3. Die Bevölkerung, ihre natürliche Gliederung und Bewegung.
68. Vorbemerkung. Haben wir in den beiden letzten Abſchnitten Erſcheinungen und Zuſammenhänge behandelt, die, an ſich unendlich kompliziert, in ihren Einzelheiten weit auseinanderliegen, der wiſſenſchaftlichen Beherrſchung heute noch zu einem großen Teile ſpröde gegenüber ſtehen, ſo kommen wir mit den Bevölkerungsverhältniſſen auf einen feſteren, durch die Statiſtik geebneten Boden. Die Bevölkerungslehre faßt die durch Raſſe, Gebiet und Geſchichte gegebenen menſchlichen Gemeinſchaften in der Weiſe, daß ſie ihre biologiſchen Erſcheinungen, Geburt und Tod, ihre Gliederung nach Alter und Geſchlecht, ihre Größenverhältniſſe, ihre Zu- und Abnahme unterſucht, dabei aber von den übrigen Seiten des Volkslebens, der ſocialen Gliederung, der wirtſchaftlichen Organi- ſation und derartigem abſieht, nur den generellen Zuſammenhang zwiſchen der Größe und Bewegung der Bevölkerung und ihrem Wohlſtand erörtert.
Schon im Altertum hat man die Zu- oder Abnahme der Bevölkerung als wichtige ſociale und politiſche Thatſache erkannt; mit der Renaiſſance der Wiſſenſchaften und der neueren Staaten- und Volkswirtſchaftsbildung kam man auf dieſe Probleme zurück, fing man an, über die Größe der Bevölkerung zu verſchiedenen Zeiten (Hume) nachzudenken, den politiſchen Vorteil der Bevölkerungsdichtigkeit einzuſehen (die Populationiſten des 17. und 18. Jahrhunderts). Aber erſt ſeit die Kirchenbücher die Geburten, Eheſchließungen und Todesfälle verzeichneten, ſeit Süßmilch dieſes Material zum erſten Verſuche einer Bevölkerungslehre verdichtet, Malthus energiſch auf die Schattenſeiten einer zu raſchen Bevölkerungszunahme hingewieſen und die amtliche Statiſtik unſeres Jahrhunderts ſich auszubilden angefangen hatte, konnte von Quételet, Bernoulli, Wappäus an von einer wiſſenſchaftlichen Bevölkerungslehre geſprochen werden. Aus ihren Reſultaten haben wir hier das mitzuteilen, was als Grundlage einer zuſammenhängenden volkswirtſchaftlichen Erkenntnis unentbehrlich iſt. Wir müſſen dabei verzichten, auf die Technik der Zahlengewinnung einzugehen; wir müſſen neben den geſicherten da und dort Schätzungszahlen zu Hülfe nehmen. Die ſtatiſtiſche Zahl iſt uns hier nur ein Hülfsmittel der Darſtellung, nicht Selbſtzweck, wie in den ſtatiſtiſchen Werken.
69. Die Altersverhältniſſe. Aus dem natürlichen Ablauf des menſchlichen Lebens ergiebt ſich die Thatſache, daß wir keinen Stamm und kein Volk treffen, die ſich nicht aus älteren, erwachſenen und jüngeren Individuen zuſammenſetzten. Alle menſchliche Geſellſchaft iſt dem Generationswechſel unterworfen, zeigt, wie jeder Baum, eine Summe von verſchiedenen Altersringen, iſt damit in jedem folgenden Jahre aus teilweiſe anderen Individuen zuſammengeſetzt. Schon Süßmilch erſchien dieſe Ordnung, die er mit dem Vorbeimarſch eines Regiments Soldaten vor ſeinem Fürſten vergleicht, als die größte Offenbarung der göttlichen Vorſehung. Der Ewige, ruft er, läſſet das Heer des menſchlichen Geſchlechtes in feſt beſtimmten Abteilungen aus dem Nichts erſcheinen; ſie folgen ſich, werden in jedem Stadium ausgemuſtert; die Abteilungen werden immer kleiner, bis ſie nach Erreichung des einem jeden geſteckten Zieles wieder verſchwinden.
Keine Erſcheinung der menſchlichen Geſellſchaft, des Staates und der Volkswirt- ſchaft iſt verſtändlich ohne den Gedanken dieſes ſteten Generationswechſels. Auch alles Verſtändnis der Inſtitutionen und der Entwickelung, des Fortſchrittes oder Rückſchrittes der Geſellſchaften hängt an dieſem Punkte. In Familie und Familienrecht haben wir die feſte Ordnung, welche die Erzeugung der Kinder regeln ſoll, in unſerem Erziehungsweſen, in unſeren Schulen, im Lehrlingsweſen, in den Anfangs- und Vorbereitungsſtellen die geſellſchaftlichen Inſtitutionen, welche die heranwachſende Generation durch 5 bis 20 Jahre hindurch für die ſpätere definitive, oft nicht viel länger dauernde Lebensthätigkeit vorbereiten. Die ſtaatliche und wirtſchaftliche Organiſation ſtellt ſich vom Standpunkte des Generationswechſels als eine Ordnung feſter Laufbahnen dar; das Lebensglück aller Individuen hängt von der Art ab, wie ſie in dieſen Laufbahnen vorankommen, wie ihr Einkommen in ihnen ſich abſtuft und anſteigt, wie die Zahl der Anfangs-, Mittel- und Endſtellen ſich zu einander verhält. Die Frage, ob die Eltern nur bis zum 10. oder 15. oder 25. Lebensjahre wirtſchaftlich für die Kinder ſorgen können, iſt in jeder ſocialen Klaſſe eine der wichtigſten. Die Anſammlung des Vermögens in den Händen der älteren Generation macht einen erheblichen Teil ihres Einfluſſes aus; der Übergang desſelben von einer Generation zur anderen und das Erbrecht iſt eines der wichtigſten Elemente der ſocialen Ordnung. Die notwendigen Abwandlungen in den Gefühlen und Anſchauungen, in Erziehung und Geſittung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt bedingen, daß in jeder Geſellſchaft die Jungen und die Alten ſich gegenüber- ſtehen; die Alten, im Beſitze der wichtigſten Stellen, des Vermögens, der Erfahrung, beherrſchen nüchtern konſervativ die Geſellſchaft; die Jungen, im Beſitze des idealiſtiſchen Mutes, der friſchen Thatkraft, der optimiſtiſchen Hoffnungen, drängen voran, ſie wollen ihre neuen Ideale zur Geltung bringen, ſie wollen die Stellen und den Einfluß erwerben, den die Alten haben. Alle Feſtigkeit der Geſellſchaft und alle geordnete Überlieferung iſt bedingt durch die Autorität der Alten, ihre Zahl und ihre Lebensdauer; aller Fort- ſchritt durch die friſchere Kraft der Jungen.
Sind es derartige allgemeine Betrachtungen, von denen man bei der Würdigung des Generationswechſels ausgehen muß, ſo erſchließen ſich uns die ſpeciellen wirtſchaftlichen Folgen des Altersaufbaues der Geſellſchaft beſſer an der Hand der ſtatiſtiſchen Zahlen. Wir geben nach Mayr folgende Anteile der 10 jährigen Altersklaſſen an je 1000 Individuen der Bevölkerung:
Laſſen wir zunächſt die Unterſchiede dieſer Zahlenreihen ganz bei Seite und ſehen nur auf das Übereinſtimmende. Es ſind überall die jüngſten Klaſſen, als die vom Tode am wenigſten gelichteten, die beſetzteſten; faſt durchaus iſt jede ältere Altersklaſſe ſchwächer als die vorhergehende, aber die Unterſchiede zwiſchen je zwei nächſtliegenden Klaſſen ſind verhältnismäßig in der Jugend und im Alter ſtärker als zwiſchen dem 20. und 60. Jahre, weil die letzteren Klaſſen die von Krankheit und Tod am wenigſten bedrohten ſind. Die jugendlichen Klaſſen bis zu 20 Jahren machen 34—50 % der Bevölkerung, die über 60 jährigen 8—13 % aus; die kräftigen 20—60 jährigen 41—52 %; auf ihnen ruht überwiegend die wirtſchaftliche Laſt der Unterhaltung der Familien, der Gemeinden, des Staates. Von den beiden anderen Altersgruppen, die überwiegend nur verzehren, fällt die Heranziehung der künftigen Generation 4—6 mal ſchwerer als die Pflege der abſterbenden. Sie iſt durch die viel ſtärkeren Triebe der mütterlichen und elterlichen Liebe garantiert; aber dieſe haben oft nicht ausgereicht und reichen ſelbſt heute vielfach noch nicht ganz aus; ein großer Teil der Kinder iſt zu allen Zeiten der Schwierigkeit zum Opfer gefallen, welche durch ihre wirtſchaftliche Pflege für die Eltern entſtand. Auch die viel leichtere Laſt, die alten Leute zu unterhalten, hat immer ſchwer auf der Geſellſchaft geruht. Und wenn die roheſten Zeiten, die doch viel weniger Greiſe hatten, die Alten töteten, ſo hat die höhere ſittliche Kultur zwar ihre Lage gebeſſert, hat Jahrtauſende lang Ehrfurcht und Pflege für das Alter verlangt, iſt aber nie voll zum Ziele gelangt; noch die neueſte Entwickelung zeigt, daß die Liebe der Verwandten und Kinder nicht recht ausreichen will, daß alle möglichen Verſicherungs-, Penſions- und ähnliche Einrichtungen über die Klippe hinweghelfen müſſen.
Auch wenn man die Abgrenzungen der drei großen Altersgruppen etwas anders faßt oder ihre Zahlenverhältniſſe weiter ins einzelne verfolgt, wird das Bild nicht viel geändert. Die unter 15 jährigen machen durchſchnittlich etwa 35 %, die 15—70 jährigen etwa 60 %, die über 70 jährigen etwa 5 % aus. Engel berechnet, daß die preußiſche Bevölkerung 1855 444 Millionen Jahre durchlebt hatte, und daß von dieſen auf die Zeit vom 15.—70. Jahre nur 230, auf die übrige, die ſogenannte „unproduktive“ Zeit 210 Millionen fielen. Die Säuglinge unter einem Jahre machen in Deutſchland faſt 3 % der Bevölkerung, die ſchulpflichtigen Kinder 17—18 % aus; die wehrpflichtigen männlichen Altersklaſſen (17—45 jährigen Männer) 19—20 %. Die ehemündigen, über 16 Jahre alten Frauen 32—33 %. An Gebrechlichen (Blinden, Taubſtummen, Irr- ſinnigen) rechnet man etwa 0,4 %; an Kranken gehen von den ſonſt produktiv Thätigen immer noch einige Prozente regelmäßig ab. So giebt der Altersaufbau durch alle wirt- ſchaftlichen Lebensverhältniſſe hindurch den feſten zahlenmäßigen Rahmen für die Summe der verwendbaren Kräfte und der daneben zu tragenden Laſten.
Natürlich iſt nun aber das Verhältnis von Kraft und Laſt je nach den Kulturverhältniſſen ein verſchiedenes. Schon die obige Tabelle zeigt es, und aus ihr ſind (da ihre Zahlen alle der Gegenwart und mehr oder weniger geordneten Staaten angehören) die Gegenſätze, die in der Geſchichte vorgekommen ſind, entfernt nicht in ihrer vollen Schärfe zu entnehmen. Je weiter wir in der Geſchichte und Kultur der Menſchheit zurückgehen, deſto weniger erwachſene und ältere Perſonen waren ohne Zweifel durch- ſchnittlich in jeder Geſellſchaft.
Herbert Spencer hat durch eine Vergleichung aller Tierarten und dieſer mit den Menſchen gezeigt, daß bei den niedrigſten Weſen die Erzeugung der Nachkommen Vernichtung der Eltern bedeutet, daß, je höher die Weſen ſtehen, deſto mehr die Jugendzeit und die Epoche nach der Geſchlechtsreife verlängert wird, Eltern und Kinder nebeneinander leben. Er ſieht in dem Verhältnis der Naturzu den Kulturvölkern einen ähnlichen Fortſchritt: dort frühe Geſchlechtsreife, frühes Altern und Sterben, erſchöpfende Inanſpruchnahme der Frauen durch Kindererzeugung, größte Kinderſterblichkeit; hier, zumal bei den nördlichen Raſſen, längere Jugend, ſpätere Geſchlechtsreife, Verringerung der Geburtenzahl, höheres Alter; das menſchliche Leben iſt weniger durch die Fortpflanzung ausgefüllt, andere Zwecke können mehr verfolgt werden; es leben mehr Menſchen, welche die Zeit der Kindererzeugung hinter ſich haben; und dabei ſorgen die Eltern für die Kinder, dieſe für jene beſſer, die edelſten Freuden beider aneinander wachſen; all’ dies ſetzt er in Zuſammenhang mit der Monogamie und ihrem Siege. Und er hat wohl mit dieſem Gedanken vollſtändig recht: das planmäßige Leben der hohen Kultur, die Herrſchaft der Überlieferung, die feſte Ordnung der Geſellſchaft hängt mit einer ſteigenden Zahl erwachſener, älterer, für höhere Aufgaben zugänglicher Menſchen zuſammen. Auch der Wohlſtand kann eher ſteigen, wenn nicht eine Überzahl von Ge burten und von Menſchen mit kurzem Leben die Zahl der produktiven Jahre ein- ſchränkt.
Hätten wir eine Statiſtik der Naturvölker und früherer Zeiten, ſo würden wir hier ohne Zweifel einen weſentlich jugendlicheren Altersaufbau ſehen. In unſerer Tabelle ſtehen Bulgarier und Ungarn in reicher Beſetzung der Jugend voran; dann folgen England und Deutſchland, während die Schweiz und Frankreich die reichſte Beſetzung der Klaſſen von 20—60 Jahren und der Überſechzigjährigen haben. Unſere ganze Tabelle und ſpeciell dieſe Relationen zeigen uns nun aber, daß ſie nicht bloß von dieſer Tendenz beherrſcht ſind, daß die Lebensverlängerung und ſtärkere Beſetzung der höheren Altersklaſſen nur ſo weit als ein unbedingtes Zeichen des Fortſchrittes ſich darſtellt, wie man Völker mit gleicher Zunahme vergleicht. In unſerer Tabelle ſtehen aber faſt ſtabile Völker, wie Frankreich, und raſch zunehmende, wie England und Deutſchland. Die erſteren müſſen mehr alte, die letzteren mehr junge Leute haben; in Kolonialländern tritt die Jugend noch mehr hervor. In den Vereinigten Staaten machen die unter 15 jährigen 38, in Deutſchland 35 % aus.
In unſeren Zahlen ſprechen ſich alſo zwei Bewegungen aus, die in gewiſſem Sinne einander korrigieren: die Lebensverlängerung und reichere Altersbeſetzung der höheren Kultur und die Verjugendlichung des Altersaufbaues durch eine raſche Zunahme der Geſamtzahl. Wo dieſe Zunahme aufhört, und wo zugleich individueller Lebensgenuß und kluge Bequemlichkeit die friſche Thatkraft lähmt, die Kinderzahl ſehr einſchränkt, da erhalten wir das Bild einer Altersgliederung mit abnehmender Kinder-, zunehmender Altenzahl, welche nicht mehr Fortſchritt, ſondern Stillſtand oder gar Auflöſung der Geſellſchaft bedeutet. Ganz zurückgehende, abſterbende Völker haben zuletzt faſt gar keine Kinder mehr, nur noch ältere Leute.
Neben dieſen allgemeinen Tendenzen, die wir in dem Altersaufbau wahrnehmen, können überall beſondere Umſtände, wie Kriege, große Krankheiten, ſtarke Aus- oder Einwanderungszeiten auf beſtimmte Altersklaſſen eine Einwirkung ausüben. Die groß- ſtädtiſche Bevölkerung erzeugt nicht nur meiſt weniger Kinder als die kleinſtädtiſche und ländliche, ſie hat in der prozentualen Ausrechnung auch deshalb noch ſchmäler beſetzte Klaſſen bis zu 15 Jahren, weil durch die höheren Schulen, die Lehrzeit, die große Zahl von Dienſtboten und jungen Arbeitskräften die Prozentzahl der 15—30jährigen, meiſt noch unverheirateten Altersklaſſen eine größere iſt als auf dem platten Lande. Wir dürfen bei dieſen Einzelheiten nicht länger verweilen.
70. Das Geſchlechtsverhältnis und die Verehelichung. Die zweite große natürliche Unterſcheidung für die Beobachtung der Bevölkerung liegt im Geſchlecht. Die ſtatiſtiſche Erfahrung giebt ein ſcheinbar einfaches Ergebnis: das in der Hauptſache überall annähernd vorhandene, wie es ſcheint nach Störungen ſich wiederherſtellende Gleichgewicht der beiden Geſchlechter, das ſich uns als eine große Ordnung der Natur und als eine Grundbedingung unſerer Geſittung, unſeres Familienlebens darſtellt; wir ſind aber bis jetzt nicht fähig, die Urſachen und die beſtimmte Art, wie dieſes Gleichgewicht ſich erhält, zu erkennen. Wir ſehen nur, daß das einfache Ergebnis vielen kleinen Abweichungen unterworfen iſt und ſich aus verſchiedenen Elementen zuſammenſetzt.
Auf das Gleichgewicht des männlichen und weiblichen Geſchlechtes im ganzen wirkt 1. die Zahl der männlichen und weiblichen Geburten und 2. die verſchiedene Sterblichkeit und Auswanderung der beiden Geſchlechter in verſchiedenem Alter. Die Statiſtik unſerer Kulturvölker zeigt, daß auf 100 Mädchen durchſchnittlich etwa 104—106 Knaben geboren werden, daß bei der etwas größeren Sterblichkeit der letzteren das Gleichgewicht gegen die Zeit der Geſchlechtsreife in der Regel erreicht iſt, und daß in den Staaten mit ſtarkem Seemannsberuf, ſtarker männlicher Auswanderung, überhaupt mit ſtärkerem Männerverbrauche dann die Frauen jedenfalls in den älteren Altersklaſſen und auch im Geſamtdurchſchnitt die Männer etwas übertreffen. In England kommen auf 1000 über 70 jährige Männer 1222 ſolche Weiber, in Deutſchland 1132; im Geſamtdurchſchnitt aller Altersklaſſen dieſer zwei Länder auf 1000 Männer 1064 und 1040 Weiber, während in Schleſien 1113, in Norwegen 1075, in Frankreich 1014 Frauen auf 1000 Männer gezählt werden. Wo der Männerverbrauch nicht ſo ſtark oder gar der der Frauen durch ſchlechte Behandlung, Überanſtrengung ꝛc. ebenſo groß iſt, da können die Männer im Geſamtdurchſchnitt überwiegen: ſo kommen auf 1000 Männer in Italien 995, in Griechenland 905, in Brittiſch Indien 958 Weiber. Wo ſtarke Männereinwanderung in Rechnung kommt, wird die Differenz noch etwas größer: in Auſtralien kommen auf 1000 Männer 866, in den ganzen Vereinigten Staaten 953, in den Weſtſtaaten 698 Frauen. In ganz Europa iſt das Verhältnis jetzt 1000 zu 1024, was immer 4 Millionen Weiberüberſchuß giebt, in Brittiſch Indien ſoll es 1000 : 958 ſein, was 6 Millionen Weibermangel bedeutete.
