4. Die geſellſchaftliche und wirtſchaftliche Arbeitsteilung.
113. Dogmengeſchichte. Weſen und Entſtehung der Arbeitsteilung. Stoffeinteilung. Wir haben in den letzten Kapiteln unterſucht, wie einerſeits die Geſchlechts- und Blutsbeziehungen, andererſeits die Nachbarſchafts-, Stammes- und Staatsbeziehungen die Menſchen verbinden und gruppieren, ſie wirt- ſchaftlich organiſieren und zu typiſchen Organen und geſellſchaftlichen Formen verknüpfen. Wir haben nun zu ſehen, wie Arbeit und Eigentum in dieſe Beziehungen und Organi- ſationen eingreifen, die Menſchen differenzieren und gruppieren. Und es iſt da zunächſt auszugehen von dem großen Princip der Arbeitsteilung, das wir im weiteſten Sinne des Wortes faſſen, das nicht bloß wirtſchaftliche, ſondern viel allgemeinere Folgen für alles menſchliche und geſellſchaftliche Leben hat, aber vor allem durch die Differenzierung der Geſellſchaft volkswirtſchaftlich geſtaltend wirkt.
Wir werden dieſes Princip nur dann richtig faſſen, wenn wir, wie im bisherigen, von der geſellſchaftlichen Natur des Menſchen, von den verſchiedenen Arten geſellſchaftlicher Verbindung, von den gemeinſamen Gefühlen und dem gemeinſamen Handeln der Menſchen ausgehen. Aus den vorhandenen Gemeinſamkeiten geht alles hervor, was wir Teilung der Arbeit nennen. Nur das thatſächlich oder in der Vorſtellung der Menſchen Gemeinſame kann in ſeiner Scheidung als etwas Geteiltes aufgefaßt werden. —
Seit die denkenden Griechen die Berufsgliederung in ihren raſch zu hoher Kultur gelangten Gemeinweſen beobachtet ſowie die weitgehende gewerbliche Arbeitsteilung Ägyptens als eine Urſache des dortigen Wohlſtandes erkannt hatten, bildet die Betrachtung der geſellſchaftlichen Arbeitsteilung ein Element aller geſellſchaftlichen Theorien. Adam Smith hat dann, ſich an Ferguſon anſchließend, die Arbeitsteilung in den Handwerksſtätten und Manufakturen ſeiner Zeit ſtudiert, hat aus dieſen Erſcheinungen allgemeine Schlüſſe gezogen, die techniſche und die tauſchwirtſchaftliche Arbeitsteilung zum Mittelpunkte ſeines Syſtems gemacht. Mit merkwürdiger Gedankenarmut haben ſeine Nachfolger an ſeinen Beiſpielen und Sätzen feſtgehalten, bis Marx die Beobachtungsreihen erweiterte, die Arbeitsteilung in der heutigen Fabrik der Werkſtattarbeitsteilung des 18. Jahrhunderts entgegenſetzte. Einen weiteren Anſtoß hat die Lehre neuerdings durch die Biologie erhalten. Sie begann Pflanzen und Tiere unter dem Bilde eines Zellenſtaates zu betrachten, der durch Differenzierung der Zellenindividuen höhere Formen des Daſeins erreiche; ſie lehrte, daß eine Art Arbeitsteilung die beſonderen Organe der Körperbedeckung, der Ernährung, der Fortpflanzung, die beſonderen Nervenzellen und Muskelzellen geſchaffen habe; ſie wies nach, daß die niedrigſtehenden Weſen eine geringe, die am höchſten ſtehenden die entwickeltſte Arbeitsteilung aufzeigen; ſie lenkte unſere Aufmerkſamkeit weiter auf die Arbeitsteilung der Tierſtaaten hin; hauptſächlich Herbert Spencer und Schäffle haben dieſe Gedankenreihen ſtaatswiſſenſchaftlich zu verwerten, durch Vergleichungen und Analogien Anregung zu geben geſucht; ſie haben aber auch da und dort den großen Unterſchied zwiſchen dem Zellenſtaate und der menſchlichen Geſellſchaft überſehen, der darin beſteht, daß ſelbſt der niedrigſte und roheſte Menſch in ganz anderem Maße Selbſtzweck bleibt als die Pflanzen- oder Tierzelle. Jedenfalls iſt es zunächſt Aufgabe der ſocialen Wiſſenſchaften, die geſellſchaftliche Arbeitsteilung für ſich zu betrachten, ſie nach allen Seiten richtig zu beſchreiben, die hieher gehörigen Erſcheinungen zu klaſſifizieren und daraus die für unſere Wiſſenſchaft brauchbaren Schlüſſe zu ziehen. Einen ſolchen Verſuch habe ich 1889 veröffentlicht. Bücher iſt 1893 mit einer Unterſuchung der gewerblichen Arbeitsteilung und ihrer Unterarten gefolgt. Simmel und Dürkheim haben die Frage vom ſociologiſchen Standpunkte aus behandelt.
Ich verſuche, im folgenden zuerſt eine Überſicht der hieher gehörigen Thatſachen zu geben, dann die wichtigſten allgemeinen Schlüſſe daraus zu ziehen. Ich muß aber vorher doch über Begriff und Entſtehung der Arbeitsteilung ein paar Worte ſagen.
Die Arbeitsteilung iſt eine und vielleicht die wichtigſte Erſcheinung des geſellſchaftlichen Lebens, ſie trennt und verknüpft die Menſchen politiſch, geiſtig, wirtſchaftlich und zwar in dem Maße, wie die Kultur ſteigt, die geſellſchaftlichen Körper größer und ver- ſchlungener werden. Die Stämme roher, primitiver Menſchen zeigen wenig körperliche und geiſtige Verſchiedenheit; jeder lebt, nährt ſich wie der andere, ſtellt ſeine Kleider und Geräte wie der andere her; auch der Häuptling führt alle die kleinen Verrichtungen für ſeinen eigenen Bedarf aus wie der letzte Stammesgenoſſe; ſelbſt Mann und Frau unterſcheiden ſich nicht viel in ihrer wirtſchaftlichen Lebensfürſorge, ſo lange jedes auf ſich angewieſen iſt. Sobald nun zu gewiſſen Arbeiten mehrere zuſammentreten, ſei es der Geſelligkeit, ſei es der Größe und Krafterfordernis der Aufgaben wegen, entſteht eine gewiſſe Vergeſellſchaftung; die Sippen in ihrer Thätigkeit, auch die Familien, ſpäter Nachbarn und Arbeitsgenoſſenſchaften, die ältere Kriegsverfaſſung, manche Arbeiten, die mit der Feldgemeinſchaft ſich ergeben, führen zu ſolcher Gemeinſchaft der Arbeit; Bücher hat ſie neuerdings zu beſchreiben und zu klaſſifizieren geſucht. Aber ſie erzeugen zunächſt nur die Gemeinſamkeit der gleichen, oft im Rhythmus verrichteten Arbeit, die nicht differenziert, meiſt nur vorübergehend die Menſchen in Beſchlag nimmt. Sobald aber einer befiehlt, die anderen gehorchen, ſobald die Frau den Hackbau treibt, der Mann jagt, ſobald ein Teil der Männer Eiſen ſchmilzt und Geräte fertigt, der andere den Acker baut, ſind die Anfänge der Arbeitsteilung und eine höhere Form der Organiſierung der geſellſchaftlichen Gruppen vorhanden.
Alle Arbeitsteilung knüpft an gewiſſe geiſtige, moraliſche, kriegeriſche, techniſche Fortſchritte an. Aber nicht jeder ſolche Fortſchritt erzeugt ſofort Arbeitsteilung. Die meiſten Verbeſſerungen menſchlichen Thuns, menſchlicher Arbeitsmethoden fügen ſich zunächſt in die hergebrachte Lebensweiſe der betreffenden ſo ein, daß ſie zu einer zeitweiſe geübten Funktion ihres täglichen Lebens und Treibens werden. Das Feuer, die Werkzeuge, die Tierzähmung, die Künſte des Kochens, Spinnens und Webens ſind Jahrtauſende lang von allen oder den meiſten Gliedern unzähliger Stämme ſo ausgeübt worden, ohne zu einer Arbeitsteilung Anlaß zu geben. Jahrhunderte lang war der römiſche Bauer zugleich Soldat, der römiſche Großgrundbeſitzer nebenher Prieſter, Juriſt, Offizier und Kaufmann. Die ausgebildete Haus- und Eigenwirtſchaft der indogermaniſchen und ſemitiſchen Völker umfaßte lange Ackerbau, Viehzucht und gewerbliche Künſte aller Art, wie heute noch die der norwegiſchen und anderer iſolierter Bauern. Bis in die Gegenwart bleibt überall ein Teil alles wirtſchaftlichen und Kulturfortſchrittes auf das Ziel gerichtet, in den Thätigkeitskreis der Individuen und Familien ſo weitere Einzelheiten und Verbeſſerungen einzufügen, die mit der beſtehenden Lebensweiſe ſich vertragen. Die Arbeitsteilung ſetzt erſt da ein, wo ein Teilſtück einer Lebensſphäre ſo anwächſt, daß es nicht mehr Glied derſelben bleiben kann, daß es ſeinen eigenen Mann fordert, wo die Einfügung neuer Operationen und Thätigkeiten ins hergebrachte Leben nicht geht, zu ſchlechte Reſultate liefert, wo man für die neue Thätigkeit einen freiwilligen oder erzwungenen Vertreter und eine ernährende Lebensſtellung für ihn findet oder eine ſolche ſchaffen kann. Das Leben derer, für die der arbeitsteilig Fungierende nun eine Arbeit übernimmt, wird meiſt nicht allzuviel verändert, es wird nur an einzelnen Punkten entlaſtet. Aber der, welcher den Teilinhalt nun zu ſeiner Lebensaufgabe macht, muß ſeine Lebensweiſe gänzlich umgeſtalten. Zwar muß auch er für ſeine und ſeiner Familie Wirtſchaft und Lebenszwecke eine gewiſſe Zeit und Kraft behalten, denn gewiſſe unveräußerliche Eigenzwecke kann niemand aufgeben, aber ſie werden eingeſchränkt, müſſen ſich mit ſeiner neuen Thätigkeit für andere vertragen.
Jeder Fortſchritt der Arbeitsteilung verläuft ſo in Kompromiſſen zwiſchen dem Alten und dem Neuen, zwiſchen der bisherigen Vielſeitigkeit der Arbeit und der Speciali- ſierung. Was früher allgemein und ſelbſtverſtändlich in der Wirtſchaftsführung der Familie, der Gemeinde, einer Unternehmung verbunden war, iſt nun eine getrennte Funktion von zweien oder mehreren, und wenn ſich dieſe Scheidung eingelebt hat, ſo erſcheint ſie nun von dieſem Standpunkte als etwas, deſſen Verbindung, wo ſie noch beſteht, überraſcht, als rückſtändig erſcheint. Und doch hatte die ältere Verbindung oft moraliſche und politiſche, ja auch große wirtſchaftliche Vorteile. Noch heute ſtellt jede Familienwirtſchaft ſolche Kombinationen dar, aus der durch Arbeitsteilung dies und jenes (z. B. das Bereiten der Mahlzeiten) unter Umſtänden auszuſchalten wäre. Die Kleinbauern und Tagelöhner, die Maurer und Zimmerleute, die im Winter weben und ſchnitzen, können für beſtimmte Verhältniſſe heute ebenſo am Platze ſein, wie vor 400 Jahren der Schuſter, der zugleich Gerber war. Da und dort kann freilich auch die Not zu heterogenen Verbindungen führen, welche nicht hergebracht, ſondern, aus Not neu erdacht und geübt, techniſch geringe Leiſtungen zum Ergebnis haben. Wo unter beſtimmten Verhältniſſen techniſche Funktionen, die anderwärts längſt getrennt ſind, noch in einer Perſon ſich vereinigen, könnte man von halber Arbeitsteilung reden, während wir unter der ganzen Arbeitsteilung diejenigen ſpecialiſierten Thätigkeiten ver- ſtehen, welche die Lebensarbeit der Betreffenden ganz oder überwiegend ausmachen. Wir werden ſo die Arbeitsteilung definieren können als die überwiegende und dauernde Anpaſſung der menſchlichen Arbeitskräfte an beſtimmte ſpecialiſierte Aufgaben und Thätigkeiten, welche der einzelne nicht für ſich, ſondern für mehrere, für viele, für das Volk oder auch für Fremde ausübt.
Iſt das Neue von Anfang an ſo eigentümlich, bedeutſam, zeit- und kräfteraubend, daß es gar nicht in den Kreis der alten Hauswirtſchaft und Lebensweiſe eingefügt wird, ſondern gleich beſondere Kräfte und Geſchäfte fordert, wie z. B. heute die Photographie, die Produktion von Gas, Elektricität, Lokomotiven, ſo ſprechen wir doch ebenſo von Arbeitsteilung, wie wenn das Spinnen und Weben aus der Familienwirtſchaft ausgeſchaltet wird. Und ebenſo wenn zwei bisher fremde Stämme ihre Waren und Produkte tauſchen, die ſie bisher nicht kannten. Unſer Sprachgefühl, welches Derartiges Arbeitsteilung nennt, fingiert dabei nicht, daß früher das Getrennte in einer Hand gelegen habe, ſondern es will nur ſagen: eine rechtlich und geſellſchaftlich irgendwie geordnete nationale oder internationale Gemeinſchaft hat Teile ihrer gemeinſamen Bedürfniſſe einzelnen zu befriedigen übertragen.
Die Reſultate, welche mit der Arbeitsteilung erreicht werden, können hiſtoriſch nicht ihre Urſache ſein, denn ſie konnten in ihrem ganzen Umfange nicht vorausgeſehen werden. Auch ein angeblicher Tauſchtrieb kann nicht, wie A. Smith meint, der kauſale Ausgangspunkt ſein, denn es giebt eine umfangreiche Arbeitsteilung ohne Tauſch, z. B. im Geſchlecht, in der Familie, und die primitiven Menſchen haben eher eine Abneigung gegen den Tauſch, wie ſie eine Abneigung gegen jede Änderung hergebrachter Lebensgewohnheiten beſitzen. Dieſe mußte überwunden werden, ſo oft ein Schritt der Arbeitsteilung gelingen ſollte, und deshalb war jeder Fortſchritt ſchwierig und langſam; er hing ſtets an der nie leicht gelingenden Ausbildung neuer Sitten und Inſtitutionen. Doch wirkt dieſen Hinderniſſen entgegen, was allen Fortſchritt bedingt: die Luſt am Neuen, der taſtende Sinn nach Verbeſſerung, die Not des Lebens, die zu Verſuchen treibt, über die Schwierigkeiten der Exiſtenz beſſer Herr zu werden, der Spürſinn, der nach verbeſſerter Leiſtung ſucht, die dämmernde Einſicht in das kräfteſparende Princip der Arbeitsteilung. Endlich gab die Verſchiedenheit der menſchlichen Kräfte gleichſam eine ſtillſchweigende Anleitung zur Arbeitsteilung.
Freilich hat oft auch erſt ſie die Kräfte nach und nach differenziert. Und bei allen Stämmen niederer Kultur iſt die Verſchiedenheit der Individuen ja noch unerheblich oder wird ſie nicht bemerkt. Aber mindeſtens der Unterſchied des Alters gab Anlaß zu zeitweiſer, der des Geſchlechtes zu dauernder verſchiedener Thätigkeit. Außerdem: gewiſſe Differenzen der Kraft, des Fleißes, der Klugheit hat es ſtets gegeben, und ſie traten ſtärker hervor, wenn der Vater ſeinen Söhnen dauernd verſchiedene Aufgaben zuwies; ſie zeigten ſich deutlich, wenn große techniſche oder wirtſchaftliche Fort- ſchritte in Frage ſtanden, denen die einen gewachſen waren, während die anderen ſich als unfähig zeigten, ſie mitzumachen. Jedenfalls aber waren, ſeit es verſchiedene Raſſen gab, ſeit die verſchiedenen Stämme teils im Gebirge, teils in der Ebene, teils am Waſſer lebten, ſeit ſo verſchiedene Arten der Ernährung, der Lebensweiſe, der Geſchicklichkeit ſich ausbildeten, die Individuen der einzelnen Raſſen und Stämme durch einen Jahrtauſende umfaſſenden Prozeß natürlicher Beeinfluſſung und eigentümlicher erblicher Entwickelung ſo weit differenziert worden, daß faſt jede Raſſe und jeder Stamm einzelne Fertigkeiten und Güter beſaß, die dem anderen mangelten. Und je ſtabiler und unbiegſamer in Lebensweiſe und Sitte, je unfähiger zur Aneignung neuer Künſte alle primitiven Raſſen, ja ſelbſt heute noch breite ſociale Schichten unſerer Kulturvölker ſind, deſto größeren Einfluß auf die langſam beginnende Arbeitsteilung mußten dieſe ethniſchen Verſchiedenheiten haben. Wie ein roter Faden geht es durch alle Kulturgeſchichte hindurch, daß Fremde alle neuen Künſte und Fortſchritte bringen; noch heute rekrutieren ſich bei dem Durcheinanderwohnen verſchiedener Raſſen immer wieder dieſelben Berufe aus den ver- ſchiedenen ethniſchen Elementen. —
Bei den folgenden Darlegungen wird die Schwierigkeit ſein, die Arbeitsteilung losgetrennt von ihren Urſachen und ihrer praktiſchen Ausgeſtaltung in der Geſellſchaft, von den konventionellen Ordnungen und Inſtitutionen, in welchen ſie allein Leben gewinnt, vorzuführen. Wollte man dieſe Scheidung nicht vornehmen, ſo würde dieſes Kapitel die ganze volkswirtſchaftliche Organiſation und alle ihre Urſachen darlegen müſſen. Eine iſolierende Unterſuchung der Arbeitsteilung iſt an ſich berechtigt, und es iſt angezeigt, die anderweitig in dieſem Grundriß beſprochenen, aus der Arbeitsteilung hervorgehenden Inſtitutionen (wie z. B. die Unternehmungsformen) nicht auch hier darzuſtellen. Immer aber iſt der große weltgeſchichtliche Entwickelungsprozeß der Arbeitsteilung anſchaulich nur zu geben mit Ausblicken auf Urſachen und Folgen, mit da und dort eingeſtreuten kurzen Darlegungen der geſellſchaftlichen Einrichtungen, welche der Arbeitsteilung ihre beſtimmte hiſtoriſch wechſelnde Form gaben.
Den Stoff gliedern wir nach gewiſſen in ſich zuſammenhängenden Teilen oder Gebieten, innerhalb derſelben nach hiſtoriſcher Folge.
Die Arbeitsteilung auf jedem der von uns unterſchiedenen Gebiete iſt eine in ſich zuſammenhängende Kette von Erſcheinungen. Daneben hat jedes Volk für ſich ſeine Geſchichte der Arbeitsteilung, die aber in ihren einzelnen Teilen der Geſamtentwickelung der Menſchheit angehört. Wenn die verſchiedenen Völker im ganzen eine einheitliche Entwickelungsreihe uns zeigen, ſo liegt es teils darin, daß immer wieder dieſelben Urſachen ſelbſtändig zur ſelben Scheidung führten, teils darin, daß die Gepflogenheiten einer älteren Arbeitsteilung häufig im Zuſammenhang mit einer gewiſſen Technik oder mit gewiſſen Inſtitutionen auf die jüngeren Völker durch Nachahmung übergingen.
Das erſte wichtige Gebiet, das uns bei einer Scheidung der hieher gehörenden Er- ſcheinungen entgegentritt, iſt die Arbeitsteilung in der Familie, die zwiſchen Mann und Frau, zwiſchen den dienenden Gliedern derſelben. Sie hat in der patriarchaliſchen Großfamilie ihre Hauptausbildung erhalten, ſpielt aber heute noch eine erhebliche Rolle. Für alle ſpätere und weitere Arbeitsteilung iſt vor allem die Thatſache wichtig, daß die vollen Konſequenzen derſelben wohl für die Familienväter, nicht aber ebenſo für die Hausfrauen und deren Gehülfinnen gezogen werden. Alle hauswirtſchaftliche Frauenthätigkeit iſt zwar von der Produktion der Güter im großen heute getrennt, ſtellt jedoch in ſich die univerſalſte Vielgeſtaltigkeit ungetrennter Arbeitsfunktionen dar. Ich muß mir verſagen, auf dieſes ganze Gebiet hier nochmals einzugehen, da ich das Wichtigſte hierüber in dem Kapitel über die Familienwirtſchaft geſagt habe.
Als ein zweites großes Gebiet der Arbeitsteilung ſtellt ſich uns die Erhebung der Prieſter, Krieger und Häuptlinge in der älteren Zeit, der Händler in der ſpäteren über die Maſſe des übrigen Volkes dar. Ihr ſteht als Gegenſtück die Entſtehung einer Schicht handarbeitender Kreiſe, der Sklaven, der Hörigen, der freien Lohnarbeiter gegenüber. Es handelt ſich auf dieſem Gebiete um die Scheidung der höheren von der niederen, der geiſtigen von der mechaniſchen Arbeit; es iſt das Stück Arbeitsteilung, welches ariſtokratiſche, herrſchende Klaſſen und daneben untere, dienende, beherrſchte erzeugt. Ich bezeichne ſie als die berufliche und ſociale Arbeitsteilung; ſie iſt es zuerſt, welche die Scheidung in Stände und Klaſſen herbeiführt.
Das dritte Gebiet, das wir betrachten, betrifft die Scheidung der Gewerbe von der Haus- und Landwirtſchaft, ſowie die Arbeitsteilung in der letzteren und in den Gewerben. Wir fügen dem die Entſtehung der Arbeitsteilung innerhalb der liberalen Berufe bei, die gleichſam die modernen Nachfolger der Prieſter, in gewiſſem Sinne auch der Häuptlinge und Krieger ſind. Alle dieſe Teile der Arbeitsteilung gehören mehr der neueren Entwickelung an, ſtellen Vorgänge dar, die ebenfalls klaſſenbildend wirken, die vorhandenen drei Hauptgruppen, Ariſtokratie, Mittelſtand, untere Klaſſen weiter ſcheiden, vielfach aber auch nur im Mittelſtande Platz greifen.
Wir ſchließen endlich mit einigen Bemerkungen über die räumliche Arbeitsteilung und über die Verſuche einer allgemeinen Beurteilung und zahlenmäßigen Erfaſſung der Arbeitsteilung, um dann die allgemeinen Urſachen und Folgen der Arbeitsteilung im Anſchluß an dieſe Vorführung der Thatſachen zu erörtern.
114. Das Prieſter- und Kriegertum. Häuptlinge, Prieſter und Krieger ſind die Berufsarten, die zuerſt mit der Ausbildung der Stammesverfaſſung und des geiſtigen Lebens ſich von der übrigen Menge abheben. Ihre Entſtehung iſt oft eine gleichzeitige; doch ſcheinen Zauberer und Prieſter da und dort vorhanden zu ſein, wo beſondere Krieger noch fehlen, die Häuptlinge noch wenig Bedeutung haben.
Auch bei ſehr rohen Stämmen, ja wir können ſagen bei den meiſten, die man bis jetzt näher kennen gelernt hat, findet man Zauberer und Heilkünſtler; in Nordaſien ſind ſie unter dem Namen der Schamanen, in Amerika als Medizinmänner, in Afrika als Gangas, in der Südſee unter verſchiedenen Namen bekannt. Ihre Thätigkeit entſpringt, wie wir ſchon oben S. 46 ſahen, dem Glauben, daß die Seele des Menſchen nach dem Tode ſich da oder dort in einem Gegenſtande, einem Tiere, einem Steinbilde, einem Grabe niederlaſſe, dem Menſchen Verderben bringe, wenn man ihr nicht opfere, daß überhaupt ein Heer von Geiſtern den Menſchen umgebe und all’ ſein Glück oder Unglück beherrſche, daß alle Krankheit auf die Geiſter zurückzuführen ſei, daß daher die Be- ſchwörung dieſer Geiſter, ihre Verſöhnung durch immer weiter ſich ſteigernde Kultakte, Blutdarbringungen, Faſten, d. h. Enthaltungen zu ihren Gunſten, und Opfer aller Art das dringlichſte Bedürfnis ſei. Leute, in die ſcheinbar die Geiſter gefahren, wie Epileptiſche, Nervöſe, mit Veitstanz Behaftete, Kränkliche, die ſich nicht wie die gewöhnlichen Wilden ernähren können, haben ſich wohl zuerſt als die der Geiſter Kundigen und als Vermittler ihren Stammesgenoſſen angeboten; ſie erziehen ihre Kinder oder andere Schüler abſeits in der Einſamkeit, im Walde, unter allen möglichen Kaſteiungen und Plagen zu ähnlichem Berufe. Und ſo entſteht eine Klaſſe von Zauberern, Prieſtern und Ärzten, welche, durch Zucht und Selbſtbeherrſchung geſtählt, durch Kenntniſſe und Übung aller Geiſteskräfte den anderen überlegen, im Beſitze von ſcheinbar wunderkräftigen Fetiſchen, d. h. von den Geiſtern mit Zauberkraft ausgeſtatteten Gegenſtänden ſich befinden; es ſind Männer, welche mit Hülfe der ihnen zugänglichen Geiſter gegen Geſchenke und Bezahlung unter allen möglichen Formeln, ekſtatiſchen Erregungen, Be- ſchwörungen und Vermummungen, bei Feuerlicht und Muſik die böſen Geiſter vertreiben, die Kranken heilen, Regen machen, die Böſewichter entdecken; daneben kundſchaften ſie die Feinde aus, tragen ihre Fetiſche in Kriegszügen als ſiegbringende Götter mit, leiten die Gottesurteile, werden ſo halb und halb die Richter und Polizeiorgane in ihrem Kreiſe, kurz erringen eine immer angeſehenere, oft das ganze ſociale Leben der Stämme beherrſchende Stellung. Um die Grabdenkmäler der Häuptlinge, die zu Tempeln und Gotteshäuſern werden, ſammeln ſich dann ſpäter die mit Land, Vieh und Sklaven, mit regelmäßigen Geſchenken und Zehnten ausgeſtatteten Prieſterſcharen. Sie ſind urſprünglich nach Geſchlechts-, Lokal- und Gaukulten geſpalten, oft auch nach den verſchiedenen Krankheiten, die ſie heilen können, nach den Fetiſchen und Geiſtern, über die ſie verfügen, wie wir das in Afrika heute ſelbſt bei recht niedrigſtehenden Negern ſehen. Aber aus der Gemeinſamkeit der Fetiſche, der Zauberformeln und der Lehre bilden ſich größere Kultbünde und Genoſſenſchaften. Und oft gerade im Zuſammenhang mit großen nationalen und religiöſen Fortſchritten entſteht aus den Kämpfen der kleinen Prieſtergruppen ein einheitlich organiſierter Bund der Prieſter des ganzen Volkes, der die freien Zauberer und die alten lokalen Prieſterzünfte zu unterdrücken ſucht. Wellhauſen hat uns gezeigt, wie ſo der Bund der Leviten, um den Jehovakultus und die Prieſterherrſchaft zu befeſtigen, ſich unter Aufzeichnung der Geſchlechtsregiſter einheitlich organiſierte, die Abſtammung aller ſeiner Glieder von einem Stammvater lehrte, die prieſterlichen Satzungen definitiv fixierte. Ähnlich wird es anderwärts, in Ägypten, Indien, Mexiko und Peru gegangen ſein, während bei den Griechen und Römern das Prieſtertum mehr als Nebenwürde des weltlichen Adels erſcheint, bei den Kelten die Herrſchaft der Druiden durch die römiſche Eroberung gebrochen wird, bei Slaven und Germanen eine abſchließende Sonderbildung der Prieſter noch nicht vollzogen war, als das Chriſtentum eindrang. Die chriſtliche Kirche des Mittelalters ruht auf einer internationalen Prieſterzunft, die zwölf Jahrhunderte lang an der Spitze der europäiſchen Menſchheit ſteht.
