1. Die Volkswirtſchaft in ihrer Abhängigkeit von den äußeren Naturverhältniſſen.
52. Der Gegenſatz von Natur- und Völkerleben. Blick auf die Litteratur. Der Menſch, die menſchliche Geſellſchaft und die Volkswirtſchaft ſind ein Teil des organiſchen Lebens, das ſich auf der Erdoberfläche abſpielt. Alles volkswirtſchaftliche Geſchehen iſt unzweifelhafter und ſichtbarer als das politiſche und geiſtige Leben ein Teil des großen Naturprozeſſes; die Geſetze der Natur beherrſchen es ebenſo wie dasjenige phyſikaliſche, chemiſche und organiſche Leben, auf das der Menſch keinen Einfluß hat. Aus der großen Ordnung der Natur heraus giebt es in der Volkswirtſchaft kein Entrinnen. Aber doch ſetzt der Menſch Natur und Kultur, Natur und Volksleben, Natur und Volkswirtſchaft einander entgegen. Er ſetzt ſich und das, was er am direkteſten als Habe und Beſitz beherrſcht, was er durch ſeine Technik umgeſtaltet hat, dem übrigen der äußeren Natur, ihren Kräften und Einflüſſen entgegen. Sie iſt ihm ein fremdes, übermächtiges, unbeherrſchtes Gebilde; ſie tritt ihm als Erde und Klima, als Boden und Gebirge, als Luft und Waſſer, als Pflanze und Tier gegenüber. Sie iſt ihm eine fremde Macht, die ihn freilich hier fördert, aber dort hindert und vernichtet, mit der er ringt, die ihn beherrſcht, die er beherrſchen möchte. Je nachdem ihm ihre Unterwerfung gelingt, iſt er arm oder reich. Ihre Geſtaltung und Umformung durch die Technik macht den Inhalt ſeiner wirtſchaftlichen Thätigkeit aus. Es iſt klar, daß ihre verſchiedenen Kräfte, ihr verſchiedener Reichtum ihm es bald leichter, bald ſchwerer machen, zum Ziele zu kommen. Das Band ſeiner Abhängigkeit von ihr iſt bald ganz kurz, bald elaſtiſcher und loſer.
Es iſt die Frage, was wir über dieſes Band, über dieſen unzerreißbaren Zu- ſammenhang, über die Wechſelwirkung zwiſchen Erde und Menſch, Natur und Volkswirtſchaft wiſſen.
Das in die Augen Fallendſte aus dieſen Zuſammenhängen war ſchon den Alten klar, und Montesquieu hat es im 18. Buch des Geiſtes der Geſetze wieder in Erinnerung gebracht, indem er z. B. die freiheitliebenden Bergſtämme mit den bequemen Ackerbauern der Tiefebene, die ſich despotiſcher Herrſchaft leicht unterwerfen, verglich. Herder hat dann in ſeinen Ideen zur Geſchichte der Menſchheit dieſe Zuſammenhänge weiter verfolgt, er ſucht zu zeigen, daß die Geſchichte der menſchlichen Kultur zu einem erheblichen Teile zoologiſch und geographiſch ſei, daß die Menſchen jedes Klimas, jedes Weltteils und Landes andere ſeien. Karl Ritter hat, auf dieſen Gedanken bauend, die Vorſtellung, daß die natürliche Geſtaltung der Erde providentiell die Entwickelung der menſchlichen Kultur vorgezeichnet habe, durch ſein reiches empiriſch-geographiſches Wiſſen ebenſo wie durch ſeine philoſophiſchen Anſchauungen zu ſtützen geſucht. Und wenn die Wege teleologiſch-geiſtvoller Ausdeutung des Zuſammenhanges zwiſchen Natur und Geſchichte nur teilweiſe direkte Nachfolger in E. Kapp, J. G. Kohl, A. Guyot, E. Curtius, H. Sivert fanden, gewiſſe Grundlinien dieſer Auffaſſung blieben den hiſtoriſchen, ſtaatswiſſenſchaftlichen und naturwiſſenſchaftlichen Studien doch als unverlierbares Erbe erhalten. Es ſei nur an zwei freilich einſeitige Worte K. E. v. Baers erinnert: „Als die Erdachſe ihre Neigung erhielt, als das feſte Land vom Waſſer ſich ſchied, als die Berge höher ſich hoben und die Ländergebiete ſich begrenzten, war das Fatum des Menſchengeſchlechtes in großen Umriſſen vorausbeſtimmt.“ Und: „Es giebt keinen Grund, anzunehmen, daß die verſchiedenen Völker urſprünglich aus den Hand der Natur verſchieden hervorgegangen ſind; man hat vielmehr Grund, anzunehmen, daß ſie verſchieden geworden ſind durch die verſchiedenen Einflüſſe des Klimas, der Nahrung, der ſocialen Zuſtände. Der ſociale Zuſtand wird aber, zwar nicht allein, doch vorherrſchend durch die phyſiſche Beſchaffenheit der Wohngebiete veranlaßt.“
Was neuerdings durch die fortſchreitende geographiſche Forſchung auf dieſem Gebiete geleiſtet wurde, es ſei nur an die Arbeiten Peſchels und Ratzels erinnert, hat die einſchlägigen Fragen im einzelnen weiter gefördert. Auch die Fortſchritte der Meteorologie (Mühry, Dove), der Klimatologie (Hann, Woeikoff), der Pflanzen- und Tiergeographie (Griſebach, Drude, A. Wallace), der Kulturgeſchichte der Pflanzen und Tiere (Hehn, Hahn) ſchufen einen beſſeren Boden für die wirkliche Erkenntnis, während die mechaniſchen Theorien und ſpielenden Analogien Buckles eher einen Rückfall hinter Montesquieu bedeuten und die Nationalökonomen zwar in einzelnen Schilderungen ſich der Methode der wiſſenſchaftlichen Geographie bedienten, in der allgemeinen Theorie aber über einige halbwahre oder falſche Generaliſationen oder über einige ſtatiſtiſch-technologiſche Notizen bezüglich Kohle und Dampfmaſchine, Regenmenge und Durchſchnittswärme kaum hinaus kamen.
Verſuchen wir, aus den erwähnten Wiſſenſchaften und Vorarbeiten das Wichtigſte anzuführen.
53. Die Erdoberfläche, die Kontinente und Länder. Wenn wir die Oberfläche der Erde, ihre verſchiedene Geſtaltung, Polhöhe und Erhebung, ihre geſamten Kräfte und Schätze vom Standpunkte der wirtſchaftlichen Zwecke betrachten, ſo iſt zunächſt klar, daß ſie eine begrenzte Raumfläche von 9,26 Mill. Quadratmeilen oder 509 Mill. qkm ausmacht, daß von dieſer Fläche 2,5 Teile auf das nur für Verkehr und Fiſcherei benutzte Waſſer, 1 Teil auf das Land fällt, daß von dem Lande die bewohn- und bebaubare Fläche auch nur einen Teil, ſelbſt in den Kulturſtaaten der gemäßigten Zone teilweiſe nicht viel über die Hälfte ausmacht. Der ganze Norden und der ganze Süden der Erde iſt wirtſchaftlicher Kultur faſt unzugänglich; die Gebirge ſind es teilweiſe auch; Wüſten, wie die Sahara mit ihren 114000 Quadratmeilen oder 6,27 Mill. qkm und die Gobi mit 41800 Quadratmeilen oder 2,3 Mill. qkm, begrenzen die Lebensmöglichkeit ganzer Erdteile ſehr. Und mag dieſe allgemeine Raumgrenze für die kleine Zahl von Menſchen primitiver und älterer Kultur ſcheinbar nicht vorhanden geweſen ſein, erſcheint ſie den Schwärmern für techniſchen und koloniſatoriſchen Fort- ſchritt oft heute noch als in unbegrenzter Ferne, auf den Höhepunkten der geſchichtlichen Entwickelung zeigte ſich doch immer raſch das Ergebnis, daß die bekannte Welt beſetzt und geteilt war, und vollends die Gegenwart mit ihren Verkehrsmitteln und ihrem geographiſchen Wiſſen, mit ihren Millionenvölkern kann ſich der Einſicht nicht ver- ſchließen, daß die bewohn- und benutzbare Erde eine feſte und ſo ziemlich verteilte, nicht ſtark vermehrbare Größe ſei. Die Stämme und Völker haben die Erdteile, die kleinen Gruppen und Individuen die Länder unter ſich geteilt und müſſen ſtets dieſe Teile völker- und privatrechtlich feſthalten, weil an Land, und zumal an gutem, entfernt nicht ſo viel vorhanden iſt wie begehrt wird.
