2. Die Raſſen und Völker.
58. Überblick über den Gegenſtand und die zu Grunde liegenden Wiſſensgebiete. Während wir heute davon ausgehen, daß die Völker phyſiologiſche und pſychologiſche, durch Bluts- und Geiſteszuſammenhang verbundene Einheiten ſind, die einen beſtimmten Charakter durch viele Generationen und Jahrhunderte behaupten, und während wir deshalb darnach ſtreben, die eigentümlichen Züge der einzelnen Raſſen und Völker und ihre Urſachen aufzudecken und ſo ihr Weſen verſtehen wollen, ging die Wiſſenſchaft von Staat, Geſellſchaft und Volkswirtſchaft im 18. Jahrhundert von dem Glauben an die natürliche Gleichheit der Menſchen aus. Sie ſuchte das Weſen der allgemeinen, abſtrakten Menſchennatur demgemäß feſtzuſtellen und aus ihr heraus die geſellſchaftlichen Einrichtungen zu erklären. Auch heute noch ruht ein großer Teil der abſtrakteren Betrachtungen der Volkswirtſchaftslehre auf der wenigſtens innerhalb gewiſſer Grenzen wahren und wohl verwendbaren Annahme eines ſo ziemlich überein- ſtimmenden Charakters der abendländiſchen Kulturvölker. Und doch ſpricht ſelbſt J. St. Mill, der unſere Wiſſenſchaft im ganzen aus einem überall gleichen Erwerbstriebe ableiten will, den ſeinem nationalökonomiſchen Grundprincipe ins Geſicht ſchlagenden Satz aus: es giebt keinen allgemein menſchlichen Charakter, eine von Engländern abgeleitete Maxime kann nicht auf Franzoſen angewandt werden; wir müſſen allgemeine Geſetze über die Bildung des Charakters ſuchen und finden: „die Geſetze des nationalen Charakters ſind die wichtigſte Klaſſe von ſociologiſchen Geſetzen“.
Je realiſtiſcher die Staatswiſſenſchaften geworden ſind, deſto mehr machten ſich Verſuche geltend, welche dies anerkennen wollten. Ich erinnere z. B. an Vollgrafs unglücklichen Verſuch, aus einer naturphiloſophiſch konſtruierten Raſſenlehre ein wirt- ſchaftlich-politiſches Entwickelungsgeſetz der Völker abzuleiten, und an Graf Gobineaus Raſſentheorien; dieſer geiſtvolle Schriftſteller hat das Verdienſt, die hiſtoriſche Bedeutung der Raſſenunterſchiede erkannt und mit Gelehrſamkeit belegt zu haben; aber indem er allen Fortſchritt auf ariſches Blut, allen Rückſchritt auf die zu ſtarke Miſchung der höheren mit den niederen Raſſen zurückführt, überhaupt ſeiner ariſtokratiſchen und peſſimiſtiſchen Tendenz die Zügel ſchießen läßt, nehmen ſeine Ausführungen teilweiſe doch mehr den Charakter intuitiver Spekulation und dichteriſcher Phantaſie an. Im ganzen iſt mit ſolchen Verſuchen für Staatslehre und Volkswirtſchaft bisher nicht viel erreicht worden; es fehlte ihnen die geſicherte empiriſche Grundlage. Die Wiſſenſchaften der Anthropologie und Ethnographie ſind noch gar jung. Und erſt nachdem ſie und die vergleichende Sprachwiſſenſchaft ausgebildet waren, konnte auch die Geſchichts- und Staatswiſſenſchaft beginnen, ihre Blicke auf die Raſſenfrage zu werfen.
Cooks Reiſen 1762—1779 begannen die Aufmerkſamkeit auf die ſogenannten Naturvölker zu lenken. Herder verſuchte dann vom ſpekulativen, Blumenbach vom naturwiſſenſchaftlichen Standpunkte die Raſſen- und Völkerunterſchiede zu faſſen. Erſt in den letzten zwei oder drei Menſchenaltern haben forſchende Reiſende ein halbwegs ausreichendes deſkriptives Material geſammelt; die Biologen und Naturforſcher haben die körperlichen Seiten desſelben, die Philoſophen, Geographen und Ethnologen die pſychologiſchen und ſittengeſchichtlichen einer ſtrengeren Sichtung und Ordnung unterworfen. Urgeſchichte, Sprachvergleichung, Völkerpſychologie und andere Wiſſenszweige kamen hinzu: die Ethnographie oder Völkerkunde entſtand neben der etwas älteren, mehr naturwiſſenſchaftlichen Anthropologie. Und ſo iſt heute ein großes, teilweiſe ſchon bearbeitetes Material aus dem Gebiete der Raſſen- und Völkerbeſchreibung und -Vergleichung vorhanden, das der Verwertung für geſellſchaftswiſſenſchaftliche Reſultate harrt. Leicht wird ſie freilich nicht ſein; Anthropologie und Ethnographie arbeiten noch weſentlich an den überwiegend naturwiſſenſchaftlichen Elementen ihrer Disciplin; die Grundprobleme ſind noch beſtritten, teilweiſe unaufgeklärt; die Klaſſifizierung der Erſcheinungen und die daraus ſich ergebenden Schlüſſe ſind noch wenig vollendet. Dennoch müſſen wir verſuchen, einige der Grundfragen hier zu beſprechen, welche auf die wichtigſten volkswirtſchaftlichen und geſellſchaftswiſſenſchaftlichen Probleme einen beherrſchenden Einfluß haben; daran ſchließen wir dann einen kurzen Überblick über die Reſultate der Völkerkunde, um die anthropologiſchen und pſychologiſchen Ausgangspunkte für vergleichende Betrachtung der verſchiedenen Raſſen- und Völkertypen, für ihr verſchiedenes Handeln und ihre verſchiedenen volkswirtſchaftlichen Einrichtungen zu gewinnen.
59. Die verſchiedenen Raſſen und Völker und das Princip der Vererbung. Wir ſehen heute eine kleine Zahl von Raſſen, d. h. Gruppen von ver- ſchiedenen Stämmen und Völkern, welche aber doch ſeit Jahrtauſenden einen im ganzen einheitlichen körperlichen und geiſtigen Typus darſtellen, welche wir in ſich als blutsverwandt betrachten, auf einheitliche Abſtammung zurückführen; und daneben eine große Zahl Unterraſſen, Stämme und Völker, welche wir als Teile der Raſſen anſehen, welche je als Spielarten der Raſſen in ſich einen trotz aller Miſchung doch homogeneren körperlichen und geiſtigen Charakter als die Raſſen zeigen. Wir können nur annehmen, daß die vorhandene Übereinſtimmung innerhalb der Raſſen und der Völker auf dem Princip der Vererbung beruhe, d. h. daß wie die Pflanzen und Tiere, ſo auch die Menſchen in der Hauptſache ihre Eigenſchaften und Merkmale auf die Nachkommen ver erben. Jeder Arzt, jeder Reiſende, jeder Menſchenkenner beſtätigt es, daß die Körper- und Schädelbildung, die Hautfarbe und Haarart, die Sinnesorgane, die Inſtinkte, die Geſten, die Gefühle und Charaktereigenſchaften, ſowie viele geiſtige Züge und Begabungen ſich im ganzen vererben. Die primitivſten Völker gehen davon aus wie alle Geſellſchaftseinrichtung ſeit Jahrtauſenden. Die Römer ſagten: Fortes creantur fortibus et bonis.
So unzweifelhaft nun aber die Thatſache der Vererbung gleicher Eigenſchaften im ganzen iſt, im einzelnen kommen die verſchiedenſten Modifikationen vor und ſtellen ſich Zweifel darüber ein, wie weit das Princip der Vererbung reiche. Vater und Mutter ſind ſelbſt, auch wenn ſie demſelben Kreiſe oder Geſchlechte, demſelben Volke angehören, verſchieden; das eine Kind gleicht dem Vater, das zweite der Mutter, das dritte irgend einem Vorfahren, und ganz gleichen die Kinder nie den Eltern. Wir wiſſen, daß wie der Typus der Haustiere, ſo auch der Habitus beſtimmter Völker ſich geändert hat; ſchon die Differenzierung der Völker aus den Raſſen zeigt dies. Weder die Völker noch die Raſſen ſind ganz konſtant; wir halten ja auch die Pflanzen und Tierarten heute nach den Forſchungen Darwins, Wallaces und anderer nicht mehr für ganz konſtant. Wir müſſen alſo annehmen, daß eine Reihe von Umſtänden in den folgenden Generationen kleine Abweichungen des im ganzen feſtſtehenden Typus erzeugen: das Princip der Variabilität begrenzt das der Vererbung. Wenn die Vererbung immer gleiche Weſen ſchaffen würde, ſo wäre die Entwickelung des heutigen Menſchen aus ſeinen rohen Ahnen nicht denkbar. Würden die Variationen im Laufe der Entwickelung ſich nicht vererben, ſo wäre es nicht möglich, daß wir neben lange ſtillſtehenden auf- ſteigende und ſinkende Raſſen und Völker hätten.
Die Vorausſetzung der Vererbung körperlicher Eigenſchaften iſt klar, ſie liegt im Weſen des phyſiologiſchen Abſtammungsprozeſſes; aber daß auch Inſtinkte, Gefühle, Charaktereigenſchaften, Neigungen, Dispoſitionen, geiſtige Eigenſchaften ſich vererben, leugnet heute kein Naturforſcher; die Vorausſetzung hiefür iſt, daß dieſe Eigenſchaften irgendwie im Gehirn und Nervenſyſtem einen phyſiologiſchen Ausdruck gefunden haben und ſo auf die Nachkommen übergehen. Je komplizierter die höheren menſchlichen Eigenſchaften ſind, deſto mehr ſcheinen ſie allerdings körperlich und geiſtig individuell und nicht vererbbar zu ſein. Die Grenze zwiſchen dem Vererblichen und Nichtvererblichen ſteht heute noch keineswegs feſt. Aber auch die gegen das Princip der Vererblichkeit am meiſten ſich kritiſch verhaltenden Forſcher geben doch zu, daß den heutigen Kulturvölkern eine ererbte Geiſtes- und Gefühlsgeſchichte von Jahrtauſenden aufs Geſicht geſchrieben ſei. Spencer führt die ſogenannten angeborenen Denkformen auf erblich gewordene Erfahrungen zurück, die im Gehirn ungezählter Generationen erblich fixiert ſeien. Darwin ſagt: „Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß die tugendhaften Neigungen nach langer Übung vererbt werden.“ Man hat gemeint, die Erblichkeit ſei für die Art etwas Analoges wie das Gedächtnis für die Individuen: ein großes Anhäufungs-, Sammel-, Kondenſierungsinſtrument.
Die Vorausſetzung der Variation liegt in dem einfachen Umſtand, daß zwar die Raſſeneigenſchaften der beiden Eltern nebſt denen ihrer Voreltern die ausſchlaggebenden Haupturſachen für die Art ihrer Nachkommen ſind, daß aber daneben Geſundheit, Alter, Ernährung, zufällige Lebensverhältniſſe der Eltern, das Überwiegen des Einfluſſes von Vater oder Mutter, in weiterer Linie alle Bedingungen, welche auf die Eltern und das Kind vor, während und nach Empfängnis, Schwangerſchaft und Geburt wirken, wie Klima, Lebensweiſe, Ernährung, Beruf, Staats- und Geſellſchaftsverfaſſung, Wohn- und Geſundheitsverhältniſſe, leichte und ſchwere Exiſtenz, Kampf ums Daſein, Jugendbehandlung und Erziehung, — daß alle dieſe Umſtände als modifizierende Nebenurſachen auf jedes einzelne Individuum wirken. So ſtellt jeder Menſch im Augenblicke ſeiner Geburt eine eigenartige Modifikation ſeiner Vorfahren dar und wird nun ſelbſt durch Umgebung, Erziehung und Schickſal nach dieſer oder jener Seite hin weiter umgebildet. Wir kommen gleich auf den Streit, inwieweit dieſe ſogenannten erworbenen Eigenſchaften vererblich ſeien. Jedenfalls iſt klar, daß durch den Einfluß aller dieſer Nebenurſachen der mittlere Raſſen- oder Volkstypus, der in jedem Menſchen vorhanden iſt, eine kleine Abweichung erfährt oder erfahren kann. Dieſe Abweichung iſt unter Umſtänden eine bloß individuelle, nicht ſich weiter vererbende; ſie kann aber, zumal wenn beide Eltern unter denſelben Nebenurſachen ſtehen, wenn dieſe ſich durch Generationen fortſetzen, wenn die Modifikation ſich mit dem vorherrſchenden Typus gut verträgt und deshalb mit ihm verſchmilzt, zu einer erblichen werden. Und dies wird in dem Maße leichter und ſtärker geſchehen, als dieſe Nebenurſachen ihre modifizierende Wirkung auf eine größere und in ſich geſchloſſene Zahl von Menſchen, die unter ſich geſchlechtlichen Verkehr haben, lange Zeiträume hindurch ausüben. Die Variation befeſtigt ſich dadurch, wird zu einem neuen, beſonderen Typus, der nun, ſei es für immer, ſei es für ſehr lange Zeiten, ſich gleichmäßig erhält.
