweiſung gaben, mußten in Mißkredit kommen. Die Monographie trat mehr und mehr in den Vordergrund des wiſſenſchaftlichen Betriebes.
Der erſte Nationalökonom, der europäiſche mit amerikaniſchen Wirtſchaftserfahrungen, hiſtoriſche Kenntniſſe mit praktiſcher Beobachtung des Lebens in großem Stile verband und daraus eine bedeutſame Theorie der volkswirtſchaftlichen Entwickelung ableitete, war der deutſche Profeſſor Friedrich Liſt (Das nationale Syſtem der politiſchen Ökonomie, 1841; 7. Aufl. ed. Eheberg, 1883; geſ. Werke ed. Häuſſer, 3 Bde., 1850). Hätte er mit ſeiner genialen Begabung die nötige Nüchternheit und die Ruhe eines Gelehrtenlebens verbunden, ſo wäre er der Überwinder der Smithſchen Schule geworden. Aber obwohl er mehr ein großer geiſtvoller Agitator blieb, bildet ſein Auftreten doch einen Wendepunkt für unſere Wiſſen- ſchaft. Indem er an die Stelle der Wert- und Quantitätstheorien A. Smiths eine Theorie der produktiven Kräfte, d. h. der individuellen und geſellſchaftlichen Perſönlichkeiten ſetzte, beſeitigte er die materialiſtiſche Vorſtellung eines mechaniſchen Naturverlaufes der Wirt- ſchaftsprozeſſe; indem er für Schutzzölle wie für ein nationales Eiſenbahn- und Kanalſyſtem kämpfte, führte er überhaupt zum richtigen Verſtändnis der ſocialen und politiſchen Organi- ſationen zurück, auf denen das wirtſchaftliche Leben ruht; indem er den hiſtoriſchen Entwickelungsgang der Volkswirtſchaft der Kulturvölker wohl einſeitig und umrißartig, aber doch im ganzen richtig zeichnete, begrub er die ſchiefen Vorſtellungen von natürlichen, überall durchzuführenden Wirtſchaftseinrichtungen und Idealen. Zu gleicher Zeit ſchuf A. v. Thünen das Vorbild für ſtreng wiſſenſchaftliche Specialunterſuchungen aus der Gegenwart. Er verſtand es (Der iſolierte Staat in Beziehung auf Landwirtſchaft und Nationalökonomie, 1826—63), die Frage der Abhängigkeit des landwirtſchaftlichen Betriebes vom Markt und den Transportkoſten erſchöpfend in der Wirklichkeit zu beobachten und zu beſchreiben, das Weſentliche dieſes Verhältniſſes glücklich herauszugreifen, von Nebenumſtänden zu ſondern und unter dem gedachten Bild eines einheitlichen, iſolierten Staates mit einem ſtädtiſchen Centralmarkt vorzuführen und zu durchdenken. Er hat ſo einen Kauſalzuſammenhang, auf den ihn die Beobachtung führte, erſt iſoliert, für ſich unter- ſucht und dann wieder mit den realen Zuſtänden verglichen. Die Anwendung ſolch’ ſchematiſcher, iſolierter Betrachtung iſt eines der wichtigſten Hülfsmittel wiſſenſchaftlichen Fortſchrittes, wenn der dasſelbe anwendende Forſcher die Hauptpunkte richtig von den Nebenpunkten zu trennen vermag.
Und während dann der ausgezeichnete Agrarpolitiker G. Hanſſen (Aufhebung der Leibeigenſchaft in Schleswig und Holſtein, 1861; Agrarhiſtoriſche Abhandlungen, 2 Bde., 1880 geſammelt, ſeit 1832 erſchienen) auf Grund rechts- und wirtſchaftsgeſchichtlicher, wie modernſter Reiſeſtudien die Fragen der hiſtoriſchen Entwickelung der landwirtſchaftlichen Betriebsſyſteme und der Agrarverfaſſung überhaupt meiſterhaft anſchaulich erörterte und in A. Meitzen (Urkunden ſchleſiſcher Dörfer, 1863; Boden und landw. Verhältniſſe des preußiſchen Staates, 4 Bde., 1868; Siedelung und Agrarweſen der Deutſchen, Skandinavier, Kelten ꝛc., 4 Bde., 1895) wie in A. v. Miaskowski (Verfaſſung der Land-, Alpen- und Forſtwirtſchaft der deutſchen Schweiz, 1878; Erbrecht und Grundeigentumsverteilung im Deutſchen Reiche, 2 Bde., 1884), in Conrad, Knapp und anderen würdige Nachfolger der wiſſenſchaftlichen Agrarforſchung erhielt, hatten unterdeſſen Roſcher, Hildebrand und Knies verſucht, ganz principiell der deutſchen Nationalökonomie den Stempel der hiſtoriſchen Methode aufzudrücken.
