2. Die Siedlungs- und Wohnweiſe der geſellſchaftlichen Gruppen; Stadt und Land.
93. Vorbemerkung. Definitionen. Wie die Verwandten durch das Haus und das gemeinſame Wirtſchaften in ihm, ſo werden die etwas größeren Menſchengruppen, die Geſchlechter, die Stämme, die Völker, durch das Zuſammenſiedeln, die Nachbarbeziehungen und ihre wirtſchaftlichen Folgen organiſiert, verknüpft, zu einer Reihe der wichtigſten Einrichtungen und konventionellen Ordnungen des Wirtſchaftslebens veranlaßt (vergl. oben S. 8). Die feſte, dauernde Niederlaſſung der Menſchen mit den nun entſtehenden Wohnplätzen, Bauten, Wegen und Grenzen, mit dem Acker- und Hausbau, mit der Grundeigentumsverteilung an Gruppen, Familien und einzelne (vergl. S. 198 ff., 203 ff.) iſt einer der wichtigſten Wendepunkte des wirtſchaftlichen Entwickelungsprozeſſes. Und vor allem die nun eintretende feſte Verteilung der Bevölkerung im Raume, wie ſie in der Siedlung nach Höfen, Weilern, Dörfern, Städten ſich darſtellt, auf Grund der wirtſchaftlichen und ſonſtigen Bedürfniſſe, der daran anknüpfenden Sitten, Rechtsſatzungen und Inſtitutionen ſich vollzieht, iſt eine volkswirt- ſchaftliche Erſcheinung, welche in ihrem Entwickelungsprozeß und gegenwärtigen Stande unterſucht und dargeſtellt ſein will, die zugleich die Grundlage bildet für das Verſtändnis der Wirtſchaften der Gebietskörperſchaften, hauptſächlich der Gemeinde und des Staates.
Wie dieſe Siedlung von den natürlichen Urſachen des Klimas, des Bodens, der Waſſerverteilung ꝛc. abhängig ſei, haben wir ſchon oben (S. 126—139, hptſ. S. 133) zu zeigen geſucht. Hier bleibt die Aufgabe, ſie von der hiſtoriſchen, geſellſchaftlichen, volkswirtſchaftlichen Seite darzuſtellen. Das geſchichtliche und geographiſche Material dazu iſt freilich ſehr lückenhaft, vielfach auch das vorhandene nicht genügend bearbeitet. Der Gegenſtand iſt mit der ganzen Bau-, Gemeindeverfaſſungs- und Grundeigentumsgeſchichte verquickt und ſoll hier doch ohne dieſe dargelegt werden; die Darſtellung und Schlußfolgerung muß unter dieſen Schwierigkeiten leiden. Ein großes Hülfsmittel bietet für die neuere Zeit und die Kulturſtaaten die Statiſtik, obwohl auch ſie gerade in dieſem Gebiete weniger vollendet iſt als auf anderen.
Die Begriffe, welche wir dabei anwenden, Hof, Weiler, Dorf, Stadt, ſind an- ſcheinend ſo bekannt, daß ihre Definition kaum nötig ſcheinen könnte. Doch ſind einige Worte nicht überflüſſig, weil in den Begriffen einerſeits rein techniſch-wirtſchaftliche, andererſeits aber auch ſtets inſtitutionelle, ſitten- und rechtsgeſchichtliche Elemente enthalten ſind. Die iſoliert liegende Einzelwohnung des Förſters, Waldhüters, Eiſenbahnwärters wird noch nicht als Hof bezeichnet, ſondern nur die eines Ackerbauers mit Stall, Scheune und Umzäunung, wenn dieſes Anweſen den Mittelpunkt eines landwirtſchaftlichen Betriebes bildet; eine Gegend mit Hofſyſtem iſt eine ſolche, wo eine große oder überwiegende Zahl der wirtſchaftenden Familien ſo im Mittelpunkte ihrer Felder und Weiden vereinzelt wohnt. Unter dem Dorfe verſtehen wir das engere Zuſammenwohnen von einer Anzahl Ackerbauer, Fiſcher, ländlicher Tagelöhner ꝛc., die höchſtens einige Handwerker und andere Elemente (Geiſtliche, Schullehrer, Krämer) unter ſich haben; der Weilen iſt eine Zuſammenſiedlung von wenigen Höfen und Familien, die aber nicht, wie die Dorfbauern, durch Gemeindeverfaſſung, Kirche und Ähnliches gleichſam eine höhere Einheit und Verbindung erlangt haben. Die Stadt iſt ein größerer Wohnplatz als das Dorf, aber zugleich ein ſolcher, wo Verkehr, Handel, Gewerbe und weitere Arbeitsteilung Platz gegriffen hat, ein Ort, der auf ſeiner Gemarkung nicht mehr genügende Lebensmittel für alle ſeine Bewohner baut, der den wirtſchaftlichen, verwaltungsmäßigen und geiſtigen Mittelpunkt ſeiner ländlichen Umgebung bildet. Man denkt aber ebenſo ſehr daran, daß er mit Straßen und Brücken, mit Marktplatz, mit Rat- und Kaufhaus und anderen größeren Bauten verſehen, daß er durch Wall, Graben und Mauern beſſer als das Dorf geſchützt ſei, wofern ein ſolcher Schutz überhaupt noch nötig iſt; endlich daran, daß er eine höhere politiſche und Gemeindeverfaſſung, gewiſſe Rechtsvorzüge beſitze. So ſteigert ſich mit der Differenzierung der Wohnplätze ihr techniſch-wirtſchaftlicher wie ihr inſtitutioneller Charakter. Die Wohnplätze organiſieren ſich und werden organiſiert, ſie werden, je höher ſie ſtehen, konventionelle, in gewiſſem Sinne immer künſtlicher geordnete ſociale und wirtſchaftliche Körper und Gemeinſchaften. Je mehr das geſchieht, je älter ſie ſind, deſto mehr greifen neben den techniſch natürlichen Urſachen Sitte, Recht, Überlieferung, geſellſchaftliche Ordnungen in ihre Entwickelung ein.
94. Die älteſten Siedlungen, die der heutigen Barbaren- und aſiatiſchen Halbkulturvölker. Wir haben geſehen, daß wir uns die älteſten Menſchen in Horden von 25 bis zu 100 Perſonen, ihre ſpäteren Nachkommen in Stämmen und Sippenverbänden gegliedert zu denken haben. Auf den Wanderungen und bei den erſt vorübergehenden, ſpäter dauernden Siedlungen werden ſie des Schutzes und der Verteidigung, der Geſelligkeit und des Zuſammenwirkens wegen immer möglichſt bei einander oder in der Nähe geblieben ſein; nur wo die Ernährung eine größere Zer- ſtreuung nötig machte, werden ſie ſich in kleine Gruppen geteilt haben, die dann aber doch in der Nähe blieben. Erſt die Verſprengung und Verdrängung in kalte, unwirtliche Gebiete und Klimate hat auf ſolcher Wirtſchaftsſtufe das Vorkommen vereinzelt lebender Familiengruppen erzeugt.
Gruppen von zehn bis dreißig kleinen Hütten, von ein paar Langhäuſern trifft man auch heute noch überwiegend bei den niedrigſtehenden Raſſen. Sie beherbergen kleine Stämme oder Teile derſelben, je meiſt nicht mehr als 50—150 Menſchen. Bei den Negern wohnt häufig noch ein ganzer Stamm gedrängt um ſeinen Häuptling oder in einigen nahen Dörfern. Die Dörfer liegen in nahen Gruppen zuſammen, welche dann wieder von größeren leeren Räumen umgeben ſind. Einzelhöfe kommen auf ſolcher Stufe der Entwickelung in beſſerem Klima nur ſelten, im Gebirge, im Walde, am Rande des kulturfähigen Bodens vor. Hirten und Nomaden haben häufig größere Ortſchaften als die Hackbauern, weil ſie, leicht beweglich, ihre Weideplätze vorübergehend ohne zu große Schwierigkeit erreichen, ſich periodiſch zerſtreuen und wieder verſammeln können. Ibn Batutu erzählt im 14. Jahrhundert von ſehr großen, ſtadtartigen Zeltlagern der tatariſchen Sultanate in Südrußland. Größere Orte kommen im übrigen überhaupt ſehr ſelten vor, und ſo weit wir ſie finden, haben ſie den Charakter vergrößerter Dörfer, d. h. es leben da zuſammengedrängt die fünfbis zehn- und mehrfache Zahl Hackbauern, Hirten, primitiver Ackerbauern, weil der Boden und die ſonſtigen Lebensverhältniſſe die Anhäufung geſtatteten oder zu ihr nötigten (wie z. B. der enge Raum der Oaſe, der Küſtenrand ꝛc.). Dieſe Orte, aber auch meiſt die alten Dörfer ſind durch Erdwälle oder Verhaue geſchützt; aber ſie erhalten damit keinen weſentlich anderen Charakter als die offenen Dörfer. Der vorhandene Jahrmarktsverkehr findet nicht in ihnen, ſondern etwa auf freien Grenzgebieten, an der Kreuzung von Karawanenſtraßen außerhalb der Orte ſtatt. Etwaige Schutzbauten, ſtarke Wälle, in die ſich ganze Stämme auf einen Berg, in Schluchten und Thäler zurückziehen können, fallen in ſolcher Zeit auch häufig nicht mit den Dörfern zuſammen.
Faſt ganz Afrika, außer dem Nordrand und einigen ſüdafrikaniſchen Kolonien der Europäer, iſt heute noch ſtadtlos. Wohl giebt es da und dort Großdörfer und Reſidenzen kriegeriſcher Häuptlinge von einigen Tauſend Seelen; aber ſie haben nicht Stadtcharakter. Auch ein großer Teil Aſiens iſt darüber nicht viel hinaus gekommen, wenn auch China, Japan, Indien ſchon Orte bis 100000 und mehr Seelen beſitzen. Die Häuſer und Bauten, das Leben und die Wirtſchaftsweiſe hat ſich noch nicht ſtark differenziert. In Japan wohnen etwa 12 % der Menſchen in Orten mit über 10000 Einwohnern, fünf derſelben ſind Städte mit über 100000. Aber, ſagt Rathgen, Japan iſt kein Land der Städte; ſie ſind nicht zahlreich und unterſcheiden ſich von den Dörfern nicht viel. Der brittiſch-indiſche Cenſus bezeichnet von 717549 Wohnplätzen wohl etwas über 2000 als towns; in ihnen wohnen 9,48 % der Bevölkerung; von dem Reſt der Wohnplätze haben 1891 343052 unter 200 Seelen, 222996 aber 2—500. Und bis nach Rußland und Polen, Ungarn und die Balkanhalbinſel hinein hat ſich eine Wohn- und Siedlungsweiſe erhalten, welche überwiegend dorfartig geblieben iſt. Es haben da freilich beſondere hiſtoriſche und wirtſchaftliche Schickſale, Nachwirkungen kriegeriſcher Verfaſſung, die Natur des Landes teilweiſe übergroße Dörfer wie in Ungarn, teilweiſe Städte geſchaffen und erhalten; aber der übrige Teil des Landes iſt davon nicht weſentlich berührt. Von China wird berichtet, daß dort neben großen Städten ſehr viele große ummauerte Dörfer vorhanden ſeien; ein Land der Städte, wie Weſteuropa, iſt es doch nicht.
Man wird ſo nicht zu weit gehen, wenn man ſagt, für alle älteren und alle einfachen wirtſchaftlichen Zuſtände ſei das Fehlen von Höfen und Städten das Vorherrſchende; beides komme mehr nur als Ausnahme vor; das Zuſammenwohnen in kleinen Orten, in Menſchengruppen von 50—300 Seelen, ſei die Regel, habe viele Jahrtauſende hindurch vorgeherrſcht. Das Dorf giebt der Siedlung und Wohnweiſe dieſer Stämme und Völker ſeinen Charakter. Das Dorf entſpricht dem vorwiegenden Leben vom Hack- und Ackerbau; das zu bebauende Land iſt für 50—300 Menſchen meiſt in ſehr leicht erreichbarer Nähe zu haben; vier Geviertkilometer geben Getreidenahrung für 150 bis 400 Menſchen; auch wo die Orte bis 1000 und mehr Seelen ſteigen, iſt die Ackerwirtſchaft in Sommerhütten draußen leicht zu führen, wie das in Ungarn von den großen Dörfern aus üblich iſt. Ob die einzelnen Wohnplätze etwas größer oder kleiner, langgeſtreckt oder um einen runden Platz herum gebaut, offen oder geſchützt ſind, das hängt von Natur- und hiſtoriſchen Verhältniſſen, von Frieden und Kampf, von Stammesorganiſation und Schickſal, von Bautechnik und Baumaterialien, auch von den kleinen Verſchiedenheiten des wirtſchaftlichen Lebens ab. Die einzelnen Dörfer zeigen unter ſich keine erhebliche Verſchiedenheit, keine Eigentümlichkeit.
Auch die höchſtſtehenden Raſſen, vor allem die indogermaniſchen Völker, haben nach allem, was wir von ihnen wiſſen, in ihrer älteren Zeit ein ſolch’ überwiegendes Wohnen und Leben in kleinen Dörfern gehabt. Eine Anzahl Dörfer zuſammen bildeten Gaue, Hundert- ſchaften oder wie die Gruppen hießen; mehrere ſolcher den Stamm, der ſich meiſt mit einem breiten, unbebauten Grenzgebiete umgab, das ihn von anderen Stämmen und Völkern trennte und ſchützte. Die Dörfer und Gaue lagen im ganzen nicht ſo weit auseinander, daß man ſich nicht ſehen, die Volksverſammlung beſuchen konnte. Gallien hatte zur Zeit Cäſars 300—400 „populi“, während das heutige Frankreich 87 Departements und 362 Arondiſſements zählt. Das letztere mit ſeinen 26 Geviertmeilen (1466 Geviertkilometern) dürfte alſo dem geographiſchen Gebiete eines damaligen „populus“ entſprechen. Die Völkerſchaft würde (bei 500 Seelen pro Geviertmeile) alſo etwa 13000 Seelen gezählt haben; ſie würde 130 Ortſchaften zu 100, 65 zu 200 Seelen umfaßt haben. Gewiß eine rohe Schätzung, aber wenigſtens eine konkrete Vorſtellung!