Kommt ſo Männerwie Weiberüberſchuß im Geſamtdurchſchnitt der Bevölkerung vor, ſo hält er ſich doch meiſt in mäßigen Grenzen und iſt durch die ſpäteren Schickſale des einen oder anderen Geſchlechtes bedingt. Aber er ſcheint doch auch da und dort von einem abweichenden Verhältnis der Geburten verurſacht zu ſein. Bei rohen und halbkultivierten Völkern ohne ausgebildete Statiſtik, von denen uns die ſtärkſten Abweichungen im Geſamtgleichgewicht (z. B. von Ratzel, Weſtermarck ꝛc.) gemeldet werden, da können wir freilich ſtets zweifeln, ob das Geburtenverhältnis oder die ſpäteren Schickſale oder beides zuſammen in verſchiedenen Stärken die Abweichung erklären. Sicher iſt auch hier vielfach das ſpätere Schickſal das eingreifende: z. B. die Tötung der neugeborenen Mädchen, die ſtarke Mißhandlung der Frauen da und dort, das überfrühe Mutterwerden. Wir finden rohe Stämme, wo auf 4—5 Männer nur eine Frau kommt. Andererſeits, z. B. bei den Eskimos und Indianern, auf 100 Männer 130 bis 200 Frauen, was weſentlich auf die gefährlichen Jagden, Eisfahrten und derartiges der Männer zurückzuführen ſein wird. Aber ſchon Humboldt meldete, daß in Neuſpanien der Knabenüberſchuß bei den Geburten ein größerer ſei; andere Forſcher berichten für Auſtralien einen ſtarken Überſchuß der Mädchengeburten; Ähnliches hören wir aus Syrien und Meſopotamien, bis zu 2—3 Mädchen auf einen Knaben; Emin Paſcha behauptet gleiches von Negerſtämmen. Auch in Europa kommen große Schwankungen vor: in Ruſſiſch-Polen 100 : 101, in Rumänien und Griechenland 100 Mädchen : 111 Knaben. Wir dürfen auf die vermuteten Urſachen dieſer Abweichungen nicht näher eingehen; die Wiſſenſchaft ſteht noch vor den Vorfragen. Am eheſten ſcheint man heute ſagen zu können: Raſſenverſchiedenheit der Eltern, überhaupt große Verſchiedenheit, alle Paarung, die man unter dem Begriffe der Exogamie zuſammenfaßt, bewirke ein ſtarkes Anwachſen der Mädchengeburten; Gleichheit der Eltern, wie alle Inzucht vermehre die männlichen Geburten. Daß die Vielmännerei und Vielweiberei da und dort mit der anormalen Zahl der vorhandenen Männer oder Frauen zuſammenhängt, iſt möglich; ſicher aber ſcheint, daß weder die eine noch die andere anormale Geſtaltung des ehelichen Rechtes regelmäßig und überall von der anormalen Zahl der Geſchlechter bedingt iſt. Die Sitten und Inſtitutionen des Geſchlechtslebens haben ihre eigene Geſchichte und Ur- ſachen; die Vielweiberei iſt überdies meiſt nur eine Einrichtung für die wenigen Reichen, an der das übrige Volk nicht Teil hat; ſie kann auf Weibereinfuhr beruhen oder auf Nichtverehelichung eines Teiles der Ärmeren; im ganzen kommt ſie in den reichen Ländern des Südens am häufigſten vor, wie die Vielmännerei in ganz armen Ländern, wo die Not zur Einſchränkung der Kinderzahl nötigt, und daher mehrere Brüder ſich nur eine Frau halten können.
Von den verſchiedenen Formen der Ehe, ihrer hiſtoriſchen Entwickelung, der Größe der Haushalte und ihrer wirtſchaftlichen Bedeutung wird unten in anderem Zuſammenhange geſprochen werden. Hier haben wir nur im Anſchluß an den natürlichen Gegenſatz der Geſchlechter die überwiegend mit ſtatiſtiſchen Mitteln zu löſende Frage ins Auge zu faſſen, welcher Teil der Bevölkerung das ebenſo natürliche wie durch Sitte und Recht normierte Ziel der Eingehung einer Ehe erreiche, in welchem Alter das geſchehe, welcher Teil der Erwachſenen unverehelicht bleibe, welche Zahl von Ehen jährlich geſchloſſen werden, und mit welchen wirtſchaftlichen Urſachen das zuſammenhänge.
Bei den Naturvölkern, zumal den unter ſüdlichem Himmel lebenden, treten alle 15—20 jährigen, mit Ausnahme der Verkrüppelten und Gebrechlichen, in die Ehe. Machten alſo auch bei ihnen, wie bei den Kulturvölkern, die über 20jährigen 55 % der Bevölkerung aus, ſo wären etwa 50 % verheiratet und verwitwet; es ſind in Europa viel weniger. Wo, wie im Norden, die Geſchlechtsreife und das Heiratsalter ſpäter liegt, und wo bei dichterer Bevölkerung die wirtſchaftliche Begründung eines Hausſtandes ſchwieriger iſt, wird eine zunehmende Zahl Erwachſener teils nie, teils erſt ſpäter zur Ehe ſchreiten. Von den über 50 jährigen ſind heute in Brittiſch Indien 1,9, in Ungarn 3, in Deutſchland 9, in England 10, in Öſterreich 13, in der Schweiz 17 % unverheiratet. Die Zahl der Verheirateten und Verwitweten unter den über 15 Jahre alten ſchwankt (1886—90) in den verſchiedenen Staaten zwiſchen 56 (Belgien) und 76 % (Ungarn); in England ſind es 60, in Deutſchland 61, in den Vereinigten Staaten 62, in Frankreich 64 %. Zählt man bloß die Verheirateten ohne die Verwitweten, ſo ſind es 8—10 % weniger. Vergleicht man die Verheirateten allein mit der ganzen Bevölkerung, ſo ſind es 33—39 %, ſtatt der oben genannten 50 %.
Die beobachteten zeitlichen und geographiſchen Schwankungen in der Prozentzahl der Verheirateten zeigen uns, daß ihre Abnahme im ganzen eine notwendige Folge der höheren Kultur, der dichteren Bevölkerung ſei, daß im einzelnen aber Altersaufbau, Wohlſtand und wirtſchaftlicher Fortſchritt, Sitte und Wirtſchaftseinrichtungen einen großen Einfluß haben. Die Abnahme kann vorkommen, ohne daß ſie als Druck, Entbehrung und Mißſtand ſtark empfunden wird, auch ohne zu ſtarken ſexuellen Verirrungen, zur Steigerung außerehelicher Geſchlechtsbeziehungen und unehelicher Geburten zu führen. Spätere Geſchlechtsreife, das ſtärkere Erfaſſen höherer Lebenszwecke, das Zurücktreten des ſexuellen Lebens bei einzelnen Perſonen läßt es denkbar erſcheinen, daß Eheloſigkeit oder ſpäteres Heiraten ohne zu großen Druck und Schaden von manchem ertragen wird. Aber es iſt ein kindiſch-optimiſtiſcher Standpunkt, anzunehmen, das treffe allgemein zu; vielmehr liegen hier die ſchwerſten Konflikte des Menſchenlebens verborgen; jede Abnahme der Verheirateten vollzieht ſich im ganzen doch in ſchwerem Kampfe und mit großen ſittlichen Gefahren. Wie ſtark aber die Abnahme in den europäiſchen Kulturſtaaten ſei, ob ſie in den letzten Generationen zugenommen habe, iſt vor allem deswegen ſchwer zu ſagen, weil wir als Hülfsmittel der Meſſung meiſt nur die Vergleichung der Verheirateten mit der Zahl der Lebenden haben, und letztere je nach dem Altersaufbau ſich aus einer verſchiedenen Zahl Heiratsfähiger, Kinder und Greiſe zuſammenſetzen. Wenn in Deutſchland heute 34, in Frankreich 39 % der Lebenden verheiratet ſind, ſo iſt damit nicht geſagt, daß dort 5 % weniger Erwachſene verheiratet ſeien; von den über 15 jährigen waren in Deutſchland 61,4, in Frankreich 64,6 % verheiratet oder verwitwet; aber auch das entſcheidet noch nicht, da die 15—22 jährigen in beiden Ländern auch eigentlich noch nicht Heiratskandidaten und ſie in Deutſchland viel zahlreicher ſind als die unter 15 jährigen, deren es in Deutſchland 35, in Frankreich nur 26 % der Lebenden giebt. Das Heiratsalter der Männer iſt heute in Weſteuropa 28—31, der Frauen 23 bis 28 Jahre, in Oſteuropa iſt es 25—26 und 21—22 Jahre. Daraus könnte man einen Maßſtab für die Verſpätung der Ehen entnehmen.
Auch die Zahl der jährlichen Eheſchließungen im Vergleich zur Bevölkerung iſt kein ganz richtiger Ausdruck der Heiratsmöglichkeit; man müßte die Zahl nur mit den dem Alter nach Heiratsfähigen vergleichen. Wir haben aber größere Vergleichsreihen nur in der Art, daß feſtgeſtellt iſt, wie viele Ehen jährlich auf 1000 Einwohner fallen; wir müſſen davon abſehen, daß unter dieſen 1000 hier mehr Erwachſene, dort mehr Kinder ſind. Die mir bekannten, aus der Zeit von 1620—1894 ſtammenden Angaben ſchwanken zwiſchen jährlich 5—15 Ehen auf 1000 Einwohner, meiſt aber nur zwiſchen 6 und 10; Rümelin berechnet 8,3 ‰ jährlich als eine Art Normalzahl für unſere Verhältniſſe, ſo daß 6—7 eine geringe, 8,5—10 eine große Ehezahl bedeutete. Die kleinen Schwankungen von Jahr zu Jahr hängen mit den Preisverhältniſſen, den Ernten, den Konjunkturen und wirtſchaftlichen Hoffnungen und Stimmungen zuſammen; ſie betragen heute meiſt nur 0,1 ‰. Sie fallen erſt ins Gewicht, wenn ſie eine Reihe von Jahren ſich fortſetzen und ſich bis zu 0,5—1,0 ‰ ſteigern. In dieſen großen Änderungen treten die tiefgreifenden Verſchiedenheiten der Länder und Zeiten in Bezug auf wirtſchaftliche Hoffnungen, auf Schwierigkeit und Leichtigkeit der Exiſtenzgründung zu Tage.
Süßmilch führt für 1620—1755 Beiſpiele aus Holland mit 15 jährlichen Ehen, aus deutſchen Städten mit 5,8 an; er zeigt die Abnahme der Ehefrequenz in verſchiedenen Städten und Provinzen von 1680—1750 und bringt ſie in Zuſammenhang mit der Thatſache, daß es 1650—1720 noch galt, Lücken aus den Kriegs- und Sterbejahren des 17. Jahrhunderts auszufüllen; in den meiſten preußiſchen Provinzen war gegen 1700 die Ehezahl 11,7—10; gegen 1750 war ſie in Magdeburg, Halberſtadt, Minden, Brandenburg auf 8—9 geſunken, während ſie in den öſtlichen menſchenleeren Teilen Preußens dieſelbe blieb wie 1700. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der Zeit bis 1840, ja teilweiſe bis 1850 bleibt die Frequenz, ſoweit wir Zahlen haben, meiſt auf 7—8, ja ſinkt z. B. in mehreren Schweizer Kantonen auf 5, in Württemberg auf 6, in England und Frankreich auf 7,8. Dann folgt die große Zunahme von 1840 an, noch mehr von 1850—60. Der allgemeine Aufſchwung des wirtſchaftlichen Lebens führt, wenigſtens in England, Deutſchland, Öſterreich-Ungarn, den Vereinigten Staaten, für ein oder mehrere Jahrzehnte zu 8—10 Ehen, während neueſtens wieder ein Rückgang auf 7—8, in Norwegen und Schweden auf 6,5 eingetreten iſt, und einige Länder, wie Belgien, Frankreich, die Niederlande, Dänemark, ſtets bei 7—8 geblieben waren.
71. Die Geburten und die Todesfälle. Alter und Geſchlecht ſind die elementaren natürlichen Unterſchiede, Geburt und Tod die elementaren natürlichen Ereigniſſe, welche die Bevölkerung beherrſchen. Ihre Zahl bringt man für gewöhnlich in der Art zur Anſchauung, daß man, wie bei den Eheſchließungen, berechnet, wie viel Geburten und Todesfälle jährlich auf 1000 Lebende kommen. Die Zahlen, die man ſo erhält, wären ſtreng genommen nur dann ganz vergleichbar, wenn alle Staaten und Gebiete den gleichen Altersaufbau und die gleiche Stabilität oder Zunahme zeigten. Da dies nicht überall zutrifft, ſo hat man neuerdings feinere Methoden der Vergleichung ausgebildet. Wir müſſen uns aber des Raumes wegen mit dieſer roheren hier begnügen, die für unſere Zwecke auch im ganzen ausreicht.
Die Zahl der Geburten und der Todesfälle iſt in erſter Linie von phyſiologiſchnatürlichen Urſachen bedingt; aber dieſe geben nur äußerſte Grenzen der Möglichkeit, innerhalb deren dann hauptſächlich die Kultururſachen beſtimmend ſind. Wenn alle Menſchen 70 Jahre alt würden, ſo würde jährlich der 70., d. h. 14,3 auf 1000 oder noch erheblich weniger ſterben, da hiemit eine ſtark zunehmende Zahl der Lebenden verbunden wäre; aber nur ausnahmsweiſe kommt es vor, daß erſt der 40., 50. oder 60. ſtirbt, meiſt ſterben viel mehr, heute 20—30 auf 1000. Auf 1000 Seelen gewöhnlicher Alters- und Geſchlechtszuſammenſetzung könnten jährlich 150 Kinder geboren werden, wenn es irgendwo denkbar wäre, daß alle Frauen fruchtbar wären und alle 22 Jahre lang jährlich ein Kind erhielten; aber 25—50 Kinder ſind heute das Gewöhnliche auf 1000 Seelen. Das heißt, die wirklichen Zahlen der Geburten und Sterbefälle ſind ganz andere als die phyſiologiſch unter idealen Kultur- und Wirtſchaftsverhältniſſen, unter Wegdenkung aller übrigen Urſachen möglichen; die Menſchen haben ſtets einen ſchweren Kampf ums Daſein geführt und führen ihn noch; Lebenserhaltung und Fortpflanzung waren nie allein daſtehende und herrſchende Zwecke, ſondern ſolche, welche ſich als Teilzwecke ins Ganze der menſchlichen Bedingungen und Ziele einzufügen haben.
Bleiben wir zunächſt bei der Geburtenzahl, ſo wiſſen wir leider über ſie aus älterer Zeit und von primitiven Völkern nichts Genaueres, erſt aus neueſter Zeit etwas über einige außereuropäiſche Länder. Ich halte es für denkbar, daß in älteren Zeiten und im Süden unter den günſtigſten Lebensbedingungen die Geburtenzahl (ſtets auf 1000 Einwohner bezogen und die Totgeburten ausgeſchloſſen) jährlich 70’90 erreichen konnte, da ſie heute noch in Indien 48—50, in Rußland 46—50, in Java 50—60, auch in einzelnen deutſchen Kreiſen ſolche Höhe erreicht. In Frankreich, Irland, einigen Neuenglandſtaaten iſt ſie neuerdings auf 20—23 geſunken. Im Durchſchnitt geben 2 Geburten auf das Leben einer zeugungsfähigen Frau die Geburtenzahl 15, 4 die Zahl 30, 6 die Zahl 45, 8 die Zahl 60 auf 1000. Oſteuropa hat heute etwas höhere Zahlen als Weſteuropa, die Slaven höhere als die Germanen, dieſe höhere als die Romanen. Doch ſcheinen Raſſe, Klima, Arbeits- und Klaſſenteilung, Vorwiegen von Ackerbau und Gewerbe, Stadt und Land, Bevölkerungsdichtigkeit nicht die erſten und weſentlichen Urſachen der Verſchiedenheit zu ſein; alle dieſe Faktoren wirken nur im Zuſammenhang mit den geſchlechtlichen Sitten und Gepflogenheiten und den wirtſchaftlichen Geſamtzuſtänden und Ausſichten. Dieſe beiden Elemente ſtehen im Vordergrunde. Die Franzoſen z. B., deren Geburtenziffer im 19. Jahrhundert von 32,9 auf 22,6 ſank, hatten im 18. Jahrhundert 36—39, ſie haben ſie noch in Canada und Algerien; es iſt die Zahl, welche heute Preußen und die meiſten deutſchen Staaten haben. Alſo nicht die franzöſiſche Raſſe, ſondern die Sitten und die wirtſchaftlichen Zuſtände bewirken die heutige niedrige Zahl. Es giebt ſehr dichtbevölkerte Länder mit hoher Geburtenziffer (über 30), ſehr dünnbevölkerte mit geringer; das platte Land hat vielfach eine größere Zahl, da und dort aber auch eine geringere als die Städte.
Die Schwankungen von Jahr zu Jahr ſind meiſt nicht unerheblich, weichen auch in unſerer Zeit von den Mittelzahlen häufig um einige Prozente nach oben und unten ab; aus dem vorigen Jahrhundert kenne ich noch größere Schwankungen; ſie werden weiter zurück noch erheblicher geweſen ſein. Die Urſachen hiefür ſind überwiegend wirt- ſchaftliche: Abnahme in und nach Hunger-, Kriegs-, Kriſenjahren, Steigerung in und nach guten Erntejahren, Zeiten des Geſchäftsaufſchwunges, der ſteigenden Löhne. Von ſolchen Gelegenheitsurſachen aus kann dann aber auch im Zuſammenhang mit dauernden und großen Veränderungen des wirtſchaftlichen Lebens und der geſchlechtlichen Sitten eine Jahrzehnte hindurch anhaltende Veränderung erfolgen. Die preußiſche Geburtenzahl ſtand 1816—27 auf 42—44, ſank dann etwas, um 1834—46 auf 40 zu bleiben, ging 1840—60 auf 35 herab, um 1860—80 auf 37—39 zu ſtehen und nun wieder auf 37 herabzugehen. In Württemberg ſtieg die Zahl 1846—75 von 40 auf faſt 44 und ſank dann auf 34; in England ging ſie in denſelben Epochen von 32 auf 35 und von 35 auf 30, während ſie in Rußland von 1801—75 von 41 auf 51 ſtieg, nun auf 46 ſteht. Das iſt weſentlich der Ausdruck großer wirtſchaftlicher Veränderungen der betreffenden Staaten, während das Sinken in Frankreich mehr Folge des ſiegenden Zweikinderſyſtems und des vorſichtig ausklügelnden Egoismus, aber auch der mehr ſtabilen Volkswirtſchaft iſt.