Die Erhebung der Erdoberfläche hat die Figur der Kontinente, d. h. der großen, zuſammenhängenden Ländergruppen, wie ſie über das Meer emporragen, beſtimmt. Es iſt eine Geſtaltung, die in älteren Erdepochen eine andere war, auch jetzt noch ſteten kleinen Veränderungen ausgeſetzt iſt, für unſer geſchichtliches Bewußtſein aber doch ſeit Jahrtauſenden eine feſte, kaum wandelbare Thatſache bildet. Aus den überwiegenden Meeresflächen erheben ſich die drei zuſammenhängenden Weltteile Aſien, Europa und Afrika und weit getrennt von ihnen Amerika und Auſtralien. Die nördliche Hälfte der Erde hat faſt dreimal ſo viel Land und achtmal ſo viel Menſchen als die ſüdliche, ſie iſt beſonders im aſiatiſch-europäiſchen Teile ſtets der Boden der höheren Kultur geweſen.
Aſien umfaßt über ein Drittel des Bodens aller Kontinente; im Norden ſtellt es eine ungeheure, vielfach unwirtliche Tiefebene, in der Mitte ein Syſtem höchſter Gebirge und ausgedehnter Hochplateaus, die ſchroff nach Süden, in Stufen nach Norden abfallen, im Süden eine Reihe von Halbinſeln und Inſeln dar, welche in die heiße Zone hineinreichen. Die Gebirge und Hochebenen der Mitte haben bisher den Verkehr zwiſchen Nord und Süd, Oſt und Weſt faſt unmöglich gemacht und damit die ganze Geſchichte Aſiens im Sinne eines Zurückbleibens der Kultur im ganzen bei reicher Entwickelung des Südens und eigenartiger Raſſenbeeinfluſſung durch die Mitte beſtimmt; hier ent- ſtanden jene Nomaden- und Bergſtämme, welche ſich die Welt unterwarfen. Der ganze Erdteil iſt ſo vielgeſtaltig, daß die verſchiedenartigſten Völker und Wirtſchaftsformen hier entſtanden: Jagd-, Räuber-, Hirten-, Ackerbau- und ſeefahrende Völker, deren Reibung und Miſchung in Zuſammenhang mit Klima, Tier- und Pflanzenwelt Aſiens die älteſte Kultur erzeugte.
Auf eine Meile Küſte hat Aſien 115, Afrika 156, Europa nur 40 Quadratmeilen Landes. Afrika iſt alſo viel kompakter, Europa ſehr viel gegliederter als Aſien. Afrika iſt ſtromarm, im Süden Hochplateau und vielfach waſſerlos, im Norden Wüſte; nur zeitweiſe und ſporadiſch hat es an ſeinem von Natur begünſtigten Nordrand ein reicheres wirtſchaftliches Leben erzeugt, während Europa durch ſeine Geſtaltung und ſein Klima zum Mittelpunkte der neueren Kultur wurde. Faſt ohne Wüſte und Steppe, faſt ohne jene Hochgebirge, die gänzlich trennen, ohne viel Hochplateaus, von großen Strömen aufgeſchloſſen, ein Hügel- und Stufenland mit reichen Ebenen, am gleich mäßigſten mit Regen verſehen und daher ein Wald- und Ackerbauland erſten Ranges (Peſchel ſagt, ſeinem „ſchlechten“ Wetter dankt es ſeine hohe Kultur), mit Halbinſeln und Inſeln aller Art, welche teilweiſe in die ſubtropiſche Zone reichen, auch im Norden eine ganz andere wirtſchaftliche Entwickelung geſtatten als die anderen nördlichen Erdteile, mußte es in der Hand der ariſchen Stämme die Führung der Menſchheit an ſich reißen.
Nord- und Südamerika ſind zwei Weltteile für ſich; geſtreckter als Aſien und Afrika, kompakter als Europa, durch alle Zonen reichend, mit einem Drittel Gebirge, zwei Dritteln tiefen Flachlandes, das durch große Ströme und Seen leicht zugänglich iſt, hat es in der Hand der Kulturmenſchen die größte Zukunft. Das Miſſiſſippibecken hat vielleicht die Ausſicht, das dichtbevölkertſte, reichſte einheitliche Gebiet der Erde zu werden.
Auſtralien iſt der am längſten abſeits gebliebene Erdteil; unaufgeſchloſſen, vielfach Steppe oder Hochplateau, mit den polyneſiſchen Inſeln bis vor kurzem den Menſchen, Mitteln und Tieren der Kultur faſt unzugänglich, hat es erſt jetzt eine gewiſſe, allerdings raſch wachſende Kultur erhalten. Aber die Lage und die Bodengeſtaltung bleiben erſchwerend, freilich nicht ſo wie für die Gebiete der weiter nach Süden reichenden Randvölker, welche noch mehr als die nordiſchen durch Kälte, Kargheit der Natur, iſoliertes Leben und Entfernung von den Mittelpunkten der höheren Kultur wohl immer auf niedriger Stufe der wirtſchaftlichen Entwickelung verharren werden.
Wie die Erdteile im großen, ſo können wir die Länder im kleinen als Individuen erfaſſen. Sind ihre Grenzen auch oft mehr durch hiſtoriſches Schickſal beſtimmt geweſen und immer wieder verrückt worden, im ganzen betraf das doch mehr die Geſtaltung im einzelnen, nicht die wichtigeren Züge. Die Inſeln und Halbinſeln ſind am deutlichſten geſchloſſene Einheiten. Aber auch auf die anderen Länder haben ſtets wieder die Gebirge, die Seen und Flüſſe, die Moräſte und Wüſten, die Lage zum Meere grenzbildend eingewirkt und ſo natürliche Einheiten des Gebietes geſchaffen. Wie ſchon die urſprünglichſten Wanderungen der Pflanzen, der Tiere und der Menſchen durch dieſe natürlichen Grenzfaktoren beſtimmt und die Ausbildung eigentümlicher Arten — nach Moritz Wagners Migrationstheorie — ſo erzielt oder begünſtigt wurden, ſo waren auch ſpäter alle Bewegungs- und Entwickelungsvorgänge des geſellſchaftlichen Lebens von dieſen grenzbildenden Urſachen beherrſcht: ſie haben die Länder zu natürlich geſchloſſenen, einheitlichen Schauplätzen des wirtſchaftlichen und politiſchen Lebens gemacht. Und die mehr oder weniger vorhandene Einheitlichkeit des Schauplatzes, die Wirkung derſelben Urſachen durch Jahrhunderte und Jahrtauſende erzeugte beſtimmte wirtſchaftliche Zuſtände und Kulturergebniſſe. Die phöniciſche Kultur konnte nur in der Ecke des Mittelmeeres, die ägyptiſche nur am Nil, Deutſchlands Ackerbauleben nur in der Mitte Europas, die britiſche Welthandelsherrſchaft nur an den engliſchen Küſten entſtehen. Sagt doch ſelbſt der idealiſtiſche Ranke: die ägyptiſche Religion iſt auf die Kultur des Nillandes, die perſiſche auf den Anbau im Iran gegründet.
Alle ſolche natürliche Gebietsbildung iſt aber ſtets nur ſo zu verſtehen, daß die Entwickelung der wirtſchaftlichen oder ſonſtigen Kultur durch ſie eine gewiſſe Richtung erhält, daß gewiſſe Hemmungen und Möglichkeiten dadurch gegeben ſind. Wie ſie überwunden oder benutzt werden, hängt von der Raſſe, dem Stande der Moral und der Technik, der ſonſtigen wirtſchaftlichen, politiſchen und geiſtigen Erziehung und Schulung der Menſchen ab. Wie oft hat man z. B. die Wirkung der Natur auf die Größe der Staaten überſchätzend behauptet, die europäiſch-aſiatiſche Tiefebene erzeuge direkt große, das weſteuropäiſche Stufenland kleine Staaten. Wahr iſt, daß die ver- ſchiedene Natur derartiges begünſtigt hat, und wenn Rußland heute in Europa 5,4 (im ganzen 22,4) Mill. qkm, Deutſchland 0,540, Frankreich 0,528, Großbritannien 0,313, die Schweiz 0,041, Dänemark 0,038 Mill. qkm im Zuſammenhang beſitzt, ſo iſt das immer ein Beweis für dieſe Begünſtigung. Aber auch das heutige Rußland hat Epochen zahlreicher kleiner Staaten, und Weſteuropa hat zu verſchiedenen Zeiten ganz verſchieden große politiſch-wirtſchaftliche Körper gehabt.