Die ganze Entwickelung iſt in ihrem Höhepunkte ebenſo ſehr Ständebildung wie Arbeitsteilung, aber ihre Kraft ruht ausſchließlich auf der ſpeciellen Ausbildung der ſittlichen und geiſtigen Kräfte bei den Zauberern und Prieſtern und den hiedurch ihnen allein möglichen Leiſtungen. Kein ſpäterer Schritt der Arbeitsteilung und Ständebildung hat tiefer eingegriffen als dieſer: die Geiſterfurcht des Naturmenſchen und das unklare Gefühl der Abhängigkeit von den dahingegangenen Geſchlechtern wird das große In- ſtrument, die Millionen für Jahrhunderte und Jahrtauſende in eine faſt ſklaviſche Abhängigkeit von einer kleinen Prieſterſchar zu bringen; die Erfüllung der endloſen, alles Leben auf Schritt und Tritt begleitenden, teilweiſe tiefſinnigen und wohldurchdachten, teilweiſe aber auch ſinnloſen Kulthandlungen wird eine pſychiſche und wirtſchaftliche Laſt, die auf die Individuen und die Geſellſchaft mit nie ruhender Qual drückt. Ein Drittel und mehr alles Bodenertrages und aller Arbeitskraft nimmt die Prieſterariſtokratie und der Kult in den alten Prieſterſtaaten und im Mittelalter in Anſpruch, als Gegengabe geiſtigen Troſt ſpendend und auf das Leben im Jenſeits verweiſend. Furchtbare Mißbräuche, roher Betrug, gemeine Übervorteilung knüpfen ſich da und dort an die Prieſterherrſchaft, zumal in ihren ſpäteren Stadien. Aber ſie war, beſonders in ihrer erſten Hälfte, doch für alle Kulturvölker die Bedingung ihrer Erhebung; nicht umſonſt ſind Jahrhunderte lang die Prieſterſtaaten die Träger des Fortſchrittes, die reichſten und gebildetſten Gemeinweſen. Die Arbeitsteilung, die in ihnen ſtattfand, war eben in der Hauptſache doch nichts anderes als ein Sieg der edleren und klügeren Elemente über die rohe Kraft der Maſſe. Das Vertrauen der großen Menge auf die ſcheinbar übernatürliche Kräfte beſitzenden Prieſter bezeichnet H. Spencer als unentbehrliches Hülfsmittel des geſellſchaftlichen Zuſammenfaſſens der Kräfte auf primitiver Kulturſtufe.
Indem die Prieſter mit Orakeln, Kultvorſchriften und Geſetzen die Menge bändigten und ordneten, ſchoben ſie allmählich in die rohen Vorſtellungen über Befriedigung der Toten und der Geiſter die ſittlichen Gebote eines höheren ſocialen Daſeins ein. Aus der Vorſtellung, daß Opfer, Faſten und Geſchenke die Götter beſchwichtigen, wurde die edlere, daß die Zauberformel des heiligen Wortes und das Gebet die Hauptſache ſei; aus der Vorſtellung, daß gerecht ſei, wer viel Kühe den Prieſtern darbringe, wurde die edlere, daß gerecht ſei, wer ſeine Eltern ehre, nicht ſtehle, nicht lüge, nicht ehebreche, den Witwen und Waiſen beiſtehe. Die Prieſter waren für unendlich lange Zeiträume die Pfadfinder und Bahnbrecher auf den Wegen der ſocialen Zucht und der ſteigenden ſittlichen Erkenntnis, des Tempel- und Hausbaues, der Zeit- und Kalenderbeſtimmung, der Schriftkunde und unzähliger anderer Fortſchritte. Sie waren für Jahrhunderte die politiſchen und wirtſchaftlichen Organiſatoren, die erſten Sammler großer Schätze, die erſten Bankiers, die erſten Techniker und Leiter großer gemeinnütziger Waſſer- und Strombauten.
Die Prieſter lebten urſprünglich von Bettel, Geſchenk und Gaben, teilweiſe blieben ſie auch Hauswirte und Ackerbauer; bald aber waren ſie, wie erwähnt, mit Vermögen und Einkommen aller Art ausgeſtattet. Sie vereinigten in älterer Zeit alle höhere geiſtige Bildung, ſie ſind zu gleicher Zeit die Ärzte, die Kenner des Rechtes, die Jugenderzieher und Lehrer; ſie ſind Aſtronomen, alle feinere Kunſt und Technik liegt in ihren Händen. Auf dem Höhepunkte ihrer Herrſchaft haben ſie ſich ſelbſt in eine Hierarchie höherer und niederer, arbeitsgeteilter Berufe und Beſchäftigungen geſchieden. Die ſchreibende, buchführende Verwaltung hat Jahrhunderte lang da und dort in ihren Händen gelegen. Ihr hohes Einkommen haben ſie urſprünglich zur Sammlung von Familienvermögen, ſpäter, zumal wo der Cölibat herrſchte, wie in der mittelalterlichen Kirche, zur Anhäufung von Tempel- und Kirchenvermögen verwandt.
Die Nachwirkungen dieſer Inſtitutionen und dieſer Vermögensverteilung ſind in den meiſten europäiſchen Staaten heute noch vorhanden. Die Prieſterherrſchaft aber iſt faſt allerwärts beſeitigt oder zurückgedrängt durch die Konkurrenz der ſelbſtändigen geiſtig-ſittlichen Kräfte, die in den geſamten höheren und mittleren Klaſſen ſich entwickelten, hauptſächlich heute in den verſchiedenen liberalen Berufen ſich finden. Ein großer Teil dieſer letzteren iſt direkt oder indirekt aus den Einrichtungen und Traditionen der Prieſter hervorgegangen. Der Typus von Perſonen, die durch ausſchließliche oder überwiegende geiſtige Kraft und Arbeit ſich eine höhere oder beſondere Stellung erwerben, iſt ſeit den Tagen des Prieſterberufes nicht mehr verſchwunden. Alle ſpätere Ariſtokratie hat ſich ihre Stellung in dem Maße erwerben und behaupten können, wie ſie, ähnlich den einſtigen Prieſtern, ſich durch Bildung und Kenntniſſe, geiſtige Kraft und moraliſche Zucht auszeichnete. Manche Naturforſcher glauben, die höheren geiſtigen Leiſtungen beruhten phyſiologiſch auf der viel ſtärkeren Zuleitung des Blutes zum Gehirn, wie die mechaniſchen auf der zu den Muskeln, und es ſei ausgeſchloſſen, daß große Fähigkeiten nach der einen oder anderen Seite möglich ſeien ohne dieſe phyſiologiſche Einſeitigkeit. Es dürfte dies eine Übertreibung ſein, die nur teilweiſe wahr iſt; es liegt ſicher die Möglichkeit einer harmoniſchen Ausbildung der körperlichen und der geiſtigen Kräfte vor; ſie iſt nur praktiſch, je weiter die Arbeitsteilung voranſchreitet, um ſo viel ſchwieriger, d. h. nur bis zu einem gewiſſen Grade durch immer kompliziertere Geſell- ſchafts- und Erziehungseinrichtungen herbeizuführen. —
Neben den geiſtlichen haben die meiſten Stämme und Völker eine Gruppe von weltlichen Ariſtokraten, Häuptlingen, Principes, Adeligen und Kriegern frühe entſtehen ſehen, die wohl von Anfang an auch durch Klugheit und moraliſche Eigenſchaften, in der Hauptſache und vor allem aber als große Jäger, kühne Kämpfer, als Viehzüchter und Tierbändiger, als Anführer von Beutezügen, als kraftvolle, imponierende Perſönlichkeiten ſich auszeichneten. Sie waren diejenigen, die am früheſten ſich zahlreiche Weiber und Kinder, großen Vieh- und Sklavenbeſitz zu verſchaffen wußten, die in Zuſammenhang mit ihrer Stellung, mit ihrem Menſchen- und Viehbeſitz ſpäter auch den größeren Landbeſitz erwarben. Wir kommen darauf zurück.
Die letzte Urſache aber ihres Beſitzes waren ihre perſönlichen Eigenſchaften; durch dieſe ſtiegen ſie unter den Volksgenoſſen empor, durch dieſe erhielten ſie die Richter-, die Häuptlings-, die Anführerſtellen, die Ämter. Die Tapferkeit (virtus) galt nicht bloß bei den Römern als die einzig wahre Tugend, ſie war für alle älteren Zeiten eben die für die Stämme und Sippen, ihre Exiſtenz, ihre Kämpfe wichtigſte, um ſich zu behaupten. Und darum erwies man ihr eine Ehrfurcht, die heute kaum mehr vorhanden ſein kann, nur etwa in der Stellung unſeres Offizierſtandes noch nachklingt. Die kriegeriſchen Ariſtokratien gingen aus dieſen Tapferen und ihren Gefolgſchaften hervor.
Freilich iſt die Entſtehung eines beſonderen Kriegerſtandes bei den tüchtigſten und kühnſten Stämmen nicht der Anfang ihrer Militärverfaſſung. Beſonders einzelne Stämme mit Viehbeſitz, mit kräftigen Raſſeeigenſchaften, durch Klima, Schickſale und Wanderung auf ſtete Kämpfe hingewieſen, haben unter der Leitung begabter Führer eine Verfaſſung ausgebildet, nach der jeder erwachſene Mann zugleich Krieger war. Die bedeutendſten indogermaniſchen Völker, Griechen, Römer, Germanen, ſind hieher zu rechnen, welche in ihren Wandertagen und auch noch ſpäter in ihrer Geſamtheit Hirten, Ackerbauer und Krieger zugleich waren. Allerdings waren auch bei ihnen bald gewiſſe Modifikationen der allgemeinen Kriegspflicht nötig. Man bot jahres- oder zeitweiſe nur die Hälfte der Männer auf, während die anderen für dieſe arbeiteten. Man ließ zu kleineren Zügen nur die Jugend oder die Altersklaſſen bis zum 30., 40., 45. Jahre ausrücken; man begann die ſchwere Laſt der Ausrüſtung und eigenen Verpflegung wie den Kriegsdienſt ſelbſt nach der Größe des Grundbeſitzes oder Vermögens abzuſtufen.
Nur bei einem ſehr niedrigen Grade der wirtſchaftlichen Kultur, bei kleinen Stämmen, bei ſteter Bedrohung oder Wanderung konnten alle Männer Krieger ſein. Die wirtſchaftliche Laſt des Unterhaltes fiel dabei überwiegend auf die Weiber, die Jugend, die alten Leute, die Knechte. Als die höchſte kriegeriſche Leiſtung rechnet man heute, daß 25 % eines Stammes, die Geſamtheit der erwachſenen Männer, in den Krieg zogen; für gewöhnlich werden 15—20 % ſchon eine außerordentlich große Leiſtung geweſen ſein. Jeder Fortſchritt im Landbau und in der Seßhaftigkeit, jede friedliche Kultur, jede Vergrößerung des Stammgebietes drängte zu einer Arbeitsteilung, welche einen Teil der erwachſenen Männer vorübergehend oder dauernd von der kriegeriſchen Arbeit entlaſtete. Es geſchah in der Weiſe, daß kriegeriſche Stämme durch Eroberung und Unterwerfung ſich zum Kriegsadel eines größeren Gebietes machten, wie in Sparta, oder ſo, daß nur die Beſitzer größerer Landloſe noch Kriegsdienſte thaten, wie in Athen oder in Deutſchland mit Einführung des Reiterdienſtes und Lehnsweſens. Die indiſche, ägyptiſche, japaniſche Kriegerkaſte waren Ergebniſſe einer ähnlichen Entwickelung. Wo die Kriege ſeltener wurden, der Kriegsſchauplatz ferner lag, auf die Grenzen ſich beſchränkte, da genügte ein kleiner Teil des Volkes für die kriegeriſche Verteidigung. Aber es war der angeſehene, meiſt mit erheblichem Grundbeſitz ausgeſtattete. Die Entwöhnung des Bauern von der Führung des Schwertes bedeutete für ihn ein beſſeres wirtſchaftliches Fortkommen, aber allerdings auch eine tiefere ſociale Stellung. Die Scheidung des Volkes in einen kriegeriſchen und nicht kriegeriſchen Teil war zugleich eine ſolche in einen befehlenden und einen gehorchenden; denn die Kriegerariſtokratie kam neben den Prieſtern ebenſo an die Spitze des Staates, den ſie allein nach außen verteidigte, wie lokal an die Spitze der Selbſtverwaltung, da ſie allein Ruhe und Ordnung in jenen gewaltthätigen Zeiten aufrecht erhielt. Ein heroiſches Zeitalter ritterlicher Kultur knüpft ſich an die Tage ihrer Herrſchaft: für Jahrhunderte zerfielen die Völker in die drei Hauptgruppen der Prieſter, der Krieger, der Bauern und Bürger, wobei jedoch die zwei erſten herrſchenden Klaſſen nur einen mäßigen Bruchteil ausmachten, die Maſſe des übrigen Volkes häufig in eine untergeordnete, abhängige Stellung kam.
Mit der Zeit aber geht ein wachſender Teil der Amtsgeſchäfte der Kriegerariſtokratie auf das Beamtentum, ein immer größerer Teil ihrer militäriſchen Thätigkeit auf die mittleren und unteren Klaſſen über. Die größeren techniſchen Anſprüche in beiderlei Richtung erzwingen dieſe weiteren Schritte der Arbeitsteilung. Mit dem Vordringen der Geldwirtſchaft und des beweglichen Beſitzes, mit der dichteren Bevölkerung, die ihren Unterhalt auf dem beſetzten Boden immer ſchwieriger findet, mit der Umwandlung des Kriegsadels in einen Grundbeſitz- und Amtsadel, mit der Schwierigkeit, die Ritterſchaft ſtets ſchlagfertig und kriegstüchtig zu erhalten, ſie auf entferntere Kriegsſchauplätze zu führen, beginnt der Kriegsdienſt gegen Geldſold, in den erſt die Söhne der Ritter und die verarmten Adeligen, dann die unteren Klaſſen des eigenen Volkes, endlich Fremde, zuletzt die beſitzloſen Proletarier von überallher eintreten. An den dauernden Solddienſt knüpfen ſich die großen techniſch-militäriſchen Fortſchritte: das Heer wird ſtehend, der Soldatenberuf ein ausſchließlicher Lebensberuf. Nicht nach Familie, Heimat, Grundbeſitz werden die Leute mehr gruppiert, ſondern nach Fähigkeit, Bewaffnung und Ausbildung; es entſtehen die adminiſtrativen und taktiſchen Einheiten des Heeres, die Waffenſpecialitäten, die hierarchiſche Ordnung von Ober-, Unteroffizieren und Mannſchaften. Ein gut geſchultes ſtehendes Heer von wenigen Prozenten der Bevölkerung reicht jetzt für die größten Staaten aus. Die ſtehenden Heere machen heute (nach Zahn) zwiſchen 0,1 % (Vereinigte Staaten) und 3,4 % (Frankreich) der Erwerbsthätigen aus; in Großbritannien ſind es 1 %, in Deutſchland 2,8 %. Von der Geſamtbevölkerung wären es noch weſentlich niedrigere Bruchteile. So iſt der hiſtoriſche Fortſchritt, welcher in der Einſchränkung des Waffendienſtes in den letzten 2—3000 Jahren liegt, etwa in dem Zahlenverhältnis auszudrücken: wo einſt 25 % der Bevölkerung, 35—40 % der Erwerbsthätigen, zum kriegeriſchen Schutze nötig waren, da reichen heute etwa 0,4—1,12 % der Bevölkerung, 1—3 % der Erwerbsthätigen aus.
Die reinen Soldheere, die im Altertume ſchon etwa 400 v. Chr. beginnen, auch in Rom unter Marius die alten Bauernſoldaten verdrängen, in der neueren Zeit vom 13.—18. Jahrhundert vorherrſchen, am früheſten und ausſchließlichſten reichen Handels- ſtaaten eigen ſind, führen aber zuletzt zu den größten politiſchen und ſocialen Mißſtänden. Während das übrige Volk in Feigheit und Genußſucht verweichlicht, ſetzt ſich der Soldaten- ſtand mehr und mehr aus den roheſten Elementen, barbariſchen Fremden, Soldatenkindern, Thunichtguten, Verbrechern zuſammen; ohne ſittlichen Zuſammenhang mit den Volks- und Staatsintereſſen, die er verteidigen ſoll, ergiebt er ſich Uſurpationen, erhebt ſeine Führer zur Diktatur, fordert unerſchwingliche Summen für ſeinen Unterhalt oder ſeine Beſtechung und ſchützt zuletzt ſo wenig vor innerer Auflöſung wie vor äußeren Feinden. Die zu weit getriebene Arbeitsteilung macht bankerott.
Daher iſt die neuere Zeit zu einem gemiſchten Syſtem zurückgekehrt: lebenslängliche Offiziere ſowie Unteroffiziere, die 8—15 Jahre dienen und dann in eine Civilſtellung übergehen, geben den Rahmen für ein ſtehendes Heer, für das die Männer vom 17. bis 42. Jahre (18 % der Bevölkerung) kriegspflichtig ſind, in dem die körperlich tüchtigen Männer der ganzen Nation in einer Übungszeit von einigen Monaten oder Jahren kriegeriſch ausgebildet werden, um dann ihrem anderen, dauernden Berufe zurückgegeben, nur im Kriegsfalle je nach Bedarf bis zu 7, 8 und 9 % der Bevölkerung zur Fahne gezogen zu werden. Im Offiziersdienſte verjüngt ſich der alte Grundbeſitzadel, indem er neue Pflichten auf ſich nimmt; er kann es aber nur, indem er ſelbſt zugleich die höhere geiſtige Bildung der liberalen Berufe erwirbt und ſich mit dieſen gleichſam ver- ſchwiſtert. Die allgemeine Wehrpflicht der übrigen Klaſſen iſt die ſtärkſte Korrektur der ſonſtigen ſo weitgehenden, teilweiſe übertriebenen Arbeitsteilung überhaupt, ein Erziehungsmittel für die ganze Nation, ſowie ein ſicheres Gegenmittel gegen die Mißbräuche der Klaſſenherrſchaft.
115. Die Händler. Ein gewiſſer Handel und Tauſchverkehr hat ſich ſehr frühe entwickelt. Wir kennen kaum Stämme und Völker, die nicht irgendwie durch ihn berührt würden. Die verſchiedene techniſche und kulturelle Entwickelung ſchuf in der allerfrüheſten Zeit bei einzelnen Stämmen beſſere Waren und Werkzeuge; die Natur gab verſchiedene Produkte, welche bei den Nachbarn bekannt und begehrt wurden. Und überall hat ſich die Thatſache wiederholt, daß der Wunſch nach ſolchen Waren und Produkten Jahrhunderte, oft Jahrtauſende früher lebendig wurde als die Kunſt, ſie herzuſtellen; für viele war dies ja an ſich durch die Natur ausgeſchloſſen.
Der erſte Handel und Tauſchverkehr war nun aber lange ein ſolcher ohne Händler. Schon in der Epoche der durchbohrten Steine gelangen Werkzeuge und Schmuckſachen von Stamm zu Stamm auf Tauſende von Meilen. Ein ſprachloſer, ſtummer Handel beſteht noch heute am Niger; auf den Stammgrenzen kommt man zuſammen, legt einzelnes zum Austauſch hin, zieht ſich zurück, um die Fremden eine Gegengabe hinlegen zu laſſen, und holt dann letztere. Innerhalb desſelben Stammes hindert lange die Gleichheit der perſönlichen Eigenſchaften und des Beſitzes jedes Bedürfnis des Tauſches. Auch auf viel höherer Kulturſtufe finden wir noch einen Handel ohne Händler, wie z. B. zwiſchen dem Bauer des platten Landes und dem Handwerker der mittelalterlichen Stadt lange ein ſolcher Austauſch der Erzeugniſſe ſtattfindet, ein Handel zwiſchen Produzent und Konſument. Zwiſchen verſchiedenen Stämmen gaben die Häuptlinge und Fürſten am eheſten die Möglichkeit und den Anlaß zum Tauſch. Daher ſind lange dieſe Spitzen der Geſellſchaft die weſentlich Handeltreibenden. In Mikroneſien iſt heute noch dem Adel Schiffahrt und Handel allein vorbehalten; die kleinen Negerkönige Afrikas ſuchen noch möglichſt den Handel für ſich zu monopoliſieren. Ähnliches wird von den älteren ruſſiſchen Teilfürſten berichtet; die Haupthändler in Tyrus, Sidon und Israel waren die Häuptlinge und Könige.
Nur bei ſolchen Stämmen, die, entweder am Meere lebend, Fiſchfang und Schiffahrt frühe erlernten, oder als Hirten mit ihren Herden zwiſchen verſchiedenen Gegenden und Stämmen hin und her fuhren, wie bei den Phönikern und den arabiſch-ſyriſchen Hirten- ſtämmen, konnten ſich der abenteuernde Sinn, die kühne Wageluft, der rechnende Erwerbsſinn entwickeln, die in breiteren Schichten der Stämme Handelsgeiſt und Handelsgewohnheiten, ſowie Markteinrichtungen nach und nach ſchufen. Ihnen ſteht die Mehrzahl der anderen Stämme und Raſſen mit einer zähen, Jahrhunderte lang feſtgehaltenen Abneigung gegen den Handel gegenüber; ſie dulden Generationen hindurch eher, daß fremde Händler zu ihnen kommen, als daß ſie ſelbſt den Handel erlernen und ergreifen. So iſt bei den meiſten, beſonders den indogermaniſchen Völkern der Handel durch Fremde und Fremdenkolonien nur ſehr langſam eingedrungen. Die Phöniker, Araber, Syrer und Juden waren die Lehrer des Handels für ganz Europa. Die Araber ſind es noch heute in Afrika, wie die Armenier im Orient, die Malaien und Chineſen vielfach in Oſtaſien. Bis auf den heutigen Tag ſind in vielen Ländern einzelne Handelszweige in den Händen fremder Raſſen, wie z. B. in London der Getreidehandel weſentlich von Griechen und Deutſchen, in Paris das Bankgeſchäft hauptſächlich von Genfer Kaufleuten und deutſchen Juden begründet wurde, in Mancheſter noch heute ein erheblicher Teil des Baumwollwarenhandels in fremden Händen liegt. In Indien kann der Krämer und Händler des Dorfes noch heute nicht Gemeindemitglied ſein (Maine). Im Elſaß wohnt der jüdiſche Vermittler nicht in dem Dorfe, das ihm von ſeinen Freunden ſtill- ſchweigend als Geſchäftsgebiet überlaſſen iſt. Am Handel klebt ſo ſehr lange die Vor- ſtellung, daß es ſich um ein Geſchäft mit Fremden handle.
Die älteren Händler ſind Hauſierer, die mit Karren, Laſttieren und Schiffen von Ort zu Ort, von Stamm zu Stamm, von Küſte zu Küſte ziehen; ſie ſind meiſt Groß- und Kleinhändler, Frachtführer und Warenbeſitzer, oft auch techniſche Künſtler und Handwerker zugleich. Die wertvollſten Waren, mit ihren großen örtlichen Wertdifferenzen, Vieh und Menſchen, Salz, Wein und Gewürze, Edelſteine, Metalle und Werkzeuge ſind die Lockmittel jenes erſten Verkehrs. Von dem römiſchen Weinhauſierer, dem Caupo, ſtammt das Wort Kaufmann. Es iſt ein Handel, der ſtets Gefahren mit ſich bringt, Verhandlungen mit fremden Fürſten und Stämmen, ein gewiſſes Fremdenrecht, Be- ſchenkung und Beſtechung der zulaſſenden Häuptlinge oder auch Bedrohung und Vergewaltigung derſelben vorausſetzt. Leichter erreichen die Händler ihr Ziel, wenn ſie in gemeinſamen Schiffs- und Karawanenzügen, unter einheitlichem Befehle, mit Waffen, Gefolge und Knechten auftreten. So wird die Organiſation dieſes Handels in die Fremde meiſt eine Angelegenheit der Fürſten oder gar des Stammes, jedenfalls der Reichen und Angeſehenen; Stationen und Kolonien werden nicht bloß für die einzelnen Händler, ſondern für das Mutterland erworben; die Händler desſelben Stammes treten draußen, ob verabredet oder nicht, als ein geſchloſſener Bund auf, der nach ausſchließlichen oder bevorzugten Rechten ſtrebt. An der Spitze ſolcher Handelsunternehmungen ſtehen Männer, die als Diplomaten, Feldherren, Koloniegründer ſich ebenſo auszeichnen müſſen wie durch ihr Geſchäftstalent. Sie ſtreben ſtets nach einer gewiſſen Handelsherrſchaft und ſuchen mit Gewalt ebenſo oft wie durch gute Bedienung ihrer Kunden ihre Stellung zu behaupten. Von den phönikiſchen und griechiſchen Seeräuberzügen und den Wikingerfahrten bis zu den holländiſch-engliſchen Kaper-, Opium-, Gold- und Diamantenkriegen klebt Liſt und Betrug, Blut und Gewaltthat an dieſem Handel in die Fremde, deſſen Formen außerhalb Europas heute noch vielfach vorherrſchen.
Meiſt leben dieſe älteren Kaufleute nicht ausſchließlich von Handel und Verkehr; ſie ſind zu Hauſe Grundbeſitzer, Ariſtokraten, Häuptlinge, oft auch Prieſter; der römiſche Handel tritt uns bis in die Kaiſerzeit als eine Nebenbeſchäftigung des Großgrundbeſitzes entgegen; der puniſche Kaufmann iſt Plantagenbeſitzer, der mittelalterliche vielfach zugleich Brauer und ſtädtiſcher Grund-, oft auch ländlicher Rittergutsbeſitzer. Aber wo der Handel dann eine gewiſſe Blüte erreicht hat, da ſind es die jüngeren Söhne, die Knechte und Schiffer, die Träger und Kamelführer, die nach und nach mit eigener Erſparnis und auf eigene Rechnung anfangen zu handeln; ſo entſteht ein Kaufmannsſtand, der ausſchließlich oder überwiegend vom Handelsverdienſt lebt, ſoweit die betreffenden nicht, wie ihre Principale, wieder durch ihren Beſitz zugleich in die höhere Klaſſe der Grundbeſitzer und Ariſtokraten einrücken.
Der ältere Kaufmann iſt ſo im ganzen wie der Prieſter und der Krieger eine ariſtokratiſche Erſcheinung. Der Handel größeren Stils bietet noch leichtere Möglichkeiten des Gewinnes als jene Berufe; er iſt lange ein Monopol beſtimmter Stämme, Städte, Familien; er fordert Talent, Mut, Charakter, er bietet Gelegenheit zu Liſt, Gewalt und Herrſchaft; daher iſt der Merkur der Gott der Kaufleute und der Diebe. Für die naive ältere Auffaſſung iſt der Kaufmann der ſtolze, hochmütige, zungenfertige, ſprachkundige, weltbürgerliche, von der Heimat losgelöſte Völkervermiſcher, welcher Kultur, Luxus, höhere Geſittung, aber auch Auflöſung der beſtehenden Sitten und allerlei Laſter bringt. Neben dem ariſtokratiſchen Kaufmann, der in die Fremde zieht, ſtehen nun aber teils von Anfang an, teils bald darauf weitere arbeitsteilige Glieder von Handel und Verkehr, die mehr dem Mittelſtande oder gar den unteren Klaſſen angehören. Schon die kleineren Hauſierer, die teils im Gefolge des großen Kaufmannes, teils ſelbſtändig mit etwas höherer wirtſchaftlicher Entwickelung entſtehen, gehören hieher.
In dem Maße, wie aus den älteren Märkten, die einigemale im Jahre bei Gelegenheit der Gerichts- und Volksverſammlung, der kirchlichen Feſte gehalten werden, täglich ſtattfindende Märkte werden, treffen wir ſeßhafte Kleinkaufleute, Krämer, Höker, welche, mit kleinem Gewinn ſich begnügend, den lokalen Detailhandel übernehmen; es entſteht daneben ein offizielles Marktperſonal von Marktmeiſtern, Meſſern, Trägern, Maklern, Warenprobierern, denen ſich erſt der fremde Münzer und Geldwechsler, dann der heimiſche zugeſellt. Aus letzteren erwächſt ſpäter der Bankier und das ganze Kreditgeſchäft, das aber lange auch von anderen Großkaufleuten, von Klöſtern und Stadtverwaltungen, von Goldſchmieden nebenher betrieben wird, erſt im Laufe der letzten 200 Jahre ſeine große, ſelbſtändige Ausbildung, ſeine Specialitäten, ſeine innere, weitgehende Arbeitsteilung empfangen hat.
Das Verkehrsgeſchäft iſt ſehr lange Sache des reiſenden Kaufmanns ſelbſt. Er verpflegt ſich unterwegs ſelbſt oder nimmt Gaſtfreundſchaft in Anſpruch, er beſitzt eigene Schiffe, Pferde und Wagen, er oder ſeine Diener begleiten die Waren ſelbſt. Im Orient kehrt er noch heute in der von den öffentlichen Gewalten hergeſtellten Karawanſerei ein, die ihm nur leere Räume bietet. Gaſthäuſer ſind erſt langſam im Mittelalter aufgekommen, noch im vorigen Jahrhundert mußte die preußiſche Verwaltung ſich bemühen, ſie durch beſondere Begünſtigungen ins Leben zu rufen, während heute das Gaſthaus, die Bank und die Poſtſtelle die erſten Häuſer einer ſtädtiſchen Neugründung in Amerika ſind, und die europäiſche Gaſthausinduſtrie eine der großartigſten, techniſch und auch arbeitsteilig vollendetſten iſt.