Die größere Geburtenzahl in Indien, Java, Rußland, auch des öſtlichen und mittleren Deutſchlands hängt neben den wirtſchaftlichen Verhältniſſen mit den Gepflogenheiten des geſchlechtlichen und Familienlebens zuſammen, die man ſo bezeichnen könnte: man ſchreitet dort noch naiver zur Ehe, zeugt mehr Kinder, begräbt aber auch viel mehr. Die Fruchtbarkeit iſt groß, weil man die Lücken der Kinderſterblichkeit wieder ausfüllen will und die Sterblichkeit iſt groß, weil die große Kinderzahl die Sorgfalt der höheren Kultur in der Kinderpflege nicht recht geſtattet. Gewiſſe Schriftſteller, wie Malthus, gehen ſo weit, zu ſagen, meiſt ſei die Geburtenzunahme Folge größerer Sterblichkeit, alſo ein ungünſtiges Zeichen. Das iſt ſie keineswegs immer; aber richtig iſt, daß ſie der Ausdruck größeren Wohlſtandes wie größerer Sterblichkeit oder des Leichtſinns ſein kann. —
Auch über die Zahl der jährlichen Todesfälle im Verhältnis zur Bevölkerung wiſſen wir aus älteren Zeiten und aus Gebieten ohne Statiſtik nichts Sicheres. Daß ſie in den Kulturſtaaten und in neuerer Zeit im allgemeinen abgenommen habe, iſt ſicher; doch giebt Süßmilch für das vorige Jahrhundert im Durchſchnitt ganzer Länder 27,7 Todesfälle auf 1000 Lebende an, was von der Zahl für Deutſchland 1871—90 mit 26—24 nicht weit abſteht. Rawſon giebt als gegenwärtiges Mittel an: für Oſteuropa 35,7, für Centraleuropa 28,3, für Südeuropa 25,6, für Nordweſteuropa 20,5. Die größten heute beobachteten nationalen Gegenſätze ſind 17 in Norwegen, in Connecticut und einigen ſüdamerikaniſchen Staaten, 33—35 für Rußland, dem Chile, Spanien, Rumänien und Ungarn naheſtehen. Eine Sterblichkeit von 18—21 haben heute die kultivierteren Staaten mit geringerer Geburtenzahl und Kinderſterblichkeit, eine ſolche von 22—25 iſt das mittlere Ergebnis, während die Länder mit ſtarker Geburtenzahl und großer Kinderſterblichkeit 25—35 Todesfälle haben. Eine Abnahme der Sterblichkeit im 19. Jahrhundert iſt faſt überall zu beobachten: in Schweden war ſie 1751—70 27,6, 1816—40 23,4, 1884—93 17,2; in Deutſchland 1841—50 28,2, 1890—95 24,5; dieſes Sinken fand aber nicht ohne mancherlei Schwankungen ſtatt; dieſelben müſſen von Jahr zu Jahr unter Umſtänden größer ſein als etwa bei der Geburtenzahl; man hat geſagt, die Sterbeziffer ſei um die Hälfte dehnbarer als die Geburtenziffer; Hunger-, Kriſen-, Krankheitsjahre greifen hier jäher ein, als umgekehrt gute Jahre die Geburten fördern: die Sterblichkeit war z. B. in Preußen 1816 27, 1819 31, 1825 27, 1831 36, 1840 28; in Deutſchland ſank ſie 1852—60 von 29 auf 24, ſtieg 1866 auf 32, war dann 27—28, aber 1871 wieder 31, um endlich ſucceſſiv auf 27, 25, 23 herabzugehen. In einzelnen Städten und zeitweiſe, z. B. in Hamburg im Cholerajahre 1892, iſt noch neuerdings die Sterblichkeit von vorher 22—24 auf 40 geſtiegen, um in den folgenden Jahren wieder auf 20 und 18 zu ſinken.
Die allgemeine Deutung der Sterbeziffern iſt nicht ſehr ſchwer: Wohlfahrt, gute Sitten und Staatseinrichtungen, geſunde hygieniſche Verhältniſſe vermindern die Sterblichkeit, verlängern das Leben. Wenn man früher allgemein in den Städten größere Sterblichkeit fand, ſo lag die Urſache teils in den ungeſunden Verhältniſſen, teils im harten Daſeinskampf; jetzt haben manche Städte eine geringere Sterblichkeit als der Landesdurchſchnitt. Daß in vielen Ländern die Sterblichkeit mit der größeren Dichtigkeit der Bevölkerung wächſt, iſt nicht Folge dieſer an ſich, ſondern der häufig in ſolchen Ländern vorhandenen Zahl vieler armer Leute und anderer ungünſtiger Verhältniſſe. Die ſteigende Wohlhabenheit und die verbeſſerte Hygiene haben an der verminderten Sterblichkeit von 1750—1890 ſicher den Hauptanteil; aber im Vergleich der verſchiedenen heutigen Staaten werden wir nicht ſagen können, daß ihre Sterbeziffern allein dieſen Urſachen entſprechen; Länder mit geringerem Wohlſtand und mäßiger Hygiene haben geringe Sterblichkeit, z. B. Finnland 20, Griechenland 21, Bulgarien 21, Norwegen 16; Deutſchland und Öſterreich haben höhere Sterblichkeit, 26—28, als Länder, die ihnen an Wohlſtand gleichen, z. B. die Schweiz mit 21, Belgien und die Niederlande mit 20. England hat jetzt 21, Irland 18, und wie viel reicher iſt das erſtere; Frankreich hat 22 und ſteht ſo England ſehr nahe, iſt aber doch nicht ſo wohlhabend und in ſeiner Hygiene ſo entwickelt. Die Urſache dieſer Verſchiedenheiten liegt in dem Altersaufbau, der Geburtenzahl und vor allem in der ſchon mehr erwähnten Kinderſterblichkeit. Wo dieſe groß iſt, beeinflußt ſie ſehr ſtark die allgemeine Sterblichkeitsziffer, ohne daß in dem betreffenden Lande notwendig die Sterblichkeit der Erwachſenen größer, der Wohl- ſtand und die Hygiene entſprechend geringer wären.
Im allgemeinen wird man für frühere Zeiten und rohe Kulturen annehmen können, daß ihre Kinderſterblichkeit meiſt eine noch viel größere war als heute in den Kulturſtaaten, wo ſie am ſchlimmſten iſt. Die mittelalterliche Bevölkerungsſtatiſtik hat uns belehrt, daß in den Städten die meiſten Ehepaare 6—12 und mehr Geburten, aber meiſt nur 1—3 lebende Kinder hatten. Annähernd ähnlich ſind heute noch die Zuſtände in Oſteuropa. Von 100 Geborenen ſterben im erſten Lebensjahre in Rußland 26, in Deutſchland 20—26 (noch vor 40 Jahren in Bayern und Württemberg 30—35), in Frankreich, der Schweiz und Belgien 16, in England 14, in Norwegen 9; in den erſten fünf Lebensjahren ſchwanken die Ziffern zwiſchen 18 und 39 Prozent der Geborenen. Die Urſachen der Verſchiedenheit liegen offenbar nicht bloß in den wirtſchaftlichen Verhältniſſen, dem größeren oder geringeren Drucke der Not, ſondern ebenſo in Gewohnheiten der künſtlichen und natürlichen Ernährung, im Koſtkinderweſen, vernünftiger und unvernünftiger Kinderbehandlung und Ähnlichem. Aber das bleibt doch, wie wir es vorhin bei Beſprechung der Geburten ſchon andeuteten, die Hauptſache: große Kinder- ſterblichkeit iſt ein Symptom ungünſtiger wirtſchaftlicher und ſonſtiger Verhältniſſe; ſie ſtellt immer einen Anlauf von zu raſcher Bevölkerungszunahme dar; ſie umſchließt vergebliche Ausgaben, vergebliche Kümmerniſſe und Sorgen aller Art. Das Ziel muß ſein, nicht möglichſt viele, ſondern möglichſt lebensfähige Geburten zu erzielen, in der Geſamt- ſterbeziffer möglichſt wenig Kinder zu haben, den Bevölkerungszuwachs zu erzielen mit möglichſt wenig vergeblichen Anläufen jungen Lebens. Wenn ein Volk jährlich 10 pro Mille wächſt, ſo iſt dies möglich mit 45 Geburten und 35 Todesfällen, aber auch mit 25 Geburten und 15 Todesfällen; der letztere Fall iſt der weit vorzuziehende; es iſt der Fall, wie wir ihn annähernd heute in Skandinavien und England vor uns haben, während in Oſteuropa und auch teilweiſe noch in Deutſchland die gleiche Zunahme durch den Molochdienſt großer Kinderſterblichkeit erkauft wird.
Wir kommen darauf zurück, wenden uns jetzt zur Bevölkerungszunahme, die wir einerſeits im Anſchluß an die eben mitgeteilten Zahlen in ihrer jährlichen Bewegung, andererſeits in ihren Geſamtreſultaten, den abſoluten Zahlen der Völker betrachten.
72. Die Zunahme und Abnahme der Bevölkerung, ihre abſolute Größe. Wir haben geſehen, daß das Verhältnis der Geburtenzur Todeszahl in erſter Linie die Zu- oder Abnahme der Bevölkerung beſtimmt; es kommt überall die Zu- und Abwanderung als zweiter, zeitweiſe viel ſtärkerer, gewöhnlich aber weniger eingreifender Faktor hinzu. Wie beide Urſachen in früheren Zeiten nebeneinander im einzelnen gewirkt haben, darüber fehlen uns zahlenmäßige Anhaltspunkte. Aus der Gegenwart wiſſen wir, daß die Zunahme in Kolonialſtaaten, wie in den Vereinigten Staaten und Auſtralien, dann aber auch in kleinen, ſehr ſtark wachſenden Gebieten, wie Hamburg und Bremen, ebenſo ſehr oder noch mehr durch Wanderungen als durch Geburtenüberſchuß ſtattfindet. In einigen der weſtlichen Teile der Vereinigten Staaten ſtieg neuerdings die jährliche Zunahme bis 85,3 ‰, in Hamburg war ſie 1871—80 30,73 (wovon 19,72 auf Mehrzuwanderung fielen); in den ganzen Vereinigten Staaten 1800—60 30,89, 1860—80 23,62 ‰. Irland, das einzige bedeutend abnehmende Land Europas in unſerer Zeit, dankt dies auch mehr den Wanderungen; es hatte jährlich, 1871—80 8,2 ‰ Geburtenüberſchuß und 12,6 ‰ Wanderverluſt. In einigen anderen Staaten hat die Auswanderung wenigſtens den Zuwachs ſehr beſchränkt. Württemberg hatte 1824—80, wie 1885—90 57 % ſeines Geburtenüberſchuſſes wieder durch Wanderungen verloren, während in ganz Deutſchland die Zuwachsrate 1840—90 um 10—20 %, in Norwegen zeitweiſe um 33—40 % durch Auswanderung ermäßigt wurde; in den meiſten anderen raſch wachſenden Staaten Europas handelt es ſich nur um geringere Modifikation der natürlichen Zunahme durch Auswanderung. Wir ſprechen im folgenden zunächſt von der Zu- und Abnahme ohne Rückſicht auf dieſen doppelten Urſachenkomplex: für gewöhnliche Verhältniſſe iſt die Relation der Todeszur Geburtenziffer das Entſcheidende.
Unter ſolcher Vorausſetzung ſteht die Bevölkerung ſtill oder geht zurück, wo die Todesziffer die Geburtenziffer erreicht oder übertrifft. Das muß früher oft und lange der Fall geweſen ſein; noch im vorigen Jahrhundert treffen wir Provinzen und Staaten dieſer Art, noch in unſerem zeigen lange faſt alle Städte dieſen Charakter. Das ſinkende Altertum hat offenbar viel größere Sterbeals Geburtenzahlen gehabt; heute wiſſen wir von zahlreichen Naturvölkern, die, freilich in erſter Linie von dem Hauche des weißen Mannes, der „killing race“, bedroht, unter einem Inbegriff von ungünſtigen Urſachen eine immer kleinere Kinderzahl haben. Umgekehrt, wo die Geburten die Todesfälle übertreffen, wie das heute in den Kulturſtaaten die Regel iſt. In früheren Jahrhunderten war offenbar ſchon ein Geburtenüberſchuß oder eine Zunahme von 5—10 ‰ etwas Außerordentliches, faſt nirgends auf die Dauer Vorkommendes. Wir ſehen das unter anderem aus den ſtatiſtiſchen Berechnungen Lamprechts für das Trieriſche Gebiet und die Zeit von 800—1237, eine Zeit, die durch die großartigſte Koloniſation ſich auszeichnete; die jährliche Zunahme betrug 8—900 20 ‰, ſchwankte dann bis 1287 zwiſchen 1,4 und 3 ‰ in fünfzigjährigen Epochen, nicht wie er berechnet 10—35 ‰. Die Unmöglichkeit einer längeren und allgemeinen Zunahme dieſer Art ſehen wir vor allem aus den Verdoppelungsberechnungen. Eine einzige Million Menſchen zur Zeit Chriſti lebend würde ſchon 1842 mit 5 ‰ Zunahme auf über 8000 Millionen Seelen gekommen ſein (J. G. Hoffmann). Eine Verdoppelung tritt nämlich ein: bei 2 pro Mille in 347, bei 5 in 139, bei 10 in 70, bei 28 in etwa 25 Jahren. Auch die heutige Menſchheit, auch die begünſtigtſten, reichſten Staaten können ſo nicht fort wachſen; Deutſchland wird in 70 Jahren nicht 106, jedenfalls in 140 nicht 212 Millionen Menſchen haben. Aber immer erlebten wir in den letzten 150—200 Jahren zeitweiſe ſolche Zunahmen. Von 1748—1800 haben die raſch wachſenden preußiſchen Provinzen, allerdings unter Zuhülfenahme einer erheblichen Einwanderung, jährlich 12—15 ‰ zugenommen; die meiſten anderen Staaten blieben damals noch weit dahinter zurück. Heute haben doch mehrere dieſen Satz eingeholt. Die jährliche deutſche Zuwachsrate pro 1000 Seelen war in fünfjährigen Epochen von 1816—95: 14,3, 13,4, 9,8, 9,4, 11,6, 9,6, 5,7, 4,0, 8,8, 9,9, 5,8, 9,1, 11,4, 7,0, 10,7, 11,2; ganz Europa hat 1800—1895 eine ſolche von 8,05; man wird von unſeren heutigen Kulturſtaaten in ihrer großen Mehrheit ſagen können, 7 ‰ jährliche Zunahme ſei ihre mittlere Zuwachsrate, 10 und mehr eine ſtarke, 1—5 eine mäßige oder kleine. Zu den Ländern letzterer Art gehören Frankreich, Spanien, neuerdings auch die Schweiz und Schweden, zu den ſtark wachſenden Deutſchland, Großbritannien, Dänemark, Niederlande, Rußland. In den meiſten europäiſchen Staaten hat die Zunahme in dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts etwas nachgelaſſen, nachdem ſie vielfach von 1850—70 noch weſentlich geſtiegen war. Ein ſtarker Wechſel des Zuwachſes von Jahr zu Jahr und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt hat faſt nirgends gefehlt; in Württemberg beobachten wir 1813—80 in fünfjährigen Epochen Wechſel von 3 bis 13 ‰.
Wenn die höchſte in Kolonien beobachtete natürliche jährliche Zuwachsrate 20 bis 28 ‰ war, die heutige in den alten, großen, friedlichen Kulturſtaaten zwiſchen 1 und 15 ſchwankt, wenn die ſtärkere Zu- und Abnahme auf Wanderungen zurückgeht, wenn in früheren Jahrhunderten und Jahrtauſenden ebenſo oft ein Stillſtand oder gar eine Abnahme, wie eine mäßige natürliche Zunahme von 2—20 ‰ vorhanden war, ſo werden wir überhaupt nicht, wie früher meiſt geſchah, von einer natürlichen normalen Zuwachsrate von 10—30 ‰ reden können. Wir werden die Zunahme der Bevölkerung ſtets als ein kompliziertes, ſchwankendes Ergebnis der natürlichen und pſychologiſchen Triebe einerſeits, der geſellſchaftlichen Sitten und Einrichtungen, ſowie der wirtſchaftlichen Zuſtände und Bedingungen andererſeits betrachten und nur das zugeben, daß bei ideal vollendeter Geſellſchaftsverfaſſung und beſonders in wirtſchaftlich glücklichen Zeiten und Gebieten die geſchlechtlichen Triebe, die Freuden des ehelichen Lebens und das Elternglück eine Zunahme von 10—30, ja unter beſonderen Umſtänden auch von noch mehr pro Mille erzeugen können und öfters erzeugt haben, und daß jede wirtſchaftliche und geſellſchaftliche Verbeſſerung Tendenzen einer ſtärkeren Zunahme hervorruft.
Doch wollen wir hier auf das Bevölkerungsproblem noch nicht eingehen, ſondern vorher noch ſehen, was die neuerdings ausgebildete hiſtoriſche Bevölkerungsſtatiſtik über das Geſamtreſultat der Bewegung uns lehrt. Die Wiſſenſchaft kann auf dieſe Reſultate um ſo ſtolzer ſein, als vor nicht gar langer Zeit alle Annahmen hierüber gänzlich falſch waren; die antike Bevölkerung wurde früher bis zum 10fachen überſchätzt.
Wir fragen: wie groß waren früher und heute die ſocialen Gemeinſchaften, die wir als Stämme, Völker, Völkerbünde, Reiche bezeichnen; und wir erinnern uns dabei, daß die hiſtoriſche Entwickelung nicht etwa in gerader Linie die kleinen Stämme zu großen Reichen ausbilden konnte; Jahrtauſende und Jahrhunderte lang waren Sitte und Gewohnheit, Rechts- und Geſellſchaftsverfaſſung wie ſämtliche Lebensbedingungen ſo, daß nur kleine Gemeinweſen exiſtieren konnten, daß ihr Anwachſen zu Spaltungen, zu Eroberungszügen, zu Kämpfen aller Art führte, die erſt in langſamen Verſuchen zu Völkerbünden, größeren Staaten und Weltreichen führen konnten.