Geiſtreich und viel beweglich hat Bruno Hildebrand (Die Nationalökonomie der Gegenwart und der Zukunft, 1848; Jahrbücher für Nationalökonomie und Statiſtik, ſeit 1863 ff.) die hiſtoriſche Entwickelung der Volkswirtſchaft unter die Kategorien der Natural-, Geld- und Kreditwirtſchaft geſtellt und durch ſeine litterargeſchichtlichen und hiſtoriſchen Specialarbeiten außerordentlich anregend gewirkt. Karl Knies (Die politiſche Ökonomie vom Standpunkte der geſchichtlichen Methode, 1853 u. 83) hat in ausgezeichneter Weiſe die propädeutiſchen Fragen der geſchichtlichen Methode behandelt, iſt dann aber ſelbſt mehr zu dogmatiſchen und theoretiſchen Arbeiten übergegangen (Geld und Kredit, 2 Bde., 1873—79), welche ſcharfſinnig und faſt juriſtiſch gehalten die betreffenden Fragen durch begriffliche Unterſuchung wie durch breite Sachkenntnis gefördert haben. Wilhelm Roſcher aber überragt beide an Einfluß, an litterariſcher und akademiſcher Wirkſamkeit, wie er ja auch durch ſeinen Grundriß zu Vorleſungen über die Staatswirtſchaft nach geſchichtlicher Methode (1842) das erſte eigentliche Programm der hiſtoriſchen Schule aufſtellte. Er hat dann in einem langen, ſegensreichen Gelehrtenleben die nationalökonomiſche Litteraturgeſchichte (Zur Geſchichte der engliſchen Volkswirtſchaftslehre im 16. und 17. Jahrhundert, 1854; Geſchichte der Nationalökonomie in Deutſchland, 1874) angebaut, eine Reihe der wichtigſten Specialfragen wirtſchaftsgeſchichtlich unterſucht (Ideen zur Geſchichte und Statiſtik der Feldſyſteme im Archiv von Rau-Hanſſen, 7 u. 8; Kolonien, 1856; Anſichten der Volkswirtſchaft, 1861 u. 78), endlich ſeine geſamten An- ſchauungen in dem ſchon erwähnten Syſtem der Volkswirtſchaft (5 Bde., 1854—94) zuſammengefaßt, das heute mit ſeinen zahlreichen Auflagen das weitaus verbreitetſte Lehrbuch in Deutſchland iſt. Er hat außerdem in ſeiner geſchichtlichen Naturlehre der Monarchie, Ariſtokratie und Demokratie (1892) ſeinen wirtſchaftsgeſchichtlichen Ideen den allgemeinen politiſchen und geſchichtsphiloſophiſchen Hintergrund gegeben.
Man mag Roſcher vorwerfen, daß er mehr polyhiſtoriſch geſammelt, als das einzelne nach ſtrenger hiſtoriſcher Methode unterſucht habe, daß ſein Lehrbuch teilweiſe nur die Gedanken der alten Schule mit hiſtoriſchen Anmerkungen verziere, daß die von ihm beabſichtigte Vergleichung aller Zeiten und Völker heute noch kaum möglich ſei, daß ſeine Paralleliſierung der Lebensſtufen des Individuums mit denen der Völker oft hinke, ſeine Verdienſte bleiben immer groß und epochemachend, er ſchließt ſich würdig an die großen ſonſtigen Hiſtoriker des 19. Jahrhunderts an. Er vor allem hat den Weg gebahnt, auf dem die ganze jüngere deutſche Generation von Gelehrten überwiegend wandelt und methodiſch forſcht. Sein wiſſenſchaftlicher Lebenszweck war, eine Vermittelung zwiſchen der Smithſchen Theorie und den Ergebniſſen hiſtoriſcher Forſchung zu gewinnen, Naturgeſetze des Wirtſchaftslebens zu finden, d. h. Regelmäßigkeiten, die von menſchlicher Abſicht unabhängig ſeien; er geht vergleichend, oft mehr geſchichtsphiloſophiſch ſpekulierend, als ſtreng forſchend den Entwickelungsphaſen der Volkswirtſchaft nach; die ältere Methode verwirft er als idealiſtiſch (er hätte beſſer geſagt: rationaliſtiſch), er will eine hiſtoriſch-phyſiologiſche an die Stelle ſetzen. Seine größte Leiſtung liegt in der genetiſchen Erklärung der agrariſchen und gewerblichen Inſtitutionen, der Handels- und Verkehrseinrichtungen.
Der Unterſchied der jüngeren hiſtoriſchen Schule von ihm iſt der, daß ſie weniger raſch generaliſieren will, daß ſie ein viel ſtärkeres Bedürfnis empfindet, von der polyhiſtoriſchen Datenſammlung zur Specialunterſuchung der einzelnen Epochen, Völker und Wirtſchaftszuſtände überzugehen. Sie verlangt zunächſt wirtſchaftsgeſchichtliche Monographien, Verknüpfung jeder modernen Specialunterſuchung mit ihren hiſtoriſchen Wurzeln; ſie will lieber zunächſt den Werdegang der einzelnen Wirtſchaftsinſtitutionen, als den der ganzen Volkswirtſchaft und der univerſellen Weltwirtſchaft erklären. Sie knüpft an die ſtrenge Methode rechtsgeſchichtlicher Forſchung an, ſucht aber ebenſo durch Reiſen und eigenes Befragen das Bücherwiſſen zu ergänzen, die philoſophiſche und pſychologiſche Forſchung heranzuziehen.