Die Entſtehung eines beſonderen Frachtgewerbes haben wir am Waſſer zu ſuchen. Der Schiffer, der freilich lange zugleich Fiſcher bleibt, auch einzelne Zweige des Handels, ſo hauptſächlich den Getreide- und Holzhandel, mit ſeinem Frachtgewerbe verbindet, nimmt den Kaufmann und ſeine Waren ſchon bei den Phönikern und im Altertume auf; aber daneben bleiben vielfach die Großkaufleute der Seeſtädte Reeder und Schiffsbeſitzer bis heute. Viel langſamer entwickelt ſich ein beſonderes Frachtfuhrgeſchäft auf dem Lande. Das Altertum hat nur Spuren davon; die neueren Zeiten haben es vom 15.—18. Jahrhundert langſam entſtehen ſehen; die Metzger und Bauern an den Haupt- ſtraßen beſchäftigen lange ihre Pferde nebenher in dieſer Weiſe, bis das regelmäßige Frachtfuhrgeſchäft als ſelbſtändiges Gewerbe ſich lohnte. Eine Poſt im Dienſte der kaiſerlichen Verwaltung hat das Altertum gekannt, aber nicht im Dienſte des Verkehrs; erſt aus den ſtädtiſchen und fürſtlichen Botenkurſen des 15.—17. Jahrhunderts ſind die Poſten unſerer Tage als ſelbſtändige, dem Brief-, Perſonen- und Frachtverkehr dienende Inſtitute erwachſen. An ſie knüpfen ſich als große Privatunternehmungen oder Staatsinſtitute unſere heutigen Eiſenbahnen, Telegraphenanſtalten, Poſtdampferlinien, Telephoneinrichtungen mit ihrem arbeitsteiligen Perſonal von Tauſenden von Perſonen.
Alle dieſe Inſtitutionen zuſammen haben vom 16. Jahrhundert an unſern Handel und ſeine Einrichtungen in den civiliſierten Staaten und zwiſchen ihnen gänzlich umgeſtaltet. Nun konnte der Kaufmann zu Hauſe bleiben, durch Briefe und Frachtgeſchäfte, welche andere beſorgten, ſeinen Handel abmachen; er brauchte nicht mehr in gleichem Maße wie früher allein oder in Genoſſenſchaft ſich eine Stellung in fremden Ländern zu erkämpfen; Derartiges nahm ihm, wenigſtens teilweiſe, die Staatsgewalt ab. Selbſt die Warenlagerung und das Vorrätehalten ging teilweiſe auf beſondere Geſchäfte und Organiſationen, wie die öffentlichen Lagerhäuſer, über; das Spekulieren, das Ein- und Verkaufen auf der Börſe, durch den reiſenden Commis, durch Korreſpondenz trat in den Vordergrund der großen, das Ladengeſchäft in den Vordergrund der kleinen Geſchäfte.
Aber weder damit, noch mit der Scheidung der Handelsvon den Verkehrsgeſchäften und -organen, noch mit der Ausbildung der beſonderen Kredithändler, der Banken iſt die neuere Arbeitsteilung im Handel und Verkehr erſchöpft, die Stellung des neueren Händlertums charakteriſiert. Man wird ſagen können, vom 15. und 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart habe der Handelsſtand erſt ſeine ſelbſtändige höhere Ausbildung und Teilung erreicht, ſei er erſt der Beherrſcher und Organiſator der Volkswirtſchaft geworden. Erſt von da an hat die Gütercirkulation, der Abſatz, die interlokale und internationale Teilung der Arbeit ſo zugenommen, daß ſie überall des Handels und ſeiner Teilorgane bedurfte. Erſt jetzt entſtand für einzelne Handwerkswaren ein Abſatz in die Ferne durch den Kaufmann; der Handel ſchuf die Hausinduſtrie, wie er ſpäter hauptſächlich die Großunternehmung ins Leben rief. Wir werden unten darauf zurückzukommen haben, daß die ganze Unternehmung weſentlich durch den Gewinn auf dem Markte, durch den Handel und den Kaufmann entſtand. Die großen Meſſen gehören der Zeit von 1500—1800, die größeren Börſen der von 1800—1900 an. Beide ſind Ergebniſſe des Handels. Die ganze privatwirtſchaftliche, ſpekulative Seite der heutigen Volkswirtſchaft hängt am Handel, liegt in den Händen der Kaufleute, iſt von der arbeitsteiligen Handels- und Verkehrsorganiſation abhängig, welche ſich immer einflußreicher, komplizierter geſtaltet hat; ſie beherrſcht Induſtrie und Landwirtſchaft, den großen Teil der wirtſchaftlichen Produktion und die Verteilungsgeſchäfte, welche die Güter den einzelnen zuführen.
Allerdings zeigen die Handels-, Verſicherungs-, Verkehrs- und Beherbergungsgewerbe in unſerer heutigen Berufs- und Gewerbeſtatiſtik entfernt nicht die Speciali- ſierung wie die Induſtrie. Aber in der deutſchen Zählung von 1882 ſind doch für den Handel mit Tieren 32, mit landwirtſchaftlichen Produkten 121, mit Brennmaterialien 33, mit Metallen 51, mit Kolonial-, Eß- und Trinkwaren 121, mit Schnittwaren 126, mit Kurz- und Galanteriewaren 51 Specialitäten von Geſchäften verzeichnet. Die Anpaſſung der Verkaufsgeſchäfte an die Bedürfniſſe der verſchiedenen Klaſſen und Orte hat Magazine und Läden jeder Art, von den kleinſten bis zu den Rieſenbazaren geſchaffen. Die ver- ſchiedenſten Formen des Verkaufs ſtehen nebeneinander: Hauſierbetrieb, Wochen-, Jahrmarkts-, Markthallenverkauf, Auktionsgeſchäfte, Wander- und ſtehende ſtädtiſche Verkaufslager. Die Linien zwiſchen Produktion und Konſumtion werden durch Makler, Agenten, Kommiſſionäre, Groß- und Kleinhändler aller Art verlängert. Und ſo ſehr an vielen Stellen die Zunahme und Verbeſſerung der Verkehrsmittel früher notwendige Mittelglieder des Handels ausmerzt, da und dort entſtehen wieder neue. Und jedenfalls iſt die Macht und der Einfluß des Händlertums immer noch eher im Wachſen, ſo ver- ſchiedenartig Stellung und Einfluß der Elemente ſind.
Die kleinen Ladenhalter, Höker, Hauſierer, das Perſonal der Markthelfer, Packer, Träger, Dienſtmänner, das ſubalterne Perſonal aller Verkehrsanſtalten ſteht mit dem gelernten und ungelernten Arbeiter auf einer Stufe, die kleinen Ladengeſchäfte mit dem Handwerker, die großen Ladengeſchäfte rechnen zum höheren Mittelſtande; ihre Tauſende von Commis und ſonſtigen Gehülfen gehören teils ihm, teils dem höheren Arbeiterſtande an. Über all’ dem ſtehen die höhere Geſchäftswelt, die Großhändler, die Direktoren und Leiter der Aktiengeſellſchaften, Kartelle, Banken und ähnlicher Geſchäfte; ſie bilden die Spitze der kaufmänniſchen Welt. Sie werden nicht mehr Fürſten, wie einſt die Medici oder heute noch glückliche arabiſche Händler in Afrika, aber ſie überragen an Reichtum, Macht und Einfluß doch da und dort alle anderen Kreiſe der Geſellſchaft, beherrſchen in einzelnen Staaten Regierung und Verwaltung nicht minder als einſt in Karthago, Venedig und Florenz. Nur wo eine alte, ſtarke Monarchie, eine geſunde und große Grundariſtokratie, eine ausgebildete Heeres- und Beamtenverfaſſung iſt, exiſtieren noch ſtarke Gegengewichte, welche ihren monopolartigen Einfluß in der Volkswirtſchaft und Geſetzgebung, ſowie im Staatsleben im ganzen hemmen, ihren großen Gewinnen gewiſſe Schranken ſetzen.
Die höhere Schicht der kaufmänniſchen Welt ſtützt ſich auf ihren beweglichen Kapitalbeſitz, wie die Grundariſtokratie auf ihren Grundbeſitz. Aber es iſt eine ſehr ſchiefe Auffaſſung, aus dem Kapital an ſich alles heute abzuleiten, was Folge der techniſchen, geiſtigen und moraliſchen Eigenſchaften der Kaufleute, was das Ergebnis ihrer Marktkenntnis und -beherrſchung, ihrer Organiſation, ihres teilweiſe vorhandenen Monopolbeſitzes der Geſchäftsformen und Geſchäftsgeheimniſſe iſt. Ihre Stellung in der modernen Volkswirtſchaft hat man lange von der günſtigſten Seite, neuerdings unter dem Eindrucke gewiſſer Mißbräuche und Entartungen, auch unter dem Einfluſſe ſocialiſtiſcher Theorien vielfach überwiegend zu ungünſtig be- und verurteilt. Gewiß kann der habſüchtige Handelsgeiſt entarten, in herrſchſüchtiger Monopolſtellung für Volkswirtſchaft und Staat große Gefahren bringen. Aber nie ſollte man dabei überſehen, daß die arbeitsteilige Ausbildung des Handelsſtandes der Fortſchritt iſt, der unſere moderne Volks- und Weltwirtſchaft ſchuf. Und ſtets ſollte man ſich klar ſein, daß dieſer Handelsgeiſt je nach den Menſchen, ihren Gefühlen und Sitten, ihrer Moral und Raſſe etwas ſehr Verſchiedenes ſein kann. Eine fortſchreitende Verſittlichung der Geſchäftsformen kann die Auswüchſe des egoiſtiſchen Handelsgeiſtes abſchneiden; ein reeller Geſchäftsverkehr, eine ſteigende Ehrlichkeit und Anſtändigkeit in Handel und Wandel kann Platz greifen; durch Staats- und Kommunalbanken, durch Genoſſenſchaften und Vereine, die wirtſchaftliche Funktionen übernehmen, teilweiſe auch durch das Aktienweſen und ſeine Beamten kommt in einen Teil des Geſchäftslebens ein anderer, zugleich auf Geſamtintereſſen gerichteter Geiſt. Die großen Organiſationen der Induſtrie und der Landwirtſchaft haben ſich teilweiſe ſchon von der Vorherrſchaft des Händlertums befreit. Alle Gefahren wucheriſcher Ausbeutung der übrigen Volksklaſſen und des Staates durch die Händler werden in dem Maße zurückgedrängt, wie das ganze Volk die modernen Handels- und Kreditformen erlernt und beherrſcht.
Für das Verſtändnis der neueren politiſchen und volkswirtſchaftlichen Entwickelung der Kulturvölker iſt es eine Erſcheinung von größter Bedeutung, daß von den drei bisher geſchilderten, durch Arbeitsteilung entſtandenen ariſtokratiſchen Gruppen der Geſellſchaft die beiden erſteren, die Prieſter und Krieger, wenn nicht verſchwunden, ſo doch ihrer Übermacht entkleidet ſind; ihre Berufe dauern in weſentlich anderen geſell- ſchaftlichen Formen heute fort. Wohl giebt es noch Staaten mit ſtarker Prieſterſchaft; aber die höher civiliſierten, beſonders die proteſtantiſchen, haben eine Geiſtlichkeit, einen Lehrerſtand ohne wirtſchaftliche Vorrechte und Übermacht. Wohl giebt es noch Militär- ſtaaten, wie Preußen, aber der Offiziersſtand herrſcht nicht, rekrutiert ſich aus allen Kreiſen der Gebildeten; die allgemeine Wehrpflicht hat das proletariſche Söldnerberufsheer mit ſeiner einſeitigen Arbeitsteilung abgelöſt.
Die Handelsariſtokratie der Gegenwart konnte und kann nicht ebenſo verſchwinden, weil ihre arbeitsteilige Funktion, die Leitung und Regulierung der wirtſchaftlichen Produktion, der Verteilung der Güter erſt in den letzten 2—3 Jahrhunderten entſtand und heute unentbehrlich iſt. Wäre der Handel aller Zwiſchenhändler ſo entbehrlich, wie die Socialiſten meinen, verdienten die kaufmänniſchen Fabrikleiter ihre Gewinne nur mit demſelben Rechtstitel wie die Jungen, die über die Mauer ſteigen, um Äpfel zu ſtehlen (Kautsky), dann wäre dieſe Handelsariſtokratie auch ſchon verſchwunden. Sie wird bleiben, ſo lange ſie am beſten große und wichtige Funktionen der Volkswirtſchaft verſieht. Aber ihre einſeitige Herrſchaft wird abnehmen, wie wir eben ſchon andeuteten. —
116. Die Entſtehung eines Arbeiterſtandes. Sklaverei, Leibeigen- ſchaft. Die drei Gruppen der Geſellſchaft: Prieſter, Krieger, Händler, bleiben die Grundtypen aller Ariſtokratie. Die betreffenden Individuen und Geſellſchaftsgruppen ſteigen durch eigentümliche Kräfte und Vorzüge empor, erreichen durch ſie die größere Ehre, die größere Macht, das größere Einkommen und Vermögen. Sie ſteigen in harten Daſeinskämpfen auf, denen Gewalt, Betrug und Mißbrauch ſo wenig fehlen kann wie allem Menſchlichen. Die Prieſter haben Dokumente gefälſcht, um ihren Beſitz zu mehren, die Ritter haben widerrechtlich Bauern von ihren Hufen vertrieben, die Händler haben mit Liſt und Betrug, mit Wucher und oft auch mit Gewalt ihren Beſitz vergrößert. Sie haben ſtets geſucht, ihre Stellung um jeden Preis zu befeſtigen, ſie haben die übrige Volksmaſſe herabgedrückt, ſie ihrer Leitung und Gewalt unterſtellt. Aber auch in der Gruppenbildung, welche einzelne Befehlende und viele Gehorchende ſchuf, lag ein Fort- ſchritt für die Zukunft. Denn es war die Bedingung jeder größeren feſten Organiſation und zugleich die der künftigen Emporhebung und Erziehung der Maſſen, wenn auch zunächſt damit Härten und Mißbildungen aller Art eintraten.
Die erwähnten ariſtokratiſchen Gruppen werden meiſt nur einige Prozente der Völker ausgemacht haben; die Maſſe lebte in hergebrachter Weiſe weiter, als kleine Ackerbauern, Hirten, Waldbewohner, in den Städten nach und nach als Handwerker. Dieſe Gruppen der Geſellſchaft, aus denen dann der Mittelſtand ſich zuſammenſetzte, treten uns bald allein, bald auch in Verbindung mit einer unter ihnen ſtehenden Schicht entgegen. Sie kommen teilweiſe auch in Abhängigkeit von den ariſtokratiſchen, führenden Teilen der Geſellſchaft, teilweiſe behaupten ſie eine gewiſſe Freiheit. Jedenfalls ſind es Teile der Geſellſchaft, die mehr die alte Zeit, Technik, Wirtſchaftsweiſe, als die neue repräſentieren, aus denen heraus viel weniger als aus den ariſtokratiſchen der Fortſchritt entſpringt. Die führenden Elemente bedürfen ſtets der mechaniſchen Hülfe, der dienenden Kräfte; wo Großes geſchehen ſoll, da geht es nicht anders. Nur wo ein Kluger und Kräftiger befahl, und die, welche über gute Arme verfügten, gehorchten, nur wo eine gewiſſe Arbeitsteilung zwiſchen geiſtiger und mechaniſcher Arbeit Platz griff, konnten erhebliche politiſche und wirtſchaftliche Erfolge erzielt werden. Die aufſteigenden höheren Klaſſen bedurften überall mit der Zeit einer ſolchen Arbeitsteilung.
Sie war zunächſt überall durch die patriarchaliſche Familienverfaſſung gegeben: die Frauen, die Söhne und Töchter, oft auch verheiratete Kinder, ältere unverheiratete Geſchwiſter und Verwandte, die Knechte und Mägde waren in ihr die ausführenden Kräfte. Soweit die patriarchaliſche Familie Platz griff, entſtand ſo eine Arbeitsteilung teils für Jahre, teils fürs Leben, die nur eine kleine Zahl Befehlender kannte. Die kleine, neuere Familie ſchuf dieſe Stellung für eine etwas größere Zahl. Aber auch ſie beließ zunächſt den größeren Teil der 12—30jährigen in einem Dienſt- oder Arbeitsverhältnis bei ihren Eltern oder in anderen Familien, in Kleinbetrieben; ihre Stellung war auch in letzteren vielfach die von Familiengenoſſen, welche Wohnung, Unterhalt und Kleidung, daneben einige Geſchenke, auch etwas Geld erhielten. Wir werden unten darauf zurückkommen, welch’ großer Teil der heute in der Statiſtik aufgeführten Arbeiter noch Familienglieder oder Leute ſind, welche, ohne dem Arbeiterſtande anzugehören, bis zum 25. oder 30. Jahre in einer dienenden Arbeitsſtellung ſind.
Aber wo die herrſchaftlichen Organiſationen ſich ausdehnten und befeſtigten, reichten vielfach die Familienglieder und jungen, freien Leute nicht aus. Wo verſchiedene Raſſen und Völker ſich bekämpften, die einen die anderen unterwarfen, wo dann ver- ſchiedene Raſſen durcheinander wohnten, ergaben ſich hiedurch Abhängigkeitsverhältniſſe, die nicht bloß auf die Jüngeren ſich beſchränkten. Es entſtanden ſo beſondere Klaſſen mechaniſch dienender Kräfte als die notwendigen Ergänzungsglieder der ariſtokratiſchen Kreiſe und ihrer Organiſationen.
Die geſellſchaftliche und wirtſchaftliche Lage dieſer Kreiſe fand ihren rechtlichen Ausdruck in den drei großen Inſtitutionen der Sklaverei, der Leibeigenſchaft, der freien Arbeit. Die erſtere knüpft in ihrer Entſtehung rein an die Familie an, wird aber dann mit der Entſtehung der Unternehmung etwas weſentlich anderes; die Leibeigenſchaft knüpft an die Unterwerfung ganzer Stämme an und wird das ergänzende Glied der Grundherrſchaft; die perſönlich freie Lohnarbeit iſt das Ergebnis der modernen perſönlichen Freiheit, des Rechtsſtaates und der Geldwirtſchaft und bildet das ergänzende untere Glied der modernen Unternehmung.
a) Sklaven. Die Wurzeln der Sklaverei liegen, wie erwähnt, in der herrſchaftlichen Familienverfaſſung. Wo bisher der Kannibalismus geherrſcht, d. h. wo man jeden Stammfremden als rechtlos betrachtet, ihn getötet und verzehrt hatte, da war es ein großer Fortſchritt der Menſchlichkeit und der wirtſchaftlichen Zweckmäßigkeit, wenn man den Gefangenen nicht mehr tötete oder den Göttern opferte. Wie man Frau und Kinder damals als verkäufliches Eigentum in der Regel betrachtete, ſo begann man ebenſo die erbeuteten oder erkauften Knechte und Mägde zu behandeln; man ſchonte ſie, um ſie zur Arbeit zu gebrauchen; man ſah in ihnen nur die Arbeitskräfte, aber in ähnlicher Schätzung ſtanden auch die Weiber und Kinder. Gewiſſe Fortſchritte in der Familienverfaſſung und in der Technik, welche folgſame Arbeitskräfte als wünſchenswert erſcheinen ließen, mußten vorhanden ſein, um die Sklaverei entſtehen zu laſſen. Meiſt nur Hirten- und Ackerbauſtämme (neben wenigen hochſtehenden Fiſchern) und meiſt nur kriegeriſche haben die Inſtitution ausgebildet; ſie wurde für lange Zeiträume die große mechaniſche Arbeitsſchule der Menſchheit. Da ſie in der älteren Zeit faſt regelmäßig nur durch Krieg und Beutezüge entſteht, ſo ſind es die ſchwächeren, weniger gut organiſierten, weniger klugen Stämme und Raſſen, welche ihr unterliegen. In dieſer Raſſendifferenz ſah man im Altertume und bis in die neuere Zeit ihre Rechtfertigung: wie das Kind, ſo hieß es, bedarf der niedriger ſtehende Erwachſene der herrſchaftlichen Leitung und Zuchtrute, des Zwanges zur Arbeit; er iſt zur mechaniſchen Arbeit brauchbarer als zur geiſtigen. Er läßt ſich Leitung und Herrſchaft nicht nur gefallen, er liebt ſeinen Herrn, giebt ſich ihm in Treue und Gehorſam völlig hin.
Der Sklave iſt Eigentum des Herrn; er wird von ihm unterhalten und muß diejenigen Leiſtungen verrichten, die ihm befohlen werden; das ſind bei einzelnen auch höhere Arbeiten aller Art, bei den meiſten aber handelt es ſich um die mühevollen mechaniſchen Dienſtleiſtungen in Haus und Hof, in Wald und Acker, ſpäter im Bergwerke, auf den Schiffen, in den Handwerken und Fabriken. Die Sklaverei erzeugt ſo nicht ſowohl einen beſtimmten Beruf, als in aller Thätigkeit die Scheidung zwiſchen der leitenden und befehlenden und der mechaniſchen, ausführenden Arbeit. Der Sklave iſt das unterſte Glied der Hauswirtſchaft; die bisher den Frauen zugemuteten ſchwerſten Arbeiten werden nun ihm auferlegt; er hat keine eigene Wirtſchaft, meiſt keine Familie; auch wenn die Sklaven maſſenweiſe erbeutet wurden, hat man ſie einzeln dem König, den Häuptlingen, einem Tempel, einzelnen Familienvätern zugewieſen.
Ihre Rechtsſtellung iſt urſprünglich mit der Familienverfaſſung gegeben; ſie ſind nicht gänzlich rechtlos, ſo lange ſie als Familienglieder behandelt werden. Noch heute heiraten in Afrika viele Sklaven die Töchter ihrer Herren; der Islam hat ſtets eine Sklavenbehandlung angeſtrebt, die mit der Freilaſſung endigt. Aber wo der Familien- ſklave übergeht in den Plantagen- und Bergwerksſklaven, wo der Sklave nicht mehr in perſönlicher Berührung mit dem Herrn ſteht, nicht mehr in der Familie mit dem Herrn lebt, wo er von ihm nur noch als eine Erwerbsquelle angeſehen wird, wo an Stelle des Krieges der Sklavenhandel und die eigene Sklavenzüchterei die Hauptquelle der Sklaverei wird, wo ein hartes Schuldrecht die eigenen Volksgenoſſen der Sklaverei ausliefert, da entſteht jenes unbarmherzige, harte Sklavenrecht, das im Bewußtſein der Gegenwart häufig als deſſen einzige Form erſcheint. Es war eine Inſtitution, die ſich da notwendig zeigte, wo mit einfacher Technik große, rieſenhafte Leiſtungen nötig waren; nur mit harter Disciplin und unbarmherziger Behandlung ließen ſich wohlgeſchulte Arbeitercompagnien aus den meiſt auf tiefſter Stufe ſtehenden Raſſenelementen herſtellen. Die Verſchärfung des Sklavenrechtes war vielfach die Vorausſetzung, Großes und techniſch Beſſeres als bisher zu leiſten. Aber dieſes verſchärfte Sklavenrecht vergiftete mit ſeinen Folgen ebenſo das Familienleben der Sklaven, wie das Verhältnis zum Herrn; es führte ganz entmenſchlichte Verhältniſſe, barbariſche Mißhandlungen der oft gefeſſelten Sklaven herbei. Die Unternehmungen, die ganze Geſellſchaft wurde durch die zunehmenden Reibungen und Kämpfe gelähmt, kam an den Abgrund unhaltbarer, ſich immer weiter vergiftender geſellſchaftlicher Zuſtände.
Die Sklaverei, wie ſie in der ſpäteren römiſchen Republik und im Anfange des Principats, neuerdings in den Sklavenplantagen der europäiſchen Handelsvölker beſtand, war die härteſte Form der Arbeitsteilung und das höchſte Maß von ausbeutender Herrſchaft des Menſchen über den Menſchen. Ohne jedes Eigentum, oft ohne jede Familienfreude, ohne jede Ausſicht auf die Zukunft, ohne jeden ſtrafrechtlichen Schutz, oft ſchlechter als das Vieh ernährt und behauſt, wurde der Sklave gerade ſo viel geſchlagen und zur härteſten Arbeit gezwungen, wie man rechnete, den größten Gewinn mit ihm zu machen. Man kalkulierte, ob es billiger ſei, einen Negertrupp von achtzehnjährigen in 7 oder 14 Jahren aufzubrauchen, to use up. Die barbariſche Strenge iſt auf dieſem Standpunkte ſo richtig und konſequent wie das ſtrenge geſetzliche Verbot jedes Unterrichtes an die Sklaven. Haben doch noch engliſche Mancheſterleute den Schulunterricht der Arbeiterkinder als einen Verſtoß gegen die Arbeitsteilung bezeichnet.
Alle Sklaverei, die ältere milde und die ſpätere harte, leidet an dem Grundfehler, daß der Arbeitende gar kein Intereſſe an dem Erfolge der Arbeit hat, was um ſo mehr ſich geltend machen mußte, als ein Selbſtbewußtſein in dieſen Kreiſen erwachte. Als vollends der innere Kampf und die Erbitterung ſich immer weiter ſteigerten, mußte die Erkenntnis erwachen, daß das Syſtem ebenſoviel wirtſchaftlichen wie ſittlich-politiſchen Schaden ſtifte. Es trat teils eine ſucceſſive Milderung, teils eine plötzliche Aufhebung ein, wie ja auch ſchon während des Beſtehens der Sklaverei ſtets Hunderte und Tauſende der höher ſtehenden Sklaven durch Freilaſſung in eine beſſere Lage übergingen, freie Arbeiter, Kleinunternehmer oder was ſonſt wurden. Die langſame Umbildung der antiken Sklaverei durch die kaiſerliche, von Stoa und Chriſtentum beeinflußte Geſetzgebung in den Kolonat und andere Miſchformen der Unfreiheit, die Fortſetzung dieſes Prozeſſes durch die Kirche des älteren Mittelalters iſt eine der anziehendſten ſocialen hiſtoriſchen Erſcheinungen. Wir haben ſie ſo wenig wie die modernen Aufhebungen der Sklaverei hier darzuſtellen, wohl aber zu betonen, daß auch im günſtigſten Falle als die Nachwirkung des älteren Zuſtandes eines übrig bleibt: die tief in allen Gewohnheiten und Sitten des wirtſchaftlichen und ſocialen Lebens wurzelnde Thatſache, daß eine Minorität von höher Gebildeten und Beſitzenden die mechaniſche Arbeit der weniger Gebildeten und Beſitzenden leitet, ſo ſehr auch der Gegenſatz gemildert, die Rechtsformen des Verhältniſſes verbeſſert ſind.
b) Die verſchiedenen Formen der Halbfreiheit, welche begrifflich zwiſchen der Sklaverei und der freien Arbeit liegen, hiſtoriſch oftmals auch vor ihr und neben ihr entſtanden, werden gewöhnlich unter dem Begriffe der Hörigkeit zuſammengefaßt. Sie haben einen dreifachen Urſprung: 1. kriegeriſche Unterwerfung ganzer Stämme und Einverleibung ſolcher zahlreicher ſtammfremder Elemente in das Gemeinweſen zu minderem Rechte, 2. die Emporhebung früherer Sklaven und ganz Unfreier zu einer beſſeren Rechtsſtellung, wie im antiken Kolonat, und 3. die Herabdrückung früher freier Volksgenoſſen zu minderem Rechte, wie im Mittelalter die der zahlreichen freien Bauern zu Vogtei- und Zinsleuten. Die erſtgenannte Urſache iſt in älterer Zeit die am allgemeinſten vorkommende: die griechiſchen Heloten und Periöken, die ganze bäuerliche Bevölkerung in den Provinzen des römiſchen Reiches, die deutſchen Liten waren dieſer Art. Wo das wirtſchaftliche Leben wenigſtens bis zu ſeßhaftem, geordnetem Ackerbau gekommen iſt, wo ganze Stämme, Landſchaften und Länder erobert und unterworfen werden, wo gar Sprach- und Raſſenverwandtſchaft zwiſchen Siegern und Beſiegten beſteht, da können die Unterworfenen nicht alle zu Sklaven gemacht, den Hauswirtſchaften der Sieger einverleibt werden; man läßt ihnen ihren Ackerbeſitz, ihre ſelbſtändige Hauswirtſchaft; die Sieger nehmen nur teils für die Staatsgewalt, teils für die einzelnen eine Art Obereigentum am Beſitz und ein Recht auf gewiſſe Abgaben und Dienſte der Halbfreien in Anſpruch. Der Halbfreie entbehrt der politiſchen Rechte, darf häufig keine Waffen führen, iſt in der Wahl des Aufenthaltes und Berufes häufig beſchränkt, als Ackerbauer zum Teil an die Scholle gefeſſelt; aber er iſt ſtrafrechtlich gegen Unrecht, oft auch gegen Überlaſtung mit Abgaben und Dienſten geſchützt, er hat das Recht der Familiengründung und ein beſchränktes Eigentumsrecht, kann Prozeſſe führen, hat an halbfreien Gemeinden, Gilden und Vereinen vielfach einen Rückhalt; er iſt von den ſtaatlichen Militär-, Gerichts- und anderen Dienſten der Freien vielfach ganz oder zum Teil befreit; oft hat er Anſpruch auf Zuweiſung einer Ackerſtelle oder einer anderen Erwerbsgelegenheit gegenüber ſeinem Herrn. Die Verhältniſſe ſind ſehr mannigfaltig; es kommen Halbfreie in älterer Zeit auch in Städten und gewerblichen Betrieben vor, wie z. B. die griechiſchen Periöken, dann die römiſchen Freigelaſſenen, die amerikaniſchen Dienſtleute des 17. und 18. Jahrhunderts eine ſolche Klaſſe darſtellen; überwiegend aber ſind die Halbfreien kleine Ackerbauer in Ländern einer ſparſamen Bevölkerung ohne Geldwirtſchaft, die Hinterſaſſen des feudalen Grund- und Gutsherrn.
