4. Die Entwickelung der Technik in ihrer volkswirtſchaftlichen Bedeutung.
76. Aufgabe des Abſchnittes. Einteilung und allgemeinſte Ur- ſachen der techniſchen Entwickelung. Haben wir in dem Abſchnitte über die Raſſen und Völker die allgemeinen, typiſch-vererblichen Eigenſchaften derſelben, in dem über Bevölkerung ihre Größenverhältniſſe erörtert, ſo bleibt uns jetzt übrig, ihr techniſches Können ins Auge zu faſſen. Die jeweiligen techniſchen Eigenſchaften der Stämme und Völker beſtimmen zu einem großen Teile den Grad des volkswirtſchaftlichen Wohl- ſtandes, die Art und die Farbe der wirtſchaftlichen Zuſtände. Die Technik iſt das ausführende Mittel aller wirtſchaftlichen, wir könnten faſt ſagen aller menſchlichen Thätigkeit. Wie es eine Technik des Ackerbaues, der Gewerbe, des Verkehres giebt, ſo ſprechen wir von einer Technik des Krieges, der Künſte, der Verwaltung, der Wiſſen- ſchaft, des Schreibweſens. Wir verſtehen dabei unter der Technik ſtets die angewandten Methoden und die herangezogenen äußeren Hülfsmittel, mit denen wir die verſchiedenen Aufgaben bemeiſtern; wir denken, wenn wir von den techniſch-wirtſchaftlichen Eigen- ſchaften reden, an das Maß von Geſchicklichkeit, Kenntniſſen und Fertigkeiten, womit die Menſchen die äußere Natur ihren Zwecken dienſtbar machen. Die Stoffe und Kräfte derſelben ſind ewig nach ihren eigenen Geſetzen thätig; ſie dienen zu einem erheblichen Teile von ſelbſt dem Menſchen; ohne ſie hätten Menſchen, Tiere und Pflanzen nie exiſtieren können; Wärme und Licht, die Hauptquellen alles Lebens, haben vor Millionen Jahren wie heute dem Menſchen gedient, ihm durch ihre Bewegung Stoffe und Kräfte geliefert. Aber ebenſo klar iſt, daß die ſich ſelbſt überlaſſenen Stoffe und Kräfte zu einem erheblichen Teile das wirtſchaftliche Leben hindern, ſchädigen, ja zerſtören; hier muß die menſchliche Technik eingreifen, die Hinderniſſe wegräumen, die ſchädlichen Kräfte ablenken, die günſtigen durch Hand und Arm, durch Werkzeuge und Maſchinen ſo ordnen und leiten, daß endlich eine immer weitergehende, zielbewußtere Beherrſchung der Natur gelingt.
Unſer Wiſſen in Bezug auf die heutige wirtſchaftliche Technik iſt auf dem Boden der fortſchreitenden Naturerkenntnis zu einem Syſteme praktiſcher Wiſſenſchaften (Land- und Forſtwiſſenſchaft, chemiſche und mechaniſche Technologie, Maſchinenkunde, die Wiſſen- ſchaften vom Bauweſen, vom Bergbau ꝛc.) geworden, die ihren Schwerpunkt in der Unterweiſung fürs praktiſche Leben haben. Wir können nicht verſuchen, aus ihnen auch nur auszugsweiſe das Wichtigſte mitzuteilen. Was uns hier intereſſiert, iſt der nach Zeiten und Völkern verſchiedene allgemeine Stand der Technik und ſeine Wirkung auf die Volkswirtſchaft. Wir müſſen uns eine Vorſtellung darüber verſchaffen, wie die Technik und ihre Methoden, wie die Werkzeuge und Maſchinen ſich hiſtoriſch entwickelt und geographiſch verbreitet und das wirtſchaftliche Leben beeinflußt haben. Es iſt das nicht leicht, ſo vielerlei neuerdings an hiſtoriſchem und geographiſch-techniſchem Material zu Tage getreten iſt. Unſere wiſſenſchaftlichen Techniker haben ſich meiſt um dieſe Zu- ſammenhänge nicht viel gekümmert; unſere Geographen, Hiſtoriker und Nationalökonomen ſind meiſt techniſch nicht genug geſchult. Immer muß hier ein Überblick unſerer Erkenntnis auf dieſem Gebiete verſucht werden. Es giebt kaum ein intereſſanteres und wichtigeres Kapitel der Volkswirtſchaftslehre und dabei kein vernachläſſigteres und von Dilettanten mißhandelteres.
Die Schwierigkeit einer Darlegung, und vollends einer kurzen, liegt auf der Hand. Wir wollen eine Entwickelung von wahrſcheinlich über 100000 Jahren verſtehen, wenn Lyell recht hat, daß die älteſten gefundenen Steinhämmer ſo weit zurückreichen. Über die erſten 90000 derſelben wiſſen wir ſehr wenig; wir ſchließen nur aus der Technik der heutigen rohſten Stämme und aus einigen archäologiſchen Reſten auf ſie zurück; über die letzten 10 ja 5000 Jahre iſt auch nur Vereinzeltes von den Hauptkulturvölkern bekannt; nur über die letzten zwanzig Jahrhunderte haben wir umfangreichere Überlieferungen. Noch ſind ſie aber nicht ganz erforſcht und dargeſtellt. Nur wenige Kapitel aus der Geſchichte der Technik ſind gut bearbeitet. Und nun ſollen wir hier nicht ſowohl das unüberſehbare Heer von techniſchen Einzelthatſachen, die wir kennen, vorführen, ſondern es zu Geſamtreſultaten nach Zeitaltern und Völkern zuſammenfaſſen und ſtets verſuchen, die Urſachen und die Zuſammenhänge mit dem ganzen volkswirtſchaftlichen Leben darzulegen.
Man hat dieſe Aufgabe durch verſchiedene Einteilungen in techniſche Perioden zu erleichtern geſucht. Man unterſchied: Jagd-, Hirten-, Ackerbau-, Gewerbe-, Handelsvölker; ein Stein-, Kupfer-, Bronze-, Eiſenzeitalter; die Perioden der Wildheit, Barbarei, Halb- und Ganzkultur; die der Werkzeuge und der Maſchinen, die Epochen der Anwendung von Menſchen-, Tier-, Wind-, Waſſer-, Dampfkraft und Elektricität. Aber die meiſten dieſer Einteilungen ſind heute als zu einſeitig oder auch als ungenau und irreführend erkannt. Und doch wird eine vorläufige hiſtoriſch-geographiſche Einteilung nicht zu entbehren ſein. Wir verſuchen in einigen erſten Paragraphen je geſondert die Entwickelung der Werkzeuge und die der techniſchen Methoden der Ernährung bis zur hiſtoriſch beglaubigten Zeit darzuſtellen, dann laſſen wir die Epochen der vorderaſiatiſchen, der europäiſchen Werkzeugtechnik und der modernen Maſchinentechnik folgen.
Zum Schluſſe dieſer Vorbemerkung noch ein Wort über die allgemeinen menſchlichen und hiſtoriſchen Urſachen, die alle Entwickelung der Technik beherrſchen.
Wir haben (S. 42) die Entſtehung des Sittlichen in Zuſammenhang gebracht mit der Thatſache, daß der Menſch Werkzeuge ſchuf und arbeiten lernte. Wir führten beides auf die Beſonnenheit zurück. Nicht umſonſt ſagt Franklin, der Menſch ſei ein Tier, das Werkzeuge mache; andere meinten, ein Tier, das kochen gelernt habe. Auch einzelne höhere Tiere haben gewiſſe Methoden der Nahrungsfürſorge und das Vorrats- ſammeln durch Inſtinkte ausgebildet, die auf gewiſſen Erfahrungen beruhen mußten. Lotze ſagt, auf der Feinheit unſeres Taſtſinnes, der in den Fingerſpitzen liegt, der Beweglichkeit unſerer Arme, der Muskelkraft unſerer Arme, Beine und Zähne, aber ebenſo auf unſerer Fähigkeit zu beobachten, Vorſtellungen zu aſſociieren, zu ſchließen, beruhe alle techniſche Entwickelung des Menſchen. Er drückt damit richtiger das aus, was ſchon die Alten meinten, wenn ſie die Kultur auf den Bau der menſchlichen Hand zurückführten, oder was ein Schriftſteller andeuten wollte, der im Daumen, als dem wichtigſten Finger, den Kern der Weltgeſchichte fand. E. Hermann hat den menſchlichen Körper neuerdings eine reichgegliederte Maſchine genannt, die ſelbſt das Ergebnis der Übung und Verbeſſerungsarbeit von Hunderttauſenden von Generationen ſei. Dieſe Übung mag zuerſt unter der Leitung von Inſtinkten erfolgt ſein, hauptſächlich aber iſt ſie, wie alle ſpäteren techniſchen Fortſchritte, das Ergebnis der denkenden Überlegung, der Beobachtung, der Selbſtbeherrſchung, der Zielſetzung.
Wenn der Menſch, wie der Affe, einen Stein zum Öffnen einer Frucht, einen Stock zum Schlagen brauchte, ſo hatte er noch kein Werkzeug; erſt dann konnte man davon ſprechen, wenn er dieſen Stein, dieſen Stock ſtetig bei ſich führte, wenn die Erinnerung an den Nutzen dieſes Hülfsmittels die Unbequemlichkeit der Aufbewahrung, des Mitſchleppens überwand. Damit der Urmenſch den Stein ſchärfte, mußte er beobachten und nachdenken. Wenn ihm dabei ſein Taſtſinn half, die Härte, die Beweglichkeit, die Form der Stoffe herauszufühlen, wenn er in Hand und Arm das Vorbild der Waffe und des Werkzeuges fand, ſo ändert das an dem geiſtigen Vorgange nichts. Schon die Nachahmung ſetzt Nachdenken und Zweckſetzen voraus: die geballte Fauſt wurde das Vorbild des Hammers, die Schneide desſelben ahmt Nägel und Zähne, die Feile und Säge die Zahnreihe, die Beißzange und der Schraubſtock die greifende Hand und das Doppelgebiß nach; der gekrümmte Finger wird zum Haken, der ſteife Finger mit dem Nagel zum Bohrer, die hohle Hand zur Schale; die Lanze ſtellt den verlängerten Arm dar. Die Werkzeuge wie die ſpäter aus ihnen entwickelten Waffen, Apparate und Maſchinen ſind — hat man geſagt — menſchliche Organprojektionen in die Natur hinein; aber ſie entſtehen nur durch innere geiſtige Vorgänge, die bewußt ins äußere Leben verlegt werden, um feinere, zweckmäßigere, konzentriertere Wirkungen zu erzielen.
Und noch mehr gilt dies, wenn der Menſch beginnt, gemeinſam, zu mehreren eine Arbeit zu verrichten, wenn er Tier-, Wind- und Waſſerkraft für ſich anſpannt, durch Getriebe und Räder feſte, gleichmäßige Bewegungen herſtellt. Auch die Maſchinen, ſagt Reuleaux, ſeien bewußte oder unbewußte Kopien des menſchlichen oder tieriſchen Knochen- und Muskelgerüſtes, Projektionen des menſchlichen Denkens und des menſchlichen Körpers in die Sinnenwelt hinaus.
Es iſt eine einzige einheitliche Entwickelungsreihe vom erſten Hammer und Stab bis zur heutigen Dynamomaſchine, die durch immer beſſere Beobachtung, durch ſtets wiederholtes Probieren, Taſten, Verſuchen, durch zahlloſe kleine Verbeſſerungen, durch immer komplizierteres Zuſammenſetzen bekannter Mittel immer größere Erfolge erzielte.
Viele Entdeckungen und Fortſchritte ſind gewiß an verſchiedenen Orten unabhängig von einander gemacht worden. Da die Zwecke und die Mittel, die Körperkräfte und die Maße von Hand, Arm und Fuß immer die gleichen waren, ſo iſt es wohl begreiflich, daß die Axt z. B. immer wieder dieſelbe Form und Größe erhielt, daß gleiche Methoden des Haus-, Schiffs-, Ackerbaues ohne Nachahmung da und dort entſtanden. Aber da jede Entdeckung ein Ergebnis beſonders glücklicher Umſtände und hervorragender geiſtiger Eigenſchaften iſt, ſo wurde die Entwickelung durch die Berührung und Nachahmung doch außerordentlich befördert. Und ſo weit wir dieſe im Anſchluß an die uns bekannten oder wahrſcheinlich gemachten Wanderungen verfolgen können, ſo ſcheint es, als ob ſo ziemlich alle höhere techniſche Kultur von Vorderaſien, vielleicht von jenen mongoliſchtatariſchen Völkern der Sumerier und Akkadier im Euphratthal ausgegangen ſei; von hier können dieſe techniſchen Künſte durch oſtwärts wandernde Mongolen nach China und Amerika, nördlich zu den Indogermanen, direkt zu den aſſyriſch-babyloniſch-ägyptiſchen Völkern und endlich durch ſie wie durch die weſtlich wandernden Indogermanen zu der abendländiſchen Welt gekommen ſein. Ebenſo zeigt das Fehlen mancher Werkzeuge und Waffen bei Völkern und Raſſen, die früh in abgelegene Winkel der Erde gedrängt wurden, daß ſie die techniſchen Erfindungen der höheren Kulturvölker nicht ſo leicht ſelbſtändig nachholen konnten.
Eine klare und erſchöpfende Erkenntnis der Urſachen, warum gewiſſe techniſche Fortſchritte zu beſtimmter Zeit, an beſtimmtem Orte, bei dem und jenem Volke ent- ſtanden, durch Praktiker oder Gelehrte herbeigeführt worden ſeien, warum ſie ſich langſam oder raſch verbreitet haben, beſitzen wir heute nicht, wenigſtens nicht für alle fernere Vergangenheit. Wir müſſen zufrieden ſein, im folgenden einiges Licht in dieſes Dunkel zu bringen.
So viel aber können wir ſagen: äußere Umſtände, Klima, Flora und Fauna, Lebenslage, Not, Bevölkerungszuwachs haben ſtets als Druck und Anſtoß gewirkt. Führt doch z. B. M. Wagner die erſten großen techniſchen Fortſchritte auf die Not der Eiszeit zurück; andere leiten das Lernen des Aufrechtgehens und Waffenbenutzens aus dem Kampfe mit den wilden Tieren ab. Auch daß Jahrhunderte und Jahrtauſende lang gewiſſe Stämme und Raſſen auf demſelben Standpunkte der Technik verharren, wird häufig mit der Thatſache zuſammenhängen, daß ihre äußeren Lebensbedingungen die- ſelben blieben, keine Einflüſſe höherſtehender Völker ſie erreichten. Aber der ſpringende Punkt für die Fortſchritte wird doch immer in der geiſtigen Beſchaffenheit der Menſchen liegen. Aller techniſche Fortſchritt kann nur das Ergebnis des Scharfſinnes, der Beobachtung, der beſonderen Findigkeit ſein; auch der einfachſte Arbeiter und der Praktiker, welche neue Maſchinenteile und Methoden erfinden, ſind ausnahmsweiſe kluge Menſchen, die mehr gelernt und mehr nachgedacht haben als andere. Kommt nun dazu in gewiſſen Zeiten, bei gewiſſen begabten, auf höherer Kulturſtufe ſtehenden Völkern oder Klaſſen eine durch mathematiſch-naturwiſſenſchaftliche Fortſchritte, durch Unterricht geſteigerte Atmoſphäre, wie ſeinerzeit bei den älteſten Kulturvölkern des Euphrat und des Nillandes, im ptolemäiſchen Zeitalter, in der Renaiſſancezeit, in den letzten Jahrhunderten, ſo werden die großen Geiſter in der wiſſenſchaftlichen Natur erkenntnis und die Talente der techniſchen Praxis ſich gegenſeitig in die Hände arbeiten, ohne daß man ſicher ſcheiden kann, ob das größere Verdienſt um den techniſchen Fort- ſchritt bei der Wiſſenſchaft oder bei der Praxis ſei.
77. Die erſten techniſchen Fortſchritte; die älteſten Waffen und Werkzeuge, das Feuer und die Töpferei. Wir werden annehmen, daß es Menſchen ohne Werkzeuge und Feuerbenutzung einſtens gegeben habe. Gefunden hat man in hiſtoriſcher Zeit nie ſolche.
Waffen und Werkzeuge waren urſprünglich identiſch, haben erſt nach und nach ſich differenziert. Wir haben ihre Entſtehung ſchon beſprochen. Wir verſtehen unter einer Waffe und einem Werkzeuge ein dem Menſchen zum Kampf oder zur Arbeit dienendes äußeres Hülfsmittel beſtimmter Geſtaltung aus Holz, Knochen, Stein oder Metall, welches zufällig in paſſender Form gefunden, in der Regel vom Menſchen abſichtlich hergeſtellt wurde, und nun durch die einfür allemal gethane Arbeit der Erfindung alle künftige Wirkſamkeit der menſchlichen Glieder verſtärkte, erleichterte, konzentrierte. Die Herſtellung von ſolchen erſchöpft nicht die älteren techniſchen Fort- ſchritte; allerlei Methoden z. B. der Nahrungsfürſorge, das Früchteſuchen und -Schonen, die Feuerbewahrung und anderes bedurften zunächſt keines Werkzeuges zur Durchführung. Aber auch dieſe Fortſchritte wurden, wie alle Bekämpfung der Feinde und alle Arbeit, doch meiſt bald durch irgend welche äußere Veranſtaltung, wie die Feuerbenutzung durch den Herdbau, die Vorratſammlung durch Töpfe und Tierbälge erleichtert.
Holzſtücke, beſonders in Stabform, gewiſſe Knochen größerer und kleinerer Tiere, einzelne Schilfarten und Steine hat der Menſch zuerſt als Werkzeug benutzt. Der Stab diente als Stütze beim Marſch, als Waffe gegen Tier und Feind, als Hebel, als Hülfe zum Laſtentragen, als Gerüſt für die erſte Hütte, als Grabſtück zum Wurzelſuchen; am Feuer geſpitzt wurde er zum Spieß, an einer Seite verſtärkt zur Keule, durch Einſetzung von Fiſchzähnen zur Lanze. Der rohe Stein diente zum Werfen, ſpäter zur Schleuderwaffe; in beſtimmter Form zum Öffnen von Schalen, zum Stoßen und Hämmern. In der Bearbeitung paſſender Steine, Geweihe, Holzſtücke und Knochen und ihrer Verbindung lag unendliche Zeiträume hindurch der techniſche Fortſchritt. Durch Schleifen, Polieren, Meißeln, Durchbohren der Steine gelang es, ſchmälere und breitere, glatte und dicke, kürzere und längere Steine herzuſtellen, ſie zu Meſſern, Beilen, Meißeln, Hämmern, Schabinſtrumenten und Mahlſteinen, Lanzen- und Pfeilſpitzen zu geſtalten. Die Unterſuchung dieſer Steinbearbeitung bildet einen Hauptteil der vorgeſchichtlichen Forſchungen. Die Benutzung der Steinwerkzeuge und Waffen (neben den metalliſchen) reicht bis tief in die hiſtoriſchen Zeiten hinein, zumal im Norden; nach Rougemont in Deutſchland bis ins 6.—7., in Irland bis ins 8. und 9., in Schottland bis ins 13., in Böhmen bis ins 14. Jahrhundert. Die ungeſchiedenen Arier werden weſentlich nur Stein- und Holzwerkzeuge neben wenigen Stücken aus Kupfer oder Erz beſeſſen haben. Ähnlich die Pfahlbauer der Schweiz 8000—4000 v. Chr. Die niedrigſten Völker haben ſie heute noch; Auſtralien, die Südſeeinſeln, ein großer Teil Amerikas beſaßen nichts anderes bei ihrer Entdeckung. Die Afrikaner freilich ſind, ſeit wir ſie kennen, faſt alle ſchon im Beſitze von Eiſen geweſen.
Mit verbeſſerten Steinwaffen und -Werkzeugen lernte der Menſch ſich beſſer gegen Feinde und Tiere verteidigen und ſchützen; er fügte zu den Angriffsdie Schutzwaffen, er baute Wälle und Hütten, richtete ſich in Höhlen ein, verſtand Tauſende von ſtarken Pfählen ins Waſſer einzurammen, ſie zu geſchützten Pfahlbaudörfern zu benutzen. Indem er die Jagdmethoden durch ſie verbeſſerte, kam er wenigſtens etwas mehr über die Gefahr des Verhungerns hinweg. Vor allem haben die verbeſſerten Fiſchfangmethoden, die erſten ausgehöhlten, als Schiffe dienenden Baumſtämme, die Netze und Harpunen ihm das Leben am Waſſer erleichtert. Man hat geſagt, die Fiſchnahrung und das Feuer hätten dem Menſchen erſt geſtattet, ſich etwas weiter über die Erde zu verbreiten. —
Ob der Menſch das Feuer erſt als Abbild der Lichtgottheiten verehrt (wie L. Geiger meint) oder gleich ſeinen Nutzen erfaßt habe, wollen wir dahingeſtellt ſein laſſen. Jedenfalls ſteht die Feuerverehrung, das Prieſtertum und die Magie bei vielen Raſſen in engem Zuſammenhange. Das Feuer gilt allerwärts als etwas Göttliches, das nur ein Prometheus aus dem Himmel entwenden konnte. Auch die Frage, ob künſtliches Feuermachen durch Reibung von Holzſtücken, durch den Feuerbohrer der Feuerbenutzung vorausgegangen ſei, können wir auf ſich beruhen laſſen. Alle neueren Unterſuchungen ſprechen dafür, daß das Feuer durch Blitze, Lavaſtröme, Selbſtentzündung ſich von ſelbſt den Menſchen dargeboten habe und dann von ihnen mit Sorgfalt gehütet wurde. Die Bewahrung des Feuers war ebenſo ſchwer zu erlernen wie ſeine Zügelung, ohne die es jeden Moment Gefahr brachte. Nichts hüten die Menſchen auf dieſer Stufe der Technik mit mehr Sorgfalt als ihr nie erlöſchendes Feuer; ſie tragen es in glimmender Form ſtets bei ſich auf Jagd-, Kriegs- und Wanderzügen. Hauptſächlich der Narthexſtengel, ſpäter der Holzſchwamm, eignete ſich dazu. Die Auſtralier und andere rohe Stämme laſſen das Feuer trotz des heißen Klimas in keiner Hütte je ausgehen, decken es abends zu, um es beim erſten Morgengrauen wieder anzublaſen. Aus den Tempeln, wo es ſpäter bewahrt wird, darf jeder Feuer holen; kein Volksgenoſſe weigert es dem anderen; der Ausſchluß von Waſſer und Feuer bedeutet Verſtoßung aus dem Stamme oder Volke. Cicero verlangt noch, daß man auch dem Unbekannten das Feuer nicht weigere. Wo das künſtliche Feuermachen Platz gegriffen, iſt es lange eine heilige Kulthandlung der Prieſter geweſen. Wie die indiſchen ſo haben es die römiſchen zu beſtimmter Zeit (am 1. März) immer neu entzündet; noch heute löſcht der Prieſter in den Alpen am Char- ſamſtag das Feuer aus und entzündet das neue am Oſterfeſt, worauf es dann der Bauer holt.
Schutz gegen Geiſter wie gegen wilde Tiere und Feinde erhoffte man vom Feuer zuerſt, dann Schutz gegen Kälte; das Vordringen in kältere Gegenden war ohne Feuer unmöglich; Lippert meint, die höhere Kultur der nördlichen Raſſen auf ihre beſſere Feuerpflege zurückführen zu ſollen. Alle Stein- und Holzbearbeitung wurde dadurch erleichtert; die erſte Aushöhlung von Baumſtämmen zu Kähnen erfolgte ſo; vor allem aber wurde die Ernährung eine beſſere. Man dörrte das Fleiſch, briet es auf heißen Steinen an, ſpäter am Holzſpieß durch. Die Körner aus den Halmen zu löſen, wandte man früher — und in Irland noch im 17. Jahrhundert — das Feuer an; ſie wurden ſchmackhafter und genießbarer. Die Juden aßen geröſtete Gerſte, die Griechen und Römer geröſteten Spelt. Das Schmoren und Kochen in Gruben mit glühenden Steinen gehört einer alten Zeit, das in Töpfen erſt einer viel ſpäteren an. All’ dieſe Feuerverwendung erleichtert die Ernährung ſehr: die Zellen der Nährmittel werden geſprengt, die Gewebe erweicht, das Kauen und die Verdauung ſo ſehr erleichtert, daß geringere Mengen doch beſſer nähren, energiſchere Menſchen machen. Nicht umſonſt haben ſchon die Griechen die Rohes eſſenden Stämme verſpottet und verachtet.
Die tiefgreifende Wirkung des Feuers auf Steinſprengung, Erzſchmelzung, Metallurgie und zahlloſe chemiſche Prozeſſe gehört im ganzen erſt der Epoche der Halb- und Ganzkultur an. Schon in älteſter Zeit aber hat das Feuer die raſtloſe Beweglichkeit des Menſchen etwas eingeſchränkt; das Wandern war mit dem Feuerbrand doch beſchwerlicher; die Benutzung des Feuerbohrers freilich, ſpäter bei den Römern die des Feuerſteins und Stahls, erleichterte wieder die Bewegung. Jedenfalls wurden die Frauen, die das Feuer am Herde zu bewachen hatten, hiedurch mehr an die Wohnſtätte gebunden; und wie ſie ihre Kinder mit dem Feuer beſſer ernähren konnten, ſo boten ſie mit dem wärmenden Herde dem Manne mehr als bisher; um den Herd herum entwickelte ſich das Haus und die Häuslichkeit. Die Erleuchtung der Nacht geſchah undenkliche Zeiten hindurch nur durch Herd- oder anderes ähnliches Feuer; Fackeln und Lampen gehören erſt den Kulturvölkern, z. B. den Ägyptern, Griechen und Römern an. —
Die älteſten Gefäße wurden wohl nicht zum Kochen, ſondern als Waſſerbehälter benutzt; zumal in Ländern mit Waſſermangel, wie in Afrika, ſchleppt der roheſte Buſchmann, der ſonſt jedes Gepäck ſcheut, mit Waſſer gefüllte Straußeneier bei ſich. Tierhörner, Menſchenſchädel, Fruchtſchalen, Tierbälge haben als die älteſten Gefäße gedient; dann hat man aus Geflechten Gefäße und Körbe hergeſtellt, die ſo dicht geflochten, geklopft, im Waſſer gequollen waren, daß ſie Flüſſigkeit hielten. Solche ſind heute noch da und dort im Brauche. Wo man die Körbe dann mit Thon, Erdpech und derartigem außen oder innen beſtrich und bemerkte, daß dieſe beſtrichenen Körbe im Feuer oder in der Luft erhärteten, da war die Töpferei erfunden. Sie iſt wohl an verſchiedenen Orten der Erde ſelbſtändig entſtanden. Aber ſie fehlte doch vielen amerikaniſchen, polyneſiſchen und auſtraliſchen Stämmen. Sie bedeutet einen großen Fortſchritt für die Aufbewahrung und Bereitung von Speiſen und Getränk; mit ihr wurde erſt das eigentliche Kochen möglich. Morgan hält ſie für ſo wichtig, daß er mit ihrer Erfindung und Verbreitung ſeine Epoche der „Wildheit“ abſchließt, während Ratzel ihre Verteilung bei den rohen Stämmen für zu ungleich hält, um ſie als ſo epochemachend gelten zu laſſen. Die Glasbereitung gehört einer viel ſpäteren Zeit an: bei den Ägyptern und Phönikern iſt ſie vorhanden, wie die Glaſur der Thongefäße, die Töpferſcheibe und die Brennöfen für die Thongefäße.