Die deutſche Wirtſchaftsgeſchichte erhielt in K. W. Nitzſchs Geſchichte des deutſchen Volkes (3 Bde., 1882), in W. Arnolds Arbeiten (Verfaſſungsgeſchichte der deutſchen Freiſtädte, 1854; Anſiedlungen und Wanderungen der deutſchen Stämme, 1875), in K. Th. v. Inama-Sterneggs deutſcher Wirtſchaftsgeſchichte (3 Bde., 1879—91), in Lamprechts deutſchem Wirtſchaftsleben im Mittelalter (4 Bde., 1886) eine Fundamentierung, wie ſie kaum ein anderes Volk beſitzt. Als die Hauptvertreter der monographiſchen deutſchen Wirtſchaftsgeſchichte in Bezug auf Gewerbe und Handel ſind zu nennen: G. Schmoller (Geſchichte der deutſchen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert, 1870; Straßburger Tucher- und Weberzunft, 1879; Wirtſchaftliche Politik Preußens im 18. Jahrhundert, J. f. G.V. 1884—87; Die Thatſachen der Arbeitsteilung, daſ. 1889; Das Weſen der Arbeitsteilung und der ſocialen Klaſſenbildung, daſ. 1889; Die geſchichtliche Entwickelung der Unternehmung, daſ. 1890—93; Zur Social- und Gewerbepolitik der Gegenwart, 1890; Einige Grundfragen der Socialpolitik und Volkswirtſchaftslehre, 1898; Umriſſe und Unterſuchungen zur Verfaſſungs-, Verwaltungs- und Wirtſchaftsgeſchichte, 1898; Acta Borussica, von 1892 an bis jetzt 6 Bde.; Staats- und ſocialwiſſenſchaftliche Forſchungen, von 1878 an, 75 Hefte), G. v. Schönberg (Basler Finanzverhältniſſe im 14. und 15. Jahrh., 1879), K. Bücher (Aufſtände der unfreien Arbeiter 143—129 v. Chr., 1874; Die Bevölkerung von Frankfurt a. M. im 14. und 15. Jahrh., 1886; Die Ent- ſtehung der Volkswirtſchaft, 1893, 2. Aufl. 1898), W. Stieda (Entſtehung des deutſchen Zunftweſens, 1874, und viele andere gewerbegeſch. Monographien), Tr. Geering (Handel und Induſtrie der Stadt Baſel, 1886). In Bezug auf das Agrarweſen hat G. F. Knapp (Die Bauernbefreiung und der Urſprung der Landarbeiter, 2 Bde., 1887) mit ſeinen tüchtigen Schülern Grünberg, Fuchs, Wittich eine ganz neue, zuverläſſige Erkenntnis der deutſchen Entwickelung in den letzten Jahrhunderten geſchaffen und M. Sering (Innere Koloniſation im öſtlichen Deutſchland, 1893), M. Weber und andere haben die ſchwebenden Agrarfragen der Gegenwart durchforſcht und gefördert.
Nicht minder bedeutſam iſt, was deutſche Gelehrte in den letzten dreißig Jahren über andere Länder, beſonders über England, wirtſchaftsgeſchichtlich geleiſtet haben. Man könnte faſt ſagen, der Reichtum der engliſchen Archive, Blaubücher und Enqueten ſei in erſter Linie durch deutſche Gelehrte aufgeſchloſſen worden, wozu freilich auch die Socialiſten beigetragen haben. Voran ſteht — zugleich als der Führer einer ganzen liberal-demokratiſch ſocialpolitiſchen Schule — Lujo Brentano; ſein Werk über die Arbeitergilden der Gegenwart (2 Bde., 1871) iſt auch für die einſchlägige engliſche Gewerkvereinslitteratur der Ausgangspunkt geworden; die Schriften über das Arbeitsverhältnis nach dem heutigen Recht (1877), die Arbeitsverſicherung gemäß der heutigen Wirtſchaftsordnung (1879) ſchließen ſich an ſein Hauptwerk an. Mit ſeinen geſammelten Aufſätzen (1, 1899), und einer Agrarpolitik (1, 1897) hat er das agrariſche Gebiet betreten. Sonſt nenne ich: G. Schanz (Die engliſche Handelspolitik gegen Ende des Mittelalters, 2 Bde., 1881), A. Held (Die neuere ſociale Geſchichte Englands, 1881), G. Cohn (Über die engliſche Eiſenbahnpolitik, 2 Bde., 1875), W. Hasbach (Über das engliſche Arbeiterverſicherungsweſen, 1883, und Die engliſchen Landarbeiter in den letzten 100 Jahren und die Einhegungen, 1894). Als Kenner der franzöſiſchen Volkswirtſchaft hat ſich Lexis bewährt (Die franzöſiſchen Ausfuhrprämien, 1870; Gewerkvereine und Unternehmerverbände in Frankreich, 1870), als ſolche der Vereinigten Staaten Sartorius von Waltershauſen, Sering, Fuchs, v. Halle, Schumacher.
Auch die längſt in England mit monographiſcher Specialunterſuchung bedachten Gebiete der Preisgeſchichte, des Geld-, Bank- und Börſenweſens fanden in Deutſchland ihre Specialforſcher; die Unterſuchungen J. v. Helferichs und Soetbeers, E. Naſſes und A. Wagners, Lexis’ und Arendts, Cohns und Strucks ſtehen auf der Höhe der Wiſſen- ſchaft und haben würdig vollendet, was einſt J. G. Büſch begonnen.
Und die ſcheinbar den meiſten deutſchen Forſchern entgegenſtehenden öſterreichiſchen Gelehrten, unter welchen C. Menger (Grundſätze der Volkswirtſchaftslehre, 1871) und E. v. Böhm-Bawerk (Kapital und Kapitalzins, 2 Bde., 1884—89; Theorie des wirt- ſchaftlichen Güterwerts, J. f. N. 2. F. 13, 1886) in erſter Linie zu nennen ſind, haben zwar zunächſt abſtrakt deduktive Erörterungen und Begriffsanalyſen im Anſchluß an die ältere Schule geben wollen, aber zugleich haben ſie mit ihrer neuen Wertlehre, ähnlich wie Jevons in England, gewiſſe pſychologiſche Wert- und Marktvorgänge empiriſch ſchärfer erfaßt, das praktiſche Leben an beſtimmten Punkten richtiger analyſiert.