Und Ähnliches gilt vom geographiſchen Nachbareinfluß, der wirtſchaftlich gewiß die größte Bedeutung hat. Pflanzen und Tiere, Waren und Werkzeuge, gelernte Arbeiter und Handelseinrichtungen, die ganze Struktur der Volkswirtſchaft ſind ebenſo wie Konſumtionsſitten und Mode meiſt von einem Nachbarlande zum anderen übergegangen, ſofern ſie direkt aneinander grenzten oder durch Verkehr, Krieg, Eroberung und Einwanderung in Berührung kamen. Der ganze Wandergang der menſchlichen Kultur von Indien, Meſopotamien und Ägypten nach Griechenland und Italien, dann nach Mittel- und Nordeuropa, endlich nach Amerika wird nur verſtändlich durch die natürlich und geographiſch gegebenen Nachbarbeziehungen. Aber im einzelnen iſt auch dieſer Zuſammenhang immer mehr ein möglicher als ein notwendiger. Je nach den Mitteln der Technik, über die eine Zeit verfügt, ſind Meere, Flüſſe, Gebirge mehr Trennungs- oder mehr Verbindungsmittel.
Aber das bleibt doch wahr, daß es natürliche Ländergebiete mit beſtimmtem Charakter giebt, daß ihre Erhebung, ihr Klima, ihre Lage und Nachbarſchaft, ihr Boden auf Menſchen, Pflanzen und Tiere einheitliche Wirkungen ausübt, daß daraus dauernde Folgen für die Geſchicke der Völker ſich ergeben. —
Kann man ſo die Kontinente und Länder als individuelle und typiſche Einheiten mit beſtimmtem Charakter und beſtimmten Folgen erfaſſen, ſo wird man noch beſſer die Unterſuchung ſpecialiſieren und z. B. mit Ratzel folgende Fragen unterſcheiden können: 1. wie wirken die Naturverhältniſſe phyſiologiſch, 2. pſychologiſch auf den Menſchen, 3. welche Zeiträume und Bedingungen ſchaffen einen Raſſentypus, der auch in anderer Natur ſich erhält? wir wollen darauf kurz im nächſten Abſchnitte über die Raſſen kommen; 4. wie wirkt die Natur auf die Ausbreitung der Stämme und Völker, 5. auf Sonderung und leichten Verkehr, 6. auf beſtimmte wirtſchaftliche Lebensweiſe. Die vierte Frage liegt uns hier ferner; die Fragen 5 und 6 faſſen wir zuſammen, ſpalten ſie jedoch weiter in folgende: wie wirken a) das Klima, b) die geologiſchen und Bodenverhältniſſe ſowie die Waſſerverteilung, c) die Flora und Fauna der Kontinente und Länder?
54. Das Klima. Man verſteht unter Klima wohl auch das Ganze der äußeren Natureinflüſſe, richtiger aber die Wärme und Kälte, die Feuchtigkeit und Trockenheit der Luft, ſowie die Luftbewegungen, die beides vermitteln und beeinfluſſen. Die Luft dringt in alle organiſchen Weſen ein, bringt Wärme und Feuchtigkeit überall hin. Daher die enorme Bedeutung der Luftſtrömungen und Winde. Wärme und Waſſer bedingen alle organiſche, pflanzliche, tieriſche und menſchliche Entwickelung und zwar in der Weiſe, daß ihr gänzlicher Mangel alles Leben ausſchließt, ihre zu intenſive Wirkung es lähmt und gefährdet; das Mittelmaß von Wärme und Feuchtigkeit wirkt am günſtigſten. Die Wärme iſt von der Sonne, dem ſenkrechten oder ſchiefen Einfall ihrer Strahlen, alſo von der Stellung der Erdachſe, der Polhöhe der einzelnen Länder, dem damit gegebenen Wechſel der Jahres- und Tageszeiten und der Erhebung über die Meeresfläche abhängig; weiterhin aber von den Luft- und Waſſerſtrömungen und der periodiſchen Bewölkung. Die Feuchtigkeit iſt in erſter Linie bedingt durch die Nähe der Meere und der großen Waſſerflächen, welche im Zuſammenhang hauptſächlich mit den Luftſtrömungen und Gebirgen das abſolute Maß und die Verteilung des Regens im Jahre beſtimmen.
Die Einteilung der Erde in eine tropiſche, gemäßigte und kalte Zone, oder in weitere Abteilungen, tropiſche und ſubtropiſche, ſüdlich und nördlich gemäßigte Zone ꝛc. ſtellt den Verſuch dar, die genannten Wirkungen, in große Gruppen gegliedert, über- ſichtlich zu machen; die Grenzen der Zonen werden teils einfach nach Breitengraden, teils nach der Jahresdurchſchnittswärme, teils nach dem Fortkommen der Hauptpflanzen gebildet und ſind deshalb da und dort in ihrer Flächengröße verſchieden angegeben. Wenn wir die heiße Zone bis zum 23,5., die gemäßigte bis zum 66,5. Breitengrade rechnen, ſo fallen auf die erſtere 40, die zweite 52, die kalte Zone 8 % der Erdoberfläche; ſcheiden wir nach den Linien gleicher Jahreswärme, den Iſothermen bei 20° und 0° Celſius, ſo fallen auf die heiße Zone 49,3, auf die gemäßigte 38,5, auf die kalte 12,2 % der Erdoberfläche. Die heiße Zone macht ſonach etwa die Hälfte der Erde aus, aber ſie enthält nur ein Viertel Land, drei Viertel Meer.
Eine Einheitlichkeit des Klimas iſt natürlich auch in der tropiſchen oder ſubtropiſchen ſowie in der gemäßigten Zone nicht vorhanden: See- und Kontinentalklima unterſcheiden ſich ebenſo in jeder Zone wie Höhen- und Niederungsklima. Nordamerika iſt viel kälter als Nordeuropa, weil letzteres mehr den ſüdweſtlichen warmen Waſſer- und Luftſtrömungen ausgeſetzt iſt; Rom und Newyork liegen unter demſelben Breitengrad, und erſtere Stadt iſt doch ſehr viel wärmer. Es giebt kühle Hochebenen in den Tropen und milde Küſtenſtriche im Polarkreiſe. Die Erhebung iſt im Norden vielfach mäßig, im Süden groß, was dort die Kälte, hier die Glühhitze mildert. Endlich iſt gleiche Wärme und Feuchtigkeit von ſehr verſchiedener Wirkung bei regelmäßig ſtark bewegter und bei toter Luft. Starke Luftbewegung regt alles Leben an. Aber wir dürfen auf dieſe Ausnahmen hier nicht eingehen, müſſen uns begnügen, das Wichtigſte über die klimatiſchen Unterſchiede der Hauptzonen zu ſagen, wobei wir die Wärme und ihre Wirkung in den Mittelpunkt der Betrachtung ſtellen, jedoch zugleich auf die mittlere Regenmenge blicken müſſen. „Die Wärmetabellen ſind eine Stufenleiter für die Hauptbedingungen der Volkswirtſchaft.“ Am 90.° nördlicher Breite iſt die Jahrestemperatur — 20,0°, am 65. — 4,3, am 55. + 2,3, am 45. + 9,6, am 35. + 17,1, am 25. + 23,7, am 15. und 5. + 26,3 und 26,1° Celſius. In Bezug auf die mittlere jährliche Regenmenge unterſcheidet man die niederſchlagsarmen Gebiete, welche jährlich nur bis 250 mm Regen haben, die mittleren Gebiete mit 250—1000 mm und die niederſchlagsreichen mit über 1000, ja über 4000 mm. Zu den begünſtigten mittleren gehören Central- und Weſteuropa, Oſtchina, die Oſthälfte der vereinigten Staaten; das niederſchlagsarme und darum ſo vielfach unfruchtbare Gebiet iſt viel größer als die beiden anderen Teile zuſammen. Dazu gehören Central- und Südafrika, Weſtamerika, Oſteuropa, ein großer Teil Aſiens und Auſtraliens. Schon in Ungarn und Rußland, vollends in Centralaſien ſinken die Niederſchläge bedenklich, hier wie in der Sahara bis auf Null.