Damit haben wir die Möglichkeit, die einheitliche Entſtehung der verſchiedenen Raſſen und Völker zu verſtehen. Der Streit darüber, ob die heute lebenden 1500 Millionen Menſchen einheitlichen oder mehrfachen Urſprunges ſeien, iſt freilich noch nicht geſchlichtet; manche Naturforſcher leugnen die Einheit, Darwin bejaht ſie. Die Wahr- ſcheinlichkeit, daß die amerikaniſchen Ureinwohner mongoliſcher Abkunft ſeien, ſpricht für ſie. Ebenſo die Thatſache, daß faſt alle Raſſen ſich gegenſeitig mit Erfolg begatten, daß die Entwickelung der Sprache, der Gebräuche und Neigungen, der Werkzeuge und Waffen, der ſittlichen Vorſtellungen und Geſellſchaftseinrichtungen doch bei allen eine ähnliche iſt, daß alle Raſſen in eine gewiſſe Wechſelwirkung treten. Wenn daneben die Natur- und die Kulturvölker, die paſſiven und die aktiven Raſſen außerordentlich große Unterſchiede zeigen, wenn die plötzliche Übertragung der Einrichtungen und Sitten der höheren auf die niederen letztere oft vernichtet, ſo beweiſt das nicht ſowohl gegen die Einheit als für die große Verſchiedenheit und die unendlich langen Epochen der Entwickelung, für den durch die Variabilität erzeugten Fortſchritt der höheren Raſſen. Die niederen ſieht man heute allgemein als den Typus der älteſten Menſchenart an, welchen wahrſcheinlich manche noch niedriger ſtehende ausgeſtorbene vorangingen.
Bei der Kompliziertheit des Entwickelungsprozeſſes der Raſſen und Völker, bei dem großen Einfluß der unten noch zu beſprechenden Raſſenmiſchung iſt es naheliegend, daß alle Verſuche, Klarheit über ihr Verhältnis zu ſchaffen durch eine Einteilung je nach einem einzigen Merkmal, wie Hautfarbe, Schädelform und -Größe, Haarart und -Farbe, Heimatland und Sprache ſcheitern mußten. Wir haben uns hier auch nicht mit der Frage aufzuhalten, wie viele Haupt- und Nebenraſſen es gebe: die abendländiſche, weiße (kaukaſiſche) und die mongoliſche, gelbe mit je etwa 550 Millionen, die ſchwarze der Neger mit etwa 200 Millionen Menſchen ſind jedenfalls die wichtigſten.
Daß die verſchiedenen Raſſen ausſchließlich oder ganz überwiegend durch den natürlichen Daſeinskampf der Individuen und Gruppen und die geſchlechtliche Zuchtwahl, durch welche jeweilig die höchſtſtehenden Männer und Weiber ſich begatteten und eine höher ſtehende, ſich den Lebensbedingungen beſſer anpaſſende Nachkommenſchaft erzielten, entſtanden ſeien, wie Darwin will, wird heute nicht mehr zuzugeben ſein. Darwin ſelbſt hat ſeine Gedanken hierüber nicht näher ausgeführt. Der brutale Daſeinskampf hat ſicher viele ſchwächere Stämme vernichtet; innerhalb derſelben hat er zumal früher keine große Rolle geſpielt, wie wir ſchon ſahen; die geſchlechtliche Zuchtwahl hat innerhalb der Völker wohl einzelne Familien und Klaſſen emporgehoben, die aber keineswegs dann immer die kinderreichſten waren; ſie kann einzelne Raſſen verändert haben; wie ſie die Raſſen- und Völkerſcheidung beherrſcht oder beeinflußt habe, iſt nicht recht erſichtlich. Anſprechender ſcheint daher die Migrationstheorie von Moritz Wagner, welche die Darwinſche nicht negiert, ſondern als Beſtandteil, aber von geringerer Bedeutung, einſchließt. Dieſer große Reiſende und Naturforſcher verlegt mit vielen anderen die Entſtehung des eigentlichen Menſchen in das Ende der Tertiärzeit, alſo in eine Epoche der größten Veränderungen der Erdoberfläche und der Lebensbedingungen für alle organiſchen Weſen. Er knüpft hieran und an die Wanderungen aller Lebeweſen und ſpeciell der Menſchen an; er läßt die Menſchenraſſen, wie die Tier- und Pflanzenarten durch Wanderung von Individuenpaaren oder kleinen Gruppen nach verſchiedenen Weltteilen mit verſchiedenem Klima, verſchiedenen Lebensbedingungen in eben dieſer Zeit großer geologiſcher Umwälzungen und größter Variabilität entſtehen. Lange dauernde Iſolierung und Inzucht habe dann die heutigen Hauptraſſen in ihrer morphologiſchen Eigentümlichkeit erzeugt und befeſtigt; die ſpäter eintretende definitive Geſtaltung der Erdoberfläche und Meere habe zu ähnlich tiefeinſchneidenden Wanderungen und Artbildungen der Flora und Fauna, wie der Menſchen nicht mehr Anlaß geben können. Die Scheidung der Raſſen in Stämme und Völker ſei nun unter anderen Bedingungen erfolgt: nicht mehr ſo große räumliche Trennungen, ſo lange Inzucht, ſo verſchiedene Klimate und Lebensbedingungen hätten hier gewirkt, ſondern nur eine Scheidung zwiſchen bisher nahen, unter ähnlicher Lebensbedingung ſtehenden Menſchen. Die Scheidewände, welche die Stammes- und Volksorganiſation, die Religion, die verſchiedene Kulturentwickelung in der prähiſtoriſchen und hiſtoriſchen Zeit erzeugt haben, könnten nicht ſo große wie die einſt zur Zeit der Raſſenſcheidung vorhandenen Schranken geweſen ſein.
Die Hypotheſe Wagners hat jedenfalls viel Wahrſcheinlichkeit für ſich. Sie erklärt, warum die Raſſenſcheidung eine viel ſtärkere war als die Völkerſcheidung, warum in hiſtoriſcher Zeit keine neuen Raſſen entſtanden ſeien, was bei Darwins Annahme von ſtets fortdauernden Urſachen ganz unklar bleibt. Indem Wagner an die geologiſche Geſchichte der Erde und an die Wirkung ſehr großer Zeiträume für die Raſſenbildung, kürzerer für die Völkerbildung anknüpft, wird die größere Konſtanz und die ſchärfere Ausbildung der Raſſeneigentümlichkeiten verſtändlich. Durch die Heranziehung zahlreicher anderer Urſachen, wie der geologiſchen Epochen und des Klimas, der Dauer der Inzucht und der Geſchloſſenheit der Raſſenelemente, der Ernährung und Lebensweiſe neben der Zuchtwahl und dem Kampf ums Daſein wird auch begreiflicher, warum einzelne Raſſen und Völker unendlich lange Zeiträume hindurch ſtabil blieben, andere ſich zu höherer Daſeinsform entwickelten oder zurückgingen. Vieles bleibt freilich auch bei ihm noch dunkel: z. B. iſt die Annahme einer größeren Variabilität zur Zeit der Raſſenbildung durch keine ſtrengen Beweiſe erhärtet. Das Maß, in welchem die verſchiedenen Einflüſſe auf die Bildung von Raſſen und Völkertypen wirken, iſt noch ganz unaufgeklärt. Wir werden nachher auf einiges derart, z. B. auf das Klima und die Erziehung ſowie auf die Raſſenmiſchung zurückkommen.
Auf die heute zwiſchen den Darwinianern und Weismann geführte Kontroverſe, in welchem Maße und durch welche phyſiologiſchen Prozeſſe einzelne von den Eltern erworbene Eigenſchaften auf die Kinder übergehen und vererbt werden, können wir hier nicht näher eingehen. Wir wollen nur ſagen, daß man wohl ſeit Lamarck und Darwin (durch die Theorie der Pangeneſis) dieſe Vererbung etwas überſchätzte. Der Schwiegerſohn Darwins, Francis Galton, hat ſelbſt 1889 ſeine weiter gehenden Anſichten von 1869 etwas beſchränkt. Nur daran iſt wohl doch feſtzuhalten, daß auch Weismann und ſeine Schule die ſucceſſive Umbildung des Raſſen- und Völkertypus nicht leugnen; ſie verlegen die Urſachen nur an andere Punkte, etwas weiter zurück, glauben an eine definitive Umbildung des Typus im ganzen nur durch Einflüſſe, welche länger, Generationen hindurch, dauern.
Über das Maß der möglichen und wahrſcheinlichen Variabilität von Generation zu Generation, von Jahrhundert zu Jahrhundert wiſſen wir heute auch noch recht wenig. Galton führt als Beiſpiel, wie mit der ſteigenden Zahl von Ahnen der Anteil des einzelnen an den Eigenſchaften der Nachkommen abnehme, folgende Zahlen, aber ganz hypothetiſch an: Wenn ein Kind 9/10 von ſeinen Eltern hat, 1/10 ſeines Weſens als individuelle Variation ſich darſtellt, ſo haben ſeine Eltern nur 9/10 von 9/10 = 81/100 von ihren Großeltern, 729/1000 von ihren Urgroßeltern; gehen wir über das 50. Glied zurück, ſo hat das Kind nur 1/5000 von jedem ſeiner Ahnen. Es iſt aber einzuwerfen, daß, wenn dieſe Ahnen ſich alle glichen oder, was wahrſcheinlicher, der größere Teil derſelben viele Dutzend male in den genealogiſchen Linien ſich wiederholt, doch die Veränderung keine große zu ſein braucht. Und weiter, daß die Kette rückwärts ſchon bei geringer Zahl der Generationen ſehr große Epochen umfaßt. Rümelin erinnert daran, daß der 11. unſerer Ahnen mit Luther, der 32. mit Karl d. Gr. lebte und der 60. wahrſcheinlich auf den Steppen Hochaſiens dem Thor und dem Odin Pferde ſchlachtete. Die Frage liegt nahe, ob der Blutszuſammenhang es nicht doch bewirkt, daß wir mit ihm mehr Ähnlichkeit haben als mit einem Neger oder Indianer, ſelbſt wenn dieſer mit uns aufgewachſen und ebenſo wie wir erzogen wäre.
Die äußerlich meßbaren Nachweiſe über Variabilität geben einen gewiſſen Anhalt; aber im ganzen wollen ſie nicht viel ſagen, da ſie zu roh ſind, in das innere komplizierte Weſen der phyſiologiſchen Umbildungen gar nicht eindringen. So wenn Ribot meint, die Geſamtnervenmaſſe des Kulturmenſchen ſei der des Wilden um 30 % überlegen. Oder wenn wir wiſſen, daß das Gehirn eines Buſchmannes 900, das eines afrikaniſchen Negers 1300, das eines Europäers 1400 g durchſchnittlich wiege, daß bei den höheren Raſſen die größeren Schädel bis 1900, bei den niedrigen nur bis 1500 g kubiſchen Gehaltes gehen; wir werden bei ſolchen Angaben mindeſtens gleich hinzufügen müſſen, daß neben der Größe andere Gehirneigenſchaften, z. B. das Maß der Windungen des Gehirns ꝛc., ebenſo wichtig oder wichtiger ſind Über die anderen Körperteile und ihre Ausbildung haben wir auch einzelne Meſſungen: nach der Beſtimmung mit dem Dynamometer verhält ſich die Körperkraft des engliſchen Koloniſten zu der des Vandiemenländers wie 71 zu 51. Aber mit all’ derartigem iſt über das eigentliche Problem, die Größenkonſtatierung der Variabilität, der Möglichkeit des Fortſchrittes nicht allzuviel geſagt.
So bleibt, um die Völker zu ſchildern, weſentlich nur der Weg, aus ihrer Ge- ſchichte und ihren geiſtigen Äußerungen ſie pſychologiſch zu faſſen, den wir unten betreten.