So groß überhaupt der Einfluß der hier kurz geſchilderten techniſchen Fortſchritte iſt, ſo genügen ſie doch keineswegs, uns ein feſtes Bild der wirtſchaftlichen Verhältniſſe der älteſten Zeiten und der roheſten Stämme zu geben. Dazu gehört ihre Verbindung mit den älteren Methoden und Arten der Herbeiſchaffung und Erwerbung der Nahrungsmittel.
78. Die älteſten Fortſchritte der Ernährung bis zum Hackbau und der Viehzucht. Wie wir uns die älteſten menſchlichen Zuſtände auch denken mögen, darüber iſt heute die Wiſſenſchaft einig, daß die menſchliche Ernährung jener Tage auf einer occupatoriſchen Thätigkeit beruhte, und daß der Menſch (ſein Gebiß ſchon deutet es an) ebenſo animaliſche wie vegetabiliſche Nahrung ſuchte. Erſtere konnte natürlich bei dem Mangel an Waffen und anderen techniſchen Hülfsmitteln nur in Eiern, Larven, Käfern und anderen kleinen Tieren beſtehen, die leicht zu greifen oder zu fangen waren. Daneben ſammelte der Menſch Beeren, Wurzeln und Früchte aller Art; die Körner wildwachſender Gräſer können da und dort ſchon eine Rolle geſpielt haben; von einem Anbau derſelben aber war nicht die Rede. Man kann dieſe Stufe der Nahrungsgewinnung eigentlich nicht als Jagd und Fiſchfang bezeichnen. Dazu gehörten ſchon verbeſſerte Methoden der Gewinnung.
Auch das bloße Sammeln wurde ein weſentlich anderes, wenn es mit Vorbedacht geſchah und zu Vorratsbildung, zur Mitführung der Vorräte auf der Wanderung, zu ihrer Konſervierung auf verſchiedene Art führte. Ein unſagbar wichtiger Schritt iſt es, wenn der Menſch einzuſehen beginnt, daß er die Quellen ſeiner Ernährung ſchonen und fördern muß, daß er die Fruchtbäume nicht fällen, die Vogelneſter nicht zerſtören darf, den Bienen und anderen Tieren, wenn er ihnen ihre Vorräte raubt, einen Teil laſſen muß. Gewiſſe Indianer laſſen in jedem beraubten Biberbau 12 Weibchen und 6 Männchen am Leben. Ähnliches geſchieht bei der Büffeljagd. Der Auſtralier läßt von der Yamwurzel einen Teil im Boden, damit ſie neue Knollen bilde; er hat bemerkt, daß er beim Ausgraben der Knollen durch ſeinen feuergeſpitzten Stock zugleich den Boden etwas lockere und dadurch die Neubildung der Knollen fördere. Von da iſt es nicht weit zum erſten roheſten Anbau mit Hacke und Spaten. Man hat mit Recht die früheſten geſellſchaftlich angeordneten Schongebote, Schonzeiten und Schoneinrichtungen mit der Entſtehung des Eigentums in Zuſammenhang gebracht.
Um größere Jagdtiere zu erlangen oder zum Genuß von Menſchenfleiſch und -Blut zu kommen, mußte man ſchon beſſere Waffen und Fangmethoden haben: Keule und Speer, Pfeil und Bogen, Schleuder und Wurfbrett, Fanggräben, Fangleine und Blaſeröhren mit Giftbolzen gaben die größeren Erfolge. So lange der Jäger nur in der Nähe wirkende Waffen hatte, mußte er tagelang lauern, ſtundenlang im heißen Sand oder naſſen Moraſt liegen; die fernwirkenden, hauptſächlich Pfeil und Bogen, überhoben ihn dieſer unendlichen Mühſal, verſorgten ihn ſehr viel leichter und reichlicher. Pfeil und Bogen fehlten in Auſtralien, Polyneſien, Neuſeeland; ſie waren aber bei den älteſten Pfahlbauern vorhanden, wie ſpäter bei den Aſſyrern, Ägyptern, den Skythen, Numidiern, Thrakern, während ihn Griechen, Römer, Germanen ſchon nicht mehr benutzten. Es iſt die Waffe und das Jagdwerkzeug der wichtigſten Jägervölker, die ſie teilweiſe auch bei höherer Kultur behalten, während die Viehzüchter und Ackerbauern mit ihren beſſeren Ernährungsmethoden ſeiner nicht mehr ſo dringlich bedürfen.
Faſt noch mehr als die Jagd kann der Fiſchfang durch verbeſſerte Methoden ergiebiger gemacht werden, wie wir bereits erwähnten. Und es iſt daher ganz begreiflich, daß die geſamten techniſchen Fortſchritte in der occupatoriſchen Thätigkeit ſchon Stämme mit einem gewiſſen Wohlſtand erzeugen konnten, wo großer Fiſch- oder Wildreichtum vorhanden war. Wir wiſſen heute, daß es vereinzelt ſeßhafte Jäger- und Fiſchervölker mit Dörfern, mit einer gewiſſen Technik des Transportes, Hundeſchlitten, Renntieren ꝛc., mit einer gewiſſen geſellſchaftlichen Organiſation der Jagd und des Fiſchfanges, mit Schmuck und Sklaven, mit Wohlhabenden und Ärmeren giebt: ſo in Nordkalifornien, in Nordaſien, in Kamtſchatka. Aber es ſind ſeltene Ausnahmen. Und unſicher bleibt alle bloße Jagd und alle bloße Fiſcherei, alles Leben von Beeren und Früchten. Der Menſch, ſo ſagt wohl Peſchel, bleibt ein Almoſenempfänger im großen Wurzelgarten der Natur, bis er anfängt, neben die Sammelthätigkeit die abſichtliche und planmäßige Zucht von Pflanzen und Tieren zu ſetzen. Das erſtere iſt offenbar das leichtere und ältere, urſprünglich viel weiter verbreitete, die Tierzucht das viel ſchwierigere und ſpätere. Dieſe Erkenntnis danken wir aber erſt den neueſten Unterſuchungen. Es iſt damit das ſchon von den Alten herrührende Schema der hiſtoriſchen Entwickelung — Jagd, Viehzucht, Ackerbau — in ſeiner Wurzel angegriffen. Obwohl ſeit langem bezweifelt, wurde und wird es in den Lehrbüchern, z. B. in Schönbergs Handbuch, doch noch vorgetragen. Wir müſſen dabei einen Augenblick verweilen.
Schon Roſcher hatte gemeint, nach der urſprünglich occupatoriſchen Wirtſchaftsweiſe werde nach Klima, Boden und Menſchenart hier Jagd, dort Viehzucht, an dritter Stelle Ackerbau entſtanden ſein. Gerland leitet die ganze phyſiologiſche Entſtehung des Menſchen aus dem Getreidebau ab, ihm mußten Jagd und Hirtenleben als Entartungen ſich darſtellen. A. Nowacki hat dann mit ausführlicher Begründung zu zeigen geſucht, daß aus der urſprünglich occupatoriſchen Thätigkeit drei nebeneinander ſich entwickelnde Typen entſtanden, 1. die überwiegende Viehzucht, 2. der überwiegende Ackerbau und 3. die Verbindung von beidem. Vor allem aber ſucht neueſtens Eduard Hahn nachzuweiſen, daß die Viehzucht nicht aus der Jagd hervorgegangen ſein könne, daß es lange Zeiträume gegeben habe, in welchen ein einfacher Ackerbau — er nennt ihn Hackbau und wir folgen ihm darin — ohne Vieh und Pflug beſtand, daß ein großer Teil der Menſchen noch heute ganz oder teilweiſe dieſen Hackbau hat, daß die Viehzähmung wahrſcheinlich bei ſeßhaften Hackbauern entſtand und daraus einerſeits der Ackerbau mit Vieh und Pflug, andererſeits, und wohl viel ſpäter, die Viehwirtſchaft der Nomaden, d. h. der wandernden, und der Hirten, d. h. der ſeßhaften Viehzüchter, ſich entwickelte. Ich muß aus ſeinen Reſultaten über den Hackbau und die Viehzähmung einiges anführen.
Wir haben oben ſchon erzählt, wie die Schonung gewiſſer Wurzel- und Knollengewächſe nach und nach ſich leicht in Landbau verwandeln konnte. Ihr Anbau und der von Gemüſe durch die Weiber von Fiſchern und Jägern war wohl der älteſte Hackbau; dann kam in den warmen Ländern der von Durrha, Sorghum, Hirſe, in den feuchten Niederungen der von Reis, im gemäßigten Klima der von Gerſte, in Amerika der von Mais. Neben der Ernährung durch dieſe Früchte haben die Hackbauern einzelne kleine Tiere nach und nach zu halten gelernt, wie Hund und Ziege, Huhn und Schwein. Viele Neger, die etwas höher ſtehenden Indianer Amerikas, die Melaneſier, die Polyneſier, die Malaien und anderen Bewohner Indoneſiens, die Südchineſen ſind bis heute nicht recht über dieſe niedrige Art der landwirtſchaftlichen Technik, über den Hackbau hinausgekommen. Es giebt ſehr rohe, wandernde Stämme, die einen nur kurze Zeit an die Scholle feſſelnden Hackbau haben. Daneben ſehen wir ſeßhafte Stämme, die mit dem Hackbau, an welchem die Männer ſich beteiligen, ſchon zu guter Ernährung und leidlicher wirtſchaftlicher Exiſtenz gekommen ſind. Wo er in günſtigem Klima durch Bewäſſerung, Teraſſenbau, ſtarke Düngung und großen Fleiß bis zum Gartenbau ſich erhob, wie in Vorderaſien und China, ſowie in Centralamerika, hat er ohne Pflug und eigentliche Viehhaltung einen erheblichen Wohlſtand und eine Art Halbkultur erzeugt. An einem dieſer Punkte, wahrſcheinlich in Vorderaſien, gelang nun wohl die eigentliche Viehzähmung, die der größeren Tiere.
Von etwa 140 000 Tierarten, deren Zähmung und Nutzung möglich wäre, hat der Menſch — nach Settegaſt — nur 47 dauernd zu ſeinen Hausgenoſſen gemacht und für ſich als Haustiere zu nutzen gelernt. Es muß alſo ſehr ſchwierig geweſen ſein, dieſen techniſchen Fortſchritt zu machen, der zu den allertiefgreifendſten des Menſchengeſchlechtes gehört; er hat den Raſſen, die ihn zuerſt recht ausnutzten, die hauptſächlich die Milchnahrung erlernten, für immer einen Vorſprung verſchafft, nämlich den Hamiten, Indogermanen und Semiten. Und doch iſt die Zähmung einzelner, beſonders kleiner Tiere ziemlich leicht und ſicher früher weit verbreitet geweſen.
Die amerikaniſchen Indianer halten teilweiſe ganze Menagerien von Vögeln und ſonſtigen kleinen Geſpielen. Der Hund hat ſchon in ſehr frühen Zeiten den Menſchen umgeben. Von den Ägyptern und Aſſyrern wiſſen wir, daß ſie Marder, Meerkatzen und Löwen ſich hielten, im Norden hat man Raben und Adler, Füchſe und Bären gezähmt. Aber es waren, ſo weit es ſich um größere Tiere handelte, nur ſolche, die jung gefangen wurden, die nicht in der Gefangenſchaft geboren waren. Es ſcheint, daß man den größeren Teil dieſer individuell gezähmten und zumal der kleinen Tiere in älteſter Zeit nicht des Nutzens, ſondern der Spielerei oder des Kultus wegen, aus äſthetiſchen Gründen, aus Neigung zu lebendiger Umgebung hielt. Es giebt Stämme, welche Hühnerzucht nur des Federſchmuckes wegen, welche Hundezucht haben, ohne die Hunde zur Jagd zu verwenden.
Der entſcheidende Punkt für die Tierzähmung war, die größeren Tiere zur Zucht in der Gefangenſchaft zu bringen. Wie das beim Elephanten in Indien noch nie gelungen iſt, wie die Verſuche in unſeren Tiergärten mit wilden Tieren noch heute die größten Schwierigkeiten zeigen, ſo haben ſtets die gefangenen Tiere eine geringe Brunſt und eine ſo geringe Milchergiebigkeit gezeigt, daß ſie entweder keine Jungen bekamen, oder die wenigen geborenen verhungerten. Der Erſatz durch Menſchenmilch, der ſelbſt für Hunde und Schweine möglich war und oft vorkam, war bei ihnen ausgeſchloſſen.
Eduard Hahn ſtellt nun die anſprechende Hypotheſe auf, vorderaſiatiſche Stämme ſeien durch die bekannte, weitverbreitete göttliche Verehrung der Rinder dazu gekommen, dieſe nach und nach in der Weiſe zu zähmen, daß man ſie gleichſam über ihre Gefangen- ſchaft täuſchte, ſie herdenweiſe in große Gehege zu treiben wußte. Hier hätten ſie ſich fortgepflanzt und auch nach und nach an den Menſchen gewöhnt. Man habe hier die zahmeren Tiere leicht herausfinden, dieſelben vor den heiligen Wagen ſpannen, einzelne männliche Tiere — auch aus kultlichen Motiven — kaſtrieren können; die wilderen Exemplare konnte man durch Schlachtopfer ausmerzen. Die Anſpannung des Ochſen vor den Haken und Pflug ſieht Hahn ebenfalls als eine urſprünglich kultliche Handlung, als das Symbol der Befruchtung der Mutter Erde durch ein heiliges Tier an. Die Milch-, Fleiſch- und Zugnutzung glaubt er erſt als ſpäte Folgen dieſer rituellen Haltung des Rindes betrachten zu dürfen. Die Zähmung des Pferdes, des Kameles, des Schafes, des Eſels, der Ziege betrachtet er als ſpätere Nachahmungen der urſprünglich allein vorhandenen Rindviehhaltung. Er nimmt auch an, daß ſo die Tierzähmung in der Hauptſache von einem Punkte der Erde ausgegangen ſei.
Die Hypotheſe Hahns wird noch näherer Unterſuchung bedürfen. Jedenfalls giebt ſie nach ihren pſychologiſchen Gründen und hiſtoriſchen Beweiſen eine ſehr wahrſcheinliche Erklärung, welche der alten Annahme, die Viehzucht ſei der Jagd, der Ackerbau der Viehzucht geſchichtlich und urſächlich gefolgt, ganz fehlt. Jäger ſind nirgends Viehzüchter geworden, wohl aber haben afrikaniſche und amerikaniſche Hackbauern die Haltung des Rindviehes und anderer Tiere in hiſtoriſcher Zeit erlernt. Der Übergang der indogermaniſchen Völker, die halb Hirten, halb Ackerbauern waren, nach ihrer Wanderzeit zum ſeßhaften Ackerbau beweiſt nicht, daß der wirkliche Nomade den Ackerbau mit Rindvieh und Pflug begründete. Die uns heute bekannten eigentlichen Nomaden, welche in ganz anderer Weiſe Wandervölker ſind als die Indogermanen, die mongoliſchen Centralaſiaten, haben nur ausnahmsweiſe Rindvieh, mit dem gar nicht ſo zu wandern iſt wie mit Ziegen und Schafen, den älteſten Nomadentieren, und mit Pferden, Eſeln, Maultieren und Kamelen, welche für die ſpäteren Nomaden die wichtigſten Laſt- und Herdentiere wurden. Wie ſollen dieſe Nomaden das wenig bewegliche Rindvieh gezähmt haben, das wahrſcheinlich viel früher als alle anderen größeren Nutztiere dem Menſchen diente? Wenigſtens daß das Pferd erſt 2000—1700 unter den Hirtenkönigen nach Ägypten, erſt in den Jahrhunderten nach Chriſti zu den Arabern, zu den Germanen erſt auf ihren Wanderungen kam, ſteht feſt.
So ſpricht ſehr viel dafür, daß die Rindviehzucht vorderaſiatiſchen Stämmen in ſehr früher Zeit gelang, daß ſie an ihrem Entſtehungsorte den eigentlichen Ackerbau im Gegenſatze zum Hackbau erzeugte, daß die Tierzucht von da aus ſich verbreitete, teilweiſe mit dem Ackerbau, teilweiſe ohne ihn, daß ſie je nach den benutzten und klimatiſch oder ſonſt möglichen Tieren verſchiedene wirtſchaftliche Lebensformen nach und nach erzeugte. Wir wollen, ehe wir den Ackerbau beſprechen, nur ein Wort vorausſchicken über die mongoliſch-aſiatiſchen Nomadenvölker und deren Wirtſchafts- und Lebensweiſe; ſie erſcheinen in den Lehrbüchern, z. B. bei Schönberg, Roſcher, Ratzel, als die eigentlich typiſchen der wandernden Viehzüchter, der ſogenannten Nomaden. Die Rinderhirten Afrikas ſind keine eigentlichen Nomaden, in Amerika iſt das Rind und das Pferd erſt mit den Europäern eingezogen.
79. Die mongoliſche Nomadenwirtſchaft. Die nomadiſchen Mongolen- ſtämme ſind Bewohner der Steppe, der Hochgebirge, der Hochebenen, der unwirtſchaftlichen Striche zwiſchen dem Ackerlande. Sie beſaßen urſprünglich, wie erwähnt, überwiegend die leichtbeweglichen Ziegen und Schafe, erſt ſpäter kam Pferd und Kamel dazu; das Rind haben nur einzelne weniger bewegliche Stämme, und nicht in großer Zahl. Ihr periodiſches Wandern in den ihnen eigenen Gebieten, wie ihr raſches, ſtoßartiges Vordringen in neue Länder iſt die Folge des kargen Bodens, auf dem ſie ſitzen. Das Rindvieh iſt für dieſen Boden und dieſes häufige, raſche Wandern nicht recht brauchbar. Den Uralaltaiern erſchienen die Indogermanen mit ihrem Rindvieh trotz ihrer zeitweiſen Wanderungen als ſeßhafte Stämme. Dieſe wandernde Nomadenwirtſchaft konnte nur entſtehen, nachdem die Viehzucht überhaupt in begünſtigteren Ländern, bei Ackerbauern, ſich ausgebildet hatte; ſie kann heute nur beſtehen in der Nähe von Völkern höherer, anderer Kultur, welche gegen tieriſche Produkte Mehl, Thee, Waffen, Werkzeuge liefern; teilweiſe freilich treiben die Nomaden auch etwas Hack- oder Ackerbau.
Ganz überwiegend leben ſie von ihrer Viehwirtſchaft. Sie trinken die Milch und das Blut, ſie eſſen das Fleiſch der Tiere; das Menſchenfleiſch iſt hierdurch verdrängt; aus den Häuten fertigen ſie Kleider, Zelte, Sattel und Riemen, allerlei Hausgeräte. Ihre Ernährung ſteht meiſt weit über der der Jäger, auch über der vieler Hackbauern, nicht über der der viehzüchtenden Ackerbauern. Immer iſt ſie wechſelvoll; der Nomade muß im Ertragen von Hunger und Durſt geübt ſein. Je nach Regen und Witterung, Viehkrankheit und guten Jahren nehmen die Herden raſch ab und raſch zu. Die Bevölkerung iſt meiſt ſtabil, oft künſtlich beſchränkt. Neben der Pflege und Wartung der Tiere haben manche der Stämme allerlei häusliche und gewerbliche Künſte gelernt: die Filzbereitung und der Zeltbau ſtehen teilweiſe auf hoher Stufe. Aber im ganzen wird ihr Leben dadurch nicht beeinflußt; es iſt Jahrhunderte hindurch und länger ſtabil geblieben. Fleiß und Arbeitſamkeit ſind wenig ausgebildet. Der Nomade, ſagt Ratzel, führt im ganzen doch ſchlechte Wirtſchaft; „er verliert Zeit, opfert Kraft in nutzloſen Bewegungen und verwüſtet nützliche Dinge“; das Weideland wird nicht verbeſſert, nicht geſchont, nicht für die Zukunft gepflegt. Der Hirte iſt faul.
Aber er macht durch ſeinen Herdenbeſitz und ſeine Weide- und Wanderzüge gewiſſe Fortſchritte in der geſellſchaftlichen Organiſation, ſowie im Handel, in der Kapital- und Eigentumsausbildung.
Nicht alle Viehzüchter wandern, nicht alle Hirten ſind Nomaden. Aber die mongoliſchen ſind überwiegend in Bewegung, da ihre Weidereviere ohne ſolche Wanderungen zu karg ſind. Immer haben die Stämme und die Geſchlechter zunächſt gewiſſe, im ganzen abgegrenzte Gebiete, innerhalb deren ſie je nach ihrer Abweidung, je nach Sommer und Winter, je nach Regen und Überſchwemmung hin und her wandern; aber gar leicht ſind ſie genötigt, darüber hinaus zu greifen; die geſtiegene Menſchen- oder Viehzahl, die Erſchöpfung des Bodens, die Viehraub- und Beutezüge treiben ſie zur Überſchreitung ihrer Gebiete. Auf den Zügen bilden ſie eine kriegeriſche Wanderverfaſſung aus. Und auch ihre Teile, die Geſchlechter und Genoſſenſchaften, löſen ſich des Schutzes und des gemeinſamen Weidebetriebes wegen nie etwa ſo auf, wie es der erſchöpfte Boden an ſich als wahrſcheinlich erſcheinen ließe. Die arabiſchen Stämme zerſtreuen ſich und ihre Herden in dürrer Zeit ſo weit als möglich, aber vier Zelte bleiben mindeſtens zuſammen. Das den einzelnen Familien oder Individuen gehörige Vieh wird ſtets in größern Herden geweidet; das Jungvieh wird weiter weg getrieben, das Melkvieh in der Nähe der Zelte und Hütten gelaſſen, die der Bewachung bedürfen. Auch die Kelten und Germanen lebten, wie Meitzen wahrſcheinlich macht, zur Zeit ihrer überwiegenden Viehzucht in Viehweidegenoſſenſchaften von 16 bis 100 Familien zu ſolchen Zwecken. So erwachſen gewiſſe Bande des Stammes und der Genoſſenſchaft über der patriarchaliſch ausgebildeten Familie, wenigſtens bei den ſtark wandernden und kämpfenden Nomaden.
Im Herdenbeſitz iſt ein wertvolles Kapital entſtanden, das durch Zufall, Beute, Handel und gute Pflege ſich ſehr vermehren läßt, das andererſeits durch tauſend Gefahren bedroht iſt. Alle Nomadenſtämme kennen ſchon den Gegenſatz von reich und arm; alle neigen zu Handel und Verkehr, haben Rechentalent und Spekulationsſinn, haben Freie und Knechte, wenn auch beide nicht durch ſehr verſchiedene Lebensweiſe getrennt ſind.
Die Wirtſchaftsweiſe giebt meiſt gute Ernährung, immer ſcharfe Sinne, perſönlichen Mut, Entſchloſſenheit, körperliche Abhärtung; die ſeit undenklichen Zeiten vorhandene Gleichförmigkeit des Lebens erzeugt eine gewiſſe Würde und Ruhe; ja die großen, gleichmäßigen Eindrücke der Natur können religiös-fataliſtiſchen Sinn fördern. Doch iſt es ganz falſch, alle höheren Religionen den Nomaden zuzuſchreiben. Wohl iſt Muhamed ein halb kaufmänniſcher Hirte geweſen, der den Ackerbau verachtete und behauptete, mit dem Pflugſchar komme die Schande ins Haus; und der Jahve der Juden am Sinai war ein kriegeriſcher Hirtengott. Aber die indiſche Religion, der Gott der jüdiſchen Propheten, das Chriſtentum ſind in Ackerbauländern mit ihrer höheren Kultur entſtanden. Die pſychologiſch-ſittlichen Züge des Nomaden entſprechen ſeiner Lebensweiſe; er verachtet den Dieb und verherrlicht den Räuber; er iſt gaſtfrei und grauſam, gerecht gegen den Stammesgenoſſen, treulos, gewaltthätig und liſtig gegen Fremde; er iſt ein Frauenräuber, mißhandelt leicht die Frau, hat aber oft die patriarchaliſche Familienverfaſſung ausbilden helfen; er iſt hochmütig auf ſeinen Beſitz, aber er behandelt ſeinen Knecht meiſt nicht ſchlecht. Selbſtändigkeit des Charakters verbindet ſich oft mit geſellſchaftlicher Zucht und Unterordnung. Alle Viehhaltung hat mehr die männlichen und kriegeriſchen Eigen- ſchaften, Hack- und Ackerbau die weiblichen und friedlichen der Stämme befördert. Es ſind den Nomaden Stammesbündniſſe, völkerrechtliche Verträge, Eroberungen und große Staatsbildungen, ja die Bildung von Weltreichen — freilich mehr vorübergehend — in der Regel früher und beſſer als den Hack- und Ackerbauern gelungen. Dieſe zerfallen vor der Ausbildung komplizierter ſtaatlicher Verfaſſungen leicht in zahlreiche kleine lokale ſociale Körper.
Doch darf nicht überſehen werden, daß auch überwiegende Ackerbauern oft kühne Krieger und Staatsbildner waren. Noch mehr freilich haben die indogermaniſchen Völker, welche wir nicht als Nomaden, höchſtens als Halbnomaden bezeichnen dürfen, wo ſie ſich wegen Übervölkerung ſpalteten und Teile ihrer Stämme erobernd vorwärtsdrängten, eine kräftige kriegeriſche Verfaſſung ausgebildet.
80. Der Ackerbau, den wir den niederen Formen des Bodenbaues, haupt- ſächlich dem Hackbau, dem halbnomadiſchen und nomadiſchen wechſelnden Anbau einiger Ackerſtellen mit Sommerfrüchten entgegenſetzen, begreift alſo, nach unſerer obigen Ausführung über ſeine Entſtehung, den im ganzen ſeßhaften Anbau von Gramineen und anderen Früchten, der mit Haken und Pflug ausgeführt wird, mit Viehzucht verbunden iſt. Es verſteht ſich, daß auch er verſchiedene Stadien der Entwickelung durchläuft, vom Anbau einiger Prozente des Bodens bis zu 50, 80 und 100 Prozent, von der mangelnden und vereinzelten bis zur ſtärkſten Düngung, von geringer zu ſtarker Viehhaltung, vom extenſiven Betrieb einer rohen Feldgraswirtſchaft bis zum intenſiven Fruchtwechſel. Aber wir wollen zunächſt von dieſen Graden der Intenſivität, d. h. von der Zunahme der Verwendung von Arbeit und Kapital auf dieſelbe Bodenfläche ab- ſehen und im allgemeinen fragen, welche Bedeutung der Ackerbau überhaupt für die Entwickelung der Technik und Kultur der Menſchen habe.