Günſtige Wärme- und Feuchtigkeitsverhältniſſe fördern unter ſonſt gleichen Verhältniſſen alles wirtſchaftliche Leben, ungünſtige hemmen oder vernichten es. Die Produktion der wichtigſten wirtſchaftlichen Güter und aller Konſum iſt hievon abhängig. Die Größe und Art der Ernten, die verfügbaren Pflanzen und Tiere, die Leichtigkeit oder Schwierigkeit ihrer Gewinnung iſt vom Klima beherrſcht. Ein Bananenfeld der warmen Zone, ſagt Ritter, ernährt 25-, Humboldt ſagt 133mal ſo viel Menſchen als ein gleich großes Weizenfeld. Die Arbeit des Familienvaters während zweier Tage ernährt am Fuße des mexikaniſchen Gebirges leicht die ganze Familie. Der Menſch braucht im Süden weniger Fleiſch und Fett, keine Spirituoſen, wenig oder kein Heizmaterial; ſeine Wohnung iſt leicht herzuſtellen, ſeine Kleidung ſo viel billiger. Kurz, die wirtſchaftliche Exiſtenz iſt ſehr viel leichter, es können auf derſelben Fläche mit geringerer Technik mehr Menſchen leben. Selbſt in den europäiſchen Staaten zeigt ſich meiſt ein erheblicher klimatiſcher Unterſchied zwiſchen Nord und Süd, der alle wirt- ſchaftlichen Sitten beeinflußt. Man iſt im Norden etwas häuslicher, ſparſamer, meiſt auch arbeitſamer; im Süden lebt man beſſer, läßt ſich mehr gehen. Damit tritt freilich auch die Folge hervor, daß die Gunſt des Klimas ſich in ungünſtigere wirtſchaftliche Eigenſchaften der Menſchen umſetzen kann und häufig umſetzen wird. Ratzel ſpricht in ſolchem Zuſammenhange von einem Leben in den Tag hinein, von einem allgemeinen proletarierhaften Zug, den die europäiſchen Völker des Südens hätten.
Unter den ſpeciellen Wirkungen des Klimas auf das wirtſchaftliche Leben möchte ich noch die auf die Jahres- und Tageszeiten hervorheben, deren Verſchiedenheit nicht bloß die Flora der einzelnen Länder und Zonen mit beeinflußt ſondern auch die ganze Haus- und Landwirtſchaftsführung beſtimmt und bedingt. Nur in der gemäßigten Zone haben wir die uns allbekannten vier Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbſt und Winter nebſt den langen Sommer- und den kurzen Wintertagen mit all ihren Folgen; hier iſt es nötig, im Sommer und Herbſt für den Winter zu ſorgen; aller landwirt- ſchaftliche Betrieb, alle Einteilung der Arbeit iſt dadurch bedingt; der Menſch wird damit ſtärker zur Vorausſicht erzogen. Der Winter iſt andererſeits im gemäßigten Klima nicht ſo lang, die Tage ſind noch nicht ſo kurz wie an den Polen, wo Natur und Menſchen zu einem viele Monate dauernden Winterſchlaf gleichſam durch eine Nacht von Monaten gezwungen ſind, der im Sommer ein ebenſo langer Tag folgt. Der große und ſtete Wechſel der Witterung erzeugt im gemäßigten Klima im ganzen auch mehr Energie als die in den Tropen meiſt für Wochen und Monate gleichmäßige Witterung. Das gemäßigte Klima regt in ſeinem kälteren Teile mehr zur Thätigkeit an, giebt in ſeinem wärmeren dem Menſchen die ſchönſte und leichteſte Exiſtenz. Über die Verſchiedenheiten innerhalb des gemäßigten Klimas ſei hinzugefügt, daß die Vegetationszeit der Pflanzen in Europa zwiſchen 3 und 9, die landwirtſchaftliche Arbeitszeit zwiſchen 4 und 11 (in Rußland 4, Oſtpreußen 5, Mitteldeutſchland 7, Südengland 11) Monaten ſchwankt. Die nötige Zahl der Arbeiter, der Ge- ſpanne, das Wieſen- und Futterareal iſt davon abhängig. Der Reinertrag, die Koſten aller Melioration ſchwanken entſprechend; von der Länge und Härte des Winters hängt teilweiſe Verkehr und Abſatz ab. Haxthauſen meint, bei gleicher Kultur gebe ein ähnliches Gut in Mitteldeutſchland die doppelte Rente wie in Rußland.
Die heiße Zone hat nicht ſowohl viel heißere Tage als die gemäßigte, wie eine viel größere Zahl gleichmäßig ſich folgender heißer Tage und eine Hitze, welche mit ſtärkerer Feuchtigkeit verbunden iſt und deshalb auf alles organiſche Leben ganz anders wirkt. Ein Winter in unſerem Sinne iſt nicht vorhanden; man hat nur zwei oder drei Jahreszeiten; die Regenzeit wird als die kühle empfunden, die Zeit vorher als die des Erſtickens und des Vertrocknens der Pflanzen. Der anregende Wechſel der Witterung wie die Ungleichheit von Tag und Nacht fehlen oder ſind ſehr mäßig. In Brittiſch-Indien pflegt man Oktober bis Februar als gemäßigte Jahreszeit zu bezeichnen; unſere Halmfrüchte, Obſtarten und Gemüſe gedeihen da und werden im März geerntet; dann folgt vom März bis Juli die heiße Zeit, welche die ſüdlichen Früchte, Reis, Indigo und Mais zur Reife bringt; endlich die Regenzeit vom Juli an, welche Abkühlung ſchafft, die Vegetation neu belebt. Das Pflanzen- und Tierleben zeigt in der ſüdlich gemäßigten und ſubtropiſchen Zone ſeinen größten Reichtum und ſeine höchſte Entfaltung; aber der Menſch hat im eigentlichen Tropenklima faſt nur während der vier Monate nach der Regenzeit ſeine Vollkraft; die Regenzeit und die heiße Zeit lähmt ihn, bedroht ſeine Geſundheit und ſeine Energie.
Die Tropen, hat man geſagt, ſeien die Wiege der Menſchheit geweſen, weil ſie das Leben leichter machten; die gemäßigte Zone aber die Wiege der Kultur, weil ſie den Menſchen zu größter Entfaltung ſeiner Kräfte nötigte, ohne ihm das Leben ſo zu erſchweren wie die kalte Zone mit ihrer Armut an Pflanzen und Tieren.
55. Die geologiſchen und Bodenverhältniſſe ſowie die Waſſerverteilung. Neben dem Klima ſind es die geologiſchen und Bodenverhältniſſe, von denen die menſchliche Wirtſchaft in allem einzelnen bedingt iſt.
Die Erdoberfläche iſt das Ergebnis eines Umbildungs-, Schichtungs- und Verwitterungsprozeſſes, der in Millionen Jahren die Erhebung, Zuſammenſetzung und vegetative Kraft, den Quellenreichtum und die Luftbeſchaffenheit, die Geſundheit und Wohnlichkeit derſelben in allen ihren einzelnen Teilen beſtimmte. Eine Reihe von geologiſchen Zeitaltern erzeugte die verſchiedenen Schichten, die ſich folgten und vom Urgebirge bis zum heutigen Schwemmland in den einzelnen Gegenden zu Tage treten, ihr Relief, ihre Erhebung und Beſchaffenheit beſtimmen. Ein Ergebnis hievon iſt ſchon die Geſtalt der Länder und Kontinente, das ganze Verhältnis von Feſtland und Meeren, das wir vorhin erörterten. Damit hängt weiter der auch innerhalb der Länder hervortretende Gegenſatz von Hochgebirge und Hochplateau, Mittelgebirge und Stufenland, Tiefebene und Flachland zuſammen. Jederman weiß, daß der Hackbau, der Acker- und Gartenbau in den reicheren Flußthälern und Tiefebenen warmer Länder entſtanden, ſeit lange aber in die gemäßigte Zone, in die Stufen- und Hügelländer vorgedrungen iſt. Welchen Teil eines Landes aber der landwirtſchaftliche Anbau erfaſſen könne, das hängt neben dem Klima weſentlich von den geologiſchen und Bodenverhält niſſen ab: in Ägypten ſind es nur 2½, in Japan nur 16 %; in dem reichen Brittiſch-Indien ſind von 427154 Quadratmeilen 190842 unbebaubar. In unſeren Breiten ſind die Anteile meiſt größer: im Kanton Uri ſind freilich nur 28, in Finnland 37, in Norwegen 47, in der Schweiz ſchon 69 und in den meiſten deutſchen Staaten 80—90 % der land- und forſtwirtſchaftlichen Kultur zugänglich. Noch tieferen Einblick in die Wirkung der Bodenverhältniſſe giebt die Statiſtik der landwirtſchaftlichen Kulturarten, der Anbauflächen der einzelnen Früchte, der guten und ſchlechten Böden: die günſtigen Lehmböden machen z. B. in Pommern 6, in Weſtfalen 41 % aus.