Es handelt ſich bei dem Verhältnis dieſer Halbfreien ebenſo ſehr um eine Verfaſſungs- und Verwaltungseinrichtung wie um die Ordnung des Arbeitsverhältniſſes. Verſchiedene Stämme und Raſſen konnten urſprünglich nicht in anderer Form ein einheitliches Gemeinweſen bilden, als in der von freien und halbfreien, ſtreng geſchiedenen Klaſſen; die Staats- und Kirchengewalt, die kriegeriſche Verfaſſung, die lokale Verwaltung konnte, ſo lange es keine Steuern gab, nicht anders organiſiert werden, als durch Zuweiſung von Land und Hörigen an diejenigen, welche dieſe höheren Dienſte für die Geſamtheit übernahmen. Auch wo im Anfang der Fürſt, der Prieſter, der Ritter eine Ackerwirtſchaft ähnlich wie der unterworfene Hörige führte, war der letztere doch zu gewiſſen Abgaben und Dienſten verpflichtet, und mehr und mehr mußte es dahin kommen, daß die höheren Klaſſen, um ihren Pflichten zu genügen, von der mechaniſchen Acker- und Hausarbeit ganz entlaſtet, dieſe ausſchließlich den Hörigen aufgebürdet wurde. Sie mußten Straßen und Kanäle, Kirchen und Burgen bauen, die Fuhren für die öffentliche Verwaltung und die Großen übernehmen, ihnen den Acker beſtellen, die Kinder ihnen für Jahre zum Geſindedienſte ausliefern. Die Ariſtokratie war ſo vom Drucke mechaniſcher Arbeit und Lebensnot befreit, die große Maſſe der Hörigen mußte ackern und fronen, damit bei dem damaligen Stande der Technik der Staat, die Kirche, ſowie die höheren Klaſſen als Träger der Kultur beſtehen konnten. Es war eine tiefgreifende Arbeitsteilung, die trotz aller Härten und Mißbräuche, die ſie erzeugte, für ihre Zeit ſo notwendig war wie jede andere. Es war ein Syſtem, das höher ſtand als die Sklaverei, weil es dem Halbfreien immer eine beſchränkte Sphäre individueller Freiheit und perſönlichen Eigentums garantierte; da wo der Druck nicht zu groß war, konnte eine gewiſſe Freude am eigenen Erwerbe, am Familienleben, am Vaterlande entſtehen. Aber auch oft war die Belaſtung eine ſo ſchwere, daß Stumpfheit und Gleichgültigkeit die Folge war, jedes Intereſſe an der Arbeit erlahmte.
Es war im ganzen ein zu rohes Rechtsverhältnis und eine zu rohe Art der Arbeitsteilung; es mußte zurücktreten und verſchwinden in dem Maße, wie die Gefühle, Rechtsanſchauungen und ſocialen Einrichtungen ſich verfeinerten, wie beſſere und feinere Arbeit gefordert wurde, wie die dichtere Bevölkerung, der beſſere Verkehr, die Geldwirt- ſchaft und die fortſchreitende Technik beſſere Formen der Arbeitsteilung ermöglichten. Wie im Altertum und Mittelalter die begabteren Unfreien und Halbfreien, die mit ſpecialiſierter, höher geſchätzter Thätigkeit Befaßten vielfach zur perſönlichen Freiheit, ja zur Ariſtokratie aufſtiegen — ich erinnere an die Freigelaſſenen Roms, an die ritterlichen unfreien Miniſterialen, an die urſprünglich unfreien Handwerker und Kaufleute in den mittelalterlichen Städten —, ſo hat in ſpäterer Zeit auch die geſamte ländliche hörige Bevölkerung die perſönliche Freiheit erreicht. Vom 15.—19. Jahrhundert haben die Hörigen Europas ſich losgekauft oder ſind durch Ablöſungsgeſetze befreit worden; ein Teil derſelben wurde damit in einen Stand kleiner Grundeigentümer, ein anderer in freie Lohnarbeiter verwandelt. Es iſt klar, daß die Nachwirkung dieſer älteren Zu- ſtände heute noch nicht verſchwunden ſein kann. Die Mehrzahl unſerer europäiſchen Lohnarbeiter ſind Nachkommen von Hörigen; in unſeren Einrichtungen und Sitten ſind noch zahlreiche Nachklänge der älteren Zuſtände.
Die Zahl der Sklaven im Altertume und in den heutigen Staaten und Kolonien iſt wohl nie ſo umfangreich geweſen wie die der Hörigen. Nach den neueſten Forſchungen betrugen ſie in Griechenland und Italien ſeinerzeit nicht leicht irgendwo mehr als die Hälfte der Freien, wozu freilich noch mannigfach Halbfreie, Metöken, Freigelaſſene kamen. Die Leibeigenen ſchätzt Grimm ſchon für das 8.—10. Jahrhundert auf die Hälfte der Bevölkerung, ſpäter haben ſie wohl vielfach vier Fünftel derſelben ausgemacht. Dabei darf freilich nicht überſehen werden, daß dieſe Leibeigenen als Klaſſe mit den Sklaven gar nicht vergleichbar ſind. Ein großer Teil von ihnen ſtand viel höher, repräſentierte trotz ſeiner Laſten und Pflichten eine Art Mittelſtand, ging ſpäter in dieſen über. Nur die tiefer ſtehenden Leibeigenen, die, welche mit der Freiheit beſitzlos wurden, können mit den Sklaven in Vergleich gezogen werden.
117. Die Entſtehung des neueren freien Arbeiterſtandes. Das große Problem unſerer Tage iſt die Entſtehung eines breiten Standes mechaniſcher Lohnarbeiter, die auf Grund freier Verträge ganz oder überwiegend von einem Geldlohn leben, den ſie durch ihre Arbeit in den Unternehmungen, Familien oder in wechſelnder Stellung verdienen. Wir fragen: wie kommt es, daß mit dem Siege der perſönlichen Freiheit nicht bloß in den Ländern der alten Kultur, ſondern auch in den europäiſchen Kolonien mit ihrem Bodenüberfluß die alte Zweiteilung der Geſellſchaft ſich erhielt: in eine leitende Minorität, die überwiegend geiſtige und in eine ausführende Majorität, die überwiegend mechaniſche Arbeit verſieht? Wer alle Menſchen für gleich, das Princip der perſönlichen Freiheit für ein magiſches Mittel zur raſcheſten Entwickelung aller Körper- und Geiſtesgaben aller Menſchen hält, wer die Vorſtellung hat, eine allgemeine Beſitzausgleichung hätte, mit der Erteilung der perſönlichen Freiheit verknüpft, für immer die Klaſſengegenſätze beſeitigt, wer, von den Wundern der heutigen Technik berauſcht, annimmt, es wäre wirtſchaftlicher Überfluß für alle Menſchen bei richtiger Verteilung und demokratiſcher Organiſation von Staat und Volkswirtſchaft vorhanden, der kann natürlich die große hiſtoriſche Thatſache des modernen Arbeitsverhältniſſes nicht richtig verſtehen.
Wer die Dinge hiſtoriſch auffaßt, wird die Wucht der überlieferten Klaſſen- und Beſitzverhältniſſe, die Bevölkerungsbewegung, die Notwendigkeit herrſchaftlicher Organiſationsformen bei der Entſtehung der modernen Inſtitution des freien Arbeitsvertrags mit in Rechnung ziehen und begreifen, daß allerdings ſeine Ausbildung beſſer und ſchlechter gelingen konnte, da und dort verſchiedene Reſultate erzeugte; er wird verſtehen, daß er, obwohl von Anfang an ein großer principieller Fortſchritt, doch erſt langſam und durch mancherlei Reformen zu einer befriedigenden Einrichtung werden konnte; der wird es für eine kindliche Täuſchung erklären, wenn die Lehre aufgeſtellt wird, ausſchließlich böſe brutale Menſchen oder das Geſpenſt des blutausſaugenden Kapitalismus hätten es dahin gebracht, daß einige wenige ſich der Arbeitsmittel und des Bodens bemächtigt und ſo die Maſſe der Bevölkerung enterbt, zu beſitzloſen mechaniſchen Arbeitern gemacht hätten.
Schon die Nachwirkung der Leibeigenſchaft, in den Kolonien die der Sklaverei, die großen Schwierigkeiten der Durchführung der allgemeinen Schulpflicht, die Unmöglichkeit, bei der Aufhebung der feudalen Agrarverfaſſung alle Hörigen mit Beſitz auszuſtatten, ſchuf, wie wir ſchon ſahen, breite Schichten wirtſchaftlich, techniſch und geiſtig niedrig ſtehender Menſchen, welche mit der Freiheit auf irgend eine mechaniſche Lohnarbeit angewieſen waren. Sie beſaßen nicht die Fähigkeit, auf dem Boden der neuen Technik iſoliert oder genoſſenſchaftlich gewerbliche oder agrariſche Betriebe zu ſchaffen; auch wo Bodenüberfluß war, wie in den Kolonien, zogen ſie Lohnarbeit dem Leben des Squatters im Urwald vor. Die große Menge kleiner Handwerker und Hausinduſtrieller war ebenfalls nicht recht fähig, ſich aktiv an der neuen Organiſation des wirtſchaftlichen Lebens zu beteiligen. Wo ſie verkümmerten, waren ſie wie die beſitzloſen ländlichen Taglöhner auf Arbeit bei der nicht zu großen Zahl von Unternehmern angewieſen, welche nach ihren perſönlichen Eigenſchaften und ihrem Beſitz den techniſchen und organi- ſatoriſchen Fortſchritt in die Hand nehmen konnten. Die geſamten weſteuropäiſchen Staaten waren 1750—1850 nach langer Stagnation wieder in eine Phaſe des wirt- ſchaftlichen Aufſchwunges gekommen; aber die überlieferten Klaſſenabſtufungen waren nicht plötzlich zu beſeitigen. Die Bevölkerung blieb nach Raſſe, Abſtammung, Lebenshaltung, Arbeitsgewöhnung, Begabung ſtark differenziert; die einen waren zu geiſtiger, die anderen zu mechaniſcher Arbeit brauchbarer. Die Leute, die vom Gebirge nach der Ebene, vom Lande nach der Stadt kamen, waren und ſind härter, machen geringere Lebensanſprüche, ſind aber meiſt auch zunächſt zu feinerer Arbeit weniger tauglich.
Die Bevölkerung hatte ſich ſeit dem 16. Jahrhundert geſteigert; ſie war faſt überall ſeither über ihren Nahrungsſpielraum hinausgewachſen; für überflüſſige Hände Arbeit zu ſchaffen, war das Loſungswort der merkantiliſtiſchen Politik. Die Hausinduſtrien haben überall ihre Wurzel in einem Überangebot ländlicher oder ſtädtiſcher Arbeitskräfte, wie auch ihre neueſte Zunahme (z. B. in der Konfektion ꝛc.) darauf zurückgeht. Auch wo keine Großinduſtrie, keine große Gutswirtſchaft in Betracht kam, mußte die Bevölkerungszunahme auf die Bildung beſitzloſer Arbeiter hinwirken. Nehmen wir als einfachſten Fall die Geſchichte eines freigebliebenen Bauerndorfes mit feſter Gemarkung. Wo 1300 noch 20 Vollhufner ſaßen, lebten vielleicht 1500 noch 6 Vollhufner, 12 Viertelshufner, einige Koſſäten und Tagelöhner und im Jahre 1800 waren daraus 2 oder 3 Vollhufner, 20—30 Viertelshufner, 50 Kleinſtellenbeſitzer und ebenſo viele grundbeſitzloſe Tagelöhner geworden, die in den Wirtſchaften der Bauern, in Forſt-, Berg-, Straßenarbeit, in der Hausinduſtrie einen Verdienſt ſuchen mußten. Auch das Handwerk hat ſtets, gerade wenn es blühte, in 2—3 Generationen die 3 und mehrfache Zahl von Kandidaten für die meiſt nicht ſtark zunehmende Zahl von Meiſterſtellen erzeugt; ſie fanden von 1500—1700 in den aufkommenden Söldnerheeren, in Schreibſtuben und Beamtenſtellungen, dann auch in Hausinduſtrie und Fabrik ihren Unterhalt. Wo vollends ſeit 1770 die Gewerbe blühten und exportierten, wuchs die Menſchenzahl ſehr raſch; es ſchien ſich jetzt ſo leicht eine ſchrankenloſe Erwerbsmöglichkeit zu eröffnen, und man beeilte ſich, von 1789—1870 die alten etwa noch beſtehenden Schranken der Niederlaſſung und Eheſchließung zu beſeitigen. Alle Schichten der Geſellſchaft nahmen raſch zu, und wer nicht als Bauer oder Meiſter, als Künſtler oder Beamter, als Kaufmann oder Krämer eine Stellung fand, dem blieb keine andere Wahl, denn als Lohnarbeiter ſich eine ſolche zu ſuchen.
Das Geldlohnverhältnis für ältere verheiratete Leute war nun nicht etwa ſeit 1750 etwas ganz neu ſich Bildendes. Wo ſchon in älterer Zeit auf Grund der Geldwirt- ſchaft etwas größere Betriebe ſich gebildet hatten, da war neben dem Lehrling und Geſellen auch ein verheirateter, geldgelohnter Arbeiterſtand erſtanden, deſſen Glieder nur ausnahmsweiſe noch Meiſter oder Unternehmer werden konnten. Die Berg- und Salinenarbeiter und die Matroſen ſind frühe Beiſpiele von Gruppen von Arbeiterfamilien, die durch Generationen Arbeiter blieben. Gerade ſie waren urſprünglich zu einem großen Teil Glieder primitiver Arbeitsgenoſſenſchaften geweſen, auf die wir unten kommen, ſie hatten ſich aber in dieſer Form nicht dauernd ordentlich ernähren können; die Genoſſenſchaften wie die einzelnen Arbeiter waren unfähig, das von ihnen hergeſtellte ungeteilte oder geteilte Produkt zu verkaufen, aus ihrer Genoſſenſchaft ein lebensfähiges Unternehmen zu machen; der Verdienſt war zu ungleichmäßig; es war für die Leute ein großer Fortſchritt, wenn beſitzende Unternehmer ſich fanden, die im ſtande waren, ihnen, ſo lange das Geſchäft dauerte, aber unabhängig davon, ob es gut oder ſchlecht ging, einen fortlaufenden Geldlohn zu zahlen. Und als in neuerer Zeit eine immer erheblichere Zahl von größeren Betrieben und Anſtalten der dauernden Arbeitskräfte bedurfte, da haben ſie wohl auch noch, wie ſeither die kleinen Betriebe, jüngere Leute beſchäftigt; ſie haben ſogar teilweiſe übermäßig Kinder und Frauen herangezogen, „Lehrlinge gezüchtet“, — aber im ganzen war doch damit die Notwendigkeit gegeben, die brauchbaren Arbeiter Zeit ihres Lebens oder wenigſtens bis ins 40., 50. Jahr im Dienſt zu behalten; der Geſelle konnte immer ſeltener Meiſter werden. Ein breiterer Stand älterer verheirateter gewerblicher Arbeiter mußte in der Stadt mit dem Großbetrieb entſtehen, wie auf dem Lande der Stand verheirateter Tagelöhner mit dem Großgutsbetrieb.
Inſofern iſt es wahr, daß die größeren Unternehmer und ihr Beſitz den heutigen Arbeiterſtand ſchaffen halfen; man muß aber hinzufügen, die Leute waren ſchon da, ſie entſchloſſen ſich lange Jahrzehnte hindurch ungern und ſchwer genug, in die Fabrik einzutreten. Aus dem Zuſammenwirken der neuen Technik, des neuen Rechtes, der perſönlichen Freiheit, der vordringenden Geldwirtſchaft, der beſtehenden Geſellſchaftsverhältniſſe, der Bevölkerungszunahme ergab ſich das neuere Arbeitsverhältnis, der moderne Stand von Lohnarbeitern, ſeine Baſierung auf den freien Arbeitsvertrag. Das Weſentliche iſt dabei folgendes.
Nicht mehr bloß jüngere Leute ſtehen in abhängigen dauernden Arbeitsſtellungen, ſondern auch verheiratete Familienväter und Frauen; ein großer Teil der Arbeitenden hat keine Hoffnung, wie es früher vielfach der Fall war, mit den Jahren an die Spitze eines Kleinbetriebes zu kommen; die Mehrzahl der Arbeitenden verkauft nicht einzelne Arbeitsleiſtungen, wie die Dienſte leiſtenden Handwerker, ſondern ſie verrichten in einem wenn auch löslichen, doch feſten und ihre Lebensführung beherrſchenden Arbeitsverhältnis für einen Arbeitgeber täglich beſtimmte gleichmäßig ſich wiederholende Dienſte und Arbeiten. Aber dafür iſt auch für die Mehrzahl der Arbeiter durch eine gleichmäßig fortgehende Einnahme die Exiſtenz wenigſtens einigermaßen geſichert; eine erbliche oder lebenslängliche Berufsbindung, wie früher, beſteht nicht; jeder kann ſeiner Fähigkeit entſprechend ſich ſeinen Verdienſt ſuchen, wo und wie er will. Darin lag eben der weſentliche Fortſchritt. Der Arbeiter iſt ſelbſt verantwortlich gemacht; und wenn erſt langſam das rechte Gefühl dieſer Verantwortlichkeit ſich bildete, wenn es zunächſt nur eine Elite haben konnte, die übrigen ohne die alten Gängelbande teilweiſe zurückgingen, der Segen der Freiheit trat doch nach und nach ein, zeigte ſich in dem Maße, wie der Arbeitsvertrag ſich richtig ausgeſtaltete, der Arbeiterſtand ſich hob. Auch wo der größere Teil der Arbeitenden erhebliche andere wirtſchaftliche Mittel der Exiſtenz nicht hat als den täglich verdienten Lohn, der nur bei den höheren Stufen ſich in Jahresgehalte mit dauernder Anſtellung verwandelt, konnten Reformen aller Art das Arbeitsverhältnis verbeſſern, wie wir im zweiten Teile ſehen werden. Auf die einzelnen Seiten des heutigen Arbeitsvertrages in wirtſchaftlicher und rechtlicher Hinſicht kommen wir daſelbſt.
Hier haben wir nur die Entſtehung des freien Arbeiterſtandes klarzulegen als ein Glied in der Kette der geſellſchaftlichen Arbeits- und Berufsteilung. So Ver- ſchiedenes er umfaßt, wie einſt die Sklaverei und die Hörigkeit, alle, welche wir zu ihm rechnen, ſtehen nicht bloß unter einer ähnlichen Rechts- und Wirtſchaftsinſtitution, ſondern zeigen auch den übereinſtimmenden Zug, daß ſie die mehr ausführende, die mehr mechaniſche Arbeit arbeitsteilig auszuführen haben, daß ſie durch dieſe Teilung an ihre Arbeitgeber gekettet ſind, daß beide zuſammen eine geſellſchaftliche Organiſation darſtellen, auf deren Weſen wir bei der Lehre von der Unternehmung kommen.
Hier haben wir nur noch die Frage zu beantworten, wie groß dieſer Lohnarbeiterſtand ſei und aus welchen einzelnen Elementen er ſich zuſammenſetze. So wenig ſicher die ſtatiſtiſchen Grundlagen hiefür ſind, ſo geben ſie doch einigen Anhalt. Für den alten preußiſchen Staat möchte ich folgende, freilich weder erſchöpfende noch ganz ſichere Angaben wagen. Es gab etwa:
Alſo ohne Dienſtboten von 1816—67 eine Zunahme von 1,3 auf 3,9 mit ihnen von etwa 2,3 auf 4,9 Mill.; in Prozenten der ganzen Bevölkerung ein Wachstum von 13 auf 19, mit den Dienſtboten von 22 auf 24 %; der ganze preußiſche Staat dürfte 1867 etwas über 5, mit Dienſtboten etwas über 6 Mill. Arbeiter gehabt haben; im Jahre 1895 zählte Preußen in Landwirtſchaft, Induſtrie und Handel 7,5 Mill. Arbeiter (ohne Dienſtboten). Das Deutſche Reich hatte nach den Berufszählungen von 1882 10,7, von 1895 12,8 Mill. Arbeiter in dieſen Produktionszweigen (ohne 0,6 Mill. höhere Angeſtellte, 0,4 Mill. wechſelnde Lohnarbeiter und 1,3 Mill. Dienſtboten, auch ohne die Poſt und die Eiſenbahn); das waren 1882 23 %, 1895 25 % der Geſamtbevölkerung. Für Frankreich hat man neuerdings noch die Arbeiter auf 18,3, die Unternehmer auf 21,9 % der Bevölkerung berechnet (Herkner). Für England giebt Webb die männlichen Arbeiter zu 18 % an; mit den Frauen würden ſie alſo wohl über 25 % ausmachen.
Eine große Zunahme der Arbeiterbevölkerung iſt alſo von 1800—1900 ſicher eingetreten; immer erreicht ſie auch heute noch nicht die relative Zahl der Sklaven oder gar der Hörigen früherer Zeiten. Die verſchiedene Zunahme der Zahl der Lohnarbeiter in den einzelnen Volkswirtſchaften, die wir hier ſtatiſtiſch nicht weiter verfolgen können, wird davon abhängig ſein, wie früh und raſch der kleine Bauern- und Handwerker- ſtand abnahm, der Großbetrieb zunahm; im Süden und Oſten Europas wird er alſo weniger umfangreich ſein als in England, wo die frühe Vernichtung des Bauernſtandes ihn am früheſten anſchwellen ließ. Mag die Erhaltung des Bauernſtandes für jedes Land, da und dort auch die längere Erhaltung des kleinen Handwerkers ein Glück ſein, im übrigen darf die Zunahme des Lohnarbeiterſtandes nicht unter allen Umſtänden als ein ungünſtiges Symptom, als eine Vernichtung des Mittelſtandes, als eine Zunahme abhängiger Exiſtenzen gedeutet werden. Sie iſt an ſich ein Zeichen moderner Technik und Betriebsverhältniſſe, kann proletariſches Elend, aber auch je nach Zuſammenſetzung, Lohn, Arbeitseinrichtungen eine neue Füllung des Mittelſtandes, normale Verhältniſſe der unteren Klaſſen bedeuten.
Das Verhältnis der Lohnarbeiterzahl zur Geſamtbevölkerung giebt überdies auch ſtatiſtiſch noch keinen erſchöpfenden Aufſchluß über die Bedeutung derſelben gegenüber den Unternehmern und über die in ihnen ſtehenden Arbeiterfamilien. Darüber noch einige Worte und Zahlen.
Im Jahre 1895 kamen in Deutſchland in den drei großen Gebieten der Landwirtſchaft, der Induſtrie und des Handels nach der Berufszählung:
Von dieſer hinter der Geſamtbevölkerung um 7—8 Mill. zurückbleibenden Gruppe der Nation machten alſo die Arbeiter 67,8, mit den Familien 54,3 % aus.
Unter dieſen Arbeitern ſtecken nun aber über 2 Mill. mithelfende Familienglieder; von ihrer Geſamtzahl ſind 66,6 % ledige, 58—60 % jüngere Leute unter 30 Jahren. Verheiratete männliche Arbeiter ſind nur 3,7 Mill., verheiratete weibliche nur 0,8 Mill., zuſammen 4,5 Mill. (von den 12,8 Mill. Arbeitern) vorhanden; es werden alſo, da wohl viele der verheirateten Männer und Frauen derſelben Familie angehörten, nicht viel über 4 Mill. Arbeiterfamilien in Deutſchland 1895 auf 11—12 Mill. Familien des Reiches exiſtiert haben. Wir ſehen zugleich daraus, daß unter den Geſamtzahlen unſerer Arbeiter auch heute noch die jungen ledigen Leute, die unverheirateten, weit überwiegen, daß unter ihnen viele Tauſende ſind, die ſpäter in Unternehmer- oder andere Stellungen einrücken, dem Mittelſtand, teilweiſe den höheren Klaſſen angehören, ſich in andere Kreiſe verheiraten. Unſere heutige Statiſtik muß den Millionärsſohn, der als Commis in einem Geſchäfte arbeitet, die Tochter des Bauern, die irgendwo dient, ebenſo zum Arbeiterſtande rechnen wie den letzten proletariſchen Arbeiter.
Auf die Scheidung des Lohnarbeiterſtandes in gelernte und ungelernte Arbeiter, in eine Hierarchie von Kreiſen, deren obere Beamtenqualität haben oder ſich ihr nahen, den liberalen Kreiſen, dem Mittelſtand angehören, ebenſo ſehr geiſtige wie mechaniſche Arbeit verrichten, haben wir nicht hier, ſondern anderweit einzugehen. Dieſe Differenzierung des Arbeiterſtandes ſelbſt iſt aber eine der wichtigſten und auch der erfreulichſten Erſcheinungen der neueſten volkswirtſchaftlichen Entwickelung.
118. Die Scheidung von Landbau und Gewerbe. Die landwirt- ſchaftliche und gewerbliche Arbeitsteilung. Einzelne Stämme ſind ſeit urdenklichen Zeiten je nach Raſſe, Klima und Boden, nach Wohnſitzen, nach Flora und Fauna ihres Landes bloße Jäger, bloße Fiſcher oder bloße Viehzüchter, bloße Bananen- oder Maiseſſer geblieben, haben ihre agrariſche Wirtſchaft nicht zu der vielſeitigen Geſtalt ausgebildet wie die Indogermanen und Semiten, teilweiſe auch andere Raſſen in den gemäßigten Zonen mit ihrer Verbindung von Ackerbau, Viehzucht, Forſtnutzung und mancherlei Nebengewerben. Wir haben dieſe auf Eigenproduktion gerichtete Haus- und Familienwirtſchaft ſchon im Zuſammenhange der Geſchichte der Technik (S. 204—205), dann für ſich geſchildert (S. 239—244), dabei auch die Arbeitsteilung dargelegt, die ſie beſonders in ihrer patriarchaliſchen Form in den höheren Kreiſen der Geſellſchaft ausbildete. Die antike Familie mit Hunderten von Sklaven, die mittelalterlich grundherrliche Fronhof-, Kloſter-, Abtei-, Fürſtenwirtſchaft iſt ein hauswirtſchaftlicher Großbetrieb mit einer erheblichen Zahl Hausämter für Stall-, Kriegsrüſtung, für Vorratshaltung in der Kammer, für Küche und Keller, mit einer Anzahl Werkſtätten und techniſchen unfreien Arbeitern. In den großen Patricierhäuſern, großen Gutswirtſchaften, fürſtlichen Haushaltungen dauert bis heute eine ſolche weitgehende Arbeitsteilung fort. In dem Haushalt des Sultan Abdul Azzis waren in unſeren Tagen noch 6124 Perſonen arbeitsteilig beſchäftigt, 359 allein für den Küchendienſt.