95. Die antike Städtebildung haben wir in unſerer Anſchauung anzuknüpfen an Völker von 10000—200000 Seelen auf je etwa 1000—20000 Geviertkilometern, die beſonders begabt, techniſch und kriegeriſch vorangeſchritten, im ganzen noch als einheitliche Volksgemeinden ſich fühlten; die lokalen dorf-, die ſippenſchaftlichen Verbände hatten als Teile derſelben eben durch die zuſammenfaſſende Entwickelung der Geſamtvolksgemeinde es noch nicht zu ausgebildetem Sonderleben gebracht. War die Urſache einer ſolchen Volks- und Staatsverfaſſung weſentlich politiſch und kriegeriſch, drückte ſie ſich in einer ſtarken Königsgewalt oder Ariſtokratie, in einer Prieſter- oder Kriegerherrſchaft aus, ſo fand die Centraliſation und kriegeriſche Selbſtbehauptung baulich und wirtſchaftlich hauptſächlich ihren Ausdruck in der Stadtgründung. In dem bunten Kampfe der kleinen Völker und Kantone unter einander kamen nur die obenauf, die es verſtanden, den längſt in der Regel als Zufluchtsort befeſtigten, als Verſammlungsort, Marktplatz und Truppenaushebungsort, ſowie als Opfer- und Tempelſtätte dienenden Mittelpunkt der Volksgemeinde zu einer ſtarken, belagerungsfähigen Feſtung, zu einem größeren, die Regierung und Verteidigung erleichternden Wohnplatze zu erheben. Zuerſt die Weſtaſiaten und Ägypter, dann die Griechen und Römer kamen ſo frühe zu einem größeren ſtadtartigen, befeſtigten Mittelpunkte für jede Volksgemeinde, der bei günſtiger Verkehrslage und in überreichen Tiefländern oft ſehr großen Umfang annahm; Babylon hatte zu Nebukadnezars Zeit eine Ringmauer von 8 Meilen Umfang, faſt unüberſteiglich, 350′ hoch, 87′ dick; das gab einen ungeheuren Wohn- und Lagerplatz, Weiden und Äcker für ein ganzes Volk einſchließend, größer als die Pariſer Enceinte, die 1830 bis 1840 gebaut wurde. Die Griechen haben ſchon zu Homers Zeit da Städte, wo politiſche Macht ſich geſammelt. Und waren die meiſten helleniſchen Städte vor Alexanders Zeiten nach unſeren Vorſtellungen klein, das Verlaſſen der alten Siedlung in Komen, d. h. Dorfſchaften, das Zuſammenbauen, der ſogenannte Synoikismos galt doch früh als das Zeichen der höheren griechiſchen gegenüber der barbariſchen Kultur. Von Theſeus berichtet die Sage, er habe die Räte der übrigen Orte Attikas aufgehoben und das ganze Gebiet unter den Rat Athens geſtellt. Alle Wohlhabenden, Einflußreichen mußten, wo der Synoikismos ſich vollzogen, nun dauernd oder zeitweiſe in der Hauptſtadt leben. Selbſt von den im Gebirge lebenden, der Stadtverfaſſung wider- ſtrebenden Arkadern berichtet Pauſanias, man habe 40 Komen zu der Stadt Megalopolis vereinigt. Alle höhere politiſche und wirtſchaftliche Kultur erſchien eben den Griechen nur möglich mit Hülfe einer einheitlichen, centraliſierten Stadtgemeinde, in der alle Glieder der Volksgemeinde Bürger waren. Wo die Schöpfung gelang, barg die Stadt vielfach mit der Zeit einen übermäßigen Teil des Volkes dauernd in ſich. Die dem griechiſchen Heimatlande an Umfang und Bevölkerung gleichkommenden griechiſchen Kolonialgebiete waren von Haus aus abſichtliche Städtegründungen mit mäßigem, zu der Stadt gehörigem Landgebiete. Wir haben uns die griechiſchen Städte vor der helleniſtiſchen Zeit meiſt nicht über 2—10000 Seelen, aber auch die zugehörigen Gebiete mit der Stadt meiſt nicht größer als 30—150000 Seelen zu denken; nur Athen und Syrakus waren damals ſchon Städte von etwa 100000 Seelen. Kreta hatte zur Zeit ſeiner Blüte auf 190 Geviertmeilen 100 Stadtbezirke, alſo hatte einer durchſchnittlich nur 1,9. Die Stadtſtaaten waren Kantone, ihre Wirtſchaft war eine Stadtwirtſchaft; das ganze Volk wurde als Stadtvolk bezeichnet; die Anlage und der Bau der Stadt war das Wichtigſte für die ganze Volksgemeinde; die Burg, die Tempel, die Markthallen, die Straßen, die Waſſerleitungen, die Häfen waren künſtleriſche und techniſche, oft viel bewunderte Werke großer Meiſter.
Mit König Philipp und Alexander, ſowie unter ihren Nachfolgern breitet ſich über Makedonien und den ganzen Orient eine helleniſtiſche, ſyſtematiſch geförderte Städtegründung aus: in den weit ausgedehnten Reichen entſtehen zahlreichere, teilweiſe die altgriechiſchen Städte weit übertreffende Großſtädte. Die konſulariſche Provinz Aſien hatte zur Römerzeit 500 Städte oder Stadtbezirke. Alexandria ſtieg auf 5—700000, Seleukia auf 600000, Antiochia, Pergamum und manche andere Städte auf über 100000 Seelen.
Die italiſche Entwickelung war der griechiſchen entſprechend. Die Italiker kamen wahrſcheinlich ſchon aus der Poebene mit der Kunſt des Feldmeſſens, Lager- und Städtebauens nach Mittelitalien (Niſſen). Die Römer kennen eine hiſtoriſche Entwickelung nur ab urbe condita. Die ſtädtiſch-kriegeriſche Konzentration ihres Gemeinweſens hat ſie an die Spitze des Latinerbundes, dann der übrigen italiſchen Städtegebiete, endlich des ganzen Erdkreiſes gebracht. Das römiſche Reich war von Anfang bis zu Ende nie etwas weſentlich anderes als ein Städtebund mit führender Spitze; die verſchiedenen, nach innen ſämtlich eine gewiſſe Selbſtändigkeit und eigene Verwaltung genießenden Stadtbezirke waren nur je nach den verſchiedenen Klaſſen von ſtädtiſchen Rechten in ihrer auswärtigen Politik, ihrem Gerichtsweſen, ihrem Heerweſen, ihrem Steuerweſen der römiſchen Herrſchaft abgeſtuft unterthan. Nach der Eroberung Spaniens, Galliens, Afrikas, Noricums, Illyriens, Daciens war es die Hauptaufgabe der römiſchen Politik, überall an Stelle der alten ländlichen Stammesverfaſſung die höhere Stadtbezirksverfaſſung zu ſetzen, eine Anzahl kleiner Stämme zu Stadtgebieten zuſammenzulegen, die höheren Klaſſen für die Reize der ſtädtiſchen Kultur zu gewinnen, und ſo in den zu Städten auswachſenden Lagern wie in den zu Städten und Bezirksmittelpunkten erhobenen größeren befeſtigten Orten eine geordnete lokale Adminiſtration zu ſchaffen. Vor allem die erſten zwei bis drei Jahrhunderte der Kaiſerzeit waren dieſer großen volkswirtſchaftlichen und adminiſtrativen Aufgabe gewidmet. In der ſpaniſchen Provinz Tarraconenſis gab es in der älteren Kaiſerzeit neben 179 Städten und Stadtbezirken noch 114 ländliche Bezirke, als Ptolomäus im 2. Jahrhundert n. Chr. ſchrieb, 248 Stadtauf 27 Landbezirke. Gallien hatte unter Auguſtus 64, ſpäter 125 Stadtbezirke; das karthagiſche und das mauretaniſche Gebiet waren je auf 300 Städte gekommen.
Überall ſiegten dabei die helleniſch-italiſchen Sitten: alle großen Grundbeſitzer, alle reichen Leute des Gebietes zogen nach der Stadt; alles platte Land, alle Dörfer und Weiler gehörten zum Stadtbezirke, ſtanden unter den ſtädtiſchen Magiſtraten. Mögen die ländlichen Gemeinden meiſt ein Gemeindevermögen, eigene Sakra, jährlich wechſelnde Ortsvorſteher, eine gewiſſe adminiſtrative Bedeutung gehabt haben, in allem Wichtigen unterſtand das platte Land den Stadtbeamten; die lokalen Allmenden ſind wahrſcheinlich frühe in dem großen ſtaatlichen ager publicus verſchwunden.
Nachdem dieſer Prozeß der Ausbildung von Städten als Spitzen der Bezirksverwaltung ſich vollendet, nachdem in den großen Reichen der Diadochen und ſpäter Roms ein Zuſtand der friedlichen, wirtſchaftlichen Entwickelung und des großen Verkehrs ſich ausgebildet hatte, traten naturgemäß andere Urſachen für die Zunahme der Städte mehr in den Vordergrund: Handel und Verkehr ſteigerten zumal an den Küſten und Flüſſen, an den großen Landſtraßen und Straßenkreuzungen das Gedeihen; die Gewerbe erblühten da und dort in den Städten; Kunſt und Litteratur, Theater und Spiele lockten. Aus der großen Zahl kleiner und mittlerer erwuchſen nun manche zu Großſtädten, die einen reineren Städtetypus darſtellten als einſt die älteren aſiatiſchen und griechiſchen Städte: es waren Mittelpunkte der politiſchen Herrſchaft großer Weltreiche, des damaligen Welthandels, der Adminiſtration großer Provinzen. Rom iſt zur Zeit vor Chriſti Geburt nach Beloch auf etwa 800000, Karthago nach Jung in der Kaiſerzeit auf 700000 zu ſchätzen; Mailand, Kapua, Tarent, Konſtantinopel waren ebenfalls Großſtädte; das alte Trier wird auf 50—60000 Seelen geſchätzt.
Teilweiſe verödete das platte Land; die Dörfer waren mannigfach in größere Hofgüter verwandelt; die Latifundien erzeugten aber keine allgemeine Großgutswirtſchaft, ſondern einzelne Höfe (villae) mit etwa 80—100 ha. Der Ruin der Kleinbauern durch politiſche Urſachen, durch den Kriegsdienſt, die Überſchuldung, die überſeeiſche Getreidekonkurrenz trieb die Verarmten vielfach in die Städte. Und das iſt nun das Eigentümliche der ſpätgriechiſchen und wohl noch mehr der ſpätrömiſchen Großſtädte, zumal Roms, daß ihr Wachstum zwar nicht mehr ſo überwiegend auf dem kriegeriſchen und adminiſtrativen Bedürfnis, aber auch nicht ſo, wie in der Neuzeit, auf wirtſchaftlicher Zweckmäßigkeit beruhte; natürlich hatte der Verkehr und die Induſtrie, die der konzentrierten Arbeitskräfte bedürfen — und zwar damals noch mehr als heute, weil die Maſchinen fehlten —, weſentlich mit zur Vergrößerung einzelner Städte, z. B. Alexandrias, gewirkt. Aber die Hunderttauſende, welche den Hauptteil der römiſchen Stadtbevölkerung ausmachten, waren doch hauptſächlich Sklaven und proletariſche Klienten der Millionäre, verarmte Landleute, bettelhafte Abenteurer und Almoſenempfänger; alles drängte nach Rom und Konſtantinopel, wo man Getreideſpenden erhalten (im Jahre 46 in Rom 320000 Köpfe) und glänzende Spiele umſonſt ſehen, Kurzweil und Zer- ſtreuung aller Art haben konnte. Die verlumpten und verliederlichten Exiſtenzen machten mit den Sklaven in dieſen Großſtädten ſicher zeitweiſe über die Hälfte, wenn nicht drei Viertel der Volksmenge aus.
Es war eine ungeſunde ſtädtiſche Anhäufung, eine unglückliche, viel ſchlimmere Landflucht als heute. Die Vorliebe aber für ſtädtiſches Leben und Wohnen iſt ſeither in vielen Teilen der Mittelmeerlande gleichſam erblich geblieben. In Sicilien, das ſo wenig Gewerbe hat, wohnen noch heute viel mehr Menſchen in Städten als in manchen unſerer hochentwickelten Induſtrieſtaaten: 68 %, während 1875 in Belgien 67, in Sachſen 52, in Frankreich 42 % darauf fielen.
Eine andere, beſſere Errungenſchaft der ſpätrömiſchen kaiſerlichen Verwaltung war es, daß ſich endlich die Formen der Verfaſſung, der Verwaltung und des Rechts ausgebildet hatten, auf Grund deren ein geordnetes Zuſammenwirken einer ſtarken centraliſtiſchen Reichsgewalt mit zahlreichen relativ ſelbſtändigen Stadtbezirken möglich wurde. An das Erbe dieſer Traditionen konnten die germaniſchen Staaten anknüpfen, ſie brauchten eine Staatsgewalt nicht erſt wieder aus der Stadt- oder Kantonverwaltung heraus zu entwickeln.
96. Die mitteleuropäiſche Siedlungsweiſe der neueren Völker auf dem platten Lande. Die Siedlungs- und Wohnweiſe in den Staaten nach der Völkerwanderung iſt teils (und zwar hauptſächlich in Südeuropa) bedingt durch die Nachwirkungen der älteren Staats-, Kultur- und Wirtſchaftszuſtände, teils durch die Lebens- und Wirtſchaftsweiſe der keltiſchen, germaniſchen und ſlaviſchen Völker, welche in der Hauptſache dieſe Staaten begründeten oder beherrſchten. Die Kelten hatten ſchon einen etwas entwickelteren Ackerbau, die Germanen und Slaven waren in kriegeriſchem Vordringen begriffen, hatten nur vorübergehend feſte Wohnſitze, lebten mehr von ihrer Viehwirtſchaft als ihrem Ackerbau. Bei allen drei Völkergruppen wird noch weſentlich die alte indogermaniſche Gruppen- und Dorfſiedlung in der Zeit ihres Eindringens nach Europa vorhanden geweſen ſein.
Eine Erörterung der Nachwirkung der älteren Siedlung in Italien, den Alpen, in Gallien würde uns hier zu weit führen. Nach Meitzens neueſten Forſchungen iſt ſie nördlich der Alpen geringer als man bisher oft annahm. Für Mitteleuropa bleibt die Hauptfrage, wie die Seßhaftigkeit der Kelten und Germanen ſich vollzogen habe. Über die erſteren ſind wir noch weniger unterrichtet als über die letzteren. Ehe wir darauf eingehen, ſeien zwei Vorbemerkungen geſtattet, eine über die germaniſche Staatenbildung, die andere über das Dorf- und Hofſyſtem.
Die kleinen germaniſchen Völkerſchaften, noch nach Sippen gegliedert, hauptſächlich für Viehweide und kriegeriſche Zwecke nach Hundertſchaften geordnet, gingen aus dem langen Kampfe mit Rom als große Völkerbünde mit einem bereits ſtarken Königtum hervor. Es gelang ihnen ſo relativ raſch, große agrariſche Flächenſtaaten mit ſtarker Kriegs- und einer der römiſchen nachgebildeten Staatsverfaſſung zu ſchaffen; die Verwaltung der römiſchen Kirche, der große Grundbeſitz des Königs und der weltlichen wie geiſtlichen Ariſtokratie ſchufen in wenigen Jahrhunderten ein Rückgrat für die neuen Staatsgebilde, ſo daß in den gegenüber den Mittelmeerländern ärmeren, kälteren, vielfach gebirgigen Landen auch ohne Städte ein geordneter, relativ befeſtigter Staats- und Wirtſchaftszuſtand in der Zeit von 300 bis 1100 n. Chr. eingetreten iſt.