60. Die einzelnen Urſachen der Raſſen- und Völkerbildung: Klima, Lebensweiſe, Erziehung, Raſſenmiſchung. Die Einwirkung des Klimas und der Naturverhältniſſe auf den Menſchen haben wir im vorigen Abſchnitte ſchon berührt, auch erwähnt, daß ſeit Montesquieu, Herder, Condillac eine ſehr ſtarke Betonung dieſes Einfluſſes von gewiſſen Seiten ſtattfand, daß die Einwirkung a) phyſiologiſch, b) pſychologiſch (durch die Natureindrücke auf das Seelenleben) und c) indirekt durch die Art der mit der Natur gegebenen Lebensweiſe ſein kann. Die Fragen ſind ſehr kompliziert und noch wenig ſtreng methodiſch unterſucht. Nach dem Stande unſeres heutigen Wiſſens, wie es z. B. Ratzel zuſammenfaßt, werden wir ſagen müſſen: Sicher findet eine Einwirkung des Klimas und der Natur auf Körper und Geiſt des Menſchen in gewiſſem Umfange ſtatt; aber ſie iſt weniger weitgehend, als man bisher oft annahm, ſie iſt jedenfalls an ſehr lange Zeiträume geknüpft, iſt ſehr verſchieden ſtark je nach Raſſen und Völkern. Je höher ſtehend und anpaſſungsfähiger die Raſſe iſt, deſto geringer ſcheint der Einfluß zu ſein; die Wirkung iſt mehr indirekt als direkt, d. h. die Natur und das Klima beeinfluſſen mehr die Art der Ernährung, Beſchäftigung, Lebens- und Geſellſchaftsweiſe, als daß ſie direkt die menſchlichen Eigenſchaften umbildeten. Für die Bejahung des Zuſammenhanges läßt ſich anführen, daß der Neger doch wohl ebenſo der heißen wie der Kaukaſier der gemäßigten, der Hyperboreer der kalten Zone angehört, daß dieſelbe Raſſe meiſt im Norden und Süden der Länder eine etwas andere Spielart zeigt, daß der Angloſachſe in Nordamerika einen abweichenden Typus entwickelt, daß der Volkscharakter im Gebirge und in der Tiefebene ſtets ziemlich verſchieden iſt. Immer bleiben ſolche Schlüſſe etwas problematiſch, weil die ſonſt mitwirkenden Umſtände nicht auszuſondern ſind. Und wenn Cotta gar die Menſchen nach den Gebirgsformationen ſondern will, Luther, Mirabeau, O’Connell und Napoleon nur als Söhne des Urgebirges begreifen, wenn Ed. Meyer die Züge der Semiten aus dem Bewohnen der Wüſte ableiten will, ſelbſt wenn Ratzel meint, die Europäer würden in den ſüdamerikaniſchen Ebenen faſt zu Steppenindianern, wenn Peſchel ſagt, auch die Indogermanen würden, an der nordweſtlichen Durchfahrt ſitzend, mit der Harpune an Eislöchern auf das Wallroß lauern, ſo möchte ich zu ſolchen Ausſprüchen doch einige Fragezeichen machen. Die beiden letzten Thatſachen beweiſen mehr, daß die Natur zu beſtimmter Lebensweiſe und Ernährung hinführt, als daß das Klima den Menſchen gänzlich umbildet. Die Kaukaſier leben heute in allen Zonen und werden niemals Neger, Indianer, Papuas oder Mongolen werden; die Neger werden in Jahrhunderten nicht Indogermanen im gemäßigten Klima. Ein ſolcher Völkerkenner wie Livingſtone betont immer wieder, die Raſſe ſei viel wichtiger als das Klima; ich möchte ſagen: was wir mit Raſſe bezeichnen, ſind die innerſten, intimſten, ſeit Jahrtauſenden natürlich-phyſiologiſch fixierten, nur ſehr ſchwer modifizierbaren Urſachen; um dieſe lagern ſich in weitem Umkreiſe, immer weniger, immer indirekter wirkend, die äußeren Naturverhältniſſe. Der Zuſammenhang und die Wechſelwirkung zwiſchen den centralen und peripheriſchen Urſachen bleibt; der Menſch iſt nicht unabhängig von der äußeren Natur, aber die Abhängigkeit nimmt mit der Kultur ab.
Niedrigſtehende Raſſen ſterben in ungewohntem Klima, höhere wiſſen durch geſchickte Lebensführung ſich anzupaſſen, zu erhalten; ſie werden zwar durch Verpflanzung in anderes Klima in einzelnen Beziehungen andere, aber nie werden ſie das, was die ſtets dort lebenden Raſſen ſind.
Iſt es richtig, daß die Variabilität früher größer war, daß die phyſiologiſche Umbildung des Raſſentypus zu gewiſſen, für immer feſtſtehenden Reſultaten führte, ſo iſt es auch ſehr leicht verſtändlich, daß alle Umbildung durch äußere Einflüſſe heute ihre feſten Grenzen hat, daß man ſagen konnte, jedenfalls nicht das Klima, in dem die Kaukaſier in den letzten Jahrhunderten, ſondern das, in dem ſie früher viele Jahrtauſende lebten, hätte ihnen ſeinen Stempel aufgedrückt. —
Zu den äußeren Einflüſſen, welche auf die körperliche und geiſtige Konſtitution der Menſchengruppen wirken, gehören nun auch Lebensweiſe, Beſchäftigung, Ernährung und Erziehung. Bleiben wir zunächſt bei den drei erſteren, ſo haben ſie ſicher einen größeren Einfluß als das Klima; ſoweit das letztere wirkt, geſchieht es weſentlich durch ſie. Wenn Ratzel ſagt, der Araber erhielt als Hirte, Nomade, Reiter, Räuber mit der Zeit anders gebaute Gliedmaßen als der Ägypter, der ſeit Jahrtauſenden Laſten trägt, hackt, pflügt, Waſſer ſchöpft, ſo hat er ſicher recht. Die auf ſolche Weiſe ausgebildete Verſchiedenheit der Völkertypen ſetzt ſich in der ſocialen Klaſſenbildung fort, wie wir unten ſehen werden, hat aber innerhalb desſelben Volkes immer ein Gegengewicht in der Blutsmiſchung der Klaſſen und der einheitlichen geiſtig-moraliſchen Atmoſphäre, welche auf die Völker im ganzen wirkt. Dieſe Gegenwirkungen fehlen, ſoweit getrennt wohnende Stämme und Völker durch verſchiedene Lebensweiſe und Beſchäftigung differenziert werden.
Ob die Erziehung und aller Einfluß geiſtiger Faktoren, wie Sprache, Sitte, Recht, all’ das, was wir oben (S. 15 ff.) unter dem Begriff der geiſtigen Kollektivkräfte zuſammengefaßt haben, den Raſſen- und Völkertypus überhaupt beeinfluſſe und in welchem Maße, iſt eine vielerörterte Frage. Locke, Hume, Helvetius, Lamarque und ſeine Nachfolger, heute die Socialiſten und manche Sociologen, z. B. Babington, ſind geneigt, auf dieſe Urſachen allein den Volkscharakter wie den der Individuen zurückzuführen. Die Theorie von der Wirkung des „Milien“ wird überſpannt: ſociale und Erziehungseinrichtungen ſollen aus jedem Menſchen alles machen können. Es iſt die der Überſchätzung des Natureinfluſſes entgegengeſetzte Übertreibung.
So viel iſt richtig, daß der einzelne, die Klaſſe, das Volk zwar einerſeits unter der Herrſchaft ererbter Eigenſchaften, Inſtinkte, unbewußter Gefühle und Willensregungen, andererſeits aber unter dem Einfluß des großen geiſtigen Fluidums ſtehen, das ſie umgiebt, das durch Nachahmung, Erziehung und geſellſchaftliche Berührung wirkt. Die Abgrenzung dieſer zwei Urſachenreihen iſt um ſo ſchwieriger, als jede dauernde Wirkung der letzteren Art zu Sitte und Gewohnheit wird, ſich nach und nach auch phyſiologiſch im körperlichen Organismus ausprägt und ſo beginnt, in das Bereich der vererblichen Faktoren überzugehen. Iſt ſo der Gegenſatz der erblichen und der durch geiſtige Beeinfluſſung neu geſchaffenen Eigenſchaften kein ſchroffer ſondern nur ein gradueller, ſo iſt damit auch zugegeben, daß die durch Erziehung oder ſonſtwie erfolgende Abſtempelung der Individuen und weiterer Kreiſe eben in dem Maße Typen bildend ſei, als es ſich um dauernde Einflüſſe handelt. Es iſt klar, daß die geiſtige Umgebung, die dauernd in gewiſſer Richtung wirkt, zu einer Stütze und Vorausſetzung für gewiſſe Züge des Volks- und Raſſencharakters wird. Zugleich aber werden wir betonen, daß jedes Wegfallen dieſer Stützen, dieſes Erziehungsprozeſſes die Exiſtenz dieſer Züge des Charakters bedrohe. Wir werden annehmen, daß, um je feinere und individuellere Züge es ſich handele, deſto weniger die Umbildung in erbliche Eigenſchaften gelinge, deſto ausſchließlicher die Wirkung des Milieu ſei. Aber eine gewiſſe Grenze haben alle dieſe Einflüſſe doch. Ribot ſagt: Die Erziehung geſtaltet um, aber ſie ſchafft nicht; ſie wirkt mehr auf die mittleren, als auf die hoch- und die niedrigſtehenden Individuen; ſie bleibt mehr ein Kleid, ein Firnis gegenüber dem Ererbten.
Alle Erziehung, aller Einfluß der Umgebung iſt eine neue, nur kurz dauernde Wirkung; in den ererbten Raſſeeigenſchaften ſteckt eine angehäufte, befeſtigte Wirkung von Jahrhunderten und Jahrtauſenden. Und deshalb iſt die Raſſenmiſchung ſo tiefgreifend, auf die wir nun noch einen Blick werfen. —
Wir verſtehen unter Raſſenmiſchung den geſchlechtlichen Verkehr, der zwiſchen den Mitgliedern verſchiedener Raſſen und Völker ſtattfindet und die Erzeugung von Miſchlingen zur Folge hat. Sie findet ſtatt, wo verſchiedene Raſſen und Völker infolge von Eroberung und Unterwerfung, von Ein- und Auswanderung durcheinander wohnen, wo durch Sklaveneinfuhr, durch Raub- und Kaufehe, wo an Grenz- und Handelsplätzen eine gemiſchte Bevölkerung vorhanden iſt. Sie entfernt ſich, wo ganz nahe verwandte Raſſenelemente ſich miſchen, von der gewöhnlichen Blutsmiſchung größerer Völker nicht; denn dieſe haben ſtets etwas verſchiedene Elemente in ſich, wie es z. B. Engländer und Schotten ſind. Wo es ſich um die Miſchung weit abſtehender Raſſen handelt wie z. B. bei der von Kaukaſiern mit Negern, Auſtraliern und Indianern, muß ſie ganz andere Folgen haben.
Es iſt damit ſchon ausgeſprochen, welche verſchiedenen thatſächlichen Verhältniſſe mit dem Worte Raſſenkreuzung umfaßt werden. Und es iſt damit auch begreiflich, wenn verſchiedene Gelehrte, welche das eine oder das andere Extrem dieſer thatſächlichen Miſchungen im Auge haben, über die Folgen ſo ganz Verſchiedenes ausſagen. Stets aber handelt es ſich um die Thatſache, daß Menſchen verſchiedener Raſſe oder Volkes, d. h. alſo von erheblicher körperlicher und geiſtiger Verſchiedenheit, aus verſchiedenen Lebensbedingungen, aus verſchiedenem Klima urſprünglich ſtammend, mit ſehr verſchieden vererblichen Anlagen Kinder zeugen; und es iſt klar, daß damit eine Möglichkeit ſo ſtarker und raſcher Variation entſteht wie ſonſt niemals. Es werden Menſchen geboren, die in ſich einen gemiſchten Typus darſtellen und einen neuen ſchaffen, wenn die Miſchung eine umfangreiche und fortgeſetzte iſt. Zugleich iſt aber naheliegend, daß Menſchen entſtehen, die zunächſt mehr oder weniger unausgeglichene körperliche und geiſtige Gegenſätze in ſich vereinigen; und ſie ſollen nun in einer Geſellſchaft leben und wirken, welche außer ihnen die zwei oder mehr verſchiedenen älteren Raſſentypen in ſich enthält, wodurch für alle geſellſchaftlichen und wirtſchaftlichen Einrichtungen die größten Schwierigkeiten ſich ergeben; zu den heterogenen Raſſetypen kommen verſchiedene ſittliche und geiſtige Atmoſphären. Stets handelt es ſich um einen ſchwierigen, meiſt lange dauernden phyſiologiſch-körperlichen und geſellſchaftlich-geiſtigen Verſchmelzungsprozeß.
Für beide iſt es klar, daß ſie um ſo leichter gelingen, um ſo raſcher zu einem tüchtigen neuen, ausgeglichenen Raſſentypus und Geſellſchaftszuſtand führen können, wenn der Abſtand der gekreuzten Elemente ein geringer war. Die großen hiſtoriſchen Beiſpiele günſtiger Raſſenkreuzung liegen hier: die Miſchung der olivenbraunen, mongoloiden Malayen mit den negerartigen, ſchwarzen Papuas hat die kräftigen melane- ſiſchen Völker, die der Türken mit Tataren und Kaukaſiern den kriegstüchtigen Osmanen- ſtamm, die von Negern und Arabern im nördlichen Afrika Völker geſchaffen, die weit über den Negern ſtehen. Im Großruſſen iſt mongoliſches, im Norddeutſchen ſlaviſches, im Nordfranzoſen deutſches Blut und nicht zu ihrem Schaden; im Engländer haben keltiſche und nordgermaniſche Elemente eine Herrſchernation von ſeltener Kraft und Fähigkeit erzeugt. — Immer darf auch für dieſe Miſchungen nicht überſehen werden, daß der ausgeglichene neue Völkertypus erſt das Werk von vielen Generationen war, daß lange große Schwierigkeiten, häßliche Zwittererſcheinungen, ſchwere Kämpfe den günſtigen Folgen vorausgingen.