Das ſchon erwähnte Zuſammenwirken zahlreicher Kräfte fand ſeinen Ausdruck in verſchiedener Form. Der Verein für Socialpolitik hat ſeit 1872 80—90 Bände Schriften publiziert, meiſt Berichte und Gutachten verſchiedener über denſelben Gegenſtand und darunter muſterhafte Sammlungen, wie z. B. die über das deutſche Handwerk, über das Hauſiergewerbe, die ländlichen Arbeiter. Andere Vereine, wie der Armenpflegerkongreß, ſind ebenſo vorgegangen. An die ſtatiſtiſchen Bureaus und an die ſtaatswiſſenſchaftlichen Seminare der Univerſitäten haben ſich eine ganze Reihe von Serien wiſſenſchaftlicher Publikationen angeknüpft, meiſt deſkriptiver Art; darunter vortreffliche Schriften, wie die Induſtrie- und Arbeiterſchilderungen von Thun, Sering, Sax, Schnapper-Arndt, Herkner, Francke. Die ſtattliche Reihe von Zeitſchriften, welche ſtaatswiſſenſchaftlichen Zwecken dienen (Schäffle, Zeitſchrift für die geſamte Staatswiſſenſchaft, ſeit 1844; Hildebrand-Conrad, Jahrbücher für Statiſtik und Nationalökonomie, ſeit 1863; Schmoller, Jahrbuch für Geſetzgebung, Verwaltung und Volkswirtſchaft im Deutſchen Reich, ſeit 1881 beziehungsweiſe ſeit 1872; H. Braun, Archiv für ſociale Geſetzgebung und Statiſtik, ſeit 1888; die öſterreichiſche Zeitſchrift für Volkswirtſchaft, Socialpolitik und Verwaltung, ſeit 1892; Schanz, Finanzarchiv, ſeit 1884; Böhmert, Arbeiterfreund, ſeit 1859—62; Hirth, Annalen des norddeutſchen Bundes und des deutſchen Reiches, ſeit 1868), die verſchiedenen ſtatiſtiſchen Zeitſchriften, die Specialorgane für auswärtigen Handel, Kolonialpolitik, innere Koloniſation, Arbeiterverhältniſſe, Verſicherungsweſen ꝛc. zeigen den ungeheuren Stoff, den es zu bewältigen gilt. In dem Handbuch der politiſchen Ökonomie von Schönberg, 3, jetzt 5 Bde., 1882—95, 4. Aufl., ſowie in dem Handwörterbuch der Staatswiſſenſchaften von Conrad, Elſter, Lexis und Loening, 5 Bde., 2 Suppl.-Bde., 1890—97, ſowie in L. Elſters Wörterbuch der Volkswirtſchaft, 2 Bde., 1898, hat dieſes Material eine geordnete Zuſammenfaſſung erhalten, wie ſie bisher in gleichem Maße objektiv und vollſtändig nicht exiſtierte.
Die anderen Länder ſind dieſer Bewegung zögernd, aber doch im ganzen auch gefolgt. In England hatten Th. Tooke mit W. Newmarch eine Geſchichte der Preiſe (zuerſt 1838, dann fortgeſetzt bis 1856, deutſch 1858) geliefert, welche in ihren Grundgedanken der alten Schule angehört, aber durch ihre ſorgfältige empiriſche Unter- ſuchung der volkswirtſchaftlichen Erſcheinungen von 1750—1850 die alten Theorien weſentlich berichtigte. Th. E. Rogers machte dann den Verſuch, eine engliſche Wirt- ſchaftsgeſchichte vom Mittelalter an nur auf Grund von urkundlichen Preisnotizen zu liefern (History of prices and agriculture, 1866, 1882, 1887, 6 Bde., zuſammengefaßt in: Six centuries of work and wages, the history of english labour, 1884; endlich The economic interpretation of history, 1888); aus dieſem Material konnte der mancheſterliche, aller rechts- und wirtſchaftsgeſchichtlichen Schulung entbehrende Gelehrte freilich nur einzelne Erſcheinungen richtig aufhellen, vieles mußte bei ihm verzerrt und falſch ſich darſtellen (vergl. meine Kritik J. f. G.V. 1888, 203 ff.), aber es war doch ein großer, epochemachender Anlauf hiſtoriſcher Unterſuchung unternommen. Und wenn nun Th. Carlyle (Socialpolitiſche Schriften, deutſch 1895) mit Keulenſchlägen von ſeinem idealiſtiſch-religiöſen, tief innerlichen Standpunkt aus den materialiſtiſchen und individualiſtiſchen Mammonismus und harten Konkurrenzkampf ſeiner Zeit angriff, wenn Ruskin ihn dabei mit ſeinem äſthetiſchen Idealismus unterſtützte, wenn die chriſtlichen Socialiſten der vierziger Jahre mit ihrer Verherrlichung der Brüderlichkeit und des Genoſſenſchaftsweſens folgten (Brentano, Chriſtlich-ſociale Bewegung in England, J. f. G.V. 1883), wenn die Lehren A. Comtes eine ganze poſitiviſtiſche Schule in England erzeugten (F. Harriſon, Beesly, H. Crompton, G. Howell, Th. Wright), welche vor allem das Ungenügende der Ricardoſchen Theorie für die großen, immer dringlicher werdenden ſocialen Probleme empfand, ſo waren das lauter Richtungen mit einem höheren Überblick und einer tieferen Erfaſſung der Probleme; und ſie leiteten alle mehr oder weniger auf eine Rückkehr zur lebensvollen Beobachtung und Schilderung der Arbeiterverhältniſſe hin. Thorntons Buch über die Arbeit (1868, deutſch 1870), J. M. Ludlows und Lloyd Jones „Arbeitende Klaſſen Englands“ (1868, auch deutſch) waren die Vorläufer einer großen derartigen ſocial-empiriſchen Litteratur, als deren Spitze man heute das Werk von Booth über die Armen und die Arbeiter Londons (Labour and life of the people, 1889 ff., vergl. J. f. G.V. 1897, 229) und die ſchon erwähnten Werke der Eheleute Webb bezeichnen könnte. Daneben erörterten Th. E. Cliffe Leslie (Land systems, 1870; Essays in moral and political philosophy, 1879 u. 88), D. Syme (Outlines of an industrial science, 1876) und J. K. Ingram (History of political economy, 1888, deutſch 1890) die principiellen, methodiſchen und litterargeſchichtlichen Fragen in ähnlichem Sinne wie die deutſche hiſtoriſche Schule. Und in dem leider zu früh verſtorbenen A. Toynbee (Lectures on the industrial revolution in England, 1884) tritt uns ein Meiſter realiſtiſcher Analyſe und großen hiſtoriſch-philoſophiſchen Sinnes entgegen; ihm ſchließen ſich in W. J. Aſhley, der direkt an die deutſche hiſtoriſche Schule anknüpft (An introduction to economic history and theory, 2 Bde., 1888 und 1893, auch deutſch) und W. Cunningham (The growth of english industry and commerce, 1881, 2. Aufl., 2 Bde., 1890—92) die erſten durchgebildeten Wirtſchaftshiſtoriker an, die, auf das Ganze der volkswirtſchaftlichen und ſocialen Entwickelung gerichtet, entſchloſſen ſind, von ihrem Standpunkt aus das brüchige alte dogmatiſche Lehrgebäude zu ſtürzen oder umzubauen.