Für die Frage, ob, wie frühe, in welcher Art neben der Wohnweiſe im Dorfe die Einzelſiedlung, die Hofverfaſſung, entſtanden ſei, ſcheint es nötig, neben der wirtſchaftlichtechniſchen Seite der Frage weſentlich auf zwei wichtige mitwirkende Umſtände hinzuweiſen. Der Einzelhof, der inmitten ſeiner Grundſtücke wirtſchaftet, kürzt die Wege, ſpart an Koſten, ſtellt einen geſchloſſeneren Wirtſchaftskörper dar als die Bauernwirt- ſchaft im Dorfe. Aber das ſind Vorzüge, die nicht ſo leicht bei niedriger Kultur erkannt werden und wirken können, und denen andere Nachteile für die verſchiedenſten Lebenszwecke entgegenſtehen. Das iſolierte Wohnen raubt primitiven Menſchen die gewohnte geſellige Umgebung, oft auch den Schutz; ſie entſchließen ſich meiſt nur dazu, wo es durch beſondere natürliche Umſtände oder durch die Not des Lebens geboten iſt. Aber zweierlei kann den Übergang erleichtern. Einmal wenn es ſich nicht um eine einzelne kleine Familie handelt, ſondern um eine große patriarchaliſche mit einigen Dutzend Menſchen, wenn ein Herrenhof, ein Kloſter mit 12—24 Brüdern, kurz etwas ſtärkere, geſchloſſenere ſociale Gebilde, die Einzelſiedlung vollziehen. Solche Organe haben auch am früheſten Sinn für die wirtſchaftlichen Vorteile der Sonderſiedlung; ſie verfügen über große Viehherden, die iſoliert leichter zu erhalten und zu nützen ſind. Und dann ſcheint es uns denkbar, daß ein anderer Umſtand die Einzelſiedlung früher fördern kann, wenn nämlich die Familien in feſt organiſierten herrſchaftlichen oder genoſſenſchaftlichen Verbänden herkömmlich leben und an ihnen einen gewiſſen feſten Rückhalt auch auf dem Hofe behalten. Unter dieſen Vorausſetzungen können einzelne Kreiſe und Völker früher zum Hofſyſtem kommen als ſonſt.
Haben wir damit ſchon die Kompliziertheit des Problems berührt, ſo werden wir auch begreifen, daß bis heute eine volle Klarheit und unbeſtrittene wiſſenſchaftliche Überzeugung über den agrariſchen Siedlungsprozeß der neueren europäiſchen Völker nicht beſteht. Wir haben die wichtigſten der von einander abweichenden Theorien kurz vorzuführen.
Möſer und Kindlinger hatten im Geiſte des 18. Jahrhunderts Einzelhöfe als das Urſprüngliche hingeſtellt, aus denen erſt viel ſpäter im Intereſſe des Schutzes Dörfer und Städte entſtanden ſeien. So ſehr dieſe Annahme allem widerſpricht, was wir heute wiſſen, ſo iſt doch zuzugeben, daß aus römiſchen Villen, auf früher romaniſchem Boden, auch aus Fronhöfen und vereinzelten grundherrlichen und freien Bauernhöfen in ſpäterer Zeit mannigfach Dörfer hervorgingen, daß vom 11.—15. Jahrhundert oftmals Höfe, Weiler und kleine Dörfer zu größeren Orten des Schutzes wegen zuſammengelegt wurden, wie auch die Städtebildung da und dort mit ſolcher Vereinigung verbunden war.
Nachdem die neuere Forſchung die Feldgemeinſchaft und das Dorfſyſtem ziemlich allgemein als primitive Form des agrariſchen Lebens der Kulturvölker aufgefunden hatte, konnte Roſcher den Möſerſchen Satz umkehren: das Hofſyſtem iſt auf niederer Kultur- ſtufe Ausnahme; wo man es fand, ſuchte man es weſentlich auf natürliche örtliche Ur- ſachen zurückzuführen; im Gebirgsthal, wo für Dörfer kein Platz iſt, auf unfruchtbarem Boden — ſo hieß es — entſtanden die Höfe und die Weiler in ſpäterer Zeit als die Dörfer. Es iſt das die bis heute vorherrſchende Meinung, die durch geographiſche Siedlungsſtudien mannigfache Unterſtützung fand.
Nicht ſowohl ſie bekämpfen als etwas korrigieren wollte Inama mit ſeinen Unter- ſuchungen über die Höfe und Dörfer der Alpen. Er will einzelne Urdörfer, die vor den Höfen dageweſen ſind, nicht leugnen. Aber er will beweiſen, daß ſchon Tacitus Dorf und Hof neben einander gekannt habe, daß die ältere Kulturausdehnung dann in den Alpen mehr durch Höfe erfolgt ſei, daß die größeren Dörfer ihnen erſt als ſpäteres Ergebnis hauptſächlich der Grundherrſchaft folgten. Die überwiegende Viehzucht und Feldgraswirtſchaft des älteren Mittelalters in den Alpen und die Careyſche Vorſtellung, daß die Beſiedlung von den Höfen und Berghängen ins Thal gegangen ſei, haben weſentlich ſeine Gedanken beherrſcht, die er in ſeiner Wirtſchaftsgeſchichte aber dahin modifiziert, daß in der älteſten Zeit die kleinen Dörfer, die einzelnen Ausbauten, die ſogenannten Bifange im Walde, und die Höfe gar keinen feſten Gegenſatz gebildet hätten, daß von der Karolinger Zeit an die Höfe zurückgetreten, die Dörfer größer geworden ſeien. Dieſe Auffaſſung ſtimmt mit dem Reſultat der Unterſuchungen von Landau, Arnold und Mone, daß im älteren Mittelalter die Zahl der kleinen Niederlaſſungen außerordentlich groß geweſen, ſpäter durch Kriege, grundherrſchaftliche Tendenzen und andere Urſachen ihre Zahl auf die Hälfte oder noch mehr zurückgegangen ſei.
Auguſt Meitzen führt in ſeinen feinſinnigen Unterſuchungen über die Siedlung der Weſt- und Oſtgermanen, der Kelten, Romanen, Finnen und Slaven uns ein Bild ganz Europas vor und bringt die verſchiedene Siedlung weſentlich in Zuſammenhang mit dem verſchiedenen Volkscharakter; die größeren Gebiete des Hofſyſtems in Deutſchland (Weſtfalen), Frankreich, Belgien, Großbritannien und Irland ſieht er als ein Ergebnis keltiſcher, die des Dorfſyſtems als ein ſolches germaniſcher Siedlung an. Er läßt die indogermaniſchen Völker als Nomaden in Europa einwandern; die germaniſchen Marken von etwa 2—8 Geviertmeilen (ca. 100—400 Geviertkilometer) ſtellt er ſich als Sitze der Weidegenoſſenſchaften von 120 Familien oder 1000 Seelen vor, die durch Übervölkerung etwa im Beginne unſerer Zeitrechnung genötigt ſind, für den größeren Teil ihrer weniger Vieh beſitzenden Genoſſen zum Ackerbau und feſter Siedlung in Dörfern überzugehen: Gruppen von 5—30 Familien erwerben durch Vertrag mit der Markgenoſſenſchaft feſte Dorffluren, legen die Dörfer an, teilen das zunächſt dem Dorfe liegende Ackerland in Gewanne, d. h. längliche Quadrate nach der Bodengüte; jeder Hufner erhält im Dorfe Hausſtätte und Gartenland, in jedem Ackergewann ſeinen Anteil von je ½ bis 1 Morgen, außerdem die Nutzung in der gemeinſamen Dorfweide, event. auch noch in der Mark. Die vorherrſchende Gleichheit der Germanen, ihr demokratiſchgenoſſenſchaftlicher Geiſt ſoll ſo am leichteſten über jeden Streit weggekommen ſein, die Dorfverfaſſung als eine feſte nationale Inſtitution erzeugt haben, die ſie nun überall mit ſich brachten, wo ſie nach der Zeit ihrer Ausbildung eindrangen. Nur einzelne früher in Bewegung gekommene Stämme, welche in ihrer nomadiſchen Verfaſſung erobernd in das Keltengebiet ſich vorſchoben, ſollen da der keltiſchen Hofſiedlungsweiſe ſich bequemt haben.
Daß die Kelten relativ früh zum vorherrſchenden Hofſyſtem gekommen ſeien, folgert Meitzen in erſter Linie aus dem Studium der iriſchen Altertümer; hauptſächlich die iriſchen Karten und hiſtoriſchen Nachrichten aus der Zeit nach 1600 zeigen ihm eine Landaufteilung nach Hofſyſtem, deſſen Entſtehung er in die Zeit gegen 600 n. Chr. ver- ſetzt. Die vorher beſtandenen Weidegenoſſenſchaften von je ſechzehn zuſammen wohnenden und unter einem Häuptling zuſammen wirtſchaftenden Familien läßt er, auch infolge von Übervölkerung, in ackerbauende, ſeparierte Hofbauern ſich verwandeln. Die große Gewalt der Klanhäuptlinge läßt ihm den Vorgang, der die wirtſchaftliche Zweckmäßigkeit für ſich gehabt habe, begreiflich erſcheinen. Und in ähnlicher Weiſe denkt er ſich einige Jahrhunderte früher den Übergang der galliſchen Kelten zu Ackerbau und Hof- ſyſtem; das wirtſchaftliche Leben derſelben erſcheint ihm demgemäß relativ hoch entwickelt.
Wir können hier auf die weiteren Stützen, welche Meitzen ſeiner Hypotheſe durch Unterſuchung der Hausbauformen und der Wanderungen giebt, ſo wenig eingehen wie auf ſeine Studien über die Slaven und Finnen; auch eine kritiſche Würdigung iſt hier nicht am Platze. Wir können nur ſagen: die Hypotheſe hat viele Anhänger, aber auch erheblichen Widerſpruch gefunden; ſie erklärt geographiſche Verſchiedenheiten, für die bisher kein rechter Schlüſſel da war; ſie trägt der Stammes- und Volkseigentümlichkeit Rechnung, welche man bisher nicht ſehr berückſichtigte. Aber ſie überſpannt vielleicht die Bedeutung der verſchiedenen Gemütsanlage und Rechtsanſchauung der Kelten und Germanen, negiert wohl zu ſehr den Einfluß der Bodenbeſchaffenheit, der Bodengüte und Ähnlichem. Sie führt überwiegend auf ariſtokratiſche und demokratiſche Gliederung der Kelten und Germanen die verſchiedene Siedlung zurück, wobei Zweifel und Fragen aller Art offen bleiben. Wir ſelbſt können nach unſeren obigen Ausführungen uns Kelten und Germanen nicht vorher als reine Nomaden denken; ebenſowenig iſt es uns leicht glaublich, daß die Kelten ſo früh und allgemein ein Hofſyſtem ſollten ausgebildet haben, das doch ſonſt überwiegend ein Produkt höherer landwirtſchaftlicher Kultur oder natürlicher Nötigung iſt. Die Zweifel, welche Henning und Knapp ausgeſprochen haben, wird Meitzen wohl ſelbſt erneuter Prüfung unterziehen. Am meiſten begründet erſcheint der Einwurf, daß der keltiſche wie der germaniſche Übergang von der Nomadenwirtſchaft zum Hof- und zum Dorfſyſtem bei Meitzen zu ſehr als eine einmalige rationaliſtiſch erſonnene Maßregel erſcheint, während es ſich doch wohl um einen Umbildungsprozeß von vielen Jahrhunderten handelt.
Müſſen wir ſo die Darlegung der Siedlungstheorien mit einem „non liquet“ abſchließen, müſſen wir auch konſtatieren, daß alle Verſuche, aus Stellen von Tacitus das Dorf- oder das Hofſyſtem herauszuleſen, vergeblich ſind (nur daß die Germanen ihre Holzhäuſer nicht Mauer an Mauer, wie die Römer ihre Steinhäuſer, bauten, ſagt er), müſſen wir zugeben, daß überhaupt über der älteren europäiſchen Siedlungsgeſchichte bis ins 10. und 11. Jahrhundert zunächſt noch ein gewiſſer Schleier ruht, — ſo viel ſcheint mir doch wahrſcheinlich, daß kleine Dörfer wohl das älteſte waren, daß dann vielfach Hofbildungen entſtanden, vor allem durch Könige, Große, Klöſter und ihre Leute, daß dann mit der Zeit der Grundherrſchaft, der Städtebildung, der höheren allgemeinen Kultur die Dörfer ſich erheblich vergrößerten, die Höfe teilweiſe wieder verſchwanden, und daß die eigentlich intenſive Ausbildung des Hofſyſtems erſt den letzten Jahrhunderten angehöre. Keußler hat auch für Rußland nachgewieſen, daß bis ins 16. Jahrhundert ganz kleine Dörfer und Höfe neben einander vorkommen, dann erſt ſich etwas größere Dörfer bildeten.
Das Zuſammenleben im Dorfe iſt in dem Maße für die meiſten menſchlichen Zwecke zuträglicher, als der Verkehr, die Preſſe und andere Verbindungen nach außen fehlen, als die genoſſenſchaftliche Schulung wie das tägliche ſich Helfen und Fördern erſtes Bedürfnis für die kleinen Ackerwirte iſt. Unter fremdem Volkstum bei ungeordneten politiſchen und rechtlichen Zuſtänden gelingt ja eine Koloniſation als Einzelſiedlung überhaupt nicht leicht, wohl aber als genoſſenſchaftliche Dorfſiedlung. Die erſten agrariſchen Kolonien Neuenglands im 17. Jahrhundert konnten nur als geſchloſſene Dorfanlagen ſich halten. Und als im Anfange des 18. Jahrhunderts die preußiſche Regierung ganz Littauen neu beſiedelte und die bäuerlichen Verhältniſſe dort neu ordnete, einigte man ſich nach langer Debatte über Dorf- und Hofſyſtem doch für das erſtere, als unentbehrlich. Noch heute iſt vielfach im Oſten Deutſchlands der einzeln lebende Bauer auf iſoliertem Hofe zu ſchwach; er kann ſich da nicht halten, wo das Dorf ganz gut gedeiht. Die engliſche und die deutſche Landflucht in der Gegenwart geht nicht ſowohl von den Dörfern als von den iſoliert oder in zu kleinen Gruppen wohnenden Tagelöhnern aus. Einer gewiſſen Geſellſchaft bedarf der Menſch.