Daß im übrigen ſeit Jahrhunderten dieſe ältere große Hauswirtſchaft ſich auflöſte, daß dieſe Auflöſung ſich durch Ausſcheidung der gewerblichen Betriebe, durch Verwandlung bisheriger arbeitsteiliger Hausbeamten und Diener in ſelbſtändige Handwerker und Berufe vollzog, haben wir bei Beſprechung der neueren Familie (S. 245—246) ebenfalls ſchon dargeſtellt, brauchen das dort Geſagte nicht zu wiederholen. Es iſt die große Scheidung, welche heute Landwirtſchaft und Gewerbe, in gewiſſem Sinne auch Stadt und Land als beſondere Produktionszweige, geſellſchaftliche und wirtſchaftliche Gruppen mit ihrer Eigenart, ihren Sonderintereſſen erzeugt hat. Die heutige komplizierte volkswirtſchaftliche Organiſation hat ihren Hauptzweck darin, durch Handel, Markt und Verkehr dieſe zwei Hälften doch in rechte Verbindung, zu glattem Zuſammenwirken zu bringen.
Der Scheidungsprozeß zwiſchen den zwei Gebieten iſt aber auch heute noch lange kein vollſtändiger und wird es nie werden; die Scheidung iſt ja nicht Selbſtzweck, ſondern ein Mittel, das nur dort ſich einſtellt, wo die Produktion dadurch erleichtert, verbeſſert wird.
Sie kann ſich nicht einſtellen, wo der Verkehr fehlt: der amerikaniſche Farmer, der alpine Hofbauer, der ſchwediſche Bauer iſt heute noch zugleich Jäger, Baumeiſter, Tiſchler, Backſteinbrenner, Weber, Gerber und ſonſt noch einiges. Sie vollzieht ſich aber auch da nicht, wo der kleine Bauer nicht allein recht von ſeiner Ackerſtelle leben kann, wo ein gewiſſer Abſatz von gewerblichen Produkten der Hauswirtſchaft — wo der ſogenannte Hausfleiß — möglich wird, auch wo ſpäter der ländliche Handwerker nicht von ſeinem Gewerbe allein leben kann. In den oſteuropäiſchen und aſiatiſchen Ländern iſt ſo eine große gewerbliche Produktion in den bäuerlichen Familien noch heute. Achtzig Prozent der Bauern in der Umgebung Moskaus verrichten gewerbliche Nebenarbeit. In Mittel- und Weſteuropa hat in unſerem Jahrhundert mit der Zulaſſung der Gewerbe auf dem platten Lande der Handwerksbetrieb als Nebenbeſchäftigung am meiſten, viel mehr als in den Städten zugenommen! Für einen thüringiſchen Bezirk weiſt Hildebrand auf 5577 landwirtſchaftliche 11752 gemiſchte Betriebe nach, und für Württemberg berichtet Rümelin, daß von 117000 landwirtſchaftlichen Familien etwa 99000 irgend einen Nebenerwerb haben. Nach der deutſchen Berufszählung von 1895 haben von den Erwerbsthätigen im Hauptberuf 1 Mill. in der Landwirtſchaft, 1,5 Mill. in der Induſtrie, 3,2 Mill. im ganzen Nebenberufe, und damit iſt ihre Zahl entfernt nicht vollſtändig erfaßt. Von den deutſchen Müllern haben 87, den Brauern 74, den Grobſchmieden 70, den Stellmachern 66, den Maurern und Zimmerleuten 61, den Bäckern 52 % einen Nebenberuf. Beinahe 5 Mill. Fälle von Nebenberufen überhaupt wurden 1895 ermittelt, wovon 3,6 Mill. auf die Landwirtſchaft entfallen.
Die Scheidung zwiſchen Landwirtſchaft und anderen Berufen vollzieht ſich aber auch deshalb vielfach nicht, weil alle Verſorgung durch den Markt leicht ein Element der Verteuerung und der Unſicherheit in ſich enthält; der Tagelöhner, der Schullehrer, der Handwerker des platten Landes, der kleinen Stadt ſpart, wenn er Kartoffeln und Gemüſe ſelbſt baut, er giebt damit Frau und Kindern eine heilſame, gegen übertriebene berufliche Arbeitsſpecialiſierung ſchützende Thätigkeit. Es giebt einſichtige ſociale Reformer, die für alle Lohnarbeiter Derartiges wünſchen. Ein großer Teil der ſocialiſtiſchen Schriftſteller hält eine Geſundung unſerer Zuſtände nur möglich unter der Bedingung allgemeiner Verbindung anderer Berufsarbeit mit Garten- und Ackerbau.
Endlich hat die Loslöſung der alten Beſtandteile der agrariſch univerſalen Wirt- ſchaft auch gewiſſe techniſche und organiſatoriſche Hinderniſſe. Forſtwirtſchaft, Bergbau, Ziegelei, Steinbrüche ſind heute meiſt nicht mehr mit den landwirtſchaftlichen Betrieben verbunden; aber vielfach erſcheint die Verbindung doch noch vorteilhaft wegen der Lage der Forſten und Gruben, wegen der Einteilung der Arbeiten, der Holznutzung ꝛc. Neuerdings verbindet man den Rübenbau mit der Zuckerinduſtrie, den Kartoffelbau mit der Spiritusbrennerei, um ſich die Rohſtoffe zu ſichern, Wege zu ſparen, gewiſſe Nebenprodukte (wie die Schlempe) als Viehfutter zu verwenden.
All’ dies ſind heilſame und natürliche Ausnahmen des großen Scheidungsprozeſſes. Auch wo ſie, wie bei manchen ländlichen Hausinduſtrien, bei manchen Kleinbauern und ländlichen Handwerkern die Folge haben, daß die agrariſche und gewerbliche Technik nicht ſo leicht fortſchreitet, kann die Verbindung noch angezeigt ſein, wenn die anderweiten Vorteile für die Hauswirtſchaft, die Wohnweiſe, das Familienleben, die Moral ſchwerwiegender ſind als die etwaige techniſche Unvollkommenheit.
Immer haben dieſe Ausnahmen und Schranken die große Thatſache nicht gehindert, daß die Landwirtſchaft unſerer Kulturländer heute im ganzen etwas anderes, Specialiſierteres iſt als früher, daß die meiſten Gewerbe ſich von ihr losgelöſt haben. In jedem Dorf ſind heute zahlreiche Handwerker; jeder Guts- und Bauernbetrieb kauft heute dieſes und jenes vom Hauſierer, läßt vom wandernden Lohnwerker Schuhe und Kleider machen, kauft Wagen, Werkzeuge, Pflug und andere Ackergeräte, läßt ſich ſein Haus von Maurern und Zimmerern bauen.
Aber im übrigen bleibt dem landwirtſchaftlichen Betriebe doch ſtets eine größere Vielſeitigkeit als den Gewerben. Der Viehzüchter im Gebirge baut zugleich Hafer und Kartoffeln; der Ackerbauer in der Ebene hält Vieh, weil er Spannkräfte und Düngung braucht, ſeine Wieſen und Weiden nutzen muß; er muß mit verſchiedenen Früchten wechſeln, weil er ſonſt ſeinen Boden erſchöpft. Die meiſten landwirtſchaftlichen Arbeiten ſind an beſtimmte Tages- und Jahreszeiten geknüpft, können nicht dauernd geübt, nicht ausſchließlich denſelben Kräften übertragen werden; wer morgens und abends die Kühe melkt, wer im Frühjahr pflügt, im Sommer die Ernte ſchneidet, muß zu anderer Zeit anderes thun. Für alle land- und forſtwirtſchaftlichen Betriebe handelt es ſich um die ſchwierige Kunſt, die verſchiedenſten Thätigkeiten an dieſelben Leute im Jahre ſo zu verteilen, daß man auch in der Zeit der ſtärkſten Arbeit nicht ſo ſehr viel mehr Kräfte braucht als im Winter.
Daneben aber hat die neuere Ausbildung des Abſatzes und die Entſtehung größerer Gutswirtſchaften doch mancherlei Anſätze zur Arbeitsteilung gebracht. Je mehr der Landwirt anfing, für den Markt zu produzieren, deſto mehr mußte er ſuchen, das Einträglichſte in ſeinem Betriebe in den Vordergrund zu rücken. Er legte ſich vorzugsweiſe auf Getreidebau oder Viehzucht, auf Mäſterei oder Wollproduktion. Er begann mehr als bisher je nach Bodenverhältniſſen, Größe des Gutes, Arbeitskräften und Kapitalbeſitz ſeinen Betrieb zu ſpecialiſieren; der kleine Landwirt warf ſich auf Hopfen, Tabak, Gemüſe, der große auf Rübenbau, Pferdezucht und Ähnliches. Und innerhalb eines größeren Betriebes verſuchte man ſpecialiſierte gelernte Arbeitskräfte, wie Schäfer, Molkereikundige, Inſpektoren, Buchhalter, Maſchinenwärter neben den Stallknechten und Tagelöhnern heranzuziehen.
Iſt aus dem vorſtehenden klar, daß der landwirtſchaftliche Betrieb, ſo mancherlei er gegen früher abgeſtoßen hat, doch keine Teilung der Produktion, wie der gewerbliche verträgt, daß die Leiter und die Hülfskräfte ſich nicht ſo ſpecialiſieren können, wie in der Induſtrie, ſo iſt damit zugleich erklärt, warum die Landwirtſchaft techniſch, wirt- ſchaftlich, pſychologiſch etwas für ſich bleibt. Sie behält ſtets ein gut Stück Eigenproduktion; ſie erhält mehr den familien- und hauswirtſchaftlichen Charakter ſchon durch ihren iſolierten Standort. So ſehr der Landwirt rechnen, den Kredit zu benutzen lernen, die Konjunkturen ſtudieren ſoll, er kann nie ſo ſehr Spekulant, nie ſo von der Geld- und Kreditwirtſchaft erfaßt werden wie der Induſtrielle und Kaufmann. Wie er deshalb wirtſchaftlich, pſychologiſch und ethiſch ſeit Jahrtauſenden als der Antipode der andern Hauptberufszweige angeſehen wurde, ſo wird er es auch künftig immer bis zu einem gewiſſen Grade bleiben.
An den Boden gebunden, von Natur und Wetter ſtets ebenſo abhängig wie von Kunſt und Technik, glaubt der Ackerbauer nicht ſo an Neuerung und Fortſchritt wie der Gewerbetreibende. Er iſt auch nicht ſo ſparſam, ſo eifrig; er bleibt leichter im Schlendrian ſtecken; der große Grundbeſitzer iſt leichter ein luxuriöſer Verſchwender als der große Fabrikant und Kaufmann. Aber dafür hat der Landmann mehr Achtung vor der Sitte, iſt ein geſünderer und beſſerer Soldat, ein treuerer und zäherer Patriot. Das Familien- und das Staatsleben haben kein beſſeres Fundament als einen bewährten Stand mittlerer beſitzender Ackerbauern, neben dem auf der einen Seite eine grundbeſitzende Ariſtokratie, auf der anderen eine Mehrzahl kleiner Stellenbeſitzer und auf Parzellen wirtſchaftender Handwerker, Arbeiter und Tagelöhner ſtehen. Auch die höchſte Entwickelung einer arbeitsteilig gegliederten Volkswirtſchaft hat ſich bis jetzt mit einem ſolchen Ideal der Ackerbauorganiſation wohl vertragen.
Der Begriff der gewerblichen Thätigkeit in dem eingeſchränkteren Sinne, in welchem heute das Wort als Gegenſatz zu Landwirtſchaft, Handel und Verkehr gebraucht wird, iſt erſt ein Ergebnis der neueren Arbeitsteilung. Man verſteht darunter denjenigen Teil der wirtſchaftlichen Produktion, welcher auf Formveränderung von Roh- ſtoffen und auf Dienſtleiſtungen perſönlicher Art gerichtet, durch beſondere Berufsbildung und Arbeitsteilung aus der Haus- und Landwirtſchaft geſchieden, nicht zu dem Handel und dem Verkehr und den höheren perſönlichen Dienſtleiſtungen (liberalen Berufen) gerechnet wird. Alle gewerbliche Thätigkeit entſpringt beſtimmten Handgriffen und techniſchen Geſchicklichkeiten, die urſprünglich Beſtandteile der primitiven Lebens- und Ernährungsweiſe einzelner Stämme waren; einzelne Jäger hatten Waffen, einzelne Fiſcher Boote, einzelne Bergſtämme eiſerne Werkzeuge bereiten gelernt, unendlich lange Zeiten hindurch erhielt ſich der Beſitz ſolcher Fertigkeiten in den betreffenden Stämmen; nur wenig Neues kam durch Fremde oder durch Nachbarn hinzu, und was die Haupt- ſache iſt, die meiſten dieſer Fertigkeiten blieben lange Gemeinbeſitz der Stammesgenoſſen; noch in der älteſten patriarchaliſchen Hauswirtſchaft der Semiten und Indogermanen treffen wir kaum techniſche Sonderthätigkeiten, die ausſchließlich von einzelnen geübt wurden. Nur wo eine gewiſſe Raſſenmiſchung oder -Berührung begonnen hat, wird es langſam anders.
In den älteſten Quellen der Eranier treten als einzige Handwerker die Erz- ſchmelzer, die zugleich die Metalle verarbeiten, in den indiſchen Vedas (900 v. Chr.) neben dieſen ſchon Holzarbeiter auf, die um Entgelt für andere ausüben, was heute der Zimmermann, Wagenbauer, Tiſchler, Schnitzer beſorgt. Der Schmied iſt allerwärts der erſte und wichtigſte Handwerker. F. Lenormant behauptet, es ſei dieſe Kunſt von der turaniſchen Raſſe auf die anderen Völker des Orients übergegangen. Bei den Juden iſt der Schmied in den Tagen König Sauls kein Stammesgenoſſe wie heute noch bei vielen Stämmen Afrikas. Bei den Südgermanen traten die Schmiede und andere Handwerker zuerſt als zugekaufte Sklaven auf, bei den Nordgermanen haben Könige und Häuptlinge die Kunſt des Schwertſchmiedens zuerſt geübt. Das Wahr- ſcheinliche iſt, daß ſie ſie von Fremden lernten und durch ſie als tapfere Krieger emporſtiegen.
In den homeriſchen Geſängen tritt zum Schmied und zum Holzarbeiter der Töpfer und der Lederbearbeiter, der lederne Schläuche, Riemen, Gürtel, Helmbänder fertigt; das Gerben war Sache der Hauswirtſchaft, wie bei uns bis tief ins Mittelalter hinein. So ſind bei allen Völkern, die im Begriff ſtehen, zu höherer wirtſchaftlicher Kultur überzugehen, nur einige wenige Arten von Gewerbetreibenden vorhanden, die meiſt noch ähnlich leben wie die anderen Stammesgenoſſen, aber nebenher für andere um Entgelt häufig im Umherziehen thätig ſind, ſofern ſie nicht als Sklaven arbeiten; ſie ſind nicht Verkäufer von Waren, ſondern von Arbeit, ſie ſind Lohnwerker. Sie erſcheinen je nach der Schätzung ihrer Kunſt teils als gewöhnliche Bürger, teils als Vornehme, wie die erwähnten germaniſchen Schmiede oder die geiſtlichen Baumeiſter, Glockengießer und Glasmaler des älteren Mittelalters. Auch als Gemeindebeamte treten ſie auf, wie in Indien oder im älteſten Griechenland.
Eine breitere Ausbildung von arbeitsteiligen Gewerbetreibenden, wie wir ſie in Ägypten ſchon von 2000 v. Chr., in Indien von 700—800 v. Chr., in Griechenland vom 6. Jahrhundert an, in Rom in der ſpäteren Zeit der Republik, in Deutſchland vom 12. und 13. Jahrhundert an beobachten, ſetzt die Werkzeugtechnik ſeßhafter Völker, die Anfänge ſtädtiſchen Weſens, der Baukunſt, der Metallverwendung, der Markteinrichtungen voraus (vergl. S. 203—205). Faſt überall wiederholen ſich dieſelben Haupthandwerke: die Bäcker, die Schmiede, die Goldarbeiter, die Zimmerleute, die Wagner, die Kürſchner, die Gerber und Schuhmacher, die Sattler und Riemer, die Tiſchler, die Töpfer, die Maurer, die Färber, die Walker, die Kupferſchmiede, bald auch die Maler und Metallgießer, die Metzger und die Weber. Wie 8 Handwerksarten ſchon unter König Numa erwähnt werden, ſo treffen wir mit der Ausbildung ſtädtiſcher Kultur faſt überall die 10—20 Handwerksberufe, die für Jahrhunderte die breitbeſetzten bleiben. Im 13. bis 15. Jahrhundert haben nur wenige Städte über 12—20 anerkannte gewerbliche Innungen gehabt (Baſel 15, Straßburg 20, Magdeburg 12, Danzig 16, Leipzig und Köln 26, Frankfurt a. M. 1355 14, 1387 20, 1500 28, 1614 40, nur Wien 1288 50, 1463 66, Lübeck 1474 50, Brügge 1368 59, 1562 72). Freilich umfaßten einzelne dieſer Innungen bereits verſchiedene Gewerbe. Wenn man auch die gewerblichen Berufe beſonders zählt, die nur einzelne Vertreter in einer Stadt und kein Innungsrecht hatten, einſchließlich aller Arten perſönlicher Gewerbe, wie Barbiere, Muſiker, Tänzer, Laſtträger, Meſſer ꝛc., ſo iſt 200—500 Jahre nach den Anfängen ſtädtiſcher Arbeitsteilung die Zahl der zu unterſcheidenden Berufe ſchon nach Hunderten zu ſchätzen. Für das ſpätere Ägypten und Griechenland iſt uns das ebenſo bezeugt wie für Rom in der Kaiſerzeit. Der im Codex Theodoſianus aufgeführten ariſtokratiſchen Handwerke, die von den sordidis muneribus 337 n. Chr. befreit werden, ſind es allein 35. Für Wien im Jahre 1463 hat Feil ſchon gegen 100, für Frankfurt 1387 Bücher 148, 1440 191, bis gegen 1500 gegen 300 Arten, für Roſtock 1594 Paaſche 180 Arten von überwiegend gewerblichen Berufen nachgewieſen. Nach Geering ſind in Baſel (14.—15. Jahrhundert) in der Safranzunft allein gegen 100 verſchiedene Berufsarten. Und in der Renaiſſancezeit ſowie im 17. und 18. Jahrhundert ſteigt dieſe Zahl noch. Bratring zählt für die brandenburgiſchen Städte 1801 467 verſchiedene Berufsarten, von denen drei Viertel etwa gewerbliche ſind, während für China die Zahl der Gewerbszweige neuerdings von kundiger Seite auf etwa 350 geſchätzt wird. Für die kleine bayeriſche Stadt Landsberg hat Krallinger nachgewieſen, daß ſie 1643 42, 1702 60, 1792 70, 1883 100 Arten von Gewerbetreibenden hatte. Die Zahl der zünftigen Gewerbe hat in den einzelnen deutſchen Städten und Ländern im 18. Jahrhundert zwiſchen 25 und 80—100 geſchwankt, ſo daß überall daneben eine große Zahl unzünftiger freilich viel weniger beſetzter vorhanden war. Für Paris weiſt Savary 1760 120 eigentliche Gewerbekorporationen nach.
Wir können die ganze gewerbliche Arbeitsteilung dieſer Zeit als die Epoche der handwerksmäßigen Berufs- und Produktionsteilung bezeichnen. Sind viele der Handwerker noch umherziehende techniſche Arbeiter, die auf der „Stör“, auf dem Lande wie in der Stadt als helfende Glieder für Tage in die Hauswirtſchaft kommen, bald überwiegen doch die in der Stadt auf dem Markte verkaufenden, in ihrer Werkſtatt für ihre Kunden arbeitenden Meiſter; neben dem Lohnwerk treiben ſie das Preiswerk, verkaufen beſtellte Waren an ihre Kunden. Auch ſo bleiben ſie mehr Hülfsorgane der örtlichen Hauswirtſchaften, die bei ihnen beſtellen, als Produzenten für einen größeren Markt. Doch fehlt dieſer nicht, erſt in der näheren, dann in der weiteren Umgebung. Große Meiſter und Händler kaufen zuletzt die Handwerksprodukte für den Fernabſatz; es entſteht die Hausinduſtrie vom 14.—18. Jahrhundert. Aber die Arbeitsteilung wird dadurch zunächſt meiſt nicht viel anders. In der Werkſtatt findet zwiſchen Meiſter, Geſellen und Lehrling nur eine geringe Arbeitsteilung ſtatt, jeder erlernt und übt den ganzen Beruf. Wo Scheidungen ſich nötig machen, vollziehen ſie ſich ſo, daß ſtatt des einen Schmiedes der Schloſſer, der Klein- und der Grobſchmied, der Meſſerer und der Harniſchmacher entſteht; Bücher nennt das Specialiſation der Berufsteilung. Schon einer ſpäteren Zeit gehört es an, daß dasſelbe Rohprodukt vom Klingenſchmied zum Härter und von dieſem zum Reider oder-Fertigmacher geht, daß Spinnen, Weben, Färben verſchiedene einander in die Hand arbeitende Handwerke werden; Bücher nennt das Produktionsteilung. War die handwerksmäßige Berufs- und Arbeitsteilung auch ſchon da und dort durch die höheren Formen, auf die wir gleich kommen, vom 16. Jahrhundert an erſetzt, im ganzen herrſchte ſie bis 1800, ja in Mitteleuropa bis 1860 und 1870 vor.
Die ſociale Stellung der Handwerker hing überall an der Schwierigkeit und Feinheit ihrer Kunſt, an dem Umſtand, ob ſie zugleich Acker- und Hausbeſitzer waren, endlich an ihrer Fähigkeit, ſich zu organiſieren, ſich korporative und politiſche Rechte zu erwerben. In Griechenland und Rom erſcheinen ſie in der Mehrzahl tief herabgedrückt, und in den deutſchen Städten haben ſie ſich Achtung, Anſehen, vielfach auch Wohlſtand errungen, ſind bis in unſer Jahrhundert die Vertreter des bürgerlichen Mittelſtandes geblieben.
Die neuere Entwickelung mit ihrer ganz anderen Technik, ihren großen Verkehrsmitteln, ihrem Kapital, ihrer Organiſation des Abſatzes durch die Händler auf weite Entfernungen hat die gewerbliche Arbeitsteilung gänzlich umgeſtaltet. Zunächſt iſt die Specialiſation der gewerblichen Betriebe außerordentlich gewachſen; teils ſo, daß mehrere verſchiedene Betriebe ſich in die Fertigſtellung deſſen für die Märkte teilen, was bisher in einem Betriebe angefertigt wurde; teils ſo, daß das eine Geſchäft Vorarbeiten für andere, Maſchinen, Halbfabrikate ꝛc. herſtellt. Die beſondere Herſtellung von Werkzeugen und Maſchinen für ſpätere Stadien des Produktionsprozeſſes nennt Bücher Arbeitsverſchiebung. Am meiſten in die Augen ſpringend war aber die Teilung der einzelnen Arbeitsoperationen in derſelben Werkſtatt, derſelben Fabrik; Bücher nennt dieſe Art der gewerblichen Arbeitsteilung Arbeitszerlegung.
Die Scheidung der Betriebe drückt ſich am deutlichſten in unſerer heutigen Gewerbeſtatiſtik aus: die Tabellen des Zollvereins ſchieden 1861 erſt 92 Arten von Handwerks- und 121 von Fabrikbetrieben; die Pariſer Gewerbeſtatiſtik von 1847—48 hatte ſchon 325 Arten von Betrieben unterſchieden. Die deutſche Gewerbezählung von 1875 hat 15—1600 Arten von Gewerbebetrieben, und die bayeriſche Publikation fügt allein 398 Gewerbearten als ſolche hinzu, die nicht in die gegebene Klaſſifikation einzureihen ihr gelungen ſei. Und wenn wir das ſyſtematiſche Verzeichnis der Gewerbearten der mit der deutſchen Berufszählung von 1882 verbundenen Gewerbezählung ins Auge faſſen, ſo ſehen wir, daß es 4785 Gewerbebenennungen (ohne Handel und Verkehr) umfaßt; von dieſen iſt ein erheblicher Teil, wenn man die Zahl der Gewerbearten kennen lernen will, abzuziehen; jedes Gewerbe, das verſchiedene Namen hat, iſt mit allen ſeinen Namen aufgeführt; aber mehr als ein Drittel der Zahl dürften dieſe Doppelbenennungen keinenfalls ausmachen. Allein die Metallverarbeitung ohne die Hütten-, Walz-, Stahl-, Friſchwerke, ohne die Hochöfen- und Hammerwerke, aber einſchließlich der Maſchinen- und Werkzeuginduſtrie gliedert ſich in 1248 verſchiedene Arten von Betrieben; mögen von dieſer Zahl vielleicht 100—200 abzuziehen ſein wegen Doppelbenennung, wie Meſſerſchmiede und Meſſerfabrikanten, auch der Reſt der Zahl und noch mehr die Einzelheiten, aus denen ſie erwächſt, zeigen doch, welch’ erſtaunliche Arbeitsteilung heute zwiſchen den Betrieben ſtattfindet. Die Verarbeitung von Metalllegierungen zählt 112, die Nadler- und Drahtwarenverfertigung 57, die Verfertigung von Spinn- und Webmaſchinen 73, die Maſchinenherſtellung 239, die Verfertigung muſikaliſcher Inſtrumente 53 Specialitäten von Geſchäftsarten. Und dabei iſt die Unterſcheidung noch nicht ſo weitgehend, wie ſie ſein könnte und da und dort iſt. Die Uhrmacherei iſt mit 33 Geſchäftsarten angeführt, während man in La Chaux de Fonds ſchon früher 53, in England 102 Specialitäten zählte. Die Spielwaren aus Metall bilden nur eine Nummer, während in dieſer Branche die Geſchäfte, welche verſchiedene Soldätchen, verſchiedene Wägelchen ꝛc. anfertigen, noch in eine Reihe von Arten unterſchieden werden könnten.
Das Verzeichnis kann uns belehren, wie ſelbſt unſere alten einfachſten Gewerbe ſich geteilt haben: die gewöhnlichen Gärtner zerfallen heute in Roſen-, Kamelien-, Blumenzwiebelzüchter, Obſtbaumzüchter, Samenzüchter, Baumſchuleninhaber, dann in Anlagen- und Landſchaftsgärtner, in ſtädtiſche Verkäufer und Kranzbinder. Die Gerberei und Lederfabrikation zerfällt in 40—50 Specialitäten; die Buchbinder- und Cartonnagefabrikation in noch erheblich mehr. Auch die Bäcker und Fleiſcher ſind in den größeren Städten in eine ganze Reihe beſonderer Gewerbszweige geſpalten. Die Herſtellung von Fleiſchkonſerven, Würſten, Paſteten, Tafelbouillon, die Geflügelmäſtung, die Pökelei und Räucherei, die Schmalzſiederei iſt zu beſonderen Geſchäften geworden. Viehhändler und Importfirmen, Viehmakler, Groß- und Kleinſchlächter, Fleiſchlieferanten für große Anſtalten, Fleiſchwarenverkäufer, Eingeweidehändler, ambulante und ſtehende Kochläden treten in den Großſtädten neben einander auf. Die neueſte Gewerbezählung von 1895 hat noch viel weitere Unterſchiede in der Betriebsſcheidung nachgewieſen als die von 1882.
Je mehr aus techniſchen und organiſatoriſchen Gründen häufig jetzt in Rieſenunternehmungen die früher meiſt getrennte Spinnerei, Weberei und Färberei vereinigt, das Erz- und Kohlenbergwerk mit Hochöfen, Gießerei, Walzwerk und Eiſenverarbeitung, ja mit Waggonfabrik verbunden iſt, deſto mehr könnte man vermuten, daß die Zahl der Betriebsarten durch Zuſammenlegung abnehme. Aber das iſt in den meiſten Branchen nicht der Fall. Es beſteht wohl eine ebenſo große Tendenz der Hinausverlegung von Teilprozeſſen in beſondere Betriebe.