Wir ſehen es, wenn wir ihn und ſeine Folgen mit den Zuſtänden des Jägers, des Nomaden und des Hackbauers vergleichen; der Hackbau hat freilich mancherlei Folgen mit dem Ackerbau gemein, wie z. B. die Wirkung auf Fleiß und Anſtrengung, die Begünſtigung des Seßhaftwerdens, der dichteren Bevölkerung, eines Anfanges der Arbeitsteilung und der Feldgemeinſchaft. Aber er unterſcheidet ſich doch im weſentlichen von ihm: auch wenn der hölzerne Haken, aus dem der Pflug entſtand, urſprünglich durch Mann und Frau (conjux, conjugium) gezogen wurde, im ganzen wurde die tieriſche Kraft benützt und damit der Boden ſehr viel leichter und tiefer gelockert. Die Benutzung der tieriſchen Kräfte zum Anbau, zur Laſtenbeförderung, bald auch als Hülfsmittel für Göpel und Triebrad bedeutet einen außerordentlichen Fortſchritt gegenüber der viel ſchwächeren Menſchenkraft; ſie wurde gleichſam verdoppelt oder vervierfacht. Der Anbau wurde aus einer bloßen Weiberziemlich allgemein Männerſache; größere Flächen wurden beſtellt, ertragsreichere Früchte gebaut. Die bisherigen Gemüſe-, Knollen- und Wurzeleſſer erhielten mit Gerſte, Roggen und Weizen und den weiteren daran ſich ſchließenden Früchten eine viel beſſere und ſicherere Ernährung. Die Erinnerung an den großen Fortſchritt lebte im Altertum lebendig fort, wie z. B. Homer die älteſten Einwohner Ägyptens, die ſich von Lotos und Bohnen nährten, vergleicht mit den ſtarken Männern, welche die Früchte des Halmes genießen; jene hätten jedes Auftrags und jeder Pflicht vergeſſen. Forſſac berechnete 1840, der Ackerbau nähre 20—30 mal ſo viel Menſchen wie die Nomadie, dieſe 20 mal ſo viel wie die Jagd. Wir haben oben (S. 183) die ſteigende Ernährungsmöglichkeit, welche der Ackerbau ſchafft, ſchon zahlenmäßig nach dem Stande der heutigen Statiſtik belegt. Die Verbindung der Getreide-, Fleiſch- und Milchnahrung erzeugt die kräftigſten Menſchen, iſt bis heute als die phyſiologiſch günſtigſte angeſehen. Wenn auch Viehſterben und Mißernten noch lange große Gefahren brachten, die Unſicherheit der Jäger-, Fiſcher- und Nomadenwirtſchaft war doch beſeitigt und wich weiter in dem Maße, wie die Vielſeitigkeit des Anbaues verſchiedener Früchte wuchs, die Vorratsſammlung ernſter genommen wurde.
Wie die erforderliche Arbeit ſich vermehrte, ſo ſteigerte ſich die Gewöhnung an Arbeit, Umſicht, Beſonnenheit mit dem Ackerbau ſehr; das komplizierte Ineinandergreifen der Viehhaltung und des Anbaues nötigten zu Plänen und Berechnungen aller Art, zur Fürſorge für den Winter, für die Zukunft. Die Ackerwerkzeuge, der ganze Betrieb, der Bau von Haus, Stall und Scheuer wurden komplizierter. Und all das ſteigerte ſich noch ſehr, wenn der Anbau von Obſtbäumen, die Pflanzung des Wein- und Olivenbaumes, die Terraſſierungsarbeiten, die Waſſerbenützung und die Waſſerbauten, die Düngung hinzukamen. Die definitive Seßhaftigkeit war mit dem Hausbau, der Bodenverteilung und -vermeſſung, dem beſſern Anbau für immer gegeben.
Aber nicht nur die Arbeit des einzelnen wurde eine ganz andere, nicht nur die Hauswirtſchaft der Familie bildete ſich feiner als beim Hackbau aus, auch die gemein- ſamen Arbeiten des Stammes, der Sippen, der zuſammen im Dorfe Wohnenden ſteigerten ſich gegenüber den ähnlichen Einrichtungen beim Hackbau, teilweiſe auch gegenüber denen der Nomaden. Da und dort entſtand gemeinſamer Anbau; oft wenigſtens ſpannten zwei bis vier Familienväter ihre Ochſen bei ſchwerem Boden gemeinſam vor den Pflug; die Dorfgenoſſen wohnten gemeinſam, bauten gemeinſam ihre Holzhäuſer, hüteten gemeinſam ihr Vieh, legten ihre Ackerbeete und ihre Wege nach gemeinſamem Plane an, verwalteten Wald und Weide gemeinſam: Flurzwang und Feldgemeinſchaft ſind die weitverbreiteten genoſſenſchaftlichen Folgen erſt des Hack-, aber noch mehr des Ackerbaues. Noch viel größer werden die gemeinſamen Arbeiten, wo die Waſſerzu- oder Ableitung eine große Rolle ſpielt, wie in Ägypten und anderwärts; da wird der Ackerbau zu einer ganze Stämme und Staaten einheitlich verbindenden Einrichtung. Die Ausbildung der Feldmeßkunſt, die Verſteinung der Felder wird bei jeder definitiven Landzuteilung und allem geregelten Ackerbau eine wichtige genoſſenſchaftliche oder Staatsaufgabe.
Man hat geſagt, der Hackbau erzeuge Dörfer, der Ackerbau Städte. Jedenfalls ging Ackerbau und Stadtbau vielfach im Altertum Hand in Hand, was wir in dem Kapitel über Siedlung noch ſehen werden; die Ackerbauern der fruchtbaren Stromländer ſchufen große Verteidigungswerke, in welche ganze Völkerſchaften ſich retten konnten. Das Friedensbedürfnis der Ackerbauer iſt ein viel größeres als das der Hackbauern und der Nomaden und wächſt mit dem Obſt- und Weinbau, mit dem ſteigenden Wert aller Anlagen. Der Krieg mit den Nachbarn wurde ein anderer. Neben dem möglichen Schutz durch Mauern, Waſſer, Kanäle ſucht der Ackerbauer durch Schutzwaffen, Leder- und Metallkleidung, Schilde und Helme, aber auch durch beſſere und kompliziertere Kriegsverfaſſung ſich gegen ſeine Feinde zu ſichern.
Das ganze geordnete geſellſchaftliche Leben der Kulturvölker ſteht mit dem Ackerbau in Zuſammenhang. Die Alten, ſagt Roſcher, haben der Landbaugöttin Demeter die Einführung der Ehe und der Geſetze beigelegt. Schäffle thut den Ausſpruch: „die Einzel- und die Volksſeele kam erſt mit dem Übergang zum Ackerbau zu höherer Vernunftsentwickelung.“
Man hat neuerdings darauf hingewieſen, daß man oft die wirtſchaftlichen, ſocialen und geiſtigen Folgen des Ackerbaues überſchätzt habe, daß nur eine gewiſſe Entwickelung des Ackerbaues, nämlich die mit Seßhaftigkeit, Hausbau ꝛc. verknüpfte, dieſe Folgen habe. Das iſt richtig. Wir haben dem teilweiſe durch die Scheidung von Hackbau und Ackerbau Rechnung getragen. Im übrigen könnten wir nur durch eine eingehende wirtſchaftsgeſchichtliche Scheidung der verſchiedenen Stufen des Ackerbaues genauer feſt- ſtellen, wann und wo dieſe günſtigen Folgen eintraten. Dazu iſt hier nicht der Raum. Nur die wichtigſten Phaſen des agrariſchen Entwickelungsprozeſſes, wie er ſich in Europa abſpielte, ſeien hier zum Schluſſe angedeutet.
Die Weidewirtſchaft oder wilde Feldgraswirtſchaft benutzt den Wald und die Weiden nur zur Viehernährung, bricht an geeigneter Stelle kleine Stücke der Weide zur Beackerung auf, baut da Buchweizen, Hirſe, Gerſte, Roggen zwei oder drei Jahre hintereinander ohne Düngung, bis der Boden erſchöpft iſt; oft genügt als Saat, was bei der Ernte ausfällt. Der erſchöpfte Boden wird verlaſſen, fliegt wieder als Weide oder Wald an, anderer wird in Angriff genommen.
An eine ſolche Wirtſchaft haben wir auch für die ungetrennten Indogermanen zu denken, die Gerſte bauten, Joch oder Pflug und feſte Holzhäuſer hatten. Auf der Wanderung trat dann die Viehwirtſchaft mehr in den Vordergrund, aber der Ackerbau hörte nicht auf; wir treffen ſogar bei dem europäiſchen Zweige der Indogermanen den Weizen- und Spelzbau, bei den Germanen den Pflug mit eiſerner Schar, was nicht ausſchließt, daß die Sueben zu Cäſars Zeit, in Vorwärtsbewegung begriffen, keine feſten Wohnſitze hatten, erſt in den nun folgenden Jahrhunderten zur definitiven Seßhaftigkeit, zu der Dorf-, Hufen- und Gewannenverfaſſung übergingen.
So entſtanden hier aus der wilden Feldgraswirtſchaft und Brennwirtſchaft nach und nach die Feldſyſteme mit ewiger Weide. Unter der Brennwirtſchaft verſtehen wir eine ſolche, welche einzelne Stücke Moor oder Wald zum Zwecke des Anbaues niederbrennt und eine Anzahl Jahre bebaut. Eine ſolche war in Deutſchland, Skandinavien, Frankreich bis ins Mittelalter weit verbreitet, erforderte wegen der Brandgefahren Vorſicht und geſellſchaftliche Ordnung und Überwachung. Im Gegenſatz zu dieſem Herumgehen des Baulandes in der Flur, im Gut, in der Gegend ſteht die Ein-, Zwei-, Dreifelderwirtſchaft, welche als ewiges Ackerland in der Nähe der Wohnungen urſprünglich 10—20 Prozente ausſondert, den Reſt als Wald und ewige Weide benutzt. Die Einfelderwirtſchaft bebaut jährlich mit Düngung dieſelben Flächen, die Zwei- und Dreifelderwirtſchaft bebaut abwechſelnd jährlich die Hälfte, ein oder zwei Drittel des Ackerlandes und läßt das übrige als Brache ausruhen und als Viehweide dienen. Gedüngt wird urſprünglich nur durch den Viehgang oder durch Überſchwemmung, wo Bewäſſerungs anlagen ſind. Später wächſt dann das Ackerland auf Koſten des Waldes und der Weide, aber die Einteilung des Ackerlandes in zwei oder drei Felder neben der Weide erhält ſich in alter Weiſe. Das waren und blieben die vorherrſchenden ſüd- und mitteleuropäiſchen Betriebsformen der Landwirtſchaft, die erſt im 18. und 19. Jahrhundert den verbeſſerten, noch intenſiveren wichen, auf die wir unten kommen.
Wir haben damit weit vorgegriffen. Aber es entſprach das auch der ſo wichtigen geſchichtlichen Thatſache, daß der Ausbildung des Ackerbaues, wie ſie nach der Viehzähmung und der Pfluganwendung Jahrtauſende vor Chriſti in Vorderaſien gelang, wohl bis in unſer Jahrhundert viele kleine Verbeſſerungen, aber keine ſie von Grund aus ändernde techniſche Neuerung folgte, keine, welche die ganze Ernährung der Menſchheit weſentlich erleichtert, die Produktion ſehr vermehrt hätte. Konnte doch Ed. Hahn deshalb noch neuerdings dieſe älteſten Fortſchritte des Landbaues verherrlichend ſagen: „Wenn wir das Jahr in vier Jahreszeiten und zwölf Monate teilen, wenn wir das Land pflügen und das Getreide hineinſäen, wenn wir Mehl mahlen und das Brot im Ofen backen, wenn wir Milch und Wein trinken (wahrſcheinlich gehört auch das Bier dazu) und Butter und Öl eſſen, ſo thun wir genau, was wir unſere geiſtigen Vorfahren im Unterlauf des Tigris und Euphrat thun ſehen, wenn das erſte blaſſe Dämmerlicht der Geſchichte etwa 4000 v. Chr. auf ſie fällt. Alles was wir hinzugefügt haben, betrifft doch nur das Ornament, die Grundlagen ſind dieſelben geblieben.“ Es mag dies übertrieben klingen, und iſt es auch in gewiſſem Sinne; es iſt nur für die Ernährung wahr. Es iſt dabei von den Fortſchritten, welche die Metalltechnik brachte, ſowie von den großen Verbeſſerungen ſeither im Verkehr und in den Gewerben ganz abgeſehen.
81. Die Waffen und Werkzeuge aus Metall ſind jünger als Viehzucht und Ackerbau. Pflug und Wagen, Kahn und Geſtell des Zeltes und der Hütte, Stiel und Schaft der Steinwerkzeuge war ſehr lange nur von Holz. Und auch wo die Metallbearbeitung begann oder Metallwerkzeuge und -Schmuckſtücke eindrangen, waren ſie lange ſo ſelten und teuer, daß die Holz-, Stein- und Knochentechnik ſich nicht viel änderte. Noch heute giebt es Gegenden in Europa, die faſt nur Holzverwendung kennen: in der Herzegowina z. B. trafen die Öſterreicher 1878 Wagen ohne jeden Metallzuſatz.
Immer wollen wir nicht verſchweigen, daß der Ackerbau, wie er ſeit den Aſſyrern und Ägyptern beſtand, und wie wir ihn eben betrachteten, von einer gewiſſen Metalltechnik meiſt ſchon gefördert war. Wenn wir jetzt dieſe beſprechen, ſchildern wir nicht etwa eine Epoche, welche dem Ackerbau folgte, ſondern eine Entwickelung, die mit ſeinen Anfängen beginnt und ihn begleitet und gefördert hat.
Mit Holz, Knochen und Stein haben gewiß einzelne Völker nicht Unbedeutendes geleiſtet; aber die Metalltechnik bedeutet doch, wo ſie zur vollen Geltung kommt, einen ungeheuren Fortſchritt, ähnlich dem Fortſchritt der Feuerverwendung; man hat ſie nicht mit Unrecht dem heutigen Maſchinenfortſchritt gleichgeſtellt. Beck ſagt: erſt die Metallwerkzeuge ſicherten die überlegene Herrſchaft der Menſchen auf Erden. Morgan meint: die Eiſenproduktion iſt der Wendepunkt aller Wendepunkte in der menſchlichen Erfahrung; nichts kommt ihm gleich. Schon für die älteſte Überlieferung der antiken Völker iſt das Bekanntwerden der Metalle ein ungeheures, auf Götter oder Weltbrände zurückgeführtes Ereignis.
Von den Metallen wurde wahrſcheinlich zuerſt das Gold gefunden und gebraucht; es findet ſich in gediegenem Zuſtand an der Oberfläche und lockt durch ſeine Farbe; aber es hat zuerſt, wie ſpäter, wohl nur zum Schmucke gedient. Es war zu Werkzeugen zu weich und zu ſelten. Silber gehört einer viel ſpäteren Zeit an; es wird nicht als reines Metall gefunden, iſt nur aus ſeinen Erzen herzuſtellen. Kupfer kommt da und dort gediegen vor; es kann ohne Schmelzprozeß verarbeitet, gehämmert werden und hat ſo bei einzelnen Stämmen, z. B. bei amerikaniſchen, wahrſcheinlich auch bei den ungetrennten Indogermanen, die Rolle des erſten Metalls geſpielt. Viel wichtiger aber wurde das Eiſen und die Legierung von Kupfer und Zinn, die echte oder antike Bronze. Eiſen und Bronze ſind nur durch Schmelzprozeſſe aus den Erzen herzuſtellen. Die Erze enthalten das Metall oxydiert, an Sauerſtoff gebunden und mit anderen Stoffen gemiſcht; erſt der Schmelzprozeß ſtellt annähernd reines Metall her. Werkzeuge aus ſolchen ſetzen alſo ſtets eine gewiſſe Naturkunde und größere Geſchicklichkeit voraus.
Darüber ob ein beſonderes Zeitalter der Bronzewaffen und -Werkzeuge anzunehmen, das dem der eiſernen vorangegangen ſei, wird heute noch in einer ſehr umfangreichen Litteratur eifrig geſtritten. Das Wahrſcheinlichſte iſt nach dem heutigen Stande der archäologiſchen und techniſchen Forſchung (Beck, Blümner, Schrader), daß eine primitive Herſtellung ſchlechter, roher Eiſenwerkzeuge ſo ziemlich überall das ältere war, weil die Eiſenerze bei 700°C., die Kupfererze erſt bei 1100°C. ſchmelzen, und die Eiſenerze überall verbreitet ſind, das zur Bronze nötige Zinn aber ſehr ſelten iſt; daß dann aber einige der begabteſten Völker in Aſien, Europa und Amerika die vollkommene Ausnützung der Kupfer- und Zinnlegierung erlernten und ſo unter Zurückdrängung der ſchlechten und ſeltenen Eiſenwerkzeuge die bronzenen viele Jahrhunderte lang die vorherrſchende Rolle ſpielten. Die Bronze iſt ſchöner, leichter ſchmelzbar, hämmerbarer; ſie roſtet nicht, jedes zerbrochene Stück iſt wieder brauchbar, ſie kann durch die verſchiedenen Zinnzuſätze von 2 % bis zu 30 % beliebig hart oder weich gemacht werden; ihre Hauptverarbeitung bedarf keiner Heizvorrichtung. Und wenn die Bronzewerkzeuge zu den großen Steinbauten der beginnenden Civiliſation nicht ausreichten, für die gewöhnlichen Waffen, Werkzeuge, Schmuck- und Haushaltungsgegenſtände waren ſie gleich brauchbar, ja teilweiſe brauchbarer als Eiſen. Der erſte Sitz einer großen Bronzeinduſtrie war das ſemitiſche Weſtaſien; von da hat der Handel erſt die fertigen Produkte, ſpäter den Rohſtoff und die Technik weit verbreitet. Die Griechen und die Etrusker waren die Erben der phönikiſch-ſemitiſchen Bronzekunſt. Anderwärts hat die Bronzetechnik nicht dieſelbe Rolle geſpielt. Die Eiſenbereitung hatte wahrſcheinlich bei den mongoliſchturaniſchen Stämmen, von welchen das erſte Eiſenvolk des Altertums, die Chalybäer am ſchwarzen Meer ein Splitter ſind, zuerſt eine größere Bedeutung, kam von ihnen nach China (2300 v. Chr. nachweisbar) wie zu den turaniſchen Iberern und Basken; die Ägypter hatten ſie 3000 v. Chr. wahrſcheinlich mit dem Sitz in Äthiopien. Die Kelten und Britannen ſind eiſenkundiger und -reicher als die Römer, welchen unter Numa der Eiſenſchmied noch fehlt; die Kelten ſind die Begründer der noriſchen (ſteieriſchen) Eiſenbergwerke. Die germaniſchen Völker erſcheinen nach ihrer Trennung von den anderen indogermaniſchen, nach Weſten ziehenden Völkern als ſchmiedekundig, aber erſt die zwölf bis vierzehn Jahrhunderte nach Chr. dehnten die primitive Eiſengewinnung bei ihnen nach und nach etwas weiter aus. Die großen Bauten Ägyptens, Aſſyriens und ſpäter die Perus ſind ohne Eiſenwerkzeuge nicht denkbar. Im ganzen hat die Mittelmeerkultur mehr durch die Bronze, haben die nordiſchen Völker mehr durch das Eiſen die erſten Fortſchritte der Metalltechnik vollzogen, und inſofern geht eine ſüdliche Epoche der Bronze der nördlichen des Eiſens hiſtoriſch voran.
Die älteſte, roheſte Eiſengewinnung aus zerkleinerten Erzen geſchah in offenen, kleinen, mit Kohlen geheizten Öfen; das Ergebnis waren nur ſchwammige, unreine, unſchmelzbare Eiſenſtücke, die Luppen, aus denen durch Rothämmern ganz ſchlechtes Schmiedeeiſen entſtand. Das ſyſtematiſche Zerkleinern, Ausleſen und Unterſcheiden der Erze, die Luftzuführung durch Blaſebälge (es waren urſprünglich zuſammengenähte Ziegenfelle), die Zuſetzung von kieſelartigen Schmelzmitteln und das beſſere Hämmern der niedergeſchmolzenen kleinen Luppen von ein oder ein paar Kilogramm waren die großen Fortſchritte, die ſchon in der älteſten hiſtoriſchen Zeit ſich da erkennen laſſen, wo beſonders günſtige Bedingungen das Eiſengewerbe förderten. Je nach der Auswahl der Erze, der Hitze und der Luftzuführung und weiterer Behandlung erhielt man Stahl mit 0,6—1,5 % oder Schmiedeeiſen mit 0,1—0,5 % Kohlenbeimiſchung, welche bei Griechen und Römern ſchon unterſchieden werden. Immer war die Technik eine ſo unvollkommene und kleinliche, daß man berechnet hat, mit ihr würde auch heute ein Centner Eiſen, der jetzt 3—5 Mark koſtet, auf 170 zu ſtehen kommen. Vor dem 12.—13. Jahrhundert n. Chr. ſind erhebliche weitere techniſche Fortſchritte nicht mehr erkennbar. Das Eiſen bleibt etwas Seltenes und Koſtbares: auf einem Gutshof Karls d. Gr. ſind zwei Äxte, zwei breite Hacken, zwei Bohrer, ein Beil, ein Schnitzmeſſer.
Immer waren die Folgen ſchon ſehr große. Mit der Bronze- und Eiſenaxt, mit der Säge und dem Bohrer war das Eindringen in den Urwald, die Rodung und Baumfällung, der Haus-, Schiffs- und Brückenbau, mit dem eiſernen und ſtählernen Meißel die Bearbeitung der Geſteine ganz anders möglich als früher. Die metallenen Waffen erzeugten viel wirkſameren Angriff; das eiſerne Zeitalter der Stammes- und Völkerkämpfe wird durch ſie herbeigeführt. Auch der beſſere Schmuck und die feinere Verzierung der Kleidung und der Wohnung wird erſt mit feineren und mannigfaltigeren Metallwerkzeugen möglich; die Metalle ſelbſt geben den Stoff für Nadeln, Ringe und anderen Schmuck. Die Überlegenheit der Stämme und Familien, welche die Metalltechnik beſaßen, als Geheimnis bewahrten und überlieferten, mußte eine außerordentliche werden. Der Urtypus des Gewerbsmannes entſteht: der Schmied; er tritt uns zuerſt als Ariſtokrat und Zauberer, als Kenner aller Geheimniſſe der Natur, als Arzt, oft auch als Muſiker, als Wirt, bei dem ſich alle verſammeln, als Händler, bei dem alle tauſchen, entgegen. Aller Handel und Verkehr wurde mit der Metalltechnik, mit der Verbreitung von Bronze-, Eiſen-, Gold- und Silberſtücken ein anderer. Metallſtücke beſtimmter Form und Größe wurden das beliebteſte Tauſch- und Verkehrsmittel; Geld und Münze iſt die Folge hiervon.
Im einzelnen iſt die Wirkung ſehr verſchieden, im ganzen iſt ſie kaum zu über- ſchätzen; die ſämtlichen ſogenannten Halb- und Ganzkulturvölker von den Chineſen, Sumeriern und Akkadiern, Ägyptern, Aſſyrern, Phönikern an ſind ohne Metalltechnik nicht zu denken.
82. Die Technik der alten, weſtaſiatiſchen Völker. Mit der Viehzucht, dem Ackerbau, ſowie mit den Metallwaffen und Werkzeugen waren für die befähigtſten Raſſen unter günſtigen Naturbedingungen die Elemente des Wirtſchaftslebens gegeben, welche in den zehntauſend Jahren v. Chr. zum erſtenmale ſeßhafte, wohlhabende, teilweiſe ſchon nach Millionen zählende Völker und Staaten der Halbkultur ſchufen. Es handelt ſich hauptſächlich um die Akkadier und Sumerier, die Aſſyrer und Babylonier, die Ägypter und Phöniker, die Inder und Eranier (Perſer), deren wirtſchaftlich blühende Reiche in die Zeit von 5000 bis 500 v. Chr. fallen.
Drei große weitere techniſche Fortſchritte wurden von dieſen Völkern vollzogen: 1. beobachteten ihre Prieſter den Himmel und die Geſtirne, ſie teilten das Jahr in Monate, ſchufen das Zahlenſyſtem und die Arithmetik, ein geordnetes Maß- und Gewichtsſyſtem, die Schriftzeichen und die Schrift. Sie wurden damit die erſten Begründer alles empiriſchen Wiſſens und aller Wiſſenſchaft, ſie führten damit zugleich in alle Technik die Anfänge eines planvollen Entwerfens, einer mathematiſchen Genauigkeit ein. 2. Eng verknüpft hiermit iſt der andere Fortſchritt der Technik, der dieſen Völkern zu danken iſt: ſie begründeten alles eigentliche Bauweſen. Sie ſchufen die erſten Steinbauten, die erſten großen Mauer- und Straßenbauten, die erſten großen Waſſerbauten; ferner die erſten Wohnhäuſer und Tempel aus Stein, endlich die erſten größeren Schiffe. Und im Zuſammenhang mit der Bronze- und Eiſentechnik und dem Bauweſen ſchufen ſie 3., was damals mit in erſter Linie ſtand, eine hoch ſtehende Kriegstechnik, komplizierte Kriegsmaſchinen, wie ſie vorher nicht exiſtiert hatten.
Wir können dieſe techniſchen Fortſchritte hier nicht alle im einzelnen ſchildern; nur über den Hausbau und die hauswirtſchaftliche Technik einerſeits und die Technik großen Stils, die in den Händen der ſocialen Gemeinſchaften lag, andererſeits möchten wir einige Worte ſagen.