Die Völkerkunde belehrt uns, daß noch heute die niederen Raſſen, z. B. auch die meiſten Neger, in Stämmen von 1000—3000 Perſonen leben, daß aber allerdings daneben die verſchiedenartigſten Verbindungen ſolcher Stämme zu Völkerſchaften und Bünden vorkommen. Als das glänzendſte Reſultat ſolch’ bündiſch-völkerrechtlicher Entwickelung der nordamerikaniſchen Indianer weiſt Morgan den Zuſammenſchluß von 5—6 Stämmen zu einem Bunde von 15000, ja vielleicht 20000 Seelen nach. Wenn für die germaniſchen Völkerſchaften zu Cäſars und Tacitus’ Zeit jetzt H. Delbrück eine durchſchnittliche Größe von 25000 Seelen annehmen zu können glaubt, ſo ſcheint mir das eher zu viel als zu wenig. Die gezählten 80000 Vandalen, welche 484 von Spanien nach Afrika überſetzten, umfaßten eine Reihe verbundener Völkerſchaften, ähnlich wie die anderen Völkerkonglomerate der großen Wanderzeit, und die überlieferten Nachrichten über ihre Zahl dürften ſo ziemlich alle ums Doppelte bis Mehrfache übertrieben ſein. Noch bis ins 18. Jahrhundert zeigen ſich alle kritiſch zu prüfenden, runden überlieferten Volkszahlen als maßlos und ganz unzuverläſſig.
Die ſeßhafte Bevölkerung der kleinen Staaten des Altertumes und des Mittelalters bewegte ſich meiſt zwiſchen 50000 bis zu 1 Million Seelen. Attika hatte zur Zeit der Perſerkriege 150000, unter Perikles 250000, nach dem peloponneſiſchen Kriege ſank es auf 130000 Einwohner; Lakonien und Meſſenien zuſammen nie über 50—100000; Rom 340 v. Chr. vor dem Sabinerkrieg 0,5 Mill., 240 v. Chr. etwa 1 Mill.; das Perſerreich vor ſeiner Eroberung etwa 0,5 Mill. Sicilien hat wohl weder im Altertume, noch unter den Sarazenen oder Friedrich II. 1 Mill. erreicht; Florenz (Stadt und Gebiet) hatte im 16. Jahrhundert 0,5—0,6 Mill.; Venedig mit der terra ferma 1,3 Mill.; die größeren deutſchen Territorialſtaaten des 15.—18. Jahrhunderts höchſtens 0,1—0,7 Mill. (z. B. Brandenburg 1617 0,3, 1774 0,6, Oſtpreußen 1688 0,4, 1773 0,7 Mill.). England wird zu 1,2 Mill. um 1086, zu 2,5 im 14. und 16. Jahrhundert geſchätzt, die vereinigten Niederlande zur Zeit ihrer Blüte zu 2,2 Millionen.
Als etwas größere Völker treten uns ſchon die Ägypter und Karthager entgegen: Diodor behauptet, das erſtere Land ſei von ſeinem einſtigen Volksreichtum von 7 Mill. durch die Fremdherrſchaft zur Zeit der Eroberung durch Alexander auf 3 Mill. reduziert geweſen; durch die griechiſche und römiſche Verwaltung ſtieg die Zahl wieder auf 5, Joſephus behauptet auf 7½ Mill. Das karthagiſche Afrika berechnet Beloch 200 v. Chr. auf 3—4 Mill. Die aſiatiſchen Eroberungsreiche Vorderaſiens können als die erſten vielleicht auf 10—20 Millionen geſtiegen ſein; für die Tiefebene am unteren Euphrat und Tigris nimmt Beloch zu Ende der Perſerherrſchaft allein 6—8 Mill. an, für Syrien auch mehrere Millionen. Für China berechnet Sacharoff in der Zeit von 2275 v. Chr. bis 600 n. Chr. Zahlen, die zwiſchen 59 und 79 Millionen unregelmäßig hin und her ſchwanken.
Suchen wir neben den älteren Klein- und Mittelſtaaten die durch einheitliche Kultur, Völkerrecht und Bünde aller Art verknüpften Völkergemeinſchaften in ihrer Größe zu erfaſſen, ſo ſteht das antike Griechenland und Italien in erſter Linie. Die Griechen müſſen vom 10. bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. außerordentlich zugenommen haben, ſchon ihre große Koloniſation beweiſt es. Beloch glaubt ſie zu Anfang des peloponneſiſchen Krieges mit Makedonien und den nächſten Inſeln auf 2,5—3 Mill., die ganze griechiſche Kolonialbevölkerung auf ebenſo viel ſchätzen zu ſollen; das eigentliche Griechenland bei der Unterwerfung unter Philipp von Makedonien auf 4 Mill. Mit dem alexandriniſchen Reiche und denen der Diadochen muß noch ein Jahrhundert der ſtärkſten Zunahme der griechiſchen Völker gefolgt ſein. Wenn einzelne Staaten, wie Athen, ſchon länger zurückgingen, ſo nahmen andere noch außerordentlich zu, wie z. B. Rhodos. Erſt ſeit der römiſchen Herrſchaft geht das eigentliche Griechenland im ganzen zurück, wohl in erſter Linie, weil ihm früher nur ſeine Eigenſchaft als gewerblicher und Handelsmittelpunkt der Welt die große Menſchenzahl zu ernähren geſtattet hatte.
Italien, ohne das diesſeitige Gallien, war in Hannibals Tagen nach Beloch auf 3,5, mit ihm auf 4—4,5 Mill. gekommen; nach großer Abnahme während des zweiten puniſchen Krieges nahm die Zahl bis 135 v. Chr. zu, dann durch Bürgerkriege ab; unter Auguſtus iſt ganz Italien auf 5,5, unter Claudius auf 7 Mill. zu ſetzen. Von da an tritt die Abnahme ein, während in den anderen Provinzen des Reiches in den erſten beiden Jahrhunderten des Principats noch eine Zunahme ſtattfindet. Ganz Europa iſt zu Anfang unſerer Zeitrechnung auf etwa 30 Mill., das ganze römiſche Reich auf etwa 54 Mill. zu ſchätzen, wovon die größere Hälfte auf den damals viel dichter bevölkerten Oſten fällt.
Von dem unter dem Principat erreichten Höhepunkte der Bevölkerung ſind faſt alle Teile des römiſchen Reiches Jahrhunderte lang zurückgeſunken; eine lange Zeit der Entvölkerung, des zerſtörenden Kampfes mit den Barbarenvölkern folgte; endlich kon- ſolidierten ſich die kinderreichen Germanenſtaaten, und teils gegen 1250, teils gegen 1500 n. Chr. war die alte Zahl nicht bloß erreicht, ſondern überſchritten. Spanien iſt unter Auguſt auf 6, unter den Antoninen auf 9, 1500 auf 11 Mill. Seelen zu ſetzen; dazwiſchen natürlich viel niedriger; für ſpäter ſei noch angeführt: 1787 10, 1887 17 Mill. Italien hat unter Claudius 7 Mill., im älteren Mittelalter viel weniger; dann ſtarke Zunahme; 1560 etwa 11, 1701 10 Mill., 1788 16, 1896 31 Mill.; Gallien unter Auguſtus 5, unter den Antoninen wohl 8 Mill.; unter Karl d. Gr. hatte Frankreich in ſeinem heutigen Umfange wahrſcheinlich weniger (nicht 8—10 Mill., wie Levaſſeur will), Anfang des 14. Jahrhunderts wahrſcheinlich auch nicht ganz 20—22 Mill. (wie Levaſſeur rechnet); dann kommt ein großer Rückgang; 1574 werden etwa 14, 1700 etwa 21, 1715 18, 1789 bis 26 Mill. geſchätzt; 1806 ſind es 29, 1861 34, 1896 38 Millionen.
Für Deutſchland möchte ich folgende Schätzung, welche der Vergleichbarkeit wegen die Zahlen auf den Umfang des heutigen Deutſchen Reiches berechnet, wagen: zu Cäſars Zeiten 2—3 Mill.; dann große Zunahme nach der Völkerwanderung in den Tagen der inneren Koloniſation bis etwa 12 Mill. gegen 1250—1340; nun Stillſtand oder gar Rückgang bis 1480 und nochmalige Zunahme bis 1620 auf etwa 15 Mill.; der 30- jährige Krieg bringt große Verluſte, 1700 mögen wieder 14—15 Mill. vorhanden geweſen ſein, 1800 22—24; 1824 zählte man 24, 1850 35 Mill., 1895 52 Millionen.
England und Wales ſtieg von 2,5 Mill. im 16. Jahrhundert auf 5 1690, auf 9,1 1801, auf 15,9 1841, auf 30,6 Mill. 1896. In den Jahren 1815—91 wuchſen Belgien von 3,7 auf 6, die Niederlande von 2,4 auf 4,5, Schweden von 2,4 auf 4,7 Mill.; das Volk der Vereinigten Staaten von 8 auf 62 Mill. Das europäiſchruſſiſche Volk ſchätzt man 1722 auf 14, 1805 auf 36, 1851 auf 65, 1897 auf 105 Mill. (mit Finnland und Polen). China ſoll 1650 etwa 62, 1725 etwa 125, 1890 etwa 357 Mill. Seelen beſeſſen haben; Brittiſch-Indien ſchätzte man 1860 auf etwa 189 Mill., 1891 zählte man 291. China, Indien, Vorderaſien und Europa ſind ſeit langer Zeit die einzigen Herde großer Volksmaſſen; jetzt kommt Nordamerika, ſpäter vielleicht auch Auſtralien dazu. Ganz Europa wird man zur Zeit von Chriſti Geburt auf 30, 1500 wohl auf 60—80, 1700 auf 110, 1800 auf 175 Mill. ſchätzen können, 1890 waren es 357 Mill. Die Verſuche, die Bevölkerung der ganzen Erde zu erfaſſen, datieren von Iſaak Voſſius 1685 (500 Mill.); Süßmilch nahm 1000 an; erſt Behm, Wagner und Supan ſind ſeit 1866 zu halbwegs ſicheren Zahlen gekommen: 1866 etwa 1350, 1890 1450—1500 Millionen.
Was lehren die Zahlen? Wohl ſicher, daß die menſchlichen Gemeinſchaften immer größer wurden, daß die Zahl der Menſchen ſucceſſive mit der Kultur gewachſen iſt, daß niemals früher das menſchliche Geſchlecht ſo zahlreich war, auch wohl dauernd nie ſo zugenommen hat wie in den letzten 200 Jahren. Wir ſehen aber auch, daß die Zunahme ſtets eine höchſt ungleiche war, daß Fortſchritt und Rückſchritt miteinander wechſeln, daß die Bahn, je weiter wir ſie zurückverfolgen können, von deſto mehr Gefahren und Hinderniſſen bedroht war, ja daß ſie bis in die neueren Zeiten oft zu langem Stillſtand, ja Rückgang führte, ſo z. B. für viele europäiſche Staaten von 1400 bis 1700.
73. Das Bevölkerungsproblem und die Wege ſeiner Löſung: a) die Hemmungen. Auf Grund der vorſtehenden Mitteilungen über die That- ſachen der Bevölkerungsbewegung können wir uns dem Bevölkerungsproblem zuwenden; es ſpielt eine beherrſchende Rolle in allem volkswirtſchaftlichen Leben. Seit es menſchliche Gemeinweſen mit etwas größerer Menſchenzahl gab, ſtanden ſie vor der Frage, ob auf dem innegehabten Boden, mit ihren techniſchen Mitteln eine erhebliche Zunahme ihrer Zahl möglich ſei. Jedes geſunde Paar Menſchen kann die doppelte oder mehrfache Zahl Kinder haben und freut ſich ihrer in normalen Verhältniſſen. Jeder Stamm, jedes Volk, das nicht zu ſehr von Feinden bedrängt wird, das reichliche Nahrungsquellen hat, vermehrt ſich und empfindet dieſe Vermehrung als Kraftzuwachs und Glück. Das menſchliche Geſchlecht als Ganzes hat ſeit Millionen Jahren an Zahl zugenommen und verdankt ſeine höhere Kultur nur den Völkern, die es zu größeren Volkszahlen gebracht haben. Aber ſo unzweifelhaft dieſe Wahrheit iſt, ſo klar iſt auch, daß alle Zunahme von ſchwer zu erfüllenden Bedingungen abhängt, daß die Kämpfe der Stämme und Völker untereinander und mit der Natur, die Schwierigkeit, größere Volkszahlen zu ernähren, über Krankheiten und Mißjahre Herr zu werden, immer wieder hemmend dazwiſchen getreten ſind, daß ebenſo viele oder mehr Raſſen, Stämme und Völker zurückgegangen ſind oder vernichtet wurden als vorwärts kamen.
Dem entſprechend ſehen wir die Völker und ihre Wünſche und Anſichten über die Zunahme, ihre diesbezüglichen geſellſchaftlichen und geſchlechtlichen Einrichtungen, in den letzten Jahrhunderten ihre Theorie über das Bevölkerungsproblem merkwürdig ſchwanken. Wir werden dieſe Schwankungen am beſten verſtehen, wenn wir ſie nicht in ihrer chronologiſchen Folge vorführen, ſondern gegliedert nach den drei möglichen Zielen, welche die Völker verfolgten, ſeit ſie den engen Zuſammenhang zwiſchen der Bevölkerungszahl und der Ernährungsmöglichkeit, wie er im Boden und den geſamten wirtſchaftlichen Verhältniſſen liegt, inſtinktiv oder verſtandesmäßig begriffen hatten; auch die ſogenannten Bevölkerungstheorien erhalten ſo am beſten ihr Licht und ihre Stelle.
Die Völker konnten 1. peſſimiſtiſch und unter dem Drucke ungünſtiger Verhältniſſe ſich darauf verlaſſen, daß Krankheit, Kriege, Unglücksfälle aller Art den Überſchuß an Menſchen beſeitigen werden, und ſie konnten, wenn dies nicht genügte, direkt verſuchen, durch abſichtliche Hemmung ihre Zahl zu beſchränken. Sie konnten 2. im Gefühle ihrer Kraft ſich ausdehnen, ihre Grenzen hinausſchieben, fremde Länder unterwerfen, durch Wanderung, Eroberung, Koloniſierung, Auswanderung ſich Luft ſchaffen. Sie konnten 3. aber auch den jedenfalls von einem gewiſſen Punkte an ſchwierigſten Weg betreten und die einheimiſche Bevölkerung verdichten, was in der Regel große techniſche und wirtſchaftliche, ſittliche und rechtliche Fortſchritte vorausſetzte.
Wir betrachten zunächſt die unwillkürlichen und die willkürlichen Hemmungen.
Die erſteren waren offenbar viele Jahrtauſende lang ſo ſtark, daß die Empfindung eines zu ſchnellen Bevölkerungszuwachſes in den primitiven Zeiten nur ausnahmsweiſe eintreten konnte. Am unzweifelhafteſten gilt dies für die Jäger-, Fiſcher- und alle wandernden Völker, deren Nahrung unſicher und ungleich iſt, deren Krankheiten nicht aufhören, die, vom Aberglauben beherrſcht, mit kümmerlicher Technik ſchutzlos den Elementen und allen Feinden preisgegeben ſind. Aber auch die Hirten- und primitiven Ackerbauvölker ſind lange immer wieder von Hunger und Krankheiten furchtbar bedroht, wenn auch bei ihnen durch Gunſt der Jahre und der geographiſchen Lage zeitweiſe die Stabilität umſchlägt in ſtarke Zunahme; das geſchah beſonders, wenn große techniſche Fortſchritte, wie die Viehzähmung und die Milchnahrung, ein beſſerer Ackerbau das Leben erleichterte, wenn mal die Kämpfe mit den Nachbarn ruhten, durch glückliche Zufälle die gewohnten Krankheiten ausblieben. Aber häufig kehrten auch bei ihnen die gewaltigen Decimierungen natürlicher Art wieder, ſo daß dann die Geburten nur die vorhandenen Lücken mehr oder weniger ausfüllten.
Wir haben die Beweiſe hiefür erſt durch die Reiſeberichte der letzten hundert Jahre in Bezug auf die wilden und kulturarmen Raſſen näher kennen gelernt. Und in Bezug auf die Kulturvölker hat die neuere Geſchichte der Medizin uns gezeigt, daß bis übers Mittelalter hinaus auch ihre Sterblichkeit eine enorme, die Kinderſterblichkeit in Genf z. B. im 16. Jahrhundert mehr als die doppelte von heute war. Ebenſo wichtig wie die gewöhnliche war die zeitweiſe außerordentliche Sterblichkeit. Von 531 n. Chr. an haben 50 Jahre lang Erdbeben und furchtbare Krankheiten ganze Städte und Länder faſt entleert; am ſchwarzen Tod 1345—50 läßt Hecker 25 Mill. Menſchen in Europa ſterben; vielleicht waren es nur 8—12 Mill., aber ſicher iſt, daß man bis Anfang des 18. Jahrhunderts überall erſtaunt war, wenn nicht alle 10—20 Jahre „ein groß Sterbede“ kam und aufräumte. Nach Macculloch ſtarben in London 1593 24, 1625 31, 1636 13, 1665 45 % der Volkszahl. In ſolchen Fällen tötete nicht bloß die Krankheit — Ausſatz, Peſt, Pocken ꝛc. —, ſondern ebenſo die Stockung alles Verkehrs und die Hungersnot. Der Schmutz in Wohnungen und Straßen, die Schlechtigkeit des Trinkwaſſers, der Mangel aller hygieniſchen Einrichtungen, in den Städten der Mangel an Sonne, Licht und Luft förderten die große Sterblichkeit. Die Hungerjahre haben noch länger fortgedauert als die großen Krankheiten, wenigſtens da, wo kein moderner Verkehr ſich entwickelt hat. In Bengalen ſollen 1771 gegen 10 Mill. Menſchen verhungert ſein, ſeither haben 21 ſolcher Hungerplagen in Indien gewütet, die letzten 1866, 1868, 1874, 1876—77, 1891; 1876—79 ſtarben 6 Mill. an Hunger; der Verwaltungsdienſt gegen Hungersnöte iſt eine der glänzendſten Leiſtungen der engliſchen Herrſchaft, hat ſie aber noch nicht beſeitigt. Auch in China ſind die Heuſchreckenplagen, Überſchwemmungen und Hungersnöte noch heute an der Tagesordnung wie bei uns in früheren Zeiten.