Wo es ſich um ſehr verſchiedene Raſſenelemente handelte, hat eine naive Staatskunſt früher mit Recht geſucht, die Blutsmiſchung, teilweiſe auch das Zuſammenwohnen, das Verkehren, Geſchäftemachen möglichſt zu erſchweren. So vor allem im indiſchen Kaſtenweſen, dann in der holländiſchen Verwaltung Javas, in der ſpaniſchen Amerikas. Auf die Dauer haben dieſe Schranken nie die Miſchung verhindert. Das ſpätere römiſche Reich, die Völkerwanderung, noch mehr das neuere Kolonialleben zeigen die wichtigſten Beiſpiele ſolcher Miſchung — teilweiſe auch mit den überwiegend ungünſtigen Folgen für die Miſchlingsindividuen und für die geſellſchaftlichen Zuſtände. Daher die bekannten ungünſtigen Urteile: ſtets ſiege der tieferſtehende Typus in den Miſchlingen; ſie ſeien meiſt ſchwächer, hätten keine kräftige Nachkommenſchaft. Hehn will den Untergang des römiſchen Reiches auf die Raſſenmiſchung zurückführen und erwartet beſtialiſche Ausgeburten von den Kreuzungen in der heutigen Kolonialwelt. Es fragt ſich, ob darin nicht eine ſtarke Übertreibung liege.
Wahr wird ſein, daß ſolche Kreuzung je nach den Elementen und ihrer Zahl, ihrer ſtarken oder geringen Lebenskraft gute oder ſchlechte Folgen haben könne; jede zu große Verſchiedenheit, jede Verbindung zu heterogener erblicher Eigenſchaften muß Menſchen von einem ganz kulturfeindlichen Typus erzeugen. Aber ebenſo oft kann auch die Miſchung der niederen Raſſe Elemente beſſerer Art, einer von der Kultur erſchöpften Raſſe neue körperliche Lebenskraft zuführen, wie das in der untergehenden römiſchen Welt durch die Germanen, vielfach auch ſonſt, z. B. bei ſchwächlichen Ackerbauern, durch Nomaden geſchah. Häufig haben die Klagen über die ſchlechten Eigenſchaften der Miſchlinge ihre Wurzel nicht ſowohl in ihrem Typus als in der Geſellſchaftsverfaſſung. Ratzel ſetzt dies ſehr gut für die Miſchlinge Südafrikas auseinander: die Miſchlinge von Europäern und Eingeborenen haben mehr Intellekt und Thatkraft als letztere, ſie werden aber von den Europäern nicht als voll anerkannt, wachſen bei den Eingeborenen auf, in deren Sitten ſie nicht mehr hineinpaſſen. So werden ſie leicht die kühnſten Jäger, Schützen, Wüſtenwanderer, aber auch die größten Spitzbuben und Verbrecher.
Wir werden zuſammenfaſſend ſagen können, die Raſſenmiſchung ſei eines der wichtigſten Glieder in der Kette der vielgeſtaltigen Urſachen der Ausbildung eigentümlicher Raſſen- und Völkertypen. Ihre Wirkung hängt ſtets von dem Umfange der Miſchung, der Zahl der Miſchehen, der Verſchiedenheit der ſich miſchenden Elemente ab; weiterhin von den ſocialen Klaſſen, in denen ſich die Miſchung vollzieht. Wie ſchon das Durcheinanderwohnen verſchiedener Raſſen ſeine großen ſittlichen, ſocialen, wirtſchaftlichen und politiſchen Schwierigkeiten bietet, ſo auch die Einfügung der Miſchungsprodukte in die beſtehenden Zuſtände. Die Wirkung wird leicht zuerſt ungünſtig ſein, ſowohl was die Individuen und ihre Eigenſchaften als was die ſociale und rechtliche Seite betrifft. Aber die Schwierigkeiten und Schattenſeiten können überwunden und in günſtige Folgen umgebildet werden, wenn durch eine Reihe von Generationen ein neuer ausgeglichener, einheitlicher Volkstypus ſich gebildet hat. Ein ſolcher wird für alle höheren Formen der Kultur, für freie politiſche Verfaſſungs- und Verwaltungsformen, für geſunde ſociale Verhältniſſe, für alle Klaſſenbeziehungen immer das erſtrebenswerte Ziel ſein.
Und daher bleibt das Eindringen gewiſſer niedriger Raſſen, wie heute z. B. der Chineſen in Amerika, der Slaven in Oſtdeutſchland, eine Gefahr für die höherſtehenden Raſſen, ihre Lebenshaltung und Geſittung, ihren beſtehenden Raſſentypus, zumal wenn der Blutszufluß ein zu ſtarker iſt. Die Frage, ob die jüdiſchen Raſſenelemente in unſeren Kulturſtaaten günſtig wirken, hängt von ihrer Zahl und ihrer ſehr verſchiedenen Qualität, ihrer ſocialen Stellung, ihrem Beruf und von den Elementen ab, mit denen ſie geſchäftlich, geſchlechtlich und ſonſt in Kontakt kommen. Wichtiger faſt als die Raſſenmiſchung iſt zunächſt ihr geſchäftliches Wirken: die Thatkraft und Konkurrenz der beſſeren jüdiſchen Elemente iſt da von Segen, wo ſie neben kräftige und geſunde germaniſche zu ſtehen kommen; wo aber ihre geringeren Handelsleute weſentlich auf verarmte Bauern, Hausinduſtrielle und Proletarier drücken, da wird das Umgekehrte der Fall ſein. Auch die maſſenhaften proletariſchen Juden und anderen fremden Elemente im Oſtende Londons ſind ein ſocialer Mißſtand. Aber jede generelle Verurteilung der Raſſenmiſchung iſt verfehlt.
61. Ethnographiſche Einzelbeſchreibung: die niedrigſten Raſſen. Gehen wir nach dem vorſtehenden von der Annahme aus, es gebe verſchiedene Raſſen- und Völkertypen, welche durch die Vererbung ihrer körperlichen und geiſtigen Eigen- ſchaften wie durch die im ganzen vorhandene Überlieferung ihrer Vorſtellungen, Sitten und Einrichtungen einen jedenfalls nur ſehr langſam ſich ändernden Charakter haben, ſo muß der wiſſenſchaftliche Verſuch, dieſe Typen zu ſchildern, angezeigt ſein, ſo ſchwierig die Aufgabe ſein mag, ſo ſehr ich geſtehe, daß mir viele Kenntniſſe und Eigenſchaften dazu fehlen. Der Verſuch wird doppelt ſchwierig, wenn man, wie hier, ganz kurz ſein muß. Aber ich wage ihn, weil auch der Anfänger volkswirtſchaftlicher Studien ein Bild davon bekommen muß, wie der verſchiedene Volkscharakter auf die verſchiedenen Geſell- ſchafts- und Wirtſchaftszuſtände wirkt. Die Mittel zu dem Verſuche liegen in der heutigen Völkerkunde, der Geſchichte, der vergleichenden Pſychologie, den Reiſebeſchreibungen, alſo in weit auseinander liegenden Wiſſensgebieten. Schon die Heterogenität des Materials wird eine nachſichtige Beurteilung des billigen Leſers herbeiführen.
Ich beginne, hauptſächlich im Anſchluß an H. Spencer, mit einigen Strichen, welche ſich auf die Auſtralier, Polyneſier, Buſchmänner, Hottentotten, die niedrigſt ſtehenden Indianer ꝛc. beziehen; ſie gehören zwar verſchiedenen Raſſen an, aber ſie gehören zuſammen, ſofern ſie die unentwickeltſten, älteſten Raſſentypen darſtellen oder durch Ungunſt ihres Standortes, Trennung von den Kulturvölkern und andere Miß- ſtände auf das niedrigſte Niveau menſchlichen Lebens herabgedrückt ſind.
Sie ſind von niedriger Statur, haben im allgemeinen als Folge der Wirkung primitiver Lebensweiſe unentwickeltere Beine als Arme, eine übermäßige Entwickelung der Verdauungsorgane, die der Ungleichmäßigkeit der Ernährung entſpricht. Die Buſchmänner verfügen über einen Magen, welcher demjenigen der Raubtiere ſowohl hinſichtlich der Gefräßigkeit als hinſichtlich des Ertragens von Hunger vergleichbar iſt. Damit hängt die Unthätigkeit und Unfähigkeit zur Arbeit zuſammen; zeitweiſe Überfüllung und zeitweiſer Mangel hemmen gleichmäßig die zur Arbeit notwendige Lebensenergie. Die Körperkraft iſt mäßig, nicht ſowohl wegen mangelnder Muskelals Nervenausbildung; das kleinere Gehirn, die geringere Gefühlsthätigkeit laſſen es nicht zu erheblichen Kraftanſammlungen kommen. Dagegen iſt die Anpaſſung an die Unbilden des Klimas, der Witterung größer, ebenſo wie die Fähigkeit, Wunden und Krankheiten zu überwinden. Unempfindlich gegen äußere Einwirkungen, bleiben ſolche Menſchen auch paſſiv und ſtumpf; früh geſchlechtsreif, altern ſie auch früh. Arm an Vorſtellungen, welche die nächſtliegenden Begierden überſchreiten, und unfähig, den unregelmäßigen Lauf ſeiner Gefühle zu beherrſchen, zeigt der primitive Menſch eine außerordentliche Unbeſtändigkeit, ein impulſives Weſen, ein unbedachtes Handeln, das ſich aus den Emotionen faſt nach der Art inſtinktiver Reflexbewegungen entladet. Künftige Erfolge werden nicht vorgeſtellt, bewegen das Gemüt nicht; daher gänzliche Sorgloſigkeit um die Zukunft, kein Streben nach Beſitz und deſſen Erhaltung; Freigiebigkeit und Ver- ſchwendung, Mitgabe der Waffen und Werkzeuge ins Grab. Lange andauernde Faulheit wechſelt mit kurzen, großen Anſtrengungen des Spiels, des Tanzes, der Jagd und des Kampfes; meiſt fehlt noch jede Gewöhnung an ſtete Arbeit. Die geſellſchaftliche Rückſichtnahme auf andere Menſchen wird durch die Leidenſchaften des Augenblickes ſtets wieder zerſtört; ſie zeigt ſich faſt nur in der Eitelkeit und Putzſucht, in der Furcht vor Verachtung und Hohn, vor Gewalt und Strafe. Die heterogenſten Gemütsbewegungen ſtehen unvermittelt und unausgeglichen nebeneinander, zärtliche Liebe und Milde neben härteſtem Egoismus und Grauſamkeit. Die geringe Entwickelung der geſellſchaftlichen Inſtinkte hindert jedes Leben in größeren Gemeinſchaften; es fehlt das Wohlwollen, das durch die Rückſichtnahme auf andere, ferner ſtehende Menſchen ſich bildet, der Gerechtigkeitsſinn, der erſt eine Folge verwickelter Vorſtellungen ſein kann. Aber dieſe Menſchen werden viel ſtärker und unerbittlicher, viel konſervativer von den äußeren Gebräuchen des Lebens, von der Sitte beherrſcht, die ſie in der Jugend gelernt. Ihr Nervenſyſtem verliert überfrüh jede Bildſamkeit, wie ſie zur Aufnahme der geringſten Neuerung nötig iſt.
Der Intellekt ſolcher Menſchen iſt bedingt durch die engen Grenzen ihrer Beobachtung; ſie faſſen das Nächſte lebendig und gut auf, haben Augen und Ohren von unglaublicher Schärfe; ihre Anſchauungen ſind ſtark und haften feſt; Leute, welche nicht fünf zählen können, bemerken unter einer großen Herde Rindvieh jedes fehlende Ochſengeſicht. Aber alle Beobachtung iſt auf das Sinnliche eingeſchränkt; allgemeine Thatſachen faſſen ſie nicht; allgemeinere Ideen wie Urſache und Wirkung begreifen ſie nur dunkel; das Gleichförmige im Vielfältigen können ſie nicht faſſen, mit ſchlechten Zeitmaßen ausgeſtattet, Entferntes nicht klar vorausſehen; mangelnder Unterſcheidungsſinn läßt ſie Nützliches und Unnützliches oft nicht richtig erfaſſen. Erinnerung, Scharfſinn, Auffaſſung haben ſie für Anekdoten und Fabeln, aber nicht für das Weſentliche der Dinge. Bei großer Fähigkeit nachzuahmen, fehlt ihnen jede produktive Einbildungskraft, daher ſie Jahrtauſende hindurch mit denſelben Werkzeugen arbeiten, dieſelben Hütten bauen. Jedes fragende Geſpräch wie jedes Nachdenken ermüdet ſie.