Jahrtauſende hindurch hatten die Menſchen Schutz gegen Witterung, Kälte und Hitze, Regen und Wind wie gegen Feinde teils in bloßen Schutzdächern, teils in bienenkorbartigen, mit Reiſig überdeckten Hütten, teils in Höhlen und überdeckten Erdlöchern gefunden; das Wohnen in Zelten oder Wagen war dem gegenüber ſchon ein Fortſchritt. Die erſten geſchloſſenen Räume waren ſehr klein, dunkel, ſchmutzig, oft von Menſchen und Vieh gemeinſam benutzt; man mied ſie, ſoweit man konnte; das Leben ſpielte ſich noch faſt ganz im Freien ab; ſolche Wohnſtätten konnten keinen weſentlichen Einfluß auf die Wirtſchaftsführung und Geſittung ausüben. Es waren meiſt Gebilde für einige Tage oder Monate, ohne viel Wert, von den Frauen oder Knechten raſch hergeſtellt. In unendlich vielen verſchiedenen Übergängen ging daraus in dem wald- und holzreichen gemäßigten und nördlichen Klima das Holzhaus, das von der Axt des Mannes und ſeiner Genoſſen hergeſtellt iſt, in den vorderaſiatiſchen Gebieten der Hamiten und Semiten das Steinhaus hervor; beidesmal handelt es ſich um die Sicherung und Umbauung des Herdes, um etwas größere Räume, um die Anordnung derſelben innerhalb eines umſchloſſenen Gehöftes. Wir verfolgen hier zunächſt den nördlichen Holzbau und ſeinen viel ſpäter erfolgten Übergang zum Steinbau nicht weiter, ebenſo wenig den Einfluß der verſchiedenen Sippen- und Familienverfaſſung auf die Ausbildung des Hauſes. Wir wollen nur hier ſchon das Wort Iherings, der Schritt vom Holzzum Steinbau ſei ein ungeheurer geweſen, nicht unwiderſprochen laſſen; Holzbau und Steinbau ſind zu einem großen Teil Folge verſchiedenen Bodens und Klimas; eine beſtimmte Reihe der wichtigſten Wirkungen auf Wirtſchaft und Familie haben die Holzwie die Steinhäuſer gleichmäßig ausgeübt; reichere Gliederung der Räume iſt bei beiden möglich. Auch Iherings Satz: das Brennen des erſten Ziegels ſei viel wichtiger geweſen als der erſte Pflug, iſt wohl übertrieben, er enthält eine kaum anzuſtellende Vergleichung; zwiſchen dem Holz- und Steinbau ſteht das Haus, das neben Holz, Lehm und Stroh Fachwerk und getrocknete Luftziegel verwendet; ſchon deshalb iſt das Ziegelbrennen nicht ſo epochemachend. Aber ſo viel iſt ſicher, daß der Bau mit gebrannten Ziegeln und rohen, ſpäter behauenen Steinen den Haus- und allen anderen Bau zu etwas viel Feſterem und Dauerhafterem, gegen Feuer beſſer Geſchütztem machte. Die Feſſelung an den Boden wurde mit ihm eine andere, die Dauerhaftigkeit aller Zuſtände nahm zu, die Teilung der Arbeit wurde nötiger, das techniſche Zuſammenwirken vieler wuchs, die Befeſtigungskunſt, der Tempelbau, die Anwendung der Meßkunſt auf die Bauten ſchloß ſich hauptſächlich an den Ziegel und den Stein an. Die Ausbildung der techniſch vielſeitigen patriarchaliſchen Hauswirtſchaft mit Gartenbau, Obſt- und Weinbau knüpft noch mehr an den Steinals an den Holzbau an. Die Verlegung einer ſteigenden Zahl von techniſchen Vorgängen in geſchloſſene oder geſchützte Räume, die Unterbringung des Viehes in Ställe, das Feuer auf dem Herd des Steinhauſes, der geſicherte Schutz der Vorräte und der Werkzeuge, wie das Haus ſie gab, all’ das erhob das wirtſchaftliche Familienleben zu beſſerer Ordnung, zu Nachhaltigkeit, zu Geſittung, zur ausgiebigen Benutzung aller möglichen kleinen techniſchen Fortſchritte. Freilich war das aſſyriſche Steinhaus in älteſter Zeit nicht viel mehr als eine kleine, lichtloſe Höhle, ein Gewölbe von Backſtein oder Luftziegeln mit Asphaltüberzug über einem vertieften Grunde; der Schutz gegen die Hitze war wohl der älteſte Zweck. Aber bald fügten ſich mehrere ſolche Räume neben- und übereinander; flache Dächer zur Benützung der Abendkühle, offene Säulen gegen den innern Hof kamen hinzu; mit Licht und Luft wuchs die innere Ausſtattung bei den Reichen. Neue große Aufgaben waren der Technik geſtellt, als die Häuſer in Babylon, in Ägypten, in Tyrus und Sidon bereits drei-, vier-, ja ſechsſtöckig wurden.
Können wir uns auch von der haus- und hofwirtſchaftlichen Technik, welche ſich hier im Schoße der patriarchaliſchen, großen und kleinen Familien entwickelte, kaum mehr ein ganz zutreffendes Bild machen, ſo viel ſteht doch wohl feſt, daß damals der Typus der patriarchaliſchen Hauswirtſchaft entſtand, der als ſociale Lebensform ſich drei Jahrtauſende erhielt, noch heute, wenn auch verändert und eingeſchränkt, beſteht. Die Verbindung des Garten- und Ackerbaues mit der Hauswirtſchaft, die Vereinigung des Mahlens, Kochens, Vorrathaltens mit der Wein-, Butter- und Käſebereitung mit der Flachs-, Baumwolle- und Wolleverarbeitung, mit der Spinnerei, Weberei, Nähen im Hauſe, die Ausgeſtaltung von Haus und Hof für die Unterkunft von Menſchen und Vieh, von Vorräten aller Art, ihre Ausſtattung mit Schemeln, Stühlen, Schränken, Betten, wie wir ſie ſchon in Ägypten treffen, all’ das erzeugte die hauswirtſchaftlichen Tugenden, welche zuerſt die vorzugsweiſe im Hauſe thätigen Frauen beſaßen, und die Geſamttendenz der geſchloſſenen Hauswirtſchaft auf gute Verſorgung ihrer Glieder, auf Eigenwirtſchaft, welche an andere Familien, an Gemeinde und Staat nur einige wenige Überſchüſſe abgeben wollte und konnte.
Neben dieſer auf ſich geſtellten Hauswirtſchaft hat ſich freilich frühe in den Mittelpunkten der aſiatiſchen Reiche, zumal in den Küſtenſtädten eine gewiſſe Berufs- und Arbeitsteilung entwickelt. Wir treffen ſpecialiſierte Handwerker nicht bloß als untere Glieder der Hauswirtſchaft, ſondern auch als zeitweiſe herangezogene Hülfsperſonen derſelben und Warenverkäufer; wir wiſſen, daß Verkehr und Handel in Phönikien und anderwärts ſich ausgebildet hatten. Wir hören von phönikiſchen Schiffen mit 20—50 Ruderern, mit Segeln, mit einer Faſſungskraft für 500 Menſchen, mit einer Bewegungskraft von 24—30 Meilen in 24 Stunden. Die Griechen bewunderten die ſtrenge und pünktliche Ordnung an Bord, die nur eine Folge hoher und vollendeter Technik ſein konnte.
Aber doch nicht in Gewerbe und Handel tritt der größte techniſche Fortſchritt jener vorderaſiatiſchen Reiche zu Tage, ſondern in den Gebieten, wo die Orts-, die Stammes-, die Staatsgenoſſen zuſammenwirkten oder durch ſtarke Gewalten zum Zuſammenwirken gezwungen wurden; hier erſt feierten die mathematiſchen und naturwiſſenſchaftlichen Fortſchritte jener Tage im Verteidigungs- und Kriegsweſen, im Mauer-, Burgen-, Brücken-, Graben-, Gemeindehaus-, Markt-, Palaſt- und Tempelbau, in Ciſternen, Brunnen und Waſſerleitungen, im Kanal-, Wege- und Hafenbau ihre größten Triumphe. Hier ſpielte der Stein- und Gewölbebau ſowie die ausgebildete Metalltechnik eine ganz andere Rolle als in der Hauswirtſchaft. Was Gemeinden und engere Verbände damals an Brunnenbau, Schutzbauten, gemeinſamem Ackerbau, Gemeindehäuſern, Schiffsbau, der in älterer Zeit überall als Bezirks- und Genoſſenſchaftsſache erſcheint, geleiſtet haben, können wir meiſt nicht mehr genau erkennen. Aber die Pyramiden und die Nilregulierung, der Babyloniſche Mauerbau, die Tempelbauten aller dieſer Reiche, ihre Schatzhäuſer, Arſenale und Königsbauten laſſen uns heute noch eine bis auf die Neuzeit nach der Größe der Leiſtung kaum übertroffene Großtechnik erkennen, die um ſo bewundernswerter erſcheint, je einfacher die techniſch angewandten Hülfsmittel waren. Sie verdanken nicht privatem Unternehmungsgeiſt und Gewinnabſichten ihren Urſprung. Kleine prieſterliche und kriegeriſche Ariſtokratien und despotiſche Königsgewalten haben ſie geſchaffen, konnten ſie nur ſchaffen als die auserleſenen Träger und Führer des techniſchen Fortſchrittes und als die uneingeſchränkten Gebieter über große beherrſchte Maſſen von Sklaven, unterworfenen fremden Völkern und zu harter Fronarbeit gezwungenen Volksgenoſſen. Kirchliche, militäriſche, techniſche Schulung durch lange Zeiträume hindurch, ſtabile Geſellſchaftsordnungen für Jahrhunderte einerſeits, furchtbare Knechtung und Mißhandlung der Menſchen andererſeits waren die Vorausſetzungen.
Wir werden ſo ſagen können: die Grundformen der Familien- und Hauswirtſchaft, des kleinen Bauernbetriebes, auch die Anfänge des lokalen Kundenhandwerks, des Handels, des Marktverkehrs ſeien im Zuſammenhange dieſer weſtaſiatiſchen Technik ebenſo entſtanden, wie die erſten Ergebniſſe einer ſtaatlichen Großtechnik. Dieſe Formen hätten ſich auf Grund ähnlicher techniſcher Vorbedingungen und nachbarlicher Berührung in dieſen verſchiedenen aſiatiſchen Reichen ähnlich entwickelt. Aber daneben ſeien damals wie ſpäter die Reſultate der volkswirtſchaftlichen Geſtaltung doch ſehr weit auseinandergegangen, weil Natur- und Raſſenverhältniſſe, geiſtige und moraliſche Geſittung und ſociale Entwickelung die ähnlichen techniſchen Bauſteine zu verſchiedener Verwendung brachten.
83. Die griechiſch-römiſche, die arabiſche und die mittelalterlichabendländiſche Technik bis in die letzten Jahrhunderte. Die relativ hoch entwickelte kriegeriſche, adminiſtrative und wirtſchaftliche Technik der aſiatiſchen Völker, einſchließlich Ägyptens, hat ebenſowenig als die vorangeſchrittene Verkehrs- und Handelstechnik der Phöniker und ihrer Tochterſtaaten verhindert, daß ihre teilweiſe Jahrtauſende, teilweiſe Jahrhunderte währende Blüte zerfiel, und die Führung der Menſchheit auf andere, in ihrer Technik zunächſt weit zurückgebliebene Raſſen und Völker überging. Die Urſache kann doch wohl nur die ſein, daß die Höhe der Technik nicht allein die Kraft der Völker beſtimmt, ja daß große techniſche Fortſchritte zwar zunächſt die Verteidigungs- und Angriffsfähigkeit ſowie den Wohlſtand fördern, die äußern Mittel für alle Kulturgebiete vermehren, aber zugleich ſehr viel höhere, oft nicht ſofort oder überhaupt von den Betreffenden nicht erfüllbare politiſch-moraliſche und ſociale Aufgaben ſtellen. Die führenden Kreiſe degenerieren leicht durch Habſucht und Genußſucht, die geführten nehmen am Fortſchritt nicht teil, degenerieren durch Knechtung und harten Druck; die Harmonie der Geſellſchaft und das innere Gleichgewicht der Individuen leidet; erſt die höhern moraliſchen und geiſtigen, dann auch die ſocialen und politiſchen Eigenſchaften, welche für die dauernde Behauptung und Steigerung der höheren Technik nötig wären, fehlen; die Fortſchritte auf dem Gebiete der höheren, der ſittlichen Zweckmäßigkeit werden nicht gemacht, die rechten Inſtitutionen im Innern und nach außen werden nicht gefunden. Innere und äußere Kämpfe zerſtören die Staaten und ihren Wohlſtand trotz hoher Technik.
So wird es begreiflich, daß der erſten großen Blütezeit aſiatiſcher Technik eine Epoche des überwiegenden techniſchen Stillſtandes von etwa 2500 Jahren folgte, in welcher die Griechen und Römer, die Araber und die abendländiſchen Indogermanen langſam die aſiatiſch-ägyptiſche Technik ſich aneigneten, ohne zunächſt ſchöpferiſch die Mittel und Methoden derſelben weſentlich zu fördern. Und doch haben ſie in anderem Klima, auf anderem Boden mit ihrer anderen Raſſen-, ihrer anderen geiſtig-moraliſchen Entwickelung eine höhere Staaten- und Kulturwelt, andere und beſſere ſociale und volkswirtſchaftliche Inſtitutionen geſchaffen, auch die Technik in ihrer Art in vielem einzelnen und noch mehr ihre Vorausſetzungen, die Förderung der Naturerkenntnis und die Steigerung und Verbreitung der techniſchen Fertigkeiten ſo weiter gebildet, daß vom 14. und 15. Jahrhundert an ſchon ein gewiſſer Aufſchwung und vom Ende des 18. eine neue große ſchöpferiſche Epoche des techniſchen Fortſchrittes eintreten konnte.
Ein gewiſſer Rückgang oder Stillſtand der Technik war ſchon mit den großen Kriegen und Eroberungen, ihren Zerſtörungen, mit den großen Wanderungen und Völkerverſchiebungen gegeben, welche jedesmal vorausgehen mußten, ehe die neue griechiſche, helleniſtiſche, römiſche, arabiſche und abendländiſche Kulturwelt ſich konſolidieren konnte. Ein halbes, ja ein ganzes Jahrtauſend brauchten die jugendlichen Völker, bis ſie nur aus wandernden Halbnomaden ohne Städte zum ſeßhaften Ackerbau, zur ſtädti- ſchen Kultur, zum Steinbau, zu den Anfängen des Handels und Verkehrs kamen. Sie haben teils durch ihre Stammesart und Begabung, teils durch die Wirkung ihrer Lehrmeiſter dieſe Fortſchritte vielfach in ſehr viel kürzerer Zeit gemacht als ihre aſiatiſchen Vorgänger. Andererſeits hat der Volkscharakter und das Chriſtentum, haben die großen mitteleuropäiſchen agrariſchen Flächen die techniſch-geldwirtſchaftliche Entwickelung der nördlichen Völker gegenüber den Vorderaſiaten, den Griechen und Römern verlangſamt. Jedenfalls iſt die Thatſache lehrreich, daß die ſämtlichen hier zuſammengefaßten Kulturreiche die Erben der vorderaſiatiſchen Technik waren, daß ſie auf der einen Seite in gewiſſen großen Zügen eine unter ſich und mit ihren Vorgängern übereinſtimmende Technik haben und auf der andern Seite eine ſo verſchiedene Kultur und ſo verſchiedene ſociale und volkswirtſchaftliche Inſtitutionen erzeugten.
Die Griechen empfingen von den Phönikern die Bronzewerkzeuge und gewerblichen Künſte, die Schrift- und die Zahlenkunde, den Stein- und den Bergbau, die Verkehrstechnik und den Schiffsbau. In ihren raſch ausgebildeten kleinen Republiken ſchufen ſie eine Blüte der Kunſt, der Wiſſenſchaft, der freien Verfaſſungsform, die weit über den Leiſtungen des Orients ſtand und für alle Folgezeit die Muſterbilder der Kultur und des geſellſchaftlichen Lebens wurden. In den großen helleniſtiſchen Reichen, die Alexander teils ſchuf teils vorbereitete, verſchmolz griechiſche und aſiatiſche Kultur; erhebliche techniſche und wiſſenſchaftliche Fortſchritte knüpften ſich daran an, aber doch keine eigentliche Neugeſtaltung des techniſch-wirtſchaftlichen Lebens.
Die Römer wurden durch die Etrusker die Erben der phönikiſchen, durch die unteritaliſchen Kolonien die der griechiſchen Technik. Sie haben mit ihrem praktiſchverſtändigen Sinn auch techniſch Bedeutſames geleiſtet; ſie haben ſich teilweiſe zu einer Großtechnik erhoben, welche die aſiatiſch-ägyptiſchen Leiſtungen übertraf; ſo im Stein- und Gewölbebau, im Straßen- und Waſſerbau. Die Waſſerverſorgung Roms, ſagte Reuleaux 1871, war im erſten Jahrhundert nach Chr. ſo, daß die Stadt täglich 60 Millionen Kubikfuß Waſſer erhielt, dreimal ſo viel wie heute das achtmal größere London. Es war auch nicht bloß Gemeinde und Staat, die in der Technik ſo Großes leiſteten, die privaten Unternehmer, die Handelsgeſellſchaften ſind im Handel, dem Bergbau, der Landwirtſchaft, den Gewerben faſt ſchon ſo thätig geweſen, haben gerade auch techniſch ähnliche Verdienſte gehabt wie die Leiter der heutigen Großinduſtrie. Aber dieſe ſämtlichen techniſchen Leiſtungen beruhen doch weniger auf neuen techniſchen Methoden, als auf der organiſatoriſch-adminiſtrativen und kriegeriſchen Fähigkeit des Volkes, ſeinem rechts- und ſtaatsbildenden Sinne, ſeiner Kunſt, unterworfene Völker zu regieren, zu nützen und doch zu erziehen, auf der Weltherrſchaft, die für Jahrhunderte einen Frieden und eine ungeſtörte Handelsmöglichkeit von Cadix bis Indien, von der Sahara bis Britannien ſchuf.
Die arabiſchen Reiche haben die ägyptiſch-helleniſtiſche, wie die perſiſche, die babyloniſche und die römiſche Technik geerbt, ſie haben mit der Zähigkeit der Semiten daneben ihre Eigenart bewahrt, auf Grund ihrer kriegeriſchen Eroberungen raſch eine hohe Kultur erzeugt. Sie wurden, ſagt A. v. Humboldt, die Begründer der phyſikaliſchen Wiſſenſchaften, ſie brachten es zu einem Erforſchen und Meſſen der Naturkräfte, haben vor allem die Chemie gefördert, durch ihre Reiſen die Geographie begründet. Man verdankt ihnen viele einzelne mathematiſche und techniſche Fortſchritte: die Bereitung des Alkohols, den Kompaß, die Schnellwage, die Kunſt, Baumwollpapier zu machen; ebenſo die Einbürgerung der Citrone, der Pomeranze, des Safran, der Baumwollſtaude, des Zuckerrohres, der Seidenraupe an den Mittelmeergeſtaden. Aber ſie blieben doch mehr ein Ausläufer der antiken Technik und Kultur, ihre Fortſchritte ſchufen keine neuen Formen der Volkswirtſchaft, ſie vermittelten mehr dem Abendlande allerlei kleine Künſte, ſo z. B. auch ihre Kaufmanns- und Hafenpraxis. Der Einbruch der Turkotataren vernichtete den größeren Teil ihrer Kultur und damit vieles, was von den Reſten der großen aſiatiſchen Vergangenheit bisher noch ſich im Oſten erhalten hatte.
Die Völkerwanderung in Weſteuropa hatte ſeiner Zeit ähnlich zerſtörend gewirkt, aber die neuen Nationen der Italiener, Spanier, Franzoſen, Engländer und Deutſchen, welche ſich von 500—1500 n. Chr. bildeten, waren gegenüber den Turkotataren eine ſehr viel höher ſtehende Raſſe, ſie waren ganz anders fähig, Chriſtentum, antike Geſittung und überlieferte Inſtitutionen, auch raſch gewiſſe techniſche Fertigkeiten ihrer ſüdlichen Nachbarn bei ſich heimiſch zu machen. Sie erwuchſen teils direkt auf dem Boden der antiken Kultur, teils empfingen ſie in Krieg und Frieden Jahrhunderte lang die Anregungen von ihr, ſtanden dann ein Jahrtauſend unter der Herr- ſchaft der römiſchen Kirche, welche römiſch-ſtädtiſche Technik repräſentierte und verbreitete. Ammianus Marcellinus ſagt von den allemanniſchen Grenzdörfern des 4. Jahrhunderts ſchon, ſie glichen den römiſchen. Schrift-, Geld- und Marktweſen, Handelsformen, gewerbliche Technik erhielten ſich in den romaniſchen Ländern, drangen in die germaniſchen überall hin, wo die Kirche und die romaniſierten oberen Klaſſen größeren Einfluß hatten. Aber Geiſt und Geſittung, Familienleben und bäuerliche Wirtſchaft blieben in der Maſſe des Volkes germaniſch; letztere änderten ſich auch ſeit den Umwandlungen zur Seßhaftigkeit und zur Dreifelderwirtſchaft doch nicht von Grund aus, — und zwar gilt dies auch für die Zeit von 1400—1800. Die deutſchen Städte glichen noch im 12. und 13. Jahrhundert faſt großen Dörfern, die Häuſer waren damals noch zum großen Teil Lehm-, Holz- und Fachwerksbaracken, die man zu der fahrenden Habe rechnete, zur Strafe niederlegte. Der Steinbau der Kirchen war bis ins 11. Jahrhundert Sache italieniſcher Arbeiter (opus italicum) oder der Kleriker. Erſt im 15. und 16. Jahrhundert entſtehen, beſonders an den Straßenecken, um die Brände aufzuhalten, und in Patricierhänden ſteinerne Privathäuſer, werden Glasfenſter üblich, ſowie die Beheizung durch Öfen. Von Straßenbau war keine Rede; der Verkehr war auf das Waſſer, im übrigen auf die nächſte Umgebung beſchränkt; nur wenige ſehr wertvolle Waren konnten größere Wege zurücklegen. Immer aber hatte die handwerksmäßige Technik der Städte zuerſt in Italien, ſpäter im Norden große Fortſchritte vom 11.—17. Jahrhundert gemacht. Es hatte ſich in dieſer Kleintechnik eine teilweiſe direkt mit dem Altertum zuſammenhängende Virtuoſität und Meiſterſchaft in den Bauhütten, den Seiden- und Tuchwebereien Italiens und Mitteleuropas, in den Glas- und Moſaikwerkſtätten Venedigs, bei den Holzſchnitz- und Schmiedearbeiten Deutſchlands ausgebildet, die aber auf perſönlicher Erziehung und Überlieferung in engen Kreiſen beruhte, hohe Kunſt-, aber keine durchſchlagenden und großen wirtſchaftlichen Leiſtungen erzeugte.
So blieb die techniſche Signatur der europäiſchen Staaten vom 12.—18. Jahrhundert in vieler Beziehung hinter der antiken zurück; ſie hatten keine Großtechnik, keinen Straßenbau, keine Großſtädte, keinen Großhandel wie jene; ſoweit ſie im einzelnen techniſch höheres leiſteten, war es zu beſchränkt, um die ganze Volkswirtſchaft umzugeſtalten; wir kommen auf die wichtigſten dieſer Fortſchritte gleich. Der techniſche Geſamtaufbau der Geſellſchaft war ein ähnlicher wie im Altertum: die Familienwirtſchaft, der kleinbäuerliche und Kleinhandwerksbetrieb, der lokale Markt, der Gegenſatz von Stadt und Land, die Arbeitsteilung und ſociale Gliederung zeigen ähnliche Grundzüge. Aber freilich erhalten ſie durch den germaniſch-chriſtlichen Geiſt, durch die veränderten Sitten und Lebensauffaſſung, durch die großen agrariſchen Flächenſtaaten Mitteleuropas im Gegenſatze zu Vorderaſien und den Mittelmeerküſten, durch die höher ſtehenden Inſtitutionen einen weſentlich anderen, geſünderen, ſittlich harmoniſcheren Charakter.
Der langſame techniſche Fortſchritt, den wir eben meinten, bezieht ſich 1. auf die Benutzung der Waſſerkraft und das Mühlenweſen, 2. auf das Eiſengewerbe und die Feuerbenutzung und 3. auf die Handelstechnik.
So lange der Menſch auf ſeine und ſeiner Haustiere Kraft für alle Bewegung angewieſen war, mußte man entweder auf alle großen wirtſchaftlichen Leiſtungen verzichten, oder für die Zuſammenbringung und -Wirkung großer Mengen von Menſchen und Tieren mit enormen Koſten und Schwierigkeiten, wie beim Pyramidenbau und in den antiken Bergwerken ſorgen; das ſchädliche Waſſer in dieſen z. B. wurde im Altertume und bei den Chineſen mit Schöpfeimern herausgeſchafft. Schöpfräder, von Menſchen und Tieren getreten, die in oben ſich entleerenden Käſtchen das Waſſer hoben, kannte man ſchon in Babylon und Ägypten; Vitruv beſchreibt dann ſolche Heberäder, deren Schaufeln zugleich durch das Waſſer getrieben wurden. Für das mühſelige Geſchäft des Mahlens hatte das ganze Altertum und ein großer Teil des Mittelalters nur die Handmühle; in Oſtpreußen war ſie im vorigen und noch im Anfange dieſes Jahrhunderts weit verbreitet. Man rechnete im ganzen, daß eine Perſon ſo täglich für 25 andere das Mehl bereiten könne; im Palaſt des Odyſſeus ſind zwölf Sklaven damit beſchäftigt. Man hat dann zuerſt die Mühlſteine durch Eſel bewegt. Unter Mithridates tritt die Waſſermühle uns zuerſt entgegen; unter Auguſtus iſt ſie für die großen öffentlichen Mühlen in Anwendung, für das übrige Publikum erſt unter Honorius und Arkadus. Im 4. Jahrhunderte werden Mahl- und Marmormühlen an der Moſel erwähnt, im Fluſſe verankerte Schiffsmühlen unter Beliſar. Auch die Franken haben zur Zeit ihrer Geſetzbücher ſchon einfache Waſſermühlen, die neben der Schmiede als öffentliche Gebäude erwähnt werden. Die Ordnung des Waſſerlaufes, Damm, Schleuſe, auch die koſtbaren Eiſenteile am Mühlſteine weiſen, ſagt Lamprecht, auf Errichtung durch die Dorfgenoſſenſchaft hin; erſt viel ſpäter begegnen uns grundherrliche und ſonſt als privates Eigentum beſeſſene Waſſermühlen.
Immer ſcheint ein eigentlicher Fortſchritt, eine weite Verbreitung der Waſſermühlen in Deutſchland erſt in die Zeit vom 13. Jahrhundert an zu fallen. Das Walken der Tuche beſorgten im Altertume und im älteren Mittelalter noch die Füße der Walker; große Walkerzünfte exiſtierten; tauſende von Walkern mußten mit der Verbreitung der Walkmühle im 13.—14. Jahrhundert überflüſſig werden. Die Wind mühlen ſcheinen ebenfalls in dieſe Epochen zu fallen. Anſchaulich ſchildert uns W. Arnold, wie Klöſter und Städte für den Waſſermühlenbau damals thätig waren. Die Erfindung der Holzſägemühlen ſetzt Beck in den Anfang des 14. Jahrhunderts, ihre Verbreitung ins folgende.