All’ dieſen Gründen ſteht nun freilich die größere wirtſchaftliche Zweckmäßigkeit des Hofſyſtems für den landwirtſchaftlichen Betrieb gegenüber. Sie konnte aber, wie wir ſchon bemerkten, doch erſt bei höherer Kultur voll und ganz erfaßt werden. Die Vereinödung des Hochſtifts Kempten gehört dem vorigen Jahrhundert an, die Auflöſung der engliſchen Dörfer in iſoliert liegende Pachthöfe der Zeit der Einhegung der Gemeinheiten (1720—1860). Die iſoliert wohnenden Marſchbauern Deutſchlands ſtammen auch weſentlich aus der ſpäteren Zeit, als neben den älteren Sommerdeichen die das ganze Feld dauernd ſchützenden Winterdeiche entſtanden. Was die deutſche Separation und Güterzuſammenlegung an ausgebauten Ritter- und Bauernhöfen geſchaffen, iſt ein Ergebnis unſeres Jahrhunderts. Und ein Vermeſſungsſyſtem wie das amerikaniſche, das alles Land in Quadrate zerſchneidet, deren Grenzen zugleich Wege ſind, das überhaupt keine Dörfer mehr kennt, ſondern nur viereckige Farmen mit dem Hofe in der Mitte derſelben, iſt nur in einer Zeit hoher Technik und ausgebildeten Verkehrsweſens denkbar. Wenn das ſpätrömiſche Syſtem der kaiſerlichen Agrimenſoren damit Ähnlichkeit hat, ſo waren damals in Italien auch die Vorausſetzungen ähnlich. Heute fehlt das Hofſyſtem hier wie in Spanien und allen Mittelmeerländern.
Der künftige volle Sieg dieſes Syſtems in den alten Gebieten des Dorfſyſtems iſt nicht zu erwarten, ſo ſehr da und dort heute durch Ausbau an landwirtſchaftlichen Produktionskoſten geſpart werden könnte. Es wird heute das iſolierte Wohnen durch Poſten, Eiſenbahnen und Telegraphen, durch verbeſſerte Polizei und Juſtiz erleichtert. Ein Teil der in den Städten übermäßig neben und über einander gehäuften Menſchen drängt wohl nach Licht, Luft und Raum in freierer Siedlung, aber nicht nach iſoliertem Wohnen. Es wird ſich in dieſer Beziehung wohl noch manches verſchieben; aber die Dörfer der alten Kulturländer werden nicht ganz verſchwinden, ſchon weil zu große Werte in ihnen ſtecken, die durch Auflöſung zerſtört würden, weil die beſtehenden Sitten zu feſt ſitzen, und auch zu viele andere wirtſchaftliche und menſchliche Motive dagegen ſind.
Auf die Größe der heutigen Dörfer kommen wir nachher. Über die Größe derſelben im 15. Jahrhundert und ſpäter führe ich für 58 Pfälzer Orte nach Eulenburg an, daß hatten. Ähnlich hat ſchon Mone nachgewieſen, daß die badiſchen Dörfer, welche jetzt 80—300 Familien beſitzen, im 15. Jahrhundert meiſt 10—30 hatten; von 30 badiſchen Städten und Dörfern berechnet er 1530 eine durchſchnittliche Bevölkerung von 419, 1852 von 1310 Seelen. Von den ruſſiſchen Dörfern meldet uns Keußler, ſie hätten im 16. Jahrhundert meiſt 15—120 Einwohner, ſelten ſchon die letztere Zahl gehabt, während jetzt größere Dörfer die Regel ſeien.
97. Die Entwickelung des Städteweſens vom Mittelalter bis gegen 1800. Weit vorgreifend haben wir ſo den Gang der Siedlung auf dem Lande bis zur Gegenwart zu zeichnen geſucht. Ihr ſteht nun die Städtebildung gegenüber, die von der antiken ſich dadurch unterſcheidet, daß ſie nicht ſo enge mit der Staatsbildung zuſammenhängt, daß ſie, obwohl auch von militäriſch-adminiſtrativen und kirchlichen Einflüſſen berührt, doch mehr wirtſchaftlichen Urſachen, hauptſächlich dem Bedürfnis von Handel und Gewerbe entſpringt. Als der Übergang und die Vorbedingung für höhere Kultur erſcheint aber die Zeit der neueren Städtebildung ebenſo wie die der antiken. Es iſt im Altertum wie in der neueren Zeit für alle Völker Jahrhunderte lang die wichtigſte volkswirtſchaftliche Organiſationsfrage, wo und wie das fehlende ſtädtiſche Leben zu erzeugen ſei.
Die 96 angeblichen Städte (πόλεις), welche der bekannte Geograph Ptolomäus im 2. Jahrhundert n. Chr. für Deutſchland aufzählt, waren wohl Fürſtenſitze, Stammesbefeſtigungen, Verſammlungsorte; daneben beſtanden vielleicht einige dichtere Siedlungen an Salzquellen und Furten. Die erſten eigentlichen Städte, die die Germanen ſahen und haßten, waren die 50 römiſchen Grenzkaſtelle und die befeſtigten Donau- und Rheinſtädte. Unſere Vorfahren bezeichneten ſie als „Burgen“, wie bis ins 13. Jahrhundert jeder größere und befeſtigte Ort hieß. Die ſtädtiſchen Mauern erſchienen den Germanen, ſagt Ammianus Marcellinus, als die Mauern eines Grabes; ſie zerſtörten die Städte, ſiedelten ſich auf dem Lande zerſtreut an. Auch in Gallien geſchah dies zunächſt überwiegend. Nur die Burgundionen bequemten ſich früher zum Bewohnen der „Burgen“, und in Italien haben Goten und Longobarden ſich wohl noch raſcher in eine ſtädtiſche Ariſtokratie als Nachfolger der römiſchen Poſſeſſoren umgewandelt. So konnte das karolingiſche Reich in Italien und ſüdlich der Loire manche Städte zählen, die direkt an die antiken anſchließen; auch in England bricht die romaniſche Stadtentwickelung nicht ganz ab; am Rhein erheben ſich bald wieder Köln, Mainz und Straßburg, letzteres wird gegen 800 als civitas populosa bezeichnet. Aber im eigentlichen Deutſchland fehlte es noch gegen 900 vollſtändig an Städten. Was es giebt, ſind ummauerte Pfalzen, Biſchofsſitze und Klöſter. Im 10. Jahrhundert wird König Heinrich als Städtebauer geprieſen, d. h. er baute Grenzkaſtelle gegen die Magyaren. Es wurde von da an die Umwallung der Biſchofsſitze ſyſtematiſch gefördert, und ebenſo haben die energiſcheren Könige den Feſtungsbau überhaupt betrieben, da und dort ſogenannte urbes regales mit Wall und Graben geſchaffen; ihre Einwohner wurden als milites agrarii bezeichnet. Aber es blieben dieſe Orte doch mehr befeſtigte Dörfer als Städte, und ſie waren nicht ſehr zahlreich. Sie verſahen für gewiſſe bedrohte Gebiete die Stelle eines Zufluchtsortes, welche für die Stämme und Völker früher befeſtigte Berge und Burgwälle, im Altertum die Städte geſpielt hatten. Daher findet man auch viele Spuren, daß die ländlichen Umwohner am Bau helfen mußten.
Die Marktverleihungen an Biſchöfe und Klöſter vom 9.—11. Jahrhundert deuten auf eine gewiſſe Hebung des Verkehrs an den periodiſch ſtattfindenden Jahrmärkten hin; aber wie es heute noch im Orient Markt- und Meſſeplätze giebt, wo einmal im Jahre ſich Tauſende verſammeln, ohne daß eine Stadt entſteht, ſo war es auch damals noch lange mit den meiſten von der öffentlichen Gewalt oder der Kirche eingerichteten Märkten.
Die Ausbildung einer kriegeriſch organiſierten Naturalverwaltung der großen Grundherrſchaften führte im 10.—12. Jahrhundert vor allem zu einem planvollen Burgenbau, zu einem Syſtem befeſtigter Fronhöfe, die aber ſchon ihrer Lage nach nur zum kleineren Teil Mittelpunkte ſpäterer Städte werden konnten. Wie die Reichstage auf freiem Felde vor den Thoren der Biſchofsſitze Augsburg, Worms ꝛc. gehalten wurden, ſo konnte Tribur 2½ Jahrhunderte Mittelpunkt der deutſchen Reichsverwaltung ſein, ohne zur Stadt zu werden. (Nitzſch.)
In Italien, Frankreich, Belgien, ja ſogar in England kam es durch die Reſte antiker ſtädtiſcher Kultur und durch günſtige Verkehrslage mancher Orte ſchon im 11. und 12. Jahrhunderte wieder zu einem lebendigen ſtädtiſchen Leben. Nach der Zu- ſammenſtellung, welche Gneiſt auf Grund von Merewether macht, gehören von 275 engliſchen Städten der Zeit bis 1199 96, der von 1199—1307 101, der von 1307 bis 1399 47, der von 1399—1649 32 an. In Deutſchland wuchſen faſt nur die Rhein- und Donauſtädte im Laufe des 11., Anfang des 12. Jahrhunderts kräftig empor; die Marktpolitik der Biſchöfe hob den Verkehr; Weinhandel und Schiffahrt, die Anfänge des Handels und des Gewerbes förderten die Anſammlung etwas zahlreicherer Bevölkerung in und vor den Mauern. Aber neben Regensburg iſt nur Köln durch ſeinen Verkehr den Rhein hinab und über See gegen 1200 ſchon eine erhebliche Stadt. Freilich ſchon 900 Familien nannte man damals eine „ingens civitas“. Und der ganze Schwerpunkt ſtädtiſcher Entwickelung liegt für Deutſchland doch erſt am Ende des 12. und im 13. Jahrhundert; nicht vor dieſer Zeit fällt der Begriff der Marktſtatt und der der Stadt überhaupt zuſammen; es entſteht die bis heute gültige Bezeichnung: Stadt. Die Städtebildung dauert im 14. Jahrhundert hauptſächlich im Oſten Deutſchlands fort und klingt im 15. aus. Von da an ſind wenig neue deutſche Städte mehr, und dieſe erſt vereinzelt im 18. Jahrhundert, häufiger mit der großen wirtſchaftlichen Entwickelung der letzten Menſchenalter entſtanden. Als Beweis ſeien folgende Zahlen angeführt, die nach Genglers Cod. jur. municipalis berechnet ſind: je nach der erſten Urkunde oder erſten Erwähnung des die Buchſtaben A bis Du, d. h. 280 deutſche Städte umfaſſenden Verzeichniſſes fallen in die Zeit vor 1000 12 Städte, ins 11. Jahrhundert 4, ins 12. 13, ins 13. 119, ins 14. 100, ins 15. 32. Dieſe 280 Städte dürften in der Zeit ihres Aufkommens der Geſamtheit der deutſchen Städte ungefähr entſprechen. Die älteren ſind die größeren, hauptſächlich durch Verkehr und Handel, Gewerbe und Marktweſen emporgekommenen; die ſpäteren Städte ſind weſentlich die durch abſichtliche Städtegründung ins Leben gerufenen Landſtädte, die den Marktmittelpunkt für einen ländlichen Bezirk abgaben, dieſen dadurch heben ſollten. Vom 12.—15. Jahrhundert hat das Aufkommen der deutſchen Städte eine große Wanderbewegung vom Lande dahin erzeugt. Vom 15. bis 17. handelt es ſich um die letzten Stadien dieſes Prozeſſes, deſſen Endziel weniger die Ausbildung großer als die zahlreicher Mittelpunkte der kleinen, ſelbſtändigen Wirt- ſchaftsgebiete war. Wir werden im nächſten Kapitel die darauf fußende Stadtwirtſchaftspolitik kennen lernen.
Daß ſehr viele der Städte aus einem Dorfe oder aus mehreren zuſammengelegten oder zuſammenziehenden Dörfern erwuchſen, iſt ebenſo ſicher, wie daß die meiſten Jahrhunderte lang Ackerſtädte blieben. Aber das erklärt nicht ihre Entſtehung, nicht ihr Weſen. Ebenſo unzweifelhaft iſt, daß die Umgebung mit Wall und Graben als Lebensbedingung der Stadt damals und lange galt, daß das ſtädtiſche Leben einen ſolchen Schutz voraus- ſetzte; aber unzählige Burgen ſind nicht zu Städten erwachſen; übrigens ſind auch Dörfer ſo geſchützt worden. Jedenfalls könnte man außer der Umwallung auch den Bau größerer Kirchen, Klöſter, Pfalzen, Kauf- und Rathäuſer, die baulichen Einrichtungen für Wage, Münze, Handwerkerbänke und Ähnliches als Bedingung oder Folge des ſtädtiſchen Lebens anführen. Und das wirtſchaftlich Entſcheidende für die Stadtentſtehung war doch zuletzt, daß ſtatt Dörfern und iſolierten Fron- und Bauernhöfen mit 20—150 Seelen Wohnplätze mit 1000—5000 Einwohnern entſtanden waren, daß ſie die wirtſchaftlichen Mittelpunkte ihrer Umgebung und weiterer Gebiete wurden, daß ſie nicht bloß Biſchofs- ſitze und Burgen, ſondern Marktplätze und Sitze von Gewerbe und Handel waren; endlich daß ſie, durch eigentümliche Rechtsinſtitutionen gefördert, zu beſonderen vom Lande getrennten Lebenskreiſen, Genoſſenſchaften, Korporationen erwuchſen.
Die Städte genoſſen, ſeit ſie befeſtigt waren, eines beſonderen königlichen Friedens; ſie wurden beſondere Gerichtsbezirke; ſie wußten die Rechtsverfaſſung oder, wenn man will, das große Privileg für ſich durchzuſetzen, daß ihre Einwohner das ausſchließliche Recht des Handels und bald auch die perſönliche Freiheit im Gegenſatz zu den meiſt unfreien Landbewohnern erhielten. Und weitere Privilegien kamen häufig hinzu: z. B. die Zuſicherung, daß auf ſo viel Meilen kein anderer Markt errichtet werde, daß die Straßen ſie nicht umgehen, die durchziehenden Handelsleute in ihnen raſten und verkaufen müſſen (Stapel-Recht); daß die ländliche Umgebung auf ihren Markt kommen müſſe; ferner die Verleihung von Zolleinnahmen und Zollfreiheiten und anderes mehr. Die Summe von privat- und öffentlich-rechtlichen Satzungen, die ſo vom 12.—14. Jahrhundert als typiſch für die Stadt ſich herausbildeten, faßte man unter dem Begriff des Stadtrechts zuſammen und übertrug ſie von Ort zu Ort.