Die pſychologiſchen und religiöſen Vorſtellungen der niedrigſten Raſſen hängen mit der geringen Fähigkeit, Lebloſes vom Belebten, Wachen vom Traum, Leben vom Tod zu unterſcheiden, zuſammen. Die Seele erſcheint als ein Schatten, der den Körper zeitweiſe verlaſſe, in ihn zurückkehre, ſich aber auch, beſonders nach dem Tode, anderswo feſtſetzen könne.
Im einzelnen weichen nun die verſchiedenen niederen Raſſen von dieſem Durch- ſchnittsbild mannigfach ab. Der Malaye iſt ernſt, bedachtſam, verſchloſſen, während der Papua heiter, geſchwätzig und ausgelaſſen erſcheint. Manche der Naturvölker zeigen ſchon eine erhebliche Entwickelung über einen derartigen Zuſtand hinaus. Die Malayo-Polyneſier haben Handel und Eigentum, ſie beſitzen Häuptlinge, deren Gewalt auf Kraft und Kunſt der Rede beruht; ſie haben höhere religiöſe Vorſtellungen, feiern in Liedern und Sagen ihre großen Männer. Höher als alle anderen Naturvölker ſtehen einzelne der nordamerikaniſchen Indianerſtämme, die ja auch zu einer nicht unerheblichen Geſittung gelangt ſind. Sie haben es zu einem erſtaunlichen Maß ſittlicher Selbſtbeherrſchung durch kriegeriſche Zucht gebracht, ſo daß ſie alle Todesqualen und Martern mit Hohnlächeln ertragen, ohne Streben nach individuellem Beſitz ihre ganze Kraft in den Dienſt des Stammes oder der Stammesbündniſſe ſtellen.
62. Ethnographiſche Einzelbeſchreibung: die Neger und verwandten Stämme. Die Negerſtämme Afrikas, die ihr Centrum im Sudan und in den Bantuſtämmen haben, nach Nordoſten mit hamitiſch-ſemitiſchen Elementen gemiſcht ſind, von daher auch die Elemente eines höheren Wirtſchaftslebens erhalten haben, wurden früher vielfach unterſchätzt. Es iſt eine Raſſe, die allein neben den höherſtehenden es zu einer Bevölkerung von gegen 200 Millionen in Afrika, 20 Millionen in Amerika gebracht hat, die faſt durchgängig zu einem leidlich geordneten Bodenbau und Hirtenleben gekommen iſt. Es fehlt ihnen der Sinn für das Ideale wie für die Wahrheit, ſie ſind arm an eigener Erfindung; aber es ſind Stämme mit ſtarken Muskeln, naiv ſinnlicher, kräftiger Empfindung; große Gutmütigkeit und natürliche Sanftmut ſtehen einer ungezügelten Phantaſie und Roheit gegenüber; eitel, ausgelaſſen wie die Kinder in ihrer Freude, freſſen ſie Menſchenfleiſch und töten in der Leidenſchaft ohne Gewiſſensbiſſe; ſie ſterben vor Heimweh, aber jede Pfeife verführt ſie zum Tanz. Der Übergang von der leichtfertigſten Luſtigkeit zu düſterer Verzweiflung kommt kaum bei anderen Völkern ſo vor; umſtändliche Geſchwätzigkeit liebt der Neger über alle Maßen; im Handel iſt er zudringlich, unermüdlich, bald ſchmeichelnd, bald jammernd, beſucht Märkte faſt mehr der Unterhaltung als des Gewinnes wegen, überliſtet den Europäer dabei ſehr häufig. Die Kinder lernen leicht bis zum 12. Jahre, haben ein erſtaunliches Gedächtnis, mit dem 14. bis 20. Jahre tritt vollſtändiger geiſtiger Stillſtand ein. Ihre Trägheit und Sorgloſigkeit hat man oft übertrieben; ihre Kornſpeicher ſprechen für eine gewiſſe Sorglichkeit; ihre phyſiſche Kraft und Gewandtheit iſt dem Europäer überlegen; der Neger und jedenfalls die Negerin arbeiten, ſoweit die Bedürfniſſe ſie dazu nötigen; niemals freilich aus Freude an der Arbeit. Sie arbeiten auch als freie Leute mit Energie, wenn ſie ein lockendes Ziel vor ſich ſehen, ſo z. B. die die Unabhängigkeit liebenden Kaffern als Knechte oder Arbeiter, bis ſie ſo viel verdienen, ein Weib zu kaufen. Sie haben einen ſtark entwickelten Sinn für Beſitz, man könnte ſie habgierig nennen; Raubzüge, hauptſächlich Viehraubzüge, ſind im Innern ſehr verbreitet. Was die wirtſchaftliche Kultur ſo niederhält, iſt die geringe Stetigkeit und Feſtigkeit aller Verhältniſſe, die Unfähigkeit faſt aller Neger, mit Ausnahme der Kru, das Waſſer zur Schiffahrt, meiſt auch zum Fiſchfang zu nützen, der Wege- und Brückenmangel, die Abgeſchloſſenheit der einzelnen kleinen Stämme untereinander. Zu einer Schrift haben es die Neger nirgends gebracht, den Pflug erſetzt die Hacke, die Drehſcheibe iſt ſo unbekannt wie die eigentliche Gerberei, wohl aber iſt die Kunſt des Eiſenſchmelzens und die Eiſenverarbeitung ziemlich allgemein. Die kriegeriſchen Stämme unter ihnen ſind die mit hamitiſch-ſemitiſcher Blutmiſchung, obwohl auch Kaffernſtämme, vornehmlich die Zulus und muhamedaniſche Stämme im Innern es zu einer feſten militäriſchen Organiſation gebracht haben. Ihr Familienleben ſteht faſt nirgends mehr auf dem tiefſten Standpunkte; die väterliche Gewalt iſt meiſt ſtark entwickelt, das Mutterrecht beſeitigt. Die Mutterliebe iſt eine ſehr ſtarke, zahlreiche Kinder ſind erwünſcht. Zu einem höher entwickelten Staatsleben und einer Baukunſt wie die amerikaniſchen Halbkulturvölker in Pern und Mexiko hat es kein Negerſtamm gebracht. In einem günſtigeren Erdteile würde wahrſcheinlich ihre geſamte Kultur eine höhere ſein; die ſchwierigſten Anfänge des techniſchen und ſocialen Lebens hat dieſe Raſſe immerhin überwunden.
63. Ethnographiſche Einzelbeſchreibung: die Mongolen. Die gelben, ſchwarzhaarigen, rundköpfigen Menſchen der mongoloiden Raſſe gehören zu den kräftigſten und leiſtungsfähigſten der ganzen Erde. Von den Finnen, Magyaren und Türken, welch’ letztere beide ſehr viel ariſches Blut in ſich aufgenommen haben, reichen ſie über die mittelaſiatiſchen Nomadenſtämme der Turkmenen, Mongolen und Tibetaner bis zu den alten Halbkulturvölkern der Chineſen und Japaner; wahrſcheinlich gehören auch die ſämtlichen amerikaniſchen Stämme zu ihnen und die Malayen ſowie viele Elemente Indiens und der indiſchen Inſelwelt; die Hyperboreer enthalten ebenfalls mongoliſches Blut. Allein die Chineſen ſind auf gegen 400 Millionen zu beziffern; die mongoloiden Völker zuſammen auf etwa 5—600 Millionen. Mit ihrem eingedrückten Naſenbein, ihren vortretenden Backenknochen und geſchlitzten Augen ſind ſie trotz ihrer verſchiedenen Entwickelung und weiten Verbreitung doch überall wiederzuerkennen; faſt überall zeigen ſie auch dieſelbe Körperkraft, dieſelbe Unempfindlichkeit und die ſcharfen Sinne, denſelben realiſtiſchen, zähen Nützlichkeitsſinn, den Mangel an Idealismus und Individualismus, an geiſtigem Schwung und Tiefſinn, wie ihn die Indogermanen beſitzen. Ihre Kulturleiſtungen ſind aber nicht gering. Ihre abgehärteten mittelaſiatiſchen Nomadenſtämme haben die kräftigſten und kühnſten Menſchen und Eroberer erzeugt. Auf den malayiſchen Inſeln, in Oſtaſien und Centralamerika ſind von ihnen despotiſch-kriegeriſche und friedlichem Hackbau ergebene große Reiche mit patriarchaliſch-ſocialiſtiſcher Verfaſſung gebildet worden; dieſe haben aus ſich einen Grad der wirtſchaftlichen Kultur geſchaffen, der zeitweiſe der abendländiſchen überlegen war. Auch der Jeſuitenſtaat von Paraguay gehört hieher. Hartes Kaſtenweſen und Vernichtung aller individuellen Freiheit der großen Maſſe entſprach dem Raſſentypus, der in den warmen Flußniederungen bis zur ſchlauen und weichlichen Friedfertigkeit herabſank, aber auch erſtaunliche Friedenswerke von größerer Dauer ſchuf als die meiſten anderen Raſſen. Die Chineſen, vielleicht in Urzeiten mit der indiſchen oder babyloniſch-aſſyriſchen Kultur in Berührung, haben nicht mit Eroberung ſondern mit Koloniſation, freilich in einem faſt wie eine Feſtung geſchützten und iſolierten Lande, eine binnenländiſche, in ſich geſchloſſene Volkswirtſchaft geſchaffen, deren Erfolge die europäiſchen Philoſophen des 18. Jahrhunderts als Muſter prieſen. Die Chineſen ſind das ſparſamſte, nüchternſte, geduldigſte, unermüdlichſte, bieg- ſamſte, zäheſte und größte Volk der Erde; harmlos und gutmütig, ausdauernd und ſcharfſinnig, im Familienleben und in Verbänden aller Art ganz aufgehend, ohne moderne Unternehmung und ohne Lohnproletariat, haben ſie Landbau und Gartenkultur, Straßen- und Brückenbau, Waſſerverkehr im Innern, Handel und Verkehr ſchon vor Jahrhunderten und Jahrtauſenden entwickelt. Auf dem kleinſten Fleck Erde kommt der Chineſe aus; in Kleinhandel und Hauſiererei iſt er pfiffiger als jede andere Raſſe. Im kaufmänniſchen Geſchäft überwindet er teilweiſe den Europäer, wie er den meiſten Raſſen Oſt- und Mittelaſiens überlegen iſt. Als Arbeiter iſt er weit herum in der Welt begehrt, in den Vereinigten Staaten bereits gefürchtet. Ob ſeine Billigkeit und Geſchicklichkeit in der Zukunft der europäiſchen Induſtrie gefährlich werde, zumal wenn er unter die Leitung von weſtländiſchen Unternehmern komme, iſt die große Frage der Zukunft. Zunächſt macht das Reich einen inneren Auflöſungsprozeß durch: wir tröſten uns damit, daß der chineſiſche Scharfſinn über gewiſſe Grenzen nicht hinausgehe, daß die Kunſt des Letterndruckes ohne Buchſtabenſchrift (ſeit 1040—50), die Kenntnis des Pulvers ohne Feuerrohr, daß die höchſte manuelle Geſchicklichkeit und Arbeitſamkeit ohne Maſchinen ihm bisher nicht ſo ſehr viel genützt haben. Sicher iſt, daß er im Hochmut der Abgeſchloſſenheit erſtarrte, daß ihm der Kampf mit würdigen Gegnern fehlte, daß ihm die 6000jährige Kontinuität ſeines Staatslebens ebenſo zum Fluche wurde, wie ſie ihn, in der ſpießbürgerlichen Nützlichkeitsmoral Confutſes eingeſchloſſen, friedlich ſtagnieren ließ.