Ebenſo wichtig war aber die Verwendung der Waſſerkraft im 14. und 15. Jahrhundert für den Bergbau; ſie mußte ihn wie die ganze Metallurgie nach und nach umgeſtalten. Die Entſtehung der durch Waſſer getriebenen Pochwerke zum Zerkleinern der Erze an Stelle des Zerſtoßens in Mörſern, die Bewegung des Blaſebalges am Erzſchmelzherde, der nun eine ganz andere Hitze erzeugte, die Hebung des überflüſſigen Waſſers im Bergwerke und die Bewegung der viel größer werdenden Hämmer durch die Kraft des Waſſerrades, das waren die großen techniſchen Errungen- ſchaften, welche hauptſächlich dem 15. und 16. Jahrhunderte und Deutſchland angehörten. Die Blüte des deutſchen Bergbaues und der deutſchen Eiſengewerbe war ebenſo die Folge wie die gleich zu beſprechende Arbeitsteilung und Betriebsvergrößerung der Berg- und Hüttenwerke. Das Ausziehen des Drahtes an Stelle des Hämmerns gehört dem 14. Jahrhundert an und führt bald auch zur Benutzung der Waſſerkraft; die Papier- und die Ölmühlen folgten demnächſt. Da mehr und mehr alle erheblichen gewerblichen Anſtalten die Waſſerkraft benutzten, ſo konnte dann in England der Gebrauch entſtehen, ſie alle als „Mühlen“ zu bezeichnen.
Die älteſte, unvollkommenſte Eiſenherſtellung durch Schmelzen der Erze, welche je nach der Güte 20—75 % Eiſengehalt haben, und durch nachträgliches Hämmern und Ausſchweißen in weiteren Feuern haben wir oben kennen gelernt. Die Öfen des Altertums und älteren Mittelalters haben wir uns als offene Herdfeuer, 1—2 Fuß tief, 2—3 Fuß im Quadrat, zu denken; noch Ende des vorigen Jahrhunderts traf man ſolche in Spanien, im Meiningſchen, in der Oberpfalz; ſie gaben je in ein paar Stunden Eiſenluppen von einigen bis 15—20 Kilogramm. Dem gegenüber waren gemauerte ſogenannte Stücköfen 6—8 Fuß hoch, welche in 8—10 Stunden Luppen von einigen Centnern mit erheblicher Kohlenerſparung und einer viel höheren Ausbringung des Eiſengehaltes aus den Erzen lieferten, ein erheblicher Fortſchritt. Sie ſollen in Steiermark ſchon im frühen Mittelalter beſtanden haben, verbreiteten ſich im ſpäteren und erhielten ſich bis über 1800 in manchen europäiſchen Kulturländern (z. B. in Schmalkalden bis 1847). Aus der Vergrößerung der Stücköfen gingen im 15. und 16. Jahrhundert in Steiermark und anderen deutſchen Gegenden die erſten ſogenannten Hochöfen, 12—18 Fuß hoch, am Boden 2½′, dann am ſogenannten Kohlenſack 4′ 2″ und oben an der Gicht 1½′ weit, hervor. Die nun ſtatt von Menſchen und Tieren mit Waſſer bewegten vergrößerten Blaſebälge gaben eine größere Hitze, das feſtere Mauerwerk hielt ſie beſſer zuſammen: man erhielt viel größere Luppen und daneben zum erſtenmale flüſſiges Roheiſen, was bisher überhaupt nicht herzuſtellen war. Es iſt ſpröder und härter, hat mehr Kohlenbeimiſchung (1,8—5 %) als das Schmiedeeiſen und der Stahl. Einzelne der großen Öfen ſtellten bald nur noch Roheiſen her, das dann auf Löſch- und Friſchherden entkohlt, d. h. in Stahl- und Schmiedeeiſen umgewandelt wurde; andere erzeugten ablaufendes Roheiſen und Luppen nebeneinander; die erſtere Methode führte ſchon im 16. Jahrhundert zu unterbrochenen Prozeſſen von 8—25 Wochen. Das indirekt aus Gußeiſen durch den Friſchprozeß hergeſtellte Schmiedeeiſen war gleichmäßiger und beſſer als das alte, aus den Luppen der Stücköfen erhämmerte. Andererſeits taugten für beſtimmte Zwecke die Gußwaren beſſer: für Öfen, Amboſſe, Kugeln, Kanonen, Kochtöpfe fand das Gußeiſen eine ſteigende Anwendung.
Die Eiſenverwendung nahm zu, und die Eiſenſchmelz- und Verarbeitungsgewerbe veränderten ihren Standort, ihre Organiſation; die Teilung der Arbeitsprozeſſe wurde eine andere. Die älteſte Einheit des kleinen, irgendwo im Walde angeſiedelten Eiſenerz- ſchmelzers, der zugleich als Schmied ſein Rohprodukt verarbeitete, war zwar längſt aufgelöſt, aber noch waren die meiſten Schmelzhütten klein und im Walde — der Holzkohlen wegen — zerſtreut. Mit der Möglichkeit, durch Waſſerkraft mehr und billigeres Eiſen herzuſtellen, entſtanden größere Schmelzen an den Waſſergefällen und Thalrändern. Mit ihren Waſſerrädern, Pochwerken, Gießeinrichtungen, Friſchöfen, vergrößerten Hämmern wurden ſie da und dort, in Steiermark, am Rhein, in Sachſen, am Harz, ſchon zu fabrikartigen Hüttenbetrieben. Deutſche Hüttenmeiſter brachten die neue, in ihrer Familie wohlgehütete Technik und die entſprechenden Einrichtungen von 1600 bis 1700 auch nach Schweden und England. Vielfach löſte ſich bald ein Teil der techniſchen Operationen los zu eigenen Geſchäften: der Friſchprozeß und das Aushämmern ging auf beſondere Hammerwerke, Zain-, Reck-, Raffinierhämmer über, nahm teils den Hütten ihre ſpäteren, teils den ſtädtiſchen Schmieden ihre erſten Prozeduren ab. Die Loslöſung geſchah teils der Waſſerkraft wegen, teils um in die Nähe der Kunden zu kommen. Der Stadt- und Klingenſchmied hatte vielfach bisher das eigentliche Aushämmern und Schmieden beſorgen müſſen, ehe er aus dem ſchlechten Rohſtoff der Hütte Panzerplatten, Senſen, Schwerter und Meſſer herſtellte. In Solingen erzeugte es im 17. Jahrhundert einen großen Aufſchwung, als die beſonderen Reckhämmer dem Klingen- ſchmied einen beſſeren Stahl lieferten, wie er ihn bisher ſelbſt gemacht hatte. Auch die Herſtellung des Eiſenguſſes löſte ſich mannigfach von den Hütten: ſtädtiſche und ſtaatliche Gießhäuſer entſtanden da und dort im 16. Jahrhundert.
Es waren mit dieſen Verbeſſerungen der Eiſentechnik erhebliche Erfolge erzielt: die Draht-, die Blech-, die Nägelerzeugung gehört dieſer Epoche an; das Schmiede- und Schloſſerhandwerk erblühte erſt in Italien, ſpäter in Deutſchland zu nie bisher erreichtem Glanze; die Waffentechnik war zur Kunſt geworden. Und die Verbreitung des Pulvers ſtellte neben Schild, Harniſch und Lanze die Büchſe und Kanone, deren Herſtellung neue Gewerbe erzeugte. Die ganze Kriegstechnik und Militärverfaſſung begann ſich unter dem Einfluſſe des Pulvers und der neuen Waffen zu ändern: das Fußvolk vertauſchte freilich erſt 1600—1700 allgemein die Lanze mit der Flinte. Auch im Holz- und Steinbau nahm die Eiſenverwendung zu; nie hatte das Altertum eine ſolche Verwendung geſehen, obwohl ſie auch jetzt ſicher nirgends 0,5—2 kg jährlich pro Kopf überſtieg. Neben den Hüttenwerken und Bergwerken vergrößerten ſich die Salinen. Die Anfänge des Großbetriebes mit 20, 50 und mehr Arbeitern ſind zu beobachten. Aber in der Hauptſache erhält ſich doch der handwerksmäßige Kleinbetrieb; ja er erhält in der Eiſenverarbeitung ſogar eine Hauptſtütze. Andere Urſachen kamen hinzu, die Entwickelung der Eiſengewerbe zum Großbetriebe zu hemmen. Das gewerbliche Leben Italiens und Deutſchlands ging aus politiſchen Gründen im 17. und 18. Jahrhundert zurück. Holland und England hatten damals keine erhebliche Eiſenproduktion und Eiſenverarbeitung; England bezog ſeinen Stahl faſt ganz vom Auslande, ſeine Eiſenöfen gingen damals zurück, wurden in der Nähe Londons aus Furcht vor Holzmangel 1581 ganz verboten. —
Von den Verkehrsmitteln können wir nicht ſagen, daß ſie 1300—1750 ſich techniſch ſehr geändert hätten; nur der Schiffsbau und die Schiffstechnik machten gewiſſe Fortſchritte, ſo daß in Mittelmeer, Nord- und Oſtſee und vom 15.—17. Jahrhundert auch auf den Ozeanen der Handel wachſen, die neue Welt entdeckt werden, die Kolonien in Oſt- und Weſtindien zu erheblicher Bedeutung gelangen konnten. Poſten und Kanäle waren ſeit 1500 vorhanden, machten aber bis 1700 nur wenig Fortſchritte. Die Städte ſind meiſt 1500—1700 ſtabil, nur einige Hauptſtädte wachſen aus politiſchen Gründen. Aber das Münz- und Geldweſen, die Kredittechnik des Wechſels, der Meſſen, der Staatsanleihen erfährt von 1400—1700 bedeutende Verbeſſerung. Es wächſt die Bedeutung des Kapitals und des Handelsſtandes; die Anfänge des Bankweſens entſtehen: die Haus- und Kleingewerbe werden durch die Handelsorganiſation für den Fernabſatz zur Hausinduſtrie. Die Technik der Staatsverwaltung, der Steuern wird erſt in den Kleinſtaaten, dann in den großen Nationalſtaaten eine ausgebildetere, wenn ſie auch meiſt die antike Höhe noch nicht wieder erreicht. Das Wichtigſte bleibt wohl, daß der Buchdruck und die Preſſe, welche ſich 1440—1800 entwickeln, auf ganz andere Verbindung der Menſchen hinwirken.
Faſſen wir all’ dieſe techniſchen Verbeſſerungen bis gegen Mitte des 18. Jahrhunderts zuſammen, ſo können wir ſagen, die Familien-, die Landwirtſchaft, die große Mehrzahl der Gewerbe, der Austauſch von Stadt und Land bewegten ſich noch in den alten Geleiſen. Aber die Eiſenproduktion, die kriegeriſche Technik, der Handel, die zunehmende Geld- und Finanzwirtſchaft und die adminiſtrative Technik hatten ſchon erheblich ſich geändert; ſie hatten zuſammen mit einer Reihe anderer Urſachen aus den ſtadtwirtſchaftlichen die territorial- und volkswirtſchaftlichen Körper und Staaten machen helfen, die ſtehenden Heere und das Beamtentum ermöglicht. Die Entdeckung der neuen Welt und die neuen Seewege hatten die Gewürze und Perlen des Orients leichter und billiger zu uns gebracht, hatten uns mit Thee, Kaffee, Tabak, Mais, Opium, mit einer Reihe neuer Pflanzen und auch einigen neuen Tieren bekannt gemacht. Die Wirkung hievon beginnt langſam von 1600, ſtärker von 1700 an. Es war ſo der Menſchheit ein unermeßlicher Horizont nach außen eröffnet, wie ihn die Reformation und das Wiedererwachen der Geiſtes- und Naturwiſſenſchaft nach innen hin ſchufen.
Und doch wird man ſagen müſſen: die Mittelſtaaten des 14.—17., die größeren Nationalſtaaten des 16.—18. Jahrhunderts ſeien nur in beſchränktem Sinne ein Ergebnis der neuen Technik, ſo wenig wie das römiſche Reich auf techniſche Urſachen zurückzuführen ſei. In einem großen Teile Europas erhalten ſich trotz der damaligen techniſchen Fortſchritte die kleinen ſtadt- und territorialwirtſchaftlichen Körper: Holland, Deutſchland, die Schweiz, Italien ſind ein Beweis dafür. Und zu wirklich großen Einheitsſtaaten mit ganz freiem inneren Markt haben auch England und Frankreich, vollends Deutſchland, Öſterreich, Rußland, die Vereinigten Staaten ſich erſt im 19. Jahrhundert, jetzt allerdings weſentlich durch den Einfluß der neuen Technik, hauptſächlich des neuen Verkehrs entwickelt.
84. Das moderne weſteuropäiſch-amerikaniſche Maſchinenzeitalter: Beſchreibung. Die ſeit den Tagen der Renaiſſance begonnene Umbildung der Technik erhielt durch die Fortſchritte der Naturerkenntnis ihren wichtigſten Impuls: Kopernikus, Kepler, Galilei, Newton, Euler, Laplace, Lavoiſier, James Watt, Galvani und Volta, Liebig und Wöhler, Faraday und Maxwell, Gauß und Weber, Stephenſon und Beſſemer, Helmholtz und Siemens vollendeten ein Syſtem des realiſtiſchen Wiſſens, wie es die Menſchheit bisher nicht gekannt, ſie ſchufen damit auch praktiſch eine ganz neue Epoche des techniſch-wirtſchaftlichen Lebens. Das Zeitalter der perſönlichen techniſchen Routine und Meiſterſchaft ging in das der rationellen Bemeiſterung der techniſchen Aufgaben durch vollendete Erkenntnis ihrer Urſachen über. Und an die großen führenden Geiſter, die hauptſächlich 1770—1870 wirkten, ſchloß ſich von 1830—40 an eine ganz andere Art der Verbreitung der techniſchen Kenntniſſe durch die Univerſitäten, polytechniſchen und Gewerbeſchulen. Noch im 18. Jahrhundert ſpielen Barbiere und Pfarrer, Tauſendkünſtler und gewöhnliche begabte Arbeiter eine große Rolle auf dem Gebiete der techniſchen Neuerungen; heute ſind es nur die wiſſenſchaftlich ſpeciell geſchulten Kräfte, die freilich auch bis in die Werkmeiſter- und Arbeiterwelt hineinreichen.
Suchen wir zunächſt mit wenigen Worten eine Anſchauung der techniſchen Revolution hervorzurufen, welche mit der Spinn- und Dampfmaſchine und den Coakshochöfen 1768—1800 einſetzt, durch die Kriegszeit und ihre Folgen bis 1830 gehemmt wird, nun mit dem Beginne des Eiſenbahnbaues 1840—60 energiſcher einſetzt, aber doch erſt mit den wirtſchaftlichen Aufſchwungsperioden 1850—73 und 1880—1900 voll durchbricht. Die ganz andere Anwendung der bewegenden Naturkräfte, die Ausbildung der Textil-, Eiſen- und Maſchineninduſtrie ſind die Hauptpunkte, bei denen wir etwas verweilen.
Neben der intelligenteſten aber ſchwächſten wirtſchaftlichen Kraft, der des Menſchen, hat man ſeit Jahrtauſenden die tieriſche, ſeit vielen Jahrhunderten die des Windes und des Waſſers, aber bis in unſer Jahrhundert in techniſch ſehr unvollkommener Weiſe, benutzt. Auch das Feuer hat erſt in unſeren Tagen als Kraftquelle ſeine volle Bedeutung erhalten; es hat uns den Dampf geliefert, der in der Dampfmaſchine die wichtigſte neuere mechaniſche Kraft wurde. Ihr geſellte ſich ſeit den letzten 20 Jahren die Elektricität hinzu, welche vielleicht noch größere wirtſchaftliche Veränderungen als der Dampf erzeugen wird. Um die verſchiedenen Kraftquellen vergleichbar zu machen, hat man ſich gewöhnt, ſie auf ſogenannte Pferdekräfte, d. h. Einheiten, zurückzuführen, welche in einer Sekunde 75 kg einen Meter hoch heben. Doch ſtellen die gewöhnlichen Angaben über die Maſchinen nicht die praktiſch übliche, ſondern die mögliche Maximalleiſtung dar.
Der Wind iſt die billigſte, wenn er weht, die faſt überall faßbare und vorhandene Kraft; aber die Windmühle hat nur 77 Normalarbeitstage im Jahre; der Wind ver- ſagt auch dem Segelſchiffe immer wieder. Die alte, ſehr unvollkommene Bockmühle nahm in Preußen bis 1861 zu, die verbeſſerte holländiſche hat ſie heute noch nicht verdrängt. Die Ausnutzung des Windes im Segel haben erſt ſeit 1850—60 die Segelanweiſungen des Kommodore F. Maury weſentlich verbeſſert; aber dieſe enorme Verbeſſerung hat die Verdrängung des Segelſchiffes durch den Dampf nicht gehindert; 1875 zählte man in der europäiſchen Handelsmarine noch 12 Mill. Segelauf 3 Mill. Dampftonnen, 1893 waren es nur noch 9,2 Mill. Segelauf 7,4 Dampftonnen. Künftig wird das hölzerne Segelſchiff noch mehr gegen das eiſerne Dampfſchiff zurücktreten.
Die Waſſerkraft leidet, wie der Wind, an der großen Ungleichheit von Wetter und Jahreszeit; ſie war bisher nur recht nutzbar, wo ſtarkes Gefälle zuſammentraf mit den ſonſtigen Lebensbedingungen der Gewerbe; ſie nötigte dieſe zur Zerſtreuung in den Thälern, am Rande der Gebirge; ſie iſt zu einem großen Teile an Orten vorhanden, wo ſie für kein Gewerbe nutzbar zu machen war, im Hochgebirge. Sie konnte durch die alten unterſchlächtigen Waſſerräder nur bis zu 15—20 % ihrer Kraft ausgenutzt werden. Die verbeſſerten oberſchlächtigen Räder und die Turbinen, 1800—1850 erfunden, meiſt erſt ſpäter angewandt, ſteigerten den Nutzeffekt auf 50—80 %. Deutſchland hatte 1816 wohl etwa 35000, 1882 53000 und 1895 46000 Hauptgewerbebetriebe mit Waſſerkraft; ſolche mit Dampf waren es 1882 34000, 1895 57000; die mit Waſſerkraft hatten 1895 0,6, die mit Dampf ſchon 2,7 Mill. Pferdekräfte. Durch die neueſten Erfindungen ſteht aber der Waſſerkraft ein neuer, ungeahnter Fortſchritt bevor. Durch die Elektricität läßt die Kraft ſich aufſpeichern und auf 100—400 km an die paſſendſten Stellen leiten; die Waſſerfälle der abgelegenen Gebirge, der Stromſchnellen werden nutzbar und erzeugen in ihrer weiteren Umgebung jetzt große Fabrikdiſtrikte; ſo in Schweden, Norwegen, Rußland, in den Alpen, der Schweiz, am Rheinfall. Außerdem ſcheint es, daß man demnächſt die Waſſerkraft der Gezeiten und der Flußläufe durch neue techniſche Methoden dem Menſchen dienſtbar machen kann; die deutſchen Ströme ſollen allein 1,8 Mill. ungenützter Pferdekräfte enthalten.
Daß der Waſſerdampf durch ſeine Ausdehnung und ſeinen Druck als bewegende Kraft dienen könne, wußte man ſeit dem Altertume; erſt Profeſſor Papin in Marburg wandte ihn 1690 im Cylinder auf einen zu bewegenden Kolben an; ſeit 1702—12 wurde die Dampfmaſchine zur Waſſerhebung in den engliſchen Bergwerken benutzt. James Watt konſtruierte dann 1768—92 in endloſen Verſuchen ſeine Dampfmaſchine, die zuerſt bei der Waſſerhebung in Bergwerken, dann als bewegende Kraft in Spinnereien, Mühlen, Walzwerken Anwendung fand. Brachte ſeine Erfindung ſchon eine große Erſparung an Heizmaterial, zu ſtärkerer, erſt recht wirkſamer Dampfſpannung überzugehen hatte er wegen ihrer Gefahren nicht gewagt. Die Hochdruckmaſchinen (von 1802 an) mit fünffachem Atmoſphärendruck ſparten ⅘ der Heizkraft und des Raumes. Weitere Verbeſſerungen haben ſeither nicht aufgehört. Auf Räder geſtellte Dampfmaſchinen zum Transporte auf Schienenwegen erfand Georg Stephenſon 1821—29, Dampfſchiffe Robert Fulton 1806—7, Schraubendampfſchiffe Erikſon 1827. Bewegliche Dampfmaſchinen, Lokomobilen, zu allerlei Verwendung, datieren von 1841. Immer beſſere, größere, kohlenſparendere Maſchinen wurden konſtruiert; hatte man bis 1850 meiſt Dampfmaſchinen von 2—30 Pferdekräften, ſo ſtiegen ſie ſpäter häufig auf 100—500, neueſtens auf 1000 und mehr; die neueſten Seedampfer haben ſolche bis zu 8—15000 Pferdekräften und dieſe brauchen 1/36 der Kohlen gegen 1850.
Bis zum Jahre 1850 war die Verbreitung der Dampfmaſchine noch mäßig: in Frankreich waren damals etwa 5000, in Deutſchland etwa 3600 ſtehende Maſchinen. Im Jahre 1895 waren bei uns 58530 Dampfgewerbebetriebe (darunter 57245 Hauptbetriebe) mit 2,7 Mill. Pferdekräften; die Geſamtzahl der Dampfpferdekräfte einſchließlich des Verkehres iſt aber zweibis viermal ſo groß; man kann für 1895 auf das Großbritanniſche Reich etwa 12—13, auf die Vereinigten Staaten 10—11, auf Deutſchland vielleicht noch mehr, auf Frankreich 6 Mill. Pferdekräfte im ganzen rechnen; auf die geſamten Kulturſtaaten 1865 etwa 11—12, 1875 22, 1895 40—50 Mill. Pferdekräfte. Die Hälfte bis zwei Drittel derſelben dient dem Verkehr, hauptſächlich den Eiſenbahnen; von den ſtehenden Maſchinen wieder über die Hälfte der Berg-, Hütten- und Salineninduſtrie, wo es die größten Maſſen zu ziehen, zu heben, zu bearbeiten gilt; der Reſt den übrigen vorangeſchrittenſten Großgewerben. Je größer die Dampfmaſchinen ſind, deſto billiger arbeiten ſie. Man rechnete in den achtziger Jahren die einſtündigen Koſten einer Pferdekraft in der Maſchine von 100 Pferdekräften auf 7, in der von 2 auf 44—95 Pf. Aber auch die beſten und größten haben einen enormen Wärmeverluſt, können die höheren, wirkſamſten Dampfſpannungen nicht aushalten; ſie nützen die in der Kohle enthaltenen Wärmeeinheiten daher nur bis zu 12 % aus, weshalb ſchon Redtenbacher ihr Princip überhaupt als verfehlt betrachtete.
Und was hat die Dampfkraft doch geleiſtet! Ihre außerordentlichen wirtſchaftlichen Vorzüge ſind folgende: ſie hat gegen Waſſer und Wind den Vorteil, frei von jeder anderen örtlichen Feſſel zu ſein, als von der Nähe und Billigkeit des Heizmaterials; ſie läßt ſich, ſagt Engel, ebenſo ſchnell erzeugen wie abſtellen, iſt ebenſo leicht zu den höchſten Stärken zu konzentrieren, wie im kleinſten Maße wirkſam zu machen. Sie iſt in Maſchinen anwendbar, die ſelbſt mit außerordentlicher Raſchheit und Ausdauer den Ort wechſeln, darin das beſte Pferd unendlich übertreffend. Sie ermüdet, verſagt, ver- ſiegt nicht.
Der König Dampf hat die moderne Induſtrie und den modernen Verkehr geſchaffen; aber er droht überfrüh unſere Kohlenſchätze aufzuzehren; er iſt nur mit teueren, gefährlichen, für die Schiffe zu großen und zu ſchweren Keſſelanlagen wirkſam zu machen. Er hat einſeitig die Großinduſtrie befördert. Kein Wunder, daß man nach anderen Kräften und Kraftmaſchinen ſuchte, zumal nach ſolchen ohne ſchwere und teuere Keſſelanlagen. Petroleum, Benzin, heiße Luft, Waſſerdruck aus den Waſſerleitungen, Gas bot ſich dazu an. Am meiſten Anwendung fand die Gasmaſchine (1895 in Deutſchland in 14760 Gewerbebetrieben mit 53909 Pferdekräften); ſie nutzt mit ihren aus Gas und atmoſphäriſcher Luft gemiſchten Dämpfen die Wärmeenergie zu 25 % aus, iſt jeden Augenblick in Betrieb zu ſetzen und abzuſtellen, iſt bis 50 Pferdekräfte viel billiger als Dampf; ihre Verbreitung nimmt reißend auch in mittleren und größeren Betrieben zu. Noch weit ſcheint ſie von der neuen Dieſelſchen Wärmemaſchine übertroffen zu werden, welche mit dem Drucke von 40 Atmoſphären arbeiten kann, in jeder Maſchinengröße gleiche Koſten macht, die Wärmeenergie bis zu 40 % ausnutzt.
Der größte Konkurrent des Dampfes aber iſt die Elektricität in ihrer Verbindung mit dem Magnetismus. Licht und Elektricität ſind Ätherſchwingungen: die erſteren ſind elektriſche Strahlen von kurzer, die letzteren von großer Wellenlänge; auf ihnen ruhen die Lebensprozeſſe; ſie ſtellen die höchſte und feinſte Art der Bewegung dar; die Wiſſen- ſchaft entdeckte ſie in der Hauptſache 1789—1840, lernte dann 1833—60 die chemiſch hergeſtellten ſchwachen galvaniſchen Ströme zum Telegraphieren zu verwenden; die praktiſche Durchführung fällt aber weſentlich in die Zeit nach 1860; in Europa zählte man
- 1860 126140 km Telegraphenlinien mit 3502 Anſtalten und 8,9 Mill. Depeſchen,
- 1887 652000 - - - 50800 - - 148,2 - -.