Dazu kommt in den früheren barbariſchen Zeiten der Kannibalismus, die Menſchenfreſſerei, die häufig üblichen maſſenhaften Menſchenopfer, welche den kriegeriſchen Gottheiten dargebracht wurden; noch ſtärker aber mußten die aufreibenden Kämpfe der Stämme und Völker untereinander wirken. In jenen Zeiten galt das Leben nichts; der Tod durchs Schwert wurde dem auf dem Strohlager vorgezogen. Wenn noch in unſeren Tagen der Zuluherrſcher Tſchaka eine Million Fremde, 50000 Stammesgenoſſen getötet, 60 Nachbarſtämme vernichtet haben ſoll, ſo iſt das ein Bild der früheren Lebensvernichtung überhaupt. Die Kriege der Kulturvölker im Altertum und Mittelalter mögen dagegen ſchon milde genannt werden, decimierend haben ſie bis auf den 30jährigen und die Napoleoniſchen Kriege gewirkt; die 1,8—2,5 Mill. Franzoſen, die den Kriegen 1793—1813, die 0,25 Mill., die im Orientkriege 1853—56 erlagen, haben freilich die Zunahme der Bevölkerung nicht aufgehalten, aber ſie fallen doch anders ins Gewicht als die 46000 deutſchen (1 ‰) und die 139000 franzöſiſchen Toten von 1870—71.
Hängt die Menſchenfreſſerei und die Menſchenopferung teilweiſe mit Aberglauben zuſammen, ſo iſt das ebenſo beim urſprünglich ſo verbreiteten Kindsmord; doch ſpielten auch andere Motive bei ihm mit, z. B. die Annahme, daß das erſtgeborene Kind der jugendlichen Mutter zu ſchwächlich ſei, oder die Abſicht, überhaupt die kümmerlichen Kinder auszumerzen. Auch die Tötung der Witwen, teils allein, teils mit Kindern und Sklaven, hängt mit Vorſtellungen religiöſer Art, mit Hoffnungen auf das Jenſeits zuſammen. Aber der ſyſtematiſch geübte Kindsmord, der da und dort ſo weit ging, zwei Drittel aller Geburten zu beſeitigen, wie die Tötung der Alten und Kranken war doch bei den zunehmenden Völkern früher vielfach das Ergebnis wirtſchaftlicher Abſichten und Nöte. Wo naive, primitive Menſchen in feſt gegebenen, beſchränkten Ernährungsverhältniſſen lebten, wo begrenzte Stammes-, Gentil-, Generationszahlen als Bedingung der Exiſtenz klar erkannt waren, da haben die betreffenden roh und rückſichtslos Kinder und Alte getötet, zumal auf der Wanderung und in Hungerjahren; da haben ſich auch als Inſtitutionen jene derben Gepflogenheiten der Abtreibung, der Ausſchneidung der Geſchlechtsteile, der Päderaſtie, der Vielmännerei, der Proſtitution ſowie des Cölibats weiter Kreiſe ausgebildet, die wir nicht bloß bei vielen barbariſchen, ſondern vielfach auch bei den älteren Halbkulturvölkern, vor allem im Orient finden. Noch die Vor- ſchläge von Plato und Ariſtoteles über Kindsmord und ſtaatliche Regulierung der Kinderzahl hängen wahrſcheinlich mit älteren ſolchen Sitten gewiſſer griechiſcher Stämme zuſammen. „Die Freigebung der Kindererzeugung,“ ſagt Ariſtoteles, „wie ſie in den meiſten Staaten beſteht, muß notwendig die Verarmung der Bürger zur Folge haben, die Verarmung aber verurſacht Aufruhr und Verbrechen.“
Wie in jenen roheren Zeitaltern die Geſtattung des Kindsmordes, der Abtreibung, der Proſtitution und alle ähnlichen bevölkerungshemmenden Sitten gewirkt haben, können wir heute nicht mehr genau erkennen. Sie haben ſicher die Menſchenzahl, wenigſtens ihre Zunahme ſehr eingeſchränkt, ſie haben wahrſcheinlich auch damals große ſittliche und phyſiologiſche Überlſtände, ſociale und rechtliche Härten und Mißbildungen erzeugt, wenn ſie vielleicht auch jene roheren Völker nicht ſo vergiftet, die Möglichkeit nachfolgender Wiederzunahme der Bevölkerung nicht ſo vernichtet haben, wie ſpäter ähnliche Sitten die höher kultivierten Völker in ihrem Kerne angriffen und decimierten. Wir denken dabei vor allem an das antike ſinkende Griechenland und Italien und ihre Bevölkerungsabnahme.
Immer bleibt es wahrſcheinlich, daß die ungünſtigen Folgen von einzelnen Völkern früh erkannt wurden, und daß ſie in Verbindung mit den großen techniſchen Fortſchritten der Hirten- und Ackerbauvölker, mit den geläuterten Religionsſyſtemen derſelben zu der mit der höheren Kultur ſiegenden Auffaſſung führten, welche alle ſolche hemmenden Eingriffe für verwerflich und ſtrafbar, jede Bevölkerungszunahme für ein Glück erklärt. Die Juden, das Chriſtentum, die chriſtlich-germaniſchen Völker ſtellten ſich auf dieſen Standpunkt. Letztere konnten ihn um ſo leichter feſthalten, als ſie Jahrhunderte lang eroberten, koloniſierten, bei großem Verluſte durch Kriege und Krankheiten bis in die zweite Hälfte des Mittelalters über einen unausgefüllten Nahrungsſpielraum verfügten. Seit ſie aber, von 1200—1400 doch mehr und mehr zur Ruhe gekommen, den Ausbau in Stadt und Land vollendet hatten und nun nicht mehr ebenſo leicht weiter wachſen konnten, da haben ſie zwar nicht wieder ſo naiv zu Kindsmord, Abtreibung und Ähnlichem gegriffen wie einſtmals die älteren Völker, aber ſie haben in Einrichtungen die Rettung geſucht, welche mehr indirekt die Zunahme verlangſamen ſollten. Es ſind die, welche die europäiſche Bevölkerungsbewegung in der Hauptſache von 1300—1800 beherrſchten.
Schon das Altertum hatte gewiſſe Inſtitutionen, welche indirekt die Zunahme hemmten: vor allem die Sklaverei; ſie ſtellte den Geſchlechtsverkehr aller Sklaven unter die Kontrolle des Herrn, verminderte die Zahl der Ehen bei den Sklaven außerordentlich, ſchränkte auch die eheliche Fruchtbarkeit der Herren durch Laſter und Mißbrauch der Sklavinnen ein. Im Mittelalter kam die Eheſchließung der Unfreien und Halbfreien wieder unter die Kontrolle der Herren. Die patriarchaliſche Familienverfaſſung, ſowie die ganze feudale Agrarverfaſſung mit der Bevorzugung eines Erben, der Geſchloſſenheit der Güter, dem Geſindezwangsdienſt verſchob das Heiratsalter, zwang viele Erwachſene zu eheloſem Leben, regulierte die Bevölkerung in beſchränkendem Sinne. Und in den Städten wirkten erſchwerte Niederlaſſung, Zunft- und Realrechte ſeit 1400—1500 ähnlich. Je ſtabiler die wirtſchaftlichen Zuſtände und je gebundener durch Sitte und Recht ſie waren, deſto mehr näherte man ſich dem, was Malthus auf ſeinen Reiſen in Norwegen und im Kanton Bern als ſein Ideal fand: vorſichtige Anpaſſung der Ehen und der Kinderzahl an einen gegebenen engen Nahrungsſpielraum mit geringer oder faſt ver- ſchwindender Zunahme.
Die zu ſtarke Wirkung ſolcher Einrichtungen hatte lange Zeit hindurch in Verbindung mit den noch vorhandenen Krankheiten und Hungersnöten, mit den Kriegen da und dort Stillſtand, ja Rückgang der Bevölkerung erzeugt. Daraus entſprangen die populationiſtiſchen Theorien und die entſprechende Bevölkerungspolitik des aufgeklärten Despotismus. Weil es in der That von 1600—1800 in vielen Staaten an Menſchen fehlte, ſo konnten jene optimiſtiſchen Lehren von Sir William Temple, Vauban, dem älteren Mirabeau und Rouſſeau, von J. J. Becher, Süßmilch, Juſti und Sonnenfels bis zu Adam Smith entſtehen, daß die zunehmende Menſchenzahl an ſich ein Glück, mit allen Mitteln zu fördern ſei, daß ſie den Reichtum der Staaten ausmache und erzeuge. Und ſie hatten damit für ihre Zeit und die ihnen bekannten Länder im ganzen gar nicht Unrecht; es handelte ſich darum, durch gute Verwaltung, Aufhebung aller möglichen Schranken, durch Erleichterung der Ehen, Förderung der Einwanderung, Hemmung der Auswanderung die zu geringe Menſchenzahl zu vermehren. Dieſe Theorien irrten nur darin, daß ſie den beſtimmten ſtagnierenden Verhältniſſen entnommenen Satz: die größere Menſchenzahl erzeugt größeren Wohlſtand, allzu ſehr generaliſierten, die zahlreichen Mittelurſachen und Nebenbedingungen der Kauſalkette überſahen.
Als die engliſche Bevölkerung von 1500—1800 aber von 2,5 auf 9 Mill. geſtiegen war, erzeugte die Zunahme, welche von 3 ‰ jährlich 1700—1751 ſucceſſive auf 18 ‰ 1811—21 gewachſen war, auch 1851—61 noch 12 ‰ betrug, immer häufiger ein periodiſches Unbehagen. Schon die Puritaner, die 1620 nach Neuengland zogen, klagen, daß der Menſch, das Wertvollſte auf der Welt, wegen der Überzahl in der Heimat wertlos geworden ſei. Sir Walter Raleigh, Child, Sir James Steuart betonten dann bereits, die Grenzen der Bevölkerung lägen in der Ernährungsmöglichkeit. T. R. Malthus aber ſtellte ſich 1798 unter dem Eindrucke des zunehmenden Proletariats und der erdrückenden Armenlaſt auf den peſſimiſtiſchen Standpunkt und kam zu den bekannten Sätzen: die Bevölkerung hat die Tendenz, ſich unverhältnismäßig, wie alle natürlichen Organismen, über die Grenzen der bereitliegenden Nahrung hinaus zu vermehren; da, wo die Hemmniſſe gering ſind, verdoppelt ſie ſich in 25 Jahren, ſie wächſt alſo in 100 Jahren im Verhältnis von 1 : 16; in 25 Jahren kann unter den günſtigſten Verhältniſſen der Ertrag der Erde ſich verdoppeln, alſo in 100 Jahren von 1 : 4 zunehmen; aus dieſem Mißverhältnis ergiebt ſich, daß die Bevölkerung nur durch zuvorkommende Hemmniſſe, wie moraliſche Enthaltung, oder durch Laſter, Krankheit, Elend aller Art im Einklange mit der Ernährungsmöglichkeit erhalten werden kann. Dieſe Sätze fanden unter den ſtockenden Erwerbsverhältniſſen 1800—1855 weiten Beifall bei den erſten engliſchen, franzöſiſchen und deutſchen Staatsmännern und Nationalökonomen. J. St. Mill vor allem predigte Enthaltſamkeit in der Ehe und die Bildung einer öffentlichen Meinung, welche das Laſter der Trunkenheit und der größeren Kinderzahl gleichſtelle.
Das Verdienſt von Malthus iſt es, daß er mit Nachdruck und wiſſenſchaftlichen Beweiſen den Zuſammenhang der Menſchenzahl mit der Ernährungsmöglichkeit betont und die vorhandenen Grenzen der letzteren erläutert hat; aber ſeine Zahlenformeln ſind falſch, und er ſtellt die ſicher vorhandene Vermehrungstendenz zu ſehr als natürliche, abſolute, ſtets vorhandene hin, unterſcheidet nicht genug die verſchiedenen Wirtſchaftszuſtände und Möglichkeiten des Unterhaltes und des Ausweges; er ſieht, wie viele ſeiner peſſimiſtiſchen Anhänger, auch Zuſtände als Übervölkerung an, die mehr Folge von ſchlechter Einrichtung der Produktion und Verteilung der Güter, von techniſcher Rück- ſtändigkeit als zu großer Menſchenzahl ſind.
Praktiſch hatte die Malthusſche Theorie die Folge, daß in vielen Staaten 1815 bis 1855 mancherlei die Zunahme hemmende Geſetze über Eheſchließung, Niederlaſſung, Gewerbebetrieb, Schaffung neuer Ackerſtellen erlaſſen wurden. Aber ihr Erfolg war doch im ganzen gering. Die Fortſchritte der Technik und des Verkehrs wirkten in entgegengeſetztem Sinne, und die längſt einſetzende liberale Geſetzgebung, welche nun von 1850 an überall definitiv die alten Schranken der Ehe, der Niederlaſſung, des Wanderns, der Gewerbe beſeitigte, wirkte auf eine außerordentliche Beſchleunigung der Zunahme: der Optimismus der Zeit ſetzte ſich in entſprechende gern geglaubte Theorien um.
Das liberale Mancheſtertum nahm an, daß zwiſchen Bevölkerungs- und Wirtſchaftsfortſchritt wie überall an ſich Harmonie ſein müſſe oder erklärte es ohne Rückſicht auf die irdiſchen Raum- und Güterſchranken, jeder Menſch mit geſunden Armen könne ſo viel produzieren wie er brauche; oder es jubelte über die Kapitalanhäufung, die ſchneller gehe als die Menſchenzunahme, als ob die oft ins Ausland gehende, oft für Kriege verbrauchte Kapitalmenge allein ſtets ausreiche, für mehr Menſchen Nahrung, Abſatz, richtige Organiſation zu ſchaffen. Phyſiologiſche Optimiſten von H. Spencer bis Bebel ſtützten ſich auf die Abnahme der Zeugungskraft, welche der Zunahme der Geiſtesthätigkeit entſpreche, ohne Beweiſe für die Gegenwart zu erbringen. Manche Socialiſten unter der Führung von Sismondi fanden die Quelle alles Übels in der ungleichen Einkommensverteilung; und gewiß kann eine gleichmäßigere Verteilung zu einer anderen Richtung aller Produktion Anlaß geben und eine vermehrte Möglichkeit des Lebens für etwas mehr Menſchen ſchaffen; aber allzuviel macht das nicht aus; und Vorzugsportionen für die höher Stehenden ſind nie ganz zu beſeitigen. Andere Socialiſten träumen von techniſchen Fortſchritten, welche an das Schlaraffenland erinnern, oder erklären, ohne geographiſche und landwirtſchaftliche Kenntniſſe, wie Engels, es gäbe keine Übervölkerung, da erſt ein Drittel der Erde angebaut, und die Produktion auf das Sechsfache geſteigert werden könne. Wieder andere, wie Marx, erklären, die heutige überraſche Bevölkerungszunahme ſei der notwendige Ausdruck der kapitaliſtiſchen Epoche; für die Zeit des ſocialiſtiſchen Staates hoffen ſie kindlich auf harmoniſche Selbſtregulierung.
Die empiriſche Wiſſenſchaft und die vernünftige Praxis tröſtete ſich zunächſt mit der Aushülfe von Auswanderung und Koloniſation und der möglichen Verdichtung der Bevölkerung auf Grund der techniſchen Fortſchritte. Aber beide mußten zugeben, daß die Peſſimiſten nicht ganz Unrecht haben mit dem Hinweis auf dunkle Punkte, die mit unſerer heutigen volkswirtſchaftlichen und ſocialen Organiſation zuſammenhängen: die ſteigende Ehe- und Kinderloſigkeit der oberen Klaſſen unter ſtarker Zunahme des außerehelichen Geſchlechtsverkehrs und der Proſtitution, die Verſpätung der Eheſchließung im Mittel- ſtande, die proletariſch große Vermehrung der unteren Klaſſen mit überfrüher, leicht- ſinniger Eheſchließung und erheblicher Kinderſterblichkeit ſind ſehr bedenkliche Symptome. Und daß gegen ſie die bloße Empfehlung verſpäteter Ehe und die Enthaltung des Ge- ſchlechtsverkehrs in der Ehe, vollends in der des Arbeiters, wie ſie von Malthus und J. St. Mill ausgingen, nichts nützen, iſt klar. Andere Sitten der unteren und der höheren Klaſſen in Bezug auf die Eheſchließung und Kinderzeugung können nur im Zuſammenhang mit veränderter Lebensauffaſſung und -führung, mit veredelten Inſtitutionen entſtehen, nicht durch billige Ratſchläge an die Armen herbeigeführt werden.
Das große Problem, die Bevölkerung ſtets wieder in Einklang zu ſtellen mit den wirtſchaftlichen Lebensbedingungen, ſteht daher trotz der großen Auswege, die wir im folgenden betrachten, auch heute noch, und jetzt wieder mehr als zur Zeit des unbedingten Optimismus, vor uns. Wir werden ſehen, daß zuletzt nur die ſittliche Zucht und die richtige Ausbildung unſerer Inſtitutionen uns helfen kann.
Es iſt eine neuere, halbpraktiſche, halbtheoretiſche Richtung von Ärzten, edlen Schwärmern und klugen Genußmenſchen, welche glaubt, viel einfacher helfen zu können: der ſeit 25 Jahren ausgebildete Neumalthuſianismus. Er verlangt frühe Ehen mit beabſichtigter Beſchränkung der Kinderzeugung, ſoweit ſie 2—3 Kinder überſchreitet — die Sitte des Zweikinderſyſtems, welche in den Vereinigten Staaten, in Frankreich und auch ſchon in manchen anderen Ländern die höheren Geſellſchaftskreiſe und die Bauern, teilweiſe ſogar ſchon weitere Kreiſe ergriffen hat. Man hat früher ſolche Vorſchläge als unſittlich und ſtrafbar angeſehen und ſie ſtrafrechtlich verfolgt, ſie als Eingriffe in die göttliche Schickſalslenkung verurteilt. Das geht zu weit. Menſchliche Vorausſicht und planmäßiges Handeln muß, wie überall, ſo auch hier erlaubt ſein; wo 20—40 % der Neugeborenen in den erſten Jahren wieder ſterben, iſt die Verhinderung ihrer Geburt und ihres Todes mindeſtens der geringere Fehler. Für beſtimmte Fälle muß aus mediziniſchen und moraliſchen Gründen Derartiges erlaubt ſein. Aber die allgemeine Verbreitung der hiefür nötigen Kenntniſſe und Praktiken hat zunächſt andere Schattenſeiten ernſteſter Art. Sie erleichtert zugleich jede Art von geſchlechtlicher Unſittlichkeit, und ſie fördert den Egoismus, die Bequemlichkeit, die Genußſucht der Eltern, ſie vermindert leicht jene höchſte Elterntugend, die erſchöpfende Aufopferung für die Kinder, ſowie die größte Anſtrengung der ganzen Nation für ihre Zukunft. Vielleicht iſt in künftigen Zeiten höherer moraliſcher Ausbildung des Menſchengeſchlechtes es denkbar, daß dieſe Schäden nicht oder in geringem Maße eintreten; vielleicht iſt, wenn die ganze Erde ſtatt 1500 6000—12000 Mill. Menſchen trägt, kein anderer Ausweg möglich; zunächſt betreten ihn allgemeiner nur die alternden, abſterbenden Raſſen, Völker und Klaſſen; die jugendlich kräftigen und aufwärtsſteigenden vermeiden in der Hauptſache noch mit Recht das Zweikinderſyſtem, weil ſie noch an ihre eigene Ausbreitungsfähigkeit nach außen und an ihre Verdichtung im Innern glauben.