Daneben ſteht nun die Arbeitszerlegung in der vergrößerten Werkſtätte, wie ſie vom 16. und 17. Jahrhundert an begann; ſchon wenn man ſtatt zwei zehn und zwanzig Webſtühle in einem Raume aufſtellte, noch mehr, wenn man den Stellmacher, Tiſchler, Polſterer, Glaſer, Lackierer und Vergolder zur Wagenfabrikation unter einem Dache vereinigte, war es natürlich, daß man nicht mehr, wie im Handwerk, jeden alles machen ließ, ſondern die Mitwirkenden nach Alter, Kraft, Geſchicklichkeit einteilte, jeden ausſchließlich mit dem beſchäftigte, wozu er am geſchickteſten war. Man hatte mit dieſer Einteilung zugleich den Vorteil, Kinder, Frauen, alte Leute beſſer verwenden und beſchäftigen zu können; eine größere Specialiſierung der Werkzeuge trat ein; ein ſichereres und ſchnelleres Ineinandergreifen der Teiloperationen war möglich. Es war zugleich eine Scheidung aller mitwirkenden Perſonen in höhere, mittlere und untere, in hoch und gering bezahlte Kräfte. Es iſt die Arbeitsteilung, die Adam Smith durch die 18 Operationen der Stecknadel-, Say durch die 70 der Spielkartenfabrikation illuſtriert, die Karl Marx als die Arbeitsteilung der Manufakturperiode bezeichnet. Sie herrſcht aber auch in der heutigen Fabrik, in der Zwiſchenmeiſterwerkſtatt der heutigen Hausinduſtrie, ja in der Heimarbeit, die gerade neuerdings ihre Produkte dadurch am meiſten verbilligt hat, daß ſie an dieſelbe Perſon immer nur die gleiche Specialarbeit, z. B. das Nähen von Kinderſchürzen oder Jacken, ausgiebt, aber die Knopflöcher, das Bügeln und alle etwas feineren ſonſtigen, von der gleichmäßigen Näharbeit abweichenden Operationen durch beſondere Teilarbeiter machen läßt.
Vieles, was man von der Arbeitsteilung überhaupt ausſagte, gilt nur von dieſer weitgehendſten Art der gewerblichen Arbeitszerlegung, die zugleich ihren eigentümlichen Charakter dadurch erhält, daß ſie vom Unternehmer angeordnet, meiſt in der Fabrik und unter ihrer Disciplin ausgeführt wird. Es iſt eine Art ſpecialiſierter Arbeit, die in ſchroffem Gegenſatze zur haus- und landwirtſchaftlichen, zur gewerblichen alten Werkſtattarbeit ſteht.
Einen etwas verſchiedenen Charakter hat dieſe Arbeitszerlegung, je nachdem ſie mehr an ſpecialiſierte Werkzeuge anknüpft und ſo virtuoſe Teilarbeiter ſchafft, deren Ausbildung, in Jahren erworben, gleichſam einen wertvollen Beſitz darſtellt oder, je nachdem die Arbeitsmaſchinen geſiegt haben und damit die virtuoſen Teilarbeiter überflüſſig, durch ungelernte und ſogenannte Futterarbeiter erſetzt wurden. Gewiß iſt mit der fortſchreitenden Maſchinenanwendung ſo ein Teil der Arbeiter techniſch herabgedrückt worden; aber es iſt eine grobe Übertreibung, wenn Marx die Sache ſo dar- ſtellt, als ob hierdurch faſt alle Arbeiter in ungelernte verwandelt, der ganze Arbeiterſtand geſunken wäre.
Die neueſte deutſche Berufszählung hat über das Vorkommen der gelernten und ungelernten Arbeiter zum erſtenmale volles Licht verbreitet. Ich führe nach ihr und anderweiten Nachrichten folgendes an. Es iſt zuerſt zu bemerken, daß auch viele ſogenannte ungelernte Arbeiter, wie die Spinner und Weber, durch gute und lange Übung zu halbgelernten werden können. Der ausgezeichnete Maſchinenweber kann die doppelte, oft dreifache Zahl mechaniſcher Webſtühle bedienen. Sehr wichtig iſt, daß die ungelernte gewerbliche Arbeit faſt doppelt ſo ſtark bei dem weiblichen Geſchlecht vorkommt wie beim männlichen; ferner daß ſie in der Landwirtſchaft mehr als noch einmal ſo zahlreich, im Handel und Verkehr mehr als dreimal ſo häufig vertreten iſt wie im Gewerbe. Die ungelernte weibliche Arbeit liegt aber im Weſen des weiblichen Geſchlechtes an ſich mehr begründet; und die ungelernte landwirtſchaftliche Arbeit iſt abwechslungsvoll und geſund, iſt in der Unmöglichkeit der Arbeitsteilung in der Landwirtſchaft begründet; die im Handel und Verkehr beſteht vielfach aus Vertrauensperſonen, aus Kutſchern, Hausdienern ꝛc.
Außerdem beſchränkt ſich in der Induſtrie die ſtarke Zunahme der ungelernten Arbeit auf gewiſſe Induſtriegruppen, wie Spinnerei, Weberei, Wäſcherei, Färberei, Buchbinderei, Papier-, chemiſche, Zuckerfabriken, Hütten ꝛc. In dem größeren Teile der Maſchinen-, Metall-, Holz-, Möbel-, Lederinduſtrie, in den Kunſtgewerben, in den alten Handwerken überwiegt noch heute die gelernte Arbeit; in vielen Induſtrien hat bis in die neuere Zeit trotz zahlreicher Maſchinen die Specialiſierung der Operationen zugenommen, und ſtehen überall neben Futterarbeitern feine Specialarbeiter, z. B. in einer engliſchen Tuchfabrik wurden neuerdings 34 Operationen, in einer deutſchen Schuhwarenfabrik 16 unterſchieden. Ich führe zuletzt das Geſamtreſultat der deutſchen Berufszählung und einer Erhebung an, die Bücher für Baſel und das Jahr 1888 gemacht hat. Es gab unter 100 Gewerbetreibenden:
In dieſen Zahlen liegt zugleich ein Hinweis auf die vier ſocialen Gruppen, welche die moderne gewerbliche Arbeitsteilung geſchaffen hat. An der Spitze der größeren Ge- ſchäfte ſteht die leitende, kaufmänniſch und techniſch geſchulte Ariſtokratie; die betreffenden ſind meiſt zugleich die Eigentümer eines erheblichen Teiles des in den Geſchäften ſteckenden werbenden Kapitals; aber vielfach ſind es auch mittelloſe Kapazitäten, die als Direktoren von Geſellſchaften, als Aſſociés, als Prokuriſten die Geſchäfte leiten. Neben dieſer Klaſſe ſteht im Verhältnis von bezahlten Beamten heute die raſch wachſende Zahl der Commis, Techniker, Künſtler, Contremaitres, Aufſeher, die teils aus dem Handel, teils aus den liberalen Berufen, teils aus dem höheren Arbeiterſtande hervorgehen. Sie bilden zuſammen mit den kleineren Unternehmern die höhere Schicht des Mittelſtandes. An dritter und vierter Stelle kommen dann die Arbeiter; die obere, wie mir ſcheint, größere Abteilung derſelben, die gelernten und beſſer bezahlten Arbeiter, zu denen noch die höhere Schicht hausinduſtrieller Meiſter tritt, ſind, wenn man ſo ſagen darf, die heutigen Nachfolger des mittelalterlichen Handwerkerſtandes; ſie bilden mit den noch vorhandenen Handwerkern und Kleinbauern die untere Hälfte des Mittelſtandes. Die nichtgelernten, nicht arbeitsteilig ſpecialiſierten Arbeiter und Tagelöhner bilden eine ſociale Klaſſe für ſich; in früheren Epochen Sklaven oder Leibeigene, ſind ſie heute freie Arbeiter: ihr Zahlen- und ihr ſonſtiges Verhältnis zu den gelernten Arbeitern, zum Mittelſtande und zur gewerblichen Ariſtokratie iſt der Angelpunkt der heutigen ſocialen Entwickelung.
119. Die Arbeitsteilung der liberalen Berufe; die räumliche Arbeitsteilung. Da wir im vorſtehenden ſchon faſt zu ausführlich waren, müſſen wir über dieſe Teile oder Seiten der Arbeitsteilung uns mit wenigen Worten begnügen.
Das ſtaatliche und Gemeindebeamtentum, der ärztliche, der Künſtlerberuf, das Lehrer- und Gelehrtentum, die Journaliſtik haben in unſeren neueren Volkswirtſchaften eine ſteigende Ausdehnung, eine zunehmende Specialiſierung ihrer Thätigkeitsſphären erhalten. Das Eigentümliche ihrer Berufe liegt in dem Umſtande, daß viele dieſer Thätigkeiten in älterer Zeit unbezahlte Nebenbeſchäftigung der Prieſter oder anderer Ariſtokraten war, daß daneben aber früh der bezahlte Spielmann, Gaukler, Arzt, Künſtler trat, daß aber die Formen und Grenzen dieſer Bezahlung ſo ſchwer zu finden waren.
Die ältere ariſtokratiſche Einrichtung der Nichtbezahlung hatte das für ſich, daß dieſe höheren liberalen Thätigkeiten meiſt leiden, ſchlecht ausgeübt werden, wenn der Gewinn ſie auslöſt. Sokrates verachtet die Sophiſten, die für den Unterricht ſich bezahlen laſſen, als Krämer, welche mit den Gütern der Seele Handel treiben. Noch heute giebt es viele hieher gehörige Handlungen und Dienſte, für welche der anſtändige Mann nichts nimmt: der ganze unbezahlte Ehrendienſt in der Selbſtverwaltung gehört hieher.
Aber das Princip reichte ſchon im Altertume nicht aus, heute noch viel weniger. Allerwärts entſtand mit der Geldwirtſchaft und höheren Arbeitsteilung die Bezahlung der liberalen Thätigkeit; es drängten ſich dazu die Talente aus allen Klaſſen. Die Folge war zunächſt in Griechenland und Rom ſchlimm genug. Wir ſehen in Athen und Rom eine Schicht geld- und ruhmdürſtiger Elemente, deren Charakterloſigkeit, Korruption und Gewinnſucht ſprichwörtlich wurde. Es waren Freigelaſſene, in Rom hauptſächlich die einſtrömenden aſiatiſchen und griechiſchen Elemente, Leute, die ſich für alles bezahlen ließen — für die ſchamloſeſten Künſte wie für guten ärztlichen Rat, die, ohne feſte Vorbildung, ohne Standesehre, faſt als eine Eiterbeule der antiken Geſellſchaft bezeichnet werden können.
Als beim Übergang von der einfachen mittelalterlichen Geſellſchaft in die komplizierte moderne, die unbezahlte Ariſtokratenarbeit des Klerikers und Patriciers ſich wieder in ähnlicher Weiſe umwandelte in die demokratiſche Schreiber-, Gelehrten- und Künſtlerthätigkeit, die nach Lohn geht, drohten ähnliche Gefahren. Man leſe die Schilderung nach, die Burkhardt von dem fahrenden Gelehrten des 15. Jahrhunderts entwirft, man erinnere ſich, wie heute noch vielfach Schauſpieler und Journaliſten ſich aus den Per- ſonen rekrutieren, die moraliſch oder ſonſtwie in anderen Carrieren Schiffbruch gelitten. Aber im ganzen hat die Entwickelung unſeres neueren Schul-, Studien-, Examenweſens, auch das Vereinsweſen, die Ärztekammern mit ihren Ehrengerichten und anderes derart die meiſten liberalen Berufe zu feſten Laufbahnen umgebildet, führt den einzelnen Gruppen überwiegend homogene Elemente meiſt aus dem Mittelſtande zu, hat eine feſte Standesehre, feſte Sitten und Gewohnheiten über Berufspflichten, ſichere Anſtands- ſchranken des Gelderwerbes geſchaffen. Damit haben dieſe liberalen Berufe einen gänzlich anderen Charakter erhalten, als ſie ihn (von den Prieſtern abgeſehen) früher hatten; die Familien, welche ihre Söhne den liberalen Berufen widmen, ſind mehr oder weniger eine ſociale Klaſſe für ſich geworden, die weniger durch Beſitz, als durch perſönliche Eigenſchaften ſich auszeichnet, eine Klaſſe, die doch jedem Talentvollen offen ſteht, haupt- ſächlich aber aus den jüngeren Söhnen des Mittelſtandes ſich rekrutiert. Die liberalen Berufe haben dem ganzen Mittelſtande, der ſonſt überwiegend dem Geſchäfte und dem Erwerbe lebt, eine edlere Denkungsart eingeimpft und gewiſſe geiſtige Schwungfedern verliehen, den nackten egoiſtiſchen Klaſſenintereſſen anderer Kreiſe ideale Gegengewichte gegeben; dieſe Kreiſe haben vielleicht zeitweiſe mit abſtrakten Idealen Staat und Geſell- ſchaft zu ſehr beeinflußt. Im ganzen aber wurden ſie die eigentlichen Träger des wiſſenſchaftlichen Fortſchrittes, des Idealismus, der vornehmen Geſinnung. Der Stand unſerer heutigen Geiſtlichen und Lehrer, unſerer Ärzte und Gelehrten, unſerer Künſtler und Beamten übt durch ſeine Berufsthätigkeit wie durch die im ganzen diskrete und anſtändige Art ſeiner Entlohnung einen außerordentlich großen Einfluß auf die Weiterentwickelung von Geſellſchaft und Volkswirtſchaft aus.
Dieſe Entwickelung nun im einzelnen für die verſchiedenen hieher gehörigen Berufskreiſe darzulegen, in jedem einzelnen die weitere Teilung der Arbeit zu verfolgen, würde zu viel Raum fordern; es gehörte dazu eine Schilderung der Erziehungseinrichtungen, der Carrierebedingungen, der verſchiedenen Staffeln in jeder Laufbahn, der Art und Höhe der Bezahlung; es müßte nachgewieſen werden, aus welchen ſocialen Schichten und warum aus ihnen der einzelne Stand ſich rekrutiert. Man müßte bei der Beſprechung der Beamtencarriere zuerſt eine Geſchichte der Ämter geben, zeigen, wie die höheren, mittleren, untergeordneten Ämter, wie die Berufe der Offiziere, Richter, Verwaltungsbeamten nebeneinander entſtanden ſind, wie erbliche, Wahl-, Ernennungsämter nach und nebeneinander vorkamen, wie das Beſoldungsweſen und die unbeſoldeten Ehrenämter ſich geſtalteten. Es würde all’ das hier zu weit führen. Nur das ſei zum Schluß bemerkt, daß die ganze Entwickelung des ſtaatlichen Verfaſſungs- und Verwaltungsapparates unter dem Geſichtspunkte der Arbeitsteilung betrachtet werden kann, und ſich von ihm aus eine Reihe fruchtbarer wiſſenſchaftlicher Gedankenreihen eröffnet. —
Die perſönliche Arbeitsgliederung wird im Anſchluß an die Natur- und Verkehrsverhältniſſe zur räumlichen Arbeitsteilung; dieſe drückt ſich aus in der geographiſchen Verteilung der landwirtſchaftlichen und gewerblichen Produktionszweige, in den geſamten Wohnungs- und Siedlungsverhältniſſen der Menſchen mit Rückſicht auf ihren Beruf. Wir haben dieſe Dinge bei der Erörterung der Siedlung ſchon beſprochen, müſſen hier aber mit ein paar Worten auf ſie zurückkommen.
Wo Stadt und Dorf nebeneinander entſtehen, da iſt der erſte große Schritt räumlicher Arbeitsteilung vollzogen: die Landwirtſchaft ſucht das Land, Gewerbe und Verkehr die Stadt auf. Es entſtanden die ſtadtwirtſchaftlichen Syſteme mit ihrer räumlichen Gliederung. Die Stadt ſelbſt hatte in ihrem Centrum Markt, Kirche, Rathaus, Münze, Wage, Gaſthäuſer, in ihrer Peripherie die Wohnungen, dann die landwirtſchaftlichen Gebäude, die Wein- und anderen Gärten, ſowie ihr Ackerland und ihre Weide. Die Dörfer in nächſter Nähe der Stadt fingen an, die raſch verderblichen, ſchwer transportablen Rohprodukte, Gemüſe, Milch, Blumen, Stroh, Heu, Kartoffeln zu erzeugen; von den etwas entfernteren Dörfern kam mehr nur Getreide, von den ferner liegenden Landbezirken das Vieh, die Wolle und ähnliche leichter transportable Produkte. Thünen hat, indem er die Einwirkung der Transportkoſten auf den Standort der Landwirtſchaftszweige ſtudierte, in ſeinem iſolierten Staate (ſ. S. 117) dieſe örtliche Arbeitsteilung der Bezirke, wie ſie unter dem Einfluſſe eines einheitlichen ſtädtiſchen Marktes ſich geſtalten muß, zuerſt richtig erfaßt, ſie gleichſam in ein abſtraktes Schema gebracht. Es ſind die Zuſtände, die zugleich die ältere Stadtwirtſchaftspolitik erklären, wie wir ſie bereits kennen gelernt haben, wie ſie am deutlichſten ſich herausbildeten, wo in einem Kleinſtaate nur ein beherrſchender ſtädtiſcher Mittelpunkt vorhanden war.
Wo Waſſerverkehr iſt, oder ein verbeſſerter Landverkehr entſteht, beginnt die Arbeitsteilung zwiſchen verſchiedenen Städten und Gegenden. Nur zur Blütezeit der antiken Weltreiche und in der neueren Zeit hat dieſe fortſchreitende räumliche Arbeitsteilung eine größere Bedeutung erhalten. Sie war Schritt für Schritt verknüpft mit der Herſtellung größerer Staaten und freier Märkte in ihrem Innern; das Hinterland mußte ſeine Küſten und Flußmündungen zu erwerben ſuchen, die Induſtriegegend bedurfte ihrer Handelsplätze und Ackerbaudiſtrikte; die intenſivſte Arbeitsteilung ſetzt ſtets ſtaatliche Zuſammengehörigkeit voraus, wie umgekehrt jede ſtaatliche Zuſammengehörigkeit mit der Zeit darauf hinarbeitet, daß die politiſch verbundenen Teile auch durch eine erhebliche wirtſchaftliche Arbeitsteilung verknüpft werden. Alle moderne nationale Wirtſchafts- und Schutzzollpolitik beruht darauf. Daneben aber greift dieſelbe Tendenz der lokalen Arbeitsteilung doch notwendig über die einzelnen Staaten hinaus; erſt befreundete und benachbarte, ſpäter alle civiliſierten Länder kommen mit einander in Verkehr auf Grund völkerrechtlicher Abmachungen und handelspolitiſcher Verträge (vergl. S. 286—287). Aus der interlokalen wird die internationale Arbeitsteilung; aus den Nationalwirtſchaften hat ſich neuerdings die Weltwirtſchaft entwickelt, die ihr Ideal im allgemeinen Weltfrieden und im Siege des Freihandels hat. Die beiden Tendenzen der nationalen und der internationalen Arbeitsteilung gehen gleichberechtigt nebeneinander her; ſo oft ſie ſich auch bekämpfen, müſſen ſie immer wieder die den realen Verhältniſſen angepaßten Kompromiſſe ſchließen.
Für Deutſchland ſehen wir hauptſächlich ſeit dem 15. Jahrhundert die interlokale Teilung zwiſchen verſchiedenen Städten und Gegenden eintreten. Die früher allerwärts blühende Tuchinduſtrie konzentriert ſich auf beſtimmte Orte, an den anderen geht ſie zurück. Zur ſelben Zeit fängt die Ulmer und Augsburger Barchentweberei, die Nürnberger Metallinduſtrie, die Solinger Klingeninduſtrie, die Baſeler Papierinduſtrie an, mehr für andere Städte als für den lokalen Markt zu arbeiten, wie es ſchon früher die flandriſche und niederrheiniſche Tuchinduſtrie gethan. Die Meſſen, auf denen dieſe interlokale Arbeitsteilung ihre Produkte tauſcht, werden für Deutſchland von 1500 bis 1800 ſo wichtig wie früher die lokalen Wochen- und Jahrmärkte. Für viele Orte bedeutete dieſer Umbildungsprozeß einen unwiederbringlichen Verluſt; zahlreiche kleine Städte ſind von da an zurückgegangen; Klagen darüber treffen wir daher auch in Deutſchland wie in England ſeit dem 16. Jahrhundert. Die ältere gewerbliche Univerſalität jeder Stadt war für immer verloren, wo und inſoweit dieſe interlokale Arbeitsteilung ſiegte. Roſchers Unterſuchungen über den Standort der einzelnen Induſtriezweige enthalten im weſentlichen den Nachweis, daß in älterer Zeit die meiſten Gewerbe nur an dem Orte des Abſatzes gediehen, ſpäter an entfernteren Orten mit beſtimmten Produktionsvorteilen. Seine zahlreichen Beiſpiele enthalten hauptſächlich Beweiſe der Verſchiebung der Standorte innerhalb desſelben Landes.
Heute ſtellt jedes größere Land ein um ſo ausgebildeteres Syſtem räumlicher Arbeitsteilung dar, je ausgebauter ſein Verkehrsweſen, je abſchließender ſeine Handelspolitik iſt. In der Hauptſtadt konzentriert ſich heute mehr als früher die Centralregierung, die Kunſt, die Litteratur, die großen Kreditgeſchäfte; in den großen Hafenplätzen konzentriert ſich mehr als früher alle Aus- und Einfuhr, ſchon weil ſie allein die beſten Docks, Lagerhäuſer und Freihafeneinrichtungen haben, weil hieher die fremden Beſteller am meiſten kommen. Aus Hunderten von kleineren Getreide- und Viehhandelsplätzen werden einige wenige gut gelegene große, wie in Deutſchland Danzig, Berlin und Mannheim. Während früher jede Stadt Wall und Graben hatte, übernehmen jetzt wenige große Feſtungen den Schutz des ganzen Staates. Wie die Landes- und Reichshauptſtadt, ſo wachſen die Provinzialhauptſtädte durch die Konzentration der Provinzialverwaltung, durch die provinziellen Anſtalten, Sammlungen und Schulen. An einer Stelle werden die Irren oder Kranken beſtimmter Art für eine Provinz oder einen Bezirk verpflegt, die früher zerſtreut waren. Die einzelnen Städte bilden ſich mehr und mehr zu ſtädtiſchen Specialitäten aus (vergl. S. 273). In wenigen Punkten oder Gegenden konzentrieren ſich die großen Induſtrien des Maſchinenbaues, der Spinnerei, der Weberei, der Gerberei, der Eiſenverhüttung, der Zuckerinduſtrie für den ganzen Staat. Hier ſind Fachſchulen, Techniker, Maſchinenbau, Arbeiterbevölkerung darauf eingerichtet, Verkehr und Kreditorganiſation paßt ſich den ſpeciellen Bedürfniſſen an. Den Anſtoß hiezu haben die verſchiedenartigſten Urſachen gegeben: Gunſt der Natur, Einwanderung von Gewerbsleuten, ältere verwandte Induſtrien, beſondere Pflege; meiſt reichen die Keime Jahrhunderte zurück; aber während an anderen Orten die ähnlichen Beſtrebungen abſtarben, ſind ſie hier gediehen. Der Konkurrenzkampf war früher ein nur lokaler, heute iſt er mindeſtens ein nationaler, oft ein internationaler; für alle leicht verſendbaren Waren iſt er ſo ſtark, daß er jede nicht unter den günſtigſten Bedingungen arbeitende Induſtrie beſeitigt.
Je kleiner nun aber der Staat, je aufgeſchloſſener er durch das Meer oder die Eiſenbahnen nach außen iſt, je freier ſeine Handelspolitik, deſto mehr ſetzt ſich der Konkurrenzkampf und die Arbeitsteilung über die politiſchen Grenzen hinaus fort. Die großen kontinentalen europäiſchen Staaten erzeugen noch 75—90 % ihrer Lebensmittel ſelbſt, Großbritannien nur noch 25—50 %. In der Induſtrie haben alle europäiſchen Großſtaaten ſeit zwei Menſchenaltern einzelne Branchen verloren, um andere deſto mehr auszubilden. So ergänzen ſie ſich in gewiſſen Specialitäten gegenſeitig und ſuchen ihren Export nach den Tropen- und Kolonialländern, nach den Ländern mit geringerer techniſcher Entwickelung, nach den Ackerbauſtaaten zu ſteigern. Deutſchland ſetzt einen ſehr großen Teil ſeines produzierten Zuckers, Branntweins, Papiers, ſeiner chemiſchen und Textilwaren im Auslande ab. Von den Seidenwaren des Krefelder Bezirkes gingen 1879 und 1880 für etwa 50 Mill. Mark ins Ausland, für 23—24 Mill. blieben in Deutſchland, von den Barmer Strumpfwaren gehen 75 % nach außen. Laves hat den Verſuch gemacht zu berechnen, welchen Teil ſeines Einkommens Deutſchland 1880—82 für auswärtige Waren ausgegeben; er kommt zu dem Reſultat, es müſſe ⅕—1/7 ſein. Heute (1899) führen wir bei einem Nationaleinkommen von 20—22 für 5,5 Milliarden Mark ein.
Wenn wir mit Recht heute dieſe Fortſchritte des Verkehrs und der Weltwirtſchaft bewundern, ihre Folgen für menſchliche Wohlfahrt, Frieden und Geſittung preiſen, das dürfen wir daneben nicht überſehen, daß es keineswegs an ſich eine Verbeſſerung bedeutet, wenn eine zunehmende Zahl Waren lange Wege zwiſchen den Orten der Produktion und der Konſumtion zurücklegen. Wo das nicht nötig iſt, erſcheint bei gleich guter und billiger Güterverſorgung der Konſum am Orte oder in der nächſten Nähe der Produktion ſtets als das einfachere und natürlichere. Wenn heute noch die Mehrzahl aller Frauen ohne tauſchwirtſchaftliche Arbeitsteilung im Hauſe thätig iſt, wenn die landwirtſchaftliche Bevölkerung heute noch die Hälfte ihrer Produkte ſelbſt verzehrt, wenn heute noch der größere Teil aller Arbeitsteilung ſich in derſelben Stadt, demſelben Kreiſe, derſelben Provinz, demſelben Staate abſpielt, ſo iſt das ebenſo natürlich und vorteilhaft, wie wenn einige unſerer Großinduſtrien ihre Produkte in alle Weltteile abſetzen. —
120. Die älteren Verſuche der Beurteilung und die neuere zahlenmäßige Erfaſſung der Arbeitsteilung. Eine entwickelte Arbeitsteilung erzeugt ſociale Klaſſen, entgegengeſetzte Intereſſen, einen komplizierten ſocialen Mechanismus. Es war natürlich, daß auch die tiefere, nach Erkenntnis ringende Ein- ſicht der großen Denker, geſchweige denn die von Klaſſenintereſſen getrübte Tagesmeinung über dieſe große geſellſchaftliche Erſcheinung nicht ſofort nach allen Seiten das Richtige traf.
Die Alten faßten zunächſt die pſychologiſchen und ſittlichen Folgen ins Auge, die das Leben des dem Staate dienenden Ariſtokraten und die Thätigkeit des kleinen Ackerbauers und Handwerkers, des als Betrüger verdächtigen fremden Kaufmannes, der als Barbaren verachteten Sklaven habe. Wenn Ariſtoteles ſagt, daß die Handarbeit Körper und Geiſt abſtumpfe, rohe, ungeſchlachte Leute ſchaffe, wenn im Altertume die Kleinhändler, Höker und Geldwechsler als ſchlechte, verworfene Menſchen faſt allgemein angeſehen wurden, ſo lag darin neben unbedingter Wahrheit doch auch ariſtokratiſcher Hochmut und Verkennung des Wertes arbeitsteiliger Funktionen von dem Klaſſenſtandpunkte aus, den die Philoſophen und Schriftſteller einnahmen. Man ſieht das ſchon aus den vergeblichen Bemühungen Solons und anderer, Gewerbe, Arbeit, Kaufmann- ſchaft in der ſocialen Achtung zu heben.