64. Ethnographiſche Einzelbeſchreibung: die mittelländiſchen Raſſen; die Semiten. Die Völker der mittelländiſchen Raſſe ſind die Träger der höchſten menſchlichen Geſittung geworden; es muß das im engſten Zuſammenhange mit ihren typiſchen Raſſeneigenſchaften ſtehen. Die Hamiten haben die ägyptiſche, die Semiten die vorderaſiatiſche, die Indogermanen die indiſche, iraniſch-perſiſche und europäiſch-amerikaniſche Kultur erzeugt. Eine gewiſſe Verwandtſchaft der Hamiten mit den Semiten und dieſer mit den Indoeuropäern ſcheint feſtzuſtehen. Die drei Völkergruppen haben meiſt in räumlicher Nähe, hauptſächlich um das Mittelmeer herum geſeſſen, haben einander bekämpft und aufeinander gewirkt. Während wir aber von den Hamiten außer ihren ägyptiſchen Leiſtungen wenig wiſſen, hauptſächlich auch die Miſchung der in Ägypten zuſammengewachſenen Raſſenelemente noch keineswegs ganz klar iſt, ſteht die Entwickelung der ſemitiſchen und indogermaniſchen Völker im hellen Lichte der Geſchichte. —
Die Semiten ſind der ältere Zweig; ſie haben, allerdings im Anſchluß an eine ältere wohl mongoloide Kultur, an das akkadiſche oder ſumeriſche Reich im Mündungsgebiet des Euphrat die chaldäiſche, techniſche und wiſſenſchaftliche Kultur, die Grundlagen alles Maß- und Gewichtsſyſtems geſchaffen, ſie haben in ihrem phönikiſchen Zweige, dem erſten großen Handelsvolke, die Formen des Handels und die Buchſtaben- ſchrift, ſie haben die drei großen weltbeherrſchenden Religionen, den jüdiſchen Monotheismus, das Chriſtentum und den Islam geſchaffen; die Araber haben dann ebenſo durch ihre Eroberungen wie durch ihren Handel, ihr Wiſſen und ihre Erfindungen eine bedeutende Rolle im Mittelalter geſpielt. Die Semiten waren ſo mit ihrem leiden- ſchaftlichen Gemüt, ihrem energiſchen Mut, ihrem hartnäckigen, zäh das Erworbene feſthaltenden Willen, ihrem Glauben an ausſchließliche Berechtigung, ihrem harten Egoismus, ihrer ſcharfen Abſtraktionskraft die Mauerbrecher für die höhere Kultur der abendländiſchen Menſchheit; ſie wurden in Vielem die Lehrer der Indogermanen und wirken durch die Juden auch heute noch überall mehr oder weniger als ein Leben und Reibung erzeugendes, teils Fortſchritt, teils Auflöſung bringendes Element in den indogermaniſchen Staaten fort. Wir wollen ſtatt der einſeitigen Verurteilung ihrer Raſſeneigenſchaften durch einen ihrer Söhne, durch Ernſt Renan, lieber Chwolſon, der auch ſelbſt Semite iſt, die Raſſe charakteriſieren laſſen. Er ſagt: Der praktiſche, nüchterne, mathematiſche, ja ſpitzfindige Verſtand hat bei den Semiten alle Mythologie, alle Myſtik, alles Epos, alles Drama ausgeſchloſſen; er iſt in Religion und Wiſſenſchaft relativ früh zu einfachen, großen Ergebniſſen, zu einer klaren Erfaſſung des empiriſchen Lebens gekommen; die ſcharf ausgeprägte ſubjektive Individualität des Semiten erlaubt innige Hingabe an Familie und Stamm, hat aber ſtets ſtaatlicher Unterordnung wider- ſtrebt, trotz des weichen, faſt weichlichen Sinnes für Milde und Wohlthätigkeit und trotz der raſchen Empfänglichkeit für allgemeine Ideen; das Ideal des Semiten war nie in erſter Linie die Tapferkeit ſondern die weiſe Gerechtigkeit; geiſtige Eigenſchaften über- ſchätzte beſonders das Judentum ſtets gegenüber körperlicher Kraft und Geſundheit; harte Ausnützung der eigenen Klugheit, beſonders gegen unreife Stämme anderer Raſſe, ſpielende, witzelnde, ſarkaſtiſche Selbſtüberhebung, Habſucht und Sinnlichkeit ſind die nicht zu leugnenden Schattenſeiten des im übrigen ſo reich begabten Raſſentypus.
Paßt dieſe Schilderung der Semiten im ganzen auch auf die ſeit 2000 Jahren zerſtreut lebenden, überwiegend dem Handel ergebenen Juden, ſo fragt ſich freilich immer, was hievon auf den ſemitiſchen Raſſentypus und was auf die Schickſale und die Berufsthätigkeit dieſes Zweiges zurückzuführen ſei. Sicher iſt, daß die Juden heute allerwärts als Händler, Unternehmer, Bankiers und Journaliſten eine führende Rolle ſpielen, und daß dies ebenſo mit ihrem Raſſentypus wie mit ihrer Internationalität zuſammenhängt; ihre große ſchriftſtelleriſche und politiſche Thätigkeit ſchließt nicht aus, daß der ihnen ſonſt ſehr günſtige De Candolle recht hat, wenn er ſagt, die europäiſche Kultur würde ſofort von Barbaren vernichtet werden, wenn die Staaten nach ihren Idealen eingerichtet würden. Auch wer ſonſt ſie als Lehrmeiſter in geſchäftlichen Dingen anerkennt, wird Bismarck recht geben, wenn er ſagt, wo ihre Geſchäftsleute die politiſche Leitung eines Staates beeinfluſſen, wie in Paris und Wien, ſei es vom Übel. Nicht bloß das habſüchtige, auch das edle Judentum iſt meiſt unfähig, die ſtaatlichen Notwendigkeiten und Härten, den Mechanismus ſtaatlicher Inſtitutionen zu begreifen. Ein ſchlagendes Beiſpiel hiefür ſind die ſocialen Theorien von Karl Marx. Vierkandt charakteriſiert die Semiten mit dem Satze, der ſehr gut auf Marx paßt: ihre geiſtigen Schöpfungen erreichen die Realität der Dinge nicht.
65. Ethnographiſche Einzelbeſchreibung: die Indogermanen; die Ruſſen, Italiener, Franzoſen. Die Indogermanen ſtehen den Semiten als die kräftigere, viel langſamer ſich entwickelnde, objektivere, geiſtig flüſſigere, gemütsreichere, erfinderiſchere, naturfriſchere Raſſe gegenüber. Ihr Gemütsleben und ihre Phantaſie, ihre träumeriſche Hingabe an die Natur und die Objekte ihrer Thätigkeit hätte ſie vielleicht an großen, praktiſch-wirtſchaftlichen Leiſtungen gehindert, wenn ſie nicht überall die geiſtige und techniſche Erbſchaft der Semiten übernommen hätten. Mit ihr gelangten ſie zu dem ſie auszeichnenden harmoniſchen Gleichmaß der Körper- und Seelenkräfte, ſie erhoben ſich viel leichter als jene über Subjektivität und Egoismus; ſie haben allein die Staats- und Geſellſchaftsformen der heutigen Kulturwelt ausgebildet, welche auf der Fähigkeit ruhen, mit weitem Blicke Vergangenheit und Zukunft, Nahes und Fernes zu umfaſſen, die Individualität zu ihrem Rechte kommen zu laſſen, ihr Eigentum, perſönliche Freiheit und freie Bewegung und Ausbildung zu gewähren und doch mit ganzem Gemüte einem großen Staatsverbande ſich hinzugeben, der Tauſende und Millionen umfaßt, in dem Gerechtigkeit und Ordnung herrſcht, auch die unteren Klaſſen Schutz und Förderung finden.
Werfen wir einen kurzen Blick auf die wichtigſten der heutigen indogermaniſchen Völker, wie ſie die neuere Geſchichte ausgebildet hat.
Im heutigen Rußland ſind verſchiedene ſlaviſche Stämme vereinigt mit finniſchuraliſchen und mongoliſchen Elementen. Zuerſt die organiſierende Kraft nordmänniſcher Häuptlinge und die Annahme der griechiſchen Kirche, dann die zweihundertjährige Mongolenherrſchaft, in den letzten Jahrhunderten deutſcher Einfluß ſind die wichtigſten eingeſprengten und aufgepfropften Beimiſchungen. Ziemlich verſchiedenartig ſtehen ſich noch heute der extravagante, verſchwenderiſche Pole, der nach dem Sprichwort auf der Jagd einen Hahn erlegt, um beim Eſſen einen Ochſen zu verſpeiſen, der, ſtets elaſtiſch begeiſtert, heiter und nachläſſig „polniſche Wirtſchaft“ treibt, dann der ackerbauende, ſtabile, altväteriſche, um das heilige Kiew ſich gruppierende, ſentimentale, liederreiche Kleinruſſe und endlich der moderne, mit Mongolen- und Tatarenblut viel mehr gemiſchte, dem Handel und dem Gewerbe viel mehr zugeneigte, ſeit dem 16. Jahrhundert zur Herrſchaft gelangte Großruſſe gegenüber. Und doch hat man geſagt, alle Ruſſen erſchienen wie aus einem Troge gebacken, es ſei die größte Anzahl gleichartiger Menſchen, die es in Europa gebe.
Aſiatiſches Nomadentum und ſlaviſcher Ackerbau, aſiatiſcher Despotismus und europäiſche Kultur ſind im Ruſſentum verſchmolzen. Gewiſſe äußere und innere Züge erinnern an die Chineſen: die Stirn, die Backenknochen, die Naſe, der Handels- und Schachergeiſt, das vorwiegende Bauerntum, die Fähigkeit, zuerſt alle Schwierigkeit leicht zu überwinden, dann ſtehen zu bleiben, die Anbequemung an jede Situation.
Der Ruſſe iſt weichen, zärtlichen Charakters und liebt die Muſik; er bleibt unter den größten Entbehrungen munter; er iſt ein ausgezeichneter Bedienter, Handlanger, Soldat; er geht als Bauer, als Krämer, als Hauſierer, als Arbeiter überall hin, wo der ruſſiſche Doppeladler herrſcht, aber nicht über ihn hinaus. Der Ruſſe iſt überall zähe, ruhig, geſchäftig, geſchmeidig und ſcharfſinnig im Geſchäft, das Ideal eines noch halb barbariſchen Handelsmenſchen; liſtig, zur Simulation geſchickt, dem Betrug nicht abgeneigt, mit leidenſchaftlichem Triebe des Gelderwerbes, nach Trinkgeldern lüſtern bis zur Selbſterniedrigung. Anhänglichkeit, Treue, maſchinenmäßige Ausdauer, Gehorſam zeichnen ihn aus. Er liebt die Geſellſchaft, iſt von religiöſen Stimmungen beherrſcht, aber es mangelt noch die Ehrlichkeit, das Zartgefühl, das Gewiſſen der höheren Kultur wie die entſchiedene Energie, die höhere Intelligenz. Die Arbeit erſcheint der Maſſe faſt noch als etwas Entehrendes. Der Ruſſe lebt vielfach noch in den Tag, verkauft ſein Ehebette oder ſeine Silberſachen, wenn er eine Reiſe vorhat. Er iſt nicht ſo zuverläſſig und pünktlich wie der Deutſche, aber auch nicht eigenſinnig wie dieſer. Er iſt Realiſt in der guten und weniger guten Bedeutung des Wortes, wo der Deutſche Idealiſt iſt.
Die heutigen Italiener haben etruskiſches, italiſches, griechiſches, keltiſches, phönikiſches, ſemitiſch-arabiſches, germaniſches Blut in ſich: eine einheitliche Nation ſind ſie ſeit den Tagen der römiſchen Weltherrſchaft geworden; ſie waren es ſo früher als alle anderen europäiſchen Nationen; dieſen Traditionen, der römiſchen Kirche und ihrer Handelslage verdanken ſie ihre hohe mittelalterliche Kultur, die das Weſen des Volkes bis heute beherrſcht. Die Italiener wurden damals die erſten rein individuellen Menſchen der modernen Zeit.
Unter dem glücklichen Himmel werden die materiellen Bedürfniſſe leichter befriedigt als im Norden; ſelbſt das Proletariat behält damit eine Freiheit, eine gewiſſe perſönliche Würde, die, gepaart mit Anſtand und Schönheitsgefühl, mit einer Sprachfähigkeit ohnegleichen, die Nordländer überraſcht und beſchämt. Frugal, nüchtern, höflich und liebenswürdig, geſchwätzig und muſikaliſch, aber auch naiv eigennützig und intrigant, klug reflektierend zeigt der Italiener eine Einfachheit und Geſchicklichkeit im Denken und Handeln, die vor allem auf der Abweſenheit von tieferen Gemütsbewegungen beruht. Das Individuum iſt ein vollendeter Menſch, die Herrſchaft der Familie, der Geſellſchaft, des Staates über ihn iſt gering; man findet ſich mit ihm, wie mit der Kirche, äußerlich ab, geht klug ſeinen Plänen nach, erreicht dabei Großes in der Kunſt, in der Diplomatie, auf vielen Gebieten; aber auch in der Intrigue, in der Pietätloſigkeit, der Falſchheit, ja der Ruchloſigkeit. Gewiſſen und Scham ſpielen gegenüber der natürlichen Naivität, der Phantaſie und der Leidenſchaft die geringere Rolle. Das Volk pfeift und ſingt, ſchwatzt und geſtikuliert den ganzen Tag; es arbeitet zum großen Teil auch unermüdlich; die unteren Klaſſen arbeiten ſich faſt zu Tode. Der italieniſche Arbeiter iſt dem deutſchen vielfach überlegen. Dabei iſt der Gegenſatz der Stände geringer als irgendwo; der Fürſt ſitzt in der Kneipe neben dem Spießbürger und neben ſeinem Pächter; alle Klaſſen ſind ſtädtiſch angehaucht, haben ſtädtiſche Gewohnheiten, was freilich nicht hindert, daß die Ärmſten der Armen auf dem Lande faſt ein Leben wie die Wilden führen. Heute laſten über dem ſchönen Lande noch die Nachwirkungen jahrhundertelanger Mißregierung. Wenn etwas das Volk wieder heben kann, ſo iſt es der geſunde, mit der Kirche ver- ſöhnte nationale Staat, wenn ihm die Ausbildung gerechter Inſtitutionen und die Be- ſeitigung der althergebrachten Korruption gelingt. Auch die volkswirtſchaftliche Hebung des Landes hängt daran.