Die ſtärkeren ſogenannten Induktionsſtröme, welche durch eine Antriebmaſchine, durch Bewegung von Drahtwindungen in einem ſtarken Magnetfeld entſtehen, welche erſt die elektriſche Beleuchtung und Kraftverwendung in großem Stile ſchufen, lernte man erſt in den letzten 25 Jahren, hauptſächlich ſeit 1888 zu großer praktiſcher Anwendung durch die Dynamomaſchine zu bringen. Ihre künftige Verbreitung und Wirkſamkeit kann man heute mehr nur ahnen als genauer beſtimmen. Die Dynamomaſchine bedarf einer Hülfskraft, aber ſie ſteigert die ſie erzeugende Kraft unendlich; ſie iſt viel billiger als Dampf und Gas; die Kraft läßt ſich ohne zu viel Verluſt aufſpeichern und wieder auslöſen; daher iſt ihre zeitliche und örtliche richtige Verteilung viel leichter dem Bedarfe anzupaſſen; ſie iſt durch billige, einfache Drahtleitungen weithin zu übertragen, macht die teueren, ſchwerfälligen Transmiſſionen der Waſſer- und Dampfmaſchinenanlagen überflüſſig. Am 1. Oktober 1895 waren in Deutſchland, ohne Bayern und Württemberg, ſchon 1419 Starkſtromleitungen thätig. Nach Dr. Lux beſtanden Ende 1888 erſt 15 große elektriſche Werke, am 1. März 1897 aber 265 und weitere 82 waren im Bau. Die Hauptverwendung iſt noch die für Beleuchtung, aber die Kraftverwendung für Bahnen, Fabriken und Werkſtätten nimmt ſehr raſch zu: am 14. Juni 1895 verwendeten ſchon 2259 deutſche Gewerbebetriebe elektriſche Kraft. Ganze Fabrik- und hausinduſtrielle Bezirke ſtützen ſich ſchon auf dieſe centraliſierten Werken entnommene Kraft. Eine decentraliſierende Wirkung tritt für den Gewerbebetrieb ein. In St. Etienne und ſeiner Umgebung zahlt der hausinduſtrielle Weber im Monat für die Bewegung eines Stuhles ſamt Inſtandhaltung 10 Francs. Andere Wirkungen kommen hinzu. Die größten Hütten- und Eiſenwerke der Welt beſorgen heute ſchon alle Ortsveränderung im Inneren ihres Betriebes elektriſch, wie dasſelbe auch auf den größeren Kriegsſchiffen geſchieht. Die ganze chemiſche Induſtrie, die ganze Metallurgie iſt durch die Elektricität in Umwandlung begriffen; ſie verdrängt das Gas und hat daneben das Acetylen geſchaffen, das 10- bis 15 mal leuchtender als Gas iſt. Ob ſie auf den Eiſenbahnen den Dampf erſetzen wird, ſcheint noch zweifelhaft; den kleinen Schienenverkehr in Stadt und Land, der in kurzen Zwiſchenräumen viele einzelne Wagen befördern muß, wird ſie in Kürze ganz an ſich reißen. —
Giebt dieſer Überblick der Entwickelung der bewegenden wirtſchaftlichen Kräfte ſchon ein ungefähres Bild der techniſchen Revolution der Gegenwart, ſo gehört doch zu ſeiner Vervollſtändigung ein Einblick in die parallel gehende Veränderung der eigentlichen Arbeitsprozeſſe; ſie haben ſich wohl in der Textilinduſtrie am komplizierteſten zerlegt und verfeinert, durch chemiſche und mechaniſche Fortſchritte vervollkommnet. Man hat ſchon gemeint, an ihr und durch ſie ſei das ganze Maſchinenzeitalter erwachſen.
Spindel und Webſtuhl waren die ſeit mehreren Jahrtauſenden gebräuchlichen und kaum verbeſſerten techniſchen Hülfsmittel. Freilich die Walkmühlen (1200—1400), das Spinnen der Wolle mit dem Rade (ſeit 1298), das Spinnen des Flachſes mit Jürgens Tretſpinnrad (ſeit 1530), welches mit dem Drehen der Spindel und dem Aufwickeln des Fadens den Kern der ſpäteren Spinnmaſchine ſchon enthielt, waren wie die Bandmühle (1570—1600) und die Strumpfwirkmaſchine (1590—1610) erhebliche Fortſchritte. Waſſermühlen zur Zwirnerei und zum Seidenhaſpeln entſtanden 1580—1750. Aber der allgemeine Charakter der ganzen Textilgewerbe blieb im ganzen doch der alte, zumal da die wichtigſten Fortſchritte, z. B. die Bandmühle, die Strumpfwirkmaſchine, wie ſpäter die Spinnmaſchine gar zu oft der zerſtörenden Wut der Arbeiter, zeitweiſe auch dem zünftleriſch angehauchten Staatsverbot ausgeſetzt waren. Erſt als 1738 mit der Erfindung der Schnellſchütze am Webſtuhl durch John Kay das Produkt des Web- ſtuhles ſich verdoppelte und vervierfachte, nirgends genug Spinnerinnen, die doch ſtets ſchlecht bezahlt waren, aufzutreiben waren, da entſtand in unendlich vielen kleinen Ab- ſätzen durch L. Paul, Th. Highs, J. Hargreaves, R. Arkwright, S. Crompton, R. Roberts (zugleich mit der Dampfmaſchine) die Baumwollſpinnmaſchine von 1730 bis 1825: der ſelbſtthätige mechaniſche Spinnſtuhl mit einigen hundert Spindeln nahm der menſchlichen Hand das Spinnen, zuerſt der Baumwolle, ab, die eben damit der wichtigſte Bekleidungsſtoff wurde; 1832 waren in Europa 11, 1875 etwa 58, 1895 etwa 75 Mill. Baumwollſpindeln thätig (in Großbritannien 44—45, in Deutſchland 5—6 Mill.). Die einzelnen Spinnereien hatten bis 1850 durchſchnittlich in Großbritannien 10000, auf dem Kontinente 1—5000 Spindeln; jetzt ſind es etwa 15000 und 7500, in Lancaſhire durchſchnittlich 65000 Spindeln, ja es giebt dort Rieſenſpinnereien mit 185000 Spindeln.
Die mechaniſche Wollſpinnerei iſt viel langſamer gefolgt; die preußiſchen Spinnereien, meiſt noch im Beſitze kleiner Gewerbetreibender, hatten 1861 noch durchſchnittlich 5—600 Spindeln. Die Kammgarnſpinnerei wurde erſt 1848—50 erfunden; 1895 hatte eine deutſche Wollweberei durchſchnittlich 14—1500 Spindeln. Der Sieg des vollendeten Maſchinenſyſtems in dieſem Gewerbszweige gehört erſt den letzten 30 Jahren an. Und ähnlich ging es in der mechaniſchen Leinenſpinnerei, die erſt 1824 ganz gelang. Auch in Großbritannien und Irland waren 1850 nur etwas über 1 Mill., 1890 1,5 Mill. Leinenſpindeln thätig. Der Kampf der Maſchine mit der Leinenhandſpinnerei dauerte in den meiſten Staaten bis 1860, ja bis 1880.
Hatten die Wolle und der Flachs dem mechaniſchen Spinnprozeſſe viel größere natürliche Schwierigkeiten bereitet als die Baumwolle, ſo war die mechaniſche Weberei überhaupt viel ſchwieriger als das Spinnen; der Schlag der Maſchine riß zu leicht die Fäden ab. Ähnlich wie in der Spinnerei waren die anderen Geſpinſtfäden wieder ſchwerer auf dem Maſchinenſtuhl zu verwenden als die von Baumwolle. Der Kraftſtuhl, 1787 von Cartwright erfunden, konnte erſt von 1810—15 an (nach Fairbairn) etwas mehr angewandt werden. Man zählte in Großbritannien 1820 erſt 14000, 1835 aber ſchon 116000, 1875 440000, 1890 615000 Kraftſtühle für Baumwollgewebe; die anderen Staaten folgten viel langſamer; Preußen hatte 1861 erſt 7000 Kraftſtühle für Baumwollgewebe, Deutſchland 1891 245000 (nach Juraſchek). In der geſamten Wollinduſtrie ſiegte der Kraftſtuhl erſt 1860—1900; die Lauſitzer große Tuch- und Wollinduſtrie hatte 1860 erſt 37, 1890 3000. Die mechaniſche Leinenweberei iſt noch jünger; ſie erreichte in Großbritannien 1875 erſt 45000, 1890 65000 Kraftſtühle; im Handelskammerbezirke Schweidnitz, einem Hauptgebiete der deutſchen Leineninduſtrie, ſtieg ihre Zahl 1871—98 von 1200 auf 8800. Die Seidenweberei iſt erſt jetzt in der Umwandlung zu mechaniſcher Kraft begriffen und zwar nur in den techniſch am höchſten ſtehenden Ländern.
Neben der Verbeſſerung der eigentlichen Spinnerei und Weberei haben die großen Fortſchritte der Kunſtbleiche, der Färberei, der Druckerei und die Hülfsmaſchinen die Textilinduſtrie gewaltig beeinflußt: ſo die Spul-, die Scher-, die Schlichtmaſchine, die Waſch- und Spülmaſchinen, die Centrifugaltrockenmaſchinen und andere mehr. Wollte man auch nur das Wichtigſte aus den ſonſtigen techniſchen Fortſchritten der Bekleidungsgewerbe anführen, ſo wären vor allem die verbeſſerten Wirkſtühle, die Strick-, die Näh-, die Stick-, die Tüll- und Bobbinetmaſchinen zu nennen, die in ihrem Bereiche die durchgreifendſten Umwälzungen hervorgebracht haben. Von den durch Elias Howe hauptſächlich ſeit 1846 geſchaffenen, ſeit 1856 ſich verbreitenden Nähmaſchinen waren ſchon 1875 in den Vereinigten Staaten eine halbe Million, auf der ganzen Erde 1877 über 4 Millionen im Gange. Die Zahl der Stiche wird durch ſie von 25 auf 2000 in der Minute vermehrt.
Die Verbeſſerung und Verbilligung unſerer Kleidung, Wäſche und Hauseinrichtung durch dieſe Fortſchritte in der Gewebeherſtellung und Bearbeitung iſt ganz außerordentlich. Schon 1842 rechnete man, daß mit der Hand erſt 17 Mill. Handſpinner das hätten leiſten können, was die 448900 Maſchinenſpinner der Kulturſtaaten fertig brachten. Immer darf man nicht überſehen, daß dieſe enorme Steigerung der produktiven Kraft ſich auf ein Bedürfnis bezieht, das nur 14—20 % des Einkommens bei den Kulturvölkern in Anſpruch nimmt; daß wenn wir uns heute durch die Bekleidung der Natur- und Halbkulturvölker bereichern, dieſen vielfach ihre älteren techniſchen Künſte dafür verloren gehen; und daß die konzentrierte arbeitsteilige Maſchinenarbeit erſtens Millionen Familien der unteren Klaſſen einen Teil ihrer hauswirtſchaftlichen Thätigkeit und eine Nebenarbeit des Spinnens, Webens, Strickens, Nähens raubte, die zwar mäßig bezahlt aber zum Lebensunterhalt für ſie unentbehrlich war, durch ihr Verſiegen dieſe Millionen teilweiſe proletariſierte; die ganz andere ſociale Schichtung und Umbildung der Erwerbsverhältniſſe durch dieſen Prozeß macht ein wichtiges Stück der neueren ſocialen Geſchichte aus. —
Der Bergwerks- und Hüttenbetrieb bewegte ſich im 18. Jahrhundert zunächſt in den Geleiſen, welche der techniſche Fortſchritt des 16. ermöglicht hatte. Aber man ſuchte dem ſteigenden Bedarf durch Vergrößerung der Hochöfen und durch Heizung mit Steinkohle und Coaks entgegen zu kommen. In Preußiſch-Schleſien beſtanden 1750 14 Holzkohlenhochöfen, 1800 45, neben 40 und 50 Friſchherden, die das Roheiſen in Schmiede eiſen verwandelten. Die Eiſenproduktion in Preußen war etwa 1750 2850, 1800 15000 Tonnen (à 2000 Pfd. oder 1000 kg), alſo 1800 etwa 1,5 kg auf den Kopf; im Zollverein 1834 110000 Tonnen, alſo 4—5 kg. In Großbritannien war die Produktion 1740 17000, 1784 40000 (bei 50000 Tonnen Einfuhr), 1800 aber 158000 und 1840 1396000 engl. Tonnen (à 2240 Pfd.), alſo 1800 auch erſt etwa 19 kg auf den Kopf. Die älteren Holzkohlenöfen hatten einen Umfang von 6 Kubikmeter. Sie mit Steinkohlen zu heizen hatte man im 17. Jahrhundert wegen des Holzmangels in England wenig glückliche Verſuche gemacht; 1709 gelang die Feuerung mit Coaks, die aber auch in England Jahrzehnte lang auf einen Ofen ſich beſchränkte; auf dem Kontinent wurde der erſte Coaksofen in Schleſien 1796, in Belgien 1821 erblaſen. Der Sieg der Coaksüber die Holzöfen auf dem Kontinent fällt erſt in die Mitte unſeres Jahrhunderts; die engliſchen Hochöfen lieferten durchſchnittlich jährlich 1740 288, 1805 1785, 1840 3480 Tonnen Eiſen; ihre Höhe war von 18 auf 40 Fuß, ihre Faſſungskraft von 6 auf 250 Kubikmeter geſtiegen. Im übrigen waren die Verbeſſerung der Gebläſe, ihr Betrieb mit Dampf und die Erhitzung der eingeblaſenen Luft die wichtigſten techniſchen Verbeſſerungen (1760—1840); erſt ſeit Bunſen die dem Hochofen entſteigenden Gichtgaſe zu analyſieren verſtanden und zu verwenden gelehrt hatte, konnte der Hochofen als techniſch vollendet gelten. Und die Verbeſſerung des Friſchprozeſſes, ſeine Umwandlung in den Puddelprozeß (d. h. die Entkohlung in geſchloſſenen Flammöfen mit mechaniſcher Umrührung) beginnt wohl 1784, wird aber erſt 1824—36 recht durchführbar, vollzieht ſich auf dem Kontinent erſt 1846—70. An den Fortſchritt des Puddelprozeſſes ſchloß ſich der des Hämmerns durch den Dampfhammer, der 1842 durch Nasmyth erfunden wurde, und des Walzens mit mechaniſcher Kraft, die ſich auch erſt 1840—70 recht durchſetzten.
Der Eiſenbahnbau, die entſtehende Maſchineninduſtrie und die Ausrüſtung der Bergwerke mit einem großen maſchinellen Apparate waren das Ergebnis der geſchilderten Fortſchritte in Weſteuropa von 1840—70. Die Produktion ſtieg gewaltig; in Großbritannien von 1840—70 von 1,3 auf 6 Mill., in Deutſchland von 0,17 auf 1,3 Mill., auf der ganzen Erde von 2,9 auf 12 Mill. Tonnen. Aber das erreichte Ziel war gegenüber den nun einſetzenden Verbeſſerungen doch noch ein unvollkommenes: aus dem Eiſen- ſollte erſt das Stahlzeitalter werden; viel größere techniſche Erfindungen wurden 1850—80 gemacht, geſtalteten die Eiſentechnik teilweiſe von 1860 an, noch mehr von 1880 an wieder gänzlich um und erlaubten Produktionsſteigerungen, die man 1850—60 noch nicht geahnt hatte.
Es handelt ſich um die neuen Methoden, direkt Stahl herzuſtellen, um die Erſetzung oder Zurückdrängung des im Puddelofen entkohlten und geſchweißten Schmiedeeiſens durch das ſogenannte Flußeiſen, d. h. um die direkte Herſtellung von Stahl und Eiſen aus dem Schmelzprozeß, wodurch ein viel beſſeres Material mit geringeren Koſten erzielt wurde.
Stahl hatte man bis gegen 1800 weſentlich direkt in kleinen Quantitäten aus den feinſten Erzen hergeſtellt; dann hatte man Schmiedeeiſen durch Kohlenzuſatz in Stahl verwandelt (cementiert), endlich ihn auch durch Puddelverfahren hergeſtellt. Aber das Ziel blieb, beſſere Methoden direkter und umfangreicher Stahlgewinnung zu finden, wie es Siemens 1852, dann Beſſemer und endlich Martin 1858 gelang. Das bedeutete eine Umwälzung in der ganzen Eiſeninduſtrie und Eiſenverwendung. Die Stahlproduktion und Stahlanwendung nahm ſchon 1860—75 einen enormen Aufſchwung, der Stahl erſetzte in den zahlreichſten Verwendungen das viel weniger haltbare Schmiedeeiſen. Und nun gelang es von 1879—80 an, phosphorhaltige Erze durch das Thomas-Gilchriſtſche Verfahren direkt in Stahl und Flußeiſen zu verwandeln, was zumal für Länder mit überwiegend derartigen Erzen, wie Deutſchland, einen ungeheuren Fortſchritt bedeutete. Alle Eiſenwerke mußten freilich 1860—90 auf Grund dieſer neuen Technik umgebaut werden. Die auf Roheiſen reduzierte Produktion der Erde (einſchließlich des Stahls) ſtieg 1870—90 von 12 auf 27 Mill. Tonnen (Großbritannien 1890 8, 1897 8,7 Mill., Deutſchland 1890 4, 1898 7,4 Mill., die Vereinigten Staaten 1870 1,6, 1890 9,3, 1897 9,6 Mill. Tonnen). Die durchſchnittliche jährliche Produktion der immer rieſenhafteren Hochöfen ſtieg 1889—90 in England auf 18408, in den Vereinigten Staaten auf 27000 Tonnen; einzelne erhoben ſich auf 45000. Die Stahlproduktion hatte ſich von 1867 bis 1890/91 in England von 0,1 auf 3,6, in Deutſchland von nicht ganz 0,089 auf 2,3 Mill. Tonnen geſteigert, während die Schweißeiſenproduktion in dieſen Ländern ſtabil geblieben oder zurückgegangen war. Der Verbrauch von Eiſen und Stahl aller Art war in Deutſchland 1840—47 12,5, 1861—65 26, 1890 99, 1896—98 131 kg auf den Kopf, in Großbritannien 1861—65 134, 1891—95 176 kg, in den Vereinigten Staaten in dieſen Epochen 26 und 128,8 kg, während er 1890—95 in Frankreich noch auf 40, in Öſterreich auf 25, in Rußland auf 12, in Oſtindien wahrſcheinlich auf 1—2 kg ſtand.
Der Eiſen- und Stahlverbrauch, der früher und noch jetzt in den ärmeren Ländern auf wenige Werkzeuge und Waffen beſchränkt war, dient jetzt zu allem: wir belegen die Straßen mit Eiſen, bauen unſere Schiffe, einen großen Teil unſerer Wohnungen und Werkſtätten aus Stahl und Eiſen. Dabei iſt der Rohſtoff durch die verbeſſerte Technik immer billiger geworden, während daneben die Veredelung und Verfeinerung in immer komplizierteren Werkzeugen, Maſchinen und Gegenſtänden aller Art demſelben einen immer größeren, teilweiſe hundert- und tauſendfachen Wert verleiht.
Die modernſten Hütten-, Eiſen- und Stahlwerke, wie die Kruppſchen in Deutſchland mit ihren 44000 Arbeitern und Beamten, die Carnegie Steel-Company in Pennſylvanien ſind wohl die techniſch vollendetſten der modernen Rieſenanſtalten, wo ein Stab wiſſen- ſchaftlich-techniſcher Kräfte alle denkbaren Fortſchritte der Chemie, der Phyſik, der Mechanik auf die wirtſchaftliche Produktion anwendet und zugleich bemüht iſt, ſie Tag für Tag durch neue Verſuche zu verbeſſern.
Nur etwa die heutigen Maſchinen- und Werkzeugfabriken, die Eiſenbahnwagen- und Schiffsbauanſtalten könnten techniſch noch über ſie geſtellt werden, weil ſie die feinere Verarbeitung in Händen haben. Sie ſind freilich nicht ſo rieſenhaft wie jene und im Detail ihres Arbeitsprozeſſes nicht ſo fein gegliedert wie die Textilinduſtrie. Ihre Entwickelung aber iſt das ſicherſte Symptom eines wirtſchaftlich hoch entwickelten Landes geworden. Sie verbreiten durch ihre Erzeugniſſe die Wirkung der Maſchinentechnik ſo ziemlich auf alle Zweige wirtſchaftlicher Thätigkeit.
Während es im 18. Jahrhundert nur handwerksmäßige Schloſſer, Mühlen- und Webſtuhlbauer gab, entſtand von 1790—1820 in England, 1815—40 in den kontinentalen Landen ihr Anfang. Auch in England gab es 1800—1810 nur — wie Fairbairn erzählt — drei gute Maſchinenfabriken, die kleine Dampfmaſchinen von 3—50 Pferdekräften bauten; auch in Deutſchland traf man 1840—60 noch wenig große und ſpeciali- ſierte Maſchinenfabriken; die heute mit 2—10000 Arbeitern thätigen Anſtalten hatten damals 50—200. Viele unſerer größten und beſten gehören erſt den letzten 30 Jahren an, wie auch unſere beſten Schiffswerften, Lokomotiv- und Wagenbauanſtalten.
Wir dürfen aber hierbei nicht verweilen, ebenſowenig auf die großen techniſchen Fortſchritte in all den anderen Zweigen wirtſchaftlicher Thätigkeit eingehen, welche nirgends ganz fehlen, in manchen den hier angeführten Fortſchritten der Textil- und Eiſengewerbe gleich kommen, z. B. in der chemiſchen, der Papier-, der Nahrungs-, Beleuchtungsinduſtrie, in den polygraphiſchen Gewerben, der Buchdruckerei, um von den geſamten Verkehrsgewerben zu ſchweigen, deren techniſche Fortſchritte jeder aus eigener Erfahrung kennt. Nur über die älteſte und wichtigſte wirtſchaftliche Thätigkeit, die Landwirtſchaft, ſei noch ein Wort erlaubt.
Auch ſie iſt natürlich von den Fortſchritten der Chemie und Mechanik nicht unberührt geblieben. Die alte Dreifelderwirtſchaft, welche nur 20—40 % des Areals bebaute, den Reſt als Brache und Weide nützte, hat ſeit 1770 an einzelnen Stellen, ſeit 1850 allgemeiner in den dichtbevölkerten, wohlhabenden Gebieten dem Fruchtwechſel Platz gemacht, der jährlich die ganze Flur beackert, die Viehnahrung durch Hack- und Futterbau ermöglicht, die Bodenerſchöpfung durch den jährlichen Wechſel der Früchte verhindert, der die zehnfache Kapitalmenge, die zweibis dreifache Arbeit auf dieſelbe Fläche verwendet, wie die einfache Dreifelderwirtſchaft. Die künſtliche Düngung, die Bodenmeliorationen aller Art, die Verbeſſerung der Ackerwerkzeuge, die Einführung von landwirtſchaftlichen Maſchinen, die große Verbeſſerung der Viehzucht durch rationelle Züchtung haben die Produktionskoſten an vielen Punkten vermindert, die Ernten verdoppelt, teilweiſe vervierfacht. Die Zuſammenlegung der Grundſtücke und der Wegebau haben in gleicher Richtung gewirkt. Der Pflug iſt ſo verbeſſert, daß er bei halber Zugkraft mehr leiſtet als früher. An einzelnen Stellen hat man den Dampfpflug, neueſtens gar elektriſche Kraft angewendet. Die überall möglichen Verbeſſerungen haben bei der zähen konſervativen Art des Landmannes noch lange nicht überall Eingang und volle Wirkung erreicht, viele andere ſind nicht allerwärts anwendbar. Faſt überall aber iſt der Betrieb mehr oder weniger rationaliſiert und verbeſſert worden. Daß er aber faſt nirgends gänzlich geändert wurde, daß die Fortſchritte hier nicht wie im Verkehr und ſo vielen Gewerben eine Revolution bedeuteten, darauf kommen wir gleich.
85. Würdigung des Maſchinenzeitalters. Wenn wir die neuere weſteuropäiſche Volkswirtſchaft nach ihrer techniſchen Seite als Maſchinenzeitalter bezeichnen, ſo iſt das ein Name, der von der wichtigſten, ſichtbarſten Erſcheinung genommen iſt, das Weſen der Sache aber nicht erſchöpft. Dasſelbe liegt in der auf Naturerkenntnis geſtützten Rationaliſierung aller Wirtſchaftsprozeſſe, in der Anwendung immer vollendeterer, komplizierterer und doch in ihrem Erfolg billigerer Methoden und Arbeitsprozeſſe überhaupt, welche bei gleicher oder geringerer Kraftaufwendung doch Größeres und Beſſeres leiſten. Die Phyſiologie hat in die Raſſenverbeſſerung, die Chemie da und dort ebenſo intenſiv eingegriffen, wie die Mechanik mit ihren verbeſſerten Werkzeugen und den Maſchinen Zeit und Kraft erſpart, bisher nicht ausführbare Leiſtungen ermöglicht hat.
Aber daß man möglichſt überall menſchliche Arbeit zu ſparen, ſie durch mechaniſche Kraft und die Kraftmaſchine zu erſetzen, daß man an Stelle des Werkzeugs die Arbeitsmaſchine zu ſetzen ſuchte, das bildet allerdings den ſpringenden Punkt der Entwickelung, die wichtigſte Neuerung. Der Sprachgenius hat mit Recht Werkzeug und Maſchinen in Gegenſatz geſtellt. Wir verſtehen unter erſterem ein techniſches Arbeitsmittel, das den Arbeitsprozeß fördert und erleichtert, aber der Hand und dem Kopf des Arbeitenden doch Sekunde für Sekunde die Ausführung überläßt, unter der Maſchine ein techniſches Arbeitsmittel, das Naturkräfte und ein Syſtem zuſammengeſetzter feſter Körper, kombinierter Werkzeuge nötigt, in mechaniſcher Abfolge Bewegungen auszuführen, ſo daß dem Menſchen nur die Überwachung und allgemeine Leitung des Arbeitsprozeſſes, eine Summe kleiner, mechaniſcher Handgriffe bleibt. Die Kraftmaſchine erzeugt und reguliert die mechaniſche Kraft, die Arbeitsmaſchine läßt die ihr mitgeteilte Kraft auf den wirtſchaftlichen Arbeitsprozeß wirken; beide gehören zuſammen. Einzelne Maſchinen, wie der Dampfhammer, ſind Kraft- und Arbeitsmaſchine zugleich. Einfachere Maſchinen gab es ſeit Jahrtauſenden, wie das Schöpf- und Waſſerrad; auch den Wagen, die Töpferſcheibe, den Pflug, die Kriegsmaſchinen der Alten, das Spinnrad hat man als Maſchinen bezeichnet. Heute gehören die Nähmaſchine und viele andere hauswirtſchaftliche Maſchinen in das Gebiet. Werkzeug und Maſchinen gehen da ineinander über, wo die Arbeit aus einer direkt die Stoffe formenden eine mehr bloß leitende wird. Das Maſchinenzeitalter beſteht darin, daß die Kraft- und Arbeitsmaſchinen eine früher nie gekannte Verbreitung gefunden und einem ſteigenden Teil der Arbeitsprozeſſe ihren Stempel aufgedrückt haben.