Die höhere, vielſeitige wirtſchaftliche Kultur, welche Ackerbau, Gewerbe und lebendigen Verkehr verbindet, iſt meiſt nur in den Vorbergen und Stufenländern mit ihrer Vielgeſtaltigkeit des Bodens zu Hauſe. Gewiſſe Hochplateaus ſind ſeit Jahrtauſenden auch in den Händen der höheren Raſſen nicht über Nomadenwirtſchaft hinausgekommen. Die Gebirge laſſen im Süden höher hinauf einen gewiſſen Anbau und einen gewiſſen Wohl- ſtand zu; im ganzen aber haben ſie doch ſtets mit ihrer Weide- und Waldwirtſchaft nur eine ſpärliche Bevölkerung kümmerlich ernährt. Bloß vereinzelt hat Haus- und Fabrikinduſtrie in den Bergen Platz greifen können; vereinzelt haben wertvolle Erze Wohlſtand ja Reichtum geſchaffen.
Eigentlich das Beſte, was die Wiſſenſchaft bisher über den Zuſammenhang der Bodenverhältniſſe mit der wirtſchaftlichen Entwickelung geſchaffen, liegt in den Specialunterſuchungen über einzelne Länder und Gegenden, wie ſie z. B. die von Cotta für Sachſen, von Haxthauſen für Weſtpreußen, von Buckland für England, von Gothein für Baden uns lieferten. Aber ebenſo bedeuteten die mehr allgemeinen Unterſuchungen von Kohl über die Abhängigkeit der Verkehrslinien von der Erdoberfläche und über die hiemit gegebenen Standorte der Städte einen erheblichen Fortſchritt im Sinne der Einzelerkenntnis. Ihnen ſchließen ſich neuerdings eine Reihe Monographien jüngerer Geographen mit ähnlichen Tendenzen an. Ratzel und A. Hettner haben dieſe Studien ſehr lehrreich zuſammengefaßt. Man wird als Ergebnis von all’ dieſen Unterſuchungen ſagen können: Das einzelne der Lage von Städten, Dörfern und Höfen, das Alter ihrer Gründung und Entwickelung, vielfach auch die Planlegung der Fluren, die Zeit und der Ort der Waldrodung, die Wegelinien, das Entſtehen der verſchiedenen Hauptgewerbszweige da und dort, die Verknüpfung der Siedelungen, Gewerbe und Verkehrslinien mit Quellen, Waſſerlinien, Seen und Küſten — kurz all’ dieſes einzelne wird nur der voll verſtehen, der außer den hiſtoriſch-geſellſchaftlichen Urſachen mit der geologiſchen und topographiſchen Karte in der Hand die natürlichen Bedingungen der Volkswirtſchaft eines Landes ſtudiert. Außerdem ergeben ſich hieraus eine Anzahl allgemeiner volkswirtſchaftlicher Wahrheiten, z. B. daß die Dörfer und Landſtädte in ihrer Lage und Entwickelung mehr von der topographiſchen Beſchaffenheit des Ortes ſelbſt und der allernächſten Umgebung, die größeren Städte mehr von den natürlichen Bedingungen des Landes, den Strömen, den Grenzen im ganzen bedingt ſind; daß alle Landwege, je weiter wir zurückgehen und mit unvollkommener Technik rechnen, ſich dem Boden, der Erhebung, den Päſſen, den Landrücken anſchmiegen, daß auch bei höherer Kultur alle Entwickelung des Wegeweſens von dem Boden abhängig iſt, daß ſtets Siedelungen und Wege gegenſeitig ſich natürlich bedingen; daß das Vorkommen von Gold und Silber, von Kupfer und Eiſen, von Zink und Zinn, beſonders wenn es ſich um reiche Erze handelt, von Salz und Salzquellen ſeit alten Zeiten, das von Stein- und Braunkohle, von Ölquellen und ähnlichen Stoffen in der neueren Zeit den Anſtoß zu blühendem Bergbau, zu reichem gewerblichen Leben geben konnte und kann. Aber alle derartigen Wahrheiten ſind ſo allgemeiner und bekannter Natur, daß man ſie kaum als neue wiſſenſchaftliche Errungenſchaften bezeichnen kann. Man muß ſie nur für das Einzelverſtändnis der wirtſchaftlichen, hiſtoriſch oder geographiſch zu betrachtenden und zu vergleichenden Zuſtände im Auge behalten. Hiefür erweiſen ſie ſich als ein fruchtbarer Schlüſſel der Erkenntnis.
Vielleicht am allermeiſten gilt dies bezüglich des Vorkommens von Waſſer, wie es durch die Bodenkonfiguration ſich geſtaltet; ich meine die Verteilung der OuellenQuellen, Bäche, Flüſſe, Seen und Meeresküſten. Ich möchte hierüber noch ein Wort hinzufügen, denn der Ausſpruch Pindars, daß das Waſſer das Herrlichſte ſei, iſt vor allem auch wirtſchaftlich wahr. Ohne Waſſer iſt nirgends ein wirtſchaftliches Gedeihen. Man könnte faſt ſagen, die am Waſſer gelegenen Gebiete ſeien die reichen.
Die Regenmenge und das örtliche Vorkommen des Waſſers ſtehen in engſter kauſaler Wechſelwirkung; aber im einzelnen iſt der Reichtum an Quellen, Flüſſen und Küſten doch nicht durch die Regenmenge des Ortes bedingt, und jedenfalls wird das Vorkommen fließenden Waſſers um ſo wichtiger, je mehr es an Regen in der Gegend fehlt.
Wie ſchon die Tiere des Waldes und der Wüſte dem Waſſer nachgehen, ſo hat es der primitive Menſch gethan; die Wanderungen und Siedelungen der Ureinwohner ſind zwar von großen Waſſerläufen oft auch gehemmt worden, große Ströme bieten lange eine faſt unüberbrückbare Völkerſcheide; aber umſomehr folgt der primitive Menſch den Quellen und Flußrändern. Und mit der Seßhaftigkeit und der höheren Kultur nimmt der Zug nach dem Waſſer nicht ab. Die Quellen haben überall die Wohnſitze der Menſchen beſtimmt, weil Menſch und Vieh, Küche und Haus ohne Waſſer nicht exiſtieren können. Wo die Feuchtigkeit durch Regen fehlt, beſtimmen Quellen, Bäche und Flüſſe alle Vegetation; freilich erſt eine hohe geſellſchaftliche und techniſche Entwickelung haben in trockenen Ländern wie in Ägypten, Indien, China, Meſopotamien, in Nordafrika, Spanien und Italien die Wunder jener bewäſſerten Ackerbau- und Gartendiſtrikte geſchaffen, wobei nicht bloß die Zuführung der nötigen Feuchtigkeit, ſondern auch die des düngenden Schlammes die reichen Ernten erzeugte. Ein großer Teil alles älteren Gewerbebetriebes bedurfte der Nähe bedeutender Waſſermengen, mußte alſo den Bächen und Flüſſen folgen: der Flachsbereiter und -Bleicher, der Gerber, Walker und Färber, der Bierbrauer und Fleiſcher ſuchte das Waſſer auf. Als die Waſſermühlen erfunden waren, war für die Mahl- und Sägemühlen, die Eiſenhämmer und alle Werkſtätten, die mechaniſcher Kraft bedurften, der Standort am Waſſer gegeben; und wenn heute Dampf und Elektricität teilweiſe die große Induſtrie von dieſer Bannung ans Waſſer befreit haben, billiger bleibt ſtets die Waſſerkraft, und noch heute iſt die ganze Verteilung unſerer Gewerbe doch überwiegend durch die Waſſerläufe beſtimmt.