Es iſt ein großer, mehrere Jahrhunderte umſpannender Prozeß, in welchen zuerſt die Könige, die Biſchöfe, die Landesfürſten und großen Grundherren vielfach abſichtlich fördernd eingegriffen haben. Sie thaten es durch den Mauer- und anderen Bau, durch Vergrößerung der Gemarkung, durch Herbeirufung von Kauf- und Gewerbsleuten, durch Privilegien und Vorrechte aller Art, durch Übertragung des Gründungsgeſchäftes an kapitalkräftige Unternehmer, die dafür Gerichtseinkünfte und Schulzenrechte erhielten. Die Gründung gelang aber doch nur, wenn die wirtſchaftlichen und pſychologiſchen Vorbedingungen dafür vorhanden waren. Das heißt: es gehörten zum Aufblühen der Städte Menſchen, die fähig waren, in genoſſenſchaftlichem Geiſte die komplizierte Verwaltung der größeren Gemeinweſen mehr und mehr ſelbſt in die Hand zu nehmen. Und es gehörte eine Verdichtung der Bevölkerung, ein Bedürfnis nach Handwerk, Verkehr, Marktweſen, eine gewiſſe Arbeitsteilung und Kapitalbildung, eine kaufkräftige Ariſtokratie dazu.
Die älteren Städte erwuchſen im Südweſten Deutſchlands gleichſam unter der Vormundſchaft der Könige, der Biſchöfe, oft in Anlehnung an deren Fronhöfe und ihre Einrichtungen, in Niederſachſen mehr im Anſchluß an die freie Initiative der Einwohner. Von der Gründung Freiburgs und Hagenaus (1120 und 1164) an iſt auch im Südweſten der Sinn für ſtädtiſche Selbſtändigkeit ſo geſtiegen, daß die örtliche Scheidung des königlichen oder fürſtlichen Hofes von der Stadt als Bedingung der Blüte gilt. Und indem ſo Autonomie und Städtefreiheit, d. h. eine größere rechtliche und verwaltungsmäßige Unabhängigkeit der Stadtkorporation gegenüber dem Stadtherrn ſich entwickelte (in Deutſchland mehr als anderwärts, aber ähnlich doch auch in Frankreich, England ꝛc.), vollendete ſich der tiefgreifende wirtſchaftspolitiſche und rechtliche Gegenſatz von Stadt und Land, der erſt in neueſter Zeit dem Grundſatze der Rechtsgleichheit wich.
Außer der ſtädtiſchen, meiſt die der Dörfer weſentlich übertreffenden Gemarkung hatten die Städte urſprünglich kein Gebiet; wohl kauften die reicheren nach und nach Dörfer, Zollrechte, kleine Städte und ganze Herrſchaften auf, nahmen Ritter als Ausbürger an, ſuchten überhaupt ihre Macht zu einer territorialen Herrſchaft auf einige, oft 10—15 Geviertmeilen auszuweiten; aber während das den italieniſchen großen Kommunen gelang, weil ſie viel mehr als die deutſchen den Adel in ihren Mauern behielten, war dies in Frankreich und England unmöglich durch die frühe Aufrichtung einer königlichen Centralgewalt, und ſcheiterte die Bemühung der deutſchen Städte in den Städtekriegen an der feſten Organiſation der Ariſtokratie des platten Landes, an der bereits vorhandenen Macht der Territorialherren.
Das wunderbar ſchnelle und glänzende Aufblühen der größeren deutſchen Städte von 1200—1500 iſt teils dem Zuge der Welthandelsſtraße durch Deutſchland und dem deutſchen Oſtſeehandel, teils der politiſchen Thatſache zu danken, daß nach dem Untergange einer feſten deutſchen Centralgewalt die großen Städte faſt unabhängige Republiken wurden, die auch ohne großes eigenes Landgebiet durch eine energiſche, kluge, zugreifende lokale Wirtſchaftspolitik bis gegen 1450 den agrariſchen territorialen Fürſtentümern vielfach überlegen waren. Die Verlegung des Welthandels nach dem atlantiſchen Ozean und der Sieg des Territorialfürſtentums von 1450 ab nahm den Städten die Möglichkeit weiteren einſeitigen Wachstums; durch den dreißigjährigen Krieg war der größere Teil der deutſchen ſtädtiſchen Kultur vernichtet. Vom 18. Jahrhundert an konnten die deutſchen Städte, wie ſchon ſeit Jahrhunderten die franzöſiſchen und engliſchen, nur noch als dem Fürſtentum untergeordnete Gemeinden emporkommen.
Die Größe der älteren Städte hat man bis vor kurzer Zeit außerordentlich über- ſchätzt. Jetzt hat eine genaue, umfangreiche Forſchung uns belehrt, daß vor 1400 wohl nur die durch den Waſſerverkehr begünſtigten Städte Köln und Lübeck etwa 30000 Seelen überſchritten, gegen 1600 vielleicht noch einige andere Städte einer ſolchen Zahl nahe kamen oder ſie übertrafen, daß die angeſehenſten und reichſten Städte ohne Waſſerverkehr ſich zwiſchen 5 und 25000 Seelen bewegten, daß ſelbſt viele relativ bedeutende 5000 Seelen nicht überſchritten und die Mehrzahl aller Städte zwiſchen 1000 und 5000 Seelen ſchwankte. Eine Parallele dazu iſt, daß Rogers fürs Jahr 1377 London 35000, fünf anderen engliſchen Städten 5—11000, allen anderen engliſchen Städten weniger zuſchreibt. Burckhardt giebt Venedig 1422 190000, Florenz 1338 90000 Seelen. Ob die Meinung Cibrarios und Levaſſeurs, Mailand und Paris hätten gegen 1300 ſchon 200000 Seelen gehabt, haltbar iſt, ſcheint zweifelhaft. Daß ſie, wie auch vielleicht Brügge und Gent, 50—60000 überſchritten hatten, wenn Köln über 30000 beſaß, iſt denkbar. Daß Antwerpen 1549—61 aber etwa 200000 Einwohner erreicht, iſt ſo wahrſcheinlich, wie daß London 1580 ſchon 180000 Seelen gehabt habe.
Wie die Bevölkerung überhaupt im Mittelalter viel ſtärkeren Wechſeln ausgeſetzt war als heute, ſo ſehen wir auch die einzelnen Städte je nach dem Wechſel ihrer Lebensbedingungen raſch zunehmen und raſch ſinken. Eine allgemeine Stockung der ſtädtiſchen Entwickelung tritt ziemlich allgemein vom 15.—17. Jahrhundert ein. Die meiſten Städte hatten die Größe erreicht, welche ihnen als Marktmittelpunkt ihrer Umgebung möglich war; nur wenige konnten darüber hinauskommen. Vom 16.—18. Jahrhundert herrſcht Verknöcherung, Erſchwerung des Umzugs, der Wanderungen. Noch im 18. Jahrhundert galt es als ſelbſtverſtändliche Schranke — ſelbſt für einen Hamburger wie Büſch —, daß die Koſten des Bezuges von Brennholz, Getreide und Ähnlichem jeder Stadt ihre enge Grenze ziehen. Über den Rückgang der kleineren Märkte und Landſtädte wird in Deutſchland ſchon im 16. Jahrhundert außerordentlich, auch in England in dem Maße geklagt, wie dort der Bauernſtand, welcher kleine Städte in der Nähe braucht und erhält, zurückgeht. Dieſer Rückgang beruhte daneben auf dem ſtärkeren Wachſen der größeren Städte infolge des verbeſſerten Verkehrs und der beginnenden lokalen Arbeitsteilung. In Preußen hat die monarchiſche Politik dann im 17.—18. Jahrhundert gerade auch dieſe kleinen Städte durch Garniſonen, Lieferungen, Verbote des Landhandwerks wieder zu heben geſucht.
Welchen Teil der Geſamtbevölkerung die ſtädtiſche im Mittelalter ausgemacht habe, darüber fehlen uns faſt alle Nachrichten. Rogers führt für das England von 1377 8 Prozent an. Im ganzen können wir annehmen, daß, von einigen ſtädte- und verkehrsreichen Gegenden abgeſehen, in ganz Europa die ſtädtiſche Bevölkerung bis gegen 1800 10—20 Prozent der Geſamtzahl nicht leicht überſchritten habe.
Dafür, daß vorübergehend in Not- und Kriegszeiten die Stadtbevölkerung im Mittelalter oft aufs Doppelte wuchs, haben wir mancherlei ſichere Anhaltspunkte; es iſt der Reſt der alten Einrichtung, daß ganze Völkerſchaften ſich in den ſtädtiſchen Mittelpunkt zurückzogen. Eine übergroße, flottierende Fremdenbevölkerung haben nach den Reiſeberichten periodiſch heute noch die afrikaniſchen Handelsorte. —
Über die ſtädtiſche Entwickelung anderer Länder wiſſen wir wenig. Im Slavengebiete hatten früher die Bezirke und kleinen Völkerſchaften von 2—10 Geviertmeilen wenig oder nicht bewohnte Burgwalle als Rückzugsorte (Meitzen). Später waren es hier und im Norden deutſche Kaufmanns- und Handwerkerkolonien, welche die Städte nach deutſcher Art gegründet oder als korporativ begünſtigte Bevölkerungsgruppen den Orten ihrer Niederlaſſung Bedeutung verſchafft haben. Für Rußland berichtet Keußler, daß erſt 1648—1700 eine Anzahl größerer Orte zu wirklich ſtädtiſchem Leben gekommen ſei. Wo im Norden und Oſten die Deutſchen als Städtegründer auftraten, da hat man ihnen ſpäter ihre Vorrechte genommen, ſuchte den feſtgewurzelten Teil zu nationaliſieren, den anderen zu vertreiben, die heimiſche Bevölkerung durch verſchiedene Privilegien zum ſtädtiſchen Leben und Verkehr anzureizen; den Fremden wurde aller Landhandel und Kleinhandel verboten, die einheimiſchen Marktorte erhielten die Vorrechte wie die deutſchen Städte und dergleichen mehr.
In den engliſch-amerikaniſchen Kolonien hat man, wo nur eine agrariſche Entwickelung Platz griff, und es lange an allen Städten fehlte, zu ähnlichen ſtädtefördernden Geſetzen und Einrichtungen gegriffen, wie die däniſchen und ſchwediſchen Könige ſie im 16. und 17. Jahrhundert erließen und geſchaffen hatten. Ein virginiſches Geſetz von 1655 wollte in jeder Grafſchaft eine Stadt mit dem Alleinrecht des Handels ins Leben rufen. Ein Geſetz von 1705 hat denſelben Zweck, es befreit die Stadtbewohner vom Militärdienſt, giebt jeder Stadt das Alleinrecht des Handels auf 5 Meilen.
98. Stadt und Land im 19. Jahrhundert. Die neuere Zeit hat, wie für die ſtädtiſche Entwickelung, ſo für das ganze Siedlungsweſen andere Bedingungen geſchaffen. Zunächſt haben die Verkehrsmittel ſich ausgebildet wie niemals früher: die Poſt im 16. und 17. Jahrhundert, die Kanäle im 18., die Chauſſeen und Vicinalwege in der erſten Hälfte, die Eiſenbahnen und Telegraphen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; dazu kam die Entwickelung der modernen Technik, welche zunächſt gewiſſe gewerbetreibende Städte außerordentlich raſch hob. Ebenſo einflußreich war die allenthalben erfolgende Aufrichtung feſterer ſtaatlicher Gewalten auf viel größeren Gebieten, einer geordneten Polizei, eines freien Verkehrs innerhalb der Staaten. In unſerem Jahrhundert fiel mit der Gewerbe- und Niederlaſſungsfreiheit meiſt der ganze ſeit Jahrhunderten beſtehende Vorzug der Städte für Gewerbe und Handel; Stadt und Land wurden überall ſich rechtlich gleichgeſtellt; die ſtädtiſchen Mauern fielen, mit Ausnahme einzelner Feſtungen, überall, in Preußen ſchon unter Friedrich Wilhelm I.; noch weniger bedurften die Dörfer weiter ſolchen Schutzes: immer reiner und unbedingter konnten die natürlichen und die volkswirtſchaftlichen Urſachen die ganze Bevölkerungsverteilung im Raume beherrſchen, zumal wo eine gute, moderne Gemeindegeſetzgebung und eine gute Bau-, Geſundheits- und Niederlaſſungspolizei jeder geſunden lokalen Wirtſchaftsentwickelung gleichmäßig Luft und Licht zum Gedeihen ſicherte, während im 18. Jahrhundert zwar die von fürſtlicher Politik beſonders begünſtigten Reſidenzen, Handels- und Manufakturſtädte ſich vergrößert hatten, aber in allen anderen Städten und auf dem platten Lande das ſtarre Herkommen kaum eine Änderung geſtattet hatte.
Die Ausbildung der Statiſtik ſetzt uns in den Stand, die ſeit 100 Jahren erfolgten Umbildungen und den ganzen heutigen Zuſtand des Siedlungsweſens anders zu verfolgen als alle früheren Verhältniſſe. Doch ſei, wenn wir einige der wichtigſten Zahlen in dieſer Beziehung nun anführen, vorher kurz auch der Schwierigkeiten und Schranken unſerer diesbezüglichen Erkenntnis gedacht. Als Städte zählt man in Preußen noch heute die Orte, die verwaltungsrechtlich unter der Städteordnung ſtehen, obwohl gegen 1850 über ⅓ derſelben, 1890 ¼ nicht 2000 Einwohner hatten. Es wird oftmals in der Statiſtik Großſtadt und Landſtädtchen in einen Topf geworfen, obwohl ſie mindeſtens ſo verſchieden ſind wie Stadt und Land überhaupt. Auch wenn man, wie jetzt die Statiſtiker allgemein pflegen, alle Orte über 2000 Seelen als Städte ausſondert, bleibt wirtſchaftlich und ſocialpolitiſch ſehr Verſchiedenes zuſammengeworfen. Dann geben uns die Zählungen in den meiſten Ländern nur eine Statiſtik der Größe der politiſchen Gemeinden, nicht der Wohnplätze: 500 auf 50 Höfen und 500 in einem Dorfe zuſammen Wohnende ſind dabei oft ſtatiſtiſch nicht zu unterſcheiden, während ſie wirtſchaftlich und ſocialpolitiſch mindeſtens ſo große Gegenſätze darſtellen wie Stadt und Land, Großſtadt und Landſtädtchen. In Preußen werden umgekehrt die ſo vielfach örtlich ganz zuſammen wohnenden Inſaſſen eines Dorfes und des dazu gehörigen Gutsbezirkes als zwei geſonderte Kommunaleinheiten gezählt. Wo man verſuchte, die Nebenwohnplätze zu zählen, hat man, wenigſtens in Preußen, doch nicht ihre Bevölkerung erhoben, und außerdem un- ſichere Ergebniſſe erhalten: im Jahre 1864 hatten die 1000 preußiſchen Städte 4357, die 30243 ländlichen Gemeinden 21990, die 15619 ſelbſtändigen Gutsbezirke 7027 Nebenwohnplätze; man erhielt über 80000 Wohnplätze, während man 1861 71742 gezählt hatte. Was iſt auch ein beſonderer Wohnplatz: jedes Bahnwärterhaus, jedes einzeln ſtehende Wirtshaus? Von Württemberg wiſſen wir, daß man dort 1822 und 1880 folgende Wohnplätze zählte: Aber wir wiſſen die zugehörige Bevölkerung nicht und müſſen zweifeln, ob die Zahl der einzelnen Häuſer richtig iſt; einzig die Zunahme der Weiler, d. h. der Gemeindeparzellen von mehreren Wohnhäuſern, erſcheint als ein wahrſcheinliches Reſultat der veränderten Verhältniſſe. Den Gegenſatz des Dorf- und Hofſyſtems können wir indirekt zahlenmäßig durch geographiſche Vergleichung der württembergiſchen Ergebniſſe etwas verfolgen. Die Höfe und Weiler liegen hauptſächlich in Oberſchwaben, d. h. im Donaukreiſe; im Unterland, d. h. im Neckarkreiſe, beſtehen faſt nur Dörfer; daher verteilen ſich die 623000 Einwohner des Neckarkreiſes (1880) auf 1217, die 468000 des Donaukreiſes auf 4308 Wohnplätze. Welch’ großer Gegenſatz!