74. Das Bevölkerungsproblem und die Wege ſeiner Löſung: b) die Ausbreitung nach außen, Eroberungen, Koloniſationen, Wanderungen. Wir ſahen, daß die heutige Bevölkerungsbewegung durch die Wanderungen zeit- und ſtellenweiſe ſtark beeinflußt wird. Wir haben oben erwähnt, daß die Entſtehung der Tier- und Pflanzenarten ſowie der Menſchenraſſen auf Wanderprozeſſe zurückgeführt wird. Wir wiſſen, daß die Menſchheit größere Zeiträume der unſteten Wanderung als der Seßhaftigkeit hinter ſich hat, daß ihre Ausbreitung wie die der wichtigſten Kulturerrungenſchaften, Einrichtungen, Religionen und Sitten, die Ausbreitung des Geldes, der Schrift, des Handels über die Erde auf Wanderungen beruht. Moritz Wagner ſagt: die Migrationstheorie iſt die fundamentale Theorie der Weltgeſchichte. —
Die Wanderungen der Menſchen zerfallen in drei klar ſich ſcheidende Epochen: α) die roheren Naturvölker haben meiſt zum Boden noch kein feſtes Verhältnis, ſie wandern häufig und geſchloſſen in Stämmen; β) die ſeßhaft gewordenen Völker verlieren die Wanderluſt und -Fähigkeit zu einem erheblichen Teile, nur teilweiſe über ſie ſie noch in der Form von Eroberung und Koloniſation aus; γ) die heutigen Kulturvölker haben ſich erſt auf Grund der modernen Verkehrsmittel und des modernen Völkerrechts zu einer ſteigenden Einzelaus- und -Einwanderung erhoben und haben zugleich die Ausdehnung über die ganze Erde wieder als Koloniſatoren in großem Stile aufgenommen.
α) Auch die roheſten Stämme haben da und dort unter günſtigen Bedingungen an derſelben Stelle durch Generationen hindurch ſich aufgehalten. Aber ſo lange kein Hausbeſitz von Wert, keine wertvoll gewordenen Acker-, Garten-, Wege- und Brunneneinrichtungen ſie feſſeln, laſſen ſie ſich leicht von Feinden weiter drängen, verlaſſen ſie erſchöpfte Jagd-, Weide- und Ackergründe leicht, um beſſere zu ſuchen; ſie bedürfen großer Flächen; kleine Zunahme treibt die Stämme oder Teile derſelben weiter; Beuteluſt, Abenteurerſinn, dunkle Hoffnungen auf beſſere Exiſtenz wirken mit. Auch der Herdenbeſitz und der primitive Ackerbau haben Jahrtauſende lang die Wanderungen wohl etwas erſchwert, aber nicht verhindert. Die Indogermanen ſind von Mittelaſien über ganz Europa, die Mongolen über Europa, Aſien und Amerika, die Malaien von Madagaskar über Südaſien bis in die fernſten Inſeln des ſtillen Ozeans gewandert. Faſt alle antike und die ältere mittelalterliche Staatenbildung knüpft an die Wanderungen der Kulturraſſen an. Auch die ſeit Jahrzehnten ſeßhaft gewordenen Völker ſind leicht immer wieder ganz oder teilweiſe in Bewegung gekommen, wie wir in der Völkerwanderung ſehen. Die Indogermanen hatten, wie Ihering an der Inſtitution des ver sacrum der Römer nachzuweiſen ſucht, den an die Wanderſitte und Marſchorganiſation der Halbnomaden ſich anſchließenden Brauch ausgebildet, zu beſtimmter Zeit, wenn ihrer zu viele wurden, eine Auswahl junger Männer und Weiber, mit Führern, Waffen und Vieh vom Hauptſtamme ausgeſtattet, hinauszuſenden, um ſich eine neue Exiſtenz zu gründen. Ein Nachklang dieſer älteſten Wanderungen der Stämme oder Stammesteile iſt es, wenn in den großen Eroberungsreichen des Orients eine barbariſche Königsmacht ganze Stämme oder ihre Ariſtokratien und oberen Schichten zu Tauſenden in ganz entfernte Landſchaften verſetzte, um ſo den nationalen Geiſt und die Stammesorganiſation zu brechen. Und Ähnliches wiederholt ſich ſpäter in den ver- ſchiedenſten Teilen der Erde von Karl d. Gr. bis in die centralamerikaniſchen Reiche des 15.—16. Jahrhunderts.
Bei allen dieſen älteren Stammes- und Völkerbewegungen, wobei Hunderte und Tauſende gemeinſam mit Weib und Kind, mit Hab und Gut, mit Vieh und Wagen ſich kämpfend in Bewegung ſetzten, teils in leere Gebiete eindrangen, teils erobernd oder geduldet in ſchon beſiedelte Länder vordrangen, andere Stämme oder Völker knechteten oder vernichteten, handelte es ſich um halb- oder ganz kriegeriſche, von Häuptlingen oder Königen geleitete Bewegungen, die ebenſo oft zum Untergang der Wanderer als zu dem der von ihnen Bedrohten führten; alle dieſe Wanderungen haben durch Hunger, Krankheit und Mißgeſchick aller Art ebenſo wie durch Kämpfe einen entſetzlichen Menſchenverbrauch herbeigeführt, aber daneben die kräftigſten Völker zur Herrſchaft und zum Gedeihen in den für ſie paſſendſten Gebieten gebracht.
β) Die ſeßhaft gewordenen Völker verlieren die Wanderungs-, Eroberungs- und Expanſionsfähigkeit in dem Maße, als die friedliche Ackerbaukultur ihnen gelingt, als ſie einen im Werte ſteigenden Haus-, Acker-, Garten- und Baumbeſitz haben, als ſtarke Nachbarn ſie umgeben. Einzelne ſpinnen ſich raſch in philiſterhafte Ruhe und in ein behagliches örtliches Wirtſchaftsleben ein; andere behalten wenigſtens die Kraft, die ihnen zugefallenen leeren Räume zu beſiedeln, die Waldungen zu roden und ſo die Möglichkeit der Exiſtenz für eine wachſende Nachkommenſchaft zu ſchaffen. Wo Schifffahrt und Handel blühen, oder kriegeriſcher Eroberungsgeiſt im Volke oder in einer herrſchenden Klaſſe ſich erhält, da kann freilich lange auch bei im übrigen friedlich gewordenen Völkern der Halb- oder Ganzkultur die Tendenz der Expanſion ſich erhalten; da werden, wie durch die Phöniker, die Karthager, die Griechen Handelsfaktoreien und bald auch Töchterſtädte und -Staaten gegründet, die teilweiſe die Mutterſtadt überflügeln, einen großen Bevölkerungsabfluß ſchaffen. In Griechenland blühte ſolche Kolonieausſendung und -Gründung vom 9. bis 6. Jahrhundert v. Chr.; ſie geſchah jedesmal nach Befragung des delphiſchen Gottes auf Volksbeſchluß und Staatsgeſetz hin, mit einer Landvermeſſung und unter Leitung durch die angeſehenſten, amtlich hiezu beſtellten Bürger, die ſogenannten Oikiſten. Nochmals unter Alexander und ſeinen Nachfolgern fand eine Maſſenauswanderung der Griechen ſtatt; 70 Städte hat allein Alexander gegründet und gleichmäßig mit Griechen und Orientalen beſetzt; der ganze Orient wurde helleniſiert, ähnlich wie ſpäter der Occident romaniſiert wurde. Auch die römiſche Koloniegründung war Staatsſache; es handelte ſich zuerſt um Militärkolonien von je 300 Bürgern für italiſche Hafenſtädte, ſpäter um die Latiniſierung ganzer Gegenden, z. B. Oberitaliens, ſeit der Zeit der Gracchen um Landzuteilungen an Bauernſöhne und verarmte Stadtbürger, zuletzt um die Belohnung von Tauſenden von Veteranen und dann auch um die Anſiedelung von Germanen in entvölkerten Grenzprovinzen. Kolonien von 4—6000 Bürgern kommen vor; Cäſar will 80000 arme hauptſtädtiſche Bürger in überſeeiſche Provinzen führen; 12000 Latiner wurden 187 v. Chr. auf einmal aus der Stadt Rom verwieſen; nach der Schlacht von Philippi waren 170000 Mann zu verſorgen. Das Söldnerweſen hat im ganzen Altertum wie ſpäter im Mittelalter eine Rolle im Bevölkerungsabzug geſpielt, gewiſſen Gegenden den Überſchuß abgenommen, anderen die fehlenden kräftigen Elemente zugeführt.
Die koloniſierende Eroberung der Germanenvölker in den erſten Jahrhunderten nach Chriſti verwandelte ſich ſpäter in die innere Koloniſation vom 6.—13. Jahrhundert, in die Städte- und Dorfgründung, in das Vordringen nach Oſten ins Slavenland, in die Gründung der Handelsfaktoreien im Mittelmeere und in den nordiſchen Gebieten. Auch die Kreuzzüge gehören in dieſen Zuſammenhang; ſie ſollen Millionen Menſchen weggeführt haben. Aber teils ſchon vom 12.—13., teils vom 15. und 16. Jahrhundert an hörte dieſe Ausdehnungsbewegung auf. Die Entdeckung der neuen Welt, ſo großartig ſie war, ſo raſch ſie zu Niederlaſſungen, Handelsfaktoreien und den ſpaniſchen, portugieſiſchen und holländiſchen Reichen in Oſt- und Weſtindien führte, erzeugte doch lange keinen größeren Menſchenabfluß aus Europa; ſie hob die faſt vorhandene Unbeweglichkeit der europäiſchen Menſchheit von 1500—1700 gar nicht, von 1700—1800 nur wenig auf.
γ) In den größer gewordenen europäiſchen Staaten, die vom 15.—19. Jahrhundert eiferſüchtig, gedrängt nebeneinander lagen, verbot man meiſt die Auswanderung; die Loslöſung aus der Heimat war ſchwierig; die Mehrzahl der Menſchen war an die Scholle gefeſſelt; die Neugründung von Niederlaſſungen war kaum mehr irgendwo möglich; nur vereinzelt trieb kirchliche Unduldſamkeit, wie in Spanien, Frankreich und Öſterreich, Scharen der beſten Bürger weg. Die neuen Kolonien jenſeit der Meere ſah man als einen Gegenſtand der kaufmänniſchen Ausbeutung, der politiſchen Herrſchaft und der Chriſtianiſierung, nicht als zu beſiedelnde, den Menſchenüberſchuß aufnehmende Gebiete an. Nur langſam begann im 17.—18. Jahrhundert in den Neuenglandſtaaten eine europäiſche Ackerbaukoloniſation. Erſt in unſerem Jahrhundert hat die moderne Technik, die Ausdehnung der europäiſchen Herrſchaft, die Umbildung des Völker- und Staatsrechtes und das große Wachstum der europäiſchen Bevölkerung den Wanderungen wieder eine lange Zeit hindurch ungekannte Bedeutung gegeben.
Das ſie von allen früheren Zeiten unterſcheidende Merkmal dieſer modernen Wanderungen iſt es, daß ſie zum großen Teile von den einzelnen Individuen und Familien ausgehen, daß neben politiſchen und religiöſen Stimmungen in erſter Linie wirtſchaftliche Motive der Wandernden und Erwerbsabſichten derer, welche ſie befördern, welche ihre Arbeit begehren, an ſie Grundſtücke verkaufen wollen, das ganze Getriebe derſelben in Bewegung ſetzen. Große Compagnien und Handelsgeſellſchaften haben dabei ſtets eine Rolle geſpielt. Die Regierungen ſelbſt aber, die Organe der Geſamtheit, haben ſich teils paſſiv gehalten, teils nur durch Erwerb von Kolonien und Handelsſtationen und ihre erſte Einrichtung, durch internationale Verträge und Ähnliches die Wanderungen ermöglicht, jedenfalls nicht in dem Maße wie früher im Altertum, in der Völkerwanderung, zur Zeit der deutſchen Koloniſation der Slavenlande, ſyſtematiſch einheitlich dieſen ganzen Prozeß geleitet. Die älteren Wanderungen und Koloniſationen waren Volks- und Staatsſache, die modernen ſind überwiegend Sache der Individuen. —
Die neueren Wanderungen können geſchieden werden in periodiſche und dauernde, in innere und äußere. Die periodiſchen Wanderungen, welche die Wanderer ſtets wieder zur alten Heimat zurückbringen, haben früher bei Nomaden und Jägern wohl noch umfaſſender ſtattgefunden als heute. Aber auch jetzt ſind ſie in gebirgigen Ländern vielfach für die Viehernährung nötig; ſie finden dann in umfaſſendem Maße von Seiten land- und forſtwirtſchaftlicher, auch gewerblicher Arbeiter ſtatt; Hauſierer und Kaufleute, Schiffer und Matroſen ſind einen großen Teil des Jahres in Bewegung. An all’ dieſe periodiſchen Wanderungen knüpft ſich häufig die dauernde Loslöſung. Die außerordentliche Ausdehnung des heutigen Reiſeverkehrs, des Suchens von Stellen in der Ferne, im Auslande hat eine große Zahl von Menſchen geſchaffen, die viele Jahre nicht ſicher wiſſen, ob ſie dauernd an ihren neuen Wohnorten bleiben oder in die Heimat zurückkehren werden.
Der Unterſchied zwiſchen den Wanderungen nach dem Auslande und im Inlande iſt zunächſt ein rein formaler, vom jeweiligen Staats-, Verwaltungs- und Völkerrecht bedingter. Je kleiner die Staatsgebiete ſind, deſto häufiger iſt ſchon die Überſiedelung an einen Ort von 1—10 Meilen Entfernung Auswanderung, nicht Binnenwanderung. Überall an den Grenzen der Staaten, wo lebendiger Austauſch der Kräfte ſtattfindet, iſt auch die definitive Überſiedlung wirtſchaftlich kein ſo erheblicher Wanderſchritt, wie wenn der rheiniſche Bauernſohn in Poſen ſich anſiedelt. Die vorübergehenden und dauernden Binnenwanderungen ſind durch die heutige Niederlaſſungsfreiheit, die ins Ausland durch die neueren internationalen Verträge außerordentlich erleichtert worden. Die Rechtsſyſteme in Bezug auf die Entlaſſung aus den heimatlichen Rechtsverhältniſſen ſind heute noch ſehr verſchieden; England hält auch die draußen Wohnenden rechtlich anders feſt als Deutſchland. Der Wanderprozeß ſelbſt aber wird dadurch nicht viel beeinflußt.
Die Ziele der Wanderung ſind teils im Inlande liegend, teils ſind es andere kultivierte Länder unſerer Zone, teils unbeſiedelte fremde Länder und Kolonien. Der große Strom unſerer inneren Wanderungen geht vom Lande nach den Mittelpunkten der Induſtrie und des Handels; teilweiſe findet aber auch eine Bewegung nach bisher weniger beſiedelten ländlichen Gebieten des Inlandes ſtatt; man ſpricht da von innerer Koloniſation, wo noch Platz zu Neuanſiedlungen, zur Bildung kleinerer Güter, zu Anlagen auf bisher unwirtlichem, nun melioriertem Boden vorhanden iſt. Reiche, die, wie Nordamerika und Rußland, ſich neuerdings noch in unmittelbarer Nähe großartig ausdehnen konnten, haben auch noch eine große innere Koloniſation, welche wirtſchaftlich die Folgen der eigentlichen Auswanderung anderer Staaten übertrifft und den großen Vorteil hat, die Neuanſiedler als Staatsbürger und im geographiſchen Zuſammenhang mit der alten Heimat zu erhalten.
Die Staaten, welche ſich nicht ſo ausdehnen und auch in der Ferne keine neuen Beſitzungen erwerben konnten, wie Deutſchland, Italien, die ſkandinaviſchen Reiche, haben ihre Auswanderer meiſt nach den Vereinigten Staaten oder in engliſche Kolonien geſchickt. Die Folge war faſt ſtets, daß die Auswanderer und ihre Nachkommen bald die Sprache und Nationalität verloren, auch wirtſchaftlich von der alten Heimat ſich löſten. Solche Auswanderung hat entfernt nicht den Vorteil fürs abgebende Land wie die in eigene Kolonien.
Unter Kolonien im weiteren Sinne verſteht man vom Mutterlande getrennte, von ihm in irgend welcher Rechtsform abhängige Gebiete, hauptſächlich ſolche, welche, in erheblicher Entfernung, auf niedriger wirtſchaftlicher Kulturſtufe ſtehen, durch ihre Abhängigkeit vom Mutterlande dieſem als wirtſchaftliche Glieder dienen. Volkswirtſchaftlich unterſcheidet man hauptſächlich: Handelskolonien, Ackerbaukolonien und Pflanzungskolonien, wobei je der in der Kolonie vorangeſtellte wirtſchaftliche Zweck den Namen beſtimmt; die Handelskolonien ſind oft ſehr klein, beſtehen nur aus Faktoreien; die Ackerbaukolonien der Europäer müſſen gemäßigtes Klima und Raum für Siedlungen haben; die Pflanzungs-(Kultivations-)Kolonien liegen im heißen Klima, ſuchen mit eingeborenen Arbeitskräften die Produkte des Südens zu erzeugen, dem Kapital und den führenden Kräften des Mutterlandes Beſchäftigung und Gewinn zu verſchaffen. Rechtlich pflegt man zu unterſcheiden: bloße Stationen (Marine-, Militär-); eigentliche, ſtaatsrechtlich ganz abhängige Kolonien, wie die engliſchen, die deutſch-afrikaniſchen; konföderierte Kolonien mit politiſcher Selbſtändigkeit nach innen, wie Kanada und Auſtralien; ſogenannte Nationaldomänen, wie Indien für England, Java für Holland, welche ohne Selbſtregierung vom Mutterlande abhängig, doch eine eigene Regierung haben; Protektoratsländer oder Schutzländer, wie Tunis gegenüber Frankreich; endlich Intereſſen- und Machtſphären, d. h. Gebiete, in welchen auf Grund wirtſchaftlicher und politiſcher Einflüſſe der intereſſierte Staat den Einfluß anderer Mächte glaubt aus- ſchließen zu dürfen.