Und wenn wir ſo Siedelungen, Ackerbau und Gewerbe dem Waſſer mit Vorliebe folgen ſehen, wenn deshalb überall die dichte Bevölkerung in den mit Waſſer reichlich verſehenen Thälern ſich zuſammendrängt, ſo iſt die Wirkung auf den Verkehr faſt eine noch größere. Wie alle menſchliche Kultur von den Küſten und Flußmündungen die Thäler aufwärts ging, ſo entſtanden alle größeren Orte und Städte hauptſächlich durch den Verkehr, der von hier aus landeinwärts und ſtromaufwärts ging; in primitiven Zeiten war der Waſſerverkehr, der Handel zu Schiff vielfach die einzige Art größeren Warenaustauſches, lebendiger Berührung verſchiedener Stämme und Händler; nur am Meere und an großen Strömen ſaßen alle bekannten reichen Handelsvölker. Freilich hat nicht überall, ſondern nur an wenigen beſonders günſtigen Stellen das Waſſer fähige Raſſen zu ſelbſtändiger Erfindung des Schiffsbaues und Handels angeleitet; an den ungünſtigen Küſten hat die Nachahmung erſt langſam und nach und nach einen Waſſerverkehr geſchaffen. Nur an Punkten wie Tyrus, Alexandria, Karthago, Venedig, Genua, Amſterdam, London, Hamburg, Newyork konnten die vorangeſchrittenſten Völker Mittelpunkte des Welthandels und höchſten Reichtums ſchaffen. Und wenn heute die Eiſenbahnen teilweiſe dem Waſſer ſeine Verkehrsrolle abgenommen haben, wenn falſche geſellſchaftliche und politiſche Einrichtungen, ſowie politiſche Schickſale die Kultur an großen Strömen, die früher die Hauptlinien des Handels bildeten, verfallen ließen, die großen Fluß- und Stromſyſteme ſind doch auch heute mehr als je die Hauptadern alles, auch des Eiſenbahnverkehrs: am Lorenzo- und Miſſiſſippiſtrom, an Rhein und Elbe, an Seine und Themſe konzentriert ſich auch heute der Pulsſchlag des höchſten wirtſchaftlichen Lebens.
Das Ergebnis all’ ſolcher an die Erdoberfläche anknüpfender volkswirtſchaftlichgeographiſcher Betrachtungen iſt immer wieder die Erkenntnis, wie engbegrenzt die Punkte und Gebiete ſind, an welchen eine hohe und allſeitige, reiche wirtſchaftliche Entwickelung möglich iſt, wie die an dieſen Punkten ſitzenden Menſchen und Geſellſchaften naturgemäß die anderen überholen und beherrſchen müſſen, wie die Überlegenheit der begünſtigten Orte und Menſchen dieſen wirtſchaftliche Vorteile verſchaffe, die nicht bloß zu ihrer eigenen beſſeren Verſorgung, ſondern weſentlich auch dazu führen, daß ſie ihre ſeltenen Güter und Vorteile den an ungünſtigeren Orten ſitzenden vorenthalten oder zu übergroßem Gewinn und Herrſchaft über ſie ausnützen können.
56. Die Pflanzen- und Tierwelt in ihrer Verteilung. Bis auf einen gewiſſen Grad, aber doch viel ſchwächer, tritt uns ein ſolcher Eindruck entgegen, wenn wir die Pflanzen- und Tierwelt betrachten, weil ihre Verteilung eine im ganzen gleichmäßigere iſt. Die Flora und Fauna iſt weniger ein Reſultat örtlicher Bodenverſchiedenheiten als ein Ergebnis der großen klimatiſchen und Erhebungsverhältniſſe der Kontinente und Länder.
Die allgemeine volkswirtſchaftliche Bedeutung der Pflanzen- und Tierwelt iſt ſelbſtverſtändlich eine außerordentlich große. Die menſchliche Ernährung, Bekleidung und Erwärmung hängt von ihnen ab; der größere Teil aller wirtſchaftlichen Thätigkeit iſt der Bemeiſterung der Tier- und Pflanzenwelt, der Unterordnung derſelben unter die menſchlichen Zwecke gewidmet. Die Menſchen hängen von der Art und Zahl der vorkommenden Pflanzen und Tiere überall ab. Durch das dem Menſchen verwandte organiſche Pflanzenleben iſt er mit der Erde verbunden, iſt ſein Leben erleichtert und allein möglich. Die Pflanzenvegetation führt die ganze Erdoberfläche gleichſam in ſeinen Dienſt. Der Reichtum der Länder an Pflanzen und Tieren iſt ein erhebliches Stück des natürlichen Wohlſtandes der Geſellſchaften.
Wir können hier auf die hiſtoriſche Entſtehung der Pflanzen- und Tierarten, ihre urſprüngliche und ſpätere Verbreitung im Zuſammenhange mit der geologiſchen Entwickelung der Erde, der Veränderung der Klimate und Kontinente nicht eingehen. Wir ſtellen nur feſt, daß die heutige Verbreitung der Pflanzen und Tiere eine ganz andere iſt als früher. In Mitteleuropa könnte mit der urſprünglichen Ausſtattung nur ein ſehr kleiner Teil der heutigen Bevölkerung leben. Die heutige Verteilung der Pflanzen und Tiere iſt ein Ergebnis der Geſchichte. „Die Natur,“ ſagt Hehn, „gab Polhöhe, Formation des Bodens, geographiſche Lage, das übrige iſt ein Werk der bauenden, ſäenden, einführenden, ausrottenden, ordnenden, veredelnden Kultur.“ Ja, die Haustiere und die Kulturpflanzen ſelbſt ſind uns eben deshalb ſo unendlich nützlich, weil ſie unter der Hand des Menſchen etwas weſentlich anderes wurden, als ſie im wilden Zuſtande waren. Aber deswegen bleiben große Epochen der wirtſchaftlichen Entwickelung und bis auf einen gewiſſen Grad auch die Gegenwart doch in Zuſammenhang mit der älteſten uns bekannten Ausſtattung; und alle frühere wie die gegenwärtige Flora und Fauna ſind durch Klima und Boden in feſte Grenzen gewieſen. Innerhalb dieſer Grenzen liegen die verſchiedenen Arten der Ernährungsmöglichkeit, der Lebensweiſe, der Wirtſchaftsführung, wie ſie durch die beſtimmten Tier- und Pflanzenarten gegeben ſind. Nur einige Beiſpiele.
Die Wirtſchaft der heutigen Polarmenſchen hängt zum Teil von der Milch, dem Fleiſch, den Häuten, den Geweihen und Knochen des Renntiers, in weiterer Linie alſo von der Nahrung der Renntierherde, den Flechten, Mooſen und anderen Gliedern der nordiſchen Heideflora ab. Daneben aber könnten dieſe Hyperboreer ohne die Robben und Fiſche, ohne die unerſchöpfliche Fauna des Meeres und der Küſte nicht leben.
Gehen wir weiter nach dem Süden, ſo iſt alle menſchliche Wirtſchaft zunächſt davon abhängig, ob die Erdoberfläche mit Wald oder nur mit niederen Pflanzen oder gar nicht mit ſolchen bedeckt iſt. Die urſprüngliche und natürliche Verbreitung des Waldes hängt vom Boden, vom Klima und den Niederſchlägen ab. Die ſüdlichen Länder waren nie ſo waldreich wie unſere mitteleuropäiſchen, urſprünglich faſt ganz mit Wald und Sumpf bedeckten Gebiete. Der Kampf mit dem Walde hat ganze Epochen der menſchlichen Wirtſchaftsgeſchichte beherrſcht: mit den reißenden Tieren des Waldes hat der Menſch gekämpft; viele der anderen Tiere haben ihn zur Jagd erzogen. Das wirtſchaftliche Leben der Menſchen in den eigentlichen Waldgegenden iſt heute noch ein beſtimmt geartetes; nur eine mäßige Bevölkerung kann von den Holz- und Waldgewerben leben. Wo heute noch, wie in den mitteleuropäiſchen Ländern, 10—40 % des Bodens mit Wald beſtanden ſind, wo man ihn in dieſer Ausdehnung erhält, teilweiſe weil der Boden keine größeren Erträge giebt, teilweiſe weil der Wald als Feuchtigkeitsregulator unentbehrlich iſt, und weil das Holz für gewiſſe Zwecke ſonſt zu ſchwer zu beſchaffen wäre, da iſt dieſer Wald und ſein Betrieb ein wichtiges Element der Volkswirtſchaft. Die Pflanzen des Waldes wie die der Wieſe gehören in den Kulturländern auch heute noch dem Kreiſe der urſprünglichen Ausſtattung an, während das Garten- und Ackerland mehr eingeführte und acclimatiſierte als einheimiſche Pflanzen trägt.