Die Kirchenväter und die Reformationszeit lehnen ſich an die Anſchauung der Alten an. Die Verachtung des Handels iſt bei den Ariſtokraten des 13.—17. Jahrhunderts eine ähnliche wie bei Plato; Neid und Mißgunſt, Unverſtändnis in Bezug auf die Rolle des Handels und wirkliche Beobachtung wirkten zuſammen, ſo daß noch ein ſo feingebildeter Mann wie Erasmus, um von Luther, Hans Sachs, Hutten zu ſchweigen, die Kaufleute als die ſchmutzigſte und thörichtſte Menſchenklaſſe bezeichnen konnte. Derartige Übertreibungen und der Übergang der Aufmerkſamkeit von den pſychologiſch-ſittlichen auf die damaligen glänzenden geſellſchaftlichen Folgen des Handels bedingten dann den Umſchlag zur merkantiliſtiſchen Auffaſſung: man ſah, daß die Handelsſtaaten, die Länder mit ſtarkem innerem Güterumſatz, mit aktivem, direktem Handel, die Induſtriewaren ausführenden, ſeefahrenden, Kolonien erwerbenden Staaten die reichen waren. Und ſo kam man zu der Lehre, was Edelmetall ins Land bringe, alſo hauptſächlich der Handel, ſei allen anderen Thätigkeiten vorzuziehen. Es kam das Stichwort auf, dieſe geldſchaffende Arbeit ſei allein oder vorzugsweiſe produktiv, welchem dann die Phyſiokraten den Satz entgegenſtellten, daß nur die Ackerbauer, welche die brauchbaren Stoffe vermehrten, produktiv, die anderen Geſellſchaftsklaſſen ſteril ſeien; der Handel bringe die Waren nur von einer Hand in die andere, vermehre ſie nicht, ſei unproduktiv. Ad. Smith will der Landwirtſchaft die größere Produktivität laſſen, nennt aber auch Gewerbe und Handel produktiv. Und die neuere deutſche Nationalökonomie will dieſen Ehrentitel dann ebenſo für die perſönlichen wirtſchaftlichen Dienſtleiſtungen wie für die liberalen Berufe in Anſpruch nehmen, während die materialiſtiſche Demokratie mit Vorliebe bis heute den Satz wiederholt, daß Fürſten und Beamte, Soldaten und Geiſtliche unproduktiv ſeien.
All’ dieſen ſchiefen Theoremen lag der Gedanke einer Klaſſifikation und Rangordnung der arbeitsteiligen Berufe zu Grunde, ſowie die Abſicht zu beweiſen, daß dieſe oder jene Berufe vorzugsweiſe befördert, andere eingeſchränkt werden müßten. Weil man den ganzen Zuſammenhang der Arbeitsteilung, die mit ihr verknüpften Inſtitutionen und Folgen noch nicht überſah, ſtrebte man nach einer einfachen dogmatiſchen Formel, die den Schlüſſel der Erkenntnis abgeben ſollte. Und an das vieldeutige Wort produktiv knüpfte man nun in wirrer Weiſe privat- und volkswirtſchaftliche, techniſche, ſittliche und politiſche Gedankenreihen. Der eine dachte an die Vermehrung des Verkehrs, der andere an die Vermehrung der Warenvorräte, der dritte an die Wertbildung, der vierte an den privaten, der fünfte an den ſocialen Nutzen, der ſechſte an den moraliſchen Einfluß und die indirekten Wirkungen der verſchiedenen Berufe. Es iſt klar, daß von jedem dieſer Standpunkte eine andere Rangordnung der arbeitsteiligen Berufe ſich ergiebt.
Der ganze hieran ſich knüpfende, noch von Hermann, Roſcher und anderen mit Umſtändlichkeit vorgetragene Schulſtreit kann heute als eine Antiquität der volkswirt- ſchaftlichen Dogmatik gelten. Er hatte den Wert, die Aufmerkſamkeit auf die Geſamtfolgen der Arbeitsteilung gegenüber den früheren, ausſchließlich in Betracht gezogenen pſychologiſchen und individuell-moraliſchen Folgen hinzulenken und zu der Erkenntnis zu führen, daß die ſchmälere oder reichlichere Beſetzung der einzelnen Berufsgruppen eine Folge notwendiger hiſtoriſcher Entwickelung der Geſellſchaft und der Volkswirtſchaft ſei, daß alſo eine geographiſche und hiſtoriſche Vergleichung der Zuſtände eintreten müſſe, daß dann die Verſchiedenheit der Ergebniſſe gedeutet werden könne, teils als Produkt des verſchiedenen normalen Entwickelungsgrades, teils als eine Abweichung hiervon, die beſondere Urſachen habe. Solche Reſultate können in der Beſonderheit der Zuſtände, z. B. eines Handelsſtaates, liegen, wie in der Hypertrophie ungeſunder Bildungen, z. B. eines Übermaßes von Geiſtlichen, von Zwiſchenhändlern, von Ackerbauern, gegenüber dem Bedürfniſſe und den Leiſtungen. Hauptſächlich Roſcher hat auf dieſe Verhältnismäßigkeit der Beſetzung hingewieſen und betont, daß übermäßig viel Diener und Mönche, wie in Spanien, nicht anormaler erſcheinen als ein Ackerbauproletariat wie das iriſche, das pro Kopf nur ¼—⅕ deſſen erzeuge, was die gleiche Zahl engliſcher Landwirte hervorbringe. Dieſes Beiſpiel zeigt zugleich, wie die älteren Verſuche, mit dem Schlagworte der Produktivität die ſocialen und wirtſchaftlichen Geſamtzuſtände der Länder abzuthun, das ausſichtsloſe Beſtreben enthielten, Technik, Organiſation, wirtſchaftliche und ethiſche Leiſtung aller Berufszweige aller verſchiedenen Länder auf einen einheitlichen Nenner zu bringen.
So iſt an die Stelle der Lehre von der Produktivität der Arbeitszweige heute der Verſuch getreten, die Berufsgliederung hiſtoriſch und ſtatiſtiſch zu erfaſſen. Und Arbeiten wie die von Bücher über die Bevölkerung in Frankfurt a. M. im 14. bis 15. Jahrhundert zeigen, was ſelbſt für ältere Zeiten möglich iſt. Im übrigen iſt auch das Material unſerer Zeit bisher wenig zuverläſſig geweſen, weil bei Erhebungen des Berufes die Grenzen ſo ſchwer feſtzuſtellen ſind und ſo leicht bei jeder Zählung wieder etwas anders geſetzt werden. Will man nur die eigentlich im Berufe Thätigen, die ſogenannten Erwerbsthätigen, zählen, ſo bleibt immer fraglich, wie weit man im Berufe nebenbei mithelfende Frauen, Kinder und Dienſtboten mitzählen ſoll. Von einer großen Zahl bald da bald dort beſchäftigter Arbeiter und Tagelöhner iſt immer zweifelhaft, welcher Gruppe ſie zuzurechnen ſind. Zählt man die landwirtſchaftlich Thätigen oder die Gewerbetreibenden allein für ſich, ſo erhält man ſtets zu hohe Zahlen, weil noch heute Tauſende und Millionen beides verbinden. (Vergl. oben S. 346—347.)
Das ſind die einfachen Gründe, weshalb man alle älteren Angaben über Berufs- ſtatiſtik mit Zweifel betrachten muß; ich will nur Vereinzeltes aus ihnen und dann neuere Berechnungen von Bodio und aus den deutſchen Berufszählungen kurz anführen. Zu einer Begründung der Zahlen iſt hier kein Raum. Ich ſuche im ganzen die Prozentzahlen der geſamten Bevölkerung, d. h. der Erwerbsthätigen nebſt Angehörigen und Dienenden, nicht die der Erwerbsthätigen allein zu geben, weil letztere zu ungleichmäßig abgegrenzt werden.
Die erſte Frage iſt, welchen Anteil die Urproduktion (Land- und Forſtwirtſchaft, Gärtnerei ꝛc.) an der Geſamtbevölkerung noch habe. Eine Berechnung über den Kanton Zürich kommt zu dem Ergebnis, es ſeien 1529 85, 1775 33, 1890 27 % geweſen. In den meiſten europäiſchen Staaten nimmt ſie gegenwärtig nicht mehr die Hälfte in Anſpruch, nur (nach Bodio) in Italien 52, in Irland 54, in Cisleithanien 55, in Ungarn 62, in Rußland wohl noch über 70, im Kanton Wallis beinahe 75 %; ſie ſinkt in Sachſen auf 19, in England auf 15 %. Nach der Tabelle des deutſchen ſtatiſtiſchen Amtes von 1884 fallen auf die Urproduktion in der Schweiz 42, in Deutſchland 42 (1895 36), in Dänemark 45, in Frankreich 48, in Öſterreich 55, in Norwegen und Schweden 55 %. In Großbritannien ſinkt die Prozentziffer von 35 (1811) auf 28 (1831), 21 (1861) und 16 (1881), in Preußen von 78 (1816) auf 64 (1849), 48 (1867) und 42 (1882). Nach preußiſchen Gebietsteilen ſtellt ſich die Ziffer 1882 auf 63 in Poſen, 62 in Oſtpreußen, 52 in Pommern, 48 in Hannover, 43 in Schleſien und Brandenburg, 41 in Schleswig-Holſtein, 39 in Heſſen-Naſſau, 46 in Sachſen, 33 in Weſtfalen, 30 am Rhein; ähnlich ſchwanken die anderen deutſchen Staaten zwiſchen 30 und 50 %. Im mittelalterlichen Frankfurt nimmt die Urproduktion noch 18—19, im heutigen 2—3 % in Anſpruch.
In der Abnahme der landwirtſchaftlichen Prozentziffer von 85, 70, 60 bis zu 30, 15 und 10 ſehen wir die ganze neuere Wirtſchaftsgeſchichte des betreffenden Staates, die Umbildung des Agrarſtaates zum Induſtrieſtaate, wie man es neuerdings bezeichnete. Natürlich kann dieſelbe Abnahme der Prozentzahl ſehr Verſchiedenes bedeuten, je nachdem ſie auch abſolute Abnahme oder nur relative der landwirtſchaftlich Thätigen bedeutet, je nachdem ſie durch eine ſehr intenſive, mit Maſchinen betriebene Landwirtſchaft ausgeglichen wird oder nicht, je nach der nötigen Zunahme der Einfuhr von Lebensmitteln und je nach der Sicherheit dieſer Zufuhr.
Als komplementäre Zahlen zu den eben angeführten erſcheinen nun die über die Gewerbe (Induſtrie, Bergbau, Handwerk). Unter 11—12 % ſinkt ihr Anteil an der Geſamtbevölkerung heute ſelbſt nicht in den agrikolen europäiſchen Gebieten, z. B. in Schweden und im Kanton Wallis; in Oſtpreußen und Poſen ſind es 16—17, ähnlich in Norwegen; in Ungarn kamen 1857 17, in Cisleithanien 21 % auf die Gewerbe, jetzt 21 und 29; für Dänemark berechnet Bodio 1880 30 %, für Italien 1881 25, für Frankreich 1880 24, für die Schweiz 1870 35, 1880 42 %; für Deutſchland zählte man 1882 35 (Rhein 44, Sachſen 55, Weſtfalen 45, Württemberg 33, Bayern 27), 1895 39, für England 1881 55, 1891 57, für Belgien 1846 31, 1880 57 %. Von 100 Einwohnern überhaupt ſind nach einer Berechnung von Jannaſch eigentliche gewerblich Thätige (1870—80) in Ungarn 4, in Frankreich und Öſterreich 11—12, in Deutſchland 14—15, in der Schweiz und Belgien 18—19, in England 22.
Die Zahl der gewerblichen Bevölkerung iſt alſo heute eine geringe, wo ſie 11—18 % erfaßt, eine mittlere, wo es ſich um 19—36 handelt, eine ſtarke, wo ſie bis 57 % an- ſteigt. Deutſchland erreicht Belgien und die Schweiz noch nicht, England entfernt nicht.
Die Perſonen, welche dem Handel und Verkehr ihre Thätigkeit widmen, machen nebſt ihren Angehörigen in den großen europäiſchen Ländern der Gegenwart wohl nirgends unter 3—5 % und über 11—13 % aus; in Berlin freilich 22, in Hamburg 31; ſie ſind aber als Städte nicht mit größeren Gebieten vergleichbar. Zur Illuſtration mag beigefügt werden, daß in Frankfurt a. M. 1440 die Gewerbe 58, Handel und Verkehr 13, im Jahre 1882 erſtere 35, letztere 31—32 % der ſelbſtändigen Erwerbsthätigen beanſpruchten. Nach der deutſchen Berufszählung von 1882, welche Eiſenbahnen und Poſten nicht mit umfaßt, haben faſt alle Provinzen und Länder über 7—8 %, Heſſen-Naſſau, Rheinprovinz, Schleswig-Holſtein, Sachſen, Braunſchweig ſteigen über 10 %.
Die liberalen Berufe ſchwanken, ſoweit wir Nachrichten haben, zwiſchen 2 und 8, in der deutſchen Berufszählung zwiſchen 3 und 8 %; in den großen Städten machen ſie 11—12 %. Für genauere Vergleiche beſtimmter Teile fehlen meiſt die Zuſammen- ſtellungen, ſo lehrreich ſie wären; Bodio hat einige geliefert, die uns z. B. zeigen, daß in den Vereinigten Staaten dreimal ſoviel Advokaten ſind als in England, in Italien zweibis dreimal ſoviel Geiſtliche als in Deutſchland.
Es geht in dieſem Punkte wie oft mit der Statiſtik; gerade wo ſie uns die lehrreichſten Ausblicke eröffnen ſollte, verläßt uns das Inſtrument, weil es noch zu roh, zu wenig entwickelt, und weil auch das von ihr gelieferte Rohmaterial zu wenig bearbeitet iſt. — Wir müſſen uns hier mit dieſen wenigen Zahlen und Andeutungen begnügen, die nur den Zweck haben, einen ſummariſchen Einblick in die Geſamtreſultate der heutigen Berufs- und Arbeitsteilung zu geben.
121. Die Urſachen und Bedingungen der Arbeitsteilung haben wir ſchon in der Einleitung andeutungsweiſe berührt, wir haben jetzt auf Grund des vorgeführten Thatſachenmaterials zu verſuchen, ſie präcis und möglichſt erſchöpfend zu formulieren.
Die Arbeitsteilung entſpringt der feineren und ſpecialiſierten Ausbildung aller menſchlichen Thätigkeit; es entſtehen Einzelaufgaben, denen nicht jeder gleich gewachſen iſt, die gut nur der bemeiſtern kann, der hiezu beſondere körperliche und geiſtige Fähigkeiten hat, der hiezu angelernt iſt, dieſer Aufgabe ſein Leben widmet.
Wie der einzelne Menſch aus ſeiner Thätigkeit ein zuſammenhängendes, durchdachtes Syſtem macht und ſo rationeller, arbeitſparender ſeine Bedürfniſſe befriedigt, ſo kommt die Geſellſchaft durch rationelle Specialiſierung der Thätigkeit ihrer Glieder, durch Zuweiſung der geteilten Arbeit an die hiefür Paſſenden zu immer größeren Erfolgen. Die Arbeitsteilung ſetzt, wie wir von Anfang an erwähnt, eine ſociale Gemeinſchaft voraus: wir fügen jetzt bei: ſie ſetzt eine Berührung und Verſtändigung der zur Anpaſſung an ſpecialiſierte Arbeit und zur Organiſation fähigen Perſonen voraus. Wie ſie möglich iſt in der patriarchaliſchen Hauswirtſchaft, ſo gelingt ſie zwiſchen Stadt und Land, zwiſchen zwei Welten, die häufigen Dampfſchiffahrtsverkehr haben. Eine immer dichtere Bevölkerung, größere Gemeinweſen und Staaten, höhere Staatengemeinſchaft wird ihr günſtig ſein, ebenſo wie alle Verbeſſerung der Verkehrsmittel. Sie wird auch unter dieſen Vorausſetzungen nur gelingen, wenn eine kluge, zum Fortſchritt geneigte Bevölkerung ſie benützt, wenn nicht ſtarre Sitten und Rechtsinſtitutionen, wie da und dort das Kaſten- und Zunftweſen, die Änderung hindern. Aber es müſſen außerdem noch gewiſſe Bedingungen erfüllt ſein, um ſie möglich zu machen: die ſpecialiſierte Funktion muß in der Regel dauernd, gleichmäßig ausgeführt werden können, die Teiloperationen müſſen zeitlich zugleich verrichtet werden, die Zuſammenwirkenden müſſen örtlich und geſchäftlich richtig nebeneinander geſtellt, in Verbindung gebracht werden können. Es muß ein gewiſſes Verſtändnis für die erwachſende Erſparnis an Kräften, für die ſo erzielte beſſere oder größere Leiſtung vorhanden ſein, die Bedürfniſſe müſſen geſtiegen und verfeinert ſein oder es muß die Ausſicht hiefür vorliegen; eine größere und beſſere Produktion muß erwünſcht oder gefordert ſein. Endlich wird jede Arbeitsteilung nur Hand in Hand mit Fortſchritten der Technik und der Kapitalbildung ſich vollziehen. Die phönikiſchägyptiſche Werkzeugtechnik hat die gewerbliche Arbeitsteilung für mehrere Jahrtauſende beſtimmt; aber nur die wohlhabenderen Völker konnten ſie anwenden. Die techniſchen Fortſchritte der Renaiſſancezeit haben neben den Verkehrsverbeſſerungen aus der kleinen Werkſtatt des Altertums und Mittelalters ſeit dem 15. und 16. Jahrhundert in Süd- und Weſteuropa die Hausinduſtrien und die arbeitsteiligen Manufakturen gemacht. Seit 100 Jahren iſt es die moderne Maſchinentechnik, die bei den reichen und mit guten Verkehrsmitteln ausgeſtatteten Völkern oder vielmehr in gewiſſen begünſtigten Mittelpunkten derſelben die höchſte Arbeitsteilung erzeugte. Wie der moderne Augenarzt ſich erſt vom gewöhnlichen Arzt ſchied, als zu einer genügenden Anzahl Augenkranker in der großen Stadt der Augenſpiegel und andere beſondere techniſche Hülfsmittel der Augenheilkunde kamen, ſo entſtand an Stelle des Handſpinners und Handwebers die moderne arbeitsteilige Textilinduſtrie, als zu dem vermehrten Leinwand- und Tuchabſatze die Spinnmaſchine, der Kraftwebſtuhl, die chemiſche Bleiche und ein Stand von Kaufleuten und Verlegern hinzukam, der große Kapitalien in die Manufakturen und Fabriken ſtecken konnte. Ein einfacher alter Holzwebſtuhl koſtet 30 Mark, hundert Weber brauchen alſo nicht viel mehr an Werkzeugkapital als etwa 3000 Mark; um 100 Arbeiter in einer heutigen Maſchinenwebanſtalt mit Utenſilien auszuſtatten, dazu gehören ſchon hunderttauſende von Mark.
Den praktiſchen Anſtoß aber zu der Ausführung jedes einzelnen Schrittes der Arbeitsteilung, zu dem die Bedingungen im übrigen vorliegen, giebt in der Regel der Kampf ums Daſein, die Konkurrenz. Daher die große und raſche Zunahme der Arbeitsteilung infolge der heutigen liberalen wirtſchaftlichen Geſetzgebung und der verbeſſerten Verkehrsmittel. Wo die Bevölkerung nicht wächſt, wo in hergebrachter Weiſe Platz für die Überſchüſſe der Bevölkerung iſt, da ſchreitet ſie nicht leicht voran. Aber wo die Lage für viele ſchwieriger wird, da probieren die Fähigſten etwas Neues; wo das geſchieht, da findet ſich auch für die ſchwächeren Kräfte ein Plätzchen; je verſchiedener die Menſchen werden und je Verſchiedeneres ſie thun, deſto mehr haben auf demſelben Raume nebeneinander Platz, deſto eher vertragen ſie ſich, ſchon weil die in verſchiedener Funktion Befindlichen nicht direkt konkurrieren, und jeder des anderen bedarf. Der große Ausleſeprozeß drängt dieſen nach oben und jenen nach unten, ſchiebt jeden an die für ihn mögliche Stelle und nötigt ihn zur Anpaſſung. Und indem dieſe geſchieht, gelingt es auch am eheſten, die Gefühle, die Moral- und Sittenregeln, die Rechtsformen ent- ſprechend umzubilden, ohne welche das neue komplizierte Zuſammenwirken ſich nicht geſtalten und bewähren kann. Ich ſage zuerſt ein Wort über die ſocialen Formen und Inſtitutionen, welche den neueingeſchobenen Gliedern ihren Unterhalt verſchaffen, dann ein ſolches über den notwendigen pſychologiſchen Umbildungsprozeß.
Die Arbeitsteilung, wie ſie der Hausvater in der Familie anordnet, und die, wie ſie zwiſchen zwei Fremden ſtattfindet, die ihre Werkzeuge oder Waren tauſchen, ſind die Urtypen der möglichen ſocialen Anordnung der Beteiligten. Eine herrſchaftliche und eine freie, gewillkürte Form; jene geht von der Gemeinſchaft aus, dieſe erzeugt ſie oftmals erſt, entſpringt der Verſchiedenheit der Menſchen; die hauswirtſchaftliche Teilung führt ſie herbei oder fördert ſie. In der hiſtoriſchen Entwickelung, können wir ſagen, haben ſich aus dieſen zwei vier Hauptformen, zwei naturwirtſchaftliche und zwei geldwirtſchaftltche herausgebildet.
a) Die Familie, die patriarchaliſche Hauswirtſchaft der Alten, die Fron- und Kloſterhöfe des Mittelalters, heute noch große Fürſtenhaushalte, Truppenkörper, Arbeits- und Zuchthäuſer ſind mehr oder weniger naturalwirtſchaftliche Verbände, die ihren Gliedern beſtimmte ſpecialiſierte Funktionen und dafür Wohnung, Kleidung und Speiſe, kurz alles zum Leben Nötige zuweiſen. In älterer Zeit ruhten dieſe Verbände halb auf Herrſchaftsverhältniſſen, halb auf dem Blutszuſammenhange; beides war intenſiv ausgebildet; der Individualismus ſtand nicht hindernd im Wege. Heute iſt dieſe Art der Organiſation wohl in der Familie noch leicht zu ermöglichen, aber wo ſie über dieſelbe hinausreicht, iſt die Durchführung nur mit ſchärfſter Disciplin möglich. Die zunehmende Abneigung der modernen Menſchen, ſich von oben nicht bloß die Arbeit und die Hausordnung, ſondern auch Kleidung, Eſſen und Trinken und jede Bewegung vorſchreiben zu laſſen, erſchwert die Bildung ſolcher Verbände. Und wir ſehen daher, daß dieſe Form, zumal ſeit dem Siege der Geldwirtſchaft, immer mehr verlaſſen wird. Die nötige Unterordnung unter eine ſtrenge Arbeits- und Hausordnung wird heute wohl noch von der Jugend in Erziehungshäuſern und Kaſernen, von frommen Mönchen in Klöſtern, von Armen in Armenhäuſern, von Verbrechern in Zuchthäuſern ertragen, im übrigen können nur utopiſche Schwärmer davon träumen, die ganze Volkswirtſchaft unter Aufhebung des Geldverkehrs aus ſolchen Verbänden aufzubauen oder gar ein Volk von Millionen wieder in einen einzigen ſolchen naturalwirtſchaftlichen Verband zu verwandeln.
b) Wo Gemeinde, Stamm und Staat mit der Seßhaftigkeit, der Prieſter- und Kriegerverfaſſung und einem geordneten Ackerbau mit Sklaven und Hörigen zu einer feſten, geordneten Organiſation, zur Sammlung von Vorräten, zur Erhebung von Zehnten und Derartigem gelangen, da wird es möglich, ariſtokratiſche Familien mit Land und abhängigen Arbeitern, ſowie mit Zehnten zu dotieren, auch Beamte, unter Umſtänden Handwerker mit periodiſch zu erhebenden Naturalabgaben auszuſtatten. Ein erheblicher Teil der älteren Arbeitsteilung und Klaſſenordnung ruht auf einem ſolchen Syſteme, das in ſeiner Entſtehung ſtets vorausſetzt, daß die ſo Ausgeſtatteten ihre Kräfte dem Ganzen widmen. Aber es fehlt in der Regel die Kontrolle der Leiſtungen, und daher tritt ſo leicht die Entartung zu einer Ariſtokratie des Beſitzes ein, die nur verzehren und genießen, höchſtens herrſchen, aber nicht mehr arbeiten will.
c) In dem Maße, wie die Geldwirtſchaft vordringt, hört nicht bloß der Naturaltauſch auf, ſondern werden auch die eben erwähnten Formen der herrſchaftlichen Organi- ſation und der Dotierung mit Land und Naturalabgaben nach und nach beſeitigt. Der Staat und die Korporationen ſammeln nun Vermögen oder legen Steuern um und erhalten ſo die Geldmittel, um für beſtimmte ſpecialiſierte Berufe Leute feſt anzuſtellen und zu beſolden: Geiſtliche, Beamte, Offiziere, Soldaten, Lehrer, oft auch Ärzte und andere Perſonen verpflichten ſich, gegen feſte Jahresgehalte beſtimmte arbeitsteilige Thätigkeiten zu übernehmen; neuerdings ſtellen auch Privatunternehmungen und Aktiengeſellſchaften Hunderte und Tauſende ſo an. Im ganzen findet dieſe Form mehr in den oberen Schichten der Geſellſchaft ihre Anwendung. Immer iſt heute bereits ein ſehr großer Teil der arbeitsteilig thätigen Geſellſchaft in dieſer Weiſe eingegliedert in den Zuſammenhang der Volkswirtſchaft. Die Bezahlung durch Jahresgehalte ſetzt ein gleichmäßiges Bedürfnis nach den Leiſtungen, durch Sitte und Recht geordnete Carrieren und eine ſtete Beaufſichtigung der Leiſtungen voraus. Da die Kontrollen aber ſtets ſehr ſchwierig ſind, ſo wird das Syſtem leicht zu Faulheit und Schlendrian Anlaß geben; es wird in den unteren Klaſſen der Geſellſchaft ohne eiſerne Disciplin nicht leicht beſtehen können; für die mittleren und oberen kann dieſe wenigſtens teilweiſe erſetzt werden durch ein hochgeſpanntes Ehr- und Pflichtgefühl, durch das Bewußtſein größerer Verantwortung und ſteter Kontrolle durch die Öffentlichkeit. Das Syſtem hat vor der naturalwirtſchaftlichen Eingliederung in einen Herrſchaftsverband den Vorzug, die weitgehendſte Arbeitsteilung möglich zu machen bei größter Freiheit des Familien- und des individuellen Lebens in den dienſtfreien Stunden. Vor der Bezahlung der einzelnen Ware oder Leiſtung hat es den Vorzug, den Angeſtellten vor den täglichen Schwankungen des Marktes zu bewahren, aber den Nachteil, weniger zu Fleiß und Anſtrengung anzuſpornen, Leiſtung und Belohnung unvollkommener einander anzupaſſen.
d) Der Haupterfolg der Geldwirtſchaft aber iſt die Verwandlung des Tauſchverkehrs in das Kauf- und Verkaufsgeſchäft, der älteren gebundenen Arbeitsverhältniſſe in das jederzeit lösbare Geldlohnverhältnis: die Produktion der Waren für den Markt und der daran ſich ſchließende Warenhandel, ſowie die freien Arbeitsverträge über die einzelnen Arbeitsleiſtungen werden das Inſtrument, die Arbeitsteilung in größerem Maßſtabe als je früher durchzuführen. Das Syſtem iſt einer geographiſchen Ausdehnung, einer qualitativen Steigerung, einer Verfeinerung fähig, wie keine der anderen Formen. Auf Grund desſelben haben ſich Landwirtſchaft und Gewerbe, Handel und Verkehr in ihrer heutigen ſpecialiſierten Geſtaltung ausgebildet. Die bisherige Nationalökonomie hat an dieſe Form faſt ausſchließlich gedacht, wenn ſie von der Arbeitsteilung und ihren Bedingungen ſprach. Daher die bekannten Sätze: die Ausdehnung des Marktes ſei die Grenze der Arbeitsteilung, die höchſte Arbeitsteilung finde ſtatt bei der Produktion der transportabelſten Waren, deren Markt über die ganze Erde ſich erſtrecke; größere Arbeitsteilung in der Stadt als auf dem Dorfe, in der dichtbevölkerten als in der ſparſam bevölkerten Gegend, im Lande mit Flüſſen, Kanälen und Eiſenbahnen als in dem mit ſchlechten Landwegen; größere Arbeitsteilung im Gewerbe als in der Landwirtſchaft mit ihren ſchwer transportablen Waren. Kurz die Lehre: der Verkehr und ſeine Ausbildung ſei das große Schwungrad für die Ausbildung der Arbeitsteilung.
Der Markt, die Börſe, das Maß-, Gewichts- und Geldweſen, die Unternehmung, das Arbeitsvertragsrecht ſind die ſocialen Inſtitutionen, die zur Verwirklichung dieſer Art von Arbeitsteilung gehören. Angebot und Nachfrage ſowie Preisbildung ſind die ſocialen Hülfsmittel, um die Cirkulation der Güter und Arbeitsleiſtungen in Bewegung zu halten. Von all’ dieſen Erſcheinungen iſt an anderen Orten zu reden.