Die Urſachen des Gedeihens oder Nichtgedeihens der neuen europäiſchen Kolonien, die bedeutſame Rückwirkung derſelben auf die Macht- und Wirtſchaftsverhältniſſe der Mutterlande, die Koſten derſelben und ihre Rentabilität, die politiſchen Verfaſſungsverhältniſſe und die wirtſchaftlichen und Handelseinrichtungen derſelben können wir hier nicht verfolgen. Wir haben nur die Wirkung der neueren Koloniſation auf die Bevölkerungsverhältniſſe hier ins Auge zu faſſen. Es handelt ſich dabei um zwei Reihen von Erſcheinungen: um die Wirkung auf die einheimiſche Bevölkerung der Kolonien und die auf die europäiſchen Mutterländer.
Die Herrſchaft der Europäer hat in vielen Kolonien die kleinen Stämme der Jäger, Hirten und primitiven Ackerbauer durch falſche Behandlung, verkehrte oder zu raſche Octroyierung europäiſcher Kulturformen, durch Einführung europäiſcher Genüſſe und Laſter, durch Beſchränkung auf zu enge Gebiete und teilweiſe durch direkten Kampf, Verdrängung und Tötung beſeitigt. Zu oft nur wurde der falſche Satz proklamiert, wer nicht (d. h. nicht ſofort) zur höheren Kultur taugt, mag zu Grunde gehen. Die europäiſche Herrſchaft hat aber daneben auch in weit größeren Gebieten, hauptſächlich Aſiens, durch Herſtellung eines geordneten Friedenszuſtandes und einer leidlichen Verwaltung, durch Erziehung zur Arbeit und zu verbeſſerter Produktion die eingeborenen Bevölkerungen erhalten und vermehrt. Es gelang da, wo die Eingeborenen ſchon etwas höher ſtanden, und wo die Verwaltung die überkommenen Inſtitutionen ſchonte, dem europäiſchen Unternehmungsgeiſte Schranken ſetzte. Das engliſche Indien hat wahrſcheinlich nie eine ſo große Bevölkerung geſehen wie heute. Die größte Muſterleiſtung der Kultivation oder Erziehung zur Arbeit durch europäiſche Herrſchaft und Produktionsteilung, die niederländiſche in Java und Madura hat 1816—86 aus 4,6 Mill. 22 Mill. Menſchen gemacht. Auch in Afrika ſteht Ähnliches bevor: Ägypten hat wieder die Menſchenzahl ſeiner alten Blüte erreicht. Nordafrika wird bald ein ähnliches Reſultat zeigen, und Süd-, ja ſelbſt Centralafrika läßt Analoges hoffen.
So lange die Europäer nur als Regenten, Feudalherren, Prieſter und Krieger, als Händler, Beamte der Compagnien, Vorſteher von Handelsſtationen nach den neuen Weltteilen kamen, mußte ihre Zahl ſo gering bleiben, daß die Bevölkerung Europas davon nichts ſpürte; im 17. Jahrhundert begannen die Ackerbaukolonien hauptſächlich in Nordamerika; die Auswanderung blieb aber immer noch mäßig, überſtieg z. B. aus Deutſchland im 18. Jahrhundert kaum 100000 Seelen. Immer lebten 1800 ſchon etwa 9 Mill. Menſchen europäiſcher Raſſe in den außereuropäiſchen Gebieten. Im 19. Jahrhundert ſtieg die europäiſche Auswanderung ſucceſſive; ſie erreichte allein nach den Vereinigten Staaten 1841—50 ſchon 1,7, 1881—90 5,1 Mill. Seelen; im ganzen betrug die europäiſche Auswanderung bis 1891 ca. 26 Mill., wovon 11 aus Großbritannien, 6 aus Deutſchland, 1 aus Skandinavien ſtammen. In den Vereinigten Staaten waren 1840 1 Mill., heute faſt 3 Mill. in Deutſchland geborene Einwohner, faſt 7 Mill., wenn man die zurechnet, deren beide Eltern Deutſche waren. Auch einzelne europäiſche Länder haben noch in unſerem Jahrhundert eine erhebliche Zuwanderung: Frankreich z. B. 1850—90 1,5 Mill.; es leben heute dort über 1 Mill. Fremde, 30 ‰ der Bevölkerung, in der Schweiz 80 ‰, in Belgien 27 ‰. Daß die großen Binnenwanderungen der Vereinigten Staaten nach dem Weſten, Rußlands nach dem Oſten eine ähnliche wirtſchaftliche Bedeutung haben, erwähnten wir ſchon.
Die Urſachen der Wanderungen des 18. und 19. Jahrhunderts ſind die mannigfachſten: religiöſer und politiſcher Druck, nationale Mißſtimmung (z. B. in Irland), die jeweilige ſehr verſchiedene Aus- und Einwanderungspolitik in der Heimat und Kolonialgebieten und die geſchäftliche Organiſation und rechtliche Ordnung der Auswanderung, des Beförderungsweſens, der Neuanſiedlung wirkten mit; aber das Ent- ſcheidende war doch ſtets die relative Übervölkerung in der Heimat, die wachſende Schwierigkeit, für eine zunehmende Bevölkerung bei der vorhandenen Technik, Beſitzverteilung und volkswirtſchaftlichen Verfaſſung ſo leicht wie bisher eine Familie zu gründen, für zahlreiche Kinder zu ſorgen. Solche Schwierigkeit konnte bei dichter wie bei ſparſamer Bevölkerung, in induſtriellen wie in agrikolen Gegenden vorliegen. Die deutſchen Auswanderer von 1750—1850 waren hauptſächlich ſüddeutſche Zwergbauern und Handwerker mit ihren Söhnen, 1850—90 Tagelöhner und Bauern des Oſtens, die keinen oder nicht genug Grundbeſitz fanden. Es waren nirgends die ganz armen und die ganz wohlhabenden Elemente, ſondern tüchtige, energiſche, nicht ganz beſitzloſe Leute. Was die ca. 6 Mill. deutſcher Auswanderer des 19. Jahrhunderts an Erziehungskoſten, die ſie der Nation nicht vergütet haben, und an barem Kapital mitnahmen, kann man ſehr mäßig auf 6—8 Milliarden Mark veranſchlagen.
Die Beurteilung dieſes großen Wanderprozeſſes und die dem entſprechende Politik war natürlich nach Zeit und Land ſehr verſchieden. Wo und ſo lange die Menſchen mangelten, wie im vorigen Jahrhundert in Preußen, in dieſem lange in den Vereinigten Staaten und anderen Kolonien, hat man die Einwanderung begünſtigt, ſie und die Anſiedlung teilweiſe mit ſtaatlichen Mitteln unterſtützt. Wo man den Abzug fürchtete, hat man die Auswanderung durch Verwaltung und Recht bis tief in unſer Jahrhundert erſchwert; die Auswanderungsfreiheit als allgemeines Menſchenrecht iſt ſehr jungen Datums (1820—50). Die Betrügung und Mißhandlung der Auswanderer durch Agenten und Schiffsunternehmer, durch Wirte und Geſchäftsleute zu Hauſe und in der Fremde hat zu ſo unerhörten Mißbräuchen geführt, daß Aus- und Einwanderungsſtaaten — freilich recht langſam und ſchüchtern, um das einträgliche Geſchäft nicht zu verderben — von 1803 bis zur Gegenwart zu einer ſchützenden und kontrollierenden Geſetzgebung kamen. Zu einer Erſchwerung der Einwanderung unliebſamer Elemente (Chineſen, Sträflingen, Mittelloſen ꝛc.) griffen ſeit 25 Jahren die Vereinigten Staaten, Kanada und Auſtralien. Das Wichtigſte aber war in jedem Lande mit erheblicher Aus- oder Einwanderung, ob die Staatsgewalt ſie in ſyſtematiſchen Zuſammenhang mit der ganzen Wirtſchafts-, Handels- und Machtpolitik brachte oder ſie im Sinne der Mancheſterlehre ſich ganz ſelbſt überließ als etwas, was den Staat nichts angehe. Die großen und ſelbſtbewußten Staaten, wie England, Rußland, die Vereinigten Staaten, konnten ſich, auch wenn im übrigen ſolche Theorien überwogen, nie ganz auf dieſen Nachtwächter- ſtandpunkt ſtellen. Sie haben in unſerem Jahrhundert wieder mit Energie begonnen, dieſen Wanderprozeß in ihrem nationalen Macht-, in ihrem Kolonial- und Handelsintereſſe zu leiten. Deutſchland, unfähig, ſeine Söhne in eigene Kolonien zu bringen und ſie in dauernder Verbindung mit dem Mutterlande zu erhalten, hat bis vor kurzem all’ das verſäumt, höchſtens da und dort verarmte Auswanderer wegſchaffen helfen. Die Arbeitgeber und Grundbeſitzer haben ſich auf kurzſichtiges Jammern beſchränkt, daß ihnen die Arbeitskräfte weggehen, die internationalen Schwärmer und Mancheſterleute haben ſich über den Verluſt an Menſchen und Kapital, über die Thatſache, daß Deutſchland die Kinder- und Schulſtube für die übrige Welt ſei, damit getröſtet, daß es vielleicht in Deutſchland noch ſchlimmer ausſähe, der Lohn noch gedrückter wäre, wenn die 6 Mill. Auswanderer und ihre Kinder noch zu Hauſe wären. Erſt neueſtens iſt eine größere Auffaſſung über die Pflicht des Staates, ſich darum zu kümmern, auch bei uns eingetreten. Aber dieſe beſſere Einſicht iſt noch nicht über die Kinderjahre hinaus.
Über die zahlenmäßige Bedeutung der Auswanderung hat man ſich oft deshalb getäuſcht, weil man ſah, daß ſie für gewöhnlich nur die natürliche Zunahme von 8—14 ‰ auf 4—8 ‰ ermäßige; man hat dann auch betont, ſie habe nach ihren Höhepunkten 1850—55 (100—162000 im Jahre) und 1880—90 (100—203000) raſch wieder abgenommen; man hat auch geſagt, ſie entlaſte die heimiſche Bevölkerung nur, wenn ſie vorübergehend in größtem Maßſtabe gelänge; wo ſie dauernd platzgreife, erzeuge ſie eher eine weitere Zunahme der Bevölkerung. Das ſind lauter partielle Wahrheiten, die aber den Kern der Sache nicht treffen. Das Weſentliche liegt doch im folgenden.
Der große Wanderprozeß hat es in unſeren Tagen dahin gebracht, daß 1890 nicht 9, ſondern 90 Mill. Menſchen europäiſcher Raſſe außerhalb Europas leben; 1990 werden es mindeſtens 4—500 Mill. ſein. Die Nationen mit Auswanderung ſind die kräftigen und geſunden, die aufwärts ſteigenden. Hübbe-Schleiden prophezeit, daß 1980 gegen 900 Mill. Angloſachſen (Engländer und Amerikaner), gegen 300 Mill. Ruſſen und gegen 150 Mill. Deutſche die Erde bewohnen werden. Leroy-Beaulieu meint, in einigen hundert Jahren würden Chineſen, Ruſſen und Angelſachſen je 3—500, die Deutſchen 200 Mill. Menſchen ausmachen, alle anderen, mehr ſtillſtehenden, nicht wandernden Völker zur Bedeutungsloſigkeit herabgedrückt ſein. Die Zukunft der Völker, ihre Macht und ihr Wohlſtand hängt ſo nicht allein, aber mit von ihrer Wander-, Koloniſations- und Kultivationsfähigkeit ab.
75. Das Bevölkerungsproblem und die Wege ſeiner Löſung: c) die Verdichtung. Schluß. Die Hemmungen und die Wanderungen greifen bedeutungsvoll in die Bevölkerungszunahme und Bewegung ein. Aber die wichtigſte Frage für ein raſch wachſendes Volk bleibt ſtets doch, ob und in wie weit, unter welchen Bedingungen es im eigenen Gebiete wachſen könne. Die Verdichtung der Bevölkerung iſt das natürliche Ergebnis geſunder Zuſtände, wie es die Vorausſetzung der höheren Kultur iſt. Aber darin liegt nun eben die Eigentümlichkeit des Bevölkerungsproblems, man möchte ſagen ſeine Tragik, daß einerſeits die ſtärkſten menſchlichen Triebe, das Elternglück, die Staats-, Wirtſchafts- und Machtintereſſen, auf dieſe Verdichtung immer hindrängen, und andererſeits die Erreichung des Zieles dasſelbe wieder bedroht, d. h. die erheblich verdichtete Bevölkerung unter den hergebrachten Lebensbedingungen nicht mehr exiſtieren kann, ohne zu Not, Mangel und Elend zu führen. Jedes Maß der Dichtigkeit ſetzt eine beſtimmte Technik und Organiſation des Wirtſchaftslebens, beſtimmte Sitten und Moralregeln, beſtimmte Geſellſchaftseinrichtungen voraus, welche für die doppelt ſo große Bevölkerung unzureichend, unmöglich, ja tödlich ſind.
Bleiben wir aber zunächſt bei einer Prüfung der Statiſtik. Die Dichtigkeit der Bevölkerung wird am beſten in der Weiſe gemeſſen, daß man die gezählte Volksmenge mit der Fläche vergleicht, berechnet, wie viel Menſchen auf die Geviertmeile oder den Geviertkilometer im Durchſchnitt eines Gebietes kommen. Die erſtere Berechnung war früher allgemein üblich, die letztere iſt heute bei uns im Brauch und hier von uns gemeint, wenn wir nichts beifügen; 1000 Seelen auf die Geviertmeile ſind gleich 17,7 auf den Geviertkilometer. Man muß zur Vergleichung analoge Gebietsabſchnitte von einiger Größe auswählen: ganze Staaten, Provinzen, Bezirke, höchſtens Kreiſe; je kleiner die gewählten Gebiete, deſto zufälliger iſt der Durchſchnitt. Alle Bevölkerung muß ſchon durch Stadt und Land ſehr ungleich verteilt ſein; dieſen Unterſchied der Verteilung beſprechen wir unten bei der Siedlung; die gewöhnliche Erörterung der Dichtigkeit ſieht davon ab; es intereſſiert ſie nicht, daß im Centrum Berlins 32000—54000, in Brandenburg ohne Berlin 64 Seelen auf den Geviertkilometer kommen; für ſie hat die ganze Provinz heute durchſchnittlich 103 Seelen. Man muß ſich nur bewußt bleiben, daß auch abgeſehen vom Gegenſatz von Stadt und Land die Dichtigkeit in jedem Lande nach natürlichen und kulturell-hiſtoriſchen Verhältniſſen ſehr verſchieden iſt, daß, je größere Gebiete man zur Darſtellung wählt, deſto verſchiedenere Zuſtände im Durchſchnitt auf einen mittleren Zahlenausdruck gebracht ſind, der vielleicht in Wahrheit nirgends oder nur an wenigen Stellen thatſächlich zutrifft. Die deutſche Dichtigkeit iſt heute 91, aber die Kreiſe ſchwanken zwiſchen 14 und 600; die großbritanniſch-irländiſche iſt 124, während ſie in den Grafſchaften von wenigen Seelen bis 4400 ſteigt.
Am belehrendſten ſcheint es mir nun, die Mitteilung der Thatſachen mit einem Schema zu beginnen, das die typiſche Dichtigkeit nach den Stufen der ökonomiſchen Kultur und nach den gröbſten Naturunterſchieden auführt: ich ſchließe mich dabei der Aufſtellung von Ratzel an. Die Dichtigkeit iſt für gewöhnlich bei und in:
Ich füge dieſen ſchematiſchen Schätzungen nun noch einige hiſtoriſche und eine Anzahl neuerer feſtſtehender Zahlen bei:
- Frankreich
- zu Cäſars Zeit 7,6
- 1328 40
- 1574 27
- 1700 42
- 1800 50
- 1895 71
- Deutſchland
- zu Chriſti Geburt 5—6
- 1300 17—20
- 1620 25
- 1700 26—28
- 1800 40—45
- 1895 92.
- England und Wales
- 1100 8
- 1450—1600 17
- 1700 33
- 1800 58
- 1891 192
In den Jahren 1890—95 zählte man:
- in ganzen Staaten
- Belgien 206
- Niederlande 139
- Großbritannien und Irland 124
- Japan 106
- Italien 105
- Öſterreich 86
- Schweiz 71
- Dänemark 55
- Ungarn 54
- Spanien 35
- Europ. Rußland 17
- Schweden 10
- Ver. Staaten 7
- Norwegen 6
- in Teilen der nicht deutſchen Reiche und Staaten
- Schottland 51
- Irland 56
- Brittiſch-Indien 71
- Bengalen 182
- Ruſſiſch-Polen 65
- Finnland 7
- Ruſſiſch Central-Aſien 1,6
- Niederöſterreich 133
- Bosnien, Herzegowina 26
- Campanien 190
- Sardinien 30
- in deutſchen Staaten und Provinzen
- Oſtpreußen 53
- Weſtpreußen 56
- Pommern 51
- Mecklenburg 45
- Schleswig-Holſtein 65
- Hannover 59
- Weſtfalen 120
- Rheinland 173
- Schleſien 105
- Poſen 65
- Brandenburg 103
- Pr. Sachſen 102
- Kgr. Sachſen 233
- Thüringen 104
- Heſſen-Naſſau 63
- Bayern 74
- Württemberg 104
- Baden 110
- Gr. Heſſen 129
- Elſaß-Lothringen 111.