In Paris und den dortigen akademiſchen Kreiſen, im Journal des Économistes (ſeit 1842) und der Buchhandlung Guillaumin blieb die alte Sayſche Schulweisheit, wie wir ſchon erwähnt, bis in die Gegenwart vorherrſchend. Aber neben ihr wirkten nicht bloß Sismondi, die ſocialiſtiſchen, ſchutzzöllneriſchen und kirchlichen Nationalökonomen, ſondern ſtets auch eine Schule praktiſcher Kenner des wirklichen Lebens, wie Léon Fauchen (Études sur l’Angleterre, 2 Bde., 1856) und Léon de la Vergne (Économie rurale de la France depuis 1789, 1860). Die franzöſiſchen Arbeiter- und Induſtrieverhältniſſe fanden eine Reihe von hervorragenden Bearbeitern in Gérando, Villermée, E. Laurent, Audiganne, Reybaud, J. Barbaret. Niemand aber hat die Beobachtung und Beſchreibung der ſocialen Gegenwart ſo energiſch in die Hand genommen, wie der große Ingenieur Le Play, der erſt auf Jahrzehnte langen Reiſen eine große Zahl zutreffender Beſchreibungen der wirtſchaftlichen Lage der unteren Klaſſen ſammelte (Les ouvriers européens, 6 Bde., 1877—79), ehe er, ähnlich wie der Belgier Ducpétiaux, dieſes Material zu vergleichenden Haushaltungsbudgets zuſammenſtellte, damit einen ganzen eigenen Zweig der Litteratur und Unterſuchung ſchuf; an dieſes Material lehnten ſich auch ſeine konſervativ und chriſtlich gehaltenen Vorſchläge über Wiederherſtellung eines patriarchaliſchen Familienverhältniſſes und patriarchaliſcher Arbeiterverhältniſſe an (La réforme sociale en France, 1864). Er hat Schule gemacht in Frankreich; ſeine Gedanken und Beſtrebungen werden von einer Zeitſchrift (La réforme sociale, ſeit 1881) und einem Verein Gleichgeſinnter fortgeführt. Neuerdings hat Graf Marouſſem vor allem derartige Beſchreibungen in ausgezeichneter Weiſe geliefert.
Die eigentliche Wirtſchaftsgeſchichte hatte in Frankreichs alten gelehrten Traditionen ebenſo einen Boden, wie ſie durch die neue Blüte hiſtoriſcher Studien unter Guizot und Thierry angeregt wurde. Depping ſchrieb ſeine Geſchichte des Levantehandels (1830) und gab das Livre des métiers aus dem 13. Jahrhundert heraus (1837). Guérard veröffentlichte ſeine grundlegenden Unterſuchungen über die Wirtſchaftszuſtände unter Karl dem Großen (Politique de l’abbé Irminon, 2 vol. 1836 u. 1844). Pierre Clément ließ ſeinen beſchreibenden Werken über Colbert (1846, 1854) ſeine großen Archivpublikationen über ihn folgen (1861—73), die bald weitere ähnliche Unternehmungen in Bezug auf Mazarin, Richelieu, Ludwig XIV., ſowie in Bezug auf die Korreſpondenz der Intendanten und Generalkontrolleure des alten Regimes nach ſich zogen. E. Levaſſeur ſchrieb ſeine belehrende franzöſiſche Wirtſchaftsgeſchichte in vier Bänden unter dem Titel Histoire des classes ouvrières en France (1859—67), H. Wallon ſeine Geſchichte der Sklaverei im Altertum (3 Bde., 1847 u. 1879), H. Baudrillart ſeine Geſchichte des Luxus (4 Bde., 1880). Und zahlreiche Monographien über die Agrar-, Handels- und Gewerbegeſchichte einzelner Provinzen und Städte, über die Verwaltung im ganzen, den auswärtigen Handel beſtimmter Epochen, die Geſchichte der Finanzen wie einzelner Verwaltungszweige gehen dieſen umfaſſenderen Arbeiten parallel.