Für Bayern haben wir (1871) eine Berechnung der durchſchnittlichen Bevölkerung der Gemeinden und der Ortſchaften, wobei mit Ausſchluß der unmittelbaren Städte folgende Zahlen ſich ergeben, welche andeuten, wo Höfe und Weiler, wo größere Dörfer vorherrſchen. Es lebten in den folgenden Regierungsbezirken Einwohner:
Kommen wir aber zur Sache und betrachten a) das Verhältnis der verſchiedenen Wohnplätze zur Fläche und Bevölkerungsdichtigkeit und die Größe der Dörfer, b) die abſolute und relative Verteilung der Bevölkerung nach Stadt und Land, ſowie ihre verſchiedene Zunahme.
a) Die Länder mit dichter Bevölkerung ſind im ganzen auch die ſtädtereichen. In Pommern kommt nach Franz auf 8, in Preußiſch Sachſen auf 3, im Königreiche Sachſen auf 2 Geviertmeilen eine Stadt, eine ſolche von über 10000 Seelen kommt nach Viebahn im öſtlichen Preußen auf 75, im weſtlichen auf 36, in Sachſen auf 27 Geviertmeilen. Nach der Reichsſtatiſtik von 1875 kommt ein Ort von über 2000 Seelen in Oſtpreußen auf 534, in Pommern, Brandenburg, Poſen auf 330, in Hannover auf 311, in Schleſien auf 194, im Königreich Sachſen auf 97, am Rhein auf 78, in Bayern auf 466, in Württemberg, Elſaß ꝛc. auf 146 Geviertkilometer. Die Rheinprovinz iſt dreimal ſo dicht bevölkert wie Oſtpreußen; dort wohnen von 100 Einwohnern 60, hier 23 in Orten von über 2000 Seelen. Aber dieſe Regel hat doch viele Ausnahmen, weil natürliche und hiſtoriſche Urſachen eine erhebliche Bevölkerungsdichtigkeit auch ohne intenſive Städteentwickelung erzeugen können. Horn berechnet für 1850, daß Preußen mit 28, Belgien mit 25 % Städtebevölkerung 2213 und 8090 Seelen pro Geviertmeile hätten; Schleſien und Sachſen haben etwa gleiche Bevölkerungsdichtigkeit, aber Sachſen erheblich mehr Städte. Die wenig bevölkerten Gegenden haben vielfach das Hofſyſtem; die reichbevölkerten ſind die der großen Dörfer. Im Jahre 1849—50 hatte eine Landgemeinde in Holland 1744, im preußiſchen Staate 302 Seelen; im Regierungsbezirk Gumbinnen 151, in Düſſeldorf 404 Seelen. Im Jahre 1875 zählte durchſchnittlich Seelen: Von den 37026 Landgemeinden des preußiſchen Staates haben 1875 faſt 15000 unter 200 Seelen (darunter 3448 in Oſtpreußen), etwa 14000 haben 2—500, 6000 500 bis 1000, der kleine Reſt über 1000 Seelen gehabt.
b) Die wichtigſte Bewegung der neueren Zeit iſt die ſtärkere Zunahme der Städte, wie ſie uns in den abſoluten und relativen Zahlen der Stadt- und Landbevölkerung entgegentritt. Ich führe zunächſt einige wichtige Zahlen an; die Bevölkerung iſt in Millionen ausgedrückt; als Städte ſind für Deutſchland und Frankreich die Orte über 2000, für die Vereinigten Staaten die über 8000 gezählt.
Wir ſehen, daß die abſolute ländliche Bevölkerung nur in Frankreich erheblich abnahm, in den Vereinigten Staaten ſogar ſtark zunahm, wie auch die ſchottiſchen Dörfer wuchſen, nur die Einzelſiedlungen zurückgingen. Freilich zeigen ſolch’ ſummariſche Zahlen nicht das einzelne. In England ging die Bevölkerung 1871—91 in 11 Grafſchaften um 10—16 %, in 23 um 5—8 % abſolut zurück; in den drei Getreidegrafſchaften Norfolk, Suffolk, Eſſex 1851—91 um 13,8 %, in vier weſtlichen, jetzt überwiegend als Weidegrafſchaften charakteriſierten 1841—91 um 22,3 %. Ebenſo zeigt ſich bei uns neuerdings in vielen der öſtlichen agrariſchen Diſtrikte, für Frankreich in zahlreichen Departements eine abſolute Abnahme; dort klagte man ſchon im 18. Jahrhundert über die Landflucht.
Die abſolute oder relative Abnahme der Landbevölkerung iſt außerhalb Europas kaum vorhanden, in Europa iſt ſie ſehr verſchieden, aber faſt überall zu konſtatieren; am ſtärkſten in England und Frankreich. Der Eintritt der ganzen Veränderung iſt nicht vor 1840—50 zu ſetzen, d. h. nicht vor die Zeit der modernen Verkehrsmittel. Natürlich kam auch vor 1840 weſentlich in Betracht, ob und inwieweit eine Zunahme der landwirtſchaftlichen Bevölkerung im einzelnen noch nach Boden, vorheriger ländlicher Bevölkerung, Beſitz- und Pachtverhältniſſen, unbebautem Land möglich war. Daß eine ſolche bis in die Mitte unſeres Jahrhunderts vielfach vorkam, beweiſen folgende Angaben. In der Kurmark hatte 1748—86 das platte Land jährlich um 1,23, die Städte (ohne Berlin) um 0,48 % zugenommen; in dem Jahrhundert 1748—1846 ſtieg das platte Land der Kurmark um 253 %, die Städte (ohne Berlin) um 261, alſo faſt gleich. Bis in die vierziger Jahre nahmen von allen preußiſchen Provinzen die öſtlichen (Pommern, Preußen), überwiegend ländlichen, am meiſten zu; von 1829—86 blieb in Belgien das Verhältnis von Stadt und Land faſt gleich, in Holland nahm noch 1839—49 das platte Land etwas mehr zu.
Wie ſehr man neben der Frage der prozentualen Zu- und Abnahme von Stadt und Land die abſoluten Zahlen der Landbevölkerung im Auge behalten muß, wenn man die ſogenannte Landflucht, die gewiß in manchen Gegenden großen und bedenklichen Umfang neuerdings angenommen hat, richtig ſchätzen will, lehren die folgenden Zahlen. Sie geben die landwirtſchaftliche Bevölkerung auf je 100 Hektar landwirtſchaftliche Fläche: Alſo überall eine Abnahme der abſoluten Zahlen; aber es bleibt jedenfalls in den Gegenden des Kleinbeſitzes ein genügender Beſtand. Und man ſieht, daß in erſter Linie die übermäßige Anhäufung des Grundbeſitzes in wenigen Händen die Landbevölkerung im deutſchen Oſten abſolut zu klein macht.
Wie mäßig in der Zeit vor den Eiſenbahnen die Zunahme auch beſonders glücklich gelegener, induſtriell oder durch Handel hervorragender Städte gegen ſpäter war, mögen folgende Zahlen lehren: Es hatten Seelen:
Von den engliſchen Städten freilich ſind viele ſchon im 18. und in der erſten Hälfte des 19. Jahrhunderts erheblich gewachſen.
Eine genauere Statiſtik, wie ſich die geſamte Bevölkerung nach der abgeſtuften Größe der Wohnorte verteile, iſt nur vereinzelt, z. B. in Öſterreich 1880, erhoben. Ich teile aus dieſer Statiſtik folgendes mit: Es lebten in Ortſchaften bis 500 Einwohner von je 1000 Menſchen 322,7 (in Kärnten 767, in Oberöſterreich 690, in Niederöſterreich 238), in ſolchen von 500—1000 Einwohner 205,6, in ſolchen von 1000—2000 175,4, in ſolchen von 2000—5000 127,1, in ſolchen von 5000—10000 41,2, in ſolchen von über 10000 128,0. In Deutſchland hat die Reichsſtatiſtik ſeit 1871 1. Großſtädte mit über 100000, 2. Mittelſtädte mit 20—100000, 3. Kleinſtädte mit 5—20000, 4. Landſtädte mit 2—5000 und 5. plattes Land unter 2000 Seelen unterſchieden. Die Ergebniſſe ſtellten ſich: Man hat hauptſächlich die Wirkung der Eiſenbahnen 1867—80 auf dieſe Größenklaſſen unterſucht und fand, daß die Groß- und Mittelſtädte alle ſolche Verbindung hatten und um 2,9 und 2,4 %, von den Kleinſtädten die mit Bahn um 1,4—1,8 %, die ohne Bahn um 2,8 %, die Landſtädte mit und ohne Bahn etwa gleich 1 % zunahmen. Eine ältere preußiſche Berechnung für 1840—55 hatte ergeben, daß der Staat um 14,4, das Land um 12,1, die Städte unter 30000 Seelen um 19,6, die darüber um 32,4 % zugenommen hatten.
Die Großſtädte mit über 100000 Seelen betrugen 1880 in den Vereinigten Staaten 12,2, in Frankreich 10, in Deutſchland 7, in Italien 6, in Großbritannien über 25 % der Bevölkerung. Es gab ſolche Städte 1890 129, in Deutſchland 26, in Großbritannien und Irland 36, in Frankreich 12, in Rußland 16. Über eine Million hatten 1890 5 Städte: London 4,2, Paris 2,4, Berlin 1,5, Wien 1,3, Petersburg 1,03. Die Bevölkerung in Orten über 2000 Seelen war 1875 in Rußland 10, in Bayern 26, in den meiſten deutſchen Staaten 33—42, in Frankreich 42, in Belgien 67, in Holland 29 %; in Preußen 1817 21, 1880 42 %. England und Wales hatte 1891 62 Städte mit über 50000 Einwohnern, gleich 40,6 % der Bevölkerung, die geſamte ſtädtiſche Bevölkerung war 71 %. Von 1000 Einwohnern lebten 1890 in Großſtädten von über 100000 Seelen in Großbritannien-Irland 285, in der europäiſchen Türkei 218, in den Niederlanden und Belgien 179 und 169, in Deutſchland 135, in Frankreich 119, in Italien 100.
Das prozentuale jährliche Wachstum war in Preußen 1885—90 in den Städten 21,35 ‰, in den Landgemeinden 5,94 ‰, in den Gutsbezirken 1,51 ‰; in 10 Jahren (1881 und 1882 bis 1890 und 1891) nahmen zu Paris 8,3, London 10,4, Leipzig 20,5, Berlin 40,2, Rom 45,2 %, alſo ſehr verſchieden. Auch zeitlich iſt das Anwachſen der Städte ein ſehr ſchwankendes. Man konnte 1890 vielfach den Eindruck haben, ſie ſeien jetzt geſättigt, aber teilweiſe ſtieg die Zunahme wieder 1895—1900.
Daß das große Wachstum weſentlich auf Zuwanderung beruht, nicht auf eigener Vermehrung, iſt ſelbſtverſtändlich. Nicht ebenſo bekannt war lange, daß die Zuwanderung meiſt aus der Nähe ſtammt, und daß auch das platte Land einen ſo ſehr ſtarken Bevölkerungsaustauſch, eine bedeutende zugewanderte Bevölkerung hat. In Bayern waren 1871
- in den Städten.... 507381 Ortsgeborene, 519499 Zugewanderte, - - Landgemeinden . 2467765 - 1357981 -.
Nur die große Zuwanderung nach den alexandriniſchen und ſpätrömiſchen Städten kann dem Umfange nach mit der heutigen verglichen werden; die mittelalterliche war nicht ſo groß. Geſunder als die antike iſt die heutige ſicher, weil ſie mehr auf berechtigten wirtſchaftlichen Motiven beruht, auch das Land nicht ſo entvölkert wie damals. Ohne Bedenken und große Schattenſeiten, auf die wir zurückkommen, iſt ſie auch heute nicht. Die Umbildung und die Wanderungen erzeugen Kämpfe und Schwierigkeiten aller Art. Bücher ſagt mit Recht: der Zug nach der Stadt verſetze zahlreiche Menſchen faſt plötzlich aus einer naturalin eine geld- und kreditwirtſchaftliche Lebens- ſphäre, und die ſocialen Gewohnheiten ſeien dadurch in einer Weiſe bedroht, welche den Menſchenfreund mit ſchweren Sorgen erfülle. Aber er fügt bei, man überſchätze heute doch oft die Mobiliſierung der Geſellſchaft ſehr; der heutige Arbeiter wandere weniger als früher der Geſelle; die Mehrzahl der Wanderungen ſuche ihr Ziel in der Nähe, oft nur im nächſten Dorfe. Und im ganzen entſpreche die Wanderung eben der durch den neuen Verkehr nötig gewordenen Verlegung aller Standorte der Induſtrie und der Landwirtſchaft, der Umbildung aus den Zuſtänden der Stadt- und Territorialin die der National- und Weltwirtſchaft.
Das iſt alles richtig im ganzen; aber ob im einzelnen die Wogen nicht zu weit gehen, nach falſchen Zielen hinfluten, ob nicht neben berechtigten wirtſchaftlichen Motiven andere nicht wirtſchaftliche, ſittlich zweifelhafte mitſpielen, ungünſtige Nebenfolgen eintreten, das ſind offene Fragen, die freilich nicht generell zu beantworten ſind.