Die Franzoſen ſind als Romanen den Italienern verwandt. Aber den Kern des Volkes bilden die galliſchen Kelten, welche die iberiſchen Ureinwohner ebenſo abſorbierten wie die ſpäteren germaniſchen Einwanderer. Die 400jährige römiſche Herrſchaft hat die dauerndſten Spuren im Volkscharakter hinterlaſſen; aber auch ſie hat die reizbaren, ſchnell entſchloſſenen, geſprächigen, witzigen, eitlen und kampfluſtigen Gallier aus Cäſars Zeit nicht ſowohl verändert als abgeſchliffen. Heute wie damals iſt es ein zierlicher, elaſtiſcher, unterſetzter Menſchenſchlag mit kleinem, ovalem Kopf dunkeln, lebhaften Augen, ausdrucksvollen Geſichtern. Die Erſcheinung, die Form iſt dem Franzoſen die Hauptſache; die Geſelligkeit iſt ihm ſein Lebenselement; von der Mode beherrſcht, lebt er, um geſehen, bewundert, geehrt zu werden. Mit Anmut bewegt er ſich in allen Lebenslagen; mit Geſchick und Geſchmack weiß er ſich das Haus und das Leben einzurichten, nirgends anſtoßend, überall mit einem Witzwort ſich helfend. Der ſcharfe, ſchematiſierende, ordnende Verſtand und die leichte, ſchwungvolle Erregbarkeit, die glänzende und durchſichtige Sprache und der veredelte Kunſtſinn haben nach den verſchiedenſten Seiten Großes geleiſtet; Frankreich war lange in Politik und Wiſſen- ſchaft, Kunſt und Litteratur, Technik und Geſchmack an der Spitze der europäiſchen Kultur. Heute iſt, wie das Hildebrand ſo ſcharfſinnig ausführt, der Grundzug des franzöſiſchen Weſens rationelle Verſtändigkeit.
Wie die Ehe ſorgfältig ausgeklügelte Vernunftehe iſt, ſo iſt die Erziehung darauf gerichtet, einen klugen, feinen Egoismus in wohlwollenden Formen zu erzeugen; die Eltern wollen nicht charakterfeſte, geiſtesfreie Söhne haben, ſondern ihnen die Wege ebnen, ſie davor bewahren, ſich lächerlich zu machen. Was man am höchſten ſchätzt, iſt nicht feſter Wille, Mut, Arbeit um der Sache willen, ſondern Mäßigkeit, Beſonnenheit, Fügſamkeit gegenüber allen konventionellen Regeln. Nirgends iſt man ſo redlich vom letzten Dienſtboten bis zum Millionär, ſo ordnungsliebend, ſolid und ſauber in der Kleidung, ſo mäßig im Eſſen und Trinken, ſo wenig verſchwenderiſch, ſo klug berechnend in der Sparſamkeit. Der Franzoſe iſt ſtets gefällig, nicht leicht generös; er arbeitet in gewiſſen Jahren außerordentlich fleißig, aber um ſo früh als möglich ſich zur Ruhe zu ſetzen oder um irgend ein Ordensbändchen, eine Auszeichnung zu erhalten; uneigennütziges Arbeiten iſt ihm unverſtändlich. Auch in der Liebe, in der Religion iſt er klug, vorſichtig, berechnend. Dieſe kluge Reflexion reicht für gewöhnliche Lebenslagen aus, verſagt aber leicht in den großen und beſonderen Augenblicken. Und daher iſt das franzöſiſche Volk in ſolchen Lagen ſo kopf- und ratlos, von bleicher Panik, blinder Leidenſchaft, ſelbſtſüchtiger Wildheit erfaßt. Es fehlen, ſagt Hildebrand, dem Franzoſen jene ernſten männlichen Tugenden, die nur auf dem Boden des inneren individuellen Lebens gedeihen. Es herrſchen wenigſtens bei einem erheblichen Teile die nüchternen und rationaliſtiſchen Ideale der Mittelmäßigkeit und die Phraſen.
66. Ethnographiſche Einzelbeſchreibung: Die germaniſchen Völker, die Deutſchen. Die romaniſchen und die germaniſchen Völker ſind die Hauptelemente der europäiſchen Kultur, auf ihrem Zuſammenwirken und ihrer Wechſelwirkung beruht die europäiſche Geſchichte. Die Romanen ſind die älteren, die Germanen die jüngeren Glieder derſelben Familie, jene ſitzen im Süden, dieſe im Norden, jene ſind direkter von den Überlieferungen der Antike und der mittelalterlich-katholiſchen Kirche beherrſcht als dieſe. Der Proteſtantismus und die geiſtigen, an ihn ſich knüpfenden, ſittlichen und ſtaatlichen Reformbewegungen gehören der germaniſchen, nordeuropäiſchen Welt an.
Die großen ſtattlichen Leiber, die blonden Haare und blauen Augen, die rückſichtsloſe Härte, der unbeugſame Stolz, die hingebende Treue, das reine Familienleben der Germanen bewunderten ſchon die Römer. Und dieſe Eigenſchaften finden ſich noch heute bei manchen der germaniſchen Völker, zumal den ungemiſchteren nordgermaniſchen, wenn auch ſo vieles ſeither da und dort unter anderen Verhältniſſen ſich wandelte, und Schickſal, Klima, Raſſenmiſchung, Wirtſchaftsleben die einzelnen germaniſchen Stämme und Völker weit auseinander führte.
Bleiben wir zunächſt bei den Deutſchen ſtehen, ſo werden wir ſagen können, daß die Barbaren des Tacitus durch die Kämpfe mit Rom, die definitive Seßhaftigkeit, die chriſtliche Kirche zwar ſchon etwas andere geworden ſeien, daß aber die lang dauernde Naturalwirtſchaft und das Mißlingen eines eigenen centraliſtiſchen Staates, ſowie die Loslöſung von Rom durch den Proteſtantismus doch auf längere Erhaltung ihrer älteren Eigenſchaften hinwirkte, als ſonſt wohl geſchehen wäre. Noch iſt heute Deutſchland eine Völkermutter wie einſtmals Iran; viele Jahrhunderte hat es alle Völker Europas mit Soldaten verſehen, wie heute noch ſo viele Kolonien mit Auswanderern, Kaufleuten, Handwerkern und Bauern. Die abſtrömenden Glieder verlieren draußen ihre Nationalität, obwohl es die kräftigſten und kühnſten Elemente ſind, während die zahmeren zu Hauſe bleiben. Noch iſt heute beim Deutſchen die volle, oft unkluge Hingabe an die auf- und abwallenden Gemütsbewegungen, der trotzige Kriegsmut vorhanden, noch heute iſt die Neigung zu läſſigem Nichtsthun, zu übermäßigem Eſſen und Trinken in breiten Kreiſen nicht überwunden; noch heute zeichnet ſich der deutſche Arbeiter gegenüber dem franzöſiſchen nicht durch größere Geſchicklichkeit und größeren Geſchmack, ſondern durch größere Zuverläſſigkeit und allgemeinere Anſtelligkeit, weiteren Horizont aus. Der Deutſche lebt heute noch gern in den Tag hinein, mit Gleichmut läßt er das Schickſal herankommen, ſtatt es zu meiſtern. Er iſt heute noch mehr Weltbürger als nationaler Egoiſt. Er heiratet nach der Stimmung des Gemüts, zeugt Kinder, lebt von der Hand in den Mund, wo der Franzoſe überlegend berechnet. Trotz höherer Schulbildung iſt er ſchwerfällig, nicht allzu ſparſam, läßt an Sonntagen draufgehen, was er in der Woche verdient, er hat noch nicht ſo genau rechnen und handeln gelernt wie der Jude, der Romane, ja der Slave und Chineſe. Freilich hat daran das ſpäte Durchdringen der Geldwirtſchaft und der höheren Wirtſchaftsformen überhaupt ebenſoviel Anteil als der Volkscharakter. Und die neueſte großartige Entwickelung der deutſchen Volkswirtſchaft hat manches daran geändert. Außerdem ſtehen dieſen wirtſchaftlich ungünſtigen andere wertvolle Eigen- ſchaften gegenüber: der unermüdliche Fleiß, die treue Hingabe an übernommene Aufgaben, die ſich anpaſſende Fügſamkeit. Das deutſche Heer und Beamtentum, die Reichspoſt und die Staatsbahnen, unſere großen Aktien- und Privatunternehmungen waren und ſind nur möglich durch ein Menſchenmaterial, das für ſolches Zuſammenwirken faſt einzig in ſeiner Art iſt.
Im einzelnen iſt der deutſche Nationalcharakter bei den verſchiedenen Stämmen ein ziemlich verſchiedener; ſie haben die verſchiedenſten Beimiſchungen fremden Blutes in ſich, haben durch verſchiedene Geſchichte und verſchiedene Lage notwendig auch eine verſchiedene Entwickelung erhalten. Die Ober- und die Niederdeutſchen ſind noch heute in Sprache und Weſen getrennt. In den Oberdeutſchen ſteckt mehr keltiſches und romaniſches Weſen. Zu ihnen gehört der fröhliche, ſanguiniſche Öſterreicher, der derbe, ſchwerfällige Bayer, der regſame, gutmütige Thüringer, der ernſte und tiefe Schwabe, der leichtlebige, halbromaniſierte Franke. Ein Wort über die beiden letzteren Typen nach Rümelin und Riehl.
Der Schwabe will ſich in keine zwingende, nivellierende Form fügen; er ſtellt Eigenartigkeit und Unbeugſamkeit des Charakters am höchſten, in ſpröder Subjektivität will er lieber ſtocken, als ſich abgegriffener Modewendungen bedienen. Dabei in engem Kreiſe, in dicht bevölkertem Lande überall anſtoßend, wird dem Schwaben leicht eine in ſich gekehrte, bald nüchtern praktiſche, bald träumeriſche Lebensrichtung eigen, wenn er nicht lieber in die Fremde zieht, um den Schranken zu Hauſe zu entfliehen. Der gewandtere Fremde erſcheint ihm leicht als Schwätzer; er iſt gegen ihn zurückhaltend und kritiſch. Neues eignet er ſich nicht ſo raſch an; aber er iſt unter dem Drucke der Verhältniſſe ſparſam, betriebſam geworden; ſelbſt der Reiche verdeckt ſeinen Reichtum eher, als daß er groß damit thäte.
Der fränkiſche Pfälzer hat wohl auch etwas vom allemanniſchen Demokratentrotz in ſich, in erſter Linie aber zeigt er romaniſche Biegſamkeit und Geſchmeidigkeit; ſelbſt der Bauer iſt rationaliſtiſch, dem Fortſchritt auf allen Gebieten ergeben; er iſt gewürfelter, pfiffiger, geldgieriger als alle ſeine öſtlichen Nachbarn. Und dieſe Eigen- ſchaften ſind auf alle Franken übergegangen. Nicht umſonſt ſagt ein rheinheſſiſcher Dichter: „Mer is uff derre Welt (freilich auch Gott zu Ehren), Jo doch for ſunſcht nix do, als for ze profederen.“ Man will gewinnen, nirgends verſtummen, überall das letzte Wort haben, als geſcheit gelten. Der Unterſchied von Stadt und Land iſt verwiſcht. Heiteres Kneipenleben, witzige, launige Geſelligkeit herrſcht. Viel Aufklärung, Freude an der Arbeit und am Beſitz, individualiſtiſche Selbſtändigkeit ſtehen dicht neben Eigendünkel, Materialismus, Habſucht, Verſchwendung und Bettelei.
Den Übergang zum Norden machen die ernſten, nüchternen, aber auf armem Boden zurückgebliebenen, jedoch tüchtigen Heſſen, die geweckten, ruhigen, intelligenten Sachſen, die den Thüringern verwandten Schleſier. Der Nordoſten Deutſchlands enthält eine Miſchung ſlaviſcher Elemente mit allen anderen deutſchen Stämmen: es iſt auf dieſem wiedereroberten Kolonialboden das kräftige, nüchtern verſtändige, unternehmungsluſtige Geſchlecht erwachſen, das den deutſchen Staat wieder aufgerichtet hat, auch in den Fortſchritten der Technik und der großen Induſtrie jetzt in erſter Linie ſteht. In Holſtein, Weſtfalen, Hannover und den Niederlanden ſitzt der niederſächſiſche Stamm, jene gens robustissima, die reinſte deutſche Bauernraſſe; trotzig und ernſt, im ſchweren Kampfe mit den Elementen hat ſich dieſer Menſchenſchlag zu dem beſten Material für ein geſundes Staatsweſen und eine künſtlich gefügte Volkswirtſchaft entwickelt. Es ſind die Nachbarn und nächſten Verwandten der Holländer, welche die Gunſt ihrer Lage und der Heldenkampf gegen Spanien im 17. Jahrhunderte zu glänzender Höhe emporhob. Von ihnen giebt E. M. Arndt eine gute Schilderung.