Von 1880 an erhob ſich unter den neuangeſtellten Profeſſoren der Nationalökonomie an den franzöſiſchen Rechtsfakultäten, deren Führung Cauwès in Paris und Gide in Montpellier zufiel, ein ganz neuer Geiſt unabhängiger Forſchung, der mit dem deutſchen nahe verwandt iſt, und der dazu führte, daß die betreffenden hauptſächlich in Verbindung mit deutſchen Gelehrten die neue Zeitſchrift Revue d’économie politique von 1887 an gründeten.
Es iſt hier nicht möglich, auch in Bezug auf die Vereinigten Staaten, Italien und andere Länder den Umſchwung im wiſſenſchaftlichen Betriebe der ökonomiſchen und ſocialen Studien zu ſchildern. Wir erwähnen nur noch, daß in Belgien Emil de Laveleye durch eine Reihe von bemerkenswerten Werken, hauptſächlich durch ſeine Geſchichte des älteren Gemeindeeigentums (Ureigentum, deutſch von Bücher, 1879) die Forſchung zur Geſchichte und zur Beobachtung der Wirklichkeit zurückgelenkt hat. Im übrigen mag die Bemerkung genügen, daß die alte abſtrakte, dogmatiſch-naturrechtliche Behandlung überall in dem Maße noch ſtärker vorhält, wie die geiſtige und die ſociale Entwickelung der betreffenden Länder eine langſamer voranſchreitende iſt.
50. Das Ergebnis der neueren Forſchung, der heutige Standpunkt der Wiſſenſchaft. Wenn wir fragen, was mit allen dieſen großen Fort- ſchritten der Einzelerkenntnis im Gebiete der volkswirtſchaftlichen Erſcheinungen erreicht ſei, ſo können wir auf der einen Seite mit Hutten rufen, „es iſt eine Luſt zu leben“. Unſer Wiſſen iſt außerordentlich gewachſen, in die Tiefe und in die Breite; wir haben Methode und Sicherheit in unſere Forſchung gebracht. Wir wollen nicht mehr aus wenigen abſtrakten Prämiſſen alle Erſcheinungen erklären und Ideale für alle Zeiten und Völker aus ihnen ableiten. Wir ſind uns der Grenzen unſeres geſicherten Wiſſens, der Kompliziertheit der Erſcheinungen, der Schwierigkeit der Fragen bewußt; wir ſtecken noch vielfach in der Vorbereitung und Materialſammlung; aber trotzdem ſtehen wir mit anderer Klarheit als vor 100 und vor 50 Jahren der Gegenwart und der Zukunft gegenüber, gerade weil wir ſo viel Genaueres über die Vergangenheit heute wiſſen.
Freilich kommt von der anderen Seite der Einwurf: ja, ihr mögt mehr im einzelnen wiſſen; aber es fehlt all’ dem die Einheit und die Wirkung aufs Leben. Streiten nicht, ſagt man, die Parteien und die Klaſſen heute noch mehr auf wirtſchaftlichem und ſocialem Gebiete als in den Tagen A. Smiths und Raus? Erheben ſich nicht wieder von vielen Seiten gegen die herrſchenden wiſſenſchaftlichen Autoritäten neue Lehren und die alten Schulen in verjüngter Form: das Mancheſtertum iſt noch lange nicht ausgeſtorben, gegen die Vertreter der ſocialen Reform erheben ſich mit Macht die der Kapital- und Unternehmerintereſſen, wie z. B. Julius Wolf (Socialismus und kapitaliſtiſche Geſellſchaftsordnung, 1892). Der Socialismus ſcheint vielen noch zu wachſen. Unter den führenden Autoritäten der Wiſſenſchaft ſelbſt herrſcht über Methode und Reſultate noch ſo viel Streit, daß es ſcheinen könnte, die Sicherheit unſeres Wiſſens habe ſich kaum verbeſſert.
Wer aber nicht grämlich und verzagend die Dinge betrachtet, der wird hierauf antworten, daß über die praktiſche Politik der Streit immer vorhanden war und nicht aufhören kann, daß aber über eine ſteigende Zahl der wichtigſten Fragen doch zwiſchen den verſchiedenſten Richtungen eine erfreuliche Einigkeit ſich bildet. Man wird daneben zugeben, daß zahlreiche neue Elemente und Teile unſeres Wiſſens noch in Gärung ſich befinden, daß es ſich noch darum handelt, aus der Summe neuer Einzelerkenntniſſe die allgemeinen Reſultate zu ziehen, eine neue, einheitliche Wiſſenſchaft herzuſtellen. Aber wir können behaupten, daß wir doch im ganzen dieſem wiſſenſchaftlichen Ziele uns nähern; wir können hoffen, daß die mächtig fortſchreitende, geſicherte empiriſche Einzelerkenntnis mehr und mehr von Männern zu einem Ganzen verbunden werde, welche zugleich durch univerſale Bildung, durch Charakter und ſittlichen Adel ſich auszeichnen; geſchieht das, ſo werden auch die heutigen großen Fortſchritte der Volkswirtſchaftslehre gute praktiſch-politiſche Früchte tragen.