99. Eine Zuſammenfaſſung der Ergebniſſe unſerer vorſtehenden hiſtoriſchen Ausführungen wird etwa dahin lauten:
a) Die Menſchen haben nicht bloß das notwendige Bedürfnis, in Familiengruppen von 4—10, ſondern auch in größeren Gruppen von 20, 50, 100, 1000 und mehr Menſchen ſo zuſammen zu leben, daß die Nachbarn zum Verſchiedenſten zuſammenwirken, ſich täglich ſehen können. Für gewiſſe Zwecke reicht es freilich, wenn die aufeinander Angewieſenen ſich jährlich ein- oder ein paar Mal oder auch monatlich oder wöchentlich ſehen oder verſammeln können: ſo z. B. für Gerichts- und Verwaltungs-, Markt- und einzelne Kulturzwecke. Aber das ſind die beſchränkteren Aufgaben, und ſie leiden, je größer die Wege werden. Im übrigen liegt die Notwendigkeit des nachbarlichen Wohnens in den geſamten Zwecken, welche die Menſchen aus irgend welchen Urſachen beſſer gemeinſam, in nachbarlichem Austauſch und Kontakt verfolgen. Es kommt das Verſchiedenartigſte da in Betracht; ſcheiden wir mal die nicht wirtſchaftlichen und die wirtſchaftlichen Zwecke; von den nicht wirtſchaftlichen ſtehen voran: das Bedürfnis der Geſelligkeit, der Unterhaltung, des gegenſeitigen Schutzes gegen Feinde, bei höherer Kultur das der Schule, des Kirchbeſuches. Von den wirtſchaftlichen Zwecken können die primitivſten auch von einzelnen iſoliert wohnenden Familien bis auf einen gewiſſen Grad verfolgt werden: z. B. die Fiſcherei, die Jagd, der Hack- und Ackerbau. Aber wir ſahen ſchon, daß die Viehzucht, die Feldgemeinſchaft, der Hausbau und Schiffsbau ſelbſt auf niedriger Stufe doch beſſer von Genoſſenſchaften in die Hand genommen wird. Vollends jede Arbeitsteilung, die gewerbliche Thätigkeit, der Handel iſt bei dem zerſtreuten Wohnen zwar nicht unmöglich — man denke an den Hauſierer, den gewerblichen Wanderarbeiter auf der Stör —, aber ſehr erſchwert. Jede höhere Entwickelung der Staatsverwaltung, der Kirche, gewiſſer ariſtokratiſcher Kreiſe mit großen Scharen von Dienern, der Geld- und Kreditwirtſchaft, des geiſtigen Lebens ſetzt gedrängteres Wohnen wenigſtens für einen Teil der Bevölkerung voraus. Aber ein ſolches hat ſeine engen Grenzen; wo 500, 1000 und mehr Ackerbaufamilien als Nachbarn zuſammen wohnen wollen, werden die Wege zum Ackerfelde zu lang und zu zeitraubend. Thünen hat berechnet, daß ein großer Teil unſerer von Dorf oder Hof zu entfernt liegenden Äcker deshalb keinen Reinertrag geben. Das enge Wohnen macht die Orte ungeſund; mehr als einige Stockwerke können nicht übereinander getürmt werden; wo ſtatt ein und zwei Familien zwanzig bis fünfzig in einem Hauſe wohnen, wird das Familienleben und die Sittlichkeit bedroht oder iſt nur durch komplizierte Ordnungen in Reinheit zu erhalten; wo zu viel Menſchen einander Luft, Licht, Raum nehmen, da ſteigern ſich alle Reibungen und Konflikte, wird auch alles wirtſchaftliche Leben ſchwieriger, in vieler Hinſicht teurer.
So entſtehen für alle ſocialen Gruppen und Individuen, für jede Zeit, auf jedem Boden eine Summe von teils ſich gegenſeitig ſteigernden, teils ſich begrenzenden und widerſprechenden Motiven, welche hier auf konzentrierteres, dort wieder auf zerſtreuteres Wohnen und Siedeln hindrängen. Und je nachdem die Menſchen die Zwecke und die Möglichkeit ihrer Durchführung klar erkennen oder nicht, je nachdem die natürlichen örtlichen Vorbedingungen in ihrem Verhältnis zu den Zwecken klar oder unklar erfaßt werden, deſto mehr oder weniger werden die Familien und größeren Gruppen, die Maſſen und die Obrigkeiten darauf hindrängen, das Maximum der Förderung und das Minimum der Hinderung für ihre geſamten Zwecke durch die Art ihrer Siedlung zu erreichen. Das Einzelne der Ergebniſſe iſt dabei von Klima und Waſſer, von Boden- und Wärmeverhältniſſen beeinflußt und beherrſcht; das Allgemeine derſelben von den überlieferten Sitten und geſellſchaftlichen Inſtitutionen, ſowie von den überlieferten Reſten früherer Siedlung. Die vorgefundenen Gebäude, Wege, Grenzen, Grundeigentums- und Feldeinteilung ſparen immer ſo viel Arbeit, daß man ſie möglichſt benutzt. Und jede ſpätere Änderung iſt ſchwer; ein einzelner Zweck mag ſie anzeigen, die anderen Zwecke können aber noch gut in der alten Weiſe befriedigt werden oder widerſtreben wenigſtens durch das Schwergewicht des Hergebrachten der Änderung.
Alle Wandlungen der Kultur, der Technik, der Lebens- und Ernährungsweiſe, alle Änderung der geſellſchaftlichen Inſtitutionen rücken ſtets wieder andere Zwecke in den Vordergrund und erzeugen Tendenzen zu anderer Siedlung. Es iſt ein nie ganz ruhender ſocialer und individueller Anpaſſungsprozeß, welcher die Menſchen im Raume bald mehr konzentriert, bald wieder mehr zerſtreut, welcher aber doch nur in ganz großen Perioden verſchiedene Geſamtbilder der Siedlung und des Wohnens erzeugt.
Im ganzen werden wir ſagen können: in den älteren Zeiten habe der Bluts- und Geſchlechtszuſammenhang, das Schutzbedürfnis, dann auch Verwaltungs-, Schul-, Kultusrückſichten neben den wirtſchaftlichen die Hauptrolle geſpielt; bei höherer wirtſchaftlicher Kultur, mit ausgebildetem Verkehr, in feſt und gut geordneten Staaten hätten die rein wirtſchaftlichen Motive und Zwecke eine ſteigende Rolle geſpielt, weil die anderen Zwecke (Schutz, Unterricht ꝛc.) jetzt leichter bei jeder Art des Siedelns zu befriedigen geweſen ſeien.
Auf eine ſehr lange Periode der reinen Dorfſiedlung folgte mit der beginnenden Staatsbildung und mit Gewerbe und Handel der Gegenſatz von kleinen Dörfern und mäßigen Städten. Mit der Ausbildung größerer Staaten und verbeſſerter Verkehrswege ſteigerte ſich im ſpäteren Altertum und in den letzten Jahrhunderten der Gegenſatz zu den vier Gliedern: Hof, Dorf, Klein- und Mittelſtadt, Großſtadt. Es ſind vier Typen der Wohnweiſe, des Gemeindelebens, welche verſchiedene Arten von Menſchen, von Nachbarverhältniſſen, von wirtſchaftlichen Einrichtungen erzeugen. Und gerade ihre neueſte Ausbildung ſcheint dahin zu gehen, die Eigentümlichkeit der Typen und ihrer einzelnen Erſcheinungen nach gewiſſen Richtungen zu ſteigern, nach anderen ſie zu vermindern. Das ſtädtiſche Leben iſt heute vom ländlichen ſicher viel verſchiedener als vor 100 und 200 Jahren, aber die einzelnen Groß- und Mittelſtädte werden zugleich immer verſchiedener und eigentümlicher, paſſen ſich verſchiedenartigen Specialzwecken arbeitsteilig an: als Handels-, Induſtrie-, See-, Binnen-, Univerſitäts-, Reſidenz-, Feſtungs-, Garniſon-, Badeſtädte ꝛc. Neben die kleinen treten große und die Fabrikdörfer; neben die Höfe die Weiler; die Zahl der Einzelwohnhäuſer ſteigt. Zugleich iſt mit dem wachſenden Verkehr eine Tendenz vorhanden, das platte Land gewiſſermaßen zu ver- ſtädtern, einen Teil der Städte, beſonders die Familienwohnungen, ins Grüne, in Vororte zu verlegen, teilweiſe auch Gewerbe, die bisher in der Stadt ſein mußten (wegen des Verkehrs, der Arbeiter, der Kunden, des Modeeinfluſſes), aufs Land zu verlegen, wohin jetzt die früher nur in der Stadt vorhandenen Einflüſſe auch reichen.
b) Jede beſtehende Ordnung des Wohnens erzeugt Sitten und Gewohnheiten des täglichen Lebens, der Familienwirtſchaft, der Arbeitsteilung, der Betriebsformen, des Verkehrs; ſie erzeugt beſtimmte Formen und Einrichtungen der Gemeindeverfaſſung und der Staatsverwaltung. Sie iſt ſtets ein Ergebnis ebenſo ſehr der öffentlichen Gewalten wie der Individuen und Familien. Je weiter wir in der Geſchichte zurückgehen, deſto mehr ſcheint die Ordnung des Siedelns überwiegend in den Händen der Stammes- und Volksorgane, der Fürſten, der Korporationen oder wenigſtens der Genoſſenſchaften gelegen zu haben. Wo Stamm und Staat, Provinz und Gemeinde ſchon eine gewiſſe feſte Ordnung erlangt haben, da werden die einzelnen Menſchen und Familien eine ſteigende Rolle in dem Prozeſſe ſpielen, und das hat die bedeutſame Folge, daß ſie, von Erwerbs- und Spekulationsabſichten geleitet, mehr ihre Sonderintereſſen und nur die nächſten Jahre im Auge, nicht immer das für die Zukunft und die Geſamtintereſſen Beſte anſtreben. Aber es wäre bei der Kompliziertheit der heutigen Verhältniſſe und dem notwendigen großen Spielraum für individuelle Bethätigung gar nicht möglich, alle Siedlung und alles Wohnweſen einheitlich von oben her zu leiten. Und doch entſtehen dadurch Intereſſenkonflikte und falſche Bewegungen.
So lange man im Anſchluß an A. Smith und in naivem Optimismus annahm, ſtets fördere der Egoismus der einzelnen das Geſamtintereſſe am beſten, und ſtets griffen die Obrigkeiten in ihren Maßnahmen fehl, beurteilte man beſonders die hier einſchlägigen hiſtoriſchen und praktiſchen Fragen oftmals falſch. A. Smiths Ausführungen über das ältere Städteweſen gehören zum Schwächſten, was er geſchrieben hat; alle Städtebildung erſcheint ihm faſt nur als Folge der mittelalterlichen Barbarei: die Grundherren und ihre Brutalität haben den geſunden Landbau gehindert; übermäßig viel Menſchen flüchteten ſich hinter die Stadtmauern, die viel natürlicher ihr Kapital im Landbau angelegt hätten. Auch die oft erörterte Schulfrage, ob die Städte von ſelbſt „natürlich“ gewachſen oder abſichtlich „künſtlich“ gegründet und geſchaffen worden ſeien, beantwortete man mit Vorliebe früher in erſterem Sinne. Man wird nach unſerer heutigen Kenntniß ſagen müſſen: viele Städte ſeien überwiegend „von ſelbſt“ entſtanden, viele auch abſichtlich gegründet worden. Aber letztere gediehen auch nur, wenn die wirtſchaftlichen Bedingungen ihres Wachstums vorhanden, die rechten Stellen, die rechte Zeit gewählt, die rechten Mittel ergriffen waren. Und die erſteren, die von ſelbſt erwachſenen Städte, konnten nur vorankommen, wenn ſie die rechte Ordnung fanden oder erhielten (durch Privilegien, Übertragung eines Stadtrechtes, durch Vorhandenſein guter Gemeindegeſetze), wenn ausgezeichnete Perſonen mit weitem Blicke, mit Patriotismus und genoſſenſchaftlichem Geiſte an der Spitze ſtanden, die rechten Einrichtungen und lokalen Statuten ſchufen. Jede Stadt iſt ein komplizierter Organismus, der nur gedeihen kann, wenn die für die Zukunft und die Geſamtintereſſen notwendigen Schranken und Ordnungen dem Egoismus der einzelnen die erlaubten Wege weiſen und die Grenzen ſetzen.
Das gilt auch für alle früheren und alle heutigen Kämpfe in der ſonſtigen Umbildung beſtehender Siedlungsverhältniſſe. Stets haben dabei die Obrigkeiten und die Individuen zuſammen gewirkt, oft gemeinſam nach demſelben Ziele, oft auch nach entgegengeſetzten getrachtet. Machthaber, die den Fortſchritt vertraten, haben einſtmals verſucht, die am Alten Klebenden zu anderer Wohnweiſe zu zwingen; Geſetze und Magiſtrate werden heute noch verſuchen, in dieſer oder jener Weiſe eine veränderte Siedlungsart zu begünſtigen. Ob dabei die Individuen und ihre Anſchauungen, ob die Organe der Geſamtheit die größere Berechtigung für ſich haben, das Richtige treffen, hängt von ihrer Bildung, von der Tüchtigkeit der Spitzen des Staates und der Gemeinden ab. Der Zwang zu ſtädtiſcher Siedlung oder die große Privilegierung der- ſelben war zeitweiſe früher ſo berechtigt, wie unter anderen Verhältniſſen einmal eine Hinderung ungeſunder Maſſenanſammlung, die Förderung des zerſtreuten Wohnens, des Ausbaues und des Höfeſyſtems ſein kann. Konventionelle Einrichtungen, wie das amerikaniſche Landvermeſſungsſyſtem, Wegebauten, Kanalbauten und Derartiges können indirekt einen ebenſo wirkſamen Zwang ausüben wie Niederlaſſungs- und Gemeindegeſetze.