Dieſe wenigen Zahlen vermögen immerhin ein volles Bild der hiſtoriſchen Verdichtung und der geographiſch verſchiedenen Dichtigkeit, der Urſachen und Folgen des ganzen Prozeſſes zu geben. Sie deuten an, daß dichtere Bevölkerung und höhere wirt- ſchaftliche, politiſche und geiſtige Kultur bis auf einen gewiſſen Grad Hand in Hand gehen, daß ohne eine gewiſſe Dichtigkeit Arbeitsteilung, lebendiger Verkehr, Marktweſen, Gewerbe, ſtädtiſches Leben, geſteigerte geiſtige Berührung und Reibung der Menſchen, Künſte und Wiſſenſchaften nicht exiſtieren können. Aber ſie zeigen doch auch, daß entfernt nicht die dichteſtbevölkerten Gebiete und Staaten ſtets die reichſten, gebildetſten und mächtigſten waren, daß hohe Kultur und großer Reichtum bei 20—40 wie bei 100—200 Seelen pro Geviertkilometer vorkommen, daß von der Natur begünſtigte halbbarbariſche Gegenden unter Umſtänden die dichteſt beſiedelten ſind. Mit den modernen Verkehrsmitteln iſt höchſter Wohlſtand bei ſparſamer Bevölkerung z. B. in den Kolonien, in den Vereinigten Staaten möglich. Man verfügt hier noch über Naturkräfte in Fülle, die in dicht bevölkerten Gebieten nur noch in kleinſter Portion auf den einzelnen fallen.
Der hiſtoriſche Verdichtungsprozeß, wie er überall in Zuſammenhang mit der Bevölkerungszunahme angeſtrebt wird, hat zunächſt ſeine natürlichen Bedingungen. Wenn im kalten Norden bei primitiver Technik auf der Geviertmeile nur 0,1, ſo leben im Süden, unter den Tropen unter ähnlichen Vorausſetzungen doch ſchon 10—500, bei etwas höherer Technik Tauſende; derſelbe Ackerbau, der bei uns 2000, ernährt dort 10000 Seelen. Die Verſchiedenheit des Bodens, der Höhe über dem Meere, der Feuchtigkeit ſetzt der Menſchenzahl ganz verſchiedene Grenzen. Wenn in den Vereinigten Staaten bei normaler Jahreswärme auf der Geviertmeile 22—31 Menſchen 1890 leben, ſo ſinkt die Zahl auf 3 und 4 herab, wo es zu kalt und zu warm iſt; im ſelben Reiche erhebt ſich, wo die Regenmenge am günſtigſten, d. h. 30—50 Zoll iſt, die Zahl pro Geviertmeile auf 40—60, da aber, wo ſie herabgeht auf 10—20 oder auf 70 Zoll ſteigt, trifft man auf derſelben Fläche nur 1—4 Menſchen. Wo der Boden ſich über eine gewiſſe Höhe erhebt, iſt die Menſchenzahl immer ſpärlich. In Baden trifft man im Thale 227, auf den Hängen 300, bei 600 und 700 Meter Höhe noch 52, über 1100 Meter nur noch 1 Menſchen pro Geviertkilometer. Im Braunſchweigiſchen leben in den reinen Waldgemeinden 44, in den halben Waldgemeinden 55, in den übrigen Ortſchaften 84 Menſchen pro Geviertkilometer; wenn man die landwirtſchaftliche Fläche dieſes Staates nach der Bodengüte in vier Klaſſen teilt, ſo findet man auf dem beſten Boden 116, auf dem guten 107, dem mittleren 97, dem geringen 64 Menſchen pro Geviertkilometer. Je jünger irgendwo die Kultur iſt, deſto mehr werden nur die Flußthäler und günſtigen Seeküſten, die beſten Gegenden (abgeſehen von ſchwer bebaubaren Niederungen) bewohnt, und wenn auch ſpäter nun die Waldgebiete, die Höhen und Gebirge, die Sandflächen und geringen Böden bebaut werden, der Verdichtungsprozeß bleibt hier ein beſchränkter, wie man ſchon daraus ſieht, daß noch heute nur 1 Prozent des Feſtlandes der Erde über 8000 Seelen, nur 6 Prozent 2—8000 Seelen pro Geviertmeile tragen, daß auf einem Siebentel der Erde drei Viertel aller Menſchen wohnen. Mag vollkommenere Technik, Bewäſſerung und Verkehr daran noch vieles ändern, mag heute teilweiſe noch Trägheit die Maſſen in den alten Mittelpunkten der dichten Bevölkerung feſthalten, das deuten doch die erwähnten Thatſachen an, daß die der menſchlichen Kultur zugänglichſten Gebiete längſt reichlich beſetzt ſind, daß der Troſt, erſt ein Drittel der Erde ſei angebaut, nicht ſehr weit her iſt. Freilich kann in Amerika, Afrika, Auſtralien, Aſien die Bevölkerung noch um hunderte von Millionen wachſen; Ravenſtein berechnet, äußerſten Falles hätten 6000 Millionen ſtatt der jetzigen 1500 Millionen auf der Erde Platz; es mögen ſogar 10—12000 Mill. ſein. Aber was ſetzte dieſe Dichtigkeit voraus? Welche Hinderniſſe ſtänden im Wege, um die großen Menſchenmaſſen Europas etwa in die zu bewäſſernde Sahara überzuführen? Außerdem wären bei 10 ‰ jährlicher Zunahme 1500 Mill. in 140 Jahren ſchon bei 6000, in weiteren 70 Jahren bei 12000 angekommen.
Es iſt klar, daß der Verdichtungsprozeß überall da am leichteſten ſich vollzieht, wo ein Volk über ein Gebiet verfügt, das teilweiſe noch ſparſam bebaut iſt oder gar noch größere und fruchtbarere Gebiete als die beſetzten umſchließt. Da kann eine große innere Zunahme und Koloniſation bei ſtabiler Technik faſt ohne Änderung der Sitten und Inſtitutionen erfolgen. In dieſer Lage ſind heute Rußland, die Vereinigten Staaten, einzelne Teile Indiens. Wo es ſich aber darum handelt, daß faſt aller gute und zugängliche Boden bebaut iſt, daß große Gebiete nur etwa durch Bewäſſerungs- oder andere ſchwierige Kulturarbeiten (in Deutſchland z. B. die 4—500 Geviertmeilen Moorland) gewonnen werden können, da iſt die Verdichtung ſchon viel ſchwieriger. Und noch mehr iſt ſie es, wo nur eine allgemeine Veränderung der Technik, eine Vervollkommnung aller wirt- ſchaftlichen Kräfte und ihrer Organiſation die wachſende Zahl von Menſchen auf der- ſelben Fläche zu ernähren geſtattet. Wir ſind damit beim Kern der Frage.
Nehmen wir zunächſt an, es handele ſich nur um techniſche Fortſchritte; auf die übrigen ebenſo wichtigen Bedingungen kommen wir gleich. In erſter Linie ſteht die landwirtſchaftliche Technik, die uns die Nahrungsmittel liefert. Ein Volk, das bisher von der Jagd lebte, ſoll Viehzucht und Ackerbau lernen; ein nicht ſeßhaftes ſoll dem Acker- und Gartenbau ſich zuwenden; es ſollen ſtatt der extenſiven die höheren intenſiven landwirtſchaftlichen Betriebsſyſteme erlernt werden. Welche Summen von Schwierigkeiten ſind da zu überwinden. Schon Klima und Boden ſetzen, wie bereits erwähnt, den Fortſchritten verſchiedene, nirgends ganz überſteigbare Grenzen entgegen; ſelbſt die vollkommenſte Technik kann im Norden nicht die Lebensmittel für 10—15000 Menſchen auf der Geviertmeile erzeugen; die intenſivere Landwirtſchaft liefert bei höheren Koſten von einer gewiſſen Grenze an abnehmende Erträge. Wenn wir die Geſchichte der Landwirtſchaft überblicken, ſo ſind die eingreifenden landwirtſchaftlich-agrariſchen Fortſchritte die ſeltenſten, vielgefeierten Ereigniſſe der Geſchichte; ſie haben ſich ſchwer und langſam verbreitet; ihr Sieg hängt nicht bloß von Klima, Boden, Raſſe und glücklichen Schickſalen, ſondern auch von Änderung der Sitten, des Rechts, ja aller geſellſchaftlichen Inſtitution ab. Der Übergang von der Dreifelderwirtſchaft z. B. zum Fruchtwechſel und zur freien Wirtſchaft brauchte einige Jahrhunderte in Europa; die ganze mittelalterliche feudale Agrarverfaſſung mit ihrer Klaſſenbildung, ihrer Lokalverfaſſung, ihrem Eigentumsrecht, ihrer Grundeigentumsverteilung mußte erſt fallen, ehe die höheren Betriebsformen für 3—8000 ſtatt für 1—3000 Menſchen Lebensmittel pro Geviertmeile erzeugen konnten.
Und doch iſt die wirtſchaftliche Veränderung vielleicht noch nicht die ſchwierigſte, ſo lange es ſich nur darum handelt, in demſelben Gebiete für die einheimiſche Bevölkerung mehr Lebensmittel zu erzeugen. Handelt es ſich dann aber um die höhere gewerbliche, Handels- und Verkehrsentwickelung, zuerſt um die Entſtehung von kleinen Städten, Handwerk und lokalen Märkten, ſpäter um die Haus- und Fabrikinduſtrie, um Kanäle und Eiſenbahnen, um die moderne Verkehrs-, Geld- und Kreditwirtſchaft, ſo ſind alle Stationen auf dieſem Wege ſehr ſchwer zurückzulegen, weil nicht nur ein Teil, ſondern das ganze Gefüge der Volkswirtſchaft ein anderes werden muß. Man könnte ſagen, jeder Schritt auf dieſer Bahn hänge von ſchwer erfüllbaren Bedingungen ab, ſei nur den hoch- ſtehenden Raſſen und Völkern auf den Höhepunkten ihrer Kultur gelungen, es ſei anderen Völkern ſtets ſehr ſchwer gefallen, dieſe Vorbilder nachzuahmen. Noch mehr als jeder agrariſche hing jeder dieſer Fortſchritte von den komplizierteſten pſychologiſchen, moraliſchen und politiſchen Vorbedingungen ab. Die Ausbreitung ſtädtiſcher Kultur, ſpäter der Hausinduſtrie, vollends des Fabrikweſens war mit ſocialen und inſtitutionellen Umwälzungen der tiefgreifendſten Art verknüpft. Wenn ein Land heute, um die doppelte Zahl zu ernähren, ſeinen Export an Fabrikware ausdehnen, zum erheblichen Teile von fremdem Getreide leben will, ſo muß die Staatsorganiſation, das Verhältnis zum Auslande, die eigene und die Macht der anderen Staaten, kurz ſo vieles glücklich zuſammenwirken, daß das Problem nur unter den günſtigſten Bedingungen wenigen Staaten gelingt. Es wird damit ein Zuſtand geſchaffen, der nur unter beſtimmten internationalen und weltwirtſchaftlichen Bedingungen ſich erhalten kann; werden nämlich durch ihn im Fabrik- und Exportgebiete Bevölkerungen von 8—15000 Seelen pro Geviertmeile unterhalten, ſo ſetzt das doch die politiſche und wirtſchaftliche Abhängigkeit von oder die völkerrechtliche Befreundung mit 10—100 mal ſo großen Gebieten mit 1—3000 Seelen voraus; und der Zuſtand iſt bedroht, wenn in den abhängigen Gebieten die Gewerbe ſich entwickeln, die dortige Rohſtoffexportfähigkeit abnimmt.
Es iſt alſo eine gänzliche Täuſchung, wenn die Optimiſten auf das eine Prozent der Erdoberfläche mit 8000 Seelen und mehr hinweiſen und ſagen, die übrigen 99 Prozent der Erde ſollten das nachmachen. Ein bedeutender Teil der Kulturländer läßt ſchon heute keine Vermehrung der Bevölkerung um 100—200 % mehr zu, wenn nicht die Technik uns lehrt, Brot und Fleiſch chemiſch, ſtatt auf dem Umwege durch die Landwirtſchaft herzuſtellen. Für viele Gebiete iſt allerdings ohne ſolche Wunder eine erhebliche weitere Zunahme möglich. Aber wir müſſen uns klar ſein, daß ſie, wie die meiſten alten Verdichtungen, von komplizierten, ſelten vorhandenen Vorausſetzungen abhängig iſt. Sind doch hiſtoriſch die Epochen und die Völker, denen das gelang, nicht ſehr zahlreich: die Zeit der griechiſchen, römiſchen und germaniſchen inneren Koloniſation, die Epochen der großen, gut regierten Reiche im Orient, die Zeit des Hellenismus, die Blütezeit der Romanen und der Araber und endlich die der europäiſchen Staaten der letzten Jahrhunderte. Nur den fähigſten Völkern unter den beſten Regierungen gelang ſo zeitweiſe eine große Verdichtung: ſeltene intellektuelle und techniſche Fortſchritte, eine außerordentliche Steigerung der ſocialen Zucht, der Verträglichkeit und Moralität, ohne die das engere Zu- ſammenrücken und Zuſammenwirken unmöglich war, eine große Vervollkommnung der Geſellſchaftseinrichtungen mußten ſich die Hand reichen, um die Verdichtung gelingen zu laſſen, ohne daß Armut und Mißbehagen, ſchwerer Druck auf die mittleren und unteren Klaſſen, kurz alle Leiden der Übervölkerung daraus entſprangen.
Gelungene Verdichtung der Bevölkerung iſt das Reſultat vollendetſter Staatskunſt und höchſter Kultur, und zwar nicht bloß techniſcher, ſondern ebenſo moraliſcher und geiſtiger, und nicht bloß einer hohen Kultur der führenden Spitzen, ſondern ganzer Völker. Die Menſchheit hat wahrſcheinlich Hunderttauſende von Jahren gebraucht, bis ſie zur Zeit vor Chriſti Geburt 100—200, jetzt 1500 Millionen Menſchen zählte. Wer will wagen zu ſagen, in kurzer Zeit müßte es ihr gelingen, 6000 und 12000 zu umfaſſen und immer weiter ohne Schwierigkeiten zu wachſen? —
Wir werden auch nach dem vorſtehenden gerne zugeben können, daß es eine abſolute Übervölkerung wohl weder früher gegeben hat, noch heute giebt, ſofern wir darunter nur eine Bevölkerung verſtehen, die auch bei vollendetſter und raſch fortſchreitender Technik, Verkehrsentwickelung, Koloniſation, Moral- und Geſellſchaftsverfaſſung nicht die Möglichkeit hätte, auf ihrem Gebiete zu leben. Dieſe Vorausſetzungen waren faſt nie oder nur ſehr ſelten vorhanden. Die praktiſche Frage iſt weſentlich die, ob eine relative Übervölkerung vorhanden ſei oder drohe, d. h. eine ſolche Dichtigkeit, welche gegenüber den vorhandenen Lebensbedingungen und volkswirtſchaftlichen Ausſichten als Druck empfunden werde. Daß eine ſolche in verſchiedenem Grade ſich immer wieder einſtellt, ſcheint eine hiſtoriſche Notwendigkeit, ja eine Bedingung des Fortſchrittes. Wo die Menſchen ſich halbwegs wohl fühlen, bei 1000 wie bei 8000 Menſchen pro Geviertmeile, da tritt ein raſches Wachstum ein, und erſt wenn es eingetreten iſt, wenn überall das alte Kleid der Geſellſchaftsverfaſſung zu eng wird, ſinnt man auf techniſchen und Verkehrsfortſchritt, entſtehen die Impulſe zu moraliſchen und geiſtigen Fortſchritten, die verbeſſerten Inſtitutionen. Die Völker, die dazu nicht imſtande ſind, ſtagnieren, altern, gehen zu Grunde; die geſunden und kräftigen vollziehen die Fortſchritte, aber nicht ohne weiteres, ſondern in einem Ringen und Kämpfen, in einem Taſten und Suchen, das oft Generationen hindurch dauert. Immer ſchwieriger und komplizierter werden die Aufgaben. Unlösbar ſind ſie auch heute noch lange nicht.
Die Wege der Löſung ſind für jedes Volk wieder andere. Für unſere deutſche Gegenwart werden wir ſagen können: 1. müſſen wir für einen reichlichen Bevölkerungsabfluß womöglich nach eigenen Kolonien ſorgen, 2. müſſen wir, ohne das Zweikinder- ſyſtem zu empfehlen und ohne Rückkehr zu polizeilichen Schranken der Niederlaſſung und der Ehe, dahin ſtreben, daß die proletariſchen, überfrühen Ehen mit zu zahlreichen ſchwächlichen Kindern und übergroßer Kinderſterblichkeit ſich mindern. Die unteren Klaſſen müſſen die Sitten des Mittelſtandes in Bezug auf Ehe und Kinder annehmen, ſie werden das in dem Maße thun, als man ſie durch die richtigen ſocialen Reformen geiſtig, moraliſch und wirtſchaftlich hebt. Dadurch wird auch der größten Gefahr jeder Übervölkerung vorgebeugt, welche darin liegt, daß die Lebenshaltung der unteren Hälfte des Volkes ſtark herabgedrückt wird. In den mittleren und oberen Klaſſen iſt umgekehrt der Eheloſigkeit, den Geldheiraten, der Proſtitution und allen ähnlichen Erſcheinungen, die ſich als unmoraliſche Folge der Bevölkerungsverdichtung darſtellen, mit allen den Mitteln entgegenzuwirken, die von innen heraus helfen. Das iſt freilich nicht leicht in Zeiten, in welchen der Goldſegen wirtſchaftlicher Aufſchwungsperioden Luxus, Genuß- ſucht und Liederlichkeit in weiten Kreiſen ſteigert. Aber es iſt nicht unmöglich, wenn von oben herab ein gutes Beiſpiel gegeben, die Mißbräuche und Entartungen bekämpft werden. Es gehört außerdem aber 3. dazu, daß nach allen Seiten eine richtige Wirt- ſchafts- und Handelspolitik die innere Verdichtung und die Ausbreitung der Bevölkerung nach außen, ſoweit ſie möglich iſt, befördere und erleichtere: innere Koloniſation, Parzellierung der ſchlecht verwalteten großen Güter, Pflege des techniſchen Fortſchrittes in Landwirtſchaft und Gewerbe, Verbeſſerung aller Unterrichtsanſtalten, Hebung der Macht und des Anſehens nach außen, Förderung unſeres Exportes wie unſerer landwirtſchaftlichen Eigenproduktion, Hinarbeiten auf eine gleichmäßigere Einkommensverteilung, das ſind die Ziele, die man im Auge haben muß.
Das Bevölkerungsproblem greift in alle Lebensgebiete hinein, fordert überall Zucht und Selbſtbeherrſchung, Weitſicht und thatkräftiges Handeln. Auch das tüchtigſte Volk wird die zwei ſelbſtändigen Bewegungen der zunehmenden Menſchenzahl und des wirt- ſchaftlichen Fortſchrittes nie ganz in Übereinſtimmung bringen können; aber es kann die Diſſonanzen mildern in dem Maße, wie es moraliſch, geiſtig und techniſch ſich vervollkommnet. —