Die allgemeinen Gedanken und Ziele aber, welche den beſten neueren volkswirt- ſchaftlichen Werken in ihrer großen Mehrheit an die Stirne geſchrieben ſind, dürften folgende ſein: 1. die Anerkennung des Entwickelungsgedankens, als der beherrſchenden wiſſenſchaftlichen Idee unſeres Zeitalters; 2. eine pſychologiſch-ſittliche Betrachtung, welche realiſtiſch von den Trieben und Gefühlen ausgeht, die ſittlichen Kräfte anerkennt, alle Volkswirtſchaft als geſellſchaftliche Erſcheinung auf Grund von Sitte und Recht, von Inſtitutionen und Organiſationen betrachtet; das wirtſchaftliche Leben wird ſo wieder in Zuſammenhang mit Staat, Religion und Moral unterſucht; aus der Geſchäftsnationalökonomie iſt wieder eine moral-politiſche Wiſſenſchaft geworden; 3. ein kritiſches Verhalten gegenüber der individualiſtiſchen Naturlehre, wie gegenüber dem Socialismus, aus welchen beiden Schulen das Berechtigte ausgeſondert und anerkannt, das Verfehlte ausgeſchieden wird; ebenſo die Zurückweiſung jedes Klaſſenſtandpunktes; ſtatt deſſen das klare Streben, ſich ſtets auf den Standpunkt des Geſamtwohles und der geſunden Entwickelung der Nation und der Menſchheit zu ſtellen; von hier aus Anerkennung a) daß die moderne Freiheit des Individuums und des Eigentums nicht wieder verſchwinden könne, aber doch zugleich eine ſteigende wirtſchaftliche Vergeſellſchaftung und Verknüpfung ſtattfinde, die zu neuen Inſtitutionen und Formen der Einkommensverteilung führen müſſe, um die gerechten Anſprüche aller Teilnehmenden zu befriedigen; b) daß die zu große Differenzierung der ſocialen Klaſſen mit ihren ſocialen Kämpfen unſere Gegenwart bedrohe, daß nur große ſociale Reformen uns helfen können; c) daß in dem Verhältnis der Staaten untereinander, ſo ſehr jeder für ſich ſein wirtſchaftliches Leben ausbilden, unter Umſtänden ſeine Sonderintereſſen mit Energie verteidigen müſſe, doch eine ſteigende Annäherung im Sinne der Weltwirtſchaft ſtattzufinden habe.
Bewegen ſich in dieſer Richtung die von uns ſchon charakteriſierten deutſchen Werke von L. v. Stein und von Roſcher, ſo werden wir ſagen können, daß die erſten heutigen franzöſiſchen Autoritäten, Paul Cauwès (Principes d’économie politique, 1884, ſeither viele Auflagen) und Charles Gide (Précis du cours d’économie politique, 1878 und ſeither öfter) ihr ebenfalls nahe ſtehen, und daß auch Marſhall (Principles of economics, 1890, ſeither öfter, auch eine abgekürzte Ausgabe), obwohl mit der J. St. Millſchen Nationalökonomie noch verwandter, als die deutſchen Werke es durchſchnittlich ſind, doch durch pſychologiſch-ſociologiſche Analyſe und durch ideale Geſichtspunkte ſich ihr nähert. Von den deutſchen zuſammenfaſſenden Werken, in welchen ſich der heutige eben im ganzen charakteriſierte Standpunkt unſerer Wiſſenſchaft am deutlichſten ſpiegelt, ſind hauptſächlich folgende zu nennen:
Albert Schäffle (Geſellſch. Syſtem der menſchlichen Wirtſchaft, 1858, 67 u. 73; Kapitalismus und Socialismus, 1870; Bau und Leben des ſocialen Körpers, 4 Bde., 1875) iſt ein philoſophiſcher Politiker, Socialreformer und Tagesſchriftſteller großen Stils, er hat ſich mit einigen Schwankungen dem Socialismus ziemlich ſtark genähert, verbindet umfaſſende ſtaatswiſſenſchaftliche mit naturwiſſenſchaftlicher Bildung; er ver- ſucht die Nationalökonomie auf ſociologiſchen Boden zu ſtellen, entwickelungsgeſchichtlich darzuſtellen; doch haftet ſein Intereſſe an den Fragen der Tagespolitik, und ſeine Bücher ſind mehr geiſt- und ideenreich als durchgearbeitet und zum Unterricht brauchbar. Adolf Wagner ging von monographiſchen Arbeiten über Bank- und Geldweſen und einem liberal-individualiſtiſchen Standpunkt urſprünglich aus, hat dann aber, von Schäffle, Rodbertus und dem ganzen Socialismus angeregt, ganz andere Wege eingeſchlagen, ein bedeutſames ſyſtematiſches Lehrbuch zu ſchreiben begonnen, zu deſſen Vollendung er auch andere hervorragende Kräfte (Buchenberger, Bücher, Dietzel) heranzog. Er ſelbſt lieferte bis jetzt mehrere Bände Finanzwiſſenſchaft und eine Grundlegung zur Volkswirtſchaftslehre (1875, 1879, 3. Aufl. in 2 Bdn., 1893—94), worin er die Grundbegriffe, die Methodologie, die großen Principienfragen der wirtſchaftlichen Rechtsordnung und des Socialismus und die Bevölkerungslehre in tiefgreifender Weiſe erörtert. Er will auch heute noch methodologiſch mehr an der abſtrakt-deduktiven Art der wiſſenſchaftlichen Behandlung als die meiſten anderen deutſchen Nationalökonomen feſthalten; praktiſch wird ſein Standpunkt gewöhnlich als Staatsſocialismus bezeichnet, womit aber nur gemeint iſt, daß er dem Geſetz und dem Staate einen größeren Teil der heutigen ſocialen Reform zuweiſe, als die meiſten ſeiner wiſſenſchaftlichen Zeitgenoſſen. Guſtav Cohn hat von einem Syſtem der Nationalökonomie bis jetzt einen erſten grundlegenden (1885), einen finanzwiſſenſchaftlichen (1889) und einen Band über Handel und Verkeh sweſen (1898) erſcheinen laſſen; in dieſen Bänden, deren erſterer freilich mehr einen eſſayiſtiſchen als lehrbuchartigen Charakter hat, ſpiegeln ſich die Anſchauungen und Tendenzen der heutigen deutſchen Nationalökonomie wohl am deutlichſten und in der anziehendſten Form wieder. Daneben kommt E. v. Philippovich (Grundriß der politiſchen Ökonomie, 1. Bd. Allgem. Volkswirtſchaftslehre, 1893, 97 u. 99, 2. Bd. Volkswirtſchaftspolitik, 1. Teil 1899) in Betracht; er will principiell Menger und der öſterreichiſchen abſtrakten Schule treu bleiben, praktiſch ſteht er aber durchaus auf dem neuen, vorhin charakteriſierten Boden.