Wenn in älteren und großen Kulturſtaaten mit der Ausbildung eines einheitlichen Staatsbürgertums und unbegrenzter Freizügigkeit ein Hauptteil der Weiterbildung und Veränderung der Siedlungs-, Standorts- und Wohnungsverhältniſſe den Individuen und ihrer wirtſchaftlichen Überlegung anheimgegeben iſt, wenn das praktiſch ſich ausdrückt im freien Konkurrenzkampfe der Grundſtücksverkäufer und -Vermieter mit denen, welche der Plätze, Wohnungen und Grundſtücke bedürfen, ſo iſt das eine Form der Raumverteilung an die Familien und Unternehmungen, welche mit ihrer Beweglichkeit und Flüſſigkeit, mit dem ſtarken Reize der möglichen Gewinne raſch veraltete Zuſtände beſeitigen, aber unter Umſtänden auch ungünſtige Ergebniſſe herbeiführen kann und zwar viel mehr als auf dem gewöhnlichen Warenmarkte. Es werden die künftigen Folgen einer ungeſunden Grundſtücksſpekulation, einer falſchen Straßenziehung und Bauweiſe nicht ſo leicht eingeſehen. Und doch legen ſolche Spekulationen, und was ihnen folgt, die Siedlungsweiſe für Generationen feſt; es entſteht daraus vielleicht für Jahrhunderte ein feſtes Syſtem, das alle möglichen menſchlichen und wirtſchaftlichen Zwecke beeinflußt, ja beherrſcht. Daher kann dem privaten wirtſchaftlichen Egoismus hier weniger als ſonſtwo ganz freie Bahn gelaſſen werden. Die Intereſſen der Zukunft und der Geſamtheit müſſen mitſprechen und diejenige Verteilung der Grundſtücke, der Straßen, der Plätze, diejenigen Ortsanlagen und Einrichtungen aller Art teils direkt, teils indirekt ſchaffen, die zweckentſprechend ſind. Daher in der Gegenwart ſo vielfach die Forderung, daß die Vertreter der Geſamtintereſſen ſtärker als die heutige Bau-, Straßen-, Fabrik- und Geſundheitspolizei es geſtattet, in das Wohnungs- und Mietsweſen wie in die ganze Siedlung eingreifen ſollen. Man fordert Expropriationen ganz anderer Art als bisher, Sorge der öffentlichen Korporationen für Wohnungen ihrer Beamten oder gar ſchon Übergang alles oder eines Teils des ſtädtiſchen Grundbeſitzes auf die Kommune. Es liegt in dieſen noch unklar hin- und herwogenden Forderungen ein berechtigter Kern.
Es handelt ſich darum, die Ordnungen zu finden, die am beſten die Individual- und Geſamtintereſſen ausgleichen, auf Grund deren begangene Fehler und falſche Richtungen wieder gut gemacht werden können. Es kann Korrekturen geben, die ihrerſeits derb und kühn, faſt plump durchgreifen, wie die bauliche Umwandlung von Paris durch den Präfekten Hausmann, daneben andere, die zu ſchüchtern verfahren, wie die neuere ſtädtiſche Bau- und Geſundheitsgeſetzgebung es noch vielfach thut. Der Staat und ſeine Verwaltung können auch das Richtige treffen, wie z. B. die neuere preußiſche und deutſche Separationsgeſetzgebung, die ſtaatliche preußiſche Koloniſation des 18. Jahrhunderts, die heutige deutſche Koloniſation in den öſtlichen Provinzen zu beurteilen ſein wird. Immer wird es ſich heute, wie erwähnt, hauptſächlich um eine indirekte Beeinfluſſung aller Siedlungsverhältniſſe handeln. Staat und Gemeinde haben eine ſolche in der Hand durch die ganze hierauf bezügliche Agrar- und Baugeſetzgebung, wie durch den Wege- und Straßenbau und durch die Kontrolle und Durchführung der Verkehrsmittel und -Anſtalten. Ebenſo iſt der Bau von Schulen, Kirchen, Märkten, die Konzeſſionierung der Dampfkeſſel, der Fabrikanlagen, der Schenken ein indirektes Mittel der Einwirkung. Man wird behaupten können, daß, je dichter die Menſchen wohnen, deſto unentbehrlicher die Herrſchaft allgemeiner, vom Geſamtintereſſe aus wirkender Ordnungen über den Siedlungsprozeß ſei.
100. Die Folgen der verſchiedenen Siedlung. Die hiſtoriſche Überlegenheit der Stadt über das platte Land iſt dieſelbe, die der große über den kleinen Stamm, das dichtüber das dünnbevölkerte Land hat. Die Stadt bietet die Möglichkeit und Wahrſcheinlichkeit lebendigerer geſellſchaftlicher Berührung, Reibung, Arbeitsteilung und Ineinanderpaſſung; die gegenſeitige Förderung des geſteigerten Geſchäftsverkehrs, das Gelingen ſocialer Organiſation iſt bei dichterer Wohnweiſe erleichtert. Daher hat immer leicht die Stadt das Land beherrſcht, eine gegenüber ihrer Einwohnerzahl überraſchende Macht ausgeübt. Aber ebenſo klar iſt, daß nicht das gedrängte Wohnen an ſich dieſe Folgen erzeugt, ſondern daß es nur die geſellſchaftlichen Berührungen und damit die geiſtigen Fortſchritte ſind, welche ſociale Anſtalts- und Machtbildung ermöglichen und erleichtern. Es giebt gedrängtes Wohnen ſtumpfſinniger Menſchen ohne dieſe Folgen, und es giebt eine Verkehrsausbildung und Steigerung der Bildungselemente des platten Landes, die nahezu ähnliche oder gleiche Erfolge erzielen. Die ungeſunde Übermacht der Städte gehört hauptſächlich den Epochen zurückgebliebener Entwickelung des platten Landes an.
Auch die von Herbert Spencer mit Recht betonten politiſchen und ſocialen Folgen zerſtreuter und dichter Siedlung ſind nur mit dieſem Vorbehalt anzuerkennen. Er führt aus, daß auf dem Lande der Angeſehene, der Krieger und Prieſter, der große Grundbeſitzer, der Ariſtokrat ſtets eine ganz andere Übermacht behaupte, weil die ihn Um gebenden ihn nicht mit anderen vergleichen können; je dichter die Siedlung ſei, je mehr auch die höher Stehenden gleiche neben ſich haben, deſto geringer ſei ihre Überlegenheit: das platte Land fühlt ariſtokratiſch, die Stadt demokratiſch. Man kann einwerfen, daß in den deutſchen Marſchen und den Alpen die bäuerliche Demokratie bei loſer Siedlung ſich erhalten hat, daß der Pöbel der antiken Großſtädte ſich zuerſt der kaiſerlichen Tyrannis gefügt, ja ſie hervorgerufen hat, daß die kaufmänniſchen Ariſtokratien von Genua und Venedig, wie heute die von London, New York oder Hamburg durch mindeſtens gleichen Abſtand von den unterſten Klaſſen getrennt ſind wie der Tagelöhner vom Rittergutsbeſitzer. Es handelt ſich eben bei allen Folgen des zer- ſtreuten und dichten Wohnens nur um Möglichkeiten, die ſich je nach den mitwirkenden geiſtig-ſittlichen Faktoren aus der häufigeren Berührung und Reibung der Menſchen ergeben.
Das aber iſt klar und hat ſich zu allen Zeiten doch überwiegend gezeigt: die verſchiedene Wohnweiſe differenziert die Menſchen und ihre körperlichen und geiſtigen, techniſchen und wirtſchaftlichen Eigenſchaften, und als wichtigſtes Ergebnis dieſes Prozeſſes wird man ſagen können: das einfachere Leben auf dem Lande iſt für die moraliſchen und Charaktereigenſchaften günſtiger; die Lebensziele ſind da klarer, die Lebenswege kontrollierter, die Sitte ſtärker; das Leben auf dem Lande iſt meiſt der Geſundheit, der Muskelausbildung zuträglicher; der Landmann iſt politiſch konſervativ, techniſch hängt er mehr am Alten. Das Leben in der Stadt macht rühriger, klüger, dem Fort- ſchritte zugänglicher; es bildet mehr die Nerven als die Muskeln aus; die Menſchen ſind aber auch genußſüchtiger; die moraliſchen Einflüſſe ſind geringer, die Zerſtreuung größer, die Sitte ſchwächer, das Leben iſt ungebundener; die Menſchen reiben ſich mehr auf. Der Städter iſt liberal, fortſchrittlich, ſocialdemokratiſch.
In den Jahren 1845—70 hat die Statiſtik mit dem raſchen Wachſen der Groß- und Fabrikſtädte teilweiſe überraſchend ungünſtige Ergebniſſe der Sterblichkeit, der Gebürtigkeit, der Vergehen, der Eheſcheidungen ꝛc. zu Tage gefördert; Wappäus, Schwabe, Engel und andere beleuchteten daher die ſtädtiſche Wohnweiſe und ihre Folgen in düſterer Weiſe, wie es allerdings ſchon von Süßmilch geſchehen war. Und bis in die neuere Zeit ſetzte ſich dieſe peſſimiſtiſche Auffaſſung fort; ja ſie erhielt in dem geiſtvollen, aber ſtark übertreibenden Buche von G. Hanſſen ihren ſtärkſten Ausdruck; er wollte beweiſen, daß die Städte, in ſich lebensunfähig und ungeſund, in zwei Generationen die ihnen vom Lande gelieferten Menſchen aufbrauchen.
In dieſer Litteratur iſt Wahres mit Falſchem gemiſcht. Konſervativ-agrariſche Vorurteile ſpielen in ihr, fortſchrittlich-induſtrielle in den Gegenſchriften eine Rolle. Die Wahrheit iſt nicht ſo ſchwer zu finden. Zuerſt haben Rümelin und andere gezeigt, daß die durch die Städtebevölkerungsſtatiſtik zu Tage geförderten Eigentümlichkeiten weſentlich auf die Thatſache zurückgehen, daß in den Städten die Altersklaſſen vom 15.—40. Jahre heute teilweiſe doppelt ſo ſtark beſetzt ſind als auf dem Lande, alſo ſchon deshalb Todesfälle, Geburten, Verbrechen und alles Derartige im Durchſchnitte ſich anders geſtalten müſſen. Neuerdings haben Brentano und ſeine Schüler eine Reihe Studien veröffentlicht, die die Übertreibungen Hanfens mit Recht bekämpfen, die Gleichwertigkeit und Vorzüge der ſtädtiſchen Bevölkerung ins Licht geſetzt haben. Sie haben dabei viel Richtiges geſagt, aber auch ihrerſeits teilweiſe übers Ziel hinaus geſchoſſen. Das ländliche Leben, ſofern es mit guter Wohnung und guter Ernährung verbunden iſt, hat mit ſeinem Aufenthalt und ſeiner Arbeit in freier Luft für alle körperlichen Eigenſchaften doch unzweifelhafte Vorzüge. Longſtaff, der übrigens Brentano nahe ſteht, meint: das Stadtkind bleibt blaſſer, ſchwachäugiger, mit ſchlechten Zähnen verſehen, auch wenn die ſtädtiſche Hygiene ſein Leben verlängert. Gewiß haben manche Städte und Gewerbe heute ſo viel oder faſt ſo viel militärtüchtige wie das Land; die Sterblichkeit iſt in gut gebauten Städten teilweiſe eine ſo niedrige wie auf dem Lande; verkommene Landdiſtrikte mit ſchlechter Ernährung haben teilweiſe ſchwächlichere Menſchen als Fabrikgegenden mit hochſtehender Arbeiterbevölkerung. Aber daß das Land einfachere, ſchlichtere, beſcheidenere, kräftigere Menſchen, die Stadt klügere, beweglichere, geiſtig entwickeltere, körperlich ſchwächere, aber nervös ausgebildetere liefert, bleibt eine notwendige Wirkung der gegenſätzlichen Lebensweiſe.
Stadt und Land als differenzierte Wohnplätze ſind das notwendige Ergebnis des höheren, komplizierteren Staats- und Wirtſchafts- und Geiſteslebens; ſie und die von ihnen geſtempelten Menſchen ergänzen ſich. Die erſten erheblichen Städte wurden die Mittelpunkte der Kantone und Territorien, die Großſtädte die der Provinzen und Reiche, in welchen deren Regierung und Wirtſchaftsleben ſich zuſammenfaßt. Das mußte beſtimmte Folgen für die Bewohner haben. Ebenſo iſt klar, daß die Kunſt, die höhere Technik, die Litteratur, die Wiſſenſchaft, das heutige Geld- und Kreditweſen, die höchſte Arbeitsteilung vorzugsweiſe in der Großſtadt gedeiht. Aber wie gewiſſe Fertigkeiten und gewiſſe Tugenden, ſo wachſen die Laſter in dieſen großen Centralpunkten. Es liegt, je größer die Städte ſind, die Gefahr um ſo näher, daß zeitweiſe die intellektuelle und techniſche Kultur in ihnen auf Koſten der moraliſchen wächſt, daß das Familienleben mehr als ſonſt durch das Einzelwohnen von Männern und Frauen zurückgedrängt, die Geſchlechtsbedürfniſſe außer der Ehe befriedigt werden. Es hört für ſo viele die wohlthätige Kontrolle des Nachbarn in der Großſtadt auf. Schon der großſtädtiſche Straßenverkehr erfordert Energie, Gewandtheit, ja Rückſichtsloſigkeit, und ſo wird der moraliſch haltloſe Teil der Großſtädter rückſichts- und ſchamlos, neugierig und herzlos, materialiſtiſch und genußſüchtig, zumal in Zeiten fieberhaften Erwerbslebens und materialiſtiſcher Lebensanſchauung. Dazu kommen ſchlechte Wohnungsverhältniſſe, ein Übermaß teils von Arbeit, teils von entnervenden Genüſſen, die Berührung mit dem maſſenhaft angeſammelten Verbrecher- und Hetärentum.
In den Epochen des geſteigerten atemloſen Lebens der Großſtädte verhalten ſich die Mittel- und Kleinſtädte zu dieſen vielfach ähnlich wie früher das platte Land zu jenen. Zumal in den Kleinſtädten kann ruhiges Behagen, beſchränkte Gemütlichkeit, konſervative Sitte faſt ebenſo wie auf dem Dorfe herrſchen; freilich bleibt immer eine mannigfaltigere Miſchung ſocialer Elemente; es ſind auch in der kleinen Stadt meiſt eine Anzahl gebildeter, ſtudierter Leute, einige rührige Handels- und Gewerbsleute. Dadurch iſt ſie dem gewöhnlichen Dorfe überlegen, das in ſeinem moraliſchen und intellektuellen Niveau unter Umſtänden ausnahmsweiſe ebenſo ſinken kann wie die traurigſten Teile der Großſtadt. Gewöhnlich bewahren es Kirche und Schule und der genoſſenſchaftliche Geiſt der Selbſtverwaltung davor. Die Entwickelung von Charakteren und ſtarken moraliſchen Gefühlen gelingt in der kleinen Stadt und auf dem Lande wohl ſtets leichter als in der Großſtadt; vielleicht am meiſten auf dem einſamen Hofe, wo jedenfalls die konſervativſte, ſtabilſte, unter Umſtänden freilich auch die zurückgebliebenſte Bevölkerung hauſt.
Die wichtigſte geſellſchaftliche Folge der ganzen Siedlung haben wir im bisherigen übrigens nicht berührt; ihr wenden wir uns nunmehr zu: der Organiſation der Gebietsabſchnitte und der auf ihnen lebenden Menſchen zu ſocialen Organen, zu Gebietskörperſchaften.