Wo der Baumwuchs fehlt, aber das Waſſer nicht gänzlich mangelt, die Steppengräſer der Landſchaft ihren Charakter geben, da iſt die Heimat der Nomadenwirtſchaft: eine Reihe von Wurzeln und Beeren dienen neben der Jagd und der Nutzung der gezähmten Tiere der menſchlichen Wirtſchaft. Wo die Steppe mit undurchdringlichen, harten Geſträuchern beſtanden iſt, wie in Auſtralien, hört jede menſchliche Kultur auf.
In der gemäßigten und warmen Zone iſt der Pflanzenbau und die Tierzucht im Anſchluß an ihre urſprüngliche Ausſtattung entſtanden. Daran ſchloß ſich der erſte Anbau und die erſte Tierzähmung. Die mit der Wärme ſteigende Zahl der vorkommenden Pflanzenarten iſt für die wirtſchaftliche Kultur viel weniger bedeutungsvoll geweſen als die relativ kleine Zahl der zum Anbau brauchbaren Pflanzen und der Tiere, deren Zucht man lernte.
Obſt, Beeren, Wurzeln aller Art ſpielten bei primitiver Kultur eine relativ größere Rolle als ſpäter. Gewiſſe Bäume und Pflanzen ernähren in den heißen Ländern den Menſchen faſt ohne Arbeit: ſo der Brotfruchtbaum, die Dattel-, die Palmyra- und die Kokospalme ſowie die Banane; aber ihr Vorkommen blieb oft unbenutzt wie z. B. die Kokospalme in Amerika bis 1500. Der Brotfruchtbaum, der die Südſeebewohner hauptächlich ernährt, ihnen 9 Monate friſche Frucht liefert, für 3 Monate das Leben von eingemachten Früchten erlaubt, hat wohl auch die Sorgloſigkeit dieſer Menſchen erzeugt. An die Arbeit gewöhnte Neger, z. B. die in St. Vincent, ſind durch Einführung des Brotfruchtbaumes in gänzliche Faulheit und Indolenz verfallen.
Die Gras- oder Getreidearten ſind die wichtigſten Kulturpflanzen für die Menſchheit geworden; ihre heutige Verbreitung iſt ein Werk der Menſchen; aber die einzelnen Arten ſind doch von Wärme und Klima abhängig, und die ältere Wirtſchaftsgeſchichte war durch die urſprüngliche Ausſtattung und den Stand der Verbreitung und Acclimatiſation bedingt. Im Gebiete der heutigen Vereinigten Staaten fehlten ſie, und das erklärt, wie die kümmerlichere Ausrüſtung mit Pflanzen und Tieren überhaupt, die geringe ältere wirtſchaftliche Entwickelung der Hauptteile Nord- und Südamerikas; in Centralamerika hatten und benutzten die Ureinwohner den Mais und auf den Höhen die Quinoahirſe; letztere ermöglichte es allein, daß am Titicacaſee, in der Höhe von 12000 Fuß, eine dichte Bevölkerung zu relativem Wohlſtande kommen konnte. Wenn heute die Völker Afrikas hauptſächlich von den Hirſegattungen (Negerhirſe, Durha, Kafferkorn), gegen 750 Millionen Mongolen und andere Völker Südaſiens, Südeuropas und Mittelamerikas überwiegend von Reis, etwa 4—450 Millionen Menſchen der ſüdlich gemäßigten Zone ebenſo von Mais und Weizen, etwa 150 Millionen in der nördlich gemäßigten Zone hauptſächlich von Roggen und die noch weiter nördlich ſitzenden Völker von Hafer und Gerſte leben, ſo ſpringt in die Augen, daß, ſo wenig der heutige Anbau dieſer Gramineen ihrem urſprünglichen Standorte entſpricht, doch das Klima die Verteilung auch heute im ganzen beherrſcht, und daß die Ernten dieſer Früchte von gleicher Fläche und Bodenbeſchaffenheit nach Norden hin immer geringer werden. Der Weizen trägt bei uns das 5 ‒ 8fache der Ausſaat, im Süden das 12—25fache. Die Maisernten ſteigen im Süden bis zum 70-, ja mehrhundertfachen. Der Roggen giebt bei uns 8—1000 kg, der Reis in China 3840 kg pro Hektar. Auf der Quadratmeile leben jenſeits der Gerſtegrenze faſt nie mehr als 50, jenſeits der Weizengrenze ſelten mehr als 1000 Menſchen, weiter ſüdlich ernähren die Gramineen 2, 3, 5 ja mehr Tauſend. Alſo große Verſchiedenheiten des natürlichen Wohlſtandes! Und ſie ſteigern ſich noch ſehr, wenn wir neben dem Getreide die anderen Pflanzen in Betracht ziehen, vor allem die, welche wegen mangelnder Durchſchnittswärme auch in mittleren Klimaten nicht überall vorkommen, wie Tabak und Wein, feinere Gemüſe- und Obſtarten; in den Pfälzer Weinbaudiſtrikten ſteigt die Bevölkerung auf 15000 Menſchen pro Quadratmeile. Für die ſüdlicheren Gegenden handelt es ſich um die Gewürzpflanzen, dann um Thee, Kaffee, Zuckerrohr, welche den Gegenden, wo ſie, und zumal in beſonderer Güte, gedeihen, einen großen wirtſchaftlichen Vorſprung verleihen.
Wenn auch keinen ſo großen Einfluß wie die Pflanzen, ſo üben doch auch die Tiere einen ſolchen auf die Volkswirtſchaft aus. Die wilden Tiere haben durch den Kampf mit ihnen die Menſchen zu Kraft und Energie, auch die jagdbaren haben durch ihre Verfolgung beſtimmte Raſſen und Völker ebenſo zur Anſtrengung und Abhärtung, zu Schlauheit und ſcharfen Sinnen erzogen. Faſt überall war und iſt die Ernährung des Menſchen mehr oder weniger von der Tierwelt abhängig; die Meere und Flüſſe haben durch ihren Reichtum an Fiſchen und Schaltieren in dem Leben vieler Völker eine ausſchlaggebende Rolle geſpielt. Neben dem Fleiſche, dem Blute, der Milch der Tiere hat die Benutzung der Knochen zu Geräten, der Wolle und Häute, ſowie der Pelze zur Bekleidung ſtets große Bedeutung gehabt. So hat naturgemäß das urſprüngliche Vorkommen oder Fehlen der einzelnen Tierarten, das ſich im ganzen auch nach Klima, Wärme, Pflanzenwelt, Waſſer und Bodenverhältniſſen richtet, überall die wirt- ſchaftliche Entwickelung mit beſtimmt. Auſtraliens weites Zurückbleiben hinter den anderen Erdteilen hing mit ſeiner kümmerlichen, aus der Tertiärzeit ſtammenden Tierwelt ebenſo zuſammen wie die älteren amerikaniſchen Zuſtände mit der Thatſache, daß Rind, Pferd, Kamel und Schaf den Eingeborenen fehlten, daß ſie als gezähmte Arbeitstiere nur Hund und Lama beſaßen, nirgends zur Milchwirtſchaft, zum Ackerbau mit Rindvieh, zu nomadiſcher oder halbnomadiſcher Lebensweiſe kamen. Noch heute ſind die oſtaſiatiſchen und afrikaniſchen Gebiete, welche ſpät unſere Haustiere kennen lernten, ſeit Jahrtauſenden eine Landwirtſchaft ohne oder faſt ohne ſie trieben, weſentlich dadurch wirtſchaftlich ärmer geblieben. Im übrigen aber hat gerade die kleine Zahl von Tieren, die der Menſch zähmen, zu Laſttieren, zum Reiten, zum Pflügen erziehen lernte, die er als Hauptfleiſch- und Milchtiere benutzte, eine ſehr weitgehende Acclimatiſation erfahren. Einzelne, wie Hund, Schwein, Huhn, Kaninchen, kommen heute faſt überall vor; auch Rind, Pferd, Eſel und Schaf ſind ſehr weit verbreitet. Wir ſehen ſo, daß Drude recht hat, wenn er ſagt, die geographiſche Verbreitung der Tiere gehe im ganzen der der Pflanzen parallel, aber ſei doch etwas unabhängiger und leichter. Es iſt ein analoger Gedanke, den A. v. Humboldt im Kosmos ausſpricht, wenn er ſagt, der Menſch ſei in minderem Grade als Pflanzen und Tiere von der Natur abhängig; er entgehe leichter als ſie den Naturgewalten durch Geiſtesthätigkeit und ſtufenweiſe erhöhte Intelligenz wie durch eine wunderbare, ſich allen Klimaten anpaſſende Biegſamkeit des Organismus.