Die Reſultate dieſer Art der Arbeitsteilung ſind bald über alle Maßen verherrlicht, bald maßlos angegriffen worden. Sicher iſt, daß durch dieſe Arbeitsteilung die Individuen bei ſteigender Thätigkeit für andere doch unabhängiger von einander werden, daß die höhere wirtſchaftliche und ſittliche Entwickelung der Individualität mit ihr in Verbindung ſteht, daß ſie aber auch die Menſchen zunächſt trennt und in ſcharfe Konflikte und Intereſſengegenſätze hineinführt, daß die Ausbildung der richtigen Inſtitutionen, Gefühle und Sitten ſo viel Schwierigkeiten macht, daß die richtigen Grenzen und Gegengewichte gegen übermäßige Arbeitsteilung hier oft lange nicht gefunden werden. Wenn dieſe Form der Arbeitsteilung alſo auch bei vollendeter Ausbildung einerſeits freie Bewegung und Wegfall von Zwangsmaßregeln, andererſeits eine im ganzen zunehmende Gerechtigkeit der Einkommensverteilung herbeiführt oder wenigſtens nicht ausſchließt, ſo iſt doch der allgemeine Satz Dürkheims, daß die zunehmende Arbeitsteilung ſtets wachſende Solidarität bedeute, nur beſchränkt wahr; das iſt mehr eine ideale Möglichkeit als eine Wirklichkeit, wenigſtens für unſere heutige ſich umbildende, an Kriſen und Verkümmerung großer ſocialer Klaſſen leidende Volkswirtſchaft. Und daß dieſe Mißſtände mit der Arbeitsteilung, mit den aus ihr entſprungenen Inſtitutionen entſtanden ſind, wird man nicht leugnen können. Es fragt ſich nur, ob dieſe Übel- ſtände nicht doch gegenüber den älteren und anderen Rechtsformen der Arbeitsteilung und ihren Härten die geringeren, ob ſie nicht zu beſeitigen ſind. Und jedenfalls wird jede denkbare Organiſation der Volkswirtſchaft aus einer irgendwie vollzogenen Miſchung der vier erwähnten Formen haushalten müſſen. —
Neben den neuen Inſtitutionen, welche die Arbeitsteilung ermöglichen, kommen nun als letzte Vorbedingung derſelben die Veränderungen im ganzen Seelenleben der Menſchen. Die Menſchen ohne weſentliche Arbeitsteilung werden wirtſchaftlich durch das einfache Motiv, ihren Bedarf zu decken, beherrſcht und direkt geleitet; die Intereſſengegenſätze ſind geringer, Habſucht und Erwerbsſinn fehlen; in Hauswirtſchaft, Sippe, Stamm, Gemeinde, Staat entſtehen in ſolcher Zeit unſchwer die verbindenden ſympathiſchen Gefühle, ohne welche die Geſellſchaft nicht beſtehen kann. Mit der Arbeitsteilung hört die klare, einfache Leitung des wirtſchaftlichen Handelns nach dem Bedarfe auf; jeder muß nun, ſtatt direkt auf die wirtſchaftliche Verſorgung loszugehen, nach Arbeitsgelegenheit, Abſatz, Gewinn, Verdienſt ſich umſehen, darum mit anderen kämpfen; der Erwerbsſinn, die Konkurrenzleidenſchaft entſteht bei den oberen Kreiſen; die unteren ſollen für ferne, ihnen unverſtändliche Zwecke arbeiten, was ſie lange nur gezwungen, durch Not und Hunger getrieben thun. In jedes individuelle Leben zieht nun ein kompliziertes Syſtem von wirtſchaftlichen Motiven ein: Hunger und Durſt, die Vor- ſtellung der Bedarfsdeckung wirken noch mit, aber müſſen auf komplizierte Umwege ſich begeben; es muß ſich ein vielgeſtaltiges Lock- und Zwangsſyſtem ausbilden, wobei Lohn und Gewinn, Ehre, Freude am techniſchen Erfolge, Furcht und Zwang zuſammenwirken. Alles individuelle Leben, ſeine Geſtaltung, die ganze Lebensführung wird jetzt von dem eingangs erwähnten Kompromiß von unveräußerlichen Eigenzwecken und geſellſchaftlichen Aufgaben und Pflichten, von Zwecken, die dem einzelnen zunächſt nicht als die ſeinen erſcheinen, beherrſcht; für ſolche thätig zu ſein, iſt ſchwer zu erlernen; der natürliche Menſch ſträubt ſich dagegen, wenn er nicht viel gewinnt. Und wird ihm das geſtattet, ſo geht er leicht über die Grenze, mißhandelt die Schwächeren. Alle Moral, alle Pflichtenlehre muß eine andere, kompliziertere werden; alle Erwerbs- und Gewinnarten müſſen erſt in Recht und Sitte, im Gefühl und in der Moral ihre rechten Schranken erhalten. Es iſt vielleicht die größte moraliſch-pſychologiſche Aufgabe, vor die die Menſchheit ſo geſtellt iſt.
Alle ſocialen Inſtitutionen, durch welche die Arbeitsteilung allein wirken kann, ſind abhängig von dem jeweiligen Stande dieſes pſychologiſch-hiſtoriſchen Prozeſſes; nur große geiſtige und moraliſche Fortſchritte können ihn ſo geſtalten, daß die Arbeitsteilung als rein ſegensreich ſich darſtellt. Alle Inſtitutionen der Geſellſchaft müſſen nun ſo beſchaffen ſein, daß ſie nicht bloß dem Bedürfniſſe des Tages, dem heutigen Stande der Arbeitsteilung entſprechen, ſondern ſo, daß ſie auch dieſen pſychologiſchen Umbildungsprozeß richtig fördern. Wie ſchwierig iſt das! Wie leicht kann aus der fortſchreitenden Arbeitsteilung deshalb da und dort mehr Reibung und Kampf, mehr Verwirrung und Druck als vollendete Vergeſellſchaftung entſpringen. —
Faſſen wir das über die Urſachen und Bedingungen der Arbeitsteilung Geſagte nochmal zuſammen, und vergleichen wir unſere Auffaſſung mit der älteren, ſo leiten wir ſie in erſter Linie aus den geiſtigen und techniſchen Fortſchritten ab, die mit dichterer Bevölkerung in größeren Staaten unter dem harten Drucke des Daſeinskampfes ent- ſtanden; wir begreifen ſie als den elementar notwendigen geſellſchaftlichen Anpaſſungs- und Differenzierungsprozeß, der ſtets auf eine höhere Form der Vergeſellſchaftung hinzielt, aber nur unter der Bedingung beſſerer Moral, vollendeterer geſellſchaftlicher Organi- ſationen und Rechtsformen dies Ziel erreichen kann.
Die mancheſterliche Nationalökonomie betrachtete von ihrem technologiſch-individualiſtiſchen Standpunkte aus die Arbeitsteilung als eine Art Wunderwerk, als eine präſtabilierte Harmonie, in die ſich die ſelbſtändig und iſoliert gedachten Individuen unbewußt oder gelockt durch die Vorteile des Tauſchverkehrs gleichſam willenlos einfügen. Der Socialismus von Marx ſah nur in der Despotie des Dorfpatriarchen, des Werkſtattvorſtehers, des großen Fabrikanten eine vernünftige, weil von oben geleitete Arbeitsteilung, in allen anderen Teilen derſelben eine Anarchie, in der nur Zufall und Willkür ihr Spiel treiben, und die Marktwerte vergeblich ſich abmühen, das Gleichgewicht zwiſchen den geſellſchaftlichen Arbeitszweigen herzuſtellen. Während jene ältere mancheſterliche Auffaſſung unbedingte Freiheit und Willkür, dieſe jüngere ſocialiſtiſche von Marx centraliſtiſchen Despotismus für die Durchführung aller Arbeitsteilung verlangte, ſind ſie beide das Produkt einer gänzlich unhiſtoriſchen, atomiſtiſchen und materialiſtiſchen Geſellſchaftsauffaſſung. Die Arbeitsteilung iſt weder ein abſolut harmoniſcher, noch ein ganz anarchiſcher, ſondern ſie iſt ein geſellſchaftlicher Prozeß, der in der Einheit von Sprache, Gedanken, Bedürfniſſen und moraliſchen Ideen ſeine Grundlage, in der Einheit von Sitte, Recht und Verkehrsorganiſation ſeine Stützen hat. Sie iſt ein Schlachtfeld, auf dem der Kampf um die Herrſchaft und der Irrtum ihre Spuren hinterlaſſen, aber ſie iſt zugleich eine Friedensgemeinſchaft mit zunehmender ſittlicher Ordnung. Die Fort- ſchritte der Technik, des Verkehrs, der Bevölkerung rütteln täglich an dem beſtehenden Syſteme der Arbeitsteilung; je komplizierter das ganze Syſtem iſt, je raſcher es ſich ändert und vergrößert, deſto leichter kann ein einſeitiges Wachſen an dieſer oder jener Stelle und damit eine zeitweiſe Inkongruenz der arbeitsteilig aufeinander angewieſenen Teile eintreten. Nur ein Thor könnte leugnen, daß zeitweiſe recht ungeſunde paraſitiſche Mittelglieder ſich in den vielgliedrigen Mechanismus der arbeitsteiligen Geſellſchaft einſchieben. Ich erinnere nur an den Ausſpruch J. St. Mills, daß neun Zehntel der engliſchen Detailhändler entbehrt werden könnten, und an die von Roſcher beigefügte Anmerkung, die Überſetzung des engliſchen Detailhandels erzeuge jährlich Bankerotte im Betrage von 40 Millionen Pfund Sterling. Aber ſolche Unvollkommenheiten liegen in der Schwierigkeit des Problems. Sie beweiſen nichts gegen die Beherrſchung der Arbeitsteilung durch eine immer verſtändigere und immer vollkommenere geſellſchaftliche Ordnung.
Dieſe Ordnung wird durch geiſtig-moraliſche Faktoren erzeugt, ſie beſteht in einzelnen Teilen aus der leicht umbildſamen Sitte, in anderen aus dem ſtarren und feſten Rechte; ſie iſt teilweiſe durch Befehle und Geſetze von oben her gemacht, teilweiſe durch Anpaſſungen, freie Verträge, ſowie Gewohnheiten der Beteiligten von unten her ent- ſtanden. Jedenfalls fehlen in ihr nie gewiſſe einheitliche Tendenzen, gewiſſe geiſtig- ſittliche Faktoren, Vorſtellungen über das, was gut, recht und billig ſei. Immer ſind, auch wo die Ordnung zunächſt eine unvollkommene iſt, die Anläufe und Anſätze vorhanden, um aus den Härten und Unvollkommenheiten, aus dem zeit- und ſtellenweiſen Mangel an Harmonie herauszukommen zu beſſeren Einrichtungen.
122. Die geſellſchaftlichen und individuellen Folgen der Arbeitsteilung haben wir in den bisherigen Betrachtungen über ihre Urſachen und Bedingungen teilweiſe ſchon berühren müſſen; auf einzelne andere Folgen, z. B. die Eigentumsverteilung und ſociale Klaſſenbildung, kommen wir in den folgenden Kapiteln. Hier iſt aber doch noch kurz auf den Kern derſelben einzugehen: was hat die Arbeitsteilung geſchaffen, was hat ſie aus Geſellſchaft und Individuen gemacht, was hat ſie ihnen genützt und geſchadet?
Die Arbeitsteilung iſt das große Inſtrument des Kulturfortſchrittes, des größeren Wohlſtandes, der größeren und beſſeren Arbeitsleiſtung. Da die beſchränkte menſchliche Kraft da mehr leiſtet, wo ſie nach ihrer Eigentümlichkeit hinpaßt, da die Ausführung immer ſchwierigerer geiſtiger und techniſcher Aufgaben ſtets eher den für ſie ausgewählten, auf ſie eingeſchulten Kräften gelingt, ſo muß mit der Arbeitsteilung immer Größeres mit geringerem Aufwande erreicht werden. Arbeitsteilung iſt wirtſchaftlichere Ausführung aller Arbeit, iſt Krafterſparnis. Die Lebensenergie nimmt zu in dem Maße, wie die Funktionen ſich ſpecialiſieren; die Specialiſierung der geſellſchaftlichen Organe bedeutet beſſere Anpaſſung, höhere Funktion, ſichereren Effekt. Indem das geſellſchaftliche Syſtem der ineinander gepaßten Thätigkeiten jedem das zuweiſt, wozu ihn ſeine Geiſtes- und Körperkräfte, ſeine Raſſen- und Familieneigenſchaften, ſeine Erziehung und ſeine Schickſale, ſeine Gewohnheiten und ſein Alter, ſein Geſchlecht und ſein Geſundheitszuſtand beſonders befähigen, indem dieſe verſchiedenen Thätigkeiten immer geſchickter ineinander gefügt werden, müſſen die Leiſtungen der Geſamtheit immer vollkommenere und größere werden. In der iſolierten Wirtſchaft des Individuums findet eine ungeheure Kraftverſchwendung ſtatt; zu jeder Stunde muß wieder anderes gethan werden; die Hemmung und Reibung verbraucht den größeren Teil der Kraft; der Erfolg iſt ein minimaler gegenüber der geteilten und geſellſchaftlich richtig geordneten Arbeit. Die kurze Lebensdauer und der geringe Umfang der individuellen Kräfte erlauben eine beſſere Ausbildung der geiſtigen und körperlichen Fähigkeiten nur auf beſchränktem Gebiete.
Nur durch die Arbeitsteilung haben wir Denker und Dichter, Künſtler und Techniker, geſchickte Handwerker und beſſere Ackerbauer erhalten; aller geiſtige und techniſche, aller politiſche und organiſatoriſche Fortſchritt beruht auf ihr. Selbſt der mittelmäßig Begabte erlangt durch jahrelange Übung virtuoſe Fähigkeiten; der Talentvolle erlangt durch eine Erziehung und Einſchulung in einem beſtimmten Berufe körperliche und geiſtige Fähigkeiten, die ans Wunderbare grenzen. Die Gewöhnung des Geiſtes und der Aufmerkſamkeit, der Nerven und Muskeln an beſtimmte Funktionen erzeugt nun eine leichtere Auslöſung der betreffenden Thätigkeit; ſie geſchieht zuletzt automatiſch, läßt die geiſtige, bisher auf ſie verwendete Kraft zur Verfolgung weiterer damit in Zuſammenhang ſtehender Arbeitszwecke frei. Die ſteigende Geſchicklichkeit arbeitsteilig thätiger Menſchen beruht weſentlich auf der Möglichkeit, bei derſelben Arbeit eine Reihe von Geſichtspunkten zugleich und in richtiger Verbindung zu verfolgen. Was die Talente und Genies ſo mit Hülfe der Arbeitsteilung erſannen, das macht in der Folge als objektive Arbeitsmaxime die Arbeit von Millionen fruchtbarer. Indem arbeitsteilige Organe uns beſonders das abnehmen, was uns übermäßig viel Zeit und Mühe koſtet, weil wir es nicht regelmäßig üben, was uns, wie die Beſtellung von Briefen, der nächtliche Schutz unſeres Hauſes, nicht mehr Mühe macht, ob wir es für uns allein oder für 10 und 100 Nachbarn zugleich beſorgen, entſteht eine geſellſchaftliche Zeiterſparnis ohnegleichen.
Der heutige Staat, die heutige Volks- und Weltwirtſchaft mit all’ ihrem Glanz, ihrem Reichtum, ſie ſind ein Ergebnis der Arbeitsteilung. Die Exiſtenz eines nebeneinander beſtehenden regulierenden, produzierenden und verteilenden Syſtems von Organen, wie es Herbert Spencer ausdrückt, und alles Zuſammenwirken dieſer regierenden, ſchaffenden und verteilenden Kreiſe, die Spaltung der regierenden in centrale und lokale, in Specialzweige, in befehlende und ausführende Organe, die Abzweigung der wirtſchaftlichen Leitung von der regierenden in der Geſellſchaft, die Scheidung der liberalen Berufe von den kirchlichen Funktionen, die Gegenſätze von Stadt und Land, von Gewerbe, Handel und Landwirtſchaft, von Unternehmer und Arbeiter, kurz alles dieſes kompliziertere Kulturleben iſt eine Folge der Arbeitsteilung. Durch ſie kommen alle Glieder einer Geſellſchaft in immer größere Abhängigkeit von einander; die Vergeſellſchaftung wächſt; oft wachſen auch die Konflikte und Reibungen; aber zuletzt müſſen die Löſungen gefunden, die richtigen Verbindungen hergeſtellt werden. Inſofern liegt in der Arbeitsteilung der Antrieb zum ſittlichen Fortſchritte, zu immer beſſeren Inſtitutionen. So oft die Völker an dem Probleme ſtrauchelten, ſo viele darüber zu Grunde gingen, den fähigſten gelang es. Die zunehmende Arbeitsteilung ging bei ihnen Hand in Hand mit dem intellektuellen und moraliſchen Fortſchritte. Die Völker mit der größten Arbeitsteilung ſind doch die an Macht, Größe, Bevölkerung, Reichtum, Ausbreitungsmöglichkeit erſten; ſie ſind denen mit geringerer Arbeitsteilung überlegen, ſie bleiben die Sieger im weltgeſchichtlichen Kampfe um den Erdball.
Aber dieſer große Erfolg für die Geſamtheit wird nicht ohne ſchwere Opfer für einzelne Individuen und Klaſſen erreicht. Die Arbeitsteilung fordert von ihnen, daß ſie ſich einzelnen Aufgaben anpaſſen, daß ſie vielfach ihre Eigenzwecke hintanſetzen hinter die Thätigkeit für andere, für die Geſellſchaft; ſie fordert die komplizierten Kompromiſſe, deren pſychologiſche Vorausſetzungen oft ebenſo ſchwer herzuſtellen ſind, wie ihre Durchführung Körper und Geiſt ſchädigen. Seit es eine Arbeitsteilung giebt, haben die Klagen über ſie vom individuellen Standpunkt nicht aufgehört. Zumal die neuen großen Fortſchritte der Arbeitsteilung, deren richtige Begrenzung und Verſöhnung mit den Anſprüchen individueller Ausbildung und harmoniſcher Lebensführung ſo vielfach noch nicht gefunden ſind, haben ſie aufs neue geſteigert. Die Naturſchwärmerei Rouſſeaus und des ganzen 18. Jahrhunderts iſt ein Proteſt gegen die Arbeitsteilung. Schiller klagt, daß ſie den an ein kleines Bruchſtück des Ganzen gefeſſelten Menſchen nur zu einem Bruchſtück ausbilde, Hölderlin jammert, man ſehe heute nur Handwerker, Prieſter ꝛc., aber keine Menſchen. Der ſocialiſtiſche Urquhart meint: einen Menſchen unterabteilen heißt ihn hinrichten, wenn er das Todesurteil verdient hat, ihn meuchelmorden, wenn er es nicht verdient hat; die Unterabteilung der Arbeit iſt der Meuchelmord eines Volkes. Engels klagt, der erſte große Schritt der Arbeitsteilung, die Scheidung von Stadt und Land, habe die Landbevölkerung zu jahrtauſendelanger Verdummung verurteilt; „indem die Arbeit geteilt wird, wird auch der Menſch geteilt; der Ausbildung einer einzigen Thätigkeit werden alle übrigen körperlichen und geiſtigen Fähigkeiten zum Opfer gebracht“. Von der Maſchine und der modernen Technik hofft er Beſeitigung aller Arbeitsteilung, wie er vom Verſchwinden des Gegenſatzes von Stadt und Land träumt. Alle derartigen Vorwürfe gegen die Arbeitsteilung haben darin recht, daß ſie die harmoniſche Ausbildung der menſchlichen Körper- und Geiſteskräfte als individualiſtiſches Lebensideal betonen gegenüber der einſeitigen Thätigkeit in einem erſchöpfenden Lebensberuf; ſie haben auch darin recht, daß dieſes individualiſtiſche Lebensideal immer wieder ſich geltend machen muß gegenüber den Anſprüchen der Geſellſchaft und den über triebenen Geſtaltungen der Arbeitsteilung. Aber ſie irren hiſtoriſch und praktiſch, wenn ſie glauben, das Individuum hätte vor der Arbeitsteilung dem Ideale eines gleichmäßig ausgebildeten, körperlich und geiſtig vollendeten Menſchen näher geſtanden oder würde ihm heute ohne ſie näher kommen. Es iſt ohne ſie ein Barbar, der ißt, trinkt und faulenzt; wir wiſſen heute, daß alle Wilden dem tieriſchen Zuſtande viel näher kommen als die gewöhnlichen Tagelöhner der Kulturſtaaten. Das Ideal einer harmoniſchen Ausbildung, das wir in Gegenſatz ſtellen zur Arbeitsteilung, iſt eine nur in Gedanken zu vollziehende Summierung deſſen, was durch ſpecialiſierte Ausbildung der Kräfte in den verſchiedenſten Lebensberufen Hohes und Bedeutſames erreicht wurde. Es iſt unmöglich, es auf eine Perſon zu häufen. Wohl aber iſt es die ſekundäre hiſtoriſche Folge der vorübergehend einſeitigen Arbeitsteilung, daß ſpätere Zeitalter gewiſſe Stücke des ſo erzielten techniſchen und geiſtigen Fortſchrittes, wie z. B. das Leſen und Schreiben, die militäriſche Ausbildung, das Buchführen des Händlers, das äſthetiſche Gefühl des Künſtlers in Form der Jugenderziehung oder in anderer Weiſe zu einem Teilinhalt jedes Menſchenlebens zu machen ſuchen.
Die Arbeitsteilung ſchreitet, wie alles Menſchliche, durch taſtende Verſuche, durch einſeitige Geſtaltungen und Ordnungen vorwärts. Die harten Intereſſenkämpfe drücken auch ihr erſt zeitweiſe einen häßlichen Stempel auf; ganze Geſellſchaftsgruppen ſind durch ſie, durch eine zu einſeitige körperliche oder geiſtige Arbeit ohne Gegengewicht verkümmert oder verkrüppelt worden. Ihre bisherige Geſtaltung in manchen Fabriken iſt unzweifelhaft gegenüber der älteren Geſtaltung, wie ſie im Bauernhaus und in der Handwerks- ſtätte ſich fixiert hatte, für menſchliche Erziehung und Geſittung ein Rückſchritt. Aber dieſe Geſtaltung iſt auch der weſentlichſten Umgeſtaltung fähig, ebenſo wie früher gewiſſe Extreme der Arbeitsteilung wieder umgebildet oder gar ganz rückgängig gemacht wurden, z. B. die Sklaverei. Es iſt ſelbſtverſtändlich, daß jede zu einſeitige Ausbildung und Thätigkeit einer einzelnen körperlichen oder geiſtigen Funktion die Geſundheit des ganzen Menſchen bedroht, und daß ſo zuletzt auch die Specialkraft gelähmt werden kann. Aber deshalb iſt nicht jede Arbeitsteilung falſch, ſondern nur gewiſſe extreme Geſtaltungen derſelben; ihre maßvolle mit Gegengewichten und Schranken umgebene Durchführung, iſt das der beſchränkten individuellen Menſchenkraft adäquate; ſie iſt das Mittel, das Individuelle und Wertvolle im Menſchen auszubilden. Deshalb ſagt Hegel mit Recht, wer einen ſpeciellen Beruf ergreift, ergiebt ſich nicht dem Niedrigen, ſondern wird erſt ein rechter Menſch. Und Goethe läßt mit Recht den titaniſchen Fauſt als Dämme bauenden Landwirt, den äſthetiſierenden Wilhelm Meiſter als Wundarzt enden und glücklich werden.
Es kommt bei jedem Schritte der Arbeitsteilung darauf an, wie er die Motive und Zielpunkte menſchlicher Thätigkeit umgeſtalte und durch Veränderung des ganzen Lebens und ſeines Inhaltes auf die Individuen zurückwirke, wie die unveräußerlichen Eigenzwecke jedes Menſchen und die arbeitsteiligen Funktionen ſich vertragen, wie der Verluſt auf der Seite der allgemeinen Ausbildung und vielſeitigen Thätigkeit ausgeglichen werde durch die Thatſache, daß die einſeitige Specialarbeit den Menſchen doch in den Dienſt der Geſellſchaft ſtelle, ihm neben harter Arbeit doch auch höhere Zwecke ſetze oder wenigſtens ihn einfüge in ein Syſtem geſellſchaftlichen Zuſammenhanges und ſittlicher Solidarität. Die Abrechnung zwiſchen dieſen beiden Konten kann dabei immer wieder zeitweiſe zu Ungunſten des Individuums ausfallen; d. h. der geſellſchaftliche Fortſchritt und die Arbeitsteilung iſt nicht möglich, ohne daß immer wieder zeitweiſe ihr einzelne Individuen und Klaſſen geopfert werden.
Und daher wird ſtets von neuem der Antrieb entſpringen, die geſellſchaftlichen Ordnungen ſo weit zu beſſern und zu korrigieren, daß die Zahl dieſer Opfer abnehme. Aber es heißt, ſich auf den individualiſtiſchen ſtatt auf den geſellſchaftlichen Standpunkt ſtellen, wenn die ſocialiſtiſche Theorie alle Arbeitsteilung aufheben, jeden Menſchen für alle Berufe erziehen und ihn dann ſtunden-, tage-, monats- oder jahreweiſe allen zuteilen will. Damit wird die menſchliche Natur und ihre Ausbildungsfähigkeit gänzlich verkannt; es wird die Vererbung der menſchlichen Fähigkeiten überſehen; es wird der Reichtum an Talenten grenzenlos überſchätzt. Eine ſolche Einrichtung bedeutete einen ungeheuren Kräfteverluſt, die Nichtausnutzung aller eigentümlichen Begabungen und Talente, die mittelmäßige Arbeit aller und die Vernichtung der größten Luſtgefühle, die mit der Thätigkeit im rechten Specialberuf gegeben ſind. Die Geſellſchaft wäre in einen Taubenſchlag verwandelt.
Aber einen berechtigten Keim enthalten dieſe Vorſchläge, wie alle ſocialiſtiſchen und individualiſtiſchen Anklagen gegen die Arbeitsteilung. Vor allem unſere Erziehung muß nicht bloß die Specialgeſchicklichkeit, ſondern auch beim Arbeiter ſeinen Verſtand, ſein techniſches Können im allgemeinen ausbilden; er wird dann auch leichter, wenn es nötig iſt, von einem Beruf zum anderen übergehen können, ohne daß damit die Arbeitsteilung aufhört.
Der heutige Fabrikarbeiter muß die entſprechende Zeit für ſeine Familienwirtſchaft und ſeine Muße erhalten; ebenſo muß die verheiratete Arbeiterfrau mehr als bisher ihrer Wirtſchaft, ihre Kinder müſſen der Schule und dem Spielplatz zurückgegeben werden; die mechaniſche Arbeit für andere, für fremde Zwecke darf in der Jugend nicht zu früh beginnen, im Alter nicht zu lange dauern; ſie muß möglichſt ſo geſtaltet werden, daß der Arbeiter ſie als geſellſchaftlichen Zweck, als ſociale Pflicht begreift, Freude und Verſtändnis für ſie haben kann; ſie muß durch genügenden Lohn, durch die Möglichkeit, an Sparkaſſen, Kranken- und anderen Hülfskaſſen teilzunehmen, als ein gleichberechtigtes Glied im Geſamtorganismus der Volkswirtſchaft anerkannt ſein. Sie muß in der Erziehung, in der Schul- und Wehrpflicht, in der Geſelligkeit, im Vereinsweſen, in der Teilnahme an Gemeinde-, Kirchen- und öffentlichen Angelegenheiten die entſprechenden Gegengewichte erhalten. Dann wird die Arbeitsteilung nicht mehr von den Socialiſten als der Meuchelmord des Volkes angegriffen werden können. Und ſo weit wir von einem Ideal dieſer Art noch entfernt ſind, die Erkenntnis, daß die Grenzüberſchreitungen der Arbeitsteilung rückgängig gemacht werden müſſen, iſt heute eine ziemlich verbreitete. Man könnte ſagen, ein großer Teil der beſten Reformen unſerer Zeit, allgemeine Schul- und Wehrpflicht, lokale Selbſtverwaltung, unbezahlte Ehrenämter, Geſchworenenthätigkeit, Einführung von Vertretungen neben den Beamten in Gemeinde und Staat ſeien Reaktionen gegen ein Übermaß der Arbeitsteilung, Verſuche, die harmoniſche Ausbildung mit ihr ins Gleichgewicht zu bringen.