In dem folgenden Grundriß wird ebenfalls der Verſuch gemacht, die allgemeinen und im ganzen feſtſtehenden Reſultate unſeres nationalökonomiſchen Wiſſens einheitlich, ſyſtematiſch von dem Standpunkte aus zuſammenzufaſſen, wie er im vorſtehenden dargelegt iſt. Die Abgrenzung des Stoffes ſchließt ſich der in Deutſchland ſeit Rau herkömmlichen im ganzen an, aber doch mit anderer Abſicht, als ſie Rau vorſchwebte. Dieſer hat die Volkswirtſchaftspolitik und die Finanzwiſſenſchaft von der Volkswirtſchaftslehre getrennt, in der Volkswirtſchaftspolitik die Tagesfragen des Agrar-, Gewerbe- und Handelsweſens unterſchieden; in der Volkswirtſchaftslehre betrachtete er im Anſchluß an Smith die Kräfte als ein im ganzen von Staat, Verwaltung und Politik unabhängiges Syſtem, hatte dabei in erſter Linie die Produktions- und die Verkehrserſcheinungen auf Grund der freien Konkurrenz im Auge; ſeine Volkswirtſchaftspolitik war dazu die notwendige Ergänzung und Korrektur. Nach dem Standpunkt unſerer heutigen Erkenntnis iſt der Staat und die Wirtſchaftspolitik auch in den allgemeinen Lehren der Volkswirtſchaft nicht zu ignorieren. Und eben deshalb hat man mit Recht andere Namen für die zwei Teile gewählt, und hat mit den anderen Namen den Teilen auch eine andere Bedeutung gegeben. Man ſcheidet heute überwiegend — von der Finanzwiſſenſchaft abgeſehen — allgemeine und ſpecielle Volkswirtſchaftslehre und verſteht unter der erſteren den Verſuch eines ſyſtematiſchen Überblickes über unſer geſamtes volkswirtſchaftliches Wiſſen, ohne Eintreten in die Specialfragen der Gegenwart, des eigenen Landes, der einzelnen Hauptzweige der Volkswirtſchaft. Von den großen Zügen der Wirtſchaftspolitik muß in dieſer allgemeinen Volkswirtſchaftslehre ebenſo die Rede ſein, wie ihre Ausführung im einzelnen der ſpeciellen Volkswirtſchaftslehre überlaſſen bleibt. Die allgemeine Lehre führt die typiſchen Organe und Einrichtungen, die weſentlichen Erſcheinungen und Bewegungsvorgänge der Volkswirtſchaft nach ihrer Struktur bei den Hauptkulturvölkern, ſowie nach ihrer hiſtoriſchen Entwickelung im ganzen vor. Sie will dem Anfänger einen Umriß geben, für den Sachkenner das einzelne in ſeinen großen Zuſammenhang ſtellen. Sie muß einen ſociologiſchen, ethiſchen, philoſophiſchen Hintergrund haben, während die ſpecielle Volkswirtſchaftslehre, mit der Gegenwart und ihren ſocialen und volkswirt- ſchaftlichen Tagesfragen beſchäftigt, den Blick auf die eigene Volkswirtſchaft und höchſtens ihre Nachbarn konzentriert, praktiſch verwaltungsrechtlich vorgeht, empiriſch das einzelne unterſucht. Die Nebeneinanderſtellung dieſer zwei Hälften hat ſich bewährt; ſie ergänzen ſich nach Stoff und Methode. Unſer Grundriß will in zwei Hälften oder Bänden nur die allgemeine Volkswirtſchaftslehre geben.
Die Syſtematik oder Stoffeinteilung, die ich dabei befolge, habe ich in meinen Vorleſungen ſeit 35 Jahren ausgebildet; ſie geht von ähnlichen Geſichtspunkten aus wie die Verſuche einer neuen Einteilung bei Stein, Schäffle, Cohn. Die alte Gliederung des Stoffes nach Produktion, Verkehr, Konſumtion entſprach dem wiſſenſchaftlichen Standpunkt und Bedürfnis des naturrechtlich-kameraliſtiſchen Vorſtellungskreiſes zu Anfang unſeres Jahrhunderts. Heute ſcheint ſie mir überlebt und falſch; der philoſophiſchhiſtoriſche Standpunkt der Gegenwart mit ſeiner Anlehnung an die Ethik und Sociologie einerſeits, an die Naturwiſſenſchaften andererſeits, mußte nach einer anderen Gliederung ſuchen, und auch die neueren Anhänger der alten Einteilung haben dies nicht verkannt. Ich komme auf die Stoffeinteilung gleich zurück. Ich möchte hier über die Syſtematik nur ſagen: jede Einteilung iſt berechtigt, welche, der Methode und dem Stoffe angepaßt, das Zuſammengehörige nebeneinander ſtellt, in der Reihenfolge der Abſchnitte eine planvolle Leitung und Belehrung des Leſers beabſichtigt und erreicht.