Wir ſahen, wie zur Menſchenkraft zuerſt die lenkbare Tierkraft hinzukam, wie dann ſpäter Wind und Waſſer als leicht faßbare mechaniſche Kräfte roh ausgenützt wurden. Erſt ſeit hundert Jahren wurden ſie recht bemeiſtert und die ſchwer faßbaren und lenkbaren, aber viel wirkſameren mechaniſchen Kräfte Dampf und Elektricität hinzugefügt. Wir können uns durch ihre Summierung in der Einheit von Pferde- oder Menſchenkräften eine rohe Vorſtellung davon machen, wie ſie das wirtſchaftliche Leben gefördert haben. Wir benützen als Beiſpiel das heutige Deutſchland. Seinen 26 Mill. arbeitskräftiger Menſchen wird eine Pferde- und Rindviehkraft von etwa gleicher mechaniſcher Leiſtungsfähigkeit zur Seite ſtehen; ſeine Dampfkräfte werden (nach den mittleren Reduktionszahlen Fairbairns eine Pferdekraft = 15 Menſchen) 114 Mill. Menſchen, ſeine Waſſerkräfte 9,5, ſeine Gasmaſchinen 0,8 Mill. 1895 entſprechen; die Elektricität wage ich nicht zu ſchätzen. Alſo ſteht der mechaniſchen Kraft der Menſchen mindeſtens die etwa ſechsfache der Tier- und Naturkräfte (zuſammen 150 Mill.) zur Seite, während im Jahre 1750 wohl höchſtens die gleich große an Tier-, Wind- und Waſſerkräften die menſchlichen ergänzte. Und erinnern wir uns, daß die 124— 125 Mill. Einheiten mechaniſcher Kräfte (ohne die Tiere) hauptſächlich die 10—11 Mill. Menſchen unterſtützen, welche im Verkehr, Handel und Gewerbe thätig ſind, ſo handelt es ſich ſtatt der ſechsum eine zwölffache Steigerung der produktiven Kräfte. Dazu kommt die Verbilligung der Kraft. Engel rechnet 1880, daß ein Tonnenkilometer horizontal zu bewegen mit dem Dampf 0,4, mit dem Pferd 11,7, mit der Menſchenkraft 52,6 Pfennig koſte. Mag das nur für den Verkehr zutreffen, ſonſt nicht in dem Maße, vielfach auch gar nicht, dafür wird heute jede Art der Kraft da angewendet, wo ſie am paſſendſten iſt, am wohlfeilſten ſich ſtellt. Man hat gelernt, die eine Kraft aus der andern zu entwickeln, aus Wärme Dampf, aus Waſſerkraft oder Dampf Elektricität herzuſtellen. Man verſteht die Kräfte zu konzentrieren und zu kombinieren, ſie örtlich und zeitlich mit genaueſter Maßbeſtimmung zu verteilen, die rotierende Bewegung in hin und her gehende und ſonſt in der verſchiedenſten Weiſe zu verwandeln.
Auch bei der Arbeitsmaſchine handelt es ſich um Bewegungsvorgänge; ſie kann nur da eintreten, wo gleichmäßig ſich wiederholende, mit höchſter Schnelligkeit ſich vollziehende, in mehr, oft hundertfacher Nebeneinanderſtellung des angreifenden Maſchinenteils (wie beim Spinnſtuhl) gemeinſam zu vollziehende Bewegungen in Frage ſtehen. Sie iſt ausgeſchloſſen, wo die Kraft jede Sekunde nach den von Auge und Handgefühl erfaßten Widerſtänden ſich richten, ſich dem Wechſel des Stoffes, der Formen, der Angriffsart anpaſſen muß. Die Arbeitsmaſchine ſetzt voraus, daß der Prozeß ſich in viele einzelne Teile zerlegen laſſe. Die Arbeitsteilung mit ſpecialiſierten Werkzeugen geht daher hiſtoriſch und praktiſch häufig der Arbeitsmaſchine voraus. Wo dieſe Bedingungen fehlen, da kann die Maſchine keine oder nur eine beſchränkte Rolle, eine ſolche in Hülfsprozeſſen, in dem die Produkte bewegenden Verkehr ꝛc. ſpielen. Die Uniformierung, Mechaniſierung, höchſte Beſchleunigung und vollendete Präciſion, welche das Weſen des maſchinellen Arbeitsprozeſſes charakteriſiert, wird wohl die ganze Volkswirtſchaft indirekt beeinfluſſen; tiefgreifend umbilden wird ſie nur beſtimmte, freilich ſehr erhebliche Teile. Suchen wir ſie zu ſcheiden.
Die weitaus größte Wirkung der modernen Maſchinen liegt in der Verkehrserleichterung; im Verkehr handelt es ſich nur um Erleichterung, Beſchleunigung, Mechaniſierung, Ordnung von Bewegungsvorgängen: die Menſchen, die Güter, die Nachrichten bewegen ſich heute ſo leicht und ſo billig auf 1000 und 100000 Meilen wie ehedem auf 5 und auf 100. Die menſchliche Verſorgung mit Nahrungsmitteln und Gütern aller Art, die Berührung und Verknüpfung der Menſchen in geiſtiger, morali- ſcher und wirtſchaftlicher Beziehung iſt unendlich geſtiegen. Die geographiſche Arbeitsteilung, der Welthandel, die größern Märkte, die größern Staaten, ihre leichtere Regierung, die ganze heutige Maſſenkriegführung, die Überziehung auch der kleinen Orte und des platten Landes mit Poſt-, Eiſenbahn- und Telegraphenlinien ſind die Folge.
Der eigentliche Handel iſt mehr durch die Verkehrsfortſchritte als durch direkte Maſchinenanwendung ein anderer geworden; gewiß benützen die großen Handelsgeſchäfte eine ſteigende Zahl techniſcher Fortſchritte zum Heben, Sortieren, Packen ꝛc., aber der viel größere Teil der Handelsthätigkeit iſt und bleibt individuell, der Maſchine und Mechaniſierung unzugänglich.
Die zweite große Wirkung der modernen Technik liegt auf dem gewerblichen Gebiete; zumal ſoweit es ſich um leicht verſendbare, mit mechaniſiertem Arbeitsprozeß und in Maſſe herſtellbare, beliebig vermehrbare Produkte handelt, iſt die Steigerung und Verbilligung der Produktion eine ganz außerordentliche. In der Textilinduſtrie iſt die Maſchine am weiteſten vorgedrungen, hat die größten Wunder bewirkt, weil die Ziehung, Schlichtung, Verſpinnung, Verwebung, Rauhung, Preſſung ꝛc. der Faſerſtoffe ſo weitgehend in gleichmäßig mechaniſche Bewegungen ſich auflöſen läßt. Im Berg werksbetrieb hat die Maſchine die Hebung, Schleppung und Sortierung übernommen, nicht die Hauptarbeit, die des Häuers vor Ort, die ſtets eine individuelle bleiben wird. In vielen andern Gewerben ſiegte die Maſchine mehr für die Zwiſchenals für die Endprodukte; der Stahl, das Gußeiſen, alle Metalle werden ausſchließlich maſchinell, die feineren Metallprodukte vielfach noch durch die Hand hergeſtellt.
Viel geringer als im Verkehr und in der Induſtrie zeigt ſich die techniſche Revolution auf allen übrigen wirtſchaftlichen Gebieten. Die Maſchine konnte nur beſtimmte, eng begrenzte Teile des privaten Haushaltes, der Landwirtſchaft, der Forſtwirtſchaft übernehmen; noch weniger konnte ſie die Arbeit des Künſtlers, etwas mehr ſchon die des Kunſthandwerkers ergreifen.
Der Landwirt und Gärtner kann den Arbeitsprozeß nicht konzentrieren, ihn in Teile zerlegen, die nebeneinander ſich ausführen laſſen; er muß individualiſierend die Arbeit dem Boden, der Witterung, der Jahreszeit anpaſſen. Er hat heute beſſere Werkzeuge, auch einzelne Maſchinen und Feldbahnen, er wendet chemiſche und phyſiologiſche Verbeſſerungen an, aber nie kann hier die Technik alle Arbeit mechaniſieren, nie kann ſie hier die Produktion auf das 10—1000 fache ſteigern wie in vielen Gewerben; ſie hat Großes erreicht, wenn ſie ſie verdoppelt oder gar vervierfacht. Die Urſache iſt einfach und bekannt; wie Liebig ſagt, kann die doppelte mechaniſche Arbeit, die doppelte Düngung von einer bald erreichten Grenze an nicht mehr die doppelte Ernte geben. Das größte Kapital und alle Technik der Welt vermögen auf einer Quadratmeile nicht die Nahrungsmittel für Hunderttauſende und Millionen zu erzeugen. Das Geſetz „der abnehmenden Bodenerträge“ hat ſeine Urſache in dem einfachen Umſtande, daß die phyſiologiſchen Prozeſſe, die uns Brot und Fleiſch geben, Monate und Jahre brauchen, daß die Pflanzenerzeugung an die begrenzte Ackerfläche gebunden iſt, und daß Sonne, Wärme, Feuchtigkeit, Verwitterung, Pflügung in die Oberfläche nur bis zu geringer Tiefe eindringen, begrenzte Stoffe löslich machen können. Alle ſehr dicht bevölkerten Gegenden bedürfen daher der Zufuhr von weiterher, die, wenn auch ſehr verbilligt, doch immer die Waren verteuert. Die verſchiedene Wirkung der Technik auf Gewerbsprodukte und Nahrungsmittel zeigt die bekannte Wahrheit, daß jene im Laufe der Kultur durchſchnittlich billiger, dieſe teurer werden. Der Nahrungsmittelerzeugung ſteht eine Grenze entgegen, welche die Technik nicht überwinden kann. Man kann froh ſein, wenn die Verbilligung der Maſchinenprodukte die Verteuerung der Lebensmittel ausgleicht oder ermäßigt. Es kommt hinzu, daß überall, wo in ähnlicher Weiſe begrenzte Rohſtoffe, begrenzte Gebiete und Standorte der Vermehrung des Angebots entgegen- ſtehen, ſo bei Kohlen und Erzen, Fiſchwaſſern und Stadtwohnungen, der techniſche Fortſchritt die engen Schranken der Produktion und Monopolverteuerung mildern, nicht aufheben oder überwinden kann.
Nach dieſen Bemerkungen iſt es klar, daß eine nüchterne Beobachtung nicht in jene dithyrambiſchen Lobpreiſungen einſtimmen kann, als habe die Maſchine und die Technik uns ſeit 100 Jahren ſo mit wirtſchaftlichen Gütern überſchüttet, daß wir bei richtiger Einrichtung der Volkswirtſchaft alle herrlich und in Freuden ohne große Anſtrengung, etwa täglich nur 2—4 Stunden arbeitend, leben könnten. Denn erſtens iſt überall zweifelhaft, ob die Bevölkerung nicht noch ſtärker zunehme als die durchſchnittliche geſamte Mehrproduktion. Und zweitens kommt in Frage, ob die Teile der Volkswirtſchaft mit großem oder die mit mäßigem techniſchen Fortſchritte die bedeutungsvolleren ſeien. Es ſei nur daran erinnert, daß wir für unſere Ernährung 50—60, für unſere Wohnung 10—20 % unſeres Einkommens ausgeben. Iſt es da ein Wunder, daß die Mehrzahl der Menſchen heute trotz aller techniſchen Fortſchritte mehr und härter arbeiten muß als früher, — daß man ſchon höhniſch gefragt hat, ob denn die beſſere und ſchönere Kleidung und das ſchnellere Fahren, die Haupterrungenſchaften unſerer modernen Technik, uns ſo viel glücklicher machen könnten? Selbſt ein ſo begeiſterter Technologe, wie Em. Hermann ſpricht Zweifel aus, ob unſere Ernährung und Wohnung beſſer ſei als die der Griechen und Römer; nur unſere Werkzeuge und chemiſche Verfahrungsweiſe, meint er, ſtänden höher. Sicher iſt, daß die hundertfache Leiſtung der Spinn- und Dampfmaſchine gegen über der Handarbeit nicht generell hundertfachen Reichtum bedeutet, noch weniger ihn für beliebig vermehrte Menſchenmengen ſchafft. Und mögen wir uns noch ſo ſehr rühmen, daß die Handarbeit der 1560 Mill. lebenden Menſchen nicht ausreichte, um je zu ſpinnen, zu drucken, zu ſchleppen, was heute die Maſchine ſpinnt, druckt und ſchleppt, von Geſpinſt, von gedruckten Nachrichten und vom geſteigerten Verkehr lebt der Menſch nicht allein. Aus demſelben Grunde ſind auch alle Specialberechnungen der Steigerung der produktiven Kraft des Menſchen in dieſem oder jenem Gewerbe, ſo richtig ſie im einzelnen ſein mögen, als Beweis fürs Ganze irreführend, ſo z. B. wenn Michel Chevalier für die Mehlbereitung ſeit Homer die Steigerung berechnet auf 1 : 144, für die Eiſenbereitung ſeit 4—5 Jahrhunderten auf 1:30, für die Baumwollverarbeitung 1769—1855 auf 1:700. Die Menſchen in ihrer Geſamtheit ſind deshalb nicht 144 oder 30 oder 700 mal reicher. Man könnte bei aller Anerkennung der rieſenhaften Leiſtungen der modernen Technik ſagen, die Ungleichmäßigkeit ihrer Fortſchritte ſei zunächſt das Charakteriſtiſche. Könnten wir mit atmoſphäriſcher Luft heizen, und Mehl und Fleiſch ſtatt durch die pflanzen- und tierphyſiologiſchen Prozeſſe durch die chemiſche Retorte herſtellen, dann erſt wäre der ideale Zuſtand geſchaffen, den die techniſchen Optimiſten oft heute ſchon gekommen glauben. —
Natürlich erſchöpft ſich nun die Beurteilung des heutigen Maſchinenzeitalters nicht in der Frage nach der Vermehrung und Verbilligung der wirtſchaftlichen Produktion und deren Grenzen. Daneben kommt die Veränderung in der ganzen Organiſation der Volkswirtſchaft, in der Stellung der ſocialen Klaſſen, der Familie, der Unternehmung und Ähnliches in Betracht. Hierüber endgültigen Aufſchluß zu geben iſt freilich heute ſehr ſchwierig, weil wir, mitten in dem ungeheuren Umbildungsprozeß ſtehend, ſchwer ſagen können, was vorübergehende, was dauernde Folge ſei. Und an dieſer Stelle darüber zu reden iſt nur andeutungsweiſe möglich, weil wir die zu berührenden Fragen erſt in den folgenden Büchern im einzelnen erörtern wollen.
Das erſte, was uns von ſolchen Folgen in die Augen ſpringt, iſt die Thatſache, daß, wie jeder große Fortſchritt, ſo heute der techniſche, von einzelnen Individuen, Klaſſen, Völkern ausging, dieſe an Einkommen und Reichtum, Einfluß und Macht außerordentlich emporhob. Die Differenzierung der Geſellſchaft ſteigerte ſich; an dem Fort- ſchritt und ſeinen erſten Folgen konnten nicht alle gleichen Anteil haben. Neue führende, herrſchende, genießende, Macht und Reichtum teils richtig teils falſch brauchende Kreiſe ſtiegen empor, die übrigen ſanken damit entſprechend, blieben zurück, wurden teilweiſe gedrückt, verloren durch den Konkurrenzkampf mit den emporſteigenden. Wie für die Maſchinenvölker, ſo gilt das für die führenden Unternehmer, Ingenieure und Kaufleute innerhalb derſelben. Die Kaufleute kommen nicht ſowohl wegen der techniſchen Fort- ſchritte des Handels in Betracht, als weil im Verkehr die wichtigſte Verbeſſerung liegt und dieſe gewiſſermaßen erſt recht die fähigen Händler zu den Beherrſchern der Volkswirtſchaft machte, ihnen den größten Gewinn zuführte. Doch darf bei dieſem Differenzierungsprozeß und ſeiner Wirkung auf das Einkommen und die Machtſtellung nicht überſehen werden, daß an dieſe erſte Folge ſich bald Bewegungen im entgegengeſetzten Sinne ſchloſſen. Die andern Völker, bis nach Japan und Indien, begannen raſch die Maſchinentechnik nachzuahmen, und ſie iſt lehrbarer, leichter zu übertragen, als es die techniſchen Vorzüge der früheren Zeiten waren, weil ſie in Schriften und Modellen fixiert iſt, in offenen Schulen jedem Fremden gelehrt wird, durch Maſchinenausfuhr überall hindringt. Ebenſo gingen die höheren Kenntniſſe und Fertigkeiten in Weſteuropa doch bald auf die übrigen Klaſſen der Geſellſchaft, wenigſtens teilweiſe, über. Das äußerliche Hauptergebnis der Maſchinentechnik, ein ſteigender Kapitalüberfluß und ſinkender Zinsfuß ſetzte einen erheblichen Teil des ganzen Volkes in die Lage, ſeiner- ſeits zu Verbeſſerungen in der Produktion zu ſchreiten, einen andern, die geſamten arbeitenden Klaſſen, höhere Löhne zu erkämpfen.
Die zweite große Folge der neueren Technik und des ſo ſehr verbeſſerten Verkehrs iſt die räumliche Veränderung im Standort der landwirtſchaftlichen, gewerblichen und händleriſchen Unternehmungen und der Menſchen überhaupt: die Bildung der Großſtädte, der Induſtrie- und Bergwerkscentren, die ſtillſtehende oder gar abnehmende Landbevölkerung, die Zunahme der Wanderungen, die wachſende geographiſche und ſonſtige Arbeitsteilung erſcheinen als zuſammenhängende Ergebniſſe des Maſchinenzeitalters, auf die wir anderwärts kommen. —
Als dritte Folge heben wir die Verſchiebung hervor, welche zwiſchen den Hauptorganen des volkswirtſchaftlichen Lebens und ihren Funktionen ſtattfand, nämlich zwiſchen Familie, Gebietskörperſchaft (Gemeinde, Provinz, Staat) und Unternehmung. Familie und Unternehmung fiel früher noch meiſt zuſammen. Vor allem die neuere Technik ſchied ſie, machte einen ſteigenden Teil der Unternehmungen zu ſelbſtändigen, techniſchgeſchäftlichen Anſtalten, trennte Familienwirtſchaft und Werkſtatt. Und dieſelben Urſachen, die ſteigende Kapital- und Maſchinenanwendung, der techniſche Vorteil, welchen größere Anſtalten gaben, begünſtigten mehr und mehr den Großbetrieb.
Er lag zuerſt im 17. und 18. Jahrhundert vielfach in fürſtlichen Händen, dann löſte er ſich von der bureaukratiſchen Schwerfälligkeit, die damit gegeben war, los. Der private Großbetrieb, neuerdings der in Aktien- oder Kartellhänden, ſchien als der vollkommenſte, weil in der freien Hand hochſtehender kaufmänniſch-techniſcher Führer liegend. Aber ſeit den letzten Jahrzehnten hat auch die Großtechnik der Gemeinden, Provinzen und Staaten nicht bloß im Straßen- und Waſſerbau, in der modernen Kriegstechnik, ſondern gerade auch in ſpecifiſch wirtſchaftlichen Funktionen, im Eiſenbahn-, Poſt- und Telegraphenweſen, in öffentlichen Bauten aller Art erhebliche Triumphe gefeiert. Und ſchon kann man hören: gerade die moderne Technik nötige zu einer Vergeſellſchaftung ihrer Anwendung. Dem Vorwurf, daß unſere Städte aus einem Organismus verbundener Wohnhäuſer ein anarchiſcher Haufen von Werkſtätten, Fabriken und Bahnhöfen geworden, könnte man, optimiſtiſch übertreibend, heute ſchon den Satz entgegenſtellen: die moderne Stadt werde eine techniſche Geſamtbauanlage werden, in welcher durch Straßen- und Baupolizei den Wohnungen und Werkſtätten, den Parks und den Schulen, den Markthallen und Bahnhöfen ihr Platz angewieſen ſei, und alle dieſe Stätten durch einheitliche Waſſer- und Abzugs-, Gas- und elektriſche Leitungen, durch den gemeinſamen Dienſt der Straßen, der Verkehrsanſtalten, der Krankenhäuſer und Theater und all der weiteren, auf die Kommune gehäuften Funktionen verbunden ſeien.
Man hat den techniſchen Fortſchritt ſchon danach einteilen wollen, ob er mehr den Individuen und Familien oder mehr den größeren ſocialen Körpern zufalle oder diene. Es iſt kein falſcher Gedanke. Der Pflug diente der Wirtſchaft der Familie, die Bewäſſerungsanlage war ſtets Sache der Gemeinde; die Flinte kam in die Hand des Individuums, die Kanone in die des Staates. Aber doch können viele techniſche Fort- ſchritte je nach ihrer geſellſchaftlichen Ausgeſtaltung, je nach den Inſtitutionen von dem Individuum wie von der Geſamtheit gehandhabt werden. Und es wäre ſchwer, von den heutigen techniſchen Fortſchritten mehr zu ſagen als das, daß viele derſelben zu einer Großtechnik hindrängen; vor allem gilt dies vom Dampf, der Elektricität, von vielen Teilen unſeres Bauweſens. Aber ſpecifiſch techniſche Urſachen entſcheiden nicht, ob die Gasanſtalt in Privat- oder Gemeindehänden zu liegen habe, ob die Eiſenbahn dem Staate gehören ſolle oder nicht. Hobſons halb ſocialiſtiſcher Schluß, alle Großtechnik gehöre in die Hände der öffentlichen Korporation, weil dieſe Technik, von der Maſchine beherrſcht, Mechaniſierung der Arbeitsprozeſſe, Uniformierung der Bedürfniſſe und zur Ausbeutung verführende Monopolbildung bedeute, ſchießt übers Ziel hinaus; er überſieht, daß die Maſchineninduſtrie auch ſehr wechſelnden Bedürfniſſen dient und inſoweit alſo der privaten kaufmänniſchen Leitung nicht wohl entraten kann. Die ſociale Ausgeſtaltung der Großtechnik iſt je nach Raſſe, volkswirtſchaftlichen Traditionen, Staatseinrichtungen, ſehr verſchiedenartig möglich. So viel aber iſt richtig, daß ſie unſerer heutigen Volkswirtſchaft gegenüber der früher überwiegenden Haus- und Kleinbetriebstechnik einen ganz neuen Stempel aufgedrückt hat, freilich ohne die Hauswirtſchaft aufzuheben und ohne den Klein- und Mittelbetrieb ganz zu beſeitigen; beſonders in der Landwirtſchaft beſteht er techniſch umgebildet, aber ſocial unverändert fort. —
Die wichtigſte ſociale Folge der Großtechnik iſt die Entſtehung eines breiten Lohnarbeiterſtandes: die Wirkung der Maſchine und der modernen Technik auf ihn iſt der letzte ſpecielle, vielumſtrittene Punkt, den wir berühren. Wir faſſen zunächſt die Zu- oder Abnahme der Arbeitsgelegenheit und ihre Regelmäßigkeit ins Auge.
Wenn aller Zweck der Maſchine Erſparung menſchlicher Arbeit iſt, ſo kann darüber nicht wohl Zweifel ſein, daß die neuere Maſchinenentwickelung immer wieder Arbeitern ihre hergebrachte Arbeitsgelegenheit und ihren Verdienſt nahm, den Lohn der mit der Maſchine konkurrierenden Handarbeit aller Art drückte. Dieſer Prozeß wurde ermäßigt durch die langſame Verbreitung der Maſchine und durch die raſche Ausdehnung vieler Gewerbszweige in den aufblühenden Kulturſtaaten; aber die Hunderte von Maſchinenzerſtörungen und tumultuariſchen Aufſtänden, die von 1700 bis über die Mitte unſeres Jahrhunderts herein reichen, das chroniſche Handſpinner- und Handweberelend von Hunderttauſenden, wie es zwiſchen 1770 und 1870 ganze Gegenden proletariſierte, reden eine ebenſo lapidare Sprache über das erzeugte Arbeiterelend wie die neuere Arbeitsloſigkeit. In den Vereinigten Staaten wurden nach Wells und anderen durch die neueſten techniſchen Fortſchritte von 1870—90 Arbeiter überflüſſig: in der Möbelinduſtrie 25—30, in der Tapeteninduſtrie 93, in der Metallinduſtrie 33, in der Waggonfabrikation 65, in der Maſchineninduſtrie 40—70, in der Seidenmanufaktur 50 %. Die Verdrängung der Männerdurch Frauen- und Kinderarbeit iſt auch nur ein Stück aus dieſem Prozeß der Arbeitserſparung. Man ſagt nun, all’ die ſo für die entlaſſenen Arbeiter erzeugte Not ſei nur eine vorübergehende geweſen, und das iſt in gewiſſer Beziehung wahr. Wenigſtens die jüngeren Kräfte fanden ſtets anderweit Arbeit; die folgende Generation ſah ſich in den blühenden exportierenden Staaten immer wieder einer durch die Geſamtentwickelung geſchaffenen größeren Arbeitsnachfrage in anderen Berufszweigen gegenüber. Aber zwiſchen der beginnenden Not und der einſetzenden Hülfe lag oft entſetzliches Hungerelend. Der alte gewöhnliche Mancheſtertroſt, überall ſei ſofort durch die Maſchinenverbilligung die Nachfrage nach der entſprechenden Ware ſo geſtiegen, daß die Arbeitsentziehung kaum zu ſpüren geweſen, iſt eine grobe Täuſchung. Auch in Zukunft wird dieſer Prozeß fortdauern, nur in dem Maße weniger hervortreten, als ein techniſch hochſtehender und beweglicher Arbeiterſtand ſich raſcher den Veränderungen anpaßt und als eine allgemein hohe Blüte und verbeſſerte Organiſation der Volkswirtſchaft die entlaſſenen Arbeiter in den Berufen unterzubringen weiß, die als weniger maſchinell entwickelt noch zunehmender Arbeitskräfte bedürfen.
Die Regelmäßigkeit der Arbeitsbeſchäftigung war in älteren Zeiten, mit lokalem Markte und patriarchaliſchen Zuſtänden, natürlich viel größer als heute. Sie nahm mit der Ausdehnung der Märkte und unter den heutigen kurzen Arbeitsverträgen ab; zunächſt am meiſten in der Hausinduſtrie, wo der Arbeitgeber ſich für die Heimarbeiter nicht verantwortlich fühlt. Die maſchinelle Fabrikinduſtrie giebt wieder regelmäßigere Arbeit, ſofern der Unternehmer die Maſchinen regelmäßig gehen zu laſſen ein Intereſſe hat, — aber unregelmäßigere, ſofern die Konjunkturen der Weltwirtſchaft und die Moden ſchwankender werden. Die unregelmäßigere Beſchäftigung wurde früher weniger empfunden, ſo lange die meiſten Arbeiter ein Häuschen, ein Stück Allmende oder Ackerland zu bebauen hatten, nicht allein vom Lohne lebten. Die ganze Frage der Regelmäßigkeit und Unregelmäßigkeit der Arbeit iſt in ihrem letzten Kerne aber nicht von der Technik, ſondern von der ſocialen Ordnung der Volkswirtſchaft zu löſen.