Ungeſchlachte, ſchlotterige Leiber, gemächlich und nachläſſig in der Erſcheinung, freundlich gutmütige Geſichter; ſelbſt bedeutende Menſchen ſehen gewöhnlich, ſelbſt die Feurigen ſchläfrig aus. Ohne Leidenſchaft, ohne Phantaſie, ohne alle Eitelkeit lebt dieſer Menſchenſchlag nur dem Zweckmäßigen, Tüchtigen, Ordentlichen. Pedantiſch, kleinmeiſterlich, ſäuberlich im Hauſe, widmet ſich jeder mit raſtloſer Thätigkeit ſeinem Berufe, bekämpft mit hartnäckigem Freiheitstrotz jede Tyrannei. Eigenſinnig, hartnäckig am Alten klebend, verſtändig, zäh im Glauben, naiv, in der Kunſt das Kleinſte treu wiedergebend hat dieſes Volk in ſeinem Handel, in ſeinem Wohlſtand, in der Rechtswiſſen- ſchaft, der Mathematik, den Naturwiſſenſchaften das Höchſte erreicht, was man mit biederer Mühe und trockenem Ernſte allein erreichen kann.
67. Ethnographiſche Einzelſchilderung: Die Engländer und Nordamerikaner. Schlußergebnis. Die Engländer ſind eine Miſchung von Kelten, Niederſachſen und franzöſiſch-romaniſchen Normannen. Von den Kelten haben ſie Sprachklang und Beweglichkeit, von den Sachſen die ſtarken Leiber, den guten Magen, die harten Nerven, die derbe Sinnlichkeit, den tapferen Mut, von den Normannen romaniſche Staats- und Geſellſchaftseinrichtungen und vornehme ariſtokratiſche Lebenshaltung: ein grobes derbes, feſtes, deutſches Gewebe mit franzöſiſcher Stickerei hat Kohl das engliſche Weſen genannt. Beim Schotten hat keltiſche Geiſteskraft und norwegiſch-däniſches Germanentum zuſammengewirkt, um ihn noch verſtändiger, nüchterner, aber auch pfiffiger, erwerbsſüchtiger zu machen.
Die inſulare Lage und eine politiſche und wirtſchaftliche Entwickelung ohnegleichen haben dem Engländer den feſten, in ſich geſchloſſenen Nationalcharakter gegeben. Sichere Entſchloſſenheit, nüchterne Thatkraft, derbes Willensvermögen herrſchen vor. Stolz und gleichgültig gegen andere verfolgt der Engländer ſeine Wege; ſchwerfällig, würdig, kurz und kalt geht er der Arbeit, der Politik, dem Ernſt des Lebens nach; er läßt Welt und Menſchen an ſich kommen, brutaliſiert und mißhandelt die ſchwächeren Raſſen und Klaſſen, aber zu Hauſe iſt er in Familie und Gemeinde edel, pflichttreu, hochherzig. Mit trotzigem Freiheitsſinn hat er eine Selbſtverwaltung, ein Vereins- und Aſſociationsweſen geſchaffen, wie kein anderes Volk es hat. Peinlich folgt er der Sitte, die für ihn ſtets einen ethiſchen Charakter hat, die zu verletzen er für Unrecht hält. Dieſe Strenge der Sitte garantiert überall Solidität, innere Tüchtigkeit, gute Arbeit, brauchbare Werkzeuge und Maſchinen, Möbel und Zimmereinrichtungen, die tadellos ihren Dienſt thun. Mit robuſten, gut genährten, viereckigen, ausdrucksvollen Körpern und Köpfen, mit einer großen Portion geſunden Menſchenverſtandes, mit derben Vergnügungen, mit kalter Gleichgültigkeit gegenüber Zurückbleibenden und Untergehenden, kämpfen ſie den Kampf des Daſeins mit der Loſung: dem Mutigen gehört die Welt. Mit Organi- ſationstalent, mit zähem Fleiß und techniſchem Geſchick arbeiten ſie unermüdlich an der Verbeſſerung von Handel und Gewerbe und Ackerbau. Die Arbeit allein, ſagt J. St. Mill, ſteht zwiſchen dem Engländer und der Langweile; die Mehrzahl fragt nicht viel nach Vergnügungen und Erholungen; ſie kennen keinen anderen Zweck, als reich zu werden, es in der Welt zu etwas zu bringen. Die nationale Feſtigkeit und Ausdauer bei der Arbeit erſtreckt ſich ſelbſt auf die unteren Klaſſen in England. Daher ſagt der engliſche Werkführer von franzöſiſchen Arbeitern: it can not be called work, they do; it is looking at it and wishing it done. Nicht umſonſt iſt der Engländer mit ſeinem freien Staatsweſen, ſeiner perſönlichen Freiheit, ſeiner Familienzucht, ſeinem Rechtsbewußtſein, ſeiner Gemeindeverfaſſung, ſeiner Fähigkeit, zu herrſchen und zu koloniſieren, der Erbe des holländiſchen Welthandels und des holländiſchen Reichtums geworden.
Nur einer kommt John Bull in der wirtſchaftlichen Energie und Einſeitigkeit gleich, das iſt ſein jüngerer Bruder Jonathan jenſeits des Ozeans. Das nordamerikaniſche Volk hat wohl ſchon erhebliche Bruchteile deutſchen, franzöſiſchen, holländiſchen und iriſchen Blutes in ſich, aber in der Hauptſache iſt es engliſcher Ab- ſtammung. Die jugendliche Kultur, das Unfertige der Zuſtände, die außerordentlichen Gewinnchancen in dem bisher unerſchöpflich ſcheinenden Koloniallande ſtellen dort die ſelfmade men, die mit nüchterner, rückſichtsloſer Thatkraft keinen anderen Lebenszweck kennen als Geld zu verdienen, noch mehr in den Vordergrund als in England. Frühreife Kinder, halberwachſene Jungen ſtürzen ſich ſchon in die Dollarjagd. Wohl fehlen daneben die ſittlichen Elemente nicht; in den alten Neuenglandſtaaten beſteht noch das puritaniſche Quäkertum; in Newyork ſteckt noch etwas von holländiſcher Emſigkeit; in Virginien und anderen ſüdlichen Staaten ſind die Traditionen der engliſchen Ariſtokratie nicht erloſchen, in Boſton und Philadelphia iſt engliſche Gelehrſamkeit mit amerikaniſchem Puritanertum gemiſcht. Überall herrſcht engliſche Sitte und Religioſität. Im Weſten freilich iſt das Leben roher, die Sitten ſind jovialer. In Kentucky miſcht ſich der ariſtokratiſche Geiſt des Südens mit der Arbeitsenergie des Yankee bis zur Tollkühnheit. Im ganzen aber iſt der Charakter doch überall ähnlich. Es ſind tüchtige Menſchen, aber ohne tiefere Bildung, ohne reiches Gemüt, ohne Liebenswürdigkeit; Bildung, Wiſſenſchaft, Adel, Bureaukratie geben nicht die Ziele des Strebens. Alles arbeitet, ſpekuliert, hetzt, gewinnt oder verliert. Selbſt die Farmer ſind Techniker, Kaufleute und Spekulanten, ſo ſehr dieſe wetterverbräunten Bauerngeſtalten im Ringen mit Sumpf und Urwald, mit Räubern und Diebsgeſellen allem ſtädtiſchen Leben fern ſtehen.
Begeiſterung iſt in den Vereinigten Staaten eine ſeltene Sache, kalte Verſtandesruhe iſt nötig, um reich zu werden. Selbſt der Anblick des Niagarafalles ruft im Yankee nur den Gedanken wach, wie viel unverbrauchte Waſſerkraft da ungenützt herab- ſtürze. An Kenntnis und Erfahrung, wie ein Land groß und reich zu machen, wie die Naturkräfte auszubeuten, die Haufen der Menſchen zu bewegen ſind, iſt wohl eine einzige amerikaniſche Großſtadt reicher als manches europäiſche Land. Mit fieberhaft bewegter Öffentlichkeit wird hier die Reklame betrieben, die Konkurrenz braucht jedes Mittel; die europäiſche Menſchenklaſſe, welche in Unwiſſenheit, Schlendrian und demütiger Selbſtbeſchränkung erſtarrt iſt, fehlt ganz oder geht ſofort zu Grunde. Jeder Bürger iſt von demokratiſch-republikaniſchem Selbſtbewußtſein erfüllt; wer heute Stiefelputzer iſt, kann morgen Krämer, in zehn Jahren Bankier, Advokat oder Senator ſein. Ein großartiges Geſchäftsleben mit der Perſpektive von Newyork nach San Francisco ruft die Tauſende von Ehrgeizigen und Waghalſigen in ſeine ungeheuren Bahnen. Man hat das Leben des Amerikaners ſchon mit einer dahinbrauſenden Lokomotive verglichen. Der Europäer nimmt ſich neben ihm allerdings nur wie ein ruhiger Spaziergänger aus.
Etwas von ſolchen Zügen hat überall das Kolonialleben, das auf reichem, über- ſchüſſigem Boden mit der Technik und den Mitteln einer alten Kultur arbeitet. Auch der Individualismus, die Abweſenheit jedes kräftigen Regierungsapparates ſind ähnlich in anderen Kolonien zu finden. Manche der ſchroffen Züge werden in dem Maße zurücktreten, als die Kultur älter wird, aber im ganzen wird der durch Raſſe, Klima, Ge- ſchichte und Geſellſchaftseinrichtungen geſchaffene und in Fleiſch und Blut übergegangene Volkscharakter doch dauernd derſelbe bleiben; im ganzen iſt nirgends in der Welt ein Volk ſonſt zu finden, das ſo einſeitig alle körperlichen und geiſtigen Kräfte auf das techniſche, kaufmänniſche, kurz wirtſchaftliche Vorwärtskommen konzentriert. Daß ein ſolches Volk mit den europäiſchen Kulturvökern, vollends mit den Orientalen oder gar mit den Naturvölkern volkswirtſchaftlich gar nicht in eine Linie geſtellt werden kann, verſteht ſich von ſelbſt. —
Es iſt nicht angezeigt, hier zum Schluß dieſer Einzelſchilderungen zu verſuchen, ſie und die obigen allgemeinen Ausführungen zu abſchließenden Reſultaten zuſammenzufaſſen. Soweit derartiges bisher verſucht wurde, wie von Gobineau oder neuerdings von Vierkandt, gehört es nicht hieher, ſondern etwa in unſere Schlußbetrachtung. Nur ein Wort der Kritik möchte ich hier noch beifügen. Unſer Wiſſen auf dem vorſtehenden Gebiete, das allgemeinere in Bezug auf die Raſſen, ihre Entſtehung, Änderung und Spaltung, auf Vererbung und Ähnliches, wie das ſpeciellere in Bezug auf die wichtigſten Raſſen- und Völkertypen hat den Grad der Ausbildung ſicherlich nicht erreicht, der für ſeine Benutzung zu volkswirtſchaftlichen Unterſuchungen wünſchenswert wäre. Den pſychologiſchen Völkerbildern, die wir gaben, kann man vorwerfen, es ſei nicht deutlich zu ſehen, was in ihnen Folge des erblichen Raſſentypus, was Folge des Landes, der augenblicklichen geiſtigen Zuſtände und geſellſchaftlichen Einrichtungen ſei; man wird ſagen müſſen, daß aus keinem derſelben ſich ohne weiteres die Geſchichte oder die Volkswirtſchaft des betreffenden Volkes ableiten laſſen könne. Aber doch iſt ſchon dieſes Wiſſen nicht ohne Wert und wiſſenſchaftliche Bedeutung.
Jede gute volkswirtſchaftliche Schilderung von Ländern, Induſtrien, Agrarzuſtänden geht heute von einem konkreten pſychologiſch-ethnographiſchen, einheitlichen Bilde der handelnden Menſchen aus. Alles volkswirtſchaftliche Urteilen iſt ein ſichereres, wenn es nicht bloß den abſtrakten Menſchen oder gar ſeinen Erwerbstrieb, ſondern die Spielarten der Raſſentypen im Auge hat, wie wir ſchon in allen älteren Lehrbüchern ſehen, die bei der Erörterung der Arbeitskraft von den Raſſen, Volkscharakteren, nationalen Arbeits- ſitten, der verſchiedenen nationalen Auffaſſung der Arbeitsehre ſprachen. Alles Schließen über volkswirtſchaftliche Inſtitutionen und ihre Umbildung, über die Verbreitung techniſcher Künſte und ſocialer Einrichtungen von Volk zu Volk hat einen beſſeren Boden, wenn wir die Raſſentypen, ihre Verwandtſchaft und Verſchiedenheit kennen, wenn wir erwägen, wie das Eindringen höherſtehender Individuen auf beſtimmte Raſſen und die Raſſenmiſchung wirke. Für alle dieſe wiſſenſchaftlichen Aufgaben iſt der beſſer ausgerüſtet, welcher wenigſtens die allgemeinen Reſultate der Völkerkunde kennt. Was Knies ſchon vor faſt 50 Jahren in ſeinem Abſchnitte „Über den nationalen Menſchen“ verlangte, das ſollte hier wenigſtens im Umriſſe verſucht werden.