57. Allgemeine Ergebniſſe. Wollen wir kurz verſuchen, die Summe deſſen zu ziehen, was wir über den Zuſammenhang der Volkswirtſchaft mit der äußeren Natur wiſſen, ſo weiſen wir mit Sicherheit heute die extremen Anſchauungen zurück, die auf der einen Seite idealiſtiſch den Einfluß der Natur ganz oder faſt ganz negieren, auf der anderen realiſtiſch alle wirtſchaftliche und ſonſtige Kultur auf Boden und Klima allein zurückführen wollen. Den erſteren Standpunkt vertrat, freilich mehr in Bezug auf menſchliche Eigenſchaften als auf die Volkswirtſchaft, Hume; ihm folgte z. B. Th. Waitz (Anthropologie der Naturvölker) in gewiſſem Sinne, wenn er gegenüber den ausſchlaggebenden hiſtoriſchen Urſachen der Civiliſation die Naturverhältniſſe etwas geringſchätzig als Gelegenheitsurſachen bezeichnete; in mancher Beziehung auch Peſchel in ſeiner Polemik gegen Ritter; ebenſo übertreiben die Nationalökonomen, welche bei der Erklärung des Reichtums von Holland oder England nur betonen, wie hier durch geiſtige Kräfte allein die Kargheit der Natur überwunden ſei. Ähnlich wollten alle die wirtſchafts- und kulturgeſchichtlichen Erinnerungen, daß zu verſchiedenen Zeiten, in der Hand verſchiedener Raſſen und Völker dieſelbe Natur, dasſelbe Land bald wirtſchaftliche Verkümmerung und Not, bald höchſten Wohlſtand und Civiliſation gezeigt, wollte der Hinweis, deſſen ſich ſchon Hume bedient, daß oft in demſelben Lande, unter denſelben Naturverhältniſſen einzelne Teile Wohlſtand, andere Armut aufwieſen, überwiegend für den idealiſtiſchen Standpunkt eintreten. Es ſchmeichelte dem menſchlichen Stolz und dem Kulturhochmute unſerer Zeit, wenn man mit Emphaſe betonte: es komme nur auf die rechte Ausbildung des Menſchen, ſeine Technik, ſeine Organiſation an, um überall auf der Erde das Höchſte zu erreichen.
Die Realiſten von Montesquieu, Herder, Condorcet, Heeren, Comte an, die Naturforſcher, wie Bär, die Geographen und Anthropologen, welche nicht ſowohl die europäiſchen Staaten der letzten Vergangenheit als die ganze Erde und ihre ganze Geſchichte, überhaupt mehr die großen Unterſchiede im Auge hatten, betonten das Gegenteil mit faſt gleichem Recht, teilweiſe freilich auch in einſeitiger Übertreibung, weil ihnen die hiſtoriſchen Urſachen und die ganzen Entwickelungsprozeſſe des geiſtigen und politiſchen Lebens ferner lagen.
Die methodiſche Wiſſenſchaft erkennt heute das Neben- und Durcheinanderwirken der natürlichen und der geiſtig-hiſtoriſchen Urſachen vollſtändig an; ſie weiß, daß es ſich um eine gegenſeitige, komplizierte Beeinfluſſung und Abhängigkeit der Volkswirtſchaft von der Natur und der Naturverhältniſſe von der menſchlichen Kultur und Technik handelt; ſie weiß, daß ſie bis heute das Maß dieſer Einflüſſe im einzelnen, die Tragweite der Detailurſachen nicht ganz genau beſtimmen kann. Aber gewiſſe grobe Umriſſe der Thatſachen ſtehen feſt: Wir wiſſen heute, daß die Ungunſt der Natur am Pol und in der Sahara, in allen waſſerarmen Gegenden und in den Hochgebirgen nie durch den Menſchen ganz oder in der Hauptſache zu überwinden ſei, ſo viel auch die Fort- ſchritte der Technik leiſten mögen; wir wiſſen, daß die von Natur reichen Böden des Südens leichter eine dichte Bevölkerung nähren und einen gewiſſen Wohlſtand erzeugen als die kargeren des Nordens; wir wiſſen, daß faſt alle höhere Kultur ſich in der ſubtropiſchen und gemäßigten Zone und an gewiſſen begünſtigten Örtlichkeiten derſelben abſpielte. Wir ſind uns andererſeits aber auch bewußt, daß das Vorhandenſein günſtiger wirtſchaftlicher Naturbedingungen nie allein ihre Benutzung erklärt, daß die entſprechende geiſtige, moraliſche und techniſche Ausbildung der Menſchen, die rechte ſociale und politiſche Organiſation immer hinzukommen muß, wenn auf beſſerem oder ſchlechterem Boden der Reichtum entſtehen ſoll. Die Geſchichte hat uns belehrt, daß zu große Erleichterung des wirtſchaftlichen Lebens allzu raſch großen Wohlſtand ſchaffen und unter Umſtänden die Kräfte raſch zur Erſchlaffung bringen, eine gewiſſe Kargheit der Natur ſie ſtählen kann; aber wir leugnen deshalb die günſtige Lage Hollands und Englands und ihre großen natürlichen Vorzüge vor anderen Ländern nicht. Wir ſehen klar, daß die fortſchreitende Technik in ungünſtiger ausgeſtatteten Ländern einen gewiſſen Wohlſtand herbeizuführen erlaubt, daß ſie gewiſſe Unterſchiede des Bodens und der natürlichen Ausſtattung ausgleichen kann; wir erleben es immer mehr, daß die enormen Fortſchritte des Verkehrs auch nach ſehr kalten und ſehr heißen Ländern die dort mangelnden Güter bringen und ſo das wirtſchaftliche Leben erleichtern können. Ob künftige Fortſchritte der Technik noch ganz anders als heute die Ungunſt der Natur da und dort aufzuheben vermögen, wiſſen wir nicht. Es iſt wahrſcheinlich, daß noch viel in dieſer Richtung erreicht wird, aber es iſt nicht denkbar, daß hierdurch die gegebenen natürlichen Grenzen aufgehoben werden; ſie werden nur verſchoben werden, aber doch ſtets das wirtſchaftliche Leben der Völker beherrſchen. Die reichen Völker ſaßen bis heute ſtets in mehr oder weniger begünſtigter Naturlage, und ſo wird es auch künftig bleiben. Aber ſie erreichten Großes und Epochemachendes ſtets nur, wenn und ſo lange ſie zugleich die Träger des moraliſch-politiſchen und des techniſchen Fortſchrittes waren. In dem Maße, als dieſer zunahm, konnten ſie über eine ungünſtigere Naturlage Herr werden, und wirkte die größere Anſtrengung zugleich fördernd auf ihren Wohlſtand. So wurde es möglich, daß die höchſte menſchliche Kultur vom reicheren Südoſten nach dem kargeren Nordweſten im Laufe der Geſchichte rücken konnte.
Daß alles höhere Menſchenleben ein Sieg des Geiſtes über die Natur ſei, das lehren uns alſo auch dieſe Ergebniſſe. Aber ſie zeigen uns ebenſo, daß der Menſch ſtets ein Paraſit der Erde bleibt, daß er ſich nur an ſie anſchmiegen, ihre günſtigſten Stellen ſuchend emporſteigen kann. Der Menſch löſt ſich mit höherer Kultur und Technik nicht von der Natur los, ſondern verbindet ſich inniger mit ihr, beherrſcht ſie, indem er ſie verſteht, aber auch ihren Geſetzen, ihren Schranken ſich unterordnet.