Die Wirkung der Maſchine auf die Lebenshaltung, Geſundheit, Kraft und Bildung der Arbeiter iſt in jedem Berufe, ja in jeder Abteilung einer Fabrik und je nach der Länge der Arbeit und den ſonſt mitwirkenden ſocialen Umſtände ſo verſchieden, daß alle allgemeinen optimiſtiſchen und peſſimiſtiſchen Urteile übers Ziel hinausſchießen. Nähmaſchine und Lokomotive, Spinnſtuhl und Dampfhammer können nicht wohl überein- ſtimmende Wirkungen ausüben. Man wird nur im allgemeinen ſagen können, daß die ältere haus- und landwirtſchaftliche, ſowie die Arbeit in der alten Handwerksſtatt der menſchlichen Natur ſchon wegen ihrer Abwechſelung angemeſſener war und ſei als die Maſchinenarbeit. Aber lange vor allen Maſchinen, ſeit Jahrtauſenden, gab es eine erſchöpfende, ſchädliche Handarbeit in Bergwerken und Hausinduſtrien, auf Schiffen und auf dem Ackerfelde; eine ausbeutende, geſundheitsſchädliche, verkümmernde Handarbeit von Sklaven, Leibeigenen und Freien iſt faſt in allen älteren Kulturländern früher vorhanden geweſen, wo nicht eine beſonders gute ſociale Ordnung die Handarbeiter dichtbevölkerter Gebiete vor ſocialem Drucke ſchützte. Und ihnen eröffnete die Kraft- und Arbeitsmaſchine wenigſtens die Möglichkeit einer Abnahme der übermäßigen Muskelanſtrengung. Ob ſie praktiſch gelang, hing freilich davon ab, ob die Maſchine nicht gleich mit einer unnatürlichen Verlängerung des Arbeitstages, ſchlechten Räumen, ungeſunder Luft und mit unvollkommenen ſocialen Inſtitutionen überhaupt ſich verband. Daran fehlte es. Und deshalb ſind auch die ſekundären Folgen der Überarbeit, der ſchlechten Ernährung und Wohnung, wie proletariſche Vermehrung, Trunkenheit, Schlaffheit, die längſt bei vielen Handarbeitern vorhanden waren, nicht ſofort mit der Maſchine verſchwunden, ſondern teilweiſe noch ſehr gewachſen.
Aber dieſe Begleitumſtände, mehr als die moderne Maſchine, erzeugten 1770 bis 1850 ſo vielfach einen entarteten Arbeitertypus. Daß heute unter veränderten und verbeſſerten ſocialen Bedingungen zahlreiche geſunde, kräftige, geiſtig und ſittlich voran- ſchreitende Maſchinenarbeitertypen ſich gebildet haben, kann kein Unbefangener leugnen. Nur iſt die Frage, auf welche und wie große Teile der Maſchinenarbeiter ſich dieſe günſtige Ausſage beſchränke oder ausdehne.
Daß manche Maſchinen und maſchinellen Arbeitsprozeſſe mit ihrer Zerlegung in kleine Teiloperationen, auch wo ſie dem Menſchen Muskelanſtrengung abnahmen, ihn zu mechaniſcher, geiſttötender, monotoner Thätigkeit des Fadenknüpfens, Rohſtoffaufgebens, Handgriffemachens nötigten, iſt bekannt. Ein Teil der neuen Technik hat ſofort die Beteiligten gehoben, ein anderer hat ſie körperlich und geiſtig herabgedrückt; es fragt ſich nur, wie weit man die letztere Wirkung durch ſociale Anordnungen einſchränken, wie weit man durch noch größere techniſche Fortſchritte, durch ſich ſelbſt bedienende und regulierende Maſchinen die rein mechaniſche Arbeit des Menſchen noch mehr als bisher beſeitigen könne. Faſt alle Arbeit aber an der Maſchine hat neben der geiſttötenden Wirkung des Mechaniſchen eine erziehende, anregende: ſie leitet zu Ordnung und Präciſion, zum Nachdenken und zum Erwerbe techniſcher Kenntniſſe an. Je komplizierter der Maſchinenmechanismus wird, deſto mehr braucht man für die meiſten, nicht für alle Arbeiten in ihm verantwortliche, kluge, kenntnisreiche, gut genährte und bezahlte Arbeiter. Mögen wir alſo an meiſterhafter Handausbildung keine Arbeiter mehr haben wie die Gehülfen des Praxiteles und die Geſellen in der Werkſtatt Peter Viſchers waren, in einer großen Anzahl unſerer techniſch hochſtehenden Induſtrien haben wir Arbeiter, welche techniſch, geiſtig, körperlich und moraliſch den Vergleich mit den beſſeren Arbeitern aller Zeiten nicht nur aushalten, ſondern ſie übertreffen. Freilich nur da, wo die ſittliche Ordnung unſerer modernen Betriebseinrichtungen ſchon die ſchlimmſten Mißbräuche der erſten Geſtaltung überwunden hat, da, wo man einſah, daß der Betrieb nicht bloß nach der Leiſtungsfähigkeit der Maſchine, ſondern ebenſo nach der des arbeitenden Menſchen eingerichtet werden muß. Das hatten die Unternehmer, wie Cunningham ſagt, zuerſt ganz vergeſſen! —
Faſſen wir unſer Urteil über das Maſchinenzeitalter zuſammen: Die einſeitigen Optimiſten, wie Michel Chevalier, Paſſy, Reuleaux, auch einzelne Socialiſten, wie Fourier und Bebel, ſehen nur das Licht, die einſeitigen Peſſimiſten, wie Sismondi, Marx, überwiegend den Schatten; die wiſſenſchaftliche Betrachtung iſt mit Nicholſon, Marſhall, Hobſon doch überwiegend zu einem gerechten, wohlabgewogenen Urteile gekommen. Die moderne Technik und die Maſchine haben aus einer Volkswirtſchaft mit mäßiger Bevölkerung, Kleinſtädten, durch die Waſſerkräfte zerſtreuten Gewerben, mit feudaler, ſtabiler Agrarverfaſſung, lokalem Abſatz, geringem Außenverkehr eine ſolche gemacht, die durch dichte Bevölkerung, Rieſenſtädte und Induſtriecentren, Großbetrieb, großartigen Fernverkehr und weltwirtſchaftliche Arbeitsteilung ſich charakteriſiert. Dieſe neue Volkswirtſchaft zeigt in Weſteuropa und den engliſchen Kolonien einſchließlich der Vereinigten Staaten übereinſtimmende techniſche, aber daneben doch ſehr verſchiedene ſociale Züge, je nach Raſſe, Geſchichte, Volksgeiſt, überlieferter Vermögens- und Einkommensverteilung, je nach den verſchiedenen Inſtitutionen.
Wohlſtand und Lebenshaltung iſt allerwärts außerordentlich geſtiegen; aber in den einzelnen Ländern nehmen daran die verſchiedenen Klaſſen ſehr verſchieden teil. Auch iſt Vermehrung und Verbilligung der Produktion in den einzelnen wirtſchaftlichen Zweigen eine ſehr verſchiedene; in Gewerbe und Verkehr liegen, wie wir ſahen, die Glanzſeiten. Allgemeiner aber ſind die Wirkungen auf vermehrte Berührung aller Menſchen, auf größere Kenntniſſe, geſtiegene Beweglichkeit. Die feineren Lebensgenüſſe ſind allgemein gewachſen, das Leben iſt im ganzen verſchönert, äſthetiſch gehoben. Ebenſo iſt alles Wirtſchaftsleben, auch das im Hauſe, auf dem Bauernhofe, rationaliſiert, iſt von naturwiſſenſchaftlichen Kenntniſſen mehr beherrſcht, iſt rühriger, energiſcher geworden; es iſt freilich auch unendlich komplizierter geworden, iſt durch die Verknüpfung mit anderen Wirtſchaften von Geſamturſachen abhängiger, leichter geſtört, von Kriſen leichter heimgeſucht. Indem man immer mehr für die Zukunft, für die Ferne produziert, iſt Irrtum leichter möglich. Aber dafür hat man größere Vorräte, welche beſſeren Ausgleich zwiſchen verſchiedenen Orten und Zeiten geſtatten. Man wird über Not, Kriſen, Störungen im ganzen doch beſſer Herr als früher. Je höher die Technik ſteigt, deſto mehr kann ſie den Zufall beherrſchen. Alle fortſchreitende Technik ſtellt Siege des Geiſtes über die Natur dar.
Aber aller Fortſchritt in der Naturbeherrſchung iſt nur dauernd von Segen, wenn der Menſch ſich ſelbſt beherrſcht, wenn die Geſellſchaft die neue revolutionierte Geſtaltung des Wirtſchaftslebens nach den ewigen ſittlichen Idealen zu ordnen weiß. Daran fehlt es noch. Unvermittelt ſteht das Alte und das Neue nebeneinander; alles gärt und brodelt; die alten Ordnungen löſen ſich auf, die neuen ſind noch nicht gefunden. Der Fleiß, die Arbeitſamkeit ſind außerordentlich geſtiegen, aber auch der Erwerbstrieb, die Haſtigkeit, die Habſucht, die Genußſucht, die Neigung den Konkurrenten tot zu ſchlagen, die Frivolität, das cyniſche, materialiſtiſche Leben in den Tag hinein. Vornehme Ge- ſinnung, religiöſer Sinn, feines Empfinden iſt bei den führenden wirtſchaftlichen Kreiſen nicht im Fortſchritt. Das innere Glück iſt weder bei den Reichen durch ihren maßloſen Genuß, noch bei dem Mittelſtande und den Armen, die jenen ihren Luxus neiden, entſprechend geſtiegen. Ein großer Techniker ſelbſt konnte vor einigen Jahren unſere überſtolze Zeit mit den nicht unwahren Worten charakteriſieren: „Genußmenſchen ohne Liebe und Fachmenſchen ohne Geiſt, dies Nichts bildet ſich ein, auf einer in der Geſchichte unerreichten Höhe der Menſchheit zu ſtehen!“
Immer iſt ihm zu erwidern: alles wahre menſchliche Glück liegt in dem Gleichgewicht zwiſchen den Trieben und den Idealen, zwiſchen den Hoffnungen und der praktiſchen Möglichkeit der Befriedigung. Eine gärende Zeit materiellen Aufſchwunges, geſtiegenen Luxus’, zunehmender Bedürfniſſe, welche das Lebensideal beſcheidener Genüg- ſamkeit und innerlicher Durchbildung hinter das thatkräftiger Selbſtbehauptung zurückgeſtellt hat, muß eine geringere Zahl glücklicher und harmoniſcher Menſchen haben. Aber es wird nicht ausſchließen, daß eine künftige beruhigtere Zeit auf Grund der techniſchen Fortſchritte doch mehr ſubjektives Glücksgefühl erzeugen wird. Und in Bezug auf die Geſellſchaft möchte ich ſagen: ſie baue ſich mit der neuen Technik ein neues, unendlich beſſeres Wohnhaus, habe aber die neuen ſittlichen Lebensordnungen für die richtige Benutzung desſelben noch nicht gefunden; das ſei die große Aufgabe der Gegenwart. Und, möchte ich beifügen: wir müſſen heute neben den techniſchen Baumeiſtern den Männern danken und ihnen folgen, die uns lehren, den techniſchen Fort- ſchritt richtig im ſittlichen Geiſte, im Geſamtintereſſe aller zu nützen!
86. Schlußergebniſſe. Liegt in der vorſtehenden Würdigung des Maſchinenzeitalters ſchon gewiſſermaßen eine ſolche der techniſchen Entwickelung im ganzen, ſo ſind doch noch einige ergänzende Schlußworte über das Verhältnis von Technik und Volkswirtſchaft überhaupt und über ihre Beziehungen zum geiſtig-moraliſchen Leben, ſowie zu den volkswirtſchaftlichen Inſtitutionen hinzuzufügen.
Aller Fortſchritt der Technik bedeutet Umwege, größere Vorbereitung, Zeit und Mühe koſtende Mittelglieder zwiſchen Abſicht und Erfolg, bedeutet Vermehrung des äußeren wirtſchaftlichen Apparates, der Kapitalaufwendung. Es fragt ſich immer, ob der Aufwand dem größeren und beſſeren Reſultate entſpricht, ob nicht die kompliziertere Methode zu viel Reibung verurſacht, ein zu ſchwieriges, hemmendes Zuſammenwirken vieler Perſonen zur ſelben Zeit oder nacheinander erfordert. Es muß immer die verbeſſerte techniſche Methode mit ganz beſonderem Glück und Geſchick erfunden ſein, wenn ſie dieſe Hemmniſſe überwinden, wenn der Erfolg dem Aufwande entſprechen ſoll. Auf jeder Stufe der Kultur giebt es viele techniſche Verbeſſerungen, die wegen ihrer Koſten, ihres Kapital- oder Perſonenerforderniſſes, ihres zu komplizierten ſocialen Mechanismus unausführbar ſind. Überall wird ein Teil des wirtſchaftlichen Erfolges der höheren Technik durch den ſteigend ſchwerfälligen Apparat aufgehoben. Freilich iſt dies in verſchiedenem Maße je nach den Gebieten und Stufen der Technik der Fall. Jedenfalls, wo die vermehrte oder verbeſſerte Produktion erheblichen natürlichen Widerſtänden begegnet, durch phyſiologiſche, chemiſche, phyſikaliſche Grenzen eingeengt iſt, wie in der Landwirt- ſchaft, iſt der Fortſchritt der Technik ein doppelt ſchwieriger, von beſtimmten Bedingungen abhängiger. Die Erſetzung der wilden Feldgraswirtſchaft durch die Dreifelderwirtſchaft, dieſer durch den Fruchtwechſel iſt nur möglich, wenn die erzeugten Früchte ſehr viel teurer geworden ſind, Klima und Boden relativ günſtig ſich geſtalten, Kapital und Arbeit relativ billig ſind. Aber in gewiſſem Maße iſt jeder techniſche Fortſchritt ſo ökonomiſch bedingt durch die jeweiligen wirtſchaftlichen und geſellſchaftlichen Verhältniſſe. Die einfache, primitive Wirtſchaft verträgt nur einfache, direkt wirkende techniſche Mittel. Nur die höhere Kultur verträgt die Koſten, die komplizierten Mittel und den ſchweren geſellſchaftlichen Apparat der höheren Technik.
Wegen des ſteigenden Kapitalerforderniſſes der höheren Technik identifiziert Böhm-Bawerk kapitaliſtiſche und moderne Maſchinenproduktion. Und man iſt ihm darin vielfach gefolgt. Ebenſo wichtig iſt die zeitliche Auseinanderlegung der wirtſchaftlichen Prozeſſe durch alle höhere Technik. Die primitive Wirtſchaft kennt nur eine Thätigkeit von heute auf morgen; die ältere Landwirtſchaft rechnet mit 2 — 4 Monaten von der Saat bis zur Ernte, die neuere mit 9—10 Monaten. Die höhere gewerbliche Produktion fertigt Vorräte für Monate und Jahre, ſie fügt immer mehr neben die Anſtalten, die fertige Waren liefern, ſolche, welche Zwiſchenprodukte, Rohſtoffe, Werkzeuge und Maſchinen herſtellen. Die Linien zwiſchen Produktion und Konſumtion werden zeitlich und geographiſch immer länger und komplizierter, wie wir ſchon erwähnten. Daher aber auch die ſteigende geſellſchaftliche Kompliziertheit jeder techniſch höher ſtehenden Volkswirtſchaft, die zunehmende Vergeſellſchaftung, die Notwendigkeit gewiſſer centraler beherrſchender Mittelpunkte und Direktionen. Ebenſo auch die unendliche Steigerung in der Schwierigkeit der einheitlichen gleichmäßigen Vorwärtsbewegung, der Lenkung aller Wirtſchaftsprozeſſe. Und endlich die leichte Möglichkeit der Störung, das häufige Vorkommen von Mangel und Überfluß der Güter an einzelnen Stellen, zu beſtimmter Zeit; Mißſtände, welche nur durch Fortſchritte der Organiſation und der Menſchen zu überwinden ſind, welche den techniſchen Fortſchritten die Wage halten oder ſie übertreffen.
Nur klügere, umſichtigere Menſchen, ein ganz anderes gegenſeitiges Wiſſen um die Zuſammenhänge, eine viel vollendetere ſociale Zucht, ganz anders ausgebildete ſociale Inſtinkte und moraliſch-politiſche Inſtitutionen können die Reibungen und Schwierigkeiten einer hohen Technik überwinden.
Von hier aus verſtehen wir aber auch erſt den ſcheinbaren Widerſpruch, daß einer- ſeits die höhere Technik die Vorausſetzung aller höheren Kultur überhaupt iſt, und andererſeits doch die höhere Technik weder ſtets mit höherer Kultur parallel geht, noch ſtets geſunde volkswirtſchaftliche und moraliſch-politiſche Inſtitutionen erzeugt.
Vollendetere Technik, höheres Wirtſchaftsleben und höhere Kultur erſcheinen bis auf einen gewiſſen Grad, vor allem bei einem großen Überblick über die Weltgeſchichte, als ſich begleitende bedingende Erſcheinungen. Aber im einzelnen fällt doch entfernt nicht jeder Schritt der einen Reihe mit jedem der anderen zuſammen. Es giebt Völker, die mit hoher Technik wirtſchaftlich zurückgingen, von techniſch tiefer ſtehenden überholt, ja vernichtet wurden; Völker, die ohne gleich hohe Technik wie andere, ſie an geiſtiger, ſittlicher und ſocialer Kultur übertrafen, Völker, die auch wirtſchaftlich durch größeren Fleiß, beſſere ſociale und politiſche Organiſation vorankamen, ohne in der gleichen Zeit erhebliche techniſche Fortſchritte zu machen.
Den Beweis für die zuerſt genannte allgemeine Wahrheit des Zuſammenhanges haben wir in unſeren ganzen hiſtoriſch-techniſchen Ausführungen geliefert. Die Benützung des Feuers, die Zähmung des Viehes, die Erfindung der Werkzeuge, der Bau von Wohnungen, vollends die moderne Maſchine, die heutige Präciſionstechnik ſind Stationen auf einer anſteigenden Erziehungsbahn, welche den Menſchen immer beſſer verſorgten, ihn aber auch denken, beobachten, die Zukunft beherrſchen lehrten. Mit der höheren Technik allein wurden zugleich die größeren, komplizierteren arbeitsgeteilten ſocialen Körper möglich. Die Organiſation derſelben aber, die Pflichten der einzelnen in ihnen waren immer ſchwer zu finden. Und deshalb die Möglichkeit der ſittlichen Entartung bei jedem großen techniſchen Fortſchritt, deshalb die große Frage, ob ſofort oder überhaupt allein mit der beſſeren Technik und dem größeren Wohlſtand die vollendetere geſellſchaftliche Organiſation gelinge.
Im ganzen waren gewiß die Völker mit höherer Technik nicht bloß die reicheren, ſondern auch die herrſchenden, die ſiegreich ſich ausbreitenden. Und zwar umſomehr, je langſamer früher die Fortſchritte der einzelnen ſich auf andere übertrugen. Die heutige Ausgleichung der Technik zwiſchen faſt allen Völkern und Raſſen wird ſchneller gehen als je früher. Ob ſie einzelnen der heute in erſter Linie ſtehenden Völker ihren Primat entreißt, ob bei der Konkurrenz und dem Ausgleichungsprozeſſe viele der unentwickelten Raſſen und Völker durch die unvermittelte Berührung mit hoher Technik leiden oder gar zu Grunde gehen, iſt ſchwer ſicher zu prophezeien. Die höhere Technik und der größere Wohlſtand, die zunehmenden Genüſſe ſind etwas, was erſt in langer ſittlicher Schulung an der Hand beſtimmter moraliſch-politiſcher Geſellſchaftseinrichtungen ohne Schaden erträglich und ſegensreich wird.
Als alleinige Urſache der volkswirtſchaftlichen Organiſation, der jeweiligen wirt- ſchaftlichen Zuſtände und Inſtitutionen wird kein geſchichtlich Unterrichteter die Technik und ihren jeweiligen Stand hinſtellen wollen. Sie bildet nur ein ſehr wichtiges Mittelglied zwiſchen den zwei Hauptreihen der volkswirtſchaftlichen Urſachen, den rein natürlichen (Klima, phyſiologiſche Menſchennatur, Flora, Fauna ꝛc.) und den geiſtigmoraliſchen. Die drei Gruppen von Urſachen beeinfluſſen ſich gegenſeitig, aber keine beherrſcht ganz die andere. Es giebt kein höheres geiſtiges Leben ohne techniſche Entwickelung, aber auch keine höhere Technik ohne geiſtige und moraliſche Fortſchritte, größeres Nachdenken, beſſere Selbſtbeherrſchung.
Die volkswirtſchaftliche Organiſation in Familien, Gemeinden, Staaten, Unternehmungen, die ſociale Klaſſenbildung und Arbeitsteilung iſt von der Technik in gewiſſen groben Umriſſen der Struktur ſtets bedingt. Ackerbauer und Nomaden ſind notwendig verſchieden organiſiert; die ältere Ackerbau- und Handwerkstechnik hat die Bauern- und Handwerkswirtſchaft, die Maſchinenwirtſchaft den Großbetrieb, die heutige Verkehrstechnik große Märkte und Staaten geſchaffen; aber keine dieſer techniſchen Urſachen hat die Raſſeneigenſchaften der Menſchen, ihre ſittlichen Ideale, ihre Inſtitutionen allein geordnet, beeinflußt, geſtaltet, ſondern nur in Verbindung mit ebenſo ſtarken, ſelbſtändig daneben ſtehenden pſychiſchen Urſachen das einzelne der praktiſch hiſtoriſchen Ausgeſtaltung beſtimmt. Wie könnte ſonſt dieſelbe oder eine ganz ähnliche Technik jederzeit ſo verſchiedene Volkswirtſchaften erzeugt haben? Daß dem ſo ſei, haben wir an ver- ſchiedenen Stellen gezeigt.
Darum wird aber auch der Stufengang der Technik nicht allein ausreichen, um als das allein herrſchende Entwickelungsgeſetz des volkswirtſchaftlichen Lebens zu dienen, obwohl in gewiſſem beſchränkten Sinne die Stufen der Technik zugleich gewiß Stufen des volkswirtſchaftlichen Lebens ſind. Es kommt für unſer heutiges Urteil hinzu, daß der Stufengang der techniſchen Entwickelung heute weder ſchon ganz klar wiſſenſchaftlich vor uns ſteht, noch daß bei der großen Kompliziertheit der techniſchen Vorgänge, bei der Selbſtändigkeit der Entwickelung einzelner Teile der Technik ihre fortſchreitende Geſamterſcheinung ganz übereinſtimmende Züge zeigt.
Wir haben einleitend die bisherigen Verſuche einer Einteilung des hiſtoriſchen Entwickelungsganges der Technik erwähnt, ſie dann im einzelnen teilweiſe kritiſiert, teilweiſe werden wir darauf zurückkommen. Wir wollen hier nicht verſuchen, aus unſerem Material nun ein neues hiſtoriſch-techniſches Schema der Entwickelung aufzuſtellen; wir glauben mit unſerer hiſtoriſchen Erzählung und den von uns gebrauchten Bezeichnungen der einzelnen Epochen dem wiſſenſchaftlichen Bedürfniſſe, ſoweit es heute erfüllbar iſt, Genüge gethan zu haben. Ohne konſtruierende Gewaltthätigkeit iſt heute nichts mehr zu geben.
Nur darüber möchten wir noch ein Wort ſagen, daß natürlich die einzelnen Elemente der Technik einer Zeit zwar in Wechſelwirkung ſtehen, daß aber dieſe je nach Verkehr und Intelligenz, Volkscharakter und Klaſſenordnung eine ſehr verſchiedene iſt. Die Technik der Ernährung, des Hausbaues, der Waffen iſt überall von Klima und Boden mit abhängig. Viele Völker machen einzelne techniſche Fortſchritte, ohne die entſprechenden, anderwärts hiermit zuſammenhängenden zu vollziehen. Nicht alle Völker mit Töpferei, mit Pfeil und Bogen, mit beſtimmtem Hack-, Acker- oder Hausbau haben im übrigen die gleiche Technik. Die verſchiedenen Stufen des Ackerbau-, Hirten- und Gewerbelebens haben häufig, aber keineswegs immer, die Kriegstechnik in gleicher Weiſe beeinflußt. Die Technik des Geldverkehrs hat häufig beſtimmte Folgen durch die ganze Volkswirtſchaft hindurch gehabt. Aber alle dieſe Zuſammenhänge ſind ſehr kompliziert, in ihrer Wirkſamkeit ſo vielfach beſchränkt, daß die Aufſtellung ſchematiſcher Reihen ſehr ſchwierig iſt. Aus einigen bekannten techniſchen Elementen einer Zeit und eines Volkes die übrigen unbekannten abzuleiten, iſt immer nur in beſchränktem Maße möglich. Noch viel weniger freilich iſt die Ableitung der geiſtig moraliſchen Eigenſchaften der Menſchen und der geſamten Inſtitutionen eines Volkes aus ſeiner Technik allein angängig.
Und nun noch ein letztes Wort über die auch von uns, im Anſchluß an den gewöhnlichen wiſſenſchaftlichen Sprachgebrauch benutzten Begriffe der Halb- und Ganzkulturvölker, welche in Gegenſatz zu den primitiven, den Naturvölkern, wilden und Barbarenvölkern geſtellt werden.
Mit dem ſehr allgemeinen Worte „Kultur“ hat der Sprachgenius ſich einen Begriff gebildet, der ganz abſichtlich halb techniſch und wirtſchaftlich, halb moraliſch und politiſch iſt. Mit dem Wort „Kulturvolk“ wollen wir einerſeits eine Stufe der Technik und der durch ſie bedingten Wirtſchaft, andererſeits eine gewiſſe Höhe des geiſtig-moraliſchen Lebens und der politiſchen Inſtitutionen bezeichnen. Nur ſeßhaften Völkern von einer gewiſſen Größe, mit Ackerbau, Städten und Gewerben, mit einer ausgebildeten Hauswirtſchaft und einer bereits ſelbſtändig gewordenen Gemeinde- oder Staatswirtſchaft, geben wir das auszeichnende Prädikat der Kultur; aber auch nur, wenn ihnen die geiſtigen Vorausſetzungen dieſer techniſchen Erfolge, die Anfänge der Schrift, der Zahlen, des Maß- und Gewichtsweſens in Fleiſch und Blut übergegangen ſind, und wenn ſie zugleich durch höhere Religionsſyſteme, durch Sitte und Recht, durch eine ausgebildete Regierung zu einem geordneten komplizierten Geſellſchaftszuſtand gekommen ſind. Wir teilen ſie in Halb- und Ganzkulturvölker ein und verſtehen unter den erſteren die kleineren, älteren Völker dieſer Art, deren geiſtig-moraliſches Leben noch tiefer ſteht, die noch despotiſchen Gewalten unterworfen ſind, keine feſte Sphäre perſönlicher Freiheit kennen. Die Griechen mit ihren Werkzeugen, wie die heutigen Europäer mit ihren Maſchinen rechnen wir zu den Kulturvölkern und im Gegenſatz hiezu die Völker des aſiatiſchen Altertums, die heutigen Japaner, die Peruaner und Mexikaner des 16. Jahrhunderts zu den Halbkulturvölkern.
